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Title: Die Weiber am Brunnen
Author: Hamsun, Knut
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Weiber am Brunnen" ***

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  | Anmerkungen zur Transkription                                    |
  |                                                                  |
  | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Antiqua-Schrift  |
  | als ~Antiqua~.                                                   |
  | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs.       |
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                         Die Weiber am Brunnen


  Ein Verzeichnis
  der Werke Knut Hamsuns
  findet sich am Schluß
  dieses Buches



                         Die Weiber am Brunnen

                                 Roman

                                  von

                              Knut Hamsun

                    Einzige berechtigte Übersetzung
                         aus dem Norwegischen

                                  von

                      _Pauline Klaiber-Gottschau_

                            [Illustration]

                          11. bis 15. Tausend

                        Albert Langen, München
                                 1922


            ~Copyright 1921 by Albert Langen, Munich~

  Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, auch für Rußland,
  vorbehalten

  Knut Hamsun                                        Albert Langen



1


Großstadtmenschen haben kein Verständnis für die Maße und
Größenverhältnisse der Kleinstadt. Sie meinen, sie dürften
nur daherkommen, sich auf den Marktplatz aufstellen und sich
überlegen lächelnd umschauen, dürften sich über die Häuser und das
Straßenpflaster lustig machen, ja, das denken sie oftmals. Aber können
sich nicht die älteren Leute in der Kleinstadt noch an die Zeit
erinnern, wo die Häuser noch kleiner und das Pflaster noch schlechter
gewesen waren? Sie haben es erlebt, daß der Ort vorwärtskam. Und
jedenfalls hat Johnsen am Landungsplatz ein mächtiges Haus bekommen,
ein geradezu herrschaftliches Haus; es hat eine Veranda unten und einen
Altan darüber und Schnitzwerk das ganze Dach entlang. Viele andere
kostspielige Gebäude sind auch entstanden: die Schule, der Speicher
am Landungsplatz, verschiedene Kaufmannshäuser, das Zollhaus, die
Sparkasse, nein, man braucht nicht über die Kleinstadt zu lächeln. Es
ist sogar eine Art Vorstadt da: auf den Felsenhügeln nach der Werft zu
wohnen wohl etliche zwanzig Familien; die hübschen kleinen Häuser sind
je nach dem Geschmack des Besitzers rot oder weiß angestrichen. Und
im übrigen fehlt es auch für Großstädte nicht an Zeiten des Auf- und
Niedergangs, das ist ganz gewiß; aber hatte man je gehört, daß Johnsen
am Landungsplatz einmal mit leeren Händen dagestanden und sich nicht zu
helfen gewußt hätte?

So haben also auch die kleinen Städte ihre Größen, ihre festgegründeten
Häuser mit vornehmen Söhnen und Töchtern, ihre Unveränderlichkeit und
ihr Ansehen. Und die Kleinstadt ist von ihren Großen hingenommen und
verfolgt alles mit reger Teilnahme; die guten Kleinstädter sorgen
eigentlich gerade dadurch für das eigene Wohl und Wehe ihres Lebens,
sie leben im Schutze der Macht und gedeihen dabei. Und so soll es auch
sein. Die Leute entsinnen sich des Tages, wo Johnsen am Landungsplatz
Konsul wurde; da gab es Getränke und Kuchen für jeden, der in seinen
Laden kam, und verschiedene hatten auch gar keine Scham im Leibe und
ließen zweimal ihre Gläser füllen.

An jenem Morgen war der Fischer Jörgen genau wie jetzt auch draußen auf
See und holte Fische zu einem großen Gastmahl. Es war ein glänzender,
festlicher Tag; der neue Konsul war noch so jung, daß er die Arme weit
ausbreitete, außerdem war er so natürlich und so leutselig, daß er
Wein, Weiber und Gesang liebte, die ganze Stadt war bei ihm eingeladen.
Jawohl, und alles ging ausgezeichnet. Das Ganze wurde in der Zeitung
besprochen; auch daran erinnern sich die Leute heute noch, und die
Weiber redeten sogar am Brunnen miteinander darüber. Manchmal keiften
sie um ganze Kleinigkeiten. Lydia konnte sagen: „Sollte ich das nicht
wissen, wo ich doch den ganzen Tag in der Küche dabei gewesen bin!”
-- Die andere Frau aber bleibt bei ihrer Behauptung: „Du kannst ja
hingehen und Johnsen selbst fragen!” -- „Das hab' ich für mein Teil
gar nicht nötig,” versetzt eine dritte, „denn ich hab' die Zeitung
aufgehoben.”

Aber seit jenem großen Tage sind nun wohl sechs bis acht Jahre
vergangen.

Und ebensogut wie die Weiber konnte sich auch noch der Schmied Carlsen
an jenen Tag erinnern. Er war ein sehr geachteter Mann, ja sogar Witwer
mit erwachsenen Kindern, also kein junger Wildfang -- nein, er stand
in aller Stille in seiner Schmiede und dankte Gott für diesen Festtag
ebenso wie für alle andern Tage, die er erleben durfte. So war er, ein
frommer Mann war er. Er merkte wohl auf und dachte bei jedem großen,
freudigen Ereignis im Ort, daß nun er und alle andern Menschen Gott
dafür danken müßten. Viel Worte machte er nicht darüber, und die Leute
hätten wohl auch nicht viel auf seine Worte gegeben, aber sie schätzten
und achteten ihn. Die Menschen waren zwar zäh und undankbar wie sonst
auch, aber der Schmied Carlsen war jedenfalls eine Merkwürdigkeit im
Städtchen.

Es gab da auch viele andere Gestalten und Persönlichkeiten: Olaus am
Wiesenrain, den Fischer Jörgen, den Schreiner Mattis, den Doktor, den
Postmeister, o, es waren gar viele. Der Zahn der Zeit nagt nicht an
allen in gleichem Maße, manche sind unveränderlich, sie reden und reden
gar viel. Auch der Postmeister ist in seiner Art ein frommer Mann,
er und der Schmied Carlsen also sind fromm; aber sonst ist die ganze
Stadt weltlich gesinnt und wenig tief angelegt. Es ist, als gebe es gar
keinen Pfarrer in der Gemeinde; er tauft, konfirmiert, kopuliert und
begräbt zwar die Leute, sonst aber haben sie keine Verwendung für ihn,
und es wird nicht von ihm gesprochen.

O, der kleine Ameisenhaufen! Alle Menschen sind von ihrem Eigenen
hingenommen, sie begegnen einander auf den Wegen, einer pufft den
andern auf die Seite, manchmal schreiten sie übereinander weg. Es geht
gar nicht anders, manchmal schreiten sie übereinander weg. --

Jetzt ist der Fischer Jörgen draußen auf See und fängt Fische zu einem
großen Gastmahl, genau wie vor sechs bis acht Jahren. Obgleich es
Sonntagmorgen ist, sitzt er noch in seinem Boot und möchte so gerne
eine ordentliche Menge Fische mit heimnehmen. Drüben am Lande wird es
nun allmählich lebendig. Die Morgenbrise setzt ein, Jörgens Boot treibt
ab, er muß ordentlich rückwärts rudern, um sich nach den Seezeichen am
Ufer richten zu können. Ach was, nun gibt er es auf, er hat seit zwei
Uhr draußen gesessen!

Im Ort ist noch niemand auf. Jörgen zieht die Fische auf eine Schnur
und trägt sie so durch die Straßen. Er stapft in schweren Stiefeln
einher, und im ganzen genommen ist er ein schwerfälliger Mann in einem
isländischen Wams und den Südwester auf dem Kopf; sonst aber ist er
nicht von hohem Wuchs, eher mager und dazu etwas kurz im unteren
Körper. Aber Jörgen ist zäh und ausdauernd, niemals bettlägerig,
niemals niedergedrückt; eine Erkältung kuriert er dadurch, daß er sich
nicht um sie kümmert.

Er geht nach dem großen Hause von C. A. Johnsen, hängt das Fischbündel
da an die Küchentür und stapft nach Hause.

Ja, jetzt raucht es aus seinem Schornstein, Lydia ist also auf; sie
hat wohl auf sein Boot acht gegeben und den Kaffee zu rechter Zeit
aufgesetzt. Lydia ist seine Frau, sie hat dunkles, lockiges Haar und
ist zwar von zorniger Gemütsart, aber außerordentlich tüchtig, eine
Frau für sein Haus.

Jörgen stapft hinein. „Nicht so laut!” flüstert Lydia grimmig und sieht
mit allen Zeichen des Schreckens nach den Kindern hin, einem Jungen und
zwei Mädchen, die sich im Schlafe bewegen. Jörgen zieht Stiefel und
Wams aus, trinkt Kaffee, ißt auch dazu, geht dann in die Kammer, um zu
schlafen. „Laß die Tür nicht krachen!” zischt Lydia zwischen den Zähnen
hervor.

Aber jetzt muß natürlich das älteste von den kleinen Mädchen erwachen
und sich aufrichten. Das ist das Gewöhnliche. Und dann wacht auch das
andere Mädel auf, das daneben liegt. Die Mutter wird wütend, sie reißt
die Kammertür auf und schreit dem Manne nach:

„So, jetzt hast du mir alle miteinander aufgeweckt!” Und sie schrie so
lange, bis auch der Junge aufwachte.

Jähzornig war Lydia, aber ihr Zorn war immer schnell wieder verraucht;
während die Kinder sich ein wenig unterhielten, räumte sie im Zimmer
auf und fing gleich an, ein Liedchen vor sich hinzusummen. Dann öffnete
sie die Kammertür äußerst vorsichtig und fragte:

„So, du hast nicht geschlafen? Was ich hab' sagen wollen, du hast
doch wohl genügend Fische gefangen? Hast du gehört, was für eine
Gesellschaft es sein wird?”

„Nein, sie waren noch nicht auf.”

„Ja, jetzt schweig nur und schlaf' dich aus,” sagt Lydia und macht
die Tür wieder zu. Und dann schalt sie die Kinder mit lauter Stimme
ordentlich aus, damit sie sich ruhig verhalten sollten.

Sie räumt auf und trällert dazu, sie überlegt, die Gesellschaft ist
ihr sehr wichtig. In früheren Jahren, da wurden bei Johnsens am
Landungsplatz auch schon Gesellschaften gegeben; man bereitete sich
tagelang darauf vor und mußte Hilfe in der Küche haben. Auch Lydia
wurde herbeigeholt; diesmal hatte sie keine Aufforderung bekommen, aber
vielleicht war es keine große Gesellschaft; wahrscheinlich wollte nur
der Sohn, Scheldrup Johnsen, ein paar Altersgenossen bei sich sehen.

Etwas später am Vormittag, als die Leute allmählich unterwegs waren,
hieß es, C. A. Johnsens Schiff werde an diesem Tag in See stechen. Da
grübelte Lydia nicht mehr; es würde also ein donnerndes Fest für den
Kapitän und die Honoratioren der Stadt sein, aber sie wollten in der
Küche ohne sie fertig werden. Gut Glück auf die Reise! Sie zog die
Kinder hübsch an, wusch ihnen die Flecken heraus, rieb die Schuhe mit
Fett und Ruß ein und legte auch für sich ein anständiges Kleid bereit.

Am Nachmittag war eine richtige Wallfahrt nach dem Bollwerk. Man war
schon mitten im Frühling, und die Leute trugen demgemäß helle, leichte
Kleider; das war ein hübscher Anblick. Der Dampfer _Fia_ hatte geladen
und war zur Abfahrt bereit.

Dieses Schiff war nicht mehr neu, es war zu der Zeit gebaut worden, wo
ein vernünftiges Frachtboot ein paar hundert Tausend kosten konnte,
aber nicht mehr; jetzt hatte es Johnsen am Landungsplatz in Göteborg
gekauft. Er hatte es aufputzen lassen und dann nach seinem Töchterchen
„Fia” umgetauft. Was das gekostet haben mochte, ein solches Schiff zu
kaufen, es herrichten zu lassen und es ganz neu zu machen! Es wurde
erzählt, das Umtaufen allein habe einen Haufen Geld gekostet. Aber was
war ein Haufen Geld für Johnsen am Landungsplatz! Und jetzt lag die Fia
als der einzige Dampfer der Stadt und als ein wahres Wunder drunten am
Bollwerk.

Natürlich war die kleine Fia in dem Augenblick, wo ihr Schiff abfahren
sollte, selbst an Bord, und sie saß mit ihren Eltern und dem Kapitän
in der Kajüte. Und natürlich kam auch ihr Bruder, der junge Scheldrup,
an Bord. Er war schon groß und fast erwachsen, in einem hellen Anzug
mit einem schwarzen Samtkragen auf der Joppe, was eben Mode war. Ein
flotter Bursche, der Sohn des Hauses Johnsen, braunäugig wie der Vater,
mit einem leichten Bartflaum auf den Wangen! Die Hüte wurden vor ihm
gelüftet, und er grüßte wieder, fast den ganzen Weg nach der Kajüte
ging er auf diese Weise barhäuptig.

Das Schiff hatte Dampf auf und stieß Rauch aus. Auf Deck war alles
ruhig, der Steuermann und die Mannschaft standen an der Reling,
spuckten ins Wasser und schwatzten ein wenig mit den Bekannten am
Land. Oliver Andersen wußte, wo sein Platz war, und hielt sich ganz
vorne; er war mehrere Jahre lang mit einem Segelschiff gefahren und
war Matrose, ein gewöhnlicher blauäugiger Sohn aus dem Volke, aber
dazu ein Waghals und Kraftmensch, der Sohn einer Witwe. Er war unter
Mittelgröße, aber fest und gut gebaut, hatte früher mit den Bildern von
Napoleon Ähnlichkeit gehabt, jetzt aber trug er einen Vollbart und war
etwas für sich. Gerade in jenem Jahr hatte er die Möglichkeit gesehen,
sein Häuschen mit roten Ziegeln zu decken und es durch einen Ausbau am
Giebel zu erweitern. Er dachte wohl an die Zukunft.

„Ja ja,” sagt er zu seiner Mutter, der Witfrau, die mit den Händen
unter dem Umschlagetuch am Bollwerk steht. „Ja ja, dann schreib ich dir
vom Mittelmeer aus.”

Flott gesagt, sehr erwachsen gesprochen. Und so spricht er auch noch
mit mehreren am Land, mit den Mädchen, mit Petra, die er nun verlassen
muß.

„Und vergiß nicht, im Garten zu gießen!” sagt er weiter. Aber das war
wohl nur ein Scherz von Oliver, und er meinte nichts damit, denn Gott
und alle Welt wußten ja, daß er keinen Garten hatte, sondern die Mutter
säete nur ein wenig Karotten und Rüben die Hausmauer entlang.

Ein schwaches Lächeln flog über das Gesicht der Mutter, sie kannte
ihren Sohn. Böse gemeint? Gott bewahre! So ein Scherz war nicht böse
gemeint. Die Mutter wußte nur Gutes von dem Sohne zu sagen, er hatte
gute Anlagen und gebrauchte sie in netter Weise.

Der zweite Steuermann kommt einen Augenblick nach vorne; auch er
hat wohl ein Mädchen am Ufer stehen. „Schieß die dort auf!” sagt er
übertrieben befehlshaberisch, indem er auf eine Leine deutet.

Oliver schießt die Leine auf. Er wäre übrigens gerne eine Minute an
Land gegangen, nur eine halbe Minute, um seinem Mädchen eine Tüte
Rosinen, die er in der Tasche hat, zu geben. Ganz notwendig hätte er
an Land gehen sollen. Aber er will sich jedenfalls auch von da, wo er
steht, geltend machen.

„Carlsen!” ruft er, und damit meint er den Schmied Carlsen. „Gut,
daß ich Sie sehe! Ich bin Ihnen die Bügel für meine Dachrinne noch
schuldig.”

Carlsen ist in Verlegenheit, weil aller Augen auf ihn gerichtet sind,
und er sagt:

„Laß das nur, du brauchst dich nicht aufzuhalten, es hat Zeit, bis du
wiederkommst.”

Aber Oliver hat schon den Geldbeutel gezogen und reicht das Geld über
die Reling weg. „So viel war es wohl?” fragt er.

Oliver fühlte sich wohl recht ehrenhaft und überlegen, als er sich in
Gegenwart einer ganzen Volksmenge so zahlungsfähig zeigen konnte. Wer
stand da und war Zeuge seiner Handlungsweise? Petra und alle Welt. Und
dort stand ja auch Lydia mit ihren Kindern, und ihr entging nichts, sie
war die richtige „kluge Else”. Ihr Mann, der Fischer Jörgen, stand auch
weiter drüben, aber als sich nun die Honoratioren der Stadt allmählich
einfanden und gerade an seiner Ecke vorüberkamen, zog er sich etwas
weiter vom Bollwerk zurück und suchte sich einen sichereren Platz.

Nun kamen die Großen, die Schiffsreeder, der Doktor, die geachtetsten
Kaufleute; einige waren ganz aufgekratzt von dem Mahl beim Konsul; sie
trugen eine Blume im Knopfloch und hatten den hohen Hut auf. Da kam der
Rechtsanwalt Fredriksen; der Augenblick war noch nicht gekommen, aber
Rechtsanwalt Fredriksen würde sicherlich die Gelegenheit wahrnehmen und
einige feierliche Worte sprechen. Er war das Reden gewohnt, er war der
in der Stadt, der Versammlungen zusammenbrachte und Reden hielt.

Die Familie Johnsen taucht aus der Kajüte auf, Herr C. A. Johnsen,
selbst mit lebhaften braunen Augen und dem runden Bäuchlein des
Lebemanns. Frau Johnsen führt die kleine Fia an der Hand. Als sie an
Land gingen, machten alle Platz, nicht ein Kind stand im Wege. Leute,
die ein Dampfschiff besitzen, müssen einen breiten Weg auf ihrem
eigenen Bollwerk haben, das ist nicht mehr als recht und billig.

Der Kapitän stieg rasch hinauf auf die Brücke und klingelte der
Maschine. „Fertig! Los!” ruft er. Die Trossen werden hereingezogen.
Der Kapitän schwingt die Mütze, seine Familie und Freunde grüßen
wieder, das Schiff zittert und weicht zurück. Oliver wirft im letzten
Augenblick seine Tüte ans Land, er sieht wohl, daß sie ungefähr da
niederfällt, wo sie soll.

Jetzt ist der Augenblick da: Rechtsanwalt Fredriksen tritt vor, lüftet
den Seidenhut hoch in die Höhe und erfleht Heil und Glück für das
Schiff, die Reeder und die Mannschaft. „Hurra!” ertönt es vom Bollwerk.

Dann fuhr die Fia nach dem Mittelmeer.

Die Tüte traf, jawohl, aber es war eine unwillkommene Tüte und eine
schändliche Tüte, sie zerplatzte, als sie niederfiel, und die Rosinen
lagen zerstreut auf den Planken des Bollwerks. Das war ein Zustand!
Petra lächelte gekränkt und war dem Weinen nahe. Olivers Mutter las
die Rosinen in ihr Tuch zusammen, sie hatte ihre liebe Not, die Kinder
zurückzuhalten, und ermahnte sie eifrig, doch nicht auf die guten Gaben
Gottes zu treten. Die Honoratioren, ja auch die Familie Johnsen kamen
an diesem kleinen Walplatz vorüber, insbesondere kam auch der junge
Scheldrup Johnsen vorüber. Er lächelte und sagte leise zu Petra: „Heb'
deine Rosinen auf!” Petra war wie mit Blut übergossen; sie ließ den
Kopf hängen und wäre sicherlich am liebsten in die Erde versunken ...

Die Weiber am Brunnen redeten noch lange von diesem Tag. Sie konnten
wohl in der und jener Kleinigkeit uneinig sein, aber Frau Johnsen war
jedenfalls in schwarze vornehme Seide gekleidet gewesen und hatte einen
Überwurf mit seidenen Fransen über den Schultern getragen. Ihr Hut war
sogar von ganz besonderer Art, mit einem dünnen, breiten Rand, der beim
Gehen etwas auf und ab wogte, und mit einer einzigen, großen Feder
geschmückt.

Dagegen hatte sich niemand weiter um das gekümmert, was nun folgte,
denn jetzt kam das tägliche Leben an die Reihe. Oliver kam im Herbst
wieder heim, aber ohne die Fia. Ach ja, er hatte einen Schaden
davongetragen, war fast erschlagen worden. Er war ein Krüppel. Da war
nichts zu machen. Wenn man aus dem Takelwerk herabstürzt und sich
die Rippen bricht, so kann man es ja wohl überstehen, aber es ist
jedenfalls ein Ereignis, das man im Gedächtnis behält. Aber Oliver
-- er geriet unter eine Trantonne und brach sich die Leiste und
einen Schenkel er wurde verstümmelt und überstand es. Dann lag er im
Krankenhaus in einer kleinen italienischen Küstenstadt, wo er nicht
ordentlich verpflegt wurde, und das Bein mußte abgenommen werden.
Sieben Monate vergingen, bis er in seine Heimat zurückkehren konnte.

Petra, sein Mädchen, zeigte sich recht gut und hielt sich unter dieser
ungeheuren Prüfung aufrecht. Sie war in jeder Weise ebenso gewöhnlich
wie andere Mädchen, aber sie hatte auch gute Eigenschaften, daran
fehlte es wirklich nicht.

Mattis, der bei einem Schreiner in der Lehre gewesen und jetzt Geselle
war, Mattis mit der großen Nase, dieser Mann ging zu Petra und sagte:
„Das ist ein großes Unglück.”

„Welches Unglück?” fragte sie.

„Daß der Oliver so heimkommt. Weißt du es nicht?”

Petra antwortete gekränkt und ganz treu: „Soll ich es nicht wissen?
Hab' ich nicht einen Brief um den andern bekommen?”

„Er ist verunglückt,” sagte Mattis.

„Jawohl,” erwidert Petra.

„Ja, nun gehört er zu denen, die sich nicht allein durchbringen können,
und wie soll es dann gehen?”

Petra antwortete kurz: „Darum brauchst du dich nicht zu kümmern.”

Sie zeigte keinen auffallenden Kummer, legte kein Mitleid mit
sich selbst an den Tag, nein, vielleicht hatte sie nicht einmal
nennenswertes Mitleid mit ihrem Liebsten.

„Willkommen daheim!” sagte sie zu ihm.

Oliver selbst war schweigsam, aber seine Mutter ergriff das Wort. „Ja
ja,” sagte sie, „du siehst nun, wie er heimgekommen ist.”

„Ach so, du hast einen Stelzfuß,” sagte Petra.

Oliver sah nach der andern Seite und erwiderte: „Ja, das versteht sich.”

Die Mutter fügte hinzu: „Und auch eine Krücke.”

„Das ist nur für den Anfang, während ich noch nicht fest und sicher
bin.”

„Tut es weh?” erkundigte sich Petra nach dem Bein.

„Kein bißchen!”

„Na, das ist nur gut.” Damit schickte sich Petra zum Gehen an. „Ja, ich
wollte nur einmal hereinsehen,” fügte sie hinzu.

Da konnte er ihr ja nicht die zwei Geschenke übergeben, die er
mitgebracht hatte, eine weiße Engelsfigur und ein mit verschiedenen
Holzarten eingelegtes Kaffeebrett. Warum war sie so trocken und kurz
angebunden? Sie wußte ja, daß er ihr immer etwas mitbrachte, wenn er
aus fernen Landen heimkehrte, und er hatte sie auch diesmal nicht
vergessen. Was den Stelzfuß betraf, so hatte dieser sicher einen recht
unvorteilhaften Eindruck auf sie gemacht, das war nicht anders zu
erwarten gewesen, aber kalt und kurz angebunden -- war Petra kalt?
Alles andere als das. O, hört nur den Mattis, der immer anfing, zu
jedermann, wer es nur immer hören wollte, zu sagen: „Die Petra, ich
möchte sie nicht haben! Denn wenn ein Mädchen zu denen gehört, die
schwer schnaufen und mit zitternden Nasenflügeln dastehen, dann bedanke
ich mich!”

Oliver mußte allmählich daran denken, sich nach einer Beschäftigung
umzutun. Solange es etwas daheim zu essen gab, verzehrte er seine
Mahlzeiten und wurde stark und kräftig; er erlangte seinen gesunden
Oberkörper wieder wie früher und auch ordentliche Kräfte, aber als
die Mutter nichts mehr von seiner Heuer abheben konnte, nahm das Mehl
und Fleisch im Hause bedenklich ab. Vielleicht wäre Oliver noch nicht
zu alt zum Erlernen eines Handwerks gewesen, er konnte Uhrmacher oder
Schneider werden, oder er könnte aufs Seminar kommen und Schullehrer
werden. Aber was wäre so eine Frauenbeschäftigung für seine Hände? Und
wovon sollte seine Mutter während der Lehrjahre leben? Außerdem war ja
das Meer sein Element, das Meer und nichts anderes.

Er war jung und seiner plötzlichen Hilflosigkeit höchst ungewohnt. So
saß er meist ruhig da, aß, und wenn er sich in der Stube herumbewegen
wollte, half er sich mit den Händen und warf sich von Stuhl zu Stuhl.
Er war eifrig damit beschäftigt, sich eine neue Lebensstellung
auszudenken; das war eine sonderbare Beschäftigung für den geborenen
Matrosen, ja bisweilen hielt er vor lauter Sonderbarkeit mitten in
einem Gedanken inne. Er hinfällig, er ein Krüppel! Vorläufig mußte er
sich ein Boot verschaffen und fürs Haus etwas fischen. Er hatte einen
schlimmen Schaden davongetragen, einen unbestreitbaren, glaubwürdigen
Leibesschaden, aber als er das brandige Bein abgeworfen und die Folgen
davon überwunden hatte, blieb ihm immer noch ein guter Rest übrig, eine
Nettokraft.

Es ging nicht gerade großartig mit dem Fischfang, Frostwetter setzte
ein und die Bucht war bis zum offenen Meer hinaus mit Eis bedeckt,
nicht einmal das Postschiff konnte die Rinne offen halten, sondern
mußte sich jedesmal durchs Eis vorwärtsstoßen. Oliver hätte es wie die
andern Fischer machen können, ein Loch ins Eis hacken und da fischen,
zu Fuß -- sozusagen vom Land aus, das tat Jörgen, das tat auch der alte
Martin vom Hügel. Aber Oliver war zu jung in diesem Fach und wollte
übrigens auch nicht zu solchen äußersten Mitteln greifen. Die Leute
sollten nicht den Eindruck bekommen, er fische aus Not, nein, sondern
aus Lust, um sich die Zeit zu verkürzen.

Ernste Tage kamen, eine unbehagliche Weihnachtszeit. Aber zu Neujahr
änderte sich das Wetter, ein Sturm setzte ein, und das Eis in der Bucht
brach wieder auf. Da ruderte Oliver hinaus und fischte einen Tag um
den andern; er blieb immer länger fort, manchmal bis zum Abend, und er
brachte auch Fische mit heim. Aber er fischte nicht aus Not, o weit
entfernt!

Die Mutter sagte in gleichgültigem Ton: „Es ist wahr, Johnsens am
Landungsplatz haben mich gefragt, ob du ihnen nicht Fische bringen
könntest.”

„Ich?” sagte Oliver. „So, das sagten sie. Aber ich fische nicht für
andere.”

„Ja, das dacht' ich auch,” stimmte die Mutter bei. Sie ließ die Frage
fallen, ließ sie ganz und gar fallen und tat, als könne Johnsen am
Landungsplatz seine Fische wohl selbst fangen. Schließlich sagte sie:
„Ja ja, sie haben eine gute Bezahlung dafür versprochen.”

Schweigen. Oliver grübelte nach. „Der Johnsen am Landungsplatz soll mir
zuerst meinen Fuß bezahlen,” sagte er dann.

In dieser ganzen Zeit war nur wenig von Petra zu sehen gewesen,
sie hatte wohl ein paarmal einen kurzen Besuch gemacht, hatte ihre
Geschenke in Empfang genommen, ein paar gleichgültige Redensarten
gewechselt und war wieder gegangen. Sie trug noch immer Olivers Ring
und machte auch keine Miene, das Verhältnis abzubrechen, nein, das
tat sie nicht; aber Oliver hatte doch so seine ängstlichen Gedanken
über dies und jenes. Richtig abgewogen, war er ja auch nicht mehr
viel wert, ein halber Mensch, eine Art Mißgestalt, die nichts besaß,
selbst sein Anzug fing schon an schäbig zu werden. Ja, er war in seinen
Matrosentagen zu leichtsinnig gewesen, er genau wie die andern, und
hatte nicht viel auf die Seite gelegt. Das einzige, was er für die
Zukunft getan und worauf er vor seinem Fall stolz gewesen war, galt
jetzt vielleicht gar nichts: der Anbau am Hause, die neue Stube und die
Kammer auf der andern Seite des Flurs. Gott mochte wissen, ob diese
Herrlichkeit nun benützt wurde!

Der Winter wollte kein Ende nehmen, das drückte auf die Gemüter und
machte die Leute verdrossen.

An einem Sonntag gegen Abend kam Petra und war freundlicher als sonst.
„Ich hab' deine Mutter in die Stadt gehen sehen,” sagte sie zu Oliver,
„da wollt' ich ein wenig zu dir hereinschauen.”

Oliver ahnte Unrat, sein Mädchen war so fremdartig; sie sagte zärtlich:
„Armer Oliver!” und sie äußerte, Gott habe sie beide schwer heimgesucht.

„Ja,” stimmte Oliver bei.

„Das ist nun eben unser Schicksal,” murmelte sie und seufzte.

„Was meinst du?” fragte er.

„Was meinst du selbst?” versetzte sie.

Da gab er sofort nach, teils aus altem Hochmut, teils weil er einsah,
daß sie eigentlich recht hatte. Man konnte vor der nackten Tatsache
unmöglich die Augen verschließen.

Sie besprachen die Sache miteinander, und sie gebrauchte lauter
schonende Worte, aber die Absicht war deutlich.

„Ich verwundere mich nicht über dich,” sagte er mit niedergeschlagenen
Augen.

Als sie gehen wollte, schien sie das Schwerste immer noch nicht gesagt
zu haben, zuerst ging sie nach der Tür, kam aber dann wieder zu ihm
zurück, strich ihm über beide Wangen und hob seinen Kopf auf.

„Jetzt sei nicht gegen uns beide, indem du nein sagst. Ich hab' mir's
überlegt. Du hast ja nicht allein dich selbst, sondern auch noch deine
Mutter zu versorgen. Das ist nicht so leicht für dich.”

Er sah sie verständnislos an: das hatten sie schon besprochen, nun
wollte er nichts mehr davon hören.

„Das weiß ich,” sagte er.

„Und ohne gesunde Glieder und allem andern --”

„Das weiß ich auch,” unterbrach er sie gereizt.

„Nein, so darfst du nicht sein, Oliver!” lockte sie.

Aber als sie merkte, daß er noch mehr Bissiges sagen wollte, runzelte
auch sie die Stirn und ging nun plötzlich ohne Umschweife los. „Es
nützt nichts, was du sagst, es steht jetzt nicht sehr gut für dich,
aber es wird wohl besser werden. Jetzt lege ich ihn hierher, du kannst
ihn in etwas verwandeln, es nützt nichts, was du auch sagst, ich lege
ihn hier auf den Tisch. Er ist schwer und teuer, ich bin überzeugt, es
werden ihn viele kaufen wollen.”

„Was ist es denn? Ach so, der Ring! Ja, leg ihn nur dorthin,” sagte er
und nickte.

Sie hätte sich alle Umschweife sparen können, in diesem Augenblick
schien er gar nichts dagegen zu haben, den Ring wieder zu bekommen, er
war jedenfalls ein Wertgegenstand. Als Petra gegangen war, steckte er
ihn sich auf das äußerste Gelenk seines kleinen Fingers und drehte und
wendete ihn.

Aber dann wurde er von Rührung übermannt. Ihn verkaufen, den Ring
in etwas anderes verwandeln? Nimmermehr! Eher wird er ihn in die
Meereswogen versenken. Er wird dieses Andenken sein Leben lang
behalten, es an den Sonntagen herausnehmen und es betrachten. Im
übrigen dauerte es ja nicht so lange, bis das Leben verging. --



2


Dann ruderte Oliver nicht mehr hinaus und fing nicht mehr jeden
Tag Fische. Nein, nicht jeden Tag. Es kam wohl daher, daß die
Auseinandersetzung mit Petra ihn etwas mitgenommen hatte, er sah sich
nicht nach Arbeit um, faßte keinen Entschluß. Die Mutter konnte fragen:
„Fährst du heut nicht hinaus? Nein, wohl nicht?” -- Und Oliver konnte
erwidern: „Hast du keine Fische mehr?” -- „O doch, deshalb hab' ich
nicht gefragt,” antwortete die Mutter und schwieg.

Ach, aber sie hätte etwas Mehl und allerlei anderes haben sollen:
Seife, Kaffee, Lampenöl, Brennholz, Butter, Zündhölzer, Sirup, lauter
notwendige Dinge. --

Mattis, der Schreinergeselle, war eifrig dabei, sich ein Haus zu bauen,
er dachte wohl an die Zukunft. Eines Tages humpelte Oliver zu ihm hin
und ließ den Ring auf seinem kleinen Finger spielen. Die beiden hatten
nichts gegeneinander.

Oliver sagte: „Ich hab' für meinen Anbau zwei Türen machen lassen, sie
sind bei deinem Meister gemacht worden.”

„Jawohl,” sagte Mattis, „es war im Winter vorm Jahr.”

„Du könntest mir die Türen abkaufen und sie hier einsetzen.”

„Willst du sie verkaufen?”

„Ja. Da ich sie nicht mehr brauche. Ich hab' mich anders entschlossen.”

„Ich kenne die Türen wohl, denn ich hab' sie selbst verfertigt,” sagt
Mattis. „So, du hast dich also anders entschlossen? Du willst dich
nicht verändern?”

„Vorerst nicht.”

„Was willst du für die Türen haben?”

Sie wurden bald handelseinig; es waren also gebrauchte Türen und
nicht einmal angestrichen; aber Oliver hatte Schlösser und Angeln dazu
gekauft, der Preis war demnach gegeben.

Jetzt hatte Oliver nichts mehr zu verkaufen, er konnte doch die Treppe
nicht verkaufen. Er und die Mutter lebten eine Zeitlang recht gut von
dem Gelde für die Türen; aber nun war der Frühling wieder im Anzug,
Oliver war jung und hatte abgetragene Kleider, er könnte sich in
neuen besser zur Geltung bringen, und da er nun leider für immer eine
Landratte geworden war, hätte er auch gern einen Strohhut gehabt. Die
Mutter sah immer weniger hoffnungsvoll in die Zukunft, und meinte, sie
hätten ja den Anbau vermieten können, wenn --

Ja, Oliver sagte, er hätte nichts dagegen.

„Aber es sind ja jetzt keine Türen dafür da.”

Nach einem Augenblick der Überlegung sagte Oliver sorglos:

„Türen? Dann kann ich doch wohl zwei Türen machen lassen.”

Die Mutter schüttelte den Kopf.

„Aber es sind auch keine Öfen drin.”

„Öfen? Was sollen die Leute mit Öfen jetzt im Sommer?” fragte er.

„Sollen sie sich nicht kochen? Sollen sie keinen Herd haben?” versetzte
sie.

Olivers Kopf hatte sicherlich einen Stoß erlitten, er war im Denken
nicht mehr so frisch wie früher.

Er schleppte sich wieder zu Mattis hinüber, sprach eine gute Weile mit
ihm und sagte dann: „Ja, du baust dir ein Haus und streichst es an
und setzt Türen und Fenster ein, dann hast du wohl im Sinn, dich zu
verändern?”

„Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll,” erwiderte Mattis.
„Aber es ist nun so, daß ich mir's nicht geradezu aus dem Sinn
geschlagen habe.”

„Das versteh' ich!” stimmte Oliver bei und sah dem Schreiner eine Weile
bei seiner Arbeit zu. -- Sie hatten noch immer nichts gegeneinander.
Oliver fuhr fort: „Und wer es nun auch ist, oder wer es nun wird, so
bekommt sie bei dir ihr gutes Auskommen. Doch was ich sagen wollte:
Hast du schon einen goldenen Ring gekauft?”

„Einen goldenen Ring? Nein.”

„So. Nun, wenn es soweit ist, dann hab' ich einen.”

„Laß mich ihn sehen!” sagt Mattis. „Aber dein Name steht wohl drin.”

„Ja, aber den kannst du herauskratzen lassen.”

Mattis sah sich den Ring an, wog ihn in der Hand und schätzte ihn ab.
Sie wurden handelseinig, Mattis kaufte ihn. „Wenn er nur auch paßt,”
sagt er.

Oliver antwortete vielsagend: „Das ist das wenigste, was mir Sorge
macht. Soweit ich verstehe ...”

Da sah Mattis den andern gerade an und fragte: „Ja, was sagst du dazu?”

„Was ich dazu sage?” erwiderte Oliver. „Das geht mich nichts mehr an.
Es wird sich wohl auch für mich Rat schaffen lassen, ich bin noch nicht
tot.”

„Nein, das ist sicher und gewiß,” sagte auch Mattis beipflichtend.

„Ja, was meinst du?” fragte Oliver geschmeichelt. „Gibt es keine
Aussichten mehr für mich?”

„Du machst nur Spaß, Oliver, du hast dieselben Aussichten wie ich.”

Mattis war sichtlich erleichtert. Sie traktierten sich mit
schmeichelhaften Redensarten, ohne Zurückhaltung, aber auch ohne
Vertraulichkeit.

„Wie ging es zu, als du zu Schaden kamst?” fragte Mattis. „Mit dem
Herunterfallen?”

„Ich?” rief Oliver beleidigt. „Ich bin zuviel draußen gewesen, um
herunterzufallen.”

„Ich dachte, du seiest heruntergefallen.”

„Nein, es war eine hereinstürzende Woge.”

„Na, das muß eine ordentliche Woge gewesen sein, die dich kaputt
gemacht hat.”

„Jawohl, es war eine Teufelswoge,” versetzte Oliver prahlerisch. „Sie
riß die ganze Decklast mit sich, schleuderte mir eine Trantonne gerade
in die Arme; sie flog durch die Luft daher, wie eine Kanonenkugel
sauste sie auf mich zu.”

„Durch die Luft?”

„Da hörte ich einen Warnungsruf von den andern.”

„Hast du nicht selbst geschrien?”

„Warum hätte ich schreien sollen? Was hätte es mir genützt?”

Mattis schüttelte lächelnd den Kopf und sagte: „Ja, du bist doch immer
derselbe!”

Jawohl, Mattis war sichtlich erleichtert, mit Oliver konnte man sehr
gut verkehren. Könnte man umgänglicher sein als dieser Mann? Den halben
Unterkörper verloren, alles verloren, aber trotzdem -- Napoleon! Wenn
man ihn in einen Wagen setzte, mit dem Spritzleder vor, dann war er
ohne Fehl. --

Oliver und seine Mutter lebten nun wieder eine Zeitlang gut, dazwischen
ging er fischen, so daß sie genügend Fische für sich und für die Katze
hatten; von dem Geld für den Ring wurden Mehl und Lampenöl gekauft.
Aber jetzt hatte Oliver nichts mehr zum Verkaufen, er konnte doch nicht
den Kamin auf dem Dache verkaufen.

Die Mutter wurde ängstlicher, so konnte es nicht weitergehen! Sie ließ
Andeutungen fallen, daß etwas getan werden müsse, später wagte sie es,
sich etwas unzufrieden zu zeigen. Die Krippe war leer. „Du könntest
wohl etwas stricken. Kannst du nicht stricken?” fragte sie. Aber Oliver
konnte nichts, hatte nichts gelernt, sich keine Mühe gegeben, etwas zu
lernen; als er etwas lernen sollte, war er auf See gegangen.

„Ich sollte so notwendig einen Quirl haben,” sagte die Mutter. „Du
könntest mir einen Quirl machen, wenn du ein wenig Handgeschick
hättest.”

Oliver mußte das von seiten seiner Mutter als unzeitgemäßen Spaß
auffassen, und er erwiderte: „Soll ich vielleicht auch Fausthandschuhe
stricken?”

Er überlegte, überlegte alle Gründe für und wider, jawohl, etwas mußte
getan werden. Immerfort wurde überlegt.

Auf das Wohnhaus konnte nicht mehr aufgenommen werden, als schon darauf
stand; das war schon seit lange dem Rechtsanwalt Fredriksen verpfändet.
Auf den Anbau war allerdings nichts aufgenommen, und Oliver hatte
sich gleich nach seiner Heimkehr wegen einer Anleihe an Fredriksen
gewendet, war aber abgewiesen worden. Der Anbau? Den hielt Fredriksen
nur für eine ordentliche Instandhaltung des Hauses. „Und das neue
Ziegeldach?” fragte Oliver -- „Instandhaltung,” sagte Fredriksen. Als
Oliver andeutete, er könne anderweitig auf den Anbau Geld aufnehmen,
drohte ihm der Rechtsanwalt mit Kündigung seines Geldes und mit einer
sofortigen Versteigerung des Hauses. Sie redeten hin und her, und der
Rechtsanwalt fragte verwundert: „Bist du wirklich so abgebrannt?” --
„Ich?” sagte Oliver und warf sich in die Brust. Ja, das hatte der
Rechtsanwalt wirklich geglaubt. Und da er nun durch den Anbau und das
neue Ziegeldach erst eine ordentliche Sicherheit für sein Geld hatte,
sollte Oliver eine Erklärung unterschreiben, daß alles neue am Haus mit
zum Pfandobjekt gehöre -- ob er das als anständiger Mensch tun wolle?
Und Oliver, eben erst heimgekehrt, von den Seehäfen her an ein flottes
Auftreten gewöhnt, außerdem von Natur gutmütig, Oliver unterschrieb. --
Er trennte sich von dem Rechtsanwalt in höchst freundschaftlicher Weise.

Das war damals gewesen.

Gar oft bereute er nachher seine Dummheit, aber da war nun nichts mehr
daran zu ändern. Oder wie? Könnte er das Haus ohne weiteres verkaufen,
den Rechtsanwalt ausbezahlen und ihn los sein? Würde das Geld dazu
reichen? Ach, das einzig Sichere dabei wäre jedenfalls, daß er selbst
obdachlos dastünde!

Oliver überlegt hin und her. Bisweilen überlegte er, ob er nicht fromm
werden, sich einen kleinen Rollwagen anschaffen und in den Dörfern
herumfahren sollte.

Die Mutter konnte ihm dies und jenes aus dem Ort berichten, sie hörte
mehr als er, sie schnappte manches auf der Straße und am Brunnen auf:
Klatschereien, Ereignisse, Lüge und Wahrheit, alles nahm sie mit und
brachte es heim. Bisweilen lag es nur in ihrem Kopf und verschwand
wieder, aber bisweilen brachte so ein zufälliges Wissen Nutzen. Zum
Beispiel, als sie Oliver von Adolf, dem Sohn des Schmieds Carlsen
erzählte; Adolf war ein junger Bursche, der sich hatte anheuern lassen
und nun zur See ging.

„Wo hat er sich verheuert?” fragte Oliver.

„Auf Heibergs Barke. Es hieß, er wolle sich eine Schiffskiste machen
lassen.”

Nach einer kleinen Weile nickt Oliver und sagt: „Er kann mir meine
Kiste abkaufen.”

„Die auch?” seufzt die Mutter.

„Was soll ich mit ihr? Ich hab' sie einmal ums andere hinaus- und
wieder heimgefahren. Jetzt steht sie da. Nun, sag' du nur dem Adolf, er
soll meine Kiste kaufen, ich kann sie nicht mehr sehen.”

Er war auch ganz überzeugt, daß Adolf gern seine Kiste haben wollte.
Diese hatte viele Reisen mitgemacht und war seetüchtig, also eine
gebrauchte Schiffskiste, die Glück hatte. Oliver hatte sich ja
jedesmal, wenn er wieder abreiste, geradezu nach seiner Kiste gesehnt.
Lebendig war sie allerdings nicht, nein, aber sie war ein Kamerad, und
ein treuer, o ein zärtlicher Freund! Aber Glück auf die Reise, nun
mochte sie gehen! Auf der letzten Reise von Italien nach Hause war sie
ihm eine richtige Last gewesen; er war ein Krüppel geworden und konnte
sie nicht mehr so handhaben wie zuvor, und sie hatte Übergewicht auf
der Eisenbahn, er hatte für sie bezahlen müssen. Es war fast, als stehe
sie bei ihm in Dienst und zehre an ihm, das Ungetüm -- fort mit ihm!

O, aber so ganz gleichgültig war Oliver nun doch nicht, als die
Mutter mit Adolf ankam. Da stand nun seine Schiffskiste, und sie
war eigentlich häßlich und schwerfällig, aber eben doch nützlich.
Sie hatte Fußtritte und Stöße hingenommen, war seit mehreren Jahren
grün angestrichen, ja, man hatte sogar Tabak auf dem Deckel klein
geschnitten, aber was für ein gutes Stück war sie trotzdem!

„Sie ist, wie du sie hier siehst,” sagte Oliver zu Adolf. „Sie hat sich
weder aus feinen Kapitänen oder Maklern oder aus Konsuln etwas gemacht,
sondern stand da, wie sie immer gestanden hatte, ist nie von der Stelle
gewichen, außer mit Gewalt.”

Adolf kaufte die Kiste und mußte noch allerlei gute Lehren von Oliver
anhören. Der abgedankte Matrose konnte dem jungen von dem Leben
erzählen, das seiner nun wartete: O ja, ein freies, gesundes Leben,
aber nicht eines, mit dem man in jeder Beziehung prahlen konnte.
Gottlosigkeit und Schlechtigkeit und erfahrungsreicher Landurlaub, in
ausländischen Städten und Hainen verbracht. Ach was, er selbst habe
Glück gehabt und jederzeit in den Städten nette Liebchen gefunden,
prahlte Oliver, aber es sei nicht immer ohne Streit und Schlägereien
abgelaufen. Aber es handle sich nur darum: dem andern eine Hand in
den Nacken, die andere in den Rücken, ein Loch mit ihm ins Fenster
geschlagen, eins, zwei, drei, hinaus in den Rinnstein! O, man habe
nicht immer als Krüppel auf einem Stuhl sitzen müssen!

Oliver fing an zu philosophieren; sein Matrosengeschwätz war leer und
abgedroschen, weder besser noch schlimmer, als das anderer Matrosen:
Wahrheit und großsprecherische Drohungen, Prahlerei, Frömmigkeit und
Notlügen. Er verbreitete sich über die Versuchungen, mischte englische
Wörter hinein, warnte vor der Trunksucht: „Du siehst nun, Adolf, wie
ich heimgekommen bin. Aber meinst du, es komme vom Zechen und von
Ausschweifungen? O nein, immer so nüchtern, wie du jetzt bist! Ach,
du lieber Gott, es war auf dem wilden Meere draußen, und was hatte
ich verbrochen? Deshalb darfst du dich nie dem Trunke ergeben, wie so
mancher andere, dann kann unser Herrgott mit dir tun, was er will, du
kannst es nicht ändern. Und wenn sie sehen, daß du Geld bei dir hast,
und ziehst englische Pfund heraus, dann sind sie hinter dir her, wie
die Möwe hinter einem Rotauge, deshalb mußt du dir, ehe du abfährst,
eine Tasche innen in deine Weste nähen lassen.”

„Hast du eine gehabt?” fragte die Mutter.

„Ob ich eine gehabt habe?” Oliver knöpft auf und hat keine Innentasche
an seiner Weste. „Sie muß in meinem andern Anzug sein, in meinem
Landurlaubsanzug,” sagt er.

„Landurlaubsanzug?” fragt die Mutter.

Oliver überhört die Frage und fährt fort:

„Wie es nun auch ist, Adolf soll sich eine Lehre aus dem Richtigen
ziehen und nicht aus dem Unrichtigen. Ja, nun sollst du an das denken,
was ich dir gesagt habe, Adolf, und Gott vor Augen haben, wenn du bei
Nacht auf Wache bist und am Steuer stehst! Und dann lernst du englisch
sprechen und du kannst dich in dieser Sprache, wo du auch hinkommst,
ja überall auf der Welt verständlich machen. Sie verstehen dich, ob
du dich in einen Salon begibst und ein Glas Bier trinkst oder in die
Kirche oder auf ein Konsulat gehst. Aber nimm jetzt nur meine Kiste
und schlage dich damit redlich durchs Leben, sie ist an nichts anderes
gewöhnt.”

„Was ist denn das für ein Landurlaubsanzug?” fragt die Mutter wieder.
„Hast du noch einen andern Anzug als den hier, den du auf dem Leibe
trägst?”

„Ob ich noch einen andern Anzug hab'!” versetzt Oliver. „Er kommt von
Italien. Was red'st du denn da?”

Aber die Mutter war in Gegenwart eines Dritten mutiger und lächelte nur
ein wenig spöttisch. Ach, die Krippe war ganz leer geworden!

Jetzt hatte Oliver nichts mehr zu verkaufen, die Schiffskiste war das
letzte gewesen, und es blieb nichts übrig für einen neuen Anzug und
einen Strohhut. Aber der eine Tag verging wie der andere, und eines
Tages schien Oliver etwas aufzuwachen; er ließ eine Bemerkung fallen,
daß er das Boot verkaufen wolle.

„Das Boot!” schrie die Mutter.

Er verbesserte sich und drehte es herum: „Nein, es sei kein Boot
zum Verkaufen da, er würde nichts dafür bekommen, es sei ein alter
Kasten, der nur noch durch den Teer, mit dem er angestrichen sei,
zusammenhänge, er habe es selbst um ein Spottgeld gekauft.”

„Ich muß wohl selbst einmal die Probe machen und hinausfahren,” drohte
die Mutter. „Denn du hast es ja aufgegeben.”

Aber mit dem höchsten Grad von Gleichgültigkeit und Geringschätzung für
die Worte der Mutter ergriff Oliver seine Krücke und hinkte auf die
Straße hinaus.

Feines Wetter! Er schnupperte und spürte die Seeluft. Ein Taubenschwarm
ließ sich auf der Straße nieder, Kinder vergnügten sich mit Seilhüpfen.
Auch Oliver war einstmals Seil gehüpft.

Er wanderte von einem Laden in den andern. „Ei, da kommt Besuch!”
sagten die Leute überall wohlwollend und trugen für den Krüppel
eine Sitzgelegenheit herbei. Er mußte einmal ums andere erzählen,
wie es zugegangen war, als er zu Schaden kam; dadurch bekam er
Übung im Erzählen, und er schmückte die Geschichte immer mehr aus,
besonders machte er interessante Zusätze: von dem Krankenlager, von
dem Aufenthalt im Hospital, da konnte ihn ja keiner der von der Fia
heimkehrenden Kameraden kontrollieren. „Eine der Krankenpflegerinnen
ist nicht abgeneigt gewesen, mich zu heiraten --”

„Warum bist du denn nicht darauf eingegangen?”

„Hätt' ich katholisch werden sollen?”

Aber mit der Zeit machte man nicht mehr viel Aufhebens von ihm in den
Läden. Er war den Leuten nun nichts Neues mehr, nun mußte er sich
selbst eine Sitzgelegenheit verschaffen, oder er mußte mit dem Ellbogen
auf dem Ladentisch stehen bleiben, und niemand fragte ihn mehr nach der
Krankenpflegerin.

So verging einige Zeit, dann hörten die Besuche in den Läden von
selbst auf, er legte sich wieder mehr auf den Fischfang. Johnsen am
Landungsplatz hatte ihn persönlich gebeten, ihm das wenige, was er von
seinem Fang entbehren könne, zu verkaufen. „Jawohl,” antwortete Oliver,
um nicht geradezu nein zu sagen. Dieser Johnsen am Landungsplatz wußte
wohl, was er tat, er war der Reeder, der einen verstümmelten Menschen
von seinem Schiff daheim hatte, in einem Boot konnte er ihn auch ferner
gebrauchen. Aber nein, danke, Oliver aß seine Fische selbst!

Draußen auf dem Wasser traf er den Fischer Jörgen; sie legten ihre
Boote zusammen und schwatzten miteinander. Wovon sollten sie übrigens
schwatzen? Vom Wetter, vom Fischfang und vom Verdienst. Jörgen war ein
Sklave der Arbeit.

„Du liegst hier in der Bucht,” sagte Oliver. „Wenn ich dein Boot hätte,
würde ich weiter hinausfahren. Was verdienst du denn am Tag?”

Das sei sehr verschieden. Bisweilen sei es viel, es gebe gute und
schlechte Tage, bisweilen sei es wenig.

„Nein, das kann ich dir sagen, Jörgen, daß du hier in der Bucht liegst,
gerade wie wir andern Vergnügungsfischer. Von mir will ich nun gar
nicht reden, denn ich bin marode und zu nichts nütze. Aber wenn du
draußen auf dem Meere wärest, dann könntest du Heilbutten und große
Fische fangen.”

„O ja,” stimmte Jörgen bei, „dann könnte ich Walfische fangen.”

Beide lachten, denn dieser Vorschlag von Oliver war ja der reine Spaß
und nur so ein Gerede. Dazu hatte Jörgen ja gar nicht das Boot und die
nötigen Fischgeräte, und er war ja auch nur ein einzelner Mann.

„Wenn wir uns nun aber zusammentäten und uns ein seetüchtiges Boot
anschafften,” sagte Oliver immer noch im Scherz.

Jörgen, der, wie alle andern, geduldig mit dem Krüppel war und sich
über die verschiedensten Dinge in ein Gespräch mit ihm einließ,
sagte: „Ein seetüchtiges Boot, jawohl, und eine große Fischerei,
Tiefmeerleinen, wir könnten den ganzen Fischmarkt an uns ziehen.”
Oliver hatte die Ideen, sie kamen ihm nur so zugeflogen und waren
nicht viel wert, er war in fremden Landen gewesen, hatte Unglaubliches
gesehen und gehört, er hatte Grütze im Kopfe.

„Hier sitze ich und rede,” sagte er, „aber es wird schließlich damit
enden, daß ich mich um eine Stelle beim Leuchtturm bewerbe.”

„Ja, das wäre wohl nicht das Schlimmste, was du tun könntest,” meinte
Jörgen auch.

„Ich weiß es nicht, aber etwas muß so ein maroder Mann wie ich doch
tun.”

„Die Lampe versorgen, das Journal führen, den Seefahrenden in
dunkeln Nächten den Weg zeigen. Wenn du nur jemand hättest, der dich
empfiehlt,” sagte Jörgen.

„Ich glaube, daß ich Johnsen am Landungsplatz wohl dazu bringen kann,
sich für mich zu verwenden. Nun, wollen wir jetzt heimrudern?”

„Nein, ich muß noch eine Weile fischen, denn ich hab' dem Schreiber ein
Gericht Fische versprochen und hab' erst ein paar Stück.”

„Was bekommst du für ein Gericht Fische vom Schreiber?”

Jörgen nannte einen mittleren Preis.

Oliver schüttelte den Kopf über die geringe Bezahlung, dann ruderte er
weiter und fing auch an, für sich noch zu fischen. Er fischte noch eine
Stunde, dann ruderte er mit seiner Beute heim.

Er ruderte und legte sich tüchtig ins Zeug. Es kann ja sein, daß er
sich zeigen und Jörgen mit seinen Kräften überraschen wollte, und
das erreichte er auch. Oliver war eigentlich wie geschaffen, ja, wie
umgeschaffen für ein Leben im Fischerboot; da saß er mit den Rudern,
die wie ein schweres Gewicht hin und her gingen, die Glieder, die er
brauchte, ja, die hatte er. Diese Wahrheit war es vielleicht auch, die
Oliver nach einigen Tagen aufging: Oliver wurde fleißig, fuhr schon
bei Tagesgrauen hinaus und fischte den ganzen Tag; er ruderte weiter
und weiter hinaus und suchte andere Fischgründe auf, kam dann mit zwei
und drei Fischkippen am Tag heim, von denen er einen großen Teil in der
Stadt absetzte. Das Geld legte er zurück.

„Du ruderst ja wie ein Dampfschiff daher,” sagte Jörgen. Und dasselbe
sagte auch Martin vom Hügel, und der war der älteste Fischer im Ort.

„Meint Ihr? O ja. Ich bin nun eben auch auf den verschiedensten Meeren
der Welt gefahren und habe vielerlei gesehen,” versetzte Oliver
selbstbewußt.

Jörgen antwortete darauf mit seiner gewohnten sprichwörtlichen Rede! Es
sei vieles in der Natur verborgen, von dem wir lernen könnten.

Oliver sagte nicht, wohin er wollte, es war kein ganz einwandfreies
Unternehmen, das er vorhatte: er wollte Eier auf den Inseln sammeln.
Vielleicht konnte er bei derselben Gelegenheit auch etwas Treibholz
für daheim ergattern. Es war eine doppelte Spekulation. Und das
erlaubte Unternehmen, Treibholz zu sammeln, mußte das unerlaubte des
Eiersammelns verbergen.



3


Nein, der Fischer Jörgen war ganz und gar kein Spekulant, er war
Fischer, und es hatte sich für ihn gelohnt, sich mit kleinem Verdienst
zu begnügen und seine Bedürfnisse danach einzurichten. Er hatte sein
eigenes Haus und sogar noch etwas darüber, seine drei Kinder waren gut
und wohlgenährt, Jörgen ging es in jeder Beziehung gut.

Lydia ihrerseits war heftig und jähzornig, aber sie war tüchtig, oho,
ein Schermesser und ein Reibeisen, ja eine Säge, ein Hobel und eine
Kratzbürste, jawohl, aber unersetzlich für Mann und Kinder. Die Leute
hatten sie im geheimen ein wenig zum besten, ihre Eitelkeit war sehr
groß, sie putzte sich gerne, es ging fast ins Närrische über, ihre
Kinder waren hübscher als die anderer Leute, sie selbst war hübscher
als die Frauen in ihrer Nachbarschaft. Es war eine Seuche, die ihr von
ihren Mädchentagen her noch anhaftete, sie hatte, als sie noch jung
war, in lauter vornehmen Häusern gedient, zuerst bei Kaufmann Heiberg,
dann mehrere Jahre bei Johnsen am Landungsplatz, gehörte sie da nicht
zu den besseren Leuten! Hatte nicht sogar C. A. Johnsen in jüngeren
Jahren eine Auge auf sie geworfen gehabt! Sie entsann sich dessen ganz
genau, er hatte nichts bei ihr ausgerichtet, o nein, aber das war nicht
seine Schuld gewesen.

Dann hatte sie Jörgen kennen gelernt, und sie hatte ihn drei Jahre
lang hingehalten, ihn aber dann doch geheiratet. Er war nicht gerade
malerisch fürs Auge, hatte kleine, gewöhnliche Züge und ein harmloses
Gesicht, sein dunkler weicher Vollbart war sogar etwas Besonderes.
Allerdings war er ziemlich schwerfällig, war auch kein guter Tänzer,
Gott und jedermann hörte ihn von weitem, wenn er kam und wenn er ging,
das stillsitzende Leben in seinem Boot trug auch nicht zu seiner
Leichtfüßigkeit bei. Aber Jörgen war ein zuverlässiger, ruhiger Mann,
Lydia hatte noch keinen Tag bereut, daß sie ihn genommen hatte.

Jörgen arbeitete; es ging so weit, daß es ihm nicht wohl war, wenn
er des Wetters wegen nicht hinausrudern konnte, und der Frühling und
Frühsommer waren widerwärtige Zeiten mit ihren endlosen Festtagen,
die man feiern mußte, Ostern und Pfingsten waren ihm eine wahrhaftige
Prüfung. Es wäre noch angegangen, wenn er keinen Absatz für seine
Fische gehabt hätte, aber wenn die Stadt auch nur klein war, so litt
sie doch immer an Fischmangel, und die Fischpreise stiegen mit jedem
Jahre. Oliver konnte über den Verdienst spotten, soviel er wollte, der
Fischfang im kleinen war eine gute Versorgung, eine ausgezeichnete
Versorgung. Und Jörgen hatte überdies in einer Zeitung gelesen, daß der
Fischfang von ebenso gesegneter Art sei wie der Ackerbau: es sei ein
Einheimsen des Jahresertrags. Auch er stand im Dienste der Erde.

Aber jetzt mußte man an Land liegen. Endlich waren die großen Festtage
vorbei, sowie auch Christi Himmelfahrt, der siebzehnte Mai und der Buß-
und Bettag, aber Gott schickte Sturm und Unwetter, und das Meer raste,
Gott wollte eine dreiwöchentliche Ruhe im Einheimsen des Meeresertrags
eintreten lassen; wozu das nun gut sein sollte! Jörgen wanderte mit
seinem kleinen Jungen umher, sie wanderten oft, bis sie tropfnaß waren,
sie stiegen auch noch auf die Berge, betrachteten das Meer und zählten
die Dampfschiffe draußen; dann gingen sie zum Boot hinunter, sahen
nach, ob es sicher lag, ob es nicht ausgeschöpft werden mußte. Es war
Jörgen wind und weh bei diesem Müßiggängerleben.

Er begegnete Oliver. Da sie nichts anderes zu tun hatten, setzten sie
sich unter Dach und hielten einen Schwatz miteinander. Oliver war es
nicht wind und weh, ihm ging's körperlich gut, das schlechte Wetter
erlaubte ihm müßig zu gehen, der Fleiß war ihm abhanden gekommen. Es
war eine Lenkung des Schicksals: kaum hatte er sich vorgenommen gehabt,
sich das Geld zu einem neuen Anzug zu verdienen, als auch schon diese
langandauernde, gezwungene Untätigkeit einsetzte und sein guter Vorsatz
wieder dahinsiechte. Das einzige, worüber er sich jetzt grämte, war,
daß er nicht weit hinausfahren und fortbleiben konnte, nun mußte er
gezwungenerweise Tag für Tag daheim sein und sich mit seiner Mutter
herumstreiten.

Im Philosophieren hatte es Oliver allmählich zu einer ganzen
Meisterschaft gebracht. Er war jung, und zuzeiten konnte er
eindringlich und heftig über sein Dasein Reden halten. „Seht nun
einmal, geht denn alles so hübsch und perlenbestickt, wie man uns aus
der Schrift lehrt! Der Olaus vom Wiesenrain hat in einem Jahr einen
Minenschuß ins Gesicht bekommen, und es ist davon ganz blau geblieben.
Im nächsten Jahr, als er auf der Werft Arbeit gefunden hatte, kam ein
Schwengel daher und riß ihm die eine Hand weg. Jetzt trinkt er wie ein
Loch und prügelt sich mit seiner Frau. -- Nimm, wen du willst, Jörgen,
das Unglück kann uns alle verändern und verderben, und wenn wir noch so
sehr Gottes Geschöpfe sind.”

„Ja,” sagte Jörgen.

„Ja, ist es nicht wahr? Und wenn du eine noch so gutmütige Seele bist
und du bekommst eine Kanonenkugel in den Rücken, so wirst du nicht
besser dadurch. Nein, weit entfernt, du wirst gar nicht besser dadurch.
Vielleicht meinst du, du werdest besser, wie?”

„Ach, das ist das, was man eine Züchtigung nennt,” sagt Jörgen
sanftmütig.

„Du bist ein Schaf, Jörgen. Züchtigung? Das kannst du dir selbst
vorsagen, wenn du in ein Unglück gerätst!” -- Oliver war plötzlich
ganz kreideweiß vor Erregung geworden; aber als Jörgen Miene machte,
zu gehen, bereute er seine Heftigkeit, griff in die Tasche und zog
eine Tonpfeife heraus: „Willst du sie haben? Ich hab' sie für dich
mitgebracht.”

„Hast du das Rauchen aufgegeben?”

„Schon lange. Schon seit dem Krankenhaus. Ich hab' sie einmal im
Ausland gekauft. Wenn du sie also gern haben möchtest --”

„Nein. Du mußt sie aufheben.”

Sie gingen heimwärts.

„O, gib dir keine Mühe, dich fromm zu stellen und die Mundwinkel hängen
zu lassen, Jörgen. Nein, du brauchst dir keine Mühe zu geben,” sagte
Oliver in neu aufflammender Heftigkeit. „Mir geht es genau so, wie du
sagst, da hast du also das deine, ich das meine zu tragen. Sieh' nun
zum Beispiel, daß du nicht aufs Wasser hinauskannst, kommt es am Ende
daher, weil du nun so vermöglich bist, daß du gar nicht mehr ertragen
könntest. Ich sag' dir, unser Herrgott rechnet genau -- es ist fast,
als stehle er dir etwas, jawohl.”

Jörgen runzelte die Stirne und öffnete den Mund, wie wenn er antworten
wollte, was auch ihm in diesem Augenblick Ähnlichkeit mit einem
heftigen Menschen verlieh. Aber es blieb bei den Vorbereitungen, und er
sagte kein Wort.

Oliver beruhigte sich und schlug wieder um: „Aber alles steht in
seiner Hand, das weiß ich wohl. Und wenn wir versuchen, nach seinen
Vorschriften zu wandeln, dann haben wir nichts dabei zu tun. Du willst
also meine Pfeife nicht?”

„Du sollst sie nicht weggeben,” sagte Jörgen ausweichend. Aber als er
des Krüppels flehende Miene sah, änderte er seinen Entschluß und sagte:

„Warum soll ich die teure Pfeife haben?”

„Du sollst sie haben!” erklärte Oliver. „Ich gönn' sie dir, ich hab'
die ganze Zeit an dich gedacht. In vieler Beziehung kannst du mir auch
wieder einen Gefallen tun, ich weiß, daß du es tun wirst.”

Das Haus Oliver hatte sich in der letzten Zeit auch mehrere Male
an gefällige Nachbarn um Hilfe gewandt. Oliver selbst hatte sich
zurückgehalten, aber die Mutter ging am Abend, wenn die Läden
geschlossen waren, hin und entlehnte eine Tasse Kaffeebohnen oder einen
tiefen Teller Roggenmehl „bis morgen”. Was konnte die alte Frau alles
entlehnen; an einem Abend mußte sie bei Fischer Martin einen kleinen
Dorsch entlehnen.

Sie hatte öfters Zwistigkeiten mit dem Sohne: „Aber was in aller Welt
hast du denn mit dem Geld angefangen, das du vor dem Sturm verdient
hast?” fragte sie.

„Das solltest du nur wissen!” entgegnete er.

Aber die Mutter war zäh, sie gab nicht nach, bis sie ihn eines Tages
ordentlich gereizt hatte, da kam er und warf das Geld auf den Tisch;
das einzige, was er sich von dem ganzen gerettet hatte, war ein blauer
Schlips. Es war übrigens keine große Summe, o nein, es waren mühsam
zusammengebrachte Sparpfennige von Fisch zu Fisch; aber viel oder
wenig, es war Geld zu einem Anzug und einem Strohhut, nun mußte es
springen. Natürlich hätte er es nicht ausgeliefert, wenn nicht Gott
selbst mit seinem Unwetter dazwischen gekommen wäre und ihn mitten
in seinem guten Vorsatz aufgehalten hätte; mochte das Ganze nun
draufgehen! Er richtete sich keck auf und sagte zu seiner Mutter: „Laß
mich jetzt eine Weile in Frieden!”

Die Mutter war nicht überwältigt: war das alles? „Ja, ich werde dich
sicherlich in Ruhe lassen,” sagte sie. „Aber wenn ich unsere Schulden
bezahlen soll, so weißt du, daß das nicht weit reicht.”

Da äußerte er etwas, was schon lange in seinem Kopfe geglimmt hatte.
„Für mich selbst hab' ich keine Angst, das mußt du nicht glauben.
Kannst du dich durchbringen, dann kann ich's auch.”

„Was meinst du damit?” fragte sie.

„Was ich meine? Ich meine genau das, daß ich ein maroder Mensch bin,
und daß ich nicht meine volle Kraft habe. Hast du denn nicht Augen im
Kopf?”

„Soll ich betteln gehen?”

„Nicht gerade betteln -- nein. Aber könntest du nicht ein klein wenig
Hilfe von der Unterstützungskasse bekommen?”

„Ach so!” erwiderte sie und preßte die Lippen zusammen.

„Sollte das so undenkbar sein? Wo ich doch so marode bin.”

„Marode?” schrie sie rasend. „Jetzt will ich dir etwas sagen. Du willst
nichts tun, du willst nicht das allergeringste leisten. Warum hast du
nicht aufgepaßt und bist gestern hinausgerudert, wo ruhige See war?
Heut' ist wieder hoher Seegang.”

„O, es war auch gestern hoher Seegang.”

„So. Aber kannst du mir sagen, warum Jörgen draußen war?”

„War Jörgen draußen? O, für Jörgen ist das nicht schwer, er hat ein
neues, gutes Boot,” seufzte Oliver.

Schweigen. Aber die Mutter war jetzt sehr aufgeregt und verbarg das
nicht.

„Du verkaufst die Türen vom Haus weg,” sagte sie; „es ist schon viel,
daß du nicht auch die Wände verkaufst! Ich wär' froh, wenn ich unter
der Erde läge!”

„Ja und ich erst!”

„Du!” höhnte sie. „Nein, du liegst im Hause. Ich bin ganz gewiß, wenn
ich von der Kasse etwas bekäme, dann müßte ich dich auch noch ernähren.”

Da brach Oliver über die unvernünftige Rede seiner Mutter in ein lautes
Gelächter aus. „Nein, jetzt schweig nur! Hahaha, beim wahrhaftigen
Gott. Das übrige kannst du jetzt zu dir selber sagen!”

Nach einiger Zeit waren wieder keine Fische zu den Kartoffeln und kein
Holz für den Herd da. Man hatte nur ab und zu einen Tag hinausrudern
können; aber Oliver verpaßte die Gelegenheit, und am nächsten Tag war
die Bucht schon wieder voller Gischt, ja, der Sturm nahm eher zu, als
daß er nachließ. Was sollte nun das bedeuten? Der Himmel war ohne
Gnade, noch nie war der Donner so furchtbar über die Stadt hingerollt.

Oliver warf sich in der Stube von einem Stuhl auf den andern, döste
dann stundenlang vor sich hin, schlief am Tisch, das Gesicht auf den
Armen. Ab und zu griff er mit seinem Stelzfuß nach der Katze aus. Eines
Tages kletterte er aufs Dach hinauf. Oliver war ein alter Matrose, er
wollte wieder in die Höhe hinauf, er machte sich am Blitzableiter zu
schaffen, legte ein paar Ziegel zurecht und stieg wieder hinunter.

Er war jetzt in tiefer Not, regelmäßige Mahlzeiten gab es nicht mehr.
Eines Morgens ging die Mutter fort und kam den ganzen Tag nicht
wieder; als sie auch am nächsten nicht wieder kam, ging Oliver zu
einem kundigen Mann und sagte: „Du mußt mir einen Gefallen tun und
nach meinem Blitzableiter sehen, ich fürchte, ich hab' ihn verdorben,
als ich die Dachziegel richtig legte.” -- „Meinst du, es eile?” fragte
der Mann. -- „Ja, du müßtest schon so gut sein und gleich mitkommen,”
versetzte Oliver. „Es gewittert ja in einem fort, und ich hab' Angst,
der Blitz könnte einschlagen.”

Der Mann ging mit, wie alle andern mußte auch er sich dem Krüppel
hilfreich erweisen.

Oliver blieb unten, und der Mann stieg aufs Dach hinauf. Er redete zu
ihm herunter: „Ja, wenn hier ein Unglück geschehen wäre, dann hättest
du dich bei dir selbst bedanken können!”

„Wieso?”

„Himmel, die Leitung ist ja entzwei! Sie geht bis zum Dach, dann hört
sie auf. Sie leitet ja den Blitz geradeswegs in den Herd drunten
hinein.”

„Ich überlege mir eben, wie gut es ist, daß meine Mutter in dieser Zeit
gerade auswärts zu Besuch ist. Das Unglück hätte dann nur mich allein
getroffen.”

Der Mann setzt eine neue Leitung ein, und als er fertig ist, fragt
Oliver, was es koste. -- „Nichts.” -- „Doch, ich will dafür bezahlen.”
-- „Ja ja, aber es hat Zeit. Wenn du einmal einen kleinen Dorsch übrig
hast, dann kannst du ihn mir geben.” -- „O, dann sollst du ein ganzes
Bündel haben,” sagt Oliver.

O, Oliver redete laut und flott, jemand, der eben vorüberging, sollte
es hören; Petra war's, die eben vorüberging. Man sollte hören, daß er
eben Bezahlung angeboten hatte und daß er gut bezahlen wollte. Ja,
wahrhaftig, Petra ging vorüber, sie ging wohl hinüber nach des Mattis
neuem Haus, seinem eigenen neuen Haus. Oliver stand da. Er hätte
jedenfalls einen neuen Strohhut haben müssen, um ordentlich grüßen zu
können. Nichts hatte er.

Die Mutter kam nicht zurück. Was sie wohl mit sich angefangen hatte, ob
sie wirklich herumwanderte und bettelte? Oliver nahm seine Wanderungen
in die Kramläden wieder auf; er hatte sich nun eine Zeitlang
ferngehalten, es fand sich auch wieder eine Kiste, auf der er ausruhen
konnte, und ab und zu auch ein Schiffszwieback zum Knabbern. Seht, er
aß ja diese steinharten Zwiebacke nur zum Vergnügen, rein des Spaßes
wegen, niemand verwunderte sich wohl darüber, der alte Matrose hatte
noch Geschmack an der Schiffskost, und er hatte prächtige Zähne.

Als er die Runde in den Kramläden gemacht hatte, erweiterte er seinen
Bereich, er wanderte auf den Hügel und bekam beim Fischer Martin eine
Schale Kaffee mit Weißbrot dazu. Sie unterhielten sich übers Wetter,
und Oliver erzählte den Frauenzimmern von seinem Aufenthalt im Spital
und von der Krankenpflegerin: Da sei er ein rechter Dummkopf gewesen,
daß er sie nicht genommen habe, sagte er. Aber die Sache sei die, man
wolle doch am liebsten in der Religion leben und sterben, die man
gelernt habe. Und damals habe er überdies ein Mädchen daheim gehabt,
der er vertraut habe. -- „Ist es vorbei zwischen dir und Petra?”
fragten die Frauenzimmer. -- „Ach, redet mir nicht davon!” erwiderte er.

Er humpelte hinüber nach einem Neubau, der eben eingerichtet wurde,
setzte sich da nieder und schwatzte auch hier eine Weile. Ja, das koste
Geld, das Bauen, das sei wahr und gewiß. Das Gebäude allein, das könne
noch angehen, aber Fenster und Türen, da gehe einem der Atem aus, so
blutig teuer seien sie. „Wenn ihr zwei Türen kaufen wollt, dann hab'
ich zwei besonders schöne.”

Vom Hügel nahm Oliver seinen Weg zum Schreiner Mattis. Dieser war wie
gewöhnlich bei der Arbeit, legte aber den Hobel weg, um für den Krüppel
einen Sitz abzufegen. Sie redeten über den lang andauernden Sturm
zu Wasser und zu Land, ein armer Kerl könne sich wahrhaftig seinen
Unterhalt nicht mehr verschaffen. Aber es gehe dem einen genau wie dem
andern, der Fischer Jörgen und der Martin vom Hügel könnten auch nicht
hinaus.

„Wenn ich meine Pfeife noch hätte, würde ich sie dir schenken,” sagte
Oliver.

„Nein, das hättest du nicht tun dürfen.”

„Doch, sofort! Aber Jörgen hat sie bekommen.”

„Ach so, Jörgen hat sie bekommen?”

„Ja, eine nagelneue Pfeife. Ich hab' sie irgendwo im Ausland gekauft;
doch was ich sagen wollte: Wann willst du dich verändern?”

„Ja, weißt du,” antwortete Mattis wie etwas verschämt, „schon in
allernächster Zeit.”

„Ach so,” sagte Oliver und blieb ganz ruhig dabei. Oliver konnte
sanftmütig und ungeheuer verständig sein, er fand sich in das
Unvermeidliche. Der Schreiner empfand Mitleid mit ihm, er war doch
eigentlich ein Napoleon. Da saß nun Oliver, schaute zu Boden und hatte
wohl einen wehmütigen Augenblick, er hatte die Augen fast geschlossen.
Aber plötzlich lief ein Kräuseln über die ruhige Oberfläche hin, er sah
noch immer zu Boden, aber er deutete mit der Krücke hinaus und sagte:

„Die Türen dort sollt' ich wieder haben.”

Mattis riß die Augen auf und fragte: „Was?”

„Die Türen dort sollt' ich wieder haben.”

„Die Türen? Ach so!”

Oliver schlug langsam die Augen auf und sagte: „Du kannst sie mir
wiedergeben.”

Sie sahen einander starr an, dann sagte Mattis:

„Ich will sehen, daß ich Zeit bekomme, dir zwei Türen zu machen.”

„Nein,” erwiderte Oliver sofort, „entweder diese Türen oder keine.”

War das eine Drohung? Oliver richtete sich auf und stand ganz steif da,
ja, er gebrauchte die Krücke nur als Spazierstock, eine ganz überlegene
Art war plötzlich über ihn gekommen. Seht, so etwas konnte die
Auffassung des Schreiners über den Krüppel wohl etwas verwirren, Mattis
sah eigentlich aus, als verstehe er die Sache gar nicht, es war, als
sei seine große Nase länger geworden. Offenbar fühlte er sich unsicher.

„Nun, die Türen kannst du haben,” sagte er.

„Du tust mir einen großen Gefallen,” sagte Oliver jetzt. Er ließ Mattis
in tiefe Gedanken versunken hinter sich und wanderte heimwärts.

Dann war er wieder wie zuvor. Er saß am Tisch, döste und schlief,
versetzte der Katze ab und zu einen Fußtritt und ließ seine Blicke über
die menschenleere Straße hinlaufen. Die Tage wurden ihm sehr lang. Die
Türen waren eben eingetroffen und standen im Flur, sie waren noch nicht
wieder eingehängt, aber sie standen ganz fertig da. Mattis hatte sie
selbst auf dem Kopfe hergetragen, die eine Tür nach der andern. Der
Schreiner war etwas wortkarg gewesen, das war nicht so ganz behaglich.
Oliver sagte: „Du hast doch ungeheure Kräfte, Mattis.”

Kurz nachher kam auch die Mutter wieder heim. Sie trat ein, grüßte
nicht und gab Oliver nicht die Hand, aber sie sah nicht unfreundlich
aus. „Hast du die Türen wieder bekommen?” fragte sie, und sie fand es
nun wohl schon etwas behaglicher daheim.

„Wo bist du gewesen?” fragte der Sohn.

„O, ich bin ein wenig umhergewandert.”

„Ja, siehst du,” sagte Oliver, „wenn du auch fort bist, so schaff' ich
doch das eine und andere ins Haus. Jetzt hab' ich die Türen wieder
bekommen.”

„Meinetwegen kannst du tun, was du willst, du kannst Türen im Haus
haben oder nicht,” versetzte die Mutter und kniff die Lippen zusammen.

„Ach so, du kümmerst dich nicht darum, wie es hier bei uns ist! Dann
kann der Satan Türen für dich herbeischaffen!”

Oliver richtete sich auf, ergriff seine Krücke und hinkte hinaus. O, er
wollte die Gelegenheit benützen und sich ordentlich in Zorn versetzen!
Er nahm den Weg wieder nach dem Hügel, nach dem Neubau. Während er fort
war, hielt die Mutter eine Mahlzeit. Die Alte hatte, als sie heimkam,
verschiedene Eßwaren unter ihrem Tuch verborgen: Waffeln, Blutpudding,
geräucherte Heringe, Eier, Speck und Brot. Als sie fertig war, packte
sie alles wieder gut ein und verbarg es zu unterst in ihrem Bett.

Als Oliver zurückkam, brachte er einen Mann mit. Der Mann lud sich ein
Türe auf den Kopf und trug sie fort.

Mutter und Sohn sprachen nicht miteinander. Der Mann kam wieder,
holte auch die andere Tür und trug sie fort, er schlug den Weg nach
dem Neubau ein. Jetzt dachte Oliver vielleicht doch, er sei etwas
weit gegangen, und er wollte die Mutter besänftigen. „Wenn du eine
Tür kaufen willst, dann kostet es ein Blutgeld, wenn du sie aber
wieder verkaufen willst, dann bekommst du nicht so viel, daß du eine
ordentliche Mahlzeit damit bezahlen kannst.”

„Aber ich hoffe, du hast die Türen nicht wieder verkauft,” sagte die
Mutter.

„Was soll ich mit ihnen?” rief Oliver. „Und zum Kuckuck, du hast dir ja
auch gar nichts aus ihnen gemacht!”

„Ach, Gott bewahre mich vor dir!” rief die Mutter.

Zuerst hatte er wohl im Sinn, aufzufahren und ihr die ganze Schuld
aufzuladen, er fuhr unnötig hastig in der Stube herum und stampfte mit
dem Stelzfuß. Doch er mußte seinen Verstand gebrauchen, dazu hatte er
ihn.

„Hier, das ist für die Türen!” sagte er und legte das Geld auf den
Tisch. „Du kannst alles miteinander haben.”

Wieder schien die Mutter durchaus nicht überwältigt zu sein; sie
schielte nach dem Geld hin und warf den Kopf zurück.

Oliver fragte gekränkt: „Was -- du meinst vielleicht, ich hätte
das übrige vertrunken? Ich hab' ein klein wenig für die weite Fahrt
zurückbehalten.”

„Welche weite Fahrt?”

„Und wenn ich nun auf Langfahrt gehe, muß ich auch was haben, um mir
einen Imbiß zu kaufen.”

„Ja, jetzt ist wohl das richtige Wetter zu einer Langfahrt!” sagte die
Mutter ungläubig.

„Der Sturm läßt nach, der Wind hat sich gedreht. Übrigens,” murmelte
er, und er war immer noch der, der seinen Verstand gebrauchen mußte,
denn dazu hatte er ihn, „übrigens will ich nicht mit dir streiten.”

„Ach so,” versetzte die Mutter beleidigt.

„Nein, denn es ist doch falsch, wie ich's auch mache.”

Der Kuckuck sollte den Oliver holen, nun fühlte er sich wohl in der
Sache mit den Türen noch gekränkt!



4


Und endlich brach wieder ein schöner Tag an; er hielt sich und noch
einer dazu, es sah aus, als bliebe das Wetter nun beständig.

Oliver ging zum Fischer Jörgen und sagte: „Nun mußt du so gut sein und
morgen dein Boot mit dem meinen tauschen.”

„Aber warum denn?”

„Ich sollte weit hinausrudern und wage die Fahrt nicht in meinem
eigenen Boot. Ei sieh, du benützt die Pfeife! Wie ist sie denn?”

„Die Pfeife ist schon recht.”

„Ja, du mußt sie gebrauchen, denn dir gehört sie.”

Lydia wollte ihm Kaffee geben, aber er hatte selbst Geld in der Tasche
und konnte es sich leisten, das Anerbieten auszuschlagen. „Ich hab'
getrunken, eh' ich daheim wegging. Ja, was meinst du, Jörgen, willst du
mir den Gefallen tun?”

Jörgen blieb keine andere Wahl. Er antwortete: „Ich werd' es wohl tun
müssen. Aber du mußt ordentlich mit dem Boot umgehen.”

Dann fuhr Oliver auf eine Langfahrt hinaus.

An das, was nun geschah, erinnern sich die alten Leute im Städtchen
noch heutigen Tages, es war keine Kleinigkeit. Oliver ging nicht unter,
und er kam auch nicht abermals zu Schaden, nein, er kam mit einem
Schiff heim, mit einem Havaristen, und verlangte seinen Bergelohn.
Allerdings konnte er den Verdienst nicht allein einheimsen; als er
das Schiff draußen vor den Scheren auf dem Wasser treibend fand,
ausgestorben und ohne Mannschaft, mußte er ans nächste Ufer rudern, um
Hilfe zu holen; aber Oliver war der Entdecker, und er war der kundige
Seemann, der das Bergen des Schiffes in die Hand nehmen konnte. Er
setzte die Pumpen in Gang, er barg die Segelfetzen und herabhängenden
Leinen, dann erteilte er den Männern die Befehle beim Bugsieren, und er
selbst stellte sich ans Steuer. Jetzt konnte niemand sehen, daß er ein
Krüppel war.

Wenn er nun eine Kaffeeladung an Land geführt hätte! So gut war es
allerdings nicht, das Schiff hatte Backsteine an Bord, es führte
sozusagen Backsteine als Ballast mit sich, ein dänisches Schiff war's,
das vielleicht nur nach der nächsten Landstadt mit diesen Backsteinen
sollte und dann von einem übermächtigen Sturm ins offene Meer getrieben
worden war. Der alte Kasten war nicht viel wert; aber es war doch
immerhin etwas, ein Fund und ein Geschenk, ramponiert, jawohl, ohne
Rettungsboote, ohne Ansehen, ein stinkender alter Kasten, aber durchaus
kein Wrack. Das Schiff mußte während des ganzen langen Sturmes im
Wasser gelegen haben, es schien wegen Mangel an Proviant von der
Mannschaft verlassen worden zu sein, denn es fand sich fast nichts
Eßbares an Bord.

Da konnte man nun den seltenen Anblick genießen, und der ganze Ort
starrte neugierig auf die spiegelblanke Bucht hinaus. Was war das? Eine
Art Aufzug: Bugsierboot und Schiff, dahinter ein Boot im Schlepptau.
Die Leute schlenderten allmählich zum Bollwerk hinunter, Jörgen kam
herbei und erkannte sein Boot, das Schiff selbst war ihm unbekannt,
aber Oliver stand darauf.

Ja, Oliver stand fest und steif an Bord und übertrieb nicht mit
besonders starken Ausdrücken; aber er erteilte den beiden Fischern,
die er sich zur Hilfe bei der Bergung geholt hatte, Befehle, dann
schickte er einen Mann an Land nach dem Konsul. Jörgen rief Oliver eine
sanftmütige Frage zu, was das für ein Schiff sei, aber er bekam keine
Antwort, denn Oliver hatte viel zu viel zu tun. Olaus vom Wiesenrain,
der sich immer am Bollwerk herumtrieb und ein ungewaschenes Maul hatte,
sagte ganz laut: „Er hat die Schute gestohlen!”

Oliver war aufgebracht, weil der Konsul nicht selbst kam, sondern nur
sein Sohn, der junge Scheldrup. „Wo ist dein Vater?” fragte Oliver.

„Mein Vater? Was ist das für ein Schiff?”

„Geh und hol' deinen Vater! Du kannst dich darauf verlassen, daß er ein
Protokoll aufnehmen und alles an Bord versiegeln muß.”

„Ich frage, was das für ein Schiff ist!”

Oliver befahl ein paar kleinen Jungen am Bollwerk, den Konsul zu holen,
und erst als dies getan war, wendete er sich an den jungen Scheldrup
und erklärte: „Ja, denn dies ist ein Däne und ein Ausländer, soweit ich
es nach verschiedenen Sachen beurteilen kann.”

Dann kam der Konsul, C. A. Johnsen kam selbst, und die Menge machte
ihm Platz. Er kam ein wenig zögernd daher, wie ein Mann, den nicht
jedermann holen lassen konnte; aber er hatte ja auch einen überlegenen
Kopf und verstand schnell alles, ein paar Fragen genügten für ihn.

„Ich komme mit einem seltenen Gast!” äußert Oliver. Der Konsul
heftete seine braunen Augen auf das Schiff, und es machte ihm keinen
überwältigenden Eindruck, es war kein Dampfschiff, es war nicht seine
eigene „Fia”. Er ließ sich durch den jungen Scheldrup Schreibgeräte
kommen und nahm Erklärung und Protokoll auf.

Es dauerte eine Stunde, aber die Menge wartete. Die halbe Stadt war
nun am Bollwerk versammelt, Petra war auch da, ebenso der Rechtsanwalt
Fredriksen. Dieser sagte: „Wer ist der Held, der das Schiff geborgen
hat?” Der junge Scheldrup erlaubte sich einen Scherz und sagte: „Oliver
-- falls Sie eine Rede halten wollen!” Der junge Scheldrup scherzte
auch mit Petra, dieser Grünschnabel fing an, sich etwas zu erwachsen
zu gebärden. -- „In meinen Augen ist das nun eine Seemannstat,” sagte
Rechtsanwalt Fredriksen.

Jawohl, eine Seemannstat! Oliver kam in die Zeitung dafür, und viele
Leute sprachen davon. Oliver selbst machte keine große Sache aus dem
Ereignis, er mußte den Landkrabben alle Einzelheiten erklären, überhob
sich aber nicht, äffte nicht die Honoratioren der Stadt nach und machte
sich nicht lächerlich. Natürlich war Oliver selbst außerordentlich
befriedigt von seiner Mannestat, er ging gleich hin und verlangte
einen neuen Anzug, den hatte er verdient. Samt und Seide waren nicht
nach seinem Geschmack, aber einen blauen Seemannsanzug, den könne
ihm niemand mißgönnen. „Wie es zuging?” sagte er zu den Landratten.
„Ganz genau, wie wenn du auf einem Spaziergang bist und findest einen
goldenen Ring und hebst ihn auf.” Ach, da lachten alle über seine
Scherzhaftigkeit: so leicht war es nun doch nicht, eine Seemannstat
auszuführen! Er war wie ein König, der zu seinem Volke niederstieg und
sich leutselig erwies, und er übersah nicht die andern, die nur daheim
saßen, während er das Schiff barg.

Aber schon nach einigen Tagen mußte er etwas mehr daraus machen; zum
Fischer Jörgen sagte er: „Du weißt, ich wollte Treibholz fangen. Da war
es, als ob jemand zu mir sagte, ich solle weiter hinausrudern, immer
weiter hinaus. Es war genau, wie wenn es mir eingegeben worden wäre.”

Ja, Jörgen nickte nachdenklich bei diesen Worten, denn vieles sei
verborgen in der Natur, meinte er.

„Ach, ich will es durchaus nicht größer machen, als es ist,” sagte
Oliver; „ich hatte nie von einem Havaristen auf dem weiten Meere
draußen geträumt. Aber wie ich da in meinem Boot saß und ruderte, kam
es über mich: Weiter hinaus, weit hinaus! Es ist nun auch so, wie
du weißt, ich bin weit in der Welt herumgekommen und bin von meinem
vierzehnten Jahre an draußen gewesen. Die Weltkugel hab' ich auf der
andern Seite gesehen, deshalb ist es nun fast, als sei ich gar nicht
mehr aus dem Städtchen hier, das kann ich dir sagen. Aber jetzt muß ich
hier leben und sterben, in Gottes Namen, das läßt sich nicht ändern!”

Es war auffallend, wie viel leichtlebiger Oliver wurde. Das zufällige
Glück mit dem Havaristen änderte allmählich seine Ansichten, die
Bitterkeit verließ ihn, er wurde freundlicher, wurde geduldiger. Nein,
er nahm sich nicht zusammen und wurde nicht fleißig und arbeitsam,
wanderte aber in seinem neuen Anzug umher, und die Hose blaffte recht
leer um seinen Stelzfuß, aber er verfluchte sein Unglück nicht mehr.
„Kauf' nur das für mich, was du selbst willst,” sagte er wohl zu seiner
Mutter und war sehr nachgiebig. Eines Tages begegnete er einer alten
Frau, die mit einer Tischdecke herumging und Lose darauf verkaufte.
„Laß mich sehen! Ei, das ist eine feine Decke!” sagte Oliver und nahm
Lose um des guten Zweckes willen. Es war fast eine Art Gottesfurcht,
die über ihn gekommen war.

Es verging wohl eine Woche, dann ging es nicht mehr. Konsul Johnsen
hatte ihm Vorschuß auf den Bergelohn gegeben, aber der Konsul konnte
nicht ohne weiteres das Schiff und die Ladung verkaufen und Oliver die
ganze Summe ausbezahlen. Hatte Oliver gemeint, er könne sich immer
weiter Vorschuß holen? Jedenfalls hatte er wohl gedacht, es werde
länger dauern, alles ging nun so gut, es war eine ausgezeichnete
Zeit, Oliver konnte zum Havaristen hinunterschlendern, ihn jeden Tag
auspumpen und ihn fast als sein Eigentum betrachten.

Aber dann tauchte die Mannschaft auf. O ja, die Mannschaft weit drunten
vom Süden und sie kam gen Norden, der Schiffsführer und drei Mann,
die Herren des Schiffes. O nein, es konnte keine Rede davon sein, das
Schiff zu kassieren, sie fingen gleich an, es auszubessern. Da sie nun
einmal nach Norwegen gekommen waren, wollten sie ihre Backsteine nicht
wieder zurückfahren, sie verkauften sie an den Konsul und beluden dafür
das Schiff mit Holzbalken. Dann machten sie über alles glatte Rechnung
und fuhren ab.

Die goldenen Tage waren vorüber. Oliver saß wieder auf dem Trockenen.
Wie war es eigentlich zugegangen? Jawohl, der Bergelohn, der war
sicher, aber Oliver mußte ihn mit den beiden andern teilen, mit den
beiden Fischern, es machte also für den einzelnen kein Vermögen aus.
„Soll ich nicht einmal den Bruderteil haben?” fragte Oliver. Er bekam
den Bruderteil und außerdem noch eine besondere Bezahlung für das
Pumpen. Aber er hatte alles miteinander schon als Vorschuß bekommen;
ei, wie war das zugegangen?

Diese kurze Zeit des Glücks hatte ihm unglaublich gut getan, aber jetzt
war das vorbei. Er fühlte sich benachteiligt. Was dachte wohl Jörgen
und was dachte Martin vom Hügel? Er ging hinüber zu Mattis, um dessen
Ansicht zu hören.

Mattis war sonderbar an dem Tag, ein Rätsel. Er erwiderte Olivers Gruß
nicht und machte dem Krüppel keinen Sitz zurecht. Eigentlich sah es
aus, als ob er zornig sei; ja, wenn ein Mann mit den Zähnen knirscht
und sich unruhig hin und her bewegt, kann beinahe kein Zweifel über
seine Gemütsstimmung herrschen.

Oliver war von seinen eigenen Angelegenheiten erfüllt: daß er an der
Nase herumgeführt worden, ja, daß er da in eine ordentliche Patsche
geraten sei! „Sieh' nun zum Exempel, ich bin doch der gewesen, der das
Schiff gefunden und geborgen hat, aber was hab' ich dafür bekommen? Es
reut mich nur, daß ich einen einzigen Groschen dafür genommen hab', und
ich werd' ihnen bei Gott das Geld wieder in den Rachen werfen!”

„So schweig doch mit deinem Geschwätz!” schrie der Schreiner plötzlich.

Oliver sah ihn an: er arbeitete wie verrückt, und seine Hände zitterten
vor Aufregung. War er betrunken? Wenn es ihn gelüstete, in Feindschaft
zu geraten, so konnte er das haben. Oliver richtete seinen gewaltig
aussehenden Oberkörper auf.

„Meine Türen will ich wieder haben!” sagte Mattis.

„Wie?” versetzte Oliver. „Was hast du gesagt? Die Türen?”

„Ich will sie wieder haben!” zischte der Schreiner. „Ich hab' dich
dafür bezahlt. Sie gehörten mir, die Türen! Verstehst du mich nicht?”

Bei einer solchen Unvernunft wurde Oliver eine Weile ganz stumm, und
dann antwortete er nur: „Du hast mir die Türen geschenkt. Und das
konntest du schon tun, nach all dem, was wir zusammen gehabt haben.”

Mattis warf das Handwerkszeug weg und richtete sich gerade auf:
„Zusammen gehabt? Ich will nicht das allerkleinste Bißchen mit dir
zusammen haben. Nein. Nicht so viel, als unter den Nagel geht. Was hab'
ich denn davon? Nein, es ist, wie ich gesagt habe: wenn es so ist, daß
die Nasenflügel bei den Menschen heraus- und hineingehen, dann sollst
du nichts mit ihnen zu tun haben. Und zum Kuckuck, ich will nicht mehr,
daß du dich hier bei mir herumtreibst, und meine Türen will ich auch
wieder haben!”

Was für eine Unvernunft! Oliver war in ganz friedlicher Weise
hergekommen und wollte ein wenig Mitgefühl haben, und nun wurde er im
Gegenteil hinausgejagt. „Es muß irgend etwas mit Petra nicht in Ordnung
sein,” dachte Oliver. Er sagte: „Wenn du irgendeine Widerwärtigkeit
und Schändlichkeit von seiten des Weibervolks erfahren hast, so ist es
erst, nachdem ich sie hätte haben sollen. Ich hab' nichts dabei zu tun.”

Der Schreiner nahm seine Arbeit wieder auf und lachte wütend vor sich
hin. „Sie meinten wohl, sie könnten mich jetzt dazu kriegen!” murmelte
er.

„Wovon redest du da?” fragte Oliver.

„O, es ist so fuchsschlau von euch allen miteinander ausgedacht!” fuhr
der Schreiner fort und lachte noch bitterer vor sich hin. „Aber der
Mattis hat sich vorgesehen! Der Mattis will nicht,” sagte er.

Oliver wartete eine Weile mit der Hand auf der Türklinke, ob noch mehr
kommen würde. Zu seiner Verwunderung sah er, daß der Schreiner nun
weinte, sein Körper zitterte. Als Oliver die Tür öffnete, hörte er
hinter sich eine undeutliche Stimme sagen: „Nun kannst du sie haben!
Und ich komm' und hol' mir meine Türen wieder.”

Aber in der langen Zeit hatte sich Oliver nun daran gewöhnt, daß ein
Krüppel mit Rücksicht behandelt wurde, und hier war mit ihm gesprochen
worden, wie wenn er keinen Stelzfuß gehabt hätte! Des Schreiners
Benehmen kränkte ihn, und er mußte sich großen Zwang auferlegen, aber
er überwand sich und sagte: „Du kannst mir den Buckel runter rutschen,
wenn du willst! Meinst du, ich hätte Angst vor dir?”

Der Schreiner ermannte sich, er nahm seine Jacke von der Wand und
sagte: „Ich geh' sofort mit dir und nehm' sie mit.”

Diesem Ernst gegenüber wurde Oliver wieder klein, er riß die Tür weit
auf und ging schnell hinaus. „Ich hab' die Türen gar nicht mehr,”
gestand er, „ich hab' sie auf dem Hügel verkauft.”

Danach wurde es ganz still hinter ihm, der Schreiner war wohl wortlos
stehen geblieben. Mag er dort stehen, mag er da in seinem Türloch
stehen bleiben und keine Worte mehr finden!

Aber Oliver fühlte sich vielleicht nicht ganz sicher; er trieb sich
eine gute Weile in den Straßen herum, ehe er sich heimwärts wendete,
dem Schreiner könnte es ja doch noch einfallen, ihn aufzusuchen.
Wahrlich ein schönes Benehmen einem Krüppel gegenüber!

Da ging Petra über die Straße. Sie sah ihn an und nickte ihm zu. Ja,
es war also etwas mit Petra, was es nun auch sein mochte, sie hatte
wohl den Schreiner nicht haben wollen, nein, nicht den Mattis mit der
Nase. Und hatte er nicht mitten vor den Augen anderer geweint, anstatt
sich als ein richtiger Mann zu zeigen! Oliver fiel es plötzlich ein,
er müßte doch wirklich der Mann dazu sein, jetzt die Langfahrt zu
unternehmen, die auf so merkwürdige Weise abgebrochen worden war.
Aber Jörgen würde sich wohl wieder sperren, ihm sein Boot zu leihen,
die Leute konnten doch recht sonderbar sein! Es war jetzt freilich
vollständig zu spät, Eier zu sammeln, aber er konnte Treibholz finden.
Und man konnte ja nicht wissen, was ihm alles noch widerfahren mochte.
Das Glück konnte auf der Lauer liegen.

Am Nachmittag sah er Petra wieder auf der Straße, und sie nickte ihm
abermals zu. Wie merkwürdig, in den nächsten Tagen sah er sie immer
öfter ganz zufällig, sie, die wochen- und monatelang unsichtbar gewesen
war! Er selbst tat durchaus nichts dazu, ihr zu begegnen, es war der
reine Zufall. Ja, er war wieder mehr ein Mann geworden, hatte ein
Schiff geborgen und war in die Zeitung gekommen. Er trug einen neuen
Anzug und grüßte mit einem gelben Strohhut; aber er lief den Mädchen
durchaus nicht in den Weg und stellte sich nicht zur Schau. Nein, jetzt
war er im Gegenteil darauf versessen, weit hinaus auf Langfahrt zu
ziehen.

Allmählich gab es wieder Zwistigkeiten zwischen ihm und der Mutter, und
eines Tages wurde es geradezu ernst, als die Mutter fragte: „Na, jetzt
soll ich wohl wieder um Unterstützung einkommen?”

„Was geht das mich an?” fuhr er sie an.

„Das sollte dein Vater hören, wenn er am Leben wäre!” versetzte sie,
dem Weinen nahe.

„Wieso?”

„Ja, er war nicht der Mann, der in der Stube saß und faulenzte. Er
schaffte früh und spät und war überdies umgänglich.”

Oliver lächelte spöttisch. Der Vater umgänglich! Jawohl! Das war so
recht frauenmäßig: wenn man tot und begraben war, dann jammerten sie um
den, den sie verloren hatten. Oliver erinnerte sich von seiner Kindheit
her wohl noch an alle die Prügeleien zwischen Vater und Mutter; oho,
das waren keine Kleinigkeiten gewesen!

„Ja, jetzt sitzt du da und pfeifst dir eins,” sagte die Mutter, „und
hast den Schäferhut schief auf dem Kopf und scherst dich um nichts. Ich
möcht' wohl wissen, wie du dir denkst, daß es weitergehen soll.”

„Für mich selbst hab' ich keine Angst,” entgegnete er. „Gott bewahre!
Jetzt fahr' ich wieder aufs Meer hinaus. Im übrigen hab' ich daran
gedacht, mich um eine Stelle beim Leuchtturm zu bewerben.”

Einen großen Eßkober gab es diesmal nicht, aber Jörgen lieh ihm sein
Boot, er nahm Fischgeräte mit, sowie einen Kochtopf, und dann ruderte
er hinaus. Er hatte wohl im Sinn, zum Lebensunterhalt zu fischen. In
den drei Tagen, die er draußen zubrachte, war auch die Mutter abwesend;
sie war einfach fortgegangen; als Oliver heimkam, war das Haus leer.

Er hatte diesmal kein besonderes Glück gehabt, nicht einmal einen
ordentlichen Vorrat für sich hatte er gefangen. Da setzte er einen Topf
mit Kartoffeln auf den Kochofen.

Nun, er war immerhin nicht nur so ins Blaue hineingefahren, sondern
hatte eine tüchtige Ladung Treibholz im Boot und außerdem ganz im
geheimen eine gute Prise Eiderdaunen in der einen Achselhöhle, jawohl,
und es waren träge, sorglose Tage gewesen, die er draußen vor den
Inseln zugebracht hatte.

Nachdem er die Kartoffeln verzehrt hatte, war er ganz befriedigt; er
ging wieder hinunter an das Boot und verkaufte den größten Teil seiner
Holzladung an Leute, die mit einem Krüppel nicht feilschen wollten. Da
hatte er nun wieder bares Geld in der Tasche.

Ein Tag um den andern verging.

Eines Abends erschien Petra. Oliver meinte zuerst, er sehe nicht recht,
sie hatte einen neuen grauen Mantel an, und außerdem konnte doch wohl
Petra nicht zu ihm kommen, ihrem früheren Bräutigam, den sie aufgegeben
hatte. „Ei, was für ein Besuch!” sagte er etwas verlegen.

„Ich wollte nur einmal ein wenig hereinsehen. Wo ist deine Mutter?”

„Du fragst mich, und ich frag' dich.”

„So. Wer kocht denn für dich?”

„Wer sollte kochen!” antwortete er ausweichend. „Was geht das dich an?”
dachte er vielleicht. Da saß sie in einem feinen Mantel, jawohl, aber
er schwänzelte nicht vor ihr. „Was ist das zwischen dir und Mattis?”
fragte er, um sie zurückzuweisen.

„Mit dem Mattis? Wieso?”

„Er hat deinetwegen geweint,” sagte Oliver mit höhnischem Lächeln.

„Meinetwegen? Du scherzest. Um mich weint niemand.”

Da hatte er sie nun ordentlich in die Klemme gebracht, das zeigte ihr
Gesicht; und er sah sie und ihren neuen Mantel noch abweisender an.

„Warum bist du so?” fragte sie, indem sie aufstand.

„Ja ja, das ist nun etwas, das mich nichts angeht,” sagte er, um ihr zu
zeigen, wie fern sie und ihre Angelegenheiten ihm lagen.

„Ich hab' gelesen, was von dir in der Zeitung stand,” fing sie wieder
an.

Nun hätte er wohl dankbar dafür sein sollen, daß sie von ihm in der
Zeitung gelesen hatte, aber nein. Was war nur in Oliver gefahren?
Ganz verändert, ganz wie ausgewechselt, fast ein anderer Mensch war
er geworden. Sie verstand ihn gar nicht mehr und versuchte es auf
verschiedene Weise mit ihm, schließlich fragte sie, ob sie nicht die
Zeitung entlehnen könnte; sie möchte den Artikel gern noch einmal lesen.

Es zeigte sich, daß er das Blatt bei sich trug, er zog es wohl in einer
Tüte eingepackt aus der Tasche und sagte: „Du kannst es mitnehmen, aber
ich will es wieder haben.”

Ein paar Tage später gegen Abend kam Petra wieder in Olivers Haus,
und es war ein Sonntag, da war sie noch feiner angetan. Er hatte sie
vielleicht erwartet, darum hatte er einige treuherzige Vorbereitungen
getroffen: zuerst fegte er den Fußboden und wusch die Ofenplatte,
dann trug er die ungewaschenen Tassen und Töpfe in den Anbau hinüber.
Der Zufall kam ihm auch zu Hilfe. Er hatte wahrhaftig ein paar kleine
italienische Münzen in der Tasche seiner alten Weste gefunden, die
warf er nun auf den Tisch, da konnten sie Staat machen. Dann setzte er
sich an den Tisch, um zu duseln. Als Petra kam, streckte und reckte er
sich gleichgültig.

„Ich bring' dir das Blatt wieder,” sagte sie. Sie konnte das Stück
auswendig und sagte es her; ja, da höre er, was das Blatt sage, es sei
ein ausgezeichnetes Stück, er könne weit in der Welt damit herumrennen.

„Ich bin schon weit in der Welt herum gewesen,” erwiderte er, und der
Kamm schwoll ihm.

„O ja, das fehlt nicht. Wer hat den Fußboden aufgewaschen?”

Was ging das Petra an? Kam sie, um sich über ihn zu erheben? Er
antwortete lauernd: „Die Mädchen.”

„Was für Mädchen?”

„Warum fragst du?” erwiderte er zurechtweisend.

„Ich hätt' es tun können,” sagte Petra. -- Sie sah übrigens nicht
frisch und gesund aus, eher ein wenig unpäßlich, nein wahrlich,
sie strahlte nicht. -- „Wenn es dir recht wär', könnt' ich dir
Kaffee kochen,” sagte sie demütig. „Ich hab' aufs Geratewohl Kaffee
mitgebracht.”

Das erweckte jedenfalls kein Mißfallen bei ihm, aber ... „Nein, du
darfst dir keine Mühe machen,” sagte er.

„Du lieber Himmel! Als ob ich das nicht könnte!” erwiderte sie und
machte sich gleich an die Ausführung.

Es fiel ihm auf, daß sie sich auf einen Stuhl stützte, sich ein paarmal
wegwendete und ausspuckte. „Warum hast du den Mantel an, kannst du den
Mantel nicht ausziehen?” fragte er.

„Es ist nur ein dünner Frühjahrsmantel. Was hast du da für wunderbare
Münzen? Was ist denn das für Geld?”

„Sie sind vom Ausland.”

„Überall bist du doch gewesen!” versetzte sie.

„Sie sind aus Italien. Solches Geld haben sie dort, Soldi. Möchtest du
sie haben?”

„Nein, nein, du sollst dich nicht berauben.”

Er sammelte die Münzen zusammen und warf sie ihr in die Manteltasche.

Dann sprachen sie von seiner Mutter: sie werde wohl bald wieder
heimkommen; von seiner letzten Fahrt vor den Inseln draußen: es sei
gewagt, in einem offenen Boot so weit hinauszurudern. Er holte die
Tassen vom Anbau herein, sie schenkte ihm Kaffee ein, sie selbst habe
eben Kaffee getrunken, sagte sie lachend, und nun könne sie nicht noch
mehr trinken. Sie setzte sich auf einen Stuhl, der helle Schweiß stand
ihr auf der Stirn.

Oliver dagegen fühlte sich allmählich wohl und behaglich; er neckte sie
sogar ein wenig mit dem Schreiner, aber ohne Bosheit, zeigte keinen
Groll, weder gegen sie, noch gegen ihn. „Ja, es ist wohl etwas zwischen
dir und Mattis gewesen?”

„Du schwatzest Unsinn. Zwischen mir und Mattis?”

„Ja, solltest du ihn denn nicht haben?”

„Den Mattis?” Petra schlug die Hände zusammen. Sie verschwor jegliches
Techtelmechtel mit Mattis, sie habe ganz und gar nichts mit ihm zu tun,
ja, sie machte sich sogar über seine große Nase lustig.

„Das ist doch merkwürdig!” sagte Oliver; aber es war ihm gar nicht
zuwider, ihre Versicherungen anzuhören. „Ich hatt' es aber so
verstanden,” fuhr er fort.

Petra sah an ihrem Mantel herunter und murmelte: „Es gibt nur einen,
den ich jemals in meinem Leben gern gehabt hätte.”

Oliver versank in Gedanken, und plötzlich fragte er: „Bist du noch bei
Johnsens in Dienst? Wie ist denn der Scheldrup?”

„Der Scheldrup? Wieso?”

„Ich hab' nur gefragt. Er betrug sich wie ein junger Bengel, als ich
mit dem Havaristen ankam und über alles ein Protokoll aufgenommen
werden mußte.”

„So,” bemerkte Petra nur. Sie füllte ihm seine Kaffeetasse wieder,
setzte sich dann aufs neue und begann: „Ach du, Oliver, was meinst du,
wenn --”

„Was denn, wenn?”

Schweigen.

„Nein, ich weiß doch nicht,” sagte sie und schüttelte den Kopf.
Dann klimperte sie ein wenig mit den italienischen Münzen in ihrer
Manteltasche. „Aber meinst du nicht, es könnte wieder so werden, wie es
früher zwischen uns gewesen ist?”

Die Frage schien keinen besonderen Eindruck auf Oliver zu machen, er
hatte sie wohl erwartet und dachte sich das seinige dabei. „Wie kommst
du darauf?” fragte er.

„Ich hab' es die ganze Zeit gedacht,” antwortete sie.

„Ich bin für niemand mehr etwas nütze,” sagte er.

„Sag' das nicht, du könntest irgendeine Beschäftigung beim Konsul
bekommen.”

„Beim Konsul!” höhnte er. „O nein, aber ich hab' mir schon überlegt,
mich um einen Posten beim Leuchtturm umzutun.”

„Ja, oder auch das. Etwas wird sich schon finden.”

Schweigen.

„Es ist nicht daran zu denken,” begann er wieder. „Ein maroder Mann und
ein leeres Haus. Allerdings zwei Türen zum Einsetzen könnt' ich schon
bekommen, aber ...”

Sie hörte, daß es nicht unmöglich war, und drängte nun nicht weiter in
ihn, aber sie ließ eine Anspielung fallen, sie habe zwei Türen daheim.
Und dann zeigte sie ihm, daß sie seinen Ring noch trug, es sei alles
wie vorher. Unleugbar, Oliver sah sie an und riß die Augen etwas auf,
als sie von dem Ring zu reden anfing, etwas verlegen fühlte er sich
wohl auch, hätte er etwas sagen sollen, so hätte es ein Fluch sein
müssen.

„Haha, ja nun steht wohl ein anderer Name drin!”

„Nein, ich hab' ihn herauskratzen lassen. Willst du' sehen?”

Diese Petra, in manchem und vielem war sie ein Teufelsmädel, tüchtig
und überlegen. Aber das war denn doch fast zu viel. „Solltest du ihm
den Ring nicht zurückgeben?” fragte er.

„Den Ring? Das fehlte gerade noch!”

Da lachte Oliver hellauf, um sich selbst und auch sie aus der
Verlegenheit zu ziehen.

„Den Ring zurückgeben?” sagte Petra. „Da fühl, wie schwer er ist! Er
ist das reine Gold.”

Oliver gekränkt: „Wie du redest! Meinst du, ich hätt' im Ausland einen
Ring aus Messing für dich gekauft? Es ist echtes Karatgold.”

„Ja, das wußt' ich. Er soll nie wieder von meiner Hand wegkommen.”

Aber so leicht sollte es nun auch nicht gehen. Sie meinte wohl, nun
sei sie also wieder mit ihm verlobt, aber sie mußten sich's doch
erst überlegen, erst etwas darüber nachdenken; der Schreiner würde
allerdings nicht daran sterben, er hatte sich ja selbst zurückgezogen,
außerdem war es wirklich ein Streich, den man dem Schreiner, der einen
Krüppel schlecht behandelt hatte, spielen konnte. Aber trotzdem, zu
überlegen war dabei noch vieles.

„Hier sitz' ich!” rief sie und sprang auf, um nach dem Kessel zu sehen.
„Ich sah nicht, daß du ausgetrunken hattest.”

Und Oliver ließ sich einschenken; es war guter, starker Kaffee,
überhaupt brachte Petra ein außerordentliches Wohlbehagen mit, schon
dadurch, daß sie sich beim Einschenken auf seine Schulter stützte. „Wo
dieser Kaffee herkommt, gibt es noch mehr!” sagte sie und setzte sich
auf sein Knie. „Kannst du mich doch noch tragen?”

„Ob ich dich tragen kann!” rief er mannhaft. „Ich kann ebensogut tragen
wie vorher.”

„Da siehst du! Warum sollte es da nicht gehen?” -- Sie schmiegte
sich mit dem Mantel und allem an ihn an; küßte ihn und erinnerte
eindringlich: „Ja, was meinst du, Oliver, willst du mich haben?”

Na, das war nun fast mehr als genug, aber einerlei, alles äußerst genau
abgewogen, war es vielleicht gar nicht dumm. Wie sehr sie es doch
wollte, wie sehr sie es doch wollte!

„Hm!” sagte er. „Wenn ich so hier sitze und mir's überlege, dann glaub'
ich --” hier hielt er inne und ließ einen Augenblick Totenstille
herrschen -- „daß es sich vielleicht machen läßt.”

„Ja,” hauchte sie.

„Da du es willst.”

„Ja,” hauchte sie.



5


Und wieder verging ein Tag nach dem andern, es wurde keineswegs
schlimmer als zuvor. Als Petra einzog, brachte sie das eine und andere
mit ins Haus, und Oliver fischte mit größerem Fleiß als vorher. Eine
gewisse Abenteuerlust verließ ihn nicht; an einem schönen Tage konnte
er in seinem eigenen gebrechlichen Boot weit aufs Meer hinausrudern,
volle vierundzwanzig Stunden fortbleiben und dann erst wieder
heimkommen. In dieser Beziehung war er ein sonderbarer Kauz.

Nein, es ging nicht schlimmer als zuvor, und wenn nicht gerade
wirkliche Not drohte, war Oliver zufrieden. Wie nun, als die Mutter
wieder von ihrer Wanderung heimkehrte; sie kam auch nicht mit leeren
Händen, sondern trug einen Sack auf dem Rücken, Lebensmittel,
Kleidungsstücke. Vor kurzem noch wäre ein solcher Sack der Gegenstand
eines rechten Streites geworden; jetzt aber waren drei im Hause, sie
teilten miteinander, aus Schamgefühl, wenn nicht aus anderen Gründen.
Oliver war als Verlobter tadellos.

Eines Tages kam eine alte Frau daher; Oliver kannte sie und würde
ihr wohl wieder einige Lose abgekauft haben, aber jetzt hatte er im
Gegenteil gewonnen. Die Frau kam mit einer Tischdecke an. „Da siehst
du,” sagte Oliver lachend, „der liebe Gott hat mich nicht vergessen!”

Nun hatten sie eine Tischdecke, und Petra schaffte wahrhaftig Türen
für die Stube und Kammer des Anbaus herbei. In den früheren Jahren,
wenn Oliver von der Reise heimkam, hatte er seinem Mädchen verschiedene
Geschenke mitgebracht. Diese Zieraten kamen nun auch mit, sie standen
alle auf ihrer Kommode, von dem irdenen Hund und dem Spiegel an bis
zu dem weißen Engel und dem mit verschiedenen Hölzern eingelegten
Kaffeebrett.

Nach der Trauung genehmigte sich Oliver ein paar faule Tage und ließ
sich die Reste der Festmahlzeit gut schmecken; dann begann die Mutter
aus alter Gewohnheit, ihn zu ermahnen, auch wieder hinauszurudern.

Und er sagte, er hätte es auch ohne Ermahnung getan, denn er wisse
wohl, was seine Pflicht sei. Wahrhaftig, das Leben war jetzt
besser, als er sich gedacht hatte, Oliver klagte nicht, er war ein
verheirateter Mann und alles, was dazu gehörte, alles war entschieden,
nichts schwebend, nichts zweifelhaft. Es war ein Glück, daß er damals
den Anbau nicht vermietet hatte, da er ihn nun selbst notwendig
brauchte.

Doch siehe, eines Tages schickte Mattis einen kleinen Jungen zu Oliver
und ließ ihm sagen, er habe mit ihm zu reden. Aber Oliver hatte nichts
mehr mit diesem Manne zu reden, durchaus nicht: „Was will er von mir?
Sag' ihm, er brauche sich gar nicht zu mir herzubemühen, sag' das dem
Mann!”

Sie konnten den Schreiner vor ihrem Fenster hin und her wandern
sehen, und er machte kecke Schritte, es sah aus, als ginge er nicht
das erstemal Napoleon entgegen. „Es ist toll genug, auf einen Krüppel
loszugehen,” sagte Oliver jetzt. „Die sollen mit ihm reden, die ein
Hähnchen mit ihm zu pflücken haben,” sagte er in die Stube hinein. --
Da strich sich Petra ein paarmal glättend übers Haar, sie machte sich
hübsch und unwiderstehlich und trat dann auf die Straße hinaus.

Die in der Stube Zurückgebliebenen konnten sehen, daß der Schreiner
zusammenzuckte. Wo war nun seine ganze Mannhaftigkeit? Die beiden
draußen fragen und antworten einander, können sich aber nicht einigen;
wenn sie von den Türen sprechen, dann bitte, aber sie sprechen wohl
von dem Ring. Oliver sitzt am weitesten in der Stube drinnen, er
streckt nur die Nase vor und beobachtet den Auftritt. Jetzt wird der
Schreiner lebhaft, er ermannt sich und sieht Petra gerade ins Gesicht,
er fängt an umherzulaufen, während er redet, er macht förmlich einen
Kreis um sie. Und Petra -- obgleich sie Finnen im Gesicht hat und nicht
besonders hübsch aussieht, so zügelt sie den aufgeregten Mann doch mit
leisen, betrübten Worten. Na, da steht sie vor ihm und lächelt ihn
gar so nett und verführerisch an. Schließlich starrt Mattis mißmutig
zu Boden, und als ihm Petra die Hand reicht, nimmt er sie auch, ohne
aufzusehen; nachdem er sie einen Augenblick festgehalten hat, geht sie.
Dann geht Mattis. Oliver sitzt in der Stube, Mattis tut ihm fast leid.

Und im übrigen tauchten keine andern Unannehmlichkeiten mehr auf.

Keine andern?

O, die Zeit verging ja, und vieles ereignete sich, schlechtes Wetter
verhinderte tagelang jede Ausfahrt. Petra war ans Haus gebunden durch
das Kind, durch den Jungen, den sie bekommen hatte; die alte Mutter
hatte die Sorge fürs Haus aufgegeben; sie wanderte nicht mehr in die
Welt hinaus und kam mit einem vollen Sack heim.

Doch das machte nichts, Oliver litt keine Not, er gedieh, er und die
Katze. O, der alte Kater, er war nichts mehr nütze, er konnte nur
daheim in der Stube herumliegen und sich von den vielen Fischen einen
dicken Bauch anfressen; schließlich glaubten die beiden Frauen, es
sei eine Katze. Und Oliver, saß nicht auch er daheim, war zufrieden
und wiegte das Kind und beobachtete, was auf der Straße vorging.
Seine Hände waren kleiner und seine Haut weißer geworden, auch sein
Gesicht sah hübscher aus. Es ärgerte ihn, daß er keine Möglichkeit sah,
sich eine Pelzmütze für den Winter anzuschaffen; konnte er denn an
Wintertagen mit einem Strohhut hinausrudern? „Kannst du dir nicht einen
Südwester anschaffen?” fragte die Mutter. Der einstmals so flotte blaue
Schlips hatte den Glanz verloren, aber das mußte doch verdeckt werden
können; wenn er nicht aufzufärben ging, konnte ihn Petra wohl wenden.
Doch es zeigte sich, daß die linke Seite ebenso verschossen war. Da
wurde Oliver wie ein wenig übellaunisch und meinte: „Ich denke, du
sagtest damals, ich könnte bei Johnsen am Landungsplatz einen Verdienst
bekommen, wie steht es denn damit?”

Die arme Petra, ja, sie wollte mit dem Konsul reden.

„Warum nennst du ihn immer den Konsul?”

„Wir nannten ihn den Konsul, als ich dort im Hause war.”

„Aber es sind doch noch andere Konsul geworden,” sagte Oliver. „Der
Heiberg ist Konsul, der Grütze-Olsen ist Konsul.”

Ganz richtig, es gab allmählich mehrere Konsuln im Ort, o, so viele
von diesen Vizekonsuln und Konsularagenten, so viele, die sich um die
Knochen balgten, es wimmelte von ihnen in dem Küstenort. Nicht immer
lief es ohne Streit und Mißgunst ab, es wurde im geheimen gearbeitet,
der eine Handelsmann erlaubte dem andern nicht, hinter seinem Rücken
zu florieren. Johnsen am Landungsplatz erlebte es, daß er viele
Gleichgestellte hatte, und was erlebte nicht alles auch Frau Johnsen!
Gott war ihr Zeuge.

Petra war vielleicht in einem besonders ungünstigen Augenblick zu C.
A. Johnsen gekommen, er hatte keine Arbeit für ihren Mann. Oder hätte
es sie vielleicht mehr genützt, wenn sie auch nur eine Spur niedlich
und zart ausgesehen hätte? Die arme Petra, ihr Gesicht war fahl mit
eingefallenen Wangen, und der Konsul sagte glatt weg nein, wahrhaftig,
es sei nichts zu machen. Sie solle es bei einem von den neugebackenen
Konsuln probieren, Gott mochte wissen, wofür die eigentlich Konsul
geworden seien? Ob ihr Mann nicht bei Olsen ankommen und ihm die Grütze
auswiegen könne? Aber es sei sehr richtig von ihr, daß sie zuerst zu
ihm komme, zu C. A. Johnsen, er wolle versuchen, Oliver späterhin eine
Unterstützung zu verschaffen, aber jetzt nicht. Sie solle doch nicht so
niedergeschlagen aussehen, es gebe außer ihr noch andere, denen es in
der letzten Zeit knapp gegangen sei, die Zeiten seien schwierig, das
Dampfschiff _Fia_ habe auch nicht so besonders gute Geschäfte gemacht.
Und warum Oliver denn nicht auf den Fischfang hinausrudere?

Der Konsul betrachtete Petra und ihre Angelegenheit mit guten
braunen Augen, und er wies sie nicht ohne Mitleid ab, aber sie mußte
unverrichteter Sache fortgehen.

Was nun? Was sonst, als daß sich Oliver wieder zusammennahm und wieder
männlich auf den Fischfang auszog, ja, jeden Tag, früh und spät. Er
wollte es ihnen zeigen! Und nie kam er mit einem Fisch zu Johnsen am
Landungsplatz, sondern er ging auffällig vorbei. Als er später mehr
Fische fing, als er tragen konnte, stellte er sich leere Kisten am
Bollwerk zurecht und richtete einen Fischmarkt ein, ein Abenteuer!
Da stand er und war ein Großhändler. Einige Tage lang sträubten sich
die Familien, den weiten Weg nach dem Bollwerk zu machen, da aber
immer Fischnot herrschte, mußten sie sich fügen und zugreifen. Oliver
hatte sehr matte Augen, und wenn man ihn sah, kam er einem fast etwas
aufgedunsen und schwachsinnig vor; aber nicht immer, nicht, wenn es
sich um einen Kniff, einen Streich handelte, da war er schlau genug. Da
stand er nun mit seinen Fischen, er pries sie nicht an, schraubte im
Gegenteil den Preis hinauf und machte ihn unerhört teuer. „Wollt ihr
die Fische? Nicht, dann laßt es nur!” Oliver wußte, daß er die Fische
an die regelmäßig verkehrenden Schiffe verkaufen konnte, und außerdem
wußte er auch, daß anständige Leute mit einem Krüppel nicht so genau
rechnen durften.

Den ganzen Herbst hindurch lebte Oliver mit seiner Familie besser als
je, die Frauen schätzten ihren Versorger und ließen ihm das Beste
zukommen, der Versorger bekam am Abend Sirup auf die Grütze, der
Versorger bekam am Sonntag Waffeln zum Frühstück. Das war nicht mehr
als recht und billig. Er verbesserte seine Stellung, er bezahlte den
Kaufleuten etwas von seinen alten Schulden ab und strich sogar die
beiden Türen des Anbaus an; auch stieg er in fachmännischem Ansehen bei
den Fischern, bei Jörgen und Martin. Da hatten diese alle die Jahre
her die Fische in die Häuser der Stadt geschleppt, ohne zu murren,
bis Oliver daherkam und sie lehrte, hinter einem Tisch am Bollwerk zu
stehen und die Fischpreise zu erhöhen. Sie bedankten sich bei ihm,
weil er das erfunden hatte. „Ja ja, ich bin eben ein wenig in der Welt
herumgekommen,” erwiderte Oliver.

Diese zunehmende Achtung von seinen Nächsten und den andern wirkte auf
Oliver zurück und tat ihm gut. Wenn er von der Tagesarbeit heimkehrte
und am Stubenfenster vorbeikam, konnte er hören, daß es drinnen sofort
lebhaft wurde und daß Petra zu dem Kinde sagte: „Da kommt Vater!” Es
war merkwürdig, wie diese ausgedachten Worte das Kind beruhigten, und
Oliver behauptete sogar, der Junge in der Wiege verstehe sie. Es war
auch gar nicht unmöglich, daß er sie verstand: Die Worte wurden jeden
Tag zu einer bestimmten Zeit wiederholt, und ihnen folgte regelmäßig
ein Knirschen der Tür, ein kalter Luftzug und ein eintretender Mann,
der nach der Wiege hinnickte. Als der Junge ein paar Monate älter
war und allein spielte, konnte kein Zweifel darüber herrschen, daß er
den Ereignissen in der Stube mit vollen Sinnen folgte; seht nur das
Würmchen, den kleinen Racker! Sobald die Mutter das Mieder aufknöpfte,
fing er an zu schmatzen, und wenn die Mutter sagte: „Da kommt Vater!”
richteten sich seine braunen Augen auf die Tür.

Zwischen dem Jungen und Oliver herrschte große Freundschaft. Und als
das Kind die Ärmchen ausstreckte und zu Oliver wollte, da übermannte
den Krüppel die Rührung. Dieses kleine Wesen -- hat man je so etwas
gesehen -- dieses Nichts, dieser kleine Racker, he he, ein verflixter
Kerl, zum Kuckuck! Es wurde vollends schlimm, als der Junge zu weinen
anfing, wenn Vater fortging, das konnte Vater nicht ertragen, er hätte
am liebsten selbst geweint und schrie Petra deshalb an: „Gib ihm die
Brust, hab' ich dir gesagt!” Und darauf lief er mit seinem Stelzfuß zum
Hause hinaus.

O ja, oftmals geriet er mit den Frauen im Hause in Streit über das, was
das Kind verstand und nicht verstand. Er gab sich sehr viel mit ihm
ab, zeigte ihm Bilder und Buchstaben und gab ihm alles mögliche in die
Händchen, um damit zu spielen. Sie waren alle beide Kinder, blödsinnig
und schnurrig. „Ich glaube, du bist verrückt!” schrien die Frauen.
„Gibst du dem Kinde den Kaffeekessel in die Arme!” -- „Ja, worauf soll
er denn klopfen?” fragte Oliver. Er nahm die Zieraten von der Kommode
und trug sie dem Jungen hin; als das Kind einen kleinen Spiegel auf
den Boden schleuderte, sagte Oliver, er selbst habe den Spiegel fallen
lassen und nahm die Schuld auf sich.

Das waren gute Tage! Petra wurde ja auch wieder hübsch und wollte an
den Sonntagen gern ein wenig ausgehen. Ja, sie solle nur gehen, Oliver
habe nichts dagegen, die Großmutter könne auch gehen, er verstehe
nicht, wie gesunde, ruhige Menschen daheim sitzen bleiben möchten.

Er selbst hielt sich in der Stube auf, und wenn das Kind schlief,
döste er am Tisch. Träumte er? Zogen die Erinnerungen aus der früheren
Zeit durch sein schwerfälliges Gehirn? Er hätte wohl Ursache gehabt,
über sein furchtbares Schicksal nachzugrübeln, aber dieses hatte ihn
vielleicht schon stumpfsinnig gemacht.

Dann kam Petra in der Abenddämmerung heim, und es war auch Zeit, denn
nun schrie das Kind, wie wenn es am Spieße steckte. Die Sache aber war
die: Oliver wollte ihn ja lesen lernen, mitten in dem Unterricht jedoch
fing der Junge an zu brüllen, Vater wiegte ihn herrlich auf und ab und
redete ihm gut zu. „So, so, so, es geht schon, du darfst den Mut nicht
verlieren, du lernst es, so wahr ich Oliver Andersen heiße!” Doch der
Junge wollte ja Milch haben, deshalb schrie er, sonst wegen nichts.

Wenn nun Petra nur ein wenig demütig und reuevoll gewesen wäre, weil
sie so lange aufgehalten worden war, aber keine Rede davon! Es war
wohl ein jäher Sturz für sie, da kam sie geradeswegs vom Leben auf der
Straße und wurde daheim mit Kindergeschrei empfangen. So jung noch und
schon so gebunden, so unterdrückt! „Ach, so schweig doch, jetzt bin
ich ja da!” sagte sie zu dem Kinde. Aber sie ließ sich gut Zeit, den
Sonntagsstaat auszuziehen, und dann stand sie vor dem Spiegel und besah
sich von allen Seiten; das war recht widerlich, und Oliver war mehr als
geduldig, daß er ihr nicht die Krücke zu schmecken gab.

Nachdem er ihr eine Weile zugesehen hat, ruft er rasend: „Warum, beim
Satan, nimmst du den Jungen nicht?”

„Warum ich ihn nicht nehme? Jetzt nehm' ich ihn.”

„Ja, -- nachdem er sich ganz blau geschrien hat.”

„Laß ihn schreien! Es handelt sich nicht ums Leben.”

O, es war kein Zweifel, Oliver hätte die Krücke benützen sollen.
Handelte es sich nicht ums Leben? Was für eine Kuh! Aber es handelte
sich ums Essen. Das konnte er gleich sehen: als das Kind das bekam,
was es haben sollte, schwieg es sofort. „Du solltest deinen Verstand
gebrauchen,” sagte Oliver und fühlte sich höchst ehrbar.

O ja, sie verstand es sehr wohl.

Aber Petra warf den Kopf zurück, Petra murrte. Was war das nur?
Verstand sie vielleicht nicht, in was sie sich hineinbegeben hatte?

Sie war kein Mädchen mehr, sie war im Gegenteil verheiratet und
verloren; laß jetzt jede Hoffnung schwinden! Arme Petra, sie hatte in
einer Zwickmühle ordentlich nachgeben müssen, o, was für ein Kreuz
sie auf sich genommen hatte! Sie konnte es nicht tragen, nicht wie
andere aus dem Volke, andere Mädchen trugen auch kein solches Kreuz,
zum Kuckuck, nein! Bei Konsuls war ihr viel anvertraut gewesen, zweimal
hatte man ihr den Lohn erhöht, und Scheldrup war in sie verliebt
gewesen, war es wohl noch. Und da saß sie nun! Ja, auf diese Weise
lehnte sich Petra auf.

„Es ist gerade, als dächtest du gar nicht an den Jungen,” sagte Oliver
wie ein Richter.

„O, ich denke Tag und Nacht an ihn. Soll ich ihn auf den Rücken nehmen,
wenn ich ausgeh'?”

Petra höhnte. Oliver sah sie immer aufmerksamer an, und als nun ihr
Hauch seine Nase erreichte, begriff er besser: sie war da und dort
gewesen und hatte getrunken. Ha, das war großartig, und jetzt hatte sie
Mut und Beredsamkeit bekommen.

„Wo bist du gewesen?” fragte er.

„O, nicht in vielen Häusern.”

„Du bist jedenfalls irgendwo gewesen, und man hat dir zu trinken
gegeben.”

„Merkst du es? Jawohl, ich bin bei Konsuls gewesen. Sie hatten
Gesellschaft, und ich hab' ein wenig geholfen. Frau Johnsen hat mir
eingeschenkt.”

Petra war nicht dem Trunke verfallen, diese Erklärung genügte, wenn
sie wahr war. Wenn sie wahr war! Sie scheute sich nicht vor einer
Notlüge, einer falschen Aussage, im Gegenteil, da sie nicht besonders
erfinderisch war, wurde sie dann liebenswürdig und lieb und frech, und
damit kam sie weit. Oliver mochte es glauben oder nicht glauben, daß
sie bei Konsuls gewesen sei, das änderte nichts an der Sache! Seht, da
sitzt sie nun und stillt das Kind, etwas dumm, aber hübsch und jung,
etwas toll vielleicht, leichtsinnig vielleicht, warum nicht? Nun, sie
war gerade kein Licht, sondern gewöhnlich und unbedeutend, eine Dirne,
aber auch mit guten Seiten, mit Körperwärme, mit einer verflixten
Weiblichkeit. Da kam sie nun heim und war im Hause, sie gehörte Oliver,
sie war etwas Ernährendes, sie hatte Milch in sich, er sah ihre
geschwellten Brüste.

Aber jetzt hatte Petra zu trinken bekommen, vielleicht war sie hungrig
gewesen, als sie trank, deshalb konnte sie nicht mehr als ein Glas
ertragen, dann wurde sie keck; dann wurde sie unfreundlich und
gleichgültig. Seht, wie sie den Jungen wiegt, den kleinen Frank hin und
her schaukelt!

Aber das konnte Oliver nicht leiden, o, das wußte sie sehr wohl. Sie
stritten sich, und Petra blieb keine Antwort schuldig, sie kümmerte
sich auch gar nicht darum, daß die alte Großmutter hereinkam und
zuhörte. „Was,” dachte wohl die Großmutter, „streiten sie sich im
Ernst?” Sie hörte die junge Frau zu ihrem Manne sagen: „Womit kannst
denn du groß tun?”

„Ich?”

„Ja, du. Und daß du dich nicht schämst?”

„Ich bin eben so, wie du mich hier siehst,” versetzte er.

Da lachte sie und erwiderte: „Ja, wenn du wenigstens so wärest!”

Die Großmutter verstand diese Rede nicht, aber sie verwunderte
sich über ihren Sohn, der gar nicht auffuhr. Petras Worte waren so
sonderbar, was sollte das bedeuten? Und Oliver schwieg dazu.

„Was gibt es denn?” fragte die Alte.

Keines von beiden gab eine Antwort.

Plötzlich fragt Oliver unheilverkündend: „Warum bist du denn
hergekommen und hast mich haben wollen? Das versteh' ich nicht.”

Darauf antwortete Petra: „Das müßtest du doch verstanden haben.”

„Ich verstanden haben?”

Schweigen.

Die Großmutter ging durchs Zimmer und zog auch ihren Sonntagsstaat
aus, sie hängte ihn weg, aber sie war ganz Ohr. Was konnte denn Petra
noch von ihrem Manne wissen, was ihm nicht alle Welt ansehen konnte?
Was war das für ein Geheimnis? War er im Gefängnis gewesen oder sollte
hineinkommen? Jetzt fiel der Großmutter auch ein, daß Petra schon seit
längerer Zeit auf ihren Mann stichelte, halb im Scherz, aber doch halb
höhnisch, sie lachte dann und machte unanständige Bemerkungen: er tauge
genau so viel wie der Kater im Hause, er fresse Fische.

Wieder herrschte Schweigen im Zimmer. Das Kind schlief und die
Menschen beruhigten sich. „Was gibt's Neues im Ort?” fragte Oliver, um
Entgegenkommen zu zeigen.

Da Petra nicht antwortete, sagte die Mutter: „Was mich betrifft, so
hab' ich nichts Neues gehört. Ja, jetzt soll eine höhere Schule hier
eingerichtet werden.”

„Was, eine höhere Schule hier?”

„So heißt es. Und sie wollen ein mächtiges steinernes Haus dafür bauen.”

Da es indes Olivers Absicht war, seine Frau mit ins Gespräch zu ziehen,
fragte er sie direkt: „Wer war denn in der Gesellschaft?”

„In welcher Gesellschaft?”

Aha, also das wußte sie nicht mehr. Dann war es wohl Schwindel gewesen.
Er nahm sich vor, morgen darüber Auskunft zu erlangen.

„Ach, du meinst bei Konsuls. Da waren alle die Vornehmen.”

„Waren ihre Frauen auch da?”

„Nein, das heißt, ich weiß es nicht.”

„Dann hast du also nicht aufgewartet?”

„Warum fragst du denn die ganze Zeit?” unterbrach sie ihn lachend.
„Glaubst du mir vielleicht nicht?” O, aber sie war nicht so ganz
ruhig, ihr Lachen klang unecht. Sie balancierten beide, gingen auf
des Messers Schneide. Plötzlich richtete sie sich entschlossen auf,
strich sich übers Haar und scherzte: „Weißt du was, du hättest deine
Krankenpflegerin in Italien nehmen sollen! Dann wärest du ein Mann
geworden!”

Und Oliver erwiderte halb scherzhaft, halb ernst: „Allerdings, und ich
denk' auch mit Reue an die Krankenpflegerin.”



6


Der Winter verging, ein Tag um den andern.

Aber natürlich hatte Oliver keine Ausdauer, sein Fleiß war Kunst, er
wurde des Fischens überdrüssig, und da schob er das Kind vor.

Jawohl, ganz allmählich wurde das Kind vorgeschoben. Wenn er vom
Fischmarkt heimkam, untersuchte er recht geflissentlich das Kind
in der Wiege, überzeugte sich, ob es atmete, horchte eine Weile.
Und er stellte beleidigende Fragen: „Sie haben dir wohl nichts zu
essen gegeben, Frank, sie haben es wohl ganz vergessen?” Im Anfang
lachten ja die Frauen darüber und hielten es für Scherz; aber Oliver
erklärte, er habe im Ernst Angst. Später pflegte er offen das Kind als
Vorwand zu benützen, wenn er nicht hinausrudern wollte: es schreie so
herzzerreißend, wenn er fortgehe.

Seinen Platz am Bollwerk überließ er dem Fischer Jörgen, ja, er bot ihn
diesem selbst an: „Es ist der beste Platz, und du sollst ihn haben. Du
weißt: du und ich, Jörgen!”

Ob er denn nicht mehr fischen wolle?

Nicht, um zu verkaufen, er fische nur noch für sich selbst. Jörgen
könne den Platz jedenfalls den Winter über haben, zum Frühjahr wolle
ihn Oliver dann ja vielleicht selbst wieder. Jörgen bekam überdies noch
eine deutlichere Erklärung: er habe das Herz nicht, seinen kleinen
Frank allein zu lassen, es möge gehen, wie es wolle, das Kind wolle
immerfort bei ihm sein. Es sei merkwürdig mit so einem kleinen Kerl,
und ob Jörgen ihm wohl den Grund angeben könne, warum der Vater der
Mutter und allen andern vorgezogen werde.

Das sei dem Kinde wohl angeboren?

Genau, was er selbst gedacht habe: der Vater sei der Erzeuger des
Kindes, und daran hänge das Kind fest; die Mutter sei nur die Erde, in
die das Kind hineingepflanzt werde. Ob das nicht ganz klar sei? Das
Gras wachse, die Schiffe führen auf dem Wasser dahin, der Himmel habe
Sterne, das sei alles verständlich. Aber das sei nun etwas anderes, und
natürlich könne ihm kein Mensch auf dem weiten Erdenrund erklären, daß
Frank -- daß ein Kind -- „er ist kaum eine Spanne lang und hat schon
Verstand!”

Leeres Gerede, Gedanken vom Backbord zu Schiff. Es war eine
Weiberunterhaltung bei der Häkelarbeit. Aber Jörgen, der wortkarg war,
mußte seine gewöhnliche Erklärung zu Hilfe nehmen: es sei vieles in der
Natur verborgen.

In der Stadt beurteilte man Oliver anders, die Stadt war, wie nicht
anders zu erwarten war, der Ansicht, Oliver müßte für seine Faulheit
auf Wasser und Brot gesetzt werden. Ob das eine Art sei, eines kleinen
Kindes wegen daheimzubleiben, anstatt hinauszurudern?

Aber es ist viel verborgen in der Natur, so auch in Oliver. Diesmal
begründete er also seinen Abfall vom Fleiß auf eine ganz aparte Weise.
Natürlich war er faul, aber hatte er etwa keinen Grund dazu?

Eines Morgens fällt ihm auf, daß Petra beim Kaffeekochen der helle
Schweiß auf der Stirne steht. „Bist du unpäßlich?” fragt er. -- „Ja,”
antwortet sie. Er sagt nichts mehr, er ißt sein Frühstück, rudert zum
Fischen hinaus und kommt erst gegen Abend zurück. Petra ist unleidlich;
es ist, als habe sie Zahnschmerzen, Oliver sieht, wie vorsichtig sie
kaut, sie will keinen Kaffee, kann ihn weder sehen noch riechen, sie
geht umher und spuckt in den Ecken aus. „Ist dir noch so schlecht?”
fragt er. -- „Ja, du hast es ja gehört!” antwortet sie gereizt.

Darauf sieht er sie in höchst zweideutiger Art an, sieht langsam an ihr
herunter, nicht heimlich, sondern ganz offen und gerade, er will, daß
sie es merkt. Als er es getan hat, schlägt sie die Augen nieder und
seufzt.

O, Petra hatte Augen im Kopf, sie hatte verstanden. „Willst du noch
Kaffee haben?” fragt sie und schenkt ihm ein.

Er gibt keine Antwort, er scheint wirklich ganz in tiefe Gedanken
versunken zu sein, er sieht nicht, er hört nicht. Hat er sie mit seinem
Seufzer gerührt? Sie gab sich jedenfalls Mühe, recht still zu sein,
während sie im Zimmer aufräumt. „Trink nun deinen Kaffee, ehe er kalt
wird,” sagt sie.

Da kommt Oliver wie aus weiter Ferne wieder zu sich, o, vielleicht aus
dem Lande der Apfelsinen oder vielleicht aus der Unterwelt; er steht
auf.

Nun hätte alles so ernst und tief verlaufen können, aber ein Zufall
verdarb es wieder. „Ja ja, Frank, jetzt geh' ich,” sagte er zu dem
schlafenden Kinde. Soweit ging alles gut. Doch nun fing er an, sich
über die Hüften zu streichen, fand aber das Gesuchte nicht. „Und dann
komm' ich heut abend wieder zu dir, Frank,” sagte er. Er sucht etwas
auf einem Wandbrett, er öffnet eine Kommodenschublade und findet es
nicht. Dann findet er es endlich in der Wiege -- das Schnitzmesser,
dieses Ungeheuer, dieses Schwert, das er immer auf den Fischmarkt am
Bollwerk mitnahm. Er hatte es am vorhergehenden Abend dem Kinde zum
Spielen gegeben und es dann vergessen. O, das war unglaublich; erst
schlug Petra entsetzt die Hände zusammen, dann brach sie in lautes
Gelächter aus. Olivers Seufzer ging vollständig verloren, wie ein
geschlagener Mann schlich er hinaus an seine Arbeit.

Aber warum dieser ganze Auftritt? Ein gleichgültiges Spiel! Dürfte
nicht eine verheiratete Frau einmal unpäßlich sein und den Kaffee
verabscheuen? Ach, wie das Oliver auf einmal unüberwindlich vorkam,
wie schwer und verzweifelt kam es ihm vor, Gott hatte ihn nicht
verständiger gemacht. Er strich die Segel. Nicht, daß er von diesem Tag
an jemand seine eigene Faulheit zur Last gelegt hätte, er beklagte sich
auch nicht bei andern, nein, das tat er nicht, aber er schob das Kind
vor. So hatte er einen Grund, sich von der Arbeit frei zu machen.

Der Winter verging.

Und es verging mehr als ein Winter -- in Müßiggang und häuslichem
Streit, mit schlechtem Essen, in Lumpen, in Dunkelheit.

Im Frühjahr pflegte Oliver aufzuwachen und bis zum Herbst fleißig zum
Fischen hinauszurudern; dann lebten sie daheim wieder besser, er
bezahlte bei den Kaufleuten für das im Winter geborgte Mehl und für
die Margarine, und so schlugen sie sich durch. Auf diese Weise ging
es auch. Die Achtung, die er sich einmal sozusagen erarbeitet hatte,
ging allerdings flöten, er wurde von den Menschen einfach übersehen und
gering geachtet, was er vielleicht auch verdiente, weiß Gott!

Diesmal bekam Frank ein kleines Brüderchen, ein braunäugiges
Eichkätzchen lag in der Wiege, der Vater nahm das so auf, wie es seine
Pflicht war, und verzweifelte nicht. Er war gegen beide Kinder gut,
aber Frank, der Erstgeborene, war und blieb sein Junge, mit Abel, dem
zweiten, gab er sich nicht viel ab. Sogar auch die Mutter zog Frank
vor, vielleicht, weil er der hübschere war; wenn die Kleider für Frank
zu klein wurden, mußte der Bruder sie weiter tragen, deshalb lief
Abel Jahr um Jahr in zerschlissenen Hosen herum. Nicht, daß Abel sich
darüber gekränkt gefühlt hätte, im Gegenteil, er fand meist noch etwas
in den Taschen dieser abgelegten Anzüge, wenn er sie übernahm, ein
Taschenmesser, eine Pfeife, einen Bleistiftstumpf, Knöpfe, Angeln,
Nägel; diese Sachen tauschte er sofort um andere Dinge ein und ließ
sie vorsichtshalber den Besitzer wechseln. Dies war einer von Abels
Kunstgriffen, sich irdisches Gut zuzulegen. Er hatte übrigens auch
noch andere Kunstgriffe; er tat sich eifrig mit Eduard, dem Sohn des
Fischer Jörgen zusammen, der etwas älter war als Abel und von dem
er deshalb außerordentlich viel lernte; die beiden verdienten sich
ein paar Pfennige durch Besorgungen für andere, durch gelegentliche
Handlangerdienste und durch den einen und andern glücklichen „Fund”.
Einmal „fanden” sie wahrhaftig Kaffee im Lagerhaus des Grütze-Olsen;
wie hätten sie das vermeiden können? Der Kaffee stand da mitten auf
dem Boden und mußte deshalb von jemand vergessen worden sein, ein
ganzer Sack, nur eben geöffnet, die Jungen meinten, er werde wohl
etwas Ordentliches wert sein. Die Taschen reichten nun da eigentlich
nicht aus, aber andererseits waren Taschen auch noch nie so nützlich
gewesen. Auf dem Heimwege stiegen Eduard indes Zweifel auf, ob er mit
seinem Warenanteil nach Hause gehen sollte, Abel aber ging mit dem
seinen geradeswegs in die elterliche Wohnung. Die Mutter erhielt den
Kaffee, sie versprach ihm auch etwas dafür, im übrigen aber verbot sie
ihm, noch mehr Kaffee zu „finden”. Als sich Abel am nächsten Tag im
Lagerraum einfand und etwas mitbrachte, in dem er den Kaffee forttragen
wollte, mußte ihm sein Kamerad eine schändliche Geschichte mitteilen.
Zuerst war Eduard gezwungen worden, sich mit dem Kaffee zu dem Sack
hinzuschleichen, und als er von diesem Gang zurückkam, hatte er Schläge
bekommen. Eduard war nun im Zweifel, ob er seine Eltern noch länger
haben wollte.

Dieser Kaffee, der eine Quelle dauernden Wohlstandes hätte werden
können, brachte übrigens auch Abel Ärger, die Mutter hielt ihr
Versprechen nicht und gab ihm nichts dafür, er versuchte es im Guten
und Bösen, aber nein. Dann ging er zu Oliver, zum Vater, und weinte.

„Wenn man einem Menschen etwas versprochen hat, so soll man es ihm auch
geben,” sagte Oliver rechtlich gesinnt.

„Na,” sagte Petra, „so soll ich ihm also den Kaffee abkaufen, den er
gestohlen hat? Du gibst ihm ja gute Lehren!”

Aber der Vater fühlte sich durch das Ersuchen des Sohnes geschmeichelt,
und da er an diesem Tage reichlich Fische gefangen hatte, schenkte er
Abel eine blanke Krone. „Man soll dir nicht unrecht tun,” sagte er in
Gegenwart aller. Und dank dieser freigebigen Handlungsweise sah sich
Abel instand gesetzt, sich am nächsten Tag eine gebrauchte Angelschnur
zu verschaffen. Er kaufte sie von Olaus am Wiesenrain, von demselben
Olaus, der einen Minenschuß bekommen, davon lauter blaue Flecken im
Gesicht hatte und von dem Tag an keinerlei Schönheit mehr aufweisen
konnte. Später hatte er auch eine Hand verloren. Er trank wie ein
Loch und verkaufte alles, was er hatte, jetzt verkaufte er Abel seine
Fischgeräte.

„Hast du Geld?” fragte Olaus.

„Jawohl,” antwortete Abel, „eine Krone.”

„Eine Krone? Ich verkaufe sie nicht für fünf.”

Sie betrachteten die Angelschnur. Olaus rauchte und spuckte aus.

„Sie ist doch wohl nicht verfault?” fragte Abel und probierte sie.

„Verfault? Eine nagelneue Schnur. Kannst dich daran aufhängen; aber
eine Krone -- nein, zum Kuckuck!”

„Ich hab' nicht mehr als eine.”

„Dann geh nur weiter. Was stehst du denn da mit deiner einen Krone?”

Abel ging.

Olaus rief ihm nach: „Du -- wie heißt du denn -- hast du nicht mehr?”

„Nein.”

„Na, so komm und nimm sie! Aber sie ist fünf wert.”

Jetzt war Abel obenauf. Denn es war ja eigentlich der Fischfang, wonach
den beiden Kameraden, Abel und Eduard, der Sinn stand. Beide waren
schon mit Eduards Vater hinausgefahren, sie kannten die Fischgründe,
aber sie hatten keine Gerätschaften; ihre Väter aber wagten es
nicht, ihnen ihre Schnüre zu leihen und die Kinder auf eigene Faust
hinausfahren zu lassen. Jetzt waren sie, wie gesagt, obenauf. Gegen
Abend ruderten sie in Olivers Boot hinaus.

Nein, wie gespannt sie waren! Geduckt und vorsichtig wie Diebe glitten
sie am Ufer hin, um an der Landzunge vorbei und außer Sicht zu kommen;
sie waren nicht groß, eine Elle hoch, Nichtse, aber sie waren von
ihrer Sache erfüllt und schmiedeten Pläne. Sie wußten ja nicht, was
sie beim erstenmal ergattern würden, aber was sie erlangten, sollte
für Angelschnüre auch für Eduard ausgegeben werden, dann hatte jeder
seine eigene. O, sie verstanden sich auf das Boot, sie konnten rudern
und schaukeln und rückwärtsfahren schon fast solange, als sie gehen
konnten; für das Eichhörnchen und Eduard brauchte man keine Angst zu
haben. Was Abel betraf, so paßte es ganz besonders gut für ihn an
diesem Tag; denn er hatte große Stiefel bekommen, Schaftstiefel. Er war
sehr stolz auf sie, obgleich sie früher seinem Vater gehört hatten und
dann von Frank vertragen worden waren.

Dann fischten sie.

Das heißt, sie ließen Abels Schnur bis auf den Grund hinunter und
zogen sie dann wohl einen Meter hoch wieder herauf; Eduard hielt das
Boot auf derselben Stelle. Hoho, sie wußten alles, sie konnten das!
Ab und zu ließ Abel das Lot wieder bis auf den Grund hinab und zog
es wieder einen Meter herauf; dies geschah, damit sie jederzeit die
richtige Tiefe hatten. Dann ließ er es wieder hinab, aber als er es
hierauf wieder hochziehen wollte, saß es fest. Da saß es fest. Was --
ruder gen Norden, ruder zurück! Versuch es nach Osten, nach Westen! Die
Schnur saß auf dem Grunde fest. „Da, nimm die Ruder und laß mich danach
sehen!” sagt Eduard, der der Größere von beiden ist. Sie fahren hin und
zurück, endlich bewegt sich die Schnur: „Da hab' ich's!” sagt Eduard.
Er holt ein, aber siehe, die Schnur ist leer, sie ist in der Mitte
entzweigegangen, das Lot und der Angelhaken liegen auf dem Grunde des
Meeres.

Sie sehen einander an, sie können es gar nicht verstehen; die Schnur
ging entzwei. „Beim Satan!” sagt Eduard, der der Größere ist. Abel
selbst fluchte nicht, aber als Eduard es tat, drückte er damit auch
seine Herzensmeinung aus. Einander konnten sie keine Schuld an dem
Unglück beimessen, aber der Olaus vom Wiesenrain, der hatte ihnen eine
verfaulte Schnur verkauft! Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als
nach Hause zu rudern.

„Du bekommst deine Krone gewiß wieder,” tröstete Eduard.

„Ich bekomme sie nicht wieder,” murmelt Abel mutlos.

„Nicht wiederbekommen? Ich geh' mit dir!”

„Ja, willst du das?” -- O, Abel verließ sich auf seinen treuen
Kameraden, seinen erprobten Kameraden, und er wurde beherzt. Da saß
Eduard nun, kniff den Mund barsch zusammen und nickte Abel zu, daß er
mitgehen und die Sache in Ordnung bringen werde. Morgen wollten sie
Olaus auflauern, wenn er ans Bollwerk kam, er trieb sich ja immer da
unten herum.

Jawohl, aber Olaus wollte den Handel nicht rückgängig machen. „Weg mit
euch, ihr jungen Mäuse!” Abel begann zu weinen, aber das nützte nichts.
„Es war keine Angelschnur zum Hinunterlassen,” sagte Olaus, „sie war
zum Fischen. Fort mit euch, sag' ich.”

Aber der kleine Eduard war der größere von den beiden Jungen und
in allen losen Streichen wohl erfahren. Die beiden Kameraden
beratschlagten miteinander und kamen überein, in Olaus Pfeife Pulver
hineinzuschmuggeln, so daß er noch einmal einen Schuß ins Gesicht
bekäme. O, diese Gassenbuben, sie waren kaum eine Elle hoch, und schon
hatten sie sieben Teufel im Leibe! Nun also, Eduard kaufte den Tabak,
und Tabak mußte er ohnedies haben, er war also nicht verloren; einen
netten Klumpen Minenpulver holte er sich draußen bei den Wegarbeitern.
Nun war er ausgerüstet, die Kameraden setzten sich aufs Bollwerk und
warteten.

Und es war ein hübsches Päckchen Tabak mit Silberpapier und
Fabrikmarke, hundeteuer übrigens und einladend, geöffnet und zum
Rauchen vollkommen bereit. Das Minenpulver lag dazwischen.

Nun kommt Olaus daher. „Was hast du da für einen Plunder?” fragt er.

„Meinst du meinen Tabak?”

„Ist das Tabak? Laß mich meine Pfeife mal stopfen!”

„Nein, du nimmst ihn mir nur,” versetzt Eduard und machte Miene,
davonzulaufen.

„Dürft ihr kleinen Lausbuben Tabak haben?”

„Und übrigens kannst du deine Pfeife ja gar nicht stopfen, du hast doch
nur eine Hand.”

Olaus sieht ein, daß er möglicherweise keinen Tabak bekommt und sagt:
„Nein, dann stopf sie selbst, hier nimm sie! Was sind denn das für
Narrenstreiche?”

Während Eduard den Pfeifenkopf in den Tabak steckt und den Tabak
hineingräbt, schwatzt Olaus weiter: „Habt ihr Lausbuben Tabak? Woher
hast du ihn?”

„Ich hab' ihn gekauft.”

„Gestohlen wirst du ihn haben. Du solltest mein Junge sein! So, stopf
die Pfeife nun ordentlich voll und sei nicht geizig!”

Eduard gibt ihm die Pfeife zurück, und Olaus soll anzünden.

Jetzt gehen die Jungen zehn Schritt weit weg und betrachten ein Pferd,
das dort an einem Pfahl angebunden ist. Es war etwas Besonderes an
diesem Tier, es sah ganz genau aus wie ein Pferd, war braun, und im
ganzen genommen war durchaus nichts an ihm auszusetzen, aber die Jungen
redeten eifrig hin und her über das Pferd und gaben ihre Meinung
darüber kund. Plötzlich erhebt sich ein Zischen, um Olaus steigt eine
Lohe empor, und die Jungen sehen ihn einen Satz machen. Dann aber
schien ihnen plötzlich etwas anderes höchst Merkwürdiges in einem
anderen Teile der Stadt einzufallen, das sie eiligst betrachten mußten.
Aber sie hörten hinter sich rasende Zurufe: werde euch „einholen” und
„wartet nur!” Abel trug leider große Schaftstiefel und wäre im Anfang
wirklich fast eingeholt worden.

Dies war nicht der letzte lose Streich der beiden Kameraden, und ebenso
waren sie nicht zum letztenmal auf den Fischfang hinausgefahren; es
dauerte nicht lange, da bekamen sie ordentliche Angelschnüre und
durften mit Olivers voller Erlaubnis das Boot benützen. Die Sonntage
waren gute Tage für die Jungen; da es zwischen ihnen keine religiösen
Meinungsverschiedenheiten gab, waren sie ohne weiteres bereit, an den
Sonntagen zu fischen, wo das Boot vom Morgen bis zum Abend unbenutzt
war. Jeder von ihnen konnte mit einem kleinen Bündel Fische heimkommen,
ja wahrhaftig! Die Fische loszuwerden, war keine Sache, ach nein, bei
Doktors bekommen sie nicht nur den verlangten Preis, sondern auch noch
ein wenig darüber, weil die Jungen den Doktor der Familie Johnsen am
Landungsplatz, mit der sie unleugbar auf feindlichem Fuß standen,
vorzogen. Bisweilen bekamen sie auch ein herrliches Butterbrot, das
beste, was ihnen nach achtstündigem Fasten geboten werden konnte. In
der Küche des Doktors wurden sie allerdings wohl auch gefragt, ob sie
Erlaubnis hätten, zu fischen, während die Leute in der Kirche seien;
aber sie schienen mit dem Leben der Gemeinde in der Stadt nicht genau
bekannt zu sein.

Das waren frohe, reiche Tage! Unbändige Wildfänge und unverschämte
Bengel in verschiedenartiger Tätigkeit! Den ganzen Tag hindurch
hell wach und auch im Schlafe voller Erlebnisse. Hatte Abel etwas
Träumerisches und zeigte er eine gewisse Würde? O, keine Spur! Ein
Eichhörnchen, so klein und blitzschnell, o ein Wildfang, alle seine
Glieder in beständiger Bewegung. Man sah ihn gleichzeitig droben
bei der Kirche und drunten am Fjord, er ging nicht, wenn irgendeine
Gelegenheit zum Laufen da war, er hatte es immer eilig, seine großen
Stiefel dröhnten auf der Straße. So war er. Eduard war auch kein
gebrechlicher Bursche, aber er war älter und hatte die Verantwortung,
außerdem bekam er immer daheim genug zu essen und hatte deshalb einen
runderen Körper. Seine Wohlgenährtheit war ihm aber durchaus nicht im
Wege, er konnte merkwürdig beweglich sein, wenn der Apotheker in seinen
Garten herausstürmte und schrie: „Beim Satan, was tust du da droben auf
dem Apfelbaum?” Als Eduard im Ernst in eine Schule ging, nahm er etwas
ab, aber doch nicht so, daß es etwas getan hatte; da war eher Abel der,
der den Nachteil davon hatte; Abel war nun ein recht einsamer, magerer
Bursche. Aus alter Gewohnheit trieb er sich noch immer bei dem Fischer
Jörgen herum, und dort war vor ein paar Jahren ein drittes Mädelchen
angekommen, mit dem er bisweilen spielte; aber den Eduard, seinen
männlichen Freund, den konnte das kleine Ding doch nicht ersetzen,
nein, weit entfernt! Sie hieß Lydia, wie ihre Mutter, Klein-Lydia
also, war für ein Mädel ganz unterhaltend und schon recht, aber doch
unangenehm mit ihrem Geschrei für nichts und wieder nichts.

Ja, Abel war einsam geworden, sein Bruder Frank ging auch in die Schule
und war seiner Lebtage viel zu gelehrt und zu selbstbewußt für Abel
gewesen, sie hatten nie so recht zusammengehalten. Sie stimmten in
ihren Lebensanschauungen schlecht überein; was die Fischerei für den
einen war, bedeutete für den andern Bücher und Zeitungen und feine
Sachen; Frank ging schon vor dem schulpflichtigen Alter in die Schule
und war ein großes Licht. Er sollte Telegraphist oder Bankbeamter
werden; der Ehrgeiz der Mutter ging darauf aus, daß Frank unter bessere
Kinder in die höhere Schule käme und alles mögliche lerne. Jedermann
hat seinen Ehrgeiz; sollte also nicht auch Lydia, die Frau des Fischer
Jörgen, den ihrigen haben? Jawohl, und was noch schlimmer war, ihr
Ehrgeiz war Torheit, und die Stadt lachte darüber: sie meldete ihre
Kinder für die Tanzstunde an. Natürlich wollte Lydia da weit über ihren
Stand hinaus.

Es führte auch nur dazu, daß Henriksens auf der Werft, die
Zollinspektorfamilie und Frau Johnsen am Landungsplatz sich veranlaßt
sahen, ihre Kinder von der Tanzstunde zurückzuziehen -- nein, nicht
wegen der Fischerskinder, o durchaus nicht, aber weil zum Beispiel Fia
Johnsen Bleichsucht bekommen hatte und so mager und aufgeschossen war,
daß sie einem ganz leid tat. Es war Politik in der Sache. Die arme,
zugereiste Tanzlehrerin rang die Hände und grübelte über den Fall nach,
hier stand sehr viel auf dem Spiel; endlich fand sie einen Ausweg. Der
erste Kurs war ja vollzählig -- daß sie das nicht begriffen hatte! --
aber sie wollte noch einen halten, die Nachfrage war so unerwartet groß
gewesen, ja, sie müsse vielleicht noch zwei Kurse einrichten. Da war
doch wohl alles in Ordnung!

Und nun nahm das Tanzen im Ort einen bemerkenswerten Aufschwung; über
Lydia lachte jetzt keine von den Frauen mehr, die Kinder strömten
herbei. Wenn Lydias Kinder dabei waren, warum sollten dann nicht auch
die Kinder des Böttchers und die des Barbiers Holte dabei sein? Noch
niemals hatte die Tanzlehrerin so in die Hände geklatscht, sie hatte
eine Freude fürs ganze Leben und hatte die Tanzpolitik gelernt. Auch
Eduard war angemeldet, auch Frank war angemeldet, weil sein Vater
Oliver zurzeit dem Fischfang oblag und Geld verdiente. „Jawohl, Frank,”
sagte Oliver, „du sollst alles lernen, was gelernt werden kann!” Aber
was Eduard betrifft, so ging er ein einziges Mal in die Tanzstunde,
dann kam er zu Abel und bat ihn, doch hinzugehen und für ihn zu tanzen.
O ja, Abel wollte dem Kameraden gerne den Gefallen tun; da er aber
nicht danach angezogen war und sich auch nicht gewaschen hatte, wurde
er glatt zurückgewiesen; auf diese Weise wurden alle beide frei.



7


Die Stadt erdröhnte vom Tanzen. Waren Zeiten großen Aufstiegs
eingetreten, waren große in Netze eingefangene Heringsschwärme der
Küste entlang zu verzeichnen, oder brauchte England ungeheuer viele
Holzladungen und Tonnage für einen neuen englischen Krieg? Keines von
beiden. Außerhalb der Stadt war alles ruhig.

Die zugereiste Tanzlehrerin war's, die hatte die ganze Gemeinde
verdorben. Sie wurde mit christlichem Widerstand empfangen, es wurden
im Betsaal Versammlungen gegen sie abgehalten, aber es war zu spät, die
Seuche hatte sich schon zu weit ausgebreitet. Sie hatte nicht allein
die Eltern im Hinblick auf die Kinder ergriffen, sie drohte auch die
Eltern selbst anzugreifen. Solch eine ansteckende Seuche! Im Anfang
umklammerte sie hauptsächlich die dienende Klasse, aber dann steckte
sie nach oben an, steckte die bessern Leute im Ort an, sie walzte in
die Eßstube beim Konsul Grütze-Olsen und bei Henriksen auf der Werft
hinein, die Honoratioren der Stadt trällerten Tanzmelodien auf der
Straße.

Vor dem Tanzlokal sah man immer Leute, die zuhörten und sich nach
der Musik unziemlich in den Hüften wiegten und träumten, sie seien
da drinnen mit dabei. Der Polizei-Carlsen tat nichts, er arretierte
niemand. Petra wurde oben auf der dunkeln Treppe zum Saal angetroffen,
da saß sie wehmütig und schamlos und träumte bei den Geigentönen
und dem Fußgetrampel drinnen. Ach, aber Petra träumte ganz und gar
aussichtslos, sie war verheiratet und verloren. Zu allem andern kam
auch noch hinzu, daß sie wieder sehr schwerfällig geworden war und
nächstens nicht mehr stehen, sondern nur noch sitzen konnte. Viele
Jahre lang war es ihr gelungen, nicht dicker zu werden, sie war wie ein
Mädchen und hübsch gebaut, aber nun war auch das vorbei. Sie hätte
daheimbleiben und sich nicht vor den Leuten sehen lassen sollen, aber
dann wurde sie auf der Treppe angetroffen, und Scheldrup Johnsen, der
fand sie da.

„Sitzt du hier, Petra?” fragt er und ist teilnehmend.

„Ja,” antwortet sie. „Nun geh fort, Scheldrup!”

Aber Scheldrup wird nur noch teilnehmender, und da kommt Petra auch auf
die Füße und versetzt ihm eine echte und gerechte Backpfeife, obgleich
er der Scheldrup Johnsen ist. Und gleich war jemand weiter unten auf
der Treppe, der den Knall hörte und heraufkam und das übrige mit ansah:
Daß Scheldrup in den Saal hineinschlüpfte, und Petra weinend die Treppe
hinunter und auf die Straße hinauswankte.

Daran war ganz allein die Tanzmadam schuld, sie hätte in der
Nachbarstadt bleiben können. Und trotzdem hatte sich die Unruhe, die
sie mitgebracht, nicht gelegt, im Gegenteil: mehr als eine Bosheit kam
in den Familien des Orts zum Ausdruck an dem Abend, wo die Schüler
ihren Abschiedstanz hatten; da kochte wilde Eifersucht über Tüll- und
Seidenkleider, und die Eltern waren neidisch auf die Kinder der andern.

Doktors gingen mit Johnsens am Landungsplatz heimwärts; Fia hatte
nun ihren vergnügten Abend gehabt und sollte zu Bett mit ihren müden
Beinen, die Erwachsenen dagegen wollten gerne noch eine Weile beisammen
sitzen. Es gingen übrigens noch mehrere mit, darunter der Rechtsanwalt
Fredriksen, für den sich Frau Johnsen ein wenig interessierte, weil er
sich mit ihr abgab. Auch Henriksens von der Werft wurden eingeladen,
obgleich sie außerhalb des Rahmens waren. „Ja, holen Sie Ihre Frau und
kommen Sie mit, Henriksen! Und Sie auch, Herr Postmeister!” Aber ganz
besonders wurden Doktors höchst formell eingeladen, sie durften nicht
umgangen werden, sie waren die Spitzen, das wußte der Konsul sehr gut.

O, die verborgene Feindschaft zwischen diesen Freunden, diesen
Busenfreunden! Selten kam es zu einem ehrlichen Ausbruch, aber sie war
da, sie glimmte unter der Asche! In lebhafter Unterhaltung wanderten
sie heimwärts, sie gingen zu vier nebeneinander und fegten die Straße,
ab und zu blieben sie stehen und versperrten allem Verkehr den Weg,
wer an ihnen vorbei wollte, mußte zwischen ihnen hindurch schlüpfen. Es
war ein gar herrlicher Sommerabend!

„Ich gratuliere Ihnen zu Ihrer Fia,” sagte die Frau des Doktors. O, ihr
wurde es leicht, unparteiisch zu sein und es nicht mit einem Elternpaar
ganz besonders zu halten, denn sie selbst hatte keine Kinder in der
Tanzstunde, nein, Doktors hatten gar keine Kinder. -- „Fia war so
hübsch heut abend. Aber meinen Sie nicht, ein nettes durchsichtiges
Kleid wäre passender gewesen?”

„Sie wollte ein seidenes Kleid haben,” antwortete Frau Johnsen, „und
außerdem waren genug billige Kleider da. Haben Sie gesehen, wie
Heibergs ihre Alice herausgeputzt hatten?”

Eine andere sagte: „Eine hatte eine schwere Uhrkette an.”

„Das war eine von Konsul Olsens Töchtern.”

„Ja ja, das arme Kind, Grütze-Olsens sind nun eben etwas für sich,” gab
Frau Johnsen nachsichtig zu. Nein, niemals konnte sie Grütze-Olsens
verzeihen, daß auch sie ein Konsulat hatten und reiche Leute waren.
War denn das nicht erfreulich? Es hätte doch eine große Annehmlichkeit
für Frau Johnsen sein müssen, daß sie mit immer mehr Damen von ihrem
eigenen Rang zusammenkommen konnte, aber nein, das ertrug sie nicht.
Und woher hatte sie denn ihre gelbe Gesichtsfarbe? Diese war sehr gelb,
Frau Johnsen hatte wohl einen empfindlichen Magen.

„Um von einem aufs andere zu kommen,” sagte Rechtsanwalt Fredriksen,
der Volksredner, und hielt die ganze Gesellschaft auf. Er redete
so laut an dem stillen Abend, es war wie wenn ein Matrose in einer
Weinstube proletet. -- „Ja, um von einem aufs andere zu kommen. Sind
Ihre Dampfschiffe jetzt auf dem Heimweg, Herr Konsul?”

Es war Konsul Johnsen nicht unlieb, hier antworten zu können: „Ja,
jetzt kommt die _Fia_ heim. Sie ist lange nicht dagewesen.”

„Hätte ich jetzt das Geld, das sie verdient hat!” wünschte Henriksen
auf der Werft. „Das waren keine Kleinigkeiten, o nein!” Wie das Konsul
Johnsen wohltat! Aber er sagte: „Ich antworte darauf, weil Schweigen
mißverstanden werden könnte. Fia hat in Wirklichkeit nicht so sehr viel
verdient. Ich war sehr oft froh, daß ich's aushalten und sie über
Wasser halten konnte. Aber jetzt, in den letzten Jahren natürlich --”

„Oho!” rief Henriksen und schüttelte den Kopf.

„Die Gesellschaftsmoral hat ganz gewiß einen unverdient schlechten
Ruf,” sagt der Doktor plötzlich.

„Wieso?”

Der Doktor fährt fort, als habe er die Frage nicht gehört: „Denn wenn
ein Mann wie Konsul Johnsen sich ihrer bedient, dann muß sie sehr
brauchbar sein.”

„Die Gesellschaftsmoral? Wieso?”

Ein langes, gewichtiges Schweigen entsteht; der Doktor hat keine Lust,
etwas zu sagen, über das man verächtlich lächeln könnte. Und er will
sich auch nicht in eine Erörterung mit Henriksen einlassen, deshalb
äußert er nur im allgemeinen über die Versammlung hin: „Es ist eine
Verleumdung, daß Geschäft und Ausbeutung miteinander verwandt seien.”

„Aber nun hab' ich doch noch nie --!” ruft Henriksen verwundert, und
er zieht die Augenbrauen in die Höhe, ganz genau so, als ob das eben
Gehörte großartig wäre.

Aber nun war ja Konsul C. A. Johnsen unantastbar, vielleicht nicht
in jeder Hinsicht ein Muster, aber ein tüchtiger, großer Mann. Der
Volksmund nannte ihn den Ersten Konsul, zum Unterschied von den
Konsuln, die später gekommen waren und nicht viel bedeuteten.

Konsul Johnsen antwortete: „Geschäft ist Arbeit, die ihres Lohnes wert
ist.”

„Das meine ich auch. Deshalb ist es auch nicht richtig, daß Geschäft
Spekulation genannt wird.”

„Doch, gewissermaßen. Wir spekulieren alle. Ehe ein Doktor Doktor wird,
spekuliert er auch, er denkt sich aus, daß dies sein Lebenswerk sein
soll und strebt danach. Schütteln Sie den Kopf?”

„Jawohl, den ganzen Kopf.”

„Haha!” lacht die Frau des Doktors.

„Medizin, das ist eine Wissenschaft,” erklärt der Doktor. „Aber ob die
_Fia_ wenig verdient oder ob die _Fia_ viel verdient, das --”

„Wollen Sie nicht weiter sprechen?”

„Doch, das ist nicht mehr als billig. Das ist ungefähr so etwas, wie
das Geschäftsverfahren der _Fia_, das die Leute -- Spekulation nennen.
Nach meiner Ansicht mit Unrecht.”

„Dann sind ja alle einig,” versuchte der Postmeister, der immer gute
Mann, einzulenken.

„Ich werde ihm das eintränken für sein ungewaschenes Maul,” unterließ
der Konsul zu äußern. Er gesellte sich unauffällig zu Frau Henriksen
und sprach mit ihr; sie war eine junge hübsche Frau, aus der Tiefe
des Volkes hervorgegangen wie ihr Mann auch, Mutter von zwei kleinen
Mädchen in der Tanzstunde, aber doch noch nicht dreißig Jahr alt.
Konsul Johnsen war ritterlich gegen sie und recht unterhaltend, ja
bisweilen sprach er überaus leise, damit die andern es nicht hören
sollten. Seht, der Konsul hatte es wohl im täglichen Leben nicht so
sehr angenehm und herzerfreuend, er mußte die Gelegenheit benutzen. War
er nicht eine Kraftnatur, etwas ergraut zwar, aber noch ein Mann? Es
ärgerte ihn, daß sein großer Sohn Scheldrup hier dabei war und zuhörte:
„Geh voraus und laß alles herrichten!” sagte er zu Scheldrup.

Ei, und Frau Henriksen? So ungeheuer geehrt durch die Begleitung, die
sie an diesem Abend bekommen hatte und durch all das Schöne, das sie
zu sehen bekommen würde, wenn sie zum Ersten Konsul kam, das war ein
Erlebnis, ein Übererlebnis!

„Wollen Sie mir etwas versprechen?” fragte sie.

Da ritt ihn der Teufel, er wurde keck gegen die Dame und antwortete:
„Ich wage Ihnen kein Versprechen zu geben.”

„Aber -- warum nicht?”

„Ein Versprechen? Ihnen? Ich würde es ja nur halten müssen.”

Da lachte die Dame, und sie dachte nichts weiter, als er sei reizend,
der Erste Konsul sei reizend. Und dann rückte sie mit ihrer Bitte
heraus, ob der Herr Konsul einmal zu ihnen hereinsehen wolle, zu ihnen,
Henriksens auf der Werft, er und seine Frau Gemahlin?

„Kommt ihr nicht?” rief Frau Johnsen, indem sie stehen blieb.

Da war nichts anderes zu machen, sie mußten vorgehen zu den andern.
Aber der Konsul gelobte sich selbst, er wolle mit Frau Henriksen
noch mehr reden, später, wenn ihr Mann von dem Punschbrauen ganz in
Anspruch genommen sei. Dann wolle er der gute Gastgeber sein und sagen:
„Ja, bitte Henriksen, tun Sie ganz, als ob Sie zu Hause wären,” und
sich dann mit Frau Henriksen unterhalten.

Der Postmeister sprach von Nachkommenschaft. Er war ein magerer,
unbedeutender Mann, und man hielt ihn eigentlich für eine recht
verfehlte Existenz. Man hielt ihn auch für fromm, und er pflegte
mit einer recht gedankenvollen Miene zu sagen. „Ja, was soll man
glauben!” Als junger Student hatte er meist von der Kunst geträumt, von
Schlössern und Domen, von Architektur, er kam indes nie soweit, sich
für einen bestimmten Beruf zu entschließen, und landete schließlich
beim Postfach. Jetzt zeichnete er Gotteshäuser und Menschenhäuser in
seinen Freistunden; er hatte den Plan für die höhere Schule im Ort
gezeichnet, das hübsche Haus mit Säulen, das man schon weit draußen im
Fjord am Ufer sehen konnte; er nahm nichts für seine Arbeit, aber die
Stadtverwaltung hatte ihm viel Lobenswertes darüber gesagt. Seine Frau
war in keiner Weise verfehlt, aber keine Schönheit, nur gut und ein
Segen für ihr Heim. Sie war älter als ihr Mann, aber nicht so viel, daß
es etwas ausgemacht hätte. Unter Fremden war sie schweigsam, auch jetzt
zog sie sich zurück und redete nicht von sich selbst.

„Nachkommenschaft,” sagte der Postmeister. Seine Theorie war, daß den
Eltern im allgemeinen weniger Bedeutung zugemessen werden sollte, als
den Kindern. Ja durchaus. Alles sollte sich um die Nachkommen drehen.
„An dem heutigen Abend haben die Eltern leere Wände entlang auf
schlechten Bänken gesessen und doch einen Genuß und eine Festfreude
an ihren Kindern gehabt. Die Mütter sind nicht im Staat gewesen, die
Kinder dagegen sehr fein angezogen. So fein angezogen waren auch einst
die Mütter, als sie kleine Töchter gewesen waren, damals vor dreißig
Jahren, als die Damen ungeheuer weite Kleiderröcke trugen. Du lieber
Gott! dachte ich und erinnerte mich an alte Zeiten.”

„Elegie!” sagte der Rechtsanwalt, der Junggeselle Fredriksen.

„Jawohl, ganz richtig!” erwiderte der kinderlose Doktor. Und da es sich
um den unschädlichen Postmeister handelte, der im Grunde genommen ein
feiner Mann war, wollte er ihm ein paar Worte sagen. „Nachkommen,”
sagte er, „was wollen Sie damit? Ist dies eine Welt, um Nachkommen
hineinzusetzen? Wie lange halten wir uns hier im Leben auf und zu
welchem Zweck, außer für uns selbst? Lassen Sie uns die Zeit ausnützen,
Herr Postmeister, der Tod ist uns auf den Fersen und wird uns gleich
ergreifen. Wir liegen zwischen dem untersten und dem obersten
Mühlstein. Die einen sind weich und nachgiebig, sie werden ohne Murren
zermahlen, andere winden sich, wie Sie, Herr Postmeister, sie drehen
den Kopf zurück und haben Angst für ihr Gesicht -- o, aber in der
nächsten Sekunde sind auch sie schon zermahlen. Es muß ein sonderbares
Gefühl sein, und wir werden dieses Gefühl alle einmal kennen lernen;
wenn es von unten beginnt, muß man ja fühlen, wie die Beine und der
Leib allmählich --”

Als der Doktor nun Beifall erntete, scherzte er weiter, der witzige
Kerl, und brachte alle zum Schaudern: „Schließlich liegt wohl nur noch
ein Stückchen von einem da, das sich vielleicht ganz unabhängig vom
andern bewegt. Alles ist geradezu herrlich, alles ist vollendet.”

Schweigen.

„Es ist so trostlos, dergleichen zu denken,” sagt der Postmeister.
„Aber selbst unter diesen Voraussetzungen ist es gut, man hinterläßt --”

„Nachkommen! Die auch zermahlen werden sollen! O trostlos! Ich weiß
nicht. Was mich betrifft, so hab' ich guten Mut, ich ertappe mich
gelegentlich darauf, mir das Haar über die kahlen Stellen zu streichen
und also meinen Ruin so gut ich kann wieder herzustellen. Dann pfeife
ich drauf.”

„Ja ja,” sagte der Postmeister, der nicht weiter darauf eingehen wollte.

Aber Konsul Johnsen griff nach dem Knochen, wahrhaftig, er wollte
bei soviel Überlegenheit nicht im Rückstand bleiben. „Wenn es keine
Nachkommen mehr gibt, müssen ja die Menschen aussterben.”

„Bitte, das geht mich nichts an.”

„Aber Sie sind ja gerade darauf aus, die Menschen vom Tode zu erretten,
nicht wahr?”

„Herr Konsul, Herr Erster Konsul, wollen Sie Menschen, die sich
zwischen den Mühlsteinen befinden, mit Logik kommen? Wo ist da die
Logik des Lebens, wo die Logik des Weltregiments?”

Da sagte der Konsul: „Ich stelle fest, daß Sie, Herr Doktor, persönlich
für die Ausrottung der Menschen sind, aber Ihr Handwerk, Ihr
Lebensberuf ist es, die Ausrottung zu verhindern.”

Und der Doktor will sich am liebsten einem wenig gebildeten Menschen
gegenüber nicht zu gewandt zeigen, aber der Erste Konsul war ein
so großer Herr geworden, er war zu hoch hinaufgekommen, der Doktor
war gezwungen, ihm zu antworten: „Dies steht wohl etwas über dem
Begriff Geschäft, nicht wahr? Hier handelt es sich um eine Frage der
Lebensanschauung. Wenn ein Arzt über einen Kranken gebeugt steht, dann
tut er es wohl hauptsächlich aus Mitgefühl mit der armen Menschheit.”

„Ach ja!”

„Ja, seufzen Sie nur. Er spekuliert jedenfalls nicht.”

Der Konsul sagte rücksichtslos: „Er verdient seine fünf Kronen. Der
Arzt ist wie wir andern: er spekuliert in fünf Kronen, wenn ich in
Tausenden spekuliere, das ist der Unterschied.” -- Darauf sah sich
der Konsul lächelnd im Kreise um und machte die Sache dadurch noch
peinlicher für die andern.

Der Doktor war gezwungen, mitzulachen; er sagte: „Sie haben uns
ordentlich erhitzt, Herr Postmeister.”

„Ich?”

„Mit Ihrer Nachkommenschaft.”

Da mußte der Postmeister wieder eingreifen. „Ja, aber lieber Doktor,
Nachkommen müssen wir doch haben. Man kann über die Mühlsteine sagen,
was man will, die können nicht unser Ziel sein.”

„Unser Ziel tragen wir in uns selbst. Wenn ich sterbe, ist alles, was
mich angeht, tot. Glauben Sie an Gott, Herr Postmeister?”

„Was sollen wir glauben? Tun Sie es nicht?”

Der Doktor schüttelte den Kopf: „Bin ihm nicht begegnet. Glauben Sie,
er sei von hier?”

„Haha!” lachte die Frau Doktor.

Der Postmeister fragte: „Was für ein Ziel kann das sein, das einer in
sich selbst trägt?”

„Man gestaltet sein Dasein so gut wie möglich. Genießt zum Beispiel.”

„Armes Ziel, kurzes Ziel. Dann ist allerdings sehr richtig alles mit
einem selbst aus. Aber man kann sich ein weiter gestecktes Ziel denken:
Unsere ewige Fortsetzung durch die Nachkommen. Wie denken Sie nun im
Ernst darüber? Ich nehme an, daß Sie bis jetzt mit uns gescherzt haben.”

„Durchaus nicht.”

„Nehmen Sie zum Beispiel mich: Ich bin Postmeister hier in der Stadt.
Die eine Stellung kann dabei so gut wie die andere sein. Aber mit
welcher Hoffnung kann dann der Kinderlose, der selbst nichts Besonderes
geworden ist, sterben? Für mich ist es nun keine Befriedigung, selbst
noch mehr zu werden, im Gegenteil, jetzt freut es mich, wenn ich selbst
nichts Besonderes geworden bin, dann hab' ich meine Gaben für meine
Kinder nicht verbraucht. Sehe ich, ehe ich sterbe, Zeichen davon, daß
meine Kinder mich in allen Dingen überstrahlen werden, dann werde ich,
was ganz natürlich ist, der Allmacht gegenüber von tiefer Dankbarkeit
erfüllt sein. Etwas vom Traurigsten, was ich erleben kann, das sind
demgemäß die Söhne und Töchter großer Männer, die Kinder berühmter
Eltern. Das ist ein traurigerer Anblick, als Kinder ohne Eltern. Von
mir kann man gottlob annehmen, daß meine Kinder, selbst wenn ich noch
einmal so viel geworden wäre, als ich tatsächlich geworden bin, daß
meine Kinder mehr werden als ich. Jawohl, und gerade das wird meine
Hoffnung sein, wenn ich sterbe; daß ich also durch das Emporkommen
meiner Kinder selbst emporgekommen bin. Daß ich nicht Göttersöhne
gehabt habe.”

Die Theorie des Postmeisters sagte niemand zu, es war eine Theorie und
ein Trost für Leute ohne Erfolg, Leute, die wenig im Leben erreicht
hatten, es war nicht für Leute in hohen Stellungen, oho!

„Sie sind ein guter Mann!” sagte der Doktor freundschaftlich. Und
der Konsul war ja wahrlich selbst sehr viel und nicht nur der Vater
seiner Kinder, ja, er konnte sogar noch mehr werden, als er jetzt war,
er stand aufrecht auf freier Bahn, und er hatte etwas im Auge. Aber
Konsul Johnsen wollte auch freundschaftlich gegen den Postmeister
sein und nicht einmal herablassend, er nickte ihm zu und sagte: „Nach
meiner unmaßgeblichen Meinung ist vieles an dem, was Sie sagen, Herr
Postmeister.”

„Nach Ihrer Meinung!” wies der Doktor zurück.

Rechtsanwalt Fredriksen, der bis jetzt mit Henriksen von der Werft
geplagt worden war, warf ein: „Jawohl, Meinung. Wir Junggesellen und
Kinderlose haben doch auch eine Meinung in der Sache.”

Und in demselben Augenblick fürchteten wohl alle, jetzt sei es aus,
niemand werde mehr ein Wort vorbringen können. Der Konsul beschleunigte
seine Schritte, machte seine Haustür auf und forderte die Gäste auf,
einzutreten. „Jedenfalls wollen wir jetzt versuchen, ob wir bei einem
Glas Wein einig werden können,” sagte er lächelnd.

In demselben Augenblick, wo die Gesellschaft hineinging, trat der junge
Scheldrup durch den Küchenausgang auf die Straße. Er machte sich wohl
nichts aus solchen ergebnislosen Diskussionen, wie sie der Postmeister
zuwege brachte. Das konnte ihm niemand verdenken, in seinem Alter ist
das Leben kein Rätsel, die Sommernacht gehört der Jugend.



8


Ältere Leute erinnern sich deutlich an Tage und Daten aus der
Vergangenheit; sie finden es so herrlich, allerlei Kleinigkeiten im
Kopfe zu behalten, als sei das etwas Wertvolles, etwas, das ihnen
einmal nützlich sein könnte. Sie heben auch Zeitungsausschnitte auf.

Jetzt hören die Leute eine fremde Dampfpfeife in der Bucht ertönen.
Das ist keiner der Postdampfer, und es ist auch nicht das kleine
Frachtboot, das jede Woche einmal zu jeder Haustür kommt, deshalb
steigen die Leute auf ihre Hausdächer und halten Ausschau.

„Es ist die _Fia_!” sagen sie. „Seht, wie sie geflaggt hat!”

Und in demselben Augenblick denken sie unwillkürlich an die große
Volksmenge, die an jenem längstvergangenen Sonntag ans Bollwerk
hinuntergewandert war; sie schlagen die Hände über dem Kopf zusammen
und wissen am Alter ihrer Kinder, in welchem Jahr das gewesen ist.
Es war eine wahre Völkerwanderung, dessen entsinnen sie sich wohl,
und damals sollte die _Fia_ nach dem Mittelmeer fahren. Nun kehrt sie
zurück nach den langen Fahrten auf den weiten Meeren, an Bord ist alles
festlich geschmückt, und die Herzen sind wohl von Stolz geschwellt.
Auch der Matrose Oliver Andersen war damals an Bord gewesen.

Jetzt humpelt Oliver ans Bollwerk hinunter, er wirft sich mit dem
Stelzfuß vorwärts, strengt sich an; er ist so unschuldig, zu glauben,
die Kameraden werden nach ihm ausschauen, sie würden ihn als den ersten
am Bollwerk erwarten. Nein, sie erwarten ihn nicht, er ist vergessen.
Sie betrachten von der Reling aus diesen Krüppel und erkennen ihn; aber
sie bezeugen keine Freude, er muß sie zuerst grüßen und zu den alten
Freunden hintreten. Da steht nun Oliver; er ist etwas ergraut, und
sein Haar ist dünn, obgleich er noch ein junger Mann ist, dagegen ist
er merkwürdig dick geworden, mit wahren Hängebacken. Hat er es auf
der lieben Gotteserde so gut bekommen? Ist sein Unglück ein verkapptes
Glück gewesen?

Von der Reling aus werden einige teilnehmende Worte mit ihm gewechselt,
weil er ein Krüppel geworden ist, aber die Matrosen halten sich nicht
mit ihm auf; sie haben wohl keine Zeit, ihre Augen laufen suchend den
Weg hinauf -- gerade jetzt kommt ihr Mädchen, ihre Mutter oder ihre
Frau mit den Kindern, sie müssen sich nun in aller Eile noch ein wenig
putzen, ehe sie da sind.

Natürlich ist auch Olaus vom Wiesenrain mit seiner Pfeife da, und
er ist so, wie er immer war, betrunken und großsprecherisch. Wenn
die Mannschaft der _Fia_ beabsichtigt hatte, sich bei ihrer Heimkehr
aus unglaublich fernen Landen etwas aufzuspielen, so verdarb ihnen
Olaus das gründlich, er bewies ihnen auch nicht das kleinste bißchen
Hochachtung.

„Woher kommt ihr?” fragte er.

„Von einem Lande, das China heißt.”

Das bedeutete für Olaus gar nichts. „Ach so, von China. Ja, die Welt
ist nicht mehr groß,” sagte er, „in alten Tagen, da konnte ein Seemann
sagen, er komme von weit her. In der vorigen Woche liefen hier im Ort
zwei Männer herum und bettelten um Geld und Essen. Ich fragte sie,
woher sie kämen. ‚Von Persien,’ sagten sie. Ja, aus Persien, von dem
wir in der biblischen Geschichte gehört haben und von dem niemand weiß,
wo es liegt. Hast du Tabak für meine Pfeife?”

Man reicht ihm eine Pfeife voll; er bedankt sich nicht, aber er
anerkennt den Tabak, indem er äußert: „Ich hab' schon schlechteren
geraucht.” Und während er eine Landungstreppe mit seinen anderthalb
Armen aufs Schiff wirft, kommandiert er: „Da, faßt an und vertäut sie!”

Das war Olaus. Das Schicksal hatte auch ihn verfolgt, den Einhändigen
mit dem ewig blauen Gesicht, aber ob er dabei dick und ruhig geworden
wäre? Zum Kuckuck nein! Er war nicht dick und tot wie ein Tier, und
ebensowenig hatte er ein blasses Gesicht wie ein Adliger, sondern er
war betrunken und großsprecherisch. Er zehrte von seinen Reserven. Ja,
wozu hat man denn sonst Reserven, als um von ihnen zu zehren?

Oliver steigt an Bord. Das hätte er nicht tun sollen, nein, sie
begrüßten ihn nicht mit Jubel, sie nahmen nur seine ausgestreckte Hand
und sagten das Notwendigste. Alle waren von ihrem Eigenen in Anspruch
genommen. Sollte sich Oliver über Menschen verwundern, die es möglich
machten, aus China zurückzukommen? Der weitgereiste Matrose war ja
selbst dort gewesen, für ihn war nichts neu. Nein, Oliver hätte nicht
an Bord gehen sollen, jetzt hatte er überdies sein Englisch vergessen
und konnte nicht mehr so recht in der Matrosensprache reden. Das
Mannschaftslogis war genau wie früher, ein dunkler, übelriechender
Schacht, obgleich da gespült worden war wie zum Sonntag. Er setzte sich
an den wohlbekannten Tisch und schwatzte und schwatzte da immerfort von
sich; im Anfang hörte man ihm zu, aber sie wollten ihn lieber nach den
Ihrigen am Lande und nach den Honoratioren des Ortes fragen; so gingen
sie wieder auf Deck und schauten nach ihren Angehörigen aus.

Oliver sagt: „Ja, nehmt nun an, daß ich ganz marode bin.”

„Ja du, dir ist wohl der Unterleib ordentlich kaputt geschlagen worden?”

„Was, mir, der Unterleib? Ich bin ein verheirateter Mann mit vielen
Kindern. Eine Trantonne kann einem Mann nicht den Leib zerschlagen.”

„Was für eine Trantonne?” fragt Kaspar.

Oliver denkt nach und wird verwirrt.

„Bist du nicht heruntergefallen und hast einen Querbalken zwischen die
Beine bekommen?”

„Nein.”

So lange hatte Oliver nun von dieser Trantonne geredet, daß er
vielleicht selbst an sie glaubte, aber dann war es also keine Trantonne
gewesen. Was hatte er mit dieser Lüge erreichen wollen? Wollte er etwas
verbergen? Oliver faßt sich und schwatzt weiter. Vom Kapitän sah er gar
nichts, und die Matrosen waren zurückhaltend, o, sie hatten wohl in den
Briefen von Hause von seinem ganzen späteren Lebenslauf Kunde bekommen;
er hatte sich schlecht gemacht, es war genug Klatsch über ihn und sein
Haus im Umlauf. Armer Oliver jetzt, selbst als er aus der Tasche die
Zeitung mit der Seemannstat herauszog und vorzeigte, machte das keinen
größeren Eindruck. Nein, denn jetzt kamen die Angehörigen heran.

In Olivers Augen glimmte es auf. Jawohl, er war dick und wie etwas
geistesschwach, aber bisweilen brach eine rohe Verschlagenheit bei ihm
durch. Er trat zu Kaspar, seinem Freund und früheren Altersgenossen,
und sagte: „Kommt deine Frau nicht, Kaspar?”

„Doch, das wird sie schon,” sagt Kaspar.

„Ja, denn sie ist wohl wieder daheim.”

„Wo ist sie gewesen?”

„Das weiß ich nicht. Sie ist ein Jahr lang fort gewesen. Es hieß, sie
sei im Ausland.”

„Was erzählst du da?” fragt Kaspar unbehaglich berührt.

„Ich? Ach, es ist einerlei, was so ein armer Tropf wie ich sagt. Aber
für dich und die andern kann es doch ganz einerlei sein, ob eine
Trantonne oder ein Balken mich kaputt gemacht hat.”

„Ja, das ist wahrhaftig einerlei,” sagt jetzt auch Kaspar. „Was hat sie
denn im Ausland getan?”

„Es heißt, sie sei Kajütjungfer auf einem Schiff gewesen.”

„Nein, denn ich hab' jedes Jahr von hier aus Briefe von ihr bekommen.”

„Ja ja,” sagt Oliver.

Auf dem Heimwege begegnet er Kaspars Frau; sie ist im Staatsgewand,
sieht unschuldig aus und ist auf dem Wege, ihren Mann abzuholen. Im
Vorbeigehen sagt Oliver zu ihr, daß ihr Mann auf sie warte; aber ob die
Frau nun zu geputzt und zu unschuldig war, um Oliver etwas zu erwidern
-- sie eilt nur an ihm vorüber.

Oliver geht heim in sein Haus und zu seiner Familie. Der Besuch an Bord
der _Fia_ war entschieden ein Mißgriff gewesen. O, Glück auf die Reise,
er würde nicht öfters hingehen. Und was Kaspar und seine Frau betraf,
so erwartete er nicht viel von dieser Seite: hier war ein ganzer Ort
Mitwisser. Überdies war ein Krüppel durch seine eigene Elendigkeit
geschützt, selbst wenn er ein paar Eheleute aufeinanderhetzte.

Er setzt sich an den Tisch und fängt an, über die Mannschaft auf der
_Fia_ zu schimpfen, sie sei lauter Pack, er hätte jeden einzelnen
durchprügeln sollen, damals, als er noch seine volle Körperkraft hatte.

Petra erwidert nichts, sieht nicht nach der Seite, wo er sitzt, so
überdrüssig ist sie seines Geschwätzes und seiner Person. O, dieser
Fettklumpen auf dem Stuhl dort, er schnauft, er hat einen regelrechten
Anzug an, er hat Knöpfe am Anzug, auf dem oberen Ende sitzt ein
Hut schräg auf dem Ohr. Sie kannte alles in- und auswendig, seinen
Stelzfuß, der absteht und das kleine Zimmer versperrt, seine Reden,
seine Lügen, seine Großmäuligkeit, seine Stimme, die einer Frauenstimme
immer ähnlicher wird, die matten wasserblauen Augen, den allzeit
feuchten Mund! Mit jedem Jahr verfiel er sozusagen mehr, nur sein
Appetit war immer derselbe. Und es gab nicht immer Essen genug.

Merkwürdig! Das Leben in der Stadt ging seinen Gang, und es war sogar
stark im Aufschwung begriffen. Als die Tanzlehrerin ihre Arbeit getan
hatte und abgereist war, wurde jeden Samstagabend im Rathaussaal
getanzt, und ebenso deutlich zeigte sich der Aufschwung in den Kleidern
und in der Lebensweise der Leute. Aber bei Oliver und Petra ging nichts
aufwärts, nein, nur abwärts ging's, ganz herunter ging's. Hatte nicht
der verrückte Mann die Zieraten auf der Kommode verkaufen wollen, den
weißen Engel und das Sparschweinchen vom Ausland? Dann eines Tages
im Winter ging Oliver in die Stadt und verkaufte das Haus, in dem er
wohnte. Es war ein gewissenloses Tun.

Schon mehr als einmal hatte er das Haus verkaufen wollen, der
Rechtsanwalt Fredriksen, dem es gehörte, würde einem Krüppel gegenüber
doch wohl ein Mensch sein. Aber Rechtsanwalt Fredriksen dachte wohl, er
habe Oliver schon genug geholfen, als er ihn mit seiner Bemerkung über
die Seemannstat berühmt gemacht hatte; warum tat er nicht noch mehr
Großtaten? Das Haus verkaufen, das Haus eines andern --

Oliver wurde einfach verklagt.

Seht, dieser Oliver Andersen hätte ja von Rechts wegen längst
hinausgeworfen werden müssen, aber die Stadt beschützte den Krüppel.
Jetzt hatte er sich endlich selbst durch ein Verbrechen jegliches
Schutzes verlustig gemacht.

Oliver stapfte zum Rechtsanwalt und bat um Gnade, der Handel solle
rückgängig gemacht werden, das Ganze sei also fast ungeschehen. Es half
aber nichts, der Rechtsanwalt wollte die Gelegenheit benützen, das Haus
leer zu bekommen. Nein, es half nichts, bis Petra zum Rechtsanwalt
ging und recht hübsch bat; aber auch Petra gelang es nicht gleich beim
ersten Male.

Das war ein Zustand, die Heimat dicht vor dem Abgrund. Was war dabei,
wenn sich Petra da von Hause fortschlich und sich auf die Treppe des
Tanzsaales setzte, um in einer Abendstunde ein wenig selig zu träumen!
Oliver, der Mann, krepierte nicht vor Scham und Not, im Gegenteil,
er tat noch groß und schimpfte über den Rechtsanwalt, über den
Leuteschinder, der sich einem Krüppel gegenüber nicht als Mensch zeige.
Na, einerlei, wenn Oliver um das Geld für das Haus betrogen werde, dann
sei er dadurch nicht mehr ruiniert als vorher; es fehlte ihm durchaus
nicht an Auswegen, wenn er daheim saß und mit seiner Familie redete.
Den Platz beim Leuchtturm, nein, den hatte er aufgegeben, aber wer
könne ihn daran hindern, sich einen Rollwagen anzuschaffen und in den
Gemeinden herumzufahren? Oder wie, wenn er in eine große Stadt führe
und auf der Drehorgel spielte?

„Ja,” sagte Petra, „das solltest du nur tun!”

„So. Und wovon solltest dann du und die Familie leben?”

Ja, wovon sollten sie leben? Vielleicht konnte er so viel verdienen,
daß er etwas Geld heimschickte. Aber da hatte Petra ihre Zweifel. Auch
die Großmutter zweifelte daran, ja, sie sagte gerade heraus, Oliver
werde wohl den ganzen Verdienst aufessen.

So wurde nichts aus der Reise des Versorgers, und der Fuß, auf dem die
Familie lebte, blieb derselbe wie vorher. Aber sie lebten von einem Tag
zum andern, sie lebten es auch durch, sie überlebten es.

Warum sollte es auch so schlecht gehen? Der Versorger war körperlich
unvollkommen, was dann? Hannibal war einäugig, Alexander hinkte.
Oliver war von guten Eigenschaften nicht ganz entblößt, was wollte
man denn? Er war eigentlich friedlich von Natur, er ging nicht mit
blutunterlaufenen Augen und furchtbar gebleckten Zähnen umher und
wartete darauf, bis die kleinen Kinder fürs Schlachten reif wären,
nein, er war freundlich gegen Kinder. Mißgestaltet? Jawohl, da war das
leere Hosenbein, das so jämmerlich hin und her schlug, wenn er ging.
Aber er war zum Beispiel nicht wie die Buckligen, die, wenn sie gehen,
aussehen, als trügen sie sich selbst auf dem Rücken. Entblößt von guten
Eigenschaften? Er trank nicht, o nein, niemals, er rauchte nicht einmal
mehr Tabak, nein, in dieser Beziehung war er wie ein Frauenzimmer
geworden.

Natürlich wurde es nicht ein bißchen besser, sondern eher schlimmer,
als das dritte Kind kam, ein Mädelchen, das bei Nacht schrie und
den müden Versorger aufweckte. Nun konnte Oliver seiner Lust zum
Umherschweifen wieder nachgehen, von Hause verschwinden, in seinem Boot
weit hinausfahren und tage- und nächtelang fortbleiben. Gott mochte
wissen, was er da suchte und was er fand. Besonders nach einem Sturm
auf dem Meere machte er diese Ausflüge, er war vielleicht so kindlich,
auf ein neues, havariertes Schiff zu hoffen. Einmal fand er übrigens
einen umhertreibenden Handkoffer; er enthielt nur etwas Leibwäsche,
etwas weiblichen Staat, aber Oliver trug ihn heim und tat groß damit,
und es fiel ihm nicht ein, an diesem Tag noch irgendwie Hand an eine
Arbeit zu legen. Ein andermal fand er eine leere, aber verkorkte
Paraffinkanne, ab und zu kam er mit einem Häufchen Eiderdaunen an, das
er von den Nestern auf den Brutinseln geraubt hatte. Er wußte, daß
dieser Flaum sehr wertvoll war, aber er wagte nicht, ihn in der Stadt
zu verkaufen, er mußte ihn aufheben.

Das Ärgerliche war, daß Petra seine Fundstücke so wenig schätzte, o,
sie pfiff darauf. Er konnte sich vom Bollwerk aus heimschleichen, um
von niemand gesehen zu werden, mit geschwellter Brust in die Stube
treten und seine Beute auf den Tisch legen. „Hier, da ist etwas zum
Verwundern, bitte!” Aber Petra murrte dann: „Das ist der Verdienst von
drei Tagen! Was sollen wir mit Eiderdaunen! Und was sollen wir mit
einer leeren Paraffinkanne?”

Da fiel Oliver kopfüber wieder auf die Erde herunter, und er antwortete
wohl: „Jetzt hast du mal wieder deinen Koller!”

Doch Petra entgegnete auffahrend. „Was hab' ich, einen Koller? Sieh die
Kleine dort in der Wiege an, liegt sie etwa auf Eiderdaunen?”

Oliver richtet seine Augen auf das Kind; es liegt in Lumpen, aber es
fehlt ihm nichts, es schreit nur, weil es zahnt. Doch plötzlich steht
Oliver auf und sieht näher hin, zum erstenmal betrachtet er das Kind
genau.

„Was zum Kuckuck, hat sie blaue Augen?” fragt er.

Petra zuckt zusammen und antwortet: „Das siehst du doch!”

„Woher kommt das?”

„Woher es kommt? Kann ich das wissen? Wie du nur fragen kannst!”

Oliver bleibt wie angewurzelt stehen und starrt und starrt. Wie
verwirrt er ist und wie dumm: sollte ein Kind von blauäugigen Eltern
nicht blaue Augen haben? Aber die andern, die Jungen, sie hatten
braune Augen. Da steckte etwas Neues dahinter. O, Oliver hatte wohl in
all diesen Jahren seine eigenen Gedanken gehabt und sie in stumpfer
Gleichgültigkeit mit sich herumgetragen; jetzt stand er vor einem
Rätsel. Wo war Petra gewesen? Daheim. Daheim. Eine Frau, die Scheldrup
Johnsen Backpfeifen gab, war nicht auf dem Strich.

War sie nicht auf dem Strich -- war sie nicht?

Eine ungeheuere, unnatürliche Eifersucht lodert in dem Krüppel auf,
zum erstenmal kennt er diesen fremden, brennenden Schmerz, er ist so
heftig, daß sich sein Gesicht verzerrt, so daß Petra Angst bekommt; sie
deckt das Kind zu. Oliver schwankt ans Fenster hin und sieht hinaus.
Wenn nun braune Augen die richtigen Familienaugen waren, wie konnten
dann blaue Augen dasselbe sein? Er kennt all den Klatsch über sich und
sein Haus recht wohl, der ist nicht so zart und unschuldig gewesen, daß
er ihn nicht verstanden hätte, das letzte, was er gehört hatte, war:
Petra werde wohl Scheldrup Johnsen nicht immer Backpfeifen versetzt
haben! Und wenn auch -- Scheldrup Johnsen hatte braune Augen, die
Kleine in der Wiege aber blaue.

Eine Schlange fraß sich in sein Herz hinein. Bis jetzt war es ihm gut
gegangen, nun würde es ihm nicht mehr beschieden sein, sich die Unruhe
fernzuhalten. Unruhe? Not drang auf ihn ein, sie wurde zur Qual. Er
fing an, an den Straßenecken aufzulauern, dann sprang er plötzlich vor,
packte Petra an der Brust und fragte, wohin sie wolle. Nacht und Tag
war er auf der Wacht, und er fand nie mehr Ruhe, sein Haar ergraute.
Der einzige Ort, wohin Petra ungehindert gehen konnte, war auch jetzt
noch das Haus Johnsen am Landungsplatz, dahin, ins Haus und in den
Laden, durfte sie jedesmal ohne Einwand gehen. Aber er ging ihr nach
und gab acht, daß sie auch wirklich dahin ging.

Seine Verrücktheit dauerte an; er versäumte das Meer, um im Hinterhalt
zu stehen und Petra aufzulauern, er bettelte Fische bei den andern
Fischern, um etwas nach Hause bringen zu können. Und Petra, die dumme
Person, verstand es nicht, seine Eifersucht zu dämpfen, sie stachelte
sie eher noch auf. Als diese eine Zeitlang gedauert hatte und sie
merkte, daß sie ihr für Leib und Leben ungefährlich war, stachelte sie
Oliver bis zur Raserei auf. Die blauen Augen können von dem Schreiner
Mattis stammen, dachte er wohl, und er fand keine Worte, die für diesen
Mann verächtlich genug waren, dieses Nashorn, diesen Schürzenjäger!

Petra verteidigte ihn.

„Na, hat er jetzt nicht einmal mehr eine schreckliche Nase?”

„Nein. Diese Nase steht ihm gerade.”

„Schweig! Er ist ja Schreiner, da sollte er sich einen Stall für seine
Nase bauen.”

Und sonderbar: es war, als gebe es noch andere, die der blauen Augen
wegen, sozusagen, eifersüchtig wurden; aber Konsul Johnsen scherzte ja
und tat nur so, wie wenn er eifersüchtig wäre, als er mit Petra darüber
sprach.

„Du hast ein Mädelchen bekommen, Petra, wie ich höre?”

„Ja.”

„Und mit himmelblauen Augen diesmal.”

Petra sah zu Boden und schwieg.

„Nicht alle können himmelblaue Augen haben,” sagte der spaßhafte Mann.
„Nein!” tat er dann plötzlich kund, „ich habe keinen Platz für deinen
Mann, hörst du? Probier' es beim Grütze-Olsen!”

Wieder mußte Petra unverrichteter Sache heimgehen, heim zu ihrer
Familie und dem Elend. Es war ein Zustand, niemand wurde so hart
geprüft. Ab und zu weinte sie und hatte aufrichtig Mitleid mit sich
selbst; aber sie war zu jung und zu gesund, um ganz mutlos zu werden,
nicht so sehr selten stand sie unter ihrer Tür, lachte und schwatzte
mit den auf der Straße Vorübergehenden -- tiefer war sie nicht
getroffen.

Die Jahreszeiten wechselten, und die Zeit verging, Olivers Buben
waren nun beide in der Schule; Frank hatte die besten Gaben, er hatte
einen Freiplatz und glänzende Zeugnisse, aber das Eichhörnchen Abel
war auch nicht dumm, nur ein unglaublicher Bandit war er, mit ganz
anderen Neigungen. Es ging und ging, die Gewohnheit half dazu, und
Gott verlieh der Familie zur Stärkung einen gewissen zähen Willen,
nicht unterzugehen. Der kleine Abel zum Beispiel kleidete und ernährte
sich meist selbst ringsum in der Stadt. Übrigens war es für ihn selbst
oft am schmählichsten, so ein kleines Eichhörnchen zu sein: als er
eines Tages draußen auf dem Lande war, plagte ihn der Hunger über die
Maßen. Da er aber weder etwas zu essen noch ein Wams, das er auf einem
Waschseil „fand”, geschenkt bekommen konnte, fragte er ganz einfach, ob
er nicht eine Tasse Kaffee kaufen könnte. Aber da wurden die Leute auf
dem Hofe schändlich gegen das Eichhörnchen, sie erwiderten, ob er denn
überhaupt Kaffee trinken dürfe. Was, dürfe? Diesem Hof wollte er nie
mehr nahe kommen, ehe er erwachsen war!

Bruder Frank ging nicht auf Erlebnisse aus, dazu war er zu klug. Auch
er bekam manche Mahlzeit und manches Kleidungsstück im Städtchen, ja,
einmal im Jahre bekam er einen vollständigen Anzug in Konsul Johnsens
Geschäft und kam vom Scheitel bis zur Sohle erneuert heim. Ein solcher
Mann war Johnsen am Landungsplatz, herrlich dazu geeignet, zu leben und
andere leben zu lassen.

Es ging und ging. Bisweilen zog auch die Großmutter wieder hinaus und
kehrte dann mit guten Sachen heim, mit Kartoffeln, Speck, einer Tüte
Mehl, einem Käslaib. O, die Großmutter war nicht zu verachten; wenn
sie nur die Unterstützungskasse nicht in Anspruch zu nehmen brauchte
und die andern Weiber am Brunnen sie nicht schmähten, dann konnte sie
mehrere Kirchspiele durchwandern, und ihre Vorräte aus den Dörfern
waren eine gute Hilfe. Wahrlich, sehr oft war es nur der Großmutter zu
verdanken, wenn die Familie etwas zum Beißen und in den Ofen zu legen
hatte, so fleißig war die Großmutter geworden.

Oliver selbst ging es am schlechtesten. Seine Krankheit wollte nicht
weichen. Jetzt war er wieder kurze Zeit auf dem Fischfang gewesen, und
zwar nur, weil er ein neues Boot bekommen hatte, daher kam's. Seht,
er hatte ja eine Fahrt aufs Meer hinaus gemacht, und da hatte er das
Boot herrenlos umhertreibend gefunden; das war ausgezeichnet, das
Boot hatte wohl irgendwo vertäut gelegen und war abgetrieben worden,
es konnte von weit her sein, vielleicht vom Ausland. Nun hätte er
allerdings das Boot anmelden sollen, wer zweifelte daran; aber wie es
nun ging oder nicht ging, Oliver behielt das Boot und kam auch nicht
in Verlegenheit dadurch. Niemand machte ihm einen Vorhalt, der Krüppel
brauchte das Boot, er konnte in seinem eigenen elenden Fahrzeug sonst
eines Tages untergehen. Zuerst hatte Oliver ja gedacht, er könnte das
Boot verkaufen und Geld dafür bekommen, aber das verbot ihm die Stadt,
das wäre zu weit gegangen. „Nein,” sagten die Leute im Ort, „wenn du es
gefunden hast, dann sollst du es haben!” Also fischte Oliver in allen
Freistunden und gebrauchte sein neues Boot.

In allen Freistunden.

Er hatte durchaus nicht oft frei, seine Krankheit fesselte ihn
ans Land, fesselte ihn ans Haus. Petra zeigte ja wieder leichten
Widerwillen gegen den Kaffee, und jetzt war Oliver beinahe ganz
erschöpft von seiner Wachsamkeit. War er nicht monatelang in Winkeln
und Gassen auf der Lauer gestanden, hatte spioniert und gehorcht! Er
war schlecht gekleidet und schlecht ernährt, aber die Eifersucht hielt
ihn stundenlang auf seinem Posten fest; er stand da mit klopfenden
Pulsen und litt wahre Höllenqualen, der Wind zerrte an seinem Hosenbein
wie an einer Flagge, die sich um eine Stange gewickelt hat. Er hatte
ja eigentlich niemals frei, er war bei Nacht nicht sicherer als am
Tage, er machte Überstunden, er schindete sich ab. Wenn ihn das
wenigstens aufs Krankenlager gebracht und getötet hätte, aber nein!
Ein Frauenzimmer ausspionieren! Warum sie nicht lieber laufen lassen
und das Haus zuschließen! Was war bei dieser Frechheit zu tun, eine
Frechheit, die ganz unschuldige Augen hat und des Lügens überdrüssig
wird? Er konnte sie von der einen Seite her erwarten, und dann kam
sie von einer andern, wo war sie da gewesen? Sie konnte, ein Liedchen
trällernd, daherkommen, da war gar nichts, was sie bedrückte; was für
Gedanken hatte sie wohl, warum schmunzelte sie vor sich hin und wiegte
sich in den Hüften?

„Was stehst du hier und lauerst?” sagt Petra nur und versinkt durchaus
nicht in den Boden.

„Woher kommst du? Jetzt ist es Nacht.”

„Bin ich nicht beim Konsul gewesen? Was hast du da in der Hand; das
Messer?”

„Das siehst du wohl.”

„Das Fischmesser! Warum stehst du mit dem Messer da?”

„Ich hab' es am Bollwerk gebraucht.”

„Nein, aber du meinst, du könnest mir Angst machen.”

„Schweig!”

„Ach, gib dir keine Mühe!”

Nein, Petra war sicher; er war feig und widerlich, er war nichts,
sie scherte sich den Kuckuck um ihn. Dann geht sie nur an ihm vorbei
und hinein, der Mann kommt hinterher. Sie bleibt einen Augenblick im
Flur stehen, um ihn zu beschämen, ja, um ihm zu zeigen, daß sie, die
Nachtwandlerin, die ordentliche und zuverlässige ist: Seht jetzt nur,
ist nicht sie es, die die Haustür hinter sich und ihm zuschließt!

„So, du willst zuschließen,” sagt Oliver. „Abel ist sicher noch nicht
daheim.”

„Dann muß er draußen übernachten.”

„Er soll nicht draußen übernachten!” schreit Oliver erregt, er dreht
rasch seinen schweren Oberkörper im Kreise herum und schiebt Petra auf
die Seite. Sie fährt auf und sagt: „Warum schlägst du mich nicht lieber
auf einmal tot!”

Ein heftiger Streit entspinnt sich; sie gehen hinein und werfen sich
Schimpfworte an den Kopf. Die Großmutter liegt im Altenteil mit der
Kleinen und Frank. Sie richtet sich auf den Ellbogen auf und lauscht,
dann legt sie sich wieder nieder, das ist nichts Neues, sie kennt das.
Olivers Eifersucht ist für den Augenblick vorbei, und er fühlt sich
außerdem befriedigt von seinem Auftreten; leicht wie ein Kind war sie
an die Wand geflogen, er ist der Mann, hoho, er wiegt den Oberkörper
hin und her.

Das nächtliche Scharmützel zwischen den Eltern kommt dem Eichhörnchen
Abel zugute: er schlüpft so leise wie möglich von der Straße herein und
hört, als er zu Bett geht, von keiner Seite irgendein böses Wort.



9


Nichts konnte so wild und qualvoll sein, als in dieser Spannung leben
zu müssen. Oliver hat seit Tagen ausgeruht, und er treibt sich in den
Straßen herum, fühlt aber keine Spur von glücklicher Ruhe. Jetzt sind
die Fenster seiner Stube mit Röcken und Schürzen verhangen, und er kann
nichts erspähen, deshalb wandert er wie blödsinnig vor dem Hause hin
und her.

Schließlich trifft er die Großmutter, und sie sagt zu ihm: „Es ist
wieder ein Mädchen.”

Das interessiert ihn nicht, ach, wie gleichgültig ist das; aber er
redet, um noch mehr zu hören. „Ach so, wieder ein Mädchen? Hat sie alle
ihre geraden Glieder?” fragt er.

„Ja, ich hab' nichts anderes gesehen.”

„Sie hat wohl nicht nur einen Fuß?”

„Nein.”

„Nun, dann dürfen wir ja froh sein. Es ist nicht leicht, wenn man einen
Stelzfuß hat. Doch was ich sagen wollte, hat sie aufgeschaut? Mit den
Augen?”

„Wie? Was?”

„Ich frage nur. Warum schreit sie nicht? Sie ist doch nicht etwa
totgeboren? Kann ich sie sehen?”

„Sie schläft jetzt.”

Wieder mußte Oliver warten, die Fischerei aussetzen, sich in der Straße
herumtreiben und warten. Gegen Abend bekommt er die nun erwachte Kleine
zu sehen, er trägt sie ans Fenster und überzeugt sich, was für Augen
sie hat. Petra sieht vom Bett aus beruhigt zu, es ist nichts im Wege:
das Kind hat braune Augen.

Es war merkwürdig, wie diese unbedeutende Tatsache den Vater beruhigt;
er lobt das Kind und sagt sogar einen freundlichen Scherz zu Petra.
„Du bist ein Hauptkerl, wenn du willst!” Obgleich es schon gegen
Abend war, ruderte er doch noch hinaus auf den Fischfang. Die ganzen
letzten Monate hatte er in seinem Herzen gegen Petra gewütet, sie hatte
vielleicht abermals schlecht und niederträchtig gehandelt, jetzt dachte
er anders, sie war doch nicht so ganz toll gewesen, sondern gerade
großartig, Gott sei Dank! Und bitte, es soll Fische geben, so gewiß,
als Fische zu fangen sind! Es sind wieder braune Augen, die echten
Familienaugen, die Natur hatte gesiegt, alles kam wieder in Ordnung.

Ach, der geistesschwache Mann, Gott mochte wissen, wie er sich die
Sache zusammenreimte!

Eines Tages trifft er Scheldrup Johnsen auf der Straße und sagt zu ihm:
„Jetzt kommt der Winter, nun mußt du so gut sein und an mich denken.”

„Ich soll an dich denken?” fragt Scheldrup.

„Ja. Daß ich ein Krüppel bin.”

„Was geht das mich an?”

„Und daß ich viele Kinder habe.”

„Wie verrückt die Menschen doch reden können!” äußert Scheldrup
unschlüssig.

Oliver lächelt ehrerbietig und schaut zu Boden. „Ja ja, das ist wohl
möglich,” sagt er. „Aber jetzt mußt du so gut sein und mir Arbeit
geben.”

„Ich? Was für Arbeit?”

„Im Lagerhaus.”

„Darüber mußt du mit meinem Vater reden.”

Oliver schlägt langsam die Augen auf, richtet den Blick fest auf
Scheldrup und sagt: „Nein, das mußt du tun!”

Drohte Oliver? Der junge Scheldrup weicht etwas zurück, er sieht den
Krüppel an. Aber sein Blick ist erloschen. Seht, zuerst hatte er einen
so recht heftigen, rasenden Ausdruck, aber dann erlosch er. Scheldrup
überlegte wohl ein bißchen, erinnerte sich an sein Benehmen, an die
Backpfeife, an all den Klatsch, er hätte das Ganze nur sehr ungern noch
einmal hervorgezogen, deshalb sagt er: „Na ja, ich kann ja meinen Vater
fragen, wenn das dein Wunsch ist.”

„Das ist recht,” erwiderte Oliver darauf.

Einige Tage später trifft Oliver wieder mit Scheldrup zusammen, und da
fragt dieser: „Meinst du, du könnest das Lagerhaus übernehmen?”

Das Lagerhaus übernehmen? Das war nun allerdings Großtuerei und
Dünkelhaftigkeit von seiten Scheldrups; es war bis jetzt kein fester
Angestellter in Johnsens Lagerraum gewesen, nur einer von den
Ladenbediensteten lief manchmal hinunter, um das nötige zu tun, da
sollte doch wohl der ganze Oliver diese Kleinigkeit leisten können!

„Mein Vater will mit dir reden,” sagt Scheldrup.

Oliver wandert schon als großer Lagerhausvorstand heimwärts. „Wie war
es doch,” fragt er Petra, „hat dir Johnsen am Landungsplatz nicht
abgeschlagen, mich anzustellen?”

„Doch. Und nun frag' ich ihn nicht noch einmal.”

Schweigen, o ein Schweigen, das Oliver gewichtig, ja verhängnisvoll
macht. „Nein, ich werde selbst ein Wörtchen mit ihm reden,” sagt er und
geht hinaus.

Die Frauen sehen einander an. Na, das würde nichts helfen, wenn Oliver
ging, vielleicht ging er auch gar nicht. Und Petra warf plötzlich den
Kopf in den Nacken.

Als Oliver zurückkam, schwieg er eine gute Weile vollkommen, o, ein
gewichtiges, langes Schweigen! Die Frauen mochten nicht fragen, aber
sie lächelten ein wenig, und Petra sagte sogar: „Ich möchte wohl
wissen, wer nun zum Konsul gegangen ist und mit ihm gesprochen hat.”

Endlich bricht Oliver das Schweigen und sagt: „Mein Islandwams muß
heut' abend noch gestopft werden. Es ist kalt im Lagerhaus.”

Petra schrie beinahe: „_Sollst_ du ins Lagerhaus?”

Und sogar die Großmutter blieb stehen und sperrte den Mund auf.

Aber Oliver sieht sich mit der größten Verwunderung um und versteht
nicht, was sie meinen, wahrhaftig, die Frauen sind ihm das große
Rätsel. „Ja, natürlich?” antwortet er in fragendem Ton.

Sie schlagen die Hände zusammen.

„Natürlich soll ich ins Lagerhaus,” sagt er. „Sobald es geht. Ich fang'
schon morgen an.”

Sie besprachen es hin und her: das bedeutete Veränderung, festen
Gehalt, Vorwärtskommen, o, das hatte sehr viel zu sagen! Und da
sitzt er nun, er, der das zustande gebracht hat, der Herr, von Stolz
geschwellt, stutzerhaft den Hut schief auf dem Kopf, Großsprecherei
ist's. Er spricht wieder: „Ich hab' ja gesagt, daß ich zu ihm gehen
und mit ihm reden werde.”

„Aber ich hab' den Konsul doch schon mehrere Male gebeten,” wendet
Petra ein.

Oliver erwidert: „Das ist eben nicht so, wie wenn ein Mann kommt.”

Das bedeutete Veränderung, jawohl! Aber Oliver, der weiß, worauf er
eingegangen ist, denkt wohl: ein buchstäbliches Sparkassenbuch und den
Garten Eden bedeutet es nicht; der Johnsen am Landungsplatz ist nicht
überflott gewesen; aber auf der andern Seite war er der Erste Konsul,
für die Familie Oliver war er also eine Art Retter geworden.

Im Lagerhaus war keine schwere Arbeit zu verrichten; Oliver konnte
da Tag um Tag hingehen, bloß um überhaupt da zu sein. Seine
geschäftvollsten Tage hatte er, wenn ein Frachtschiff an dem kleinen
Bollwerk anlegte, Mehl und Sirup, Kaffee, Paraffin und Leinöl auslud
und Fisch und Tran dafür einnahm. Da mußte Oliver die empfangenen
Waren im Lagerhaus und Keller unter Dach schaffen, und bei solchen
Gelegenheiten erreichte er es, abends wirklich müde zu sein. Außerdem
hatte er zu scheuern, aufzuräumen und alles in gehöriger Ordnung zu
halten. Ein offener Kaffeesack durfte nicht mitten auf dem Boden
stehen bleiben, daß nicht etwa kleine Jungen daherkommen und ihn als
Fund erklären könnten. Wenn sich dann die Kunden mit einem Zettel vom
Kramladen einfanden, las Oliver den Zettel und lieferte dem einen
Sack Mehl, zwanzig Meter Tauwerk oder jenem ein Liespfund Fische aus.
Dem Lagerhausvorsteher lag es ob, jeden Morgen die Schiebladen im
Kramhandel mit Kolonialwaren vom Lagerhaus aufzufüllen; schließlich
mußte er aufschreiben, welche Waren im Lagerhaus knapp wurden, damit
das Kontor beizeiten neue Bestände bestellen konnte.

Alles in allem war es gar keine so geringe Stellung, die Konsul Johnsen
für Oliver eingerichtet hatte, und die Leute hatten wieder einmal guten
Grund, seine Handlungsweise zu loben. Allerdings war ja Oliver auf
seinem Schiff ein Krüppel geworden; aber das verpflichtete den Konsul
zu nichts, höchstens zu allgemeiner Barmherzigkeit und Gnade. Und von
diesen hatte der Erste Konsul ein gut Teil, er war ein großer Mann und
ein Wohltäter.

Was war also dagegen zu sagen? Nichts. Es konnte ja oft im Lagerhaus
wohl ein häßlicher Geruch nach alten Fischen und verfaulten Lebern
sein, besonders im Sommer war oft ein durchdringender Gestank darin
-- aber was war dabei! Im ganzen war Oliver auch jetzt ebenso wie
früher eine genügsame Seele, er verdiente genug für Margarine aufs
Brot, für faule Sonntage, für etwas Staat, einen herrlichen bunten
Schlips, frischgebürstete Schuhe, einen neuen, schief auf den Kopf
gesetzten Hut. Konsul Johnsens Wohltätigkeit gegen ihn wirkte auch noch
auf weitere Kreise, Oliver merkte an Kleinigkeiten, daß die Stadt ihn
nicht mehr übersah, und der Rechtsanwalt Fredriksen wollte auch nicht
zurückstehen, sondern hielt Frieden wegen des Hauses.

O ja, das Glück war eingekehrt! Aber das beste war, daß Oliver der
Vorstand seines Lagerhauses geworden war, seines eigenen kleinen
Bereichs; er war nicht weit davon entfernt, ein Herrscher zu sein,
sozusagen eine Person von Stande. Das gefiel ihm, es kitzelte ihn
förmlich, wenn die Leute aus der Stadt als Kunden daherkamen und guten
Tag sagten, ehe sie ihre Zettel vorwiesen. „Guten Tag!” grüßte er dann
wohl wieder, so ein Mensch war er, auch er übersah niemand. Jetzt war
es nicht so ohne, ja, es lohnte sich, gegen den Krüppel ein wenig
höflich zu sein, er konnte bei mancher Gelegenheit allerlei davon oder
dazu tun, durch volles oder geringes Maß, durch schlechtes oder gutes
Gewicht.

Der Fischer Jörgen kam mit einem Zettel -- Kaspar, der Matrose auf der
Fia gewesen war und seine Frau jetzt nicht mehr zu verlassen wagte,
damit sie nicht zu neuen Auslandsreisen verführt würde -- ja, dieser
Kaspar kam auch mit einem Zettel; Martin vom Hügel kam, der Schreiner
Mattis und der Polizei-Carlsen kamen und später alle von nah und fern;
und Oliver war der, der sie unter der Tür des Lagerhauses empfing und
ihre Wünsche anhörte. Wahrlich, Josef war ein großer Herr bei Pharao in
Ägypten geworden.

„Ja, jetzt bist du ja ordentlich hoch hinaufgekommen,” sagte Fischer
Jörgen in all seiner Gutmütigkeit.

„Ich kann nicht klagen,” gab Oliver wohl zur Antwort. „Die Vorsehung
hat mich hierhergestellt und mich nicht vergessen.”

Nun übergab er Jörgen für alle Zukunft seinen Platz drunten am
Bollwerk, den Platz, den Oliver den Fischmarkt nannte. „Nimm nur alles
miteinander, die Kisten und den Platz, und wohl bekomm's! Du hast mir
manches Gericht Fische gegeben, wenn ich elend war und nicht auf die
See hinaus konnte,” fügt er noch hinzu und tut dabei gerührt. „Was mich
nun anbetrifft, so hab' ich mit den Meinigen jetzt das tägliche Brot,
und was weiter brauchen wir Menschen denn zum Exempel? Und deine Kinder
und meine Kinder, Jörgen, sie lassen sich gut an, und der Frank geht in
die höhere Schule und wird immer gelehrter, es ist ein wahres Wunder,
er kann das Deutsche lesen, sobald er es nur vor Augen hat.”

Jörgen bestätigt mit einem Kopfnicken, daß auch seine eigenen Jungen
und Mädel mit hoher Achtung von Frank sprechen.

„Ja, es ist ganz außerordentlich, fast wie in einem Geschichtenbuch!
Er kann jede Stelle bekommen, die er nur will, er kann geradeswegs auf
eine Bank, auf ein Kontor; das fehlt gar nicht. Wenn du ein klein wenig
wartest, Jörgen, dann gehen wir zusammen heimwärts.”

Oliver zog ein Taschentuch heraus, rieb das Schweißleder in seinem Hut
damit ab, ebenso Mehl und Staub von seinem Gesicht, er bürstete seine
Schuhe und seine Kleider und ließ Jörgen warten. Er wollte wohl Jörgen
gerne merken lassen, daß er nicht mehr derselbe wie früher war, daß
seine neue Stelle nicht die des ersten besten sei. Dann schließt Oliver
die Lagerhaustür für diesen Tag ab; sie knirscht durchdringend in den
Angeln, aber das ist ein freundlicher Laut für Oliver, der abendliche
Schwanengesang einer Lagerhaustür. Er steckt den schweren Schlüssel in
die Tasche, und dann ist er fertig.

Sie gehen heimwärts. Jörgen trägt ruhig seine Ölkanne und hört Olivers
Reden zu, die einfach und eigentlich demütig, aber voller Prahlerei
sind. „So, du willst dein Haus anstreichen?”

„Ja.”

„Du bist glücklich, daß du das selbst tun kannst. Ich muß mir nun
Maler nehmen, um meines anstreichen zu lassen, selbst hab' ich keine
Zeit dazu.”

„Nein.”

„Aber ich kann nichts anderes sagen, es hat sich für mich recht günstig
gewendet, ich kann anstreichen und aufputzen lassen, wie es gerade
nötig ist. Es kostet zwar, aber da ist nichts zu machen.”

Jörgen hat etwas auf dem Herzen und sagt: „Wir müssen versuchen, unsere
Jungen mehr daheim zu halten.”

„Die Jungen? Warum?”

„Gestern abend sind sie wieder draußen gewesen. Ich bin manchmal recht
in Sorge um sie.”

„Um den Eduard und den Abel? Nein, Jörgen, das ist nicht nötig,”
erwidert Oliver und fühlt sich überlegen. „Diesen Burschen geschieht
nichts.”

„Sie kommen manchmal so sehr spät heim. Ich wünschte, du gäbest ihnen
das Boot nicht.”

„Laß doch die Jungen!” sagt Oliver. „Als ich im Ausland fuhr und in
allen Städten der Welt war, hab' ich überall kleine Jungen gesehen, die
in einem Boot draußen waren. Du solltest auf den großen Ozean kommen,
da springen sie vom Boot aus ins Wasser und schwimmen wie die Aale.”

„Aber dann lernen sie ihre Schulaufgaben nicht.”

Die beiden Väter besprechen die Sache verständig nach beiden Seiten
hin, und Oliver ist überdies der erfahrenere von den beiden und ein
Weltumsegler; Jörgen kann ihn wohl anhören. Aber plötzlich sagt Jörgen:
„Ja, aber es ist nicht ausgeschlossen, daß sie Fische stehlen.”

„Na,” sagt Oliver. Darauf kommt ihm wohl der Gedanke, daß Diebstahl
unvereinbar mit seiner neuen Stellung sei, und er bleibt jählings
stehen. „_Stehlen_ sie Fische?” fragt er.

„Nicht von den meinen, aber Martin auf dem Hügel klagt über sie.”

„Jetzt werd' ich mit den Jungen reden!” erklärt Oliver. „Jawohl, und
dann soll auch ordentlich mit ihnen geredet werden.”

Diese beiden, der Fischer Jörgen und Oliver haben im Lauf der Jahre
manches Gespräch miteinander geführt, und sie waren immer ohne einen
Gruß und Gute Nacht auseinandergegangen; aber an diesem Abend sagt
Oliver: „Willst du nicht bei uns hereinsehen?”

Jörgen ist langsam und als Geist betrachtet nicht schlagfertig: Was
meinte denn der Nachbar, der Mann vom Lagerhaus?

„Ich weiß nicht, ob Petra vielleicht eine Tasse Kaffee und etwas
Backwerk hat; wir könnten es ja probieren.”

„Nein, ich danke, aber es ist für heut' abend zu spät,” erwidert Jörgen
auf diese Großtuerei.

„Na, ja ja. Nun, dann grüß daheim!”

So etwas hatte Jörgen noch nie gehört: daheim grüßen!

Als er heimkam, mußte er seiner Frau sein Erlebnis erzählen, und
Lydia, die Kluge, war nicht faul, alles zu durchschauen. „Sie werden
verrückt,” sagt sie. „Dies wäre ja einerlei, den Kaffee bezahlen sie
wohl nicht mehr teuer, wenn sie ihn im Lagerhaus finden können; aber
Backwaren! Und jetzt ist Petra selbst beim Schulvorsteher gewesen und
hat gefragt, ob ihr Frank nicht Pfarrer werden sollte.”

Die tüchtige Lydia, sie war nicht ganz frei von Neid. Na, Petra hatte
wahrlich Grund, stolz zu sein -- es müßten nur die vielen braunäugigen
Kinder sein, haha! Nein, das war wahrlich nicht der Mühe wert! Den
grauen Mantel, den sie bekam, ehe sie verheiratet war, den konnte sie
jetzt nicht mehr tragen, was man auch nicht erwarten konnte; aber eine
verheiratete Frau sollte nicht wieder einen hellen rotbraunen Mantel
haben, den sie eben jetzt von Frau Johnsen geschenkt bekommen hatte,
das schickte sich nicht, sie machte sich ja lächerlich damit.

Arme Petra, alle waren hinter ihr her, sie war eigentlich ein
unglückliches Geschöpf, ein angebundenes Stück Vieh, das die Fessel
toll macht. Das schlimmste aber für sie selbst und für andere war, daß
sie so ungenügsam und so unzufriedenen Sinnes war. Sie hatte nun ihr
Heim und ihr Auskommen, hatte Mann und Kinder, da hatte sie sich doch
nicht so schlecht gebettet, oder wie? War sie mehr wert? Hatte sie
nicht alle Ursache, mit einem Manne wie Oliver, der zum Vorstand von
Konsul Johnsens Lagerhaus emporgestiegen war, glücklich zu sein? --

Oliver tritt in seine Stube und hängt den mächtigen Schlüssel an seinen
Nagel am Fensterpfosten. Er hat selbst das Kleingeld für die Kuchen,
die beim Bäcker geholt werden sollen, hergegeben; jetzt kommen sie auch
auf den Tisch, jawohl, aber nicht viele, nicht ein Haufen für ihn, der
der Versorger ist, außerdem benimmt sich Petra nicht im geringsten
höflich, sondern legt die Kuchen auf den bloßen Tisch. Um ihr eine
Lehre zu geben, nimmt Oliver seine Obertasse weg und legt die Kuchen
auf die Untertasse, dann schaut er auf. Aber Petra ist nun verdrießlich
und sagt: „Ich wußte nicht, daß du in Gesellschaft bist.” Oliver ist
sich seiner Würde bewußt, streiten tut er nicht, wenn er es vermeiden
kann; so gibt er den beiden kleinen Mädelchen jedem einen Kuchen,
dann hat er noch einen für sich. Jawohl, Oliver ist naschhaft wie ein
Frauenzimmer, er genießt sein süßes Kuchenbrot mit Behagen und trinkt
Kaffee dazu, danach macht er sich zum Abendbrot tapfer an den Brotlaib
und die Margarine.

„Was hatte denn Jörgen in der großen Blechkanne?” fragt Petra.

„Maleröl.”

„Was, will er anstreichen?”

„Das ist wohl seine Absicht.”

„Ja, manche Leute können anstreichen lassen und es hübsch bei sich
machen!” sagt Petra.

Von Olivers Seite Schweigen. Kurz nachher nimmt sie wieder das Wort.
„Der Mattis, der ist nun obenauf, er hat einen roten Briefkasten an
seinem Haus.”

„Woher weißt du das?” fragt Oliver.

„Woher ich es weiß? Ich ging da vorbei, und da sah ich's.”

„Was hattest du in der Gegend zu tun?”

Petra spottet: „Ich werde dich wohl um Erlaubnis fragen, ob ich vor
meine Haustür hinausgehen darf!”

„Warum hast du denn den Mattis nicht genommen?” fragt Oliver. „Dann
hättest du ja jetzt einen roten Briefkasten.”

Von Petras Seite Schweigen.

Die Sache aber war die: jetzt war Oliver gut und dankbar gegen die
Vorsehung für das Große, was er erreicht hatte, er philosophierte
nicht mehr gottlos über sein Unglück und meinte, es sei Sünde und
Schande, wenn andere es taten, der jetzige Oliver war geradezu ein
glücklicher Mensch. Aber der Schreiner Mattis, der war gleichsam das
Gift in seiner Freude, und wenn dieser Mann aus der Welt draußen wäre,
zum Beispiel mitten in der äußersten Finsternis, das wäre ein Glück!
Hoho, wie komisch geistesschwach war doch Oliver, er sah den Schreiner
im Zusammenhang mit seinem blauäugigen Mädelchen, wart' nur, er würde
schon ordentlich aufpassen, wenn das Kind eine Pferdenase bekommen
sollte!

Eigentlich war an dem Schreiner Mattis nichts auszusetzen, er stand
nicht im Geruch, hinauszuschlagen. Dieser solide Mann, der jetzt Haus
und Werkstatt hatte und mit einem Gesellen und Lehrling schaffte,
„veränderte” sich nicht, er hatte keine Frau, war vollständiger
Junggeselle. Es war, als hätte er zu sich selbst gesagt: „Nein, ich
danke, ich hab' einmal eine lange Nase bekommen, diese Nase braucht
nicht noch länger zu werden, das steht fest.” Jetzt hatte er Maren
Salt als Haushälterin, und sie war wohl über vierzig und würde ihn
nicht in Versuchung führen. Da stand er nun jahraus, jahrein in seiner
Werkstatt, sägte und hobelte und hatte heruntergezogene Mundwinkel,
sah auch mit der Zeit immer trauriger und einfältiger aus, aber er tat
seine Arbeit.

Aber gerade das, daß Mattis sich nicht verheiratete, machte ihn in
Olivers Augen verdächtig. Was hatte der Mann im Sinn, schlich er hinter
Petra her? So oft des Schreiners Name genannt wurde, bekam Oliver einen
Rückfall seiner Eifersucht.

„Kannst du mir sagen, was ein Briefkasten am Haus für ein Staat sein
soll?” fragte er.

„Nun ja, es ist ein kleiner Schmuck und eine Aufmunterung. Nicht
jedermann hat einen Briefkasten an seinem Haus.”

„O, ich, der weit in der Welt draußen gewesen ist, ich hab' vergoldete
Briefkästen gesehen!”

„Vergoldete?”

„Ja, von oben bis unten vergoldet. Und mit einer Kaiserkrone darauf.”

Oje, aber Petra hatte schon tausendmal gehört, was Oliver in der Welt
draußen gesehen hatte.



10


Es war gut, daß Oliver den Jungen das Boot nicht wegnahm. Hätte es
einen Sinn gehabt, die Leute an ihrem Erwerb zu verhindern?

Die vier Bratfische, deretwegen es ein ehrenrühriges Gerede gegeben
hatte, hatten die Jungen sehr richtig in Martins Fischkasten
„gefunden”, und nun gingen sie selbst hin und gestanden es ihm. Aber
sie hätten sie nur entlehnt, um ein Dutzend Bratfische aufzufüllen,
die dem Doktorhause versprochen waren. Und bitte, hier sind die Fische
wieder, wir bringen sie ganz von selbst, und wir werden dir ein
andermal vier Stück dafür geben, Martin.

Der arme Martin wurde wahrhaftig so ehrlichen Leuten gegenüber etwas
flau über seine losen Reden, er murmelte, es hätte ja nicht so sehr
geeilt mit dem Zurückgeben.

„Doch,” sagten die Jungen, „hier sind die Fische, und wir danken schön
für die Hilfe.”

Ja, Oliver hatte mit den Jungen geredet, wie er versprochen, das heißt,
er hatte ihnen eine blanke Krone gegeben, damit sie die Sache wieder
gut machen könnten. O, Oliver war nicht so dumm, er war auf seine Art
gut gegen Kinder, und die Kinder liebten ihn dafür. Abel kaufte sogar
manchmal Näschereien für den Vater.

Und wovon kaufte er denn? O, Abel verdiente Geld, er fischte.

Diese kleinen Jungen waren ordentlich tüchtig, sie waren ganz
hingenommen von ihrem Gewerbe. Nicht Schulaufgaben und Lehrer wurden
zwischen ihnen verhandelt, sondern ihr Geldbestand. Sie hatten ihre
Rechnungen im Kopf: ein wenig hatten sie wohl einem Kameraden, der in
einer Klemme war, vorgestreckt, ein wenig ging manchmal beim Spielen
verloren, aber der Rest war da. Keiner von ihnen hatte wenig, sie
hatten Silber und Scheine, aber sie hatten auch große Ausgaben.
Eduard mußte für sich beständig Rauchtabak in Silberpapier halten,
sonst würde er seekrank, behauptete er, und Abel war leider auch kein
besserer Kerl, er hatte Auslagen für Sirupkuchen, für ein Pistol mit
Zündplättchen, für Rotstifte, mit denen er auf die Hauswände schrieb.
Das waren keine Kleinigkeiten; aber die Jungen waren fleißig und
klebten förmlich an ihrem Boot.

Später, als die Schule sie im Ernst einfing, waren sie nicht mehr so
sehr erpicht auf ihre Arbeit, es war eine Schande, wieviel Zeit und
Kräfte sie auf ihre Aufgaben verwenden mußten. Sie hielten sich dafür
schadlos, daß sie in der Stadt auf Erlebnisse ausgingen, und auf diese
Weise gerieten sie auch in allerlei hinein. Ganz besonders hatten sie
es auf zornige Gartenbesitzer abgesehen. Um freundliche Gartenbesitzer,
wie den Postmeister und den Grütze-Olsen, kümmerten sie sich nicht,
aber der Apotheker war ausgezeichnet. Im vorigen Jahre hatte er
mit Salz nach ihnen geschossen, als sie eine Maus bis in seinen
Garten hinein verfolgten, in diesem Jahr rächten sie sich dafür, sie
scheuchten herzlos seine Hühner, rissen seine Flaggenschnur herunter
und hielten seinen Garten vollständig frei von Obst.

Bei diesen Streichen hatten sie nun einen dritten Verschworenen
bekommen, und dieser war überdies nur ein Mädchen, Klein-Lydia, eine
rechte Range, aber eifrig und geschickt, besonders ein schlaues
Füchslein, wenn es galt, auf dem Wachtposten zu sein und herannahende
Gefahr zu melden.

Eduard war der größte von den dreien und auch am tüchtigsten im Pläne
schmieden, aber Abel war leicht und mager und deshalb unentbehrlich
beim Klettern und sich durch enge Löcher hindurchzuzwängen. Es
kostete unendliche Mühe, herrliche schwarze Kirschen, die auf einem
hohen Baum in des Apothekers Garten wuchsen, herunterzuholen, und
wenn es gelingen sollte, mußte Abel auf das Dach des Nebengebäudes
hinaufklettern und von da aus den Versuch machen. Es war ein später,
aber mondheller Abend, alle drei waren auf ihrem Posten, Klein-Lydia
steht mit spähenden Augen da, Eduard stützt die leeren Kisten, auf die
Abel steigen soll, Abel selbst steigt hinauf. Es kostet Zeit, das
steile Ziegeldach zu ersteigen, aber Abel klettert mit den Nägeln; als
er endlich rücklings auf dem First sitzt, muß er noch ein gutes Stück
nach der Seite rücken, um zu den Kirschen zu gelangen -- und als er
dicht vor dem Ziel ist, räuspert sich das Füchslein leise. Klein-Lydia
hat den Lichtschein gesehen, der durch eine sich öffnende Tür in der
Apotheke fällt. Jawohl, so war's. Aber jetzt ist das Eichhörnchen am
Ziel, und es wagt einen Augenblick zu zögern; das Füchslein räuspert
sich laut -- der Apotheker steht plötzlich drunten am Hinterhaus.
„Aha!” schreit er. „Komm herunter, du Satan! Nun sollst du sehen!”

Aber der Apotheker war der, der sehen mußte.

Zuerst regnete es Dachziegel auf ihn herunter, das Eichhörnchen verläßt
das Dach auf der andern Seite, verfolgt von einem Steingeröll, verfolgt
von Erdschollen, die hinter ihm herunterrollen. Er gelangt nicht auf
die leeren Kisten, sondern fällt auf ein Staket, das ihn aufspießt, von
da springt er schließlich auf die Straße hinaus, als ein geretteter,
aber blutender Mann. Zu allem andern kam auch noch ein Schuß Salz
durchs Staket, das drang mit Glanz durch Abels dünne Hose. Aber am
schlimmsten war doch das Spottgelächter des Apothekers.

Und wie lief es ab, als die Jungen ihr ausgeliehenes Geld zurückfordern
wollten?

Da hatten sie zwei Kameraden, die in Not gewesen waren, geholfen
und ihnen einen anständigen Kassenkredit eröffnet, doch die Zeit
verging und verging, und die Schuldner machten keine Miene, ihre
Schulden zu bezahlen. Da wurden sie auf Tag und Stunde vorgeladen,
eine große Versammlung fand sich ein, die Sünder ebenfalls, da sie
aber sehr eingebildete Jungen waren, lächelten sie ihre Gläubiger, um
sie zu ärgern, nur an. Aber Eduard und Abel hatten sich nun einmal
vorgenommen, die Sache ins reine zu bringen, im Notfall mit Gewalt.

Eduard kommt zuerst daran.

Er geht direkt auf Reinert zu. Dieser ist der Sohn eines Küsters und
hat moderne Kniehosen an, und die Uhrkette seines Vaters baumelt auf
seiner Weste -- auf ihn geht Eduard zu, ganz ruhig, wie wenn gar nichts
los wäre, ja es ist, als wolle er ihm zum Gruß die Hand reichen. Aber
da verbarg Eduard bloß eine teuflische List; plötzlich stößt er mit Arm
und Faust zu und fährt kopfüber auf seinen Gegner los.

Die Versammelten wagen kaum zu atmen und sehen dem Auftritt mit
gespanntester Aufmerksamkeit zu; die beiden wälzen sich am Boden, sie
kommen wieder in die Höhe und tanzen auf dem ganzen Platze herum, sie
sprühen Funken gegeneinander. Dann, in einem unseligen Augenblick,
entdeckt Reinert, daß er die Uhrkette verloren hat; alle miteinander
suchen sie, und Klein-Lydia, das Füchslein, findet sie im Kies.

„Gib her!” schreit Reinert. Aber Klein-Lydia hat besseren Verstand, sie
läuft damit zu ihrem Bruder hin, und Eduard steckt die Kette in seine
Tasche. „Aha,” sagt die Versammlung.

Hätte nun Reinert besser Zeit gehabt, dann hätte er sich vielleicht
die Kette zurückerobert, aber er muß augenblicklich zum Gürtler mit
ihr, um nicht mit einer zersprungenen Kette nach Hause zu kommen. „Ich
bezahle!” ruft er Eduard zu; „ich wollte dich nur ein wenig reizen.”
Und die Versammlung bekundet mit lauter Stimme ihren Beifall zu dieser
Entscheidung.

Jetzt waren das Eichhörnchen und ein lustiger, fester Kerl, der den
Spitznamen der Zeichenstift hatte, an der Reihe. Aber als Reinert,
des Zeichenstifts großes Vorbild, den Walplatz verlassen mußte, war
niemand mehr da, um diesem den Mut zu stählen, er sah sich verraten und
verlassen, und da murmelte er: „Ich bezahl' auch.”

Auf diese Weise gab es allerlei Erlebnisse, nicht alle so einfach und
ehrlich, aber alle lehrreich und je nachdem entwickelnd wirkend.

Nun kam eine Zeit, wo Abel etwas in die Höhe schoß und ordentlich
heißhungrig wurde, gleichzeitig verlor er alle Arbeitslust, er war
in recht frühzeitigen Flegeljahren. Das war keine gute Zeit für
Abel. Als er sein bares Geld aufgebraucht hatte, konnte er sich beim
Bäcker privatim keine Eßwaren mehr kaufen, da verdingte er sich beim
Stadtingenieur für die Abende als Laufbursche und zum Holzspalten. In
diesem Dienst bekam er großen Geschmack an verstohlenen Fahrten in den
Straßen, er hängte sich nur mit ein paar Zoll seines Körpers an einen
Wagen, um jeden Augenblick abspringen zu können, falls er entdeckt
wurde. Er, der sich früher nie um Pferde und Fuhrwerke gekümmert hatte,
hörte jetzt das Rasseln eines Wagens schon von weitem und paßte ihm
eifrig auf, denn es war gar keine so leichte Kunst, im richtigen Moment
auf einen Wagen zu springen.

Bei Stadtingenieurs bekam er außer etwas Lohn jeden Abend noch
herrliche große Butterbrote, die ihm ordentlich aufhalfen und seine
Lebensgeister stärkten. In dieser Stellung blieb er einen Monat um den
andern den ganzen Winter hindurch, und in dieser Zeit traf er zwar
mit Eduard noch in der Schule zusammen, erlebte aber keine weiteren
Abenteuer mit ihm. Dagegen erlebte er ein Abenteuer mit Klein-Lydia:
als er zwölf Jahr alt war, freite er um sie.

Er hatte ja Klein-Lydia die ganze Zeit über als ein gutes Mädchen
gekannt und sich recht an sie angeschlossen; jetzt war sie überdies
seit kurzem außerordentlich hübsch geworden, und er glaubte zu
bemerken, daß der Küstersohn Reinert in seinen Kniehosen um sie
herumschwänzelte. Da nahm sich Abel vor, rasch zu handeln.

Es ist Sonntag, sie sind drüben beim Fischer Jörgen, die Hühner laufen
auf dem kleinen Hofe um sie herum, Abel und Klein-Lydia plaudern
miteinander. Sie trägt ein schönes gelbes Kleid, weil es Sonntag ist,
er aber ist an dem Tag angezogen wie am vorhergehenden und wie an allen
andern Tagen auch, aber an so etwas denkt Abel nicht. Sie erklärt ihm
gerade, sie könne nicht begreifen, daß sich Grütze-Olsens Ragna noch
etwas aus Puppen mache: „Wenn ich doch meine Puppe gar nicht mehr
ansehe.”

Hier dachte nun wohl Abel, wenn sie so erwachsen geworden sei, dann
sei es auch hohe Zeit für ihn zum Handeln, und so legte er ihr seine
Herzensfrage vor. Obgleich er nun ganz offen redete und alles Nötige
sagte, verstand ihn Klein-Lydia gar nicht, sondern mußte ihn noch
einmal fragen. Das war Abels schlimmster Augenblick. Nicht weil er an
ihrer Antwort zweifelte, sie würde gewiß gleich ja sagen, so sehr wie
sie seither im Leben verbunden waren. Aber als sie sein Anliegen noch
einmal gehört hatte, runzelte sie die Stirn und sagte nein. Glatt nein!

Er sah sie forschend an, ob sie auch nüchtern sei.

Klein-Lydia dachte nach und überlegte wohl hin und her: der Freier tat
ihr leid, ja wahrhaftig! Sie waren gute Freunde gewesen, und hatten
sich gut gekannt, aber sich mit ihm verloben -- nein! Allerdings war er
ein Junggeselle, in dieser Beziehung stand nichts im Wege, aber sich
wirklich mit ihm verloben -- nein!

O die Frauen! Leider stand es so, daß er vorläufig, um eine Familie
zu gründen, nichts anderes hatte, als seinen Laufdienst beim
Stadtingenieur; aber er konnte ja steigen, was hinderte ihn daran,
zu steigen? Und überdies sollte sie nicht übersehen, daß er mit ganz
reellen Absichten vor ihr stand, Gott mochte wissen, in was sie mit dem
Reinert in Kniehosen hineingeraten konnte! Aber die Frauen! „Nein!”
sagte sie also und schüttelte den Kopf.

„Ja ja,” erwiderte er nur.

Da stand er wie begossen, und er war nicht einmal gefaßt genug,
fortzugehen, am liebsten wäre er in den Boden versunken. Was hätte
er tun sollen? Die Mütze hätte er abnehmen sollen und sich verbeugen
-- mein Fräulein! Nun mußte er aber doch etwas sagen, ein paar
Abschiedsworte, um so mehr, als sie wohl nicht in Grund und Boden
verdorben war. „Ja ja, leb wohl!” sagte er. Und als er ihr noch für
alles danken wollte, konnte er es nicht, er fühlte, daß sich sein
Gesicht verzerrte; ach, und wie er Klein-Lydia bedauerte wegen all des
Kummers und des Elends, dem sie mit Reinert sicher entgegenging!

Dieses Erlebnis versetzte seinem Lebensmut einen schweren Schlag.
Jetzt halfen nicht einmal mehr die Butterbrote beim Stadtingenieur, er
wurde mager, war verfroren und zu allem unlustig, er versteckte sich
in dunkle Winkel und verzehrte sich in Mutlosigkeit und Schwermut.
Das waren die schwersten Wintermonate, die er je erlebt hatte. Schule
und Hausaufgaben -- ja, mit Maßen, gerade noch genügend! Fischerei
-- keine Spur! Niemand, dem er sich hätte anvertrauen können, allein
in der Wüste zwischen Trümmern und Leid. Und Klein-Lydia, machte sie
keine Annäherungen? Hatte sie ihn so bald vergessen? Es sah so aus,
sie schien ihm auszuweichen. Nichts wäre leichter für sie gewesen, als
merken zu lassen, daß auch sie tiefbetrübt sei; aber nein, nie kam sie
eiligst dahergelaufen und warf sich reuevoll vor ihm auf die Knie.

Er bat seinen Vater, ihn doch gleich konfirmieren und dann auf die
Kriegsschule gehen zu lassen. Der Vater spottete auch nicht über sein
Kind, sondern beriet sich mit ihm darüber; aber es sei noch etwas zu
früh, sagte er, gar nicht so sehr viel zu früh, nur ein wenig, es
müßten noch einige Monate hingehen, und einige Monate, die vergingen
wie im Flug. Abel werde schon sehen! Jetzt sei es gleich Frühling, und
dann dürfe er mit Vater an Ostern oder an Pfingsten eine weite Fahrt
machen.

Aber Abel machte sich nichts aus einer weiten Fahrt, er saß am liebsten
in einem Winkel am Land und brütete. Was für eine Verwendung hatte er
nun für Meer und Boot und Eier von den Brutplätzen und für Treibholz
und Abenteuer? Er war weit, weit weg von all dem, eingefangen von einer
schweren Windstille, der arme kleine Kreuzer.

Er kämpfte sich durch den Winter hindurch. Daheim hielt er sich
gerade nur die Nacht auf, am Tage hatte er Schule und ab und zu eine
todlangweilige Aufgabe zu machen, am Abend versah er seinen Dienst
beim Stadtingenieur. Der kleine Streiter, gut, daß er es durchmachte!
Frank, sein Bruder, ging ja seinen geraden Weg ohne jegliche Schwenkung
-- welch ein Unterschied zwischen den Brüdern! Er war fortgesetzt
ein tüchtiger Schüler und behauptete seinen Freiplatz, er war das
Licht, alle sahen seinen Glanz, und alle begriffen, daß dies etwas
Außergewöhnliches war. Welch ein Unterschied zwischen den Brüdern,
es war, als seien sie gar nicht von demselben Stamm. Jawohl, Frank
hatte dieselben Eltern, aber wahrlich, seine Eltern schienen nicht
mit ihm verwandt zu sein. Auch daheim in der Stube war er eigen, sehr
wählerisch, sehr ernst und fleißig, gegen Abel tat er unerträglich
erwachsen: „Das solltest du in diesem Alter wissen,” konnte er im Ton
eines Schulmeisters sagen. Er hatte die Gewohnheit angenommen, Abel
unnötig deutlich gewisse Höflichkeiten einzuprägen: „Wenn der Lehrer in
die Klasse hereinkommt, mußt du aufstehen und grüßen, und wenn du das
getan hast, darfst du nicht stehen bleiben, sondern mußt dich wieder
setzen.” -- „Affe!” sagte Abel.

Als Frank sein Examen in der Mittelschule gemacht hatte, handelte
es sich darum, was er tun solle. Was er nun tun solle? Dasselbe wie
vorher, was sonst! Konnte man hingehen und das scheinende Licht
auslöschen? Das würde nicht mit dem guten Willen des Betreffenden
geschehen. Aber während Franks Schicksal entschieden wurde, rieten ihm
der Schulvorsteher und der Doktor mit andern jungen Leuten, die auch
zuviel studiert hatten, einen stärkenden Ausflug ins Gebirge zu machen.
Ehe er abzog, wog er seine Reisetasche auf einer Wage, nahm da etwas
weg, legte dort etwas dazu, um das richtige Gewicht zu bekommen; er wog
auch seine Schuhe in der Hand und fand sie unerlaubt schwer.

Wäre nun Abel auch so fleißig gewesen und hätte sich halbtot studiert,
so hätte er bei diesem Gebirgsausflug auch nicht fehlen dürfen, er
hätte ihm außerordentlich gut getan und ihn tüchtig gekräftigt. Aber
Abel war nicht von der Art, nein, das war er nicht, und zur Zeit war er
überdies in Leid und Untätigkeit versunken.

Eines Tages sagte Eduard zu ihm, nun müßten sie wieder hinausrudern,
es kämen große Merlanschwärme dahergezogen. Abel zeigte sich
niedergedrückt und zu nichts aufgelegt, der Kamerad brauchte eine ganze
Stunde, um ihn zu überreden. Und trotzdem ging Abel nicht ohne weiteres
mit. Die Sache war nämlich die: Abel fiel es über die Maßen schwer,
eine Verbindung abzubrechen und von einem Ort Abschied zu nehmen; und
wenn er jetzt wieder mit Fischen anfangen sollte, dann mußte er seine
Stelle beim Stadtingenieur aufgeben. Er hatte da eine elende Bezahlung
bekommen, und er hatte wenig Geld, aber es hatte in diesem Haus dicke
Butterbrote gegeben, und alle waren freundlich gegen das Eichhörnchen
gewesen; konnte Abel da einfach hingehen und Lebewohl sagen? Er wußte,
er konnte es nicht tun, ohne daß sich ihm das Herz im Leibe umdrehte,
und so schob er es von einem Tag zum andern hinaus.

Da wurde Eduard böse und sagte, er werde schon einen andern Kameraden
finden.

„Ach so! Aber wo willst du ein Boot hernehmen?” fragte Abel.

Ja, da wurde Eduard wieder zahm; denn es handelte sich ja um Abels Boot
-- Olivers Boot.

Und zum erstenmal seit langer Zeit konnte nun Abel ein wenig
triumphieren, konnte er nun auf der Straße erwachsen ausspucken und
sich als mehr denn ein Nichts fühlen. Das konnte Eduard ganz gut tun,
diesem Bruder von Klein-Lydia.

Überdies hing Abel ja auch an seinem alten Kameraden, und als er sich
die Sache ordentlich überlegt hatte, machte er ernst und verabschiedete
sich bei Stadtingenieurs. Es wäre auch einigermaßen gut abgelaufen,
wenn ihm nicht die Hausfrau gar so mütterlich die Hand gedrückt und
gesagt hätte: „Armer Abel, du hast so eine kleine magere Hand!” Ganz
geblendet von Tränen kam er auf die Straße hinaus.

„Hoho!” rief ihm da einer zu, „hast du da drinnen Haue bekommen?” Es
war der Zeichenstift.

Dann saß er also wieder auf der Ruderbank und kam allmählich wieder
zu sich. Seht, er war die reine Landratte und ein ganzer Pferdeknecht
geworden, jetzt legte er dem Boote Zaum an und fuhr dieses, und wenn
ein ordentlicher Seegang war, saß er wieder mit zwei Zoll Körper auf
einer scharfen Kante und balancierte. O ja, das waren wohlbekannte
Dinge, die Kameraden hatten wieder das Leben vor sich und verdienten
wieder Bargeld. Der Kaufmann Davidsen war ein neuer, netter Kaufmann,
mit dem ließ sich gut handeln, er verkaufte ihnen herrliche Fischleinen
und nahm dafür Fische als Bezahlung. Kein Fischer war jetzt besser
ausgerüstet, als die beiden Jungen. Nachdem eine Woche vergangen war,
konnte Abel einen Wagen sehen, ohne von ihm in Versuchung geführt zu
werden.

Aber trotzdem quälte ihn die Erinnerung an Klein-Lydia noch lange; er
machte Umwege, um nicht mit ihr zusammenzutreffen, und erwähnte sie
niemals. Nein, aber er brachte Eduard dazu, von ihr zu sprechen, ihren
Namen auszusprechen, wenn auch nicht mehr. Abel fragt:

„Ist das nicht Alice, die dort drüben geht?”

„Wo?”

„Dort. In dem gelben Kleid.”

„Nein. Es ist Klein-Lydia.”

In alten Tagen war er damit betraut worden, schwere Sachen für sie zu
tragen, wenn sie Besorgungen gemacht hatte und er ihr begegnete, jetzt
war das vorbei, er bot sich auch nicht mehr dazu an. Laß sie laufen!
Und besonders jetzt, wo die Tanzlehrerin wieder in die Stadt gekommen
war und Klein-Lydia in die Tanzstunde ging, was Abel nicht tat; nun
waren ihre Wege erst recht geschieden. Das Schicksal hatte eingegriffen.

Nach vierzehn Tagen dachte keiner von den beiden Jungen mehr an etwas
anderes als ans Meer. Abels Kriegsschule konnte ganz gut sein, und sie
besprachen auch diesen Plan miteinander; aber später hörten sie, daß
eine Kriegsschule wieder gleichbedeutend mit Lehrern und Aufgaben war.
O nein, wenn sie nur erst konfirmiert waren, dann verheuerten sie sich
und gingen auf See. Das war das einzige für einen Mann.

„Wem sollen wir heute Fische liefern?” fragt Eduard.

„Heute nehm' ich das Bündel mit nach Hause,” erwidert Abel.

„Willst du keine verkaufen?”

„Nein. Mein Vater sagte, ich solle für heut abend zum Kochen
mitbringen, weil Frank heimgekommen ist.”

Eduard sitzt eine Weile in Gedanken versunken da, dann sagt er: „So,
ist er heimgekommen? Was meinst du, wenn Frank Pfarrer wird, dann kann
er uns verdammen.”

„Uns verdammen? Kann er das?”

„Ja, denn dann lernt er das Beschwören.”

Frank wurde eine Art mystische und halb gefährliche Erscheinung für die
beiden. Es hätte keinen Sinn, wenn man sich mit ihm überwürfe.



11


Was ist das für ein neuer Schild, der über Konsul Johnsens Kontortür
angebracht wird? Wieder ein Schild oder ein Wappen, war er geradezu
adlig geworden? Belgischer Konsul war er geworden.

Die Leute hatten wohl gemerkt, daß er mit etwas Besonderem beschäftigt
war, nun war es also wohl das gewesen, nämlich noch einmal so viel zu
werden, als die andern Konsuln am Ort.

Und das hatte sehr viel zu bedeuten: noch ein Wappen am Hause, Frau
Johnsen noch einen Ring am Finger mit einem Stein darin!

Als der Schulvorsteher das neue Schild betrachtet und entziffert hatte,
schlug er sich den Staub von seinem abgetragenen Rock weg und ging
hinüber in das Doppelkonsulat. Wenn er jetzt die Gelegenheit benützte,
eine Unterredung mit dem Herrn Konsul zu bewerkstelligen, so war das
wirklich recht schlau gemacht.

Er gratulierte mit wohlgesetzten, ehrerbietigen Worten. Der Herr Konsul
sei also von einer weiteren Regierung zum Vertrauensmann ausersehen
worden.

O ja, allerdings. Übrigens sei da nichts als Arbeit und auch keine
so kleinen Ausgaben mit verbunden. Aber man könne sich dem nicht gut
entziehen. „Doch um auf etwas anderes zu kommen, so möchte ich Ihnen,
Herr Schulvorsteher, für meine kleine Fia bestens danken. Ich bin froh,
daß das Examen überstanden ist. Es hätte ja etwas besser ausfallen
können, aber das ist nun nicht zu ändern, sie soll ja auch nicht
Lehrerin werden.”

Sie sprechen weiter über dieses Thema: jawohl, Fia könnte gut Lehrerin
werden, in mehreren Fächern andere unterrichten. Warum nicht? „Und nun
Herr Konsul, komme ich zu Ihnen als dem Ersten in allem miteinander,
ich habe ein Anliegen an Sie.”

„Nun?”

„Ein ernsthaftes Anliegen. Es handelt sich um einen Schüler, der in
seiner glänzenden Entwicklung nicht aufgehalten werden und zugrunde
gehen darf. Es ist Frank, der Sohn von Oliver.”

„Was ist mit ihm?”

„Sie haben ihn ein Jahr ums andere gekleidet, und Sie haben für die
ganze Familie Ihre große Teilnahme bewiesen --”

„Durchaus nicht!” unterbricht ihn der Konsul.

Der Schulvorsteher sieht den Konsul verwundert an, dann sagt er:
„Zuerst haben Sie seine Mutter gehabt --”

„Im Dienst. Jawohl, Petra, sie hat bei uns gedient.”

„Ja. Und dann haben Sie dem Vater sein Auskommen gegeben. Deshalb meine
ich, Ihre Wohltaten gegen die Familie sind sehr groß und sehr zahlreich
gewesen. Aber jetzt braucht Frank Hilfe, er braucht sie sofort höchst
notwendig, helfen Sie ihm also weiter, Herr Konsul!”

Zuerst war der Konsul durchaus nicht entzückt über dieses Ansuchen, im
Gegenteil, er runzelte die Stirne. Er war der Erste in der Stadt, jetzt
war er so hoch gestiegen, als er überhaupt steigen konnte, und so hatte
er wohl keine Lust, noch größer zu sein, als er war; deshalb sagte er:

„Wenn Sie meine Wohltaten aufzählen -- wie Sie sie freundlicherweise
nennen -- meinen Sie dann, das sei ein weiterer Grund, wieder zu mir zu
kommen?”

„Wir möchten so gerne den ersten Namen der Stadt obenan haben, dann
versuchen wir es bei andern. Aber wir sind uns ganz bewußt, daß wir
jetzt -- ja, daß wir jetzt -- die Hilfsbereitschaft eines Mannes
mißbrauchen, dem es sehr schwer fällt, nein zu sagen.”

„Was soll denn der Junge werden?”

„Er kann werden, was er will, so fleißig und strebsam, wie er ist. Ganz
besonders leicht fallen ihm die fremden Sprachen.”

Der Konsul überlegt, er starrt in die Luft und überlegt, dann tut er
den merkwürdigen Ausspruch: „Es könnte mißverstanden werden, wenn ich
der Familie noch weiter helfen würde.”

„Mißverstanden?”

Nun ändert der Konsul seinen Ton, der Schulvorsteher hat also nicht
einmal etwas von einer gewissen Backpfeife gehört. Er sagt deshalb: „O
ja, es wird geklatscht, man entblödet sich nicht. Es heißt, ich tue
meine kleinen Wohltaten aus lauter Prahlerei,” sagt der Konsul.

So etwas hat der Schulmeister noch nie gehört, niemals. „Ach, aber
darüber müßte ein Mann wie Sie, Herr Konsul, erhaben sein, himmelhoch
darüber stehen müßten Sie. Alle besseren Elemente in der Stadt sind auf
Ihrer Seite.”

Sie beraten weiter darüber, der Konsul ist immer noch nicht ganz
beruhigt wegen möglicher Klatschereien, wegen der allgemeinen
Beurteilung, aber schließlich gibt er nach und sagt: „Ja -- eine
Handreichung muß ich wohl gewähren.”

Jetzt war vielleicht der Schulvorsteher ein wenig unruhig geworden,
aber er gibt seinem Gefühl in vorsichtiger Weise Ausdruck. „Tausend
Dank, Herr Konsul, ich wußte es ja, daß ich nicht mit leeren Händen
abziehen müsse. O, hier ist Gelegenheit für Leute von Macht, Größe zu
zeigen. Sonst gehen diese ungewöhnlichen Anlagen für das Geistesleben
und das Land verloren.”

„Ja, sagten Sie denn nicht, Sie möchten eine Handreichung?” fragt der
Konsul.

„Doch. Allerdings, in einem Umfang, den Sie Handreichung nennen, Herr
Konsul. Es handelt sich also um eine jährliche Unterstützung während
der Studienzeit des Jungen.”

Nein, so weit zu gehen, daran hatte der Konsul wohl noch nicht gedacht.
Er sagt: „Ach so!” und schüttelt den Kopf.

In diesem Augenblicke klopft es mit einer behandschuhten Hand an die
Tür. Frau Konsul Johnsen tritt ein und sagt: „Entschuldige, ich gehe
gleich wieder.”

Ach, war es nicht das Schlimmste, was dem Konsul widerfahren konnte,
daß gerade jetzt seine Frau dazu kam! Und der Schulvorsteher mußte sie
ja in seiner Einfalt sofort in den großen Plan über den Jungen Frank
einweihen. „So,” sagte Frau Johnsen; „ach so,” sagte sie.

Aber gerade ihre Gegenwart sollte dem Plane zugute kommen. Auch Frau
Johnsen hatte an diesem Tage, wo sie noch einmal so viel geworden war
als andere Frauen, etwas Großes im Sinne, sie sah ihren Mann an und
sagte: „Ja, hier wirst du wohl eintreten müssen.”

Da fühlte sich der Konsul merkwürdig erleichtert, er hatte also ganz
einfach seine Frau als Verbündete bei einer Wohltat gegen die Familie
Oliver. „Es ist ein großes Glück, wenn man eine verständnisvolle Frau
hat,” sagt der Konsul. „Ich wollte gerne hören, wie du darüber denkst,
Johanna.”

„O, die gnädige Frau kennen wir schon!” rief der Schulvorsteher aus.

Ertrug sie das nicht, ertrug sie so etwas nicht? Sie wurde ganz
verdutzt und fragte: „Hat der Junge seinen Taufbund erneuert?”

„Er soll jetzt konfirmiert werden. Und dann soll er gleich aufs
Gymnasium kommen; das ist die Absicht.”

Der Konsul fragt: „Wen wollen Sie außer mir noch für diese Sache
gewinnen?”

„Die beiden Konsuln, Olsen und Heiberg --”

„Dafür bin ich nicht,” wendet Frau Johnsen ein.

„Nein, nein, vielleicht nicht. Dann hatten wir an Rechtsanwalt
Fredriksen gedacht. Er ist der Besitzer von Olivers Haus, er müßte zu
dem Zweck dieses Haus schenken können.”

Aber nun fühlte sich Konsul Johnsen durch die Haltung seiner Frau
wahrhaftig so weit unterstützt, daß er die Achseln zuckte und sagte:
„Ach, so ein Rechtsanwalt! Er politisiert immerfort und will in den
Landtag gewählt werden. Mag er das weiter treiben, zu viel anderem
taugt er wohl kaum.”

Dazu lächelte der Schulvorsteher und gab seine Zustimmung zu erkennen.
Aber dann nennt er Henriksen, ja, sie wollten versuchen, auch Henriksen
zu gewinnen.

„Welchen Henriksen?” fragt Frau Johnsen.

„Henriksen auf der Werft.”

„Na der!” ruft Frau Johnsen.

„Ja, darüber ist weniger zu lächeln,” sagt der Konsul, um seine Frau
etwas zurückzuhalten.

Aber Frau Johnsen kann wohl heute nicht viel ertragen, und so erträgt
sie auch keinen Hemmschuh, ihr Ausdruck wird kühl.

Der Konsul fährt fort: „Nein, das Entscheidende ist, daß gar nicht
gesagt ist, was Henriksen überhaupt zum Weggeben hat.”

Frau Johnsen fällt ein: „Freilich, das wissen wir nicht. Aber wir haben
auch keinen Verkehr mit ihnen.”

Der Schulvorsteher sitzt wie auf glühenden Kohlen, bis er die Sache
wieder in Ordnung hat. Alle drei reden über Henriksens auf der Werft
und stimmen miteinander überein, daß sie in ihrer Art ganz gute Leute
seien, aber etwas aus dem Rahmen fallen, etwas unkultiviert seien, und
daß der Mann gern ein Glas trinke.

„Nun,” sagt Frau Johnsen schließlich, „ich wollte mir nur rasch eine
Banknote bei dir holen.”

Der Konsul tritt an seinen Geldschrank. „_Eine?_” sagt er fragend.

„Ja, wenn sie groß genug ist.”

Als Frau Johnsen gegangen ist, setzt sich der Konsul wieder und
beratschlagt nun mit dem Schulvorsteher. „Eine jährliche Unterstützung,
ja,” sagt er. „Das war es übrigens auch, was ich vorhin mit einer
Handreichung gemeint hatte. Haben Sie schon mit dem Doktor über diese
Sache gesprochen?”

„Ja. Und er will auch nach Kräften dazu beisteuern. Aber er hat wohl
nicht viel.”

„Was wird er haben! Nein, nun hören Sie, ich kann es ebensogut gleich
sagen: ich bestreite diese Ausgaben. Sie können heimgehen und ruhig
schlafen, Herr Schulvorsteher.”

„Aa!”

„Ja, ich tu's,” sagt der Konsul, indem er aufsteht. „Ich werde diese
Handreichung, diese jährliche Unterstützung allein bestreiten.”

Der Schulvorsteher stand auch auf und murmelte überwältigt: „Hier
erkenne ich Sie wieder, Herr Konsul.”

Und seht, nun brauchte also der Junge Frank nicht wieder in seine
Umgebung herabzusinken, nicht zurück in das Dunkel, aus dem er
hervorgegangen war. Alles kommt in Ordnung, der Schulvorsteher konnte
triumphieren, konnte jedes bessere Element auf der Straße anhalten und
ihm die Neuigkeit berichten, er konnte persönlich zu Olivers hingehen
und sie kundtun. Das war ein glücklicher Tag für ihn, es war, als
habe er selbst einen wohlüberstandenen Examenstag noch einmal hinter
sich, für ihn gab es keine größeren Freuden, als wenn er auf diese
Weise Gutes tun und die Überlegenheit des Unterrichts und der Bücher
feststellen konnte, das war sein Beruf und seine Leidenschaft. Eine
Leidenschaft muß der Mensch haben, manche trotzen Feuer und Wasser, um
Zeitwörter biegen zu dürfen.

Der Schulvorsteher begegnete einer Schar Schuljugend, die von
einem Gebirgsausflug zurückkam. Die Schar war ermüdet von ihren
Anstrengungen, mit wunden Füßen, sonnverbrannt, von bösen Ochsen und
Bauern geärgert, kamen sie daher. Der Schulvorsteher wird schon von
weitem erkannt, die Schar nickt ihm zu, begrüßt ihn. Die größten
der Kinder sind ihn nun los, er hat die Tortur während der ganzen
Zeit ihres Heranwachsens geleitet, aber es war nur zu ihrem eigenen
Besten, er rüstete sie aus fürs Leben, rüstete sie aus für Ackerbau,
Fischfang, Viehhaltung, Handel, Industrie, Kunst, Familienleben, Träume
und Gottesverehrung; aber jetzt sind sie frei von ihm, sie haben ihr
Examen hinter sich, nun sollen sie ihre Rüstung im Kampf erproben.
Da gehen sie nun hin und verwahren gewissenhaft in ihrem kleinen
Gehirn den Flächeninhalt der Schweiz, die Jahreszahlen der punischen
Kriege, sie stürmen ins Gebirge mit folgender Naturwissenschaft im
Herzen: Fische sind Wirbeltiere! Sie hinken heimwärts mit ihrer ersten
Erfahrung von einem matten Blutumlauf. Der Schulvorsteher begegnet
ihnen, begegnet diesen Kindern, für die es vielleicht viel besser
gewesen wäre, wenn sie etwas vom wirklichen Leben gekannt hätten; er
selbst ist ein alter Mann mit dem Gehirn eines Konfirmanden, er ist
halbverhungert und abgerackert, sein Rock hängt an ihm herunter wie von
einem Kleiderträger, der Aufhänger steht ihm im Nacken heraus; aber da
schreitet er einher, der Vorsteher der Schule, der Vorsteher des großen
steinernen Schulhauses.

„Nun, wie ist es euch auf dem Ausflug ergangen?”

„Soso, Ochsen, Bauern --”

„Darüber muß man erhaben sein, himmelhoch darüber erhaben. Wollt ihr
eine erfreuliche Neuigkeit hören?”

„Ja, ja!”

„Frank kommt aufs Gymnasium!”

Einige von den Kindern sind so klug, zu tun, als sei dies die
erfreulichste Neuigkeit, die sie hören könnten, andere sind
gleichgültig, einige neidisch. Seht, für den Reinert in Kniehosen ist
es leicht, Freude zu bezeugen, er, der das von den Fischen weiß und
überdies ausgesprochenes Sprachtalent hat! Frank in eigener Person ist
nicht ohne Interesse für die Neuigkeit, sein sonnverbranntes Gesicht
wird einen Augenblick noch dunkler, aber er sinkt nicht auf die Knie
nieder. Nein, denn er hat auch früher schon Geschenke bekommen, es ist
ihm die ganzen Jahre über von andern vorwärts geholfen worden, er ist
nie gezwungen gewesen, selbst Auswege zu finden; es würde sich schon
machen, alles würde schon in Ordnung kommen! Und jetzt sollte ihn eine
besonders große Freude durchzucken? Frank durchzucken? Der Junge ist
ja niemals froh gewesen, keinen einzigen Tag in seinem Leben. Er ist
strebsam in der Schule gewesen und fühlte sich befriedigt, weil die
Menschen seinen Fleiß und seinen Ehrgeiz hochachteten, das war alles.
Nein, er kennt die leidenschaftlichen Ausbrüche nicht, er ist nie
droben, hoch droben gewesen und dann heruntergestürzt, ist nie auf den
Boden gesunken und wieder nach oben geschwommen, er hat sich keiner
Gefahr ausgesetzt und hat nie etwas abzuwehren gehabt; anstatt sich aus
einer Klemme herauszubringen, vermied er es, in eine hineinzukommen.
Klug getan, aber erbärmlich getan. Gott hat ihn zum Philologen
ausgerüstet.

Er verabschiedet sich von den andern und geht heim. Da bekommt er
frische Fische zum Abendbrot, etwas, das ihm wahrlich not tun kann. Der
Vater ist schon heimgekommen, Abel sitzt ausnahmsweise auch einmal im
Schoße der Familie; der alte, ausgediente Kater schnuppert und läuft im
Kreise herum, immer näher zum Fischgericht heran und miaut.

Es war, als sei etwas Fremdes in die Stube hereingekommen -- Frank,
als eine noch merkwürdigere Person denn sonst. Jetzt sollte er
konfirmiert werden und dann fortreisen. Die Großmutter ist stumm
darüber und ist gegen ihn schon wie ein sündiges Gemeindelamm gegen den
Pfarrer. Vielleicht dachte sie, könnte es einmal von Nutzen sein -- im
Beichtstuhl.

Oliver sitzt am Tisch mit dem kleinsten Mädelchen auf dem Schoß und
Petra mit dem vorjüngsten, dem blauäugigen; alle essen. Oliver ist
wahrhaftig etwas niedergedrückt; er plaudert mit der Kleinen, um es
etwas weniger feierlich zu machen: „Sie ist so klein,” sagt er, „und
Vaters kleines Mädchen ist sie, sie ist nicht gefährlich und groß, nur
ein liebes kleines Ding. Wem sein Mädelchen bist du? Vaters, ja das
wußt' ich.” Dazwischen steckt er dem Kind eine Rübe in den Mund, sorgt
aber sonst für sich selbst. O, Oliver kann tüchtig essen, wenn Petra
ihm gegenüber nicht fest hinsteht. „Ja ja, für die heutigen Fische
haben wir uns bei Abel zu bedanken,” sagt er.

Als ob das etwas Wichtiges und nicht etwas ganz Gleichgültiges gewesen
wäre!

Petra ist von dem hingenommen, was dem Hause widerfahren ist, und sie
bringt Frank dazu, ihr auf ihre Fragen Rede und Antwort zu stehen.

„Das Gymnasium,” sagt Oliver und nickt ihr zu, „ja, das ist der
richtige Weg!” Aber er hat leider nicht Verstand genug, um das Thema
weiter zu verhandeln, und sobald er gegessen hat, spielt er wieder mit
der Kleinen und gibt ihr die weiße Engelsfigur als Puppe.

Seht, es ist jetzt nicht mehr viel übrig von den Zieraten auf der
Kommode, sie sind zu oft als Spielsachen für die Kleinen benutzt
worden, und was den kleinen Taschenspiegel im Messingrahmen betrifft,
so ist der allerdings nicht den Weg alles Fleisches gegangen, sondern
Oliver hat ihn ausgeführt, um sich im Lagerhaus darin spiegeln zu
können. Das verdorbene Mannsbild, das Frauenzimmer, er betrachtete sich
im Spiegel!

Er wartet, bis er besser zu Wort kommen kann, um etwas kund zu tun.
Was kann das für eine Neuigkeit sein, die er mit sich herumträgt? Daß
Johnsen am Landungsplatz doppelter Konsul geworden ist? Das auch, das
ist das erste. Aber plötzlich sagt er zu Petra: „Sie redeten davon, daß
bei Johnsens eine große Gesellschaft gegeben werden soll.”

Oliver kam ab und zu mit einem Auftrag für seine Frau heim, daß man sie
bei Johnsens nötig brauche, Frau Johnsen habe gesagt, Scheldrup habe
ein Wort darüber fallen lassen, auch der Konsul selbst hatte bisweilen
eine Arbeit für sie. Manchmal hatte es nichts auf sich, es war ein
„Mißverständnis” von Oliver gewesen, und es kam auch vor, daß es eine
freie Erfindung von ihm war. Aber so oft Petra einen solchen Bescheid
bekam, zog sie ihren Sonntagsstaat an und ging fort; das schadete
niemand, und sie bekam jedenfalls eine Freistunde.

„Na, haben sie nun wieder Gesellschaft?” fragt sie.

„Es scheint so. Wenn er doch Doppelkonsul geworden ist. Du wirst es ja
hören.”

„Dann soll ich wohl ein wenig helfen?”

„Ja. Und vielleicht sollst du heut abend auch das Kontor aufwaschen.
Ich hab' es nicht so genau gehört.”

Petra geht. Die Großmutter bleibt bei den Kleinen, die Stube leert sich
allmählich. Oliver schleicht seiner Frau nach und paßt eifersüchtig
auf, ob sie auch wirklich zu Konsul Johnsens geht. Doch Petra ist
an dieses Auflauern gewöhnt, sie weiß, sie hat ihn hinter jeder
Straßenecke, und sie wehrt jedem Streit, indem sie weder nach rechts
noch links ausweicht.

Auch Abel bleibt nicht zu Hause. Er hat einen herrlichen Peitschenstiel
gefunden und ihn unter der Türschwelle versteckt. Jetzt holt er
ihn hervor und betrachtet ihn, es ist ein aus Riemen geflochtener
Peitschenstiel, sehr biegsam und ausgezeichnet, Abel weiß sofort,
wozu er zu gebrauchen ist. Auf alle Fälle kann er ihn in der Hand
tragen, ihn durch die Luft sausen lassen; er hat einen stattlichen
Messingknopf. Abel kennt die Fuhrleute der Stadt und weiß so ungefähr,
wer den Peitschenstiel verloren hat; aber leider ist er gerade nicht
ehrlich aufgelegt und mag ihn darum nicht dem Besitzer hinbringen.
Statt dessen geht er zum Fischer Jörgen.

Ach, daß er es nicht lassen kann, um dieses Haus zu kreisen, dieses
Eden, aus dem er vertrieben worden ist! Daß Eduard auch nicht wo anders
wohnt!

War das übrigens nicht Eduard, der soeben dort unten über die
Straße gegangen ist? Und ist das nicht der Stadtingenieur, der ihm
entgegenkommt? Abel kann doch nicht einfach an ihm vorbeilaufen, um
seinen Kameraden einzuholen?

„Guten Tag, Abel!” sagt der Stadtingenieur. „Hör du, ich hab' den
Verdacht, daß du es gewesen bist, der mir einige Male ein Bündel Fische
an die Küchentür gehängt hat. Ich will dir die Fische bezahlen,” sagt
er und zieht den Geldbeutel heraus.

„Das -- nein --” sagt Abel stotternd.

„Was? Meine Frau ist überzeugt, daß du es gewesen bist.”

„Es sind nicht viele gewesen,” sagt Abel.

Der Stadtingenieur streckt ihm eine Krone entgegen, denn er hat selbst
nicht viel zum Bezahlen. „Das war nett von dir,” sagt er.

Dann geht jeder seines Weges, und Abel lenkt seine Schritte dem Hause
des Fischers zu. Seine Augen sind etwas feucht von den letzten Worten
des Stadtingenieurs.

Die Hühner haben sich bereits aufgesetzt, und im hinteren Höfchen ist
es still. Aber als Abel den Kopf hereinsteckt und Klein-Lydia sieht,
ruft er auf gut Glück:

„Eduard!”

Klein-Lydia antwortet:

„Hu, wie du mich erschreckt hast, du Schreihals!”

„Ich wollt' nur sehen, ob Eduard nicht da ist.”

„Da komm her! Eduard ist eben wieder weggegangen. Er hat zu Hause
gegessen und ist dann schnell wieder fort. Da komm her, hörst du!”

„Du bist selbst ein Schreihals!” sagt Abel plötzlich. -- Ein Irrtum war
ausgeschlossen, er selbst hörte seine Worte deutlich.

Klein-Lydia hatte unterdessen vor einem Stuhl mit Schreibsachen
gekniet. Jetzt steht sie auf, und es ist nichts Böses mehr in ihr,
sondern nur noch Reue über ihren übereilten Ausdruck. „Sei mir nicht
böse!” sagt sie, und allem Anschein nach ist sie wieder auf dem Punkt,
in Tränen auszubrechen.

Abel ist zu blöde, einen Versuch zu machen, sie geradezu zu trösten;
aber er geht doch so weit, daß er fragt: „Was hast du da geschrieben?”

„Briefe! Da sieh her, was ich für Finger habe!” sagt sie und streckt
ihm ihre tintengeschwärzten Finger entgegen. „Ach du liebe Zeit, wie
ich ausseh'!” ruft sie und klopft sich den Sand vom Rock.

Jetzt ist alles wieder gut zwischen ihnen, und Klein-Lydia läßt ihr
Mundwerk laufen. „Du kannst froh sein, daß du nicht so viele Briefe
schreiben mußt. Kannst du Briefe schreiben?”

„Das weiß ich nicht.”

„Ich hab' so viele Freundinnen von der Tanzstunde her, denen ich
schreiben muß. Was hast du denn da? Einen Stock?”

„Siehst du denn nicht, was es ist? Das ist ein Klopfer, zum Kleider
ausklopfen.”

Lydia biegt ihn und macht zur Probe einen Schlag durch die Luft, dann
nickt sie befriedigt: ja, der sei großartig.

„Du kannst ihn haben,” sagt er.

Und so geschieht es.

Sie reden von dem und jenem, und Klein-Lydia tut sehr reif und
erwachsen; sie habe den Tag über so sehr viel zu tun und sei abends
ganz erschöpft von all dem Nähen und Stricken und der Hausarbeit.

„Weißt du, was ich denke?” fragt sie.

„Nein.”

„Nun, es ist ja auch einerlei. Aber jetzt ruft mich meine Mutter bald,
und dann ist es zu spät, wenn du mir etwas sagen willst.”

Dies kommt ihm sehr unerwartet, er ist ganz verdutzt. Was sollte er
sagen? Was meinte sie?

„Ja!” rief Lydia plötzlich mit schriller Stimme zum Haus hinüber und
lief hinein.

Aber Abel hatte gar nicht gehört, daß ihr gerufen worden wäre.

Wieder war es ein mißlungener Abend und ein wahres Elend. Ein paar Tage
darauf aber war der Stadtkutscher seinem schönen Peitschenstiel auf die
Spur gekommen und hatte sich ihn wieder geholt. Und so war es nun also
mit Abel für immer aus und vorbei.



12


Die Jahre vergehen. Die Jugend wird konfirmiert, schießt in die Höhe
und wird lang und groß, sogar ungewöhnlich groß, da die Mode zur Zeit
sehr hohe Absätze unter den Schuhen verlangt.

Fia Johnsen war schon ebenso groß wie ihre Mutter; sie war braunäugig
und von blasser Hautfarbe, ein schönes Geschöpf. Die Sommersprossen
waren fast ganz verschwunden, und sie ließ einen langen Zopf den Rücken
hinunterhängen. Die Leute hatten sie aufwachsen sehen, sie erinnerten
sich noch gut an ihre Geburt, ja, sie hatten ein gutes Gedächtnis, und
sie wußten auch noch, was sie bei ihrer Konfirmation angehabt hatte;
nicht selten standen die Weiber am Brunnen und verbreiteten sich über
all diese Herrlichkeit. Es sei nicht schlecht, Fia Johnsen zu sein.

Ihr Bruder Scheldrup Johnsen war in einem Lande nach dem andern, um
zu lernen; seine Mitbürger verloren ihn von Zeit zu Zeit ganz aus dem
Gesicht, aber Fia war zu Hause. Sie lernte tanzen und Klavierspielen
und abstauben und niedlich sein. Sie zeichnete und malte gern, und
vertiefte sich in die Zeitungen und Zeitschriften im Hause des Konsuls,
auch hatte sie alle die vielen schönen Teller gemalt, die rund herum an
allen Wänden des Eßzimmers aufgestellt sind. „Das Werk meiner Tochter!”
pflegt der Konsul seinen Gästen zu sagen.

Zuerst wurde ihr Talent in der Schule und beim Zeichenlehrer der Stadt
ausgebildet, dann kam sie in größere Städte und Hauptstädte und lernte
mehr, und so oft sie wieder nach Hause kam, konnte sie selbst noch
einsichtsvoller über ihre Teller lächeln. Jetzt war sie soweit, daß
sie eigenhändig die Aussicht von ihrem Fenster und Teile des Gartens
malte. Gut. Aber Fia war sehr jung und bedauerlich mager, durchaus
nicht unterernährt, behüte, aber unentwickelt, ohne Muskeln, ohne
Arbeit. Was sollte sie mit sich und ihrem Talent anfangen? Ihre Eltern
hatten es dazu, sie zu Hause zu behalten oder ihr einen Aufenthalt
auswärts zu gestatten, was ihr selbst lieber war. Und mochte sie sein,
wie sie wollte, so war sie hübsch und einnehmend und nahm nie zwei
Treppenstufen auf einmal, nein, niemals. Aber das war auch alles. Einen
Lebensberuf hatte sie nicht nötig, ihr Talent war unnütz. Ihr Leben
hatte keinen Ernst.

„Sie sollte eine richtige Arbeit haben,” sagt der Doktor.

Er sagt das schon seit mehreren Jahren und ärgert ihre Eltern damit.
Arbeit? Was hätte ihre Tochter arbeiten sollen?

„Soll sie vielleicht Dienstmädchen werden?” fragt der Konsul.

„Dazu taugt sie nicht.”

„Nicht einmal dazu?”

„Nein. Aber streifen Sie ihr die Brillantringe ab und lassen Sie sie im
Garten arbeiten.”

„Dazu hab' ich meine gelernten Gärtner. Die arme Fia ist ja immer sehr
tätig; jetzt will sie eine Weile recht fleißig sein und dann eine
Ausstellung halten.”

„Ach Gott!” sagt der Doktor.

Die beiden Herren sitzen in C. A. Johnsens Kontor, im Doppelkonsulat,
und der Konsul kann also den Doktor nicht einfach stehen lassen und
seiner Wege gehen. „Meine Tochter ist Ihnen mit ihrer Kunst noch nicht
sehr lästig gefallen,” sagt er. „Hingegen haben sich einige Kritiker
lobend darüber ausgesprochen.”

„Ja, das kennen wir. Aber was zum Teufel soll das Kind mit seiner
Kunst, wenn es krank und elend ist?”

„Das verwächst sich.”

„Das ist keineswegs gewiß.”

Merkwürdig, daß sich Konsul Johnsen immer so viel von dem Doktor
gefallen läßt! Daß er ihm auch in allen diesen Jahren nicht ein
einziges Mal die Tür gewiesen hat! Die medizinische Autorität? Was
hatte der Konsul vor andern damit zu tun? Natürlich stand der Doktor in
der Stadt in ungeheuerem Ansehen, das wohl, aber konnte sich das mit
dem Ansehen, das der Konsul genoß, irgendwie vergleichen? Wahrhaftig,
es war für jedermann ein Rätsel, daß der Doktor es sich herausnahm, so
von der Leber weg mit dem gewaltigen Manne zu reden.

Und gerade jetzt war eine Zeit, in der der Konsul Grund hatte, noch
weniger als sonst Ärger hinunterzuschlucken: er hatte vorher schon
genug davon. Er sagt darum so wenig verletzend wie möglich: „Wir Eltern
wollen hoffen, daß die Vorsehung barmherziger gegen Fia sein wird, als
Sie, Herr Doktor. Wollen Sie sich nicht eine Zigarre anstecken, ehe Sie
gehen?”

„Doch gerne, wenn ich gehe. Wenn Sie das mit Fia richtig aufnehmen
wollten, dann hätte sie die Barmherzigkeit der Vorsehung nicht
besonders nötig. Wie ist es denn, soll sie nicht auch einmal heiraten?”

„Taugt sie dazu vielleicht zufällig auch nicht?”

„Ein Mann will eine Frau heiraten und nicht eine Malerin.”

Lächelnd sagt der Konsul: „Nun, dann muß sie sich eben später die
Eigenschaften der verheirateten Frau erwerben. Das hat aber noch
mehrere Jahre Zeit. Vorerst ist sie der Kunst beflissen.”

„Angenommen, sie hätte sich dieses Vergnügen nicht leisten können, so
wäre sie genötigt gewesen, als Frau viel tüchtiger zu werden,” sagt der
Doktor. „Und angenommen, sie könnte sich das nicht immer leisten?”

Wieder sagt der Konsul lächelnd: „Dann müssen Sie sie versorgen.”

„Sie hören doch, ich sage nur angenommen.”

Die Zudringlichkeit des Doktors war wirklich unerträglich, und wenn der
Konsul gewußt hätte, warum er gerade heute so zudringlich war, so hätte
er vielleicht dennoch -- dennoch -- seinem Gast die Tür gewiesen.

O, der neue Brillantring, den Fia bekommen hatte, der war's, der ließ
der Frau des Doktors keine Ruhe mehr. Was sollte sie damit, so ein
Kind? Eigentlich sollte sie noch in kurzen Röcken gehen, jawohl. Und
was war aus dem armseligen kleinen Brillantring geworden, der der Frau
Doktor schon seit vielen Jahren in Aussicht gestellt war? Ach, alles
zusammen war so schwer und traurig! Das tägliche Leben bot auch gar
keine Freuden, huhu!

Aber der Konsul weiß nichts von dem Kampf, den die Doktorsleute
miteinander ausgefochten haben, und er mußte wohl doch ein Körnchen
Vernunft in dem gefunden haben, was der Doktor gesagt hat, denn er
wurde nachdenklich. Er liebte Fia und wollte vor allen Dingen ihr
Bestes, er war ein bißchen zu willfährig gegen sie, ihr Aufenthalt
in den Städten wurde immer teuerer, aber das war notwendig zu ihrer
weiteren Ausbildung: er konnte ihr keine Hindernisse in den Weg legen,
sie hätte sich ja vor ihren neuen Bekannten und Freunden schämen
müssen. In ihrer Güte hatte sie angefangen, den andern Malern Bilder
abzukaufen, um ihnen zu helfen; aber da hatte der Vater Einspruch
erheben müssen, die Ausgaben waren ohnedies groß genug, und sein
Geldschrank war nicht unergründlich. Gut, Fia beugte sich und legte
diesen Fehler ab, aber einige andere behielt sie in der Stille bei,
einige ganz kleine, nur Lappalien gegen all die Tugenden, die sie
schmückten. Wenn sie unter Fremden war, dann trat sie fein und gebildet
auf, aber ein klein wenig zu sehr von oben herab. Sie ließ gerne
durchschimmern, daß sie aus hochgebildetem Hause stamme und einen
Millionär zum Vater habe. Das war halb Betrug und halb Selbstbetrug.
Wenn sie das Postschiff nicht mehr erreicht hatte, konnte sie zu den
Umstehenden sagen: „Wenn ich nur unser eigenes Dampfschiff hier hätte!”
Ach, ihr eigenes Dampfschiff hatte anderes zu tun, als Fräulein Fia
herumzufahren, und außerdem war es ein Kasten, der höchstens acht
Meilen machte, im Durchschnitt nur fünf Prozent trug und zuweilen auch
zwei verlor.

Und gerade jetzt verlor das Dampfschiff Fia wieder einmal.

Der gute Konsul war nicht immer ein guter Reeder, und Scheldrup befand
sich gerade deshalb im Auslande, um die richtige Reederkunst zu
lernen. Es stellte sich heraus, daß es ein Unterschied war, über ein
Dampfschiff richtig zu verfügen, oder eine mit Tran beladene Galeasse
über die Nordsee zu schicken, Kohlen zu holen. Fia brachte nicht auf
jeder Fahrt einen Überschuß, und sie fuhr auch nicht immer ihre acht
Meilen. Aber der Verlust war es nicht allein, Fia war auch noch auf
andere Weise ein Kreuz. Eben jetzt gärte es unter der Mannschaft, die
Leute klagten über die Kost und liefen davon, und der Konsul konnte
nicht begreifen, warum dieselbe Kost nicht mehr so gut sein sollte, wie
alle die vergangenen Jahre her. Und darüber ärgerte er sich.

Auch eine unglaubliche Nachricht ist zu ihm gedrungen, nämlich die,
daß Kaufmann Davidsen auch Konsul geworden ist -- allerdings nur
einfacher Konsul, aber dennoch Konsul. Dann gab es ja gar keine
Grenzen mehr. Davidsen, der vor zwanzig Jahren aus der Nachbarstadt
hierher gezogen war und immer noch von den echten Eingeborenen als
Auswärtiger angesehen wurde, der so manches liebe Mal selbst hinter
dem Ladentisch stand, der den Kindern kleine Fischgeräte verkaufte,
sowie großes Tauwerk und schweres Segeltuch für die Schiffe, alles
einfachere Sachen, ohne Manufaktur und blanke Kurzwaren. Bei Johnsen
am Landungsplatz trugen die Ladendiener gestärkte Kragen, bei Davidsen
hatten sie die Ärmel aufgekrempelt und die Hände mußten Trossen
handhaben können. Das war ja ganz schön, und Arbeit schändet nicht,
aber das war doch kein Konsulatswesen und keine Repräsentation.

Hatte der Konsul sonst keinen Grund, sich zu ärgern? Doch, noch einen.
Mit Oliver, seinem Lagerhausvorsteher, hatte es Widerwärtigkeiten
gegeben. Wieso? Er hatte falsch gewogen. Zu seinem eigenen Vorteil?
Keine Spur, zu dem des Konsuls. Das war ja ganz schön, treue Dienste
schänden auch nicht; aber man darf doch nicht betrügen. Es war so
zugegangen: der Schreiner Mattis hatte einen viertel Zentner Griesmehl
holen wollen, und beim Auswägen hatte Oliver wohl vergessen, seinen
kleinen Finger von der Wage wegzunehmen. Dieser kleine Finger mußte ein
ordentliches Gewicht gehabt haben. Mattis schöpfte Verdacht, ging zu
Grütze-Olsen und ließ nachwiegen. Richtig, wie er gedacht hatte: ein
ganz bedeutendes Untergewicht.

Nun war ja das dümmste, was der Schreiner Mattis tun konnte, daß er mit
dem Mehlsack den Laden verlassen hatte; er hätte sich vor die Stirn
schlagen und seinen Geldbeutel „vergessen” haben müssen, um auf diese
Weise einen von den Ladendienern mit sich ins Lagerhaus zu locken und
das Gewicht nachzuprüfen. Aber Mattis war dumm und hitzig, er ging
seiner großen Nase nach und fing gleich an zu donnern und zu blitzen;
aber was sollte das helfen? Er lief von Wage zu Wage in der Stadt und
ließ seinen Mehlsack nachwägen und erzählte überall warum. Schließlich
kam er wieder zu Johnsen am Landungsplatz zurück, die Kleider voll
Mehlstaub und rasend über alle Maßen.

Nun begab es sich, daß gerade auch Olaus vom Wiesenrain im Laden
war, und Olaus war heute großartig. Voll von Branntwein, übervoll.
Anfänglich war er stumpf und geistesabwesend, als er aber die
Geschichte des Schreiners vernahm, entstand bei ihm plötzlich ein
Bewußtsein auf neuer Grundlage, und er rief laut: „Was, falsches
Gewicht?”

„Falsches Gewicht!” bestätigte der Schreiner. „Es ist bewiesen.”

Der Ladendiener und Berntsen, der Geschäftsführer, suchten ihn zu
beruhigen: „Schreien Sie doch nicht so, der Konsul sitzt ja im Kontor!”

„Er soll nur herauskommen, ich hab' nichts dagegen,” sagte Mattis.

„Heraus mit dem Konsul!” schrie Olaus.

„Sieh her, Olaus, da hast du Tabak für deine Pfeife, und jetzt gehst
du!” sagte der Ladendiener. „Kommen Sie, Mattis, gehen Sie mit mir!”

Sie gingen nach dem Lagerhaus.

Oliver nahm die Sache sehr nett auf und war äußerst nachsichtig gegen
den rasenden Schreiner. Warum sollten sie denn Streit miteinander
anfangen? Er mußte lachen. Meinte Mattis vielleicht, er, Oliver, werde
auf ihn losstürzen wie ein wildes Tier? Er mußte wieder lachen. War
etwas nicht in Ordnung, so war es ein Versehen gewesen, das konnte
jedem vorkommen.

„Ich hab' es nicht zum erstenmal gemerkt,” sagt Mattis.

Oliver schielt zu ihm hinüber und sagt: „Was das betrifft, so reiß'
das Maul lieber nicht so weit auf. Du könntest sonst am Ende Zeugen
beibringen müssen.”

Berntsen wiegt nach und füllt das Fehlende in den Sack; er gibt gutes
Gewicht. „So sollst du für Mattis wägen,” sagt er und schlichtete damit
den Streit. „Das war nicht schön von dir, Mattis, daß du mit dem Sack
in der Stadt herumgerannt bist; du hättest hier auf der Stelle dein
Recht bekommen.”

„Ich war aber doch rasend, denn es war nicht zum erstenmal.”

„Und das hören Sie mit an, Berntsen!” sagt Oliver und verlangt Zeugen.

Aber Berntsen ist ein alter, gewiegter Kaufmann und verfährt klug
und vorsichtig; Schreiner Mattis war kein schlechter Kunde, er war
Handwerksmeister mit Lehrling und Gesellen. Er hatte ein Haus, wenn
auch kein Heim, er hatte nur Maren Salt, jawohl, aber darum war
Mattis doch nicht der erste beste, und jetzt war er auch noch in den
Gemeinderat gewählt.

„Nimm dich in acht, Oliver!” mahnte Berntsen. „Soweit ich es beurteilen
kann, hast du den Fehler gemacht, und du darfst nicht leichtsinnig mit
dem Gewicht umgehen, das würde dir der Herr Konsul auch sagen.”

Damit war diese Sache erledigt.

Dem Konsul war die Geschichte mitgeteilt worden; er selbst war ja
natürlich über jeden Verdacht erhaben, aber geärgert hatte er sich
doch. So, man lief also in der Stadt herum und ließ nachwägen, was bei
ihm gekauft worden war? Und daß sich jemand herausnahm, in seinem Laden
zu schreien: „Heraus mit dem Konsul!” das war genau so, wie wenn die
Matrosen auf der _Fia_ über die Kost klagten. Nein, der alte gute Geist
war von der Erde gewichen, alles sollte gleichgemacht und alle Grenzen
sollten verwischt werden; man drängte sich an ihn heran, man mischte
sich in seine Angelegenheiten, ein Doktor bildete sich ein, in seiner
Gegenwart alles sagen zu dürfen! Und dann die vielen Konsuln, die in
jeder Straße emporschossen!

Der Doktor hätte also eine passendere Zeit und Stunde finden können, um
die Geduld des Konsuls auf die Probe zu stellen.

Es klopft an der Kontortür, und da der Konsul keine Antwort gibt,
so ruft der Doktor: „Herein!” Auch das erlaubt sich der Doktor. Vor
wenigen Jahren noch hätte der Konsul dem sofort ein Ende gemacht,
früher war er nicht so wehrlos gewesen, jetzt schien er irgendwie
innerlich geknickt zu sein. Was in aller Welt hatte er zu fürchten?
Wußte der Doktor etwas vom ihm, dieser Bezirksarzt und Quacksalber,
hatte er irgendeine Waffe gegen den Doppelkonsul?

Herein tritt der Apotheker. Er ist klein und nervös, beinahe gänzlich
bartlos, ein vermöglicher Mann, verheiratet, aber kinderlos, mit
Junggesellenmanieren, er trug fleckige Kleider und roch nach
Medikamenten und Tabak.

„Guten Tag!” sagt er.

„Meinen Sie?” erwidert der Doktor. „Ich meine, es sei ein schlechter
Tag.”

Der Apotheker grüßt den Konsul mit einem Handschlag. Dann reicht er
auch dem Doktor die Hand und sagt: „Darf ich auch Sie begrüßen?”

„Sie meinen, ob ich es mir gefallen lasse?”

Das war wohl dieses Mannes Art, zu scherzen, und die Hand des
Apothekers ergriff er nicht.

„Eine Zigarre, Herr Apotheker!” bietet der Konsul an. Darauf nimmt er
einige große Bogen Papier vom Tisch auf, liest ein wenig darin, ordnet
sie nach der Seitenzahl und legt sie dann wieder aus der Hand.

„Sie sind beschäftigt, wie ich sehe,” sagt der Apotheker. „Ich gehe
sofort wieder.”

„Es sind nur diese Konsulate, die ich auf dem Halse habe,” sagt der
Konsul.

„Die sind wohl auch nicht nur ein reines Vergnügen?”

„Ich bin eben dabei, die Berichte an meine Regierungen auszuarbeiten,
und das ist wahrhaftig keine kleine Arbeit.”

Es kann gut sein, daß der Konsul das halb im Scherz sagt, aber er sagt
es doch mit Würde und macht den Eindruck, als ob seine Ehrenämter eine
rechte Last wären.

„Ihre Regierungen?” fragt der Doktor. „Das ist ja sonderbar, haben
Sie mehrere Regierungen? Ich habe nur eine einzige Regierung: die
norwegische.”

So viel konnte der Konsul zur Not tun: er konnte überhören, was der
Doktor sagte, und den Apotheker fragen, ob er nicht einen sehr guten
Wein haben wolle, Madeira, den und den Jahrgang.

„Was kostet er denn? Nein, das ist für die Apotheke zu teuer. Aber ich
kann fünfzig Flaschen für meinen eigenen Gebrauch nehmen.”

„Mir bietet er keinen an,” dachte der Doktor. „Der Krämer, der Jude!”
dachte er nebenbei. „Wo ist Scheldrup gegenwärtig?” fragt er laut.

„In Havre. Warum fragen Sie?”

„Wann kommt er denn nach Haus?”

„Das weiß ich nicht. Er bleibt wohl noch eine Weile fort.”

„Es ist neun Monate her, seit er zum letzten Male hier war.”

Der Konsul besinnt sich und sagt: „Ja, das stimmt.”

„Ja, das stimmt,” sagt auch der Doktor. Dann gähnt er ungeniert, steht
auf und streift seine Zigarrenasche auf die geputzte Ofenplatte.

„Bitte, hier ist ein Aschenbecher!” sagt der Konsul.

„Ach, entschuldigen Sie!”

Der Doktor tritt ans Fenster und sieht auf die Straße hinaus. Er zeigte
sich wirklich im höchsten Grade überlegen, einem doppelten Konsul so
einfach den Rücken zu kehren!

„Kann ich den Herren heute mit irgend etwas dienen?” fragt der Konsul.

Der Apotheker lehnt dankend ab und ruft: „Kommen Sie, Herr Doktor! Wir
dürfen dem Herrn Konsul nicht länger zur Last fallen.”

„Ich sehe den Kindern da unten zu,” sagt der Doktor, ohne sich zu
beeilen oder sich auch nur umzudrehen. „Ein kleines Mädchen, auch mit
braunen Augen, das gehört gewiß Oliver.” Dann dreht er sich um und sagt
zu dem Apotheker gewandt: „Meinen Sie nicht, es gebe allmählich viele
Kinder mit braunen Augen hier in der Stadt?”

Der Apotheker sagt ausweichend: „So? Nein, davon weiß ich nichts.”

„Und gestern ist ein neues dazu gekommen.”

Der Apotheker sagt, noch immer ausweichend, aber nervös und verdutzt:
„Ein neues? Ja, was soll man dazu sagen?”

„Bei Henriksen auf der Werft wieder einmal. Das heißt bei Frau
Henriksen. Das ist jetzt das zweite braunäugige bei ihr.”

Um den Doktor zum Weiterreden zu veranlassen, sagt der Apotheker nun
sehr eifrig: „Was Sie sagen! Das sind Jakobs Stäbe. War da nicht eine
Geschichte mit schwarzen und weißen Stäben?”

Der Doktor knöpft sich den Überrock zu und macht sich in aller
Gleichgültigkeit zum Gehen bereit. „Was man sagen soll, fragen Sie?
Nun, man kann ja auch schweigen. Ein Wunder ist es nicht, weder in
dem einen noch in dem andern Hause, es ist eine ganz natürliche
Sache. Diese blauäugigen Eheleute haben braunäugige Kinder von einem
braunäugigen Vater, wer er auch sein mag.”

„Was Sie sagen!”

„Soll ich das nicht sagen? Das ist kein atavistischer Zufall. Ich hab'
ein wenig nachgeforscht, es gibt keine braunen Augen in der Familie,
wenigstens nicht, wo die Verwandtschaft noch einen Einfluß haben
könnte.”

„Das ist ja eine verfluchte Geschichte, entschuldigen Sie!”

Der Konsul nimmt an der Unterhaltung mit einem gelegentlichen Lachen
teil oder sagt „Hm!” Sonst steht er gelassen da und wartet darauf, daß
die Herren sich verabschieden.

„Na ja, entschuldigen Sie, Herr Konsul,” grüßt der Doktor endlich. „Es
ist übrigens sehr schade, Herr Apotheker, daß Sie den Madeira noch
nicht haben, sonst hätte ich mit Ihnen kommen und den Wein versuchen
können.”

„Ich werde ihn heute nachmittag schicken,” verspricht der Konsul.

Schon unter der Tür sagt der Doktor: „Denken Sie über das nach, was
ich von Fräulein Fia gesagt habe, Herr Konsul. Wir möchten sie doch
gerne stark und gesund haben. Ich hab' ein ganz besonderes Herz für die
reizende kleine Dame.”

Jetzt sitzt der Konsul allein in seinem Kontor und stiert in seine
großen Kanzleibogen hinein; er ordnet sie nach der Seitenzahl und legt
sie wieder aus der Hand. Was wollten die Herren bei ihm? Regte sich ein
Verdacht bei ihm über dieses „zufällige” Zusammentreffen? Hatten sie
das miteinander ausgemacht, um dem Doppelkonsul einen Duck zu tun?

Sein Gesicht wird immer ernster. Als der Apotheker anklopfte, hatte der
Doktor sofort herein gerufen, damit sein würdiger Spießgeselle nicht
wieder gehe. Komplott! Verschwörung!

Plötzlich macht der Konsul die Tür zum Laden auf und sagt zu Berntsen,
seinem Geschäftsführer: „Schreiben Sie dem Herrn Doktor seine Rechnung
heraus, er hat darum gebeten!”

Aber nachdem Konsul Johnsen diesen Befehl erteilt hat, ist er dennoch
nicht fertig mit der Sache; er hat allerlei nicht hergehörige Gedanken
im Kopf. Seht, er kann also nicht mehr wie in früheren Zeiten alles
leicht nehmen, ein lästiger Hintergedanke kann sich jetzt einstellen
und seine Arbeitslust lähmen. Die Berichte müssen warten, Berntsen kann
sie übrigens auch schreiben.

Er tritt an den Spiegel, setzt den Hut auf, bemüht sich, sein sorgloses
Gesicht von früher aufzusetzen, und wandert mit einigen fertigen
Briefen auf die Post.



13


Der Konsul gibt wohl einer bedrängten Stimmung nach, wenn er mitten in
der Arbeitszeit sein Kontor verläßt; er sucht Ablenkung. Es ist ein
Vorwand, wenn er selbst seine Briefe auf die Post bringt, das tut sonst
ein Laufjunge. Es ist ebenfalls ein Vorwand, wenn er auf der Post die
Dampferlinien auf den Plänen an der Wand studiert, es geschieht nur,
um dem Personal Zeit zu lassen, im inneren Kontor mitzuteilen, Konsul
Johnsen selbst stehe draußen.

Mit verwunderten und fragenden Blicken kommt der Postmeister heraus und
fragt, ob er dem Herrn Konsul mit irgend etwas dienen könne?

Nein, danke. Doch wenn er Zeit habe, möchte er in den Büchern nach
einem eingeschriebenen Brief forschen, er habe einen Scheck enthalten,
und der Konsul habe seither nichts mehr davon gehört.

Sie gehen ins innere Kontor, und die Sache wird sofort aufgeklärt;
danach unterhalten sie sich. Hier ist es kühl, es riecht ein wenig nach
Lack- und Stempelfarbe, und an den Wänden hängen farbige Zeichnungen
von Gottes- und Menschenhäusern, von einzelnen Türmen, von einzelnen
Portalen, von Friesen, Schnitzwerk, schönen Türen, Kaminen, alles Werke
der freien Phantasie. Im Garten vor dem Fenster wiegen einige dichte
Fliederbüsche ihre Dolden im Winde.

Hier sitzt nun der Konsul und horcht auf ein sonderbares Geplauder, so
ganz anders, als was ihm tagtäglich in den Ohren tönt. War er darum
hergekommen? Gewöhnlich langweilte der Postmeister ja die Menschen
zu Tode, der Doktor lief ihm davon. „Gott hat mir nicht die Geduld
verliehen, dieses Geschwätz mit anzuhören,” pflegte er zu sagen. Der
Konsul hat sich auf einen Stuhl gesetzt, er muß müde sein oder ratlos.

Ach, dieser Schwätzer von Postmeister! Er war ja sehr wohlmeinend und
seelengut, aber langweilig, gerade wie der Schmied Carlsen, mit dem
einen Unterschied jedoch, daß der Schmied beinahe niemals redete und
andere quälte, sondern nur immer ganz albern zufrieden war. Zufrieden
in einer Welt wie dieser! Die beiden glichen den Weibern am Brunnen,
ach, sie waren selber nichts anderes als zwei Weiber am Brunnen, nur
daß ihr Geschwätz einen frommen Inhalt hatte, aber ihre Seelen waren
erfüllt von derselben Weibereinfalt. Sie hatten sich zu einer Art von
Lebensansicht durchgerungen und behalfen sich damit: der Postmeister
war auf philosophischem Wege zu seinem Standpunkt gekommen. Zuweilen
kamen allerdings die Ereignisse des Lebens und schlugen ihnen derb auf
den Mund, allein das schien ihre Ansichten nicht zu beeinflussen. So
hatte zum Beispiel Schmied Carlsen sehr mißratene Kinder, hielt aber
dennoch an seinen frommen Ansichten fest und fuhr fort, Gott für Gut
und Böse zu danken. War das nicht der Glaube von Israel? Die beiden
Männer könnten ja vielleicht recht haben, dachten die Leute, sie waren
vielleicht ein Beispiel und Vorbilder. Aber die Stadt wurde darum nicht
anders, die Stadt war der kleine, krabbelnde Ameisenhaufen, und da war
das wohl ein Beweis dafür, daß das Leben seinen Gang ging, trotz aller
Theorien, vielleicht hauptsächlich trotz aller religiösen Theorien.
Sah es denn da nicht ganz hoffnungslos aus für zwei Gerechte in der
ganzen Stadt, was focht sie an, daß sie sich nicht allen den andern
anschlossen?

Der Postmeister hat vielleicht heute irgend etwas Freudiges erlebt,
Gott mag es wissen, aber es kann wohl sein; jedenfalls ist er in
bester Laune. Es gehörte nicht viel dazu, ihn aufzumuntern, er war
ein genügsamer Mann. Sein ältester Sohn hatte vor einiger Zeit seine
Steuermannsprüfung bestanden und auch sofort eine Stelle bekommen, und
schon darüber war der Vater außer sich vor Freude. War denn solch ein
Steuermannsposten so etwas Großartiges? „Er ist ein tief angelegter
Junge,” sagte der Postmeister. „Was der uns für Briefe schreibt! Ich
weiß übrigens nicht, welches das beste von unsern Kindern ist. Da ist
auch noch der von meinen Söhnen, der auf dem Lande arbeitet. Er spart
seinen Lohn zusammen und schickt seinen Schwestern Geld zu schönen
Stiefeln. Das ist ein Kerl! Ich darf ihm gar nicht mehr zum Gruße die
Hand geben, er drückt sie mir zu Brei, haha, der ist ein Bär! Und Sie
sollten nur einmal sehen, wie er einen Knoten in einem Strick auflöst!
Er hat Nägel wie Zangen; zuweilen aber nimmt er auch die Zähne zu
Hilfe. Solche Zähne hat nicht jeder. -- Scheldrup ist also immer noch
in Havre?”

„Ja,” antwortet der Konsul.

„Das seh' ich an seinen Briefen; gestern hat der Doktor an ihn
geschrieben.”

„So?”

„Ja. Und was Fia schön und artig geworden ist! Meine Frau hat sie heute
vom Fenster aus gesehen und mich auch herbeigerufen. Ich bitte um
Verzeihung, wollten Sie etwas sagen?”

„Nein, nein.”

„Heute morgen hab' ich einen weiten Spaziergang gemacht, den Weg, den
der Herr Konsul nach seinem Landhause fährt. Sie wissen ja, die Straße
führt plötzlich in den Wald, es ist, als ob die Welt ein Ende hätte,
drinnen im Wald fängt eine ganz andere Welt an, sie ist freundlich
gesinnt und merkwürdig ganz in Stille getaucht, und doch voll feiner
Laute. Ich ging vom Weg ab, um niemand zu begegnen, und wanderte in
den Wald hinein. Tief drinnen saß ein Mann. Er hatte mich gesehen, ich
konnte also nicht mehr umkehren, er saß da und spielte Mundharmonika.
Ein sonderbarer Mann, ein Arbeiter, ein Landstreicher. Ich redete lange
mit ihm. Er war besonders aufgeweckt, sein Gespräch drehte sich um Geld
und Essen, und der arme Kerl saß da und spielte Mundharmonika. ‚Warum
sitzest du hier?’ fragte ich. -- ‚Darf ich das nicht?’ erwiderte er.
-- ‚Doch.’ -- ‚Was geht es denn dich an?’ fragte er. -- ‚Nichts. Aber
spiel' doch weiter!’ -- ‚Was krieg' ich dafür?’ fragte er. -- ‚Ein paar
Groschen. Ich bin Postmeister hier in der Stadt, und es geht mir das
Jahr über viel Geld durch die Hand, aber das gehört nicht mir.’ -- ‚Na,
Sie werden schon den einen und den andern Geldbrief für sich behalten,’
sagte er. -- ‚Wie könnte ich denn das? Da würde ich sofort gefaßt.’
-- ‚Nein,’ meinte er, ‚die feinen Leute halten ja alle zusammen. Nur
wir auf der Walze werden gefaßt.’ Das war ein dummes Gerede, und ich
erklärte ihm, daß ich meinen festen Gehalt hätte, und wenn der reiche,
so hätte ich im Grunde, was ich bedürfe. Aber das begriff er nicht, ihm
reiche es nie, verdiene er Geld zu Schuhen, so habe er keines für Hosen
und umgekehrt. Bei den Bauern sei eine ewige Plackerei, sagte er. Wenn
er irgendwo um etwas zu essen bitte, so müsse er zuerst dafür arbeiten,
und zwar schwer arbeiten. Holz hacken, die schwerste Arbeit im Sommer.
Abends bekomme er dann Milch und Grütze, ohne Butterbrot, und die
Milchschüssel ohne Rahm darauf, ‚den sie doch im Überfluß haben, die
Erdwühler.’ Ein unzufriedener Mensch also, einer von den faulen und
finsteren Gesellen. Wenn wir davon ausgehen, daß wir Menschen unter
einem Gesetz der Entwicklung stehen, so war dieser Mann noch nicht weit
gelangt; vielleicht ist er schon unzählige Male auf der Erde gewesen,
hat aber kaum den winzigsten Fortschritt gemacht. So kehrt er also
immer wieder so gut wie unverändert ins Dunkel zurück, und dann tritt
er wieder ins Leben und fängt von neuem an.”

„Glauben Sie, daß es so zugeht?” fragte der Konsul lächelnd.

„Was soll man glauben? Wir können doch nicht gut einen ungerechten
Urheber annehmen, das stößt auf zu viele Schwierigkeiten, wir müssen
einen gerechten annehmen. Und wir können nicht annehmen, daß ein
gerechter Urheber diesen Landstreicher von Anbeginn der Zeiten an
zum Elend verdammt hat. Wahrscheinlich stehen wir alle auf demselben
Punkt und haben dieselben Möglichkeiten; die einen gebrauchen sie, die
andern mißbrauchen sie. Was wir in diesem Erdenleben an uns arbeiten,
das kommt uns im nächsten zugute, und arbeiten wir uns hinunter, so
werden wir zurückversetzt. Das ist wohl der Grund, warum wir leider in
historischer Zeit keine Veränderung an den Menschen wahrnehmen. Wir
haben uns die Möglichkeiten selbst verdorben.”

„Sie glauben also, wir sterben, und kommen noch viele Male wieder auf
die Erde?”

„Was soll man glauben? Es wird uns immer wieder eine Möglichkeit
geboten. Zeit hat wohl der Urheber vor sich, er hat die Ewigkeit in
sich, und da wir selbst ein Teil des Urhebers sind, so vergehen wir
niemals. Aber wir kommen nicht jedesmal in demselben Zustand auf die
Welt, wir haben es selbst in der Hand, unser Los für das nächste Mal zu
verbessern.”

„So daß jeder Mensch seinen Rahm auf der Milch bekommt?”

Der Postmeister lächelt. „Solche Dinge haben nur in seinem jetzigen
Zustand Bedeutung für ihn. Ich meine, seine Geistesverfassung, seinen
Seelenzustand. Und jetzt kommen wir an etwas Bedeutungsvolles: Dieser
Mensch saß also da im Walde und spielte Mundharmonika. Vielleicht hat
er in seinen vorigen Verkörperungen doch auch an sich gearbeitet. Er
spielte mir Lieder und Weisen vor, spielte großartig, ich hab' noch
nie etwas Ähnliches gehört. Ich rede nicht von der Fertigkeit, ich
meine die Tatsache, daß er überhaupt im Walde saß und spielte. Und
nun hören Sie einmal: Er erzählte von einer Art Äolsharfe, die er bei
einem Juden gesehen hatte, eine Äolsharfe mit Saiten von verschiedener
Dicke und aus verschiedenem Metall, Kupfer, Messing und Silber, und es
hingen kleine Kugeln herunter, die vom Wind gegen die Saiten geblasen
wurden und diesen einen leichten Schlag versetzten. Dann spielte die
Äolsharfe. Es war schön, dem Manne zuzuhören, als er dies sagte. Nein,
er war während seiner verschiedenen Erdenleben nicht stehen geblieben,
er hatte in sich einen kleinen Gartenfleck gepflegt, mit einer einzigen
Blume darauf. Nun kommt es darauf an, ob er sich diesmal so führt, daß
sein Fleckchen Garten in seinem nächsten Dasein größer wird.”

„Diese ganze Theorie hängt von der Frage ab, ob es überhaupt einen
persönlichen Urheber gibt.”

„Sagen Sie, wo wollen Sie überhaupt anfangen? Gibt es nicht auch
einen Urheber des Urhebers? Wir wollen hier stehenbleiben und einen
persönlichen Urheber annehmen. Es ist noch unmöglicher, sich ohne
einen solchen zu behelfen. Diese Frage entzieht sich ja unserer
Fassungskraft, aber wir haben den Trieb nach einer Macht, einer
Notwendigkeit, die hinter allem steht, wir wissen zwar nichts Gewisses
davon, aber sie ist für uns da, kraft unseres Triebs, und dieser Trieb
ist selbst ein Teil des Urhebers, dem wir angehören. Er ist uns von
Anfang an eingepflanzt, wäre er nicht für etwas da, so hätten wir ihn
nicht. Kommen Ihnen diese Schlußfolgerungen ungereimt vor?”

„Ich weiß nicht, darauf versteh' ich mich nicht.”

„Ich weiß auch nichts, niemand weiß etwas. Aber wir haben ein Licht,
das nie erlischt. Sonst wär alles Finsternis.”

„Was ist das für ein Licht?”

„Das sind die _Menschengedanken_. Sie fehlen und gehen irre, aber wir
sind gewiß, daß sie da sind. Und sie gehören mit zu unserer Ausrüstung,
sind uns von der Gottheit gegeben.”

Schweigen. Beide Herren sitzen nachdenklich da.

Der Konsul fragt: „Die Gottheit? Welche denn? Wenn unsere
Menschengedanken zu etwas taugten, so könnten sie doch endlich die
wahre Gottheit finden.”

„Die ist gefunden: durch und in unserem Trieb zu ihr.”

„Aber die Menschen wechseln ja mit ihrer Gottheit und nehmen wieder
eine andere. Die Griechen haben gewechselt, die Ägypter haben
gewechselt, wir Nordländer haben gewechselt. Jetzt schreiben wir die
alten Götternamen an unsere Fischerboote.”

„Ich bitt' um Entschuldigung,” sagte der Postmeister. „Sie reden von
Göttern, ich von der Gottheit. Sie reden von Theologie.”

Neues Schweigen.

Im Grunde war dies ja eine langweilige Unterhaltung, und der Konsul
wäre wohl seines Weges gegangen; aber er wußte im Augenblick nicht,
wo er hingehen sollte, und nach Hause mochte er am allerwenigsten.
Und dann war es ja eine wunderbare Sache mit dem Postmeister, der
alle Tage seines Lebens Jahr um Jahr gleich zufrieden war. Wer außer
ihm war denn zufrieden? Alte und Junge, Kleine und Große, alle waren
in Angst und in der Hetze, alle trugen eine Last, ein mißglückter
Akademiker und Kleinstadtpostmeister fast allein ausgenommen. Aber
damit war man noch nicht mit ihm fertig, ach nein! Er war zum Beispiel
durchaus nicht immer bescheiden und demütig, der Konsul hatte schon
gehört, wie er sich mit Sicherheit verteidigt hatte. Er wollte gerne
Frieden haben, und bekam er den nicht, so nahm er sich ihn. Ach nein,
er ließ nicht auf sich herumtrampeln! Das peinliche bei ihm waren
seine philosophischen Grübeleien, mit denen er die andern endlos
überschüttete, und für Leute, die sich darauf verstanden, war er ein
Schrecken.

Warum hielt er denn seinen Mund nicht? Gewiß, weil er meinte, er habe
tatsächlich etwas zu sagen. Aber er war nur eine einzelne Stimme in
seiner Stadt. In seinem Hause war es sehr still, seine Frau sprach
nicht viel von selbst, sie antwortete, wenn sie gefragt wurde, und
besorgte ihren Haushalt; aber im Gehirn des Postmeisters dämmerten
allerlei Grübeleien auf, er murmelte vor sich hin und sprach mit
sich selbst; doch das genügte nicht immer, zuweilen mußte es ein
unschuldiger Stadtbürger entgelten und seine Auseinandersetzungen
anhören, die sich so weit außerhalb der Holzpreise und Schiffsfrachten
bewegten.

Wenn Konsul Johnsen nicht von etwas beunruhigt gewesen wäre, wenn er
seinen gewohnten Tätigkeitsdrang gefühlt, wenn er Lust gehabt hätte,
wo anders seine Ruhe und seinen Frieden zu finden, dann wäre er seines
Weges gegangen, jawohl. Aber nun blieb er sitzen. Er tat, als habe er
eigentlich gar keine Zeit dazu und tue es nur aus Höflichkeit gegen
einen verbindlichen Herrn, er sah nach der Uhr, machte plötzlich seine
Tasche auf und sah nach, ob vielleicht ein Brief vergessen sei. Dann
warf er so hin: „Ach, die Menschengedanken! Sie suchen und suchen und
finden nicht. Es ist wohl nicht viel damit los, Herr Postmeister, wie?”

„Sie sind das einzige, dessen wir sicher sind, jawohl. Das brennende
Licht, das erst mit dem Erdenleben erlischt. Das hat für uns in
Wirklichkeit viel zu bedeuten. Was dieses Licht wirkt, welche
Finsternis es erhellt, ist eine andere Frage. Wenn wir uns in endlosen
Kreisen des Irrtums herumdrehen, so ist dies vielleicht gerade die
Bewegung, das Leben. Der glatte Lauf geradeaus wäre ohne Reibung und
würde die Bewegung lähmen. Wenn es etwas nützte, so müßten wir vor
den Menschengedanken niederknien, vor dem Licht, ja, wenn wir fromm
wären, wenn wir Barmherzigkeit mit uns selbst hätten, so würden wir die
Menschengedanken mit Ehrfurcht anerkennen. Aber wir sind zu gescheit,
wir beugen das Haupt nicht. Wir lernen zu viel irdische Mechanik; Sie
sagen wohl, wir suchen und suchen und finden nicht, aber darin bin ich
nicht mit Ihnen einig, nein! Darin bin ich einig, daß wir nicht finden,
aber daß wir suchen -- nein! Und warum sollten wir suchen, wenn wir
doch nicht finden? Ja, wenn das Suchen selbst Bewegung dem Ziele zu
wäre! Aber wir suchen nicht viel, wenige unter uns suchen überhaupt,
statt dessen gehen wir hin und lernen, wir üben unseren Verstand. Wie
ist das ärmlich und unfruchtbar! Sehen Sie diese verständigen Menschen
an, sie haben das ihrige gelernt, das können sie, das ist der Erfolg
der Schule, des Studiums, es ist Gedächtnissache.”

Der Konsul lächelt. „Ich für meine Person bin gänzlich ungelehrt. Das
heißt, ich habe anderes zu lernen gehabt und bin nicht einmal darin
gelehrt,” sagte er.

„So? Sind wir nicht tüchtig genug, irdisch brauchbar genug? O ja.
Darin stehen die Menschen nicht zurück. In derartigem haben wir in der
historischen Zeit Gewinn erzielt und es zu einer gefährlichen Höhe
gebracht. Aber wir haben versäumt, das Haupt zu beugen. Jetzt haben wir
uns festgefahren, und die Rettung besteht nicht in noch mehr Wissen und
äußerlichen Fertigkeiten, sondern im Nachdenken, in Verinnerlichung.”

„Aber wir können doch nicht alle Philosophen werden.”

„Ebensowenig als wir alle einseitig Mechaniker werden können. Aber
doch haben alle Gewinn davon. Es ist und bleibt ein hohes Ziel. In
den letzten Jahrhunderten hat nichts solche Achtung gewonnen, als die
Pflege der Wissenschaft. Die obere Klasse hat die untere Klasse damit
angesteckt, so daß es jedermanns Streben geworden ist, Anteil daran zu
haben. Welche Bedeutung hat nicht die Lese- und Schreibmechanik in der
Welt errungen! Es ist eine Schande, sich die nicht auch anzueignen, es
ist ein Segen, sie ganz zu beherrschen. Kein großer Religionsstifter
hat diese Künste getrieben, aber heutzutage sind sie für alt und jung
unentbehrlich. Niemand will mehr das Haupt beugen und nachdenken, man
schreibt und liest sich den Gedankeninhalt herbei, den man als heutiger
Mensch braucht. ‚Es ist feiner, zu lesen und zu schreiben, als etwas
mit den Händen zu arbeiten,’ sagt die obere Klasse. Die untere Klasse
horcht auf. ‚Mein Sohn soll nicht die Erde bebauen, von der sich alles
Geschmeiß der Welt nährt, mein Sohn soll von der Arbeit anderer leben,’
sagt die obere Klasse. Und die untere Klasse horcht auf. Dann erwacht
eines Tages das Geschrei, das Geschrei der Masse, die nun auch genügend
von den Künsten der oberen Klasse gelernt hat, sie kann schreiben und
lesen: Nehmt hin die Güter der Welt, sie sind euer! Der Teufel hole die
Arbeit an sich selbst für das nächste Dasein, diese Arbeit spart sich
die obere Klasse auch.”

„Meinen Sie, es wäre besser, wenn nur wenige lesen und schreiben
könnten?”

„Dieser Gedanke ist nicht neu. Aber am besten wäre es, wenn man diese
Hochachtung für alle diese Äußerlichkeiten ausrotten könnte, wenn alle
Menschenklassen den Glauben und den Aberglauben an das mechanische
Wissen verlören. Es wird behauptet, das Geschrei würde aufhören, wenn
die Gelehrsamkeit noch größer und allgemeiner würde, und so werden noch
mehr Künste getrieben und noch größere Fertigkeit in diesen Künsten
angestrebt. Und die Köpfe heben sich immer leerer in die Luft, und kein
tiefes Nachdenken beugt sie. Nein, auf diesem Wege kommen wir nicht
weiter, selbst nach dem irdischen Begriff führt er in die Irre. Ich
habe zuweilen die Schulbücher meiner Kinder in die Hand genommen, als
sie noch klein waren -- ich muß gestehen, ich verstand nur einen Teil
von diesen Künsten. Gebt ihnen nur noch mehr davon, spart ja nicht
daran, nudelt sie ordentlich damit, bitte schön! Aber das Geschrei
wird bleiben und wird nur noch lauter werden. Milch mit Rahm darauf!
Mehrere Milchsatten mit Rahm, viele, euer sollen sie sein! Das künftige
Dasein? Wir lesen ja überall, das künftige Dasein sei nur ein Traum für
fromme Weiber, uns gehe das nichts an. -- Ach, wie wenig Barmherzigkeit
haben die Leute mit sich selbst!” sagt der Postmeister und schüttelt
den Kopf. „Sie haben wohl das kleine Gartenfleckchen mit Blumen,
aber in ihrem nächsten irdischen Leben kommen sie vielleicht in ganz
andere äußere Lebensumstände hinein, jedoch in gänzlich unveränderter
Seelenverfassung.”

Der Konsul versucht jetzt, noch gelangweilter auszusehen, und treibt
das so weit, daß er seine Blicke über die Zeichnungen an den Wänden
hingleiten läßt. Plötzlich wird er auf eine darunter aufmerksam, er
steht auf, setzt den Nasenklemmer auf und betrachtet ein schönes Tor.
Jawohl, denn Konsul Johnsen wünscht, daß die Leute auch Achtung für
sein -- des Konsuls -- Urteil haben, und er kann sich nicht in einem
Nu zu mehreren Erdenleben bekehren -- obwohl dies eine verflucht
süße und wohlschmeckende Lehre wäre. Wenn er wiederkommen und es
so weitertreiben könnte, seine Feinde besiegen, die ihm in den Weg
getreten waren, Gesellschaften geben, mit den jungen Mädchen allerlei
Kurzweil treiben, Dampfschiffe dirigieren, Geld verdienen, noch mehrere
Male Küstenmatador sein, er würde nichts Besseres verlangen. Dann
erinnert er sich aber an den verdrießlichen Zusatz in des Postmeisters
Darlegungen, daß man nämlich in ganz anderen irdischen Verhältnissen
wiederkommen könne, und der Konsul wird wieder ein ratloser Mann,
der nicht aus und ein weiß. Wenn er als Matrose, als Landstreicher
wiederkäme; wenn er nichts wäre, er, der so viel gewesen war! Er
setzt sich wieder auf seinen Stuhl und beeilt sich, sich wegen seiner
Unaufmerksamkeit zu entschuldigen: „Das ist ein prächtiges Portal, eine
Paradiesespforte. Was ich sagen wollte: Wir suchen nicht, sagen Sie?
Aber viele meinen doch, die Lösung gefunden zu haben. Einige finden es
wahrscheinlich, daß nichts zurückbleibt, wenn der Mensch gestorben ist.”

Der Postmeister, immer aufgelegt, immer fertig und bereit, sagt:
„Ausgenommen sein letzter Schrei, der Aufschrei vor dem Dunkel, das vor
ihm steht. Wozu sind wir denn auf der Erde gewesen? Nur der ziellosen
Bewegung wegen. Wozu?”

Der Konsul, der eine lange Unterweisung auch in dieser Lehre fürchtet,
die ihm noch dazu durchaus nicht zusagt, ruft eilig: „Die Christen
glauben an eine Seligkeit nach dem Tode!”

„Jawohl,” erwidert der Postmeister, „an und für sich ist die Seligkeit
gar kein schlechter Gedanke, er ist schon vielen Erdbewohnern in
der Nacht ein Trost gewesen. Aber auch diese Seligkeit bekommt man
nicht, wenn man sie nicht verdient hat, nicht wahr? Es sollen ja doch
nur wenige dazu gelangen, und was soll dann aus uns andern werden?
Das Christentum befreit niemand von der Arbeit an sich selbst, im
Gegenteil, es ist sehr streng in seinen Forderungen. Umsonst und
ohne Verdienst geht niemand zur Seligkeit ein, heißt es. Das ist die
Forderung des Gesetzes. Und das Evangelium ist auf seine Weise noch
strenger: Man muß an die blutige Versöhnungspolitik der Vorsehung
glauben, blind daran glauben, sinnlos daran glauben. ‚Halleluja, denn
uns ist heut ein göttlich Kind geboren!’ wird an Weihnachten gesungen.
Nicht alle können singen, aber alle können an sich arbeiten nach ihren
Gaben und Kräften. Dabei ist nichts Widersinniges.”

Jetzt sagt der Konsul: „Ich denke eben darüber nach, daß ich also Ihrer
Meinung nach nichts Gutes damit getan habe, wenn ich einem Jungen dazu
verhalf, sich Gelehrsamkeit zu erwerben.”

„Das kommt darauf an,” erwidert der Postmeister. „Der Junge war
vielleicht für dieses Leben nicht besser ausgerüstet und konnte auf
keine höhere Stufe gelangen. Das wissen wir nicht. Aber es ist ihm
durch Ihren Eingriff nicht leichter gemacht worden, sein Haupt zu
beugen. Das glauben Sie doch wohl selbst nicht? Es war ja gerade Ihre
Absicht, dieses Kind der Menge zu befähigen, sein Haupt zu erheben.
Jetzt sitzt er da auf seiner Bank und läßt sich unterrichten, bis er
ausgelernt hat, dann steht er ethisch strahlend dumm auf, tritt hinaus
ins Leben und lehrt andern dieselbe Leerheit. Wer um alles in der Welt
kann uns in dem unterweisen, um das es sich hier handelt? Wir selbst
-- niemand anders. Was uns andere lehren können, ist Mechanik ohne
irgendeinen Wert für anderes als für die irdische Geschicklichkeit.
Gerade das sieht man an der großen Menge: Sie hat nun ungefähr so viel
von der Mechanik gelernt, wie die oberen Klassen in alten Tagen --
jawohl, aber deren Gemütsleben ist stille gestanden. Das Geschrei? Als
ob das der Ausdruck für etwas anderes als für irdische Habgier wäre!
Die große Menge tut nichts für das innere Wohl der andern, sie hat kein
ethisches Gemeinschaftsgefühl in sich geschaffen. Sie schützt sozialen
Instinkt vor und hat nicht einmal den. Sie will schreien und umstürzen,
und wenn es zum Klappen kommt, sind ihre eigenen Führer sogar außer
Stand, sie zu zügeln. Das Ganze stürzt ein, laßt es einstürzen!”

Konsul Johnsen nickt. Er ist jetzt besser bei der Sache, nun handelt
es sich nicht mehr um Ethik und höheren Quatsch, die letzten Worte
sind Politik der Rechten, Geschäft, der Postmeister ist nicht so dumm!
Um sich zu entschuldigen, sagt der Konsul: „Der Junge wurde mir vom
Schulvorsteher und anderen außerordentlich warm empfohlen.”

„Jawohl,” sagt der Postmeister, „nehmen Sie nur den Jungen, schicken
Sie ihn von einer höheren Schule in die andere und machen Sie ihn in
äußeren Fertigkeiten vollkommen. Er wird wiederkommen und seine Gegend
erfreuen und den Leuten noch tiefere geistige Abmagerung einüben.
Dagegen wird er das Geschrei bei ihnen nicht dämpfen, o keine Spur,
und er wird sie noch weiter von aller Innerlichkeit wegbringen. Aber
vielleicht war es nun gerade das und nichts anderes, zu dem er taugte,
das weiß niemand. Er hat vielleicht in einer Reihe früherer Erdenleben
sich so geführt, daß er in seinem jetzigen nicht höher steigen kann. Da
muß denn der Urheber auf ihn und die Seinigen warten, bis eine Änderung
eintritt, der geduldige Urheber, der genug Zeit, genug Ewigkeit vor
sich hat.”

Der Postmeister haut also wieder über die Stränge, und der Konsul
will Schluß machen. Warum war der Mann überhaupt hergekommen? Einer
zufälligen Sorge wegen, nicht fürs nächste Leben, sondern für dieses.
Etwas mehr Politik würde ihn gefesselt haben; er war eine große Stütze
der Gesellschaft, die der Neid umstürzen wollte, die die Emporkömmlinge
nachäfften, dem die Matrosen auf der _Fia_ nun wieder Ärger und Arbeit
verursacht hatten -- welche Hilfsmittel sollte er nun dagegen anwenden?
An sich selbst arbeiten? Der Postmeister war ein Narr!

„Ja ja,” sagt der Konsul, indem er aufsteht, „das ist alles für uns
sehr verborgen, sowohl für dieses wie fürs nächste Leben, besonders
also fürs nächste. Wüßten wir etwas Sicheres über das Jenseits, dann
würden wir uns jetzt schon danach richten.”

„Es ist verzeihlich,” erwidert der Postmeister lächelnd, „wenn wir
etwas irdische Neugier in uns tragen. Aber das, was vorderhand unser
voriges Dasein betrifft, so hat wohl die Weltregierung ihren Grund
dafür, wenn sie es uns verborgen hält. Dieses Dasein wäre vielleicht
durch Missetaten so finster, daß die Erinnerung daran uns überwältigen
und erdrücken würde. Das kann gut sein. In der ungewissen Hoffnung, daß
wir uns doch nicht zum Allerschlimmsten aufgeführt haben, liegt dann
eine Aufmunterung für uns.”

„Aber war es in diesem Falle notwendig, uns ganz von Anfang an so
gebrechlich auszurüsten?” fragt der Konsul.

„Wenn wir davon ausgehen, daß das Leben in dem einen besteht: in
Bewegung um eines Zieles willen, dann ist es unlogisch, anzunehmen,
wir hätten von Anfang an der Hoffnung ermangelt, seien demnach ohne
sie ausgerüstet gewesen. Aber das sind wir nun also nicht. Immerhin
-- wie Sie sagen -- gebrechlich ausgerüstet können wir gut sein, um
sozusagen einen langen Lauf klein anzufangen. Aber daß wir so voller
Gebrechlichkeit dastehen, wie die Leute es tatsächlich sind, das werden
wir wohl uns selbst zu verdanken haben: weil wir unsere Aussichten
mißachtet haben -- --”

„Ja ja, ja ja!” unterbricht ihn der Konsul. „Was ich meine, ist, daß es
nur zur Besserung in diesem Leben reizen würde, wenn wir gewiß wüßten,
was wir im nächsten zu erwarten haben.”

„Wenn es uns dann nur nicht am Ende noch schlimmer macht, Herr Konsul,
und es ist so schon schlimm genug. Meinen Sie, die Menschen würden sich
einen Vorrat an Gutem erarbeiten, wenn sie die Gewißheit hätten, daß es
nicht streng gefordert wird, und vor allem, daß es keine Eile hat? Der
Mensch würde lieber darauf los leben, lieber auf Kredit sündigen, bis
zum letzten Heller sündigen und sich viele Dasein zurückversetzen. Es
würde noch schwerer sein, sich emporzuarbeiten, als es jetzt ist, noch
leichter, sich hinunter sinken zu lassen. Im nächsten Dasein könnte er
dann ganz vom Grund aus wieder neu anfangen. Alles wäre verloren, da
wäre kein Garten, keine Blume, aber die Bewegung wäre noch da ...”

Als Konsul Johnsen danach in sein Kontor zurückkehrte, ging ihm alles
wie ein Mühlrad im Kopfe herum; er mußte sich erst wieder fassen.
„Theologie!” sagte der Postmeister mit einem spöttischen Lächeln,
aber seine Reden waren doch wahrhaftig richtige Theologie! Der Konsul
ärgerte sich über den ganzen Besuch, er war kein Nikodemus, der
bei Nacht zu dem Meister kam, er war ausgegangen, um sich etwas zu
zerstreuen, nicht um bekehrt zu werden. Das einzige Reelle, mit dem er
zurückkam, war die Nachricht, daß der Doktor nach Havre an Scheldrup
geschrieben hatte. Klatsch und Bosheit vielleicht, Intrigen, ein
Fünfkronenbesuch bei einer Wöchnerin auf der Werft -- zum Kuckuck mit
dem Doktor!

Der Konsul vergaß nicht, seinem Geschäftsführer Berntsen Auftrag zu
geben, dem Apotheker fünfzig Flaschen Madeira zu schicken. Und ganz
plötzlich mußte er wieder an den Postmeister denken. Gott bewahre mich,
was muß dieses Mannes Frau an Geschwätz ertragen! Wie, wenn er auch
Postmeisters fünfzig Flaschen Madeira als Geschenk zuschickte? Aber sie
würden wohl mit dem Boten gleich wieder zurückgebracht werden.

Kein Zweifel, der Wein würde mit dem Boten sofort wieder
zurückgeschickt werden -- der Konsul mußte über die fabelhaft
genügsamen Menschen lächeln. An sich selbst arbeiten, wieso? Sah man
jemals, daß man von der Vorsehung einen Dank dafür gehabt hätte? Wir
haben einen Schmied Carlsen hier am Ort, einen gottesfürchtigen Mann,
der strebt dem Guten nach und ist stille, tut niemand etwas Böses,
schwatzt niemand halb zu Tode über die vielen Erdenleben -- er wird
vom Unglück verfolgt, von häuslichen Sorgen, hat mißratene Kinder,
einer der Jungen soll ein Landstreicher sein. Ist das Gerechtigkeit?
Der Schmied Carlsen hat einen Bruder, den Polizei-Carlsen, einen
alten Gauner, einen Fuchs mit einer reichen Frau, die ein Klavier
besitzt, mit einem Sohn im Kirchendepartement, mit einer Tochter
in der Schreudermission -- alles miteinander vielleicht, weil der
Polizei-Carlsen _nicht_ an sich selbst gearbeitet hat?

Laßt uns für _uns_ selbst arbeiten!



14


Henriksen auf der Werft hoffte zu Gott, daß seine Frau es diesmal
auch gut überstehen werde, obgleich sie sehr krank war. Es war eine
vergebliche Hoffnung. Gerade ehe er zu Mittag nach Hause gehen wollte,
bekam er die Nachricht. Er stand mitten unter seinen Arbeitern und
vernietete einen Nagel; da ließ er Nagel Nagel sein, warf den Hammer
weg und rief, indem er eilig davonging: „Geht es ihr viel schlimmer?”
-- „Ja, sie liegt jetzt ganz ruhig da.”

Sie lag jetzt ruhig da. Am Morgen war der Doktor sehr hoffnungsvoll
fortgegangen, im Lauf des Vormittags hatte man nach dem Pfarrer
geschickt, aber er war zu spät gekommen.

So konnte es gehen.

Nun handelte es sich um das Begräbnis, um den Leichenschmaus, die
Blumen, schwarze Kleider, die Flagge auf Halbmast; Henriksen mußte
nicht alles allein besorgen, Lydia, die Frau des Fischer Jörgen,
und Petra halfen ihm, aber er mußte doch seine Zuflucht zu starken
Getränken nehmen, um alles durchmachen zu können. Es war um so schwerer
für Henriksen, als seine Frau den ganzen schrecklichen Vormittag
hindurch, wo sie mit dem Tode rang, nicht erlaubt hatte, daß man ihn
holte; sie hatte ihn schonen wollen, sie war immer so gut gewesen.
„Aber holet den Pfarrer!” hatte sie geflüstert; der war indes nicht
mehr recht gekommen.

Da lag sie nun, gefällt mitten in ihrem Lauf, mitten in ihrer
Gesundheit und Jugend, einige dreißig Jahr alt. Es war zu traurig,
und obgleich Henriksens nur gewöhnliche Leute waren, die sich
heraufgeschafft hatten, wollten ihr alle Honoratioren der Stadt die
letzte Ehre erweisen. Ja, das wollten sie. Frau Konsul Johnsen sträubte
sich ein wenig: „Wir sind nicht bei Kaufmann Davidsen gewesen, als
er Konsul wurde,” sagte sie. -- „Nein, er sollte aber auch nicht
begraben werden,” erwiderte ihr Mann. -- „Diese Henriksens,” sagte sie;
„wir verkehren ja nicht mit ihnen, warum sollen wir sie da zu Grabe
geleiten?” -- „Dann wird darüber geredet,” versetzte der Konsul.

Frau Johnsen gab nach, aber sie behauptete, dann sei sie wirklich
sehr liebenswürdig. Die arme Frau Konsul Johnsen, sie bewegte sich
im allgemeinen so wenig wie möglich und war in den letzten zwei
Jahren immer schwerfälliger geworden, sie war überhaupt nicht für
Leibesübungen geschaffen, o nein. Der Konsul dagegen hielt sich
immer mit derselben anständigen Rundung und dem langsam ergrauenden
und lichter werdenden Haar, er ging im Leichenzug mit hohem Hut und
leuchtend gestärkter Hemdbrust.

Dieses große Trauergefolge tröstete Henriksen in gewissem Sinne, er
verbeugte sich vor Konsul Johnsens und Doktors, überhaupt vor allen,
strahlender, als er eigentlich gesollt hätte, und seinen kleinen
Mädchen hatte er eingelernt, dankbar zu knicksen. Die Werftarbeiter
trugen den Sarg, aber hinter ihm ging die ganze Stadt im Zug; Flaggen
trauerten von jeder Stange, die Kirchenglocken läuteten. Sogar Olaus
vom Wiesenrain war mit im Gefolge, und er erklärte auch jedermann
warum: allerdings sei ihm auf dieser verdammten Werft die Hand
abgerissen worden; aber Frau Henriksen sei immer in jeder Beziehung ein
guter Mensch gewesen. „Eine verflixt brave Frau, Ehre ihrem Andenken!
Du hast wohl nicht eine Prise Tabak?”

Und dort am Brunnen stehen jetzt ein paar Weiber mit den Händen unter
der Schürze; sie sehen dem Zuge nach und besprechen leise all den
Blumenschmuck und die ganze Festlichkeit. „Gott steh mir bei, da ist
wahrhaftig auch Olaus vom Wiesenrain, der hat keine Scham im Leibe!
Er weiß wohl, was er tut, die Getränke und Kuchen sind's, auf die er
es abgesehen hat; seine blaue Nase hat das von weitem gewittert.” Und
Henriksen würde ja ordentlich traktieren, das ist sicher; er war kein
Geizhals, seine Arbeiter hatten frei, und alle Leute von der Stadt, die
nur wollten, konnten sich an die langen Tische setzen, die in seinem
Garten aufgestellt waren.

Oliver hinkte auch mit. Er trank nicht und brauchte sich nicht um einen
Bissen Kuchen zu reißen; was er von Näschereien und Backwaren gerne aß,
das kaufte er sich selbst. Aber Oliver ging mit, weil alle besseren
Leute vom Ort mitgingen. An diesem Vormittag war ohnedies kein Umsatz
im Lagerhaus, die Menschen waren wie weggeblasen. Oliver bürstete
seinen Anzug aus, betrachtete sich genau im Spiegel, verschloß die Tür
und ging mit.

Ein Gefolge von vier Konsuln und einer ganzen Stadt war nichts
Alltägliches, ja selbst eine schwedische Brigg, die am Landungsplatz
lag und Mehlwaren für Grütze-Olsen löschte, flaggte auf Halbmast.

Das konnte sie wohl tun, die Taglöhner waren fortgelaufen, das Bollwerk
lag verlassen da. Diese Brigg hatte übrigens einen kranken Mann an
Bord, und es wurde nach dem Doktor geschickt, der Doktor konnte indes
erst nach dem Begräbnis kommen, dann aber würde er keinen Augenblick
weiter verlieren.

Doch nun sieht der Doktor vom Kirchhof aus, daß die Brigg auf Trauer
geflaggt hat, und ein Gedanke erfaßt ihn: der kranke Matrose ist
vielleicht gestorben. Er hat Unglück mit Frau Henriksen gehabt, nun ist
er ängstlich geworden; sobald es also einigermaßen geht, flüstert er
Henriksen eine Entschuldigung zu und verläßt das Trauergeleite.

Er geht geradeswegs nach Grütze-Olsens Bollwerk und steigt an Bord der
Brigg. Hier scheint alles ausgestorben zu sein, schließlich findet er
einen Mann auf dem Mannschaftslogis, und er tritt auf ihn zu. „Ich bin
der Doktor,” sagt er, „kann ich Ihren Puls fühlen?”

Der Schwede reicht seine Hand hin.

„Lassen Sie mich Ihre Zunge sehen!”

Der Schwede sperrt den Mund auf.

„Können Sie essen?”

„O ja, jawohl.”

„Schlafen?”

„O ja.”

Der Doktor behorcht ihm die Brust, beklopft sie, dreht den Mann um und
beklopft ihm auch den Rücken. „Sie schwitzen stark. Wie steht es mit
Ihrer Öffnung?”

„Nein, die sei nicht so ganz ausgezeichnet und habe ihn seit dem
gestrigen Tage sehr geplagt, aber es würde schon vergehen, es sei schon
besser.”

„Ja, das dürfen Sie nicht vernachlässigen,” sagt der Doktor.

„Wieso?”

„Sie dürfen nicht gleichgültig dagegen sein. Jetzt werde ich Ihnen
etwas aufschreiben, das Sie in der Apotheke holen lassen können.”

„Warum denn?” fragt der Mann verwundert.

„Warum?” fragt auch der Doktor und sieht den Mann blödsinnig an.

O dieser verflixte Schwede, dieser Spaßmacher, trieb er seinen Spaß mit
dem Doktor? Da erklärt nun der Mann mit einigen wenigen Worten, er sei
gar nicht krank, sondern einer von seinen Kameraden.

„Was? Wo ist denn dann der Kranke?”

„Ja seht -- aber er war eigentlich auch nicht krank, er hat sich an
einer Flasche geschnitten, und das hat stark geblutet. Als da der Herr
Doktor nicht gleich kam, hat er sich selbst verbunden.”

Der Doktor war gekränkt, das war deutlich zu merken. Er sagte scharf:
„Wo ist also der Kranke, frage ich, der Mann, der sich geschnitten hat?”

Er sei zum Doktor ins Haus gegangen, dort sitze er wohl und warte auf
ihn.

Ehe der Doktor das Deck verließ, konnte er sich nicht enthalten, die
folgende, grimmige Frage zu stellen: „Aber beim Satan, warum haben Sie
sich denn dann untersuchen lassen?”

Aber auch darauf hatte der Mann die glaubwürdigste Antwort bereit; er
sagte das Wort Quarantäne, sagte, er habe gemeint, die Untersuchung
gelte nur allein dem allgemeinen Gesundheitszustand an Bord, sonst
nichts.

Na, dann war er wohl kein Gauner und Spaßvogel, sondern ein anständiger
Mann. Wäre nun der Doktor in ein Gelächter ausgebrochen und hätte ein
paar lustige Worte gesagt, dann hätte er seinem Mißgriff den Stachel
genommen; aber er tat das, was weit schlimmer war, er zeigte seinen
Ärger, er knurrte und war bitter, und dadurch bekam das Vorkommnis
eine Bedeutung. Der Schwede gab dann auch Antworten, das war nicht
verwunderlich, er lachte auch höchst respektswidrig, und plötzlich
richtete er sich in seiner Koje auf. Da ging der Doktor.

Die Geschichte sickerte in die Stadt hinaus, in die kleine Stadt, und
dem Doktor wurden boshafte Erweiterungen der Geschichte, die ohnedies
lächerlich genug war, nicht erspart. Alle, die ihm eine Nase gönnten,
waren obenauf, und Konsul Johnsen zum Beispiel lachte zum erstenmal
seit mehreren Tagen wieder recht herzlich.

„So ein Mensch, dieser Doktor,” sagt der Konsul zum Rechtsanwalt
Fredriksen. „Er sollte es wahrhaftig nicht nötig haben, einen Kranken
auszufragen, wie es ihm geht, das müßte er als Arzt selber sehen, oho,
mit einem einzigen Blick. Er ist ein Narr. Na, und da fand er heraus,
daß auch der Schwede Kindbettfieber hatte?”

„Ja, Gott weiß, ob es nicht ungefähr so war!”

„Haha, das ist köstlich. Kommen Sie mit herein, Herr Rechtsanwalt, und
lassen Sie uns ein Glas auf eine gute Wahl trinken!”

Die Herren gehen hinein.

Mit einer guten Wahl meinte wohl jeder von ihnen etwas anderes, aber
Konsul Johnsen war kein Fanatiker und eigentlich auch kein Politiker.
Er war nur Stütze der Gesellschaft. Fanatiker und Politiker, er? Ach
nein, vor mehreren Jahren hätte er mit der größten Leichtigkeit in den
Landtag gewählt werden können, aber er schlug es aus, er hatte keine
Zeit, und außerdem war er ja vorher Doppelkonsul und ein großer Mann.
Später schlug der Wind allmählich um, in diesem Jahre würde er kaum
genug Stimmen für sich bekommen, wenn er es auch gewünscht hätte, so
fleißig hatte Rechtsanwalt Fredriksen in dem Kreise gewirkt. Und es
war auch so gleichgültig, wer gewählt wurde, für E. A. Johnsen, den
Doppelkonsul, würde es keine Veränderung bringen. Dieser Fredriksen
gehörte ganz und gar nicht zu seinen Leuten, aber mag er gewählt
werden, meinethalben gerne! Und in diesem Falle war es nicht so ganz
unklug, wenn er ihm ein privates Glas Wein gab, so einem Emporkömmling
könnte es ja einfallen, aus der Meuterei an Bord der _Fia_ eine
große Sache zu machen. Na, meinethalben auch das gerne, bitte, der
Doppelkonsul blieb deshalb doch der, der er war. „Aber warum nicht --
bitte noch ein Glas Wein, Herr Rechtsanwalt! Sie sind ein seltener
Gast in meinem Hause.”

O, aber Rechtsanwalt Fredriksen wünschte gar nicht in diesem Hause ein
seltener Gast zu sein, nein, das wünschte er nicht. Hatte er sich nicht
in den letzten paar Jahren mit dem jugendlichen Gedanken getragen,
in diesem Hause als Familienglied aus und ein zu gehen, als einer von
den eigenen! Dies war gut verborgen vor der Welt, und es würde auch
nicht ans Tageslicht kommen, solange er hier noch nichts war, nur ein
Rechtsanwalt in einer kleinen Küstenstadt, aber die Wahlen -- die
Wahlen konnten ihn vielleicht zum Sprechen bringen. Es kam darauf an.

„Fräulein Fia ist mit Gästen heimgekommen, wie ich gesehen habe.”

„Ja, das versteht sich!” erwiderte der Konsul nachsichtig. „Es sind
auch Maler, Kollegen, zwei Stück. Wären wir nicht mit Lebensmitteln
so gut versehen und hätten wir nicht soviel Platz im Hause, dann wäre
guter Rat teuer gewesen.”

„Es sind junge Leute, können sie etwas?”

„Das weiß ich nicht. Doch sicherlich. Man spricht viel von ihnen und
schreibt auch über sie. Und sie bringen ordentlich Leben ins Haus.”

„So?”

„O, sie verkünsteln sich am ganzen Hause; der eine malt meine Frau, der
andere mich, wir sitzen ihnen; stocksteif sitzen wir. Das schlimmste
ist, daß meine Frau in ihrem höchsten Staat ist, sie ist so eifrig
dabei, daß sie jetzt vormittags und nachmittags sitzt, und so trägt sie
jetzt immer ein ausgeschnittenes Seidengewand. Heiraten Sie niemals,
Herr Rechtsanwalt!”

„Sagen Sie das?”

„Dann bekommen Sir Frau und Kinder, lauter Ausgaben, haha!”

Na, das war nun Großtuerei, und dem Rechtsanwalt gefiel dieser Ton
nicht. Es war eine Unverschämtheit, anzudeuten, er, der Rechtsanwalt
sollte von jetzt an unverheiratet bleiben. Warum denn? Nichts als
Ausgaben? Der Rechtsanwalt dachte nun wohl im stillen, der Konsul
zum Beispiel habe durch seine Heirat durchaus nicht verloren; Frau
Johnsen hatte die solide Mitgift gehabt und hatte den Mann von
Anfang an in Gang bringen können. Warum hätte er denn sonst Johanna
Holm genommen? Sie war keine Schönheit und kein Licht. O nein, Herr
Doppelkonsul, du wärest ohne deine Frau bis auf den heutigen Tag ein
Kleinkramhändler und nie Johnsen am Landungsplatz, vergiß das nicht!
Aber gerade an das erinnerte sich der Konsul sehr ungern; der Doktor
hatte ihn in seiner gewohnten stichelnden Art einmal daran erinnert,
und von diesem Augenblick her schrieb sich die Feindschaft zwischen
den beiden. Dagegen vergaß es Frau Johnsen niemals, obgleich sie
durchaus nicht immer darüber redete und ihren Mann damit quälte. In
jüngeren Tagen, wo sie den Mann ein paarmal in unvorsichtigem Geschäker
mit den Dienstmädchen ertappt hatte und sich von ihm scheiden lassen
wollte, hatte sie das Ihrige zurückverlangt; da aber das Geschäft
ihre Unterstützung nicht entbehren konnte, mußte ihr Mann lernen,
vorsichtiger zu sein, einen andern Weg konnte er nicht einschlagen.

Der Rechtsanwalt hätte deshalb jetzt eine hinterlistige Antwort geben
und den Konsul dadurch noch zahmer machen können; aber er wagte es
nicht, es war auch gar kein Grund dazu da, wenn er im guten seinen
Zweck erreichen konnte. Er zitierte deshalb: „Heirate und du wirst es
bereuen! Aber es ist wohl dasselbe wie mit dem Tode, wir müssen alle
diesen Weg gehen.”

„Sie auch, Herr Rechtsanwalt? Ja ja, es ist nicht zu spät. Ja ja, es
ist natürlich auch für Sie noch nicht zu spät. Prosit!”

Der Rechtsanwalt trank und schwieg. Zu spät? Er war jedenfalls ein
gut Teil jünger als der Konsul, der immer noch ringsum eifrig auf
Eroberungen aus war. Der Konsul verstand vielleicht nicht, daß er hier
einem Manne gegenüber saß, der in den Landtag gewählt werden konnte,
sein Ton war ein wenig zu sehr von oben herab.

„Im gegebenen Falle hab' ich nicht im Sinn, zu warten, bis es zu spät
ist,” sagte Fredriksen. „Wir müssen es ja alle vermeiden, unsere
Altersgrenze zu überschreiten!” -- So, da hatte er es dem Konsul
gegeben!

Der Rechtsanwalt ging. O meinethalb, bitte auch das! So, er würde in
den Landtag kommen, ein Mitglied des großen Haufens, vom Elternrat des
Landes. Nein, da war der Konsul doch lieber der, der er war! Er hatte
seinen Humor und seine Arbeitslust wiedergefunden, hatte den fremden
Regierungen seine Rapporte geschickt, hatte sich seine Haltung in der
Matrosenaffäre zurechtgelegt, sich auch dem Doktor gegenüber ein festes
Auftreten vorgenommen; er wollte sich zornig anstatt ängstlich zeigen
und schaffte sich in eine Art kriegerischen Willen hinein -- jawohl, es
komme, was da kommen will!

War das nicht recht viel?

Und während all diesem war er der liebenswürdigste Wirt den Gästen
seiner Tochter gegenüber; er unterhielt sich mit ihnen und saß ihnen
Modell, versah sie mit Wein für die Waldausflüge sowie mit Süßigkeiten
vom Ladengeschäft, war sehr freundlich gegen sie und schickte jedem ein
gelbseidenes Halstuch, wenn sie bis zum späten Abend im Garten draußen
schwärmten.

Der Konsul sah sehr wohl ein, daß seine Fia, wenn sie Gäste von dieser
Art mit heimbrachte, es nur tat, um ihnen auf eine andere Art zu
helfen, als nur ihre Bilder geradezu zu kaufen. Sie war keine billige
Dame. Er mußte ja die Porträte von sich und seiner Frau behalten, und
er durfte nicht einmal nach dem Preis fragen, sondern mußte ihnen eine
Summe überreichen. Hätte er es wohl anders machen können?

Das konnte übrigens einerlei sein, der Konsul rechnete nicht so genau,
er war im Gegenteil ein wenig stolz darauf. Es war ja in der Stadt
bekannt geworden, was diese jungen Herren taten, ja, es war nicht nur
in seiner eigenen kleinen Stadt bekannt geworden, sondern auch in der
Hauptstadt. In den Zeitungen hatte gestanden, daß die beiden jungen
Künstler sich zurzeit bei Konsul Johnsen, dem Matador der Küste,
aufhielten, um die Porträte der Familie zu malen.

„Warum setzen Sie mich in die Zeitung?” sagte er göttlich scherzhaft
zu den Künstlern. „Ich will keinen Skandal haben,” sagte er. „Und im
übrigen sind Sie im geheimen hier bei mir, vergessen Sie das nicht!
Kommt es heraus, daß Sie mich und meine Frau malen, muß ich bloß mehr
Steuern bezahlen!”

Ha, wie er mit den jungen Leuten reden und von oben herab dabei
lächeln und sich ihre losen Streiche erzählen lassen konnte! Sie
verfielen auf keine gefährlichen Dinge, es waren anständige Burschen,
soweit er es beurteilen konnte, aber der Teufel mochte ihnen allzuviel
trauen, hehe! Sie fuhren ja auch hinaus in das Sommerhaus und trieben
dort allerlei Kurzweil, unter anderem malten sie in einer Nacht den
Rappen grau an. Ob es nun echtes oder gut gespieltes Entsetzen war --
der Hofjunge verlor am Morgen eine gute Weile den Verstand und fand ihn
erst wieder, als er einen Fünfkronenschein bekam mit dem Auftrag, die
Wasserfarbe von dem Pferde abzuwaschen.

Aber nun Fia, dachte sie an einen von den jungen Männern, war sie,
sozusagen, verliebt in sie? Das müßte dann auf eine ruhige, ja eine
gar zierliche Art sein. Sie war freundlich und kameradschaftlich gegen
sie, aber immer mit etwas Vorbehalt, niemals vergaß sie, innerhalb der
Schranken zu bleiben. Die Maler pflegten sie die Comtesse zu nennen.
Gegen diesen Spitznamen hatte sie ihrerseits nichts, es war ein ganz
passender Spitzname, sie kam sogar gut dabei weg; und verdiente sie
ihn etwa nicht? Die Tochter ihres Vaters, aus einer annähernden Stadt,
aus dem vornehmsten Hause, Künstlerin, eine poetische Dame, ein Talent
-- wie sollten andere bestehen, wenn man davon reden wollte! Alice
Heiberg, auch eine Konsulstochter, aber ohne besondere Talente, nur
in der Haushaltung und den täglichen Pflichten erzogen, Grütze-Olsens
Töchter, die das Zeug hatten, tüchtige Mädchen zu werden, aber von
törichten Eltern, die sie vornehm machen wollten, gründlich verzogen
wurden! Wer war sonst noch da? Die zwei kleinen Henriksens auf der
Werft waren noch zu neu, nur Kinder, und aus ihnen würde übrigens auch
sicherlich nie etwas Rechtes werden.

Fia war die Comtesse, groß und gertenschlank, von feinem Wesen,
vollkommen recht und richtig. In den letzten zwei Jahren hatte sie
sich große Hüte und etwas lebhaftere Farben zugelegt, aber nichts
Übertriebenes, nur so viel, als ihr gut stand. Wenn sie wie ein Maler
angezogen auf der Straße ging, war es nicht verwunderlich, daß ein
anderer Künstler, der Postmeister, an einem Schaufenster stehen blieb
und sich über Fias Anblick freute.

Nein, der Konsul konnte sich nicht denken, daß seine Fia Absichten
habe, in diesem Falle hätte er als Vater ernstlich mit ihr sprechen
müssen. Diese jungen Leute waren nichts für sie, der eine war der
Sohn eines Hardesvogts und insofern aus einer studierten, gebildeten
Familie, der andere der Sohn eines Tünchers, und beide waren gleich
arm. Der Konsul verachtete keine Klasse, nein, das tat Konsul Johnsen
wahrhaftig nicht, aber er hatte nun eben diese einzige Tochter, sie war
sein liebes Kind, und er wollte sie auf die beste Weise beschützen.
Der Sohn eines Geschäftsmannes aus einem alten großen Hause würde ihm
besser passen.

Deshalb war es dem Konsul gar nicht unangenehm, als die jungen Künstler
eines Tages beim Mittagessen erzählten, sie hätten beide Bestellungen
bekommen. „Und das haben wir Ihnen zu verdanken, Herr Konsul,” sagten
sie.

„Ich gratuliere!” erwiderte der Konsul. „Was sind das für Aufträge?”

„Wir sollen die Bilder von Konsul Olsen und seiner Frau malen.”

„Vom Grütze-Olsen!” schreit Frau Johnsen. „Nein, wissen Sie was!”

Da lachen alle andern am Tisch, und der Konsul sagt freundlich: „Eine
Bestellung ist eine Bestellung, das wirst du doch verstehen, Johanna!”

„Haben nicht auch Heiberg und Davidsen ihre Porträte bestellt?” fragt
Frau Johnsen. „Die werden sicher noch kommen.”

Und wieder lachen alle miteinander.

Der Konsul wendet sich an die beiden Künstler und gibt eine kurze
Erklärung: Es seien so viele Konsuln am Ort, und alle die jüngeren
wollten die älteren nachahmen. „Daran kann man sich nur ergötzen,
Johanna!” Nun sei allerdings andererseits eines recht ärgerlich, man
könne sich hier im Hause fast nicht bewegen, ohne daß die andern sich
ganz auf dieselbe Weise bewegten, sozusagen im Takt. „Aber es ist doch
nicht der Mühe wert, so etwas ernsthaft zu nehmen, Johanna!”

Frau Johnsen sagte, sie nehme es durchaus nicht ernsthaft, das sei
ein Mißverständnis. Wenn irgend jemand die andern Konsuln mit einem
Lächeln betrachte, so sei sie es. Ihr Ausruf vorhin sei als reiner
Freudenschrei gemeint gewesen.

„Und was Davidsen betrifft,” fährt der Konsul fort, „so ist er von
einem ganz anderen Schlage: ohne Ansprüche, ohne Bildung, aber auch
ohne Narrheit. Er ist ein Mann der Arbeit, steht hinter seinem
Ladentisch und verkauft grüne Seife. Ich habe Davidsen schätzen lernen.”

„Hehe,” lacht Frau Johnsen sehr nachdenklich. „Ich überlege mir eben
etwas; wenn ich nun in einem Seidenkleid gemalt worden bin, was wird
Frau Olsen anziehen, um noch großartiger auszusehen?”

Sie beredeten sich eine Weile über Farben, Kostüme, Schmucksachen,
ob eine goldene Kette oder ein reicher Schmuck angebrachter sei. Die
Standespersonen der früheren Jahrhunderte scheuten nicht davor zurück,
sich mit Pracht abbilden zu lassen, mit Spitzen, Spangen, Ketten,
Juwelen, jetzt saß man im Gehrock, den man auch Diplomatenrock nannte,
wie der Konsul, und er konnte so ein gutes Diplomatenbild abgeben.

„Ja,” sagt der Konsul, indem er sein Glas erhebt. „Möge es nun den
Herren ebensogut gelingen, mögen Sie ebenso genial inspiriert sein,
wenn Sie den Konsul Olsen malen, wie Sie es bei mir und meiner Frau
gewesen sind! Wir sind beide hochbefriedigt und Ihnen tief dankbar.”

Darauf tranken sie ihr Glas aus.

„Wann fangen Sie bei Olsens an?” fragte Fia.

„Sobald wir wollen, sofort!” Und sie erzählten, die beiden jungen
Töchter des Hauses sollten wahrscheinlich auch gemalt werden.

„Da haben wir es, noch viel großartiger soll es sein!” ruft Frau
Johnsen wieder. „Und jetzt weiß ich, was Frau Olsen anhaben wird: sie
wird in zwei seidenen Kleidern sitzen.”

Wieder lautes Gelächter, daß es von der Decke widerhallte. Frau Johnsen
machte so selten einen Witz; das hatte wohl seine Gründe, und niemand
erwartete es von ihr. Der Konsul sagte nun sofort, sie sei großartig,
sie sei brillant!

Aber Frau Johnsen kann Lobsprüche nicht gut vertragen, und so verdirbt
sie das Vorhergehende, indem sie fragt, was wohl Frau Olsen an den
Füßen haben werde -- zwei Paar Stiefel?

Darauf lachten alle wieder; aber wenn sie jetzt nur aufhören wollte,
wünschten die Maler.

Bei Konsul Olsen zu sein und zu malen, erwies sich als ein schöner,
guter Aufenthalt; die beiden Künstler hatten es noch nie besser gehabt
mit Frühstückswein und Kuchen und Nachmittagskaffee mit Sahnewaffeln.
Dazu waren die „Mädel”, die beiden jungen Töchter, überaus gesund
und lustig, geradezu zum Anbeißen. Der Tünchersohn verliebte sich in
alle beide, aber er richtete nichts aus, so leicht war es nun doch
nicht, Eingang bei Konsul Olsen zu bekommen; wäre es wenigstens der
Hardesvogtsohn gewesen! Die Mädchen waren schon recht, sie zierten sich
vielleicht ein wenig und sprachen etwas feiner, als sie es gewohnt
waren, aber sie waren verflixt hübsche Mädchen und junge Mädchen,
nichts fehlte ihnen, es müßte denn sein, daß sie zuviel von allem
hatten, sogar auch von Körpergröße, sogar von üppigem aschblondem Haar
und etwas zu vollen Lippen. Ihre Mängel lagen im Übermaß; sie wackelten
auch ein wenig, wenn sie gingen.

Frau Olsen mußte verleumdet worden sein, sie war eine liebenswürdige
Dame, gutherzig bis zur Rührseligkeit, mütterlich, mit freundlichen
Augen und einer zurückweichenden Stirne. Ihre ganze Fürsorge gehörte
ihren Töchtern, sie sollten vornehm und glücklich werden. Wie sehr
liebte sie diese Töchter, sie ließ sie tun, was sie wollten, ließ sie
heranwachsen zu Unnützlichkeit und Ungezogenheit, als Zierpuppen und
Hohlköpfe.

Nein, Frau Olsen war es sicher nicht gewesen, die verlangt hatte,
gemalt zu werden, sie wehrte sich jeden Tag dagegen und wollte
die Töchter statt ihrer gemalt haben, beide auf einem Bilde, ein
Doppelporträt. Konsul Olsen mußte seine Frau jedesmal überreden, ruhig
zu sitzen. -- „Hörst du, Henriette, nachdem nun einmal angefangen ist.
Das Doppelporträt kommt später dran!”

So saß denn das Opferlamm in Seide, mit vielen Ringen und der Uhrkette
geschmückt, und war dem Manne willfährig.

Bei ihm selbst ging's mit mehr Prunk und Gepränge; er war vom
Kleinstadtreichtum wohlbeleibt geworden, ein Emporkömmling, ein
glücklicher Spekulant. Es machte ihm Spaß, Gassenhauer zu singen
und Fratzen zu schneiden und dann plötzlich wieder eine gute Weile
ganz würdig und schweigsam dazusitzen und nur zu nicken oder den
Kopf zu schütteln. Er gab sich das Aussehen, als hätte er große
Geschäftsangelegenheiten zu überdenken. „Still,” sagte Frau Olsen,
„laßt den Vater nun in Ruhe, Mädchen!”

Und der Vater war lieb und gutmütig und sehr eitel, er sah es gerne,
daß es still um ihn her war, wenn er an große Geschäfte dachte.

„Richtig!” sagte der Maler, „da haben wir gerade den rechten Ausdruck,
das ist großartig, der feste Mund, die Klugheit. Bleiben Sie nun so
sitzen, Herr Konsul,” sagte er, wie wenn er photographieren sollte.

Und Konsul Olsen gab sich aus Eitelkeit Mühe, sich mit einem großen
Kornhandel in Argentinien zu beschäftigen, anstatt zu singen und den
festen Mund durch Grimassenschneiden zu verunstalten.

Das Porträt versprach ganz besonders gut zu werden, und der Maler, der
Tünchersohn, bat, es in Christiania ausstellen zu dürfen. Bitte, ja,
jawohl!

Der Konsul selbst verabscheute zwar, ausgestellt zu werden, aber wenn
es für den Maler von Nutzen sein konnte, dann --! Er wollte sich gerne
dem jungen Künstler entgegenkommend zeigen, alle in der Familie zeigten
sich entgegenkommend, auch die Töchter, aber sie verliebten sich nicht
in ihn. Da schien sein Kollege, der die Frau Konsul malte, bessere
Aussichten zu haben, o, aber auch er wurde eines Tages ordentlich
geprellt! Das mußten ein paar eigene Damen sein, sie waren aus einem
Kaufmannshaus und wollten wohl am liebsten im Kaufmannsstande bleiben;
sie nannten deshalb auch sehr oft Scheldrup Johnsen. Komische Mädchen
also und vielleicht nicht besonders aufgeweckt. Oder wie? Eines Tages,
als der Hardesvogtsohn ihr Porträt angefangen hatte, schwänzten sie
einfach mir nix dir nix die Sitzung. Als Entschuldigung gaben sie an,
daß sie ganz unerwartet Scheldrup Johnsen auf der Straße getroffen, bei
ihm stehen geblieben seien und mit ihm geplaudert hätten; er sei zu
kurzem Aufenthalt zu Hause.

Als ob das eine Entschuldigung wäre! Der Maler empfand es als einen
Betrug -- eine Beleidigung.



15


Scheldrup Johnsen war unerwartet heimgekommen und mußte auch ebenso
unerwartet wieder abreisen.

Er nahm des Vaters Geschäftsführer Berntsen mit sich und ging in
des Doktors Sprechzimmer, grüßte kurz und tat folgende Fragen:
„Was bedeuten die Briefe, die Sie mir geschickt haben? Ich bin
hierhergekommen, um es zu erfahren.”

Der Doktor sagte überrumpelt und halb lächelnd: „Die Briefe? O die --”

„An einem Tage schreiben Sie mir, es sei ein neues braunäugiges
Exemplar von einem Kind auf die Welt gekommen, ein paar Tage später,
die Mutter sei tot.”

„Ja.”

„Ja. Ich will wissen, warum Sie mich von diesem Ereignis in Kenntnis
gesetzt haben.”

„Können wir nicht allein sein?” fragte der Doktor in zahmem Tone.

„Nein, ich will einen Zeugen gegen Sie haben,” erwiderte Scheldrup.

„Aber was ich sagen will, eignet sich nicht für fremde Ohren.”

„Aber dann weiß ich, was sich für die Ihrigen eignet,” sagt Scheldrup
und tritt ein paar Schritte näher. Der Doktor weicht zurück, sein
Mund bebt, und er sagt: „Nein, warten Sie ein wenig, ich merke, daß
ich mich getäuscht habe, und ich bitte um Entschuldigung. Ich tat es,
ich täuschte mich also, in Ihnen und noch jemand, entschuldigen Sie!
Eigentlich war es nicht so schlimm gemeint.”

„Eigentlich sollte ich Sie einfach durchprügeln,” sagt Scheldrup mit
zornbebender Stimme. „Sie sind ein Verleumder, ein -- --”

„Warten Sie ein wenig, lassen Sie mich -- --”

„Ein Halunke, eine abscheuliche Klatschbase! Ja, ich sollte Ihnen den
Kopf waschen.”

Der Doktor hat sich etwas gefaßt: „Warten Sie ein wenig, ich habe
Fragezeichen gemacht, erinnern Sie sich? Eigentlich wollte ich Sie der
Wissenschaft wegen etwas fragen, meiner eigenen Wissenschaft wegen.
Haben Sie die Briefe bei sich?”

„Hätte ich sie bei mir, dann würde ich Sie zwingen, sie zu zerkauen und
zu verschlucken.”

„Nein, nein, nein, wir wollen darüber reden, ruhig darüber reden, nicht
wahr? Ich bitte Sie um Entschuldigung, es war der Wissenschaft wegen,
ich glaubte, ich könnte es tun, wir kennen ja einander. Erinnern Sie
sich nicht, daß ich gefragt habe, daß ich Fragezeichen setzte? Es ist
nämlich ein unsicherer Punkt in der Wissenschaft --”

Scheldrup ist wütend, er wird immer ausfälliger, maßlos, sein Auftreten
verliert dadurch und wird gewöhnlich. „Die Wissenschaft und Ihr
Geschwätz! Sie sind überdies ein Kujon, ein Hasenfuß, jetzt wollen Sie
Ihren Brief wegschwatzen, ich könnte Sie anspucken.”

Der Doktor hatte sich indessen noch mehr gefaßt: „Seien Sie nicht so
wütend, das Ganze ist das gar nicht wert, durchaus nicht. Es ist auch
nicht klug, ich bitte Sie um Entschuldigung.”

„Was meinen Sie damit, es sei nicht klug?”

„Wenn wir allein wären, würde ich es sagen. Es ist nicht klug, es kann
sich rächen.”

„Ich kümmere mich den Teufel um Ihre Rache, verstehen Sie!” ruft
Scheldrup.

„Ich bitte Sie um Entschuldigung!” wiederholt der Doktor.

Aber diese lauten Stimmen in dem sonst so stillen Zimmer erregen
Aufmerksamkeit im Hause, sie rufen die Hausfrau herbei und zwingen
Scheldrup, sich stumm zu verbeugen und mit seinem Begleiter fortzugehen.

Eine Entschuldigung war also das ganze Ergebnis einer Reise von Havre
her, ein paar leere Worte! Am Abend dachte Scheldrup an einen neuen
Besuch beim Doktor, und er sprach auch mit Berntsen darüber, bekam aber
den Rat, beizeiten aufzuhören, der Doktor habe genug bekommen, habe
übergenug bekommen. O Konsul Johnsens ausgezeichneter Geschäftsführer,
er gab gute Ratschläge, er wußte, was er tat, und dachte an mehr, als
nur an eine Seite einer Sache; es ist auch gar nicht unmöglich, daß er
dort im Sprechzimmer recht gut verstand, worauf der Doktor jedesmal
anspielte. Was war übrigens da zu verstehen? Nichts, Klatschereien.
Scheldrup solle seiner selbst und seiner ganzen Familie wegen darüber
schweigen.

„Nein, lassen Sie es nun gut sein, Sie haben ihm schon einen tödlichen
Schrecken eingejagt, mehr kann er nicht ertragen,” sagte Berntsen.

Scheldrup beruhigte sich. Sein Zorn hatte sich gelegt, er wollte sich
mit der Entschuldigung begnügen. Es war auch so eine Sache mit einer
Backpfeife, er hatte selbst vor vielen Jahren eine bekommen, die ihm
nicht zur Ehre gereichte, jene schändliche Backpfeife von Petra, er
konnte nicht für ewige Zeiten Backpfeifen auf sich sitzen lassen.

Am nächsten Morgen in aller Frühe begab sich Scheldrup wieder an Bord
und reiste zurück nach Havre.

Und da geriet der Doktor wieder in eine nette Klemme.

Da war er ja hinunter zum Postschiff gegangen, und zwar am frühen
Morgen wie so viele andere, er hatte viel ausgestanden und wollte sich
ein wenig erfrischen -- aber das wurde eine verflixte Erfrischung!
Hätte er sich denken können, daß Scheldrup so bald wieder abreisen
würde, er, der sonst wochenlange Ferien daheim zubrachte! Da kam
er gerade auf das Bollwerk zu in Begleitung von Vater, Mutter und
Schwester und von zwei fremden Malern. Sollte der Doktor grüßen? Zuerst
grüßen? Gewiß, es waren ja Damen dabei. Er stand peinlich weit zurück,
aber grüßte also, und als er das getan hatte, ging er noch weiter
abseits.

Aber plötzlich schien der Zorn in Scheldrup wieder aufzukochen, und er
ging dem Doktor nach. Er hielt des Doktors Gegenwart hier für Trotz,
für Frechheit. Und was nun? Er geht dem Doktor weiter nach und wie um
ihm direkt unter die Augen zu treten, aber ohne ihn selbst anzusehen,
o, nicht mit einem Blick! Will er ihn umrennen, ihn ins Wasser
hineintreiben? Jetzt sind nur noch vier Schritt frei zwischen ihnen.

Doch da taucht plötzlich der merkwürdige Geschäftsführer Berntsen
mitten zwischen den beiden Herren auf, und sagt zu Scheldrup: „Sehen
Sie, das haben Sie wohl vergessen!” Damit zieht er Scheldrup ein paar
Schritte mit sich fort und übergibt ihm etwas, Gott mag wissen, was es
ist, vielleicht ein Plunder. Aber von da an ist Berntsen am Bollwerk
sehr in Anspruch genommen, er ist überall und doch immer an Scheldrups
Seite. „Ich sehe mich hier nach einem Teil Waren um,” sagt er, „wir
erwarten gewisse Waren.” Ja, sogar als Scheldrup über den Landungssteg
an Bord geht, folgt ihm Berntsen, um sich auf dem Schiff nach den Waren
zu erkundigen.

Scheldrup steht an der Reling und spricht gedämpft mit seiner Familie
auf dem Bollwerk. Und diese Familie steht nun da, über die Maßen
verwundert, sowohl über sein Kommen als auch über die rasche Abreise.
Der Vater war mit keinem Wort in ihn gedrungen, und für Mutter und
Schwester hatte er nur die eine Antwort gehabt: „Geschäfte!” Aber alle
waren im unklaren.

Während nun Scheldrup da an der Reling steht, deutet er plötzlich auf
den Doktor drüben am Land und ruft Berntsen laut und deutlich zu:
„Hören Sie, Berntsen, ich hätte nun doch eigentlich den Kerl dort
durchwalken sollen! Er hat es gewagt, hierherzukommen!”

Stille. Nur eine einzelne Stimme wird am Bollwerk laut. „Was beim Satan
-- was hat er gemeint? --” Das war Olaus vom Wiesenrain, er witterte
Hallo!

„Und wenn Sie wieder in Havre sind, vergessen Sie nicht, uns Stoffe
zu senden,” erwiderte Berntsen sofort; „Baumwollstoffe in passenden
Mustern, wohl einhalbhundert Stücke.”

„Ja.”

„Wollen Sie es nicht aufschreiben?”

Scheldrup kann nicht anders, als sein Buch herausziehen und es
aufschreiben.

Dann fängt das Schiff an, sich zu bewegen, und Berntsen springt an Land.

Der Doktor stand da, wie wenn ihn der Schlag getroffen hätte,
schwankend, mit ausdruckslosem Gesicht. Das dauerte einen Augenblick,
dann richtete er sich auf, streckte die Brust heraus und ging davon.
O, es war nicht wahrscheinlich, daß er sich in den Hohn des jungen
Krämers auf dem öffentlichen Bollwerk finden würde!

Alles in allem hatte der Doktor in der letzten Zeit gar manchen Ärger
gehabt, aber als er nun das Bollwerk verließ, sah er aus, als habe er
sich vorgenommen, alles zu ertragen. Olaus vom Wiesenrain sah ihm nach
und sprach sich über seine Hochnäsigkeit aus.

In diesem Augenblick kamen die beiden Fräulein Olsen eiligen Laufes
daher; sie waren sehr hübsch und jung und atemlos. „Ach, nun sind wir
zu spät gekommen,” sagten sie. „War heute etwas Interessantes an Bord?
Warum seid ihr denn alle hier, warum winkt ihr nach dem Boot hin, Fia?”

O, sie wußten es wohl; die Fräulein Olsen hatten es wohl am frühen
Morgen im Bett gehört und waren eilends in ihre Kleider gefahren, waren
aber doch zu spät gekommen.

„Scheldrup ist wieder abgereist,” sagt Fia.

„Scheldrup -- was du nicht sagst! Schon? Ei, wirklich?”

Mehr wagten sie wohl nicht zu sagen, sie zogen sich mit den beiden
Malern zurück und gingen heim zur Sitzung.

Sie holten den Doktor ein, der stehen geblieben war und mit dem
Rechtsanwalt Fredriksen sprach. „Na,” rief der Doktor den jungen
Mädchen zu, „sind Sie zum Abschied zu spät gekommen?” Ha, der Doktor
war nun gerettet, er war nicht mehr in Gefahr, und so hatte er seine
Überlegenheit wiedergefunden.

„Abschied? Welcher Abschied?” fragten die Fräulein Olsen, gingen aber
gleich weiter.

Der Doktor sah ihnen spöttisch nach und wendete sich wieder dem
Rechtsanwalt zu: „Wir wurden unterbrochen. Können Sie mir keine
Auskunft auf meine Frage geben?”

„Nein, nicht ohne weiteres.”

„So?” sagt der Doktor. „Aber es ist doch eine Sache der bürgerlichen
Gesellschaft.”

„O ja. Aber es ist auch eine sehr private Sache.”

Der Doktor lächelt anzüglich. „Ich glaubte, daß Sie als
Gesetzeskundiger, der nun mit Gottes und guter Menschen Hilfe
vielleicht Gesetzgeber wird, gegen ein soziales Übel Rat schaffen
könnten.”

„Vermehrte Geburten in einem Lande werden nun eigentlich nicht zu
sozialen Übeln gerechnet,” versetzt der Rechtsanwalt.

„Da haben wir es wieder! Das ist des Postmeisters Elegie über die
Nachkommenschaft!”

„Nein, da tu' ich nicht mit.”

„Ich rechne sie zu den Übeln. Im übrigen aber ist hier die Rede davon,
daß ein bestimmter Mann die Stadt mit seiner braunäugigen illegitimen
Brut füllt.”

„Sagen Sie das?”

„Und ich weiß es.”

„Es ist sehr schwer, so etwas zu beweisen.”

„Allerdings, besonders wenn die Zeugen sterben. Aber dann kann
vielleicht die Wissenschaft eintreten. Die sachkundige Wissenschaft ist
ein unwiderlegbarer Zeuge.”

„Sagen Sie das auch?”

O, das war etwas zu keck gesagt vom Rechtsanwalt, er hätte den Löwen
nicht reizen sollen. Überrascht fragt der Doktor: „Zweifeln Sie an der
Wissenschaft? Legen Sie sich auf diesem Standpunkt fest?”

Der Rechtsanwalt, der Volksredner dachte wohl so: Er sagt absichtlich,
ich lege mich auf meinen Standpunkt fest, das war schlau gesagt. Es
blieb ihm nichts anderes übrig, als etwas von dem schweren Ernst dieser
Unterredung wegzunehmen. „Nein, Sie mißverstehen mich. Die Wissenschaft
natürlich! Aber nun hören Sie, Herr Doktor: braunäugige Kinder sind ja
hübsche Kinder. Wenn es so ist, wie Sie sagen, dann muß der Vater ein
tüchtiger Mann sein und Übung darin haben, ein guter Stammvater also.
Unsere liberale Zeit --”

„Wollen Sie Ihren Spaß mit mir treiben?” fragt der Doktor. „Guten
Morgen, Herr Rechtsanwalt!”

O, er hätte laut hinausschreien, hätte platzen mögen! Alles und
alle waren gegen ihn. So ein Rechtsanwalt auch, er war borstig und
unrasiert, o, so demokratisch, und dann hatte er sich eine Feder auf
den Hut gesteckt wie zu einer Alpenbesteigung. Schöner Jüngling das!

Alle diese Ärgerlichkeiten machten den Doktor allmählich ungeduldig,
sollte er nicht aufstehen und sie lehren, ja, dieses Pack lehren!
Natürlich war seine Stellung trotzdem fest, aber man war jetzt gerade
nicht besonders ehrerbietig gegen ihn, ganz und gar nicht ehrerbietig.
Hätte er nicht gegen die meisten Leute eine große Verachtung im Busen
getragen, dann würde er sich ab und zu umgedreht und gefragt haben, was
zum Kuckuck sie denn zu grinsen hätten, wenn er vorüberging?

Und da hatte ihm nun Konsul Johnsen in der letzten Woche eine lange
Rechnung geschickt, der Johnsen am Landungsplatz, der Krämerpapa.
Ja, er sollte sein Geld haben, sollte sobald wie möglich alle seine
Groschen bekommen, bitte hier, in den allernächsten Tagen. Haha, der
Doktor mußte lachen; er wollte das Geld durch die Post schicken, daß es
alle sahen; wäre das nicht ein Streich! Und von diesem Tag und dieser
Stunde an sollten alle Einkäufe in diesem Geschäft, in dieser Kneipe
aufhören. Es war ja ein Ort, wo ein gewisser geachteter Bürger der
Stadt nicht einmal sein ehrliches Gewicht beim Mehlkaufen bekam.

Plötzlich bekommt er eine Eingebung; er will mit dem Schreiner Mattis
sprechen und etwas Näheres über den berühmten Mehleinkauf hören. Er
sieht auf seine Uhr. Doch, es geht noch.

Einen so großen und vornehmen Besuch hatte der Schreiner Mattis nicht
in seiner Werkstatt erwartet, und er führte den Doktor sofort in die
Stube hinein. Sie ließen sich zwischen Sesseln und Schaukelstühlen und
Etageren und Tischen mit dicken Plüschdecken nieder. Über dem Tisch
in der Mitte hing die Hängelampe bis auf die Platte herunter, an den
Wänden hingen Photographien von ausgewanderten Verwandten und ein Bild
des Landtags vom Jahr 1884. Die Laubkränze auf dem Ofenkranz waren so
trocken wie Papier. Es war eng und stickig in dem kleinen, überfüllten
Raume, und eine Unterhaltung kam auch nicht recht in Gang. Mattis
schien ganz anders geworden zu sein als früher, ganz und gar nicht
aufgelegt.

Der Doktor sagte, er habe einen Wandschirm, der geleimt werden müsse.

Jawohl, der Schreiner würde ihn durch den Lehrjungen holen lassen.

„Der Wandschirm hat eines Tages bei offener Tür und offenen Fenstern
im Zug gestanden, da warf ihn der Wind um, und da ging er natürlich
entzwei.”

„Ja, das ist bald geschehen.”

„Aber es sollte nicht so sein, durchaus nicht. Es hätte kein Zug sein
sollen. Die dummen Mägde sind schuld daran. Wie steht es bei Ihnen,
Mattis? Ihr Haus wird vielleicht gut versorgt, aber Dienstmädchen sind
eben Dienstmädchen.”

Mattis, plötzlich lebhaft, plötzlich hitzig, schüttelt mehrere Male
heftig den Kopf, das konnte alles mögliche bedeuten, nur nicht ja. „Es
ist alles gut versorgt worden, aber nun muß sie fort.”

„Muß sie fort? Warum denn?”

„Ich will nicht darüber reden. Die Frauenzimmer sind verrückt.”

„Wie heißt sie nur gleich?”

„Maren Salt. Schon recht alt, vielleicht fünfzig Jahre, aber trotzdem
verrückt. Ach, was ist das jetzt für eine Zeit! Sie blasen die Nüstern
auf wie junge Fohlen.”

„Es wird bei Ihnen schon wieder in Ordnung kommen.”

„In Ordnung kommen? Da soll der Teufel in Ordnung kommen!” gibt der
Schreiner erregt kund. „Es ist verbrieft und versiegelt,” fügt er hinzu.

Der Doktor will wieder gehen. Diese häuslichen Verhältnisse in einem
Arbeiterheim interessierten den Akademiker nicht, und er fühlte sich
durch die Ungezwungenheit des Schreiners gekränkt, sie waren keine
Gleichgestellten. Aber er hatte ein Anliegen.

„Hört, Mattis,” sagt er, „haben Sie nicht bei Johnsen am Landungsplatz
einmal falsches Gewicht bekommen?”

„Was?”

„Ich frage, weil andere auch dort dieses und jenes erfahren haben
können.”

„Nein,” antwortete Mattis kurz und schüttelte den Kopf.

„Nein, sagen Sie?”

„Es war nicht beim Konsul, es war im Lagerhaus.”

„Ist Ihnen wirklich im Lagerhaus Ihr Mehl nicht richtig gewogen worden?”

„Der Oliver hat's getan. Kein anderer als der Oliver ist's gewesen. Ich
versteh' aber nicht, warum Sie danach fragen; Sie müssen entschuldigen,
Herr Doktor.”

„Wann wollen Sie den Wandschirm holen?” fragt der Doktor, indem er
aufsteht.

„Sogleich. Augenblicklich. Und er kann morgen schon trocken sein. Ja,
ich mache ihn gern zurecht. Bitte, diesen Weg, Herr Doktor!”

Vergebliche Mühe. Da geht nun dieser Mann denselben Weg zurück,
den er gekommen war, der Doktor des Städtchens, eine wichtige
Persönlichkeit, eine Autorität, da geht er mit enttäuschter Miene
wegen einer Kleinigkeit, wegen nichts. Auch er hatte wohl einstmals
junge Träume gehabt, hatte viel vom Leben erhofft, hatte sich schon
auf den höchsten Zinnen gedacht, damals war seine Haut zart, sein Blut
rot gewesen, er war verliebt gewesen, konnte lächeln -- wo war das
alles jetzt? Das Leben -- das Leben hatte sich darauf gestürzt und
es verzehrt! Er war mehr und mehr in kleinen Ärgernissen und kleinen
Interessen aufgegangen, Jahr um Jahr war er runzliger und boshafter
geworden; allein mit seiner Frau bei allen Mahlzeiten, in einem leeren
Hause, ohne Familie, ohne Kinder, allein mit seiner Gelehrsamkeit und
seinem eigenen Mißerfolg, neugierig, klatschsüchtig und kleinlich.
Auch er hatte wohl einmal junge Träume gehabt, das war nun lange her,
jetzt war er gerupft, was ihm von früher noch geblieben war, war der
Jargon seiner Studentenbude, deren Radikalismus, deren Freidenkerei,
deren ungewaschene Schlagfertigkeit, aber ohne eine Spur mehr von der
Schönheit und Innerlichkeit der Jugend, ja selbst nicht von deren
Fehlern. Er war ausgeartet, sein Sinn war verändert, und es war ihm
schlimm gegangen, er war niemand mehr. Seht, nun sollte er ordentlich
sparen, um die Rechnung bei Johnsen zu bezahlen. Dann wollte er mit
einem andern Kaufmann in Verbindung treten und dort anschreiben lassen,
vielleicht bei Davidsen, ja gerade bei Davidsen, der ein neugebackener
Konsul war und die Kundschaft besserer Leute brauchte. Ein Plan, ein
Vorsatz, würdig einer Hausfrau in Verlegenheit!

Er geht und findet seine Frau nicht zu Hause, dann geht er ins
Schlafzimmer und findet den Wandschirm ganz. Na, da hatte ihm also
das Umwerfen nichts getan, warum hatte er dann gescholten? Eine recht
traurige, bittere Enttäuschung überkommt ihn auch hier und zugleich
ein so rasender Zorn, daß er den Wandschirm umwirft und darauf
herumtrampelt. Nun mag der Schreinerlehrling kommen! Nein, nicht eine
einzige Befriedigung hatte er in seinem Leben, nicht eine einzige
goldene Freude. In zwanzig Jahren, in zehn Jahren war er tot, und in
derselben Stunde war er vergessen.

Er geht wieder aus, das Sprechzimmer soll für sich selbst sorgen. Da
kommt ihm natürlich der arme Postmeister entgegen, wie gewöhnlich leise
mit sich selbst sprechend, der Doktor bringt es kaum fertig, den Hut zu
lüften, und geht an ihm vorüber.

Und nun trifft er Henriksen von der Werft -- seht nun bloß, wie klein
die Stadt und wie klein auch die Menschen sind, sie haben so gut Platz
hintereinander in derselben Straße, einer sieht dem andern schon von
hinten an, was er denkt. Den Henriksen muß der Doktor grüßen, das geht
nicht anders, der Witwer erwartet es sicher von ihm, und der Doktor
hätte, wenn es anders gegangen wäre, seine Rechnung bei Henriksen
erhöhen können. Um die Wahrheit zu sagen, so war es gerade dieses
Honorar, das den größten Teil der Rechnung bei Johnsen hätte decken
sollen. Aber jetzt war Frau Henriksen tot, der Patient war gestorben,
das war ein schändliches Mißgeschick, ein Schlag.

„Geht es sonst gut bei Ihnen, ist das Neugeborene gesund?” fragt der
Doktor.

„Ja, Gott sei Dank, er ist gesund, er ist großartig.”

Der Doktor versteht, daß der Besitz dieses Kindes Henriksens Schmerz
etwas besänftigt; er ist Witwer geworden, jawohl, aber seine Frau hat
ihm zu seinem Trost diesen prächtigen kleinen Jungen hinterlassen.
Henriksen ist nicht ganz zu Boden geschlagen, nicht zerschmettert, und
der Doktor kann doch noch Hoffnung auf sein Honorar haben.

„Ich gehe mit Ihnen und sehe nach dem Kinde,” sagt er.

„O ja, wenn Sie das wollten, Herr Doktor,” versetzt Henriksen froh und
dankbar.

„Das tu' ich, ich stehle dem Sprechzimmer eine halbe Stunde und gehe
mit Ihnen. Und Sie selbst, Henriksen, geht es Ihnen gut?”

„O ja, danke, Herr Doktor. Ja, es fehlt mir nichts.”

„Natürlich, wie ein Fels! Hat Ihre Frau nichts gesagt, bevor sie starb?
Hatte sie nicht noch irgend etwas Intimes mit Ihnen zu besprechen? Das
ist doch meist so.”

„Nein,” antwortet Henriksen und schüttelt den Kopf. „Sie meinen, ob
sie mich gebeten habe, für die Kinder zu sorgen, für den Kleinen zu
sorgen? Nein.”

„Wenn die Menschen sterben, haben sie einen Drang, für dies und jenes
um Verzeihung zu bitten, sie können im geheimen etwas Unrechtes getan
haben, einen Fehltritt oder so etwas. Sterbende haben mich bisweilen
gebeten, ihre Bitten zu übermitteln.”

„Nein, o nein. Und außerdem hatte sie mich für nichts um Verzeihung zu
bitten, o weit entfernt. Ich war auch leider nicht anwesend.”

„Ich habe gehört, sie habe nach dem Pfarrer verlangt.”

Ohne einen Schatten von Verdacht antwortet Henriksen: „Ja, sie hat wohl
das Abendmahl nehmen wollen. Der Junge ist groß und prächtig, aus dem
kann etwas werden; gewachsen ist er auch schon, obgleich er nur mit der
Flasche aufgezogen wird, ein Schreihals und ein Zornickel ist er!”

„Aber er hat braune Augen,” sagt der Doktor.

„Ja, ist das nicht merkwürdig!” erwidert Henriksen. „Da hat sie nun
alle die Monate hindurch diesem Kind braune Augen gewünscht, gerade wie
dem vorhergehenden. ‚Wenn ihm nur Gott braune Augen schenken wollte,
sie sind so sehr hübsch!’ sagte sie. Und da ist ihr dieser Wunsch
erfüllt worden.”

„Nun, das war doch jedenfalls sehr gut,” sagt der Doktor mit einem
erzwungenen Lächeln.

Aber Henriksen nahm es für echt: „Ja, nicht wahr? O, es war wohl so
bestimmt! Ein Glas Wein, Herr Doktor? Vielleicht Sodawasser mit Whisky?”

Sie treten in die Stube und setzen sich, jeder mit einem Glas vor sich,
und Henriksen trinkt gleich zwei. Er spricht von seiner Frau, von
seiner Einsamkeit, die nicht zum Aushalten sei. Bei Tag und während der
Arbeit, da gehe es noch an, aber wenn die Nacht komme, die Nacht --! Er
ist äußerst freundlich und aufmerksam gegen seinen hochgeehrten Gast,
allmählich sogar dankbar für dessen Hilfe -- ja für alle Hilfe, die er
geleistet hat.

„Es stand leider nicht in meiner Macht, Hilfe zu bringen,” erwidert der
Doktor.

„Allerdings, aber Sie haben getan, was Sie konnten, das sag' ich gerade
heraus. Sie sind ja auch oft hier gewesen, um nach ihr zu sehen, und
haben Medizin verschrieben. Wir haben alles getan, was wir konnten, den
Trost haben wir, daß es ihr von unserer Seite an nichts gefehlt hat.
Aber nun war wohl ihre Zeit abgelaufen. Noch ein Glas, Herr Doktor?”

„Ich weiß nicht. -- Ja, wenn Sie mir's anbieten.”

Henriksen strahlt. „Es ist mir eine Ehre, wirklich, es ist eine Ehre
für mein Haus, das hätte meine Frau erleben sollen! Und nun möcht'
ich gerne, daß Sie mir eine Rechnung schicken, Herr Doktor, eine
ordentliche Rechnung. Doch, ich will es! Oder wenn Sie es mir jetzt
gleich sagen wollten, nur die Summe, das genügt.”

„Das hat ja Zeit bis später.”

„Ach, alles, was getan werden konnte, ist getan worden, das ist mein
Trost!” murmelt Henriksen, in tiefe Gedanken versunken. „Doch, ich will
wirklich -- lassen Sie mich lieber jetzt gleich --”

Henriksen steht auf und öffnet seine Schreibkommode, er kommt mit einem
Geldschein zurück, einem großen roten Schein und reicht ihn dem Doktor
hin: „Diesen hier, wenn es Ihnen so recht ist. Stimmt es einigermaßen,
ist es genug?”

Der Doktor ist durchaus nicht geldgierig, nicht habsüchtig; was er
verdient hat, ist verbraucht worden, ja, mehr als das, verbraucht für
Essen und Trinken, für „Genüsse”, nein, er ist nicht so schlecht, daß
er über den großen Schein in Verlegenheit geriete, diese Banknote, das
ist ein Geschenk, und er erwidert: „Das ist zuviel, ich bekomme nicht
soviel, die Hälfte genügt!”

Henriksen schüttelt den Kopf; er ist freigebig und gutherzig, und er
will sich auch des Danks von des Doktors Seite würdig erweisen. „Nehmen
Sie nur, Herr Doktor, es ist von ihr und von mir. Und dann reden wir
nicht mehr darüber.”

„Ich bin jederzeit bereit, zu kommen, Henriksen. Zu dem Kleinen. Bei
Nacht oder bei Tage, jederzeit!”

Der Doktor ging als ein junger Mann heimwärts. Was war geschehen?
Seht, er hatte sich wehrlos gefühlt, und nun hatte er plötzlich eine
Waffe in der Hand: „Bitte, Herr Konsul Johnsen, Sie haben mir eine
Rechnung geschickt, ich hatte die Kleinigkeit vergessen, hier ist eine
Bescheinigung von der Post über einen Geldbrief für Sie.”

Ja, er war froh, aber es kam nicht zu einer Umkehr bei ihm, nicht zu
einem hohen Wogengang und einer Krisis vor Dankbarkeit. Das Leben war
unverändert, die Feinde dieselben wie vorher, ein Zufall hatte ihn
instand gesetzt, sinnlos und dumm über sie zu triumphieren, und darauf
wollte er nicht verzichten. Er hätte nun in Johnsens Laden gehen und
seine Schuld bei Berntsen begleichen können, aber er tut es nicht,
dagegen reibt er sich die Hände beim Gedanken an den boshaften Brief,
in den er das Geld einwickeln will, wenn er es abschickt.

Er hätte darauf verzichten sollen! Seht, da ist schon wieder einer von
den Braunäugigen, es wimmelt von ihnen in der Stadt. Er hält den Jungen
an und fragt: „Lieferst du mir nicht öfters Fische?”

„Doch, früher.”

„Hast du das Fischen aufgegeben?”

„Ja.”

„Was tust du jetzt?”

„Ich -- ich soll zur See.”

„Aber was tust du jetzt? Du siehst so ungewaschen aus.”

„Jetzt im Augenblick bin ich beim Schmied, aber --”

„Aber dazu hast du keine Lust. Nein, geh du lieber zur See! Wie war
dein Name?”

„Abel.”

„Sag deinem Vater -- deinem Vater daheim -- er soll einmal in meine
Sprechstunde kommen. Ich hätte etwas mit ihm zu reden.”



16


Na, ungewaschen ist Abel seiner Lebtage gewesen, aber natürlich ist er
beim Schmied nicht sauberer geworden.

Eigentlich war es gerade für ihn etwas Unnatürliches, in einer Schmiede
zu stehen, an einem Lehmboden verankert zu sein, um den Blasbalg zu
bewegen und auf das Kommando eines kleinwinzigen Vorhammers Eisen zu
schmieden. Aber etwas mußte Abel ja tun, er war nun längst konfirmiert
und dazu ein großer, starker Bursche geworden. Und da rief ihn eines
Tages der Schmied Carlsen in die Schmiede herein und sagte: „Sieh her,
kannst du nicht den großen Hammer nehmen und ein paar Schläge für mich
tun?” Abel schlug, es war eigentlich ganz unterhaltend, hier zu stehen
und seine Kräfte dazu zu gebrauchen, Sterne aus dem glühenden Eisen
herauszuhämmern.

Abel hämmerte bis zum Mittag darauf los, da zog ihn der Schmied mit
sich hinein und gab ihm zu essen.

„Da hab' ich nun diese eilige Arbeit,” sagte der Schmied, „kannst du
mir auch heute nachmittag helfen?”

„Das kann ich gut,” erwiderte Abel.

Als es Abend war, bekam er wieder zu essen, und als er gehen wollte,
eine Krone. „Du bist ein tüchtiger Mann gewesen,” sagte der Schmied,
„könntest du nicht vielleicht auch morgen kommen?”

„Doch,” sagte Abel.

Er entschied das auf eigene Faust. Die Entscheidung lag immer bei
ihm selbst -- entweder hatte er nun diesen Zug von seinem Vater, von
Oliver, oder er hatte ihn sich selbst zugelegt, weil er doch während
der ganzen Zeit des Heranwachsens alles allein hatte entscheiden müssen.

Eine ganze Woche lang blieb er beim Schmied.

„Wo bist du denn jetzt im Augenblick?” fragte der Vater.

„Beim Schmied. Ich bekomme dort Kost und eine Krone am Tag.”

„Du Abel, du Abel!” sagte der Vater, und es war nicht ausgeschlossen,
daß sich etwas Stolz in dem Herzen des Krüppels regte. „Willst du ganz
beim Schmied bleiben?”

„Ganz? Nein. Nur während er die viele Arbeit hat.”

Aber Schmied Carlsen hatte wochenlang viel Arbeit, ja monatelang, und
er hatte soviel zu schmieden und instand zu setzen und aufzuarbeiten,
Abel mußte dableiben. Nicht daß er richtig in die Lehre da gegangen
wäre und das Meer vergessen hätte, o nein, aber er hatte es gut beim
Schmied und verdiente sich ordentlich etwas für Essen und Kleider; er
brauchte beides notwendig.

Zwischen dem Schmied und dem Schmiedejungen herrschte ein
freundschaftliches Verhältnis, bisweilen setzten sie sich mitten in der
Arbeit zusammen und rauchten eine Pfeife, indem der Schmied behauptete,
er fühle sich elend und könne nicht mehr so hart schaffen. Im ganzen
genommen hatte Abel den Eindruck, daß es mit der Arbeit, die jetzt
noch übrig war, nicht so sehr eilte; allerdings kamen ab und zu neue
Aufträge dazu, aber nicht mehr, als der Meister hätte allein bewältigen
können. Eines Abends sagte Abel, ob er denn wiederkommen solle? Der
Schmied meinte, er höre nicht recht, es habe ja noch nie so geeilt mit
der Arbeit wie am morgigen Tage.

Der Meister war Witwer mit erwachsenen und verheirateten Kindern,
er war der Bruder des Polizei-Carlsen, ein Mann, der unverdrossen
arbeitete und von Tag zu Tag sein Tagewerk leistete, nach mehr
trachtete er nicht, so hatte er seine kleine Schmiede seit anderthalb
Menschenaltern betrieben. Er hatte eine verwitwete Tochter bei sich,
die ihm das Hauswesen besorgte. Bisweilen erzählte er von seinen
Erlebnissen, lauter Kleinigkeiten, alltägliche Ereignisse; aber da er
seine Schmiede niemals verlassen hatte, bekam jede Kleinigkeit eine
übertriebene Bedeutung für ihn. Warum er es nicht ins Große getrieben
hatte mit Gesellen und Lehrjungen? Er hatte sich keine Mühe darum
gegeben, hatte nicht die Mittel dazu gehabt, nicht das Haus dazu,
nicht einmal die Schmiede dazu. Die große Kinderschar hatte ihn auch
allmählich daran gehindert, es ins Große zu treiben.

„Denk dir, fünf Mädchen,” sagt er, „fünf Stück nur Mädchen, und
außerdem noch zwei Jungen!” Dann war ja noch ein Schmied draußen auf
dem Lande, grad am Weg nach der Stadt, der tat alle Bauernarbeit,
Hufeisen, Pflüge und Sensen. Carlsen war der Stadtschmied, er
schmiedete kleine häusliche Sachen für die Familien und bisweilen --
wie jetzt, wo er sich Abel zur Hilfe genommen hatte -- auch größere
Sachen für die Schiffe.

„O ja, wonach soll der Mensch trachten?” sagt Carlsen. „Ich hab' mich
die ganze Zeit durchgeschlagen, mit dem da!” fügt er lächelnd hinzu und
deutet auf den Hammer. „Mehr brauch' ich nicht, und mehr bin ich auch
nicht wert. Über kurz oder lang muß ich sterben, genau wie mein Vater
gestorben ist und wie meine Kinder sterben werden. Dann muß ich ja doch
alles verlassen und wenn ich auch noch so viel hätte. Adolf ist auf
der See, er ist in England verheiratet, er verdient nur gerade genug
für seine Familie und hat nichts übrig, um nach Hause zu schicken, ich
schreib' ihm jedesmal, ich könnt' ihm eher etwas schicken, wenn er
in Not sei. Dann fährt und fährt er auf der See, und über kurz oder
lang muß auch er sterben. Ja ja, kleiner Abel, den Weg müssen wir alle
gehen. Siehst du, Adolf war der jüngste, es ist achtzehn Jahre her,
seit er mit dem Schiff fortfuhr, und seither ist er nicht mehr daheim
gewesen. Achtzehn Jahre sind eine lange Zeit, das ist vor deiner Zeit
gewesen, er hat sogar seine Schiffskiste von deinem Vater gekauft. Er
fährt und fährt auf dem Meere, und zum Schluß muß man sich hinlegen! Es
ist sonderbar, wenn ich daran denke, er war so klein, als er hier in
der Schmiede bei uns herumkrabbelte, es ist mir gar nicht, als sei es
so lange her.”

Die Stimme des Schmieds versagt ein wenig, dann steht er auf, geht an
die Bank am Fenster und starrt durch die undurchsichtigen Scheiben
hinaus.

„Hm!” räuspert er sich und rafft sich zusammen. „Eigentlich sollte
ich die Scheiben einmal abwaschen,” scherzt er. „Oder was meinst du,
Abel? Es ist wohl vierzig Jahre her, seit sie das Tageslicht nicht mehr
gesehen haben.”

Er lacht und setzt sich wieder zu Abel. „Ja, ja, ja, wahrhaftig. Und
mein ältester Junge tat allerlei Arbeit ringsum im Lande. Er wollte
nichts Festes betreiben, sondern von einem Ort zum andern wandern;
auch das kann vielleicht ganz gut sein, aber ich weiß doch nicht. Er
ist nie daheim, nein, er ist recht eigen, er hat sich in den Kopf
gesetzt, er wolle nicht heimkommen, ehe er so viel Geld habe, um das
Haus auszubauen, damit wir in die Höhe kämen; der Junge ist da draußen
in der Fremde wohl immer noch verdrehter geworden. In die Höhe -- meint
er etwa, wir sollen fliegen? Ich möchte nur, ich könnte einmal nur eine
Stunde lang mit ihm reden. Aber seine Schwester, sie, die bei mir ist,
kommt ab und zu mit ihm zusammen, sie sind sehr gute Freunde, er spielt
ihr auf der Mundharmonika vor. Als kleiner Bursche war er ein Meister
auf der Mundharmonika, und jetzt soll er sogar noch besser spielen. Ist
es nicht sonderbar, wenn ich so an uns alle denke! Erst kürzlich ist er
mit seiner Schwester zusammen gewesen und hat ihr auf der Mundharmonika
vorgespielt; aber er war so bärtig, daß sie ihn fast nicht erkannt
hat, und er hatte auch schon einige graue Haare. Aber nein, er wollte
nicht heimkommen; ehe er ein Geldmann geworden sei, würden wir ihn
nicht zu sehen bekommen! Das ist doch eine Art Wahnsinn. Und dann kam
er doch eines Tages in die Schmiede herein, schlug mit dem Hammer und
trug Eisenstücke herbei und schwatzte mit sich selbst. Es ist noch
nicht lange her, ich glaube erst einige Jahre. Und wo immer du ihn auf
der Straße sahst, zog er seine Mundharmonika heraus und spielte ein
wenig. Und seine Mutter steckte ihm ja, so lange sie lebte, oft eine
besondere Portion Essen zu, weil er so in die Höhe schoß, und wenn er
ein neues Kleidungsstück bekam, dann streckte er uns sein Händchen hin
und bedankte sich. Hm!”

Der Schmied springt auf und macht sich zu schaffen: „Nein, das geht
nicht an! Bist du bereit, Abel? Hehe, ja wir sind tüchtige Gesellen!
So, nun zieh den Blasbalgen!”

Er scherzt und tut ganz lustig, aber er ist wohl eher alles andere,
alt und müde, rührselig, verbraucht. Er hatte keine Kräfte mehr; Abel,
der junge Kerl, konnte das doppelte Gewicht heben und den ganzen Tag
aushalten. Was dem Alten half, war sein Handgeschick, die Übung, die
Arbeit ging ihm leicht von der Hand; aber oft starrte er mit seinen
matten Augen auf ein schweres Stück und scheute sich, es in Angriff zu
nehmen.

O nein, er war sicher nicht lustig. Er hatte auch nicht die große
Freude an seinen Kindern, nicht an allen. Über eine seiner Töchter war
einstens viel geredet worden, jetzt war sie mit dem Kaspar verheiratet,
der wegen ihrer „Weitschweifigkeit” den Dienst als Matrose aufgeben
und auf der Werft Arbeit nehmen mußte. Jetzt war die Frau und das
Gerede über sie verstummt, aber vor vielen Jahren, während der Mann
draußen war, verließ sie ihr Haus und fuhr auch auf der See, fuhr frech
dahin, fuhr lustig fort. O, sie war eine leichte Haut -- der Mann und
vielleicht noch mehr der Vater wurden damals allgemein bemitleidet.

Und doch -- der Schmied Carlsen ist weit davon entfernt, ein trostloses
Leben zu führen, er ist zufrieden mit seinem Los. Am Abend dankt
er Gott für den vergangenen Tag, er ist verwundert, daß er so gut
vorübergegangen und nichts Schlimmes geschehen ist. Wie leicht
hätte ein Unglück passieren können! Nachher spaßt er wohl behaglich
und schnurrig mit seiner Tochter: „Ja, wir zwei Männer haben heute
wahrhaftig außerordentlich viel geleistet, aber was hast du getan? Ich
seh' nichts davon, daß du dich hier gerührt hättest, die Stühle stehen
noch ebenso heil, wie vorher.”

Sie lachen beide, und die Tochter sagt: „Aber ich hab' leider heute
zwei Teller zerbrochen.”

„Ist das etwas?” sagt der Vater. „Wär' ich's gewesen, na, da hätt' ich
ein Dutzend zusammengeschlagen.”

Wenn sie nun in so guter Laune sind, wagt es Abel aufs neue, zu fragen,
ob er wohl morgen wegbleiben könne, ob er überhaupt noch zu kommen
brauche? Aber da wird der alte Schmied ernst; er sieht den Jungen an
und meint fast, das sei das Schlimmste, was er je von ihm gehört habe:
ob er solche Eile habe, mitten in der strengsten Arbeit fortzugehen,
und wohin er denn wolle?

Abel wollte sich verheuern.

Verheuern? Jetzt, so spät im Sommer, wo es dem Winter zugehe? Im
Frühjahr sei die beste Zeit. Ob er nicht wenigstens noch einen Monat
bleiben könne? Denn jetzt hätten sie ja die vielen großen Arbeiten;
sie müßten Hauen und Minenbohrer für den Stadtingenieur machen, für
Konsul Heiberg zwei Türschlösser instand setzen, für Henriksens auf
der Werft eine neue Stahlfeder in den Kinderwagen einsetzen, für die
Buttermaschine in Konsul Johnsens Landhaus eine neue Achse drehen,
und für den Maler, der die Kirche malen sollte, alle möglichen Kloben
schmieden. Das sei für lange Zeit die Arbeit von vielen Gesellen.

Abel blieb.

O, aber die See, es fehlte nur noch, daß er sie vergaß! Sein Kamerad
Eduard, der nach den letzten Nachrichten in Südamerika war, der war nun
schon zwei Jahre auf der See, und hier war Abel noch auf dem Festlande
und stand in einer Schmiede! Nein, danke! Allerdings, ganz ohne Reiz
war es nicht; er wurde tüchtig und ordentlich rußig dabei, die Leute
konnten sehen, was er leistete, und es gab ihm ein gewisses Ansehen bei
den andern Jungen von seinem Alter, wenn er mit klirrenden Eisenstangen
auf der Schulter wie ein Erwachsener durch die Straßen schritt. Und
mußten nicht die kleinen Jungen sich vor seinen Eisenstangen in acht
nehmen und auf die Seite treten, um nicht aufgespießt zu werden?

Es war also gar nicht so schlimm. Dazu kam, daß Abel zu regelmäßigen
Zeiten nahrhaftes Essen bekam, er schlief regelmäßig, er wuchs fest
in einer besseren Lebensweise. War es nicht auch äußerst behaglich
in diesem Handwerkerheim, wo alles an seinem Platz war, der Fußboden
sauber, blühende Fuchsien am Fenster! Am Sonntag zog der Schmied einen
guten Anzug an und wanderte langsam in der Stadt und in Feld und
Wald umher. In die Kirche pflegte er nicht zu gehen, aber er war ein
redlicher, frommer Mann mit tausend Sünden, die er bereute, und tausend
Wohltaten Gottes, über die er sich freute. Alles war unverdient gut.

Eines Sonntags trifft ihn Abel auf der Straße. „Komm ein Stück mit!”
sagt der Meister. „Wohin willst du?”

O, Abel wollte nirgends hin, er trieb sich nur herum, er war einsam,
Klein-Lydia war ihm ganz aus dem Gesicht gekommen. Na, Glück auf die
Reise! Und jetzt hätte sie es so gut haben können, er wendete den Kopf
nicht mehr nach ihr um! Ihr Bruder Eduard war einmal sein guter Freund
gewesen, aber nun war wohl auch er hochmütig geworden, er schrieb
niemals ein Wort an Abel, und jetzt war er in Südamerika. Aber wo
sollte Abel dann an einem Sonntag hingehen? Daheim konnte er jedenfalls
nicht sitzen bleiben, sauber gewaschen, in seinem neuen Anzug und
mit einem blanken Messer in glänzender Scheide, das er sich gekauft
hatte; sein Bruder Frank war auf der höheren Schule und nie daheim,
und Oliver, sein Vater, war zwischen die Scheren hinausgerudert, was
er ohne Ausnahme an allen Sonntagen tat; er ließ nicht davon ab, auf
Abenteuer auszugehen. Nein, Abel wollte nirgends hin. Aber er kannte im
Ödland einen guten Platz, wo es Kreuzottern gab, und nun war er wohl
auf dem Wege dahin, um einige zu erlegen. Älter war er nicht, ein Junge
war er noch immer.

Oder hatte er auf den Schmied gewartet? Es müßte denn sein, damit ihn
gewisse Leute in geachteter Gesellschaft sehen sollten. Wenn sie am
Stubenfenster saß, und er ging mit dem Meister vorbei, so schadete das
gar nichts. Aber sie konnte es dabei genau so halten, wie sie selbst
wollte -- wie heißt sie nur gleich? Klein-Lydia -- na, jedenfalls ging
er ganz wie ein Schmiedsgeselle und unentbehrlich für Carlsen vorüber
...

Als sie Fischer Jörgens Haus hinter sich haben, merkt der Schmied
allmählich, daß er ganz allein spricht und Abel ihm nicht antwortet.
Der Schmied hatte zwar nicht mit einem blitzschnellen Seitenblick nach
einem gewissen Fenster etwas entdeckt und dadurch heftiges Herzklopfen
bekommen, aber er fühlt, daß er für Abel ein zu alter Gefährte ist.
Lächelnd sagt er: „Ja, jetzt danke ich dir für die Begleitung, Abel,
ich muß diesen Weg hier einschlagen.”

Abel geht nach den Kreuzottern. Auf einem steinigen Abhang pflegten
viele zu sein; sie lagen da auf dem Geröll und sonnten sich in aller
Behaglichkeit, Abel und andere Jungen hatten im Lauf der Jahre gar oft
Jagd auf sie gemacht. Mit dieser Jagd war Gefahr und Ehre verbunden; in
den Schultagen stand man in großem Ansehen dafür.

Als er in die Nähe des Abhangs kommt, hört er lautes Rufen und Geschrei
von anderen Jungen, die schon vor ihm dort sind; da geht er nicht
weiter. Nein, denn das sind natürlich noch Kinder, achtjährige,
und die sind so dumm. Verständige Leute schreien nicht auf der
Kreuzotterjagd, sondern halten den Atem an und treten so sachte auf wie
auf Rosenblätter.

Was jetzt? Jenseits des Hügels weiß er einen Platz, wo ein gutes Echo
ist, dorthin lenkt er seine Schritte; ein Junge ist er eben doch noch.

Hier ist es still und abgelegen und keine Menschenseele weit und
breit. Er ruft -- ja, das Echo ist da. Aber eigentlich ist er mit viel
wichtigeren Dingen beschäftigt, als ein Echo zu probieren, er wirft
sich ins Heidekraut und lebt in Gedanken den Vorgang bei einem gewissen
Fenster noch einmal durch. Na, was hatte er im großen und ganzen mit
diesem Einfall erreicht? Das Messer mit der neusilbernen Scheide hing
auf der richtigen Seite und glänzte sehr schön, aber hatte sie es auch
gesehen? Und außerdem hätte die Gestalt hinter den Scheiben gut eine
von ihren Schwestern und nicht sie selbst sein können. Nichts war
entschieden.

Abel bleibt lange liegen und erlebt das Vorkommnis wieder und wieder;
er überlegt alle Möglichkeiten, bisweilen droht sein Herz auszusetzen,
so heftig klopft es vor lauter Glück, bald kriecht er zusammen vor
Entzücken, bisweilen ist er hoffnungslos, und dann richtet er sich
trotzig auf mit einem lauten: „Na, Glück auf die Reise!”

„Reise!” äfft das Echo nach.

Er ruft: „Jawohl, Glück auf die Reise!”

„Auf die Reise!” erwidert das Echo.

Er ruft deutlicher und lauter, er buchstabiert es dem Echo vor und
bringt es dazu, jedes einzelne Wort zu sagen. Das beschäftigt ihn eine
Weile; aber ins Endlose kann er sich ja nicht mit diesem Papagei in
den Bergen unterhalten, dagegen versinkt er in Gedanken über das Echo
selbst, dieser Sprache ohne Mund, diesem Laut ohne Stimmwerk, dieser
Bauchrednerei aus einem Scheinbauch, der sich vielleicht jenseits der
Grenzen des Lebens befindet. Abel hat sich daran gewöhnt, das, was ihm
selbst begegnet, sowie auch das, was ihm auf seinem Wege begegnet,
einer notdürftigen Untersuchung zu unterwerfen; niemand hat es ihn
gelehrt, niemand seine Überlegung dazu entwickelt, nur er selbst.
O, er verbrachte wahrlich manche behagliche Stunde in seiner eigenen
Gesellschaft! Früher wandte er sich wohl an seinen Vater und fragte
ihn nach den erstaunlichsten Dingen, und Oliver war nicht der Mann,
der einer Untersuchung solcher Fragen aus dem Wege ging, denn er war
ja weit in der Welt herumgekommen. Aber in der letzten Zeit, und
besonders, seit seine unglückliche Neigung zu Klein-Lydia übermächtig
in Abel geworden war, suchte er lieber die Einsamkeit auf und schlug
sich mit den Fragen allein herum. Der Schmied Carlsen hatte auch auf
ihn eingewirkt, des alten Mannes weise Einfalt und Milde tat ihm gut,
und seine Fröhlichkeit ermunterte ihn.

„Bumm!” ruft Abel wie ein Schuß.

„Bumm!” antwortet das Echo.

Eine ganz kurze, dröhnende Antwort, es klang wie ein ferner Knall.
Es ist merkwürdig, Abel plagt sich ordentlich mit der Aufgabe, ja,
sie dreht sich tüchtig mit ihm im Kreise herum; das soll der Kuckuck
verstehen! Abel ist von Rätseln und unbegreiflichen Vorgängen umgeben;
da ist er ausgegangen, Kreuzottern aufzuspüren, und ganz richtig,
dann hört er zum Beispiel ein Echo. Auch dieses Zurücktönen ist
unbegreiflich und geheimnisvoll, auch darüber könnte er bis zum Abend
nachgrübeln. O, er kann grübeln! Das ist nicht eine Art Eßlust oder ein
Negersport oder ein Versuch, Geld zu verdienen, Gott bewahre! Aber was
es nun auch sein mag, Klein-Lydia versteht jedenfalls nichts davon,
sie sitzt jetzt wohl daheim und schaut durchs Fenster hinaus, aber sie
sollte nur wissen, wie dumm sie ist! Er sieht große Ebenen mit Vieh
darauf, sieht Berge, Wälder, Meere, Unendlichkeiten, Jahrhunderte. --

Hat er geschlafen?

Er richtet sich auf, räuspert sich, gähnt, schlägt mit den Armen um
sich und reckt sich. In demselben Augenblick hängt etwas baumelnd zu
seinem Jackenärmel heraus, ein dunkles Tauende mit einem aufgesperrten
Maul, ein langes Tier, das sich blitzschnell ins Heidekraut
hineinschlängelt. Ho -- hier schreit man nicht und rafft die Kleider
zusammen vor Mäusen, man ist in einer Sekunde auf den Beinen und hinter
dem Ausreißer her, findet ihn, tritt ihn nieder, zerschmettert ihm den
Kopf. Getan!

O, aber wer hat es gesehen? Der Himmel und die Erde, niemand. Die Tat
ist umsonst getan.

Er hebt das Tier am Schwanz auf und nimmt es mit, er will es unterwegs
einem Ameisenhaufen zum Geschenk machen. Es ist ein prachtvolles
Exemplar, gestreift, auf dem Rücken gekreuzt, eine Schönheit, o, so
ekelhaft! Er findet keinen Ameisenhaufen, und so schleift er das tote
Biest weiter mit, es begegnen ihm auch keine Menschen, nicht einmal ein
Kind.

Allmählich wird es Abel langweilig, es ist doch weit bis ins Städtchen.
Plötzlich fühlt er einen Stich in der Hand, in der rechten Hand, die
die Schlange trägt, und als er nachsieht, ist die Hand dunkel und
geschwollen, er ist also vorhin doch gebissen worden. Und da war man
wieder kein Jüngferchen, das aufschreit und in Tränen ausbricht;
obgleich kein Mensch zusieht, führt man sich doch wie der Mann von
Eisen auf, der man ist. Abel läßt die tote Schlange los, sucht nach der
Wunde und fängt an sie auszusaugen. Er kann das, er hat es früher auch
schon getan. Merkwürdig, daß er den Schlangenbiß selbst nicht gefühlt
hat, jetzt hat er das Gift schon mehrere Minuten im Körper, und da wird
es immer schwieriger, es durch Aussaugen allein herauszuholen. Als er
weitergeht, nimmt er die tote Schlange mit.

Die Stiche in seiner Hand verstärken sich, na, dies ist jedenfalls
ein Sonntag ohne Einförmigkeit. Ab und zu betrachtet er seine Hand,
die nicht weißer werden will, betrachtet die Wunde -- ein lächerlich
kleiner Biß, kaum der Mühe wert. Aber allmählich, während er so
dahinwandert und die Hand nicht besser wird, sieht er sie ungeduldig
noch einmal an, gründlich, wie um zu untersuchen, ob es wirklich eine
Wunde ist, und zwar seine Wunde. O ja, ein Irrtum ist ausgeschlossen,
und es ist ihm nicht unwillkommen, daß eine kleine Strecke vor ihm ein
Mensch sichtbar wird. Abel saugt im Weitergehen an der Wunde.

Er legt die Hand mit der Schlange auf den Rücken, um den Menschen nicht
zu erschrecken. Der Schmied Carlsen sitzt da am Rain. Hierher ist er
also gegangen, da sitzt er einsam auf einem Stein, die Hände um seine
erloschene Pfeife gefaltet.

„Bist du wieder da, Abel?” sagt er. „Ich sitze hier ganz müßig,
betrachte die Berge und Täler und muß mich verwundern, baß verwundern.
Siehst du den Berggipfel dort, die Felsenkuppe? Hehe, ein gewaltiger
Kerl, sieh nur alle die Steine, mit denen er sich behängt hat! O wie
schön ist die Welt! Willst du nach Hause gehen?”

„Ja, nach Hause,” sagt Abel und nickt. Aber da habe er ja die Schlange,
und er sei auch ein wenig gebissen worden --

Der Schmied springt auf, alt, verwirrt, zitternd.

„Neinneinnein --”

„O, es ist nicht gefährlich,” erklärt Abel.

Aber wie dieses Mitgefühl wohltut, älter ist man nicht, wenn man noch
ein Junge ist; diese Verwirrung und dieses Entsetzen bei einem andern
Menschen zum Vorteil für einen selbst ist geradezu köstlich, das Herz
schwillt einem dabei, und man lacht, um sich als Mann zu zeigen, man
sagt, ach was, es sei doch gar nichts, der Meister solle nur so gut
sein und ihm das Handgelenk zuschnüren, etwas weiter oben, so, ja --

Sie gehen heimwärts. „Ich hab' noch keinen so kaltblütigen, standhaften
Menschen gesehen wie dich,” sagte der Schmied. „Und tut es nicht weh?”

„Nein, keine Spur, nur ganz wenig.”

Abel macht einen Umweg, um einen Ameisenhaufen zu suchen, den er von
seinen Streifereien her kennt; der Schmied schüttelt zwar den Kopf,
geht aber mit. Von dem Ameisenhaufen begleitet er ihn nach Hause, der
Alte ist wahrlich etwas stolz auf den Jungen, er zeigt ihn dem und
jenem, der ihnen begegnet, und erregt großes Entsetzen.

Sie gelangen in die Stadt, und der Fischer Jörgen steht unter seiner
Tür. „Da, sieh mal dem Jungen seine Hand!” sagt der Schmied eifrig.
Aber Abel, von all der Ehre stolz geworden, hält vor dieser Tür nicht
an, gerade vor dieser Tür nicht, er lächelt nur und geht vorbei. Und
der Schmied ruft ihm nach, ihn zur Eile antreibend: „Ja, geh nur rasch!
Und geradeswegs zum Doktor! Sofort!”

Abel ist eigentlich in kalten Schweiß gebadet und fühlt sich sehr
elend, aber er ist überglücklich. Seht, nun bleiben die Menschen
beieinander stehen und erzählen sich von ihm; gewisse Leute sollen nur
erfahren, wie sich ein Mann von Eisen bei einem Schlangenbiß benimmt!

„Hab' ich nicht deinem Vater durch dich eine Aufforderung,
hierherzukommen, geschickt?” fragt der Doktor.

„Ich weiß nicht.”

„Sag ihm, er soll sofort kommen! Sonst wird er geholt. Sag ihm das! Laß
mich deine Hand sehen! Pfui, wie sieht sie aus!”

Der Doktor versteht sich auf seine Kunst; jeden Sommer hat er
Kreuzotternbisse zu heilen, und noch nie ist jemand daran gestorben.
„Aber dies ist ein besonders schlimmer Fall,” sagt er jedesmal; das
macht den Kranken sehr stolz, er kann jedermann erzählen, daß er am
Rande des Grabes gewesen sei. Hier jedoch sagt der Doktor mehrere Male,
es sei ein sehr gefährlicher Fall.



17


Nein, Oliver ist nicht der Mann, der gleich läuft, wenn ein Doktor
ruft, er ist eine wichtigere Persönlichkeit. Seine Stellung als
Lagerhausvorsteher stellt ihn in die Klasse der besseren Leute, auf die
gleiche Stufe mit den Ladenangestellten von Johnsens am Landungsplatz,
ja, mit dem Geschäftsführer Berntsen. Und Oliver ist sogar noch eine
Spur vornehmer, er läuft nicht für die Kunden auf den Bodenraum und in
den Keller, sondern er ist ortfest, und das ist gerade eine passende
Stellung für einen Mann wie Oliver.

Er hat sein richtiges Fach gefunden, o, es ist ausgezeichnet, so einem
Lagerhaus vorzustehen, beim Kommen und Gehen von den Leuten gegrüßt
zu werden, Kost und Kleidung zu verdienen, Zeit zu haben, sich im
Spiegel zu beschauen und hübsch auszusehen. Daneben kann er seine
persönlichen Liebhabereien pflegen, Sonntags fährt er regelmäßig
zwischen die Scheren hinaus, er schaut sich um und träumt und sehnt
sich, Gott mag wissen, wonach, vielleicht nach einem besseren Leben,
einem neuen Jerusalem, und er kehrt von diesen Ausflügen mit dem und
jenem heim, was er gefunden hat: einen Relingbalken, einige unerlaubte
Möweneier oder das kostbarste und unerlaubteste von allem, eine Hand
voll Eiderdaunen. Nie ist er dabei ergriffen worden, niemand kleidet
einen Krüppel bis auf die Haut aus, um eine Tüte Eiderdaunen auf seinem
bloßen Körper zu suchen. Und Oliver hat nun im Laufe der Jahre wahrlich
viel Eiderdaunen gesammelt, die Frage ist nur, wie er sie absetzen
soll. Aber selbst wenn er sie nie in Geld umsetzen kann, will er doch
weiter sammeln, diese Art Ware kann er nicht sehen, ohne sie besitzen
zu wollen.

Daheim geht es auch besser, die Jahre müssen seine Frau zahmer gemacht
haben, sie hat mehr Geschmack am häuslichen Leben und Kaffeetrinken
bekommen, und den Kaffee können sie ja verhältnismäßig billig haben;
jetzt braucht Oliver nicht mehr so oft mit dem Fischmesser im Ärmel
hinter ihr herzuschleichen. Sie war zwar noch oft unverträglich,
jawohl, das war sie, sie schnaubte noch oft höhnisch mit den
leichtbeweglichen Nasenflügeln und witterte gleichsam in der Luft.
Petra hatte es nie gut genug und hatte auch nie genug, sie war ein
unglückliches Geschöpf, ungenügsam von Geburt an, habgierig von Geburt,
im Unterschied von Oliver, der sich an dem weniger Guten genügen
ließ, ja, sich sogar an ihr genügen ließ. Darüber konnte kein Zweifel
herrschen, Petra war in ihrer Art ein Teufelsweib. O, aber solange
sie nicht ausschweifend war -- und sie war ja nie ausschweifend, sie
übertrieb es nicht, die Unbeteiligten mochten sie anstarren, sie hatte
nur einmal ein blauäugiges Kind bekommen. Alles in allem konnte Oliver
zufrieden sein, sie war jeden Tag für ihn da, er wärmte sich bei ihr,
aß seine Mahlzeiten an ihrer Seite und lag in ihrem Bett, ihr Atem
ging im Schlaf über ihn hin. Seht, das war gar nicht so wenig! Und
jedenfalls war sie seine Frau und nicht die eines andern, so weit man
es wußte.

Ist sie nicht hübsch? Gewiß, gut gebaut, von anziehendem Wesen, von
üppiger Fülle, mit etwas Schwelgerischem -- sonst hätte er sie gar
nicht genommen, wohlgemerkt! Aber sie ist nicht gegen alle Winde
gefeit; wäre nur der Schreiner Mattis fort und aus dem Wege, dann hätte
Oliver ruhig sein können! Gegen alle Winde, sie? Petra, die sogar
dem Scheldrup Johnsen eine Ohrfeige geben konnte! Als ob sie jeden
einladen und sagen würde: „Komm, wir wollen ein wenig üppig sein und
lasterhaft und ausschweifend!” Nein, nein, keine Spur! Sie war eher wie
ein Altarbild; ach du lieber Gott, am Sonntag trug sie ein goldenes
Kreuz, das sie sich erhandelt hatte, an einem Samtband um den Hals. Und
niemand wäre etwas so Unsinniges eingefallen, daß sie leichten Kaufes
zu haben wäre. O keine Spur!

Petra war in ihrer Art die richtige Frau für ihn, Oliver, sehr oft
wünschte er sich gar keine andere. Die braunäugigen Kinder? Allerdings,
dieses Mädelchen war ihm ein Strich durch die Rechnung, und mehrere
Monate lang hielt es seinen Verdacht in heller Lohe; aber weichlich
und weibisch, wie er geworden war, konnte er dem Kinde nicht auf die
Dauer widerstehen, das tägliche Leben führte das Mädelchen zu oft in
seine nächste Nähe; wenn niemand anders anwesend war, mußte er es
wiegen. Und dann wurde sein Verdacht sozusagen geprellt: er hatte eine
Pferdenase in dem kleinen Gesichtchen erwartet, aber das Kind wuchs
heran und bekam eine außergewöhnlich hübsche Nase. Das mochte der
Kuckuck verstehen. In jener Zeit besprach Oliver die Sache mit dem und
jenem: daß er plötzlich der Vater eines blauäugigen Kindes geworden
sei, während die andern Kinder braune Augen hätten, wie denn das zu
verstehen sei? Er bekam ausweichende Antworten, der Fischer Jörgen
verwunderte sich überhaupt nicht darüber, o man könne sonderbarere
Sachen sehen, und im übrigen sei in der Natur vieles verborgen.

Oliver ist also den Umständen angemessen ein ganz glücklicher Vater.
Aus solchen Kindern wurde gewiß etwas. Es gab nicht viele, die es
besser hatten, und wenn er alt und von der Arbeit im Lagerhaus
abgearbeitet war, würden seine Kinder erwachsen sein und ihm helfen.
Von Abel erwartete er vielleicht nicht sehr viel, aber von Frank -- o,
Frank ging in die höheren Schulen und wurde gelehrt, und mit der Zeit
würde er eine hohe Stelle bekommen. Er war jetzt schon Student und
studierte immer weiter.

Und schließlich noch eins: es war gar nicht so ohne, daß Johnsen am
Landungsplatz Doppelkonsul war, Oliver rechnete sich das zur Ehre. Es
hieß, Grütze-Olsen wolle jetzt auch einen Lagerhausvorsteher halten,
nur um groß zu tun, und Martin auf dem Hügel, der alte Fischer, lauere
auf die Stellung. O, bitte, nimm sie nur, auch Grütze-Olsen ist Konsul
und ein reicher Mann, vielleicht hat man es bei ihm auch gut. Aber ist
er zweimal Konsul? Hehe! Martin auf dem Hügel, du erreichst gerade die
Hälfte, aber bitte!

So vergehen die Tage, und so vergehen die Jahre, und Oliver lebt so gut
er kann und wandert auf seinem Wege dahin, wie wenn er gar nicht ein
Krüppel mit nur einem Bein wäre. Nun hat er achtzehn Jahre lang den
Menschen gespielt so gut wie irgend sonst jemand, ja besser als sonst
irgendeiner.

An einem Samstagabend bürstet Oliver seinen Rock und seine Schuhe und
macht sich zum Heimgehen bereit. In der letzten Zeit zeigt er eine
wahrhaft rätselhafte Vorsichtigkeit. Warum er das nur tut? Er guckt auf
die Straße hinaus, und da er den Doktor erblickt, zieht er sich zurück
und wartet. Warum meidet er den Doktor, während alle andern es für eine
Ehre halten, wenn sie auf der Straße von ihm angehalten werden?

Der Doktor geht mit dem Postmeister, dem er sonst immer eilig
ausweicht, hin und her, sie gehen bis zu Davidsens Kramladen und wieder
zurück, mehrere Male, Oliver ist eingesperrt. Lauert der Doktor dem
Krüppel geradezu auf? Denn er kann ihn doch wohl nicht persönlich in
einem Lagerhaus aufsuchen. Oliver hört Bruchstücke von des Postmeisters
Worten, versteht aber keine Silbe; der Doktor versteht wohl alles, aber
er scheint nicht aufmerksam zuzuhören, nein, er scheint viel eher den
Postmeister als Vorwand zu gebrauchen, um hier lauern zu können. Das
ist nicht fein.

Oliver ist also das Merkwürdige begegnet, daß der Doktor zweimal
nach ihm geschickt hat, und er versteht vielleicht nicht, was es
bedeuten soll. Oder wie? Oliver hat die Neugier und Verschlagenheit
eines Frauenzimmers, und er fragt sich, ob diese Aufforderung wohl
irgendwie in Verbindung mit Konsul Johnsen stehen könne? Er hat es sich
überlegt, in aller Untertänigkeit ein Wort darüber beim Konsul fallen
zu lassen: er sei ein geringer, ungelehrter Mann, der Doktor habe ihn
aufgefordert, zu ihm zu kommen, was das denn zu bedeuten habe?

Der Konsul weist es sofort mit verwundertem Lachen zurück und sagt:
„Was weiß ich davon?” Aber plötzlich wird er nachdenklich und fragt:
„Hat er dich auffordern lassen?”

„Ja, zweimal.”

„So. Was will er von dir?”

„Ich weiß es nicht.”

„Kümmere dich nicht darum!”

Danach hat Oliver gehandelt und sich bis jetzt nicht darum gekümmert.

Aber nun geht der Doktor da draußen auf und ab und scheint ihm
aufzulauern.

Der Doktor unterhält sich gewiß nicht gut, er wirft nur ab und zu ein
Wort ein, hauptsächlich wenn ihnen jemand begegnet, wo er sich wichtig
machen will, da richtet er eine richtige Frage an den Postmeister. Wenn
Oliver etwas davon verstanden hätte, wäre folgendes Gespräch gewiß
nützlich für ihn gewesen.

„Ja, es war wegen der Nachkommenschaft. Sie haben nicht darauf
geantwortet.”

„Ich bin wohl nicht ganz verständlich gewesen,” sagt der Postmeister.
„Ist es nicht so, daß sich die Eltern, wenn ihre Kinder groß geworden
sind, weiter nicht mehr besonders um sie kümmern, sondern wieder mehr
um deren Kinder, die Enkel? Dies würde auf einen in den Menschen
niedergelegten Keim deuten, auf die endlose Fortsetzung.”

„Andererseits, ist es nicht ein wenig sorglos von diesem in den
Menschen niedergelegten Keim, unaufhörlich Kinder gebären zu lassen,
zum ärmlichsten Dasein, zu Schande und Untergang? Wenn sie wenigstens
alle in guten Heimstätten geboren würden!”

„Ich weiß nicht, ob die Frage so gestellt werden kann,” erwidert der
Postmeister. „Es kann ja sein, daß man zu dem Schicksal geboren wird,
das man sich in früheren Erdenleben verdient hat. Es gibt etwas, was
auch darauf hinweist: manche Kinder werden in den besten Häusern
erzogen und mißraten, andere Kinder kommen in verkommenen Heimstätten
zur Welt und werden prächtige Menschen, sie erziehen sich selbst. Auch
hier in der Stadt ist wohl kein Mangel an solchen Beispielen. Das Leben
ist eine Vermengung, ein einziger Wirrwarr von solchen Fällen, unsere
Logik reicht nicht hin, sie zu erklären.”

„Doch lassen wir die Logik walten, sonst wird ja alles leeres
Geschwätz, entschuldigen Sie! Jetzt eben haben Sie gesagt, daß Kinder
aus den besten Familien mißraten können. Ganz richtig. Und zugleich
sollen sie sich in früheren Erdenleben ihr Schicksal verdient haben.
Dann hätten sie sich doch hinaufgedient und verdient, in besseren
Familien geboren zu werden. So meinen Sie es doch wohl?”

„Warum nicht? Es ist ja nicht gesagt, daß eine gute Familie und
zeitliches Wohlergehen das beste, daß ein Leben ohne Qualen das beste
sei. Sehen wir nach der andern Seite; manche können durch Leiden
geradezu aufrecht erhalten und ernährt werden, sie können ihr Glück im
Leiden finden.”

Der Doktor konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken, es war schwer, hier
auf und ab zu gehen und höflich zu sein, seinem eigenen Besten gerade
entgegen. Er sah auf seine Uhr, drehte jäh wieder nach Davidsens Haus
um und machte ein paar rasende Schritte; aber der Postmeister ging mit.
Als sie wieder zurückkamen, hatte das Gespräch eine andere Wendung
genommen, der Postmeister hält jetzt eine soziale Rede.

„Natürlich ist es der arbeitende Mittelstand, der das Leben am
Aussterben verhindert, ich begreife nicht, wie da jemand widersprechen
kann. Es ist nicht nur die Masse, obgleich sie es ist, die sagt: wir
Arbeiter! O, die Masse, sie hat die Kunstgriffe gelernt, sie kann ihr
Radaublatt lesen und hat den Gedankeninhalt bekommen, den sie braucht.
Wir Arbeiter! Ist damit der Bauer, der Fischer gemeint? Nicht wahr,
damit ist niemand anders gemeint, als der Industriearbeiter? Er ist
der, der so laut schreit. Erinnern Sie sich, Herr Doktor, daß Sie und
ich eine Zeit erlebt haben, wo es keine Industriearbeiter bei uns
gegeben hat, wo aber jedes Haus seine Industrie hatte? Das Leben war
damals nicht so ausgefüllt, daß wir nicht noch Zeit hatten, den Sonntag
zu feiern, die Lebensweise war einfacher, die Zufriedenheit größer.
Dann bekam die Mechanik die Herrschaft, die Massenproduktion nahm ihren
Anfang, der Industriearbeiter erstand -- zum Vorteil und zur Freude von
wem? Für den Fabrikanten, für den Arbeitsherrn, für niemand anders. Er
wollte mehr Geld verdienen, er und sein Haus wollten größeren irdischen
Luxus genießen, er glaubte nicht, daß er sterben müsse --”

„Nein, hören Sie,” sagt der Doktor lächelnd, „setzte er nicht viele
Leute in Tätigkeit, schaffte er nicht Brot für hungernde Magen?”

„Brot? Sie meinen Geld zu Brot. Er verschaffte ihnen Fabrikarbeit --
aber der Boden des Landes liegt unbebaut da. Ja, das tat er. Er lockte
die Jugend von ihrem natürlichen Platz im Leben weg und nützte ihre
Kräfte zu seinem eigenen Vorteil aus. Das tat er. Er stiftete einen
vierten Stand in eine Welt hinein, die schon vorher zu viele Stände
hatte, eine ganze Klasse Industrieleute, die unnötigsten Arbeiter des
Lebens. Und dann sieht man, was für ein menschliches Zerrbild so ein
Industriearbeiter wird, wenn er die Kunstgriffe der oberen Klasse
gelernt hat: er verläßt das Boot, verläßt den Acker, verläßt Heimat,
Eltern, Geschwister, verläßt das Vieh, die Bäume, die Blumen, das
Meer, den hohen Gotteshimmel -- dafür bekommt er Tivoli, Vereinshaus,
Kneipen, Brot und Zirkus. Dieser guten Dinge wegen wählt er das
Proletarierleben. Und dann brüllt er: Wir Arbeiter!”

„Also keinerlei Industrie?”

„Wie? Gab es denn vorher keine Industrie?”

„Aber also keinerlei Fabrikbetrieb?”

„Was soll man darauf sagen? Wir können uns einige wenige Ausnahmen
denken.”

„Also doch!”

„Zum Beispiel die Fabrikation von Fensterglas.”

„Hahaha!”

„In heißen Gegenden ist diese Ware unnötig, aber in unserem Klima
brauchen wir sie. Das hab' ich gemeint.”

„O, dafür brauchen Sie sich nicht zu entschuldigen, daß wir Menschen
unter anderem auch Fensterglas brauchen.”

Der Postmeister war bisweilen recht hilflos, sehr wenig gewandt, er
kam dadurch öfters in die Klemme. Bei einer Gelegenheit gebrauchte
er die Redensart: „Die Letzten werden die Ersten sein!” Ein junger
Rechtsbeflissener, der beim Hardesvogt angestellt war, kam gerade
vorüber, und da fragte der Doktor eben boshaft, ja, wie wenn es ihm ein
Rätsel wäre: „Aber was in aller Welt sollen dann die Ersten werden?”
Der Postmeister antwortete wieder ganz treuherzig: „Die Ersten werden
die Letzten sein.”

„Hahaha!” lachte der Doktor wieder. „Ei, zum Henker! Aber sagen Sie
mir, Herr Postmeister, wie können Sie nur immer bei allem so glücklich
sein?”

Der Postmeister versteht jetzt wohl, daß er zum besten gehalten wird,
und er erwidert: „Ich bin es nicht immer und nicht bei allem.” Dann
schwieg er.

„Es muß Angewohnheit sein,” sagt der Doktor. „Sie können das Glück
nicht entbehren. Wir andern aber von dieser Welt, wir müssen ohne es
leben. Natürlich ist es eine Angewohnheit.”

Der Postmeister war schweigsam. Der Doktor mußte seine Zuflucht wieder
zu der Frage über die Nachkommenschaft nehmen, um ihn zum Sprechen zu
bringen. Und hier wollte der Postmeister nicht auf sich herumtreten
lassen, er machte unerwartet Halt. „Waren nicht Sie es, Herr Doktor,
der damals die Liebe nannte? Was verstehen Sie darunter? Sie hätten
Triebleben, tierische Funktion sagen sollen, sie hätten Liederlichkeit
sagen sollen, o, aber auch diese so klug, so vorbeugend, so kinderlos
wie nur möglich.”

„Ei du große Zeit!” rief der Doktor verwundert aus. Dann wurde er
wieder der überlegene Mann und zeigte keine Lust zum Disputieren. Er
sah auf seine Uhr. Plötzlich war der Postmeister nicht mehr für ihn da,
er rief nur ins Lagerhaus hinein: „Komm heraus, Oliver, ich will mit
dir reden!”

Als ob Oliver gleich käme, wenn ein Doktor rief! Er blieb in seinem
Versteck im Lagerhaus sitzen, bis der Doktor fort war, dann schloß er
ab und ging.

Aber er sollte diesem Zusammentreffen doch nicht entgehen; der
Doktor paßte ihn in der ersten Querstraße ab, griff sogar mit einem
Finger nach seinem Hut und sagte in ganz verändertem Tone: „Guten
Abend, Oliver, gut, daß ich dich treffe, kannst du mit mir in mein
Sprechzimmer kommen?”

Oliver ging mit; ob er nun seiner Neugier nachgab, oder ob er sich die
Sache vom Hals schaffen wollte?

„Hast du etwas dagegen, wenn ich deine Hüfte untersuche?” fragt der
Doktor.

„Wie --?”

„Es ist der Wissenschaft wegen. Du bist ein gutes Objekt. Zieh dich
aus!”

Oliver zögert.

„Es wird bald geschehen sein, fünf Minuten genügen, ja, zwei Minuten.
Ich will mir nur deine Hüfte ansehen. Tut sie dir nie weh?”

„Nein.”

„Nun laß mich einmal sehen!”

Nein, Oliver wollte nicht. Es sei Samstagabend, er müsse jetzt nach
Hause.

„Was ist das für ein Geschwätz, zwei Minuten!”

Oliver weigerte sich, o nein, so weit war er gegangen, weiter ging er
nicht. Der Doktor stand allerdings in hohem Ansehen in der Stadt, aber
die Geschichte mit dem schwedischen Matrosen hatte es nicht gerade
erhöht, im Gegenteil. Immerhin würde ihm wohl Oliver nachgegeben und
sich ausgekleidet haben; aber er schien sich davor zu fürchten, er
mußte einen besondern Grund haben, es nicht zu tun. Was hatte er nur?
Sein Gesicht trug jetzt den bösen, verschlagenen Ausdruck, er sah den
Doktor langsam an und sagte: „Nein, das tu' ich nicht.”

„Du bist ein Dummkopf,” sagt der Doktor. „Du hast auch keinen Bartwuchs
mehr, woher kommt denn das? Und du wirst fett und glatt wie ein
Frauenzimmer.”

„Mir fehlt nichts,” sagt Oliver.

„Gerade das wollte ich ja untersuchen. Du solltest nicht dabei
verlieren, ich wollte etwas ins reine bringen, den Unterleib, es ist in
einer einzigen Minute geschehen.”

„Nein, ich tu' es nicht.”

Der Doktor gab es noch nicht auf: „Wie bist du denn damals zu Schaden
gekommen?”

„Eine Trantonne kam auf mich zugestürzt.”

„Das versteh' ich nicht.”

„Sie zerschmetterte mir das Bein, das dann abgenommen werden mußte.”

„Laß mich sehen, wie hoch es abgenommen ist!”

Oliver deutete mit der Hand.

„Ich meine, du solltest die Hose ausziehen.”

„Nein,” erwidert Oliver zum drittenmal, „ich tu' es nicht.”

Der Doktor sagte -- und er legte einen tiefen, würdigen Sinn in seine
Worte: „Wie du willst. Ich dachte übrigens nur daran, dir zu helfen.”

Oliver wandert heimwärts; es ist spät geworden, und er hört die
Tanzmusik vom Tanzsaal her, es ist ja Samstagabend. Da fällt ihm ein,
er sei am Ende nicht gut genug angezogen, um an den Burschen und
Mädchen in ihren Staatskleidern vorüberzugehen, und er macht deshalb
einen Umweg. Welch ein Zufall -- da steht ja Petra und spricht mit
niemand anders als mit dem Schreiner Mattis. Die beiden sind sehr
eifrig, der Schreiner sieht sogar höchst leidenschaftlich aus; und
wieder spürt Oliver, wie ihm ein scharfer Stich durchs Herz fährt,
er knirscht mit den Zähnen, während er näher tritt. Nun erblickt
Mattis den herankommenden Oliver, da zieht er sich zurück und tritt
in seine Werkstatt. Er tut auch klug daran, sich zurückzuziehen, zu
verschwinden, denn in diesem Augenblick tritt Oliver zähneknirschend
auf ihn zu. Und Petra tut auch klug daran, auf ihren Mann zu
warten, hätte sie einen Augenblick daran gedacht, wie eine Hündin
zu entfliehen, dann hätte dieser Mann, ihr Ehemann, sie mit einer
Donnerstimme zurückgerufen.

Sie gehen nebeneinander. Oliver schweigt und knirscht mit den Zähnen.

Petra fühlt wohl, daß ein Gewitter im Anzug ist, sie ergreift die
Offensive und murmelt: „Hm! Ist das ein Zustand!”

„Ja,” sagt auch Oliver, „es ist ein Zustand.” Und jetzt dreht er die
Augen nach ihr hin.

„Bei Mattis, mein' ich. Du hast es wohl gehört?” fragt sie.

„Gehört? Was?” Er hat nichts gehört, ist nur von seinem Eigenen erfüllt
und erwidert: „Du, du sollst etwas zu hören bekommen!”

„Was brummst du denn da?” sagt sie unschuldig und sorglos. „Na, dann
hast du es also nicht gehört?”

Es muß etwas Besonderes sein, die Neugierde bekommt die Oberhand bei
ihm, die Stiche in seinem Herzen sind nicht mehr so heftig. „Was willst
du mir denn da weismachen?” fragt er.

Das ist nun Petras günstigster Augenblick, sich ein wenig kostbar zu
machen, sie tut sogar etwas gekränkt und sagt: „Ich will dir gewiß
nichts weismachen, ich werde schweigen.”

Oliver mußte einen ganz andern Ton anschlagen, bitten, ehe Petra
nachgab. O, aber die Neuigkeit ist doch zu gut, um nicht die erste zu
sein, die sie erzählt; Petra kann sie nicht länger für sich behalten.
„Es ist Maren,” sagt sie.

„Was ist mit ihr?”

„Maren Salt.”

„Ja, hörst du --”

„Ja, sie liegt zu Bett; sie hat ein Kind bekommen.”

Oliver wußte wohl nicht recht, wie er diese Neuigkeit aufnehmen sollte,
jedenfalls war er nun wieder um eine kräftige Auseinandersetzung mit
seiner Frau betrogen. Halb ärgerlich sagt er: „Dann hast du also
darüber mit ihm lange Reden gehalten?”

„Lange Reden gehalten? Er kam zu seiner Tür heraus und sagte es mir. Er
ist ganz verstört.”

„Das geschieht ihm gerade recht.”

„Ach, du glaubst doch wohl nicht, daß der Mattis der Vater sei?”

„Na, das weißt du wohl?”

Sie stritten sich darüber, bekamen ernstlich Streit. Wenn Mattis nicht
der Vater war, dann wußte Oliver noch weniger, wie er es aufnehmen
sollte. Aber jedenfalls war es Samstagabend und spät, Oliver war
hungrig und ungnädig, er wollte so rasch wie möglich heim. Als er
endlich zu essen bekommen und überdies viel bekommen hatte, lag das
Leben wieder heller vor ihm, er lachte und fragte Petra genauer über
Mattis aus, was er gesagt und wie er es aufgenommen habe.

Petra erzählte. Sie war sehr zufrieden, daß das Gewitter vorübergezogen
war, nun war auch sie wieder in guter Laune, o nein, das fehlte nicht,
sie machte Mattis nach und machte sich über ihn lustig: Mattis habe
sofort verlangt, daß Maren aus dem Hause solle, ehe sie sich legen
müsse, aber Maren habe eine spätere Zeit angegeben und ihn tüchtig
angelogen, o, es sei noch lange bis dahin. Dann hört er in der Nacht
plötzlich ein Kind schreien, Mattis fährt aus dem Bett und läuft nach
der Hebamme, läuft auch zum Doktor. Der Doktor sagt ungläubig: „Maren
Salt, ist sie nicht vierzig bis fünfzig Jahre alt? Das ist doch wohl
nicht möglich?” -- Mattis hatte geantwortet: „Glauben Sie vielleicht
dann, ich hätt' ein Kind bekommen?” -- „Bist du sicher, daß ein Kind da
ist?” fragt der Doktor. -- „Es schreit jedenfalls, es liegt drinnen.
Kommen Sie und sehen Sie selbst nach!”

Petra lacht, und Oliver lacht, und die Großmutter lacht, selbst die
beiden kleinen Mädel merken gut, wie lächerlich der Schreiner Mattis
sich benommen hat, und können nicht ernst bleiben.

„Ihr hättet den Mattis sehen sollen,” sagt Petra. „Da stand er, trat
von einem Fuß auf den andern und schnaubte mit der Nase, er war ganz
verzweifelt, weil er die alte Person nicht bei Zeit aus dem Hause
hinausgebracht hatte. ‚Es heißt, sie sei zwischen vierzig und fünfzig,
aber sie ist wenigstens sechzig,’ rief er, ‚und ist das menschlich?
Hingehen und mit den Nüstern wedeln genau wie mit Kaninchenohren, wenn
sie schon in einem Alter ist, wo man zu Asche wird.’”

Dann war Petra verschmitzt gewesen und hatte gesagt: „Ja, du wirst am
besten tun, wenn du sie nimmst, Mattis.” -- „Sie nehmen!” schrie er.
„Ich? Warum sollte ich sie denn nehmen? Beim Satan werde ich! Und wenn
je der Tag kommt, wo ich mich verändere, dann, das weißt du, ist es
sicher nicht mit so einer Dirne! Das ist todsicher.”

Das ganze Haus lachte.

Aber wie um wieder etwas Würde zu zeigen, faßt sich Oliver und sagt:
„Aber war nun all das etwas, um mit einem fremden Mannsbild zu
schwatzen und dazu mitten auf der Straße?”

Doch Petra ist jetzt sicher. „Nein, ich hätt' zu ihm hineingehen
können, aber das wollt' ich nicht.”

„Das hättest du nur probieren sollen!”

„Warum nicht? Er ist so gut und einfältig, es gibt keinen bessern
Menschen als Mattis. Das weiß ich gewiß, wer mit dem Mattis verheiratet
wäre, der könnte ein Kind nach dem andern ohne ihn bekommen; er würde
gar nichts davon verstehen.”

„Das würde dir gefallen ... Geht zu Bett, Kinder!” schreit Oliver
plötzlich die zwei kleinen Mädchen an, die sofort verschwinden. Selbst
die Großmutter verläßt die Stube. „Ja, das würde dir gefallen,”
wiederholt Oliver.

„Mir?” versetzt Petra. „Ist es der Mühe wert, mich zu nennen?”

„Du denkst wohl, du habest zu wenig Vergnügen, du darfst dich am Hafen
nicht weit genug herumtreiben?”

„Ich?” fragt Petra lachend. „Hehehe!” lacht sie. „Nein, ich hab' einen
Mann, der auf mich aufpaßt. Das weiß ich ganz gewiß.”

Oliver sieht sie mißtraurisch an, ob sie vielleicht ihren Spaß mit ihm
treibt, er setzt eine düstere Miene auf.

Aber Petra wickelt ihn um den Finger: „Übrigens,” sagt sie
einschmeichelnd, „übrigens solltest du menschlich sein und mich etwas
mehr dahin gehen lassen, wohin ich gerne wollte. Ja, das solltest du,
Oliver. Denn du weißt, ich tu' nichts Böses, ich seh' mich nur um, seh'
mich nur um, gucke in die Fenster und schlendere umher.”

„Es paßt sich nicht für eine verheiratete Frau, die zu den besseren
Leuten gehören sollte,” erwiderte Oliver. „Wo wolltest du denn
hingehen, auf den Tanzboden? Das will ich gern glauben.”

„Und wenn ich auf den Tanzboden ginge? Wenn ich nur einen Augenblick
zusehen würde?”

„Ja, und wenn du die kleinen Mädel mitnähmst,” spottete Oliver. „Aber
so lange ich Oliver Andersen heiße und so lange ich meine jetzige
Stelle habe, wird das nicht geschehen. Da hast du meine Antwort.”

„Neinnein,” erwidert Petra nachgiebig. „Du hast hier zu befehlen, und
wenn du nein sagst, dann ist es nein.”

„Ja, das ist es,” entgegnet Oliver selbstbewußt.

„Aber ich darf doch wohl einmal hingehen und nach Maren Salt sehen?”

Oliver fährt auf. „Es wäre mir sehr lieb, wenn du begreifen würdest,
daß du nicht zu solchen Menschen gehen kannst, hörst du, und daß
du nicht in dieses Haus gehen kannst. Denn wenn ein Mann Vorsteher
geworden ist, dann kannst auch du nicht überall hingehen, sondern
sollst dich nach deinem Stand benehmen. Ich leid' es nicht, und du mußt
dir einfach klar machen, daß ich es nicht haben will.”

„Neinnein,” seufzt Petra, und sie läßt ihn das letzte Wort haben.

Aber Oliver fühlte sich eigentlich geschmeichelt, daß seine Frau ihn um
etwas weiteren Spielraum bat, ja, das war er. Denn nicht alle Frauen
baten darum, sondern viele machten schlechte Streiche, ohne ein Wort
darüber zu verlieren.



18


Das eine Ereignis löst das andere ab. Frau Konsul Johnsen geht eines
Tages mit ihrer Tochter auf der Straße; sie sind beide zufrieden mit
sich selbst und mit andern, dann erblicken sie in einer Querstraße den
Maler, der Frau Johnsen gemalt hat, den Hardesvogtsohn, sie sehen ihn
mit einer von Konsul Olsens Töchtern am Arm. Frau Johnsen ist dick und
schwerfällig, sie hätte sich am liebsten auf der Stelle niedergesetzt.
Aber Fia sagt nur: „Ja, sie haben sich verlobt, wie ich höre.”

Das ist etwas vom Härtesten, was Frau Johnsen erlebt hat, wäre es
wenigstens der andere Maler gewesen, der Tünchersohn. Doch so oder
so, keiner von ihnen würde ihre Fia bekommen haben, das fehlte gerade
noch! Aber ging man wirklich hin und tat so etwas -- gerade vor Fia,
vor ihrer Nase! Was sagte sie dazu? Sie nahm es ganz ruhig und äußerte:
„Ja, sie haben sich verlobt, wie ich höre.” Wie war denn nur die
Fia angelegt und beschaffen, war sie directement kalt? Jetzt fehlte
nichts mehr, als daß der andere verhungerte Bursche, der Tünchersohn,
daherkam und Fia anflehte; o, dann würde aber Frau Johnsen die Tür weit
aufmachen, jawohl, sperrangelweit!

Ach, war das eine Welt, in der man lebte!

Konsul Johnsen nahm es viel weniger tief, es machte ihm fast gar keinen
Eindruck, er sagte ungefähr wie Fräulein Fia: „Na, haben sie sich
verlobt? Aber störe mich nicht!” Darauf wendete er sich wieder seiner
Zeitung zu und las weiter.

„Bedenke, die jungen Burschen, für die wir alles Mögliche getan haben!”
sagt Frau Johnsen.

„Jawohl. Aber stör' mich nicht, hörst du?”

Der Konsul hatte an anderes zu denken. Da hatte nun der Rechtsanwalt
und Abgeordnete Fredriksen die Regierung darüber interpelliert, was
sie in bezug auf die verschiedenen Klagen von den Mannschaften an Bord
unserer Schiffe zu tun gedenke. Er nannte zwar den Vorgang auf dem
Dampfschiff Fia nicht ausdrücklich, verbarg aber doch nicht, daß sogar
in seiner kleinen Stadt das Gerücht von ausgesprochener Unzufriedenheit
mit den Reedern herrschte. Diese Verhältnisse müßten untersucht werden.

Wie ein Sturm fiel das über Konsul Johnsen her. Dieser Prokurator,
dieser unrasierte Emporkömmling hatte Wein und Wohlwollen in seinem
Hause genossen, und nun bezahlte er mit diesem Überfall! Man mußte
wirklich viel ertragen, wenn man Doppelkonsul und ein großer Mann war!

Hätte Konsul Johnsen gewußt, was vorausgegangen war, dann würde er
sich nicht so sehr verwundert haben; für diesen schlechten Streich
des Abgeordneten konnte er sich bei seiner Tochter bedanken. Seht, da
ging nun die junge Dame, Fräulein Fia, höchst bieder und freundlich
und unschuldig dahin, aber ihretwegen gab es eine Interpellation im
Landtag. So konnte es gehen. Es gehörte jetzt weniger als vorher dazu,
um Herrn Fredriksen zu kränken.

Er war ja über ihre stehenden Fußes gegebene Abweisung seines Antrags
etwas verwundert. Da hatte er nun endlich seine Wahl in den Landtag
durchgesetzt, jetzt war er also nicht mehr bloß Rechtsanwalt; aber das
schien keinen Eindruck auf sie zu machen, nicht einmal um Bedenkzeit
hatte sie gebeten. „Nein,” sagte sie lächelnd und schüttelte den Kopf
dabei.

Dies hatte er natürlich gut aufgenommen und gefragt: „Geben Sie mir gar
keine Hoffnung, Fräulein Fia?”

Nein, es tue ihr leid.

Und er hatte es auch noch weiter gut aufgenommen und wie ein feiner
Mann gefragt: „Dann sind Sie nicht mehr frei, Fräulein Fia?”

Doch, das sei sie.

„Na,” sagte er und schwieg.

Er verstand sie nicht, verstand das ganze Mädchen nicht, er dachte
wohl, sie stehe sich selbst im Lichte. Er zog sich zurück.

In dieser seltenen Lage weiß sich die Komtesse nicht recht zu helfen,
sie läßt sich verleiten, mehr zu sagen, Dummheiten, Beleidigungen.
Sie tat es wohl, um nett zu sein, um die harte Entscheidung etwas zu
mildern, aber sie sagte, sie stamme aus einem guten Heim und könne sich
nicht denken, es zu verlassen.

„Sie könnten ja wieder ein gutes Heim bekommen!”

Es würde wohl nicht dasselbe sein. Alles fessle sie an ihre Heimat,
sie habe gebildeten Umgang, sei umgeben von Vornehmheit, illustrierten
Blättern, alter Kultur --

Der Rechtsanwalt sah sie an. Darauf nahm er es nicht mehr gut auf,
sondern fing an zu lachen. Sie ließ ihn lachen, sie wurde gar nicht
verlegen. Als er wieder ernst wurde, sagte er: „Aber liebes Fräulein
Fia, was Sie da aufzählen, könnten Sie ja alles wiederbekommen. Nicht
wahr?”

„Wo?” fragte sie.

„Na” -- hier konnte er nicht vorbeikommen. Der Rechtsanwalt schwieg
wieder, schwieg endgültig.

Eine Zeitlang war er dann selten auf den Straßen zu sehen, er ließ
sich mit niemand in ein Gespräch ein, war verschlossen, saß daheim und
grübelte, was es nun auch sein mochte, worüber er nachgrübelte, ob
vielleicht über die prächtige Mitgift, um die er nun gekommen war. Das
hätte es mit gutem Grund sein können.

Auch im Landtag war er in den ersten Wochen ein zurückhaltender Mann,
er stimmte jedesmal richtig ab und tat nichts Verkehrtes, aber er war
schweigsam. Bis er in der Matrosensache das Blatt vom Munde nahm und da
endlich offenbarte, welche Glut in seinem Innern brannte.

O, er sprach ausgezeichnet und rührte den Landtag, rührte Land und
Volk, seine Teilnahme an den Unterdrückten war sehr groß, seine
Gesinnung sehr human: Es wurde hervorgehoben, daß diese Sache zwei
Seiten habe, jawohl, das sei es gerade. Und nun schade es nichts,
wenn die vornehmen Reeder, wenn sie von dem gebildeten Umgang und der
vorgeblichen Kultur weg auch einmal nach der andern Seite sähen. Die
Schiffe könnten reine Abenteuerfahrten machen und Geld scheffelweise
einnehmen, während die Mannschaften mit derselben Kost und Verpflegung
verkämen, die sie von alter Zeit her hatten, wo die Menschen noch
abgehärteter waren als jetzt. Und ob es eine gefahrlose Arbeit sei, in
der sie stünden, ob das etwa ein Spiel sei? Die Regierung solle sich
einmal an Bord unserer Kauffahrteischiffe begeben und nachsehen, in
welchem Zustande die Mannschaften manchmal heimkämen; die, so nicht
abgerackert seien, kämen auf einem Bein dahergehinkt oder hätten nur
einen Arm, der Dienst habe sie verstümmelt. In einem solchen Zustand
kehrten sie zurück zu den Ihrigen, der Redner kenne Beispiele von
seiner eigenen Stadt. Aber wenn es sich darum handle, die ärmlichen
Verhältnisse dieser Menschen zu verbessern, da stoße man bei ihren
großen Herren auf Widerstand. Wie, wenn nun humane Rücksichten, wenn
Recht und Gerechtigkeit ans Ruder kämen? „Und kann nicht die Regierung
in diesen miserablen Verhältnissen Wandel schaffen, dann kann der
Landtag die Änderung erzwingen -- wenn er will.”

Ein Konservativer, ein Schatten der Vorzeit, sprach natürlich gegen die
Rede, er wendete sich gegen die Übertreibungen; leider komme es ja vor,
daß einmal ein Matrose verunglücke, aber es gebe fast keine Arbeit, die
ganz gefahrlos sei; er sei in seiner Jugend selbst Matrose gewesen, das
müßten ja alle jungen Burschen in seiner Stadt sein, er habe aber keine
trüben Erinnerungen an die Kost und an die Verpflegung, die er gehabt
habe.

Greisengerede, altes Geschwätz! Rechtsanwalt Fredriksen hörte wohl
gar nicht auf ihn. Und er hörte wohl auch kaum auf den Staatsrat,
der nachher redete. Dieser Mann wußte nichts Bestimmtes zu sagen, er
schwebte über den Wassern, er werde seine Aufmerksamkeit auf diese
Verhältnisse richten.

Das sei ja schon etwas! sagte Herr Fredriksen, und er wolle insofern
dem Herrn Staatsrat für das Entgegenkommen danken. Mit diesem kühlen
Vermerk schien er sich wieder gesetzt zu haben, er wollte vielleicht
auch zu verstehen geben, wie wenig ihm das imponiert habe.

Das Referat berichtete:

Der Präsident wirft einen Blick auf die große Uhr und nimmt
fälschlicherweise an, daß diese Sache nun erledigt sei. Der Vertreter
von Telemarken erhebt sich, der Dauerredner, er widersetzt sich der
Verabschiedung und sagt, jetzt wolle auch er das Wort dazu ergreifen.

„Ja, dann mache ich mir keine Hoffnung, daß wir bald fertig werden!”
sagt der Konservative mit einem Lächeln.

Das traf. Aber es schien die Mehrzahl nur aufzureizen. Sollte der
Vertreter vom Gebirge den Rechtsanwalt aus der Küstenstadt, einen neuen
Mann, der in der Sache der unterdrückten Matrosen so ganz genau auf der
rechten Seite stehe, nicht unterstützen dürfen?

Und am Nachmittag siegte denn auch Rechtsanwalt Fredriksen gründlich
und bekam seine Untersuchungskommission bewilligt. Das konnte man einen
vielversprechenden Anfang nennen, sein Wahlkreis legte Ehre mit ihm ein.

Konsul Johnsen liest die Zeitung, wirft sie hin und nimmt sie wieder
auf. Seit lange ist er nicht so aufgeregt gewesen.

Schließlich gibt er die Zeitung Berntsen hinaus und sagt: „Lesen Sie
das Geschwätz!” Er war sehr empört. Hier thronte er in seiner Stadt und
half freigebig nach rechts und links, nahm Krüppel in seine Dienste,
zahlte für ihre Kinder auf höheren Schulen, übte Barmherzigkeit, tat
Gutes -- was hatte er davon? Überfälle! Wenn nur Scheldrup daheim
gewesen wäre, um die Verteidigung zu übernehmen, C. A. Johnsen war
müde, dieser Kampf ums Leben mußte ja jeden Tag neu aufgenommen werden,
er konnte nicht mehr.

Hätte er jetzt wenigstens einen einzigen Ort gehabt, wohin er sich
wenden könnte! An den Postmeister wieder? Ja, wenn er durchaus wünscht,
von religiösem Geschwätz übermannt zu werden! Nein, da macht er lieber
einen Spaziergang in seinen Garten, bleibt eine Stunde weg, kehrt dann
in sein Kontor zurück und geht mit frischen Kräften wieder an seine
Arbeit. Wer weiß, es war vielleicht ein scharfsichtiger Einfall, eine
Hilfe in der Not, eine plötzliche Eingebung, vielleicht kam sie vom
Himmel, das konnte gut sein!

Und der Konsul holte sich wirklich etwas Beruhigung in seinem Garten;
da saß seine Tochter in aller Unschuld, sie malte spanischen Flieder
und plauderte mit ihm, es war ein Vergnügen ihr zuzusehen, wie ihr die
Blüten so gut gelangen, ganz täuschend ähnlich, und es wirkte wohltuend
auf den Vater, daß sie so zufrieden mit ihrem Dasein war.

„Da sitzt du und bist fleißig, Fia?”

„Ja. Dies ist für die große Ausstellung. Meinst du nicht, ich könne
stolz auf dieses Bild sein, Papa?”

„Jawohl.”

„Das meine ich auch. Und doch ist es eben erst angefangen.”

O, Fräulein Fia war ein merkwürdiges Wesen, sie lebte ihr Leben mit
großartigem Vorbehalt, laßt sie nur sein, wie sie ist, sie selbst hält
es für das richtige! Das sind wohl ihre glücklichsten Stunden, wenn sie
in der Nationalgalerie sitzt, Bilder kopiert und diese ähnlich werden.
Wenn jemand sich für ihre Malerei interessieren und ein wenig darüber
in den Zeitungen bringen würde, dann hätte sie nicht den Wunsch,
noch glücklicher zu werden, als sie ist. Sie war gut veranlagt, ohne
Bitterkeit, war voller Wohlwollen, ihr Ehrgeiz verursachte ihr keine
Qualen.

Ja, ein merkwürdiges Wesen, es fehlt ihr wohl dies und jenes, aber die
Mängel schienen nur zu ihrem eigenen vorteilhaften Besten zu sein.
Hatte sie ein Schuldgefühl? Es sah nicht danach aus. Sie war in ruhiger
Weise mit sich selbst zufrieden, tat nichts Böses, bereute nichts,
kannte keine Traurigkeit. Was sollte sie anders wünschen? Sie malte und
machte Reisen, weiter nichts, in den Städten hatte sie gute Freunde,
sie hat vielerlei erlebt, aber nicht viel. Viele fanden, sie sei in
Gelehrsamkeit und Unnatur erstickt. „Hör' einmal,” konnten sie sagen,
„ist dir das Maßhalten angeboren, Kind? Aber es gibt erlaubte und
zulässige Freiheiten, Komtesse, du kannst dich also ruhig verlieben,
Mädchen!” -- „Aber warum denn?” konnte sie erwidern.

Was sollte sie anders wünschen? Hätten nicht diese so viele im Streben
nach der Malerei weggeworfenen Jahre auf andere Weise angewendet
werden können? Warum denn? Es waren geliebte Jahre, war eine poetische
Mission, ein Beruf, diese Jahre bewahrte sie gut auf, wie man Erbsilber
aufbewahrt. Sie strebte, kam aber nicht vorwärts, o nein, aber sie
blieb dabei, es war eine Art Trotz. Ein Aufhören, ein Umkehren auf dem
Wege schien ihr unmöglich, sie brauchte keine Erlösung von ihrer fixen
Idee, für diese war sie angelegt. Nein, sie hatte kein Schuldgefühl und
empfand keine Traurigkeit.

Und wie nun ihr alternder Vater da neben ihr sitzt, ihr zuhört und
sich in ihrer Freundlichkeit und ihrem Behagen sonnt, dann denkt er
vielleicht: „Gott weiß, ob nicht die Fia die klügste von uns allen
ist! Sie ist vom Schicksal ganz unverfolgt und ungestraft, während wir
andern uns in ewigem Kampfe abmühen!”

„Im Landtag sind sie hinter uns Schiffsreedern hergewesen,” sagt er.
„Sie berichten, wir ließen unsere Matrosen verhungern und sich zu
Krüppeln schlagen.”

Sie fährt nicht auf, sondern nimmt es gelassen hin, läßt nur den Pinsel
sinken und sagt: „Wirklich?”

„Ja, das versteht sich! So erscheint es also den Außenstehenden.”

„Tut es dir weh?”

„Nicht gerade weh. Aber es ist nicht angenehm für mich, ich werde älter
und weniger leistungsfähig, und Scheldrup ist abwesend. Na, gottlob,
daß ich dich habe, Fia,” schließt er.

„Wenn ich nur etwas leisten könnte! Papa, sie sind doch wohl nicht
hinter dir hergewesen?”

„Sie nennen mich nicht mit Namen. Aber es ist doch mit Fingern auf mich
gedeutet worden, und zwar von unserem eigenen Abgeordneten.”

„Von --?”

„Ja, von Fredriksen, dem Rechtsanwalt also.”

„Soo?” sagt sie und wird nachdenklich.

„Ich weiß nicht, was ich ihm getan habe, daß er nun so auf mich
losgeht.”

„Es ist nur Mangel an Kultur.”

War es Enttäuschung oder Überlegung, was bei dieser Antwort über ihr
Gesicht hinflog? Der Konsul war sich nicht ganz einig darüber; er
sagte: „Kultur? Ich weiß nicht, wieviel Kultur er hat. Es ist, als
hätte die jetzige Zeit keine Verwendung dafür. Wir sind jetzt alle
Menschen.”

Sie schweigt. Ihr Gesicht bekommt einen hartnäckigen Ausdruck, und dann
gibt sie nicht nach, das weiß er.

„Ich glaube, dies ist eines der hübschesten Bilder, die du je gemalt
hast,” sagt er. „So, du meinst also, es sei Mangel an Kultur? Es kann
wohl sein, daß du recht hast. Sag' mir übrigens -- nicht wahr, du
machst dir nichts aus dem Rechtsanwalt?”

„Ich?”

„Neinnein, nicht das geringste, das wußte ich. Er ist natürlich recht
tüchtig und wird es zu etwas bringen ... Wenn nun aber weder du noch
deine Mutter sich etwas aus ihm macht, dann braucht der Mann ja gar
nicht bei uns zu verkehren. Wir laden ihn von jetzt an nicht mehr ein,
rede mit deiner Mutter darüber, sie hat ihn früher recht geschätzt.”

So war dies erledigt, und eigentlich konnte der Konsul nun wieder gehen.

„Das ist wahr,” begann er wieder, „der Maler, wie heißt er doch nur,
hat sich also verlobt. Ist es die ältere oder die jüngere von den
Töchtern? Ja, du hast es doch wohl gehört, Fia?”

Sie lächelt. „Ich bin die erste gewesen, die es gehört hat. Unter uns
gesagt, Papa, ich bin ja für beide Parteien der Vermittler gewesen.”

„Ei sieh! Du, Fia! Vermittler!”

So nahm sie es also auf.

Als der Konsul in sein Kontor zurückging, hatte er zwar keinen guten
Rat betreffs des Rechtsanwalts bekommen und ebensowenig zehntausend
bei einem Geschäft verdient, aber er machte sich selbst weis, er habe
etwas erreicht, und er rieb sich die Hände, wie wenn er außerordentlich
arbeitslustig wäre. Aber es war wohl nur ein wenig künstliche Energie.
Er grüßt den einen und den andern unterwegs, grüßt auch die Damen
freundlich; jawohl, sie grüßen den Konsul wieder, wie man einen großen
Herrn grüßt, sie haben den Vorgang im Reichstag noch nicht gelesen.
Und doch, die Damen erwidern seinen Gruß nicht wie in alten Tagen, sie
schlagen die Augen nicht verlegen nieder wie früher, wenn er ihnen
begegnete, er war gealtert, die jungen Damen von heute sehen auf
unergrautes Haar, er mußte jetzt in tiefer stehenden Reihen suchen, er
stand wohl schon auf dem Boden. Ach was! Er war der, der er war.

Der Konsul trat in sein Kontor, sah auf seine Uhr und ließ sich in
seinem Sessel nieder. „Es ist wunderbar, welch eine Erfrischung
so eine Viertelstunde ist!” hätte er sagen können, wie wenn er es
selbst glaubte. O, sie hatte ihn aber nicht dauernd erfrischt, die
Interpellation des Rechtsanwalt Fredriksen spukte immer noch in seinem
Kopf. Mangel an Kultur? Fia hatte vielleicht recht. Sie war wahrlich
auch die klügste, wenn sie für Liebesgeschichten nur das Interesse
eines Vermittlers hatte, ein verflixt kluges Mädel, die Fia! Er hatte
auch gar nichts dagegen, wenn sie sich noch einige Zeit solcher Art
Kameradschaft enthielt, er wußte, was für eine unbändige Macht die
Liebe ist; das würde sie schon noch zeitig genug erfahren.

Verstümmelte Matrosen? Die man also versorgt, die man also geradezu auf
seinen Schoß nimmt und ihnen den Schnuller gibt. Wenn nur Scheldrup
daheim wäre! Aber Scheldrup war von der modernen harten Art, er dachte
an niemand anders, als an sich selbst, jetzt redete er von einem Jahr
Aufenthalt in Neu-Orleans.

Und da im Kontor liegt die ungetane Arbeit Berge hoch, auf dem Pult
Briefe, Telegramme und Frachtbriefe holter di polter, Berntsen könnte
wohl hereinkommen, eine Hand voll aus dem Haufen herausgreifen
und einiges erledigen. Der Konsul alt? Etwas überschafft, etwas
abgerackert; war es verwunderlich? Aber alt? Und selbst wenn er alt
war, so war er doch der, der er war. Wenn sein Haar sich lichtete, so
ließ er sich im Hut photographieren, ja, im hohen Hut --

Er steht auf und ruft Berntsen vom Kramladen herein.

„Was ist das für ein junger Mann in einer Studentenmütze, der da
draußen steht?” fragt er.

„Frank,” antwortet Berntsen.

„Frank?”

„Für den der Herr Konsul bezahlt. Olivers Sohn.”

„Ach so, der!”

„Er holt sich eben seinen neuen Anzug bei uns. Seinen alljährlichen
Anzug.”

„So. Hören Sie, Berntsen, könnten Sie nicht einiges von hier übernehmen
und mir ein wenig helfen? Sehen Sie, wie es sich anhäuft und mir über
den Kopf wächst. Ihnen geht es so leicht von der Hand.”

Berntsen verspricht, am Abend Zeit dafür zu haben.

„Ich danke Ihnen. Schicken Sie vor allem die Versicherung für die _Fia_
ab. Hier ist das reine Chaos, und ich habe soviel zu überlegen. Haben
Sie die Zeitung gelesen? Was sollen wir mit dem Rechtsanwalt tun?”

„Sollen wir etwas tun?” fragt Berntsen.

„Ich weiß es nicht. Nein, Sie haben vielleicht recht, wir sollten
einfach gar nichts darauf tun. Aber es kommt vielleicht eine Kommission
und stellt allerlei Fragen.”

„Dann werden wir ihr darauf antworten.”

„Richtig! Punkt für Punkt. Und Berntsen, könnten Sie das nicht
übernehmen, ich meine, der Kommission antworten?”

„Doch.”

Damit ist die Sache in den besten Händen, und der Konsul fühlt sich von
einer schweren Last befreit. Er ist so erleichtert, daß er sich wieder
als Herr fühlt, er will wieder etwas auftreten und sagt: „Den Studenten
schicken Sie mir einen Augenblick herein, Berntsen!”

Frank tritt ein und steht vor dem großen Mann.

„Das gefällt mir, daß Sie nicht so oft zu Hause sind,” sagt der Konsul,
und er sagt Sie zu Frank. „Denn dann sind Sie wohl fleißig beim
Studieren. Ich erkannte Sie gar nicht wieder, sondern mußte Berntsen
nach Ihnen fragen. Sie sind ja in den letzten Jahren riesig in die Höhe
geschossen. Und nun sind Sie also Student. Geht es Ihnen gut?”

„Ja, danke.”

„Das freut mich. Wir sollen alle etwas werden, Sie in Ihrem Fach
und ich in dem meinigen. Was ich sagen wollte: Sie nehmen sich doch
wohl als junger Mensch vor Ausschweifungen in acht?” sagt der Konsul
plötzlich.

„Vor jeder Art von Leichtsinn?” sagt er. O, dieser Konsul Johnsen, er
hätte ja einen Grabstein zum Lächeln bringen können, und er fährt fort:
„Ja, das sollen Sie wirklich, Sie sollen ein verständiger junger Mann
sein und an den Versuchungen vorübergehen. Das erwarte ich von Ihnen.”

Frank lächelt nicht. Groß und mager und tief vorgeneigt wie in einer
Kirche stand er da, antwortete gut und richtig ja oder nein am
richtigen Platze, der Konsul bekam den besten Eindruck von ihm. War es
seine Absicht, daß dieser junge Mann auch von ihm, seinem Wohltäter,
eine vorteilhafte Erinnerung an diese Begegnung mitnehmen sollte? Wer
weiß, es konnte vielleicht dem Wohltäter in der Zukunft von Nutzen
sein, falls neue Überfälle drohten! Jedenfalls schadete eine kleine
Rede nichts.

Der Konsul konnte in durchaus gutem Glauben diese Gelegenheit benützen,
um seine moralische Seite zu zeigen. „Es gibt edle Vergnügen und
leere Vergnügen,” sagte er; „in meinen späteren Jahren bin ich zu dem
Ergebnis gekommen, daß die Vergnügungen im eigenen Heim und in der
Familie die richtigen sind. Man kann die andern Vergnügen entbehren,
wenn man ernstlich will. Das ist meine Erfahrung.”

Dieser Konsul Johnsen! Er war jetzt wohl in der Zeit der Abkühlung,
jetzt, wo ihn allmählich die Lüste verließen, wollte er sich den
Vorteil, sie überwunden zu haben, nicht entgehen lassen. So weit war er
Kaufmann.

Übrigens war ja der Konsul Johnsen nicht lauter Hohlheit und nichts
anderes, er hatte auch Gemüt; so dachte er einen Augenblick daran, dem
jungen Studenten einen Stuhl anzubieten, gab es aber wieder auf, tat
indes das dafür, was besser war: er trat an seinen Geldschrank und
kam mit einem Geldschein zurück, mit einer großen roten Banknote, die
er mit den Worten: „Bitte, hier ist ein kleines Taschengeld!” Frank
schenkte.

Und Frank verneigte sich mit der tiefen Verbeugung, die ihm seinerzeit
von der Tanzlehrerin beigebracht worden war.

„Es ist nicht der Mühe wert, es auszuposaunen,” sagt der Konsul; „es
steht ja geschrieben, du sollst deine linke Hand nicht wissen lassen,
was die rechte tut; ist es nicht so?”

„Doch.”

„O ja, wir Menschen! Aber wir müssen versuchen, es so gut zu machen,
als wir können. Sie wollen wohl Pfarrer werden?”

„Nein, ich weiß es nicht --”

„Wissen Sie es nicht?”

„Ich habe mehr Talent für Sprachen.”

„Sprachen?”

„Philologie.”

„So. Haben Sie da Aussichten? Ja?”

Aber etwas fremd schien es dem Konsul in den Ohren zu klingen; ob er
nun dachte, er hätte sich seine moralische Rede sparen können, oder ob
er fürchtete, ein Sprachgelehrter könne ihm in Zukunft nicht ebenso
nützlich sein wie ein Pfarrer.

Er entläßt den jungen Menschen in netter Weise: „Ja, jetzt muß ich an
die Arbeit!” Aber er jagt ihn nicht fort, sondern spricht noch weiter
freundlich mit ihm: „Überlegen Sie sich nun, ob Sie nicht doch lieber
Pfarrer werden wollen. Ich habe mich ja eigentlich Ihrem Vater und
Ihnen gegenüber nicht schlecht benommen, ich benehme mich niemand
gegenüber schlecht. Aber was Sie schließlich werden wollen, das müssen
Sie selbst entscheiden, ich kann Ihnen nur einen kleinen Rat geben.
Adieu, junger Mann!”



19


Der junge Mann ging wieder in den Kramladen und wählte wieder zwischen
den fertigen Anzügen. Da er mager und schmalschulterig war, hatte er
keine Mühe, eine Joppe zu finden, die ihm paßte, da er aber auch sehr
aufgeschossen war, paßte ihm die dazugehörige Hose nicht, sie war zu
kurz. Ein Rockanzug war allerdings da, der in jeder Beziehung paßte,
aber Berntsen meinte, er sei zu teuer.

Der gute Berntsen war nicht immer ganz so, wie er aussah, er war
zwar freundlich und wohlwollend gegen alle Menschen, aber durchaus
kein Lamm. Er war außerordentlich zuverlässig, und das Geschäft ging
ihm über alles, aber gerade durch diese Eigenschaften wurde er sogar
oftmals für den Chef unbequem. Selbst Frau Johnsen ging nicht gerne zu
Berntsen, allerdings auch ebensowenig zu einem der andern Angestellten,
wenn sie irgend etwas aus dem Laden verlangte. Sie fand kein Vergnügen
dabei, Kleiderstoffe und Putz mit Berntsen zusammen aussuchen zu
müssen. Aber er war ein verflixt tüchtiger Geschäftsmann.

„Meiner Ansicht nach bist du zu jung für einen Herrenrock,” sagte er zu
Frank. „In ein paar Jahren ist es immer noch Zeit dafür.”

Reinert trage auch schon einen Herrenrock, obgleich er jünger sei,
wendete Frank ein.

Es half aber nichts. Was Reinert, der Küstersohn, trage, sei keine
Vorschrift für alle andern, er sei ja auch früher schon in Kniehosen
herumstolziert. „Und im übrigen,” sagte Berntsen sehr freundlich, „so
ist das etwas anderes bei Reinert, sein Vater bezahlt dafür.”

Der junge Frank war frühzeitig daran gewöhnt, Zurückweisungen zu
verstehen und zu deuten; sie kränkten ihn nicht sehr, sie hatten ihn
nur auf seinem Platz zurückgehalten, so daß er nur äußerst selten zu
weit ging; geschah dies, so zog er sich sofort wieder zurück. Er wußte
ja, daß doch Rat geschafft wurde. Jetzt nahm er den Anzug, der für ihn
ausgesucht worden war, und bedankte sich dafür. Was waren außerdem
Anzüge für ihn? Andere höhere Dinge lagen ihm im Sinn.

Reinert hatte draußen auf ihn gewartet, die beiden Studenten wanderten
nun miteinander durch die Straßen, nicht weil sie Busenfreunde gewesen
wären, sondern weil sie Studenten waren. Nein, sie waren keine
Busenfreunde. Begabt waren beide, glänzende Sprachtalente, aber Frank
stand in dem Rufe, ein gutes Stück voraus zu sein. Dieses Stück war es,
was Reinert nicht ertragen und auch trotz aller Mühe nicht einholen
konnte, das machte ihn oft bitter und gewissermaßen rachgierig.
Aber auf einem Gebiet war er überlegen, obgleich er Frank an Jahren
nachstand: bei den jungen Mädchen, den Damen. Konnte ihm Klein-Lydia
widerstehen, konnten es die kleinen Mädel auf der Werft? Hier kam
es ihm zu gut, daß er für Staat und schöne Kleider, für gestärkte
Leibwäsche und spitzige Schuhe Sinn hatte, dazu kam, daß er Mut in
der Brust trug und nicht schüchtern war; seht, er war ja nie durch
Zurückweisungen niedergedrückt worden. Deshalb fiel es Reinert auch
gar nicht ein, in eine Seitengasse auszuweichen, als den beiden nun
Heibergs Alice begegnete, er begrüßte sie und blieb stehen; ja, das tat
er.

Und jetzt war Frank an der Reihe, sich unterlegen zu fühlen, die
Dame gönnte ihm kein Wort, kaum einen Blick. O, aber er würde sich
wohl hüten, seine Augen auf den Kirchturm zu richten, um zu sehen,
wieviel Uhr es sei, denn Reinert hatte die Gewohnheit angenommen,
seine Uhr herauszuziehen und mit einem neuen Medaillon, in dem eine
Haarlocke lag, zu glänzen, natürlich baten die Damen dann sofort,
die Haarlocke sehen zu dürfen, sie waren so albern. Frank trug einen
neuen Anzug unter dem Arm und eine große Banknote in der Brusttasche,
er fühlte sich ausnahmsweise einmal obenauf und fragte die Dame: „Wie
ist es Ihnen ergangen, seit wir uns zuletzt sahen?” -- „Danke, gut,”
antwortete sie zu Reinert gewandt. -- O, Heibergs Alice war nicht so
albern wie die andern!

„Ich trage nur rasch meinen Pack nach Hause und komme gleich wieder,”
sagt Frank schlauerweise.

Da konnte Reinert doch unmöglich sagen: „Willst du schon nach Hause?
Es ist noch nicht spät, laß mich einmal sehen!” Aber Reinert ist weder
eine feine noch eine merkwürdig zart besaitete Seele, durchaus nicht;
er antwortet: „Ich gebe dir eine halbe Stunde Zeit,” und zieht dabei
seine Uhr heraus.

O, Frank würde wohl in einer halben Stunde wieder da sein, jawohl!

Daheim kam er viel mehr zu seinem Recht, er wurde der Herr des Hauses,
alle gingen auf den Zehenspitzen um ihn herum. „Laß mich sehen, was für
einen Anzug du diesmal bekommen hast!” sagt die Mutter. „Zieh ihn nur
gleich an!”

Frank erzählt, daß er zum Konsul hineingerufen worden sei, die Mutter
und Großmutter sind voller Neugier und stellen eifrig Fragen. Was
wollte er? O, der Konsul! Frank stellt sich gleichgültig, bisweilen
antwortet er, bisweilen auch nicht, nein, denn bisweilen ist Schweigen
die beste Antwort. Sie sind sehr enttäuscht, weil er nicht Pfarrer
werden will, die Großmutter versteht es überhaupt nicht, denn sein Kopf
sei doch gut genug dafür. Da lächelt Frank; sein Lächeln ist betrübt
und schwach, es ist eigentlich gar kein Lächeln, nur ein Anlauf dazu.
Die Schwesterchen streichen über den neuen Anzug, „schöne Knöpfe,”
sagen sie. Ein kleines Dreieck von rotem Seidenstoff guckt aus der
äußeren Brusttasche heraus, es ist da ein für allemal festgenäht und
ist das Taschentuch. Die Beinkleider sind zu kurz, und die Mutter will
sie durch herunterlassen verbessern; sie macht sich auch gleich daran,
denn Frank soll noch einen Besuch beim Schulvorsteher machen. Die
Großmutter aber sitzt in tiefe Gedanken versunken da, sie schüttelt den
Kopf, murmelt vor sich hin und ist unzufrieden.

„Dann werden sie darüber reden können,” murmelt sie.

„Was sagst du?”

„Daß du nicht Pfarrer werden könntest!” Sie dachte wohl an die Weiber
am Brunnen.

Da schweigt Frank, und das ist eine gute Antwort.

„Das muß sich Frank erst noch überlegen,” sagt Petra, die noch nicht
alle Hoffnung aufgegeben hat.

O, aber Frank ließ sich wohl nicht herumbringen, sein Vorsatz stand
fest, war Stein und Bein geworden, unerschütterlich, tage- und
nächtelang hatte er die Sache überlegt und schweigt; er kennt seinen
Beruf.

Er geht zum Schulvorsteher. Die Beinkleider sind und bleiben trotz
allem zu kurz, die Joppe hängt an ihm herunter so von ungefähr wie nach
einer Grammatik mit wahlfreien Formen herausgeschnitten. Er ist sehr
aufrecht, sieht sonderbar aus, er trägt eine Mütze, die ihn als zur
Chineserei gehörig bezeichnet, zur Kaste. Da der Weg zur Schule seit
seinem letzten Aufenthalt im Ort verlegt worden ist, verirrt er sich
etwas und steht dann plötzlich vor einem Haus. Er sagt zu sich selbst
und zu einer Frau, die unter der Tür steht:

„Ich war ganz in Gedanken versunken --”

„Wohin willst du?” fragt die Frau.

„Nach der Schule,” antwortet er kurz und biegt nach einer Seite ab.

„Dann mußt du dort hinaufgehen!” ruft ihm die Frau nach.

Ja, das war sonderbar, daß sie nicht wußte, wer er war. Oder wußte sie
es? Jedenfalls kannte sie ihn aber nicht genügend, um so vertraut zu
werden, ihn zu duzen und ihm ungefragt den Weg zu zeigen.

Der Schulvorsteher ist vom Examen mitgenommen, er sitzt in Schlafrock
und Pantoffeln in seinem Sessel, er macht es sich mit der Grammatik,
insbesondere der Satzlehre, behaglich, er erfrischt sich daran. Es
gibt doch nichts Besseres auf der Welt, als so eine ruhige, gelassene
Satzlehre einer fremden Sprache, so rein, so ohne Aufregung, ohne
Erdichtungen!

„Herein! Bist du's, Frank? Nett, daß du kommst! Kennst du diese
hier, Freund Frank? Ich hab' sie eben bekommen, ausgezeichnet! Diese
Satzlehre hätte ich vor dem Examen haben sollen, aber da hab' ich mich
abgeschunden und mich in der alten vorbereitet. Meine Tochter hat
nämlich fast das ganze Jahr hindurch für mich französisch gegeben,
und da mußte ich mich aufs Examen wieder vorbereiten. Es ist eben so
in unserem Fach, sind wir eine Zeitlang außer Übung; was wir gekonnt
haben, ist dann vergessen. Na, dann ist es Gott sei Dank recht
angenehm, sich wieder hinein zu versenken, nicht wahr? In dem heiligen
Tempel zu knien und mit der göttlichen Weisheit gelabt zu werden!”

Der Schulvorsteher war in diesen Jahren alt geworden, ein ergrautes
Kind mit verblaßten Augen hinter der Brille. Er war zufrieden mit
Frank, hatte nur Gutes von ihm gehört, wünschte ihm auch ferner alles
Gute, setzte die größten Hoffnungen auf ihn. O, mit dem Fleiß, den
er zeigte, gehe er einer ehrenvollen Zukunft entgegen, es sei nicht
unmöglich, daß er einmal der Vorsteher dieser selben Schule hier, aus
der er hervorgegangen war, werden könne. --

Der alte Philologe war demütig, das Leben selbst und auch seine ganze
Laufbahn hatten ihn drunten gehalten und dazu gebracht, bescheiden zu
denken, niemand konnte sich weniger mit seiner Philologie brüsten,
als er es tat. Er nannte niemals die großen Forscher, die großen
Sprachgenies, verstand wohl auch nicht viel davon, kannte wohl kaum
ihre Namen, was sollte er mit den Genies? Sein Beruf war es nicht,
Funde zu machen, er sollte nur lehren, nur lehren: ganz genau soviel
lehren, um leben zu können, ganz genau soviel lehren, um andere
durch die „Pensa” fürs Examen zu bringen. Der Schulvorsteher hatte
also das Seinige getan. Ein mageres, trauriges Dasein, Armut und
Geistesdunkelheit, Niedergang, aufreibende Arbeit und Blindheit. War
das noch Geisteskrankheit, war es noch Schicksal, eine Torheit des
Himmels? Nein, es war die des Menschen, des Affen.

Jetzt sprach der Schulvorsteher übrigens von andern lobenswerten
Schülern, von zwei andern, auch sie glänzende gewaltige Lernköpfe;
Frank war jetzt so weit gekommen, daß der Schulvorsteher seine
Aufmerksamkeit neuen Fällen von begabten Kindern zuwenden konnte. „Leb'
wohl, Freund Frank, Gott sei mit dir!”

Frank geht heim, auch er zufrieden und erhoben. Er hat keine
Gelegenheit gehabt, sich für ein bestimmtes Brotstudium auszusprechen,
der alte Sprachlehrer nahm wohl für selbstverständlich an, daß es
Philologie sein werde, was denn sonst? Und im Grunde war es ja
auch gleichgültig, wenn er nur viel las und lernte: das war sein
eigentliches Ziel. Frank verläßt den Vorsteher der Schule, den
Vorsteher des großen Steinhauses und geht heim.

Am Abend kommt der Vater aus dem Lagerhaus und Abel aus der Schmiede;
das ändert für Frank nichts, er hat die Kammer im alten Hause als Heim
und Bude. Die Absicht war, daß er auch in den Ferien studieren und
lernen sollte, studieren, sein Gedächtnis vollstopfen, in Sprachen
untertauchen, und das tat er auch. Wenn er zum Essen gerufen wurde,
hatte er irgend etwas ausgeklügelt, war noch gelehrter und unirdischer
geworden. Aber alle diese Mahlzeiten nahmen ihn sehr in Anspruch.

Er konnte mit einer leeren Konservendose hereinkommen, die er von
draußen mitgebracht hatte, und fragen: „Was meint ihr wohl, daß auf
dieser Büchse steht?” Ach, das wußte niemand. Aber die Mutter kannte
das Zeichen von ihrer Dienstzeit bei Konsul Johnsens her und riet
„Lachs vielleicht?” -- „Jawohl, aber das ist doch nicht Englisch,”
sagte Frank gekränkt, die Mutter machte ja mit ihrem praktischen Wissen
seine ganze Weisheit zuschanden. „Hier steht ~Alaska Salmon~.” Nun
griff der Vater ein. Er war Matrose gewesen und wußte viel: „Alaska ist
ein Land, ich werde doch wohl wissen, was Alaska ist.”

Die Konservendose brachte Frank keinen Triumph.

Sie kamen zu ihm mit andern Dingen, die sie nicht verstanden. Die
Mutter kam mit einer Fadenrolle, bitte „~Brook Brothers, fünfzig
Yards.~” Wieder griff der Vater ein, ohne Rücksicht auf seinen Sohn,
und sagte mit geschwellter Brust, was es bedeutete. „Seemannsenglisch!”
sagte Frank. Im ganzen war Oliver, der Hausvater, ungenau mit seinen
englischen Erklärungen, er schwächte die Größe und das Geheimnisvolle
dieses Augenblicks ab, indem er den Nadelbrief seiner Frau erklärte:
„~Silver Eye, Cast Steel.~” -- „Das gehört mit kleinen Buchstaben
geschrieben,” erklärte Frank. -- Dies begriff der Vater nicht. „Warum
sollten die Buchstaben kleiner sein?” fragte er. Da gab Frank die
einzig richtige Antwort: er schwieg. Und plötzlich ward ihm eine
wohlverdiente Erhöhung. Die Mutter brachte eine Schachtel, die sie in
einem Laden bekommen hatte, darauf stand: „~Toilet Soap. Superior.~”
Nein, jetzt war Olivers Weisheit zu Ende, jedes Wort war ihm fremd,
Frank mußte feierlich nachhelfen.

Da saß nun sein Bruder Abel, er verstand nichts von der Vorstellung und
schwieg. Welch ein Unterschied zwischen den Brüdern! Einen Augenblick
schien sich im Herzen des gelehrten Bruders ein wenig Mitleid mit Abel
regen zu wollen, er war ja eben erst heimgekommen und wollte sich nicht
über ihn erheben. „Jaja, Abel,” sagte er. „Das ist gar keine Hexerei,
du wüßtest gewiß ebensoviel wie ich, wenn du studiert hättest.” Abel
lächelte etwas verlegen und schüttelte den Kopf.

In vielen Fällen hatten die Betreffenden Nutzen von Franks
Sprachenkunde; die Gelehrsamkeit hatte in Olivers Haus ihren Einzug
gehalten. Sonderbar, daß niemand von den Nachbarn sich einstellte, um
sich rätselhafte und ausländische Worte in der Zeitung oder auf einem
Paket Tee erklären zu lassen! Sie hatten keinen Sinn für Bildung und
geistige Fragen, sie waren dumm und faul. Derartig war Franks Umgebung.

Eines Abends kam Oliver nach Haus und sagte: „Wenn du nachher gegessen
hast, Frank, und ganz satt bist, dann will ich dich etwas fragen.”
Sie aßen unter einer gewissen Spannung, Frank allein war gelassen, er
zweifelte nicht daran, daß er antworten könnte.

Dann kam der große Augenblick. Oliver legte etwas auf den Tisch. Der
alte Sünder legte ein Spiel Karten auf den Tisch und fragte Frank, was
auf dem Futteral stehe. Ein Spiel Karten also! Die Frauen fielen über
ihn her, aber er stillte den Sturm. „Maul halten!” rief er. „Was ihr
sagt, das weiß ich schon im voraus, ich würde auch nicht die Hand dazu
bieten und so etwas heimbringen, aber Olaus auf dem Hügel hat mich
darum gebeten.”

Frank nahm das nicht übel, im Gegenteil, er nahm das gut auf. Er hatte
in der letzten Zeit nicht viele Sprachkenntnisse entfalten können und
hatte nichts dagegen, sich wieder einmal zu zeigen. „Whist à 52 Blatt.
Verzierte Asse. -- Ja, Abel, was meinst du, daß das bedeutet?” fragte
Frank immer noch gutwillig. Abel lächelte wieder verlegen und mußte die
Frage unbeantwortet lassen. Frank fing an: „Eigentlich sind das drei
verschiedene Sprachen.” Und dann erklärte er den Sinn vom ersten bis
zum letzten Buchstaben, keinen Augenblick war er im Zweifel. Fabelhaft!
Indessen hatte Abel das schmutzige Kartenspiel in die Hand genommen und
zeigte, daß es ganz gewöhnliche Asse waren; wie war das zu verstehen?
Darauf wurde Frank nachdenklich und ließ sich auf nichts Weiteres ein.
„Aber ich kann für den Grundtext einstehen,” sagte er.

Oliver hatte ihm schweigend zugehört, jetzt rief er: „Ausgezeichnet!”

Alle sahen ihn an, und er hatte wohl auch etwas getrunken, Frank schien
nicht zu strahlen. Aber Oliver hatte ja sonst schon den Sohn geduckt
und war ihm mit seinem Englisch auf den Leib gerückt, jetzt wollte er
ihn wieder aufrichten, er verstand sich auf Kinder. Er stellte sich an
und tat ganz entzückt: nein, so ein Kopf, wie ihn sein Sohn Frank auf
den Schultern trüge, großartig!

Wurde Petra eifersüchtig? Sie fuhr bei Olivers Ausspruch auf und warf
den Kopf in den Nacken: „Dein Sohn!”

Oliver ist wie vom Schlag getroffen, sein Gesichtsausdruck wird ganz
leer, er läßt den Mund hängen, und seine fetten Finger liegen leblos
auf dem Tisch.

Petra gibt eine nähere Erklärung. „Er ist doch nicht dein Sohn allein,
er ist doch auch meiner!”

Langsam kommt Oliver wieder zu sich: „Ja, wer hat denn etwas anderes
gesagt? Natürlich ist er auch dein Sohn!” Und jetzt wird Oliver wieder
prachtvoll der Alte, er wird wieder gerecht und will keinen Unterschied
zwischen seinen Söhnen machen, er zog Abel mit herein und sagte: „Ja,
wenn ich nur euch Jungen gut ins Leben hinausstelle, euch in eine
nützliche Lehre oder in die Gelehrsamkeit bringe, dann hab' ich das
meinige getan. Mehr kann ich nicht leisten.”

Am nächsten Abend konnte Oliver erklären, wie das mit den Assen
zusammenhing. Dieser Lump von Olaus auf dem Hügel hatte zum Scherz ein
falsches Spiel Karten in das Futteral gesteckt und hatte gemeint, er
könne Frank aufsitzen lassen. Aber Frank hatte recht gehabt. „Und du,
Abel, hast auch recht gehabt, es waren keine andern Asse, als man sie
in der ganzen Welt hat, so weit ich herumgekommen bin. Und es ist, wie
ich sage: Gelehrsamkeit habt ihr, Gott sei Dank!”

Was auch der Grund sein mochte, Frank strahlte dennoch nicht; diese
Sitzungen daheim brachten ihm wohl nicht genug ein. Oder wie, hatten
sie denn überhaupt einen Umfang? Keine Länge und keine Breite, ein
enger Rahmen, Vater, Mutter, drei Geschwister und die Großmutter. Er
verfiel darauf, seine gelehrten Schulbücher herzunehmen. „Mathematik,”
sagte er, „himmelhohe Rechnung.” Ja, er las laut vor über Geometrie,
Algebra, Derivationsregeln, Integralrechnung -- „ein Kreis, dessen
Krümmung der Krümmung eines Bogens in einem gegebenen Punkt gleich ist,
wird der Krümmungskreis des Bogens in dem gegebenen Punkt genannt, sein
Radius heißt Krümmungsradius --”

Oliver sagt ganz geknickt: „Das klingt ja beinahe, als ob es gar kein
Mensch mehr wäre, der das sagt. Müßt ihr das lernen?”

„Wir müssen alles lernen.”

Frank war weit über seinen Stand hinausgewachsen und sprach wie ein
Verrückter. Er war nur noch sich selbst verständlich und konnte sich
nicht einmal wie die Elster den Elstern verständlich machen. Wo
will das noch hin? Er fragte Abel: „Es gibt wohl nicht eine einzige
ausländische Zeitung hier in der Stadt?”

„Das weiß ich nicht,” erwidert Abel. „Aber der Stadtingenieur hält sich
Zeitungen.”

„Ausländische? In ausländischen Sprachen?”

„Das weiß ich nicht. Aber die norwegischen.”

„Die norwegischen!” macht Frank verächtlich.

In dieser kleinen Küstenstadt konnte jedermann englisch; wer hätte
nicht englisch gekonnt? Aber der Jüngling Frank konnte allzuviel, er
mußte sich selbst mitteilen, mußte fragen und antworten, nicken, den
Kopf schütteln, zweifeln und stumm glauben. Zuweilen drang ein Stöhnen
zu der Großmutter in die Stube heraus, das kam aus der Kammer, es kam
von dem Felsen, kam von einem, der in Ketten lag.

Abel war unglaublich einfältig; er konnte ein Buch in die Hand nehmen
und fragen: „Was ist das für ein Buch?”

„Latein. Das verstehst du nicht.”

„So, dann ist es also lateinisch gedruckt.”

Frank schweigt.

„Willst du am Sonntag eine Bootfahrt mit uns machen?” fragt Abel.

Frank schüttelt zweifelnd den Kopf. „Wer geht mit?”

„Wir sind eine ganze Gesellschaft.”

„Einige von der Werft?”

„Was, von der Werft? Die sind ja so klein. Klein-Lydia kommt mit.”

„Klein-Lydia!” versetzt Frank spöttisch.

Unglaublich einfältig ist Abel. Er fühlte kein Entzücken, wenn er
Bücher las, er dachte wie ein Schmied. „Klein-Lydia,” sagte er. Frank
hatte sich nie etwas aus Bootfahrten gemacht, jetzt machte er sich
noch weniger daraus, er war daran gewöhnt, für sich zu bleiben. Er
ging nicht einmal mehr mit Reinert um, die beiden Studenten traten nun
jeder für sich auf. Der gute Reinert trat ja allmählich auf der Straße
allzu überlegen auf, er trug Überzieher und Medaillon und sprach sehr
erwachsen, eines Tages begrüßte er Fia Johnsen und sagte ihr eine
Schmeichelei über ihren Hut. Das war zu viel, Fräulein Fia ging stumm
vorbei. Frank stand allerdings in der Nähe, als dies geschah, und
Reinert zog ihn frech mit in den Skandal hinein, indem er laut lachte
und sagte: „Hast du das gesehen, Frank?” Frank wählte einen Richtweg
nach Hause.

Nein, er hatte anderes zu tun, als sich mit Reinert herumzutreiben,
die Mädchen zu grüßen, die Damen, und sie heimzubegleiten. Leeres
Vergnügen! Dagegen ging er hie und da auf die Werft hinaus, er hatte
bei Henriksen, der Achtung vor dem studierten Mann empfand, Zutritt
gefunden und machte nun zuweilen einen Spaziergang mit der ältesten
der kleinen Töchter, mit Konstanze, und erzählte ihr einiges aus einer
größeren Welt, als die ihrige war. Seht, Konstanze war noch ein kleines
Mädchen und noch nicht ganz erwachsen, nein, aber wahrhaftig, sie war
schon recht verständig und horchte dankbar auf seine Erzählungen aus
einer großen Welt. Das waren angenehme Ausflüge. Frank betrug sich
bei Henriksens sehr gebildet, er sagte „wie beliebt!” und „bitte um
Entschuldigung!”; er erhielt eine Zigarette und nahm sie aus dem Munde,
wenn er sprach, er trank Kaffee und spreizte dabei sehr gebildet den
kleinen Finger. Von großer Verliebtheit war keine Rede, nur von einer
kleinen Herzensregung, einem guten Geschmack im Munde. Man sah, wohin
Reinerts Gewaltsamkeit führen konnte, sein Herz machte am hellen
Tage große Sprünge auf der Straße, es konnte ihn eine leichtsinnige
Lust ankommen, laut zu pfeifen, zu singen. Frank hielt sich jede
Verliebtheit auf Armeslänge vom Leibe.

Es wurde Sonntag, und Abel kam nach Hause, um seine Schwestern zu der
Bootfahrt abzuholen; noch einmal fragte er Frank, ob er nicht mitkommen
wolle.

„Nein.”

„Wir haben Mundvorrat mitgenommen, dann legen wir an und tanzen. Der
Zeichenstift nimmt seine Ziehharmonika mit.”

„Nein.”

Trotzdem schaute ihnen Frank lange nach, als sie weggingen, er
fühlte wohl ein schwaches Leuchten in sich, den Widerschein des
Lebens draußen. Der Ärmste war von Anbeginn an irre gegangen. In der
Tiefe seines Handgelenks sieht er einen blauen Puls schlagen, seine
Brust weitet sich, in seinem achtzehnjährigen Kinderhirn brennt ein
sonderbares Feuer.

Seiner Großmutter draußen in der Stube gefiel es, daß er abgelehnt
hatte, an der Bootfahrt teilzunehmen; das war der künftige Pfarrer! Die
Großmutter hat den Befehl, den Studenten nicht zu stören, jetzt macht
sie aber doch furchtsam die Tür auf mit einer Tasse Kaffee in der Hand
und bittet ihn, den Trank nicht zu verschmähen.

Das kam ihm gerade recht.

„Du hast sehr recht daran getan, daß du zu Hause geblieben bist,” sagt
sie.

„Was sollte ich denn dabei?” erwidert er.

Er zweifelt nicht daran, daß er keinen Fehler gemacht hat, als er
daheim blieb und sich so vernünftig auf der rechten Seite hielt. Er
wußte nicht, daß nur die, die gar nichts tun, keinen Fehler machen.

Dann steckte er die Nase wieder in seine Bücher. Aber die Mahlzeiten
kosteten ihn viel Zeit. Der Ruf zum Essen führte ihn ja in die
Wirklichkeit hinein und machte ihm klar, daß er nicht hungrig war; aber
das wußte er schon vorher.



20


Es kann gut sein, daß Abel einen Fehler machte, als er diese Bootfahrt
ins Werk setzte. Klein-Lydia kam nicht mit, und der Tag war verdorben.
Er hielt bis zum Abend auf einer grünen Insel aus, schrie und machte
sich zum Hanswurst, aber als er wieder zu Hause war, wollte er sofort
Klein-Lydia aufsuchen und Rechenschaft von ihr fordern. Er traf sie
nicht; es war Sonntag, Klein-Lydia saß beim Polizei-Carlsen und übte
Klavier.

Gut.

Am nächsten Abend suchte er sie wieder auf, traf sie aber wieder nicht;
sie war ausgegangen. Ihre Schwestern waren zu Hause.

Nun mußte es Klein-Lydia erfahren haben, daß er sie sprechen wollte,
aber sie kam ihm nicht entgegen, sie wich ihm aus. Na, dann war es wohl
eine natürliche Sache, daß sie ausgegangen war, am dritten Abend würde
sie gewiß zu Hause sein.

Nein.

Da wurde Abel zahm. Er hielt zwar die Welt immer noch für einen Ort,
an dem es sich aushalten ließ, aber es war keine interessante Welt,
und das Leben war abscheulich und unnötig. Heute hatte er Klein-Lydia
und ein paar andere Mädchen mit Reinert zusammen gesehen -- dieser
Küstersohn, der sich immer mit den Mädchen herumtrieb -- mit dem
zusammen hatte Abel Klein-Lydia gesehen. Das war ja nett! Dem Reinert
wollte er einen Riegel vorschieben vor sein ruchloses Betragen, und
Klein-Lydia mußte gerettet werden. Das wollte Abel tun, er wollte sie
retten. Allein so etwas läßt sich nicht mit dem Hammer machen, dazu
gehört Geduld und große Feinheit. Kann man nicht in den Hafen flott
hineinfahren, dann warpt man sich eben in den Hafen. Er nahm sich
nicht vor, noch öfter zu dem Mädchen zu gehen, weit entfernt, er
gedachte sie zufällig auf der Straße zu treffen. Als er sie aber nach
ein paar Tagen noch nicht gesehen hatte, schlich er sich doch in den
bekannten Hinterhof.

In dieser Zwischenzeit war er still geworden, war wieder aufgeflammt,
wurde wieder still, flammte noch mehrere Male auf, jetzt im Augenblick
war er rasend, als er aber das Mädchen traf, konnte er doch nicht
weniger zu ihr sagen, als: „Na, wo hast du dich herumgetrieben? Wenn
wir heiraten, wird das ein anderer Tanz. Warum bist du am Sonntag nicht
zu der Bootfahrt gekommen?”

Klein-Lydia hatte ihn vielleicht an diesem Abend erwartet, hatte sich
vielleicht aus sehr großer Freundlichkeit eingestellt, sie lächelte,
nickte ihm als Erwiderung seines Grußes zu und sagte: „Bist du's, Abel?”

Dies entwaffnete ihn. Eigentlich hätte er nun mit einem Menschen
Abrechnung halten müssen; aber als Führer dieses Unternehmens blieb er
merkwürdig mutlos stehen und starrte gerade aus.

Lydia ihrerseits wich keineswegs davor zurück, zu den Tatsachen zu
kommen: „Warum ich am Sonntag nicht mitgekommen bin? Ich mußte Klavier
üben und beides konnte ich doch nicht zu gleicher Zeit.”

„Nein,” sagte er. Aber er wußte ganz gut, daß sie durchaus nicht den
ganzen Tag Klavier gespielt hatte, sondern erst am Abend. Außerdem
hatte sie seinen Schwestern versprochen gehabt, mitzukommen, diese aber
dann im Stich gelassen. Da mochte der Henker drauskommen!

Klein-Lydia saß auf der ärmlichen, engen Holztreppe und nähte, sie
flickte oder veränderte etwas an einem Kleid, sie war geschickt mit den
Händen. Dann ging es, wie derartiges zu gehen pflegt. Allmählich dachte
sie wohl, sie sei überfallen worden; und warum sollte sie sich das
gefallen lassen? Dieser Schmiedknecht und seine Schwestern glaubten am
Ende, sie seien ihresgleichen, aber sie wollte sie schon eines Besseren
belehren. „Ich hab' etwas mehr zu lernen als du,” sagte sie. „Du meinst
wohl, Klavierspielen sei leicht?”

„Nein,” sagte er.

„Schon allein die Noten sind entsetzlich schwer. Und dann alle die
Übungen.”

„Aber wozu lernst du es denn?”

Ach, wie war er einfältig! Warum sie Klavier spielen lernte! Weil alle
besseren Leute es lernten. Sie hatte Tanzen gelernt, sie mußte Klavier
spielen lernen, und Sticken und Spitzen häkeln an ihre Hemden, ach,
was sie alles lernen mußte! Es war ihr nicht einmal angeboren, mit
einem Sonnenschirm in der Sonne zu gehen, sie mußte das erst üben,
eine herrliche Sache war es. Auch ihre Schwestern hatten gelernt und
gelernt, auch sie waren nicht die ersten besten und dachten nicht
daran, sich wegzuwerfen, sie blieben zu Hause und warteten auf einen
Steuermann, einen Kommis. So benehmen sich bessere Leute.

Klein-Lydia ärgerte sich nicht sehr über Abels Worte, aber sie schwieg
dazu.

Da stand nun also Abel wieder.

Sie hatte einen Augenblick ihren Fingerhut neben sich gelegt; er nahm
ihn in die Hand und fing an: „Was kann das sein, das so wie geädert
ist?”

„Das? Elfenbein.”

Sein Sinn für Elfenbein war wenig entwickelt, das prächtigste, wovon er
je gehört hatte, war der Tempel Salomonis, aber kein Fingerhut. Jetzt
ritt ihn indes der Teufel, er legte den kostbaren Fingerhut aus der
Hand, strich einmal über den blauen Waschstoff des Kleides, an dem sie
nähte, und sagte: „Das ist Brokat, so weit ich es beurteilen kann.”

Sie faßte das augenblicklich als Anzüglichkeit auf, was es vielleicht
auch war, und sagte: „Davon verstehst du nichts.”

Schweigen.

„Hast du nicht etwa noch eine Treppenstufe?” fragte er.

„Eine Treppenstufe? Willst du sitzen? Bitte schön!”

Sie stand auf und machte ihm Platz.

„Nein, so war es nicht gemeint,” wehrte er ab. „Wenn wir nicht beide
auf der Treppe Platz haben, kann ich ja stehen.” Übrigens war er jetzt
recht im Zug und fuhr fort: „Was ich sagen wollte -- das ist doch ein
Unsinn mit deinem Klavier spielen. Du hast doch keine Verwendung mehr
dafür, wenn wir verheiratet sind.”

Sie sank wahrhaftig auf die Treppe nieder, sie wurde klein wie
ein Punkt, und es dauerte eine geraume Weile, bis sie die Sprache
wiedergefunden hatte. „Verheiratet? Ich mit dir?”

Er sah sie forschend an, als wolle er unparteiisch sein. Er verstand
nicht, daß dies war, als hätte sie ihn an der Nase herumgeführt, nur
ein wenig, natürlich, aber doch an der Nase gefaßt, ihn dem Ausgang
zugedreht und ihn hätte gehen lassen.

„Dich heirat' ich in meinem Leben nicht,” sagte Klein-Lydia.

Aus diesen Worten schließt Abel, daß sie ihm einen Korb gegeben habe;
er blieb aber trotzdem stehen und schaute sie an, konnte es nicht
lassen und blinzelte von Zeit zu Zeit. Das war ja eine nette Art zu
reden, die sie an sich hatte, es war ja gerade, als ob sie ihn nicht
haben wollte! Sie konnte das halten, wie sie wollte, Glück auf die
Reise! Verdrießlich stand er eine Weile da.

Klein-Lydia sieht auf, nickt ihm lächelnd zu und sagt: „Es ist wahr,
was ich sage!” -- Ach, aber es war gar kein Zweifel, daß sie etwas
sehr scharf gewesen war, und das war unnötig, sie konnte schon ein
wenig freundlicher sein. „Du könntest mir wohl ein wenig helfen und
hier festhalten,” sagt sie, und damit reicht sie ihm eine Falte ihres
Kleides.

Nein, er regte sich nicht.

„Hörst du!” rief sie und stach ihm mit der Nadel in die Wade.

Er machte einen Satz, und, ist es zu glauben, wurde ärgerlich, wurde
böse. Ohne mehr zu sagen, als ein einziges Mal „Au!” zu rufen, blieb er
einen Augenblick stehen und biß sich auf die Lippen, wurde leichenblaß
und war im Begriff, gehörig herauszulangen. Es machte ihn nicht sanfter
im Gemüt, daß Klein-Lydia in lautes Lachen ausbrach. Was in aller Welt
-- er, der sich aus einer Kreuzotter nichts macht, der sich in der
Schmiede oftmals Blutblasen an die Hände schlug, sollte jetzt eines
Nadelstiches wegen einen Luftsprung machen! Aber das tat er. Und nun
merkte sie wohl, daß sie etwas Ordentliches tun mußte: „Du, der Reinert
ist einmal ein Affe!” sagte sie.

Das rief Abel wieder zurück und erinnerte ihn an seine Pflicht,
Klein-Lydia zu retten. „Ja,” sagte auch er.

„Ein Wichtigtuer!”

„Ja. Hast du das bis jetzt noch nicht gewußt?”

„Aber er ist ein flotter Kerl. Und was er für hübsche Locken hat.”

„Na, dir gefällt er also doch?”

„Mir? Meine Mutter sagt, er habe sich herausgemacht. Und dann hat er
doch auch eine Menge gelernt.”

„Hahaha!” sagt Abel. „Blech!” sagt er. „Der soll viel gelernt haben?
Ich weiß hundertmal mehr als er, wenn du es wissen willst. Ich weiß
nicht gerade dasselbe wie er, nicht das, was in den Büchern steht, aber
von andern Dingen weiß ich hundertmal mehr als er.”

„Ja, von andern Dingen!” höhnte sie.

„Ja, wohlgemerkt, hundertmal mehr! Und du wirst schon sehen, daß er
niemals Pfarrer wird. Das ist mit ihm genau so wie mit Frank, der wird
auch niemals Pfarrer. So ein Küstersohn! Und wenn du dich auf einen
verlassen willst, der nach so viel mehr aussieht, als wirklich hinter
ihm ist, dann bist du recht dumm, das sag' ich dir.”

„Ich? Ich mach' mir nicht das geringste aus ihm.”

Das veränderte die Sache, und Abel fühlte sich wohl mit einem Male
recht erleichtert, er hätte sie küssen können, wahrhaftig, sie auf den
Mund küssen, da saß sie. Aber ein Mädchen mit Küssen zu überrumpeln,
ist schwierig, das verlangt technische Fertigkeit, man muß treffen.
Statt dessen nahm er den Schleifstein, der an der Wand stand, hob ihn
aus Mutwillen oder aus unmenschlicher Kraft aus seinem Ständer und
legte ihn ihr in die Arme.

Na ja, man redet ja oft vom Verstummen, aber eine so ohrenbetäubende
Stummheit hatte er noch nie gehört. Dann schreit sie, Klein-Lydia
schreit, brüllt, ihre Empörung macht sie ganz fremd und häßlich.
Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr den Schleifstein wieder
abzunehmen und ihn an seinen Platz zu tun.

„Du Schwein!” zischte sie. „Wie kannst du dir herausnehmen --”

„Hehehe!” lachte er verlegen und unglücklich. „Hast du je gesehen,
daß ich so etwas getan habe?” Übrigens war es merkwürdig, wieviel
Klein-Lydia zuweilen ertragen konnte, ohne wild zu werden. Er selbst
war nicht so. Das hatte er vielleicht von seiner Mutter.

„Da sieh her, wie du meine Näharbeit eingeschmutzt hast!” sagt sie.
„Ein frischgewaschenes Kleid!”

„Ich nehm's an den Brunnen,” bot er an.

„Dummkopf!”

Dann wollte er sie wieder beruhigen, deutete von weitem auf seine
Gefühle für sie hin, sagte, daß er sie liebe, er könne ihr zuliebe an
alle Brunnen der Stadt gehen, sie solle ihm seinen Narrenstreich mit
dem Schleifstein verzeihen --

Sie stand auf und schüttelte ihren Rock zurecht, schlug sich den Sand
ab und ließ sich wieder auf die Treppenstufe niederfallen, daß diese
krachte, und schwieg.

„Und im übrigen hab' ich es gar nicht tun wollen,” sagte er. „Und es
ist nichts, um es sich zu Herzen zu nehmen.”

„So!” erwidert sie und schaut ihn wütend an; sie spießte ihn beinahe
auf mit ihren Blicken.

„Ich möchte nur wissen, wo sich dein Bruder Eduard herumtreibt?” sagte
er.

„Schweig!”

„Wann kommt er denn heim, weißt du es?”

„Schweig, hörst du nicht, halt doch den Mund!”

„Sehr wohl!” sagte er und nickte dazu. „Du brauchst nur zu befehlen,
wie du es haben willst,” sagte er, und damit zog er sich in sich selbst
zurück.

Allein so konnte es doch nicht bleiben. Nach einer Weile stand sie
plötzlich auf und fing wieder an, sich den Sand abzuklopfen, als ob sie
noch nicht sauber genug wäre. Aber sie war beinahe wieder freundlich
geworden und lächelte sogar ein wenig.

Sie waren ja doch auch keine so sehr alten Menschen. Wenn er neunzehn
Jahr alt war, so war sie ungefähr siebzehn; oder wenn man die Wahrheit
sagte, daß er nämlich erst sechzehn war, so war sie noch jünger. Das
ist doch kein Alter! Und da standen sie also.

„Was hast du denn damit gemeint, du Narr?” fragte sie lachend.

„Gemeint? Das weiß ich nicht.”

„Warum setzt du dich denn nicht, hörst du!” sagte sie dann und nahm
selbst Platz.

Jetzt war er an der Reihe, zu schweigen, er stand nur da und lehnte
sich ans Geländer. Aber als sie ihm wieder eine Falte ihres Kleides
hinhielt, die er festhalten sollte, während sie nähte, griff er zu.
Da deutete sie auf seine Hand und sagte: „Was du doch für einen
sonderbaren Haarwuchs auf den Händen hast!”

„Sonderbar? Der ist ganz recht!”

Dieser Haarwuchs! Der war in der Hitze der Schmiedeesse hervorgesproßt,
ein schwarzes Fell, er war stolz darauf gewesen, seine Altersgenossen
hatten das nicht, er war über sie hinausgewachsen, hatte sie hinter
sich gelassen. Und was für Manneshände er im ganzen genommen bekommen
hatte!

„Ich überlege mir, ob ich nicht am besten daran täte, meine Lehrzeit
bei Carlsen auszuhalten,” sagte er. „Was meinst du dazu?”

„Das weiß ich nicht. Wie lange dauert sie denn?”

„O, sie dauert nicht lang. Und nachher soll ich die Schmiede um einen
billigen Preis bekommen, sagt Carlsen. Er will mir dazu verhelfen.”

„Die Schmiede? Was willst du denn damit? Na ja, darin schmieden. Ja,
willst du denn für immer dableiben?”

„Etwas anderes ist auch nicht viel besser. Andere Leute kommen mir auch
nicht netter vor.”

„Aber du wirst so schwarz,” sagte Klein-Lydia.

„Und wenn die Zeit kommt und wir einander heiraten --”

Sie wurde nicht mehr wütend, nein, das wurde sie nicht, aber sie
unterbrach ihn bestimmt: „Nein, daraus wird nichts.”

„Dann wird es auch noch zu einem Haus reichen.”

„Niemals!”

„Wie?” fragte er verständnislos.

„Ich liebe dich nicht,” erwiderte sie.

Er schaute ihre Hände an, schaute ihr Gesicht an und überlegte. „O,
das gibt sich schon,” sagte er in einem Tone, als ob die Sache damit
für sie abgetan sein müsse. Aber wieder war Klein-Lydia die Tochter
ihrer rasch besonnenen Mutter, und sie wollte das nicht auf sich sitzen
lassen. „Laß los!” kommandierte sie und zerrte an ihrem Kleide.

Aber natürlich ließen solche Hände nicht los.

„Hörst du nicht? Ich hab' gesagt, laß los!”

„Na, du brauchst ja nur zu sagen, wie du es haben willst.”

Dann ließ er los, und nun war das Wasser wieder zwischen ihnen
verschüttet.

„Du solltest dich schämen!” sagte Klein-Lydia.

Er erwiderte in sehr erwachsenem Tone: „Ich bin also nicht älter als
zwanzig, wenn du das meinst. Oder vielleicht noch nicht einmal ganz
zwanzig.”

„Gott, wie du übertreibst!” rief sie. „Du bist ja der reine Garnichts,
du bist nicht im letzten, du bist im vorletzten Jahr konfirmiert
worden. Meinst du, ich wisse nicht, wann du geboren bist?”

Da lachte Abel: „Nein, Klein-Lydia, entschuldige. Als ich geboren
wurde, hat man an dich noch nicht einmal gedacht. Ich bin nicht mehr
weit von zwanzig, was die Leute auch sagen mögen. Ich muß es doch
selbst am besten wissen.”

„Na --” Klein-Lydia winkte ungeduldig ab und sagte: „Ich werd' im
Frühjahr konfirmiert.”

„Das ist ja gut.”

„Das ist gut, was soll das heißen?”

Schweigen. Er meinte wohl, es sei gut, wenn das erledigt sei, dann sei
sie frei und fertig, aber er wagte es nicht, sie noch mehr zu ärgern.

„So, jetzt hab' ich fertig genäht,” sagte sie und stand auf.

„Dann guten Abend!” versetzte er. Aber gleich darauf war er dreist
genug, sie um ein wenig Wasser zu bitten.

„Gewiß, wenn nur Wasser da ist,” sagte sie und schaute sich um. „Du
kannst ja hineingehen und trinken.”

Darauf erwiderte Abel: „Nein, ich kann heimgehen und da trinken. Es ist
ja ganz einerlei.”

„Durchaus nicht!” rief Klein-Lydia. „Ich will hineingehen und dir
Wasser holen,” sagte sie, als ob er ihr ein und alles auf der Welt wäre.

Nachdem er getrunken hatte, redeten sie noch eine Weile miteinander,
und ehe er ging, hatte er sie dennoch die verschiedensten Male umarmen
und küssen dürfen. Was doch dieser Schmiedknecht für schrecklich
geschmeidige und gefährliche Arme hatte!

Er schlenkerte mit den Armen, als er nach Hause ging, ein Herr der
Welt, der Auserwählte der Mädchen, der zukünftige Besitzer einer
Schmiede. Ja, es gab sich alles. Am liebsten wäre er jetzt allein
gewesen, aber als er heimkam, war Besuch da, Maren Salt saß in der
Stube.

Außer dem Studenten waren alle anwesend, und es wurde in kurzer Zeit
viel gesprochen. Maren Salt hatte es eilig, sie habe nur eine Besorgung
in der Stadt zu machen gehabt und habe Lust bekommen, bei den alten
Bekannten eben einmal einen Blick hineinzuwerfen. Oliver selbst ließ
das eine und andere gewichtige Wort fallen, während der Gast einige
Tassen Kaffee trank und Bäckerwaren dazu aß.

„Kannst du denn von Hause weg sein?” fragt Petra. „Schläft der Junge?”

„Nein, das weiß ich nicht. Mattis ist bei ihm.”

„Mattis?”

„Ich kann Mattis den Jungen ruhig anvertrauen.”

„Du willst doch nicht sagen, daß dir Mattis deinen Jungen hütet?”

„Nun, warum denn nicht? Wie sollte es denn sonst gehen?” fragte Maren
Salt. „Ich mußte heut abend ausgehen und für den Haushalt einkaufen,
und Mattis bleibt zu Hause. Das tut er immer, anders geht es doch
nicht.”

Oliver spricht mit großer Würde: „Meine Meinung ist, daß Mattis dich
nimmt, Maren, wenn der Tag kommt, an dem er sich verändert.”

Maren Salt hatte durchaus nichts dagegen, das zu hören, aber es war
beinahe, als ob Petra etwas eifersüchtig würde. „Das glaub' ich nun
doch nicht,” sagte sie. „Na ja, mir kann es ja einerlei sein.”

„Es wär' noch nicht das dümmste, was er tun könnte,” meinte Oliver, der
neben Maren stand. „Dann hätt' er den Jungen und könnte ihn anlernen,
wenn die Zeit dazu gekommen ist, und ihm die Werkstatt übergeben.”

„Ach, der Junge ist ja kaum geboren,” wendet Maren ein. „Bis dorthin
fließt noch viel Wasser den Bach hinunter.”

„Ich hätt' ihn gerne einmal gesehen. Er ist wohl recht groß,” sagt
Petra.

„Ja, das fehlt nicht. Der Doktor sagt, er sei einer von der Rasse.”

Petra wird aufmerksam. „Hat das der Doktor gesagt?”

„Ja. Ist das so etwas Besonderes?”

Schweigen. Petra denkt nach. „Nein,” sagt sie dann. „Das ist etwas, was
der Doktor zuweilen sagt; von meinen hat er das auch gesagt, sie seien
von der Rasse. Ich weiß nicht, was er damit meint.”

Oliver spricht wieder. „Soviel ich verstehe, will er damit sagen zum
Exempel, das Kind sei groß und stark und frisch. Ja, Gott sei Dank,
unsere sind alle kräftig gewesen.”

Petra fragt: „Was für Augen hat er denn?”

„Braune Augen,” erwidert Maren.

Da wurde Petra wieder ganz wie eifersüchtig und wunderlich und konnte
sich nicht halten, sondern rief: „Wo hast du denn braune Augen für ihn
hergenommen?”

„Hehe, das möchtest du wissen!” erwiderte Maren Salt und lachte kokett.

„Ich kann es mir schon denken,” sagt Petra scharf und bitter. „Er ist
überall!”

Maren sieht sie an. „Wie du redest! Wen meinst du denn?”

„Ach, niemand. Ich meine niemand.”

„Und du sollst auch gar nicht raten, du bringst es doch nicht heraus!”
Sie sieht pfiffig und geheimnisvoll aus und schweigt. Verwünschtes
altes Frauenzimmer, wer ist nur der Vater des Kindes? Sie sah aus, als
ob sie sich das selbst erst überlegte, ja, als ob sie die Wahl hätte
und schwanke.

„Ist nichts mehr in der Kaffeekanne für Maren?” fragt Oliver.

Eine vierte Tasse wird eingeschenkt und ausgetrunken, und unterdessen
wird von dem und jenem geplaudert. Petra hätte ihre gute Laune so
ziemlich wiedererlangt haben sollen, denn es zeigte sich, daß Maren
selbst braune Augen hatte -- war es da ein Wunder, wenn ihr Kind auch
solche mit auf die Welt brachte? Aber es schien, als ob Petra nun
einmal einen bestimmten Verdacht hätte und diesen Verdacht nicht mehr
loswerden könnte. „Er ist es doch,” behauptete sie. „Er ist so schlau
gewesen, diesmal eine mit braunen Augen zu nehmen, um sicher zu sein.”

„Ich versteh' dein dummes Geschwätz nicht, Petra! Ja, ich muß es
gerade heraus sagen, daß das ein dummes Geschwätz ist,” erklärt Maren
immer noch mit freundlichem Lachen.

Petra ist erbost und wahrt den Anstand ihrem Gaste gegenüber nicht.
„Meinst du vielleicht, er hab' dich aus irgendeinem andern Grunde
genommen, als deiner braunen Augen wegen? Nein, Maren, mach dir nur
klar, daß du nicht mehr die Jüngste bist.”

Als man auf diesem Punkt angelangt war, meinte Oliver wohl, es sei Zeit
für ihn einzugreifen, und er tat dies, indem er seinen Hut nahm und
hinaushumpelte. Abel nahm er auch mit, und nun saßen fünf Frauenzimmer,
alt und jung zusammengerechnet, beieinander. Aber die sehr erregte
Petra war kein großer Genuß für ihren Gast, und Maren hätte am liebsten
die Kaffeetasse zerschmettert, hielt sich aber im Zaum und sagte nur
bis ins Innerste gekränkt: „Ich bin allerdings nicht mehr die Jüngste,
nein. Aber du bist auch kein heuriges Häschen mehr, Petra, vergiß das
nicht! Und was das betrifft, so hast du jetzt wohl mehr als genug
bekommen von dem Mann, mit dem du mich jetzt im Verdacht hast.”

Nun wurde Petra aufmerksam darauf, daß die kleinen Mädchen die
Ohren spitzten, und sie fing an zu lachen, um damit über die Sache
wegzukommen. „Ich, bekommen? Keinen Öre hab ich bekommen von
irgendeinem andern Mann als meinem eigenen, das kannst du glauben.
Wofür sollten mir andere Männer Geld geben? Und wir kommen auch Gott
sei Dank mit dem aus, was Oliver verdient.”

Dies war nur gesagt, um das Gespräch in eine andere Bahn zu lenken; es
wurde eine Brücke geschlagen, über die alle gingen, und auch die beiden
streitenden Mütter schlossen etwas später Frieden. Sie gingen zu den
Stadtneuigkeiten über, und die fünfte Tasse Kaffee wurde eingeschenkt,
alle die Frauenzimmer beugten sich weit über den Tisch vor und schauten
einander ins Gesicht. Da war wieder ein Skandal gewesen, draußen bei
dem Kaspar, der auf der Werft arbeitete, jetzt hatte er seine Frau
geschlagen. Maren hatte es gestern abend gehört.

Petra wurde ganz wütend auf Kaspar. „Was hatte denn die Frau getan?”

„Ach, es war wohl etwas mit einem andern Werftarbeiter.”

„Er hätte es wagen sollen, Hand an mich zu legen!” drohte Petra.

„Allerdings, aber was hat er auch für eine Frau!” sagt die Großmutter,
die alt und ausgebrannt ist. „Was hat sie damals getan, in dem Jahr,
wo ihr Mann zur See war? Sie ging an Bord einer fremden Schute und war
lange Zeit im Ausland Kellnerin.”

Maren Salt äußert: „Es ist sonderbar, daß sie kein Kind bekommen hat.”

„Was weißt denn du, was sie bekommen hat?”

„Dann hätte sie doch seither auch wieder ein Kind gehabt.”

„Nein,” sagt Petra. „Sie ist keine von denen, die Kinder kriegen, sie
kann tun und lassen, was sie will.”

Die Großmutter versinkt in Gedanken über jenes alte Ereignis; über die
Reise der jungen Matrosenfrau ins Ausland war seinerzeit sehr viel
geklatscht worden. Und sie hat doch so einen vorzüglichen Vater, den
Schmied Carlsen, eine gute und ehrenwerte Heimat, und dennoch!

„So geht's auf der Welt!” sagt Maren Salt. Und sie weiß noch andere
Stadtneuigkeiten. „Grütze-Olsens jüngste Tochter hat Mitte letzten
Monats in Christiania Hochzeit gehabt.”

„In Christiania? Warum denn dort?”

Es hatte in der Zeitung gestanden, Maren hatte mit angehört, wie es im
Laden bei Davidsen vorgelesen wurde.

„Wen hat sie denn gekriegt?”

„Einen Maler, stand in der Zeitung.”

Die kleinen Mädchen waren sofort auf dem Laufenden. „Das ist der Maler,
der bei Johnsens am Landungsplatz und bei Grütze-Olsens Bilder gemalt
hat,” sagen sie, das war ihnen ganz klar, das wußten sie ganz genau,
diese Kiek-in-die-Welt, o, sie waren Schlauköpfchen!

„Er muß aus einer reichen und vornehmen Familie stammen, nach dem, was
Davidsen gesagt hat.”

„Sonderbar, das ist alles so still vor sich gegangen, kein Mensch hat
ein Wort davon gehört.”

Darauf erwidert Maren: „Man sagt, für die Braut sei es höchste Zeit
gewesen.”

„Na also!” flüstert die ganze Stube verständnisvoll; und dann denken
alle eine Weile darüber nach.

„Ja, alles heiratet und rackert sich ab, ohne Ende,” sagt Petra. Und
dann wagt sie sich wieder auf gefährlichen Grund hinaus. „Du kannst
froh sein, Maren, daß du dich darauf nicht eingelassen hast.”

„Es ist noch gar nicht zu spät dazu,” sagt die Großmutter.

„Petra meint das doch,” sagt Maren von neuem beleidigt.

Petra lenkt nicht ein: „Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so hast du
dir doch wohl derartiges ganz aus dem Kopf geschlagen. Wie alt bist du
denn eigentlich?”

„So alt, daß ich es selbst nicht mehr weiß,” sagt Maren und steht auf.
„Aber ich bleib' ja beinahe den ganzen Abend hier sitzen! Vielen Dank
für die Aufwartung und alles Gute! Vergiß nicht, zu mir hereinzusehen,
wenn du am Haus vorbeigehst, Petra!”

Nein, die Jüngste war Maren Salt nicht mehr, aber als sie nun nach
Hause ging und schwere Pakete aus den Läden so leicht trug, als
seien sie gar nichts, und die Füße regte wie zum Tanz, da konnte sie
niemand alt schelten. Sie sah auch gar nicht so aus, die braunen Augen
waren klar und kein bißchen feurig, aber man wußte ja, wie dieses
Menschenkind war, wenn sie in ihrem Alter noch ein Kind bekommen hatte.
Schweigt nur ganz von Maren Salt, an der ist nichts auszusetzen. Waren
die Töchter von Jörgen und Lydia vielleicht besser, die zu Hause saßen
und etwas Besseres sein wollten? -- Waren sie besser? War etwa Fia
Johnsen so viel besser, die blauen Flieder malte und einen Mann und
einen Wegzeiger mit ganz denselben Augen anschaute?

„Ich bin lang ausgeblieben,” sagte Maren, als sie daheim eintrat.
Mattis gab keine Antwort und war im ganzen genommen nicht gut auf sie
zu sprechen. Übrigens sang er eben dem Kinde vor und war mitten in
einem Vers.

„Soll ich es mit Stadtneuigkeiten versuchen,” dachte Maren, „ein
wenig von Kaspar und seiner Frau erzählen, oder von der Hochzeit
in Christiania?” Aber Mattis war keiner von denen, die sich um
Stadtneuigkeiten kümmerten. „Ist er wach gewesen?”

Mattis singt seinen Vers zu Ende und antwortet dann: „Nein, aber du
weckst ihn auf mit deinem Geschwätz.”

„Das tut nichts, er soll jetzt die Brust bekommen,” sagt sie.

Ein sonderbarer Anblick: Der Schreiner Mattis, der an einem
Kinderbettchen sitzt und singt!

Er hatte Wut geschnaubt und auf einem Bein getanzt. Das Schicksal hatte
ihm einen fürchterlich albernen Streich gespielt, er hatte Maren Salt
nicht aus dem Haus gebracht, bevor sie niederkam; das setzte ihm zu und
verwirrte ihn vollständig. So etwas, zum Henker, in seinem Haus! Aber
es sollte nicht lange währen, zwei, drei Tage, dann warf er sie auf die
Straße. -- „Und dann ein wenig plötzlich, vergiß auch nicht, deinen
Balg mitzunehmen!” Aber es vergingen mehr als nur einige Tage, und dann
verging ein Tag um den andern, er hätte einen Besen nehmen und sie aus
dem Hause hinauskehren müssen, aber wo sollte sie hingehen? Und dazu
ein ganz neugeborenes Kind, allerdings ein kräftiger kleiner Kerl mit
fürchterlichen Lungen, aber trotzdem --

Der Schreiner Mattis war ein gutmütiger Mann; er ließ sich gutmütig
zwei Stubentüren abspannen, er ließ gutmütig eine junge Frau laufen,
die ihn um einen goldenen Ring gebracht hatte, und so weiter. Er fuhr
zwar zuerst wutschnaubend auf, und dann ließ er sich gutmütig alles
gefallen. Was sollte er auch machen?

Und Maren Salt war ja auch rasch wieder auf den Beinen und kam ihrer
Arbeit nach. Das Kind machte nicht viel Last, zu essen brauchte es
nichts, es bekam die Brust und schlief, es lag in Marens Kammer in
deren eigenem Bett und nahm keinen Platz weg, Mattis fand allerlei
Gründe, nicht gar so streng zu Werk zu gehen. Aber in einem halben Jahr
etwa, mitten im Sommer, wo niemand mehr erfrieren konnte, da mußten
sie zur Tür hinaus, da half alles nichts! Oder allerspätestens in zwei
Jahren, wenn der Junge allein gehen konnte.

Er schwur hoch und teuer, er wolle das Kind niemals vor Augen sehen,
aber das ließ sich nicht durchführen. Es kam vor, daß Maren Salt,
die Mutter, an den Brunnen gelaufen war, aber das Kind richtete sein
Schreien nicht danach ein, sondern brüllte rücksichtslos den Schreiner
herbei. So ging das einige Male, Mattis knirschte mit den Zähnen und
war rasend, aber von Stein war er nicht, er machte die Beobachtung,
daß das Kind schwieg, wenn er mit ihm sprach, daß es sich beruhigte,
wenn es eine Menschenstimme hörte, und das führte dazu, daß er mehr
und mehr mit ihm sprach, und endete damit, daß er ihm vorsang. Als das
Kind etwas ins Auge zu fassen vermochte und anfing, ihn zu kennen, nahm
er es auch auf und trug es herum. Dieser kleine Unnutz, dieser kleine
Kerl, der so nett und leicht in seinen Armen lag -- „Sei doch still,
nicht so schreien, daß es der Lehrling und der Gesell in der Werkstatt
hören, Mund gehalten! Übrigens ist es gar kein Wunder, wenn du
schreist, armer Kleiner; dich friert, und du kriegst die Brust nicht,
ich muß ihr wahrhaftig einmal die Meinung sagen! Es sollte mich gar
nicht wundern, wenn sie dich in dem schmalen Bett in der Nacht einmal
totdrückte. Da sieh her, jetzt nehmen wir das Kissen und tragen dich
darin herum. Siehst du, so ist es schon wärmer, und ihr werde ich bei
Gott die Meinung sagen.” --

„Er friert!” ruft er der Mutter zu.

„So, friert er?”

„Ich weiß es nicht und will es auch gar nicht wissen; das ist nicht
meine Sache. Aber du sollst ihn nicht hungrig liegen lassen.”

„Er hat keinen Hunger.”

„Meinst du, er weine für nichts und wieder nichts? Und das will eine
Mutter sein!”

Maren Salt hat herausgefunden, daß es sich lohnte, gefügig gegen den
Schreiner zu sein. „Ich will ihm die Brust geben,” sagte sie.

„Und das ordentlich!” begehrte der Schreiner. „So hab' ich ihn noch nie
schreien hören wie heute.”

Dann geht Mattis wieder hinaus in die Werkstatt zu Lehrling und Gesell.
Er ist ärgerlich und schämt sich, in der Tür dreht er sich um und sagt
zu Maren: „Du mußt ja nicht meinen, ich komme jedesmal zu ihm herein,
mir ist es einerlei, wenn er sich totschreit. Aber wir wollen in der
Werkstatt, in meinem eigenen Hause kein Kindergeschrei hören. Du kannst
ihn da nicht liegen lassen, bis er sich totschreit.”

Damit geht Mattis in die Werkstatt, der Gesell und der Lehrling sind im
Begriff zu gehen. Er schilt noch über Maren und das Kind: „He, was man
nicht alles erleben muß! Aber nun dauert es auch nicht mehr lange. Ich
weiß einen, der davon nichts mehr in seinem Haus wissen will. Wäre nur
nicht eine Strafe aufs Hinauswerfen gesetzt, aber es steht eine schwere
Strafe darauf, eine von den schwersten. Du weißt das doch auch?” fragt
er den Gesellen.

Der Gesell hat keine Kunde davon, findet es aber nicht unwahrscheinlich.

„Eine fürchterliche Strafe, mehrere Jahre. Und dem will ich mich nicht
aussetzen.”

Bei Tag arbeitet er jetzt an einer kleinen Bettstelle, einem
Kinderbettchen für eine Familie in einer andern Stadt, sagt er; die
Maße sind ihm angegeben, es ist also eine einfache Bestellung. Es wird
ein schönes Gitterbettchen mit ein wenig Schnitzerei am Kopf- und
Fußende, und er hat auch den Auftrag, es weiß anstreichen zu lassen,
ehe er es abschickt. Er steht also da und arbeitet. Aber es ist eine
verfluchte Geschichte mit dem Lied, mit diesem Kinderverschen, es
kommt ihm tagelang nicht aus dem Kopf, er ertappt sich dabei, daß er
es während der Arbeit vor sich hinsummt und sich lächerlich macht.
Ein Mann mit so einer Nase beim Hobeln ein Kinderliedchen summen! Er
hat den Gesellen im Verdacht, daß der sich das Lachen nicht recht
verkneifen kann.

Er war recht froh, als er so weit war, daß er den Lehrling mit dem
Bettchen zum Maler schicken konnte.

Noch froher hätte er sein können an dem Tage, da er es schneeweiß und
blank wieder zurückerhielt und es einpacken und fortschicken konnte.
Aber dem Mattis hatte das Schicksal wohl abermals einen Streich
gespielt, jetzt war das Bettchen abbestellt worden, die Leute hatten
ein fertiges gekauft, Mattis hatte einen Brief dieses Inhalts bekommen.
Jawohl, ein neuer Streich vom Schicksal! Aber Mattis nahm es diesmal
merkwürdig gelassen hin; er sagte: „Das tut nichts, das Bett kann ich
immer wieder loswerden. Aber es ist, wie ich sage, was man nicht alles
erleben muß! Nein, man sollte sich auf solche Bestellungen aus einer
andern Stadt niemals einlassen!” sagte Mattis.

Kurz gesagt, er mußte das Bett behalten.

Und nun konnte der Junge, Maren Salts Kind, das Bettchen gerne
leihweise benützen, eine Woche oder so, bis es verkauft wurde. Das
schadete dem Bettchen nichts.



21


Gewiß ist es am besten, wenn eine Hochzeit im Hause der Braut gefeiert
wird, aber Konsul Olsen feierte die Hochzeit seiner jüngsten Tochter in
der Hauptstadt, im Palmensaal eines großen Hotels. Er hatte allerlei
Pläne im Kopf, wer weiß, ob er nicht sogar daran gedacht hat, die
Hochzeit in einem überseeischen Land, in Argentinien oder Australien
zu feiern. Das gefiel diesem Mann mit dem weiten Gedankenkreis, etwas
Derartiges recht flott und augenfällig zu machen, ein großes Hotel war
gut, man hatte nichts nötig, als um fünf Lohndiener zu telephonieren.
Das war nicht nur fein, sondern auch praktisch, denn seiner Frau blieb
dadurch viel Mühe und Arbeit und Sorge mit der Bewirtung erspart.

Dann wird also der Maler, der Hardesvogtsohn, mit seinem Modell
getraut. In der Heimatstadt der Braut wird ein wenig darüber gelästert;
als man am Brunnen alles genau überlegte, so war das entschieden
auffallend. Aber auf jeden Fall hatte die junge Dame den Kaufmannstand
und Scheldrup Johnsen aufgegeben; jetzt sollte es nicht mehr am
liebsten der Scheldrup sein, sondern am liebsten ein anderer.

Zu dieser Hochzeit ist der Rechtsanwalt Fredriksen eingeladen; er ist
ja als Abgeordneter und Vorsitzender seiner Kommission schon in der
Hauptstadt anwesend. Er konnte nicht gut umgangen werden, denn er war
eine bedeutende Persönlichkeit, hatte gewissermaßen etwas Amtliches,
beinahe den norwegischen Löwen auf der Brust. „Willkommen!” sagte
Grütze-Olsen und führte seinen Gast zu einem Ehrensitz an der Tafel.

Und hier bei dieser Gelegenheit will der Rechtsanwalt Fredriksen
den Grundstein zu seinem Glück legen und eine vorläufige Abrede mit
Grütze-Olsens anderer Tochter -- der älteren -- treffen. Es sollte
noch geheimgehalten werden, sie wollten noch ein wenig warten, Gott
weiß warum, allein das gehöre mit zu seinen Zukunftsplänen, sagte der
Rechtsanwalt, er werde ja doch nicht immer nur Abgeordneter bleiben,
und damit Punktum. Aber die vorläufige Abrede sollte bindend sein.

Also sollte auch Grütze-Olsens zweite Tochter den Kaufmannstand und
die flotten Kaufleute aufgeben. Sie war groß und gesund, hatte eine
schwere Menge aschblonder Haare, der Rechtsanwalt war schon bei Jahren,
kein Turner mehr, ein bißchen unreinlich, ohne griechische Nase, aber
ein Teufelskerl, ohne viel Haare, aber mit einer wulstigen Hautfalte
im Nacken -- es war also eine Schattierung Unterschied zwischen den
beiden. Der Rechtsanwalt war schon recht.

Er kehrte wieder in die Stadt zurück. Gewiß, er war sofort Vorsitzender
der Kommission wegen der mißhandelten Matrosen geworden, und er trug
den Kopf hoch. Eine solche Karriere! O nein, er rannte niemand über den
Haufen, aber es war, als ob er eine noch gewichtigere Stimme bekommen
hätte, eine Donnerstimme. Das kam wohl von der Übung im Landtag, als er
seine berühmte Interpellation einbrachte.

Da geht er nun gegen Abend in den Straßen spazieren, es könnte ja
jemand Lust haben, mit ihm zu reden, der Doktor, der dem Doppelkonsul
die Interpellationen gönnte, der Zollverwalter, der zur Linken gehörte,
der junge Assistent beim Hardesvogt, der selbst Rechtsanwalt werden
wollte, und noch mancher andere aus dem Volke. Und der Abgeordnete
gönnt jedem im Vorbeigehen ein paar Worte. Aus irgendeinem Grunde war
es ihm am wenigsten angenehm, daß sich der Doktor jetzt gerade an ihn
hängte; aber er konnte dem nicht entgehen, die andern gingen ihres
Weges, der Doktor jedoch ließ ihn nicht los, er war ganz wie früher.

Ganz derselbe Mann in der Stadt, ja. Der Doktor ändert sich nicht, er
besucht Kranke, schreibt lateinische Rezepte, glaubt an seine eigene
Gelehrsamkeit und an seine Wissenschaft und verdient sein Brot. Er hat
genug an der Plage jedes Tages. Selten einmal trifft ihn ein kleiner
Glückszufall, wie zum Beispiel, als ihn Henriksen von der Werft nach
dem Tode seiner Frau mit einem großen Geldschein bezahlte; aber im
großen und ganzen hat der Doktor wenig Freuden. Er ging seinerzeit von
dem einen Kaufmann, von Johnsen, mit dem er unzufrieden war, zu einem
andern über, zu Davidsen, und wollte es einmal mit diesem versuchen;
aber sie waren beide ganz gleich, auch Davidsen schickte eine Rechnung.
Der Ärmste war zwar Konsul, allein er war nicht reich und mußte
kleinlich sein, alle waren Krämer. So war der Doktor zuzeiten ohne
einen festen Lieferanten.

Er war nicht zu beneiden, mit seinem Dasein war kein Staat zu machen.
Natürlich grämte er sich niemals über sich selbst, darüber, daß er
nicht die Gabe hatte, sich zu ändern, zu bessern, daß er nicht ins
Leben paßte, ein Verirrter, ein sauertöpfischer Mensch, ein Narr,
dummstolz inmitten der Zweifelhaftigkeit seines Charakters. An den
Leuten, an der Stadt und zum Teil auch an der Vorsehung lag der Fehler.
Sicherlich war es so, er selbst war ganz so, wie er sein sollte.

Ach, wie er sich hätte ärgern können!

Der Doktor hatte kein Herz für ein richtiges Wagnis, für Gefahren;
aber einen Streit scheute er nicht, im Gegenteil, er bohrte und
stichelte, wo er Gelegenheit dazu hatte, und machte sich seiner Zunge
wegen überall gefürchtet, eine unverscheuchbare Bremse, eine Wespe
mit einem Stachel. Es freut ihn, daß ihm nicht jedermann richtig
zu antworten wagt. Das war ein Triumph im gegebenen Augenblick,
er spottete und lachte darüber. Von Natur böse war er nicht, weit
entfernt, seine Eigenschaften hatte er sich erst zugelegt, die
Schule und die schematische Entwicklung nach Büchern hatten ihn zu
dem gemacht, was er war. Nein, er brachte es auch nicht zu einer
achtbaren Größe in der Bosheit, er hatte zu spät damit angefangen,
erst als älterer, schiffbrüchig gewordener Mensch, er brachte es nur
bis zu einer säuerlichen Unzufriedenheit, brachte es zu Bitterkeit,
Groll, Eifersüchtelei, Klatsch. Wenn ein Mensch starb, sagte dieser
Arzt mit der gefährlichen Zunge: „Jetzt ist wieder ein Paar Schuhe
freigeworden!” und es freute ihn zu sehen, daß seine Zuhörer ein etwas
sonderbares Gesicht machten.

Er konnte dies auch dem Abgeordneten gegenüber nicht lassen,
sondern stichelte auf allerlei Weise drauf los. So mußte der Doktor
mißbilligen, daß ein Mann wie der Rechtsanwalt Fredriksen auf Stiefeln
mit hohen Absätzen daherwackle, wenn er auch Abgeordneter geworden sei.
Er sei ja vordem schon mühselig genug gegangen. Der neue Überzieher
gehe noch an, aber solche Stiefel für solche Füße!

Der Rechtsanwalt wußte nichts davon, daß mit seinen Füßen irgend etwas
Besonderes los sei.

„Das kommt davon, weil Sie nichts von Anatomie verstehen!”

„Soviel Anatomie, als ich brauche, versteh ich schon.”

„Da haben wir's: man kommt in den Landtag und meint, man brauche dazu
gar nicht mehr zu wissen, als man weiß.”

„Man kommt zuweilen zum Bezirksarzt in seinem Wahlkreis zurück und
vervollständigt sein Wissen.”

„Hoho, das Vervollständigen tut's nicht, man muß am Anfang anfangen,
lieber Freund.”

Der Rechtsanwalt wollte keinen Wortwechsel, andererseits wollte er aber
auch dem respektlosen Kerl nicht den Triumph gönnen, daß er böse wurde
und davonlief. Er blieb also und schwieg, o, aber er war sich die ganze
Zeit über bewußt, wie klein der Doktor in seinen Augen war! „Da haben
wir ja auch den Barbier Holte. Guten Abend, Holte!” sagt er und bleibt
stehen, in der Hoffnung, der Doktor werde weitergehen. Nein, der ging
nicht. „Um welche Tageszeit ist es am wenigsten voll bei Ihnen, Holte?
Ich möchte mir die Haare schneiden lassen.”

„Was, mögen Sie in den Barbierladen gehen und dort warten, bis Sie an
die Reihe kommen? Sie können ihn ja zu sich kommen lassen.”

„Wir Demokraten sind nicht so vornehm,” erwidert der Rechtsanwalt.

„Sagten Sie vornehm? Nein, das weiß Gott!”

Sie begegneten dem Schreiner Mattis und: „Guten Abend!” grüßte der
Rechtsanwalt wieder, sprach einige Worte mit ihm und ließ ihn dann
gehen.

Der Doktor sagte: „Ja, der gute Mattis, er hat wahrhaftig auch
braunäugige Nachkommenschaft im Hause. Das ist ihm auch keine Freude
gewesen.”

Aber nun kam der Doktor durch irgendeine Gedankenverbindung auf etwas
anderes, er sagte plötzlich: „Ihre Interpellation war prächtig. So hat
es ihm gehört, dem Schweinigel!”

Der Rechtsanwalt erwidert abweisend: „Nein, mit dieser Interpellation
bin ich selbst von allem, was ich darin getan habe, am wenigsten
zufrieden.”

Sofort stichelt der Doktor: „Was haben Sie denn sonst noch getan?”

„O, nichts,” sagte der Rechtsanwalt und will einen Wortwechsel
vermeiden.

Da der Doktor jetzt den großen Mann klein genug hatte, so hatte er
seinen Willen und konnte nun gerne auch sein Wohlwollen zeigen:
„Natürlich tut man vielerlei im Landtag, wovon wir Außenstehenden
keine Ahnung haben. Komiteearbeit zum Beispiel, von der Arbeit in den
Kommission gar nicht zu reden. Es ist ganz gut, daß Sie einmal in das
Verhältnis zwischen Matrosen und Reedern hineinleuchten, machen Sie
nur ganze Arbeit, warum in aller Welt sollen diese Reeder so reich
werden? Unwissende und ungebildete Kerle, die gelernt haben, hinter
einem Ladentisch zu stehen, aber sie rauchen Zigarren mit goldener
Bauchbinde, trinken Madeira von einem alten guten Jahrgang, und ihre
Frauen und Töchter tragen Brillantringe, es ist zum Speien! Ei, zum
Henker, da kommt ja der Postmeister! Da müssen Sie mich entschuldigen,
ich drücke mich jetzt! Jetzt wird er wieder seine Überzeugung von den
vielen Erdenleben lüften. Können Sie sich etwas Schrecklicheres denken,
als diesen Mann? Schon allein, daß sein Leben bewußt und unablässig auf
das Gute gerichtet ist, hehe! ‚Nachkommen!’ sagt er und freut sich über
seine Kinder. Er ist ein Narr. Ich hoffe, Sie entschuldigen, daß ich
mich davonmache, ich meine es besser mit mir, als daß ich ihn anhören
möchte. -- Guten Abend, Herr Postmeister! Sie sind wohl wieder auf der
Suche nach Gott? Eben haben wir von Ihnen gesprochen.”

„Ich sage Dank für alles Gute, das die Herren von mir gesprochen haben.”

„Und was vielleicht Böses gesagt wurde?”

„Das haben Sie jedenfalls nicht angehört.”

„So. Auch ich bin mir selbst der Nächste.”

„Gerade darum,” sagt der Postmeister.

Der Doktor stutzt und sagt: „Sieh, sieh, Sie meinen also, ich diene mir
selbst am besten, wenn ich Gutes von Ihnen rede?”

„Ja, das mein' ich, wenn Sie Gutes von allen Menschen reden. Herr
Rechtsanwalt, ich heiße Sie willkommen in der Heimat!”

Der Doktor wollte ja eigentlich gehen, aber in der milden
Zurechtweisung des Postmeisters lag etwas, das ihn veranlaßte, noch
einen Augenblick zu bleiben und ihm jedenfalls die Spitze zu bieten:
„Herr Postmeister, Sie gehören gar nicht in diese Welt hinein. Sie
glauben an das Gute und sagen: ‚Was soll man glauben?’ Diese Welt will
Logik und Realität, keine Gefühlsduselei.”

Bei solchen Streitigkeiten hatte der Postmeister den Vorteil, auf
bekanntem Gebiet zu sein, wo ihn sein Nachdenken wenigstens auf einen
festen Standpunkt geführt hatte. Darum war er auch oft dazu aufgelegt
und vollkommen bereit, seine Meinung zu verteidigen, zuweilen sogar
recht schlagfertig. Außerdem war der Postmeister durchaus kein Lamm, er
konnte bisweilen recht verletzend sein mit niedergeschlagenen Augen und
einem leichten Lächeln. Was er sagte, war eigentlich gar nicht viel,
nur einige ganz höfliche Worte, aber sie waren nicht immer harmlos.

„Was diese Welt will, weiß ich nicht,” sagte er. „Es sollte übrigens
nicht nur darauf ankommen, was sie will, sondern auch darauf, was sie
wollen sollte. Da die Logik nun einmal so eine armselige Sache ist, so
hätte die Welt vielleicht noch etwas außer ihr nötig. Ich weiß nicht,
mit der Logik kommt man nicht weit.”

„Doch, in der Wissenschaft.”

„Meinen Sie?”

„Ob ich das meine? Die Wissenschaft hat keinen Gebrauch für Metaphysik
und Aberglauben; das ist ihre Logik.”

Der Postmeister schüttelt den Kopf. „Die Wissenschaft tanzt mit ihrem
Spieß um die Metaphysik herum und sticht und sticht nach ihr, ohne daß
ihr das im geringsten schadet. Schadet es wirklich nicht? Nein. Denn
diese fundamentale Lebensmacht ist unverletzlich und ewig. Man kann
nicht mit dem Spieß in ein Meer stechen und es verletzen.”

„Sind Sie auf der Volkshochschule gewesen?” fragt der Doktor.

„Nein, ich bin nicht -- wie Sie -- auf einer hohen Schule gewesen.”

Durch diese Stichelei ließ sich der Doktor verleiten, grob zu werden.
„Es hätte Ihnen gar nichts geschadet, wenn es der Fall gewesen wäre.
Dann säßen Sie vielleicht nicht hier in dieser guten Stadt als
Postmeister.”

„Sie meinen, das sei nichts Großes?”

„Was meinen denn Sie selbst?”

„Ich bin zufrieden. Einige können allerdings ihre Lust, für groß zu
gelten, selbst wenn sie es sind, nicht verleugnen. Diesen Fehler haben
manche.”

„Wir haben von der Wissenschaft gesprochen.”

Der Postmeister unterbricht ihn: „Nein, entschuldigen Sie! Ich bin
nicht -- wie Sie -- ein Mann der Wissenschaft, wissenschaftliche Fragen
kann ich nicht erörtern.”

„Das ist entschieden ein Fehler von Ihnen,” sagte der Doktor
und fuhr dann fort: „Wissenschaftliche Wahrheiten sind entweder
selbstverständlich oder logisch zu beweisen, oder beides. Nun, die
Metaphysik ist keines von beiden.”

„Aber, Herr Doktor, ich sage weder, noch meine ich, die Metaphysik sei
eine Wissenschaft, sie ist vielmehr gerade das Gegenteil.”

„Dann ist es leeres Geschwätz, Herr Postmeister, und nichts anderes.
Wenn wir die Wissenschaft nicht hätten, was hätten wir denn dann? Moses
und die Propheten -- laßt sie diese hören!”

„Die Metaphysik setzt da ein, wo die Wissenschaft aufhört; jawohl, das
tut sie.”

„Die Wissenschaft hört niemals auf. Sie tastet, sie reicht nicht immer
völlig zu, aber sie strebt und strebt vorwärts und geht immer weiter.”

„Gewiß, so sagt man ja,” erwidert der Postmeister. „Ich habe mich auch
unrichtig ausgedrückt, ich wollte sagen, die Metaphysik setze da ein,
wo die Wissenschaft nicht völlig zureicht, an den wenigen Punkten,
Kleinigkeiten, Einzelheiten, wo die Wissenschaft nicht bis auf die
oberste Spitze gedrungen ist. Es handelt sich nur um Haaresbreite. So
wollen wir sagen.”

„So, Sie wollen spotten! Sie glauben ja, um das Rätsel des Lebens zu
erklären, an ein ganzes System von Erdenleben. Daher nehmen Sie das
Licht auf Ihrem Wege.”

„Was soll man glauben!” erwiderte der Postmeister. „Zuweilen ist ein
kleines Licht darin, das sind Sterne in der Nacht. Es ist kein starkes
Licht, ist nicht Sonne und heller Tag, aber es sind doch Sterne in der
Nacht. Man kann doch etwas dabei erkennen.”

„Wär' es nicht besser, das Licht der Wissenschaft zu haben, so weit es
eben reicht?”

„Das hab' ich auch. Wo dieses aufhört, muß ich mich ohne es behelfen.
Dann steht die Wissenschaft weit hinter mir -- das heißt um
Haaresbreite -- und schaut mir nach, wo ich gehe.”

„Na, entschuldigen Sie, die Wissenschaft hat anderes zu tun, als Ihnen
nachzuschauen. Und wenn sie zurückbleibt, so tut sie klug daran, denn
sie will festen Grund unter den Füßen haben.”

„Einen Grund, der sich in jedem zweiten Menschenalter ändert.”

„Ja, so sagen die Toren, die nichts davon verstehen. Ändert zum
Beispiel die Mathematik ihre Grundlagen?”

„Nicht, um Ihnen zu antworten, sondern um Ihnen noch weiter Spaß zu
machen, sage ich: Die Mathematik muß zu Anfang etwas ‚setzen’. Sie
suchte im Licht meiner Sterne und fand ein armseliges ~X~, um darauf zu
fußen. Ehre dem ~X~, es steht statt etwas Besserem.”

„Kurz und gut, die Mathematik hat also auch keinen Wert?”

„Meinen Sie? Sie ist gewiß viel wert für Leute, die reine, klare
Gedankenarbeit lieben, um des Denkens willen. Die Mathematik steht für
sich allein und ist, was sie ist. Aber für unser geistiges Leben ist
sie vollkommen gleichgültig.”

Der Doktor fuhr sich mit beiden Händen nach den Ohren, als ob er sie
zuhalten wollte, eine unwillkürliche Bewegung gänzlicher Ratlosigkeit.
Warum hatte er sich auch auf diesen nutzlosen Wortwechsel eingelassen,
der ihm langweilig war und ihn ermüdete! Er ging nicht so weit,
sich die Ohren wirklich zuzuhalten, er schwankte vielleicht einen
Augenblick, ob er einen Schrei ausstoßen oder davonlaufen sollte, dann
faßte er sich aber und trieb seine Festigkeit so weit, daß er den Hut
zog und sagte: „Danke, jetzt hab' ich genug. Ich muß Krankenbesuche
machen mit meiner armen Wissenschaft!” Damit bog er in eine Seitengasse
ein.

Als auch der Postmeister gehen wollte, hielt ihn der Rechtsanwalt
zurück; sie mußten jetzt am Geschäft von C. A. Johnsen, am
Doppelkonsulat vorbei, und der Rechtsanwalt wollte jemand haben, mit
dem er reden konnte, während er an den Fenstern vorbeiging. Ach, er
wußte wohl, was er tat, wenn er diesen Weg wählte, er wollte bis hinaus
an das Haus des Doppelkonsuls und daran vorbeigehen, hinauf in die
Berge, zum Aussichtspunkt. Er hatte seine Gründe dafür.

Der Rechtsanwalt erhob seine Stimme bis zur Stärke der Stimme der
Interpellation: „Alles, was Sie da gesagt haben, Herr Postmeister, ist
ja sehr schön, und ich hab' viel Herz dafür. Aber wird uns nicht all
diese Metaphysik und Geistigkeit untüchtig fürs Leben hienieden machen?
Wird sie nicht unsere Tatkraft hemmen?”

„Ich will Sie nicht belehren, aber wenn Sie mich fragen: ich hoffe,
daß sie uns ein wenig vorwärtsbringen wird. Wir werden davor
zurückschrecken, uns ungerechte Vorteile zuwenden zu wollen, wir werden
uns davor hüten, einander gar zu offenkundig auszusaugen. Das finden
Sie doch nicht verkehrt?”

„Nein.”

„Wir sind jetzt sinnlos damit beschäftigt, einander auf die Seite zu
stoßen, um selbst vorne hinzukommen, wir sollen konkurrieren, heißt es,
ja mehr als konkurrieren. Wie wär's, wenn wir etwas mehr an uns selbst
anstatt für uns selbst arbeiteten?”

„Aber wenn es nun gerade diese Arbeit an uns selbst ist, die unsern
irdischen Tatendrang hemmt? So kommen wir in der Welt nicht vorwärts.”

„Aber wir kommen im Leben höher hinauf. Wie wäre es, wenn wir uns von
Zeit zu Zeit vor Augen hielten, daß wir nicht Hunderte von Jahren in
einem Zug hienieden leben werden! Wir kommen auf die Welt, werfen
auf alles einen Blick und gehen wieder. Gewiß, Herr Rechtsanwalt, wir
kommen vorwärts, wenn wir auch nicht über die andern hinauskommen.”

„Wir sind verschieden fürs Leben ausgerüstet, haben vielleicht auch
verschiedene Bestimmungen, Napoleons Tätigkeit war von dieser Welt, er
wollte vorwärts, wenn es auch über die andern hinwegging.”

„Aber das war nicht die Seite von ihm, von der er selbst und die Welt
den größten Segen hatte.”

„Das war wohl sein Schicksal. Er und andere -- wir handeln alle, wie
wir getrieben werden.”

„Wir stellen die Übermacht des Schicksals fest, ja. Damit haben wir
eine süße Entschuldigung für unsere eigene Aufführung.”

Na, jetzt nahm sich der Postmeister doch etwas zu viel heraus, wurde
vielleicht sogar persönlich ausfällig, das wollte sich der Rechtsanwalt
nicht bieten lassen, dazu hatte er ihn nicht mitgenommen. „Ich will bis
hinauf zum Aussichtspunkt. So weit wollen Sie doch vielleicht nicht mit
gehen?”

„Nein,” erwiderte der Postmeister, und nun kehrte er um.

Rechtsanwalt Fredriksen atmete auf, alles ging, wie er berechnet
hatte, er sah nach der Uhr. Am meisten freute ihn, daß er den Doktor
losgeworden war, er kannte dessen gespanntes Verhältnis zu Konsul
Johnsen und wollte jetzt nicht gern in seiner Begleitung gesehen
werden. Er pfiff auf die Geistigkeit und Metaphysik, Dinge, die unserm
Leben hienieden nur im Wege stehen, wir wollen doch weiterkommen in der
Welt. Er wollte nicht gerade einen andern über den Haufen rennen, nein,
das wollte Rechtsanwalt Fredriksen nicht, aber er wollte auch nicht
gehemmt werden. Das war der gesunde Tätigkeitsdrang. Nein, jemand über
den Haufen rennen, mit dem Messer zustoßen? Keine Spur! Berntsen, der
Geschäftsführer bei Konsul Johnsen, wartete wohl auf Haussuchung und
Verhör, aber es sollte nicht geschehen, der Herr Reeder sollte Frieden
haben.

Das fehlte gerade noch, daß er noch unangenehmer gegen Konsul Johnsen
wurde, als er gewesen war. Der Rechtsanwalt hatte die Zähne gezeigt,
brauchen wollte er sie nicht, als Vorsitzender des Komitees hatte er
humane, und als Rechtsanwalt Fredriksen intime Gründe, so aufzutreten.

Er geht am Hause des Doppelkonsuls vorbei, ein Haus mit Schnitzwerk,
Altan und Veranda, ein großes Haus, Garten mit Flieder und Jasmin,
ein Duft von Reichtum und Kultur, Springbrunnen, Zementurnen,
Schmetterlinge, Flaggenstange, alles, was dazu gehörte. Er geht in
die Berge, richtig, Fräulein Fia macht ihren Abendspaziergang, sie
sucht Erholung nach der Arbeit des Tages. Er hat sie nicht vergessen
und nicht aufgegeben, er schaut sie mit denselben Augen an wie zuvor,
wie die Armut Millionen anschaut. So viel war sicher, jetzt hatte er
bessere Aussichten bei ihr, vielleicht wollte die Dame nicht noch
weiterhin sich selbst im Wege stehen und schlecht rechnen. Hatten sie
und ihre Familie jetzt nicht Hochachtung vor seinem Abgeordnetentum
bekommen?

Fia sah ihn hinterher kommen und ging rascher zu.

Ach, die Dame rechnete wohl gar nicht, hatte keine Übung im Rechnen,
keinen Bedarf zu rechnen; wie sie geschaffen und angelegt war, mußte
Gott wissen!

Sie geht immer rascher, aber das hilft nichts, er holt sie ein, und
er bekommt auch in dieser rosenroten Abendstunde seinen endgültigen
Bescheid von ihr. Wie rasch sie ging, wie eifrig sie ihm auszuweichen
versuchte! Wie stark mußte ihr Verlangen nach Sonnenuntergang und
Schönheit sein, wenn sie so lief! Aber Rechtsanwalt Fredriksen war
nicht der Mann, der etwas gleich verloren gab.

Er rief ihr von hinten einen Gruß zu und sagte außer Atem: „Sie rennen
mir beinahe die Seele aus dem Leibe, Fräulein Fia.”

Sie, fein und blaß, mit vielen Vollkommenheiten, wie gewöhnlich etwas
geputzt, kühl wie gewöhnlich, wieder ganz die Komtesse, sprach: „Das
tut mir leid. Ich war in Gedanken versunken, ich pflege hier spazieren
zu gehen, um allein zu sein.”

„Ist es Ihnen angenehm, so allein zu gehen?” fragt er. „Woran denken
Sie, wenn Sie hier oben sind?”

„An das da draußen,” erwidert sie und deutet auf die ganze Welt,
Wolken, Meer, Nirwana. „Ja, das tut mir gut.” Und sie begriff wohl
diesen Mann gar nicht, dieses Tier, das neben ihr stand und keinen
edlen Naturgenuß kannte. Wie jemand nur dafür kein Gefühl haben konnte!

„Ich bin eben erst vom Landtag heimgekehrt,” sagte er; „und ich wollte
Sie gerne begrüßen.”

„Sehr liebenswürdig.”

„Sie sind wohl auch eine Weile weggewesen?”

Sie erwiderte: „Sie wissen, ich komme und gehe. Jetzt will ich nach
Paris.”

„Beim Satan!” dachte er wohl, groß, groß mußte es sein, Notre Dame,
Eiffelturm, Rothschild. Und in diesem Augenblick überkam ihn wohl eine
gewisse Angst, er stehe etwas unter ihr, denn er sagte: „Was sollen
wir Abgeordneten und Rechtsanwälte sagen über das wirklich Große? Daß
es unerreichbar ist. Aber auch wir verstehen das eine und das andere,
Fräulein Fia.”

War das eine Unterhaltung für diese Dame!

„Ich meine, auch wir können steigen Stufe um Stufe, zu höheren und
immer höheren Stellungen. Das ist das Gute bei der demokratischen
Gesellschaftsordnung, daß jeder die höchsten Posten erreichen kann.”

Schweigen. Die Dame schien seine Aussichten nicht zu erwägen.

Nein, Rechtsanwalt Fredriksen ging also zu seinem Vorhaben über, er gab
ihr zu verstehen, was sie für ihn war, daß sie einfach alles für ihn
sei, und ob sie ihm ein wenig mehr Hoffnung machen könne, etwas mehr
Hoffnung als das letztemal.

„Nein,” sagte die Dame.

Ob er recht gehört habe, ob sie es sich auch diesmal nicht noch
überlegen wolle?

„Nein,” sagte sie und schüttelte den Kopf. „Betrachten Sie doch lieber
den Sonnenuntergang,” sagte sie. „Sehen Sie doch nur diese Farben! Wie
prachtvoll die Welt von hier aus ist!”

Nein, er gab sich nicht: „Ja, die Aussicht ist recht schön, aber die
Aussichten?”

Fragend schaute sie ihn an.

„Meine Aussichten? Die Zukunft!”

Nun wurde sie wirklich ein wenig ärgerlich, er hätte doch etwas anderes
sagen können, wenn sie ihn auf Farben aufmerksam machte. Hatte denn
dieser Mensch gar keine Poesie und Kultur? „Nein, entschuldigen Sie,
von Ihrer Zukunft müssen Sie mit andern reden,” sagte sie.



22


Über Oliver ging es aus, über einen Unschuldigen, der sich den Plänen
des Rechtsanwalts Fredriksen nicht in den Weg gestellt hatte. Weshalb
mußte er es entgelten?

Oliver hinkte vom Lagerhaus heim, als ihn der Rechtsanwalt einholte und
sofort von Geschäften anfing: „Na, Oliver, du hast jetzt eine feste
Stellung, es ist Zeit, daß du das Haus einlöst.”

Was auch schuld sein mochte, der Rechtsanwalt kam von dem
Aussichtspunkt herunter, von einem Geschäft her, das ihm vorbeigelungen
war, nun sollte ihm wohl ein anderes gelingen. Legte er keinen großen
Wert auf die bindende Abrede mit Konsul Olsens Tochter? Oder mißtraute
er der Mitgift? Jedenfalls sprach er jetzt kurz und gut, wie einer,
der retten will, was noch zu retten ist, an seinen Worten war nichts
Unsicheres und Unbestimmtes.

Oliver erwiderte nur, wie er denn das Haus einlösen solle, mit seinem
Lohn im Lagerhaus, der gerade groß genug sei, daß er davon leben könne?

„Ja, was geht das eigentlich mich an?” fragte der Rechtsanwalt.
„Verkaufe du das Haus und bezahle mir mein Geld, dann sind wir quitt.”

Wo Oliver mit seiner Familie hinsolle?

„Da haben wir es wieder einmal!” fährt der Rechtsanwalt los. „Was wäre
denn das für eine Pflicht meinerseits, mit der du rechnest? Überleg'
dir doch einmal, das Haus verliert von Jahr zu Jahr an Wert, du hältst
es nicht einmal mit Anstrich gut im Stand, es vermodert ja.”

„Ich wollte es in diesem Sommer anstreichen lassen.”

„Nein, das kann nicht länger so weitergehen. Du weißt, wo mein Kontor
ist -- entweder du kommst selbst oder deine Frau kommt.” Damit ging der
Herr Rechtsanwalt weiter.

Natürlich mußte Oliver seine Frau schicken. Sie hatte die Sache schon
einmal gedeichselt und paßte am besten dazu. Es traf sich auch, daß
Petra jetzt gerade sehr gut und munter aussah, schöne neue Leibwäsche
hatte sie auch bekommen, und die ganze Person war demgemäß voller
Selbstgefühl. Das konnte ihr niemand verdenken. Und sie wollte sofort
gehen, diesen Abend noch. „Aber das Kontor ist jetzt geschlossen,”
wendete Oliver ein. -- „Dann klopf' ich an seinem Zimmer an,” erwiderte
Petra. Da konnte Oliver nicht anders, er mußte ihren Eifer bewundern
und sagte ermahnend: „Ja, aber das will ich hoffen, daß du ihm nun auch
recht klar machst, was er einem Krüppel anzutun gedenkt.”

Nachdem Petra gegangen war, zog Oliver Zuckerwaren und Bäckerbrot
aus der Tasche, die er für sich und die kleinen Mädchen mitgebracht
hatte. Er machte keinen Unterschied zwischen den beiden, sondern teilte
gleich, und die mit den blauen Augen, die Blaumeise, bekam eher noch
mehr, weil sie die freundlichste und im Grunde genommen die herzigste
war. Merkwürdig, daß das so endete! Der Vater hatte lange auf eine
Pferdenase in diesem blauäugigen Gesicht gewartet, sah sich aber
angenehm enttäuscht. Vor lauter Freude darüber hatte er das blauäugige
Kind ebenso lieb, wie das mit den „Familienaugen”. Einmal hatte er die
Blaumeise geschlagen, als sie von seinem eigenen Landungssteg aus ins
Wasser gefallen war. Da hinkte er nicht, da flog er herbei, um sie zu
retten, und zog sie mit der Krücke aus der Tiefe. Als sie die Augen
aufschlug, stieß er einen Schrei aus und schlug sie ein paarmal mit der
Faust auf ihr kleines nasses Hinterteil, seine Freude hatte sich im
Augenblick in Raserei verwandelt. Sonst schlug er seine Kinder niemals,
das war die Sache der Mutter. Oliver verstand es am besten mit den
Kleinen, und deren ganzes Herz gehörte auch ihm.

Jetzt tun sich die drei in allem Behagen gütlich und freuen sich
über die Heimlichkeit ihrer Schleckerei. Es ist gerade, als ob sie
gestohlenes Gut teilten und verzehrten, sie erschrecken einander zum
Spaß mit dem Ruf: „Mutter kommt! Großmutter kommt!” Sie tun etwas auf
die Seite für die Brüder, den Studenten und den Schmiedknecht. O,
solch einen Vater, um den Kindern einen Festschmaus zu bereiten, gab
es nicht wieder! Dann erzählt er ihnen von seinen Seereisen, er ist
in der Welt draußen gewesen, er hat Feuerfresser gesehen, Menschen,
die brennendes Werg verschlangen, und Hunde, die Milchwagen zogen.
„Du große Welt!” sagen die kleinen Mädchen. Ho, was war das gegen
alles, was er sonst noch gesehen hatte: Affen, Pfauen, Kameele, wie
Abraham, Isaak und Jakob sie hatten. Wilde, mit Ringen in der Nase,
Wolkenkratzer, feuerspeiende Berge, einmal ein Seeräuberschiff, einen
Klipper, einen Dreimaster mit einunddreißig gesetzten Segeln, einmal
einen Mord in einem Kaffee am hellichten Tag. „O Gott!” schauderten die
kleinen Mädchen, „bist du selbst niemals von bösen Leuten überfallen
worden?” Dazu hätte etwas gehört, ihn zu überfallen, sagt er. Leider
sei es sein Schicksal gewesen, krank und lahmgeschlagen zu werden. Die
kleinen Mädchen bedauern ihn, und die drei sitzen zusammen wie drei
Weibsleute.

Da meinen sie plötzlich, jemand kommen zu hören, der Vater beeilt sich,
den Tisch abzuleeren, er schiebt im letzten Augenblick zwei ganze süße
Brötchen in den Mund und sitzt mit unbeweglichen Kinnladen da. Ach, er
ist so ausgestopft und so unsäglich komisch mit seinem ernsten Gesicht
und seinem vollen Mund.

Es war ein blinder Lärm, niemand kommt, die Verschworenen sind wie
erlöst. Da werden die kleinen Mädchen von einer tollen Freude erfaßt,
sie fragen den Vater allerlei, um ihn zum Sprechen zu bringen, sie
kitzeln ihn in der Seite, drücken auf seine Wangen, kichern und lachen.
Der Vater muß auf einen Stuhl steigen, um fertig kauen zu können; drei
Kinder!

Nach einer Weile kommt Frank herein, der Student, erschöpft und blaß
von seinem Tagewerk, wie einer, der von Ausschweifungen geschwächt ist.
Er bekommt sein Essen und seine Kuchen und schweigt, auch in diesem
Augenblick noch beschäftigt er sich mit der mageren Gedächtnisarbeit,
von der er herkommt. Es ist etwas Trauriges um den Jungen, in
geschenkten Kleidern und mit Händen, die nicht zuzufassen verstehen.
Ach, er ist so sprachenkundig, und er ist so unreif!

Oliver, sein Vater, meint wohl, es könne ihm nicht schaden, wenn er ihm
einige väterliche Worte gönne: „Du solltest nicht so übermäßig viel
studieren, Frank, du wirst ganz krank davon. Und soviel ich merke und
verstehe, so weißt du mehr als sonst irgend jemand in der Stadt, was
das betrifft.”

Frank schweigt.

„Erzähl' uns ein wenig von dem, was du heut gelesen und erforscht hast.”

Ach, davon verstehen sie doch nichts; allein Frank läßt das eine und
das andere verlauten, damit sie einen Einblick in die Dinge bekommen,
nennt Verbalformen, Suffixe, dissimilatorische Ausrufe; er gibt sich
weit, weit herunter und erklärt Kasus und Geschlecht. Der Wilde
spricht, er hat es im Kopf, es geht ihm zum Munde heraus, Laute, ein
mühselig angelerntes Hirngespinst, das ihn Tag und Nacht beschäftigt,
eine Vogelsprache, ein fürchterliches Durcheinander. Er behandelt das
als etwas Köstliches und Feines; wenn die kleinen Mädchen ein Wort
verkehrt wiederholen, verbessert er sie, und der kleine Mann fühlt sich
überaus groß darüber, mitten in seiner gelehrten Unwissenheit hat er es
zu der eingelernten Sicherheit eines Schuljungen gebracht. Kein Mensch
hat ihn denken gelehrt, unter dem Druck seiner Aufgabe hat er nur immer
weitergestrebt, davon konnte keine Rede sein, daß er seine Zeit und
Kraft vertrödelt hätte, er hat das Leben zur Sprachwissenschaft gemacht
und fühlt sich nicht betrogen. So schreitet er weiter durch seine
Öde, eine leere, törichte Wanderung, nicht um irgendwo hinzugelangen,
sondern nur, um auch einer von denen zu sein, die durch die Öde
schreiten. Das ist seine Aufgabe sein ganzes Leben lang.

Er langweilt seine Zuhörer, und der Vater gähnt, geht aber nicht so
weit wie die kleinen Mädchen, die vom Tisch aufstehen. Frank merkt,
daß sie abtrünnig werden, das beleidigt ihn ein wenig, und er sagt
grinsend: „Jawohl, ich soll wohl hier schön sitzen bleiben und euch
etwas beibringen!”

Die kleinen Mädchen setzen sich vorsichtig wieder auf die Stühle, und
der Vater entschuldigt sie: „Sie lernen es doch nicht, das ist ihnen zu
hoch. Aber wir meinen alle, es gehöre dies zu dem Merkwürdigsten, was
wir je gehört haben. Und doch hab' ich draußen in der weiten Welt die
Neger sprechen hören.”

Aber Frank hat seine gute Laune eingebüßt, er ist abgeschafft und
verträgt wenig, deshalb macht er sich jetzt zum Ausgehen fertig, er
will jetzt gleich fortgehen.

„Willst du ausgehen?” fragt der Vater.

„Ja.”

„Na, dann danken wir dir für das, was wir diesmal gehört haben. Aber
daß die deutschen Wörter ein Geschlecht haben sollen -- ich hab' ja
viel mehr Deutsche sprechen hören, als die meisten von uns -- aber wenn
du es sagst --”

„Du, dein Schlips ist elend verdreht!” macht ihn die Blaumeise
aufmerksam.

Da Frank auf Genauigkeit aus ist wie ein Heftelmacher, verbessert er
diese Sprache, er zerpflückt sie und zeigt, wie schlecht sie ist. Ach,
aber es ist eine hoffnungslose Sache, sich Mühe mit ihnen zu geben, die
haben nicht mit acht Jahren angefangen, Sprachen zu lernen. Er geht
also und vergißt den Schlips.

Jetzt sind die drei wieder allein. Auch ihre gute Laune ist dahin,
sie kommen nicht mehr in Zug mit der Lustigkeit, und die Braunäugige
ist böse auf Frank. Der Vater entschuldigt ihn. -- „Ja, aber er wird
doch nicht Pfarrer, wozu braucht er dann so viel zu lernen?” -- „Ach
schweig! Der Schulvorsteher ist auch nicht Pfarrer und doch ein
gelehrter Herr. Was schwatzst du denn da!”

Nun kommt auch Abel heim, und da er bei dem Schmied schon zu Abend
gegessen hat, bekommt er jetzt nur zwei kleine Kuchen. Aber Abel ist
auf seine Weise auch ein netter Kerl, und nachdem er die Leckereien
verzehrt hat, zieht er aus seiner Tasche neue leckere Dinge, die er
selbst für die andern mitgebracht hat. Seht, Abel bekommt ja jeden
Tag bei dem Schmied seine ordentlichen Mahlzeiten, aber zu Hause
ist es sehr ungleich mit den Lebensmitteln, die Schwesterchen sind
durchaus nicht jeden Abend satt, wenn sie zu Bett gehen, und der Vater
vielleicht auch nicht. Als Abel die zwei kleinen Tüten auf den Tisch
legt, ruft er zugleich, daß sie die Süßigkeiten nicht anrühren dürften
-- er habe sie für sich selbst gekauft, sagt er, sie sollten sich nicht
unterstehen, etwas davon zu versuchen, er wolle sich selbst im Bett
damit gütlich tun. Darauf fallen die Schwestern und der Vater über die
Süßigkeiten her und verzehren sie. „Ihr Raubtiere!” poltert Abel. --
„Hast du noch mehr?” -- fragt das Braunchen. „Ich will dir noch mehr
geben!” -- „Haha!” -- Aber plötzlich flüstert der Vater: „Und Frank?”
-- Und siehe, da stellt sich heraus, daß Abel für Frank zwei Stücke
Kuchen besonders in der Tasche behalten hat.

Sie essen und lassen sich's wohl sein. Mutter und Großmutter werden
nicht mitgerechnet, die trinken viel Kaffee und lassen sich's auch wohl
sein, sie halten oft einen Schmaus auf eigene Faust. Oliver, der Vater,
selbst ist es gewesen, der diese heimlichen Feste eingeführt hat, das
kam wohl von seinem Drange her, den Kleinen etwas Gutes anzutun; aber
mit der Zeit war das ausgeartet, es wurde diesem Manne immer weniger
Bedürfnis, offen zu handeln; er fand es am bequemsten, die Kinder im
Flur zu treffen und ihnen einen guten Bissen zuzustecken, den sie auf
der Stelle hinunterschlucken konnten. O, die Erinnerungen an alle diese
herrlichen Durchstechereien, wo ihnen dieser Vater Gutes getan hatte!
„Weißt du noch damals, und weißt du noch damals?” sagen sie zueinander.
Genau genommen gab es doch keinen wie ihren Vater.

Da sitzen sie.

„Seht doch nur Abels Hände und Handgelenke an!” sagt der Vater. „Genau
wie ich sie hatte, als ich noch heil und gesund war.”

„Laß mich sehen, Abel!” sagt das Braunchen und reißt an den Haaren
auf seiner Hand. Er schreit und klagt seinem Vater. „Du bist doch der
älteste, kannst du ihr das nicht untersagen?”

Der Abend vergeht, in der Stube herrscht Familienleben. Die Welt
draußen geht sie nichts an. Sie streben nicht nach etwas Besserem, was
sollte das auch sein? Die Blaumeise hat von dem Kuchen wahrhaftig etwas
Farbe im Gesicht bekommen. Hier sitzt ein Vater, umgeben von seinen
Kindern. Er ist freundlich und fett, und wenn er nicht untersucht wird,
ist er harmlos anzuschauen. Was er für Kinder hat! Die kleinen Mädchen
sind aufgeweckt, sogar sehr aufgeweckt, verteufelt klug; die sind
schlau, die merken viel. Frank ist jetzt schon gelehrt, und Abel schon
ein Mann. Nichts könnte besser sein, mit Süßigkeiten noch dazu ist es
ein Paradies.

Jetzt muß Abel in die Kammer zur Großmutter, dort hat er seine
Schlafstelle. Sein Lager ist eine Schlafbank, die des Nachts zum Bett
wird. Das ist wundervoll, Abel ist müde und schläft wie ein Stein. Und
jetzt geht er, denn er muß ja morgen beizeiten wieder in der Schmiede
sein.

Bald darauf sind auch die kleinen Mädchen zur Ruhe gegangen und Frank
in seine Kammer zurückgekehrt; Oliver sitzt allein am Tisch. Er meint,
Petra bleibe recht lange aus. Weiß Gott, was sie macht; er gähnt,
er zieht seinen Taschenspiegel hervor und betrachtet sich genau.
Wenn Petra heimkommt, will er sie fragen, was sie in der langen Zeit
ausgerichtet habe, unweigerlich will er diese Frage an sie richten,
jawohl, das soll nicht fehlen.

Als Petra endlich kommt, hat sie ihm eine Neuigkeit mitzuteilen. Schon
durch ihre ersten Worte wendet sie jede Mißbilligung ab: „Es ist ein
fremder Dampfer eingelaufen.”

Der frühere Matrose beißt sofort an und fragt: „Wo?”

„Er hat am Bollwerk angelegt.”

Über diese Neuigkeit vergißt Oliver alles andere; er hinkt hinaus, um
selbst nachzusehen. Eine gute Weile blieb er draußen, und als er wieder
hereinkam, brüstete er sich mit seinem Wissen. „Der Flagge nach ist es
ein Engländer.”

„Ein Engländer!” ruft Petra.

„Er hat dieselbe Art Luken wie die Kornschiffe, also wird er wohl für
den Grütze-Olsen bestimmt sein.”

Um ihm entgegenzukommen, heuchelt sie noch weiter übertriebene
Teilnahme und ruft: „Zu Grütze-Olsen! Das konntest doch auch nur du
herausbringen!”

„Ja,” sagt er. „Ich bin doch wohl nicht umsonst in der Welt draußen
gewesen.”

Jetzt ergreift sie die Gelegenheit und wirft ein: „Ich bin wohl sehr
lange beim Rechtsanwalt geblieben. Aber ich mußte doch ordentlich mit
ihm reden.”

„Allerdings,” sagt Oliver und fragt dann: „Was hat er gesagt?”

„Er hat geknurrt.”

„Der Leuteschinder! Ich sollte nur noch meine volle Kraft und
Gesundheit haben! Was habt ihr denn ausgemacht?”

„Er hat ein wenig nachgegeben. Vorerst will er noch zuwarten. Aber mit
einem einzigen Mal war er nicht dazu zu bringen,” sagt Petra.

„Nicht?”

„Ich soll in der nächsten Woche wieder hinkommen,” sagt sie.

„Nun, es ist jedenfalls ein Aufschub,” sagt Oliver. „Ich will doch
hoffen, daß du die Sache in Ordnung bringst. Daß du ihm auf alles
ordentlich dienst, was er zu dir sagt, das Untier.”

Dann geht er wieder zum Haus hinaus. Dieser Engländer beschäftigt ihn
vollständig, sein Seemannsherz sehnt sich hinunter ans Bollwerk zu
dem fremden Dampfer, er will ihn in der Nähe sehen, will ihn riechen,
ein Seeschiff vom Ausland, englische Sprache, halbnackte Heizer, der
Schiffer hoch oben auf der Kommandobrücke. Am Bollwerk trifft er
viele neugierige Stadtkinder, er trifft den Fischer Jörgen und den
unvermeidlichen Olaus vom Wiesenrain mit der Pfeife im Mund.

„Schön, daß du kommst!” sagt Olaus. „Du kannst mir dazu verhelfen, daß
ich Tabak in meine Pfeife bekomme. Sie verstehen nicht, was ich ihnen
zurufe.”

Oliver hat nichts dagegen, den Mann zu spielen, der Englisch kann, und
als jetzt ein Gangbrett ausgelegt wird, geht er an Bord. Aber Olaus
ist so unbedingt der alte Olaus, er spottet über den Tabak, den sie
bekommen, es sei ja nicht mehr, als was auf einen Fingernagel gehe,
und besseren habe er auch schon kennen gelernt. „Pfui Teufel! Ist denn
niemand da, der einen guten, starken Tabak hat? Wo ist der Steuermann?”

Da ist es gerade, als ob der englische Matrose die norwegischen Worte
verstünde; aber er liest den Sinn doch wohl nur von Olaus unzufriedenem
Gesicht ab, er steckt kurz und gut seine Pfeife ein und geht fort.
Oliver sieht ihm nach, und eine unbestimmte Erinnerung fährt ihm durch
den Sinn. Diesen fremden Seemann hat er früher schon einmal getroffen,
oder jedenfalls einen, der ihm ähnlich sieht. Er konnte ihn in einer
Hafenstadt, auf der Straße, irgendwo oder in einem Heuerkontor gesehen
haben; aber wo? Die Welt ist so groß und weit, und Oliver ist überall
gewesen.

Er trifft einen andern von der Mannschaft und spricht sein beinahe
vergessenes Englisch mit ihm, erfährt, wo das Schiff herkommt und für
wen in der Stadt es bestimmt ist, alles ist ihm wichtig und versetzt
ihn in sein früheres Leben auf der See zurück. Er erfährt, wieviel das
Schiff laden kann, wieviel Mann Besatzung es hat, wie alt der Kapitän
ist und wie lange sie von der Ostsee bis hierher gebraucht haben. Dafür
berichtet Oliver, was er selbst ist, ein alter Seemann, er fing schon
an, als er erst eine Spanne lang war, war aber Vollmatrose gewesen,
als das Unglück ihn traf, als die Trantonne kam und ihm die Knochen
zerschmetterte. Na, das sei schon eine Weile her, und vor einigen
Jahren habe er, er so gut wie ganz allein, ein großes Wrack geborgen,
das sei zum Exempel nicht so wenig für einen Krüppel, er sei darum auch
in die Zeitung gekommen. Seit vielen Jahren sei er jetzt Aufseher in
Konsul Johnsens Lagerhaus dort drüben, er sei verheiratet und habe mit
seiner Frau vier Kinder gehabt, einer von den Jungen sei Student.

Olaus vom Wiesenrain wird dieses Geschwätz in einer ihm
unverständlichen Sprache langweilig, er geht an Land. Der Engländer
ist geduldiger, und es zeigt sich zum Schluß, daß er der Steuermann
ist, der zweite Steuermann, er ist nicht fein und geleckt, sondern
im Gegenteil ein Kernmensch, er zeigt sogar ein wenig Teilnahme für
das winzige Städtchen, in dem er jetzt eine Weile liegen muß, um zu
löschen. Oliver bekommt den besten Eindruck von ihm.

Als er wieder an Land geht, ist er vollgestopft mit Wissen und kann
seine Bekannten um sich versammeln und Bericht erstatten. Der Fischer
Jörgen ist ein getreuer Zuhörer, alt und steif steht er da und hört
zu, sagt wenig, hängt am Munde des Erzählers und geht nicht seines
Weges, er ist kein Läufer, nein. Es liegt ein Zug von Gehorsam über dem
alten, verbrauchten Fischer, seine Frau hat ihn wohl im Lauf des halben
Jahrhunderts gebeugt. Ach, und er ist zu solid, um zu den Schwätzern
zu gehören. Seht, Mutter Lydia war heftig und tüchtig noch heutigen
Tages, der Stadt beste Wäscherin, noch heutigen Tages ein Reibeisen,
aber sie hatte den Mann nicht dazu gebracht, sich aufzurappeln, er war
schwerfällig und treuherzig, er beugte sich. Gott weiß, vielleicht
hatte er zu viele Haustöchter um sich her, die alle Stühle im Hause
besetzten. Der Sohn Eduard war auf See.

Obgleich das fremde Schiff nur ein gewöhnliches Frachtschiff war,
spielt sich Oliver doch auf, wie wenn er der Eigentümer wäre: er sei
überall herumgegangen und habe alles angesehen, der Salon sei Mahagoni
mit Vergoldung --

„Du bist nicht im Salon gewesen,” unterbricht ihn Olaus.

„So, ich soll nicht im Salon gewesen sein?”

Olaus schreit auf: „Willst du uns vielleicht weismachen, du seist im
Salon gewesen? Der Schiffer ist ja am Land.”

Oliver gibt nach: „Ich bin aber am Salon vorbeigegangen und hab' alles
gesehen. Ich begreife nicht, daß du nie das Maul halten kannst.” Er
wendet sich den andern zu und fährt fort: „Der Kapitän muß reich sein.”

„Hat er das selbst gesagt?” fragt Olaus.

Jetzt tut sich Oliver wieder dick, spielt sich als den
Lagerhausvorsteher auf und ist sich zu gut dazu, mit jemand, der so
tief unter ihm steht, zu streiten. Der Krüppel hat seinen Stolz.

Aber Olaus hat auch den seinen. Auch er bleibt auf seinem Platz. Hat
ihn schon jemand je weichen sehen? Als Oliver und die andern das
Bollwerk verlassen, bleibt Olaus allein zurück, aus keinem andern
Grund auf der Welt, als nur, um nicht der zu sein, der geht. Ein
steifnackiger und verdrehter Mensch, ohne Bosheit, aber er hat ein zu
ungewaschenes Maul. Er war ein unverbesserlicher Trunkenbold, übernahm
sich aber nicht und bettelte niemals um etwas anderes als um Tabak.
Unhöflich war er, und er grüßte die Honoratioren des Städtchens nicht.
Seine Bombengesundheit erlaubte ihm, zu schlafen, wo er wollte, im
Freien oder unter Dach.

Kein Schiffer, kein Doktor, kein Konsul, keiner von den gewöhnlichen
Leuten des Städtchens war er, aber ein Hafenarbeiter mit einer
Tabakspfeife, ein Wrack mit noch wertvollem Eisen darin, jawohl, der
Ärmste war doch noch ein Stück von einem Mann!

Auch er hätte wohl den einen und den andern Grund zum Jammern gehabt,
auch er war ein Krüppel, von einem Unglück getroffen, verschimpfiert
im Gesicht, ein Mann mit nur einer Hand, aber gottlob doch noch
mit _einer_ Hand; er vergoß indes keine Tränen, er setzte sich auf
die Hinterbeine, hoho, er verdünnte seine Sorgen mit Branntwein und
ertrug sie. Ein Sonderling auf seine Art: es fiel ihm nicht im Schlaf
ein, geradezu zu stehlen, man konnte ihm die Waren am Landungsplatz
anvertrauen, aber er ließ sich seine Arbeit tüchtig bezahlen, und wenn
sich die Gelegenheit bot, dann hieb er die Leute übers Ohr. Seine
Frechheit war im Grunde klar und offenkundig, er schlich sich nicht
weg und versteckte sich, sondern trat auf als der, der er war, grob
und unverantwortlich, von vollkommener Sicherheit. Alles in allem ein
Mensch mit guten und schlechten Eigenschaften durcheinander. Machte
er kleine Reisen in die Nachbarstädtchen, nur um sich zu raufen?
Keine Rede, Olaus machte diese Ausflüge, um sich einmal ordentlich
zu betrinken, das stärkte ihm wieder den Mut. Daß ihm die eine Hand
fehlte, war ihm weiter nicht lästig, er konnte nicht damit zufassen,
aber er konnte mit seiner einen Hand heben und tragen. Wer einhändig
ist, hat immer noch das Glück, nicht ganz ohne Hände zu sein. Dieses
Glück hatte er. Olaus verzweifelte nicht, er hatte doch noch eine Hand.
Er sah gehörig herunter auf den fetten Oliver, der übers Bollwerk
hinkte und nicht einmal zwei Beine hatte, der arme Tropf!

Die beiden Krüppel verachteten einander gegenseitig, und ganz
zweifellos war Olaus der Überlegenere. Oliver wußte das und wußte
sich vor Neid nicht zu lassen; das zeigte sich in einem zudringlichen
Mitleid mit seinem Unglücksbruder; er bedauerte ihn, weil ihn das
Unglück zu einem Trinker gemacht hatte, der in seiner Raserei sein Weib
prügelte. -- „Ich prügle sie nicht!” rief Olaus. „Das geschah nur, als
sie anfing, es mit andern zu halten. Paß du auf deine eigene Frau auf!”

Da wurde Oliver so teilnehmend, daß es ganz herzbewegend war, und
er sagte: „Du tust einem herzlich leid, wenn man dir ins Gesicht
sieht, aber noch schlimmer ist es mit deinen Händen. Du kannst dir ja
gar nicht in allem selbst helfen, nicht einmal eine Nadel kannst du
einfädeln. Ja, du tust mir herzlich leid!”

Naja, Olaus konnte wirklich keine Nadel einfädeln, das war eines von
den Dingen, die er nicht tun konnte. Und er war auch nicht glatt
und bartlos und weibisch im Gesicht, im Gegenteil, sein Gesicht
war knochig und scharf, Bart und Gesichtsfarbe waren dunkel, die
Pulverkörner, die in seine Wangen eingesprengt waren, saßen für immer
drin und wurden nicht heller. Olivers Gesicht war glatt und rund, wie
das Hinterteilchen eines Kindes, mit hängenden Wangen und feuchtem
Munde. Das Gesicht war wenig anziehend bei Olaus, bei Oliver hatte es
etwas Abstoßendes. Aber dieser hatte dennoch das große Übergewicht,
hatte den verschlageneren Kopf, einen hurtigeren Gedankengang. Geht
er nicht jetzt eben in der Dämmerung nach Hause und hat einen guten
Gedanken? Hier war vielleicht die Gelegenheit, seine Eiderdaunen
loszuwerden, sie in aller Stille aus der Stadt und aus dem Lande zu
schaffen.

Seht, er hatte nun einmal diese Eiderdaunen auf seinem Bodenraum, ein
gebundenes Kapital, es konnte niemand schaden, wenn er es freimachte,
im Gegenteil, das war ein Gewinn für eine ganze Familie, Olivers
Familie, die mit Hinauswerfung bedroht war. Als Schuld und Verfehlung
löste sich die ganze Geschichte in nichts auf, da verteilte sie sich
auf Hunderte von kleinen Mausereien von einem Klümpchen Eiderdaunen
im Verlauf eines Menschenalters. Ob wohl die Honoratioren der Stadt
im gleichen Zeitraum eine reinlichere Rechnung aufzuweisen hatten?
Und kurzum: die Diebereien waren einmal geschehen, und daß er das
gestohlene Gut verkaufte und vor Motten und Rost schützte, konnte
seine Schuld doch nicht vermehren! Konnten denn nicht die Eiderdaunen
darunter leiden, wenn sie zu lange in einem Bodenraum liegen blieben?

Andere Leute waren kein Haar besser als er, entweder sie hatten keine
Gelegenheit, einen Streich auszuführen, oder sie hatten es nicht nötig.
Sie hätten wohl auch manches Mal Lust dazu gehabt, es war ihnen sehr
unangenehm, es bleiben lassen zu müssen, aber sie trugen die Kette am
Bein, waren die Gefangenen ihrer eigenen Ehrbarkeit und ärgerten sich
darüber, daß sie sich keinen Verstoß erlauben konnten. So war es. Was
konnte man dann von einem Mann wie Oliver erwarten, einem Krüppel und
armen Kerl mit einer großen Familie? Hätte nicht auch er vornehm und
redlich in seinem Wandel sein können, wenn es ihm seine Mittel erlaubt
hätten? Aber wann hätte er Geld gehabt? Er lebte sein Leben wie ein
Pilz im Dunkeln, als Aufseher eines Lagerhauses mit Versuchungen in
jeder Ecke, im Winter in einer Kälte, daß er Frostbeulen an die Hände
bekam, im Sommer in einem Leber- und Trangeruch, der ihm den Atem nahm,
ein durchdringender Geruch, vor dem er zurückprallte, wenn er morgens
die Lagerhaustür aufmachte. Was Wunder, daß er dabei nicht völlig
unschuldig und seine Seele nicht weich wie Samt blieb. Vieles, was er
tat, wurde von einem Schatten verdunkelt, das Dunkel und er schienen
in einer Art von Einverständnis miteinander zu stehen -- jawohl, das
Merkwürdige war, daß er den Doppelkonsul nicht ermordete und ihm sein
Lagerhaus stahl.

Aber er hatte zu guten Verstand, um so etwas zu tun, er machte keine
Dummheiten, die ans Licht kamen. Seine Art, zu wägen und zu messen,
war nicht übersichtlich und wechselte je nach den Kunden, seine
sonntäglichen Ausfahrten mit dem Boot waren immer gleich geheimnisvoll;
er kam nachts nach Hause und hatte dies oder das bei sich, unter
anderem trug er diese Eiderdaunen in der Achselhöhle versteckt. Im Lauf
der Jahre war es eine prächtige Menge Eiderdaunen geworden, sie hatten
Platz in einem Sack, wenn er sie aber herausschüttelte, würden sie eine
ganze Kammer füllen. Der englische Dampfer konnte der Markt dafür sein.

Oliver übereilt sich nicht, seine Klugheit rät ihm Vorsicht an. Er
fragt seinen gelehrten Sohn Frank nur zum Spaß und wie um ihn zu
prüfen, was Eiderdaunen auf englisch heißt, und Frank blättert ein
wenig in einem Wörterbuch und findet es, das war für ihn die Sache
eines Augenblicks. Am Abend, wenn er mit seinem Packhaus fertig ist,
geht Oliver häufig hinunter ans Bollwerk, läßt sich dort sehen,
spricht mit den Engländern, wandert hin und her. Allmählich läßt er
durchsickern, daß er etwas Eiderdaunen habe -- ~eider down~ -- ob sie
sie brauchen könnten? -- Ja, das denke er schon, sagt der Steuermann,
der zweite Steuermann. „So, Sie haben ~eider down~, wieviel denn?” --
„Nur ein wenig, zu einem Bett oder so.” -- „Also nicht noch zu einem
zweiten Bett?” fragt der Matrose, der daneben steht. -- Doch, das könne
gut sein; Oliver sagt, er habe seit mehreren Jahren kleine Posten
gekauft, es reiche sicherlich zu zwei Betten oder so. --

Sie besprechen sich darüber. Oliver ist nicht gerade berechtigt, mit
Eiderdaunen zu handeln, er hat kein offenes Geschäft, aber in der Nacht
kann er eine Probe bringen. Und es wird so verabredet.

Die Probe ist fein und tadellos, ist überirdisch, ein Flöckchen löst
sich und schwebt zu den Sternen empor, in Eiderdaunen zu liegen, das
ist wie aufzusteigen, wie in der Luft zu schweben. Eine neue Abrede
wird getroffen über Preis und Lieferzeit, die Herren feilschen nicht.
Sie rechnen nach Pfund, aber Oliver kann keine englischen Pfund
annehmen, dieses Geld wäre zu verdächtig in seiner Hand. ~All right~,
sie überlegen unter sich, er soll norwegisches Geld bekommen, wenn
nicht vorher, dann im letzten Augenblick, er könne ganz sicher sein!
Oliver hat das flotte Seemannsherz, er kann die Herren gut leiden und
traut ihnen, er will immer ein wenig auf einmal bringen, und den Handel
dann zuletzt abschließen. „Ich hab' keine Angst um die Bezahlung,
Gentlemen!”

Sie nehmen ihn in Ecken und Winkel, um ihn für sich allein zu haben,
stecken ihm alles mögliche Eßbare zu und sind wie Brüder gegen ihn.
Das ist doch etwas anderes, als die Mannschaft auf der _Fia_, die den
Krüppel kaum betrachtet hatte. Ach, niemand ist wie die Engländer,
Oliver wird in den Arm genommen, sie schwatzen mit ihm und fragen
ihn aus, und er kann wohl mit einem und dem andern norwegischen Wort
antworten, wenn er mit seinem Englisch einmal stecken bleibt, sie
nehmen es nicht so genau, sie können ~make it out~. Nun haben sie bald
alle Leute in der Stadt gesehen, aber den Postmeister haben sie noch
nicht gesehen, sitzt denn der Mann Tag und Nacht in seinem Kontor und
hütet seine Geldbriefe? Der Steuermann und der Matrose interessieren
sich sogar für so gleichgültige Dinge, wie zum Beispiel, daß der
Postmeister seine Familienwohnung im Posthause hat. Sie reden auch über
Olivers persönliche Verhältnisse: So, er habe also einen Sohn, der
Student sei? Das sei ja prächtig. Sie wissen auch, daß er eine schöne
Frau habe, sehr gut gewachsen, sie haben sie am Bollwerk gesehen warum
er sie denn nicht mit hierherbringe? Sie würden sie nicht fressen.

Sie bieten ihm zu trinken an, daraus macht sich Oliver jedoch nichts;
aber sie haben gemerkt, daß er Wert aufs Essen legt, und luchsen dem
Stewart den einen und den andern Leckerbissen für ihn ab, den er dann
abseits verzehrt. Was sind das für Gentlemen!

Endlich hat das Schiff gelöscht, und Oliver bringt den letzten Rest der
Eiderdaunen. An diesem Abend trifft er nur den Matrosen. Es stürmt und
regnet, der Kapitän und der Steuermann sind zum Abschied bei Konsul
Olsen eingeladen, der zweite Steuermann hatte Zahnweh und ließ sich
entschuldigen, er wollte sich trotz des Wetters auf dem Gemeindeweg
warmlaufen; die Mannschaft war an Land.

Alles ist in Ordnung, noch diesen Abend soll Oliver das Geld bekommen,
norwegisches Geld, der zweite Steuermann ist eigentlich hauptsächlich
darum fort, um das zu holen.

Da die beiden also allein auf dem Schiffe sind, brauchen sie sich
nicht in Ecken und Winkeln herumzudrücken; der Matrose lädt seinen
Gast zu Beefsteak und gebratenen Kartoffeln im Mannschaftslogis ein.
Das wird eine denkwürdige Mahlzeit, Oliver bläht sich vor Sattheit und
Wohlbehagen. Plötzlich fällt sein Blick auf eine Schiffskiste, die an
der Wand steht, und es durchfährt ihn wie eine Erinnerung. Er sieht den
Matrosen an, und ist im Begriff, Adolf zu rufen.

„Wie heißt du?” fragt er.

„Xander,” erwidert der Matrose.

Schweigen.

„Merkwürdig, wie diese Kiste der meinigen gleich sieht,” sagt Oliver.

Gleichgültig erwidert der Matrose: „So? Es ist nicht meine; sie gehört
einem von den andern.”

„Dir gehört sie also nicht?”

„Nein. Wenn du mit Essen fertig bist, dann bring' ich den Teller wieder
hinaus. Komm, wir gehen hinauf!”

„Genau wie meine eigene Schiffskiste. Dieselbe Art Henkel, grün, wir
hatten Tabak darauf geschnitten, da sieht man noch die Spuren davon --”

„So.”

„Wie hast du gesagt, daß du heißt?”

„Xander. Komm, wir wollen hinaufgehen. Die andern können jetzt bald
wieder an Bord sein.”

Sie gehen hinauf. Es stürmt und regnet, es dämmert stark, und überall
ist es höchst unbehaglich. Sie stehen an der Reling und schauen ins
Weite, sprechen vom Wetter und schütteln den Kopf. Alles ist klar an
Bord, der Lotse ist im Hotel einquartiert und wartet auf die Abfahrt;
aber man muß gewiß noch die Nacht über an Land liegen.

Dort, wo auf dem Bollwerk einige Kisten stehen, rührt sich etwas, ein
Presenning hebt sich, ein Kopf kommt darunter hervor und horcht. Es ist
Olaus vom Wiesenrain, der sich hier für die Nacht zur Ruhe gelegt hat.

Oliver ist vielleicht von dem so sehr kräftigen Essen wie ein wenig
berauscht, er fragt plötzlich: „Wo hast du sie denn her?”

Der Matrose versteht nicht.

„Die Kiste. Ich hab' sie an einen Jungen, der Adolf hieß, verkauft.”

„Die Kiste gehört nicht mir, so hör doch!”

„Nein, entschuldige, sie gehört dir nicht, aber --”

Der Matrose sagt: „Wenn du jetzt heimgehst, so komm morgen beizeiten
wieder her. Heut nacht fahren wir nicht ab.”

Es war jetzt ungefähr elf Uhr.



23


Oliver begibt sich halb betäubt nach Hause. Konnte er so wenig
vertragen, daß ein gutes Essen und eine alte Schiffskiste seine
Gedanken in Verwirrung brachten? Hatte denn er, Oliver, dann einen
verschlageneren Kopf und bessere Überlegung, als der Mann dort unter
der Presenning?

Er trifft einige von der Mannschaft des Engländers, die jetzt wieder an
Bord gehen, sie kommen vom Gasthaus und sind recht fidel, Oliver kennt
die Sache von früher her.

Vor Grütze-Olsens Haus sieht er Leute stehen mit Regenschirmen und
Laternen, es sind die Herren, die bei der Abendgesellschaft gewesen
sind und die jetzt Abschied voneinander nehmen und heimgehen. Der
Doppelkonsul ist nicht dabei, auch nicht Konsul Heiberg, der auch
etwas großartig tut und nicht mit Grütze-Olsen verkehrt. Oliver sieht
den Rechtsanwalt Fredriksen und vernimmt auch dessen Donnerstimme,
er erkennt die beiden Engländer, den Kapitän und den Steuermann,
er erkennt Konsul Davidsen, den Postmeister, den Stadtingenieur,
den Zollverwalter. Dies war die Gesellschaft. Es fällt ihm ein, er
könnte sich sein Geld für die Daunen noch etwas mehr sichern, wenn er
Genaueres über den Abgang des Schiffes erführe, darum will er hinter
den beiden Seemännern hergehen. Olivers Überlegung ist zurückgekehrt.

„Gut Nacht, gut Nacht!”

Der Postmeister hat keinen Regenschirm zum Verleihen, aber er fragt ins
allgemeine: „Darf ich nicht jemand meine Laterne anbieten? Ich hab'
nicht weit nach Hause. Ihnen, Herr Kapitän?”

„Nein, vielen Dank, Sie sind sehr freundlich.”

Der Postmeister teilt den Regenschirm mit Herrn Davidsen, der
denselben Weg hat, und hält seine Laterne so, daß er selbst das
wenigste Licht davon genießt; sie reden nicht viel bei dem starken
Wind und über lauter gleichgültige Dinge. Davidsen, der Kleinkaufmann
und Konsul ist, hat nun heut abend doch etwas gemerkt, und als sie vor
seiner Tür stehen, fragt er geheimnisvoll: „Haben Sie gesehen, wie
hingenommen der Rechtsanwalt in der Gesellschaft gewesen ist?”

„Hingenommen?”

„Von der Dame, von der Tochter, wie heißt sie gleich, Olsens Tochter,
die älteste?”

Nein, der Postmeister hatte es nicht bemerkt.

„Das hat vielleicht etwas zu bedeuten,” meint Davidsen.

„Das ist wohl möglich, Konsul Olsen hat schöne Kinder, schöne Mädchen;
die den Maler geheiratet hat und die noch zu haben ist, sind beide
liebenswürdige Damen. Ich sinniere über das nach, was Sie gesagt
haben, was sollte das wohl bedeuten? Sie ist so jung und hübsch, der
Rechtsanwalt ist ja mindestens doppelt so alt.”

„Man hat schon mehr so Verrücktes erlebt.”

„Ach ja, wir arbeiten und mühen uns, freien und kämpfen und quälen uns
ab und richten uns darauf ein, spät zu sterben. Entschuldigen Sie, Sie
wollten etwas sagen?”

Der Kleinkaufmann und Konsul Davidsen hatte vielleicht gar nichts sagen
wollen, aber er hatte vielleicht eine Bewegung gemacht, war wie ein
wenig zusammengefahren, er hatte gewiß Angst, der Postmeister könnte
wieder mit einer seiner langweiligen Auseinandersetzungen anfangen, und
antwortete darum: „Ich wollte nur sagen, daß Sie meinen Regenschirm
gerne mit nach Hause nehmen dürften.”

Der Postmeister lehnte ab, nein, danke, es seien ja nur noch wenige
Schritte, er habe zu Hause einen Schirm. Doch was er habe sagen wollen:
ach ja, zum Unterschied von dem Hasen im Wald und der Möwe auf der See
--

„Der Rechtsanwalt denkt ja nur an die Mitgift,” fährt Davidsen fort.

Und der Postmeister seinerseits fährt auch fort: „Ach, was sind wir
Menschen doch in endloser Unruhe, Tag und Nacht! Wir kommen nie zur
Ruhe. Es gilt nicht, genug zu bekommen, man will mehr als genug
bekommen. Unsere Seele steigt in die Höhe und fällt wieder herunter,
kriecht auf allen vieren, versucht andere Aufstiege und fällt wieder
zurück. Und eines Tages sterben wir. Der englische Kapitän will heut
nacht die Anker lichten, das Wetter ist nicht dazu angetan, aber er
will trotzdem die Anker lichten. In einer Stadt, zwölf Meilen von
hier, soll er eine Ladung einnehmen, er will bereit sein, von morgen
früh um sieben Uhr an Holz zu laden. Dann fährt er über die Nordsee
und versucht einen neuen Aufstieg. Wenn er schon heut nacht abfährt,
gewinnt er einen Tag. Aber gewinnt er einen Tag für sein Leben? O nein,
er schindet sich ab, aber er gewinnt einen Tag Verdienst. Die Tiere und
die Vögel schlafen bei Nacht.”

„Wollen Sie nicht meinen Schirm nehmen?”

„Nein, ich danke, es regnet ja kaum mehr. Ja, nun will ich Sie nicht
länger aufhalten. Der englische Kapitän sprach von Gott --”

„Ja, er sei fromm, hab' ich gehört. Aber jetzt müssen wir zu Bett, Herr
Postmeister.”

„Fromm, ja. Ich verstand vielleicht nicht alles, der Engländer hat
seine eigene Religion hier auf der Welt und rechtfertigt sie auf
ganz englische Weise. Er unterjocht Volk um Volk, nimmt ihnen die
Selbständigkeit, kastriert sie und macht sie dick und still. Dann
sagt der Engländer eines Tages: ‚Laßt uns nun der heiligen Schrift
gemäß gerecht sein!’ Und dann gewährt er den Kastraten etwas, das er
Selbstverwaltung nennt.”

„Es ist genau so, wie Sie sagen, Herr Postmeister. Gute Nacht!”

„Gute Nacht! So, Sie wollen zu Bett? Da war übrigens noch eine andere
Sache. Ich frage mich, ob nicht vielleicht die Engländer ihren eigenen
Gott haben, einen englischen Gott, wie sie auch ihr eigenes Gepräge
haben. Könnten Sie sich sonst erklären, daß sie unablässig auf der
ganzen Welt Eroberungskriege führen, und nachher, wenn sie gesiegt
haben, meinen, sie hätten eine gute und hochherzige Tat vollbracht?
Sie verlangen von allen Menschen, daß sie es so auffassen, sie danken
ihrem englischen Gott dafür, daß die Untat gelungen ist, sie werden
fromm davon. Und nun erlebt man den merkwürdigen Zug an den Engländern,
daß sie voraussetzen, auch andere Völker werden sich dessen freuen,
was sie getan haben: ‚_Nun_ müssen doch die Menschen gut werden,’
sagen sie, ‚laßt nun die Gerechtigkeit walten, werdet fromm!’ Andern
Völkern kommt es merkwürdig vor, daß die Engländer nicht ihre Augen
niederschlagen; sie müssen unbedingt ihren eigenen Gott haben, der mit
ihnen zufrieden ist und ihnen Rechtfertigung erteilt. Sie schreiben
in die Zeitungen, jetzt sei der Augenblick gekommen, jetzt müßte die
Menschheit anders werden, sie machen es zu ihrem Programm: ‚Kommt
jetzt, wir wollen uns hinsetzen und fromm werden,’ sagen sie, ‚was
haben wir denn sonst zu tun? O, wie ganz anders müssen die Menschen
nun werden, alle müssen anders werden als zuvor, andere Bilder müßten
an die Wände, andere Bücher auf die Bücherbretter, andere Prediger in
die Kirchen, wir müssen ein anderes Volksgewissen bekommen. Und ein
anderes Zusammenleben unter den Menschen, andere Einrichtungen in den
Häusern, eine andere Wissenschaft, eine andere Menschenliebe, eine
andere Gottesfurcht -- kurz gesagt, jetzt soll es ein anderes Paar
Stiefel werden!’ Warum? Weil die Engländer selbst anders geworden sind?
Die Engländer werden niemals anders. Weil die Menschheit sich plötzlich
gegen früher verändert hat? Die Menschheit wird nur ungeheuer langsam
und nach vielen, vielen Erdenleben anders, als sie gewesen ist” --

Der Postmeister schaut auf, es ist niemand bei ihm, Davidsen ist
fort. Wahrscheinlich ist Davidsen so lange stehen geblieben, als er
vermochte, und hat sich dann gerettet. Es ist nicht das erstemal, daß
jemand diesem Prediger aus der Kirche gelaufen ist, seine Gemeinde läßt
ihn oftmals im Stich. Eine Gemeinde zieht die Verkündigung vor, die
sie erwartet; der Postmeister verkündigt das Unerwartete, er ist einer
gegen die ganze Gemeinde. Gesenkten Hauptes geht der Postmeister nach
Hause, die Hintertür steht offen wie gewöhnlich, und er tritt in den
Gang. An der andern Wand bewegt sich etwas, er hebt die Laterne und
sieht einen Mann.

Einen Mann. Einen Fremden in den dreißiger Jahren, einen Unbekannten
mit dünnem dunkelm Vollbart, er hat einen Gummimantel an, der mit einem
Lederriemen um den Leib zusammengehalten ist.

Einige Sekunden starren sie einander an, ihr Zusammentreffen überrascht
wohl beide; dann greift der Mann zu dem Ausweg, nach einem Regenschirm
zu schauen, der an der Wand hängt, sieht dann den Postmeister an und
dann wieder den Regenschirm. Er macht einen ganz jämmerlich verwirrten
Eindruck. Dieser Regenschirm -- es ist gerade, als ob er sich nicht
erinnern könne, wann er ihn hier aufgehängt habe.

Bekommt er denn nicht ein wenig Hilfe von dem Postmeister? Wieso denn?
-- Von dem Postmeister, der sich selbst nicht mehr helfen kann; er ist
mit dem Rücken an die Wand gesunken und steht da und hält die Laterne
in die Höhe.

Jetzt nimmt der Fremde den Regenschirm herab und fängt in einer Art
von Verzweiflung eine Erklärung an, die sonderbar lautete, unheimlich
lautete; war der Mensch rasend oder betrunken? Er spricht englisch, die
Worte sind da, aber der Mann ist verrückt, er versucht, ob sich der
Regenschirm aufspannen läßt und spricht mit ihm: „Zahnarzt!” sagt er.
„Das mein' ich. Wie sagt man denn weiter? Haben Sie verstanden?”

Der Postmeister ist starr und blaß wie eine Leiche. Gleich zu Anfang
war ein frohes Leuchten über sein Gesicht geglitten; es war, als ob
er den Mann kennte und mit ihm sprechen wollte, dann hielt er inne
und überlegte, er mußte wohl seinen Irrtum eingesehen haben und wurde
wieder ganz starr.

Versteht er denn die Sprache nicht? Doch, gewiß, er hat an diesem
Abend schon mit dem englischen Kapitän und mit dem Steuermann in deren
Sprache geradebrecht. Hat er nichts zu sagen? Vielleicht hat er zu viel
zu sagen! Als der Fremde der Tür zugleitet, flüstert der Postmeister:
„Wart ein wenig!”

„Der Zahnarzt!” sagt der Mann. „Begreifen Sie nicht? Ich bin verrückt
vor Zahnweh. Wohnt er nicht hier? Ich sah ein Schild --”

Der Postmeister flüstert: „Ich hatte einen Sohn --”

„Der bin ich nicht,” antwortet der Mann und will weiter.

„Wo sind Sie her?”

„Weg da!” befiehlt der Mann.

Der Postmeister sagt mit niedergeschlagenen Augen: „Haben Sie einen
Regenschirm gehabt, als Sie herkamen?”

Der Mann scheint zu überlegen: „Hab' ich keinen gehabt? Dann --”

Aber plötzlich denkt nun wohl der Postmeister an die Tür zum innern
Kontor, wo die Wertbriefe sind, das Wichtigste von allem; die Tür ist
nicht mehr verschlossen, sie steht ein Spältchen auf. Der Postmeister
eilt hinein, und gleich darauf ist ein Stöhnen zu hören.

Nachdem der Fremde in den Hof hinausgetreten war, blieb er plötzlich
stehen, wartete einen Augenblick und kehrte dann zurück. Er trat
wieder in den Gang und hängte den Regenschirm an seinen Platz. Durch
die offene Tür sah er den Postmeister drinnen. Er lag zurückgelehnt in
seinem Sessel. Die brennende Laterne stand neben ihm.

Da geht der Fremde wieder auf die Straße hinaus und fängt an zu laufen.
Es stürmt und regnet. Oliver ist vom Bollwerk heraufgekommen und sieht
diesen Mann an sich vorbeijagen. „Das ist ja der zweite Steuermann,”
denkt er. „Der muß ja entsetzliches Zahnweh haben.” „Hallo!” ruft er
und will ihn an sein Geld erinnern. Aber der Mann läuft nur immer
weiter.

Was -- das wird Oliver doch verdächtig. Was hatte der zweite
Steuermann jetzt an Land zu schaffen? Zur Flutzeit heut nacht würde
sich wahrscheinlich der Wind drehen und der Sturm sich legen, dann
würde sein Schiff abfahren, wußte er das noch nicht? Oliver ruft ihm
noch einmal nach, aber vergebens. Da läuft er wahrhaftig dem zweiten
Steuermann auf der Landstraße nach, und es ist unglaublich, was für
Sprünge er macht mit Hilfe seiner Krücke. Wenn es gilt, kann Oliver
mehr als Schritt halten. Und jetzt gilt es sein Geld.

Er holt den Läufer ein und sieht, wie er stehen bleibt und eine Art von
Signal gibt -- es ist gerade da, wo das freie Feld aufhört und der Weg
in den Wald hineinführt, in den dichten Wald hinein, und gerade daher
ist ein Signal zu hören. Oliver hört auch eine Antwort darauf. „Für
Schürzenjägerei ist jetzt nicht das richtige Wetter,” denkt Oliver; „es
muß etwas anderes vorgehen, was kann es sein?” Er hüpft weiter bis zu
den ersten Bäumen und versteckt sich dort.

Da sieht er ein paar Gestalten zu dem zweiten Steuermann auf den Weg
heraustreten, nun bleiben sie stehen und stecken mit dem Steuermann die
Köpfe zusammen. Das ist sehr geheimnisvoll, sehr merkwürdig. Da der
Wind zu ihm hersteht, konnte er wohl den Ton ihres Gespräches hören,
aber er versteht nichts, sie reden also nichts oder sie flüstern. Die
dort sind wie Gespenster, sie bewegen sich, sehen einander vielleicht
an, handeln und wandeln, aber sie schweigen. Oliver findet das Ganze
recht unheimlich, er wäre gerne fortgegangen, wenn ihn nicht die Sorge
um sein Geld festgehalten hätte.

Die Zeit vergeht, Mitternacht ist vorbei, die Flut ist da, der Wind
schlägt um, und plötzlich macht sich Unruhe und Eile in dem Trüppchen
dort bemerkbar, die Gespenster kommen auf Oliver zu, und er hört,
daß sie dennoch sprechen. Zwei sind es außer dem zweiten Steuermann,
ein Frauenzimmer und eine langbärtige Mannsperson. Als sie dicht bei
ihm sind, macht Oliver einen Satz auf den Weg heraus. Aus der Gruppe
schallt ihm ein Aufschrei entgegen. Der zweite Steuermann scheint
weitereilen zu wollen, aber Oliver spricht ihn an und verlangt sein
Geld.

„Komm an Bord!” antwortet ihm der zweite Steuermann, besinnt sich
aber im nächsten Augenblick, greift ungeduldig in seinen ~waterproof~
und zieht Geld heraus, Scheine, viele Banknoten. Weil es finster ist,
streicht der Langbart ein Streichholz an und leuchtet ihm.

Da ertönen von der See her drei kurze Stöße in einer Sirene, das ist
der Engländer, der seiner Mannschaft pfeift. Der zweite Steuermann
fängt an zu laufen.

Merkwürdig, in diesem Augenblick ist Oliver weniger von seinen
Geldscheinen hingenommen als von seiner Gesellschaft. Natürlich
verliert er nicht den Kopf, er steckt das Geld in die Tasche und
verwahrt es wohl, aber dann ist er aufs äußerste erstaunt über die
Frau, die hier mit dabei ist. „Gehst du aus an solch einem Abend?”
fragt er sie und nennt ihren Namen.

„Ja,” erwidert sie verwirrt.

Ach, sie hatte wohl in der Finsternis sicher zu sein gemeint, allein
ein Streichholz hatte sie verraten; jetzt schwankt sie wie völlig
ratlos und antwortet dieses Ja gezwungenermaßen.

Was folgt weiter? Oliver ist Oliver. Sein Kopf fängt an zu arbeiten,
die Stunde ist gerade die richtige für einen Mann wie ihn: die finstere
Nacht, das Geheimnis dieses vielen Geldes in einem ~waterproof~,
diese geheime Zusammenkunft an einem abgelegenen Orte, endlich das
Frauenzimmer -- ja, sie war's, Schmied Carlsens Tochter, die Witfrau,
die ihrem Vater haushält. Oliver hatte übrigens bis jetzt nie etwas
Schlimmes von ihr gehört, aber sie schlug doch vielleicht ihrer
Schwester und ihrem Bruder, dem Landstreicher, nach, Schmied Carlsen
hatte Unglück mit seinen Kindern. Was hatte die Tochter an diesem Abend
hier draußen zu suchen?

„Ich hab' dich gesehen,” sagt Oliver.

Er bekommt keine Antwort darauf. Und wenn Oliver gehofft hatte, es
werde ein Vorteil für ihn sein, daß er an diesem Abend zum Mitwisser
eines Geheimnisses geworden war, so hatte er sich getäuscht.

„Was wolltest du hier?” fragt er.

Doch nun greift der langbärtige Mann ein und sagt: „Wir haben Duette
gesungen. Und was tust du selbst hier?”

„Ich? Du hast es ja gesehen; ich hab' mein Geld in Empfang genommen.”

„Dein Geld? Ja. War es nicht für Eiderdaunen?”

„Ach so, das weißt du?”

„Ja, das weiß ich.”

Oliver wandte sich an die Witwe. „Wen hast du da bei dir? Ist es dein
Liebster?”

„Und wenn es so wäre?” versetzt der Mann auf eine sehr deutliche Art,
indem er einen Schritt näher auf Oliver zutritt.

Oliver weicht zurück und sagt: „Ich wollte nur hören, wo du her bist.
Ich kenn' dich wohl kaum, oder wie? Kenn' ich dich?”

„Wo ich her bin? Ich bin ungefähr daher, wo auch deine Daunen her sind,
haha!”

Jetzt begreift Oliver wohl, daß er hier nichts ausrichten kann, und da
wird er wie ein Lamm: „Ich hab' keine Daunennester. Diese Daunen hab'
ich mir in mehr als zwanzig Jahren allmählich zusammengekauft, das kann
ich dir sagen. Nein, leider bin ich kein Mann, der Daunennester haben
kann, ich bin ein Krüppel, wie du siehst.”

Der langbärtige Mann muß sich sehr sicher fühlen, oder er tut
wenigstens so, wenn er es nicht ist; er kümmert sich überhaupt nicht
mehr um Oliver, sondern wendet sich an die Witwe und plaudert ganz
gleichgültig mit ihr: „Es hätte gar nicht besser gehen können! Jetzt
hat es aufgehört zu regnen! Er muß nun bald bei seinem Boot sein.”

„Ja.”

„Sie können ohne ihn nicht abfahren, sonst sind sie aufgeschmissen.
Nein, es hätte wirklich kein Tüpfelchen besser gehen können. Jetzt
wäre er schon an Bord, wenn er nicht aufgehalten worden wäre, das Geld
abzuzählen. Hat man schon so etwas erlebt! Eiderdaunen! Gestohlenes
Gut! Aber es hätte nicht besser gehen können. Friert dich?”

„Nein.”

„So sei doch nicht so verzagt, was fehlt dir denn? Er fährt ab, und wir
bleiben zurück, das ist alles. Ein kecker Kerl!”

„Er hatte schlimmes Zahnweh heut abend,” bemerkte Oliver, um sich
einzuschmeicheln.

Der Mann kümmert sich nicht um ihn und fährt fort: „Aber was wir für
ein Schweinewetter gehabt haben, als wir in aller Unschuld hier draußen
mit ihm zusammentreffen wollten! Warum hast du seinen Gummimantel nicht
angenommen, als er ihn dir anbot?”

„Ich wollt' ihn nicht.”

„Nein, du wolltest ihn nicht. Aber von seiner Seite war es jedenfalls
harmlos gemeint.”

„Ich nehm' nichts von ihm,” sagt sie.

Schweigen. Plötzlich sagt der Mann lachend: „Ist er denn nicht dein
Liebster? Was redest du denn?”

„O schweig!”

„Ich denke, es steht dir frei, mit deinem Liebsten zusammenzutreffen!
Übrigens hat keines von uns etwas dabei zu sagen, wir sind harmlos
unseres Weges dahergekommen und haben ihn zufällig getroffen. Mehr ist
nicht dabei. Aber wollen wir hier auf dem Wege stehen bleiben?”

„Wenn ich alles gewußt hätte --” sagt sie.

Jetzt tut der langbärtige Mann etwas Unerwartetes und Lustiges, er
zieht eine Mundharmonika aus der Tasche und fängt an, eine Weise zu
spielen. Er tut das vielleicht, um sie aufzumuntern, vielleicht auch,
um seine eigene Sorglosigkeit anzudeuten, die Harmlosigkeit seiner
Gegenwart auf der Straße mitten in der Nacht ins Licht zu rücken. Es
ist unglaublich, daß er jetzt spielt, aber es ist kein Irrtum möglich,
Oliver hört die Musik mit seinen eigenen Ohren. Und wieder, um sich
einzuschmeicheln und mit dem Mann gut Freund zu werden, ruft Oliver:
„Das ist großartig, Gott steh mir bei!” Er schleicht sich hinüber zu
der Witwe und spricht: „Ich bin zu meiner Zeit in der ganzen Welt
herumgekommen, aber so etwas wie dieses Spiel --”

Der Mann hält inne, wendet sich an Oliver und fragt: „Worauf wartest
du?”

Der Krüppel merkt deutlich, daß er von diesem Manne nicht geliebt wird,
und erwidert darum: „Auf nichts. Ich glaub', ich geh' jetzt hinunter
und seh' zu, wie das Schiff die Anker lichtet.”

Der Mann fängt wieder an zu spielen.

Aber damit hatte er einen Fehler gemacht, er war zu dreist gewesen,
sein Spiel weckt in Oliver einen Verdacht. Natürlich kannte er jetzt
diesen Landstreicher; wenn er es sich näher überlegte, erinnerte er
sich an dieses Spiel von seinen Jugendtagen her, außerdem erinnerte
er sich an die Legenden über diesen Spielmann; er war ein Kind der
Stadt, Schmied Carlsens Sohn, der Künstler auf der Mundharmonika,
der Landstreicher, der bei allen Weg- und Eisenbahnarbeiten im Lande
zu finden war. Was führte er nur jetzt im Schilde? Er hatte seine
Schwester bei sich, sein Bruder Adolf war an Bord des Engländers,
der mit der Schiffskiste -- o, eine Bande von Geschwistern, alle
beieinander! Es ärgerte Oliver, daß er ihnen nicht ins Gesicht hatte
sagen können, was er von ihnen wußte.

In tiefen Gedanken ging er nach Hause. Da hatte er einen großen
Wirrwarr aufzulösen, und Gott mochte wissen, ob er, im ganzen genommen,
einen Vorteil davon hatte, sich noch weiter um die Sache zu kümmern.
Den zweiten Steuermann kannte er durchaus nicht, und vielleicht war
dieser überhaupt die wichtigste Person von allen. Außerdem hatte sich
Oliver über sein eigenes Geschäft zu freuen; seine Tasche strotzte
von Geld, es war der Lohn für sein fleißiges Hinausrudern zu den
Vogelnestern Jahr um Jahr.

Er war beinahe zu Hause, als der Engländer eine lange Weile in die
Sirene blies und vom Bollwerk abfuhr.

Alles in allem ein Tag reich an Erlebnissen; beinahe konnte er sich
mit jenem denkwürdigen Tage messen, wo Oliver mit dem Wrack vom Meere
hereinkam. Oliver hätte auch nichts dagegen gehabt, wenn er jetzt nach
Hause kam, etwas großsprecherisch und verdienstvoll aufzutreten. Hier
war also der Mann für seinen Hut, der Spürhund mit dem verteufelt guten
Kopf. Er kam mit Geld, Geheimnissen, Wissen. Aber es war nichts zu
machen, das Haus schlief, Petra schlief. Na ja, gewöhnlich war sie doch
auch nicht seine Vertraute, das sollte ihm einfallen! Aber in diesem
Augenblick hätte er sich gern ihr gegenüber mit seinen Geheimnissen
dick getan und ihr ein bißchen etwas zugeflüstert, worüber sie hätte
nachsinnen können, bis sie blau wurde. Jawohl, aber Petra schlief. Sie
war wohl müde, die arme Haut, es war einer von den Abenden, wo sie
wieder zu Rechtsanwalt Fredriksen hatte gehen müssen, um wegen des
Hauses zu verhandeln, sie war wohl noch gar nicht lange heimgekommen
und eben erst sanft und selig eingeschlafen.

Oliver weckt sie, indem er absichtlich seine Krücke auf den Boden
fallen läßt. Und im Gedanken daran, was er in dieser Stunde alles zu
bedeuten habe, sagt er in unzufriedenem Tone: „Du hättest wohl etwas
Warmes für mich in Bereitschaft haben können, wenn ich nach einem
wichtigen Geschäft nach Hause komme; ich bin ganz durchfroren.”

Petra ist wohl seiner Aufschneiderei und Prahlerei über wichtige
Geschäfte herzlich überdrüssig, sie erwidert ärgerlich: „Etwas Warmes?
Ich hab' auch nichts Warmes vorgefunden, als ich nach Hause kam.”

„So, du bist aus gewesen?”

„Ich hab' doch wieder zum Rechtsanwalt gehen müssen!”

„Wirst du denn niemals fertig mit dem Rechtsanwalt?” ruft er hitzig.

Keine Antwort.

„Und was, um Himmels willen, habt ihr denn noch immer zu besprechen?
Eine Woche um die andere vergeht, und es kommt nichts zustande. Zum
Henker noch einmal! Aber jetzt soll er nur zusehen! Wenn er mich
einmal fuchtig macht, dann stopf' ich sein Maul mit Geld! Das glaubst
du nicht? Es ist mir wurst, was du glaubst, du kennst mich noch lange
nicht, und so kahl, wie ihr beide meint, bin ich auch nicht --”

Keine Antwort.

Da war nichts zu machen. Aber Oliver will es nun auch noch mit etwas
mehr Freundlichkeit versuchen und sagt als Einleitung: „Ja, ja, jetzt
ist also der Engländer abgefahren!”

Petra schläft.

Nein, die Stunde war völlig verdorben, ihre Größe und die Feierlichkeit
zunichte gemacht. Na, das war ja eine Freude, auf diese Weise mit einem
Vermögen in der Tasche zu seiner Familie nach Hause zu kommen!

Er zog seine nassen Kleider aus, schnallte den Stelzfuß ab und legte
sich neben seine Frau -- wie eine Insel neben einer Insel. Anders ist
das gar nicht zu sagen. Sie ist ohne jede Schwachheit, und ihr in Ruhe
befindlicher Körper atmet schwer und ruhig, es ist finster, und er kann
sie nicht sehen, aber sie ist warm und riecht behaglich, sie liegt
freundlich an der Seite, um ihm Platz zu lassen. Seine nächtlichen
Abenteuer beschäftigen Oliver andauernd, die Stunden vergehen, und als
es soweit Tag geworden ist, daß er zur Not sehen kann, greift er nach
seinem Geld und zählt, den Rücken nach dem Bett gewendet, heimlich
seine Scheine.

Am Morgen will er vor lauter Kränkung gegen Petra keinen Ton verlauten
lassen; eine Frau, die die große Gelegenheit, etwas zu erfahren,
verschlafen hat, ist nichts Besseres wert. Aber er hatte gar nichts
davon, denn es ging wahrhaftig so, daß Petra selbst von einem
unerhörten Ereignis Kunde brachte: sie kam vom Brunnen und hatte den
Eimer noch nicht abgestellt, als sie schon erzählte, das Posthaus sei
heute nacht ausgeraubt worden; den Postmeister habe man auf einer
Haustreppe weit draußen in der Stadt gefunden. Er habe da ohne Hut
gesessen und sei nicht recht bei Verstand.

Zu jeder andern Zeit hätte Oliver da augenblicklich zu seiner Krücke
gegriffen und wäre in die Stadt gehumpelt; aber der Ärger darüber, daß
ihn Petra in der Nacht um seinen Triumph gebracht hatte, hielt ihn
zurück. Er wollte jetzt lieber auch keine Spur von Überraschung über
ihre Erzählung, über ihre Räubergeschichte an den Tag legen, nein,
nein, weit entfernt! Er frühstückt weiter, und Petra ist in tausend
Qualen, weil er sie nicht ausfragt. Wie sie rasend und immer rasender
wird! Es scheint, daß sie sich selbst gelobt hat, ihm keinen Kaffee
mehr einzuschenken, obgleich seine Tasse leer ist; mag er doch für sich
selbst sorgen! Endlich sagt sie: „Na, hast du heut nacht die Sprache
verloren?”

„Die Sprache verloren?” erwidert er sehr verwundert.

„Mach, was du willst!”

„Wovon sollt' ich denn reden?” fragt er. „Was meinst du denn?”

„Dann hast du wohl nicht gehört, was ich erzählt habe?”

„Was -- der Dreck? Ich weiß viel mehr als das!”

Sie schaut ihn an, und es kommt ihr ein Gedanke: „Du bist doch wohl
nicht selbst dabei gewesen und bist mit darein verwickelt?”

Das war ja nett, hier saß er und sah so unschuldig aus wie ein Kind,
und hatte reine Hände, und dennoch sollte sich ein solcher Verdacht an
ihn heften! Er räusperte sich mit Würde und sagte: „Willst du wohl das
Maul halten?”

„Ich hab' ja nur gefragt. Es war nicht schlimm gemeint.”

„Du, nimm dein Maul in acht!” wiederholt er und steht auf.

Allerdings, Petra war sehr ergrimmt darüber, daß er ihre große
Neuigkeit so gar nicht anschlug, ihre gewaltige Neuigkeit; aber da er
seine Krücke in greifbarer Nähe hat, findet sie es geratener, zu gehen,
als zu bleiben; sie wirft den Kopf in den Nacken und begibt sich mit
ihrer Neuigkeit in die Stube zur Großmutter.

Oliver ißt sich satt und geht dann von Hause fort.

Da die ganze Stadt wegen der Ereignisse der letzten Stunden vollständig
verstört ist, kommt im Lagerhaus kein Betrieb in Gang, und Oliver
hat die beste Gelegenheit, seinen Gedanken nachzuhängen. Das war ein
Glück, daß er in der Nacht nicht dazugekommen war, etwas zu offenbaren,
eine Fügung Gottes, Petra hätte es wichtig gehabt, jedes Wort
weiterzutragen, und hätte ihn in den Postraub mit hineinverwickelt. Und
es hätte vielleicht wegen des Eiderdaunengeldes trotz seiner Unschuld
gespukt. Jetzt hieß es vorsichtig sein, vorerst keine großen Ausgaben
zu machen, keine allzuschönen Kleider anzuschaffen, gar keinen Putz,
der hellrote Schlips im Schaufenster des Stickereigeschäfts durfte also
nicht seinen Hals zieren.

Oliver überlegte sich alles ganz genau: einen Teil des geraubten Geldes
hatte er in der Tasche, daran konnte er nicht zweifeln, aber er hatte
es nicht geraubt, Gott war sein Zeuge. Schmied Carlsens Kinder konnten
vielleicht einige Aufklärung in der Sache geben, wenn sie angezeigt
wurden, aber Oliver hatte nicht im Sinn, sie anzuzeigen, das fehlte
gerade noch! Alle Umstände sprachen dagegen, erstens schon der, daß
Abel bei dem Schmied in der Lehre war und die Witwe dort dem Haushalt
vorstand. Und war nicht der Schmied selbst sein Meister? Oliver hatte
Vatergefühl genug, daß er seinen Sohn nicht ins Unglück stürzen wollte.
Übrigens konnten die Schmiedskinder leicht auch unschuldig sein, wer
konnte das sagen, vielleicht wußte der fremde zweite Steuermann am
meisten von der Sache, und wer kannte den?

O, dieser zweite Steuermann und dieser Adolf mit der Schiffskiste
waren vielleicht die schlimmsten Verbrecher! Hatten sie denn nicht
auch Oliver gebeten, seine Frau mit auf den Engländer zu bringen, sie
würden sie nicht fressen! Aber Oliver hatte glücklicherweise Petra
nicht mitgenommen und sie, wer weiß was, ausgesetzt, er gehörte nicht
zu denen, die ihre Frau zu einem andern mitnehmen. Und nun zeigte es
sich, daß ihn sein Schicklichkeitsgefühl ganz richtig geleitet hatte,
sie hätte in eine wahre Räuberhöhle geraten können. --

In der Stadt schwirrten die unglaublichsten Gerüchte durcheinander,
die Zeitung brachte einen Artikel, der von einem Manne, dem das Wort
zu Gebot stand, geschrieben sein mußte, der Polizei-Carlsen war an
allen Ecken und Enden und untersuchte, denn aus dem Postmeister war
keine richtige Aufklärung herauszubringen; er saß niedergeschlagen und
völlig fassungslos da und starrte zu Boden. Zuerst gab er eine Art
Beschreibung eines fremden Mannes, den er auf dem Flur des Postkontors
gegen zwölf Uhr in der Nacht getroffen habe; der Mann sei alt gewesen,
habe einen langen grauen Bart gehabt, vielleicht auch eine Maske
getragen; er habe englisch gesprochen. Bei einem späteren Verhör
änderte der Postmeister seine Aussage: Der Fremde sei vielleicht gar
nicht alt gewesen, sondern im Gegenteil jung, er wäre nicht imstande
gewesen, ihn zu überwältigen. Der Mann habe keinen Regenschirm gehabt.
Kurzum, der Postmeister redete nur Unsinn und verwirrte alle. Er war
blödsinnig geworden, vom Schlag getroffen, der Doktor war bei ihm und
stellte eine Hirnblutung und geistigen Stumpfsinn fest. Herrgott, ein
Mann, der vorher Türme und Häuser mit Säulen hatte zeichnen können!

Und in der Stadt schwirrten die Gerüchte umher. Es wäre Unrecht
gewesen, zu behaupten, daß die Leute dem Polizei-Carlsen und den
Behörden nicht mit Nachforschungen an die Hand gegangen wären, in
den ersten Tagen ließen sie sogar so gut wie alles liegen und stehen
und opferten sich dieser Sache völlig auf. Und in diesem großen
Aufruhr ertrank eine andere Neuigkeit vollständig, die sonst wohl die
allgemeine Aufmerksamkeit verdient hätte, die nämlich, daß Konsul C.
A. Johnsen das Ritterkreuz des Dannebrogs bekommen hatte. Wer war
von dieser Ehre ganz hingenommen, wer erwähnte sie? Ein Bericht von
ein paar Zeilen in der Zeitung, ein zufälliger Glückwunsch von dem
einen und andern Stadtkind, das gerade daran dachte. Frau Konsul
Johnsen aber, ja, sie legte mehr Wert auf die Auszeichnung, und sie
telegraphierte sowohl an Scheldrup, der jetzt in Neu-Orleans war, als
an Fia, die sich in Paris befand.



24


In den großen Städten geht man von der Ansicht aus, es gebe in kleinen
Städten aber auch ganz und gar nichts von großen Ereignissen. Das
ist eine verfehlte und kränkende Ansicht, denn es gibt da wahrhaftig
Bankerott, Betrug, Mord und Skandal gerade so gut wie in der großen
Welt. Allerdings schickt die Zeitung des Ortes keine Extrablätter
darüber aus; aber jede Neuigkeit verbreitet sich sicher und rasch von
den Brunnen her und dringt bis in das engste Kämmerlein. War in der
ganzen Küstenstadt wohl noch irgendein Mensch vorhanden, der in der
Frühe des nächsten Morgens noch nichts von dem Postraub gewußt hätte?
Höchstens konnten es vielleicht Grütze-Olsens sein, denn das waren
Leute, die lange liegen blieben und häufig im Bett frühstückten.

Und so wenig den Kleinstädten die aufregenden Ereignisse fehlen,
ebensowenig fehlt es ihnen an Abwechslung darin. Kleinstädter haben die
nötige Abwechslung in den Ereignissen vollauf. Sollten sie vielleicht
darauf angewiesen sein, mit einem Postraub zu leben und zu sterben?
Dann hätte diese Neuigkeit nicht so rasch aufgehört, eine berühmte
Sache zu sein. Der Doktor erhielt sie noch am längsten am Leben, denn
sie ließ ihn gewissermaßen dem vernichteten Postmeister gegenüber
als Sieger dastehen, aber es dauerte nicht lange, bis es den Leuten
überdrüssig wurde, sie zu erörtern.

Was war das Ende davon? Es gab überhaupt kein Ende, es kam gar kein
Zug in die Sache. Der alte oder junge Mann, der Englisch sprach und
vielleicht eine Maske trug, aber jedenfalls keinen Regenschirm hatte,
dieser wahrscheinliche Verbrecher war nicht zu finden. Es wurde an das
englische Schiff telegraphiert, allein das hatte in Norwegen bereits
geladen und war auf dem Weg nach irgendeinem heimatlichen Hafen.
Auch dorthin wurde telegraphiert, und als das Schiff ankam, ward auch
eine Art Verhör abgehalten, aber das führte zu nichts. Natürlich kam
es an den Tag, daß Adolf Adolf war, ein Schmiedsohn, norwegischer
Matrose; aber er war in England verheiratet und dort ansässig, so war
er auf einer englischen Schute von der englischen Flagge vollständig
geschützt. Außerdem war sein Kapitän ein frommer Mann.

Auch der zweite Steuermann entpuppte sich als Norweger, Sohn eines
Postmeisters in einer näher bezeichneten kleinen Stadt, unverheiratet,
mit ausgezeichneten Zeugnissen über vorzügliches Betragen, auf ihm
ruhte kein Verdacht -- der Vater hätte betreffendenfalls in dem Fremden
auf dem Gange doch auch seinen Sohn erkennen müssen, was er ja aber
nicht getan hatte. Außerdem war es bei ihm dieselbe Sache mit der
englischen Flagge, und daß die englische Flagge keinen Tag, ja keinen
Augenblick einen Verbrecher geschützt hätte, das wußte alle Welt. Der
zweite Steuermann und Adolf waren also zurzeit im englischen Dienst bei
einem frommen englischen Kapitän, und von Auslieferung konnte keine
Rede sein.

Warum hatten diese zwei Männer nicht ihre Eltern besucht, wenn doch
ihr Schiff in ihrer Heimatstadt gelöscht wurde? Ja seht, das war eine
von den zarteren Fragen, die ihnen vorgelegt wurden, aber sie wußten
auch darauf eine ganz befriedigende Antwort zu geben: sie wollten sich
Vater, Mutter und Geschwistern nicht mit leeren Händen vorstellen, und
es war ihnen noch nicht gelungen, etwas Ordentliches von ihrer Heuer
zurückzulegen. Das war der Grund. Aber Gott sei sein Zeuge -- gab
der zweite Steuermann an -- er sei manchen Abend an Land gewesen und
habe sein Vaterhaus umkreist, habe zu den Fenstern hinaufgeschaut und
gezittert, wenn er eine Tür habe gehen hören, und die Hände gefaltet,
wenn der Schatten seiner Mutter auf die Vorhänge gefallen sei. Das war
ergreifend, das Gericht selbst war gerührt, und das will etwas heißen,
wenn ein Gericht gerührt ist.

Von dem Matrosen Adolf kam eine eigentümliche Sache an den Tag: Als
er und seine Sachen untersucht wurden, stellte es sich heraus, daß er
über den ganzen Körper mit liederlichen Zeichnungen tätowiert war.
Die Zeichnungen waren auffallend unanständig, und auf die Frage, wo
das gemacht worden sei, antwortete er: „In Japan.” Diese Zeichnungen
schadeten Adolf in den Augen des Untersuchungsrichters ganz ungemein,
konnten ihn aber nicht des Postraubes überführen. Der zweite Steuermann
war ohne Tätowierung und ganz schön und rein am Körper, so daß er viel
besser aus der Sache hervorging; ja, das kam beiden Verdächtigen zugute.

So verlief nun also die Sache mit dem Postraub im Sande, und der Dieb
oder die Diebe hatten auch nicht so besonders viel in die Finger
gekriegt: Sieben- bis achttausend Kronen in Wertsendungen. Wenn sich
mehrere in diese Beute teilten, kam auf jeden nicht sehr viel, und man
konnte sich versucht fühlen, zu sagen, es sei ihnen gegönnt!

Die Sache war nun nicht mehr sehr wichtig, der Polizei-Carlsen zeigte
keinen großen Eifer in den Nachforschungen, was ihm auch gar nicht zu
verdenken war, da sein Neffe und damit auch er selbst Ungelegenheiten
davon gehabt hätten. Aber auch der Vorgesetzte des Polizei-Carlsens
legte wenig Wert darauf, in dieser Sache bis aufs äußerste zu gehen;
es wäre eine Dummheit gewesen, um einer Kleinigkeit willen mit England
Händel anzufangen, und außerdem war es der allgemeine Wunsch der Stadt,
den Schmied Carlsen zu schonen, der bessere Kinder verdient hätte, als
ihm zuteil geworden waren.

Aber nun der Postmeister? Er hatte sich das Ereignis so zu Herzen
genommen, daß er nicht mehr zu kennen war: eine gebeugte und gebrochene
Gestalt mit irren Augen und einem beständig mummelnden Munde. Der
ehrgeizige Mann konnte den Schaden und die Schande, die ihn in seinem
Beruf getroffen hatten, nicht überwinden, über etwas anderes brauchte
er sich ja nicht zu grämen, da sein Sohn nichts Böses getan hatte. Der
Postmeister war der Gegenstand allgemeinen Mitleids. Er hatte ja wohl
während seines ganzen Aufenthaltes in der Stadt vernünftige Leute mit
seiner ewigen Frömmigkeit und seinem metaphysischen Geschwätz auf allen
Straßen und Gassen zum Sterben gelangweilt, aber jetzt, wo ihn das
Schicksal geschlagen hatte, erinnerte man sich mehr der Tugenden als
der Laster dieser heimgesuchten Seele. Hatte nicht er die Zeichnung zu
dem großen Schulhaus gemacht, zu diesem Säulenhaus, das die Reisenden
schon von der See aus sahen und darum bis an ihr Lebensende nicht
vergaßen? Jetzt saß er da mit umnachtetem Verstand und war weniger denn
ein Kind.

„Er ist selig und verwirrt und tot,” sagte der Doktor. „Es ist mir
schon in der letzten Zeit aufgefallen, er hatte so einen stechenden
Blick, er war morsch geworden, und es brauchte nur noch eines kleinen
Anstoßes, um ihn zu zerbrechen. Der Glaube hat ihn zu Fall gebracht.”

Im Gegensatz zu allen andern fiel es dem Doktor schwer, den Postraub
zu vergessen, er ließ den Verdacht nicht fahren, das Geld sei auf dem
englischen Schiff davongefahren. Was hätte den lokalkundigen zweiten
Steuermann hindern sollen, sich in sein Vaterhaus zu schleichen und
die Wertsendungen zu stehlen? „Nachkommen!” pflegte der Postmeister
zu sagen. Ach, ein Nachkomme, der zu allem fähig war! Der Nachkomme
Adolf war von derselben Sorte, die entsetzlichen Zeichnungen auf seinem
Körper legten Zeugnis ab von seinem Charakter. Wahrhaftig, die beiden
Väter konnten sich ihrer Nachkommen freuen!

Der Doktor konnte es wirklich nicht lassen, ein wenig zu frohlocken.
Noch niemals hatte er die sandigen Gassen der Stadt mit geringerer
Überwindung durchschritten als jetzt, und noch nie war ihm die
Richtigkeit seiner Lebensanschauungen so klar bestätigt worden. Zu
dem frommen und gläubigen Wrack, dem Postmeister, ging er sehr oft,
betrachtete ihn eine Weile und verließ ihn dann wieder; er konnte
keine Anzeichen feststellen, daß seinem Patienten Licht und Klarheit
wiederkehrte, und schloß daraus auf dauernde Finsternis bei ihm.
Waren es nicht die _Menschengedanken_, mit denen dieser Kindermund
großzutun pflegte? Daß die Menschengedanken niemals aufhörten, daß
die Menschengedanken ein Licht seien, das niemals erlösche? Nun, für
ihn selbst waren sie jetzt jedenfalls erloschen und hatten nur einen
schwarzen Docht zurückgelassen. Solche schwache Köpfe sollten sich nie
darauf einlassen, auf eigene Faust nachzugrübeln, die sollten Kirchen
und Schulhäuser zeichnen und ihrem Katechismus treu bleiben.

Der Doktor hatte ja gerade keinen Grund, sich zu überheben und närrisch
zu freuen, er empfand aber auf seine Art eine gewisse Befriedigung.
Sein Materialismus behielt recht, der Zufall, daß der Postmeister zum
Blödsinnigen geworden war, stärkte die Stellung des Doktors unter den
Menschen; es war ja, als ob er das Unglück richtig vorausgesagt hätte,
niemand kam ihm gleich an Autorität, seine Behauptungen mußten zu Recht
bestehen bleiben. Wenn er nun also vom Postmeister behauptete, daß
der Glaube ihn zu Fall gebracht habe, so konnte ihn der eine und der
andere fragen: „Der Glaube?” Dann erwiderte der Doktor: „Jawohl, der
Aberglaube.” Und das mußte bestehen bleiben.

Aber eine richtige Herzensfreude hatte der Doktor jetzt so wenig als
vorher, das Leben war und blieb ein Elend, eine Gemeinheit. Wenn er
nicht von Zeit zu Zeit den Genuß gehabt hätte, einen Menschen zu
ärgern, so wäre es nicht auszuhalten gewesen. Meint man zum Beispiel,
er hätte sich etwas daraus gemacht, den Kaufmann zu wechseln? Er
hatte ja seine vieljährige Verbindung mit Konsul Johnsen aufgegeben
und war zu Konsul Davidsen übergegangen, und wohlgemerkt, das war
nicht geschehen, um Davidsen zu schaden, sondern im Gegenteil, um
seinem kleinen Kramladen aufzuhelfen. Und was wurde daraus? Es wurde
weiter gar nicht anerkannt, auch Davidsen schickte eine Rechnung.
Sie waren doch alle gleich, Davidsen war nur ein neuer Konsul. Und
überdies war Konsul Davidsen nicht einmal ein Mann, mit dem sich der
Doktor ordentlich unterhalten konnte, er gab ja keine Antwort, sondern
staunte nur, die Schlafmütze, und fand sich lächelnd darein, ordentlich
verhöhnt zu werden.

Da war der Doppelkonsul doch besser, obgleich auch er nur ein Kaufmann
und Schiffsreeder war.

Man munkelte, es müsse köstlich zugegangen sein, als der Doktor kam
und dem Doppelkonsul zum Dannebrog Glück wünschte. Er hatte zu diesem
Besuch den Apotheker mitgenommen, und beide waren sehr untertänig
gewesen. Sie waren durch den Laden ins Konsulat gegangen, was sonst
nicht ihre Gewohnheit war, hatten durch einen von den Ladenschwengeln
ihre Besuchskarten hineingeschickt, dann Hut, Stock und Galoschen
abgelegt und sich Haar und Bart mit einem Taschenkamm zurechtgemacht.
Beide Herren hatten Handschuhe an.

Der Konsul trat ihnen etwas verwundert mit den Karten in der Hand an
der Tür entgegen und fragte scherzend, ob sie Audienz haben wollten?
Bejahend verbeugten sie sich. „Na ja, dann bitte!” sagte der Konsul und
nahm die Sache immer noch leicht.

Aber als sie im Kontor angelangt waren und immer noch mit derselben
Feierlichkeit ihren Glückwunsch aussprachen, da fing der Konsul an,
selbst etwas an seinem Orden zu finden und zu denken, es sei vielleicht
dies die einzige richtige Art, wie einem Glückwunsch zur Ritterschaft
Ausdruck verliehen werden müsse, was konnte er wissen! Er wehrte sich
allerdings ein wenig und sagte: „Na ja, das ist doch nun nicht der Mühe
wert, um so formell zu sein!” Aber die beiden Besucher waren standhaft
und ließen sich nicht zu einem leichteren Tone verleiten.

Der Konsul bot den Herren Zigarren an, und sie erhoben sich und nahmen
mit tiefer Verbeugung jeder eine Zigarre, steckten sie aber nicht an.
Der Konsul wollte sich nun wohlwollend zeigen und fing von dem Postraub
an, der sich eben erst ereignet hatte. Die Herren verbeugten sich zu
allem, was er sagte, und legten großes Gewicht auf seine Worte. Noch
ging alles gut, Konsul Johnsen war ausgesucht höflich, als der größte
Mann der Stadt durfte er dem guten Ton nicht fremd gegenüberstehen.
Einer von den Ladenjünglingen trat herein und legte die Post in die
eigenen Hände des Konsuls, und der legte sie auf das Pult, ohne auch
nur einen Blick darauf zu werfen. Der Geschäftsführer Berntsen trat
ein und fragte etwas, und der Konsul erwiderte über die Achsel weg:
„Später, ich bin jetzt beschäftigt!”

Unterdessen saßen die beiden Herren mäuschenstill, es war, als ob sie
auf noch einen feineren Ton warteten. Aber da nichts mehr zu kommen
schien, fuhr wohl der Teufel in den Doktor, er wollte sich selbst auf
eine handfestere Weise eine Befriedigung verschaffen. Darum wendete er
sich nun an den Apotheker und sagte einige Worte; aus Hochachtung vor
dem Ritter sprach er leise, aber er sagte: „Wir hätten wohl eigentlich
auch unsere Schuhe draußen ausziehen sollen!”

Da begriff der Konsul; innerlich schnitt er vielleicht eine Grimasse,
aber seinem Gesicht war nichts anzusehen, als er dem Doktor antwortete:
„Sie fürchteten wohl, Sie hätten keine heilen Strümpfe an?”

Na, hatte Konsul Johnsen keine Schneid? Sein Hieb saß, der Doktor war
einen Augenblick geschlagen, dann lächelte er und sagte: „Vielleicht,
das kann wohl sein.” Aber gleich darauf ging sein Pulver los, und er
sagte: „Ich hab' übrigens meine Strümpfe und alles, was ich sonst aus
Ihrem Kramladen bezogen habe, bezahlt!”

„Wirklich?” erwiderte der Konsul in zweifelndem Ton.

„Ich kann die Quittungen vorlegen.”

„So?” erwidert der Konsul, und da der Doktor schweigt, fährt er fort:
„Ich weiß nicht, wo Sie hinauswollen.”

„Ich will nirgends hinaus,” antwortete der Doktor. „Das ist alles.”

Hier hätte der Konsul haltmachen und nicht weitergehen sollen; aber er
war wohl gekränkt, daß er auf solche Weise geuzt wurde, und so konnte
er es nicht lassen, ein wenig überlegen zu tun: „Von Ihren und anderer
Leute kleinen Einkäufen im Laden draußen weiß ich wirklich recht wenig,
das besorgt Berntsen. Ich sitze hier innen im Kontor und habe etwas
größere Entscheidungen zu treffen.”

„O, das bezweifle ich durchaus nicht,” gibt nun auch der Apotheker zu;
er wird feig und möchte gerne vermitteln.

Aber der Doktor grinst nur, kühl wie eine Hundeschnauze:
„Selbstverständlich!” sagt er. „Wir sind groß, wir sitzen hier und
disponieren, sage und schreibe, über ein kleines Frachtschiff, wir
stehen nicht selbst hinter dem Ladentisch und verkaufen Schmierseife
und Fingerhüte.” Da der Doktor hier die Luft durch die Zähne einzieht,
macht es den Eindruck, als friere er -- oder vielleicht noch mehr den,
als sei er rasend.

Der Konsul erwidert: „Es ist genau so, wie Sie sich das denken, in die
Kleinigkeiten mische ich mich nicht ein.”

„Ach, wie groß sind wir!” ruft der Doktor. „Herrgott, wie groß sind
wir, Sie und ich!”

Der Apotheker greift ein: „Nein, so war es nicht gemeint. Entschuldigen
Sie, daß ich die Sache so ansehe; was fällt Ihnen denn ein, Herr
Doktor?”

Der Doktor steht auf: „Nein, wissen Sie was, Sie Apothekerseele, Herr
...”

„Still! Die Sache ist die, Herr Konsul, wir wollten heute herkommen, um
-- wir meinten, der Doktor und ich, wir als gute Bekannte dürften uns
schon einen kleinen Scherz erlauben mit -- es ist uns natürlich nicht
eingefallen, Sie persönlich lächerlich machen zu wollen, wir wollten
nur ein wenig spaßen mit dem Orden, mit der Ritterschaft, die wohl
weder Sie noch wir sehr hoch anschlagen. Wir haben uns vielleicht etwas
verkehrt benommen, aber wir setzten voraus, wir dürften schon kommen
und sowohl Ihnen wie uns ein wenig Spaß machen.”

„Das haben Sie auch ganz richtig vorausgesetzt,” erwidert der Konsul.
„Wie Sie sehen, bin ich ja auch vom ersten Augenblick an auf den Scherz
eingegangen.”

„Daß Sie etwas so Selbstverständliches noch lange erklären mögen! Ich
bin erstaunt, Herr Apotheker!” ruft der Doktor. „Kommen Sie, wir gehen!
Adieu!”

Der Apotheker stand nun allerdings auf, aber er ließ den Doktor gehen
und fing von neuem an, dem Konsul Erklärungen zu geben, und gebrauchte
dabei äußerst höfliche Worte. Er hoffe, daß es keine Mißstimmung
zwischen guten alten Bekannten geben werde, der Doktor gehe zu weit,
das habe doch keinen Sinn, die Schuhe auszuziehen, und ein großes
Dampfschiff von einem Hafen in den andern zu dirigieren, von Genesien
den einen Tag, nach Zürich den andern -- das gehe doch beinahe über
Menschenverstand --

„Zürich ist nun eigentlich kein Seehafen,” sagt der Konsul und lächelt
überlegen.

„Na, dann nicht. Ich verstehe leider nicht viel vom Seewesen, ich
weiß nur, daß ich aus Zürich Pillen bekomme. Aber was ich sagen
wollte. Jedenfalls ist es eine Riesenarbeit, hier zu sitzen und der
Direktor von Schiffen auf dem Ozean zu sein und zugleich das größte
kaufmännische Geschäft der Stadt zu leiten. Dafür hätten der Doktor und
ich eigentlich wohl die Schuhe draußen ausziehen dürfen, das sag' ich
gerade heraus, aber wenn ich Sie recht kenne, so wäre Ihnen das nicht
angenehm gewesen. Der Doktor kann ja schon im voraus vieles verkehrt
gemacht haben, und ich möchte den Herrn Konsul bitten, es uns beiden
nicht nachzutragen.”

„Das hab' ich längst vergessen, reden Sie doch nicht so, das sollte
mir gerade fehlen, dem Doktor etwas übel zu nehmen, ich habe wirklich
anderes zu tun,” erwiderte der gutmütige Konsul Johnsen. „Da machen Sie
sich keine Gedanken darüber!”

„Was schließlich den Orden betrifft, so sind Sie ja der erste Ritter,
den die Stadt aufzuweisen hat, und es ist gewiß niemand da, der Ihnen
die wohlverdiente Ehre mißgönnt. Es ist wohl die Anerkennung dafür, daß
Sie das mit dem Wrack vor zwanzig Jahren so gut gemacht haben?”

Lächelnd sagt der Konsul: „Nun, es ist seither noch die eine und die
andere Kleinigkeit dazugekommen.”

„Natürlich. Eine ganze Menge wichtiger Dinge, nicht zum mindesten Ihre
wertvollen Berichte. Nun wird wohl auch die andere Regierung nachfolgen
-- war es nicht Bolivia?”

„Wieso? Ich bin nicht Konsul für Bolivia.”

„Verzeihen Sie.”

„Entweder Olsen oder Heiberg muß Konsul für Bolivia sein.”

„Aber sind Sie denn nicht Doppel --”

„-- konsul? Doch,” antwortet Konsul Johnsen und lacht laut über die
Verlegenheit des andern. „Ja, das versteht sich, Doppelkonsul, hahaha!
Aber es muß wirklich einer von den andern sein, der Doppelkonsul von
Bolivia ist, hahaha!”

„Ach, ich hab' ja Holland gemeint,” sagt der Apotheker ganz geknickt.
„Ich bin sehr unglücklich. Auf jeden Fall ist Ihr Ritterkreuz eine
Ehre, nicht allein für Sie, sondern auch für die ganze Stadt, wir alle
sind dadurch geehrt. Die holländische Regierung wird nun wohl auch
nicht mehr lange zaudern, Ihre Verdienste anzuerkennen.”

„Wieso? Nein, dazu liegt gar kein Grund vor. Wollen Sie nicht Ihre
Zigarre anstecken, ehe Sie gehen? Na, wie Sie wollen!”

„Die werden sich jetzt ordentlich schämen!” denkt der Konsul vielleicht
von den eben weggegangenen Herren. Und er denkt gewiß auch, daß bei
diesem ganzen dummen Besuch der Doktor jedenfalls nicht auf seine
Kosten gekommen sei. Die Herren selbst dachten vielleicht etwas ganz
anderes, Gott weiß, der Apotheker ging vielleicht aus der Tür und
grinste inwendig, und als er nachher dem Doktor von seinem „Sortie”
aus dem Doppelkonsulat berichtete, grinsten vielleicht beide Herren
gemeinsam. O, dieses Dirigieren der Schiffe auf allen Weltmeeren --
es war ja eine bekannte Sache, daß Konsul Johnsen dazu gar nicht ganz
befähigt war und daß über das Frachtschiff _Fia_ meist durch den Sohn
Scheldrup disponiert wurde.

Der Doktor schien trotzdem höchst befriedigt zu sein. Er sagte: „Bei
Licht betrachtet hat er den Hohn gar nicht begriffen. Wahrscheinlich
sitzt er in diesem Augenblick zu Hause und versucht, wie ihm der
Dannebrog steht.”

Der Apotheker meint, er habe doch begriffen.

„Begriffen? Was begreift denn der! Haben Sie Riesenarbeit gesagt?”

„Ja, ich sagte Riesenarbeit.”

„Und Bolivia und Zürich? Und er hat Sie nicht hinausgeworfen?”

„Die Weisheit kommt ihm hinterher. Er merkt es zum Schluß doch noch.”

„Keine Spur. Nein, das war ein verunglückter Einfall von uns.”

Der Doktor geht zu Grütze-Olsens. Er geht oft zu ihnen, in der
letzten Zeit beinahe jeden Tag, er hat dort etwas zu besorgen. Der
Schwiegersohn des Hauses, der Kunstmaler, war mit Frau und Kind zu
einem Sommerbesuch angekommen. Dem Kinde fehlte nichts, aber die junge
Mutter war ängstlich wie alle jungen Mütter und verlangte einen Arzt.

Der Doktor hatte nichts dagegen, in Grütze-Olsens Haus zu kommen, er
verdiente extra gut dabei und hatte angefangen, der Sache Geschmack
abzugewinnen. Hier war nicht alles gar so vornehm und abgemessen,
aber es war auch nichts zugemessen, alles war Breite und Überfluß,
es war etwas protzig und verschwenderisch. Einzelne Damenhandschuhe
trieben sich schon im Vorplatz herum, teuere Regenschirme standen mit
geknicktem Stock da. In den Zimmern herrschte keine Unordnung, aber
alles sprach von etwas zu viel Geld, die Bilderrahmen, die Teppiche,
die Möbelbezüge. Die Vorhänge hingen bis auf den Boden herunter und
breiteten sich da noch aus. Nein, hier herrschte keine Knauserei,
aber die Art der Einrichtung lenkte die Gedanken unwillkürlich auf
~selfmade~, auf neuerworbenes Geld.

„Ach was!” dachte wohl der Doktor und trank den teuern Wein und rauchte
die guten Zigarren. Hier herrschte jedenfalls gute Gesinnung und
Gastfreundschaft, und dazu der redlichste Wille, ihn anzuerkennen. Er
hatte ein weiches Plätzchen in der Sofaecke, und alles hing an seinem
Munde. Was tat's, wenn das Geld neuerworben war! Geld ist Geld, eine
Million ist nicht schlimmer als ein Tausend. Und da saß der Doktor.
Er war ja nicht der Mann, der sich imponieren ließ, aber er sah in
dieser Umgebung doch etwas kahl aus, sein gestärktes Vorhemd knarrte
etwas aufreizend auf seiner Brust, und die Manschetten mußte er mit
den kleinen Fingern zurückhalten, sonst rutschten sie ihm vor auf die
Knöchel.

„Nein, dem Kinde fehlt auch heute nichts,” sagt er. „Sie bekommt
nur noch ein paar Zähne mehr, um ihrer schönen Mutter auch darin zu
gleichen.”

Die junge Frau sagt mit tiefem Erröten: „Nun, das ist ja gut. Wir haben
uns wieder so um sie gesorgt. Das komischste dabei aber ist, daß nicht
ich am ängstlichsten gewesen bin.”

Konsul Olsen fragt: „Wer war denn am ängstlichsten?”

„Du, Vater! Das mußt du doch zugeben.”

Der Konsul entschuldigt sich: „Ich war nicht ängstlich, aber ich sah
nicht ein, warum das Kind Schmerzen haben sollte, wenn doch zu helfen
war. Sie ist nach mir genannt, Herr Doktor.”

„Das erklärt viel!” sagt der Doktor.

Hier war der Doktor ein anderer Mann, er hatte nicht nötig, immer
auf der Hut zu sein und Nadelstiche auszuteilen, hier hatte man die
nötige Hochachtung vor ihm, auch ohne das. Hier trat er freundlich und
herablassend auf, er machte sich's sozusagen bequem. Im Bewußtsein, daß
er der Überlegene war, vertiefte er die Kluft zwischen sich und diesen
Menschen nicht noch mehr. Hier im Hause herrschte außerdem gute Laune,
es schmeckte zur Abwechslung nicht armselig. Der Doktor war in dieser
Beziehung von Hause nicht verwöhnt, hier war Lachen und Gesundheit, und
natürlich war hier auch einige kindische Vornehmheit.

Fortwährend gingen Leute aus und ein. Außer dem Schwiegersohn mit
seiner Familie hatten sie auch noch Besuch von dem andern Kunstmaler,
dem Tünchersohn; o sie hatten ihn mitgenommen, er war allerdings
nicht in die Familie eingeheiratet wie sein Kollege, aber auch er
war willkommen und bewohnte ein Mansardenzimmer mit Teppichen und
Vorhängen, die bis auf den Fußboden herunterhingen.

Und nun wollte dieser Tüncher das Bildnis des Doktors malen.

„Was wollen Sie denn damit?” fragte der Doktor aufrichtig. „Ich kann es
nicht kaufen, und jemand anders wird es Ihnen auch nicht abkaufen.”

„Ich will Sie um Ihres Gesichtes willen malen,” antwortete der Maler.
„Auf Lohn wird nicht gesehen!” fügt er munter hinzu. Dieser Tünchersohn
war gar nicht so übel, er konnte zuweilen recht schlagfertig sein, er
war leicht entzündlich und immer verliebt, hatte auch ein ehrliches
Gesicht, aber seine Hände waren groß und ungeschlacht, der Doktor
betrachtete diese Hände mit Widerwillen.

„Ja, malen Sie nur!” sagte der Doktor und tat gleichgültig.

„Danke! Aber ich will Sie in Ihrem Studierzimmer malen, umgeben von
Arzneikolben und dicken Büchern, versunken in Ihre Wissenschaft.”

Der Doktor zuckte sichtlich zusammen. Das war einmal ein merkwürdiger
Künstler, welches Verständnis für einen Gelehrten und dessen Tätigkeit!
Der Doktor war augenscheinlich gerührt, eine schwache Röte stieg ihm in
die Wangen, und er trank sein Glas aus, um das zu verbergen.

Ja, hier in Grütze-Olsens Haus hatte er es gut!

Ursprünglich hatte er da gar nicht so viel erwartet. Er hatte
dieses Haus adeln wollen, wie er schon andere Häuser geadelt hatte,
Henriksens von der Werft, Heibergs, Davidsens Kramladen, Johnsens am
Landungsplatz, jetzt fühlte er sich hier wohl, solange es währte.
Er hatte außerdem noch einen andern Gedanken: Er konnte Konsul
Olsens wegen Johnsens am Landungsplatz geradezu eine Weile auf die
Seite setzen -- bitte, versuchen Sie einmal, wie das schmeckt! Er
wollte gerne ein gewisses Gleichgewicht in die Dinge bringen, eine
gleichstarke Macht jenseits der Grenzscheide herstellen. Er konnte die
Stadt regieren mit Uneinigkeit, mit zwei Kampfhähnen.

Das hätte sehr schön gehen können, allein alles strandete an der
Gutmütigkeit und Trägheit der Familie Olsen. Nein, die Familie Olsen
war nicht lernbegierig und hatte keinen Verstand für Ränke und Kniffe.
Sie verstanden sich auf gutes Essen und Geld und die eines Großhändlers
würdigen Möbel; aber sie hatten keine Kultur, keine illustrierten
Zeitschriften und keine von der Tochter des Hauses gemalten Teller. Die
Familie Olsen klebte an der Erde.

„Johnsen am Landungsplatz ist Ritter geworden,” sagt der Doktor. „Jetzt
sind Sie an der Reihe.”

Grütze-Olsen schüttelt wieder wehmütig den Kopf und sagt: „Dazu ist
keine Aussicht.”

„Das ist gar nicht unerreichbar. Es gehört nur ein wenig Arbeit dazu.”

Grütze-Olsen schüttelte noch einmal wehmütig den Kopf und erwidert:
„Ich bin Konsularagent für ein Land ohne Orden.”

„So. Aber jetzt hören Sie einmal, Herr Konsul. Jedenfalls könnten Sie
ein Landhaus haben.”

„Ein Landhaus? O ja, allerdings!”

„Nicht wahr? Warum soll hier nur _einer_ ein Landhaus haben? Und warum
soll gerade er es haben? Sie sind sicherlich ein reicherer Mann als er.”

Grütze-Olsen schüttelt lächelnd den Kopf: „Na, übertreiben Sie nicht!”

„Also ein Landhaus. Und dann fahren Sie mit zwei Pferden hinaus.”

„Mit zwei Pferden? Nein!”

„Das können Sie sich doch leisten!”

„Ja, allerdings,” erwidert der Konsul und wirft sich in die Brust.
„Aber zwei Pferde. -- Nein, entschuldigen Sie -- ich kann nicht einmal
mit einem Pferde fahren.”

„Dazu nehmen Sie sich doch einen Kutscher! Sie sind doch ein Mann, der
weiß, was sich gehört. Einen Kutscher mit blanken Knöpfen und einer
goldenen Borte um die Mütze.”

„Nein, nein, nein, da müßte der Kutscher ja selbst lachen, daß es ihn
schüttelt,” erklärt Grütze-Olsen. „Und ich mag nicht drinsitzen hinter
zwei Pferden.”

Der Doktor schlägt vor: „Dann sitz' ich die ersten Male drin, das
heißt, Frau Olsen und ich. Nicht wahr, Frau Olsen?”

Frau Olsen ruft ganz überwältigt: „Ich? Nein, Gott bewahre mich! Die
Frau Doktor kann -- die Frau Doktor kann selbst --”

Es war durchaus nichts zu machen.



25


So ging es denn nun im alten Trab weiter in der Stadt -- nur der
Postmeister war und blieb gebrochen. Er hatte mit einer dürftigen
Pension seinen Abschied erhalten, die Familie war in ein kleines Haus
bei der Werft übergesiedelt, und ein neuer Postmeister hielt seinen
Einzug im Posthaus.

Der Sommer war vergangen, und die beiden Leuchten der Stadt reisten
zurück zu ihrem Studium. Sie waren ja nicht gerade Busenfreunde,
aber sie fuhren mit demselben Schiff. Busenfreunde? Frank hatte doch
die ganzen Ferien hindurch gearbeitet und war Reinert wieder um eine
Nasenlänge vorausgekommen, wie hätte daraus ein zartes und harmonisches
Verhältnis entstehen können?

O, was hatte Frank nicht alles in diesen Wochen gelernt! Aber man sah
es ihm auch an. Er hatte in sein Bewußtsein hinein soviel verschiedene
Sprachwissenschaft verwoben, ein Stückchen ums andere, ohne Drängen,
ohne Gewalt, nur indem er Zeit und Lebenskraft dransetzte, jetzt stand
er auf dem Schiff ein bißchen gelb und mager, ganz ohne Fett und also
wie dazu geschaffen, immer noch mehr zu lernen. Selbst dem Leben um ihn
her widmete er nicht mehr Gedanken, als es wert war, mit seinen Händen
wußte er nichts anzufangen, der Arbeit der Matrosen an Bord schaute
er stumpfsinnig zu, die Maschinenleute fand er entsetzlich schmierig.
Frank konnte keine Fässer und Kisten in den Schiffsraum verladen, nein,
dazu war er nicht da; aber er konnte in Wörterbüchern nachschlagen;
aber er saß voll zarter und heiliger Sprachwerte, ein Vergleich war gar
nicht möglich. Feinheit wird durch Schulfleiß errungen und geht durch
Arbeit verloren.

Auf dem Schiff traf er einen Bekannten von der Schulbank her, den
Zeichenstift; als bleicher Neger tauchte er aus dem Maschinenraum
empor, nur halb bekleidet, mit verschwitztem Gesicht und weitoffener
Hemdbrust.

„Guten Tag!” sagte er und nickte Frank zu.

„Guten Tag!” sagte auch Frank und suchte sich den Neger in seine
Erinnerung zurückzurufen. „Bist du hier?”

„Ja, hast du das nicht gewußt?”

„Nein,” erwiderte Frank etwas zurückhaltend.

„Ich bin Heizer. Wie geht es Abel? Gut?”

„Abel? Ja, ich weiß nichts anderes.”

Der Zeichenstift wollte Schulerinnerungen auffrischen. „Weißt du noch?
Denkst du noch daran?” Er lachte, daß seine weißen Zähne blitzten, und
dachte nicht daran, wie schmierig er war, da stand er mitten im Zug und
machte sich nichts daraus. Frank stellte sich mehrere Male auf einen
andern Platz und sagte: „Es zieht hier sehr!”

„Geht es bei dir zu Hause und deinen Schwestern gut?”

„Ja, ich hab' nichts anderes gehört.”

„Hahaha, man könnte gerade meinen, du kämest nicht von daheim,” sagt
der Zeichenstift. „Und wie komisch, daß du nicht gewußt hast, daß ich
hier bin. Deine Schwestern wissen das doch.”

Frank sagt ausweichend: „Ich hab' soviel anderes zu denken.”

„Aber dann weißt du doch wohl noch, wie wir die Fenster eingeschlagen
haben? Und wie der Vorsteher dazukam?”

Immer ferner, beinahe schon am Horizont, sagt Frank: „Nein, das ist
schon lange her.”

Der Zeichenstift merkt, daß sein Kamerad sehr gelehrt ist, und macht
nun den Versuch, ihn nach seinen eigenen Angelegenheiten zu fragen: „Du
willst wohl wieder auf die Universität?”

„Selbstverständlich.”

„Ach du liebe Zeit, wie weit hast du es denn schon gebracht? Bist du
jetzt bald Pfarrer?”

„Pfarrer?” grinst Frank. „Nein, gewiß nicht.”

„Na!”

„Ich studiere Sprachen.”

„Na, aller Welt Sprachen! Ja, das ist auch keine Kleinigkeit. Aller
Welt Sprachen, wie der Vorsteher. Reinert wird aber doch Pfarrer?”

„Nein, das weiß ich nicht.”

„Das weißt du nicht?”

Frank sagt unwillig: „Nein, ich weiß nicht, was er werden will.”

„Ich hab' Reinert heut morgen an Bord kommen sehen, aber er kannte mich
augenscheinlich nicht.”

„Nein, das kann gut sein. Du bist ja so schwarz.”

„Allerdings, ich hab' ihn aber doch gegrüßt,” sagte der Zeichenstift
und fing an, Asche aus dem Feuerraum heraufzuziehen und über Bord zu
werfen.

„Hier staubt es so!” sagte Frank.

Nein, Reinert kannte nur, wen er kennen wollte; er kannte kaum Frank,
der doch sein Kollege und ihm voraus war. Frank sah ihn an Bord kaum,
Reinert fuhr auf dem zweiten Platz und trieb sich meist auf dem
ersten herum. Aber Frank stand auf seinem dritten Platz und hatte das
Bewußtsein, mehrere Sprachen zu verstehen.

Reinert hatte in den Ferien nichts Nennenswertes gearbeitet, ein wenig
hatte er ja studiert, um seinem Vater, dem Küster, eine Freude zu
machen, aber sonst hatte er sich meist im Freien aufgehalten. Reinert
hatte kein Gras unter seinen Füßen wachsen lassen, er hatte Klein-Lydia
und die kleinen Mädchen von der Werft vollständig erobert und auch
bei Heibergs Alice große Fortschritte gemacht. Der Junge sah ja auch
verflucht gut aus mit seinen Locken und seinen schönen Kleidern, dazu
trat er so keck auf, daß er gut für erwachsen gelten konnte. Das
ging sogar so weit, daß er sich bemüht hatte, den Assistenten beim
Hardesvogt bei den Damen auszustechen, obgleich er es bei ihm mit einem
ausstudierten Manne zu tun hatte.

Frank trieb sich blaugefroren auf Deck herum und suchte immer wieder
ein warmes Plätzchen, wenn sich das Schiff drehte. Das erste, was er
nach Ankunft in Christiania tun wollte, war, sich einen Überzieher mit
einem Samtkragen zu kaufen.

Er kam am Rauchsalon vorbei, die Tür stand weit offen, er schaute
hinein und blieb stehen. Dann grüßte er und wollte weitergehen, aber er
war ein wenig zu lange stehen geblieben, außerdem waren es ja Bekannte,
die da vor ihm saßen, Rechtsanwalt Fredriksen aus seiner eigenen
Stadt, ein großer Mann, aber er plauderte da mit einem geringeren, mit
Reinert, sie saßen beieinander und schwatzten, der Rechtsanwalt putzte
sich die Nägel mit einem Perlmuttermesser, und beide rauchten.

Frank trat nicht näher, aber er sah auch nicht ein, warum er sich
davonschleichen sollte, so weit bekannt und anerkannt war er doch auch,
darum redete er durch die offene Tür Reinert an und sagte: „Ich hab'
den Zeichenstift getroffen, er fragte nach dir.”

Reinert gab keine Antwort, er saß da und tat, als ob er nachdenke.

„Er ist Heizer hier auf dem Schiff.”

„So!” sagte Reinert geistesabwesend.

„Wer ist der Zeichenstift?” fragte der Rechtsanwalt, als ob er das
nicht recht gut wüßte.

„Ein Schulkamerad von uns,” erwiderte Reinert. „Ja, ich freu' mich sehr
darauf, _die Glocken von Corneville_ wieder einmal zu sehen.”

„Ich hab' sie nicht gesehen.”

„Klausen ist großartig; das sagt jedermann.”

„Ich hab' so wenig Zeit für Theater und Zirkus,” donnert Rechtsanwalt
Fredriksen. „Ich hab' doch meine Arbeit für den Landtag, und außerdem
bin ich Vorsitzender einer parlamentarischen Kommission --”

Frank begriff, daß er hier nichts mehr zu suchen hatte, und ging
weiter. Er begab sich wieder an ein warmes Plätzchen und lächelte
vor sich hin. O, er verstand mehr Sprachen als die beiden zusammen.
Fredriksen verstand wohl nichts, als einen kleinen Rest Deutsch -- das
war alles!

Aber konnte nicht auch der Rechtsanwalt Fredriksen lächeln? Es ging
ihm mit seinen Sprachen wie mit seiner Anatomie: er verstand soviel
davon, als er zu wissen brauchte. Jetzt war er wieder auf dem Wege
zu seiner Kommission, vollkommen ausgeruht und bereit, die Arbeit da
wieder aufzunehmen, wo er sie hatte liegen lassen. Diese Zusammenkünfte
in den Kommissionen waren nicht so übel, es stand in der Zeitung,
wenn er ankam; er konnte wieder Fahrt- und Kostgelder aus der
Staatskasse erheben, abends traf er mit Kollegen und Gleichgestellten
bei Punsch und langen Pfeifen zusammen. Das gab Ansehen, ein kleines
Winkelblättchen hatte unter anderen auch ihn als künftigen Staatsrat
genannt: „Haben wir denn keine Männer? Da ist doch der Oberstaatsanwalt
Fredriksen!” Das tat dem Herrn Rechtsanwalt keinen Eintrag, wenn auf
ihn hingewiesen wurde, dabei konnte er nur gewinnen, er hatte die
Zukunft vor sich, er war nun schon ein Mann, der bei einer Unterredung
das Taschenmesser herausziehen und damit in seinen Nägeln herumstochern
konnte.

So reisten also diese drei Stadtkinder nach Christiania, Frank, Reinert
und der Rechtsanwalt, jeder mit seinem Vorhaben, seinem Ehrgeiz, seiner
Zukunft. Der Zeichenstift heizte die Maschine.

Und die Küstenstadt lag wieder hinter ihnen.

Sie wurden daheim vermißt, jeder auf seine Weise. Frank vielleicht am
wenigsten. Seine Kammer stand leer, aber die Großmutter hatte nicht
mehr nötig, auf den Zehen zu schleichen und konnte am Herde rasseln,
soviel sie wollte. Das war keine kleine Änderung zum Besseren. Abel
erbte die Kammer von seinem Bruder; aber das war einerlei, hin oder
her, er war nur bei Nacht darin, und außerdem war Abel kein Mann der
Wissenschaft.

Da hinterließ doch der Rechtsanwalt eine größere Lücke bei seiner
Abreise. Nicht als ob sein Kontor durch seine Abwesenheit stark
gelitten hätte, sein Geschäft war nicht so groß, daß es ihm nicht mit
der Post nachgeschickt und von ihm auf der Bank im Landtag erledigt
werden konnte. Aber der Rechtsanwalt hatte doch eine gewisse vorläufige
Abrede getroffen, Fräulein Olsen vermißte ihn vielleicht, jedenfalls
mußte es ihr sehr still vorkommen, als seine Stimme fehlte. Was war
sonst noch erfolgt? Nur abgewartet, die Zeit war noch nicht gekommen,
aber sie näherte sich, ein Winkelblättchen hatte schon die kommenden
Männer genannt, darunter auch ihn, den mit der Abrede. Fräulein Olsen
mußte jedenfalls gewisse schwere Tritte auf der Treppe vermissen, wenn
nicht mehr, einen schwer schnaufenden Herrn, der hereintrat, einen
Nacken mit einem Speckwulst, eine tastende Hand: „Guten Abend, guten
Abend!” Wenn sie nicht sehr vergeßlich war, so mußte sie sich auch an
die Zigarrenstummel im Aschenbecher erinnern, an das Zwiegespräch, an
die sachliche Art, seine Liebe und norwegische Politik zu betreiben:
„Was haben wir im Grunde in diesem Dasein zu erstreben? Es gut zu
haben, was denn sonst? Wir steigen von Stellung zu Stellung, und es
geht uns besser und immer besser, wir speisen gut, kleiden uns gut,
legen zurück, werden vermöglich, besitzen Häuser in der Stadt und
Anteile an Schiffen auf dem Meere, bewohnen eine Sommervilla, segeln
oder fahren in der Kutsche, wann es uns gefällt. Wir tun nichts, was
uns nicht paßt, wir wollen das Unebene nicht eben machen, das sollen
die andern tun, jeder nach seinem Geschmack! Nachher -- nachher können
wir Geschäfte in Gang bringen und den Leuten Arbeit geben, wir können
rund um uns herum wohltun, eine helfende Hand reichen. Wir hören von
einer obdachlosen Familie und lassen sie in einem von unsern Häusern
wohnen: Bitte, nur hier eingezogen mit den Deinen! Wir hören von
Unglücksfällen und nehmen Anteil, wir sind alles andere als hartherzig,
Matrosen werden zu Krüppeln in ihrem gefahrvollen Berufe, wir greifen
ein und verschaffen ihnen ihr Recht. Auf diese Weise werden wir
solidarisch, wir wollen Fortschritt und Demokratie, laßt nur uns alles
in Ordnung bringen mit dem Dienst, der Fahne und dem Vaterland --”

„Jawohl,” sagte Fräulein Olsen darauf.

„Nicht wahr, so geht es, und so muß es auch gehen! Aber es ist nicht
gut, daß der Mensch allein sei, sowohl die Person als die Stellung
verlangen eine Gehilfin, Fräulein Olsen --”

„Wollen Sie sich nicht noch eine Zigarre anstecken?”

„Doch, danke. Eine Gehilfin also. Sie ist notwendig aus mehreren
Gründen: Dem Haus muß eine Hausfrau vorstehen, sie soll die Zimmer
in Ordnung halten, die Einkäufe für den Haushalt gehen durch ihre
Hände. Jemand kommt und will den Mann sprechen, er arbeitet, er ist
im Staatsrat, aber die Frau repräsentiert. Der Verwaltungsrat eines
Altersheims oder einer Anstalt für Geistesschwache wünscht ihre
wertvolle Unterstützung, nun gut, die Frau setzt ihren Namen unter
einen Aufruf. Sie ist jetzt auf eine höhere Warte gehoben, zu neuen
Ehren gelangt, aber auch zu neuen Pflichten. Sie kann sich diesen nicht
entziehen, die Öffentlichkeit hält die Augen auf sie gerichtet, die
Gesellschaft stellt ihre Forderungen. Könnten Sie diese Forderungen
erfüllen, mein Fräulein?”

„Ich?” sagt wohl Fräulein Olsen lachend. „Ach, das weiß ich nicht. Nun,
wenn es sein müßte, könnte ich es wohl. Was meinen Sie?”

„Das setze ich voraus. Und nun bleibt nur noch übrig, darüber ins
reine zu kommen, ob auch Sie wollen. Seit unserer ersten Abrede sind
nun mehrere Monate verflossen, Sie haben Zeit gehabt, oftmals darüber
nachzudenken. Aber ich warte auf gewisse Veränderungen, die eintreten
sollen, es eilt nicht, ich lasse Ihnen noch mehr Zeit.”

Da fragt wohl Fräulein Olsen etwas verwundert: „Unsere erste Abrede,
sagen Sie? Was für eine Abrede?”

„Liebes Fräulein, unsere vorläufige Abrede. Erinnern Sie sich denn
nicht mehr, bei der Hochzeit Ihrer Schwester? Ich meine doch, wir seien
darüber einig geworden --”

„Ja, wir waren nicht uneinig.”

„Na, sehen Sie!”

„Aber _Sie_ trafen die Abrede.”

„Na ja, darüber wollen wir nicht streiten, ich hab' am meisten geredet,
darin haben Sie recht. Ich gab Ihnen mein Versprechen --”

„Sie stellt sich nur ein wenig an!” mag der Rechtsanwalt Fredriksen
denken. Aber um sicher zu gehen, will er etwas zur Sprache bringen,
etwas verlauten lassen, das ihm eingefallen ist. Diese Maler und
Künstler, die ins Haus gekommen sind, könnten ihm das Mädchen
wegschnappen, es wäre unglaublich, wenn so etwas geschehen würde, aber
jetzt wollte er es andeuten: „Ich hab' Ihnen also meinen Antrag zu
Füßen gelegt, und da liegt er. Hm. Wer singt denn da droben auf dem
Boden?”

„Das sind die Maler. Sie haben droben ihr Atelier.”

Der Rechtsanwalt lächelt: „Ach, diese Gesellen! Sorglose Seelen, singen
und bemalen die Leinwand! Von dem andern rede ich nicht, aber Ihr
Schwager ist doch aus gebildetem Hause, ich bin mit seinem Vater auf
der Universität gewesen. Wie geht es dem Sohn? So ein junger Mann hat
nichts, worauf er zurückgreifen könnte, er hat nichts Rechtes gelernt,
hat nicht studiert. Von dem andern will ich gar nicht reden, aber Ihr
Schwager hatte doch von Geburt an Aussicht auf eine Zukunft. Na, es
kann ja gut gehen, er kann ja hie und da einmal ein Bild verkaufen,
ich selbst will ihm später eines abkaufen, und ich werde es Ihnen
übertragen, die Auswahl zu treffen.”

„Was --”

„Ja, das will ich,” nickt Herr Fredriksen wie von oben herab, von
seiner Höhe. „Ein Bild kaufen und Sie bitten, die Wahl zu treffen.
Wollen Sie?”

„Würden Sie mir das anvertrauen?”

„Ich würde Ihnen natürlich noch viel wichtigere Dinge anvertrauen. Und
was die Bilder betrifft, so wollen wir ihm nicht eins, sondern zwei
abkaufen, das wollen wir. Ich reise jetzt wieder nach Christiania im
Dienste meines Vaterlandes. Unsere Abrede soll inzwischen ruhen, wenn
die Zeit gekommen ist, werden wir gleicher Meinung sein, das hoff' ich
...”

So hing es also zusammen mit der vorläufigen Abrede! Der Rechtsanwalt
war beinahe allein dabei beteiligt. Seht, er hatte vor einigen
Monaten diese Sache in Ordnung gebracht, und zwar zu seiner eigenen
Zufriedenheit, aber heute war es ihm eingefallen, er wolle doch nicht
so ganz allein sein mit dieser Abrede, er wolle auch den andern Teil
dabei haben. Selbstverständlich würde Fräulein Olsen einschlagen, er
mußte sie nur fragen, sie ein wenig ausforschen. Dann ging es, wie es
ging, sie zierte sich ein wenig, aber das hatte nichts zu bedeuten, die
Sache endete damit, daß sie versprach, die Bilder für ihre Wohnung zu
kaufen.

Damit ging Rechtsanwalt Fredriksen an Bord.

Aber nun saß also Fräulein Olsen wieder einsam und allein in der
Stadt und überlegte. Was hatte sie diesem Manne versprochen? Nichts!
Nicht das allermindeste. Aber hatte sie ihn von der ersten Stunde
an entschieden abgewiesen? Manche Frauen weisen keinen ab, keinen
einzigen. Selbst der Unmöglichste läßt sich dazu gebrauchen, die
Gedanken zu beschäftigen. Fräulein Olsen gehörte gewiß nicht zu den
Berechnenden, den Abgefeimten, aber da war nun einmal dieser Mann,
sie hatte ihn im Rückhalt, er war immer besser als gar keiner, sie
wurde älter, die Schwester war verheiratet, weiß Gott, eine Zukunft
war eine Zukunft, ein Staatsrat ist etwas Rechtes, wenn er wirklich
Staatsrat wird. Man konnte immerhin daran denken! Aber berechnend?
Sie steckte bis über die Ohren in Berechnungen, war aber doch ein
natürliches Mädchen und wie alle andern, die Natur selbst lenkte
ihre Politik. Sie hatte noch an nichts Mangel gelitten, sollte sie
Mangel an einem Verehrer leiden? Von allem andern hatte sie vollauf,
und hier hatte sie nun einen Staatsrat, wenn er es wurde! Daran war
nichts Unverständliches, ein Huhn im Gartenbeet ist auch nichts
Unverständliches.

Natürlich mußte Fräulein Olsen den Rechtsanwalt vermissen, wenn er
abgereist war.

Vermißten ihn noch andere? Vielleicht das Haus Oliver? Das ist
nicht wahrscheinlich. Oliver war wohl mehr als froh, als sein
draufgängerischer Gläubiger die Stadt wieder verließ, und Petra
mußte wohl das ewige Gerenne zu dem Rechtsanwalt satt haben. Endlich
waren ihre Verhandlungen erledigt. Sie konnte doch unmöglich etwas
übrig haben für diesen Mann, der sie so geplagt hatte, hier konnte
sicherlich von Anhänglichkeit keine Rede sein, das fehlte auch gerade
noch! Hörte man von einem Wunder und einer schonungslosen Liebe, war
am Brunnen die Rede davon, daß beide in Flammen stünden, war das Wort
„Kurzschluß” gefallen? Dem Rechtsanwalt gehörte das Dach über Petras
Haupt, sie sprach mit diesem Manne, damit sie dieses Dach behalten
durfte, das war alles. Gewiß, sie mußte öfter hingehen und über diese
Sache mit ihm reden, auch Oliver, ihr Mann, konnte gelegentlich
darüber murren, daß sie nie damit fertig wurde. Aber zog sie sich
zu diesen Besuchen irgendwie auffallend oder aufreizend an, außer
mit einem neuen Hemd unter dem Kleid? Nein, durchaus nicht, soviel
Oliver wußte. Sie hatte ja nun einmal diese neuen Hemden bekommen und
mochte sie wohl gerne tragen, Petra war eine verheiratete Frau, keines
Mannes Annäherungsversuche würden Eindruck auf sie machen. Sie hatte
vor vielen Jahren, als sie noch jung war, Scheldrup Johnsen für ein
zärtliches Wort eine Backpfeife gegeben, was würde sie dann jetzt wohl
tun, wo ihre Haare anfingen an den Schläfen grau zu werden und sie
beinahe erwachsene Kinder hatte?

Oliver hatte also keinen Grund zum Mißtrauen. Er sagte: „Jetzt ist er
also fort?”

„Ja,” antwortete Petra. „Und mir ist's recht, wenn er nie wiederkommt.”

„Wieso? Meinst du, er bleibe für immer weg?”

„Das weiß ich nicht. Mir wär's recht, wenn er nicht wiederkäme.”

Oliver sah seiner Frau an, daß es ihr ernst war mit dem, was sie
sagte; sie machte eine Gebärde des Abscheus und spuckte zur Seite aus.
Deutlicher konnte sie nicht reden, sie verabscheute den Rechtsanwalt.

„Ja, er ist kein Mann Gottes,” sagte er. „Aber die Rechtsanwälte! Sind
die jemals anders gewesen!”

„Und das sag' ich dir,” beharrte Petra. „Das nächstemal kannst du
selbst zu ihm gehen. Ich tu' keinen Schritt mehr.”

Hätte jemand deutlicher reden können! Oliver nahm das nicht übel auf,
im Gegenteil; ja und das nächstemal werde er selbst zu Rechtsanwalt
Fredriksen gehen, sagte er, nur ein einziges Mal, kurz und gut, sagte
er und nickte dazu. Und er werde die Sache ein für allemal abmachen,
er werde ihm sagen, wie er heiße, Oliver Andersen, und er werde eine
Quittung verlangen für eine gewisse Summe Geldes, die er dem Blutsauger
auf den Tisch werfen werde. Der Krüppel und Hasenfuß malte sich aus,
wie er auftreten werde.

Übrigens war Oliver in der letzten Zeit wirklich etwas dreister
geworden. Das Bewußtsein, daß er Geld in der Tasche hatte, hob
den Mann, sein Charakter wurde fester. In den ersten Tagen nach
dem Postraub fühlte er sich noch unsicher und bat Petra, ihm eine
Innentasche in seine Weste zu nähen. Petra spottete über ihn und hielt
es für Großtuerei. „Eine starke Tasche!” verlangte Oliver. „Jawohl, von
Segeltuch!” sagte Petra. Da mußte sich Oliver an seine Mutter wenden,
damit die Arbeit gemacht wurde.

Und jetzt, wo er seine Innentasche hatte und seine Geldscheine darin,
fühlte sich Oliver geborgen; niemand würde auf den Gedanken kommen,
einen Krüppel zu untersuchen, der nichts Böses getan hatte. Das
Eiderdaunengeld war sein rechtmäßiges Eigentum.

Ärgerlich war es, daß dieses Geld nicht so recht ans Tageslicht kommen
durfte. Es hätte Oliver Freude gemacht, in die Kaufläden der Stadt
zu gehen und dies und jenes zu verlangen, und dann all sein Geld aus
der Tasche zu ziehen und davon zu bezahlen; diese Freude blieb ihm
versagt, das Geld mußte mit einer gewissen Lichtscheu ausgegeben
werden. Ein Gutes war allerdings dabei, es bestand zum größten Teil
in kleinen Scheinen, in vorsichtigen Zwischenräumen konnte Oliver
einen solchen dem Pack entnehmen und ihn in Waren umsetzen. Auf diese
Weise verschaffte er sich jeden Tag etwas Gutes zum Lutschen, außerdem
ein wenig Putz, einen neuen Schlips um den Hals und einen steifen
Kragen; den kleinen Mädchen hatte er Schuhe mit Schleifen auf dem
Spann gekauft. Niemand faßte Verdacht gegen ihn wegen allzu großer
Ausgaben; ein paar größere Geldscheine steckten ausgebreitet in seiner
Innentasche.

So ging alles gut, Oliver hatte weiter keine Gelüste, er war leicht
zufriedengestellt. Ein Freßsack war er nicht, wenn er auch etwas
naschhaft war. Petra war das genaue Gegenteil, ein habsüchtiges und
gieriges Weib. Gerade in dieser Zeit hatte Oliver seinen neuen und
besseren Charakter recht nötig, er mußte Petra andauernd entschuldigen
und ihr milde Ermahnungen angedeihen lassen. Der Teufel mochte sie
verstehen, sie war sehr verdreht und querköpfig geworden, es war ihr
wie angeflogen, jetzt war ihr weder Essen noch Trinken mehr recht, sie
konnte dies und jenes nicht ertragen, der letzte Kaffee hatte geradezu
verdorben geschmeckt. „Was für Kaffee bringst du auch nach Hause!”
sagte sie. Sie hatte bei Davidsen ein Stück Schweizerkäse gesehen,
und wenn sie jetzt noch Stubenmädchen bei Konsul Johnsens gewesen
wäre, dann hätte sie solchen Käse bekommen! Übrigens hatte sie im
Schaufenster bei Barbier Holte ein Stück Goldseife gesehen, was mußte
die gut riechen!

Und Oliver, der die Innentasche voll Geld hatte, konnte antworten: „Sei
doch nicht so begehrlich nach allem, was du siehst, Petra! Denk lieber
daran, was wir verdienen, du und ich. Es geht uns doch recht gut, wenn
schon einmal die Rede davon ist.”

Hier offenbarte sich nun Petras ungebärdige Verdrehtheit, und sie fing
an, mit dem Manne zu zanken. Statt sich vor seiner Krücke zu fürchten,
die in erreichbarer Nähe lag, verhöhnte sie nun diese und ihn selbst
und sagte, sie lebe mit einer Krücke, spreche mit einer Krücke, liege
im Bett bei einer Krücke und müsse sterben mit einer Krücke; das sei
ein Leben! Und dabei spuckte sie wieder zur Seite aus, gerade als ob
sie sich erbrechen müßte.

Oliver mit seinem kräftigen Oberkörper hätte den Tisch mit dem Beile
spalten oder den Ofen einreißen oder sonst etwas als kleine Warnung
vornehmen können, aber er tat etwas völlig Unerwartetes, er ging in
die Stadt und kam zurück mit dem Käse und mit dem Stück Seife, bitte!
Nein, so etwas! Petra war einen Augenblick wie gelähmt von dieser
Unverständlichkeit, dann fing sie an zu weinen: sie wolle die Sachen
nicht haben und besitzen! Wie er ein solcher Dummkopf sein könne, sich
wegen dieser Narrheiten in Schulden zu stürzen! „Bring die Sachen
sofort zurück!”

„Nein, jetzt hast du, was du haben wolltest,” sagte er.

Was sie haben wollte? Durfte sie jetzt nicht einmal mehr einen kleinen
Spaß machen? Oder sollte sie zu allem hin auch noch ihr Leben lang
stumm sein? Pfui!

Nun mußte es Oliver doch wirklich kränken, daß sie vor ihm ausspuckte
wie vor dem Rechtsanwalt, aber er schwieg dazu. Ach, es geht eine
große Veränderung vor mit einem Manne, der einen neuen Charakter
bekommen hat. Oliver überredete seine Frau, den Käse doch wenigstens zu
versuchen, nun ja, sie versuchte ihn und spuckte ihn wieder aus. „Was
soll das heißen? Das ist ein anderer Käse, meinst du, du könnest mich
anführen?” Petra wurde ganz blaß vor Erregung, sie war über die Maßen
ungebärdig, die kleinen Mädchen bekamen heftige Schelte, nur weil sie
gelächelt hatten. Als sie an der Seife roch, mußte sie sich die Nase
zuhalten.

Es war unmöglich, ihr etwas recht zu machen.

Na ja, weder Oliver noch die kleinen Mädchen hatten etwas dagegen, die
gekauften Leckerbissen für sich behalten zu dürfen.

So verging ein Tag nach dem andern, mit Gutem und Bösem, mit
Reibereien, kleinen Tageserlebnissen, hie und da mit einem herrlichen
Fischgericht, wenn Oliver einmal abends hinausruderte, zuweilen mit
Backwaren zum Kaffee, wenn Oliver einen Schein hatte wechseln lassen.
Es ging durchaus nicht armselig zu, die Familie hatte es erträglicher
als die meisten kleinen Leute in der Stadt; wie viele hatten denn eine
feste Stellung und eine Innentasche voll Geld?

Da war nun der unglückliche Postmeister mit seiner Familie, denen ging
es viel schlechter. Der Doktor konnte bei dem schwer heimgesuchten
Kranken immer noch keine Besserung feststellen; der Postmeister saß,
wo man ihn hinsetzte, stumm und geknickt, wie abgestorben. Man konnte
auch nicht annehmen, er sei stillvergnügt über irgend etwas, er kichere
und lache in der Einsamkeit und schlage sich vor Lustigkeit auf den
Schenkel. Weit entfernt! Es war nichts davon zu merken, daß er sich
mit seiner alten Philosophie tröste, mit der Freude über seine Kinder,
darüber, daß die Kinder soviel mehr wurden, als er war, darüber, daß
sie gottlob schon jetzt an einem besseren Erdenleben für das nächste
Mal arbeiteten. Der Postmeister schien gar nichts mehr zu denken, zu
sinnen, zu glauben. Er hatte viele Jahre lang gesucht und endlich einen
kleinen Pfad mit etwas Licht darauf gefunden, den war er gegangen
-- bis ganz weit draußen das schreckliche Schicksal furchtbar und
hoch aufgerichtet vor ihm stand und ihn aufhielt. Die Wogen seiner
Überlegungen hatten ihn verschlungen.

Seine Frau und seine Töchter waren tüchtige Menschen; die eine Tochter
sollte jetzt eine Stelle in Konsul Johnsens Laden bekommen, der Sohn,
der Landwirt war, steuerte bei, soviel er konnte, und die dürftige
Pension reichte eigentlich weiter, als man erwartet hatte, aber so
viele erwachsene Menschen konnten doch nicht davon leben. Es hätte
schlimm ausgesehen, wenn nicht der Sohn in England, der tüchtige zweite
Steuermann, eingetreten wäre. Als er von dem Postraub und dem Unglück
seines Vaters hörte, trat er ein wie ein Mann. In einem herrlichen
Briefe forderte er seine Eltern und Geschwister auf, in der Stunde der
Prüfung ihr Vertrauen auf Gott zu setzen, er erzählte, daß auch er
Unannehmlichkeiten von der Sache gehabt habe, er sei verdächtigt und
verhört worden, aber natürlich sei nichts auf ihm sitzen geblieben.
Er vergab der Welt, daß er verdächtigt und angezeigt worden war,
gottlob, das Recht habe gesiegt, in England siege jederzeit das Recht.
Zum Schluß äußerte er die Ansicht, daß darin eine Mahnung für die
Stadt zur Umkehr und zum Nachdenken zu erkennen sei, ein so unerhörtes
Ereignis gehe nicht nur ihn und seine Familie, sondern alle Leute an.
Kurzum, er war fromm. Welch ein Sohn! Nicht mit einem Wort berührte
er das Wichtigste, aber das Wichtigste war, daß er augenscheinlich
jetzt mehr Geld hatte; ob er nun größere Heuer bezog oder in Englands
Erde eine neue Kohlengrube entdeckt hatte, jedenfalls schickte er eine
anständige Summe Geldes und versprach, noch mehr zu schicken. Das war
Rettung, seine schöne Tat verschaffte der Mutter und den Schwestern
ein unerwartetes Glück. Sie gingen zum Herrn des Hauses und erzählten
ihm die Neuigkeit, sie hatten sich überlegt, daß sie ihn plötzlich
damit überfallen wollten, um sein träges Hirn damit aufzurütteln, sie
hofften, daß die Freude ihm mit einem Schlage den Verstand wiedergeben
werde, bedenkt doch nur, wenn das geschähe! Aber es geschah nicht, sie
wurden enttäuscht. Der Postmeister hörte ihnen zu, er schien sich sogar
Mühe zu geben, zu verstehen, was sie ihm erzählten, wobei eines dem
andern das Wort vom Munde wegnahm, aber er wurde nicht klüger davon. Es
war gerade, als ob er die Neuigkeit schon gehört, oder als ob er sich
das gedacht hätte, die einzige Veränderung in seinem Gesicht war, daß
er noch etwas blasser wurde. Seine Frau brach in Tränen aus.

„Nein,” sagte der Doktor, „Ihr Sohn, der zweite Steuermann, kann Ihren
Mann nicht kurieren.”

Die Frau Postmeister pflegte nicht viel zu reden, sie fühlte sich aber
verletzt von des Doktors beständiger geschäftsmäßiger Sicherheit und
fragte: „Warum nicht?”

„Ja, warum nicht!” erwiderte der Doktor. „Ich glaube viel eher, daß es
der Herr Postmeister schließlich selbst satt bekommen, nur so in seinem
Stuhle zu sitzen und seinen Nabel zu betrachten.”

Welche Sprache einer vom Unglück getroffenen Familie, ja Gott
gegenüber! Aber das war ganz so geredet, wie es der Doktor im Brauch
hatte, da war nichts zu machen.

Der Doktor geht nach Hause in sein Studierzimmer. Er saß in dieser
Zeit dem Maler, darum trug er seinen abgetragenen Überzieher und
die gestreiften Hosen, die er sich zu Fia Johnsens Konfirmation
angeschafft hatte. Das war schon eine Ewigkeit her.

Er geht an Johnsens Doppelkonsulat vorbei, und da er stets ein
wachsames Auge auf dieses Geschäft hat, sieht er bald, daß wieder ein
neues Schild ausgehängt ist: „Modewaren, Blusen, gestrickte Sachen.
Hüte werden garniert.” -- Das Schild muß während der Nacht über die Tür
gekommen sein.

Der Doktor bleibt stehen und liest das Schild ganz genau, und um nicht
völlig mit sich selbst reden zu müssen, sagt er zu einem knicksenden
Dienstmädchen, das vorbeigeht: „Unser Herr Ritter schwärmt für neue
Schilder.”

Jawohl, Konsul Johnsen hat den Anbau des Ladens, wo jahrelang Öfen und
ein paar Eggen standen, ausräumen lassen und einfach ein Modengeschäft
daraus gemacht.

Der Doktor geht weiter und lächelt vor sich hin, er kommt an eine
Haustür und trifft da den Maler, der auf ihn wartet. „Eine Entdeckung,
junger Mann!” ruft er schon von weitem. „Ein Erlebnis!” Und dann fängt
er an loszulegen.

Für gewöhnlich pflegte der Doktor mit dem Sohn eines Tünchers keine
Zwiesprache zu halten, aber mit diesem jungen Mann war es eine andere
Sache, es war ein Künstler und kein unbedeutender Mensch, allerdings
jämmerlich unwissend in Bücherweisheit, aber mit soviel Verstand, zu
schweigen, wenn die Gelehrsamkeit redete. Während der Sitzungen wurde
die ganze Stadt durchgenommen, von dem unglücklichen Postmeister an
bis zu Johnsens am Landungsplatz und Grütze-Olsens, von Davidsen
und Heiberg bis zum Rechtsanwalt Fredriksen und Oliver, dem Krüppel
-- mit all der braunäugigen Brut im Hause. Der Maler erhielt viele
unterhaltende Aufklärungen über die Verhältnisse in der Stadt; der
Doktor war witzig und boshaft, ihm fehlte die Übung im Schießen
durchaus nicht, allein es kam doch vor, daß er zu schnell sein wollte,
daß seine Pfeile zitternd gerade vorbeifuhren. Auch ein Doktor kann
manchmal daneben schießen.

„Junger Mann, Sie sind fremd hier,” konnte er sagen. „Die ganze Stadt
ist ein Nest, ein Loch, aber ohne mich wäre sie ein Sumpf. Ich gebe
den Leuten etwas zum Einnehmen.” So saßen die beiden im Studierzimmer
des Kleinstadtdoktors, der Maler malte, und der Doktor ließ sein
Mundwerk laufen. Es war weiter nicht viel Wissenschaftliches in dem
Zimmer, obgleich der Maler das gewünscht hatte und das Bild „Der Arzt”
heißen sollte. Der Doktor hatte einige Bücher hervorgekramt und einige
Arzneikolben aufgestellt, ein Hörrohr stand auf dem Tisch und an der
Wand hing eine Tafel mit Buchstaben, nach der für augenschwache Leute
die Brillen ausgesucht wurden, in einer Ecke stand auch noch ein wenig
Sublimat in einer Tasse, das war alles. Wo war der Operationstisch
und die Wandbretter von Glas mit den tausenderlei Instrumenten? Zwei
Rohrstühle standen in dem Zimmer. Hier war kein Mikroskop, kein
Skelett, nicht einmal ein Schädel zum Beweis des festen Mutes eines
Mediziners im Verkehr mit den Toten.

In diesem Rahmen wurde der Doktor gemalt. Es waren behagliche
Sitzungen, nur hier und da einmal unterbrochen durch einen Mann
mit einem geschwollenen Finger oder eine neuverheiratete Frau mit
merkwürdigem Zahnweh. Der Doktor war ein prächtiges Modell, voll Leben,
voll treffender Bemerkungen, Bitterkeit, Unglauben und Kampflust, sein
Gesicht wechselte beständig und behielt nur als stehenden Ausdruck eine
unerschütterlich überlegene Miene bei. Ach, wie verstand er es, dem
jungen Mann einleuchtend zu machen, daß die Stadt ein Nest und ein Loch
sei!

Nun stößt er also hier an seiner Haustür mit ihm zusammen und läßt sich
nicht einmal soviel Zeit, erst einzutreten, ehe er mit seinem Erlebnis
anfängt: „Junger Mann, es ist nicht nur der Rechtsanwalt Fredriksen,
der Vorteil und Vaterland miteinander zu verbinden versteht.” Wie
er Pfeile schoß, abwechselnd traf und daneben schoß! „Johnsen am
Landungsplatz hat heute nacht ein Modengeschäft aufgemacht. Das ist
übrigens wohl seines Geschäftsführers Berntsen Werk, der ist ein Mann
mit großen Gaben, er verdiente mit den Öfen und den Eggen zu wenig,
sie standen zu lang herum, nein, Modewaren müssen her! Na ja, das
stimmt ja gut zusammen mit allem andern in diesem Geschäft, Johnsen
am Landungsplatz verkauft den Haushaltungen ihren täglichen Bedarf,
warum sollte er den Dienstmädchen nicht auch ihren Staat verkaufen?
Modehandel! Wer soll diesem neuen Zweig vorstehen? Der schiffbrüchige
Postmeister hat ja zwei Töchter, die älteste von ihnen soll dem
vorstehen. Es ist ein Glück für Johnsen am Landungsplatz, daß der
Postmeister ganz gebrochen ist und eine seiner Töchter in dienende
Stellung gehen muß. Sie ist ein gewandtes, anständiges Mädchen, jetzt
muß sie also aus ihrer Wohnung an der Werft drunten heraustreten und
einen Modehandel leiten. Sie hat das nicht gelernt, allein das schadet
nichts, es gehört nicht viel dazu, Johnsen bekommt sie billig, ja, es
fällt sogar noch ein Schein von Wohltätigkeit auf ihn, weil er ihr
Arbeit gibt. Junger Mann, die Stadt ist ein Loch --”

Die Mühle lief, der Maler kam nicht zu Wort; endlich sagte der Doktor:
„Na ja, wir wollen hineingehen und malen.”

„Ich möchte heute gerne schwänzen,” sagt der Maler.

„So, schwänzen? Meinethalben gerne. Haben Sie etwas anderes vor?”

Der Maler erwidert: „Ich bin nicht recht aufgelegt.”

„So? Na, meinetwegen gerne. Guten Morgen!”

Aber der Doktor sah dem Maler nach, und dieses Nichtaufgelegtsein war
ihm verdächtig, der junge Mann hatte ja wie sonst seinen Malkasten bei
sich; ob der nicht doch wo anders hin wollte!

Ganz richtig, der Maler wollte wo anders hin. Frau Konsul Johnsen
hatte ihn aufgefordert, ins Konsulat zu kommen, um auf dem Bilde, das
er vor einigen Jahren von ihrem Manne gemalt habe, das Dannebrogkreuz
hinzuzufügen. Ach, diese Konsuln und deren Frauen in den Küstenstädten!
Na ja, sie hatte in dem Briefchen, das sie dem Maler schickte, die
Sache erklärt; das Bild sei ja auch vorher schon sehr ähnlich, schrieb
Frau Konsul Johnsen, aber Fia, die eben erst von Paris nach Hause
gekommen sei, habe gemeint, noch ein paar farbige Striche würden
dem Bilde entschieden zum Vorteil gereichen. Pasteur habe auch die
Ehrenlegion auf seinem schwarzem Rock.



26


Es wird Herbst, wird Winter, und die Tage sind sehr kurz. Gewissermaßen
war es ganz behaglich, in der Schmiede zu stehen, ein Dach überm Kopf
zu haben und glühendes Eisen zu hämmern, das von selbst leuchtete, auch
gab es ordentlich zu essen und zu trinken im Hause des Schmieds, ja
wahrlich, mancher andere hatte es schlimmer als Abel! Er selbst dachte
auch, es gehe ihm gut. So zum Exempel, daß die Arbeit selbst ohne
Fausthandschuhe und so ohne Mühe vollbracht werden konnte. Ein großes
Schurzfell war Abels wichtigstes Kleidungsstück. Meister Carlsen war in
den letzten Monaten sehr zusammengefallen, er sprach immer mutloser von
seinen Kräften, machte Bemerkungen, daß er die Schmiede aufgeben wolle,
murmelte über den Tod: daß der Tod eintrete oder bis zum nächsten Male
vorübergehe, aber es müßten ja alle sterben. Der Herbst hatte ihm hart
zugesetzt, hatte ihm das Haar gelichtet und es weiß gemacht, seine
Gedanken waren kärglich und unweltlich geworden, er gönnte sich lange
Ruhepausen, während Abel arbeitete. Natürlich hatte der Einbruch in der
Post Eindruck auf ihn gemacht, sein Bruder, der Polizei-Carlsen, hatte
es nicht lassen können, ihm von dem Verhör in England zu berichten und
daß Adolf schweinische Malereien auf dem Körper trage. Der alte Schmied
erwiderte: „Das ist nicht unser Adolf,” aber der Polizei-Carlsen
fuhr fort: „Und denk' dir, die ganze lange Zeit über, während das
Schiff gelöscht wurde, war er hier und hat dich nicht ein einziges
Mal aufgesucht!” -- „Doch,” antwortete der Schmied, „er hat gewiß die
Schwester getroffen, als er hier war, es schwebt mir so vor. Die beiden
Jungen besuchen ihre Schwester, warum sollen sie mich aufsuchen? Du
darfst ihnen nicht unrecht tun!” -- „Na, dann ist Adolf also hier
gewesen?” fragt der Polizei-Carlsen. -- „Nein,” antwortete der Schmied.

Lauter Unsinn. Es war kein Verstand darin. Der Schmied Carlsen nahm
es übrigens anders auf als der Postmeister, er war ungelehrt und
von einfachem Gemüt, er betrachtete alles mehr gewohnheitsmäßig, es
war keine Hysterie in seinem Gedankengang, sondern Handwerk, er war
Schmied, er gehörte seinem Stand an. Es ist gut, wenn man seinem Stand
angehört, sonst wird man ein Emporkömmling, und die Ursprünglichkeit
geht verloren. Und war der Schmied nicht der Vater? Er wußte viel mehr
Schlechtes als Gutes von Adolf und verzweifelte nicht. Vor wenigen
Jahren noch kroch ja der Junge hier in der Schmiede umher, stellte
Fragen, hämmerte auf kleinen Eisenstücken herum und schlug sich dabei
auf seine Fingerchen, weinte und wurde wieder getröstet, war es nicht
so? Der Adolf in England mußte ein ganz anderer Adolf sein -- und
selbst der hatte sich wohl die Finger verbrannt, er war vielleicht
sogar noch jung. „Die Menschen sind alle miteinander gut, ausgenommen
die Halunken!” konnte der Schmied sagen. Jedenfalls aber hatte er es
nun wohl aufgegeben, einen seiner Söhne als Nachfolger in der Schmiede
zu sehen, wer aber sollte ihn dann ablösen?

Er sagte zu Abel: „In einem Jahr kannst du mehr, als ich konnte, da ich
für mich selbst angefangen habe.”

Er meinte wohl etwas mit diesem Ausspruch, oder war es nur ein Lob und
eine Anerkennung? Es hinterließ jedenfalls in Abels Herz einen langen
goldenen Streifen, er dachte augenblicklich an Klein-Lydia und an die
Zukunft. Der unglaubliche Junge! Er war, wenn man ihn so sah, kräftig
und rechtschaffen, rußig, ohne Ziererei, übersprudelnd, mit den Jahren
hatte er einen guten Brustkasten bekommen, und obgleich seine haarigen
Hände ohne besondere Sorgfalt geschaffen zu sein schienen, saßen doch
tüchtige Kräfte darin. Seine Schuhe hatte er in der Schmiede selbst
ringsum beschlagen, und für den, der sich auf Schuhsohlen verstand,
waren die Abels etwas ganz Besonderes.

Als er am Abend heimging, begegnete er seinem Vater, und da weihte
er ihn gleich in die Sachlage ein. Oliver -- obgleich er selbst seit
mehreren Wochen über etwas, was daheim eingetroffen war, mit tiefen
Überlegungen beschäftigt ist -- gab nun gleich seine eigenen Gedanken
auf und hörte dem Sohne aufmerksam zu. „Er muß denken, du sollst der
sein, der die Schmiede übernimmt und ihr geradezu vorsteht!” sagte er.

„Soo,” sagt Abel.

„Ich halte es nicht für unmöglich. Was denkst du selbst?”

„Ich weiß es nicht.”

Der Vater nickt mit dem Kopfe, wie wenn die Sache schon entschieden
wäre, und erklärt: „Ich kann es nicht anders ansehen.”

Jawohl, Oliver war der Freund der Kinder, zu ihm kamen sie mit ihren
Zweifeln und ihren Sorgen, er hatte die richtige Teilnahme für sie,
er war für einen Vater, der seine Kinder sich selbst erziehen ließ,
wie geschaffen. Abel, der unglaubliche Unband, hatte einmal verlauten
lassen, er wolle sich nun niederlassen und sich verheiraten, o, er habe
seine Gründe dafür, er würde nie glücklich sein, bis er sie bekomme,
sagte er. Der Vater war dann nicht in helles Gelächter ausgebrochen,
sondern hatte im Gegenteil genickt und gesagt: das sei gar nicht
so verkehrt, durchaus nicht, gewissermaßen, und es komme ihm nicht
unerwartet. Denn wenn Abel in kurzem Schmied und Handwerker in der
Stadt werde und er groß und breitschulterig geworden sei, dann könne
er zum Exempel alles tun, was er nur wolle. Er brauche nur eine kleine
Frist, um sich alles zu überlegen, sich Herd und Wohnung und derartiges
zu verschaffen, aber er werde schon sehen, zwei Jahre vergingen
schnell. -- Abel wendete ein, daß er es auf diese Weise unmöglich
zwei Jahre lang aushalten könne. -- „Nein, das will ich dir gerne
glauben,” antwortete der Vater nachgiebig. -- Abel fuhr fort: „Denn
in jeder Vakanz kommt dieser Reinert heim und verdirbt wieder alles
für mich.” -- „Reinert,” sagte der Vater mit einem Hohn, der Abel sehr
tröstete, „ist ein kleiner Junge, er ist wohl nicht mehr als achtzehn
Jahre!” -- Abel, der noch nicht lange siebzehn geworden war, beeilte
sich einzuwerfen: „Ich bin auch nicht mehr als achtzehn.” -- „Ja, aber
es ist ein Unterschied zwischen dir und ihm, du bist Handwerker und
Fachmann; wenn du ausgelernt hast, dann bist du am ersten besten Tag
Meister und Geselle zugleich. Das sag' ich gerade heraus: Gibt es
etwas auf der weiten Welt, das rascher vergeht, als ein Jahr oder zwei!
Sieh bloß, da verheiratet sich der eine und dort verheiratet sich der
andere, und sie sind nicht einmal Handlanger bei einem Maurer. Aber was
bist du?” Mit all seinem Gerede meinte wohl Oliver, daß die Zeit dem
tollen Jungen über seine Grillen hinüberhelfen werde.

Und an diesem Tag wirkt er aufmunternd auf den Sohn, er entwickelt eine
Auffassung der Sache mit vielen wohlgemeinten Redensarten: Der Schmied
Carlsen werde Abel über seine ganze Schmiede setzen -- gleich wie
Pharao einst Joseph über seinen Hof gesetzt habe. „Ich will dir etwas
sagen, Abel,” sagte er, „da du so besonders tüchtig in deinem Fach bist
und das ausgeführt hast, was er dir aufgetragen, was Gott für dich
bestimmt hat, so kann Carlsen nichts anderes meinen.”

„Nein,” stimmte Abel bei.

„Du wirst über sein ganzes Hab und Gut gesetzt, wir wollen jetzt
heimgehen und es deinen Schwestern zu wissen tun, das sind große Dinge.
Ein Jahr ist weniger, als man glaubt. Was ist ein Jahr? Gott zwinkert
nur ein einziges Mal mit den Augen, dann ist es schon ein Jahr. Und
wenn du einer Sache vorstehst, so ist das genau so, wie wenn sie dein
eigen wäre. Es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen einem guten
Vorsteher und einem schlechten Vorsteher, und wenn ich den Vorräten und
dem großen Lagerraum des Konsuls vorstehe, so ist es ebenso --”

Hochtrabende Worte und Geschwätz, Rührseligkeit und Großtuerei. Aber
dann sagt der Vater: „Ja, ihr Jungen, ihr kommt wahrhaftig vorwärts, du
Abel und Frank auch! Wenn du jetzt auf Kaffee warten willst, so hab'
ich Kuchen vom Bäcker hier,” sagte er, um es festlich zu machen. „Es
ist heute Samstagabend, und du brauchst morgen nicht in die Schmiede zu
gehen.”

O, aber Abel hat viel zu tun und ist nicht frei, er macht sich sauber
und geht wieder aus. Er ist wie ein Fischer, der einen Fisch an der
Angel hat, nun holt er die Leine ein. Dieser Reinert war also im Sommer
wieder eine Ewigkeit dagewesen und hatte ihm das Leben vergällt; jetzt
war er wieder abgereist, aber auch nachher war Klein-Lydia nicht so
gegen ihn gewesen, wie sie sollte, an manchem Abend ist Abel schweren
Herzens von ihr fortgegangen. An diesem Abend geht er bedeutend
leichteren Herzens zu ihr.

Er trifft sie daheim, und sie kommt heraus, sie sieht ihm wohl an, daß
sich etwas ereignet hat und geht mit ihm.

Zuerst streckt er ihr die Hand hin, und als sie etwas verwundert
zögert, sie zu ergreifen, faßt er selbst kräftig zu.

Aber Klein-Lydia -- seit sie für Konsul Johnsens neueingerichteten
Modehandel Arbeit bekommen hat und Hemden und Blusen näht, hatte sie
beständig eine Nadel in der Hand und Nadeln an der Brust stecken, man
konnte ihr nicht nahe kommen.

„Ach, ich hab' dich gestochen, wie ich seh',” sagte sie ungerührt.

Ja, das schien für sie mindestens so deutlich zu sein, wie für ihn, er
lächelte sauer und leckte das Blut ab.

Der kleine Vorfall war indes vielleicht doch nicht ganz ungünstig,
er hielt ihn zurück, sonst hätte er am Ende gleich die ärgsten
Unmöglichkeiten gesagt.

„Willst du etwas von mir?” fragte sie.

„Erstens,” sagte er, „soll ich in den nächsten Tagen die Schmiede
übernehmen!” Und danach sprach er frisch von der Leber weg und
übertrieb vieles, eine Menge Fragen, die Klein-Lydia stellte, beachtete
er gar nicht. Jawohl, er sei jetzt Geselle, ein ausgelernter Geselle,
ebensogut in diesem wie im nächsten Jahr und könne alles tun, was er
wolle. Sein Vater habe ihm gesagt, er solle sich für Herd und Wohnung
sorgen ... „Das ist doch nichts, um wie eine Gans darüber zu lachen!”
sagte er gekränkt.

„Nein,” versetzte sie nachgiebig. Im übrigen aber sei er nicht recht
klug, eben konfirmiert, ja, ob er auch wirklich konfirmiert sei?

„Darauf geb' ich dir nicht einmal eine Antwort,” versetzte er.

Ach, du lieber Gott, was er alles daherschwatzte! Und ihre Mutter
lachte jedesmal über ihn, so oft sie ihn sah. Wie alt er denn sei?

„Dreiundzwanzig und drei Monate,” antwortete er, und er sah aus, als
glaube er an seine eigene Genauigkeit.

Da lachte Klein-Lydia hellauf und fragte wieder: „Wie alt, sagst du?
Gott bewahre mich vor dir, Abel!”

„Du lachst nur!” rief er beleidigt. „Wie alt bist du denn selbst? Daran
denkst du nicht.”

Klein-Lydia wollte wahrlich auch nicht klein sein, ebensowenig wie er,
sie wollte gerne für ein Nähfräulein gelten und trug schon längst lange
Kleider. „Ich?” sagte sie, „wie alt ich bin? Warum fragst du? Ich will
nicht länger hier stehen bleiben und dir zuhören.”

Abel schlug um. „Nein, du willst nur dem Reinert zuhören. Aber das muß
nun ein Ende haben. Ich kann wirklich nicht glauben, daß du dir etwas
aus ihm machst, Klein-Lydia.”

„Ich? Meine Mutter sagt, er sei ein flotter Herr.”

„Nein, er ist ein Gauner!” rief Abel unnatürlich erregt. „Ich werd' ihn
zwischen meine Nägel nehmen, wenn er wiederkommt. Verstehst du das?”

„Jetzt muß ich hinein,” sagte sie.

„Zwischen diese meine Nägel!” rief er und streckte beide Fäuste in die
Höhe. „Ich bin Manns genug dafür, du wirst es schon sehen!”

Es mußte ihr allmählich aufgegangen sein, daß er wie auf der Folter
war, und als er nun erklärte, er müsse sie haben und könne nicht länger
warten, zeigte sie sich nachgiebig und sagte, nein, das könne er wohl
nicht, er redete immer weiter, mit einer ganz fremden Stimme, die
zitterte, er meinte jedes Wort, und sie sagte endlich im Ernst, wenn
auch etwas zu erwachsen für ihre jungen Kinderjahre: „Ja, aber ich kann
nicht sagen, daß ich dich liebe.”

Er lächelte ungläubig: „Doch, doch,” sagte er. Und dann begann er
wieder: „Sie könnten vielleicht oben beim Schmied wohnen, da sei eine
Kammer, blau gemalt, mit hübschen Wandbrettern, der Schmied habe gewiß
gemeint, er solle auch dieses Gelaß übernehmen, was hätte er anders mit
dem Ganzen meinen sollen? Und da werde Abel sie aufheben, dann gebe es
in den Ferien kein Scharmutzen mehr mit dem Buben, mit dem Zierbengel
in den Kniehosen, dem Gauch!” sagte er. Es solle ein anderes Leben
werden. Abel stellte mehrere solche Dinge fest und redete weiter noch
zu deren Vorteil.

Klein-Lydia nahm es offenbar vernünftiger als er, sie nickte, als er
von der Kammer sprach, und als er erklärte, er werde in Zukunft dem
ganzen Getue ein Ende machen, da kam ihr das wohl sehr hart vor,
sie hielt es aber doch vielleicht für natürlich, daß er so redete,
jedenfalls erhob sie keinen Widerspruch. Aber ganz allmählich, während
sie auf seine Rede lauschte, schloß sie langsam die Augen, es war, als
verliere sie ihre eigenen Augen aus dem Gesicht, und plötzlich drehte
sie sich um und ging hinein.

Ging hinein und kam nicht wieder!

Abel wartete eine Weile, sein ganzes Leben lang hatte er sich von
Klein-Lydias Seite in eine weniger korrekte Behandlung finden müssen,
und dieses ihr Weggehen war nicht schlimmer als vieles andere. Zum
Beispiel damals, als sie ihm heißen Kaffee über die Hände goß, damit er
den Bart wegrasieren könne. Oder als sie mit dem Bodenlumpen daherkam
und ihm einen dunkeln Schatten unter den Augen wegwaschen wollte,
obgleich der Schatten in der Haut saß und von Kummer herrührte.

Als er eben im Begriff war, seiner Wege zu gehen, öffnete Klein-Lydia
einen Spalt in der Tür und lugte heraus. Sie konnte es wohl nicht
länger drinnen aushalten.

„Ich seh' dich,” sagte er, „du kannst wohl wieder herauskommen.”
Jetzt knöpfte er seine Jacke auf und warf sich in die Brust, ja,
er gebrauchte also schließlich diesen unwürdigen Kniff mit vollem
Bewußtsein, damit sie seine Uhrkette entdecken sollte -- die Uhrkette,
für die er keine Uhr hatte.

Als sie nun wieder heraustrat, fragte sie unschuldig: „Was, stehst du
noch hier?”

„Jawohl,” antwortete er kaltblütig, „ich wartete auf dich.”

Sie holte einen Arm voll Brennholz im Schuppen, das war ein schlauer
Vorwand, er konnte nicht mit ihr reden, wenn sie schwer mit Holz
beladen war. Da sagte er in einem flotten Ton und mit einem Griff nach
seiner Uhrkette: „Ja ja, da du es so willst, Klein-Lydia, dann komm'
ich in einer halben Stunde wieder.”

Eigentlich hatte er nichts weiter mit ihr zu bereden, aber darum
handelte es sich nicht, er wollte nur da sein, wo sie war, was denn
sonst!

Jetzt machte er einen kleinen Gang nach dem Bollwerk und drehte
wieder um, er wollte noch einmal zu Klein-Lydia hineinsehen. Wenn er
freundlich und harmlos auftrat, schadete ihr eine neue Unterhaltung mit
ihm nichts, und ihm würde sie gut tun.

Und -- ob es nun wohl vorbedacht oder ein glücklicher Zufall war --
er traf sie ganz allein in der Stube, die Eltern hatten sich in der
Kammer schlafen gelegt, und die Schwestern waren ausgegangen, da es
Samstagabend war. Klein-Lydia nähte und war übertrieben fleißig.

Jetzt sah er natürlich gleich, daß sie einen reizenden süßen Mund
hatte, aber aus Höflichkeit und um nicht aufdringlich zu sein, wollte
er sie doch nicht küssen, er wollte überhaupt nicht parteiisch und zu
seinem eigenen Vorteil handeln. „Wir haben vorhin nicht so recht auf
besonders gutem Fuß gestanden,” sagte er.

Doch, sie wisse nichts anderes. Wieso denn? „Aber laß die Finger von
den weißen Bändern, Abel!”

Wenn sie abermals diesen Ton anschlug, nun, dann kam er wohl an diesem
Abend auch nicht weiter, und wenn sie mit noch mehr Nadeln an der
Brust als je vorher am Tisch saß, dann hatte sie sich wohl mit Absicht
umgürtet. War es da zu verwundern, daß er böse und ärgerlich wurde, als
sie ihn wegen der weißen Bänder ermahnte? „Ach, sei doch nicht so!”
versetzte er. „Ich hab' auch schon früher Stoffe und Samt vom feinsten
Gewebe in der Hand gehabt. Im übrigen haben allerdings meine Finger
hier nichts zu schaffen,” fügte er hinzu und zog seine Hände zurück.

Selbst wenn sie keine größere Vorliebe für ihn hatte, so hätte sie
jetzt doch gerührt sein müssen, die Tränen hätten ihr in die Augen
treten müssen, und sie hätte die Arme um ihn schlagen sollen; aber
nein, keine Zärtlichkeit!

Er hatte schon lange daran gedacht, sich ein Maß von ihrem Ringfinger
zu verschaffen, es mußte aber ganz zufällig geschehen, denn er wollte
das Maß zu einem gewissen Zweck; deshalb hatte er vorhin mit einem
Stückchen Leinenband gespielt. „Du hast so dünne Fingerchen,” sagte er,
„dein Ringfinger ist wohl nicht dicker als so? Laß mich einmal sehen!”

Wenn er meinte, sie hätte keine erwachsenen Finger, sondern nur
Kinderfinger, dann war das eine Beleidigung: „Nein, laß mich!” sagte
sie. „Ich hab' keine Zeit!”

Würde das nun ein Überfall sein, wenn er sie für diese Wichtigtuerei
ganz einfach küßte? Sie sah allerdings so abweisend aus, als ob ihr
dadurch ein Leid geschähe, aber er fuhr doch auf und tat es; küßte
sie trotz aller Nadeln, küßte sie eine ganze Weile ab. Und sie ließ
es geschehen, stöhnte zwar dazwischen: „Du bist verrückt! Laß sein!
Was willst du denn?” aber sie ließ es geschehen. O, Klein-Lydia und er
hatten das schon früher getan, es war nicht zum erstenmal.

Jetzt nachher war es eigentlich unangenehm, er versuchte allerdings, es
fortzulachen und darüber wegzugehen, aber ein wenig mißglückt war es
doch. Sie strich sich hastig das Haar glatt und zog ihren Halskragen
gerade, der schief gezogen worden war; nachher wurde sie stumm, und
es schien, als sei es ein reiner Vorwand, daß sie wieder nach ihrem
Nähzeug griff. Ja, ja, er hatte ihr offenbar ein ernstliches Leid
zugefügt, sie war tiefgekränkt, sie schien sowohl diese letzten Küsse,
als auch alle die vorigen als verschleudert zu bereuen.

Da saß nun Klein-Lydia, von Stoffen, Spitzen, Nähseide, Knöpfen
und Bändern umgeben, sie hatte auch die feinen Handarbeiten der
Schwestern herausgelegt, um damit zu prahlen, sie selbst nähte ja meist
Futtersachen. Es hatte also auf Abel keine Wirkung ausgeübt, daß sie
diese Vorbereitungen getroffen hatte, er hatte gar kein Verständnis
dafür, was ein Nähfräulein war.

„Ich will durchaus nicht, daß du mich je wieder küßt!” sagte sie
plötzlich.

„Nicht?”

„Nein, durchaus nicht!”

„Wann hab' ich dich denn geküßt? Das könnte ich ja gar nicht!” Aber
seine Keckheit half ihm gar nichts, er sah wohl ein, daß der Schein
gegen ihn war. Und nun blieb ihm nichts anderes übrig, als nach dem
alten Mittel zu greifen, bei dem sie vorhin eingeschlafen war: er
versicherte ihr wieder, sie müsse ihn nehmen, ihn und keinen andern,
und in den Ferien werde er sie gar nicht ausgehen lassen.

„So schweig' doch!” sagte sie.

„Gleich morgen geh' ich hin und kauf' den Herd,” entschied er. „Der
Johnsen am Landungsplatz hat ein paar Herde weggetan, sie liegen
draußen herum, aber ich hol' mir einen davon und werd' den Rost schon
herunterkriegen. Jawohl, ich tu' es gleich morgen.”

„Ja, das solltest du nur wagen!” drohte sie.

Sie stritten ein wenig darüber; Klein-Lydia war hier die Verständigere
und hatte die Oberhand. „Daß du dich auch nicht ein bißchen vor mir
schämst!” sagte sie.

„Na, ich kann ja auch noch ein paar Tage warten,” meinte Abel, um sich
so nachgiebig wie nur möglich zu zeigen.

„Ein paar Tage!” erwiderte sie mitleidig.

„Aber soll es mir denn niemals glücken?” versetzte er heftig. „Wenn das
deine Meinung ist, dann will ich's wissen.”

Darauf erwiderte sie unendlich kühl und herablassend: „Ja, das ist
meine Meinung.”

„Daß du mich überhaupt nicht willst?”

„Ja, das kannst du doch merken,” antwortete sie. Und nun raffte sie den
ganzen Staat auf dem Tisch zusammen, wie um auf ihn hinzuweisen: „Sieh,
was alles für mein ganzes Leben auf dem Spiel steht, wenn ich in diesem
Augenblick eine andere Antwort gäbe!” Sie drehte sich um, ihre Mutter
sprach in die Stube herein. Mutter Lydia sagte:

„Geh sofort zu Bett, Lydia! Und du, Abel, geh auch, augenblicklich! Ich
will auch nicht, daß du dich hier spät und früh herumtreibst, nun hast
du's gehört! Was ist das für eine erbärmliche Narretei von so einer
Rotznase! Bist du nicht recht klug? Geh heim und werd' erst trocken
hinter den Ohren!”

Die Kammertür wurde zugemacht, aber dann ging sie wieder auf, und
Mutter Lydia sprach noch einmal, das Reibeisen sagte ein letztes Wort:
„Sag' deinem Vater von mir, daß er dir Haue auf dein Hinterteil geben
soll!”

Abel -- da saß er! Dann stand er auf und blieb so sonderbar stehen, den
Stuhl zwischen den Beinen. Dann faßte er sich endlich etwas, richtete
den Blick zuerst auf die geschlossene Tür und dann auf Klein-Lydia.
Sein Gesicht hat einen bläulichen Schein bekommen, aber er hielt sich
einigermaßen stramm und sagte lächelnd: „Das war zum Satan!”

Von Klein-Lydia wurde ihm keine Hilfe zuteil, und sie anerkannte auch
seine Mannhaftigkeit nicht. Sie jagte ihn nicht fort, nein, sie tat
nichts in der Richtung, wo es heißt: „Nun, flugs, es gilt das Leben,
bete ein Vaterunser!” Nein, Klein-Lydia war an die scharfe Zunge ihrer
Mutter gewöhnt und fürchtete sich nicht davor. Aber als Abel nach der
Tür ging, war es wirklich, als gefalle ihr seine Art zu verschwinden,
sie hielt ihn mit keinem Wort zurück.

„Ja ja,” sagte er, um nicht ganz vernichtet zu sein. „Ja, ich werde
schon aus dem Wege gehen, wenn es so beschaffen ist.” O, aber er hatte
wohl zuviel versprochen, plötzlich fragte er Klein-Lydia: „Kannst du
nicht mit mir hinausgehen, daß ich mit dir reden kann?”

„Nein, weit entfernt!” antwortete sie.

Da ging Abel heim. Die Eltern stritten sich um etwas; da er aber keine
Lust hatte, zuzuhören, verschwand er in der Kammer.

Und doch war es kein uninteressanter Streit, der da im Anbau
ausgefochten wurde. Olivers wochenlange Grübeleien über eine gewisse
Sache hatten endlich ihre Entladung in einer Art Verhör seiner Frau
gefunden. Petra war nämlich aufs neue guter Hoffnung; aber wie in aller
Welt war das zugegangen?

Petra hatte merkwürdigerweise auch selbst versucht, ihren Zustand so
lang wie möglich geheimzuhalten, akkurat, als ob eine verheiratete
Frau nicht dick werden dürfte, ja, als ob sie etwas Unrechtes getan
hätte; vielleicht war es das, was Oliver zuerst mißtrauisch gemacht
hatte. Aber an diesem Abend, als er mit seiner direkten Anklage auf sie
losgeht, da verbirgt sie nichts mehr und leugnet nichts.

„Petra,” sagte er, „ich glaube, du wirst wieder dick?”

„Du faselst!” erwiderte sie.

„Und beim Satan, wie hast du denn das angefangen?”

„Es nützt wohl nichts, es zu leugnen,” sagt sie schmeichlerisch, „denn
du siehst alles.”

„Ja,” sagte er, „ich hab' es schon seit mehreren Wochen gesehen.”

Petra hatte Zeit, sich vorzubereiten, sie warf ihm nichts vor, sondern
sagte: „Wie ich das angefangen hab', das weißt du wohl selbst!” Nein,
sie fing den Stoß auf, wendete ihn aber ab, schob ihn auf die Seite.
„Was ich getan hab'?” sagte sie. „Wenn ich Kinder bekomme, so ist es
nicht schlimmer, als wenn Maren Salt Kinder bekommt.”

„Als Maren Salt?” Was wollte sie nun damit? Oliver hatte keine Worte
dafür.

„Ja, das sag' ich gerade heraus,” fuhr Petra fort und sah ihren Mann
beinahe streng und beleidigt an. „Sie war viel älter, als ich jetzt
bin, und ich begreif' nicht, wie gewisse Leute sich so in Maren
verguckt haben können.”

„Ich versteh' dein ganzes Geschwätz nicht.”

„Na,” sagte Petra. „Aber dann kann ich dir mitteilen, daß sie dich
beschuldigen, der Vater von Maren Salts Kind zu sein.”

Oliver sperrte Nase und Mund auf. Waren die Menschen verrückt geworden?
Er sagte. „Du -- du hast den Verstand verloren.”

Petra murrte und sah noch beleidigter aus.

„Wenn ich so frei von aller Schuld wäre wie du!” sagte er.

„Du weißt selbst, was du bist,” versetzte sie unversöhnlich.

Jetzt aber stach Oliver der Hochmut, die Sache fing an, ihm zu
gefallen. Wahrlich, alles in allem konnte er nichts gegen diese
Beschuldigung haben, er hatte sicherlich nicht die Absicht, sie
ehrenrührig zu finden, höchstens etwas beleidigend. „Wer ist's denn,
der dir diese Lüge weisgemacht hat?” fragte er.

„Das kann dir einerlei sein, wer es ist. Aber wenn du es wissen willst,
so ist es der Mattis.”

„Hat Mattis es gesagt?”

„Ja, und er hatte wohl auch seine Gründe dafür.”

Oliver überlegte ein Weilchen, setzte die Mütze schief und warf sich
in die Brust. „Man muß doch allerlei erleben!” sagte er. „Im übrigen
kümmer' ich mich nicht darum, was ihr, du und der Mattis, von mir
glaubt. Aber er soll nicht allzu sicher sein, daß ich ihn nicht
verklage.”

„Es würde dir nichts helfen, wenn du nur den Mattis verklagen würdest.
Dann müßtest du die ganze Stadt verklagen.”

„Spricht die ganze Stadt davon?” fragte Oliver.

„Ja, soviel ich weiß.”

Wieder überlegte er und dachte darüber nach. Das war eine merkwürdige
und höchst unerwartete Lage, in die er da hineingekommen war, Gott
bewahre mich! Da mußte etwas daraus gemacht, sie mußte ausgenützt
werden können. Er fing an, ein Liedchen vor sich hinzusummen, während
er noch überlegte. Petra sah ihn forschend an und stand wohl dem
Eigentümlichen, was jetzt in diesem Manne, diesem verpfuschten Manne
vorging, verständnislos gegenüber, summte er ein Liedchen? Vielleicht
war er in diesem Augenblick glücklicher, als er in den letzten zwanzig
Jahren gewesen war, vielleicht hatte er das Gefühl, daß in ihm etwas
wieder aufgerichtet worden sei, eine Würde, ein Wert, vielleicht sah
er sich rehabilitiert durch einen Betrug, indem er mitten in einem
falschen Licht stand, aber doch rehabilitiert. Warum sitzt er dort
und sieht aus wie reich geworden, ja überreich? Hat er Wein und Brot
erhalten und ist gesegnet worden? Hat der Himmel sich geöffnet, ist ein
Wunder geschehen? Seht, der Ärmste ist nicht er selbst, er ist einmal
in der Welt draußen gewesen, in diesem Augenblick war er wohl wieder
draußen, er leckte sich die Lippen und tat sich etwas darauf zugute,
ahmte sich selbst nach aus früheren Tagen, da er bei hübschen Liebchen
in den Hafenstädten Glück gehabt hatte. Petra war daran gewöhnt, ihn
fett und gleichgültig zu sehen, immer mit der Krücke umherhumpelnd
oder sich auf einem Stuhl am Tisch herumfläzend. O, er gehörte zu den
Quallen, die in tödlicher Dummheit und Nichtigkeit an dem Brückenrand
lagen und nur atmeten; jetzt sitzt er dort, wundert sich und freut sich
über etwas, aber über was denn?

Petra verstand es wohl immer weniger, und dieses Trällern verwirrte
sie; hätte sie es nicht besser gewußt, so wäre sie näher zu ihm
hingetreten und hätte ihn angesehen, ob er wirklich der Oliver Andersen
und ob es auch ganz richtig bei ihm bestellt sei? Sie brachte ihn in
die Wirklichkeit zurück, indem sie sagte: „Du singst nur!”

„Was?”

„Du singst nur, sag' ich.”

„Singen? Es fiel mir eben ein, Tahitaho. Nein, ich singe nicht.”

„Ja, mach' nur so weiter. Manche Leute haben es im Kopf!”

Aber was tat Oliver jetzt? Er richtete sich vom Stuhl auf und griff
nach ihr. Ein Affe, der die Gebärden anderer nachmacht, zwei ungewohnte
Hände, die zufassen. Er spielte sich auf, tat, als könne er ihrem
Liebreiz, der Sinnlichkeit ihres Wesens nicht widerstehen, er streckte
die Zunge heraus, lachte mit seinem feuchten Mund. O, sie hatte
Erfahrung! Hätte sie nicht gewußt, daß hinter seinen Narrenstreichen
nicht das mindeste steckte, dann hätte sie ihm entgegenkommen, ja,
sie hätte ihm sogar Anleitung geben können, jetzt fuhr sie bei seiner
leeren Vorspiegelung zurück und schauderte. Als er das sah, sank er
schlaff und mit unbehaglichem Ausdruck wieder auf seinen Stuhl nieder.

Petra wurde es wohl schwer, nicht vor ihm auszuspucken, sie war eine
gesunde Natur, die Qualle dort am Brückenrand machte sie ängstlich und
schamerfüllt. Um das Ganze etwas auszugleichen, sah sie ihn nicht mehr
an und sagte wie zu sich selbst: „Wenn ich doch nur ergründen könnte,
was du an Maren Salt gesehen hast!”

Oliver erwiderte matt: „Schweig! Ich hab' es nicht getan, hörst du!”

„Du weißt selbst, was du getan hast.”

„Ja, prosit Mahlzeit, glaub' es nur! Ich scher' mich nicht darum.”

„Nein, das versteht sich,” sagte Petra wie eine Märtyrerin. „Du bist ja
der Mann im Hause, wir andern haben nicht das Recht, etwas über dein
Benehmen zu sagen.”

„Na, ein solcher Tyrann bin ich doch auch nicht!”

„Um mich kümmerst du dich jedenfalls nicht,” sagte sie.

Nun war er doch allmählich wieder der alte Oliver geworden, und so
fragte er nicht so wenig schlagfertig: „Nun, und wer hat sich denn dann
um dich gekümmert?”

Eine Antwort auf diese Frage bekam er nicht, und er wünschte auch keine
zu bekommen, aber Petra war frech und verstand es jedenfalls, ihn
fernzuhalten: „Wenn ich zu denen gehört hätte, die gewollt haben, dann
hättest du sehen sollen,” sagte sie. „Aber ich gehör' nicht zu denen.
Ich bin auch gar nicht so neugierig, daß ich das ausschnüffle, was du
tust, und Maren Salt ist wenigstens sechzig Jahre alt, da kannst du sie
wohl haben!”

Na, Petra wollte also diese blödsinnige Idee durchaus nicht aufgeben,
war es da nicht natürlich, daß Oliver gute Miene dazu machte und nicht
länger widersprach? Sie ließ ihn nun auch auf dem Glauben, daß sie ihn
tatsächlich im Verdacht habe, dieser Verdacht würde ihm nur zum Vorteil
gereichen, und wenn er ihn richtig ausnützte, so hatte er sicherlich
keinen Schaden davon.

„Ja ja,” sagte er, indem er so halb und halb zustimmte, „ich kann ja
auch meine Fehler haben, ich kenne keinen Menschen, der nicht seine
Fehler und seine Ausschweifungen und seine Lüste hätte.”

Es war merkwürdig, wie leicht er Petras Zustimmung dazu erhielt, und
von da an waren sie nicht mehr uneinig, der Ton zwischen ihnen wurde
im Gegenteil leicht und frivol. Das Verhör, dem er Petra unterworfen
hatte, und die Frage, wie sie es in drei Teufels Namen angefangen
habe, daß sie nun wieder dick werde, war ausgelöscht und verschwunden.
Oliver ließ es hingehen, ja, er ging noch weiter und ließ ihr eine Art
Anerkennung zuteil werden, er ließ ein paar Worte darüber fallen, daß
sie eine verflixte Fruchtbarkeit habe: gut in den Vierzigern und noch
immer gleich toll!

„Na,” erwiderte sie halb scherzhaft, „bin ich jetzt wieder gut?”

„Du?” rief er. „Wie dich gibt es keine mehr! Und das muß ich sagen,
du hast es in dir, das Lob geb' ich dir. Und bei Gott, du hast dein
Geschlecht nicht erst entdecken müssen, das war bei dir von selbst da.”



27


Am nächsten Morgen waren wohl Oliver wieder Zweifel aufgestiegen, denn
er fragt Petra: „Hat Mattis es wirklich gesagt?”

„Was denn?”

„Daß ich der Vater des Kindes sei?”

„Jawohl, du hörst es ja!”

„Ich versteh' nicht, wie er darauf kommen konnte?”

Petra stemmt die Hände in die Seiten und versetzt: „Nein, du stehst der
Sache ganz fremd gegenüber, aber Maren weiß es wohl selbst.”

„Sagt Maren es auch?”

„Jedenfalls hat sie den Jungen nach dir genannt.”

„Nach mir?” ruft Oliver. „Wie heißt er denn?”

„Ole Andreas.”

Schweigen. Das war fast wie der Spund im Loch, ja, und es _war_ auch
etwas daran, aber trotzdem ... O diese verfluchten Weibsleute, auf was
sie nicht alles kamen!

Schließlich sagt Petra noch: „Der Mattis hatte also seine guten Gründe,
das zu sagen, was er gesagt hat.”

Da schien Oliver gründlich nachzudenken: „Aber wie hätt' ich das denn
ins Werk setzen sollen?” Und als er die Stube verließ und zu Mattis
hinüberging, tat er es, um nähere Erkundigungen einzuziehen.

Es ist Sonntagmorgen, und er trifft den Schreiner Mattis halb
angekleidet in seiner Küche. Das Kind ist bei ihm, Maren Salt ist in
der Kirche. Der Schreiner sieht den Mann, der von der Straße zu ihm
hereinhumpelt, überrascht und fremd an.

„Guten Morgen!”

„Guten Morgen!”

Schweigen. Als Oliver kein Stuhl angeboten wird, muß er sich auf die
Holzkiste setzen. Sie wechseln ein paar Worte übers Wetter, über die
plötzlich eingetretene Kälte; Mattis ist wortkarg, plaudert aber hie
und da mit dem Jungen, der auf dem Boden sitzt, ein paar Worte.

„Er ist gewachsen,” sagt Oliver.

„Ja, das fehlt nicht.”

„Wie alt ist er? Sieh nur, er hat auch schon Zähne bekommen! Wie heißt
er denn?”

In den Augen des Schreiners glimmt es zornig auf: „Das ist einerlei,”
sagt er. „Hier heißt er nur das Kind.”

„Ich fragte nur. Es geht mich übrigens auch nichts an.”

Die Mutter hat ihm einen lumpigen Namen gegeben, aber sie hatte wohl
ihre Absicht dabei.

Da der Schreiner so feindselig ist, und es so lange dauert, bis er ihn
dazu bringt, auf etwas Bestimmtes anzuspielen, fängt Oliver selbst
davon an: „Wem soll er nun eigentlich gleichsehen?”

„Der Mutter,” antwortete Mattis kurz.

„Jawohl, der Mutter. Aber von Vaters Seite?”

„Wen meinst du denn?” ruft Mattis erbittert. „Du kennst vielleicht den
Vater?”

Oliver lacht und nimmt es gleichsam gutmütig auf, aber er muß sich doch
auch wehren. „O, du bist immer derselbe alte Mattis! Wenn ich mich auch
sonst so frei von aller Schuld fühlte!”

„Das pflegen wohl alle miteinander zu sagen, wenn es Ernst wird.”

„Was meinst du damit?”

„Was ich meine? Daß alle miteinander leugnen. Und wer am schuldigsten
ist, leugnet vielleicht am ärgsten, ich weiß es nicht anders. Sie
wenden Bestechungen an und geben Geld aus, damit die Leute es
verschweigen.”

Darin stimmt Oliver mit ihm überein, und er bedauert die Mütter,
bedauert auch die Kinder. „Die armen Kinder!” sagt er.

„Das sagen sie auch alle miteinander,” erwidert Mattis, indem er das
Kind auf den Schoß nimmt und mit ihm plaudert. „Hat deine Mutter dich
hier allein gelassen? Ja, du siehst nach der Tür, aber sie bleibt wohl
eine Stunde fort. Was kümmert sie sich darum? Da, hier hast du meine
Uhr!”

Oliver schweigt, er gibt nicht acht auf Mattis' Geschwätz, er hängt
einem Gedanken nach, der eben in ihm aufgestiegen ist. Oliver hat seine
dösige Verschlagenheit, sein Kopf arbeitet am besten in der Dunkelheit
und auf Seitenpfaden, jetzt fingert seine eine Hand in seiner inneren
Westentasche, so ganz sachte, ganz verstohlen, nur wie wenn er sich
zufällig kratzte. Dann zieht er ein paar Geldscheine ein Stückchen
heraus, betrachtet sie, sieht sie an, ob sie passen, und sitzt dann
mäuschenstill da. Mit dem wenigen, was Mattis gesagt hat, ist ja nichts
festgestellt, er hat sich nicht deutlich ausgesprochen, und Oliver
muß wieder von vorne anfangen: „Ich hab' gehört, der Junge heiße Ole
Andreas, aber das ist wohl nicht richtig? Ich kann es nicht glauben.”

„So, das hast du gehört!” schreit der Schreiner rasend. „Beim
Satan, warum fragst du denn dann? Ich glaub', du willst das Haus
durchschnüffeln! Was willst du hier?”

Oliver antwortete sanftmütig und keineswegs unzufrieden über des andern
Erregung: „Nein, es geht mich allerdings nichts an, wie der Junge
heißt, und ich werd' dich nicht mehr danach fragen --”

„Nein, jetzt wo du es weißt!” schnaubt der Schreiner mit seiner großen
Nase.

Nach einem wohlausgerechneten Schweigen sagt Oliver ebenso ruhig wie
vorher: „Du wunderst dich wohl, daß ich zu dir ins Haus komm', Mattis?”

Mattis antwortet sofort mit ja.

„Das versteh' ich,” sagt Oliver. Nun aber zieht er zwei Geldscheine ans
Tageslicht und sagt: „Was haben die Türen gekostet, die du einmal für
mich gemacht hast?”

„Die Türen --?”

„Die du mir überlassen hast. Ich will sie bezahlen. Es ist lange
angestanden, aber ich konnte es nicht früher tun.”

Der Schreiner Mattis ist ganz verwirrt und bringt nichts anderes
heraus, als: „Es hatte auch keine Eile --”

„Aber ich kann nicht verlangen, daß du bis zum Jüngsten Tag wartest.”

„Die Türen? Nein, das hatte keine Eile. Bist du wegen der Türen
gekommen?”

Oliver spricht würdig und rechtschaffen: „Siehst du, Mattis, du hast
mir ja keine Rechnung geschickt, deshalb bin ich etwas entschuldigt,
aber jetzt soll es nicht auf den Preis ankommen, ich will jeden Heller
bezahlen. Und wenn es etwas zwischen uns gegeben hat, so will ich es
jetzt wieder gutmachen.”

Mattis murmelt, die Schuld könne ja auf beiden Seiten gewesen sein.
Er bereut wohl seine Heftigkeit und sagt: „Willst du dich nicht da
auf den Stuhl setzen?” Im übrigen ist er trotzdem noch zurückhaltend;
der Besuch scheint ihm auch ferner unbequem zu sein, er spricht
hauptsächlich mit dem Kinde.

„Ja, er hat es gut hier bei dir,” äußert Oliver. „Das ist etwas Großes
für ihn. Na, ich muß sagen, die Maren verdient eine Handreichung. Sie
ist nicht schlecht gebaut.”

„Na,” sagt Mattis.

„Gar nicht schlecht gebaut. Und als sie vor ein paar Jahren das Kind
bekam, war sie ja noch nicht so alt, wie sie jetzt ist. Deshalb
brauchen wir uns nicht so sehr über sie zu wundern.”

„Nein, du darfst die Uhr nicht in den Mund stecken und sie
verschlucken, Kind! Was das betrifft, so ist es nicht immer das Alter,
worauf es ankommt,” sagt der Schreiner dann sachlich, indem er sich von
dem Kinde weg an Oliver wendet. „Es ist nur, daß sie diese Nasenflügel
haben, die immerfort winken und winken.”

„Hahaha, ja, du verstehst es, Mattis! Doch, was ich sagen wollte, er
hat braune Augen, wie ich sehe.”

Keine Antwort.

„Das sollen gute Augen sein, die braunen. Ich selbst hab' blaue Augen
und bin gut mit durchgekommen. Aber fast alle meine Kinder haben braune
Augen, es ist gerade, als sollt' ich lauter Kinder mit braunen Augen
bekommen.”

Noch immer kam der Schreiner mit keinerlei Anklage heraus, aber er
machte auch keine gegenteilige Bemerkung, sondern erwiderte: „Seine
Mutter hat braune Augen. Im übrigen darfst du das Kind so etwas nicht
hören lassen, er versteht es.”

„Er versteht es nicht.”

„Er? Du kannst von nichts reden, was er nicht versteht. Alles versteht
er. Wenn du Tür sagst, sieht er nach der Tür, und singst du ein
Liedchen an der Hobelbank, dann versteht er, daß es ihm gilt.”

„Bei den meinigen war es geradeso,” sagt Oliver.

„Es ist ganz unglaublich,” fährt der Schreiner fort; „ich muß mich
in acht nehmen, daß er nicht lernt, die Zeitung von einem Ende zum
andern durchzulesen, bloß indem er mir zuhört. Das Abendgebet und seine
Händchen falten, ist gar nichts für ihn.”

„Genau wie die meinigen!” erklärte Oliver.

„Ja, so ein Kind wie dieses gibt es nicht wieder auf der Welt,” stellte
der Schreiner fest.

Oliver wiederholt: „Er hat jedenfalls Glück gehabt, daß er hier im
Haus bei dir ist.” Übrigens ist Oliver enttäuscht über den Verlauf des
Gesprächs. Er kommt nicht weiter, es führt zu nichts, er muß weiter
zurückgehen, näher zum Abgrund hin. „Was hab' ich doch sagen wollen,
ich bin so vergeßlich. Ja, da sitz' ich nun mit dem Geld in der Hand,
wie du siehst, aber da fällt mir ein, daß ich dich etwas fragen wollte,
nämlich, du hast jetzt das Kind bei dir und hast es liebgewonnen, aber
wie, wenn nun sein Vater eines Tages käme, sich zu erkennen gäbe und
behauptete --”

Der Schreiner fragte scharf: „Willst du mit ihm herkommen?”

„Ich? Mit dem Vater? Woher sollt' ich ihn nehmen? Ich bin nur ein
Krüppel.”

„O, dir ist alles zuzutrauen!”

Oliver versetzt lächelnd: „Ich will mich nicht besser machen, als ich
bin, o weit entfernt. Doch darüber wollten wir ja nicht reden; aber
eines schönen Tages ist vielleicht das Kind nicht mehr bei dir --”

„Na, sie sollen nur daherkommen und ihn mir nehmen wollen! Sie können
es ja versuchen!” drohte Mattis.

„Ich meinte, eines schönen Tages werdest du dich wohl selbst verändern
und heiraten, und wo soll dann das Kind hin?”

„Hin?” schrie der Schreiner. „Meinst du, ich werf' ihn hinaus? Er soll
nirgends hin, da steh' ich dafür!”

„Aber wenn der Vater kommt --”

„Was bohrst und gräbst du denn immer weiter? Was zum Teufel willst du
denn wissen? Hast du Angst vor etwas, fürchtest du für deine eigene
Haut? Da sitzt du und füllst ihm die Ohren mit unflätigem Geschwätz,
ich will nichts mehr davon hören!”

Oliver gelingt es einzuwerfen: „Ich? Nein, ich rede nicht unflätig, ich
sitze nur hier mit deinem Geld in der Hand, mit diesen zwei Banknoten
--”

„Hat man je so etwas gehört, setzt sich hierher, tut ganz unschuldig
und redet Schweinereien! Das Geld -- was ist denn damit? O!” ruft er
plötzlich. Endlich geht dem Mattis wohl ein Licht auf, er wird ganz
blaß vor Zorn und steht mit dem Jungen auf dem Arm von seinem Stuhl
auf: „Steck' das Geld ein und mach', daß du fortkommst, ich will es gar
nicht!”

Ja, Oliver steht auf und will keinen Streit, aber er reizt den
Schreiner noch auf; während er nach der Tür humpelt, sagt er: „Hehe, es
ist fast, als sei der Junge dein Kind! Bist du vielleicht sein Vater?”

„Ich, sagst du das?”

„Ich frag' nur,” antwortet Oliver. Und jetzt kann kein Zweifel mehr
darüber herrschen, daß er Mattis noch mehr aufreizen will. „Du hast ja
auch ein Bett für ihn gemacht,” sagt er.

Mattis verteidigt sich. „Das war gar nicht für ihn. Und liegst du
vielleicht auf dem bloßen Boden? Hast du noch nie gehört, daß ein
Kind ein Bett hatte? Aber jetzt sollst du zum Haus hinaus, das ist
todsicher!” ruft Mattis, indem er das Kind auf den Boden setzt. „Und
nimm dein Geld, mit dem du mich bestechen wolltest, nur wieder mit.
Haha! Du meintest, du könnest mich kaufen, um deine Vaterschaft zu
verschweigen, aber das ist dir nicht gelungen, heb' dein Geld für einen
andern auf! O, du bist ein Schweinekerl! Hinaus aus dem Haus, sag' ich!”

Und Oliver geht.

Er sieht befriedigt aus, es war, wie es nicht besser hätte gehen
können, als es gegangen war; Oliver summt wieder ein Liedchen. Als er
heimkam, platzte ja Petra fast vor Neugier, aber er erklärte nichts,
er tat nur noch mannhafter und stellte sich unter die Haustür mit der
Hand in der Westentasche, als ob es gar nicht kalt wäre, und von diesem
Platz aus schwatzte er albernes Zeug mit den Frauen und Mädchen, die
vorübergingen.

Gute Zeiten, Einigkeit im Hause und Freude im Leben -- o, wir sind
im Aufstieg, wir kommen immer mehr obenauf, gebe Gott, daß es so
weitergeht! Das äußerte sich in richtig anständigen Taten: Mattis
hatte ja diesen roten Briefkasten an seinem Hause, Oliver kaufte
einen Messinggriff für seine Haustür und sagte zu Petra: „Daß du ihn
mir nun aber auch ordentlich blank hältst!” Auf die Gefahr hin, als
Verschwender verschrien zu werden, kaufte er kleine Geschenke für seine
Töchterchen und seine Frau und war sehr gutherzig, ja, er brachte der
Großmutter öfter als früher eine Tüte Kaffee mit -- die ihn übrigens
wohl nichts kostete.

Wie erfreulich war jetzt das Leben! Der Winter verging, das Jahr
verging, und Oliver hatte recht, daß nichts so schnell vergeht wie ein
Jahr. Es ereignete sich nichts Großes, aber genug zur Abwechslung, die
Familie war nicht an mehr gewöhnt, das Kind war wieder ein blauäugiges,
und wie das zusammenhing, konnte wahrlich in der Geschwindigkeit
niemand ergründen, aber die Frage hatte auch nicht mehr so ungeheure
Bedeutung wie in den alten Tagen. Sollte Oliver näher untersuchen? Wie
würde es dann gehen, wenn er selbst untersucht würde, ging nicht auch
über ihn ein Gerücht in der Stadt? Als er sich einmal ein wenig bitter
über die neuen blauen Kinderaugen aussprach, sagte Petra: „Na, haben
denn nicht wir alle beide blaue Augen?”

In einem Gespräch mit seinem alten Freund, dem Fischer Jörgen, machte
Oliver geltend, daß die Gewächse auf der Erde auch nicht alle gleich
seien: die einen trügen Früchte über der Erde, die andern unter der
Erde. „Nimm zum Beispiel die Apfelbäume, die einen sind rot, die andern
gelb. Aber nimm die Kartoffeln, die unter der Erde wachsen -- eine
Sorte Kartoffeln ist gelb und eine andere ganz blau. Geradeso ist es
bei unsern menschlichen Augen, sie sind von höchst verschiedener Farbe.
Ich hab' mir überlegt, daß das vielleicht von mir selbst kommt: wenn
ich am tollsten auf eine Frau aus bin, dann gibt es braune Augen; was
meinst du, Jörgen?”

Ach, Jörgen war über siebzig Jahre alt, mit Lydia, dem Reibeisen,
verheiratet, Vater von drei großen Töchtern, großen Damen, seine Augen
waren fast farblos geworden, er wußte nichts -- er erinnerte sich an
nichts. „Wieso toll?” fragte er und sprach sich dahin aus, daß auch
manches Frauenzimmer toll und böse sein könne.

Aber Oliver schien es darum zu tun zu sein, gründlich verstanden
zu werden. „Nimm nun zum Beispiel die Maren Salt,” sagte er. „Man
beschuldigt ja mich, der Vater ihres Kindes zu sein, und der Junge hat
braune Augen.”

„Ach so,” sagte Fischer Jörgen.

„Oder nimm viele andere in der Stadt, es gibt genug braune Augen da,
und ich kriege ja auch fast keine andern. Nun darfst du aber ja nicht
alles glauben, was die Leute mir in die Schuhe schieben, Jörgen, ich
bitte dich darum, aber ich will mich auch nicht entschuldigen, denn ich
hab' eine feurige, unbändige Natur in mir, und es gibt daheim blaue und
braune Augen, je nachdem es trifft.”

„Ja,” sagte Jörgen.

Auf diese Weise steigt Oliver täglich höher hinauf, und nimmt immer
mehr eine feste Stellung in seiner Scheinwelt ein. Schweigt nur! Er ist
der Schöpfer und Erhalter, er geht dahin mit seinem eigenen Maßstab und
macht diese Welt weit, nach ein paar Jahren steht er auf einem Hügel
und schaut über ein großes Land hin, das ihm gehört.

Und jetzt gefällt es ihm wohl, das Leben in dieser seiner Welt! Er
schlägt kein Gelächter auf und läßt sie fahren. Mit der Welt, die man
geschaffen hat, muß man fertig werden, das müssen alle Schöpfer.

Ab und zu mußte er sich mit allerlei Ärger herumschlagen. Es konnte ihn
die Lust ankommen, am Abend noch auf der Straße herumzuschlendern, ein
wenig mit den Frauenzimmern zu schäkern, sich mit ihnen unterhalten zu
wollen. Er kannte die Worte und die Umgangsart von seiner Matrosenzeit
her, aber er hatte nicht mehr das alte Glück, es versagte; ob es nun
daherkam, weil er nicht mehr die alte Schießfertigkeit hatte, oder
weil er nicht das rechte Wild antraf. Was war denn los, warum lachten
ihn denn die dummen Gören aus? Die Pflänzchen, diese Kiek-in-die-Welt,
wollten sie nicht recht an seine reellen Absichten glauben? Warum, beim
Satan, fuhren sie zurück, wenn er nach ihnen greifen wollte? O, es
hatte seine Nachteile, eine Welt regieren zu müssen!

In der letzten Zeit war er wieder auf den Fischfang hinausgerudert.
Jawohl, das war eine gute alte Aushilfe, wenn die Heimsuchungen
überhandnahmen, Gott wußte allein, wie schwer es war, sich wieder
im Leben zurechtzufinden. Es hieß, er fische, um einen kleinen
Nebenverdienst zu haben, aber er war offenbar nicht so recht ernstlich
auf den Fischfang aus, denn er kam sehr oft ohne Fische heim. Aber
brauchte er etwa nicht Kleingeld? War die merkwürdige innere Tasche
seiner Weste am Ende nicht unerschöpflich? O, er sah mit Sorge, wie
die Tasche allmählich leer wurde, er hätte gern eine Anleihe gemacht,
ja, er hätte stehlen mögen, um dem Schwinden des Geldes Einhalt zu
tun, es ist nicht gut, wenn man zusehen muß, wie man verarmt. Er
hatte ja seinen alten Platz im Lagerhaus und seinen Gehalt, jawohl,
das tägliche Leben konnte er bestreiten, aber die Zubuße von Putz und
Schleckereien, an die er sich gewöhnt hatte, dazu hatte er nichts mehr.
Wo war eigentlich das Geld für die Eiderdaunen geblieben? Es war doch
eine ganz erkleckliche Summe gewesen, und der Kuckuck mochte verstehen,
wo sie hingekommen war. Er hatte weder dem Rechtsanwalt Fredriksen
etwas am Haus abbezahlt, noch sich und seine Familie auf zwei Jahre mit
Kleidern ausgesteuert; mit ein paar größeren Geldscheinen war er in den
nächsten Ort gefahren und hatte sie dort wechseln lassen, aber das war
nun schon ein Jahr her. Seine Innentasche war leer. Er konnte noch so
eifrig hineingucken und sie umdrehen, sie war und blieb leer.

Mußte er da nicht auf den Fischfang hinausrudern? An und für sich hatte
Oliver nichts dagegen, wieder in einem Boote zu schaukeln. Er versah
sich mit einem Kochtopf und Fischgerätschaften, ruderte hinaus und
blieb meist vom Samstagabend bis Montag früh fort. Vor allem fischte er
für den eigenen Bedarf, in diesen eineinhalb Tagen. Das waren faule,
sorglose Stunden, er ließ sich mehr treiben, als er ruderte, fuhr in
die Buchten hinein und suchte die Inseln heim; natürlich sammelte
er auch wieder Eiderdaunen, natürlich spähte er nach Strandgut und
Treibholz aus. Einmal fand er ein leeres Fäßchen und ein anderes Mal
eine Flasche mit einem Zettel darin, alles ohne wirklichen Wert. Weit
draußen, wo die Dampfschiffe in die Bucht hereinfuhren, ragte ein
Vogelberg ganz gerade aus dem Wasser auf, da war er seit zwei Jahren
nicht gewesen; es war weit bis dahin, aber es konnte sich schon die
Mühe lohnen, dort einen Besuch abzustatten, die Vögel nisteten da auf
den terrassenförmigen Absätzen der Bergwand und waren sehr wenig scheu.

Die Tage vergingen, und Abel war ja ein guter Junge, ein komischer
Kerl, er konnte seinem Vater bei Gelegenheit ein Zweikronenstück
zustecken, sonst hätte es wohl mit Leckereien für Oliver knapp
ausgesehen. Woher hätte er sonst Geld bekommen sollen? Er hatte einmal
einen Sohn, der hieß Frank, ein wahres Wunder an Gelehrsamkeit; o, aber
der schickte nichts nach Hause, er kam selbst nicht mehr heim, schrieb
auch nicht, es ging das Gerücht, er habe irgendwo eine Lehrerstelle und
er studiere weiter, nur immer weiter, wo wollte das enden? Die kleine
Konstanze Henriksen auf der Werft hatte einen Brief von ihm bekommen,
noch ein Jahr habe er vor sich, dann sei er fertig, das soll in dem
Brief gestanden haben. Vor Verlauf eines Jahres konnte also Oliver
keine Unterstützung von ihm erwarten, ein langes Jahr hindurch; aber
dann würde ja etwas Erkleckliches kommen, nicht jedermann hatte einen
gelehrten Sohn in der Hinterhand.

Inzwischen hatte er ja Abel, auch einen Prachtkerl, Oliver war
rechtlich gesinnt und machte keinen Unterschied zwischen seinen Söhnen,
wenn ja, so stand Abel seinem Vaterherzen jetzt am nächsten. Auf seinem
Weg nach dem Lagerhaus kehrte er oft einen Augenblick in der Schmiede
ein; Abel war da schon an der Arbeit, es machte dem Vater Spaß, ein
Weilchen mit ihm zu plaudern und zu fragen, wie es gehe. Es ging immer
ausgezeichnet. Abel hatte jetzt die Schmiede übernommen und war der
Erste in allem. O, das war ein Sohn, auf den man stolz sein konnte!
Auch andere kamen in die Schmiede, der Zeichenstift kam, der jetzt
Heizer bei der Küstenlinie war, der wollte gewiß warten, bis eine von
Abels Schwestern alt genug wäre, dann wollte er um sie freien, solche
Absichten hatte also der Zeichenstift. Er kam in die Schmiede und
fragte: „Hast du die Schmiede gekauft?” -- „Nein,” antwortete Abel,
„ich hab' nichts, um eine Schmiede zu kaufen, aber ich bin an Stelle
des Meisters hier. Kannst du mir einen Jungen verschaffen, der den
Hammer bedient?” -- „Ei,” sagte der Zeichenstift, „sobald du dir einen
Dampfhammer kaufst, der mit Paraffin getrieben wird, kannst du dir den
Jungen für den großen Hammer ersparen.” „Ach, schwatz keinen Unsinn,”
meinte der andere, „ich hab' in Horten mehrere solcher Hämmer gesehen.”
-- Abel wußte selbst, daß es solche Dampfhämmer gab, die mit Paraffin
getrieben wurden, aber warum sollte er so einen für eine Schmiede
kaufen, die nicht ihm gehörte? Still damit! -- Der Zeichenstift schlug
vor, Abel solle den Dampfhammer auf eigene Rechnung kaufen und das Geld
für Lohn und Kost des Lehrjungen in seine Tasche stecken, das wäre eine
Einrichtung, mit der auch Meister Carlsen gedient wäre. -- „Woher soll
ich das Geld für den Hammer nehmen?” fragte Abel. -- Der Zeichenstift
erwiderte: „Etwas hast du wohl selbst schon, etwas kann ich dir leihen,
und den Rest kannst du schuldig bleiben ...” Ei, der tausend, der
Zeichenstift mußte in die Blaumeise, Abels Schwester, bis über die
Ohren verliebt sein!

Nein, nein, die Schmiede gehörte Abel noch nicht, aber er hatte sie in
den Händen, und er verdiente einen schönen Lohn. Der Schmied Carlsen
war nicht immer abwesend, nicht immer ganz fort, aber am liebsten
stand er am Schraubstock und feilte an diesem und jenem, was geputzt
werden mußte. In die Geschäftsführung mischte er sich immer weniger.
„Was meinst du?” fragte er Abel, wenn er ein einzelnes Mal eine Arbeit
übernehmen sollte. Im übrigen war er nicht einmal mehr ein halber Mann,
er kam spät am Abend und ging früh wieder weg. So kam es, daß Oliver
seinen Sohn fast ganz für sich hatte, wenn er seine Morgenbesuche
machte.

Sie plauderten über ihre eigenen kleinen Vorkommnisse und besprachen
die Ereignisse in der Stadt. „Nun wird der Fischer Jörgen allmählich
ein ganzer Idiot,” sagte Oliver, „er kennt keinen Unterschied
zwischen gelben Kartoffeln und blauen Kartoffeln, warum soll ich die
Zeit vergeuden und mit so einem Mann reden? Ich lauf' davon, wenn
ich ihn seh'.” -- Vater und Sohn wurden nie uneinig, sie redeten
freundschaftlich über alles, sprachen gewissermaßen brüderlich über
alles, was ihnen am Herzen lag; wenn sie sich trennten, hatten sie
nicht etwas Besonderes verabredet, oder sich für eine bestimmte
Lebensanschauung entschieden, o weit entfernt; aber Oliver erfuhr,
was der Sohn an dem Tag zu tun hatte, für wen er diese Karrenbeschläge
schmiedete, sie waren für Konsul Johnsens Landhaus, wem der feine
Wandschirm gehörte, der seit gestern in die Schmiede gekommen war,
er gehörte dem Doktor. O, dieser Abel, er war ein tüchtiger Sohn, er
arbeitete für alle vornehmen Leute.

Abel fragt: „Was denkst du nun über den Dampfhammer, von dem ich dir
gesagt habe? Du wolltest darüber nachdenken.”

Natürlich hatte der Vater durchaus keinen Begriff von diesem
abenteuerlichen Hammer, das mußte der Sohn schon vorher wissen, und war
dann Abel nicht ein sonderbarer Kauz, daß er des Vaters Ansicht darüber
hören wollte? Aber er hatte vielleicht sonst niemand, bei dem er sich
aussprechen konnte; er behandelte seinen Vater ganz und gar nicht von
oben herab und hörte ihm mit innerlichem Mitleid zu, er sah aus, als
brauche er des Vaters Zustimmung bei dem, was er sich vornahm.

„Das will ich dir sagen,” antwortete Oliver, „ich bin ja weit
herumgekommen in der Welt und habe alle Arten von Völkern gesehen --
nun hab' ich gründlich darüber nachgedacht. Und wenn du den Hammer
haben kannst, dann nimm ihn nur sofort. Das rat' ich dir.”

„So.”

„Ja, das sag' ich grad heraus. Denn es gibt in keinem Fach irgendeinen
Meister, der so einen Dampfhammer hat, es wird in Stadt und Land
bekannt werden, und du wirst schon die Funken sprühen sehen, wenn so
ein Kerl aufs Eisen schlägt.”

„Ja.”

„Du kommst dafür in die Zeitung, und das kannst du mir aufs Wort
glauben, denn ich bin selbst in die Zeitung gekommen. Ich hab' ein
ausländisches, vollgetakeltes Schiff in Sturm und Unwetter vom Meere
herein geborgen und es hier am Landungsplatz angelegt. Dann schickte
ich nur einen Boten an Land nach dem Konsul und dem Protokoll. Was
meinst du wohl, was all die Leute dachten, die da herbeiströmten und es
sahen? Und drei Tage später stand ich in der Zeitung.”

„Ja.”

Nie wurde Oliver müde, andere mit diesem Ereignis zu ermüden. Aber
er vergaß auch den Dampfhammer nicht, nein, er sagte, er könne ihn
gar nicht mehr aus dem Kopfe hinausbringen. Und wenn er dem Sohn in
der nächsten Zeit irgendwie behilflich sein könne, wenn er also etwas
Geld, das der Mühe wert sei, zwischen die Hände bekomme, so werde er
augenblicklich damit herkommen. „Laß mich nur erst mit mir selbst
beraten!” sagte er und nickte mit nachdenklicher Miene dazu, wie wenn
er vielleicht bald eine Möglichkeit sehen könnte. O, das Geld würde
sich schon finden, und wenn nicht, dann wollte er jede Nacht im Boot
draußen sein und am Morgen mit einer Ladung Treibholz heimkommen, die
man verkaufen könne.

Nur ein Geplauder in aller Freundschaft. Abel blieb ja ebenso arm
zurück, als der Vater fortging, ja, sogar noch etwas ärmer, da er zwei
Kronen bei einer Wette verloren hatte. Das war so zugegangen: Abel
sagte: „Du kannst nicht mehr bei Nacht hinausrudern, du hast die Kräfte
nicht mehr dazu.” -- „In meinem oberen Körper hab' ich noch genau
dieselben Kräfte,” versetzte der Vater. -- „Du kannst nicht einmal
diesen Eisenblock hier aufheben.” -- „So, kann ich das nicht? Diesen
hier, den ich schon früher aufgehoben habe?” -- „Ja, aber jetzt bist
du ein Jahr älter. Es ist derselbe, ich setz' zwei Kronen!” -- Oliver
spuckte nicht einmal in die Hände, er hob den Block auf und gewann zwei
Kronen. „Ich will sie nicht,” sagte er. -- „Nein, du willst vielleicht
lieber, daß dir der Block an den Kopf fliegt,” erwiderte der Sohn und
überreichte dem Vater das Zweikronenstück.

Lauter Scherz und Freundschaft.

Keiner von ihnen erwähnte Klein-Lydia oder ließ etwas von der
Heirat verlauten, nein, Abel war ein viel älterer, gesetzterer Mann
geworden. Seinen dichtesten Bart hatte er allerdings noch immer auf
den Händen, aber er hatte eine Schmiede unter sich und stand an Stelle
des Meisters, da konnte man wachsen und heranreifen. Übrigens hatten
da auch andere Ursachen mitgewirkt, Mutter Lydia war demnach nicht
ohne Bedeutung für seine Entwicklung gewesen. Er mochte sich noch so
sträuben, es anzuerkennen, aber an einem gewissen Abend vor ein paar
Jahren hatte das alte Reibeisen ihm wahrlich ein Lehrgeld gegeben,
das er nicht vergessen konnte. An dem, was sie gesagt hatte, war
tatsächlich wirklich etwas dran gewesen, ein Knall vor seinen Ohren,
eine Erweckung, die natürliche Folge davon war, daß er anfing, sich vom
Hause des Fischer Jörgen fernzuhalten. Jawohl, er würde sich entfernt
halten, wie er versprochen hatte! Er war furchtbar eifrig darauf aus,
zu erfahren, wann Eduard von Neuguinea, oder wo es war, heimkäme,
aber er ging doch am Hause vorüber. Später war ihm Mutter Lydia
begegnet, sie war jetzt hinterdrein offenbar ganz friedlich gegen ihn
gesinnt, hatte ihm zum Gruße zugenickt und ein paar freundliche Worte
gesprochen. Er war auch ebenso höflich gewesen. Einige Wochen später
begegnete ihm sein Liebchen, Klein-Lydia, selbst. Das Merkwürdige war,
daß er ihr jetzt lieber nicht begegnet wäre, wenigstens nicht in diesem
Augenblick, wo er rußig und ungewaschen von der Schmiede kam. Da das
Zusammentreffen unvermeidlich war, versagten ihm fast die Knie, aber
er brachte doch einen kurzen Gruß heraus und ging vorüber. In diesen
Wochen hatte er es erlebt, daß er schüchtern wurde. In der folgenden
Zeit traf er sie ab und zu in der Stadt mit Paketen in der Hand; er
hätte sicher nähertreten und ihr die Pakete tragen können, aber er tat
es nicht.

Nein, er redete nie mehr vom Heiraten.

„Du hast den Block nicht so hoch gehoben wie sonst!” rief er seinem
Vater nach.

„Was hab' ich nicht?” versetzte der Vater. „Du hättest gut selbst noch
oben drauf sitzen können!”

Wenn er so großartig scherzen konnte, so deutete das wohl auf eine
besonders gute Laune bei Oliver. O, aber an diesem Tag hatte er
besonders böse Ahnungen! Als er im Lagerhaus allein war, sich da
zurecht machte, in den Spiegel schaute und an seine Arbeit ging, war
ihm ganz klar, er stand vor einer Gefahr: Rechtsanwalt Fredriksen war
ihm in der Stadt begegnet. Dieser Leuteschinder, dieser Blutsauger, er
hatte einen Krüppel angesehen, als gehöre er ihm eigen. Und jetzt waren
es zwei Jahre her, seit ihrem letzten Zusammentreffen.

Oliver übertrieb ungeheuer, der Rechtsanwalt war wie sonst freundlich
und in Gedanken versunken an ihm vorbeigegangen, aber Oliver war ja
nicht mehr der mutige Mann, seine innere Tasche war leer, die Erhebung
seines Charakters war verschwunden. Als er zum Essen heimkam, hatte er
eine Unterredung mit Petra, aber er erzählte ihr keine Neuigkeit, sie
war dem Rechtsanwalt selbst begegnet.

„Hat er etwas gesagt?” fragte Oliver.

„Oho, sagte er etwas! Sollte er etwas zu mir sagen -- auf der Straße?”

„Wie hat er ausgesehen?”

„Das weiß ich nicht. Ausgesehen? Ich seh' die Mannsleute nicht an und
schiele nicht nach ihnen hin. Das alte Schwein hat mich genug geplagt,
als er das letztemal hier war.”

„Mir kam sein Aussehen unfreundlich vor.”

Nach einer Weile redet Oliver weiter: Jetzt werde wohl der Rechtsanwalt
mit seiner Unvernunft wieder anfangen. -- „Ich rühr' mich seinetwegen
nicht mehr von der Stelle,” sagt Petra. -- Oho, ob es besser wäre, wenn
sie alle auf die Straße gesetzt würden? Oliver entwickelte die Sache
weiter und von seinem Standpunkt aus: es habe ihm noch nie so davor
gegraut, obdachlos zu werden, wie eben jetzt, sie müßten hoffen, daß
der Rechtsanwalt ein Mensch sei, denn wenn er geradezu im Sinne habe,
gegen einen Krüppel wieder auf Mörderwegen zu gehen, dann müsse Petra
ihm noch einmal energisch ins Gewissen reden.

„Was hältst du davon?” fragte Oliver.

Petra überlegte und hielt es nicht für unmöglich. Aber da war soviel,
was dagegen sprach. Sie habe nicht einmal ordentliche Kleider --

„Kleider?”

Sie habe die unglücklichen Hemden vertragen. Und sie brauche auch eine
Bluse, eine von denen, die vorne aufgemacht werden. Und außerdem noch
andere Kleidungsstücke.

Wenn nichts anderes im Wege stehe, meinte Oliver, so könnte er sicher
einige Kleidungsstücke auf Vorschuß bekommen. Er flammte wieder auf,
setzte die Mütze schief auf den Kopf, als habe er mächtige Gönner,
und redete als Familienversorger: „Gleich jetzt geh' ich in das
Modegeschäft und hol' die Kleidungsstücke für dich.”

Bei einer solchen Gelegenheit mußte er ja tun, was nur immer in seinen
Kräften stand.



28


Der Rechtsanwalt Fredriksen dachte indes jetzt wohl am allerwenigsten
daran, Oliver und sein Haus zu beunruhigen, er hatte ganz andere Dinge
zu erledigen. In diesen Tagen wurde der Stadt eine schwere Prüfung
auferlegt, eine so unerhörte Erschütterung beigebracht, daß es war,
als ob die Welt stille stünde. Was war seinerzeit der Postraub dagegen
gewesen? Das Dampfschiff _Fia_ war untergegangen! Was bedeuteten alle
möglichen anderen Dinge, wenn das Dampfschiff Fia nicht versichert
gewesen war und nun vielleicht den Doppelkonsul Johnsen in Ruin und
Untergang mit hineinzog?

Nichts anderes bedeutete mehr etwas.

Auch früher schon waren mehrere ernste Ereignisse in der Stadt zu
verzeichnen gewesen: der alte Schulvorsteher war nun tot, der die
vielen Sprachen der ganzen Welt kannte und die letzte Generation in
den Grammatiken und den notwendigen Kenntnissen unterrichtet hatte, er
war jetzt tot und seine Gelehrsamkeit mit ihm begraben. Eine andere
Sache war auch am Brunnen tüchtig besprochen worden: die Frau des
Doktors jammerte nun schon seit zwei Monaten darüber, daß sie guter
Hoffnung war; es war das erstemal bei ihr, ach du lieber Gott, wie sie
es verabscheute, wie sie sich davor fürchtete und wie schlecht ihr war
-- für dieses Unglück gab es keine Hilfe, und war es nicht auch ganz
gerecht? -- Da, eines schönen Tages war die Frau Doktor plötzlich nicht
mehr guter Hoffnung. „Was?” schrien die Weiber am Brunnen; sie pumpten
kein Wasser mehr und gingen auch nicht mit ihren Eimern fort, sondern
blieben unentwegt da. Hatte die Person sich über ihr Inneres getäuscht
und war sie gar nicht --? Unsinn! Weit entfernt! Aber so ungleich
verteilte es unser Herrgott bei den Frauen, manche mußten Jahr um Jahr
Mutter werden, andere waren fürs ganze Leben davon befreit. So war es,
wenn man einen Doktor zum Mann hatte, er hatte die Gelehrsamkeit, er
konnte tun, was er wollte, das war keine Kunst --

Es fehlte also nicht an aufregenden Ereignissen.

Aber dann rollte eines Morgens der Donner über den Brunnen hin; das
war die Nachricht von dem Untergang der _Fia_. Diese Nachricht kam von
Scheldrup Johnsen in Neu-Orleans, das Telegramm war drei Tage alt,
es meldete kurz und gut, nannte Ort und Zeit und ging davon aus, daß
die Versicherung in Ordnung sei. Aber die Versicherung war nicht in
Ordnung. Und da schlug der Blitz am Brunnen ein.

In der kleinen Küstenstadt, die von nichts als von ihren Schiffen
lebte, verstand jedes Weib, was eine solche Versicherung zu bedeuten
hatte, sollte da der Doppelkonsul es nicht gewußt haben? Waren es
nicht gerade die großen Sachen, die der Konsul selbst unter den Händen
hatte, Berntsen dagegen lag es ob, dem Kramladen und dem Modehandel
vorzustehen. Es kam zu einem Zusammenstoß zwischen dem Konsul und
seinem Geschäftsführer; der Konsul meinte, er habe Berntsen den Auftrag
gegeben, die Versicherung zu erneuern, und Berntsen hatte auch ganz
richtig die Versicherung damals, wo es ihm aufgetragen worden war,
erneuert, aber nachher nicht mehr. -- Aber der Konsul habe doch ein
für allemal den Auftrag gegeben. -- Nein, erwiderte Berntsen, so habe
er es nicht verstanden. -- Der Konsul raufte sein Haar und behauptete,
doch, er habe es ausdrücklich für immer, fürs ganze Leben gemeint.
Berntsen hätte das außerdem selbst verstehen müssen, ob er denn nicht
gesehen habe, was alles auf dem Pult des Konsuls herumlag, alles
müsse er selbst besorgen, die ungeheuere tägliche Post, die Berichte
an seine Regierungen, die Bücher, eine Welt, ein Chaos -- wie, wenn
nun Berntsen das von selbst verstanden hätte! -- Es zeigte sich auch,
daß Berntsen wirklich tüchtig eingegriffen hatte, sonst hätte es noch
schlimmer auf des Konsuls Pult ausgesehen. -- Ja, aber der Konsul habe
die Versicherungspapiere zur Erledigung herausgelegt. -- Berntsen hatte
die Papiere auch da liegen sehen, und nachdem er sie drei Wochen vor
Augen gehabt hatte, verschwanden sie. -- Jawohl, der Konsul hatte sie
schließlich als erledigt weggelegt. Berntsen hatte kein Wort davon
gehört, daß er sie fortschicken solle. -- Doch, beim Satan, der Konsul
hatte vor langer Zeit einmal gesagt, er müsse die Prämie abschicken:
„Vergessen Sie die Versicherung nicht!” hatte er befohlen. O, jetzt
mochte Gott ihm gnädig sein!

Frau Johnsen wankte ins Kontor herunter und weinte, rang die Hände,
wischte sich Nase und Augen, schluchzte laut, bebte und redete wie
im Fieber. Das war nicht gut für die Frau Konsul, sie war wohl auch
leberkrank, denn sie war gar so gelb im Gesicht. Die Tochter kam auch,
Fräulein Fia, sie nahm es ganz anders auf und legte nicht noch Steine
auf die schwere Last. Das nütze nun alles nichts, sagte sie, Prüfungen
müsse man ertragen. Sie müßten jetzt zeigen, daß sie Kultur hätten,
sagte sie, die Komtesse; was an ihr liege, so wolle sie noch fleißiger
arbeiten, sie habe ihre Kunst und ihren Beruf; die zwei Bilder, die sie
im Louvre kopiert habe, müßten nun eben springen, sie wolle sie sofort
zur Versteigerung schicken. „Hab' keine Angst, Papa!”

Der Konsul hörte nicht und sah nicht.

Dafür war ein anderer Mann in der Stadt, der sowohl hörte als sah,
der Rechtsanwalt Fredriksen. O, ein kluger Mann, ein glücklicher
Gewinner, also ein ganz verflixt guter Rechner. Da kam er nun endlich
wieder, nachdem er fast das ganze Jahr hindurch im Landtag und in
seiner Kommission gesessen, und jetzt hatte er ein viel besseres
Aussehen als vorher, er sah nicht mehr so gefräßig aus, Gott weiß, ob
er nicht Gesichtsmassage gebraucht hatte! Woher sonst konnte diese
fast seelenvolle Freundlichkeit kommen? Allerdings hatte das auch
seine Wirkung nicht verfehlt, daß er während seiner Abwesenheit zum
Wortführer in seiner Stadt gewählt worden war; aber das würde einen
Rechtsanwalt doch nicht dazu bringen, die abgelegenen Winkel der Sorge
und Armut aufzusuchen und dort eine halbe Stunde trostspendend zu
verweilen! Er ging zu der Tochter des Schulvorstehers, die ihren Vater
verloren, und zu dem alten Postmeister, der seinen Verstand verloren
hatte, und überall war er sehr teilnehmend gewesen. So war er jetzt.
Schon als er vom Schiff an Land stieg, hatte ja der abscheuliche
Olaus vom Wiesenrain ihn geduzt und ihn nur Fredriksen angeredet; aber
darüber hatte dieser nur ein wenig gelächelt und gesagt: „Trag' meinen
Koffer hinauf, Olaus!” -- Olaus erwiderte: „Trag' du deinen Koffer
selber!”

Ehe er sich nun aufs neue auf seine beschwerlichen öffentlichen
Obliegenheiten warf und die Stadt zur ersten Versammlung zusammenrief,
gönnte er sich noch ein paar freie Tage und wanderte in einem hellen
Anzug und einem großen Hut umher; er hatte sich einen Stock gekauft,
und seine Stiefel waren heil, er rauchte auch immerfort Zigaretten,
ja, er war ein ganz anderer geworden. Warum wanderte er soviel umher,
warum mußte der schwere Mann auch noch den Aussichtspunkt ersteigen?
Das sah gesucht aus, ausgesucht einsam, nicht nur nach unerwiderter
Liebe und tieferen Gefühlen. Wenn er an Konsul Johnsens Garten mit
den Zementtürmen, dem Duft des spanischen Flieders und gaukelnden
Schmetterlingen vorüberging, grüßte er Frau Johnsen, gegen die er
nichts hatte, mit seinem großen Hut, er grüßte auch das Fräulein,
ja selbst den Konsul, wenn dieser auf der Veranda saß. Wohl war er
Vorsteher einer Kommission gegen den Konsul, aber Haus und Familie
mußten außerhalb gehalten werden.

„Glücklich von Paris zurück!” rief er mit Donnerstimme über das Staket
weg Fräulein Fia zu.

Es sei jetzt übrigens schon sehr lange her, seit sie von Paris zu Hause
sei, dachte Fräulein Fia wohl, und sie hätte auch gut ihn selbst mit
„Glücklich zurück vom Landtag!” begrüßen können, aber sie dankte nur
mit einem nachlässigen Kopfnicken. Wer verstand diesen Menschen!

Er legt seine runden Arme auf das Staket und geht nicht gleich weiter,
sondern sagt: „Sie finden es wohl daheim wieder sehr schön?”

„Ja.”

„Ich auch.”

Welche Unhöflichkeit vom Konsul! Da sitzt er auf der Veranda und liest
in seiner Zeitung, dann wird er aufmerksam, lüftet schließlich den Hut
ein wenig und grüßt, liest aber dann gleich weiter.

„Jawohl, auch ich finde es daheim wieder sehr schön. Selbst wenn ich
keine schönere Heimat hätte --”

„Wollen Sie nicht hereinkommen?” fragt Frau Johnsen.

„Nein, ich danke, es ist spät geworden. Ich gehe nur vor Schlafengehen
ein wenig spazieren, und ich kann Sie von dem Aussichtspunkt grüßen,
Fräulein Fia!”

„Es war wohl heute abend hübsch da oben?”

„Wundervoll. Ein Sonnenuntergang mit ein paar besonders prächtigen
Wolken! Ich verstehe mich ja nicht so darauf, wie die Maler und
Künstler, aber für meinen Geschmack war es einzig in seiner Art. Würden
Sie sich nicht zu einem kleinen Spaziergang hinauf überreden lassen?”

„Jetzt? Nein.”

„O nein. Und Sie gehen wohl auch am liebsten allein?”

Nun zündet sich der Konsul seine Zigarre wieder an, aber er kann
sich dabei fast nicht von der Zeitung losreißen: Was in aller Welt
interessiert ihn denn so ungeheuer? Und was ist denn mit Frau Johnsen?
Diese Frau Johnsen war nicht immer so wortkarg gewesen; in den alten
Tagen hatte sie höchst vergnügt geplaudert, wenn der Rechtsanwalt mit
ihr sprach und sich mit ihr abgab, ja, sie tat wahrhaftig, als mache
sie sich etwas aus ihm. Wie reich und groß waren diese Leute nun
geworden; aber wie konnten sie es auch nicht lassen, es zu zeigen!
Seht, da sitzt die Tochter des Hauses, sie ist nun seit mehreren Jahren
alt genug und zum Überfluß auch hübsch genug, und da sitzt sie und
hält sich eigensinnig zurück, bloß weil sie steinreich und eine gute
Partie ist. Rechtsanwalt Fredriksen hätte übrigens der Familie in
verschiedenem nützlich sein können, er war jetzt nicht mehr der erste
beste, er war Landtagsabgeordneter und ein großer Mann, er konnte sogar
noch größer werden, ja, er hatte beinahe sichere Aussicht, noch größer
zu werden, die neuen Wahlen würden das entscheiden. Warum stand er denn
da draußen und warb vor einem Gartenzaun? Das schickte sich nicht für
jemand, wie er war; kommt ihm nur in die Nähe, gebt ihm den kleinen
Finger! Er hatte in der großen Hauptstadt etwas gelernt, das nächste
Mal würde es schon besser gehen, er wollte sie in den Arm nehmen --

„Guten Abend!” grüßte er und ging weiter.

Nach einer guten Weile schaute der Konsul auf und lüftete nun auch
den Hut, aber da sah er nur noch des Rechtsanwalts Rücken und seine
Hautwulst im Nacken unterhalb des Huts. So ein Übermut! Und dieses
Zeitungslesen! Der Konsul warf das Blatt weg und stand langsam auf,
er gähnte laut und sagte: „Na, jetzt geh' ich hinein und lege mich zu
Bett.”

„Ja, gute Nacht!” sagten die Damen.

Alles atmete Frieden und durchaus keine Gefahr. Aber am nächsten Tag,
ja, da schlug der Blitz ein.

Rechtsanwalt Fredriksen hörte es zuerst in der Barbierstube, nachher
traf er mit dem Apotheker zusammen, der es bestätigte. Der Rechtsanwalt
hatte eigentlich gedacht, sich recht schön rasieren zu lassen und sogar
noch ein paar Tage lang an Konsul Johnsens Garten vorbei nach dem
Aussichtspunkt zu spazieren; aber bei der Nachricht von dem Untergang
des Dampfschiffs _Fia_ änderte er entschlossen seine Absicht und nahm
den Weg nach dem Hause Olsen. Sein Gang zeigte keine Unsicherheit,
nichts Geheimnisvolles, er hatte etwas ausgerechnet und es richtig
gerechnet, natürlich ging er nun zum Grütze-Olsen, wohin hätte er sonst
gehen sollen? O, in seinem Gang lag Selbstgefühl!

Er war erwartet; Fräulein Olsen errötete, als sie seine Stimme hörte.
Sie wußte, er war schon vor zwei Tagen zurückgekommen, aber in diesen
zwei Tagen hatte er sich noch nicht blicken lassen.

„Nun ja, man hat mich zum Wortführer ernannt, während ich fort war,”
erklärte er, „und da mußte ich mich erst in diese neuen Sachen
einarbeiten. O, ich hab' geschuftet! Und am Abend war ich dann so müde,
daß ich ganz einsame Spaziergänge machen mußte, um mich zu erholen.
Sonst würde ich mir schon erlaubt haben, Sie zu begrüßen, Fräulein
Olsen.”

„Meine Eltern hatten mir gesagt, daß Sie zurückgekehrt seien,” sagte
Fräulein Olsen.

Weiter ging sie nicht, o nein; aber wenn er ihr in diesem Augenblick
zu verstehen gegeben hätte, daß sie jetzt seiner rasenden Liebe nicht
mehr ausweichen könne, dann wäre sie wohl schwankend geworden. Es
waren nun mehr als zwei Jahre verflossen, seit sie sich zum letzten
Male gesprochen hatten, sie war indessen noch älter geworden, ein
paar Briefe in der Zwischenzeit hatten eine hinsterbende Erinnerung
nur gerade am Leben erhalten. Mit dem andern Maler, dem Tünchersohn,
wurde es nichts, der war nur ein Künstler und Bruder Leichtfuß; o,
er war beständig in die eine oder andere verliebt, daran fehlte es
durchaus nicht, aber er hatte keine Beständigkeit. Schließlich ging er
hinunter an den Landungsplatz und malte den Olaus vom Wiesenrain. Das
schickte sich nicht, nachdem er Konsul Olsens gemalt hatte; wahrhaftig,
Konsul Olsens bildeten sich nichts darauf ein, aber sie würden in der
Leute Mund kommen. Und im übrigen -- einen Maler heiraten, das war
so eine Sache, ihre Schwester hatte es erfahren, sie hatte es nicht
so ergötzlich, sie redeten sogar von Scheidung -- die neueste Mode
im Lande. Sie hatte jetzt zwei Kinder und war überdies in den ersten
Jahren verschiedentlich zu sehr langem Aufenthalt bei den Eltern
gewesen, um die Ausgaben für den Haushalt zu vermindern, und wenn sie
wieder abreiste, bekam sie eine Menge Geld und vollgepackte Kisten mit.
Im letzten Jahr hatte sich dieses Verhältnis allerdings geändert, der
Maler hatte einen größeren Namen bekommen, er stellte in Berlin aus und
verkaufte seine Bilder zu höheren Preisen. Die Folge davon war, daß
jetzt er, der Maler, auf eine Scheidung anspielte, jetzt konnte er auf
eigenen Füßen stehen. Das war sehr traurig und sehr dumm, und bis jetzt
war ja die Katastrophe abgewehrt worden, aber es war jedenfalls eine
unglückliche Ehe daraus geworden. O, diese Künstlerverbindungen, sie
waren nicht immer dauerhaft!

Aber wie stand es mit dem Bureauvorsteher beim Hardesvogt? Abgereist.
Er war ein Jahr da, dann kam er in das Revisionsdepartement, niemand
vermißte ihn, niemand bedauerte seinen Fortgang. Sein Nachfolger war
wieder ein juristischer Kandidat, aber es zeigte sich, daß er sowohl
Braut als Verlobungsring hatte -- was wollte der hier in der Stadt, und
was hätte Fräulein Olsen mit ihm anfangen können? Als er Besuch machte,
ging sie zwar nicht aus dem Hause, nein, das tat sie nicht, aber sie
blieb ganz einfach auf ihrem Zimmer, warum hätte sie hinuntergehen
sollen. Später sah sie ihn in der Stadt, er sah aus wie ein Flüchtling,
mit abgetragenen Beinkleidern, sehr nachdenklich und niedergedrückt,
aber mit Braut und Verlobungsring. Einen solchen Mann mußte man in
Frieden lassen.

Und so war Fräulein Olsen noch immer zu Hause; sie wurde älter
und beschäftigte sich mit ihren Erinnerungen. Ihr Herz hatte den
Rechtsanwalt wahrscheinlich nicht vermißt, aber er war ihr nicht so
ganz aus dem Sinn gekommen, er war der sprichwörtliche Sperling in der
Hand. Wie war es wohl, hatte er Aussicht, Staatsrat zu werden? Noch
immer war es die Natur selbst, die Fräulein Olsens Politik führte,
einmal mußte doch auch sie eine verheiratete Frau werden.

„Wollen Sie sich nicht eine Zigarre anzünden?” sagt sie zum
Rechtsanwalt.

Er fing an, von dem Untergang der _Fia_ zu sprechen, das sei ein
ordentliches Menetekel für die Familie Johnsen. Denken Sie doch, ein
Dampfschiff nicht einmal versichern! Was denn der Konsul auf seinem
Kontor tue, wenn er eine so überaus wichtige Sache vergesse? Das müßte
doch eine Grenze haben! Allerdings solle man ja mit Menschen, die im
Unglück sind, Mitleid haben, aber Gott wisse es, vielleicht schadete
dem guten Johnsen so eine Züchtigung gar nichts. Sie hätten ja alle
miteinander einfach unverschämt dumm-groß getan.

„Ich weiß nicht,” sagt Fräulein Olsen, „den Scheldrup halt' ich nicht
für dumm.”

Der Rechtsanwalt erwidert gleichgültig: „Was der Scheldrup ist oder
nicht ist, das weiß ich auch nicht. Ich rede von der Tochter und den
Eltern.”

„Ich möchte wissen, wie es der Scheldrup aufnimmt. Was meinen Sie, daß
er nun ergreifen wird?”

Da sieht sie der Rechtsanwalt wie aus einer ganz andern Welt an, er
kann es nicht lassen, die Stirne zu runzeln und sie anzusehen. „Ihre
Frage ist sehr komisch,” sagt er, „ich hab' mich wirklich nicht mit
ihr abgegeben, denn ich hab' an andere Dinge zu denken. Was der und
jener Junge anfangen wird? Ich weiß es nicht, er wird wohl das tun, was
er bisher auch getan hat. Steht er nicht hinter einem Ladentisch oder
etwas Ähnlichem?”

„Scheldrup! Nein, er hat nie hinter einem Ladentisch gestanden.”

„So, also nicht. Ja, mir ist es gleichgültig.”

„Vielleicht kommt er jetzt heim und übernimmt das Geschäft.”

Den Rechtsanwalt ärgert dieses Gerede, und er versucht, noch mehr von
oben herab aufzutreten. „Wer künftighin dieses bankerotte Geschäft und
den kleinen Laden übernimmt, darüber nachzudenken hab' ich wirklich
noch keine Zeit gehabt. Vielleicht ist der Scheldrup der Mann dafür,
ich weiß es nicht. Hat er etwas gelernt?”

„Etwas gelernt? Ja, das wird er wohl im Ausland in all den Jahren getan
haben.”

„So? In die Schule gegangen, auf fremden Universitäten studiert?
Merkwürdig, daß niemand etwas davon gehört hat!” -- Aber hier geht wohl
dem Rechtsanwalt ein Licht darüber auf, daß er in völlig verkehrter
Weise vorgeht, und er sagt: „Es ist überhaupt nicht die Rede von
Scheldrup Johnsen, sondern die übrige Familie ist es, der es vielleicht
ganz gut tut, wenn sie den stolzen Nacken beugen muß. Sie war's, die
ich gemeint hatte.”

Fräulein Olsen kann es sich leisten, ein gutes Wort für Fia einzulegen.

„Fia malt so hübsch,” sagt sie.

„Finden Sie das?” Hier sieht der Rechtsanwalt aus, als könne er sich
gezwungen fühlen, sich anders auszusprechen. Als das Fräulein fragt:
„Ja, finden Sie das nicht auch?” antwortet er: „Wollen wir nicht von
etwas anderem reden -- Sie und ich?”

Da kam er nun auf seine eigene Angelegenheit.

O, nun aber war es wohl möglich, daß es besser gewesen wäre, wenn
er geschwiegen hätte. Er hatte nicht den rechten Schick. Fräulein
Olsen mußte natürlich seine jahrelange kühle Zurückhaltung auffallend
gefunden haben, und nun sollte er sich erklären, sich gewissermaßen
entschuldigen, das war keine einfache Aufgabe. Wo hätte er die
schwierige Kunst lernen sollen, um ein Herz zu werben, aber die Mitgift
zu meinen? Außerdem war seine Löwenstimme gegen ihn, die war für
Schlägereien und Wortkämpfe, hier aber sollte sie etwas hinhauchen,
gewissermaßen singen, wahrlich, ein anderer hätte es aufgegeben. Aber
er verstand die Gefahr nicht und ging nur drauflos.

Es war ein Glück, daß es das Fräulein damit nicht so genau nahm. Im
Lauf der Jahre hatte sie sich ja einige vornehme Unarten angewöhnt,
aber sie hatte noch ein richtiges Verständnis für die Dinge und
war kein kleines Mädchen mehr. Fia Johnsen war wirklich mit ihrem
Komtessewesen auch nicht so sehr weit gekommen.

Der Rechtsanwalt begann ja zu nachdrücklich -- der Bauer, der Klotz!
Zusammenarbeiten, sagte er, ob also die Rede von einem Zusammenarbeiten
zwischen ihnen sein könnte? Ob sie darüber nachgedacht habe?

Darauf antwortete sie nichts, aber Zusammenarbeiten, was war denn das?
Sie fand jedenfalls nicht, daß das ein Wort sei, das ihr keine andere
Wahl ließ, entweder puterrot zu werden oder das Zimmer zu verlassen.

Nun entwickelte der Rechtsanwalt deutlicher, wie er in diesen zwei
Jahren immer an sie gedacht habe -- sie habe ihn vielleicht in
dieser Zeit vergessen, aber er habe nichts vergessen, er könnte
auf die Beilagen hinweisen, seine beiden Briefe. Alles, was er bei
ihrer früheren Zusammenkunft ausgesprochen habe, sei in den Briefen
wiederholt, und das gelte auch jetzt noch. Also, Fräulein Olsen, nun
ist die Frage die: ist etwas Verständnis und Neigung auf beiden Seiten
vorhanden?

Keine Antwort. Er wartete reichlich lange, und schließlich sagte sie
wie er: „Lassen Sie uns von etwas anderem sprechen!”

War das nun wieder Ziererei? Er fühlte sich wohl nicht mehr ganz
sicher, ihr Gerede über Scheldrup Johnsen hatte ihn unsicher gemacht;
sie hatte so bestimmt behauptet, daß er nie hinter einem Ladentisch
gestanden habe und daß er nun heimkommen werde, um das Geschäft zu
übernehmen. Was bedeutete das alles in einem Augenblick wie diesem? Zum
Henker, er konnte nicht singen, aber er redete weiter, ob sie längere
Bedenkzeit haben wolle? Für ihn sei die Zeit jetzt gekommen, die
Ungewißheit habe ihn gerade an diesem Morgen fortgetrieben, um für sich
zu reden und zu hören, wie die Sache stehe. Aber vielleicht möchte sie
doch lieber noch eine längere Bedenkzeit haben? fügte er hinzu.

„Ja,” sagte sie nur.

Wirklich? Er müsse gestehen, das könne er kaum glauben, nach Verlauf
von zwei langen Jahren und nach allem, was zwischen ihnen vorgegangen
sei. Ob sie denn nicht gerade herausgesagt finde, daß diese Stadt
allmählich ein trauriges Loch geworden sei? Eine Stadt voll Kummer und
Bankerott und Elend, an andern Orten lachten die Leute und es gehe
ihnen gut. Welche Art Belustigungen man denn hier habe?

Hier warf sie lächelnd ein: „Ich bin nicht an Belustigungen gewöhnt.”

Aber sie könne es werden! lautete die Entgegnung. O, an andern
Orten alle die vornehmen Straßen und die Schaufenster und Tivoli
und Kaffeehäuser, ob sie denn das nicht reizen könne? Und was die
Lebensweise betreffe, so handle es sich ja nur darum, wie man sie
selbst bestimmen wolle, es gebe nichts, gar nichts, was man dort nicht
bekommen könne. Alle Annehmlichkeiten des Lebens seien da auf einem
Brett beisammen, die Zeitungen erschienen jeden Morgen und jeden Abend,
die Musik spiele, beim Landtag würde geflaggt; am Sonntag könne man,
wenn man wolle, den ganzen Tag im Bett liegen, oder man könne ins
Theater gehen, oder mit der Straßenbahn irgendwo hinfahren, oder im
Studentenwäldchen spazieren gehen, oder einen guten Vortrag hören. Was
man hier am Ort denn habe! Wenn sie wolle wie er, dann zöge sie fort
von hier --

Auch das war eigentlich kein Gesang, aber es war doch nicht so ganz
verkehrt, und das Fräulein hätte nun einiges Interesse an den Tag legen
sollen; aber nein. Gott weiß, was hergehörte, um diese Dame etwas aus
dem Konzept zu bringen? Der Rechtsanwalt rückt ihr vorsichtig immer
näher und erreicht sie schließlich; er hat in der Hauptstadt etwas
gelernt, er tastet weniger ängstlich, legt schließlich den Arm um
sie und sagt: „Liebes Fräulein, wenn es doch zu einem etwas besseren
Verständnis zwischen uns kommen könnte!”

Sie stand auf, das tat sie, stand auf, lief aber nicht nach der Tür,
die Dame stand nicht vor etwas Unumgänglichen, sie sah ihn nur an und
sagte: „Ich hoffe, Sie sind nobel, Fredriksen?”

„Natürlich. Hm. Aber Damen pflegen doch im Gegenteil Freude an ein
wenig Hofmacherei zu haben,” sagte er, und dabei nickte er und
zwinkerte mit dem einen Auge, als habe er recht genaue Kenntnis
gewonnen. Er habe durchaus nichts Böses gemeint, nur eine Annäherung,
sie wisse doch, wer er sei, sie kenne ihn --

„Ja, das allerdings,” erwiderte sie und setzte sich auf das Sofa.

Er sei ja mit einer Menge Damen zusammengewesen, das fehle durchaus
nicht, habe auch an den Gesellschaften auf dem Schlosse teilgenommen,
berühmte Sängerinnen gehört und was dergleichen mehr sei -- o ja, und
einige seien richtig feinfein und nach seinem Geschmack, einzig in
ihrer Art gewesen, sie hätten tief ausgeschnittene Kleider an, machten
die tiefsten Verbeugungen, trügen Halsketten und Brillanten. „Aber
eine Familie mit so einer gründen und sie zur Lebensgefährtin erwählen
-- nein!” donnerte Fredriksen und schüttelte den Kopf. Er habe im
Gegenteil immer an eine gewisse Dame in seiner eigenen kleinen Stadt
gedacht, und auf sie habe er seine ganze Hoffnung gesetzt --

„Auf Fia,” warf Fräulein Olsen ein.

Wie plötzlich das herauskam! Er wurde ein wenig verdutzt und bemerkte
nur: „Warum nennen Sie gerade diese?”

Fräulein Olsen lächelte.

„Fia,” sagte er, „lassen Sie sie nur in Ruhe, lassen Sie sie in ihrem
roten Hut spazieren gehen und lassen Sie sie ihre Bilder malen. Ist es
nicht wahr, wenn ich sage, kann man sich ein unnützlicheres Geschöpf
denken? Aber das geht uns nichts an, ich begreife nicht, warum wir von
ihr sprechen. Ja, mißverstehen Sie mich nun nicht, Fräulein Olsen, die
Kunst und schöne Bilder und Gemälde haben ihre große Bedeutung. Ach, du
lieber Gott, aber wie so ganz anders sind Sie als dieses Frauenzimmer,
es ist nicht halb soviel an ihr wie an Ihnen, dünn und zart und lange
Stelzen. Gott bewahre mich davor!”

Es konnte Fräulein Olsen nicht unlieb sein, auch einmal vorgezogen zu
werden und als die erste zu gelten, seinerseits war der Rechtsanwalt
keineswegs karg: wenn Anerkennung ihr etwas Ungewohntes war, dann
sollte sie solche jetzt bekommen! Fräulein Olsen steht wahrhaftig auf
und stellt den Aschenbecher vor ihn hin, da hat er es behaglich, und
bei dieser Freundlichkeit, dieser Häuslichkeit riß ihn wohl die Liebe
mit fort, und er nahm sie in den Arm. Sie wiederholte nur: „Seien Sie
nobel, Fredriksen!” entfloh aber nicht wie ein Traum, sondern ließ sich
neben ihm auf einen Sessel niederfallen. Er war ja nicht gefährlich und
gefräßig, er war nur ein wenig grob und ungebildet wie alle Männer --
was übrigens die Mannsleute nicht übel kleidet.

„Aber Sie müssen doch zugeben, daß Sie sehr hingenommen von Fia gewesen
sind,” sagte sie.

„Von Fia?” Daß sie das sagen konnte, daß sie das in den Mund nehmen
mochte! Hören Sie einmal, eine Malerin, die reine Bleichsucht! Fräulein
Olsens wegen würde er sofort die ganze Welt umsegeln, aber Fias Bilder
wegen keinesfalls. „Da haben Sie's!” Die Kunst jawohl, aber fürs
Tägliche ziehe er im ganzen genommen Fräulein Olsens Beine und Arme und
Brustpartie und Figur vor. „Ach, Fräulein Olsen!” sagte er.

„Sie hat hübsche Zähne.”

Sprachen Sie denn noch immer von Fia? Beim Satan, wie zäh war doch
Fräulein Olsen, wenn sie von etwas zu sprechen angefangen hatte. Er
antwortete damit, daß er sich an sie anlehnte, bedeutend näherrückte,
daß er den Arm um sie legte und sich's an ihrem warmen Rücken bequem
machte. Und natürlich redete er währenddessen: nun wolle er ihr sagen,
wer hübsche Zähne habe. Und jetzt wolle er ihr sagen, wer ein hübsches
stattliches Mädchen und ein Schmuck in ihrem reichen Hause sei. Er sei
ja jetzt in vornehmen Häusern gewesen, ja, geradezu an höheren Orten,
deshalb könne er vergleichen, und das wolle er hervorheben, eine so
herrliche Gestalt und so herrliche Formen im großen und ganzen genommen
-- wohingegen Fia, sehen Sie nur an sich selbst hinunter, Fräulein
Olsen, und dann sehen Sie Fia an, das ist, Gott helfe mir, wie wenn
man aus den Wolken wieder auf die Erde herunterkommt. Und im übrigen,
alles, was sie sagt und tut und wie sie aussieht -- lauter Kunst und
Finesse und Spitzen und Ziererei alles miteinander.

Fräulein Olsen mußte über die Spitzen lachen, und da wuchs dem
Rechtsanwalt der Mut noch mehr. „Wären es wenigstens Spitzen an
Beinkleidern gewesen!” sagte er.

Er fühlte, wie sich ihm ihr Rücken etwas entzog, als ob sie aufstehen
wollte, aber sein Arm hielt sie fest. Ja, das habe er gerade heraus
sagen müssen. Und hohoho, lachte er, man wolle sich doch nicht nur
mit Luft verheiraten. Er gehöre nicht zu denen, die die Freuden des
Lebens verachteten, im Gegenteil, er sei in dieser Beziehung ein Freund
von guten Narrenstreichen und Annehmlichkeiten, und wenn er es recht
verstehe, so sei Fräulein Olsen selbst genau so beschaffen und gerade
so angelegt, nicht wahr?

„Jetzt müssen Sie mich loslassen,” sagte sie, und wieder glitt ihr
Rücken von ihm weg.

Er mußte zum Ernst und dem Geschäftlichen zurückkehren; nun erklärte
er ihr, jetzt sei der Augenblick gekommen, die nächsten Wahlen
würden ihn wieder in die Nationalversammlung führen, und dann sei
es selbstverständlich, daß er in die Regierung komme. Es könne von
ihm sanguinisch aussehen, so zu denken und so zu sprechen, aber es
fehle ein Vertreter für die Seefahrt, und er habe ja als Obmann der
Matrosenkommission eine gründliche Kenntnis auf diesem Felde bekommen,
sagte er.

„Ei, dann werden Sie ja Staatsrat!” sagte sie.

„Nach menschlicher Berechnung, ja,” erwiderte er. Sie solle doch ja
nicht denken, das sei nur ein Hirngespinst von ihm. Außerdem daß er
schon in den Zeitungen als der kommende Mann bezeichnet worden sei,
habe er auch dies und jenes hinter den Kulissen gehört. „Und Fräulein
Olsen, jetzt frage ich Sie von ganzem Herzen, könnte es sich nun nicht
so schicken, daß Sie mein Schicksal mit mir teilten und die Frau eines
bekannten Politikers würden, die Frau eines Staatsrats?”

Keine Antwort.

Er redete weiter, aber er ließ doch so nebenbei durchblicken, daß
er auch ohne sie nicht ganz und gar verzweifeln müßte, er habe
verschiedene Bekanntschaften gemacht, jetzt aber sei Fräulein Olsen
sein einziger Gedanke. Er gehe davon aus, daß ihre Eltern, der Konsul
und seine Gattin, nichts dagegen einwenden würden, er wolle sie ja
nicht zu einer gewöhnlichen Frau machen. Wie nun ihre Antwort laute, ob
er hoffen dürfe?

Und endlich gab sie Antwort. „Ich kann nichts darüber sagen” lautete
diese.

„Sie meinen doch wohl jedenfalls, daß Sie es sich noch überlegen
wollen?”

„Ja, ja. Ich will es mir überlegen.”

„Wie lange?”

„Das weiß ich nicht. Wir wollen jetzt nicht weiter darüber reden.”

„Wollen wir nach den Wahlen darauf zurückkommen?”

„Wie lang ist das?”

„Vier bis fünf Wochen. Ich möchte Sie so gerne mitnehmen, wenn ich
wieder nach Christiania muß, ich sehne mich nach Ihnen und ich liebe
Sie. Wir wollen uns eine eigene Wohnung einrichten, Gäste bei uns
sehen, einflußreiche Leute, Politiker. Und ganz richtig, während ich
daran denke: wir wollen Ihrem Schwager zwei Bilder abkaufen, wenn
ich es gesagt habe, dann steht es fest, aber Sie müssen sie selbst
auswählen. Sollen wir also sagen, wir warten bis nach den Wahlen?”

„Ja, ja.”

Sie versprach nichts, keine Spur. Als er gegangen war, blieb sie noch
eine Weile sitzen und überlegte. Fräulein Olsen konnte sich nicht
beklagen, nichts war ihr zerstört worden, sie war durchaus noch nicht
verloren, ihr Los war sicherlich nicht das schlimmste. Soweit konnte
es kommen, daß sie einen Mann hatte, für den die Stadt einmal, wenn er
kam, beflaggen würde, wer hätte in dem Falle dann einen ähnlichen Mann
aufzuweisen?

Sie hört Schritte auf der Treppe und denkt: „Kommt er noch einmal?” O,
eine viel größere Überraschung als das sollte ihr werden: herein traten
ihr Vater und Konsul Johnsen, der Doppelkonsul selbst, der noch niemals
einen Fuß über ihre Schwelle gesetzt hatte, jetzt kam er und verkaufte
sein Landhaus an Grütze-Olsen.



29


Es stand ernster beim Doppelkonsul, als man dachte. Er hatte es gar
nicht zu vertuschen versucht, daß die _Fia_ unversichert untergegangen
war; in seiner ersten Bestürzung hatte er es im Gegenteil laut
ausgerufen. Jetzt meldeten sich die Folgen davon; er und sein
Geschäftsführer Berntsen hatten genug zu tun, um erschreckte Gläubiger
fernzuhalten. Sie berieten sich miteinander, sie handelten und
wandelten, der Konsul hatte sogar das Dampfschiff noch telegraphisch
versichert, als es schon untergegangen war; aber das hatte er auf
eigene Faust getan, und Berntsen hatte augenblicklich und ebenfalls auf
eigene Faust diesen tollen Einfall rückgängig gemacht. Berntsen war
eine Perle.

Aber die Perle Berntsen war doch auch ein Mensch. Mitten in der großen
Aufregung in der Stadt hielt er seinen Kopf klar und dachte menschlich
auch an sich selbst.

Seht, da stehen die Leute in kleinen Haufen vor den Häusern und
sprechen von der Katastrophe: jetzt sei der Doppelkonsul bankerott, er,
der noch niemals ohne Hilfsquellen gewesen war, er, der jederzeit Geld
genug für alles gehabt hatte, der Mittelpunkt in dem Wohl und Wehe der
ganzen Stadt, der nach rechts und links austeilte, der das große Haus
mit Veranda und Altan besaß -- nun sei er bankerott. Was wußten die
Leute davon? Alle wußten es. War nicht gestern ein Herr aus Christiania
gekommen, um sein Geld zu verlangen! War nicht heute ein anderer Herr
aus Hamburg angekommen, um sein Geld zu verlangen! Und würde nicht
ein dritter und vierter daherkommen, würde nicht jeden Tag einer
daherkommen! Die Leute verstanden gut, daß dies den Untergang bedeutete.

Das wirkte nach allen Seiten hin, es zerrte an allen Gliedern der
Stadt, der Doktor merkte es in seiner Praxis, die Werft stand still.
Henriksen auf der Werft verlor den Kopf und sagte: „Geht heim, Leute,
ich kann nicht mehr!”

Und nun, da die Stadt in Krämpfen lag, war es wohl Zeit, daß der Mensch
zum Nachdenken kam und sich bekehrte. Die Menschen waren vor mehreren
Jahren bei einem gewissen Postdiebstahl ernstlich gewarnt worden; aber
darum hatten sie sich ebensowenig gekümmert wie um ein Kalb mit zwei
Köpfen, die Menschen waren auch weiterhin geblieben, wie sie waren.

Aber jetzt? Sollte wirklich nicht einmal eine solche Erschütterung,
ein Erdbeben, wie der Bankerott des Doppelkonsuls, imstande sein,
die Menschen zu erwecken? Wie waren denn diese Leute beschaffen? In
der Tageszeitung des Orts stand jetzt ein Aufruf an das Volk, fromm
zu werden, und die Weiber am Brunnen verhandelten dieses Programm
eifrig; bald war es in jeder Stube in der Stadt bekannt geworden, aber
die Leute änderten sich offenbar nicht, es war von Tag zu Tag nicht
die Spur von Veränderung an ihnen wahrzunehmen, im Gegenteil, war
eine solche da, so schien sie eher zum Schlimmen zu sein. Allerdings
kam ja wahrhaftig mit demselben Küstendampfer, der den Herrn aus
Hamburg brachte, auch ein anderer Gast in die Stadt, eine alte Dame,
eine von früher bekannte Persönlichkeit, die Tanzlehrerin! Die Welt
war leider verrückt. Gerade jetzt, wo die Leute fromm sein und vor
lauter Gottesfurcht nicht wieder zu erkennen sein sollten, kam die
Tanzlehrerin wieder, um in einer Generation zu wirken. Und die Menschen
blieben, wie sie waren.

Aber was ist mit Berntsen? O ja, Berntsen schließt seinen Kramladen
wie sonst auch und geht mit seinem gewöhnlichen Schritt an dem einen
Haufen Leute, die vor den Häusern stehen, nach dem andern vorbei und
sieht auch nicht eine Spur niedergedrückt aus. So soll auch der Mann
auftreten, der Geschäftsführer bei einem bankerotten Chef ist, er soll
das beste seines Herrn im Auge haben und aussehen, als ob er ein gutes
Geschäft in Aussicht hätte. Daneben kann er dann auch menschlich an
sich selbst denken.

Der Geschäftsführer Berntsen geht an diesem Abend nicht geradeswegs
heim in sein Mansardenzimmer, o, weit entfernt, er geht ohne weiteres
nach dem großen Hause von C. A. Johnsen und bittet Fräulein Fia um eine
Unterredung. Er wußte wohl, daß der Konsul nicht da war, der Konsul
ging lieber anderswo hin, als nach Hause, wenn ihn etwas bedrückte.
Aus der Stube drangen fremde Stimmen, Alice Heiberg war da, Konstanze
von der Werft war da, auch Fräulein Olsen und sogar die Tochter des
Postmeisters, die im Modegeschäft angestellt war, sie alle waren wohl
gekommen, damit Fräulein Fia mit ihrem Kummer nicht ganz allein sein
sollte.

Nun, Fräulein Fia, die Komtesse, konnte eins ausgezeichnet gut zeigen:
wenn sie Kummer hatte, so hatte sie auch die Bildung, ihn zu tragen; im
Augenblick erzählt sie den Damen ein indisches Märchen, das sie gelesen
habe und das sie nun illustrieren wolle.

Sie ließ den Geschäftsführer Berntsen in das kleine Zimmer im
Erdgeschoß, das Kabinett genannt, führen und setzte sich zu ihm, um
sein Anliegen anzuhören. Seht, Berntsen hatte ja in den letzten Tagen
mehr als genug mit dem Konsul selbst geredet, und zu Frau Johnsen, die
sich in den Zeiten des Glücks nie um Berntsen gekümmert hatte, wollte
er nicht gehen. Da blieb niemand anders übrig als Fräulein Fia. Ja, so
war es wohl, was hätte es sonst sein können? Nun saß er da vor ihr und
stellte ihr gewiß nur die ganze Lage dar, die schwere Klemme, in der
sich das Geschäft befand, den Ruin; was hätte er ihr sonst vortragen
sollen? Übrigens dauerte es nicht lange, nicht viele Minuten, und als
Berntsen das Haus verließ und Fräulein Fia wieder zu den andern ins
Zimmer trat, war ihr Gesicht ebenso ruhig und unbewegt wie sonst. Die
jungen Damen sahen sie betrübt an. Berntsen war ohne Zweifel mit einer
neuen Unglücksbotschaft gekommen, mit was denn sonst? Aber Fia bewies
Seelenstärke.

Ja, jetzt bewies Fia in hohem Grade Seelenstärke. Es ärgerte sie wohl,
daß alle diese jungen Mädchen, die so weit unter ihr standen, sich ein
so aufdringliches Mitleid ihr gegenüber erlaubten, sie lächelte über
sie, ja, das tat sie.

Als die jungen Mädchen das sahen, lächelten sie auch und freuten sich.
„Gute Nachrichten?” fragten sie.

„Ja, was denkt ihr wohl? Er hat mir einen Antrag gemacht.”

Eine stumme Minute.

„Wer? Berntsen?”

Fia nickte überlegen lächelnd. „Ja, meines Vaters Ladendiener,” sagt
sie.

In der darauffolgenden Minute konnte sich keines der Anwesenden fassen.
Alice Heiberg wollte gern fein sein, obgleich sie nicht reich war, und
so sagte sie: „Die Diener werden frech in diesen Zeiten.”

Und Fia erwiderte darauf: „Ja, man muß sich viel bieten lassen.”

Aber so vielem Komtessewesen gegenüber konnte sich Fräulein Olsen nicht
enthalten, recht nachdenklich zu werden; auch in der Seelenstärke muß
man Maß halten. Da saß nun Fia Johnsen, ihr Vater hatte sein Landhaus
verkaufen müssen, es ging ihm schlecht, es war vielleicht von dem
Ladendiener gar nicht so unglaublich gehandelt, wenn er in diesem
Augenblick mit Herz und Hand einspringen wollte.

„Was hast du geantwortet?” fragte Fräulein Olsen.

Aber Fia sah sie nur mit hoch hinaufgezogenen Augenbrauen an und
schwieg.

„Ich weiß nicht, ob es so ganz unverschämt war, Fia. Berntsen ist nicht
so sehr viel älter als du, er bekommt wohl einmal sein eigenes Geschäft
und hat auch gar kein so häßliches Äußere.”

Fräulein Olsen stellte es verlockend hin, es war, wie wenn sie nichts
dagegen hätte, wenn Fia Johnsen eine weniger glänzende Partie machte.
Aber Fia konnte sie nur wieder ansehen, diese Grütze-Olsens, ja, sie
waren wirklich etwas für sich. Und gewiß, Fräulein Olsen war nicht
überfein und gewählt und gertenschlank, nein, sie konnte nicht Bilder
kopieren und war gewiß auch nicht ganz fest im Rechtschreiben, auch
hatte sie keine indischen Märchen gelesen; aber Fräulein Olsen hatte
ihre gesunden fünf Sinne, sie dachte wahrscheinlich, jetzt wäre es wohl
auch Zeit, daß Fia Johnsen sich verheiratete. Sie sagte: „Dir steckt
vielleicht ein anderer im Kopf, Fia; denn sonst sähe ich nicht ein,
warum der arme Berntsen zu weit gegangen sein soll.”

Da hatte sie es, und gerade ins Gesicht!

„Aber hör' einmal!” sagt Alice Heiberg zurechtweisend.

„Ich müßte wahrhaftig sehr in Not sein,” sagte Fia.

„Nun, dann sag' ich noch einmal: du mußt einen andern im Hintergrund
haben.”

Jetzt antwortete die Komtesse wahrhaftig ein bißchen ärgerlicher, als
sie zu sein pflegte: „Ich habe zehn andere, wenn ich will.”

Eine stumme Minute. Die vier jungen Damen dachten wahrscheinlich, das
sei ein kühner Ausspruch, und Fräulein Olsen sagte: „Ja, wenn es so
ist, dann --”

„Jawohl, es ist so,” versetzte Fia und nickte dazu. „Wenn ich aber
auch nicht einen einzigen anderen hätte, würde ich Berntsen doch nicht
nehmen. Wenn ich keinen einzigen andern hätte, würde ich doch keinen
von hier aus der Stadt nehmen.”

„So?” sagte Fräulein Olsen, und sie kniff ihre etwas üppigen Lippen
fest zusammen. Seht, sie hatte einen Sperling in der Hand, und der
war aus der Stadt hier, aber er konnte bei Gelegenheit gut genug
sein, oho, es war nicht ausgeschlossen, daß die Stadt einmal für ihn
flaggen würde. Aber Fräulein Olsen hatte wohl in diesem Augenblick ein
eifersüchtiges Gefühl, als ob ihr Vogel zuerst um Fia Johnsen gekreist
habe, ehe er zu ihr geflogen war -- ach, was mußte sie nicht alles
ertragen!

„Ich bin doch wirklich ein wenig in der Welt draußen gewesen und habe
da verschiedenes gesehen und gehört,” sagt Fia. „Meine Kunst ist's
hauptsächlich, für die ich mich interessiere, und Künstler sind mein
Umgang, nicht die Herren hier von der Stadt.”

Na, das war nun etwas zu stark für Alice Heiberg, sie hatte selbst
einen hier in der Stadt, Reinert, den Sohn des Küsters; der war
freilich noch sehr jung, aber was hatte er für schöne Locken und was
für ein flottes Auftreten! Was für ein Kurmacher! Sie hatte sich
wahrlich während der letzten Ferien in den frischen Studenten tüchtig
verschossen.

Fia wiegte nachdenklich den Kopf hin und her und murmelte: „Himmel, die
Künstler würden mich schön auslachen!”

Darauf versetzte Fräulein Olsen: „Meinst du, wenn du Berntsen nähmest?
Mein Schwager würde dich jedenfalls deshalb nicht auslachen.”

„So?” fragte Fia neugierig; jetzt wurde sie lebhaft. Fräulein Olsens
Schwager war nicht der erste beste, sondern ein Künstler, dessen Name
immer bekannter wurde, er war ein aufgehender Stern. Sie fragte, was
er denn gesagt haben könne? Was er gemeint habe, ob sie etwa nicht gut
male?

„Er sagte, du seiest viel zu wählerisch, und du könnest nicht lieben
und nicht über die Stränge schlagen, das sagte er. Ich weiß nicht, was
er damit meinte, aber es sei so deine Natur, sagte er, du werdest dich
gewiß nicht verheiraten.”

Fia überhörte das ungebildete Gerede und fragte nur: „Aber was sagte er
über meine Bilder?”

„Das weiß ich nicht mehr. Ich glaube, er sagte, es sei keine Glut
darin.”

„Was sei nicht darin?”

„Ach, ich weiß es nicht mehr so genau. Aber du seiest ein kalter
Mensch, und das meinten alle die andern Künstler auch, sagte er.”

Arme Fia, jetzt versinkt sie in Gedanken und schweigt eine gute Weile.
Dies zu hören war nicht gut für sie, sie wurde sehr zahm.

„Er hat meine letzten Kopien aus dem Louvre nicht gesehen,” sagte sie
dann, „die haben Glut, ich glaube, das kann ich mit Recht sagen. Er
hat übrigens auch die Illustrationen nicht gesehen, die ich für das
indische Märchen machen will. Ich glaube, die werden jedermann die
Augen öffnen, wer es auch immer sei.”

Als die Besuche gegangen waren, suchte Fia ihre Mutter auf, zum
erstenmal wirklich beunruhigt, beunruhigt bis in die Tiefe ihrer Seele.
Die Mutter war ja, müde von des Tages Last und Bürde, schon zu Bett
gegangen, und die Tochter würde sie sicherlich nicht aufmuntern, nein!
Warum ging nur Fia gerade jetzt zu ihr?

Sie trat natürlich nett und gebildet ein, fragte, ob sie nicht störe,
ob sie nicht lieber wieder gehen solle, es sei nur -- im Grunde
genommen sei es nichts.

„Was ist es denn, Fia?”

„Ach, du hast es selbst nicht leicht, es ist nichts, es ist besser, es
hat Zeit bis später einmal. Aber nicht wahr, Mama, ich bin doch eine
Künstlerin, und ich lasse mich von ein wenig Kritik nicht unterkriegen?”

„Was redest du da, Kind, du hast doch nur gute Kritiken bekommen.”

„Nicht wahr? Ja, ich werde es ihnen zeigen. Du sollst sehen, womit ich
morgen anfange, es wird das beste von allem, was ich seither gemacht
habe.”

„Ist Berntsen hier gewesen?”

„Ja, weißt du, was er wollte?”

„Ich glaube, ich kann es erraten.”

„Nein, das kannst du nicht. Er hat mir einen Antrag gemacht.”

Zu Fias großer Verwunderung richtete sich die Mutter nicht jählings
im Bett auf und verlangte, daß der Geschäftsführer Berntsen sofort
entlassen werde, nein, sie blieb ruhig liegen, und es hatte den
Anschein, als müsse sie sich irgend etwas reiflich überlegen.

„Du weißt doch, daß dein Vater die Villa verkauft hat?” sagte sie dann.

„Welche Villa?” Fia wußte nichts; das wäre ja unerhört, am liebsten
hätte sie sofort den ganzen Handel rückgängig gemacht. „Unsere Villa
verkauft!”

„Ja, an Grütze-Olsens.”

Nun sank Fia auf das Bett der Mutter nieder. Deshalb also waren die
vier jungen Mädchen an diesem Abend bei ihr gewesen. Diese Tochter
vom Grütze-Olsen hatte ein Gefolge mitgenommen, damit es Zeuge ihres
Triumphes sein sollte. Hätte Fia jetzt ihre Kunst nicht gehabt, dann
wäre sie bankrott gewesen, so aber war sie reich.

„Dein Vater und ich haben darüber gesprochen,” sagte die Mutter,
„Berntsen hat es uns geraten, wir stimmten ganz miteinander
überein, daß jedenfalls du etwas haben sollst, auf das du jederzeit
zurückgreifen kannst.”

„Ich?” sagte Fia. „Ich habe meine Kunst.”

Mutter und Tochter berieten sich darüber. O, Frau Konsul Johnsen war
offenbar nachdenklich geworden, vielleicht durchschaute sie auch das
Vorgehen des Geschäftsführers Berntsen, sie konnte im ganzen genommen
jetzt auch Leute in der Stadt, die unter ihr standen, besser verstehen.
Und nun Berntsen? Er hatte getan, was ihr eigener Mann, der Konsul,
einstmals getan hatte, und was so viele Männer taten. Wir leben im
Zeitalter der Menschen.

Mutter und Tochter besprachen die Sache wieder und wieder, aber Fia
dachte wahrscheinlich nur an ihre eigene Angelegenheit und hielt sich
nicht streng auf der Erde. Die Künstler meinten, sie sei eine kalte
Natur, war das der Dank für alle Hilfe, die sie ihnen hatte angedeihen
lassen? „Nicht wahr, Mama, ich hab' ihnen doch geholfen?”

„Jawohl. Aber das hat nun ein Ende. Grütze-Olsens, Konsul Olsens, sind
jetzt reicher als wir.”

„Aber sie haben keine Kultur,” wendete Fia tröstend ein.

„Nein, aber sie sind sehr reich. Bedenke, sie haben jetzt sogar
Spülnäpfe aus echtem Kristall!”

Mutter und Tochter lächelten und wurden im ganzen etwas frischer.
Selbst Frau Johnsen, die da mit ihrem gelben Gesicht und ihrem Kummer
und Unglück in ihrem Bette lag, sagte: „Ja, ja, nun müssen wir eben
warten, bis Scheldrup heimkommt, er weiß vielleicht einen Ausweg.”

„Gewiß, gewiß, Mama. Hab' keine Angst! Siehst du, die Künstler haben
gar nicht soviel auszusetzen gehabt. Sie meinten nur, ich hätte keine
innere Glut, das ist alles. Aber das werde ich ihnen schon beweisen,
verlaß dich darauf. O, sie sollen es sehen!”

Und sie sprach noch weiter über diesen Punkt.

Das gute Fräulein Fia! Sie war nun nicht mehr ganz jung. Ihre
Gesichtsfarbe, die einst wie Pfirsichblüten schimmerte, war nicht
mehr frisch, sie war überreif, die junge Dame hatte allmählich etwas
Verblühtes bekommen. Sie hatte alle ihre Jahre dahingelebt ohne
eigentlichen Erfolg, aber auch ohne Mißerfolg, nichts war imstande
gewesen, ihren Sinn zu ändern, sie war unzugänglich und entzückend
selbstbewußt. Daß sie nicht auf Abwege geraten war, kam nur daher, daß
sie sich überhaupt nicht auf unbekannte Wege einließ. Warum sollte sie
solche aufsuchen? Sie war ja so sittsam und beschränkt. Ihre Liebe und
ihr Mutterberuf fanden ihre Betätigung im Bildermalen, die ganze Zeit
über hatte es nicht an den Mitteln gefehlt, sich dieser Beschäftigung
hinzugeben; sie malte weder aus innerer noch äußerer Notwendigkeit,
aber sie malte. Niemand hatte jemals gesehen, daß sie über sich selbst
unglücklich gewesen wäre; sie machte keine Fehler, tat niemand etwas zu
leide, war nicht verschwenderisch, drückte sich im Gespräch mit andern
gut aus, verneigte sich hübsch. Eines Tages hätte sie gut den Himmel
über sich und die Erde unter sich fragen können: „Bin ich jemand? Bin
ich etwas?” O ja, das hätte sie gut fragen können.

Fräulein Fia -- vielleicht konnte sie das Gewicht ihrer eigenen Vorzüge
nicht ertragen, vielleicht waren sie eine Bürde auf ihrem Wege. Es ist
nicht gut, wenn der Mensch ganz ohne Drangsale und ganz ohne Reue über
sich selbst ist.

„Ich ein kalter Mensch?” sagte sie und stand vom Bett ihrer Mutter auf.
„Und dann soll ich nicht über die Stränge schlagen können?”

Mutter und Tochter waren nun beide in guter Laune und konnten scherzen.
Die Mutter setzte sich im Bett auf und lächelte bisweilen, beide hatten
dasselbe Temperament und waren gleich herzlich gern bereit, trübe
Erinnerungen der Vergessenheit anheimzugeben.

Fia mimte jetzt ausgelassene Laune; hoho, sie stieß nach hinten ein
wenig mit dem Fuß aus, wie wenn sie so recht unternehmend aufgelegt
wäre, o, gar nicht so wenig, und sie stieß auch mit dem Ellbogen
akkurat, wie wenn sie jemand neben sich, in den sie verliebt wäre,
ein wenig in die Seite stieße. Es war gar nicht schlecht nachgemacht.
Sie hob ihre Röcke mit den Fingern auf, so daß ihre weißen Höschen
gut sichtbar wurden; sie waren fein und tadellos, voller Spitzen
und Schleifen, geradezu paradiesisch, nun kamen sie ans Tageslicht,
und Fia teilte mit dem linken Bein einen ordentlichen Fußtritt aus.
Dabei sah sie wirklich äußerst hoffnungsvoll aus, als ob sie mit der
Zeit die Künstler recht wohl mit Ausschweifungen überraschen könnte.
„Hoho!” sagte sie wieder. Jawohl, denn in Wirklichkeit sei sie ja ein
desperates und ein liederliches Frauenzimmer, nicht wahr, die würden es
schon sehen! Als sie einen dritten Fußtritt ausgeteilt hatte -- war das
nun nicht sehr, sehr viel? Hatte sie noch nicht genug getan? Es fehlte
ja nur noch, daß sie leise wieherte.

O, das Ganze war sicherlich höchst anständig und unschuldig, aber es
war eine betrübliche Vorstellung, und dieses Hin- und Herschwenken der
alten Jungfer hätte ein Ofenrohr zum Lachen bringen können.

„Und wo ist Berntsen?” fragte sie plötzlich. „Ist er fortgegangen? Was
meinst du, Mama, warum auch nicht, ich bin jetzt zu allem aufgelegt.
Er steht vielleicht noch drunten vor dem Hause, soll ich ihn wieder
heraufholen?” --

Dieses Opfer wurde indes nicht von Fia verlangt, sie hätte sich dieses
großmütige Anerbieten sparen können, das Schicksal richtete es so ein,
daß sie ihr bisheriges Leben fortsetzen konnte, ihr sittsames, mit viel
Schönem geschmücktes Leben, genau wie vorher, warum hätte sie es da
ändern sollen?

In der Stadt traf nämlich ein Mann ein, der brachte alle
Geschäftsangelegenheiten in Ordnung, rettete die Firma, setzte die
Familienglieder wieder auf ihren rechten Platz, stillte die Krämpfe der
Stadt. --

Scheldrup Johnsen kam heim.

Brachte er alle Geschäftsangelegenheiten in Ordnung? Einige brachte
er in Unordnung. Ach, das konnte nicht vermieden werden. Die Menschen
puffen sich gegenseitig aus dem Wege und schreiten übereinander weg,
einige fallen zu Boden und dienen andern als Brücke, einige gehen
unter, das sind die, die die wenigsten Püffe aushalten können, und
sie gehen unter. Aber die andern blühen und gedeihen. So ist die
Unsterblichkeit des Lebens beschaffen. Seht, all dies wußten die Weiber
am Brunnen!

Als Scheldrup Johnsen von Neu-Orleans dahergereist kam, schien er nicht
sehr weitherzig und sanftmütig aufgelegt zu sein. Dem Geschäftsführer
Berntsen gab er zwar kein böses Wort, aber der Vater mußte ihm Rede
stehen.

Der Konsul begriff nicht, warum er dafür büßen sollte, hatte man je so
etwas gehört, sollte er obendrein noch Vorwürfe bekommen? Er hatte ja
Berntsen ausdrücklich gebeten, die Versicherung nicht zu vergessen.

„Aber woran hattest du denn selbst zu denken?” versetzte Scheldrup.

Es verlohnte sich wahrlich nicht, sich mit einem so dummen Sohn auf
Erörterungen einzulassen, mit einem so eigensinnigen, modernen Sohne,
er kam aus einer andern Welt. Sterling, sagte er; Dollars, sagte er. Er
durchstöberte die Bücher des Vaters, als ob es sich nur darum handelte,
Fehler darin zu finden, er war nichts als Geschäft. Hatte der Konsul
etwa nicht viel, woran er denken mußte, ragte er nicht in der Stadt
empor wie ein Turm und war neben vielem andern noch Konsul von zwei
Ländern, mußte er nicht seine Berichte zu rechter Zeit einreichen?

Aber jegliche Verteidigung war vergeblich, der Konsul wurde bei
dem Zusammenstoß mit dem Sohne kleiner und immer kleiner, er ließ
durchblicken, daß er das Geschäft verkaufen wolle. Er habe Fias Zukunft
schon gesichert und die Villa verkauft, ihm selbst und seiner Frau
könne es gehen, wie es wolle, er würde wohl einige Agenturen bekommen,
eine Versicherungsagentur --

Da spielte ein breites Lächeln um Scheldrups Mund, und das sah der
Vater. Er fühlte sich in seiner Würde gekränkt und wiederholte, er
werde das Geschäft verkaufen, um alles zu bezahlen und ein ehrenhafter
Mann zu sein.

Scheldrup erwiderte: „Wir bezahlen nicht.”

„Doch,” sagte der Vater und ging noch weiter in der Selbstaufgabe. „Und
ich gebe auch meine Konsulate auf, das steht fest.”

„Keine Spur!” versetzte Scheldrup bestimmt. „Wir haben nicht so sehr
viele wertvolle Aktiva,” sagte er. Im übrigen habe er jetzt die Bücher
durchgegangen, sie seien da und dort etwas oberflächlich geführt,
und das sei ein Fehler; Zahlen seien nichts Ungefähres, Zahlen seien
etwas Ernstes, etwas Strenges. „Treibe keinen Scherz mit Zahlen! Aber
die Lage ist nicht einmal so schlecht, Vater; das wär' noch schöner,
wenn wir den Kopf verlieren würden. Laß die herumreisenden Herren aus
Christiania und Hamburg und Göteborg und Havre nur künftig zu mir
kommen!” sagte er.

„Was sagst du da?”

„Aber unter einer Bedingung: daß du dich ausruhst, Vater.”

Endlich brachen sich nun also seine kindlichen Gefühle Bahn; der Vater
brauchte Ruhe, das verstand er. Und der Vater hatte durchaus nichts
dagegen, sich auszuruhen, er hatte allzuvielem vorstehen müssen, sein
Haar war gelichtet, seine Augen ohne Glanz, seine Tage ohne Frieden,
die Nächte ohne Freude. „Aber ich kann doch nicht die ganze Zeit über
gar nichts tun,” sagte er.

Doch Scheldrup verkündigte: „Ich will die Führung haben, du sollst
ausruhen.”

Gleich zu Anfang ging Scheldrup mit den Menschen und den Dingen
recht rücksichtslos um; er kündigte Oliver Andersen im Lagerhaus,
er zog die jährliche Unterstützung und den jährlichen Anzug für den
Philologen Frank, Olivers Sohn, ein, er verabschiedete den alten
ererbten Holzhacker, der um Ehre und silberne Löffelprämien schon in
Frau Johnsens Kinderheimat gedient hatte, und er hob auch eine gewisse
Verbindung mit Henriksens auf der Werft auf.

Wieder standen die Leute in Haufen vor den Häusern und teilten sich
gegenseitig ihre Ansichten über diesen Zustand mit: darüber konnte kein
Zweifel herrschen, der Konsul war gestürzt, und Scheldrup hatte die
Leitung des ganzen Geschäfts übernommen, das sah man an den Wirkungen
ringsum, jawohl, an guten und bösen Wirkungen, und alle wurden am
Brunnen erörtert.

O, wie die Plappermühlen liefen! Frau Konsul Johnsen hatte sich jetzt
einen ganz kleinen Hut angeschafft. Früher trug sie immer einen großen
Hut mit einem weißen Rand, der auf und ab wogte, wenn sie ging, fast
wie wenn er Scharniere hätte. Aber jetzt hatte sie einen Hut, der
einigermaßen dem ähnlich war, den die kleine Frau Konsul Davidsen trug
und der nicht viel kostete. Da hatte wohl Scheldrup eingegriffen, wo
griff der nicht ein? Die geheimnisvolle Sache auf der Werft brachte er
auch in Ordnung. Seht, es war da wohl eine kleine Übereinkunft, die
die verstorbene Frau Henriksen und der Konsul seinerzeit, vor sehr
langer Zeit miteinander getroffen hatten, damals, als Frau Henriksen
noch frisch und lebendig auf der Erde wandelte und nur ganz wenig
über dreißig Jahre alt war. Ja, so war es wohl. Aber jetzt stand die
Werft still. Dies war das schlimmste von allen Vorkommnissen, die
Werft stand still, Kaspar und alle die andern Arbeiter da draußen
waren nun arbeitslos und hatten nichts anderes zu tun, als ihre Frauen
voreinander zu hüten.

Scheldrup griff ein. Als die von den Gläubigern geschickten fremden
Abgesandten kamen, wurden sie in sein Kontor gewiesen, wo er ganz
allein saß; die Herren von Göteborg und Havre blieben nicht lange bei
ihm, er brachte die Sache mit ihnen in Ordnung, komplimentierte sie
zur Tür hinaus und setzte sich wieder. Was hatte er gesagt, um sie
zufrieden zu stellen? O, nicht, was er sagte, sondern was er tat,
machte den Herren einen unvergeßlichen Eindruck: er schrieb ihnen
Wechsel für ihre Forderungen. Bitte -- ein Wunder nach dem andern! Das
Dampfschiff Fia war im Geschäft wohl mit zweihunderttausend Kronen
gebucht; wo nahm nun der Herr Scheldrup diese Million her, um den
Verlust des Schiffes auszugleichen? Er mußte da draußen in der großen
Welt ganz verteufelte Verbindungen haben!

Und Scheldrup griff weiter ein. Es kam an den Tag, daß der gute
Scheldrup gar nicht nur allein Geschäft war -- wieso denn? Sein Herz
konnte wahrhaftig mit ihm durchgehen! Eines Tages wanderte er um die
Mittagszeit zu Grütze-Olsens, um seinen Antrittsbesuch zu machen,
und dann ging er von dort weg -- als Bräutigam. Hatte er da nicht
eingegriffen? Es geschah so selbstverständlich, weder Scheldrup
noch Fräulein Olsen sahen nach rechts oder links, sondern machten
die Sache auf der Stelle ab. Die Dame bat nicht einmal darum, nobel
behandelt zu werden, das Ganze war der Schlußstein einer Kinderliebe,
beide erreichten, was sie wollten, beiden war es Bedürfnis. Es war
gerade in den Tagen, wo Rechtsanwalt Fredriksen seine arbeitsvollen
Wahlversammlungen hielt, da hatte er keine Gelegenheit, sich auf andern
Schlachtfeldern einzufinden, um eine endgültige Auseinandersetzung zu
verhindern, nun mochte es gehen, wie es wollte! Jawohl, gewählt wurde
er ja -- an der einen Stelle. Aber er wurde an einer andern verworfen.
Wohl noch niemals hatte sich Rechtsanwalt Fredriksens so verrechnet:
die wichtigste Wahl schlug fehl. Eine politische Niederlage hätte
er ertragen können -- bis zum nächsten Mal; aber Fräulein Olsens
Entscheidung war ein Verlust für sein ganzes Leben. Nachher half
alles nichts mehr, nicht nach ihrem Arme greifen, nicht mit einer
Donnerstimme reden! Was hätte da noch helfen können?

Eine Zeitlang war er sehr schweigsam, wohl eine Woche lang. O,
Rechtsanwalt Fredriksen war keineswegs verloren, seine Lebensfähigkeit
war außerordentlich groß, er wollte vorwärts; aus dem Wege da! Er
strebte nicht nach der großen Gewalt, er strebte nach der Hoheit und
der Ehre eines Politikers im Landtag, er strebte nach Vermögen, nach
Kleinstadtreichtum, dazu war er geschaffen. Und sollte er solche
bescheidene Ziele nicht erreichen? Er ist ja schon viel, ist der
Wortführer seiner Stadt, ist Landtagsabgeordneter, der Vorsitzende
einer endlosen Kommission, in einiger Zeit ist er Justizminister!
Was für ein Lebenslauf! Wer hätte so groß von ihm gedacht noch vor
einigen Jahren, wo er abgeschabt und arbeitslos war, wo er sich keine
Zigarren halten konnte, ja, wo er sich schließlich sogar beim Barbier
Holte auf Kredit rasieren lassen mußte. „Ich hab' vergessen, Kleingeld
mitzunehmen, schreiben Sie's auf -- bis zum nächsten Mal!”

Fräulein Olsen hat ihm einen niederträchtigen Streich gespielt, aber
er kann ihn überwinden. Rechtsanwalt Fredriksen wird so etwas immer
überwinden, er wird sich noch an weiteren Kommissionen beteiligen, er
wird eine reiche Frau bekommen, er wird von jetzt an den Barbier Holte
jedesmal gleich bezahlen. Als Justizminister wird er in seinem Bureau
das tun, was getan werden muß, mehr wird nicht erwartet. Einer seiner
früheren Gefährten von den Bänken des Landtags wird ihn dies und jenes
fragen, auf die eine oder andere administrative Aufgabe hinweisen,
jawohl, der Justizminister verspricht, seine Aufmerksamkeit auf diese
Sache zu richten, und der Abgeordnete dankt ihm dafür.

O, der Justizminister ist ein tüchtiger Mann, er wird seine
Aufmerksamkeit immer auf etwas gerichtet haben, das fehlt nicht, er ist
ein Mann, der vorwärts treibt, ist ein Führer, auf seinem Bureau werden
große und kleine Geschäfte erledigt. Wer etwa fürchtet, Staatsrat
Fredriksen werde etwas Ungewöhnliches tun, der kennt ihn nicht, er
wird genau das tun, was notwendig ist, dazu ist er geschaffen. Er ist
eines der Räder in der Maschine des Staates geworden, wenn die andern
Räder sich im Kreise drehen, dreht er sich mit. Er ist auf schwache
Auswechslung eingesetzt, er soll sich nicht schnell im Kreise drehen,
er soll nur nicht stehen bleiben.

Er wird vermißt werden, wenn er stirbt.



30


Wieder ist Oliver in einer tüchtigen Patsche: seine Stellung im
Lagerhause ist ihm aufgekündigt worden. Er geht zwar noch hin und
versieht seinen Tagesdienst, aber wenn die Frist abgelaufen ist, sitzt
er auf dem Trockenen. Das war doch zum Exempel das letzte, was man
geglaubt hätte! Oliver ist tief geknickt.

Er geht zu Abel und redet mit ihm. Zu wem sonst sollte er auch gehen?
Der Philologe Frank war ein gewaltiger Sprachkundiger, ein Lehrer der
Menschen, aber die große Unterstützung, auf die der Vater wartete,
hatte er noch nicht nach Hause geschickt, dagegen hieß es, er sei mit
Konstanze Henriksen von der Werft fest verlobt. Ja, was half das Oliver!

Abel herrschte jetzt in der Schmiede, die ihm Meister Carlsen gegen
einen angemessenen Mietzins überlassen hatte. Er hatte den herrlichen
Dampfhammer, der mit Paraffin getrieben wurde, angeschafft, der schlug
großartig und war so gut wie ein Schmiedknecht. Abel hatte viel zu tun
und verdiente reichlich. Abel war kein Genußmensch, der all sein Geld
durch die Gurgel jagte, er gebrauchte sein Geld zu allen möglichen
Einrichtungsgegenständen, schaffte Bettwäsche und eine Kommode an, ging
auch zum Goldschmied Evensen und kaufte zwölf Gramm Gold. _Was_ kaufte
er? Gold. Und dennoch hatte Abel zuweilen ein Zweikronenstück für
seinen Vater übrig.

Seht, Oliver machte ja nicht den geringsten Unterschied zwischen
seinen Kindern: wenn er in der Patsche saß, ging er also nicht zu
dem abwesenden Frank, sondern zu Abel, den er jeden Morgen in seiner
Schmiede finden konnte. Und heute handelt es sich um mehr, als nur um
ein Zweikronenstück. Oliver setzt auseinander, Scheldrup Johnsen habe
einem Krüppel aufgekündigt, es handle sich um seinen Lebensunterhalt,
was er denn tun solle?

„Ja,” sagte Abel und überlegte, „ich weiß keinen andern Ausweg, als daß
ich heirate.”

Das war eine verfluchte Sache, und der Vater mußte unverkennbar ein
wenig nach Luft schnappen. „Was meinst du?” fragte er.

„Ich hab' jetzt alles fertig und will nicht länger auf sie warten,”
ließ Abel verlauten. „Ich will die Sache abgemacht haben.”

Oliver wußte nicht, wo sein Sohn in diesem Augenblick hinauswollte,
aber er verstand sich anzupassen; sofort ließ er seine eigene Sache
fahren und hörte mit Teilnahme der seines Sohnes zu. „Wozu solltest du
auch noch länger auf sie warten,” sagte er.

„So, meinst du?”

„Ob ich das meine! Was ist _sie_ denn und was bist _du_! Sie ist so
viel, als ob du eine Feder oder auch nur ein Flaumflöckchen auf der
Gasse fändest und nicht mehr.”

„Willst du den Ring sehen?” fragte Abel. Er holte ihn aus einer
Schublade in der Bank am Fenster herbei. Es war ein sehr schöner Ring,
dick und glänzend, schwer in der Hand, Gold. „Eben bin ich damit fertig
geworden,” sagte er.

Oliver blieb stumm und ungläubig, aber er zuckte mit keiner Wimper.
Schließlich fragte er: „Was hat Evensen für den Ring verlangt?”

„Evensen? Ich hab' den Ring selbst gemacht.” Und Abel zeigte die Form
vor, in der er ihn gegossen, zeigte die Feilspäne, die er abgefeilt
hatte, und die Feilen, die golden geworden waren. „Hier siehst du auch
das Schmirgelpapier, mit dem ich ihn geputzt hab',” sagte er, „und hier
sind die verschiedenen Feilen, grobe und feine, zuletzt hab' ich noch
mit sämisch Leder nachgerieben.”

Das Ganze war wohl die reine Wahrheit, Oliver schüttelte den Kopf
und sagte: „Gott bewahre mich, Abel, das ist ja nett, wie du alles
fertigbringst, was du angreifst.”

Und Abel war stolz auf das Lob des Vaters, sagte aber: „Jetzt kommt es
darauf an, ob sie ihn haben will.”

„Haben will!” rief Oliver. „Wenn das Menschenkind ihn nicht haben will,
dann schick' sie nur zu mir! Schick' sie mir nur! Einen Ring wie
diesen nicht haben wollen! Fühl doch nur, er ist doppelt so schwer als
der, den ich deiner Mutter im Ausland gekauft hab'. Mach doch keine
schlechten Witze!”

Von des Vaters Lebensunterhalt war keine Rede mehr, aber der Besuch in
der Schmiede hatte den armen Kerl doch aufgemuntert. Dazu gehörte nicht
viel, schon allein, daß Abel der bevorstehenden Not gegenüber nicht den
Mut verlor, war ihm ein Trost und eine Stütze. Abel den Mut verlieren?
Nein.

Er zieht das Taschentuch heraus, dessen Zipfel dem Vater aus der
Brusttasche hervorschaut, Abel will es geschwind benützen, es ist ihm
ein Rußkörnchen ins Auge geflogen. Und als Oliver das Taschentuch
zurückbekommt, fühlt er, daß es um ein Zweikronenstück schwerer
geworden ist.

Dann geht er, Oliver geht. Merkwürdig, wie aufgekratzt er jetzt ist,
der Besuch in der Schmiede hat ihm gut getan, er hat wieder Geld in der
Tasche, morgen ist Sonntag, es gibt gewiß ein Wetter zum Hinausrudern
-- ach, die Sache mit der Zukunft wird sich schon machen! Als er um
Mittag nach Hause geht, bringt er den Kindern etwas Gutes mit, und
nachmittags rudert er hinaus.

Es wird Nacht, und er kommt nicht nach Hause, der nächste Tag
erscheint, aber kein Oliver läßt sich sehen; daran ist man schon
gewöhnt, er läßt das Boot treiben, er fischt, was er zum Essen braucht,
legt an, kocht, ißt und schläft. O, es gibt nichts, gar nichts, was
diesem wundervollen Müßiggang und dieser Trägheit gleichkäme!

Das erste Morgengrauen über dem Meer und den Inseln hat eine wunderbare
Stimmung, wie die Einsamkeit der Ewigkeit möchte man sagen; weit
drinnen im Festland stehen einige kahle Telegraphenstangen, das
Glockenläuten aus einem naheliegenden Dorfe dringt zu ihm heraus, das
stimmt ihn weich, macht ihn still und ruhig. Das Morgengrauen verführt
nicht zu irgendwelchen Unsitten, zu Flüchen und Gotteslästerungen,
nein, nein, die Erde zum Exempel ist ein schöner Ort, und nachdem er
gegessen hat, was gestern abend von den Fischen übriggeblieben ist,
fühlt er sich satt und zufrieden und sagt: „Gott sei Lob und Dank für
das gute Essen!” Das ist mehr, als heutzutage die meisten Menschen tun.

Nicht jedes Morgengrauen ist dem andern gleich, es gibt auch
Sonntagmorgen mit Andacht und Kirchenglocken, in der Luft saust und
braust es, das Meer liegt zu seinen Füßen, das ist seine Heimat, seine
Wiege, die Dünungen kommen auf ihn zu, wogen auf und ab, werden zu
Schaum und zu Nichts in der Ferne. Alles ist wunderschön. Denkt doch
nur, einmal in seiner Jugend nahm er ein Los, als eine Tischdecke
verlost wurde, und gewann sie. Später hat er auf dem Meer ein
vollgetakeltes Schiff geborgen. Das alles hat Oliver Andersen getan.

Er hat wieder geschlafen, es ist herrlich, so zu essen und zu schlafen.
Die Sonne steht noch am Himmel, jetzt ist gerade die richtige Zeit
und Stunde, jetzt will er endlich einmal ernst machen und zu dem
Vogelberg hinausrudern; dieser liegt weit draußen, wo die Dampfschiffe
in die Bucht hereinfahren. Heute soll es geschehen, gewiß sind auf
den schmalen Abstufungen des Berges Eiderdaunen zu finden. „Ach Gott,
ja!” seufzt Oliver und rudert los. Seine Frömmigkeit ist vielleicht
ein wenig berechnend, wie die menschliche Frömmigkeit überhaupt, er
kann jedenfalls seine Interessen nicht hintansetzen. Er weiß, daß das
Küstenschiff in der Stadt gewesen und wieder abgefahren ist, es kann
ihm also niemand begegnen, er ist allein auf seiner Fahrt, ohne Zeugen.
Was könnten ihm übrigens Zeugen schaden? Oliver ist beim Fischfang,
dazu ist er berechtigt.

Ach, jetzt wie immer in den letzten zwanzig Jahren ist etwas
Nichtungesetzliches in Olivers Leben, etwas auf der Grenze, zuweilen
auch ein wenig darüber hinaus.

Heute stiehlt er seine Eiderdaunen nicht mit derselben Vorsicht
und Tüchtigkeit wie sonst, er kann eben nicht an der teueren Ware
vorbeifahren, ohne sie mitzunehmen, sondern er grapst, er füllt seinen
Sack mit allem, was er erwischt, ungereinigt. Es geschieht etwas
anderes, das ihn stärker in Anspruch nimmt. Oliver hat den Sinn fürs
Abenteuerliche noch nicht verloren, und das Abenteuer bleibt ihm treu.
Zu welchem Zweck ist er jetzt herausgefahren?

Hier liegen keine Vögel im Nest, hier sind keine Eier, die Jungen sind
flügge, Oliver hat die beste Gelegenheit, hineinzulangen. Er untersucht
das unterste Nest, gräbt tief hinein und findet Papier; also Papier,
Briefe, was kann das sein? Post, Umschläge mit Briefmarken darauf, das
ist doch sonderbar! Er schiebt die Daunenlage zur Seite und sammelt
die Briefe zusammen, es sind Geldbriefe, aufgerissene Umschläge mit
Siegeln darauf, eingeschriebene Briefe, die nicht einmal geöffnet sind,
er liest einige der Anschriften und kennt die Eigentümer, Leute aus der
Stadt und den umliegenden Orten; er kommt auf den Gedanken, einen der
eingeschriebenen Briefe zu öffnen und findet Geld darin, er macht noch
mehrere auf und findet Geldscheine --

Das Abenteuer.

Oliver braucht den ganzen Nachmittag dazu, den Vogelberg ordentlich
abzusuchen, er ist habsüchtig geworden, er untersucht ein Nest ums
andere, das ihm erreichbar ist, findet in dem einen und dem andern, was
er sucht, und türmt alles auf einen Haufen, er wird reicher und immer
reicher. In der Dämmerung rudert er mit seiner Beute vom Vogelberg weg,
rudert wie mit Dampf, niemand begegnet ihm, er hat keine Zeugen. Wieder
legt er an der Insel an, auf der er die letzte Nacht zugebracht hat.

Von heute an bis zu seinem Tode wird sein Herz beben bei der Erinnerung
an dieses Erlebnis. Zu Anfang irrte er sich und nahm an, die Briefe
stammten von einem Schiffbruch her. Dann erinnerte er sich daran,
daß in der Zeitung zuweilen etwas gestanden hatte von ungetreuen
Postbeamten, die das Geld aus den Wertbriefen stehlen und die Briefe
ins Meer werfen sollten. O, aber Olivers Kopf hatte Übung darin,
sich zweideutige Sachen zurechtzulegen, er merkte bald den wahren
Zusammenhang: dies war der Rest einer gewissen geraubten Wertpost.
Weder er noch andere hatten das große Ereignis vergessen, die
Postmeistersfamilie hatte alle Ursache, sich daran zu erinnern, Oliver
selbst wußte noch etwas von einem Päckchen Geldscheine aus jener Zeit.
Aber wer nun auch damals der Dieb gewesen sein mochte, ob Adolf mit der
Schiffskiste, der sich Xander nannte, oder der zweite Steuermann, der
Sohn des Postmeisters, oder wer sonst, als ein großer Esel stellte er
sich jetzt heraus, als ein Pfuscher, ein trauriger Lehrbub. Hier hatte
er eine günstige Gelegenheit ohnegleichen und nützte sie wie ein Tor,
stand in der Finsternis an Bord, plünderte nur die dicksten Briefe und
warf den Rest ins Meer! Er betrug sich wie ein Verschwender mit einer
reichen Beute, er betrug sich wie einer, dem nichts heilig ist. Oliver
konnte sich über sein Betragen förmlich ärgern. Da waren die stummen
Tiere, die Eidervögel eher wie verständige, erfahrene Menschen, die
bewahrten einen Schatz. O, die Eidervögel sind klug, sie stopfen sich
ihr Nest aus mit allem, was sie finden, auch mit Wertbriefen --

Oliver empfindet keinen Hunger, keinen Schlaf, er bleibt nur bocksteif
sitzen, bis der Tag graut, dann ordnet er seine Post vom Meere, eine
von Gott und dem Himmel gesandte Post sehr sorgfältig, nimmt die
Scheine heraus und steckt sie in seine Innentasche, sammelt die Briefe
zusammen und verbrennt sie; dann verstreut er die Asche und verwischt
jede Spur. Ihm selbst ist mit seinem Fischfang gut gedient, jawohl,
aber manche Menschen können auch recht froh sein, daß die Briefe
verbrannt sind.

Dann rudert er nach Hause, rudert wie mit Dampf. Es ist Montagmorgen.
Oliver ist schlaff nach der großen Spannung und redet daheim nicht
viel, aber er ist ungewöhnlich freundlich und zufrieden mit dem, was er
zu essen bekommt, er hat ja Geld in der Tasche und kann der Mahlzeit
nachher mit Süßigkeiten nachhelfen. Dann begibt er sich ins Lagerhaus.

Im Lauf des Tages schleicht er sich von Zeit zu Zeit hinter Säcke und
Fässer und zählt seine Scheine, glättet sie und streicht die Eselsohren
aus. Der eine und andere Kunde kommt, sie grüßen ihn teilnehmend, weil
ihm aufgekündigt worden ist, sie beklagen ihn, aber Oliver erwidert:
„Gott wird für mich wohl auch einen Rat wissen.”

In seinem Innern bläht er sich auf. Jetzt steht er wieder in seinem
Lagerhaus mit Geld in der Innentasche und wird mehr und mehr ein Mann;
er hat zwar sehr vertragene Kleider, aber sein Charakter weitet sich,
sein Wesen wird fester, er macht eine innere Erhebung durch. Oliver
ist nun auf der Höhe, steht auf der Zinne, nur sich selbst sichtbar,
das geht in Hochmut über, es schwillt ihm, offen gesagt, der Kamm.
Nicht als ob er ins Hotel gehen wollte, als reicher Engländer auftreten
und Pferde und Wagen zu Ausflügen in die Umgegend verlangen -- keine
Übertreibung. Als er zu Mittag nach Hause ging, kam ihn die Grille an,
in ein paar Läden zu treten und alte Schulden zu bezahlen, aber mit
einem letzten Funken von Verstand entschloß er sich beizeiten wieder
anders. Herrgott, sein Reichtum war doch nicht so überwältigend! Er
konnte sich keine Leibrente dafür kaufen, nein, aber er war doch
ungefähr groß genug, daß der arme Tropf Mut bekam und aufzumucken
wagte; er stieß die Krücke auf den Boden und sagte zu sich selbst: „Ich
lass' mich nicht aus dem Lagerhaus hinauswerfen, ich geh' zum Konsul.”

Nun kaufte er zuerst einmal verschiedene Leckereien und nahm sie
mit nach Hause, o, bisher unbekannte Herrlichkeiten in Dosen und
Silberpapier; von diesem Augenblick an waren kandierte Früchte der
Familie Oliver nicht mehr nur etwas Märchenhaftes, ein Hirngespinst.
Die Folge war auch, daß er die Seinen, die nicht in der Welt draußen
gewesen waren, in Erstaunen setzte, ja, Petra spottete über ihn und
sagte, er müsse auf seinem letzten Fischfang einen Schatz gefunden
haben. Oliver tat noch größere Wunder: diesmal war er nicht so
vorsichtig wie in seiner ersten Zeit des Reichtums, er kaufte
verschiedene Kleidungsstücke für alle im Hause, schaffte auch sich
selbst einen vollständigen Anzug an und außerdem noch einen Schlips
mit silbernen Tupfen. Es war zwar vielleicht ein Damenschlips, aber an
einem andern Hals als an seinem eigenen konnte er sich diesen Schlips
nicht denken. Später am Tage ging er zum Goldschmied Evensen, der auch
Gesangbücher, Brillen und Musikinstrumente feil hatte, und da kaufte
er ein glänzendes Messinghorn, als einen Schmuck für die Wand. Und er
sagte zu Petra: „Daß du mir das Horn glänzend hältst!”

So hatte er also ordentlich groß getan und tüchtig eingekauft, jetzt
kam wieder der Konsul an die Reihe. Oliver tat zum voraus groß damit,
daß er zu ihm gehen werde: er habe ein Wörtchen mit dem Manne zu reden,
dem großen Herrn, er solle ihn kennen lernen, er wolle ihm sagen, wer
er sei. --

Indessen aber schob er Tag und Stunde immer wieder hinaus, er
schien sich etwas zu überlegen und nicht mit sich einig zu werden.
Mittlerweile bekam er dann auch einen Brief, der war von dem
Rechtsanwalt, dem Staatsrat Fredriksen; dieser schrieb, er sei nun
Staatsrat geworden und wolle alle seine Verhältnisse in der Heimat ins
reine bringen. Oliver müsse darum jetzt die verfallene Schuld bezahlen
oder das Haus verlassen, in dem er wohne.

Nun überlegte Oliver nicht länger, er wartete nur noch ab, bis das
Lagerhaus geschlossen wurde, dann ging er zum Doktor.

Im Doktorzimmer herrschte dieselbe Ärmlichkeit und
Unwissenschaftlichkeit wie früher, kein Skelett, kein Mikroskop war
da, aber ein halbfertiges Bild von dem Doktor selbst hing an der Wand.
Vor einigen Jahren war er einem Malerjüngling Modell gesessen, einem
Windbeutel, der ein Bildnis des „Arztes” hatte malen wollen, das war
eine Zerstreuung in dem armseligen Leben des Doktors gewesen, und er
hatte es wahrhaftig auch als eine Art von Ehre empfunden. Aber eines
Tages hatte sich der Maler eingebildet, er könne die Arbeit nur so
unterbrechen und in ein Nachbarhaus gehen, um das Dannebrogkreuz auf
einen Rock zu malen; doch davon wollte der Doktor nichts wissen,
nein, das ging nicht, danke, man war kein Narr, man war nicht der
erste beste. Der Doktor sagte: „Nehmen Sie Ihr Bild und gehen Sie
damit!” -- „Verbrennen Sie es!” sagte der Maler. -- „Sie können Ihren
Kitsch selbst verbrennen,” erwiderte der Doktor. „Ich bin nicht Ihre
Scheuerfrau.” -- Darüber war nun der Malerjüngling hitzig geworden
und hatte gesagt: „Das ist kein Kitsch, das Bild ist ähnlich, es ist
halbfertig, es ist ein ganz genaues Bild von Ihnen.” Zuerst stand das
Bild in einem Winkel auf dem Kopf, aber später änderte der Doktor wohl
seine Ansicht darüber, so jämmerlich war er nicht, daß er die Spitze
in den Worten des Malers nicht gemerkt hätte; es konnte etwas dran
sein, sie konnten ein Körnchen Wahrheit enthalten. Er gehörte einer
Generation an, die außer an der Wissenschaft an allem zweifelte. Er
bekannte sich zu der Gesetzmäßigkeit der Natur, auch zu der Lehre von
den braunen Augen, aber seine Generation war nicht feige, sie sah der
Leere und Trostlosigkeit des Lebens in die Augen, ohne zu zucken.
Der Doktor hielt sich entschieden selbst für gelehrt, für einen
Übermenschen in einer Kleinstadt, einen Ankläger und Richter, aber er
konnte in guten Augenblicken doch auch größere Wesen der Gegenwart,
als er selbst war, gelten lassen: einen Engländer, einen Franzosen,
einige Deutsche, einen Holländer, o, der Doktor war durchaus nicht
dumm, er konnte soweit immerhin zugeben, daß er noch etwas unfertig
sei, und so konnte er auch ein halbfertiges Bild von sich an die Wand
hängen. Das war eine Tat, die an Größe grenzte.

Was Oliver bei ihm wolle?

Untersucht werden.

Was er denn untersucht haben wolle?

Die Hüfte und da herum. Der Schaden, den er erlitten habe, solle
festgestellt werden, und er wolle ein Zeugnis darüber haben.

Warum denn? Nein, der Doktor wollte nicht. Oliver hätte damals wollen
sollen, als der Doktor wollte, nun sei es Unsinn. „Geh' nur wieder
heim!”

Oliver war sehr verwundert. Was bedeutete denn das, konnte der Doktor
jetzt seine Hüfte entbehren? Er erklärte, er und seine Familie seien in
eine arge Klemme geraten, und ein schriftliches Zeugnis von dem Doktor
könnte ihnen von Nutzen sein.

„Nein, geh' nur wieder nach Hause!”

Oliver fährt mit der Hand in seine Innentasche und sagt, daß er das
Zeugnis bezahlen wolle, er wird der flotte Seemann und sagt, er wolle
gerne hundert Kronen dafür geben.

„Hast du hundert Kronen?” fragt der Doktor.

„Jawohl, die hab' ich!”

Aber bei seiner letzten Frage wird der Doktor über seine eigenen
Worte ein wenig rot. Woran dachte er? Erinnerte er sich an ein
gewisses Versprechen, das er seiner Frau gegeben hatte wegen eines
Brillantrings, ein Jugendgelübde, das immer noch nicht eingelöst war?
Diese leichte Röte legte sich gar fein über sein Gesicht und verschönte
es. Während er die Brille aufsetzt, fragt er: „Also eine Trantonne ist
dir damals in die Arme geflogen und hat dir das Bein zerschmettert?”

Oliver ist seiner alten Schwindeleien wegen ein wenig in der Klemme:
„Es war eigentlich keine Trantonne, sondern ein Luvbaum, auf den ich
rittlings fiel und zerquetscht wurde. Nachher bin ich operiert worden.”

„Zieh dich aus!”

Oliver zieht sich aus, der Doktor betastet ihn, kneift ihn und sagt:
„Was willst du eigentlich von mir wissen? Daß du nicht Vater bist? Das
weißt du doch selbst.” Und er kann es nicht lassen, etwas überlegen und
unfehlbar zu tun. „Das ist mir übrigens niemals verborgen gewesen,”
fügt er hinzu.

Oliver nimmt die Gelegenheit wahr und bittet den Herrn Doktor, ihm das
schriftlich zu geben.

„Warum denn?” Nein, der Doktor wollte wieder nicht. „Wie viele Kinder
hat deine Frau?”

„Wir haben fünf Kinder -- sie hat fünf.”

„Mein Zeugnis würde jetzt zu spät kommen, die braunen Augen sind jetzt
in der Stadt verglommen. Zieh dich wieder an!”

„Ich will es nicht der braunen Augen wegen haben, keineswegs. Wir haben
zwei Kinder mit blauen Augen.”

Der Doktor, die alte kleinstädtische Klatschbase, spitzte die
Ohren, aber er wollte nicht der sein, der fragte, im Gegenteil, er
sagte mit allen Anzeichen des Unwillens: „Verschone mich mit deinen
Familienverhältnissen!” Wahrscheinlich konnte ihm Oliver auch hierin
keine Neuigkeiten mitteilen, der Doktor hatte sicher vorher schon
das eine und andere sagen hören und konnte es sich leisten, jetzt
gleichgültig zu tun. Er schrieb eine Erklärung und las sie vor, Oliver
nickte zum Zeichen des Einverständnisses und griff in seine Innentasche.

Der Doktor hielt ihm die Hand fest: „Du wirst es hoffentlich nicht
wagen, mir eine Bezahlung für diese Arbeit anzubieten!”

„Nicht?” fragte Oliver verwirrt.

„Nein.”

Dann ging Oliver.

Er ging zu Scheldrup Johnsen und bat sich für einige Tage frei.
-- „Meinethalben gerne!” erwiderte Scheldrup Johnsen und ließ
durchblicken, wie überflüssig Oliver im großen ganzen für das
Lagerhaus sei. Oliver ging heim. Seiner Familie verkündete er, er habe
im Sinn, eine Reise zu machen, und als die Familie vor Staunen die
Hände zusammenschlug, blähte er sich auf und deutete an, welch eine
unbedeutende Sache für ihn, der gewohnt sei, durch die ganze Welt zu
fahren, eine Reise sei. „Ich will nur eine Spritztour nach Christiania
machen zu einem gewissen Staatsrat,” sagte er. „Ich hab' hier ein
Papier in der Tasche, das ich ihm gerne zeigen möchte.” O, welch dunkle
Reden Oliver hielt, und wie er sich aufspielte! Er ging zu Abel und
sagte: „Wenn du irgend etwas aus Christiania haben möchtest, Maschinen
oder andere Dinge, so darfst du's nur sagen.” -- „Nun ja,” erwiderte
Abel, „wenn du mir einen eisernen Zollstab kaufen könntest. Hier ist
keiner zu bekommen, und ich bin in der Schmiede aufgeschmissen.” -- „Du
sollst deinen Zollstab haben,” sagte Oliver mit Würde. „Von der besten
Sorte,” sagte er. „Soviel kann ein Vater wohl für dich tun.”

Und Oliver reiste ab.

Einige Tage darauf kam er wieder zurück und war in strahlender Laune.
Jawohl, denn er hatte bei seinem Plagegeist das erreicht, was er hatte
erreichen wollen.

Er hatte sich auch nach seinem Sohne Frank umgesehen, das war
selbstverständlich, Oliver machte keinen Unterschied zwischen seinen
Kindern, er sah sich auch nach Frank um, aber das war vergebens
gewesen, Frank war Lehrer irgendwo an einer großen Schule. Übrigens
war er auf der Universität fertig, er konnte dort nichts mehr lernen.
Außerdem konnte Oliver auch von Staatsrat Fredriksen Grüße bestellen;
ei, ein prächtiger Mann, gesprächig und liebenswürdig wie immer; jetzt
hatte er eine Quittung für das auf dem Hause stehende Geld geschrieben.
Die Familie ist außer sich vor Freude. Oliver trägt einen neuen
Strohhut schief auf dem Kopf: „Hat mich nur wenige Worte gekostet!” Die
Familie ist voller Neugier, voller Fragen; Oliver bleibt stumm.

Oliver war ja auch früher schon in der einen und der andern Patsche
gewesen; dabei hatte er eine eigene Art, vorzugehen, mit einem
merkwürdig heimtückischen Blick, den er ganz langsam vom Boden aus
aufschlug und mit einigen Worten begleitete, in denen für den andern
eine geheime Gefahr lauerte. Es war da eine Verderbtheit in ihm,
eine perverse Gemeinheit, der der Gegner weichen mußte. Er war auch
diesmal seinem Gläubiger gegenüber weder grob geworden, noch hatte er
das Messer gezückt. Was hatte er gesagt? Nicht viel. Abends im Bett
befriedigte er die nicht mehr zu bändigende Neugier seiner Frau und
gab seine Unterredung mit dem Staatsrat zum besten! O, dieses Ehepaar,
dieser Oliver mit seiner Frau, die scheuten sich beide nicht, die Dinge
beim Namen zu nennen, und zuweilen lobte ihn Petra einer guten Antwort
wegen und sagte: „Ja, du bringst es fertig!” Dann blähte Oliver sich
auf.

Was hatte er denn gesagt? Er hatte erklärt, er fände es nur in der
Ordnung, wenn ihm der Herr Staatsrat in aller Stille die Schuld
erließe, wenn ihm der Herr Staatsrat das Haus einfach schenkte, ihm und
Petra und den Kindern --

„Den Kindern? Die sind doch erwachsen?” versetzte der Staatsrat.

„Nicht alle. Nicht die beiden mit den blauen Augen. Das eine davon ist
noch recht klein.”

„So?”

„Sehr klein. Fast gar nichts zum Exempel. Und der Herr Staatsrat habe
jetzt beim König und bei der Regierung soviel zu denken, da sollten der
Herr Staatsrat mir eine Quittung für das Haus schreiben.”

„Quittung? Nein.”

Oliver legt ein Zeugnis vom Doktor vor, daß er ein maroder Mann sei.
Der Staatsrat liest das Zeugnis, gibt es wieder zurück und kann nicht
einsehen, was ihn das angehe. „Nein,” sagt auch Oliver. Der Herr
Staatsrat habe an so vielerlei zu denken, deshalb sollte er das Haus
in seiner Heimatstadt gänzlich aus seiner Erinnerung streichen und für
alle Ewigkeit eine Quittung dafür schreiben.

„Nein. Warum denn?”

Oliver sieht ihn vom Boden herauf an und antwortet:

„Sonst bekämen der Herr Staatsrat noch mehr zu denken!”

So hatten sie miteinander geredet.

Dämmerte es dem Herrn Staatsrat Fredriksen, daß sein guter Name
in Gefahr war? Kurz und gut, er sah ein, daß er nicht wohl wegen
eines Hauses mit einem Krüppel und maroden Menschen in einem
Geschäftsverhältnis stehen könne, was würde sein alter Wahlkreis, was
würde seine Heimat dazu sagen? Und er schrieb die Quittung.

Eine Zeitlang sonnte sich nun Oliver in seinem Triumph und verbarg das
Wohlbehagen nicht, das er dabei fühlte. Noch hatte er Geld, obgleich er
auf seiner großen Reise viel davon verbraucht hatte, auch zu Kleidern
für die Familie, für den Zollstab, eine Klarinette, für Süßigkeiten,
alles miteinander, aber noch hatte er Geld, und sein Wesen war das
eines Mannes, dessen Ehre wieder hergestellt ist. Nur eines hatte
sich nicht geändert: seine Stellung im Lagerhaus war ihm noch immer
gekündigt, und er mußte nun schon in allernächster Zeit dort weg.
Hierin lag sein Unglück; nach kurzer Zeit würde das ein Ende mit ihm
machen und ihm den Nacken beugen.

Eines Tages nahm sich Oliver eine recht freche und faule Arbeit vor: er
ging mit seinem ärztlichen Zeugnis zum Konsul. Ja, zum Konsul selbst.
Es war ja beim Staatsrat Fredriksen so glatt abgelaufen. Oliver mußte
den Versuch wiederholen, es war allerdings das letzte, zu dem er sich
selbst überreden konnte, aber wenn kein anderer Ausweg mehr da war
-- -- Er hatte früher von sich selbst niemals so niedrig gedacht,
er hätte den Konsul Johnsen mit Zudringlichkeiten solcher Art gerne
verschont, hätte die lustigen braunen Augen davor schützen mögen, daß
sie sich verschleiern müßten. Aber was sollte er tun? In kurzer Zeit
war er brotlos, soviel Anteil konnte der Konsul noch an dem Wohl und
Weh der Familie Oliver bezeugen, daß er auch ferner eine Stelle in
seinem Lagerhaus für den Krüppel hatte. Alles. Er könnte dem Konsul als
Schürze dienen, o, in seiner Ergebenheit für seinen flotten Chef war
nichts verändert, er konnte ihm sein Recht abtreten, konnte sein Hund
sein, konnte der Wächter seines Harems sein --

Oliver ging zum Konsul.

Das führte zu nichts. Nein, der Konsul und Doppelkonsul Johnsen war
nicht mehr derselbe von früher, er ruhte aus, war abgelöst, der Sohn
hatte ihm die Macht genommen, der alte Turm war gestürzt. Auch schon
äußerlich war es dem Konsul anzumerken, daß er nichts mehr war, grau
und fahl sah er aus und sein Rock geradezu nicht recht ausgebürstet.
Hätte man es nicht besser gewußt, so hätte man glauben können, er
allein von allen andern habe den Aufforderungen im Tageblatt Folge
geleistet und sei fromm geworden. Natürlich war er dennoch Konsul für
zwei Länder und schrieb seine Berichte an seine Regierungen, er hatte
noch immer seine runde Leibesfülle -- aber was sonst? Jetzt hieß es
nur Scheldrup und Scheldrup, auf dem Wege zum Sohne ging man am Vater
vorüber, ohne auch nur sein Anliegen zu nennen; ja, der Konsul hatte in
der letzten Zeit sogar hören müssen, daß ihn die Leute wieder „Johnsen
am Landungsplatz” nannten, schlecht und recht Johnsen am Landungsplatz.
So waren die Menschen. „Wo ist die Mannschaft von der _Fia_ geblieben?”
fragten sie. Allerdings waren es Burschen, die persönlich wohl zehn
Jahre fortgewesen waren, aber ihre Familien hatten jedenfalls die
Heuer bis zu diesem Tag beim Reeder für sie abgehoben; jetzt aber
waren sie ganz verschwunden, auf den Grund des Meeres versunken. Und
wer trug schließlich die Schuld daran? O, Johnsen am Landungsplatz! Im
Anfang versuchte es der Konsul, sich zu verteidigen, Erklärungen zu
geben, aber hatte es überhaupt einen Nutzen, gegen solchen Unverstand
anzukämpfen? Sie ließen ihn nicht einmal aussprechen, sie redeten
drein, knurrten. Die Zeiten waren vorbei, wo man sich allein schon
durch eine dicke goldene Kette auf der Weste als Herr aufspielen konnte.

Oliver hatte in Christiania Glück gehabt, hier am Ort ließ es ihn
im Stich. Der Konsul hörte ihn an; er tat Oliver fast leid, als er
sah, wie aufmerksam der Konsul zuhörte und wahrhaftig immer hilfloser
dreinschaute. Oliver kam nicht einmal dazu, das ärztliche Zeugnis
vorzuweisen. „Ich habe mich ja seither gegen dich und die Deinen nicht
schlecht erwiesen,” sagte der Konsul. „Jetzt kann ich nichts mehr für
dich tun, ich habe nichts mehr zu sagen, laß uns auf bessere Zeiten
hoffen.”

O, für einen treuen Diener war es wirklich betrüblich, das mit
anzuhören! Dann verfiel Oliver auf den Ausweg, zu dem Halunken selbst
zu gehen, zu diesem Scheldrup, und ihm eine aufrichtige Faust zu
zeigen. Ob das helfen würde? Ohne Zweifel. Man war nicht umsonst Oliver
Andersen. Aber jetzt war die herrliche Innentasche allmählich recht
mager geworden, und in demselben Maße hatten auch Mut und Seelenstärke
abgenommen. Oliver ließ einen Tag um den andern vergehen, ohne etwas
Entscheidendes zu unternehmen, und eines Abends sagte dann Scheldrup zu
ihm: nun solle er den Schlüssel des Lagerhauses Berntsen abliefern.

Oliver sollte also am nächsten Morgen nicht mehr kommen, er war
verabschiedet.

Das war nicht mehr, als er erwartet hatte, aber trotzdem fiel es
jählings und lähmend über ihn herein, nun hatte er nicht einmal soviel
Energie gehabt, beizeiten für etwas billigen Kaffee und Grütze zu
sorgen, die Familie konnte also von jetzt an Hungerpfoten saugen.

Es vergeht einige Zeit, ein böser Monat, Oliver ist schlechter Laune
und wird ungesellig, er spricht nur das Allernotwendigste daheim
und treibt sich draußen zwischen den Häusern umher, jedenfalls wenn
er einen ordentlichen Anzug an hat. Im Schoße der Familie ist kein
Behagen mehr, die Kinder werden blaß, das Messinghorn hängt ungeputzt
an der Wand, auch die Großmutter kann es nicht lassen, zu stöhnen
und zu seufzen, sie hat nicht eine einzige Kaffeebohne mehr. Da
schreit Oliver plötzlich: „Ja, von jetzt an kannst du Kaffee von der
Unterstützungskasse bekommen!” -- „Ach, ich bin jetzt so alt, wollte
Gott, daß ich im Grabe läge!” erwidert die Großmutter.

Eines Morgens steht es besonders schlimm bei der Familie, und es gibt
nicht einmal eine Tasse warmen Getränkes zum Frühstück. Petra kommt vom
Brunnen zurück und ist vielleicht durch die andern Frauen ein wenig
aufgekratzt, aber Oliver ist schweigsam. Er meinte wohl, jetzt müßte
die Vorsehung eingreifen, aber die Vorsehung schien nur mit den Lilien
auf dem Felde und mit allen den ungezählten Haupthaaren beschäftigt
zu sein. Petra sagt, und es klingt, wie wenn es ihr von jemand
Außenstehendem eingegeben würde: „Ich möchte wohl wissen, wie es wäre,
wenn ich zu dem Scheldrup ginge und mit ihm redete?”

Darauf gibt Oliver keine Antwort. Seine Wangen sind magerer geworden,
noch nie hat er einen so schlappen und unheimlich leblosen Ausdruck
gehabt, er kümmert sich um nichts. Er geht aus, und als er um die
Mittagszeit von draußen wieder hereinkommt, wirft er sich selbst mit
samt der Krücke auf einen Stuhl und fragt höhnisch: „Bist du es nicht
gewesen, die zum Scheldrup gehen wollte?”

Die arme Petra trifft dies ganz unvorbereitet, und sie antwortet nur:
„Doch --”

„Aber du bist nicht gegangen?”

Sie gewinnt ihre Seelenruhe wieder und macht Einwendungen: Heute? Sie
könne doch nicht stehenden Fußes hingehen, sie müsse sich erst etwas
Wäsche waschen, sie sei unordentlich angezogen.

Als sie dann aber am nächsten Tag ordentlich angezogen und hergerichtet
bereit war, da war sie auch wieder ein verflixt prächtiges
Frauenzimmer, Oliver hätte nur ihren Mund sehen sollen, wie er gewölbt
war und wie es um ihre Lippen spielte wie eine wahre Galoppade, Oliver
hätte sie küssen können, aber er war leblos. Was hatte sie nun davon,
daß sie hübsch war?

Ihr Besuch bei Scheldrup Johnsen führte zu nichts, sie kam zu einem
Stein, einem Holzklotz, Scheldrup wies sie ab, er habe keine Verwendung
für Oliver, er sei nicht in der Lage, ihn noch länger zu füttern --
nun, reden wir nicht mehr darüber! O, Scheldrup hatte wohl eine gewisse
ernste Backpfeife, die Petra ihm in seiner Jugend versetzt hatte, nicht
vergessen; jetzt war er ein Bräutigam und ein kleinlicher Geselle, er
glich seinem Vater, dem Konsul, ganz und gar nicht, der oftmals recht
freigebig sein konnte.

Da blieb denn nichts anderes übrig; Oliver steigerte sich so weit in
Wut hinein, daß er selbst zu Scheldrup ging. Ein verhängnisvoller
Schritt, der für ihn bittere Widerwärtigkeiten im Gefolge haben sollte.
Seine alte Art des Vorgehens, nämlich mit dunkeln, drohenden Worten und
einem schielenden Blick von unten herauf, nützte ihm hier gar nichts,
Scheldrup war ein moderner, entschiedener Mann mit gehärteten Gefühlen.
Meinte man, dieser Herr fürchte sich vor einem Skandal, so täuschte man
sich, das könnte höchstens sein, wenn er noch etwas dabei verdiente; in
diesem Falle konnte er ganz ruhig sein, er hatte Fräulein Olsen, was
auch geschehen mochte.

Oliver mußte den Kürzeren ziehen, er benahm sich verkehrt und verlor
das Gleichgewicht, er schrie. „Still!” wehrte Scheldrup scharf ab.
Oliver schleuderte sein wertvolles ärztliches Zeugnis auf den Tisch;
nun ja, auch Scheldrup Johnsen nahm das Papier und las es, darauf
fragte er: „Was soll das bedeuten?”

„Ich bin nicht Vater,” sagte Oliver.

Scheldrup fragte lachend: „Ja, was zum Henker geht das mich an?”

Dieser Handelsmann hatte kein Verständnis für das unerhörte
Schicksal, dem er hier gegenüber stand, er hatte wohl auch nur einen
oberflächlichen Eindruck von der Gemeinheit und der Schmach, die in den
Worten des Krüppels zum Ausdruck kam; er lächelte noch immer. Oliver
aber sank wie gewöhnlich zusammen und erbleichte; er sagte alles, was
er nicht hätte sagen sollen, nannte seine fünf Kinder, wiederholte sich
und redete von braunen Augen, o hübsche Augen, die braunen --

„Mach, daß du fortkommst!” sagte Scheldrup.

„Braune Augen --”

„Na, und was ist damit?”

Oliver hatte alle Haltung verloren, aber bei dieser harten
Verständnislosigkeit flammte seine Anzüglichkeit noch einmal hell auf.
„Ja, lachen Sie nur! Wer hat denn braune Augen hier in der Stadt --?”

„Ich!” unterbrach ihn Scheldrup, und dann lachte er nur noch mehr.

„Nein, nicht Sie, daß wissen Sie wohl. Was Sie haben, das ist einerlei.
Aber was manche andere haben --”

„So, nun hör' einmal,” sagte Scheldrup, indem er aufstand, „es nützt
dem Doktor auch diesmal nichts, nimm nur sein Papier wieder an dich und
und geh! Jetzt ist es Ernst.”



31


Es vergingen nicht viele Tage, da verbreitete sich das Gerücht in der
Stadt, daß Oliver nicht bloß ein Bein habe, sondern daß er auch noch
auf ganz besondere Weise marode sei, daß er ein ärztliches Zeugnis
habe, demnach seine Kinder nicht seine eigenen seien. Was blieb dann
noch von ihm übrig? Das Gerücht erreichte auch Olivers eigene Ohren,
und zwar durch den Schreiner Mattis.

Das auch noch, diese Schmach zu allem andern hin auch noch! Wie war das
so still bewahrte Geheimnis enthüllt worden? Kann irgendein Geheimnis
bewahrt werden? Durch die Wände sickert es heraus, die Pflastersteine
reden davon, alles Stumme bekommt eine laute Stimme, ein junger
Handelsmann wirft es vielleicht als einen guten Witz den Menschen
lachend hin.

Der Schreiner Mattis grämt sich augenblicklich darüber, daß er einen
unschuldigen Mann betreffs Maren Salts Kind im Verdacht gehabt hat, er
ist sehr aufrichtig und sehr ungeschickt, er will sein Unrecht wieder
gut machen und paßt deshalb Oliver auf der Straße ab, begrüßt ihn und
streckt ihm die Hand hin. Es ist ein unglaubliches Zusammentreffen, das
die beiden Männer einander gegenüberstellte.

„Ja,” sagt Mattis, „ich hab' dich nur einmal begrüßen wollen. Und
daß du es entschuldigen sollst, wie ich gegen dich gewesen bin!” Er
spricht so vorsichtig wie möglich und bringt es auch wirklich so weit,
sich Oliver gegenüber, der keinen Unrat merkt, eine Weile vollkommen
unverständlich zu machen. O, dieser Schreiner Mattis, da steht er, ein
sonderbarer Kauz, ein komischer Prachtmensch, er sieht davon ab, daß
Oliver ihm unrecht getan hat, ihn um zwei Türen betrogen, ihn um einen
goldenen Ring, ja gewissermaßen um Petra selbst geprellt hat, er ist
nur darauf versessen, sich zu entschuldigen, er habe keine Ruhe mehr
gehabt, seit er gehört habe, wie Oliver sei --

„Wie ich sei?”

„Ja, daß du so marode und so operiert bist.”

Oliver starrt ihn an, und schließlich sagt er: „So, das weißt du?”

Oho, warum sollte Mattis es nicht wissen! Die Stadt redete davon, Maren
Salt hatte es gestern vom Brunnen mit heimgebracht, und es wurde, mit
Einzelheiten und Zusätzen ausgeschmückt, weiter verbreitet; es war
nicht so besonders traurig, es war auch etwas komisch, ja urkomisch.
Und dann die Petra, die ihre Kinder selber machte, das brachten nicht
alle Frauenzimmer fertig, hihi!

Mattis geht nicht gerade scharf auf dieses ein, aber er bezeugt Mitleid
mit dem Verstümmelten und läßt einige Worte darüber fallen, wie schwer
das Leben ihn doch mitgenommen habe, ja, das sei sehr traurig. Oder ob
am Ende alles rump und stump erlogen sei?

Oliver stand vor ihm mit gesenktem Kopf, er war im Augenblick ganz
verwirrt und wußte wohl nicht recht, ob er seinen Fall leugnen oder
eingestehen solle. Er gab nach, ließ alle Keckheit fallen und sagte:
„Nein, es ist nicht gelogen.”

Bei dieser Antwort schien sich der Schreiner plötzlich erleichtert
zu fühlen, ja, wie wenn vor ihm plötzlich ein Hindernis aus dem Wege
geräumt worden wäre, was es nun auch immer sein mochte. Dachte er in
diesem Augenblick an eine Sache, die ihn nur ganz allein anging? Dann
sagte er zu Oliver: „Ja ja, du Armer, wenn du so unglücklich gewesen
bist! Aber nun will ich dir etwas sagen: keiner von uns weiß, wie es
ihm selbst noch gehen kann, wir stehen alle in der Hand des Schicksals.
Denk' dir, bei uns hat das Kind eines Tages die Zündhölzer erwischt
und damit die Hobelspäne in der Werkstatt angezündet! Es hätte selbst
verbrennen können.”

Mattis schwatzt, er tröstet Oliver, sagt „du Armer” zu ihm und tut, was
er kann. Und um von dem einen aufs andere zu kommen, fährt er fort, so
solle er jetzt für Abel eine Bettlade machen. Dieser sei heute morgen
bei ihm gewesen und habe sie bestellt; in vierzehn Tagen müsse er sie
haben.

„Ach so,” sagt Oliver, „für Abel?”

Ja, für Abel. Er wolle sich verändern. Es sei höchst merkwürdig, wie
schnell die Jugend jetzt heranwachse und ehe man sich's versehe,
selbständig werde. Was man dazu sagen solle? Aber abgesehen davon,
so seien die Menschen in höheren Jahren ebensogut in der Hand des
Schicksals. So sprach Mattis, ja, er drosch die ganze Zeit leeres Stroh.

Als Oliver nichts erwidert, sagt Mattis gerade heraus: „Ich will mich
jetzt auch verändern, mit Respekt zu vermelden.”

Oliver hat das Talent, seine eigenen Angelegenheiten loszulassen und
auf die der andern zu hören, deshalb fragt er überrascht: „Du?”

„Ja, du magst wohl fragen! Aber jetzt ist es sicher,” der Schreiner
nickt bekräftigend. „Maren will den Jungen nicht hergeben, und ich
Esel hab' mich nun ein wenig an ihn gewöhnt; aber wenn ein Kind die
Hobelspäne in der Werkstatt anzündet, dann verbrennt es, das wissen wir
alle. Und da krabbelt er die ganze Zeit um mich herum, und am Sonntag
nimmt er mich bei der Hand und sagt: „Ausgehen, ausgehen!” Er ist ein
merkwürdiger kleiner Kerl. Es ist jedoch nicht so, daß ich ihn nicht
entbehren könnte, aber Maren will ihn auch nicht hergeben.”

Wieder eine lange Litanei, schließlich fragt Oliver: „Dann nimmst du
also die Maren?”

„Was soll ich tun?” versetzt der Schreiner. „Ja, es ist die Maren.”

Aber wie merkwürdig, als der Schreiner Mattis schließlich weitergeht,
scheint es ihm gar nicht mehr so schrecklich vorzukommen, daß er die
Maren zu heiraten gedenkt, es ist im Gegenteil, als eile es ihm,
heimzukommen. Es ist ihm vielleicht eine Last abgenommen worden, ein
Druck von seiner Seele, Gott weiß es. Hatte es vielleicht dem Schreiner
über das Schlimmste hinweggeholfen, daß Oliver jedenfalls mit Maren und
ihrem Jungen nichts zu tun hatte? Wer nun auch der Vater sein mochte,
Oliver war es jedenfalls nicht.

Und dort wandert auch der Krüppel heimwärts. Natürlich gibt es niemand,
der sich nicht von ihm zurückgezogen hätte, der sich nicht vor ihm
versteckt hätte, er ist ja so verstümmelt, so merkwürdig zugerichtet,
er ist den Menschen widerlich. Kann er erwarten, irgend jemand werde
ihn gutwillig ansehen? Sein wabbeliges Fett ist furchtbar, sein Wesen
abstoßend, seine Sprünge auf der Straße unerträglich. Selbst als Tier,
als Vierfüßler ist er unvollkommen, und er ist nicht nur ein Krüppel,
er ist ein ausgehöhlter Krüppel, ist leer. Einmal war er ein Mensch.

Da hinkt er daher. Sogar der Schreiner Mattis ist von ihm fortgegangen.

Da er den Weg am Doktor vorbei nimmt, hat er vielleicht diesen im
Verdacht, sein Geheimnis verraten zu haben, und will Rechenschaft von
ihm fordern. Kann Oliver noch von jemand Rechenschaft heischen? Das ist
vorbei. Er sieht den Doktor am Fenster seines Sprechzimmers stehen und
macht, daß er weiterkommt; vielleicht ist ihm auch klar geworden, daß
er auf falscher Fährte ist. Er geht vorbei, die ganze Straße hinunter,
der Doktor steht an seinem Fenster und folgt ihm mit den Augen. Oliver
ist eine Erscheinung, ein Problem, der Doktor macht sich seine Gedanken
über ihn und schätzt ihn auf seine eigene Weise ein. Dieser Hinkebein
hat etwas durchgemacht, ein Wirbelsturm hat ihn erfaßt, der Blitz
hat ihn getroffen, er ist vernichtet. Der Volkswitz hat ihn einmal
die Qualle genannt, ein Spitzname, den seine eigene lustige Frau
aufgebracht haben soll. Der Doktor fand diesen Spitznamen dumm. Die
Qualle ist nicht vernichtet. Die Qualle, das ist wie eine Entleerung,
ist Schleim, jawohl, sie ist ohne Umriß, ohne Haltung, jawohl. Aber
es ist als Schleim ein farbenreiches Wunder, ein abenteuerliches
Spiegelei. Was ist Oliver? Er hüpft auf dem Boden herum, er ist ein
Kuriosum, ein Rebus. Was seinen Gliedern fehlt, kann jeder sehen,
dort hinkt er dahin, er ist nicht einmal körperlich anwesend, nur ein
Teil von ihm hinkt dort die Straße hinab; was ihm sonst noch fehlt,
hat jetzt des Doktors Magd am Brunnen erfahren. Eines Tages wurde er
von dem gemeinsamen Lebensinhalt der Menschen losgelöst, es geschah
in Bausch und Bogen, mit einem Messerschnitt, von diesem Tag an hat
er außerhalb der Menschheit gestanden, er verlor seine Wirklichkeit,
er wurde eine Vorspiegelung falscher Tatsachen. Sind das zu starke
Worte? Wieso -- ist er nicht vernichtet? Bitte, untersucht ihn noch
einmal, es ist eine ungewöhnliche Fehlerlosigkeit in seiner Leerheit,
diese ist besonders vollkommen, das Unglück hat sie potenziert, hat den
früheren Matrosen zu etwas gemacht, was nichts ist. Er ging unter, sein
Untergang ist ein Meisterwerk, er ist unerhört gut bewerkstelligt und
mit Absicht ausgeführt.

Wartet ein wenig! Da er lebt, ist er doch nicht ganz ausgelöscht, er
ist ein Rest, der sich mit einem Stelzfuß und einer Krücke ausspreizt;
man kann mit ihm eine Ruine bilden, einen hebräischen Buchstaben. Warum
hat ihn der Tod verschont? Fragt die menschliche Vorsehung! Was war
ihre Absicht dabei? Sollte dieser Mann nur ein mißglückter Versuch
sein, ein Entwurf zur Vernichtung? Er ist ein Rest, dieser Rest hat
Reste, kommt und holet sie, ein Bein ist ihm noch geblieben, er kann
sprechen --

Einmal war er ein Mensch.

Es ist ihm noch soviel gelassen worden, daß er die ganze Zeit über den
Mut hatte, das Leben weiterzuschleppen. Gut gemacht! Er hat Kunstgriffe
gebraucht, um das zu leisten, er log, um den Schein zu retten, gab sich
fälschlicherweise als Mann aus, trug lange Hosen. Um einen Mangel zu
verbergen, erfand er die Prahlerei mit der Trantonne, er kleidete den
Fall in eine erhabene Würde und nannte ihn Schicksal. Er hatte seine
Ehre zu retten durch einen Betrug; wenn er dafür gelten wollte, daß
er sei wie andere seien, daß er mit dem gleichen Maßstab zu messen
sei wie sie, dann mußte der arme Tropf seinen eigenen Maßstab anlegen
und sich selbst überreden, daran zu glauben. Vielleicht fand er dabei
sein bescheidenes Glück, jedenfalls hatte er kein anderes. War es also
lauter Kunst? Nichts als Kunst. Aber kein schlechtes Kunstwerk.

Jetzt ist alles an den Tag gekommen, das Kunstwerk ist als solches
aufgedeckt, der Künstler entschleiert, die Magd des Doktors hat die
unaussprechlichsten Dinge am Brunnen gehört. Petra sei vom Mond besucht
worden und habe davon Kinder bekommen, hihi! Aber Oliver selbst sei der
Hausherr gewesen; seit zwanzig Jahren habe er angesichts aller in einem
Lagerhaus gestanden und habe den Menschen gespielt. Eine Behandlung,
wie sie diesem Oliver zuteil geworden ist, hätte jeden andern dazu
gebracht, in sich zu gehen, die Einsamkeit zu suchen, Gott zu suchen,
wozu wären denn sonst die Züchtigungen da? -- Aber Oliver? Nein. Das
mußte Verstockung sein. Die Frau Doktor brachte den Klatsch vom Brunnen
zu ihrem Manne hinein. Der Doktor sagte: „Das ist witzig, können die
Menschen seinen Mangel an Gottergebenheit jetzt, wo er vernichtet ist,
nicht begreifen? Hat er sich nicht mit Gott abgegeben? Sollte es ihn
vielleicht nicht Anstrengung kosten, sich mit den Maßnahmen der höheren
Macht einverstanden zu erklären?”

Da steht nun der Doktor und folgt dem Krüppel mit den Augen, er redet
vor sich hin und findet wieder Worte für seine kecke Jugend, seine
Lebensauffassung hat keine Veränderung erlitten: Ein Orientale in Fett
und Unfruchtbarkeit. Aber war er das wenigstens? Er ist unbekannt in
der Biologie, ein Tier mit hölzernen Gliedern. Was hat es übrigens
geholfen, daß er so zugerichtet worden ist? Er wurde ja groß dadurch.
Invalide, jawohl, aber Veteran. Die ganze Zeit hat er aufrecht
dagestanden, auf seinem einen Bein, auf seinem Holzpfahl, und wurde
nichts Geringeres als ein Säulenheiliger. Hoho! Diese Vorsehung der
Menschen!

Dann verschwindet Oliver ganz oben an der Straße.

Oliver geht heim. Petra ist nichts Ungewöhnliches anzumerken, aber sie
weiß gewiß alles. Da ihr Ton nicht anders ist als sonst, erwachen seine
Lebensgeister aufs neue, er merkt, daß er hungrig und gut aufgelegt
ist, er sieht ein Gericht auf dem Tisch stehen, das vielleicht nicht
für ihn bestimmt ist, aber es spricht vieles zu seiner Entschuldigung,
wenn er sich eilig darüber hermacht. Es ist kalte Grütze. Um Vorwürfen
von Petras Seite vorzubeugen, erzählt er ohne alle Umschweife: „Nun
will sich Mattis wirklich endlich verändern.”

Petra merkt seine List wohl und gibt nicht auf einmal nach, sie sagt:
„Was, du ißt ja die ganze Grütze auf. Das muß ich sagen!”

Schweigen.

Im übrigen ist ja Olivers Neuigkeit sehr groß und merkwürdig, und Petra
fragt: „Hast du den Mattis selbst gesprochen?”

„Ja.”

„Wen will er nehmen?”

Oliver schweigt eine Weile, dann antwortet er: „Wen er nehmen will?”
und schweigt wieder.

„Na ja, das geht mich ja nichts an,” sagt Petra und kommt dann auf die
Grütze zurück. „Jetzt ist die Schüssel leer, was sollen wir nun zu
Abend essen?”

„Er will die Maren nehmen,” sagt Oliver jetzt.

Petra braucht eine Weile, bis sie es glauben, bis sie es fassen kann,
sie wird ganz komisch eifersüchtig und lästert über Maren, spuckt über
Maren aus: Ein Weib in Methusalems Alter, eine Magd mit einem Kind! O,
es war ein Glück für Oliver, daß er mit dieser Neuigkeit heimkommen
konnte, sie zog die Aufmerksamkeit der Frau von allem andern ab, seine
eigenen Widerwärtigkeiten traten in den Hintergrund.

Und es war nicht das einzige Mal, daß seine eigenen Angelegenheiten in
den Hintergrund traten, in Tagen und Wochen wurde er nicht zur Rede
gestellt. Wie Vorsehung und höhere Lenkung deuchte es Oliver: so oft
er fürchten mußte, nun komme seine Schmach zur Verhandlung, kam irgend
etwas, was ihm aus der Klemme half. Das erste war: Abel verheiratete
sich. Nicht mehr und nicht weniger, Abel heiratete. Das war ein großes,
ernstes Ereignis, von dem das ganze Haus Oliver vollständig hingenommen
war.

Ja, Abel heiratete nun wirklich.

Er bekam zwar nicht gerade das Mädchen, das er gewollt hatte, sondern
ein Mädchen von auswärts, ein großes, freundliches Mädchen, Lovise, die
Tochter eines Hofbauern. Sie war in seinem Alter, es wurde ein junges
Ehepaar, aber beide hatten gute Arme und eine kräftige, breite Brust.
Abel hätte schlimmer fahren können, dieser Ausbund, dieser sorglose
Geselle! Die ganze Zeit her hatte er nun vom Heiraten gesprochen,
und an dem Tage, wo der Vater ihm mitteilte, daß er brotlos geworden
sei, beschloß er zu handeln. Er setzte seinen Vater aufs äußerste in
Erstaunen, aber diesmal war es gewiß der ganz richtige Einfall.

Der Ring schmückte schließlich nicht die Hand, für die er gemacht
worden war. Nein, Klein-Lydia wollte den Ring nicht nehmen, als Abel
damit ankam, sie habe sich selbst einen Ring gekauft, einen mit einem
roten Stein, einen glatten Ring wolle sie nicht tragen.

„Was fehlt dem Ring?” fragte Abel. „Ich hab' ihn selbst gemacht, und
ich glaube nicht, daß er entzwei geht.”

Ach nein, sie danke ihm, aber sie wolle ihn nicht haben; die Leute
könnten sonst meinen, sie sei verlobt. Im übrigen hatte Klein-Lydia im
Augenblick gar keine Zeit übrig, sie sollte zum Polizei-Carlsen und
Klavier üben; sie ging etwas hastig im Zimmer umher, blieb dann vor
dem Spiegel stehen und war recht geputzt. Ihre Stiefelabsätze waren
herrlich hoch, ja, wie von einem Architekten gebaut.

Abel sprach für sich, wie das so seine Art war, vielleicht etwas
ängstlicher und schüchterner als sonst, natürlich schwatzte er auch und
wechselte mit Ernst und Scherz ab. Was sie nun meine, nun seien sie
beide alt genug, und er habe die Schmiede, jetzt möchte er es gerne
wissen.

Wissen, was denn? Sie verstand ihn nicht, durchaus nicht, Abel erklärte
sich, und das war nun seine Art und Seidenfeinheit, daß er keine großen
Umschweife machte.

Klein-Lydia bat ihn aufzuhören, sie habe es gut daheim und wolle sich
nicht verändern, sie nähe für das Modegeschäft.

Jawohl. Aber Abel sagte, er wolle jetzt einen endgültigen Bescheid
haben. Er habe einen Dampfhammer, habe sich verschiedenes fürs Haus
angeschafft, sie sollten im Altenbau in seinem Elternhaus wohnen,
Mattis habe das Bett angefertigt.

Da schien es wahrhaftig, als sei es Klein-Lydia zu viel geworden, ja,
als knicke sie etwas zusammen über all das, was sie hörte, sie neigte
sich vor und sah ihn an.

„Siehst du mich an?” fragte Abel.

„Ja,” antwortete sie. „Ich begreife nicht, daß du so etwas denken
kannst! Daß du glaubst, ich wollte das!”

Sie redeten hin und her, sie sagte, sie müsse fast über ihn lachen.
Schließlich redete sie im Ernst, er bekam sehr deutliche Antworten, und
es konnte nicht vermieden werden, daß sie sogar Anspielungen machte,
was für eine Art Vater und Mutter er habe.

Nun war also keine Hoffnung mehr für ihn, und so schwieg er.

Da Klein-Lydia aber kein herzloses Mädchen war, sondern ein Mädchen
wie alle andern, fing sie nun unverfänglich an, von andern Dingen zu
reden: ihr Bruder Eduard sei jetzt auf dem Heimweg, er habe von Boston
geschrieben. Darauf gab Abel eine höfliche Erwiderung und schwieg
dann wieder. Ja, tat sie dann kund, jetzt sei sie fertig und müsse
gehen. Abel stand auf und ging nach der Tür; um nicht vollständig
zerschmettert zu erscheinen, versuchte er es sogar noch einmal mit
einem Scherz und sagte: „Ja ja, ich kann ja später wiederkommen!”

Aber er kam nicht wieder.

Er wanderte auf der Landstraße dahin, der Leichtfüßigste der Stadt
ging einen schweren Gang. Er wanderte wohl so dahin, um sich etwas von
seinem Schmerz und seinem Jammer wegzulaufen, nun ging er schneller,
lief immer mehr wie unter einem Druck, wie wenn ihm eine Erbschaft
entginge, wenn er sich nicht beeilte. O, er war wohl auch etwas
gekränkt, etwas wütend.

Jetzt stand er vor einem Hof am Wege. An diesen Hof knüpfte sich
für Abel eine Kindheitserinnerung: hier hätte er einmal als kleines
Eichhörnchen gerne eine Jacke weggeschmuggelt, die an einem Seil hing,
hatte dann um etwas zu essen gebeten, aber nichts bekommen, schließlich
hatte er gesagt, er möchte eine Tasse Kaffee kaufen, aber auch das war
ihm verweigert worden unter dem Vorwand, er sei noch zu klein. Armes
Eichhörnchen! Aber bei dieser Gelegenheit hatte er sich gelobt, wieder
zu diesen schändlichen Leuten zu kommen, wenn er groß geworden sei.
Jetzt kam er.

Ein Mädchen steht auf dem Hofplatz; er kennt sie einigermaßen, hat sie
ab und zu in der Stadt gesehen und ihr zugenickt, und jetzt erkennt
auch sie ihn, das kann er deutlich sehen, sie macht sich etwas zu
eifrig am Schleifstein zu schaffen, sie errötet. Lovise heißt sie.
Natürlich ist es nicht ganz zufällig, daß Abel jetzt vor ihr steht, nur
wenige Dinge geschehen ganz zufällig, er steht hier, weil er anderswo
verschmäht worden ist, im Trotz ist er hierher gelaufen.

Und die junge Lovise ist vielleicht auch nicht ganz zufällig in diesem
Augenblick aus dem Hause getreten, jedenfalls kann sie unmöglich
meinen, sie müsse den Schleifstein so ganz genau untersuchen. Sie
kommen ins Gespräch miteinander, und da Abel wiederum keine großen
Umschweife macht, sagt er allerlei. Sie erwiderte nicht viel, eine
schöne Unsicherheit lag über ihrem Wesen, und um ihren Mund spielten
viele kleine Lachgeisterchen. Bei diesem ersten Male machten sie dies
und jenes aus, beim zweiten Male mehr, beim dritten Male alles. Abel
eilte es gewaltig, seinen Ring anzubringen.

Nun könnte man ja meinen, Abel habe gleich von Anfang an eine
gefährlich große Familie bekommen: Frau, Eltern, zwei Schwestern und
die Großmutter, in den ersten Wochen nach der Hochzeit war es wohl
auch ziemlich schwierig; aber Abel und der Dampfhammer arbeiteten gut,
außerdem half der Vater in der Schmiede, er hatte den mächtigsten
Oberkörper und war besonders gewandt beim Feilen, wie eine Maschine
konnte er feilen. Es ging ganz gut. Dazu kam noch, daß die Blaumeise
das Haus verließ, da gab es einen Mund weniger zu versorgen. Seht das
kleine Persönchen, die Blaumeise, da zog sie mit dem Zeichenstift in
ein eigenes, behagliches Haus auf dem Hügel und hinterließ Abel, den
komischen Kauz, einen ganzen Tag heimlich weinend. Um ihn zu trösten,
sagte der Vater: „Ja ja, ihr seid gute Kinder gegeneinander gewesen.
Und was für Kinder ihr alle miteinander geworden seid!” -- „Es hätte
doch keine solche Eile gehabt,” erwiderte Abel.

Es sollte mit der einen Schwester nicht genug sein. Abel hatte nur noch
eine, das Braunchen, die mit den Familienaugen und dem ovalen Gesicht.
Sie hätte wohl noch eine Weile so bleiben können, wie sie war, meinte
Abel, aber das strandete an Eduard; Eduard kam heim und holte sie. Der
Matrose war nun so viele Jahre lang fort gewesen, als ein erwachsener,
breitschultriger Mann kehrte er heim und holte sich das Braunchen.

Da spielte übrigens wirklich ein kleiner Roman mit: erstens war das
Braunchen noch so ein junges Ding, beinahe noch nicht zu rechnen, und
zweitens stieß Eduard bei seinen Eltern und auch bei seinen Schwestern
auf Widerstand.

„Was meint ihr!” sagte er unendlich erstaunt. „Daß sie so eine Mutter
und überhaupt keinen Vater hat, was geht das mich an?” Sie erklärten es
weiter und machten es recht einleuchtend; aber Eduard war ein Seemann
und frischer Kerl und verliebt, er kümmere sich den Kuckuck um all
den Klatsch und alles, was man nicht mit den bloßen Augen sehen könne,
sagte er. Da erzählten sie ihm schließlich, daß auch Klein-Lydia nicht
in diese Familie hineingewollt und Abel nicht genommen habe. „Aber das
hätte sie tun sollen!” lautete Eduards Antwort.

Es war nichts mit ihm zu machen.

Bei der Hochzeit waren ja beide Familien anwesend, und Abel traf wieder
mit Klein-Lydia zusammen. Sie hatten auch ein kleines Zwiegespräch
miteinander. Sie fragte ihn zwar nicht gerade heraus, ob er sie
vergessen habe, aber es war, als erwarte sie eine Erklärung darüber,
warum er nicht wiedergekommen sei, wie er gesagt habe. Was sie sagte,
klang demütig und traurig, der Grundton war fromm. Gelegentlich hustete
sie und legte dabei die Hand auf die Brust, er sollte wohl sehen, daß
sie nun eine andere geworden war; sie nahm das Leben ernst und weinte
bei Nacht, spuckte geradezu Blut bei Nacht und dergleichen mehr.
Natürlich saß sie trotzdem im höchsten Staate da, obgleich sie so
gottergeben war und ihr ab und zu die Augen feucht wurden. O, sie war
noch sehr jung, sie hatte wohl der Welt nicht abgesagt, plötzlich zog
sie etwas Feines vorne an der Brust heraus, das da hing, und was Abel
für Spitzen und Ausputz gehalten hatte; aber es war ein Taschentuch,
und mit diesem schlug sie den Staub von ihren Fußspitzen weg. O,
Klein-Lydia kam schon durch, wer ihren nassen Augen zugelächelt hätte,
würde sofort diese Augen hart und trocken gesehen haben, und sie wußte
sich zu verteidigen.

Mann und Frau Eduard blieben nicht in der Stadt, ja, sie blieben nicht
einmal im Lande, sie zogen nach Amerika. Als Eduard sah, wie die Dinge
daheim standen: daß das Haus voller erwachsener Töchter war, die
daheim saßen und nähten und vornehm taten, da entfloh er. Abel hatte
um der Schwester willen dem Paare von diesem Schritt stark abgeraten.
Er sagte zu ihr: „Dann sehen wir uns nie wieder. Mir selbst ist es
gleichgültig,” sagte er, „aber es ist nicht recht gegen die andern.”
Sein Kniff half ihm indes nichts, die Schwester wollte mit ihrem Manne
gehen.

„Du denkst gar nicht daran, daß wir andern daheim gar nicht ohne
dich fertig werden können,” sagte er ärgerlich. O dieser Abel! Da
wurde er von dem ganzen Hause ausgelacht, von allen den erwachsenen
Frauenspersonen, die noch da waren.

Aber alle diese kleinen Heiraten und alle die täglichen Ereignisse
waren ja nur für die Familie Oliver von Bedeutung, nicht aber für die
Stadt und die andern Menschen. Für die Familie Oliver waren sie groß
und wichtig, vielleicht war es auch zu ihrem Besten. Oliver konnte
nicht klagen, in der letzten Zeit war er nicht mehr verfolgt worden,
dies und das ereignete sich, Schlag auf Schlag, und es machte nichts
schlimmer für ihn, im Gegenteil, er aß täglich an Abels großem Tisch
und bekam jetzt auch noch wie früher das eine und andere Taschengeld.
Was hätte er sich noch wünschen können?

Er wurde nicht schief angesehen, Petra schwieg. Wahrlich, im
schlimmsten Fall war er nicht am schlimmsten dran. Oliver fand aufs
neue Mut und Widerstandskraft. Damals, als der Doppelkonsul getroffen
wurde, sank ein großer Mann zusammen und gab alles auf. Der erfahrene
Postmeister bekam eines Nachts einen Druck auf seine ungeprüften
Menschengedanken und verblieb von diesem Augenblick an dumm und stumm.
Der alte rechtschaffene Schmied Carlsen konnte keine Bosheit ertragen,
er konnte es nicht ertragen, daß man ihn im Verdacht hatte, einen Sohn
zu haben, der mit japanischen Tätowierungen auf dem Körper umherging,
er wurde zu einem Kinde, weinte, verzog krampfhaft die Lippen, dankte
Gott für Gutes und Böses und wartete auf den Tod. Oliver war von einer
zäheren Art, weniger fein und empfindlich, sorgloser und deshalb als
Mensch aus dem richtigen Stoff gemacht, er ertrug das Leben. Wer war
tiefer hinuntergetaucht worden, als er? Aber wieder ein kleiner Erfolg,
eine geglückte Dieberei, ein wohlgelungener Schurkenstreich machte ihn
aufs neue zu einem zufriedenen Manne. Oliver war in der Welt draußen
gewesen, er hatte Palmen gesehen, aber was hatte er davon?

Die Tage kommen und gehen. Er hatte Frieden daheim, die Gassenjungen
schrien ihm nicht mehr nach, aber Olaus vom Wiesenrain war hinter ihm
her, so oft er nur konnte. Oliver hätte jetzt fast glücklich sein
können, aber Olaus gönnte ihm das nicht, in Gegenwart anderer Leute
fragte er Oliver nach einem gewissen ärztlichen Zeugnis. Oliver ging
heim, verbrannte das Zeugnis und fluchte darüber. Er wich seinem
Plagegeist so viel wie möglich aus, und glücklicherweise hatte er
ein Päckchen Tabak in der Tasche, als er das nächste Mal mit ihm
zusammentraf. Die Rollen waren vollständig vertauscht, jetzt war Oliver
der überlegene.

„Du tust mir leid,” sagte Olaus.

„Wie schmeckt dir der Tabak?” fragte Oliver. „Er ist wohl nicht gut?”

Olaus war lauter Unbarmherzigkeit und fragte: „Ist das alles wahr, was
von dir erzählt wird?”

Danach konnte Oliver wohl fürchten, er habe sein Päckchen Tabak umsonst
weggegeben, aber trotzdem ließ er ein paar Worte darüber fallen, daß es
nicht der letzte sein werde, er verdiene jetzt in Abels Schmiede und
könne einem guten Freund wohl ab und zu ein wenig mit Tabak aushelfen.

Jetzt gesellt sich der Fischer Jörgen zu den beiden, und er hört
den Rest von Olaus' Bosheiten mit an; daß gerade dieser Zuhörer
sich einfand, kränkt Oliver doppelt, er hatte sich ja früher
verschiedentlich vor Jörgen dick getan, außerdem war er jetzt verwandt
mit ihm. Legte Olaus auch nur eine Spur von Zartgefühl und Takt in
seine aufdringlichen Fragen? Das letzte, was er sagte, war: Wozu denn
Oliver eigentlich Kleider trage? Ob es nicht einerlei wäre, wenn er
nackt auf der Straße ginge? Dann wanderte Olaus weiter, frisch und mit
geschwollenem Kamm.

Da stand Oliver, in außergewöhnlicher Wut. Jörgen sagte: „Mach' dir
doch nichts daraus, was Olaus sagt, es ist nicht der Mühe wert.”

Es schien aber doch der Mühe wert zu sein, der Krüppel hatte einen
wütenden Blick und knirschte eine Weile mit den Zähnen. „Ich werd' es
ihm eintränken!” sagte er und nickte dazu.

Doch es hatte keinen Zweck, hier mit dem alten Jörgen zu schwatzen,
Oliver hinkte plötzlich davon und bog in die Hauptstraße der Stadt
ein. Welch ein Glück, es war Samstagabend, und er hatte einen guten
Anzug an, er gab sich nicht selbst auf. Jetzt blieb er vor dem
Schaufenster des Schuhmachers stehen und betrachtete die Damenstiefel;
er winkte den nächsten besten herbei und sagte zu ihm, wie hoch
doch diese Damenstiefel seien, sie gingen weit an den Waden hinauf.
Oliver stand da vor den Stiefeln, schmatzte ihnen zu und redete wie
ein ausschweifender Mensch. Plötzlich wirft ein Junge Oliver einen
vernichtenden Spitznamen an den Kopf, ein Gelächter erhebt sich, Oliver
verstummt. „Ja, Schuhwerk ist nun bald zu teuer für gewöhnliche Leute,”
sagt jemand hinter ihm. Das ist wieder der Fischer Jörgen. Oliver faßt
neuen Mut, er ergeht sich wieder über hohe Stiefelschäfte und schmatzt
dazu, o, aber Jörgens Geschwätz war jetzt nur ein schwacher Abglanz
von dem vorigen; das mochte der Kuckuck verstehen, er mußte indessen
abgekühlt worden sein. In seiner Verzweiflung ruft Oliver laut: „Jetzt
geh' ich in den Tanzsaal!”

Er staffierte sich aus, kaufte Riechwasser und goß es auf sich, so
daß er schon von weitem duftete, kaufte Zuckerwaren, kaufte auch
feingeraspelten Talg, den er auf den Boden des Tanzsaals streuen
wollte. Seht, er wollte über die Stränge schlagen, wollte einen
tüchtigen Sprung mitten in Blitz und Donner hineinmachen, hinein
in Liebesgeschichten und Brautraub -- aus dem Weg da! Gott weiß,
vielleicht war er mutig aus Mutlosigkeit, sein Leben war so jämmerlich,
daß es scherzhaft wurde, er war schweißig und bleich, zieht einen
Taschenspiegel heraus, reibt seine Wangen ab und putzt sich. Dann macht
er die Tür des Saales auf und stapft hinein.

Aller Augen scheinen sich auf ihn zu richten. „Oliver,” sagen sie,
„Oliver, haha!” Er sucht sich eine Bank und setzt sich. Der Tanz geht
weiter. „Nimm deine Krücke weg!” warnt ein junger Seemann, indem er
vorbeiwalzt. -- „Warum schreit denn der Kerl? Zu meiner Zeit hab' ich
nicht auf dem Tanzboden geschrien,” sagt Oliver zu den Nächstsitzenden.
Er bekommt bald eine ordentliche Antwort darauf. „Ja, du bist wohl
ein richtiger Spürhund gewesen, Oliver?” erwidern sie. Er wiegt den
Kopf hin und her und erzählt von Alaskar in Hamburg und von Greenhorn
in Neuyork; mit allen Arten von Rassen und Farben habe er getanzt und
Liebschaften mit ihnen gehabt, er habe Malaiinnen und Chinesinnen,
Indianerinnen und Negerinnen herumgeschwungen, eine Indianerin, die
niedlichste von allen, habe er geküßt --

Oliver ist bleich und schwitzt, es strengt den faulen Mann wohl an,
sich so lustig aufzuspielen. Sie sagen zu ihm, ja, ja, aber nun solle
er nicht mehr an so etwas denken! Und er antwortet, warum denn nicht?
Eine so feurige Natur wie die seinige könne nicht aufhören, könne nie
Schluß machen, sie könnten ja selbst sehen, jetzt sei er hier auf
dem Tanzboden. „Seht her, ihr Jungen, wollt ihr ein paar extra feine
Zuckerwaren schmecken?”

Er sprach sich über den Tanz aus, das sei gar nichts gegen früher; der
Bursche, der dort geschrien habe, könne ja gar nicht Walzer tanzen,
nicht die Fersen müßten tanzen, sondern die Zehen, und man müsse die
Dame aufheben, daß sie sich nicht kaputt schaffen müsse. Dies sei zu
jämmerlich. Er habe gute Lust, hervorzutreten, um ihnen zu zeigen, wie
es gemacht werden müsse.

Da lachten alle, die Oliver zuhörten.

„Hoho!” sagte Oliver, das könnte er gut. „Seht die Waden von der
dort, ei der Tausend, das sind gute Waden zum Exempel, ich müßte
sie nur einmal fassen können. Dann würdet ihr wohl sehen, wie es
geht. Tahitaho! Da geht einmal hin und streut den Talg hier auf den
Tanzboden!” sagte er, indem er die Tüte auslieferte.

„Talg?” sagten sie.

„Ja, Talg. Solchen hatten wir immer bei uns und streuten ihn hin, wenn
der Boden zäh und hart wurde.”

„Ach so,” sagten sie und streuten den Talg auf den Boden.

Oho, nun ging es richtig glatt weg. Der Tanz und die Musik schmolzen
zusammen, das wurde ein flotter Walzer, alle Beine waren in wirbelnder
Bewegung, alle die Beine drehten sich unaufhörlich im Kreise, um und um
ging's. Es war merkwürdig, wie der Talg gut tat.

„Du verstehst deine Sache, Oliver!” sagten sie, und sie hatten
Nachsicht mit ihm, solange es ging, weil er ein Krüppel war.

„O, mir kann niemand etwas vormachen,” versetzte er. Und bei der
kleinen Anerkennung, die ihm zuteil wurde, rief er wieder hoho!
und hatte sich und tat, als könne er nun eine Auferstehungshymne
anstimmen. O, du froher Abend! „Seht nur das Mädchen dort, welche Brust
sie hat, geht hin und sagt ihr, ich wolle mit ihr reden!”

Das Mädchen kam herbei, Oliver bot ihr die Zuckerwaren an, er war
Weltmann bis in die Fingerspitzen und sagte: „Bitte, Fräulein, eine
kleine Erfrischung!” Das Mädchen lachte, nahm ein wenig aus der Tüte
und schwänzelte fort. Eine andere kam, mehrere kamen, Oliver teilte
seine Leckereien aus und redete, blaß und schweißtriefend wie er
war, davon, wie sehr sie ihn lockten und reizten. „Dich?” sagten sie
kreischend und brachen in lautes Gelächter aus. -- „Jawohl, jawohl,”
sagte er, „übermäßig reizt ihr mich!” Was es denn schade, wenn er lahm
sei? Deshalb sei er doch noch ebensogut. Sie hätten nur sehen sollen,
wie sehr sich eine Krankenpflegerin in Italien um ihn bemüht habe und
ihn durchaus habe heiraten wollen. Er habe sich nicht retten können vor
ihren Küssen und Liebkosungen.

Es wird wieder getanzt. Oliver sieht erschöpft aus, aber er stampft
den Takt, daß es nur so dröhnt, und wie wenn das vielleicht nicht
genügend bemerkt würde, übertrieb er und klopfte den Takt auch noch
mit der Krücke. Jetzt aber ärgerte sich der eine und andere von den
jungen Burschen über ihn, nicht nur wegen seines Gepolters, sondern
auch weil er die Tänzerinnen mit seinem leichtfertigen Geschwätz und
seinen Zuckerwaren in Anspruch nahm. Es wurde ihm bedeutet, sich ruhig
zu verhalten und nicht so ausgelassen zu sein, aber das half nichts,
er wurde nur noch leichtfertiger. Jawohl, an diesem Abend sei er bei
einer ordentlichen Lustbarkeit, er sei nun einmal Hahn im Korbe bei den
Mädchen, und wenn man sie fragte, würden sie das gar nicht leugnen,
denn es wüßten es ja alle Leute schon vorher. „Bitte, Fräulein, noch
eine kleine Erfrischung --”

Au -- da purzelte ein Paar auf den Boden. Kreischen und Schreien! Ein
zweites Paar fiel auf das erste, und da gab es ein böses Durcheinander.
Was war denn das für eine Schweinerei, auf der sie ausglitten? Talg!
Woher kam der? Die Kleider mit Talg und Staub böse zugerichtet, liefen
die Tänzer und Tänzerinnen über den Saal hinüber zu Oliver hin und
fluchten ihm ins Gesicht. Der Krüppel erwiderte, er selbst habe
einstens auf Talg getanzt, in dieser Richtung könnten sie ihn nichts
lehren weder rechtsum noch linksum. Sie sagten, er müsse ihnen die
Kleider bezahlen, die sie sich durch ihn verdorben hätten, ja, sie
schimpften ihn Idiot und Schweinehund und anderes mehr. Da wurde Oliver
wahrhaftig wieder etwas würdig und sagte ihnen, wer er war, der Oliver
Andersen, der über ein halbes Menschenalter Konsul Johnsens Lagerhaus
vorgestanden hatte, sie sollten sich schämen und sich besseren Leuten
gegenüber nicht so aufführen --

„Hinaus mit dir!” schrien sie. O weh, was sie ihm alles für Namen gaben
und ihm vorrechneten, welcher Art Rest von einem Menschen er sei, eine
leere Wursthaut, ein Hammel! Und da habe er sich sogar mit Riechwasser
begossen; er sei verfault, da sitze er und rieche wie ein Stall! Hinaus!

Natürlich kam sein Abenteuer in der Leute Mund, und die Weiber am
Brunnen waren empört über ihn, sie konnten nicht begreifen, daß so ein
verkommener Tropf nicht lieber fromm wurde und in die Kirche ging; für
wen sonst war denn die Kirche da! Aber merkwürdig genug, auch diesmal
wurde Oliver daheim nicht zur Rede gestellt, es war, als hätte ihn
Petra vollständig aufgegeben. Allerdings füllte er, als er heimkam,
die Stube mit seiner fürchterlichen Duftware, und Petra wich unleugbar
zuerst ein paar Schritte zurück, aber zu einem Streit kam es nicht. O,
eine höhere Vorsehung hatte abermals eingegriffen: von dem Philologen
Frank, dem Sohne des Hauses, war Nachricht gekommen, er war zum
zeitweiligen Vorsteher der höheren Schule in der Stadt ernannt worden.

In diesem Augenblick kam ja niemand daher und sagte zu Oliver, er sei
ein kinderloser Mann. Seine Kinder waren allerdings nur seine eigene
Erfindung, aber er hatte sie doch; während ihrer ganzen Kindheit und
ihrem Heranwachsen war er etwas für sie gewesen, sie und er kannten
einander, sie nannten ihn unter sich selbst und andern gegenüber Vater,
und jetzt kehrte Frank gelehrt und groß heim in seine Vaterstadt.
Petra und die Großmutter hätten ihn allerdings am liebsten als Pfarrer
gesehen, aber da war nichts zu machen gewesen. Oliver sagte mit Würde:
„So ein Sohn!”



32


Da und dort in der Stadt wird geflaggt, bei Grütze-Olsens, beim
Doppelkonsul, ja, bei allen Konsuln und auch bei Henriksens auf der
Werft. Scheldrup Johnsen und Fräulein Olsen zu Ehren geschah es, sie
waren nach Christiania gereist, hatten sich dort trauen lassen und
wurden heute als Ehepaar zurückerwartet. Das Postschiff ist schon
sichtbar, als noch eine Flagge gehißt wird, nämlich auf Konsul Heibergs
Brigg, die in einem Winkel am Bollwerk Tran ladet.

Schon stehen sehr viele Leute am Bollwerk, und es kommen immer noch
mehr dazu. Von den Konsuln fehlt nur Davidsen, der verschlagene
Kleinhändler, der sich von den Großen immer zurückhält. Der
Hardesvogt und der Doktor waren auch nicht da, aber Frank, der junge
Schulvorsteher, ist anwesend. Er ist neu verheiratet, mit Konstanze
Henriksen von der Werft, aber die junge Frau ist nicht dabei. Frank
ist nicht der kleinste auf dem Bollwerk, er hat die philologische
Überlegenheit über die ganze Stadt, die ganze Küstenstadt, ist ein
großer Mann, bis zur Übertreibung gelehrt in fremden Grammatiken und
Sprachen als Lehrfach. Er steht ziemlich abseits neben einem Berg von
Trantonnen, die an Bord der Brigg sollen; da er den neuen Gehrockanzug
trägt, in dem er getraut worden ist, darf er den Trantonnen ja nicht
zu nahe kommen, andererseits aber müssen sie ihn vor dem Zug auf dem
windigen Bollwerk schützen. Er kann Zug nicht ertragen. Sein Vater
steht am andern Ende des Bollwerks und schmiegt sich nicht an den Sohn
an. Oliver kann sich schon richtig betragen.

Oliver ist wieder in gutem Aufstieg begriffen. Er hat jetzt nicht mehr
eine gute Stellung in einem Lagerhaus, aber er ist den ganzen Tag in
der Schmiede bei Abel, bisweilen feilt er Eisen, und ein seltenes Mal
rudert er auch hinaus und fischt Merlan in der Bucht. „Mein Sohn, der
Schmiedemeister,” sagt er, „mein Sohn, der Schulvorsteher,” sagt er. Er
stützt sich auf die Söhne und genießt ihre Achtbarkeit mit vollen Zügen.

Es hat es jetzt gut und ist zufrieden; wenn ihn das Schicksal nun
in Ruhe läßt, klagt er nicht. Es ist selbstverständlich, daß die
Jungen dem Vater ihres eigenen Schulvorstehers auf der Straße keine
Schimpfworte nachrufen, und ebenso selbstverständlich ist es, daß
Oliver nie wieder auf den Tanzboden geht und dort Skandal macht.
Olaus vom Wiesenrain ist der einzige, der noch zu fürchten ist, und
selbst der scheint die Feindseligkeiten eingestellt zu haben. O
wahrhaftig, es vergeht jetzt ein Tag wie der andere. Oliver ist auch
nicht der Geringste am Bollwerk, es sind viele Geringere da als er.
Alle diese guten Leute da, wer sind sie? Gewöhnlichkeiten, ein Stand,
Kleinstadtgrößen und langweilige Erscheinungen in Stärkwäsche. Oliver
war etwas Besonderes. An dieser Stelle, wo alle fast gleich sind,
mußte er als etwas Besonderes angesehen werden, als etwas für sich.
Ein Opfer der unheilvollen Kräfte des Lebens, jawohl, gekaut, wieder
gekaut und ausgespuckt, an einem Strand hinterlassen, aber mit einem
unausrottbaren Lebenstrieb in sich. Die Zeitung konnte ja jetzt ihr
Programm wieder abdrucken und die Leute auffordern, einen nützlichen
Kurs in Frömmigkeit zu nehmen, das tue man anderen Ortes, die Leute
hätten das nötig und die Zeit fordere dazu auf, kurz gesagt, man solle
mit dem Ende anfangen. Oliver fing nichts mehr an, es war nicht seine
Sache, etwas anzufangen, er stand nun da, wo er hingestellt worden
war, der Menschengedanke zerschmetterte ihn nicht, die Weiber am
Brunnen bekehrten ihn nicht. Natürlich waren Leben, Schicksal und Gott
verflixt himmelhohe Fragen und gewaltig notwendige Fragen, aber sie
wurden von Leuten gelöst, die lesen und schreiben gelernt hatten, was
sollte Oliver dabei? Wenn sich ein Gehirn wie das seinige ans Forschen
machte, würde sich sicher alles vor ihm im Kreise drehen, Oliver könnte
dann nicht in seiner Arbeit fortmachen, sich nicht am Essen und an
Zuckerwaren erfreuen, das nicht leisten, was er leistete. Mögen die
andern darum sorgen, mehr zu sein, als sie sind!

Ja, er ist vergnügt, das sieht man seinem Gesicht an. Ganz keck steht
er auf seinem Bein und seinem Stelzfuß, und er sieht aus, als habe
er mächtige Angehörige im Rücken, falls er sie gebrauchen wollte.
Und die Menschen achten ihn plötzlich wieder: er ist der Vater des
Schulvorstehers, denken die Menschen ...

Dann legt das Postschiff an. Da stehen die beiden Neuvermählten, von
ihrer ganzen Familie umgeben, an der Reling. Am Land und an Bord werden
ruhig Hüte gelüftet. Fräulein Fia scheut sich nicht, mit viel Rot, mit
Purpurrot an ihrem Anzug sehr auffallend zu sein. Nun hat sie sich auch
für Schoßhunde begeistert, sie trägt auf dem Arm ein kleines, lockiges
schneeweißes Kerlchen mit Zottelhaaren über den Augen und einer blauen
Schleife um den Hals. Sie ist vornehm, wie das ihre Art ist, spricht
gedämpft, eine Dame und Komtesse ohne Tadel, hätte sie einen Wunsch, so
wäre es der, gesund und lebenszäh zu sein, noch recht lange ihre Kunst
pflegen und indische Märchen illustrieren zu dürfen. Da sie wohlerzogen
und unschädlich ist, wird ihr das Leben das wohl gewähren.

Ihre Mutter, Frau Johnsen, ist wieder zur Vernunft gekommen und nicht
mehr von Sorgen niedergedrückt. Sie ist noch ebenso gelb im Gesicht
wie früher, aber sie trägt wieder einen großen Hut. Das Gerücht
ging um, der Untergang des Dampfschiffs Fia und der Bankerott sei
nur eine Spiegelfechterei gewesen, es sei Frau Johnsen drei Wochen
lang weisgemacht worden, sie sei arm, und dann sei sie wieder ebenso
reich gewesen wie zuvor. Dick und umfangreich steht sie neben ihrer
Tochter an der Reling, sie ist's, die ursprünglich C. A. Johnsen am
Landungsplatz durch ihre Mitgift zum großen Manne gemacht hat, sie
ist ihren großen Hut ehrlich wert und nimmt sich auch jetzt neben den
Grütze-Olsens gut aus, steht da, wie wenn sie sagen wollte: „Jawohl,
wir sind jetzt verwandt geworden, aber wir verkehren nicht viel
miteinander!” Es war ein schändlicher Streich des Zufalls, daß ihr
Mann den Kopf verloren und die Villa an diese Familie verkauft hatte.
Was sollten diese Leute mit einer Villa? Sie sind nur einmal dort
gewesen, seit sie sie gekauft haben, und sie fuhren nicht mit Wagen
und Pferden hin, sie gingen zu Fuß, er, der Konsul Olsen und seine
Frau. Sie hatten aber wohl an dieser einen Fußtour genug, denn jetzt
in Christiania schenkten sie die Villa den Neuvermählten, das war ihr
Hochzeitsgeschenk. Was sollten also die Leute mit einer Villa, wenn sie
nichts damit anfangen konnten?

Aber da kommt Johnsen, der Doppelkonsul selbst, der einzige von
der Gesellschaft, der einen hohen Hut trägt. Er trägt ein Plaid
über dem Arm und kommt hastig daher, vielleicht ist er bei der
Abrechnung aufgehalten worden, oder er hat mit der Aufwärterin ein
wenig gescherzt; zum Henker noch einmal, der Doppelkonsul ist ein
großer Mann, und steht über vielem, er hat viele Filialen! Ein
eingestürzter Turm, er? Ein wieder aufgerichteter Turm. Er gleicht
wieder einer Million oder etwas anderem Rundem; in Christiania hat
er das Dannebrogkreuz auf der Brust getragen. Sollte wirklich etwas
daran sein, daß bei dem Untergang der _Fia_ und der Versicherung
Spiegelfechterei mit im Spiele war, und was wäre der Zweck dabei
gewesen? Konsul Johnsen hat jedenfalls jetzt wieder bessere Tage
erlebt, er ruht nicht mehr aus, er hat offenbar wieder etwas zu sagen
und mitzusprechen bei sich selbst und bei andern.

Um Frieden zu finden, hat dieser Mann in einer Stunde des Nachdenkens
den alten Postmeister aufgesucht, später einmal und in einer
viel schlimmeren Klemme ist er durch die Hintertür in derselben
Angelegenheit zum Schmied Carlsen gegangen, danach konnte niemand
behaupten, er sei ein gleichgültiger Mensch, er hat seine Lehre
durchgemacht, aber es half ihm nichts. Und als die Tage vergingen,
kam er ja aus der Patsche heraus und brauchte dann keine Hilfe mehr.
Was sollte er damit? Wenn er an den Postmeister dachte und an dessen
Bescheidenheit, mußte er wieder lächeln. Der Postmeister suchte und
suchte Frieden, er hatte einen kleinen Stern gefunden und wandelte in
dessen Schein seine Straße, es war kein starkes Licht, keine Sonne
und heller Tag, aber man konnte dabei schon ein wenig sehen. Nur
Genügsamkeit! Konsul Johnsen suchte nicht, das war eine zu große Mühe
für ihn, er wollte nur fragen, wo Frieden zu erkaufen wäre.

Jetzt steht er da auf dem Schiff wieder sorglos und obenauf. Hoho! Er
sieht aus, als könne er noch drei oder vier vernichtende Bankerotte
überstehen. Ein verflixter Kerl, der Doppelkonsul, auf irgendeine
Weise muß er seinen draufgängerischen Sohn an die Kandare genommen
und ihm Grenzen gesetzt haben. „Wir” sagt er von dem Geschäft, „meine
Angestellten”, sagt er. Es hat sich dann auch in dem Auftreten der
Leute gegen ihn ein sehr rascher Umschwung vollzogen, sie sehen wieder
zu ihm auf und lassen ihn nicht links liegen; im Grunde genommen ist es
durchaus nicht der Sohn, sondern der Vater, um den sich die Leute ihr
Leben lang gekümmert und den sie gern gehabt haben. Er hat ihre eigenen
Eigenschaften, ist gewöhnlich wie sie, ein gutmütiger Mensch, ohne
Ernst und Standhaftigkeit, aber eine Nummer in einem Dutzend, eine der
großen Standespersonen in der Stadt, rund und reich, er bekommt wohl
bald eine neue _Fia_. --

Konsul Johnsen ist auch der einzige, der laut nach dem Ufer hinüber
grüßt. Das kann er tun, denn er ist der, der er ist. „Siehst du jemand,
der das Gepäck in Empfang nehmen kann?” sagt er zu Scheldrup, und im
selben Augenblick geht er wieder weg. Vielleicht hat er etwas in seiner
Kajüte vergessen, oder er will noch jemand ein letztes Abschiedswort
sagen. Der Teufel mag ihm trauen!

Da kommt schließlich Olaus vom Wiesenrain über das Bollwerk
geschritten, und er kommt breitspurig daher. Ist er heute verschlafen,
oder hat er bis zum letzten Augenblick Karten gespielt? Er faßt nach
dem Landungssteg und wirft ihn aufs Boot hinüber, daß dieses schwankt.
Das Pferd, das die jungen Eheleute für die Villa bekommen sollen, bäumt
sich, Olaus kümmert sich nicht darum, er begrüßt den Matrosen beim
Fallreep mit ein paar kräftigen Worten: „So, faß den Landungssteg an
und steh nicht da und hab' Maulaffen feil!”

Olaus hat während der letzten Tage gebummelt und scheut sich deshalb
durchaus nicht, sich geltend zu machen. Eine Bummelei des Olaus
vom Wiesenrain war ja höchst verschieden von einem gewöhnlichen
Abendmahlsgang mit Wein in der Kirche, er trank so viel, als er
überhaupt trinken konnte. Jetzt kam er betrunken und übermütig ans
Bollwerk, o, ein seliger Narr, aufrecht, eine Tonpfeife rauchend,
vielleicht hungrig, aber stiermäßig stark. Er redete höchst überlegen
mit den Leuten, großspurig, hatte auch eine grobe, schnarrende Stimme.
Was er sagte? Seine Worte waren verständlich genug, sie verirrten
sich weder nach rechts noch nach links. Er tat, wie wenn er Scheldrup
Johnsen an Bord gar nicht sähe, und sprach sich also über ihn aus:

„Na, du sollst also den Scheldrup nach der Villa hinausfahren?” rief
er dem Kutscher zu. „Ein netter Kerl, der! Frag' ihn, wie es mit
der Versicherung der _Fia_ bestellt gewesen sei? Habt ihr's gehört?
Scheldrup, die Spitznase, hatte das Schiff selbst versichert und
steckte das Geld in seine eigene Tasche.”

Alle Leute auf dem Bollwerk hörten zu. Das waren keine Kleinigkeiten,
Olaus übertrieb vielleicht gar nicht, er gab jedenfalls einem sich
immer weiter verbreitenden Gerücht Ausdruck. Was hier über Scheldrup
gesagt wurde, war keineswegs unglaublich, er war ja eigentlich der
gewesen, der die ganze Zeit her über das Schiff verfügt hatte, wozu
der Vater gar nicht die Erfahrung haben konnte -- konnte da nicht
Scheldrup auch einen Termin Versicherung bezahlt haben? Er wäre dazu
imstande gewesen. Das würde zugleich auch erklären, daß Scheldrup
heimkommen, sich auf des Vaters Stuhl im Kontor setzen und Wechsel um
Wechsel an die Gläubiger ausstellen konnte. Schließlich würde es auch
erklären, daß der Vater von seinem Stuhl wieder Besitz ergriff, als die
Sache an den Tag kam. O, vielleicht deshalb war Konsul Johnsen wieder
aufgeflammt und wieder rührig geworden. Er hat seinen modernen Sohn
geprügelt, er hat wieder soviel von der Leitung der Geschäfte an sich
genommen, als er selbst für gut fand. Nichts ist so belebend für den
Menschen wie ein Sieg.

Die Arme voller Blumen, gehen die Neuvermählten an Land, steigen in
den Wagen und fahren grüßend ab, fahren hinein in den Ehestand und
die Flitterwochen. Olaus schweigt einigermaßen. Einer nach dem andern
von der Hochzeitsgesellschaft verläßt das Boot, dabei wird es Olaus
wohl zu langweilig, er geht vom Landungssteg weg und begibt sich nach
der Vorderluke, um nach den Waren zu sehen. Einige Kisten werden an
Land geschafft. Olaus kommt es nicht auf ein paar weitere lümmelhafte
Grobheiten an, er ist wie gewöhnlich, ohne eigentliche Bosheit, aber er
ist mannhaft und ohne jegliches Verantwortlichkeitsgefühl darauf aus,
die Anwesenden mit seiner Freimütigkeit in Erstaunen zu setzen und sie
zum Lachen zu bringen.

Da steht nun Frank, der neue Schulvorsteher, mager und sprachkundig
in seinem Winkel. Olaus redet ihn an: „Steh nicht da und mach die
Trantonnen schmutzig!” ruft er. Da er diesmal ein Witzbold ist,
kichern alle Leute. Oliver hört diesen auf den Sohn gemünzten Zuruf,
diese tiefe Respektlosigkeit, und hinkt ein paar Sätze näher, wie um
einzugreifen. Er hat jetzt seinen heimtückischen Blick und scheint
gewisse Gefühle gegen Olaus zu hegen.

Aber Olaus wird durch den Sieg aufgestachelt und fährt fort: „Du stehst
da mitten in meinem Logis, das weißt du wohl nicht? Jawohl, in dem
Winkel liegen der Olaus vom Wiesenrain und ich bei Nacht unter einem
Presenning, einem Teertuch. Wenn du heut abend hierherkommst, dann will
ich dir auch ein Obdach geben!”

Noch mehr Respektlosigkeit also!

Um seine Gleichgültigkeit zu zeigen, legt Frank die Hände auf den
Rücken und geht langsam vom Bollwerk fort. Er redet nicht, ohne zu
belehren, und er belehrt nicht auf einem Bollwerk.

Olaus läßt ihn nicht los, er lacht hinter ihm drein und sagt: „Ja, du
kannst glauben, ich hab' Achtung vor dir!” Jetzt erblickt er Oliver,
Franks Vater, und nun treibt er diesen an, er ruft ihm zu, dort gehe
sein Sohn, Petras und des Mondes Sohn. Oliver hört es, er bleibt stehen
und schaut zu Boden. Übrigens anerkennt Olaus Petra, lobt Petra, sagt,
er habe sie schon als ganz kleines Mädchen gekannt, „hübsch war sie
die ganze Zeit,” sagt er, „viel zu gut, um ins Unglück zu geraten.
Dann hat sie den Oliver geheiratet und dann wurde sie sozusagen Witwe
in alle Ewigkeit mit ihm. Ach, du lieber Gott, Oliver, dich sollte man
gar nicht in den Mund nehmen! Ein solcher armer Tropf, du tust mir
leid, und du bist ja zu nichts anderem gut, als wie ein Frauenzimmer
dazusitzen und eine Nadel einzufädeln. Petra dagegen --”

Doch da sieht Olaus den Doktor aufs Bollwerk zukommen, und in seiner
Trunkenheit zieht er sofort den Doktor in sein Gewäsch hinein, er
verschont niemand: „Petra war nicht wie die Frau Doktor, die keine
Kinder haben wollte, nein, bekam sie solche nicht daheim, dann ging
sie in die Stadt und bekam sie dort. So sollte es sein, es war ihr
einerlei, was im Betsaal gesagt wurde. Es sollte vielleicht so sein,
daß die Weibsleute keine Kinder bekämen? Das wär' beim Satan! Sie
sollten es wie die Frau Doktor machen und sie sich wegweinen und
wegjammern! Wein mir hier, wein mir dort, und versenk sie auf den
Meeresgrund, sie war nichts Besseres wert! -- War es so, Doktor,” rief
er in seinem Übermut, „daß du damals mit einem Lappen ihre Tränen auf
dem Boden auftrocknen mußtest? Ja, jetzt drehst du um und willst nichts
mehr hören. Aber ich will dir noch eins sagen, eh du gehst, die Frauen,
die nicht Leben und Blut hergeben, die sollten sich selbst in die Erde
hineingraben, das sollten sie --”

„Nimm die Laufplanke weg!” ruft der Kapitän.

Olaus hebt die Laufplanke unnötig hoch auf, tritt mit ihr ein paar
Schritte zurück und läßt sie dann fallen. Das Bollwerk erzittert. Dann
fährt das Schiff ab.

O, aber an diesem Tag hatte Olaus vom Wiesenrain zum letztenmal da
auf dem Bollwerk lose Reden geführt und seine Kräfte gezeigt; er
verstummte in der darauffolgenden Nacht. Heibergs Trantonnen stürzten
auf das Teertuch herunter, unter dem er lag, und zerschmetterten ihm
den Brustkasten. Es nahm ein trauriges Ende mit diesem Olaus, und er
hatte eigentlich auch nichts Besseres erwarten können. Vieles konnte
gegen ihn vorgebracht werden, aber vielleicht war auch er vom Schicksal
geschädigt worden, ein Gaul zerschmettert mitten im Gezähmtwerden. --

Die Leute an Bord der Brigg hatten wohl das Gepolter in der Nacht
gehört, aber dann wurde alles wieder still, und sie schliefen weiter.
Als es bei Tagesgrauen hell wurde, fand man Olaus. Etwas flacher
als sonst lag er da, und um Nase und Mund zeigten sich Blutspuren,
aber er lag nicht mit weit offenem Munde da, seine Zähne waren fest
zusammengebissen. Im übrigen sah er träg und schlafend aus, mausetot
natürlich, aber keine Spur von Spott und Zorn im Gesicht; er sah aus,
als wolle er sagen: „Weckt mich nicht, ehe wir angekommen sind!”

Die Nachricht von dem Unglück verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der
Stadt. Merkwürdigerweise war Oliver in der Nacht kurze Zeit draußen
gewesen und hatte da ganz harmlos den Lärm von den Trantonnen gehört,
aber geglaubt, das habe nichts auf sich. Oliver sagte, er habe einem
guten Kameraden ein solches Ende nicht gewünscht, so einem in Grund
und Boden guten Menschen, sagte er. Es war eigentlich fast beweglich,
Oliver, einen so armen Kerl, der nicht einmal eine Nadel einfädeln
konnte, so gute Worte sagen zu hören, aber Oliver hatte wohl selbst
eine gute, interessante Erfahrung darüber gemacht, was ein wirkliches
Unglück ist, und diese legte ihm nun die Worte in den Mund ...

Dann stand man wieder vor den Fragen über Leben, Schicksal und
Gott, und manche sprachen sich talentvoll darüber aus. Da konnte
man doch einmal sehen, was für ein unsicheres, sprödes Seil das
Leben ist, und wir tanzen darauf! Olaus schwieg jetzt, aber andere
schwatzten. Im übrigen war Olaus vom Wiesenrain doch eine zu geringe
Persönlichkeit, als daß sein Tod die Menschen zu dauerndem Nachdenken
hätte bringen können, man wurde es müde, immerfort in einen Gewehrlauf
hineinzustarren, und man tanzte aufs neue. O, diese Tanzmadam, sie
kehrte immer wieder in der Stadt ein, um Eitelkeit und Sünde am
Leben zu erhalten. Es war, als werde sie von einer inneren Berufung
getrieben. Manchmal konnt' es ihr schlecht gehen, aber sie hielt aus,
was tut man nicht für die Kunst auf den Brettern? Als vor einiger
Zeit die _Fia_ unterging, und es still in der Stadt wurde, bekam sie
keine Schüler, und sie reiste damals recht mager ab, aber als sie nun
wiederkehrte, bekam sie die doppelte Zahl Anmeldungen. So sind die
Menschen, irdisch und unverändert. Und so sind die Menschen, sie tanzen
ebensowohl, ob der Tod in der Nacht wirklich zu ihnen kommt oder an
ihnen vorbeigeht -- für diesmal.

Manche Ungeduldige wollen in die Vorsehung eingreifen und reformieren;
sie planen eine von der jetzigen höchst verschiedene Welt, sie stellen
Programme auf, sie schaffen alle Schlechtigkeit ab. Dies tun sie nicht
aus Übermut, sie verdrehen nicht den Hals und krähen den Himmel
an, nein, sie beten und katzbuckeln sich vorwärts; sie wenden die
Notenblätter um und flüstern zärtlich dabei. Aber es wird nicht nach
den Noten der Menschen gespielt.

Wer hätte es ehrlicher verdient gehabt, in seinem Programm recht
zu bekommen, als der alte Postmeister, aber wer wurde am meisten
betrogen? Allerdings setzte ihn ein gewisser Postraub instand, für den
Rest seines Lebens ein Idiot zu sein, aber als Idiot konnte er den
damit verbundenen Segen nicht fassen. Oder wie, war er auch fernerhin
zufrieden, wenn auch auf einer neuen Grundlage, fühlte er, sah er
vielleicht tiefer als andere? Es war, als sei er in einer neuen Welt,
sei gleichsam eins mit dem Wind und den Sternen, als ein Teil von
allem, mit dem er auf der Strömung dahintrieb? Nahrung? Ja, Nahrung
nahm er auch zu sich, aber wie gleichgültig war es ihm, woraus sie
zubereitet war und ob er sie bekam! Ein Schatten, ein Schemen in
Kleidern, ein Abgestorbener, das einzige war noch, daß er das Licht sah
und mit den Augen blinzelte, er atmete ein und aus, wenn er erkältet
war, nieste er. Aber leisten konnte er nichts mehr. War er deshalb das
unglücklichste Geschöpf in der Stadt? Er redete nicht davon, er hätte
zuviel sagen können. Die Leute, die ihn gesehen hatten, fanden ihn
jetzt ruhig und gefaßt, er sah aufrichtig und natürlich aus, als ob er
sagen wollte: „Hier sitz' ich und bin wegen nichts und wieder nichts
Idiot, ich hab' meine Gründe dafür, ich hab' mich darein gefunden.”

Und die Dinge gehen ihren Lauf. Vielleicht hatte der Postmeister recht,
der meinte, das Leben werde hinter der sichtbaren Welt von einem großen
gerechten Gehirn geleitet. Es gab verschiedene in der Stadt, die
wahrhaftig allmählich zu diesem Glauben hinneigten. Wie hätte es sich
erklären lassen, daß alles eigentlich wieder ganz gut ging. Nun war
zum Beispiel die Werft wieder in Gang gesetzt worden. Es gab auch noch
andere freudige Ereignisse, aber daß die Werft ihre Tätigkeit wieder
aufnahm, das war einfach ein großes Glück für die Stadt. Kaspar hatte
wieder Arbeit, alle Arbeiter hatten ihren Verdienst wieder. Henriksen
selbst ist zwar wohl nicht gerade auf einen Schlag ein reicher Mann,
aber es ist ihm reiche Hilfe zuteil geworden. Es zeigte sich, daß
der Doppelkonsul wirklich noch einmal wohltun konnte, wenn er sich in
seinen Sessel setzte und die Leitung des Geschäfts übernahm.

Es geht also, alles miteinander geht, und vieles geht sogar gut. Was
am allerbesten geht, wissen wir nicht; hinaufsteigen und herabsinken
gehört wohl zum Ganzen, alles gehört zum Ganzen. Ein Licht brennt still
im Leuchter, die Tür wird aufgemacht, und das Licht geht aus. Wessen
Schuld ist es? Schuld, wieso?

„Laßt uns geduldig sein wie die Bäume im Walde!” sagt der Schmied
Carlsen. Er beurteilt es nun auf seine Weise, er ist begabt, deshalb
sagt er nicht viel, aber er gibt sich Mühe, Gott für jeden neuen Tag
dankbar zu sein. Es ist, als hätte er in der letzten Zeit nicht einmal
mehr das richtige Verständnis für sein altes Handwerk und die täglichen
Dinge. Da stehen sie nun in der Schmiede und sprechen miteinander vom
Tode des Olaus vom Wiesenrain und von vielem andern. Dann erzählt der
Schmied Carlsen von einer Zeit, wo er keine Kohlen bekommen konnte.
Er sagt, seine seien zu Ende gewesen und er habe einige Tage mit der
Arbeit aussetzen müssen. „In der ganzen Stadt hat es keine Kohlen
gegeben, kein Mensch hatte Kohlen. Es dauerte indes nicht viele Tage,
da kamen Gott sei Dank wieder Kohlen an, aber es hätte gewiß viel
länger gedauert, wenn sie nur bei mir allein gefehlt hätten.”

„Warum denn?” fragt Oliver.

„Viel länger,” antwortet der Schmied leise. „Denn ich hätt' es nicht
besser verdient. Um der andern willen ist mir geholfen worden.”

Da stand er wohl mit einer Art weisen Erkenntnis, war freundlich und
demütig, ein wenig dumm vielleicht auch, wie so vieles, was Weisheit
ist.

„Und wie geht es?” fragt Abel.

„Es geht gut.”

„Dein Schmiedknecht dort tut wohl seine Arbeit?” fragt er scherzend,
indem er auf den Maschinenhammer deutet. -- „Ja, Gott segne dich und
den Hammer!” sagt Schmied Carlsen. „So, es geht also gut!” sagt er.

Dann tritt er ans Fenster und schaut forschend unter die Bank. Abel
fragt, ob er etwas suche, und will ihm helfen. Nein, nein, sagt
er, er suche nichts, nein, nein. Dann findet er es, und er hat es
gewiß die ganze Zeit über gesehen, tut aber, als sei es etwas ganz
Unbedeutendes, das er einmal weggeworfen hat; es ist eine kleine Kiste
mit verschiedenen Säckchen darin, mit verschiedenen kleinen Säcken.

„Was ist das?” fragt Abel.

Ja, was ist's? Es liegt nur im Wege.

„Soll ich es auf der Esse verbrennen?”

Der Meister überhört die Frage und sagt: „Nur ein paar kleine Säcke;
jeder von ihnen hatte einen, es sind Sachen, die sie sich geschnitzt
haben. Jawohl, eine Weile haben sie gar soviel geschnitzelt, meist
wurden es natürlich nur Klötzchen, aber die einen waren Boote, und die
andern waren Ochsen, und einige waren Menschen aus kleinen Klötzen. Wir
haben sie aufgehoben, sie waren ihnen gar so wichtig, und jeder hatte
sein Säckchen. Daß die auch noch daliegen, es ist unglaublich! Ich will
sie mit hinaufnehmen und sie natürlich in den Ofen werfen.”

Abel bietet sich an, sie hinaufzutragen, aber der Meister geht selbst
mit seinen kostbaren Säcken nach oben.

Dann arbeitet Abel weiter. Ein Mann tritt herein und will ein paar
neue Wagenräder beschlagen haben; einem Prahmführer ist seine eiserne
Kette entzwei gegangen, sie könne doch wohl sofort zusammengeschweißt
werden. Abel schweißt eifrig. Er sagt zu seinem Vater: „Wenn du Zeit
hast, könntest du die Beschläge hier ein wenig putzen.” Das ist ihr Ton
untereinander, freundliche Zwiesprache wie früher, kein Befehlston. Und
der Vater bekommt sicherlich nicht den Eindruck, als treibe er sich nur
müßig in der Schmiede herum, sondern er ist da und dort notwendig und
erwidert: „Ich werde mir die Zeit dazu nehmen.”

Dann feilt Oliver die Beschläge blank, und es sind Henkel und
Eckbeschläge für eine Truhe. Sie kommt aufs Land hinaus, wo die Leute
noch solide Schmiedearbeit für ihre verschlossenen Truhen und Kisten
verlangen.

Und der Tag vergeht in der Schmiede, vergeht unter Arbeit und
Zwiesprache zwischen Vater und Sohn. Am Vormittag hat die Blaumeise auf
dem Weg zum Kaufmann in die Schmiede hineingesehen, da haben sie sich
zu dritt unterhalten. Da die Blaumeise ein helles Kleid trägt, steht
Abel von dem Kohlenhaufen auf und ladet sie zum Sitzen ein; nachher
behauptet er, sie habe einen Schmutzfleck auf der Stirn und drückt
einen rußigen Finger gerade auf die Stelle. Da muß der Vater ja den
Taschenspiegel herausziehen.

Sie sind vergnügt zusammen, keines ist dem andern im Wege, als die
Blaumeise wieder fortgeht, wird sie vermißt.

Am Abend will Oliver auf den Fischfang hinaus, es hat leicht zu regnen
angefangen, es ist also günstiges Wetter zum Fischen. Abel trifft mit
dem Vater im voraus Abrede und kauft ihm den erhofften Fang ab. „Wenn
du zurück bist, hänge ein nettes Fischbündel an die Küchentür von
Stadtingenieurs. Was willst du dafür?”

„Nichts will ich dafür,” erwidert der Vater.

„Oho, du möchtest wohl lieber anklopfen und eine tüchtige Bezahlung vom
Stadtingenieur selbst verlangen,” scherzt Abel. „Aber davon will ich
nichts wissen,” sagt er. „Hier sind zwei Kronen, mehr gibt's nicht!”

Oliver rudert hinaus und bleibt nicht lange fort, nach zwei Stunden
klärt sich das Wetter auf, und er kommt zurück. Er zieht die Fische
hübsch auf Schnüre und hinkt in die Stadt damit. Abel weiß vielleicht
recht gut, wohin er damit geht. Er geht an Stadtingenieurs vorbei und
geradeswegs nach dem großen steinernen Haus mit den Säulen davor; Blut
ist dicker als Wasser, er geht zu seinem Sohn, dem Schulvorsteher, und
bleibt da vor der Küchentür stehen. Hier macht er seinen Schuh mit
Speichel sauber, er wird für einen Augenblick unwahrscheinlich neu und
blank, und der Stelzfuß braucht nicht geputzt zu werden. Dann klopft
Oliver.

Das Dienstmädchen ist in der Küche, und Franks Frau, Konstanze von der
Werft, recht wohlbeleibt, weil sie guter Hoffnung ist, kommt heraus.
Oliver hat Takt und gute Manieren, er nimmt den Hut ab und reicht nun
seine Fische hin. Das Mädchen nimmt ihm das Bündel ab. Frau Konstanze
ist nicht hochmütig, sie dankt ihm persönlich für das Geschenk, sie
kennt ihren Schwiegervater, aber sie bietet ihm keinen Stuhl an. „Ach,
wenn wir diese Fische zum Mittag gehabt hätten!” sagt sie, um etwas
zu sagen. Oliver spielt sich ordentlich auf, genau wie wenn er selbst
von vornehmen Leute herstammte, und antwortet: „Soweit es in meiner
geringen Macht steht, werde ich das nächstemal früher kommen.” -- Nein,
entgegnet Frau Konstanze, er solle keine Fische mehr bringen, das wolle
sie nicht, da er doch lahm sei, und alles andere noch dazu. -- Oliver
pfeift auf diese Redensarten, pfeift natürlich nur ganz gemäßigt,
bewegt aber unaufhörlich die Hände, wie um anzudeuten, daß er nicht
lahm sei, o, er werde schon kommen --

„Du hörst ja, daß ich es nicht will,” sagt Frau Konstanze, „und ich
bin gewiß, daß es mein Mann auch nicht will,” sagt sie. Aber Oliver
versteht nichts und macht noch weiter. Da bleibt der jungen Frau nichts
anderes übrig, als das Mädchen irgend etwas Gleichgültiges zu fragen,
und als sie Antwort darauf bekommen hat, dreht sie sich um und geht
hinein. Oliver versucht sich indessen mit dem Mädchen zu unterhalten,
die Schwiegertochter ging vielleicht hinein, um etwas für ihn zu holen,
ein Stück Kuchen, eine kleine Erinnerung, es wäre ihm unangenehm
gewesen, zu verschwinden, während sie fort ist. Aber selbst das Mädchen
ist wortkarg. Er erkennt sie wieder, es ist das Mädchen vom Tanzsaal,
die mit der vollen Brust, er hat ihr damals Zuckerwaren gegeben.
Natürlich spielt er jetzt nicht auf jenen lustigen Abend an, nein, hier
im Hause ist Oliver ein anständiger Mann, er sagt, das sei einmal eine
schöne Küche, eine sehr hübsche Küche. -- O ja, erwidert das Mädchen.
-- „Ist der Schulvorsteher daheim?” fragt Oliver. -- Jawohl, der sei
daheim. -- „Was tut er, studiert wohl?” -- Das wisse sie nicht, sagt
das Mädchen und macht an ihrer eigenen Arbeit weiter. Oliver wartet
noch eine Weile, aber die junge Frau kommt nicht wieder heraus. Da sagt
er gute Nacht und geht.

Nichts ist im Wege, nichts unangenehm und verkehrt, Oliver fühlt sich
nur ein wenig erleichtert, daß er das Fischbündel losgeworden ist. Er
grübelt jetzt nicht. Wenn jemand daherkäme und ihm den Tod anböte, so
würde er ihn nicht annehmen, o, weit entfernt, das Leben ist nicht gar
zu schlimm, meint Oliver. Nicht alle Menschen haben es so gut wie er:
ein Dach über dem Kopfe, das tägliche Brot, ein Zweikronenstück in der
Tasche, Frau und Kinder, und was für Kinder! Er ist der unvergängliche
Menschenstoff.

Da hinkt er heimwärts. Er ist etwas marode, etwas unvollkommen, aber
was ist vollkommen? Er ist, sozusagen, ein Bild des Lebens in der
Stadt, es ist in ihm verkörpert, es kriecht, aber es ist darum doch
ebenso emsig. Es fängt am Morgen an und dauert bis zum Abend, dann
legen sich die Menschen schlafen. Und einige legen sich unter eine
geteerte Plane.

Kleines und Großes geschieht, ein Zahn fällt aus einem Munde, ein Mann
aus den Reihen heraus, ein Sperling auf die Erde herunter.



Knut Hamsun


Hunger

Roman. 18. Auflage

_Münchener Neueste Nachrichten_: Statt prunkhafter Ornamente gibt
Hamsun nur das jeweils Unerläßliche: in eherner Notwendigkeit aber
zugleich den Geist des Irregulär-Schicksalhaften, in dunkler Wahrheit
leuchtkräftige Schönheit. Die Holdheit einer Fabelliebe wärmt und
weckt Mitlust, ihre Schauer und Schauder reißen mit hinab in tiefes,
ungefaßtes Erdenleid. Die Unmittelbarkeit dieses grellsten Erlebens
ist nicht Lügen zu strafen: hier spricht eigenstes Erdulden sich aus
... Dieses Realismus grasse Unerbittlichkeit, nahezu schon bis in
Ironisierung ihrer selbst erhoben, ist unwiderstehlich. Ein altes Haus
erwächst in gespenstisch klare Wirklichkeit, eine Mansarde atmet,
je nach Dichters Geheiß, Leben oder Tod, und ein Mädchen eröffnet,
wunderlich liebevoll, die lange Reihe hamsunscher Frauen, deren
zauberischer Süße heute, in allem europäischen Dichten, einzig die
Herbheit hamsunscher Männer ebenbürtig ist.


Pan

Aus Leutnant Thomas Glahns Papieren. 21. Auflage

_Der Zwinger, Dresden_: ... Nein, alle fachkundige „Erotik”, alle
Nervenzerfaserung und die geschickteste Momentphotographie der Welt
konnten keinen „Pan” zustande bringen, diesen Hymnus der Liebe und
des Waldes. „Pan” war ein germanischer Mythos, eine heidnische
Natursage voll ewiger Gottmenschlichkeit, aber so, daß sie den
modernen Nerven erreichbar war, daß sie den Großstädter an der
Wurzel packte. Was des Germanen Gottesgeschenk und vielleicht seine
besonderste Menschenleistung ist, die tiefe Beseelung der Natur:
dieser Norweger hatte sie mit einem Male wieder ans Licht gehoben,
die alte Wunderblume, aber so rein, so künstlerisch vollendet, daß
sie allmenschlich wurde, daß alle Völker, die gegensätzlichsten,
und die ganze gegensätzliche Menschheit Europas dieses Entzücken
von einem Buche unmittelbar genießen konnten. Große, ungebrochene
Naturmenschlichkeit, urphantastische Menschennatur in ihrer ganzen mehr
als nur wahren, aber allerwahrhaftigsten Unwahrscheinlichkeit -- das
ist Hamsun.

Albert Langen, Verlag in München


Knut Hamsun


Victoria

Die Geschichte einer Liebe. 15. Auflage

_Die Zeit, Wien_: Hamsun hat in der Gefühlsstimmung auch diesmal
Saiten gerührt, die nur er so kennt, und mit Griffen, die nur er
so meistert. Er weiß mit fast unmerklichen Mitteln jene Situation
beklemmender Qual zu geben, in der die Lippen lächeln und die Herzen
verbluten; das Schmerzdurchbebte und Verzweiflungszerrissene, ohne daß
leidenschaftliche Worte sich entladen. Die Gefühle vibrieren wie die
schwebenden Rhythmen der Gedichte in Prosa seines „Pan”.

_Volksrecht_: „Victoria” ist nicht nur die _Geschichte_ einer
Liebe, sie ist ein modernes Hohelied der Liebe, eine ergreifende
Verherrlichung ihrer Allgewalt ... So einfach diese Fabel des Romans,
so konventionell sie fast erscheint, mit welcher _Glut_ hat Hamsun
sie erzählt. Welche tiefe Leidenschaft, aber auch welche ruhige,
große Resignation spricht aus derselben. Wir kennen wenige Bücher der
modernen Literatur, ja der Literatur überhaupt, die einen tiefern und
nachhaltigeren Eindruck auf uns gemacht haben.


Kinder ihrer Zeit

Roman. 11. Auflage

_Das literarische Echo, Berlin_: Das Buch lebt vom Unausgesprochenen.
Es ist ganz mit Silberstift geschrieben, eine Zeichnung aus feinstem
Strich. Stimmungen, aus drei Worten quellend. Charaktere, in einem
Dialogfetzen aufglänzend. Ereignisse, aus ihren Schatten ablesbar. Also
ein echter Hamsun. Der Kritik entrückt wie alles, was uns unmittelbar
ans Herz greift. Denn es gibt nur zweierlei: man liebt Hamsun, oder man
wirft ihn böse in die Ecke. Von beiden Sorten Lesern gibt es viele, von
den erzürnten sicherlich mehr. Man begreift es nicht. Kann irgendein
Mensch und Menschlicher zum Beispiel ohne tiefste Erschütterung
lesen, wie hier der kleine Willatz auf Freundschaft ausgeht und mit
Kätnerjungen erste Erfahrungen sammelt? Oder wie er Mariane, des
Holmengraa Tochter lieben lernt? Zwei winzige Liebesszenen zwischen
Sechzehnjährigen. Aber so herrlich, so heilig, daß das Buch in der Hand
zittert; man hat Scheu, weiterzulesen. Man möchte die Augen schließen,
da das Allerheiligste des Herzens enthüllt wird. Hamsun ist der Geist
der Liebe.

Albert Langen, Verlag in München


Knut Hamsun


Die Stadt Segelfoß

Roman. 8. Auflage

_Weserzeitung, Bremen_: Unter die wenigen Heutigen, die uns mehr geben
als Unterhaltung und „Literatur”, müssen wir Knut Hamsun rechnen ...
weil er ein wahrer Dichter und Künder ist.. Er schreibt _Geschichte
unserer Zeit_. Aber nicht als predigender Reformator, sondern als
Beobachter, halb spöttisch, halb mitleidig, geruhsam und doch voll
kämpfenden Temperaments. Das kleine ärmliche Segelfoß wächst sich zu
einem _Jahrmarkt der Menschheit_ aus ... Dieses Innermenschliche und
Gemeingültige schildert uns ein Dichter voll sensitiven Empfindens,
voll heißer Liebe zu diesem merkwürdigen Geschlecht unserer Tage, voll
stärkster Naturhaftigkeit. Schildert es uns in einer Sprache voll
innerlicher Schönheit und Abgeklärtheit. So entzündet er auch in uns
die Kräfte, die ihn zwangen zum schöpferischen Gestalten, und bringt
uns zu jenem Mitleben und Mitempfinden, das wir von Keller, Raabe,
Storm und ganz wenigen Großen her kennen. Lest Knut Hamsun! Gepriesen
sei er in unseren Tagen.


Segen der Erde

Roman. 23. Auflage

_Die Hilfe, Berlin_: Ein Epos ist hier geschaffen, das an Homer gemahnt
und dem man doch wieder unrecht täte, wenn man es mit ihm vergliche, so
selbständig, ohne Vorbild und Anlehnung, steht es da. Wahrhaftigkeit,
Einfachheit, Schönheit -- Besseres kann man von einem Buche nicht sagen.

_Frankfurter Zeitung_: Eine Urgeschichte von Urmenschen in einer
Siedlung auf nordischem Ödland. Aus unserer Zeit -- denn immer wartet
ein Stück Wildnis auf die wilden Menschen, um sie zu Menschen zu
machen -- aber auch aus alter Zeit, seit dem Verluste des Paradieses,
seit den Urvätern mit ihren Herden und Streitigkeiten, auf denen
eines strengen Gottvaters ernstes Auge ruht heute wie je. Das ist
der große Wurf des neuen Hamsunschen Romanes „Segen der Erde”, vom
Einzelnen aufs Allgemeine beschränkt, vom Allgemeinen ins Besondere
erweitert ... Nicht nur der skandinavische Norden, Europa hat keinen
menschlich-urweltlicheren Schöpfergeist als diesen Ödlandbauern,
Fischer und Jäger und Wandersmann: Knut Hamsun.

Albert Langen, Verlag in München


Knut Hamsun

                 Gesammelte Werke

            Neue Ausgabe in zwölf Bänden,
      besorgt und herausgegeben von _J. Sandmeier_

  Band 1: Romane (Hunger. Mysterien)

  Band 2: Romane (Redakteur Lynge. Neue Erde)

  Band 3: Romane (Pan. Victoria. Schwärmer)

  Band 4: Romane (Benoni. Rosa)

  Band 5: Romane (Unter Herbststernen. Gedämpftes Saitenspiel.
          Die letzte Freude)

  Band 6: Romane (Im Märchenland. Unter dem Halbmond. Kinder ihrer Zeit)

  Band 7: Romane (Die Stadt Segelfoß)

  Band 8: Romane (Segen der Erde)

  Band 9: Romane (Die Weiber am Brunnen)

  Band 10: Novellen

  Band 11: Dramen (An des Reiches Pforten. Spiel des Lebens. Abendröte.
           Vom Teufel geholt)

  Band 12: Dramen (Munken Vendt. Königin Tamara)

Abnahme des ersten Bandes verpflichtet zur Abnahme der weiteren Bände

Einzeln werden die Bände nicht abgegeben

_Breslauer Zeitung_ (bei der Zuerteilung des Nobelpreises für Literatur
an den Dichter): Knut _Hamsun_ ist neben Kielland und Garborg als
der glänzendste Vertreter der norwegischen Erzählerkunst, ja als der
bedeutendste und universellste Romancier Norwegens bekannt. In seinen
Werken ist die Fülle eines bunten, abenteuerreichen Lebens und einer
ungemein starken und reichen Seele, ist primitive Ursprünglichkeit
und keuscheste Zartheit, qualvolle Wirklichkeit und verklärende
Märchenstimmung, überwindender Humor, und lyrisch tönende Sehnsucht.

Albert Langen, Verlag in München


Werke von Knut Hamsun

In Einzelausgaben erschienen:

  _Hunger_ Roman                                  18. Auflage
  _Mysterien_ Roman                               12. Auflage
  _Neue Erde_ Roman                                8. Auflage
  _Pan_ Roman                                     21. Auflage
  _Redakteur Lynge_ Roman                          6. Auflage
  _Victoria_ Die Geschichte einer Liebe           15. Auflage
  _Die Königin von Saba_ Novellen                  3. Auflage
  _Sklaven der Liebe_ Novellen                     6. Auflage
  _Im Märchenland_ Erlebtes und Geträumtes
    aus Kaukasien                                  3. Auflage
  _Kämpfende Kräfte_ Novellen                      3. Auflage
  _Schwärmer_ Roman                                3. Auflage
  _Unter dem Halbmond_ Reisebilder aus der Türkei  3. Auflage
  _Benoni_ Roman                                   5. Auflage
  _Rosa_ Roman                                     3. Auflage
  _Unter Herbststernen_ Erzählung                  3. Auflage
  _Gedämpftes Saitenspiel_ Erzählung               5. Auflage
  _Die letzte Freude_ Roman                        7. Auflage
  _Kinder ihrer Zeit_ Roman                       11. Auflage
  _Die Stadt Segelfoß_ Roman                       8. Auflage
  _Segen der Erde_ Roman                          23. Auflage
  _Die Weiber am Brunnen_ Roman                   15. Auflage
  _Erzählungen_ Ausgewählt und eingeleitet von
    Walter von Molo                               20. Auflage
  _Abenteurer_ Ausgew. Novellen                   15. Auflage
  _An des Reiches Pforten_ Schauspiel
  _Abendröte_ Schauspiel
  _Munken Vendt_ Dramatisches Gedicht
  _Königin Tamara_ Schauspiel
  _Spiel des Lebens_ Schauspiel
  _Vom Teufel geholt_ Schauspiel

Albert Langen, Verlag in München


  Druck von Hesse & Becker in Leipzig
  Einbände von E. A. Enders in Leipzig



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  | Anmerkungen zur Transkription                                  |
  |                                                                |
  | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen    |
  | gebräuchlich waren, wie:                                       |
  |                                                                |
  | anderen -- andern                                              |
  | bankerott -- bankrott                                          |
  | benutzen -- benützen                                           |
  | besonderen -- besondern                                        |
  | besseren -- bessern                                            |
  | breitschulterig -- breitschultrig                              |
  | Gesell -- Geselle                                              |
  | Gespräches -- Gesprächs                                        |
  | Josef -- Joseph                                                |
  | Kaufmannstand -- Kaufmannsstand                                |
  | Modegeschäft -- Modengeschäft                                  |
  | nachwägen -- nachwiegen                                        |
  | schwatzest -- schwatzst                                        |
  | seiest -- seist                                                |
  | teueren -- teuern                                              |
  | teuere -- teure                                                |
  | ungeheuere -- ungeheure                                        |
  | unseren -- unsern                                              |
  |                                                                |
  | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert.                 |
  | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen:                |
  |                                                                |
  | S.   9 „Juppe” in „Joppe” geändert.                            |
  | S.  14 „Oliver mußt” in „Oliver mußte” geändert.               |
  | S.  20 „kaput” in „kaputt” geändert.                           |
  | S.  24 „Racken” in „Nacken” geändert.                          |
  | S.  74 „geklascht” in „geklatscht” geändert.                   |
  | S.  81 „Schließsich” in „Schließlich” geändert.                |
  | S.  87 „Mannschaftlogis” in „Mannschaftslogis” geändert.       |
  | S.  91 „leeeren” in „leeren” geändert.                         |
  | S. 109 „Zündplätzchen” in „Zündplättchen” geändert.            |
  | S. 114 „totlangweilige” in „todlangweilige” geändert.          |
  | S. 155 „Frau Johnson” in „Frau Johnsen” geändert.              |
  | S. 158 „in seine Koje” in „in seiner Koje” geändert.           |
  | S. 162 „Contesse” in „Comtesse” geändert.                      |
  | S. 163 „Hardevogts” in „Hardesvogts” geändert.                 |
  | S. 165 „Hardevogtsohn” in „Hardesvogtsohn” geändert.           |
  | S. 165 „Sahnenwaffeln” in „Sahnewaffeln” geändert.             |
  | S. 166 „Hardevogtsohn” in „Hardesvogtsohn” geändert.           |
  | S. 184 „Kasper” in „Kaspar” geändert.                          |
  | S. 196 „Wirrwar” in „Wirrwarr” geändert.                       |
  | S. 203 „aus dem Hanse” in „aus dem Hause” geändert.            |
  | S. 203 „totsicher” in „todsicher” geändert.                    |
  | S. 205 „jungen Bursche” in „jungen Burschen” geändert.         |
  | S. 205 „direktement” in „directement” geändert.                |
  | S. 207 „Komteß” in „Komtesse” geändert.                        |
  | S. 210 „Komteß” in „Komtesse” geändert.                        |
  | S. 228 „Küsterssohn” in „Küstersohn” geändert.                 |
  | S. 233 „setzst” in „setzt” geändert.                           |
  | S. 239 „Kristiania” in „Christiania” geändert.                 |
  | S. 240 „Kasper” in „Kaspar” geändert.                          |
  | S. 241 „Kristiania” in „Christiania” geändert.                 |
  | S. 255 „edeln Naturgenuß” in „edlen Naturgenuß” geändert.      |
  | S. 282 „Wirrwar” in „Wirrwarr” geändert.                       |
  | S. 315 „ihn” in „ihm” geändert.                                |
  | S. 320 „verweifelte” in „verzweifelte” geändert.               |
  | S. 336 „sanfmütig” in „sanftmütig” geändert.                   |
  | S. 372 „paradisisch” in „paradiesisch” geändert.               |
  | S. 394 „nützt den Doktor” in „nützt dem Doktor” geändert.      |
  | S. 414 „Reeling” in „Reling” geändert.                         |
  | S. 416 „Fallrep” in „Fallreep” geändert.                       |
  | S. 421 „in seinen Programm” in „in seinem Programm” geändert.  |
  | S. 422 „Schmiedsknecht” in „Schmiedknecht” geändert.           |
  |                                                                |
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