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Title: Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1
Author: Hauff, Wilhelm
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1" ***

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    Anmerkungen zur Transkription


    Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
    ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
    ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so gekennzeichnet=.

    Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
    Buches.

[Illustration: W. Hauff.]



    Wilhelm Hauffs

    sämtliche Werke in sechs Bänden

    Mit einer biographischen Einleitung
    von _Alfred Weile_

    Neu durchgesehene Ausgabe
    :: :: in neuester Rechtschreibung :: ::

    Erster Band.

    A. Weichert, Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei
    Berlin NO.⁴³       Neue Königstr. 9



Erster Band.

Hauffs Leben von Alfred Weile.

Gedichte. -- Novellen I.



Inhaltsverzeichnis.


                                         Seite

    Biographische Einleitung                 5

    Gedichte                                17

    Novellen. Erster Teil                   57



            Nachdruck verboten.



Hauffs Leben.

(Nach _G. Schwab_.)


_Wilhelm Hauff_ ward zu Stuttgart, wo sein Vater als Regierungssekretär
lebte, am 29. November 1802 geboren. Er war erst sechs Jahre alt, als
sein Vater, der als »Anhänger des guten alten Rechts« (1799) acht
Monat schuldlos im Gefängnis auf Hohenasperg saß, nach Tübingen an das
Oberappellationstribunal versetzt wurde, 1808 als Ministerialsekretär
wiederum nach Stuttgart berufen, dort im darauffolgenden Jahre starb.
Seinen Großvater, der Landschaftskonsulent war, hat Hauff trefflich
in dem alten, ehrenfesten, am Rechte haltenden Lanbek im »Jud Süß«
gezeichnet. Die Witwe Hauff, Tochter des Obertribunalrats _Elsäßer_
in Tübingen zog nach dem Tode ihres Gatten mit ihren Kindern nach
ihrer Vaterstadt zurück. Diese vortreffliche Frau hatte durch ihre
sittliche, veredelnde Erziehung einen wohltätigen Einfluß auf das
weiche, empfängliche Gemüt des Knaben; sein Talent zu erzählen, bildete
sich im häuslichen Kreise unter der Mutter, die selbst eine vorzügliche
Erzählerin war, und der Schwester früh aus.

Er besuchte mit seinem älteren Bruder Hermann, der ein großes
Sprachentalent und Gedächtnis vor ihm voraus hatte, die ~Schola
anatolica~ -- nach dem ~Mons anatolicus~, einem Vorhügel des
Oesterberges bei Tübingen benannt.

Eine rege Aufmerksamkeit auf alles und ein glückliches
Auffassungsvermögen führten ihn zur selbständigen Ausbildung seines
Geistes; auffallend war schon im zehnten und elften Jahre sein Hang zu
den Gebilden der Phantasie und er schwärmte für leichte Historien und
Romane; mit sehr viel Laune hat er später in seinem ersten Bande der
»Memoiren des Satan« diese Neigung dargestellt und uns ein komisches
Bild von seinem eigenen poetischen Treiben in der Schule gegeben.
Wenig geneigt zu den lärmenden Spielen der Knaben im Freien, war
den Brüdern der große Büchersaal des alten Großvaters der liebste
Tummelplatz, wo die Knaben in mannigfaltigen Spielen darstellten,
was sie in den Bildern der Folianten gesehen hatten; namentlich
prägte sich ihnen das Mittelalter und die Zeit des Uebergangs in die
neuere Geschichte lebhaft ein; auch die neueste Geschichte ging nicht
leer aus, und hier waren es die Gespräche des Großvaters mit seinen
Freunden, denen die Knaben unbemerkt hinter dem Ofen lauschten; in
seinen Novellen finden sich oft Eindrücke aus der napoleonischen Epoche
wieder.

Auf diesem Wege schuf sich der jugendliche Geist aus den mannigfachen
Bildern ein Bild der Natur und des Menschen, dessen Umrisse immer
bestimmter und fester wurden; er gewöhnte sich früh daran, jene Bilder
mit Sicherheit im Gespräche zu handhaben, und legte dadurch den Grund
zu der Darstellungsgabe, die später sein Hauptverdienst war.

Sein überraschendes Deklamationstalent gab die Veranlassung, ihn zum
künftigen Prediger zu bestimmen und er wurde mit ziemlich mittelmäßigen
Kenntnissen 1817 in die Klosterschule zu Blaubeuren aufgenommen.
Viel hatten zur Vernachlässigung der klassischen Studien eine zarte
Konstitution und periodische Krankheit beigetragen und erst in dem
prächtigen gesunden Albtale bei Blaubeuren fing seine Gesundheit an zu
erstarken.

Mit mehr Sinn für Literatur und Kunst als für Theologie und Philologie
bezog er 1820 die Universität Tübingen. -- Wenn er auch wenig
Geschick zu den ritterlichen Fertigkeiten des Burschenlebens zeigte,
so nahm er doch an allem lebendigen Anteil, was jugendliche Gemüter
in jener Periode begeisterte und er tat sich unter den Dichtern und
Rednern der damals, wenigstens noch in Tübingen und anderen kleineren
Universitäten, blühenden Burschenschaften hervor. Die Stimmung der
Zeit, die wehmutsvolle Sehnsucht nach Freiheit, die Erinnerung an die
zahlreichen Siege und Opfer spricht sich in vielen seiner Gedichte aus;
auch wurden einige seiner Lieder bei dem Wartburgfeste vorgetragen.

Den engern Kreis seiner Freunde ergötzte er durch seine glücklichen
Einfälle, seine Gesprächigkeit und Munterkeit, seine Extravaganz.
Doch selbst im Zustande burschikoser und geselliger Exaltation ließ
er nie Besonnenheit vermissen. Obgleich jugendlich-eitel, reizbar
und empfindlich, hörte er doch mit seinem Humor nicht, wie so viele
Humoristen, an sich selbst auf, sondern er war der erste, der seine
eigenen kleinen Schwachheiten zu bespötteln und in ihrer Beharrlichkeit
als Karikatur an sich selbst darzustellen kein Bedenken trug. Zuweilen
warf er seine Einfälle aufs Papier mit seltener Leichtigkeit und
Gewandtheit, weder eigene noch fremde Schwäche scheuend.

1824 machte er das Doktorexamen und sah sich als Kandidat der Theologie
nach einer geeigneten Stelle um. Durch die Vermittlung eines älteren
Freundes fand er in dem Hause des Kriegsrat-Präsidenten General
Freiherr _von Hügel_ in Stuttgart eine Stellung als Hauslehrer
und bekleidete diese Stelle bis zum Frühjahr 1826. In dieser
liebenswürdigen, feingebildeten Familie lernte er die Formen des
höheren geselligen Lebens in der Nähe kennen; der heitere, natürliche
Ton des Hauses erlaubte ihm, manches schöne, frische Bild aus dem
Leben aufzufassen, und solche lebendige Eindrücke blühten unmittelbar,
nachdem er sie empfangen, als irgend eine anmutige Schilderung in
seinen Dichtungen wieder auf. Seine Stellung ließ ihm Zeit zu Studien
und Arbeiten; auch bestand er 1825 das zweite theologische Examen.

Das erste kleine Werk, mit dem er 1825 öffentlich auftrat, ist der
»_Märchenalmanach_ auf das Jahr 1826 für Söhne und Töchter gebildeter
Stände«. Zunächst für seine Zöglinge niedergeschrieben, beweist diese
kleine Sammlung Hauffs eigentliches Dichtertalent; diese Märchen, deren
ursprünglicher Stoff zwar nicht ihm selbst angehört, die jedoch mit
freiem Phantasiespiel behandelt und schön abgerundet sind, gehören
mit zu den besten seiner Werke; im Almanach für 1827 folgte eine
weitere Reihe prächtiger Märchen. Die besten davon, die nicht allein
jugendliche Gemüter fesseln, sondern auch von dem gereiften Manne
mit immer neuer Freude gelesen werden können, gehören nicht rein dem
Gebiete des Märchenhaften an -- nein! diese sagenhaften Geschichten
aus dem Spessart ergreifen das Herz und eine lebendige unvergängliche
Jugendfrische steigt aus diesen Gebilden hervor.

Unmittelbar auf diesen ersten Märchenalmanach folgt der erste Teil
der »_Mitteilungen aus den Memoiren des Satan_«, die reich an heller
Phantasie und glücklicher Darstellungsgabe sind und in denen ein kecker
Humor und treffende Satire walten. Die barocke Studentenwelt, von deren
Anschauung der junge Mann eben erst herkam, gab ihm hier vielfache
Gelegenheit, sein Talent zu üben; diese Satansmemoiren erregten
Aufsehen und verschafften dem Verfasser einen ausgebreiteten Ruf,
erzeugten aber auch seiner Zeit durch ihre satirischen Ausfälle manchen
Aerger, manche Empfindlichkeit und besonders wurde ihm der Angriff
auf Goethe und seinen Faust sehr verübelt. Manche dieser Skizzen, in
denen er Figuren aus seinen Bekanntenkreisen gezeichnet hat, sind von
zwingendem Humor und reicher Satire, in denen Hauff eine Meisterschaft
besaß. Die Novelle »Der Fluch« scheint Hauff eingeflochten zu haben,
weil er vielleicht die eigentliche Lust zur Fortsetzung dieser
Mitteilungen verlor.

Da Hauff merkte, wie leicht ihm die Darstellung wurde und daß ihn
seine Beobachtungsgabe auch für moderne Stoffe befähigte, entschloß
er sich aus der idealen Märchen- und Phantasienwelt in die realere
des Konversationslebens überzugehen. Im Winter 1825 bis 1826 schrieb
er den »_Mann im Mond_«, einen kleinen Roman aus dem modernen Leben.
Nach Andeutungen von G. Schwab und nach den Erinnerungen von _Wolfgang
Menzel_ scheint Hauff zuerst lediglich die Absicht gehabt zu haben, das
große Publikum zu interessieren. Wolfgang Menzel, der das Manuskript
gelesen hatte, machte ihm die größten Vorwürfe, ein Machwerk ~à la~
Clauren (Hofrat Heun in Berlin) geschrieben zu haben, und daß sein Flug
nicht höher ginge als der des Berliner Hofrats. Er gab ihm den Rat, die
Farben noch viel stärker aufzutragen und dann das Buch unter Claurens
Namen erscheinen zu lassen. Hauff befolgte den Rat. Es steht jedoch
noch in Frage, ob Menzels Darstellung eine richtige ist; sie wird von
vielen neuerdings bestritten. Jedenfalls schaffte Hauff somit eine
köstliche Satire auf Clauren, eine verkehrte und verwerfliche Manier
mehr durch Uebertreibung, als durch Spott und Verhöhnung derselben
bekämpfend.

Wilhelm Hauff fühlte jedoch später, was er sich denjenigen gegenüber
schuldig war, die ernstere Rechenschaft von dem Schriftsteller
fordern; er griff den Gegner in seiner durch Gesinnung und Ausdruck
nicht minder als durch beißenden Witz und echten Humor ausgezeichnete
»_Kontroverspredigt_« auf eine gründlichere und entschiedenere Weise
an. Seine Kontroverspredigt ist eine von sittlicher Entrüstung
getragene vernichtende Kritik der Claurenschen Manier.

Der Ruhm, den Hauff bei dem großen Publikum durch seinen »_Mann im
Mond_« gefunden und die Lust, sich mit modernen Schriftstellern zu
messen, führte ihn immer mehr den Darstellungen der modernen Welt und
dem eigentlichen Konversationstone in der _Novelle_ zu. So entstand
eine Reihe von Erzählungen, die in belletristischen Zeitschriften und
Taschenbüchern erschienen -- nur »_Jud Süß_« schrieb er später -- und
der _zweite Teil der Satansmemoiren_.

Der Erfolg, den Walter Scott mit seinen historischen Romanen auch in
Deutschland hatte, veranlaßte ihn, einen deutsch-historischen Roman
zu schreiben, und er begann seinen »_Lichtenstein_,« den er in sehr
kurzer Zeit beendete. Diese romantische Sage fand großen Beifall in
ganz Deutschland. Der anmutige Stoff ist keine Sage, sondern reine
Erfindung des Verfassers, die sich wie Efeu hinaufrankt an das alte
Felsenschlößchen Lichtenstein. Trotz mancher Mängel der Anlage und
Charakterzeichnung sind doch große Schönheiten im einzelnen und Hauff
würde bei einem zweiten Romane dieser Art gewiß etwas Vollkommenes
erreicht haben. Hauff ist in der Charakterisierung des Herzogs Ulerich
von Württemberg bedeutend von der historischen Wahrheit abgewichen
und hat ihn viel zu ideal geschildert, sich auch im ganzen große
geschichtliche Licenzen erlaubt, doch spricht aus diesem Roman ein
so edler, hoher Sinn, er ist so getragen von des Autors liebevoller
Vertiefung in die Vergangenheit seines Heimatlandes, so viele
erschütternde, poetische und auch komische Szenen schmücken das Werk,
daß »Lichtenstein« stets eine Perle unseres Sagenschatzes bleiben und
zu den Lieblingsbüchern unseres Volkes gehören wird.

Nach Vollendung seines Lichtensteins verließ Hauff seine bisherigen
Verhältnisse. Der Ertrag seiner literarischen Arbeiten erlaubte ihm
eine Reise zunächst über Frankfurt und Mainz nach Paris und dann durch
Belgien und Norddeutschland. Seine Liebenswürdigkeit erwarb ihm auf
diesen Wanderungen allenthalben, besonders in Dresden, Berlin und den
Hansestädten persönliche Freunde unter allen Klassen der Gesellschaft.

Durch den Kriminaldirektor _Hitzig_ in Berlin, den er in Hamburg kennen
gelernt hatte, wurde dem jungen Württemberger der Aufenthalt in der
preußischen Hauptstadt so angenehm wie möglich gemacht, namentlich
dadurch, daß er ihn mit den literarischen Kreisen vorzüglich mit
der berühmten Mittwochs-Gesellschaft und ausgezeichneten Männern in
Verbindung brachte. Im Spätherbst 1826 kehrte er nach Stuttgart zurück,
durch Eindrücke gestärkt und Erfahrungen bereichert. Für die Poesie
trugen Hauffs Reisen nur _eine_ zur vollen Reife gekommene Frucht,
die prächtigen »_Phantasien im Bremer Ratskeller_«, womit er im Herbst
1827 den Freunden des Weines ein Geschenk machte. Diese glückliche
Mischung von übermütigem Humor und poetischem Ernst, diese lebendige
Charakterisierung der köstlichen Figuren sichern den Phantasien durch
ihre echte, feurige Poesie einen dauernden Wert. Kurz vorher hatte er
die Erzählung »_Das Bild des Kaisers_« geschrieben, in der historische
und poetische Wahrheit zugleich enthalten ist; er hat hierin dem
obengenannten Baron von _Hügel_ ein Denkmal gesetzt, der seiner Zeit
Adjutant von Napoleon war.

Nach der Heimat zurückgekehrt, übernahm Hauff am 1. Januar 1827 die
Redaktion des im Cottaschen Verlage erscheinenden »Morgenblatts für
gebildete Stände,« dem er einen neuen Aufschwung verlieh; er brachte
in demselben einige Abhandlungen und Skizzen. Im Februar desselben
Jahres verheiratete er sich mit einer Cousine seines Namens, mit der
ihn längst eine zarte Neigung verbunden hatte. Seine Freunde erzählen
heitere Geschichten von dem Bestreben des jungen Mannes, diese
Liebe, die den Verhältnissen gemäß den allergeradesten Gang hätte
nehmen müssen, ins Gebiet des Phantastischen und selbst der Intrige
hinüberzuziehen, so sehr war ihm romantische Verwicklung auch im
täglichen Leben Bedürfnis. Dieser Bund schien übrigens sein Lebensglück
dauerhaft zu begründen und gab ihm neue Lust zur Arbeit. Er trug sich
mit dem Gedanken, einen historischen Roman zu schreiben, dem die Kämpfe
in Tirol im Jahre 1809 zugrunde liegen sollten, und zu diesem Zwecke
machte er im Juli eine Reise nach Tirol. --

Leider nahte ihm im neuen, jungen Glücke ein früher Tod.

Die Freude über die Geburt eines Töchterchens fand ihn schon durch
Unpäßlichkeit gedrückt, die durch angestrengte Dienste am Kranken- und
Sterbebette eines durch einen Sturz verunglückten teueren Freundes
verursacht war. Bei der Beerdigung eines andern lieben Freundes zog
er sich eine heftige Erkältung zu, und ein tückisches Nervenfieber
beschlich den Widerstrebenden, der gewaltsam zur gewohnten und ihm so
lieben Arbeit zurückkehren wollte.

Wenige Stunden, so erzählt sein Bruder, bevor das Fieber seine Sinne
in wilden Taumel riß, belebte die Freude zum letztenmal seine Züge bei
der Kunde von der Seeschlacht bei Navarin; das Ereignis, das so viele
Dichter zu politisch-poetischen Erzeugnissen begeisterte und Freude in
der ganzen gebildeten Welt erregte, konnte er nicht mehr besingen,
er konnte sich nur darüber freuen; er nahm die Freude hinüber in des
Fiebers Wahnsinn, und es war rührend zu hören, wie er, sich für den
Schlachtboten nach dem Jenseits haltend, mehr als einmal rief: »Laßt
mich, ich muß hin, ich muß es Müller sagen!« denn kaum vor zwei Monaten
hatte er in Stuttgart _Wilhelm Müller_, den Sänger der Griechenlieder,
persönlich kennen gelernt und seit wenigen Wochen seinen jähen Tod
betrauert.

Wilhelm Hauff entschlief sanft, indem er von den Seinigen Abschied nahm
und Gott »_seinen unsterblichen Geist_« empfahl, am 18. November 1827.
Die Teilnahme an seinem frühen Tode war allgemein und sie sprach sich
in Stuttgart durch eine sehr zahlreiche Begleitung zum Grabe laut und
rührend aus. Seine geistigen Mitarbeiter wetteiferten, ihn in Nachrufen
zu feiern.

Den schönsten Nachruf widmete Wilhelm Hauffs frühem Hinscheiden _Ludwig
Uhland_:

    Dem jungen, frischen, farbenhellen Leben,
    Dem reichen Frühling, dem kein Herbst gegeben,
    Ihm lasset uns zum Totenopfer zollen
    Den abgeknickten Zweig -- den blütenvollen!

    Noch eben war von dieses Frühlings Scheine
    Das Vaterland beglänzt. -- Auf schroffem Steine,
    Dem man die Burg gebrochen, hob sich neu
    Ein Wolkenschloß, ein zauberhaft Gebäu.
    Doch in der Höhle, wo die stille Kraft
    Des Erdgeists -- rätselhafte Formen schafft:
    Am Fackellicht der Phantasie entfaltet,
    Sah'n wir zu Heldenbildern sie gestaltet;
    Und jeder Hall, in Spalt und Kluft versteckt,
    Ward zum beseelten Menschenwort erweckt.

    Mit Heldenfahrten und mit Festestänzen,
    Mit Satirlarven und mit Blumenkränzen
    Umkleidete das Altertum den Sarg,
    Der heiter die verglühte Asche barg:
    So hat auch er, dem uns're Träne taut,
    Aus Lebensbildern sich den Sarg erbaut.

    Die Asche ruht -- der Geist entfleucht auf Bahnen
    Des Lebens, dessen Fülle wir nur ahnen,
    Wo auch die Kunst ihr himmlisch Ziel erreicht
    Und vor dem Urbild jedes Bild erbleicht.

Hauffs literarischer Nachlaß war gering; die erste Ausgabe seiner
sämtlichen Werke wurde durch _Gustav Schwab_ veranstaltet, der
mit ihm im persönlichen Verkehr gestanden hatte. Hauffs heiterer,
phantasievoller Geist, sein sinnendes Gemüt, sein jugendfrisches,
liebenswürdiges Wesen spricht lebendig aus allen seinen Werken, die
hierdurch und durch das gewandte Erzählertalent ihren Wert erhielten
und zu Schätzen deutscher Literatur wurden.

            =Alfred Weile.=



Gedichte.



Gedichte.


                                                 Seite

    Der Schwester Traum                             17

    Mutterliebe                                     19

    An die Freiheit                                 20

    1. Zur Feier des 18. Junius 1824                21

    2. Zur Feier des 18. Junius 1823                23

    3. Zur Feier des 18. Junius 1824                23

    4. Zur Feier des 18. Junius 1824                24

    Turnerlust                                      25

    Das Burschentum                                 26

    Trinklied                                       27

    Reiters Morgengesang                            28

    Soldatenmut                                     29

    Prinz Wilhelm                                   30

    Soldatentreue                                   32

    Soldatenliebe                                   33

    Hans Huttens Ende                               33

    Entschuldigung                                  35

    Jesuitenbeichte                                 37

    Regel für Kranke                                38

    Schriftsteller                                  39

    Lehre aus Erfahrung                             40

    Amor der Räuber                                 40

    Stille Liebe                                    41

    Hoffe                                           41

    Trost                                           43

    Sehnsucht                                       44

    Ihr Auge                                        45

    Serenade                                        46

    Lied aus der Ferne                              46

    Die Freundinnen an der Freundin Hochzeittage    47

    An Emilie                                       48

    Der Kranke                                      49

    Grabgesang                                      50

    Aus dem Stammbuche eines Freundes               51

    Logogryph                                       51

    Rätsel, drei                                    52

    Scharade                                        53



Der Schwester Traum.


    Sie schläft. -- Es ist die letzte Nacht des Jahres,
    Und wenn die Morgenglocken wieder tönen,
    Grüßt eine neue Zeit das holde Kind.

      Man sagt, in dieser letzten Mitternacht
    Entsteigen ihren Gräbern manche Schatten,
    Die Seelen schweben von dem Himmel nieder,
    Die Heimat und die Freunde zu besuchen.
    Auch _sie_ gedachte dieser alten Sage,
    Als sie im stillen, einsamen Gemach
    Die Ruhe suchte, und den schönen Augen
    Entströmten Tränen. Doch, nicht kind'sche Angst
    Vor der geheimnisvollen Wiederkehr
    Geschiedner Geister trübte ihre Blicke;
    Nein, die Erinnrung an geliebte Schatten,
    Die Wehmut um so manches teure Grab
    Senkte sich nieder in die stille Seele;
    Sie hat für sie gebetet und geweint.

      Sie schlummert, und es nahen die Verlornen,
    Die schönen Toten, ihrem stillen Lager;
    Die Schwestern ihrer Jugend stehen auf
    Von einer Welt, wo keine Blüte stirbt.

      Erkennst du sie? Du siehst sie nimmer wieder
    Als blühende, als irdische Gestalten;
    Nicht wie sie Blumen pflückten, Kränze banden,
    Nicht wie sie um den trauten Winterherd
    Die schaurig schönen Märchen dir erzählten,
    Nicht wie du ihnen unter Lust und Scherz
    Zum Maientag die schönen Haare flochtest: --
    Dies alles blieb in ihrem frühen Grab.
    Sie nahen dir mit geisterhaftem Schimmer,
    Umstrahlt von heil'gem, überird'schem Glanz.
    Doch, sind die Blütenkränze abgestreift,
    Ist ihrer Jugend Schmuck im Sarg zerfallen,
    Sie bringen doch die alte Liebe mit,
    Und sanfter, als in ihrer Erdenschöne,
    Und weich und zärtlich wie der Lampe Licht,
    Das deine milden Züge still umschwebt,
    Sind sie genaht, und deinem geist'gen Blick
    Begegnen grüßend ihre lichten Augen,
    Von Strahlen der Unsterblichkeit gefüllt.

      Sie segnen dich; von ihren heil'gen Lippen
    Ertönt es wie der Aeolsharfe Ton,
    Wenn lieblich flüsternd durch die feinen Saiten
    Der Hauch des Abends weht: »Geliebte Schwester,
    Wir denken deiner und wir sind dir nah,
    Und segnend schweben wir um deine Tritte;
    So oft dein Aug' im schönen Morgenrot,
    Im heitern Blau des Mittags sich ergeht,
    Trifft uns dein Blick; siehst du den Wölkchen nach,
    Die in dem Meer der Abendröte segeln,
    Dort schiffen wir; und auf des Mondes Strahl,
    Der mild und freundlich in dein Fenster fällt,
    Entschweben wir von deinem stillen Lager
    Mit deinen Tränen nach den sel'gen Höhn.«

      So flüstern sie und neigen sich herab,
    Die Stirn der teuern Schlafenden zu _küssen_
    Und dann beflügelt, eh' sie schnell erwacht,
    Eh' ihre Augen die Erscheinung haschen,
    Im milden Strahl des Mondes aufzuschweben
    Nach sel'gen Höhn. Ja _dort_, wo anders fände
    Die Schwesterliebe ihre ew'ge Heimat?
    So stürmisch nicht, nicht so voll hoher Worte
    Wie Bruderliebe, doch nicht minder tief,
    Gleicht sie dem Bergsee, der in heil'ger Stille
    Den Himmel und die friedlichen Gestade
    Getreuer widerspiegelt als der Bergstrom,
    Der Bild und Ufer in sein Bett begräbt.

      Ja, tief und selig ist die Schwesterliebe,
    Und zarter, rührender erscheint sie kaum,
    Als wenn sie über Gräbern noch sich findet
    Und _Tote leben_ in der Schwester Traum.



Mutterliebe.


    Mutterliebe!
    Allerheiligstes der Liebe!
    Ach! die Erdensprache ist so arm,
    O, vernähm' ich jener Engel Chöre,
    Hört' ich ihrer Töne heilig Klingen,
    Worte der Begeistrung wollt' ich singen:
    »Heilig, heilig ist die Mutterliebe!«

    Wie die Sonne geht sie lieblich auf,
    Blickt herab, den Blick voll süßen Frieden,
    Lächelt freundlich ihrer jungen Blüten --
    Und die Pflanze sproßt zum Licht hinauf.
    Rauhe Stürme ziehen durch die Flur,
    Und die junge Pflanze bebet,
    Doch die Sonne blickt durch die Natur,
    Und die junge Pflanze lebet,
    Neu erwärmt von ihrem Blick, und strebet
    Höher noch zu ihrer Sonne auf.

    Mutterliebe! du, du bist die Sonne!
    O wie leuchtest du der Blüte doch so warm!
    O wie heilig ist die Mutterwonne,
    Wenn das Kind umschlingt der treue Arm!
    So am Abend, so am Morgen,
    Nie ermattet sie,
    Wacht in Freuden, wacht in Sorgen
    Spät und früh.
    Sie begießt mit Muttertränen
    Ihrer Augen Lust,
    Wärmet sie mit stillem Sehnen
    An der treuen Brust.
    Süße Hoffnung schwellt die Mutterbrust,
    Daß die Blüte werd' zur Knospe keimen,
    Früchte sieht sie in den süßen Träumen.
    Heil'ge, reine Mutterliebe,
    Daß sich nie dein stiller Himmel trübe!

    Mutterliebe!
    Allerheiligstes der Liebe!
    Dir ertönten jener Engel Chöre;
    Als der Herr zur Erde niederstieg,
    Wollt' er an der Mutterlieb' erwarmen
    Und erwachte in der Mutter Armen.

    Sinket nieder,
    Schwestern, Brüder,
    Fleht zu dem, der Mutterlieb' gekannt,
    Der _sie_ schuf, sein reinstes Seelenband.
    Fleht mit uns, ihr Geister unsrer Lieben,
    Tragt es aufwärts, unser kindlich Flehn,
    Tragt's hinauf zu jenen Sternenhöh'n,
    Werft euch nieder vor des Vaters Thron,
    Fallet nieder vor der Mutter Sohn,
    Daß auf uns er seine Gnade senke
    Und den süßen Trost uns immer schenke --
    Das segensvolle Heiligtum der Liebe,
    Der Mutterliebe!



An die Freiheit.


    Was mir so leise einst die Brust durchbebte,
    Als ich zuerst zum Jüngling war erwacht,
    Was sich so hold in meine Träume webte,
    Ein lieblich Bild aus mancher Frühlingsnacht;
    Und was am Morgen klar noch in mir lebte,
    Was dann, zur lichten Flamme angefacht,
    Mit kühner Ahnung meine Seele füllte --
    Es wären nur der Täuschung Luftgebilde?

    Was ich geschaut im großen Buch der Zeiten,
    Wenn ich der Völker Schicksal überlas,
    Was ich erkannt, wenn ich die Sternenweiten
    Der Schöpfung mit dem trunknen Auge maß,
    Was ich gefühlt bei meines Volkes Leiden,
    Wenn sinnend ich am stillen Hügel saß --
    Ich fühle es an meines Herzens Glühen,
    Es war kein Traumbild eitler Phantasieen!

    Du, stille Nacht, und du, o meine Laute!
    Nur euch, ihr Trauten, hab ich es gesagt;
    Ertönt's noch einmal, was ich euch vertraute,
    Erzählt's dem Abendhauch, was ich geklagt,
    O sagt's ihm, was ich fühlte, was ich schaute,
    Und was mein ahnend Herz zu hoffen wagt;
    O Freiheit, Freiheit, dich hab' ich gesungen,
    Und meiner Ahnung Lied hat dir geklungen!

    Die müde Sonne ist hinabgegangen,
    Der Abendschein am Horizont zerrinnt,
    Doch du, o Freiheit, spielst um meine Wangen,
    Stiegst du hernieder mit dem Abendwind?
    Nach dir, nach dir ringt heißer mein Verlangen,
    Ich fühl's, du schwebst um mich, so mild, so lind.
    O weile hier, wirf ab die Adlerflügel!
    Du schweigst? Du meidest ewig Deutschlands Hügel?

    Wohl lange ist's, seit du so gerne wohntest
    Bei unsern Ahnen in dem düstern Hain:
    Dünkt dir, wie gern du auf den Bergen throntest
    Vom eis'gen Belt bis an den alten Rhein?
    Mit Eichenkränzen deine Söhne lohntest?
    Das schöne Land soll ganz vergessen sein?
    Noch denkst du sein; es wird dich wiedersehen,
    Wird auch dein Geist dann längst mein Grab umwehen.



Zur Feier des 18. Junius 1824.


I.

    Seid mir gegrüßt im grünen Lindenhain,
    Seid mir gegrüßt, ihr meine deutschen Brüder;
    Auf! sammelt euch in festlich frohen Reihn,
    Stimmt fröhlich an des Sieges Jubellieder;
    Daß heut der stolze Adler niedersank,
    Daß sich mein Volk einlöste mit dem Schwerte
    Sein Heldentum, der Freiheit Ruhm, die deutsche Erde,
    Trag's zu den Wolken, donnernder Gesang!

    Trübt auch die Wolke unsres Festes Glanz,
    Sind auch zerschlagen schon des Siegs Altäre,
    Die jüngst noch, in dem jungen Siegerkranz,
    Der Deutsche weihte seines Volkes Ehre:
    Mög' Arglist auch und Trug mit finstrem Bann
    Dem Siegervolke noch die Zunge binden, --
    Begeisterung, des Jünglings Dank, soll's laut verkünden:
    »Wer _dort_ gekämpft, fiel nicht für einen Wahn!«

    Denn auferstehen soll ein neu Geschlecht,
    Wir fühlen Kraft in uns, uns dran zu wagen,
    Zu kämpfen für die Freiheit und das Recht,
    Um deutsch zu sein wie in der Vorzeit Tagen!
    Ein hoher Sinn stieg auf aus blut'gem Streit,
    Es kehrt der biedre Geist der Väter wieder,
    Und stolzer stehn, in deutscher Kraft und frei, o Brüder,
    _Wir_ auf den Trümmern der vergangnen Zeit!

    Drum tretet mutig in die Kämpferbahn,
    Noch gilt es ja, das Ziel uns zu erringen!
    Fürs liebe Vaterland hinan, hinan!
    Doch nur von innen kann das Werk gelingen,
    Und nicht durch Völkerzwist, durch Waffenruhm,
    Nein, unser Weg geht durch Minervas Hallen;
    Laßt uns vereint zum Ideal, zum Höchsten wallen,
    Erschaffen uns ein echtes Bürgertum!

    Ja, so ersteht ein freies Vaterland;
    O Bruderbund, dies hast du dir erkoren!
    Hebt in die Lüfte auf die treue Hand,
    Dem Vaterlande sei es fest geschworen!
    O schöne Saat! Der junge Stamm erblüht,
    Und schützend ragt er auf wie Deutschlands Eichen;
    Blüh', schöner Stamm, die Sonne kommt, die Schatten weichen,
    Und fern dahin die dunkle Wolke zieht.


II.

1823.

    Ferne in der fremden Erde
    Ruhet ihr bei euerm Schwerte
    In des Todes sichrer Hut;
    Heil'ger Frieden
    Lohnt euch Müden,
    Nach des Tages heißer Glut.

    Frankreichs Adler saht ihr fallen,
    Hörtet Siegesdonner schallen,
    Als der Tod das Auge brach.
    Heil euch Lieben,
    Träumet drüben
    Von der Freiheit goldnem Tag.

    Selig preis' ich eure Lose
    In der Erde kühlem Schoße.
    Ach, ihr saht der Freiheit Licht,
    Saht sie steigen
    Ueber Leichen --
    Doch sie sinken saht ihr nicht.

    Fern von eurem Siegestale
    Denken wir beim Todesmahle
    Innig eurer Siegerschar,
    Und wir gießen,
    Euch zu grüßen,
    Tränen auf den Festaltar.


III.

1824.

    So nahst du wieder, holde Siegesfeier,
    Die unsre Brust mit süßen Träumen füllt,
    Die mit der Freude dichtgewebtem Schleier
    Das trübe Bild der Gegenwart verhüllt:
    Du nahst -- und alle Herzen schlagen freier,
    Gesang und Jubel tönet durchs Gefild,
    Und meiner Brüder frohe Blicke sagen:
    »Es war _mein_ Volk, das diese Schlacht geschlagen!«

    Es war _mein_ Volk, und nicht die frohen Binden
    Von Eichlaub sollten schmücken das Gelag;
    Wohl sollten wir Zypressenkränze winden
    Um mancher Hoffnung frühen Sarkophag;
    Doch -- den Gefallnen laßt uns Kränze winden,
    Und einmal noch am frohen Siegestag,
    Weil rings um uns des Sieges Früchte welken,
    Laßt uns in der Erinnrung Träumen schwelgen.

    Drum grüß' ich dich, du Feld, wo sie gefallen,
    Wo froh ihr Aug' im Siegesdonner brach!
    Drum grüß' ich euch in euern Wolkenhallen,
    Ihr Tapfern, die ihr tilgtet unsre Schmach!
    Euch, tapfern Sängern, euch, ihr Helden, allen,
    Euch tönen unsre Liebesgrüße nach,
    Und euch, die ihr dem Auge schnell entschwunden,
    Der jungen Freiheit kurze Frühlingsstunden!

    Und hätte man den Denkstein euch zerschlagen
    Und eure Kränze in den Staub gedrückt:
    Die Blumen haben in des Frühlings Tagen
    Der Helden Grab mit neuem Grün geschmückt.
    So keimt auch unsre Hoffnung unter Klagen;
    Denn ob der Sturm sie Blatt für Blatt zerpflückt,
    Neu sproßt sie aus dem Hügel eurer Leichen,
    Und Gott wird wachen über ihren Zweigen.


IV.

1824.

    Wo _eine_ Glut die Herzen bindet,
    Wo Aug' dem Auge nur verkündet,
    Was Sehnsucht in dem Herzen spricht;
    Wo, wenn der Sturm die Form zerspaltet,
    Die Gottheit in den Trümmern waltet,
    Kennt man der Liebe Trennung nicht.

    Heran, ihr Brüder! Nord und Süden,
    Ob euch des Herrschers Wink geschieden,
    Laßt uns _ein_ Volk von Brüdern sein;
    Schließt ja in Schönbunds weiten Auen
    Von allen Strömen, allen Gauen
    _Ein_ Rasen unsre _Brüder_ ein.

    Wohl ist der Siegsgesang verklungen,
    Ganz anders wird jetzt vorgesungen,
    Ganz andre Weisen spielt man vor;
    Doch tönt, von Wehmut fortgetragen,
    _Ein_ Ton noch aus den bessern Tagen
    Und schlägt an manch empfänglich Ohr.

    Hört ihr auf Frühlings leichten Schwingen
    Den alten Ton herüberklingen
    Von unsrer Brüder Schlachtgefild?
    Der _Einklang_ ist's von tausend Tönen,
    Der mächtig in Germanias Söhnen
    Zu der Begeistrung Wogen schwillt.



Turnerlust.


    Was zieht dort unten das Tal entlang?
    Eine Schar im weißen Gewand; --
    Wie mutig brauset der volle Gesang!
    Die Töne sind mir bekannt.
    Sie singen von Freiheit und Vaterland,
    Ich kenne die Scharen im weißen Gewand.
    Hurra! Hurra! Hurra!
    Die Turner ziehen aus.

    Die Turner ziehen ins grünende Feld
    Hinaus zur männlichen Lust;
    Daß Uebung kräftig die Glieder stählt,
    Mit Mut sich füllet die Brust:
    Drum schreiten die Turner das Tal entlang,
    Drum tönet ihr mutiger froher Gesang:
    Hurra! Hurra! Hurra!
    Du fröhliche Turnerlust!

    O sieh, wie kühn sich der Blick erhebt,
    Wenn der Arm den Gegner umfaßt!
    Und frei, wie der Aar durch die Lüfte schwebt,
    Fliegt auf der Turner am Mast;
    Dort schaut er weit in die Täler hinaus,
    Dort ruft er's froh in die Lüfte hinaus:
    Hurra! Hurra! Hurra!
    Du fröhliche Turnerlust!

    Es ist kein Graben zu tief, zu breit,
    Hinüber mit flüchtigem Fuß!
    Und trennt die Ufer der Strom so weit,
    Hinein in den tosenden Fluß!
    Er teilt mit dem Arm der Fluten Gewalt,
    Und aus den Wogen sein Ruf noch schallt:
    Hurra! Hurra! Hurra!
    Du fröhliche Turnerlust!

    Er schwingt das Schwert in der starken Hand,
    Zum Kampfe stählt er den Arm;
    O dürft' er's ziehen fürs Vaterland!
    Es wallt das Herz ihm so warm.
    Und sollte sie kommen, die herrliche Zeit,
    Sie fände den tapfern Turner bereit.
    Hurra! Hurra! Hurra!
    Wie ging's dann mutig in Feind!

    So wirbt der Turner um Kraft und Mut
    Mit Frührots freundlichem Strahl,
    Bis spät sich senket der Sonne Glut
    Und die Nacht sich bettet im Tal;
    Und klingt der Abendglockenklang,
    Dann ziehn wir nach Haus mit fröhlichem Sang
    Hurra! Hurra! Hurra!
    Du fröhliche Turnerlust!



Das Burschentum.


    Wenn die Becher fröhlich kreisen,
    Wenn in vollen Sangesweisen
    Tönt so manches Helden Ruhm,
    Ja, da muß man dich auch singen,
    Muß auch dir die Becher schwingen,
    Dir, du altes Burschentum!

    Fragt ihr, wo die Freiheit wohne?
    Auf Europas weiter Zone
    Habt ihr nimmer sie gesehn;
    Nur bei alter, treuer Sitte,
    In der Burschen froher Mitte
    Mag ihr Tempel noch bestehn.

    Froh und frei, wie's unsre Alten
    Einst zu ihrer Zeit gehalten,
    Leben wir, so lang es gilt;
    Freuen uns -- mit leerer Tasche,
    Wenn uns nur aus voller Flasche
    Klar der braune Nektar quillt.

    Nicht in marmornen Trophäen
    Kann die späte Nachwelt sehen,
    Was wir Brüder hier getan!
    Doch zum Denkstein unsern Siegen
    Häufen wir aus leeren Krügen
    Hohe Pyramiden an.

    Mit dem Humpen in der Linken
    Wollen wir dein Wohlsein trinken,
    Altes, frohes Burschentum!
    Mit dem Hieber in der Rechten
    Wollen wir dich kühn verfechten,
    Freies, tapfres Burschentum!



Trinklied.


    Wer seines Leibes Alter zählet
    Nach Nächten, die er froh durchwacht,
    Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,
    Sich um den Groschen lustig macht,
    Der findet in uns seine Leute,
    Der sei uns brüderlich gegrüßt,
    Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude
    In seine sanften Arme schließt.

    Wenn von dem Tanze sanft gewieget,
    Von Flötentönen sanft berauscht,
    Fein Liebchen sich im Arme schmieget,
    Und Blick um Liebesblick sich tauscht,
    Da haben wir im Flug genossen
    Und schnell den Augenblick erhascht,
    Und Herz an Herzen festgeschlossen,
    Der Lippen süßen Gruß genascht.

    Den Wein kannst du mit Gold bezahlen,
    Doch ist sein Feuer bald verraucht,
    Wenn nicht der Gott in seine Strahlen,
    In seine Geisterglut dich taucht;
    Uns, die wir seine Hymnen singen,
    Uns leuchtet seine Flamme vor,
    Und auf der Töne freien Schwingen
    Steigt unser Geist zum Geist empor.

    Drum, die ihr frohe Freundesworte
    Zum würdigen Gesang erhebt,
    Euch grüß' ich, wogende Akkorde,
    Daß ihr zu uns herniederschwebt!
    Sie tauchen auf -- sie schweben nieder,
    Im Vollton rauschet der Gesang,
    Und lieblich hallt in unsre Lieder
    Der vollen Gläser Feierklang.

    So haben's immer wir gehalten
    Und bleiben fürder auch dabei,
    Und mag die Welt um uns veralten,
    Wir bleiben ewig jung und neu.
    Denn, wird einmal der Geist uns trübe,
    Wir baden ihn im alten Wein
    Und ziehen mit Gesang und Liebe
    In unsern Freudenhimmel ein.



Reiters Morgengesang.

(Nach einem schwäbischen Volkslied.)


    Morgenrot,
    Leuchtest mir zum frühen Tod?
    Bald wird die Trompete blasen,
    Dann muß ich mein Leben lassen,
    Ich und mancher Kamerad!

    Kaum gedacht,
    War der Lust ein End' gemacht.
    Gestern noch auf stolzen Rossen,
    Heute durch die Brust geschossen,
    Morgen in das kühle Grab!

    Ach, wie bald
    Schwindet Schönheit und Gestalt!
    Tust du stolz mit deinen Wangen,
    Die mit Milch und Purpur prangen?
    Ach! die Rosen welken all!

    Darum still
    Füg' ich mich, wie Gott es will.
    Nun, so will ich wacker streiten,
    Und sollt' ich den Tod erleiden,
    Stirbt ein braver Reitersmann.



Soldatenmut.


    Soldatenmut siegt überall,
    Im Frieden und im Krieg,
    Bei Flöten- und Kanonenschall
    Erkämpft er sich den Sieg;
    Sei's um ein Küßchen mit der Maid,
    Sei's mit dem Feind um Blut,
    Da ist er schnell zum Kampf bereit,
    Da siegt Soldatenmut!
    Hurra!
    Da siegt Soldatenmut!

    Wenn sich der Tanz im Wirbel schwingt
    Und Aug' in Auge blickt,
    Der Arm sich um die Hüfte schlingt
    Und Hand in Hand sich drückt,
    Da ist die Maid in kurzer Frist
    Dem schlanken Burschen gut;
    Wer lange fragt, hat nie geküßt,
    Da siegt Soldatenmut,
    Hurra!
    Da siegt Soldatenmut!

    Und wenn am heißen Sommertag
    Den Marsch die Hitze drückt,
    Und wenn das rasche Roß erlag
    Und müd' zur Erd' sich bückt,
    Hat der Soldat sich aufgerafft,
    Er singet wohlgemut,
    Wirbt durch Gesang sich neue Kraft;
    So siegt Soldatenmut!
    Hurra!
    So siegt Soldatenmut!

    Und wenn im Tal die Banner wehn
    Und Heer an Heer sich schließt,
    Und uns von den Batt'rieen Höhn
    Kanonendonner grüßt:
    Da reißt uns durch den Waffenplan
    Des Kampfes wilde Glut,
    Da mit dem Schwert, Mann gegen Mann,
    Da siegt Soldatenmut:
    Hurra!
    Da siegt Soldatenmut!

    Und wenn mein Stündlein kommen sollt',
    So bin ich frisch zur Hand;
    Ich sterb' ja nicht für eitles Gold,
    Ich fall' fürs Vaterland.
    Was ich gesollt, hab' ich getan,
    Und hab's gelöst mit Blut:
    So lebt, so stirbt für seine Fahn',
    So _siegt_ Soldatenmut!
    Hurra!
    So _siegt_ Soldatenmut!



Prinz Wilhelm.


    Prinz _Wilhelm_, der edle Ritter,
    Ritt hinaus ins Schlachtgewitter,
    Ritt mit aus in blut'gen Strauß;
    Denn als man die Trommel rührte
    Und nach Frankreich abmarschierte,
    Blieb der _Kronprinz_ nicht zu Haus.

    Durch des Rheines wilde Wogen
    Ist er schnell hindurchgezogen,
    Ziehet weiter ohne Ruh'.
    Auf die Feinde durch die Wälder,
    Durch die eisbedeckten Felder,
    Auf die Feinde eilt er zu.

    Bei _Brienne_, im dunkeln Walde
    Unser Jägerhorn erschallte,
    Unsre Trommeln wirbeln drein;
    In den Feind durch Sumpf und Graben
    Stürmt der Prinz mit seinen Schwaben,
    Daß der Sieg muß unser sein.

    Und bei _Montereaus_ blut'ger Brücken,
    Als der Feind wollt' schier erdrücken
    Unsre kleine, treue Schar,
    Hat er gegen Sturmsgewalten
    Ritterlich den Paß gehalten,
    Bis sein Volk gerettet war.

    An der _Aube_, am _Marne_strande,
    An der _Seine_ weitem Lande
    Kennt man Wilhelm und sein Schwert;
    _Epinal_ auf blut'gen Wegen,
    _Troyes'_ heißer Kugelregen
    Haben seinen Stamm bewährt.

    Ja, wo treue Schwaben stritten,
    War auch in des Kampfes Mitten
    Unser Kronprinz stets dabei;
    Ja, so stritt im Schlachtgewitter
    Prinz _Wilhelm_, der edle Ritter,
    _Furchtlos_, wie sein Wort, _und treu_.

    Schlaget ein, ihr Kameraden!
    Wenn zum Krieg die Trommeln laden,
    Strömen freudig wir herbei:
    Denn als König zieht der Ritter
    Nun voraus im Schlachtgewitter,
    _Furchtlos_, wie sein Wort, _und treu_.



Soldatentreue.


    Wohl dem, der geschworen
    Zur Fahne den Eid,
    Der sich zum Schmuck erkoren
    Des Königs Waffenkleid!

    Sei Treue verraten,
    Sei Ehre verbannt,
    Doch gehn mit dem Soldaten
    Sie beide Hand in Hand.

    Es grüßt ja zur Seite
    Sein Säbel ihm zu
    Und ruft ihm aus der Scheide:
    »_So treu_ wie Stahl seist _du_!«

    Die Büchse, sie winket
    So freundlich und rein;
    So rein als wie sie blinket,
    Soll seine Ehre sein.

    Das tönt ihm so süße,
    Das schwellt ihm den Arm,
    Das macht, wie Liebchens Küsse,
    Soldatenherz so warm!

    Drum auf! Es ertönen
    Trompeten voll Mut!
    In Vaterlandessöhnen
    Wallt treues Heldenblut!

    Die Welt mag zerreißen
    Die Schwüre wie Spreu;
    Ich weiß ein Wort wie Eisen,
    Es heißt: Soldatentreu'.



Soldatenliebe.


    Steh' ich in finstrer Mitternacht
    So einsam auf der fernen Wacht,
    So denk' ich an mein fernes Lieb,
    Ob mir's auch treu und hold verblieb?

    Als ich zur Fahne fort gemüßt,
    Hat sie so herzlich mich geküßt,
    Mit Bändern meinen Hut geschmückt
    Und weinend mich ans Herz gedrückt!

    Sie liebt mich noch, sie ist mir gut,
    Drum bin ich froh und wohlgemut!
    Mein Herz schlägt warm in kalter Nacht,
    Wenn es ans treue Lieb gedacht.

    Jetzt bei der Lampe mildem Schein
    Gehst du wohl in dein Kämmerlein
    Und schickst dein Nachtgebet zum Herrn
    Auch für den Liebsten in der Fern'!

    Doch wenn du traurig bist und weinst,
    Mich von Gefahr umrungen meinst! --
    Sei ruhig, bin in Gottes Hut,
    Er liebt ein treu Soldatenblut.

    Die Glocke schlägt, bald naht die Rund'
    Und löst mich ab zu dieser Stund';
    Schlaf wohl im stillen Kämmerlein
    Und denk' in deinen Träumen mein.



Hans Huttens Ende.


    Laut rufet Herr Ulrich, der Herzog, und sagt:
    »Hans Hutten, reite mit auf die Jagd,
    Im Schönbuch weiß ich ein Mutterschwein,
    Wir schießen es für die Liebste mein.«

    Und im Forst sich der Herzog zum Junker wandt':
    »Hans Hutten, was flimmert an deiner Hand?«
    »Herr Herzog, es ist halt ein Ringelein,
    Ich hab' es von meiner Herzliebsten fein.«

    »Herr Hans, du bist ja ein stattlicher Mann,
    Hast gar auch ein güldenes Kettlein an?« --
    »Das hat mir mein herziger Schatz geschenkt
    Zum Zeichen, daß sie noch meiner gedenkt.«

    Und der Herzog blicket ihn schrecklich an:
    »So? Das hat alles dein Schatz getan?
    Der Trauring ist es von meinem Weib,
    Das Kettlein hing ich ihr selbst um den Leib.«

    O Hutten, gib deinem Rappen den Sporn,
    Schon rollet des Herzogs Auge im Zorn!
    Flieh, Hutten! es ist die höchste Zeit,
    Schon reißt er das blinkende Schwert aus der Scheid'!

    »Dein Schwert raus, Buhler, mich dürstet sehr,
    Zu sühnen mit Blut meines Bettes Ehr'!«
    Flugs, Junker, ein Stoßgebetlein sprich,
    Wenn Ulrich haut, haut er fürchterlich.

    Es krachen die Rippen, es bricht das Herz;
    Ruhig wischet Ulrich das blutige Erz,
    Ruhig nimmt er des ledigen Pferdes Zaum
    Und hänget die Leich' an den nächsten Baum.

    Es steht eine Eiche im Schönbuchwald
    Gar breit in den Aesten und hochgestalt;
    Zum Zeichen wird sie Jahrhunderte stahn,
    Hier hing der Herzog den Junker dran.

    Und wenn man den Herzog vom Lande jagt,
    Sein Nam' bleibt ihm, sein Schwert; er sagt:
    »Mein Nam', er verdorret ja nimmermehr,
    Und gerächet hab' ich des Hauses Ehr'.«



Entschuldigung.


    Kam einst ein englischer Kapitan
    Zu Stambul in dem Hafen an,
    Der wollte nach der langen Fahrt
    Sich gütlich tun nach seiner Art
    Und in Stambuls krummen Gassen
    Vor den Leuten sich sehen lassen.
    Hatte auch weit und breit gehört,
    Wie die Türken so schöne Pferd',
    Reiche Geschirr' und Sättel haben;
    Wollte auch wie ein Türke traben,
    Und bestellt auf abends um vier
    Ein recht feurig arabisch Tier.
    Ziehet sich an im höchsten Staat,
    Rotem Rock, mit Gold auf der Naht,
    Schwärzt den Bart um Wange und Maul
    Und steigt Punkt vier Uhr auf den Gaul.
    Drauf, als er reitet durch das Tor,
    Kam es den Türken komisch vor,
    Hatten noch keinen Reiter gesehn
    Wie den englischen Kapitän;
    Die Knie' hatt' er hinaufgezogen
    Und seinen Rücken krumm gebogen,
    Die Brust mit den Tressen eingedrückt,
    Auch den Kopf tief herabgebückt;
    Saß zu Pferde wie ein armer Schneider.
    Doch der Schiffskapitän ritt weiter,
    Glaubte getrost, die Türken lachen
    Aus lauter Bewundrung in ihrer Sprachen.
    So ritt er bis zum großen Platz,
    Da macht der Araber einen Satz
    Und steigt; der englische Kapitän
    Ergreift des Arabers lange Mähn',
    Gibt ihm verzweiflungsvoll die Sporen
    Und schreit ihm auf englisch in die Ohren;
    Das Roß den Reiter nicht verstand,
    Setzt wieder und wirft ihn in den Sand.
    Die Türken den Rotrock sehr beklagen,
    Haben ihn auch zu Schiff getragen,
    Und seinem Dragoman, einem Scioten,
    Haben sie hoch und streng verboten,
    Er dürf's nimmer wieder leiden,
    Daß der Herr den Araber tät reiten.
    Als sie verlassen den Kapitan,
    Befiehlt er gleich dem Dragoman,
    Ihm auf englisch auszudeuten,
    Was er gehört von diesen Leuten.
    Der Grieche spricht: »Es ist nichts weiter,
    Sie glauben, Ihr seid ein schlechter Reiter,
    Wollen, Ihr sollt in Stambuls Gassen
    Nimmer zu Pferd Euch sehen lassen.«
    Des hat sich der Kapitän gegrämt
    Und vor den Türken sehr geschämt.
    Spricht zum Dragoman: »Geh hinein
    Und sage den Türken: es kommt vom Wein;
    Der Herr ist sonst ein guter Reiter,
    Aber heut an der Tafel, leider,
    Hat er sich ziemlich in Sekt betrunken,
    Da ist er im Rausche vom Pferd gesunken.«
    Der Grieche ging zum Hafentor
    Und trug den Türken die Sache vor.
    Doch diese hörten ihn schaudernd an:
    »Wir glaubten Gutes vom roten Mann
    Und dachten, er sitze schlecht zu Pferd,
    Weil's ihn sein Vater nicht besser gelehrt;
    Aber wie, von Wein betrunken,
    Ist er im Rausche vom Pferd gesunken?
    Pfui dem Giaur und seinem Glas,
    Allah tue ihm dies und das!«
    Da sprach ein alter Muselmann:
    »Glaubt's nicht, Leute, höret mich an!
    Nicht, weil der Frank' zu viel getrunken,
    Ist er schmählich vom Roß gesunken.
    Hab' gleich gedacht, es wird so gehn,
    Als ich ihn habe reiten sehn,
    Die Knie' hoch hinaufgezogen,
    Den Rücken krumm und schief gebogen,
    Die Brust mit Tressen eingedrückt,
    Kopf und Nacken niedergebückt.
    Denk' ich, wenn sein Rößlein scheut,
    Ihn sein Reiten gewiß gereut.
    Aber nein, ich will euch sagen,
    Warum er wollte den Wein verklagen
    Und stellte sich lieber als Säufer gar,
    Denn als ein schlechter Reiter dar:
    Das macht des Menschen Eitelkeit,
    Die ihn zu Trug und Lug verleit't.
    Will mancher lieber ein Laster haben,
    Hätt' er nur andere glänzende Gaben;
    Und mancher lieber eine Sünd' gesteht,
    Eh' er eine Lächerlichkeit verrät;
    Ein dritter will gar zur Hölle fahren,
    Um sich ein falsch Erröten zu sparen.
    So auch der fränkische Kapitan,
    Schämt sich und lügt uns lieber an,
    Will lieber Säufer sich lassen schelten,
    Als für einen schlechten Reiter gelten.«



Jesuitenbeichte.

(Nach dem Französischen.)


    Ich liebte zwanzig Mädchen nach der Reihe,
    Und jeder war mein ganzes Herz geweiht,
    Und jede schwur mir heute ew'ge Treue
    Und brach schon morgen ihren heil'gen Eid.
    Da schwur und flucht' ich, keinem Weib zu trauen.
    »Mein Sohn, wer flucht, der sündiget. Allein
    Die Schuld liegt diesmal wirklich an den Frauen;
    Du sollst versöhnet und entschuldigt sein.«

    Weil ich Bestechung haßte wie die Hölle,
    Fand mein Minister mich zu ungeschickt,
    Und einem feilen Kerl gab er die Stelle,
    Der sich vor seinem Kammerdiener bückt;
    Da wünschte ich Herrn C... zum Teufel.
    »Mein Sohn, welch rohe Leidenschaft! Allein
    Bei kaltem Blut bereust du ohne Zweifel;
    Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«

    Mit schönen Worten, blendendem Versprechen
    Hat ein bekannter Herr mich arm gemacht,
    Und um mich für die Tausende zu rächen,
    Um die mich der Verräter hat gebracht,
    Schalt ich Herrn V... einen Beutelschneider.
    »Mein Sohn, das Wort war freilich grob. Allein
    Die Welt nennt ihn mit diesem Namen, leider;
    Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«

    Das Sakrileg, ich will's gestehen, nannte
    Ich ein Gesetz für Sklaven nur gemacht;
    Der Menschheit Schmach und des Jahrhunderts Schande,
    Und P..., ihn, der es ausgedacht,
    Schalt ich den Mörder aller freien Seelen.
    »Mein Sohn, das war ein derber Schimpf. Allein
    Du irrtest menschlich, irren heißt nicht fehlen;
    Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«

    Und als ich diese arme Welt bedachte
    Und sah, wie alles schief und irrig geht,
    Wie man die Tugend und das Recht verlachte,
    Und wie jetzt Trug und Laster oben steht,
    Da -- hielt ich Gott für einen leeren Namen!
    »Mein Sohn, du hast dich schwer verfehlt. Allein
    Gott ist barmherzig gegen Sünder, Amen;
    Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«

    Ich liebte Eintracht in Palast und Hütten;
    Doch als ich schleichend wiederkehren sah
    Die Zwietracht an der Hand der Jesuiten,
    Da schwur ich ew'gen Haß _Sankt Loyola_,
    Und ew'gen Haß und Rache seinen Söhnen!
    »Mein Sohn, ich bin die Langmut selbst! Allein
    Das heißt fürwahr das Heiligste verhöhnen!
    Vor _uns_ und Gott kannst du nicht schuldlos sein!«



Regel für Kranke.


    Hast du mit dem Apotheker Streit,
    Es dem Arzt zu klagen vermeid';
    Hast du über den Arzt zu klagen,
    Sollst du's nicht dem Apotheker sagen;
    Denn sind sie auch Feinde immerdar,

    So werden sie Freund' am neuen Jahr,
    Verkünden: der hat dies gesagt,
    Und mir hat er von dir geklagt.
    Wirst du nun krank in den ersten Wochen,
    _Die_ Arznei sie zusammenkochen:

    »~Recipe~: Was er uns getan,
    Rühren wir ihm jetzt doppelt an;
    Zwanzig Drachmen von seinen Klagen
    Mit ~Asa foetida~ für den Magen.
    ~Misceatur~, ~detur~, nebst unsrem Groll,
    Alle zwei Stunden zwei Löffel voll.«

    Und stirbst du nicht in der Blütezeit
    Ihrer neuen Herzinnigkeit,
    Lassen sie dich so lange liegen,
    Bis sie selbst wieder Händel kriegen.

       *      *      *      *      *

    Merke: zweier Gegner Klagen
    Mußt du nicht hin und wieder tragen;
    Weißt nicht, ob, die geschieden scheinen,
    Sich nachmals gegen dich vereinen.



Schriftsteller.


    Es ist kein Autor so gering und klein,
    Der nicht dächt', etwas Recht's zu sein;
    Und wär' er noch so ein armer Wicht,
    Geht er doch stolz und aufgericht't,
    Daß man glaubt, der leere Hut
    Noch zu dem Kleinen gehören tut.
    Auch kein Autor auf den andern baut;
    Denn sei ein Paar noch so vertraut,
    Darfst heut den einen heruntersetzen,
    Willst du den andern höher schätzen,
    Und morgen, auf des zweiten Kösten,
    Läßt sich der erste nennen den Besten.



Lehre aus Erfahrung.


    Hat dir ein Autor Geld geliehn
    Und kommt und will den Wechsel ziehn,
    Und kannst doch nicht sogleich bezahlen,
    Ihm auch keinen andern Trug vormalen,
    So sprich getrost: »Jetzt weiß ich schon,
    's war, als die treffliche Rezension,
    Wie Euer letztes Werk gelungen,
    Stund in den Literaturzeitungen;
    Waret gelobt übern Schellenkönig,
    Und dennoch, deucht es mir, zu wenig.
    Aber könntet Ihr nicht noch borgen
    Einige Zeit?« -- »Seid ohne Sorgen,«
    Der Autor darauf ganz freundlich spricht,
    »Nach meinem Geld verlangt mich nicht,
    Bleibet mein Freund; 's hat kein' Gefahr
    Könnt mich bezahlen bis übers Jahr.«



Amor der Räuber.

(Nach dem Italienischen.)


    Die _Unschuld_ saß in grüner Laube,
    Sie hielt ein Täubchen in dem Schoß;
    Und Amor kam: Gib mir die Taube,
    Ein Weilchen nur gib deine Taube!
    Die Unschuld ließ sie lächelnd los,
    Doch hielt sie Täubchen an dem Band,
    Das sich um Täubchens Flügel wand.

    Doch kaum hat er die weiße Taube,
    So schneidet er den Faden ab;
    Und höhnisch lachend, mit dem Raube
    Entflieht der Räuber aus der Laube,
    Und nimmer kehrt der lose Knab';
    Und als ihr Täubchen nimmer kam,
    Ward sie dem Räuber ewig gram.



Stille Liebe.


    O dürft' ich fragen, was aus ihrem Auge
    Oft so entzückend mir entgegenstrahlt,
    Was, wenn ich schnell mich ihrer Seite nahe,
    Die Wangen ihr mit hoher Röte malt!
    Ahnt sie, was meine Lippen ihr verschweigen,
    Was meine Brust mit stiller Sehnsucht füllt?
    Hofft' ich zu kühn? Ist es der Strahl der Liebe,
    Der so entzückend ihrem Blick entquillt?

    Warum hat doch ihr Händchen so gezittert,
    Als ich ihr gestern guten Abend bot,
    Und als ich ihr recht tief ins Auge schaute,
    Was machte sie auf einmal doch so rot?
    Sie hat die Rose, die ich ihr gegeben,
    So sorgsam ins Gebetbuch eingelegt;
    Warum wohl? da sie sonst so gerne Rosen
    Am Busen und am Sommerhütchen trägt.

    Warum schwieg sie auf einmal heute stille
    Und wußte nicht mehr, was ich sie gefragt?
    Hat sie gemerkt, was ich ihr gerne sagte?
    Ich hab' ihr's doch mit keinem Wort gesagt.
    O hätt' ich Mut! dürft' ich Luisen sagen,
    Was mich so still, was mich so tief beglückt!
    O dürft' ich fragen, was aus ihrem Auge
    Oft so entzückend mir entgegenblickt!



Hoffe!


    Stimme von dem braunen Hügel,
      Die du oft ins stille Tal
    Widertönst die lauten Worte,
      Lieben trauten Widerhall,
    Stimme, die du meine Lieder,
    Die Akkorde meiner Zither
      Widertönst, erschalle,
    Gib nicht neckend meine Frage wieder,
    Gib mir Antwort, Stimm' im stillen Tale.

    Stiller Strom im grauen Bette,
      Eile nicht so schnell davon,
    Daß mein Ohr einmal verstände
      Deiner Wellen leisen Ton;
    Deine schönen Silberquellen
    Sollen traulich mir erzählen,
      Rausche lauter, rausche,
    Sprich zu meinem Ohr aus deinen Wellen,
    Daß ich deine Sagen mir erlausche.

    Die ihr an dem alten Turme
      Oft im Mondesschimmer webt
    Und in nächtlich-stiller Stunde
      Durch den blassen Hain entschwebt,
    Nebelschatten alter Helden,
    Ach, daß sie mir doch erzählten,
      Steht mir Red', ich frage,
    Wollt ihr nichts aus euren Tagen melden,
    O wie gerne lauscht' ich eurer Sage.

    Von den alten, öden Zinnen
      Schauen düster sie herab,
    Ach, sie blicken von den Türmen
      Schweigend in ein ödes Grab;
    Alles Edle ist verklungen,
    Alles hat die Zeit verschlungen,
      Dem Geschlecht hienieden,
    Das so tief in seinem Fluch gesunken,
    Haben keine Antwort sie beschieden!

    Auch des Stromes stille Wellen
      Haben schönre Zeit gesehen.
    Als noch edlere Geschlechter
      Bauten auf der Berge Höhen,
    Stolz verachtet er die Frage,
    Uebertönet meine Klage,
      Seine blauen Wogen
    Denken schweigend jener schönen Tage,
    Schweigend sind durchs Tal sie hingezogen.

    Und so steh' ich denn alleine
      In der stillen Mondesnacht,
    Weine um die trüben Zeiten,
      Ob kein neu Geschlecht erwacht?
    Ach, daß sich mein Volk ermannte,
    Daß es sprengte seine Bande!
      Ob ich wohl noch hoffe?
    Lautlos fließt der Strom vom grauen Strande,
    Nur das leise Echo ruft mir: Hoffe!



Trost.


    Die Mißgunst lauscht auf allen Wegen,
    Daß sie der Liebe Glück verrät,
    Doch treue, zarte Liebe geht
    Auf tausend unbewachten Stegen;
    Ein Druck der Hand, ein flücht'ger Blick
    Sagt mir der Liebe süßes Glück.

    Und zog ich auch in weite Ferne,
    Es zog mit mir mein stilles Glück,
    Denn schau' ich nicht der Liebe Blick,
    So blick' ich auf zum Abendsterne;
    Wie ihres Auges stille Glut
    Strahlt er ins Herz getrosten Mut.

    Und wallen meine Tage trüber,
    Und dringt kein Trost von ihr zu mir,
    Und dringt mein Sehnen nicht zu ihr,
    Kein Wort von ihr zu mir herüber; --
    Mein stilles Glück ist nicht getrübt,
    Ich weiß ja doch, daß sie mich liebt.

    Drum klag' ich nicht in weiter Ferne,
    Weil Neid der Liebe Weg belauscht,
    Wenn auch nicht Wort mit Wort sich tauscht,
    Mir strahlt ein Trost im Abendsterne:
    Aus seinen milden Strahlen quillt
    Mir meiner Liebe trautes Bild.



Sehnsucht.


    Die Sonne grüßt Tubingas Höhn,
    Der Berge Morgennebel fallen,
    Und leichte Frühlingslüfte wehn,
    Im Tal die Herdenglocken schallen,
    Des Neckars sanfte Welle quillt
    An der Gestade Rebenhügel,
    Es taucht die alte Burg ihr Bild
    In seinen silberreinen Spiegel.
    Wie wär' der Morgen doch so schön,
    Könnt' ich mit _dir_ mich da ergehn!

    Und reger wogt's am Ufer hin,
    Wenn Mittag zu den Schatten ladet,
    Wenn sich durch frisches Blättergrün
    Die Sonne in dem Strome badet;
    Der Hirte zieht den Linden zu,
    Der Winzer steigt vom Berge nieder,
    Und in des kühlen Strandes Ruh'
    Erwachen ihre Kräfte wieder;
    Am Neckarstrand ruht' ich so gerne,
    Wär' nicht Luise in der Ferne.

    Der Abend senket seinen Strahl,
    Die Herden ziehen von den Weiden,
    Und fernhin durch das holde Tal
    Die Dörfer zu der Ruhe läuten;
    Da kommen Mädchen Hand in Hand
    Den Wiesenplan heraufgezogen;
    Es wölbt für sie am grünen Strand
    Der Lindengang die hohen Bogen;
    Doch jenen Linden fehlt das eine,
    Ich wandle ohne _sie_ -- alleine!

    Auf geht des Mondes Silberstrahl,
    Er malt den Berg mit falbem Glanze,
    Er ruft die Geister in das Tal,
    Er leuchtet ihrem Reigentanze;
    Ihr Berge all von Duft umhüllt,
    Du Tal am Strome auf und nieder,
    Du wärst so hold, du wärst so mild,
    Dir weiht' ich meine frohsten Lieder --
    Du wärst so schön im Abendscheine,
    Schlüg' _sie_ ihr Aug' hier in das meine.



Ihr Auge.


    Ich weiß wo einen Bronnen
    Voll hellem Himmelstau,
    Es glänzt der Strahl der Sonnen
    Aus seines Spiegels Blau;
    Er ladet klar und helle
    Zu süßer Wonne ein,
    Es winkt aus seiner Quelle
    Der Sonne milder Schein.

    Mir war, als sollte drunten
    In seiner klaren Flut
    Das arme Herz gesunden
    Von seinem bangen Mut.
    Ich tauchte freudig nieder
    Ins klare Blaue hinab,
    Mein Herz, das kam nicht wieder,
    Fand in dem Quell sein Grab.

    Kennst du den süßen Bronnen,
    So klar und silberhell?
    Kennst du den Strahl der Sonnen
    Aus seinem blauen Quell?
    Das ist des Liebchens Auge,
    _Ihr_ süßer Silberblick, --
    Aus seiner Tiefe tauche
    Ich nie zum Licht zurück.



Serenade.


    Wenn vom Berg mit leisem Tritte
    Luna wandelt durch die Nacht,
    Eil' ich zu des Liebchens Hütte,
    Lausche, ob die Holde wacht.
    Seh' ich dort die Lampe glühen
    In dem stillen Kämmerlein,
    Möcht' ich, wie der Lampe milder Schein,
    Spielend um die zarten Wangen ziehen.

    Mit des Lichtes schönsten Strahlen
    Zög' ich um mein liebes Kind,
    Farben wollt' ich um sie malen,
    Wie sie nur am Himmel sind;
    Sänke Schlummer ihr aufs Auge,
    Löschte sie des Lämpchens Schein,
    Wär' ihr letzter, süßer Blick noch mein,
    Und ich stürbe sanft in ihrem Hauche.

    Nimmer darf ich um sie weben
    Wie der Lampe milder Schein,
    Doch mein Lied darf zu ihr schweben,
    Darf der Liebe Bote sein.
    Schwebt denn, Töne meiner Laute,
    Zu des Liebchens Kämmerlein,
    Wieget sie in süße Träume ein
    Und dann flüstert: »Denke mein, du Traute!«



Lied aus der Ferne.


    Ihr Töne meiner Saiten,
      Ihr tönt so sanft, so mild,
    Mit Träumen ferner Freuden
      Habt ihr mein Herz erfüllt.
    Des Liebchens Kuß, des Liebchens Blick,
      Führt mir der sanfte Ton zurück,
      Der eurem Hauch entquillt!
    O lispelt leise, leise!
      Dann träum' ich schönre Zeiten
      Und meiner Liebe Bild.

    Wenn auf der Berge Höhen
      Der Strahl des Morgens fällt,
    Möcht' ich mit Windeswehen
      Zu meiner Jugendwelt,
    Möcht' eilen mit des Morgens Strahl
      Zum blauen Berg, zum fernen Tal,
      Das sie umfangen hält.
    Vergebens, ach, vergebens!
      Mir blüht kein Wiedersehen
      In meiner Jugendwelt.



Die Freundinnen an der Freundin Hochzeittage.


    In deines Festes fröhliche Gesänge
    Mischt sich ein trauter Ton aus alter Zeit,
    Es lockt dich aus dem jubelnden Gedränge
    Zurück noch einmal zur Vergangenheit;
    Die Freundschaft ist's, es sind der Schwestern Tritte,
    Sie pochen schüchtern an der Pforte an,
    Sie nahen dir, sie flüstern ihre Bitte
    Und fragen freundlich: Denkst du noch daran?

    Denkst du daran, wie wir uns einst gefunden
    In unsrer Kindheit holder Blumenwelt?
    Es waren unsres Lebens Morgenstunden,
    Vom Frührot reiner Freuden schön erhellt;
    Der Schule Mühen, alle frohen Spiele
    Und aller Jubel von der Kindheit Bahn,
    Sie steigen auf in freudigem Gewühle
    Und fragen mit uns: Denkst du noch daran?

    Denkst du daran, wie an der Kindheit Grenzen
    Uns eine schönre Freudenwelt empfing?
    Wie uns ein Leben, voll Gesang und Tänzen,
    Gefaßt in seinen wundervollen Ring?
    Und wie auch ernste deutungsvolle Tage
    Des Lebens Ernst und Züge zeigten an?
    Es war der Jugend Frühlingstag; o sage,
    Die Schwestern bitten: Denkst du noch daran?

    Wohl trittst du jetzt in ernster Frauen Kreise,
    Die Myrte schmückt zum letztenmal dein Haar,
    Du tändelst nicht mehr nach der Mädchen Weise,
    Du nimmst jetzt Abschied von der Jungfraun Schar.
    Doch blickst du künftig ernst in unsern Reigen,
    Schilt unsre Freuden dann nicht leeren Wahn;
    Denn die Erinn'rung wird dir Bilder zeigen
    Und lächelnd sagen: Denkst du noch daran?

    Du denkst daran -- und zum Gedächtnismale,
    Als eine reine, jungfräuliche Zier,
    Nimm von den Schwestern die kristallne Schale,
    Wir reichen sie mit frommen Wünschen dir.
    So werden wir in deinem Herzen leben,
    Denn siehst du einmal diese Schale an,
    Dann wird dich die Erinnerung umschweben,
    Und freundlich sagst du: »Ja, ich denk' daran.«



An Emilie.


    Zum Garten ging ich früh hinaus,
    Ob ich vielleicht ein Sträußchen finde?
    Nach manchem Blümchen schaut' ich aus,
    Ich wollt's für dich zum Angebinde;
    Umsonst hatt' ich mich hinbemüht,
    Vergebens war mein freudig Hoffen;
    Das Veilchen war schon abgeblüht,
    Von andern Blümchen keines offen.

    Und trauernd späht' ich her und hin,
    Da tönte zu mir leise, leise
    Ein Flüstern aus der Zweige Grün,
    Gesang nach sel'ger Geister Weise;
    Und lieblich, wie des Morgens Licht
    Des Tales Nebelhüllen scheidet,
    Ein Röschen aus der Knospe bricht,
    Das seine Blätter schnell verbreitet.

    »Du suchst ein Blümchen?« spricht's zu mir,
    »So nimm mich hin mit meinen Zweigen,
    Bring mich zum Angebinde ihr!
    Ich bin der _wahren_ Freude Zeichen.
    Ob auch mein Glanz vergänglich sei,
    Es treibt aus ihrem treuen Schoße
    Die Erde meine Knospen neu,
    Drum unvergänglich ist die Rose.

    Und wie mein Leben ewig quillt
    Und Knosp' um Knospe sich erschließet,
    Wenn mich die Sonne sanft und mild
    Mit ihrem Feuerkuß begrüßet,
    So deine Freundin ewig blüht,
    Beseelt vom Geiste ihrer Lieben,
    Denn ob der Rose Schmelz verglüht --
    Der Rose Leben ist geblieben.«



Der Kranke.


    Zitternd auf der Berge Säume
    Fällt der Sonne letzter Strahl,
    Eingewiegt in düstre Träume
    Blickt der Kranke in das Tal,
    Sieht der Wolken schnelles Jagen
    Durch das trübe Dämmerlicht --
    Ach, des Busens stille Klagen
    Tragen ihn zur Heimat nicht!
    Und mit glänzendem Gefieder
    Zog die Schwalbe durch die Luft,
    Nach der Heimat zog sie wieder,
    Wo ein milder Himmel ruft;
    Und er hört ihr fröhlich Singen,
    Sehnsucht füllt des Armen Blick,
    Ach, er sah sie auf sich schwingen,
    Und sein Kummer bleibt zurück.
    Schöner Fluß mit blauem Spiegel,
    Hörst du seine Klagen nicht?
    Sag' es seiner Heimat Hügel,
    Daß des Kranken Busen bricht.
    Aber kalt rauscht er vom Strande
    Und entrollt ins stille Tal,
    Schweiget in der Heimat Lande
    Von des Kranken stiller Qual.
    Und der Arme stützt die Hände
    An das müde, trübe Haupt;
    _Eins_ ist noch, wohin sich wende
    Der, dem aller Trost geraubt;
    Schlägt das blaue Auge wieder
    Mutig auf zum Horizont,
    Immer stieg ja Trost hernieder
    Dorther, wo die Liebe wohnt.
    Und es netzt die blassen Wangen
    Heil'ger Sehnsucht stiller Quell,
    Und es schweigt das Erdverlangen,
    Und das Auge wird ihm hell:
    Nach der ew'gen Heimat Lande
    Strebt sein Sehnen kühn hinauf,
    Sehnsucht sprengt der Erde Bande,
    Psyche schwingt zum Licht sich auf.



Grabgesang.


    Vor des Friedhofs dunkler Pforte
    Bleiben Leid und Schmerzen stehn,
    Dringen nicht zum heil'gen Orte,
    Wo die sel'gen Geister gehn,
    Wo nach heißer Tage Glut
    Unser Freund in Frieden ruht.

    Zu des Himmels Wolkentoren
    Schwang die Seele sich hinan,
    Fern von Schmerzen, neu geboren,
    Geht sie auf -- die Sternenbahn;
    Auch vor jenen heil'gen Höhn
    Bleiben Leid und Schmerzen stehn.

    Sehnsucht gießet ihre Zähren
    Auf den Hügel, wo er ruht;
    Doch ein Hauch aus jenen Sphären
    Füllt das Herz mit neuem Mut;
    Nicht zur Gruft hinab -- hinan,
    Aufwärts ging des Freundes Bahn.

    Drum auf des Gesanges Schwingen
    Steigen wir zu ihm empor,
    Unsre Trauertöne dringen
    Aufwärts zu der Sel'gen Chor,
    Tragen ihm in stille Ruh'
    Unsre letzten Grüße zu.



Aus dem Stammbuche eines Freundes.


    Und wird dir einst die Nachricht zugesandt,
    Daß zu den Vätern ich versammelt wäre,
    So trink und sprich: »Ich hab' ihn auch gekannt!«
    Mach hier ein Kreuz -- und gib mir eine Zähre.



Logogryph.


    Kennst du das Wort, das Herzen mächtig bindet?
    Kennst du der Liebe trauliches Symbol?
    Das feste Band, das sich um Freunde windet,
    Des Fürsten Heil, des Vaterlandes Wohl?

    An Stärke muß ihm Stahl und Eisen weichen;
    Doch hat es einen mächt'gen stillen Feind;
    Streichst du des hohen Wortes erstes Zeichen,
    Hast du die finstre Macht, die ich gemeint.

    So lang die Welt steht, liegen diese beiden
    Im Kampf um höchstes Leid und höchste Lust;
    Halt fest am _Ganzen_, laß sie nimmer streiten
    In deiner stillen und zufriednen Brust.



Drei Rätsel.


1.

    Es ist ein Wort, dreideutig dem Germanen;
    Einst war das _Erste_ furchtbar seinen Ahnen;
    Der schwere Zeiger der Geschichte rückt,
    Der Deutsche erbt das Zepter; ihr erblickt,
    Wie dem erwählten deutschen Sohne
    Im _Zweiten_ die gewicht'ge Krone
    Der Bischof auf die Stirne drückt.
    Es kreist im hochgewölbten Saale
    Das _Dritte_ bei dem Krönungsmahle.


2.

    Noch sitzt auf halbzerfallnem Throne,
    Noch hält die längst bestrittne Krone
    Die alte Königin der Welt.
    Ob sie wohl je vom Throne fällt?
    Vielleicht; doch liest du sie von hinten,
    So wirst du einen König finden,
    Der herrscht, seitdem die Welt besteht,
    Des Reich nur mit der Welt vergeht;
    _Sie_ schießt nicht ew'ge Donnerkeile,
    Doch ewig treffen _seine_ Pfeile.


3.

    Einst hieß man mich die schönste aller Frauen,
    Selbst Könige entzweite meine Macht.
    Zehntausend Krieger aus Europas Gauen,
    Von Asiens Landen schlugen manche Schlacht,
    Und eher nicht war ihres Kampfes Ziel,
    Als bis erschlagen alle Heldensöhne
    Und bis ein stolzes Königshaus zerfiel;
    Und dennoch pries man die unsel'ge Schöne.

    Und wieder tönte jüngst mein alter Namen,
    Doch bin ich häßlich und verlassen nun,
    Von allen, die des Weges zu mir kamen,
    Will keiner lang an meiner Seite ruhn;
    Nur einer kam, der erste, dem nicht graut,
    An meinem Herd für immer still zu liegen,
    Der lange mir ins blasse Antlitz schaut
    Und bitter lacht ob meinen düstern Zügen.

    »Ach, darum also,« sprach er, »läßt du feiern
    Dein unheilvoll Gedächtnis bis auf heut,
    Damit du reihtest zu den alten Freiern
    Auch einen Heros aus der neuen Zeit?
    Doch lockst du mich mit keinem Erdentand,
    Denn Zeus zerschlug _dein_ Ilium in Scherben;
    Wohlan! auch meine Trojer deckt der Sand,
    So laß mich denn in deinen Armen sterben.«



Scharade.


    Der _ersten_ Silb' entströmen Wein und Lieder,
    Und was du einsam denkst, macht sie bekannt,
    Oft geht sie mit dem Zwang auch Hand in Hand,
    Schlägt selbst in Fesseln deine freien Glieder!
    Doch gibt das _zweite_ Paar dir Hoffnung wieder;
    Sein Feueratem weht von Land zu Land,
    Sprengt deines Kerkers festgetürmte Wand,
    Wirft deine Häscher, deine Fesseln nieder.
    Scheint _Zwei_ mit _Eins_ sich nimmer zu vertragen.
    So ist _das Ganze_ doch ein hohes Wort,
    Woran man nur den Widerspruch getadelt;
    Doch hat sein Widerspruch manch großen Geist geadelt!
    Fürwahr! es starb des _Letzten_ letzter Hort,
    Wär' es gestorben jüngst in unsern Tagen.



Novellen.

Erster Teil.



Inhaltsverzeichnis.


                                                       Seite

    Vertrauliches Schreiben an Herrn W. A. Spöttlich      57

    Othello                                               63

    Die Bettlerin vom Pont des Arts                      104

    Jud Süß                                              200



Vertrauliches Schreiben

an

Herrn W. A. Spöttlich,

Vizebataillonschirurgen a. D. und Mautbeamten in Tempelhof bei Berlin.


Sie werden mich verbinden, verehrter Herr, wenn Sie diese Vorrede
lesen, welche ich einer kleinen Sammlung von Novellen vordrucken lasse.
Ich ergreife nämlich diesen Weg, einiges mit Ihnen zu besprechen, teils
weil mir nach sechs unbeantwortet gebliebenen Briefen das Porto bis
Tempelhof zu teuer deuchte, teils aber auch, weil Sie vielleicht nicht
begreifen, warum ich diese Novellen gerade so geschrieben habe und
nicht anders.

Sie werden nämlich nach Ihrer bekannten Weise, wenn Sie »Novellen«
auf dem Titel lesen, die kleinen Augen noch ein wenig zudrücken, auf
geheimnisvolle Weise lächeln und, sollte er gerade zugegen sein,
Herrn Amtmann Kohlhaupt versichern: »Ich kenne den Mann, es ist alles
erlogen, was er schreibt;« und doch würden Sie sich gerade bei diesen
Novellen sehr irren. Die besten und berühmtesten Novellendichter Lopez
de Vega, Boccaz, Goethe, Calderon, Tieck, Scott, Cervantes und auch
ein Tempelhofer haben freilich aus einem unerschöpflichen Schatz der
Phantasie ihre Dichtungen hervorgebracht, und die unverwelklichen
Blumensträuße, die sie gebunden, waren nicht in Nachbars Garten
gepflückt, sondern sie stammten aus dem ewig grünenden Paradies der
Poesie, wozu, nach der Sage, Feen ihren Lieblingen den unsichtbaren
Schlüssel in die Wiege legen. Daher kommt es auch, daß durch eine
geheimnisvolle Kraft alles, was sie gelogen haben, zur schönsten
Wahrheit geworden ist.

Geringere Sterbliche, welchen jene magische Springwurzel, die nicht nur
die unsichtbaren Wege der Phantasie erschließt, sondern auch die festen
und undurchdringlichen Pforten der menschlichen Brust aufreißt, nicht
zu teil wurde, müssen zu allerlei Notbehelf ihre Zuflucht nehmen, wenn
sie -- Novellen schreiben wollen. Denn das eben ist das Aergerliche an
der Sache, daß oft ihre Wahrheit als schlecht erfundene Lüge erscheint;
während die Dichtung jener Feenkinder für treue, unverfälschte Wahrheit
gilt.

So bleibt oft uns geringen Burschen nichts übrig, als nach einer
Novelle zu _spionieren_. Kaffeehäuser, Restaurationen, italienische
Keller und dergleichen sind für diesen Zweck nicht sehr zu empfehlen.
Gewöhnlich trifft man dort nur Männer, und Sie wissen selbst, wie
schlecht die Restaurationsmenschen erzählen. Da wird nur dieses oder
jenes Faktum schnell und flüchtig hingeworfen; reine Nebenbemerkungen,
nichts Malerisches; ich möchte sagen, sie geben ihren Geschichten
kein Fleisch, und wie oft habe ich mich geärgert, wenn man von einer
Hinrichtung sprach, und dieser oder jener nur hinwarf »geköpft«,
»hingerichtet«, statt daß man, wie bei ordentlichen Erzählungen
gebräuchlich, den armen Sünder, seinen Beichtvater, den roten Mantel
des Scharfrichters, sein blinkendes Schwert sieht, ja selbst die Luft
pfeifen hört, wenn sein nerviger Arm den Streich führt.

Es gibt gewisse Weinstuben, wo sich ältere Herren versammeln und
nicht gerne einen »Jungen«, einen »Fremden« unter sich sehen. Diese
pflegen schon besser zu erzählen; dadurch, daß sie diesen oder jenen
Straßenraub, die geheimnisvolle, unerklärliche Flucht eines vornehmen
Herrn, einen plötzlichen Sterbefall, wobei man »allerlei gemunkelt«
habe, schon fünfzigmal erzählten, haben ihre Geschichten einen Schmuck,
ein stattliches Kleid bekommen, und schreiten ehrbar fürder, während
die Geschichten der Restaurationsmenschen wie Schatten hingleiten.
Solche Herren haben auch eine Art von historischer Gründlichkeit, und
es gereicht mir immer zu hoher Freude, wenn einer spricht: »Da bringen
Sie mich auf einen sonderbaren Vorfall,« sich noch eine halbe Flasche
geben läßt und dann anhebt: »In den siebziger Jahrgängen lebte in
meiner Vaterstadt ein Kavalier von geheimnisvollem Wesen.« -- Solche
Herren trifft man allenthalben, und sie werden von mehreren unserer
neueren Novellisten stark benützt. Der bekannte ** versicherte mir,
daß er einen ganzen Band seiner Novellen solchen alten Nachtfaltern
verdanke, und erst aus diesem Geständnis konnte ich mir erklären,
warum seine Novellen so steif und trocken waren; sie kamen mir
nachher allesamt vor wie alte, verwelkte Junggesellen, die sich ihre
Liebesabenteuer erzählen, welche sämtlich anfangen: »Zu meiner Zeit.«

Die ergiebigste Quelle aber für Novellisten unserer Art sind Frauen,
die das fünfundsechzigste hinter sich haben. Die Welt nennt Medisance,
was eigentlich nur eine treffliche Weise zu erzählen ist; junge Mädchen
von sechzehn, achtzehn pflegen mit solchen Frauen gut zu stehen und
sich wohl in acht zu nehmen, daß sie ihnen keine Blöße geben, die
sie in den Mund der alten Novellistinnen bringen könnte; Frauen von
dreißig und ihre Hausfreunde gehen lieber eine Ecke weiter, um nicht
ihren Gesichtskreis zu passieren, oder wenn sie der Zufall mit der
Jugendfreundin ihrer seligen Großmutter zusammenführt, pflegen sie das
gute Aussehen der Alten zu preisen und hören geduldig ein beißendes
Lob der alten Zeiten an, das regelmäßig ein sanftes Exordium, drei
Teile über Hauswesen, Kleidung und Kinderzucht, eine Nutzanwendung
nebst einem frommen Amen enthält. Solche ältere Frauen pflegen gegen
jüngere Männer, die ihnen einige Aufmerksamkeit schenken, einen
gewissen geheimnisvoll-zutraulichen Ton anzunehmen. Sie haben für
junge Mädchen und schöne Frauen, die jetzt dieselbe Stufe in der
Gesellschaft bekleiden, welche sie einst selbst behauptet hatten, feine
und bezeichnende Spitznamen, und erzählen den Herren, die ihnen ein
Ohr leihen, allerlei »kuriose« Sachen von dem »Eichhörnlein und seiner
Mutter«, auch »wie es in diesem oder jenem Hause zugeht«, »galante
Abenteuer von jenem ältlichen, gesetzten Herrn, der nicht immer so
gewesen«, und sind sie nur erst in dem abenteuerlichen Gebiet geheimer
Hofgeschichten und schlechter Ehen, so spinnen sie mit zitternder
Stimme, feinem Lächeln und den teuersten Versicherungen Geschichten
aus, die man (natürlich mit veränderten Namen) sogleich in jeden
Almanach könnte drucken lassen.

Niemand weiß so trefflich wie sie das Kostüm, das Gespräch, die Sitten
»vor fünfzig Jahren« wiederzugeben; ich glaubte einst bei einer
solchen Unterhaltung die Reifröcke rauschen, die hohen Stelzschuhe
klappern, die französischen Brocken schnurren zu hören, die ganze
Erzählung roch nach Ambra und Puder wie die alten Damen selbst. Und
so frisch und lebhaft ist ihr Gedächtnis und Mienenspiel, daß ich
einmal, als mir eine dieser Damen von einer längst verstorbenen
Frau Ministerin erzählte und ihren Gang und ihren schnarrenden Ton
nachahmte, unwillkürlich mich erinnerte, daß ich diese Frau als Kind
gekannt, daß sie mir mit derselben schnarrenden Stimme ein Zuckerbrot
geschenkt habe. Mehrere Novellen, die ich aufgeschrieben, beziehen
sich auf geheime Familiengeschichten oder sonderbare, abenteuerliche
Vorfälle, deren wahre Ursachen wenig ins Publikum kamen, und ich kann
versichern, daß ich sie alle, teils in Berlin, teils in Hannover,
Kassel, Karlsruhe, selbst in Dresden eben von solchen alten Frauen, den
Chroniken ihrer Umgebung, gehört und oft wörtlich wiedererzählt habe.

Nur so ist es möglich, daß wir, auch ohne jenen Schlüssel zum
Feenreich, gegenwärtig in Deutschland eine so bedeutende Menge Novellen
zu Tage fördern. Die wundervolle Märchenwelt findet kein empfängliches
Publikum mehr, die lyrische Poesie scheint nur noch von wenigen
geheiligten Lippen tönen zu wollen, und vom alten Drama sind uns, sagt
man, nur die Dramaturgen geblieben. In einer solchen miserablen Zeit,
Verehrter, ist die Novelle ein ganz bequemes Ding. Den Titel haben
wir, wie eine Maske, von den großen Novellisten entlehnt, und Gott und
seine lieben Kritiker mögen wissen, ob die nachstehenden Geschichten
wirkliche und gerechte Novellen sind.

Ich habe, mein werter Herr, dies alles gesagt, um Ihnen darzutun,
wie ich eigentlich dazu kam, Novellen zu schreiben, wie man beim
Novellenschreiben zu Werke gehe, und -- daß alles _getreue_ Wahrheit
sei, wenn auch keine poetische, was ich niedergeschrieben. Sie werden
sich noch der guten Frau von Welkerlohn erinnern, die immer ein Kleid
von verblichenem gelben Samt trug, das nur eine weiche Fortsetzung
ihrer harten, gelben Züge schien? Von ihr habe ich die Geschichte,
»Othello« betitelt. Sie war viel zu diskret, um Namen und die Residenz
zu nennen, wo diese sonderbaren Szenen vorfielen, aber wenn ich
bedenke, daß sie zur selben Zeit Hofdame in Scherau war, als Jean Paul
dort lebte, so kann ich nicht anders glauben, als die Geschichte sei an
jenem Hofe vorgefallen. Die zweite Novelle habe ich aus dem Mund der
alten Gräfin Nelkenroth; man hält sie allgemein für eine böse Frau,
aber ich kann versichern, daß ich sie über Josephens Schicksal Tränen
vergießen sah. Man will zwar behaupten, daß sie oft in Gesellschaften
weinerliche Geschichten erzähle, weil ihr vor zwanzig Jahren ein Maler
versicherte, sie habe etwas von einer ~Mater dolorosa~; aber soviel
ist gewiß, daß sie mehrere Personen des Stücks gekannt haben will, und
die Frau, bei welcher Herr von Fröben in S. gewohnt hat, erzählte mir
manche Sonderbarkeiten von ihm. Ich und viele Leute in S., welchen ich
die Geschichte wiedererzählte, gaben sich vergebliche Mühe über Herrn
von Fröben und die Personen, mit welchen er in Berührung kam, etwas
Näheres zu erfragen. Wir erfuhren nur, daß das Bild der Dame nach dem
Gemälde in der Boisseréeschen Galerie von Strixner lithographiert
worden sei. In Ostende, wo ich durch mehrere Briefe nachforschte,
konnte ich nichts erfahren, als daß allerdings ein englisches Schiff,
die »Luna«, Kapitän Wardwood, im August Passagiere nach Portugal an
Bord genommen habe, und daß sich im Register des Hafendirektors ein
Don Petro de Montanjo nebst Nichte und Dienerschaft befinde. Am Rhein,
wo ich mich nach Herrn von Faldner und seiner Familie erkundigte, und
erzählte, warum ich nachfrage, erklärte man mir alles für Erfindung,
denn es gäbe am ganzen Rhein hinab nur gesittete Landwirte, die mit
ihren Frauen wie die Engel im Himmel leben.

Sie sehen, ich habe keine Mühe gescheut, die Geschichten, die ich
erzähle, so glaubwürdig als möglich zu machen. Es gibt freilich Leute,
die mir dieser historischen Wahrheit wegen gram sind und behaupten,
der echte Dichter müsse keine Straße, keine Stadt, keine bekannten
Namen und Gegenstände nennen; alles und jedes müsse rein erdichtet
sein, nicht durch äußern Schmuck, sondern von innen Wahrheit gewinnen,
und wie Mohammeds Sarg müsse es in der schönen lieben, blauen Luft
zwischen Himmel und Erde schweben. Andere halten es vielleicht auch
für »_eine rechtswidrige Täuschung des Publikums_« und können mich
darüber belangen wollen, daß ich behaupte, dies und jenes habe sich
da und dort zugetragen, und ich könne doch keine stadtgerichtlichen
Zeugnisse beibringen. Aber ist denn hier von echter Poesie, von echten
Dichtern die Rede? Man lege doch nicht an die Erzählungen einiger
alten Damen diesen erhabenen Maßstab! Goethe erzählte in Dichtung und
Wahrheit, er habe in der Frankfurter Stadtmauer eine Türe und einen
wunderschönen Garten gesehen. Noch heute laufen alle Fremden hin (ich
selbst war dort) und beschauen die Mauer und wundern sich, daß man
nicht wenigstens die Reparatur schauen könne, wenngleich das Loch nur
geträumt und nie in der Mauer war. Solchen poetischen Frevel gegen
ein gesetztes Publikum mag man einem Goethe vorrücken; armen Menschen,
_ohne_ den Kammerherrnschlüssel der Poesie, der die Mauern aufschließt,
wenn sie auch keine Türen haben, muß man solche Freiheiten zugute
halten.

Darum lesen Sie, verehrter Herr, diese Geschichten, so abenteuerlich
sie sein mögen, als reine, treue _Wahrheit_; es wird Sie weniger
ärgern, als wenn Sie _Dichtungen_ vor sich zu haben meinten, und Ihr
scharfes Auge ein wirres Gewebe unwahrscheinlicher Lügen fände.

            W. H.



Othello.


1.

Das Theater war gedrängt voll, ein neuangeworbener Sänger gab den
_Don Juan_. Das Parterre wogte, von oben gesehen, wie die unruhige
See, und die Federn und Schleier der Damen tauchten wie schimmernde
Fische aus den dunkeln Massen. Die Ranglogen waren reicher als je, denn
mit dem Anfang der Wintersaison war eine kleine Trauer eingefallen
und heute zum erstenmal drangen wieder die schimmernden Farben der
reichen Turbans, der wehenden Büsche, der bunten Schals an das Licht
hervor. Wie glänzend sich aber auch der reiche Kranz von Damen um das
Amphitheater zog, das Diadem dieses Kreises schien ein herrliches,
liebliches Bild zu sein, das aus der fürstlichen Loge freundlich und
hold die Welt um und unter sich überschaute. Man war versucht, zu
wünschen, dieses schöne Kind möchte nicht so hoch geboren sein, denn
diese frische Farbe, diese heitere Stirne, diese kindlich-reinen,
milden Augen, dieser holde Mund war zur Liebe, nicht zur Verehrung aus
der Ferne geschaffen. Und wunderbar, wie wenn Prinzessin Sophie diesen
frevelhaften Gedanken geahnet hätte -- auch ihr Anzug entsprach diesem
Bilde einfacher natürlicher Schönheit; sie schien jeden Schmuck, den
die Kunst verleiht, dem stolzen Damenkreis überlassen zu haben.

»Sehen Sie, wie lebendig, wie heiter sie ist,« sprach in einer der
ersten Ranglogen ein fremder Herr zu dem russischen Gesandten, der
neben ihm stand, und beschaute die Prinzessin durch das Opernglas;
»wenn sie lächelt, wenn sie das sprechende Auge ein klein wenig
zudrückt, und dann mit unbeschreiblichem Reiz wieder aufschlägt, wenn
sie mit der kleinen, niedlichen Hand dazu agiert -- man sollte glauben,
aus so weiter Ferne ihre witzigen Reden, ihre naiven Fragen vernehmen
zu können.«

»Es ist erstaunlich!« entgegnete der Gesandte.

»Und dennoch sollte dieser Himmel von Freudigkeit nur Maske sein? Sie
sollte fühlen, schmerzlich fühlen, sie sollte unglücklich lieben,
und doch so blühend, so heiter sein? Gnädige Frau,« wandte sich der
Fremde zu der Gemahlin des Gesandten, »gestehen Sie, Sie wollen mich
mystifizieren, weil ich einiges Interesse an diesem Götterkinde
genommen habe.«

»~Mon Dieu!~ Baron,« sagte diese mit dem Kopfe wackelnd, »Sie glauben
noch immer nicht? Auf Ehre, es ist wahr, wie ich Ihnen sagte; sie
liebt, sie liebt unter ihrem Stande, ich weiß es von einer Dame, der
nichts dergleichen entgeht. Und wie, meinen Sie, eine Prinzessin, die
von Jugend auf zur Repräsentation erzogen ist, werde nicht Tournüre
genug haben, um ein so unschickliches Verhältnis den Augen der Welt zu
verbergen?«

»Ich kann es nicht begreifen,« flüsterte der Fremde, indem er wieder
sinnend nach ihr hinsah; »ich kann es nicht fassen; diese Heiterkeit,
dieser beinahe mutwillige Scherz -- und stille, unglückliche Liebe?
Gnädige Frau, ich kann es nicht begreifen!«

»Ja, warum soll sie denn nicht munter sein, Baron? Sie ahnet wohl
nicht, daß jemand etwas von ihrer meschanten Aufführung weiß; der
Amoroso ist in der Nähe --«

»Ist in der Nähe? O bitte, Madame! Zeigen Sie mir den Glücklichen, wer
ist er?«

»Was verlangen Sie! Das wäre ja gegen alle Diskretion, die ich der
Oberhofmarschallin schuldig bin; mein Freund, daraus wird nichts. Sie
können zwar in Warschau wiedererzählen, was Sie hier gesehen und gehört
haben, aber Namen? nein, Namen zu nennen in solchen Affären ist sehr
unschicklich; mein Mann kann dergleichen nicht leiden.«

Die Ouverture war ihrem Ende nahe, die Töne brausten stärker aus dem
Orchester herauf, die Blicke der Zuschauer waren fest auf den Vorhang
gerichtet, um den neuen Don Juan bald zu sehen; doch der Fremde in der
Loge der russischen Gesandtschaft hatte kein Ohr für Mozarts Töne,
kein Auge für das Stück, er sah nur das liebliche, herrliche Kind, das
ihm um so interessanter war, als diese schönen Augen, diese süßen,
freundlichen Lippen heimliche Liebe kennen sollten. Ihre Umgebungen,
einige ältere und jüngere Damen, hatten zu sprechen aufgehört; sie
lauschten auf die Musik; Sophiens Augen gleiteten durch das gefüllte
Haus, sie schienen etwas zu vermissen, zu suchen. »Ob sie wohl nach dem
Geliebten ihre Blicke aussendet?« dachte der Fremde; »ob sie die Reihen
mustert, ihn zu sehen, ihn mit einem verstohlenen Lächeln, mit einem
leisen Beugen des Hauptes, mit einem jener tausend Zeichen zu begrüßen,
welche stille Liebe erfindet, womit sie ihre Lieblinge beglückt,
bezaubert?« Eine schnelle, leichte Röte flog jetzt über Sophiens Züge,
sie rückte den Stuhl mehr seitwärts, sie sah einigemal nach der Türe
ihrer Loge: die Türe ging auf, ein großer, schöner junger Mann trat ein
und näherte sich einer der älteren Damen, es war die Herzogin F., die
Mutter der Prinzessin. Sophie spielte gleichgültig mit der Brille, die
sie in der Hand hielt, aber der Fremde war Kenner genug, um in ihrem
Auge zu lesen, daß _dieser_ und kein anderer der Glückliche sei.

Noch konnte er sein Gesicht nicht sehen; aber die Gestalt, die
Bewegungen des jungen Mannes hatten etwas Bekanntes für ihn; die
Fürstin zog ihre Tochter ins Gespräch, sie blickte freundlich auf, sie
schien etwas Pikantes erwidert zu haben, denn die Mutter lächelte, der
junge Mann wandte sich um, und -- »Mein Gott! Graf _Zronievsky_!« rief
der Fremde so laut, so ängstlich, daß der Gesandte an seiner Seite
heftig erschrak, und seine Gemahlin den Gast krampfhaft an der Hand
faßte, und neben sich auf den Stuhl niederriß.

»Ums Himmels willen, was machen Sie für Skandal!« rief die erzürnte
Dame; »die Leute schauen rechts und links nach uns her; wer wird denn
so mörderlich schreien? Es ist nur gut, daß sie da unten gerade ebenso
mörderlich gegeigt und trompetet haben, sonst hätte jedermann Ihren
»Zronievsky« hören müssen. Was wollen Sie nur von dem Grafen? Sie
wissen ja doch, daß wir vermeiden, ihn zu kennen!«

»Kein Wort weiß ich,« erwiderte der Fremde; »wie kann ich auch wissen,
wen Sie kennen und wen nicht, da ich erst seit drei Stunden hier bin?
Warum vermeiden Sie es, ihn zu sehen?«

»Nun, seine Verhältnisse zu unserer Regierung können Ihnen nicht
unbekannt sein,« sprach der Gesandte; »er ist verwiesen, und es ist mir
höchst fatal, daß er gerade hier, und immer nur hier sein will. Er hat
sich unverschämterweise bei Hofe präsentieren lassen, und so sehe ich
ihn auf jedem Schritt und Tritt, und doch wollen es die Verhältnisse,
daß ich ihn ignoriere. Ueberdies macht mir der fatale Mensch sonst noch
genug zu schaffen; man will höheren Orts wissen, wovon er lebe, und so
glänzend lebe, da doch seine Güter konfisziert sind; und ich weiß es
nicht herauszubringen. Sie kennen ihn, Baron?«

Der Fremde hatte diese Reden nur halb gehört; er sah unverwandt nach
der fürstlichen Loge, er sah, wie Zronievsky mit der Fürstin und
den andern Damen sprach, wie nur sein feuriges Auge hin und wieder
nach Sophien hingleitete, wie sie begierig diesen Strahl auffing und
zurückgab. Der Vorhang flog auf; der Graf trat zurück und verschwand
aus der Loge; Leporello hub seine Klagen an.

»Sie kennen ihn, Baron?« flüsterte der Gesandte. »Wissen Sie mir
Näheres über seine Verhältnisse --«

»Ich habe mit ihm unter den polnischen Lanciers gedient.«

»Ist wahr; er hat in der französischen Armee gedient; sahen Sie sich
oft? kennen Sie seine Ressourcen?«

»Ich habe ihn nur gesehen,« warf der Fremde leicht hin, »wenn es der
Dienst mit sich brachte; ich weiß nichts von ihm, als daß er ein braver
Soldat und ein sehr unterrichteter Offizier ist.«

Der Gesandte schwieg; sei es, daß er diesen Worten glaubte, sei es,
daß er zu vorsichtig war, seinem Gast durch weitere Fragen Mißtrauen
zu zeigen. Auch der Fremde bezeigte keine Lust, das Gespräch weiter
fortzusetzen; die Oper schien ihn ganz in Anspruch zu nehmen; und
dennoch war es ein ganz anderer Gegenstand, der seine Seele unablässig
beschäftigte. »Also hierher hat dich dein unglückliches Geschick
endlich getrieben?« sagte er zu sich, »armer Zronievsky! Als Knabe
wolltest du dem Kosciuszko helfen, und dein Vaterland befreien;
Freiheit und Kosciuszko sind verklungen und verschwunden! Als Jüngling
warst du für den Ruhm der Waffen, für die Ehre der Adler, denen du
folgtest, begeistert, man hat sie zerschlagen; du hattest dein Herz so
lange vor Liebe bewahrt, sie findet dich endlich als Mann, und siehe --
die Geliebte steht so furchtbar hoch, daß du vergessen oder untergehen
mußt!«

Das Geschick seines Freundes, denn dies war ihm Graf Zronievsky
gewesen, stimmte den Fremden ernst und trübe, er versank in jenes
Hinbrüten, das die Welt und alle ihre Verhältnisse vergißt, und der
Gesandte mußte ihn, als der erste Akt der Oper zu Ende war, durch
mehrere Fragen aus seinem Sinnen aufwecken, das nicht einmal durch das
Klatschen und Bravorufen des Parterres unterbrochen worden war.

»Die Herzogin hat nach Ihnen gefragt,« sagte der Gesandte; »sie
behauptet, Ihre Familie zu kennen; kommen Sie, wischen Sie diesen
Ernst, diese Melancholie von Ihrer Stirne; ich will Sie in die Loge
führen und präsentieren.«

Der Fremde errötete; sein Herz pochte, er wußte selbst nicht warum;
erst als er den Korridor mit dem Gesandten hinging, als er sich der
fürstlichen Loge näherte, fühlte er, daß es die Freude sei, was sein
Blut in Bewegung brachte, die Freude, jenem lieblichen Wesen nahe zu
sein, dessen stille Liebe ihn so sehr anzog.


2.

Die Herzogin empfing den Fremden mit ausgezeichneter Güte. Sie selbst
präsentierte ihn der Prinzessin Sophie, und der Name _Larun_ schien
in den Ohren des schönen Kindes bekannt zu klingen; sie errötete
flüchtig und sagte, sie glaube gehört zu haben, daß er früher in der
französischen Armee diente. Es war dem Baron nur zu gewiß, daß ihr
niemand anders als Zronievsky dies gesagt haben konnte, es war ihm um
so gewisser, als ihr Auge mit einer gewissen Teilnahme auf ihm wie auf
einem Bekannten ruhte, als sie gerne die Rede an ihn zu richten schien.

»Sie sind fremd hier,« sagte die Herzogin, »Sie sind keinen Tag in
diesen Mauern, Sie können also noch von niemand bestochen sein;
ich fordere Sie auf, sein Sie Schiedsrichter; kann es nicht in der
Natur geheimnisvolle Kräfte geben, die -- die, wie soll ich mich nur
ausdrücken, die, wenn wir sie frevelhaft hervorrufen, uns Unheil
bringen können?«

»Sie sind nicht unparteiisch, Mutter;« rief die Prinzessin lebhaft,
»Sie haben schon durch Ihre Frage, wie Sie sie stellten, die Sinne
des Barons gefangen genommen. Sagen Sie einmal, wenn zufällig im
Zwischenraum von vielen Jahren von einem Hause nach und nach sechs
Dachziegel gefallen wären und einige Leute getötet hätten, würden Sie
nicht mehr an diesem Hause vorübergehen?«

»Warum nicht? es müßten nur in diesen Ziegeln geheimnisvolle Kräfte
liegen, welche --«

»Wie mutwillig,« unterbrach ihn die Herzogin, »Sie wollen mich mit
meinen geheimnisvollen Kräften nach Hause schicken, aber nur Geduld;
das Gleichnis, das Sophie vorbrachte, paßt doch nicht ganz --«

»Nun, wir wollen gleich sehen, wem der Baron recht gibt,« rief jene;
»die Sache ist so, wir haben hier eine sehr hübsche Oper, man gibt
alles mögliche, Altes und Neues durcheinander, nur _eines_ nicht, die
schönste, herrlichste Oper, die ich kenne; auf fremdem Boden mußte ich
sie zum erstenmal hören, das erste, was ich tat, als ich hierher kam,
war, daß ich bat, man möchte sie hier geben, und nie wird mir mein
Wunsch erfüllt! Und nicht etwa, weil sie zu schwer ist -- sie geben
schwerere Stücke -- nein, der Grund ist eigentlich lächerlich.«

»Und wie heißt die Oper?« fragte der Fremde.

»Es ist Othello!«

»Othello? gewiß, ein herrliches Kunstwerk; auch mich spricht selten
eine Musik so an wie diese, und ich fühle mich auf lange Tage
feierlich, ich möchte sagen heilig bewegt, wenn ich Desdemonas
Schwanengesang zur Harfe singen gehört habe.«

»Hören Sie es? Er kommt von Petersburg, von Warschau, von Berlin, Gott
weiß woher -- ich habe ihn nie gesehen, und dennoch schätzt er Othello
so hoch. Wir müssen ihn einmal wieder sehen. Und warum soll er nicht
wieder gegeben werden? Wegen eines Märchens, das heutzutage niemand
mehr glaubt.«

»Freveln Sie nicht!« rief die Fürstin; »es sind mir Tatsachen bekannt,
die mich schaudern machen, wenn ich nur daran denke; doch wir sprechen
unserm Schiedsrichter in Rätseln; stellen Sie sich einmal vor, ob es
nicht schrecklich wäre, wenn es jedesmal, so oft Othello gegeben würde,
brennte.«

»Auch wieder ein Gleichnis,« fiel Sophie ein, »doch es ist noch viel
toller, das Märchen selbst!«

»Nein, es soll einmal brennen,« fuhr die Mutter fort. »Othello wurde
zuerst als Drama nach Shakespeare gegeben, schon vor fünfzig Jahren;
die Sage ging, man weiß nicht woher und warum, daß, so oft Othello
gegeben wurde, ein gewisses Evenement erfolgte; nun also unser Brennen;
es brannte jedesmal nach Othello. Man machte den Versuch, man gab lange
Zeit Othello nicht; es kam eine neue geistreiche Uebersetzung auf, er
wird gegeben -- jener unglückliche Fall ereignet sich wieder. Ich weiß
noch wie heute, als Othello, zur Oper verwandelt, zum erstenmal gegeben
wurde; wir lachten lange vorher, daß wir den unglücklichen Mohren um
sein Opfer gebracht haben, indem er jetzt musikalisch geworden --
Desdemona war gefallen, wenige Tage nachher hatte der Schwarze auch ein
weiteres Opfer. Der Fall trat nachher noch einmal ein, und darum hat
man Othello nie wieder gegeben; es ist töricht, aber wahr. Was sagen
Sie dazu, Baron, aber aufrichtig, was halten Sie von unserem Streit?«

»Durchlaucht haben vollkommen recht,« antwortete Larun in einem Ton,
der zwischen Ernst und Ironie die Mitte hielt; »wenn Sie erlauben,
werde ich durch ein Beispiel aus meinem eigenen Leben Ihre Behauptung
bestätigen. Ich hatte eine unverheiratete Tante, eine unangenehme,
mystische Person; wir Kinder hießen sie nur die Federntante, weil
sie große schwarze Federn auf dem Hut zu tragen pflegte. Wie bei
Ihrem Othello, so ging auch in unserer Familie eine Sage, so oft die
Federntante kam, mußte nachher eins oder das andere krank werden.
Es wurde darüber gescherzt und gelacht, aber die Krankheit stellte
sich immer ein, und wir waren den Spuk schon so gewöhnt, daß, so oft
die Federntante zum Besuch in den Hof fuhr, alle Zurüstungen für die
kommende Krankheit gemacht und selbst der Doktor geholt wurde.«

»Eine köstliche Figur, Ihre Federntante!« rief die Prinzessin lachend;
»ich kann mir sie denken, wie sie den Kopf mit dem Federhut aus dem
Wagen streckt, wie die Kinder laufen, als käme die Pest, weil keines
krank werden will, und wie ein Reitknecht zur Stadt sprengen muß, um
den Doktor zu holen, weil die Federntante erschienen sei. Da hatten Sie
ja wahrhaftig eine lebendige weiße Frau in Ihrer Familie!«

»Still von diesen Dingen,« unterbrach sie die Fürstin ernst, beinahe
unmutig; »man sollte nicht von Dingen so leichthin reden, die man
nicht leugnen kann, und deren Natur dennoch nie erklärt werden wird.
So ist nun einmal auch mein Othello,« setzte sie freundlich hinzu.
»Und Sie werden ihn nicht zu sehen bekommen, Baron, und müssen Ihr
Lieblingsstück schon wo anders aufsuchen.«

»Und Sie sollen ihn dennoch sehen,« flüsterte Sophie zu ihm hin, »ich
muß mein Desdemonalied noch einmal hören, so recht sehen und hören auf
der Bühne, und sollte ich selbst darüber zum Opfer werden!«

»Sie selbst?« fragte der Fremde betroffen; »ich höre ja, der
gespenstige Mohr soll nur _brennen_, nicht _töten_?«

»Ach, das war ja nur das Gleichnis der Mutter!« flüsterte sie noch viel
leiser, »die Sage ist noch viel schauriger und viel gefährlicher.«

Der Kapellmeister pochte, die Introduktion des zweiten Akts begann,
und der Fremde stand auf, die fürstliche Loge zu verlassen. Die
Herzogin hatte ihn gütig entlassen, aber vergebens sah er sich nach
dem Gesandten um, er war wohl längst in seine Loge zurückgekehrt.
Unschlüssig, ob er rechts oder links gehen müsse, stand er im Korridor,
als eine warme Hand sich in die seinige legte; er blickte auf, es war
der Graf Zronievsky.


3.

»So habe ich doch recht gesehen?« rief der Graf, »mein Major, mein
tapferer Major! Wie lebt alles wieder in mir auf! Ich werfe diese
unglücklichen dreizehn Jahre von mir; ich bin der frohe Lancier wie
sonst! ~Vive Poniatowsky, vive l'emp--~«

»Um Gottes willen, Graf!« fiel ihm der Fremde in das Wort; »bedenken
Sie, wo Sie sind! Und warum diese Schatten heraufbeschwören? Sie sind
hinab mit ihrer Zeit; lasset die Toten ruhen!«

»_Ruhen?_« entgegnete jener; »das ist ja gerade, was ich nicht kann;
o daß ich unter jenen Toten wäre! Wie sanft, wie geduldig wollte ich
ruhen! Sie schlafen, meine tapfern Polen, und keine Stimme, wie mächtig
sie auch rufe, schreckt sie auf. Warum darf ich allein nicht rasten?«

Ein düsteres, unstätes Feuer brannte in den Augen des schönen Mannes,
seine Lippen schlossen sich schmerzlich; sein Freund betrachtete
ihn mit besorgter Teilnahme, er sah hier nicht mehr den fröhlichen,
heldenmütigen Jüngling, wie er ihn an der Spitze des Regiments in den
Tagen des Glückes gesehen; das zutrauliche, gewinnende Lächeln, das ihn
sonst so angezogen, war einem grämlichen, bittern Zuge gewichen, das
Auge, das sonst voll stolzer Zuversicht, voll freudigen Mutes, frei und
offen um sich blickte, schien mißtrauisch jeden Gegenstand zu prüfen,
durchbohren zu wollen, das matte Rot, das seine Wangen bedeckte, war
nur der Abglanz jener Jugendblüte, die ihm in den Salons von Paris den
Namen des _schönen_ Polen erworben hatte, und dennoch, auch nach dieser
großen Veränderung, welche Zeit und Unglück hervorgebracht hatten,
mußte man gestehen, daß Prinzessin Sophie sehr zu entschuldigen sei.

»Sie sehen mich an, Major?« sagte jener nach einigem Stillschweigen,
»Sie betrachten mich, als wollten Sie die alten Zeiten aus meinen Zügen
herausfinden? Geben Sie sich nicht vergebliche Mühe; es ist so manches
anders geworden, sollte nicht der Mensch mit dem Geschick sich ändern?«

»Ich finde Sie nicht sehr verändert,« erwiderte der Fremde, »ich
erkannte Sie bei dem ersten Anblick wieder. Aber eines finde ich
nicht mehr wie früher, aus diesen Augen ist ein gewisses Zutrauen
verschwunden, das mich sonst so oft beglückte. Alexander Zronievsky
scheint mir nicht mehr zu trauen. Und doch,« setzte er lächelnd hinzu,
»und dennoch war mein Geist immer bei ihm, ich weiß sogar die tiefsten
Gedanken seines Herzens.«

»Meines armen Herzens!« entgegnete der Graf wehmütig; »ich wüßte kaum,
ob ich noch ein Herz habe, wenn es nicht manchmal vor Unmut pochte!
Welche Gedanken wollen Sie aufgespürt haben, als die unwandelbare
Freundschaft für Sie, Major? Schelten Sie nicht mein Auge, weil es
nicht mehr fröhlich ist; ich habe mich in mich selbst zurückgezogen,
ich habe mein Vertrauen in meine Rechte gelegt, ihr Druck wird Ihnen
sagen, daß ich noch immer der alte bin.«

»Ich danke; aber wie, ich sollte mich nicht auf die Gedanken Ihres
Herzens verstehen? Sie sagen, es pocht nur vor Unmut; was hat denn ein
gewisses Fürstenkind getan, daß Ihr Herz so gar unmutig pocht?«

Der Graf erblaßte; er preßte des Freundes Hand fest in der seinigen:
»Um Gottes willen, schweigen Sie; nie mehr eine Silbe über diesen
Punkt! Ich weiß, ich verstehe, was Sie meinen, ich will sogar zugeben,
daß Sie recht gesehen haben; der Teufel hat Ihre Augen gemacht, Major!
Doch warum bitte ich einen Ehrenmann wie Sie, zu schweigen? Es hat ja
noch keiner vom achten Regiment seinen Kameraden verraten.«

»Sie haben recht, und kein Wort mehr darüber; doch nur dies eine noch:
vom achten verratet keiner den Kameraden, ob aber der gute Kamerad sich
selber nicht verrät?«

»Kommen Sie hier in diese Treppe,« flüsterte der Graf, denn es nahten
sich mehrere Personen; »Jesus Maria, sollte außer Ihnen jemand etwas
ahnen?«

»Wenn Sie Vertrauen um Vertrauen geben werden, wohlan, so will ich
beichten.«

»O, foltern Sie mich nicht, Major! Ich will nachher sagen, was Sie
haben wollen, nur geschwind, ob jemand außer Ihnen --«

Der Major von Larun erzählte, er sei heute in dieser Stadt angekommen,
seine Depeschen seien bei dem Gesandten bald in Richtigkeit gewesen,
man habe ihn in die Oper mitgenommen, und dort, wie er entzückt die
Prinzessin aus der Ferne betrachtet, habe ihm die Gesandtin gesagt, daß
Sophie in ein Verhältnis unter ihrem Stande verwickelt sei. »Sie traten
ein in die fürstliche Loge, ein Blick überzeugte mich, daß niemand als
Sie der Geliebte sein könne.«

»Und die Gesandtin?« rief der Graf mit zitternder Stimme.

»Sie hat es bestätigt. Wenn ich nicht irre, sprach sie auch von einer
Oberhofmarschallin, von welcher sie die Nachricht habe.«

Der Graf schwieg, einige Minuten vor sich hinstarrend; er schien mit
sich zu ringen, er blickte einigemal den Fremden scheu von der Seite an
-- »Major,« sprach er endlich mit klangloser, matter Stimme, »können
Sie mir hundert Napoleon leihen?«

Der Major war überrascht von dieser Frage; er hatte erwartet, sein
Freund werde etwas weniges über sein Unglück jammern, wie bei
dergleichen Szenen gebräuchlich, er konnte sich daher nicht gleich in
diese Frage finden, und sah den Grafen staunend an.

»Ich bin ein Flüchtling,« fuhr dieser fort; »ich glaubte endlich eine
stille Stätte gefunden zu haben, wo ich ein klein wenig rasten könnte,
da muß ich lieben -- muß geliebt werden, Major, wie geliebt werden!«
Er hatte Tränen in den Augen, doch er bezwang sich und fuhr mit fester
Stimme fort: »Es ist eine sonderbare Bitte, die ich hier nach so langem
Wiedersehen an Sie tue, doch ich erröte nicht, zu bitten; Kamerad,
gedenken Sie des letzten ruhmvollen Tages im Norden, gedenken Sie des
Tages von Mosaisk?«

»Ich gedenke!« sagte der Fremde, indem sein Auge glänzte und seine
Wangen sich höher färbten.

»Und gedenken Sie, wie die russische Batterie an der Redoute auffuhr,
wie ihre Kartätschen in unsere Reihen sausten und der Verräter Piolsky
zum Rückzug blasen ließ?«

»Ha!« fiel der Fremde mit dröhnender Stimme ein, »und wie Sie ihn
herabschossen, Oberst, daß er keine Ader mehr zuckte, wie die Husaren
rechts abschwenkten, wie _Sie_ ›vorwärts!‹ riefen, ›vorwärts, Lanciers
vom achten!‹ und die Kanonen in fünf Minuten unser waren!« --

»Gedenken Sie?« flüsterte der Graf mit Wehmut; »wohlan! ich kommandiere
wieder vor der Front. Es gilt, einen Kameraden herauszuhauen, werdet
Ihr ihn retten? ~En avant~, Major! vorwärts, tapferer Lancier! wirst du
ihn retten, Kamerad?«

»Ich will ihn retten!« rief der Freund, und der Graf Zronievsky schlug
seinen Arm um ihn, preßte ihn heftig an seine Brust und eilte dann von
ihm weg, den Korridor entlang.


4.

»Gut, daß ich Sie treffe,« rief der Graf Zronievsky, als er am nächsten
Morgen dem Major auf der Straße begegnete, »ich wollte eben zu Ihnen
und Sie um eine kleine Gefälligkeit ansprechen --«

»Die ich Ihnen schon gestern zusagte,« erwiderte jener; »wollen Sie
mich in mein Hotel begleiten? es liegt längst für Sie bereit.« --

»Um Gottes willen! jetzt nichts von Geld,« fiel der Graf ein, »Sie
töten mich durch diese Prosa; ich bin göttlich gelaunt, selig,
überirdisch gestimmt. O Freund, ich habe es dem Engel gesagt, daß
man uns bemerkt, ich habe ihr gesagt, daß ich fliehen werde, denn in
ihrer Nähe zu sein, sie nicht zu sprechen, nicht anzubeten, ist mir
unmöglich.«

»Und darf ich wissen, was sie sagte?«

»Sie ist ruhig darüber, sie ist größer als diese schlechten Menschen.
›Was ist es auch?‹ sagte sie, ›man kann uns gewiß nichts Böses
nachsagen, und wenn man auch unser Verhältnis entdeckte, so will ich
mir gerne einmal einen dummen Streich vergeben lassen; wo lebt ein
Mensch, der nicht einmal einen beginge?‹«

»Eine gesunde Philosophie,« bemerkte der Major; »man kann nicht
vernünftiger über solche Verhältnisse denken; denn gerade die sind
meist am schlechtesten beraten, die glauben, sie können alle Menschen
blenden. Doch ist mir noch eine Frage erlaubt? Wie es scheint, so sehen
Sie Ihre Dame _allein_? denn was Sie mir erzählten, wurde schwerlich
gestern im Don Juan verhandelt.«

»Wir sehen uns,« flüsterte jener, »ja, wir sehen uns, aber wo, darf ich
nicht sagen, und so wahr ich lebe, das sollen auch jene Menschen nicht
ausspähen. Aber lange, ich sehe es selbst ein, lange Zeit kann es nicht
mehr dauern. Drum bin ich immer auf dem Sprung, Kamerad, und Ihre Hilfe
soll mich retten, wenn indes meine Gelder nicht flüssig werden. ›Doch
gilt es morgen, so laß uns heut noch schlürfen die Neige der köstlichen
Zeit;‹ ich will noch glücklich, selig sein, weil es ja doch bald ein
Ende haben muß.«

»Und wozu kann ich Ihnen dienen?« fragte der Major, »wenn ich nicht
irre, wollten Sie mich aufsuchen.«

»Richtig, das war es, warum ich kommen wollte,« entgegnete jener nach
einigem Nachsinnen. »Sophie weiß, daß Sie mein Freund sind, ich habe
ihr schon früher von Ihnen erzählt, hauptsächlich die Geschichte von
der Beresinabrücke, wo Sie mich zu sich auf den Rappen nahmen. Sie
hat gestern mit Ihnen gesprochen und von _Othello_, nicht wahr? Die
Fürstin will nicht zugeben, daß er aufgeführt werde, wegen irgend eines
Märchens, das ich nicht mehr weiß.« --

»Sie waren sehr geheimnisvoll damit,« unterbrach ihn der Freund, »und
wie mir schien, wird es die Fürstin auch nicht zugeben.«

»Und doch; ich habe sie durch ein Wort dahin gebracht. Die Prinzessin
bat und flehte, und das kann ich nun einmal nicht sehen, ohne daß ich
ihr zu Hilfe komme; ich nahm also eine etwas ernste Miene an und sagte:
›Sonderbar ist es doch, wenn so etwas ins Publikum kommt, ist es wie
der Wind in den Gesandtschaften, und kam es einmal so weit, so darf man
nicht dafür sorgen, daß es in acht Tagen als ~Chronique scandaleuse~
an allen Höfen erzählt wird.‹ Die Fürstin gab mir recht; sie sagte,
wiewohl mit sehr bekümmerter und verlegener Miene zu, daß das Stück
gegeben werden sollte; doch als sie wegging, rief sie mir noch zu: sie
gebe das Spiel dennoch nicht verloren, denn wenn auch _Othello_ schon
auf dem Zettel stehe, lasse sie die _Desdemona_ krank werden.«

»Das haben Sie gut gemacht!« rief der Major lachend, »also die Furcht
vor der ~Chronique scandaleuse~ hat die Gespensterfurcht und das Grauen
vor den Geheimnissen der Natur überwunden?«

»Jawohl, Sophie ist außer sich vor Freuden, daß sie ihren Willen
hat. Ich bin gerade auf dem Weg zum Regisseur der Oper; ich soll ihm
vierhundert Taler bringen, daß die Aufführung auch in pekuniärer
Hinsicht keiner Schwierigkeit unterworfen sein möchte, und Sie müssen
mich zu ihm begleiten.«

»Aber wird es nicht auffallen, wenn Sie im Namen der Prinzessin diese
Summe überbringen?«

»Dafür ist gesorgt; wir bringen es als Kollekte von einigen
Kunstfreunden; stellen Sie einen Dilettanten oder Enthusiasten vor
oder was in unseren Kram paßt. Der Regisseur wohnt nicht weit von hier
und ist ein alter, ehrlicher Kauz, den wir schon gewinnen wollen. Nur
hier um die Ecke, Freund; sehen Sie dort das kleine grüne Haus mit dem
Erker?«


5.

Der Regisseur der Oper war ein kleiner, hagerer Mann, er war früher als
Sänger berühmt gewesen und ruhte jetzt im Alter auf seinen Lorbeeren.
Er empfing die Freunde mit einer gewissen künstlerischen Hoheit und
Würde, welche nur durch seine sonderbare Kleidung etwas gestört wurde;
er trug nämlich eine schwarze Florentiner Mütze, welche er nur ablegte,
wenn er zum Ausgehen die Perücke auf die Glatze setzte. Auffallend
stachen gegen diese bequeme Hauskleidung des Alten ein moderner, enge
anliegender Frack und weite, faltenreiche Beinkleider ab; sie zeigten,
daß der Herr Regisseur trotz der sechzig Jährchen, die er haben mochte,
dennoch für die Eitelkeit der Welt nicht abgestorben sei; an den
Füßen trug er weite, ausgetretene Pelzschuhe, auf denen er künstlich
im Zimmer herumfuhr, ohne sichtbar die Beine aufzuheben; es kam den
Freunden vor, als fahre er auf Schlittschuhen.

»Ist mir bereits angezeigt worden, der allerhöchste Wunsch,« sagte
der Regisseur, als ihn der Graf mit dem Zweck ihres Besuches bekannt
machte, »weiß bereits um die Sache; an mir soll es nicht fehlen, mein
einziger Zweck ist ja, die allerhöchsten Ohren auf ergötzliche Weise zu
delektieren, aber -- aber ich werde denn doch submissest wagen müssen,
einige Gegenvorstellungen zu exhibitieren.«

»Wie? Sie wollen diese Oper nicht geben?« rief der Graf.

»Gott soll mich behüten, das wäre ja ein offenbares Mordattentat auf
die allerhöchste Familie! Nein! nein! wenn mein Wort in der Sache noch
etwas gilt, wird dieses unglückliche Stück nie gegeben.«

»Hätte ich doch nie gedacht,« entgegnete der Graf, »daß ein Mann wie
Sie von Pöbelwahn befangen wäre. Mit Staunen und Bewunderung vernahm
ich schon in meiner frühesten Jugend in fernen Landen Ihren gefeierten
Namen; Sie wurden die Krone der Sänger genannt, ich brannte vor
Begierde, diesen Mann einmal zu sehen. Ich bitte, verkleinern Sie
dieses ehrwürdige Bild nicht durch solchen Aberwitz.«

Der Alte schien sich geschmeichelt zu fühlen, ein anmutiges Lächeln
zog über seine verwitterten Züge, er steckte die Hände in die Taschen
und fuhr auf seinen Pelzschuhen einigemal im Zimmer auf und ab.
»Allzugütig, allzuviel Ehre!« rief er; »ja, wir waren unserer Zeit
etwas, wir waren ein tüchtiger Tenor! jetzt hat es freilich ein Ende.
_Aberglaube_, belieben Sie zu sagen? ich würde mich schämen, irgend
einem Aberglauben nachzuhängen; aber wo Tatsachen sind, kann von
Aberglauben nicht die Rede sein.«

»Tatsachen?« riefen die Freunde mit _einer_ Stimme.

»O ja, verehrte ~messieurs~, Tatsachen. Sie scheinen nicht aus hiesiger
Stadt und Gegend zu sein, da Sie solche nicht wissen?«

»Ich habe allerdings von einem solchen Märchen gehört,« sagte der
Major; »es soll, wenn ich nicht irre, jedesmal nach Othello brennen,
und --«

»Brennen? daß mir Gott verzeih'; ich wollte lieber, daß es allemal
brennte; Feuer kann man doch löschen, man hat Brandassekuranzen, man
kann endlich noch solch einen Brandschaden zur Not ertragen; aber
sterben? nein, das ist ein weit gefährlicherer Casus.«

»Sterben? sagen Sie, wer soll sterben?«

»Nun, das ist kein Geheimnis!« erwiderte der Regisseur; »so oft Othello
gegeben wird, muß acht Tage nachher jemand aus der fürstlichen Familie
sterben.«

Die Freunde fuhren erschrocken von ihren Sitzen auf, denn der
prophetische, richtende Ton, womit der Alte dies sagte, hatte etwas
Greuliches an sich; doch sogleich setzten sie sich wieder und brachen
über ihren eigenen Schrecken in ein lustiges Gelächter aus, das
übrigens den Sänger nicht aus der Fassung brachte.

»Sie lachen?« sprach er; »ich muß es mir gefallen lassen; wenn es Sie
übrigens nicht geniert, will ich Sie die Theaterchronik inspizieren
lassen, die seit hundertundzwanzig Jahren der jedesmalige Souffleur
schreibt.«

»Die Theaterchronik her, Alter, lassen Sie uns inspizieren,« rief der
Graf, dem die Sache Spaß zu machen schien; und der Regisseur rutschte
mit außerordentlicher Schnelligkeit in seine Kammer und brachte einen
in Leder und Messing gebundenen Folianten hervor.

Er setzte eine große in Bein gefaßte Brille auf und blätterte in der
Chronik. »Bemerken Sie,« sagte er, »wegen des Nachfolgenden, erstlich:
hier steht: ›Anno 1740 den 8. Dezember ist die Actrice Charlotte
Fandauerin in hiesigem Theater erstickt worden. Man führte das
Trauerspiel Othello, der Mohr von Venedig, von Shakespeare auf.‹«

»Wie?« unterbrach ihn der Major, »Anno 1740 sollte man hier
Shakespeares Othello gegeben haben? und doch war es, wenn ich nicht
irre, Schröder, der zuerst und viel später das erste Shakespearsche
Stück in Deutschland aufführen ließ?«

»Bitte um Vergebung,« erwiderte der Alte. »Der Herzog sah auf einer
Reise durch England in London diesen Othello geben, ließ ihn, weil
er ihm außerordentlich gefiel, übersetzen und nachher hier öfter
aufführen. Meine Chronik fährt aber also fort: ›Obgedachte Charlotte
Fandauerin hat die Desdemona gegeben und ist durch die Bettdecke, womit
sie in dem Stücke selbst getötet werden soll, elendiglich umgekommen.
Gott sei ihrer armen Seele gnädig!‹ Diesen Mord erzählt man sich hier
folgendermaßen: die Fandauer soll sehr schön gewesen sein; bei Hof
ging es damals unter dem Herzog Nepomuk sehr lasciv zu; die Fandauer
wurde des Herzogs Geliebte. Sie aber soll sich nicht blindlings und
unvorsichtig ihm übergeben haben; sie war abgeschreckt durch das
Beispiel so vieler, die er nach einigen Monaten oder Jährchen verstieß
und elendiglich herumlaufen ließ. Sie soll also ein schreckliches
Bündnis mit ihm gemacht und erst, nachdem er es beschworen, sich
ihm ergeben haben. Aber wie bei den andern, so war es auch bei der
Fandauer. Er hatte sie bald satt und wollte sie auf gelinde Art
entfernen. Sie aber drohte ihm, das Bündnis, das er mit ihr gemacht,
drucken und in ganz Europa verbreiten zu lassen, sie zeigte ihm auch,
daß sie diese Schrift schon in vielen fremden Städten niedergelegt
habe, wo sie auf ihren ersten Wink verbreitet würde.

Der Herzog war ein grausamer Herr und sein Zorn kannte keine Grenzen.
Er soll ihr auf verschiedenen Wegen durch Gift haben beikommen
wollen, aber sie aß nichts, als was sie selbst gekocht hatte. Er gab
daher einem Schauspieler eine große Summe Geld und ließ den Othello
aufführen. Sie werden sich erinnern, daß in dem Shakespeareschen
Trauerspiel die Desdemona von dem Mohren im Bette erstickt wird. Der
Akteur machte seine Sache nur allzunatürlich, denn die Fandauerin ist
nicht mehr erwacht.«

Der Graf schauderte. »Und dies soll wahr sein?« rief er aus.

»Fragen Sie von älteren Personen in der Stadt, wen Sie wollen, Sie
werden es überall so erzählen hören. Es wurde nachher von den Gerichten
eine Untersuchung gegen den Mörder anhängig gemacht, aber der Herzog
schlug sie nieder, nahm den Akteur vom Theater in seine Dienste und
erklärte, die Fandauerin habe durch Zufall der Schlag gerührt. Aber
acht Tage darauf starb ihm sein einziges Söhnlein, ein Prinz von zwölf
Jahren.«

»Zufall!« sagte der Major.

»Nennen Sie es immerhin so,« versetzte der Alte und blätterte
weiter; »doch hören Sie, Othello wurde zwei Jahre lang nicht mehr
gegeben, denn wegen der Erinnerung an jenen Mord mochte der Herzog
dieses Trauerspiel nicht leiden. Aber nach zwei Jahren -- in diesem
Buch steht jedes Lustspiel aufgezeichnet -- nach zwei Jahren war er
so ruchlos, es wieder aufführen zu lassen. Hier steht's: ›Den 28.
September 1742 Othello, der Mohr von Venedig‹; und hier am Rande
ist bemerkt: ›_Sonderbarlich!_ am 5. Oktober ist Prinzessin Auguste
verstorben, gerade auch acht Tage nach Othello, wie vor zwei Jahren der
höchstselige Prinz Friedrich.‹ Zufall, meine werten Herren?«

»Allerdings Zufall!« riefen jene.

»Weiter! ›Den 6. Februar 1748 Othello, der Mohr von Venedig.‹ Ob
es wohl wieder eintrifft? Sehen Sie her, meine Herren! Das hat der
Souffleur hingeschrieben, bemerken Sie gefälligst, es ist dieselbe
Hand, die hier ~in margine~ bemerkt: ›Entsetzlich! die Fandauerin
spukt wieder, Prinz Alexander den 14. plötzlich gestorben, acht Tage
nach Othello.‹« Der Alte hielt inne und sah seine Gäste fragend
an; sie schwiegen, er blätterte weiter und las: »›Den 16. Januar
1775, zum Benefiz der Mlle. Koller: Othello, der Mohr von Venedig.‹
Richtig wieder! ›Arme Prinzessin Elisabeth, hast du müssen so schnell
versterben! † 24. Januar 1775.‹«

»Possen!« unterbrach ihn der Major; »ich gebe zu, es ist so; es soll
einigemal der Eigensinn des Zufalls es wirklich so gefügt haben; geben
Sie mir aber nur _einen_ vernünftigen Grund an zwischen Ursache und
Wirkung, wenn Sie diese Höchstseligen am Othello versterben lassen
wollen!«

»Herr!« antwortete der alte Mann mit tiefem Ernst, »das kann ich nicht;
aber ich erinnere an die Worte jenes großen Geistes, von dem auch
dieser unglückselige Othello abstammt: ›Es gibt viele Dinge zwischen
Himmel und Erde, wovon sich die Philosophen nichts träumen lassen!‹«

»Ich kenne das,« sagte der Graf; »aber ich wette, Shakespeare hätte
nie diesen Spruch von sich gegeben, hätte er gewußt, wie viel
Lächerlichkeit sich hinter ihm verbirgt!«

»Es ist möglich,« erwiderte der Sänger; »hören Sie aber weiter. Ich
komme jetzt an ein etwas neueres Beispiel, dessen ich mich erinnern
kann, _an den Herzog selbst_.«

»Wie,« unterbrach ihn der Major; »eben _jener_, der die Actrice
ermorden ließ?«

»Derselbe; Othello war vielleicht zwanzig Jahre nicht mehr gegeben
worden, da kamen, ich weiß es noch wie heute, fremde Herrschaften zum
Besuch. Unser Schauspiel gefiel ihnen, und sonderbarerweise wünschte
eine der fremden fürstlichen Damen, _Othello_ zu sehen. Der Herzog ging
ungern daran, nicht aus Angst vor den greulichen Umständen, die diesem
Stück zu folgen pflegten, denn er war ein Freigeist und glaubte an
nichts dergleichen; aber er war jetzt alt; die Sünden und Frevel seiner
Jugend fielen ihm schwer aufs Herz, und er hatte Abscheu vor diesem
Trauerspiel. Aber sei es, daß er der Dame nichts abschlagen mochte, sei
es, daß er sich vor dem Publikum schämte, das Stück mußte über Hals und
Kopf einstudiert werden, es wurde auf seinem Lustschloß gegeben. Sehen
Sie, hier steht es: ›Othello, den 16. Oktober 1793 auf dem Lustschloß
H... aufgeführt.‹«

»Nun, Alter, und was folgte? geschwind!« riefen die Freunde ungeduldig.

»Acht Tage nachher, den 24. Oktober 1793, ist der Herzog gestorben.«

»Nicht möglich,« sagte der Major nach einigem Stillschweigen; »lassen
Sie Ihre Chronik sehen; wo steht denn etwas vom Herzog? Hier ist nichts
~in margine~ bemerkt.«

»Nein,« sagte der Alte und brachte zwei Bücher herbei; »aber hier
seine Lebensgeschichte, hier seine Trauerrede, wollen Sie gefälligst
nachsehen?«

Der Graf nahm ein kleines schwarzes Buch in die Hand und las:
»Beschreibung der solennen Beisetzung des am 24. Oktober 1793
höchstselig verstorbenen Herzogs und Herrn -- Dummes Zeug,« rief er und
sprang auf: »das könnte mich um den Verstand bringen! Zufall! Zufall!
und nichts anders! Nun -- und wissen Sie noch ein solches Histörchen?«

»Ich könnte Ihnen noch einige anführen,« erwiderte der Alte mit Ruhe,
»doch Sie langweilen sich bei dieser sonderbaren Unterhaltung; nur aus
der neuesten Zeit noch einen Fall. _Rossini_ schrieb seine herrliche
Oper Othello, worin er, was man bezweifelt hatte, zeigte, daß er es
verstehe, auch die tieferen, tragischen Saiten der menschlichen Brust
anzuschlagen. Er wurde hier höheren Orts nicht _verlangt_, daher wurde
er auch nicht fürs Theater einstudiert. Die Kapelle aber unternahm es,
diese Oper für sich zu studieren, es wurden einige Szenen in Konzerten
aufgeführt, und diese wenigen Proben entzündeten im Publikum einen
so raschen Eifer für die Oper, daß man allgemein in Zeitungen, an
Wirtstafeln, in Singtees und dergleichen von nichts als Othello sprach,
nichts als Othello verlangte. Von den grauenvollen Begebenheiten,
die das Schauspiel Othello begleitet hatten, war gar nicht die Rede;
es schien, man denke sich unter der Oper einen ganz andern Othello.
Endlich bekam der damalige Regisseur (ich war noch auf dem Theater und
sang den Othello), er bekam den Auftrag, sage ich, die Oper in die
Szene zu setzen. Das Haus war zum Ersticken voll, Hof und Adel war da,
das Orchester strengte sich übermenschlich an, die Sängerinnen ließen
nichts zu wünschen übrig, aber ich weiß nicht -- uns alle wehte ein
unheimlicher Geist an, als Desdemona ihr Lied zur Harfe spielte, als
sie sich zum Schlafengehen rüstete, als der Mörder, der abscheuliche
Mohr, sich nahte. Es war dasselbe Haus, es waren dieselben Bretter, es
war dieselbe Szene wie damals, wo ein liebliches Geschöpf in derselben
Rolle so greulich ihr Leben endete. Ich muß gestehen, trotz der
Teufelsnatur meines Othello befiel mich ein leichtes Zittern, als der
Mord geschah, ich blickte ängstlich nach der fürstlichen Loge, wo so
viele blühende, kräftige Gestalten auf unser Spiel herübersahen. ›Wirst
du wohl durch die Töne, die deinen Tod begleiten, dich besänftigen
lassen, blutdürstiges Gespenst der Gemordeten?‹ dachte ich. Es war so;
fünf, sechs Tage hörte man nichts von einer Krankheit im Schlosse; man
lachte, daß es nur der Einkleidung in eine Oper bedurfte, um jenen
Geist gleichsam irre zu machen; der siebente Tag verging ruhig, am
achten wurde Prinz Ferdinand auf der Jagd erschossen.«

»Ich habe davon gehört,« sagte der Major, »aber es war Zufall; die
Büchse seines Nachbars ging los, und --«

»Sage ich denn, das Gespenst bringe die Höchstseligen selbst um,
drücke ihnen eigenhändig die Kehle zu? Ich spreche ja nur von einem
unerklärlichen, geheimnisvollen Zusammenhang.«

»Und haben Sie uns nicht noch zu guter Letzt ein Märchen erzählt? Wo
steht denn geschrieben, daß acht Tage vor jener Jagd Othello gegeben
wurde?«

»Hier,« erwiderte der Regisseur kaltblütig, indem er auf eine Stelle
in seiner Chronik wies; der Graf las: »_Othello_, Oper von Rossini,
den 12. März;« und auf dem Rande stand dreimal unterstrichen: »den 20.
_fiel Prinz Ferdinand auf der Jagd_.«

Die Männer sahen einander schweigend einige Augenblicke an; sie
schienen lächeln zu wollen, und doch hatte sie der Ernst des alten
Mannes, das sonderbare Zusammentreffen jener furchtbaren Ereignisse
tiefer ergriffen, als sie sich selbst gestehen mochten. Der Major
blätterte in der Chronik und pfiff vor sich hin, der Graf schien
über etwas nachzusinnen, er hatte Stirne und Augen fest in die Hand
gestützt. Endlich sprang er auf. »Und dies alles kann Ihnen dennoch
nicht helfen!« rief er, »die Oper muß gegeben werden. Der Hof, die
Gesandten wissen es schon, man würde sich blamieren, wollte man durch
diese Zufälle sich stören lassen. Hier sind vierhundert Taler, mein
Herr! Es sind einige Freunde und Liebhaber der Kunst, welche sie Ihnen
zustellen, um Ihren Othello recht glänzend auftreten zu lassen. Kaufen
Sie davon, was Sie wollen,« setzte er lächelnd hinzu, »lassen Sie
Geisterbanner, Beschwörer kommen, kaufen Sie einen ganzen Hexenapparat,
kurz, was nur immer nötig ist, um das Gespenst zu vertreiben -- nur
geben Sie uns Othello.«

»Meine Herren,« sagte der Alte, »es ist möglich, daß ich in meiner
Jugend selbst über dergleichen gelacht und gescherzt hätte; das Alter
hat mich ruhiger gemacht, ich habe gelernt, daß es Dinge gibt, die man
nicht geradehin verwerfen muß. Ich danke für Ihr Geschenk, ich werde es
auf eine würdige Weise anzuwenden wissen. Aber nur auf den strengsten
Befehl werde ich Othello geben lassen. Ach Gott und Herr!« rief er
kläglich, »wenn ja der Fall wieder einträte, wenn das liebe, herzige
Kind, Prinzessin Sophie, des Teufels wäre!«

»Sein Sie still,« rief der Graf erblassend, »wahrhaftig, Ihre
wahnsinnigen Geschichten sind ansteckend, man könnte sich am hellen
Tage fürchten! Adieu! Vergessen Sie nicht, daß Othello auf jeden Fall
gegeben wird; machen Sie mir keine Kunstgriffe mit Katarrh und Fieber,
mit Krankwerdenlassen und eingetretenen Hindernissen. Beim Teufel, wenn
Sie keine Desdemona hergeben, werde ich das Gespenst der Erwürgten
heraufrufen, daß es diesmal selbst eine Gastrolle übernimmt.«

Der Alte kreuzigte sich und fuhr ungeduldig auf seinen Schuhen umher.
»Welche Ruchlosigkeit,« jammerte er, »wenn sie nun erschiene wie der
steinerne Gast? Lassen Sie solche Reden, ich bitte Sie; wer weiß, wie
nahe jedem sein eigenes Verderben ist!«

Lachend stiegen die beiden die Treppe hinab und noch lange diente
der musikalische Prophet mit der Florentiner Mütze und den
Pelzschlittschuhen ihrem Witz zur Zielscheibe.


6.

Es gab Stunden, worin der Major sich durchaus nicht in den Grafen,
seinen alten Waffenbruder, finden konnte. War er sonst fröhlich,
lebhaft, von Witz und Laune strahlend, konnte er sonst die Gesellschaft
durch treffende Anekdoten, durch Erzählungen aus seinem Leben
unterhalten, wußte er sonst jeden, mochte er noch so gering sein, auf
eine sinnige feine Weise zu verbinden, so daß er der Liebling aller,
von vielen angebetet wurde, so war er in andern Momenten gerade das
Gegenteil. Er fing an, trocken und stumm zu werden, seine Augen senkten
sich, sein Mund preßte sich ein. Nach und nach ward er finster, spielte
mit seinen Fingern, antwortete mürrisch und ungestüm. Der Major hatte
ihm schon abgemerkt, daß dies die Zeit war, wo er aus der Gesellschaft
entfernt werden müsse, denn jetzt fehlten noch wenige Minuten, so zog
er mit leicht aufgeregter Empfindlichkeit jedes unschuldige Wort auf
sich, und fing an zu wüten und zu rasen.

Der Major war viel um ihn, er hatte aus früherer Zeit eine gewisse
Gewalt und Herrschaft über ihn, die er jetzt geltend machte, um ihn vor
diesen Ausbrüchen der Leidenschaft in Gesellschaft zu bewahren, desto
greulicher brachen sie in seinen Zimmern aus; er tobte, er fluchte
in allen Sprachen, er klagte sich an, er weinte. »Bin ich nicht ein
elender, verworfener Mensch?« sprach er einst in einem solchen Anfall;
»meine Pflichten mit Füßen zu treten, die treueste Liebe von mir zu
stoßen, ein Herz zu martern, das mir so innig anhängt! Leichtsinnig
schweife ich in der Welt umher, habe mein Glück verscherzt, weil ich in
meinem Unsinn glaubte, ein Kosciuszko zu sein, und bin nichts als ein
Schwachkopf, den man wegwarf. Und so viele Liebe, diese Aufopferung,
diese Treue so zu vergelten!«

Der Major nahm zu allerlei Trostmitteln seine Zuflucht. »Sie sagen ja
selbst, daß die Prinzessin Sie zuerst geliebt hat; konnte sie je eine
andere Liebe, eine andere Treue von Ihnen erwarten als die, welche die
Verhältnisse erlauben?«

»Ha, woran mahnen Sie mich!« rief der Unglückliche, »wie klagen mich
Ihre Entschuldigungen selbst an! Auch _sie_, auch _sie_ betört! Wie
kindlich, wie unschuldig war sie, als ich Verruchter kam, als ich sie
sah mit dem lieblichen Schmelz der Unschuld in den Augen, da fing mein
Leichtsinn wieder an; ich vergaß alle guten Vorsätze, ich vergaß, wem
ich allein gehören dürfte; ich stürzte mich in einen Strudel von Lust,
ich begrub mein Gewissen in Vergessenheit!« Er fing an zu weinen, die
Erinnerung schien seine Wut zu besänftigen. »Und konnte ich,« flüsterte
er, »konnte ich so von ihr gehen? Ich fühlte, ich sah es an jeder ihrer
Bewegungen, ich las es in ihrem Auge, daß sie mich liebte; sollte ich
fliehen, als ich sah, wie diese Morgenröte der Liebe in ihren Wangen
aufging, wie der erste leuchtende Strahl des Verständnisses aus ihrem
Auge brach, auf mich niederfiel, mich aufzufordern schien, ihn zu
erwidern?«

»Ich beklage Sie,« sprach der Freund und drückte seine Hand; »wo lebt
ein Mann, der so süßer Versuchung widerstanden wäre?«

»Und als ich ihr sagen durfte, wie ich sie verehre, als sie mir
mit stolzer Freude gestand, wie sie mich liebe, als jenes traute,
entzückende Spiel der Liebe begann, wo ein Blick, ein flüchtiger
Druck der Hand mehr sagt, als Worte auszudrücken vermögen, wo man
tagelang nur in der freudigen Erwartung eines Abends, einer Stunde,
einer einsamen Minute lebte, wo man in der Erinnerung dieses seligen
Augenblicks schwelgte, bis der Abend wieder erschien, bis ich aus dem
Taumelkelch ihrer süßen Augen aufs neue Vergessenheit trank; wie reich
wußte sie zu geben, wieviel Liebe wußte sie in _ein_ Wort, in _einen_
Blick zu legen; und ich sollte fliehen?«

»Und wer verlangt dies?« sagte der Freund gerührt. »Es wäre grausam
gewesen, eine so schöne Liebe, die alle Verhältnisse zum Opfer brachte,
zurückzustoßen. Nur Vorsicht hätte ich gewünscht; ich denke, noch ist
nicht alles verloren!«

Er schien nicht darauf zu hören; seine Tränen strömten heftiger, sein
glänzendes Auge schien tiefer in die Vergangenheit zu tauchen. »Und als
sie mit holdem Erröten sagte, wie ich zu ihr gelangen könne, als sie
erlaubte, ihre fürstliche Stirne zu küssen, als der süße Mund, dessen
Wünsche einem Volk Befehle waren, _mein_ gehörte, und die Hoheit einer
Fürstin unterging im traulichen Flüstern der Liebe -- da, da sollte ich
sie lassen?«

»Wie glücklich sind Sie! Gerade in dem Geheimnis dieses Verhältnisses
muß ein eigener Reiz liegen; und warum wollen Sie diese Liebe so tief
verdammen? Fassen Sie sich! Das Urteil der Welt kann Ihnen gleichgültig
sein, wenn Sie glücklich sind; denn im ganzen trägt ja wahrhaftig dies
Verhältnis nichts so Schwarzes, Schuldiges an sich, wie Sie es selbst
sich vorstellen!«

Der Graf hatte ihm zugehört; seine Augen rollten, seine Wangen färbten
sich dunkler, er knirschte mit den Zähnen. »Nicht so mild müssen Sie
mich beurteilen,« sagte er mit dumpfer Stimme, »ich verdiene es nicht.
Ich bin ein Frevler, vor dem Sie zurückschaudern sollten. O -- daß ich
Vergessenheit erkaufen könnte, daß ich Jahre auslöschen könnte aus
meinem Gedächtnis! -- Ich will vergessen, ich muß vergessen, ich werde
wahnsinnig, wenn ich nicht vergesse: schaffen Sie Wein, Kamerad; ich
will trinken, mich dürstet, es wütet eine Flamme in mir, ich will mein
Gedächtnis, meine Schuld versäufen!«

Der Major war ein besonnener Mann; er dachte ziemlich ruhig über diese
verzweiflungsvollen Ausbrüche der Reue und Selbstanklage. »Er ist
leichtsinnig, so habe ich ihn von jeher gekannt,« sagte er zu sich;
»solche Menschen kommen leicht aus einem Extrem in das andere. Er sieht
jetzt große Schuld in seiner Liebe, weil sie der Geliebten in ihren
Verhältnissen schaden kann, und im nächsten Augenblick berauscht ihn
wieder die Wonne der Erinnerung.« Der Wein kam, der Major goß ein; der
Graf stürzte schnell einige Gläser hinunter; er ging mit schnellen
Schritten schweigend im Zimmer auf und nieder, blieb vor dem Freunde
stehen, trank und ging wieder. Dieser mochte seine stillen Empfindungen
nicht unterbrechen, er trank und beobachtete über das Glas hin
aufmerksam die Mienen, die Bewegungen seines Freundes.

»Major!« rief dieser endlich und warf sich auf den Stuhl nieder;
»welches Gefühl halten Sie für das schrecklichste?«

Dieser schlürfte bedächtig den Wein in kleinen Zügen, er schien
nachzusinnen, und sagte dann: »Ohne Zweifel, das, was das freudigste
Gefühl gibt, muß auch das traurigste werden -- Ehre, gekränkte Ehre.«

Der Graf lachte grimmig. »Lassen Sie sich die Taler wiedergeben,
Kamerad, die Sie einem schlechten Psychologen für seinen Unterricht
gaben. Gekränkte Ehre! Also tiefer steigt Ihre Kunst nicht hinab in
die Seele? Die gekränkte Ehre fühlt sich doch selbst noch; es lebt
doch ein Gefühl in des Gekränkten Brust, das ihn hoch erhebt über die
Kränkung, er kann die Scharte auswetzen am Beleidiger; er hat noch
die Möglichkeit, seine Ehre wieder fleckenlos und rein zu waschen,
aber tiefer, Herr Bruder,« rief er, indem er die Hand des Majors
krampfhaft faßte, »tiefer hinab in die Seele! welches Gefühl ist noch
schrecklicher?«

»Von _einem_ habe ich gehört,« erwiderte jener, »das aber Männer wie
wir nicht kennen -- es heißt Selbstverachtung.«

Der Graf erbleichte und zitterte, er stand schweigend auf und sah
den Freund lange an. »Getroffen, Kamerad!« sagte er, »das sitzt
noch tiefer. Männer wie wir _pflegen_ es nicht zu kennen, es heißt
Selbstverachtung. Aber der Teufel legt auch gar feine Schlingen auf die
Erde; ehe man sich versieht, ist man gefangen. Kennen Sie die Qual des
Wankelmutes, Major?«

»Gottlob, ich habe sie nie erfahren; mein Weg ging immer geradeaus aufs
Ziel!«

»Geradeaus aufs Ziel? Wer auch so glücklich wäre! Erinnern Sie sich
noch des Morgens, als wir aus den Toren von Warschau ritten? Unsere
Gefühle, unsere Sinne gehörten jenem großen Geiste, der sie gefangen
hielt; aber wem gehörten die Herzen der polnischen Lanciers? Unsere
Trompeten ließen jene Arien aus den _Krakauern_ ertönen, jene Gesänge,
die uns als Knaben bis zur Wut für das Vaterland begeistert hatten;
diese wohlbekannten Klänge pochten wieder an die Pforte unserer Brust;
Kamerad, wem gehörten unsere Herzen?«

»Dem Vaterland!« sagte der Major gerührt; »ja, damals, _damals_ war ich
freilich wankelmütig!«

»Wohl Ihnen, daß Sie es sonst nie waren, der Teufel weiß das recht
hübsch zu machen; er läßt uns hier empfinden, glücklich werden, und
dort spiegelt er noch höhere Wonne, noch größeres Glück uns vor!«

»Möglich; aber der Mann hat Kraft, _dem_ treu zu bleiben, was er
gewählt hat.«

»Das ist es,« rief der Graf, wie niedergedonnert durch dies _eine_
Wort, »das ist es, und daraus -- die Selbstverachtung; und warum besser
scheinen, als ich bin? Kamerad, Sie sind ein Mann von Ehre, fliehen Sie
mich wie die Pest, ich bin ein Ehrloser, ein Ehrvergessener, Sie sind
ein Mann von Kraft, verachten Sie mich, ich muß mich selbst verachten,
wissen Sie, ich bin --«

»Halt, ruhig!« unterbrach ihn der Freund, »es pochte an der Türe --
herein!«


7.

»Bedaure, bedaure unendlich,« sprach der Regisseur der Oper und
rutschte mit tiefen Verbeugungen ins Zimmer, »ich unterbreche
Hochdieselben?«

»Was bringen Sie uns?« erwiderte der Major, schneller gefaßt als der
unglückliche Freund. »Setzen Sie sich und verschmähen Sie nicht unsern
Wein; was führt Sie zu uns!«

»Die traurige Gewißheit, daß Othello doch gegeben wird. Es hilft
nichts; alles Bitten ist umsonst. Ich will Ihnen nur gestehen, ich ließ
die Oper einüben, hatte aber unsere Primadonna schon dahin gebracht,
daß sie mir feierlich gelobte, heiser zu werden; da führt der Satan
gestern abend die Sängerin Fanutti in die Stadt; sie kommt vom ...ner
Theater, bittet die allerhöchste Theaterdirektion um Gastrollen, und
stellen Sie sich vor, man sagt ihr auf nächsten Sonntag Othello zu. Ich
habe beinahe geweint, wie es mir angezeigt wurde; jetzt hilft kein Gott
mehr dagegen, und doch habe ich schreckliche Ahnungen!«

»Alter Herr!« rief der Graf, der indessen Zeit gehabt hatte, sich zu
sammeln. »Geben Sie doch einmal Ihren Köhlerglauben auf; ich kann
Sie versichern, es soll keiner der allerhöchsten Personen ein Haar
gekrümmt werden; ich gehe hinaus auf den Kirchhof, lasse mir das Grab
der erwürgten Desdemona zeigen, mache ihr meine Aufwartung und bitte
sie, diesmal ein Auge zuzudrücken und _mich_ zu erwürgen. Freilich hat
sie dann nur einen Grafen und kein fürstliches Blut; doch einer meiner
Vorfahren hat auch eine Krone getragen!«

»Freveln Sie nicht so erschrecklich,« entgegnete der Alte, »wie leicht
kann Sie das Unglück mit hinabziehen! Mit solchen Dingen ist nicht
zu scherzen. Ueberdies habe ich heute nacht im Traum einen großen
Trauerzug mit Fackeln gesehen, wie man Fürsten zu begraben pflegt.«

»Schreckliche Visionen, guter Herr!« lachte der Major. »Haben
Sie vielleicht vorher ein Gläschen zuviel getrunken? Und was ist
natürlicher, als daß Sie solches Zeug träumen, da Sie den ganzen Tag
mit Todesgedanken umgehen!«

Der Alte ließ sich nicht aus seinem Ernst herausschwatzen. »Gerade
_Sie_, verehrter Herr, sollten nicht Spott damit treiben,« sagte
er. »Ich habe Sie nie gesehen bis zu jener Stunde, wo Sie mich mit
dem Herrn Grafen besuchten, und doch gingen wir beide heute nacht
miteinander dem Sarge nach, Sie weinten heftig.«

»Immer köstlicher! wie lebhaft Sie träumen; darum mußte ich hierher
kommen, um mit Ihnen, lieber Mann, im Traume spazieren zu gehen!«

»Brechen wir ab,« erwiderte jener, »was kommen muß, wird kommen, und
wir würden vielleicht viel darum geben, hätten wir alles nur geträumt.
Ich komme aber hauptsächlich zu Ihnen, um Sie zur Probe einzuladen, Sie
haben sich so generös gegen uns bewiesen, daß ich mir ein Vergnügen
daraus mache, Ihnen unser Personal, namentlich die neue Sängerin zu
zeigen.«

Die Freunde nahmen freudig den Vorschlag an. Der Graf schien wie immer
seine Heftigkeit zu bereuen und diese Zerstreuung kam ihm erwünscht;
auf dem Major hatten jene Ausbrüche einer Selbstanklage schwer und
drückend gelegen; auch er nahm daher mit Dank diesen Ausweg an, um
einer näheren Erklärung seines Freundes, die er eher fürchtete, als
wünschte, zu entfliehen.


8.

Und wirklich schien auch seit jener Stunde der Graf diese Saite nicht
mehr berühren zu wollen; er schien wohl hin und wieder düster, ja die
Augenblicke des tiefen Grames kehrten wieder, aber nicht mit ihnen das
Geständnis einer großen Schuld, das damals schon auf seinen Lippen
schwebte; er war verschlossener als sonst. Der Major sah ihn sogar
einige Tage beinahe gar nicht; die Geschäfte, die ihn in diese Stadt
gerufen hatten, ließen ihm wenige Stunden übrig, und diese pflegte
gerade der Graf dem Theater zu widmen; denn sei es aus Lust an der
Sache selbst oder um im Sinne der Geliebten zu handeln und ihre
Lieblingsoper recht glänzend erscheinen zu lassen, er war in jeder
Probe gegenwärtig; sein richtiger Takt, seine ausgebreiteten Reisen,
sein feiner, in der Welt gebildeter Geschmack verbesserten unmerklich
manches, was dem Auge und Ohr selbst eines so scharfen Kritikers,
wie der Regisseur war, entgangen wäre; und der alte Mann vergaß oft
stundenlang die schwarzen Ahnungen, die seine Seele quälten, so sehr
wußte Graf Zronievsky sein Interesse zu fesseln.

So war Othello zu einer Vollkommenheit fortgeschritten, die man anfangs
nicht für möglich gehalten hätte; die Oper war durch die sonderbaren
Umstände, welche ihre Aufführung bisher verhindert hatten, nicht nur
dem Publikum, sondern selbst den Sängern neu geworden; kein Wunder, daß
sie ihr möglichstes taten, um so großen Erwartungen zu entsprechen;
kein Wunder, daß man mit freudiger Erwartung dem Tag entgegensah, der
_den Mohren von Venedig_ auf die Bretter rufen sollte.

Es kam aber noch zweierlei hinzu, das Interesse des Publikums zu
fesseln. Der Sängerin Fanutti war ein großer Ruf vorausgegangen, man
war neugierig, wie sie sich vom Theater ausnehme, wie sie Desdemona
geben werde, eine Rolle, zu der man außer schönem Gesang auch ein
höheres tragisches Spiel verlangte. Hierzu kam das leise Gerücht von
den sonderbaren Vorfällen, die jedesmal Othello begleitet hatten; die
älteren Leute erzählten, die jüngeren sprachen es nach, zweifelten,
vergrößerten, so daß ein großer Teil des Publikums glaubte, der Teufel
selbst werde eine Gastrolle im Othello übernehmen.

Der Major von Larun hatte Gelegenheit, an manchen Orten über diese
Dinge sprechen zu hören; am auffallendsten war ihm, daß man bei Hof, wo
er noch einige Abende zubrachte, kein Wort mehr über Othello sprach;
nur Prinzessin Sophie sagte einmal flüchtig und lächelnd zu ihm:
»Othello hätten wir denn doch herausgeschlagen, Ihrer Krankheitstante,
Baron, und der diplomatischen Drohung des Grafen haben wir es zu
danken. Wie freue ich mich auf Sonntag, auf mein Desdemonaliedchen;
wahrlich, wenn ich einmal sterbe, es soll mein Schwanengesang werden.«

»Gibt es Ahnungen?« dachte der Major bei diesen flüchtig hingeworfenen
Worten, die ihm unwillkürlich schwer und bedeutungsvoll klangen; »die
Sage von der gespenstigen Desdemona, die Furcht des alten Regisseurs,
seine Träume vom Trauergeleite und dieser Schwanengesang!« Er sah der
holden, lieblichen Erscheinung nach, wie sie froh und freundlich durch
die Säle gleitete, wie sie, gleich dem Mädchen aus der Fremde, jedem
eine schöne Gabe, ein Lächeln oder ein freundliches Wort darreichte
-- wenn der Zufall es wieder wollte, dachte er, wenn sie stürbe!
Er verlachte sich im nächsten Augenblicke selbst, er konnte nicht
begreifen, wie ein solcher Gedanke in seine vorurteilsfreie Seele
kommen könne -- er suchte mit Gewalt dieses lächerliche Phantom aus
seiner Erinnerung zu verdrängen -- umsonst! dieser Gedanke kehrte immer
wieder, überraschte ihn mitten unter den fremdartigsten Reden und
Gegenständen, und immer noch glaubte er, eine süße Stimme flüstern zu
hören; »Wenn ich sterbe -- sei es mein Schwanengesang.«

Der Sonntag kam und mit ihm ein sonderbarer Vorfall. Der Major war
nachmittags mit dem Grafen und mehreren Offizieren ausgeritten. Auf dem
Heimweg überfiel sie ein Regen, der sie bis auf die Haut durchnäßte.
Die Wohnung des Grafen lag dem Tore zunächst, er bat daher den Major,
sich bei ihm umzukleiden; einen Hut des Freundes auf dem Kopf, in einen
seiner Ueberröcke gehüllt, trat der Major aus dem Hause, um in seine
eigene Wohnung zu eilen. Er mochte einige Straßen gegangen sein, und
immer war es ihm, als schleiche jemand allen seinen Tritten nach. Er
blieb stehen, sah sich um, und dicht hinter ihm stand ein hagerer,
großer Mann in einem abgetragenen Rock. »Dies an Sie Herr!« sagte er
mit dumpfer Stimme und durchdringendem Blick, drückte dem Erstaunten
ein kleines Billett in die Hand und sprang um die nächste Ecke.
Der Major konnte nicht begreifen, woher ihm, in der völlig fremden
Stadt, solche geheimnisvolle Botschaft kommen sollte? Er betrachtete
das Billett von allen Seiten, es war feines, glänzendes Papier, in
eine Schleife künstlich zusammengeschlungen, mit einer schönen Kamee
gesiegelt. Keine Aufschrift. »Vielleicht will man sich einen Scherz mit
dir machen,« dachte er und öffnete es sorglos auf der Straße, er las
und wurde aufmerksam, er las weiter und erblaßte, er steckte das Papier
in die Tasche und eilte seiner Wohnung, seinem Zimmer zu.

Es war schon Dämmerung gewesen auf der Straße, er glaubte nicht recht
gelesen zu haben, er rief nach Licht. Aber auch beim hellen Schein der
Kerzen blieben die unseligen Worte fest und drohend stehen.

»Elender! Du kannst dein Weib, deine kleinen Würmer im Elende
schmachten lassen, während du vor der Welt in Glanz und Pracht
auftrittst? Was willst du in dieser Stadt? Willst du ein ehrwürdiges
Fürstenhaus beschimpfen, seine Tochter so unglücklich machen, als du
dein Weib gemacht hast? Fliehe, in der Stunde, wo du dieses liest, weiß
_Pr. Sph._ das schändliche Geheimnis deines Betrugs.«

Der Major war keinen Augenblick im Zweifel, daß diese Zeilen an den
Grafen gerichtet, daß sie durch Zufall, vielleicht weil er in des
Freundes Kleidern über die Straße gegangen, in seine Hände geraten
seien. Jetzt wurden ihm auf einmal jene Ausbrüche der Verzweiflung
klar; es war Reue, Selbstverachtung, die in einzelnen Momenten die
glänzende Hülle durchbrachen, womit er sein trügerisches Spiel bedeckt
hatte. Laruns Blicke fielen auf die Zeilen, die er noch immer in der
Hand hielt, jene Chiffern Pr. Sph. konnten nichts anders bedeuten als
den Namen des holden, jetzt so unglückseligen Geschöpfes, das jener
gewissenlose Verräter in sein Netz gezogen hatte. Der Major war ein
Mann von kaltem, berechnendem Blick, von starkem, konsequentem Geiste;
er hatte sich selten oder nie von einem Gegenstand überraschen oder
außer Fassung setzen lassen, aber in diesem Augenblick war er nicht
mehr Herr über sich; Wut, Grimm, Verachtung kämpften wechselweise in
seiner Seele. Er suchte sich zu bezwingen, die Sache von einem milderen
Gesichtspunkt anzusehen, den Grafen durch seinen Charakter, seinen
grenzenlosen Leichtsinn zu entschuldigen; aber der Gedanke an Sophie,
der Blick auf »das Weib und die armen kleinen Würmer« des Elenden
verjagten jede mildernde Gesinnung, brausten wie ein Sturm durch seine
Seele, ja, es gab Augenblicke, wo seine Hand krampfhaft nach der Wand
hinzuckte, um die Pistolen herunterzureißen und den schlechten Mann
noch in dieser Stunde zu züchtigen. Doch die Verachtung gegen ihn
bewirkte, was mildere Stimmen in seiner Brust nicht bewirken konnten.
»Er muß fort, noch diese Stunde,« rief er; »die Unglückliche, die er
betörte, darf um keinen Preis erfahren, welchem Elenden sie ihre erste
Liebe schenkte. Sie soll ihn beweinen, vergessen; ihn verachten zu
müssen, könnte sie töten.« Er warf diese Gedanken schnell aufs Papier,
raffte eine große Summe, mehr als er entbehren konnte, zusammen, legte
den unglücklichen Brief bei und schickte alles durch seinen Diener an
den Grafen.

Es war die Stunde, in die Oper zu fahren; wie gerne hätte der Major
heute keinen Menschen mehr gesehen, und doch glaubte er es der
Prinzessin schuldig zu sein, sie vor der gedrohten Warnung zu bewahren.
Er sann hin und her, wie er dies möglich machen könne, es blieb ihm
nichts übrig, als sie zu beschwören, keinen Brief von fremden Händen
anzunehmen. Er warf den Mantel um und wollte eben das Zimmer verlassen,
als sein Diener zurückkam, er hatte das Paket an den Grafen noch in der
Hand. »Seine Exzellenz sind soeben abgereist,« sagte er und legte das
Paket auf den Tisch.

»Abgereist?« rief der Major. »Nicht möglich!«

»Vor der Türe ist sein Jäger, er hat einen Brief an Sie; soll ich ihn
hereinbringen?«

Der Major winkte, der Diener führte den Jäger herein, der ihm weinend
einen Brief übergab. Er riß ihn auf. »Leben Sie wohl auf ewig! Der
Brief, der, wie ich soeben erfahre, vor einer Stunde in Ihre Hände kam,
wird meine Abreise ~sans adieu~ entschuldigen. Wird mein Kamerad von
sechs Feldzügen einer geliebten Dame den Schmerz ersparen, meinen Namen
in allen Blättern aufrufen zu hören? Wird er die wenigen Posten decken,
die ich nicht mehr bezahlen kann?«

»Wann ist Euer Herr abgereist?«

»Vor einer Viertelstunde, Herr Major!«

»Wußtet Ihr um seine Reise?«

»Nein, Herr Major! Ich glaube, seine Exzellenz wußten es heute
nachmittag selbst noch nicht; denn sie wollten heute abend ins Theater
fahren. Um fünf Uhr ging der Herr Graf zu Fuß aus und ließ mich folgen.
Da begegnete ihm an der reformierten Kirche ein großer hagerer Mann,
der bei seinem Anblick sehr erschrak. Er ging auf meinen Herrn zu und
fragte, ob er der Graf Zronievsky sei? Mein Herr bejahte es; darauf
fragte er, ob er vor einer Viertelstunde ein Billett empfangen? der
Herr Graf verneinte es. Nun sprach der fremde Mann eine Weile heimlich
mit meinem Herrn; er muß ihm keine gute Nachrichten gegeben haben,
denn der Herr Graf wurde blaß und zitterte; er kehrte um nach Hause,
schickte den Kutscher nach Postpferden, ich mußte schnell zwei Koffer
packen; der Reisewagen mußte vorfahren. Der Herr Graf verwies mich mit
den Rechnungen und allem an Sie und fuhr die Straße hinab zum Südertor
hinaus. Er nahm vorher noch Abschied von mir, ich glaube für immer.«

Der Major hatte schweigend den Bericht des Jägers angehört; er befahl
ihm, den nächsten Morgen wiederzukommen, und fuhr ins Theater.
Die Ouvertüre hatte schon begonnen, als er in die Loge trat, er
warf sich auf einen Stuhl nieder, von wo er die fürstliche Loge
beobachten konnte. In allem Schmuck ihrer natürlichen Schönheit und
Anmut saß Prinzessin Sophie neben ihrer Mutter. Ihr Auge schien vor
Freude zu strahlen, eine heitere Ruhe lag auf ihrer Stirne, um den
feingeschnittenen Mund wehte ein holdes Lächeln, vielleicht der
Nachklang eines heiteren Scherzes -- sie hatte ja jetzt ihren Willen
durchgesetzt, Othello war es, der den Saal und die Logen des Hauses
gefüllt hatte. Jetzt nahm sie die Lorgnette vor das Auge, wie letzthin
schien sie eifrig im Hause noch etwas zu suchen -- argloses Herz, du
schlägst vergebens dem Geliebten entgegen; deine liebevollen Blicke
werden ihn nicht mehr finden, dein Ohr lauscht vergebens, ob nicht sein
Schritt im Korridor erschallt, du beugst umsonst den schönen Nacken
zurück, die Türe will sich nicht öffnen, seine hohe, gebietende Gestalt
wird sich dir nicht mehr nahen.

Sie senkte das Glas; ein Wölkchen von getäuschter Erwartung und Trauer
lagerte sich unter den blonden Locken, die schönen Bogen der Brauen
zogen sich zusammen und ließen ein kaum merkliches Fältchen des Unmuts
sehen. Die feinen, seidenen Wimpern senkten sich wie eine durchsichtige
Gardine herab, sie schien zu sinnen, sie zeichnete mit der Lorgnette
auf die Brüstung der Loge. -- Sind es vielleicht seine Chiffern, die
sie in Gedanken versunken vor sich hinschreibt? Wie bald wird sie
vielleicht dem Namen fluchen, der jetzt ihre Seele füllt!

Dem Major traten unwillkürlich Tränen in die Augen, als er Sophie
betrachtete. »Noch ahnet sie nicht, was ihrer wartet,« dachte er, »aber
nie, nie soll sie erfahren, wie elend der war, den sie liebte.« Der
Gedanke an diesen Elenden bemächtigte sich seiner aufs neue; er drückte
die Augen zu, verfluchte die menschliche Natur, die durch Leichtsinn
und Schwäche aus einem erhabenen Geist, aus einem tapfern Mann einen
ehrvergessenen, treulosen Betrüger machen könne.

Der Major hat oft gestanden, daß einer der schrecklichsten Augenblicke
in seinem Leben der gewesen sei, wo er im ersten Zwischenakt Othellos
in die fürstliche Loge trat. Es war ihm zu Mut, als habe er selbst
an Sophien gefrevelt, als sei er es, der ihr Herz brechen müsse. Der
Gedanke war ihm unerträglich, sie arglos, glücklich, erwartungsvoll
vor sich zu sehen und doch zu wissen, welch namenloses Unglück ihrer
warte. Er trat ein; ihre Blicke begegneten ihm sogleich, sie hatte wohl
oft nach der Türe gesehen. Mit hastiger Ungeduld übersah sie einen
Prinzen und zwei Generale, die sich ihr nahen wollten, sie winkte
den Major heran. »Haben wir jetzt unsern Othello!« sagte sie, »sind
Sie nicht auch glücklich, erwartungsvoll? -- doch _einen_ unserer
Othelloverschworenen sehe ich nicht,« flüsterte sie leiser, indem sie
leicht errötete; »der Graf ist sicherlich hinter den Kulissen, um recht
warmen Dank zu verdienen, wenn er alles recht schön machen läßt?«

»Verzeihen Euer Durchlaucht,« erwiderte der Major, mühsam nach Fassung
ringend, »der Graf läßt sich entschuldigen, er ist schnell auf einige
Tage verreist.«

Sophie erbleichte. »Verreist, also nicht in der Oper? Wohin riefen
ihn denn so schnell seine Geschäfte? O, das ist gewiß ein Scherz, den
Sie beide zusammen machen,« rief sie; »glauben Sie denn, er werde nur
so schnell weggehen, ohne sich zu beurlauben? Nein, nein, das gibt
irgend einen hübschen Spaß. Jetzt weiß ich auch, woher mir ein gewisses
Briefchen zukam.«

Der Major erschrak, daß er sich an dem nächsten Stuhl halten mußte.
»Ein Briefchen?« fragte er mit bebender Stimme, eine schreckliche
Ahnung stieg in ihm auf.

»Ja, ein zierliches Billettchen,« sagte sie und ließ neckend das Ende
eines Papiers unter dem breiten Brasselett hervorsehen, das ihren
schönen Arm umschloß. »Ein Briefchen, das man recht geheimnisvoll
mir zugesteckt hat. Ich sehe es Ihnen an den Augen an, Sie sind im
Komplott. Ich habe noch keine Gelegenheit gefunden, es zu öffnen, denn
einen solchen Scherz muß man nicht öffentlich machen, aber sobald ich
in mein Boudoir komme --«

»Durchlaucht! ich bitte um Gottes willen, geben Sie mir das Billett,«
sagte der Major, von den schrecklichsten Qualen gefoltert, »es ist gar
nicht einmal an Sie, es ist in ganz unrechte Hände gekommen.«

»So? um so besser; das gebe ich um keine Welt heraus, das soll mir
Aufschluß geben über die Geheimnisse gewisser Leute! An eine Dame war
es also auf jeden Fall; es ist wirklich hübsch, daß es gerade in meine
Hände kam.«

Der Major wollte noch einmal bitten, beschwören, aber der Prinz fuhr
mit seinem Kopf dazwischen, die beiden Generale fielen mit Fragen
und Neuigkeiten herein, er mußte sich zurückziehen. Verfolgt von
schrecklichen Qualen, ging er zu seiner Loge zurück, er preßte seine
Augen in die Hand, um die Unglückliche nicht zu sehen, und immer wieder
mußte er von neuem hinschauen, mußte von neuem die Qualen der Angst,
die Gewißheit des nahenden Unglücks mit seinen Blicken einsaugen.

Die Diamanten am Schlosse ihres Armbandes spielten in tausend Lichtern,
ihre Strahlen zuckten zu ihm herüber, sie drangen wie tausend Pfeile
in sein Herz. »Welchen Jammer verschließen jene Diamanten! Wenn sie
im einsamen Gemach diese Bänder öffnet, öffnet sie nicht zugleich
die Pforte eines grauenvollen Frevels? Ihr Puls schlägt an diese
unseligen Zeilen, wie ihr Herz für den Geliebten pocht; wird es nicht
stillestehen, wenn das Siegel springt, und das ahnungslose Auge auf
eine furchtbare Kunde fällt?«

Desdemona stimmte ihre Harfe; ihre wehmütigen Akkorde zogen
flüsternd durch das Haus, sie erhob ihre Stimme, sie sang --
ihren Schwanengesang. Wie wunderbar, wie mächtig ergriffen diese
melancholischen Klänge jedes Herz; so einfach, so kindlich dieses Lied,
und doch von so hohem, tragischem Effekt! Man fühlt sich bange und
beengt, man ahnt, welch grauenvolles Schicksal ihrer warte, man glaubt
den Mörder in der Ferne schleichen zu hören, man fühlt die unabwendbare
Macht des Schicksals näher und näher kommen, es umrauscht sie wie die
Fittiche des Todes. Sie ahnet es nicht; sanft, arglos wie ein süßes
Kind sitzt sie an der Harfe, nur die Schwermut zittert in weichen
Klängen aus ihrer Brust hervor, aus diesem vollen, liebewarmen Herzen,
für das der Stahl schon gezückt ist. Sie flüstert Liebesgrüße in die
Ferne nach ihm, der sie zermalmen wird; ihre Sehnsucht scheint ihn in
ihre Arme zu rufen, er wird kommen -- sie zu morden; sie betet für ihn,
Desdemona segnet ihn -- der ihr den Tod gibt.

Der Major teilte seine Blicke zwischen der Sängerin und Sophien. Sie
lauschte, in Wehmut versunken, auf das Lieblingslied, eine Träne hing
in ihren Wimpern, sie weinte unbewußt über ihr _eigenes Geschick_,
die Akkorde der Harfe verschwebten, Sophie sah sinnend, träumend vor
sich hin. »Wenn ich einst sterbe, soll es mein Schwanengesang sein,«
klang es in der Erinnerung des Majors. »Wahrlich, sie hat wahr gesagt,«
sprach er zu sich, »es war der Schwanengesang ihres Glückes.« Othello
trat auf. Sophiens Aufmerksamkeit war jetzt nicht mehr auf die Oper
gerichtet, sie sah herab auf ihr Armband, sie spielte mit dem Schloß;
ein heiteres Lächeln verdrängte ihre Wehmut, ihre Blicke streiften
nach der Loge des Majors herüber, er strengte angstvoll seine Blicke
an -- Gott im Himmel, sie schiebt das unglückselige Papier hervor
und verbirgt es in ihr Tuch -- er glaubt zu sehen, wie sie heimlich
das Siegel bricht -- verzweiflungsvoll stürzt er aus seiner Loge den
Korridor entlang. Er weiß nicht warum, es treibt ihn mit unsichtbarer
Gewalt der fürstlichen Loge zu, er ist nur noch einige Schritte
entfernt -- da hört er ein Geräusch in dem Haus, man kommt aus der
Loge, Bediente und Kammerfrauen eilen ängstlich an ihm vorüber, eine
schreckliche Ahnung sagt ihm schon vorher, was es bedeute, er fragt,
er erhält die Antwort: »Prinzessin Sophie ist plötzlich in Ohnmacht
gesunken!«


9.

Düster, zerrissen in seinem Innern, saß einige Tage nach diesem Vorfall
der Major Larun in seinem Zimmer. Seine Stirne ruhte in der Hand, sein
Gesicht war bleich, seine Augen halb geschlossen, der sonst so starke
Mann zerdrückte manche Träne, die sich über seine Wimpern stehlen
wollte. Er dachte an das schreckliche Geschick, in dessen innerstes
Gewebe ihn der Zufall geworfen; er sah alle diese feinen Fäden, die,
wenigen Augen außer ihm sichtbar, so lose sich anknüpften; er sah,
wie sie weiter gesponnen, wie sie verknüpft und gedoppelt zu einem
nur zu festen Netz um ein zartes, unglückliches Herz sich schlangen.
Unbesiegbare Bitterkeit mischte sich in diese trüben Erinnerungen; sein
alter Waffenfreund, ein so glänzendes Meteor am Horizont der Ehre, ein
so braver Soldat, und jetzt ein Elender, Ehrvergessener, der, ohne nur
entfernt einen andern Ausgang erwarten zu können, mit allen Künsten der
Liebe die unbewachten Sinne eines kaum zur Jungfrau erblühten Kindes
betörte! In diese Gedanken mischte sich das Bild dieses so unendlich
leidenden Engels, mischte sich die Angst vor einer Szene, welcher er
in der nächsten Stunde entgegengehen sollte. Eine angesehene Dame, die
Oberhofmeisterin der Prinzessin Sophie, hatte ihn diesen Nachmittag
zu sich rufen lassen. Sie entdeckte ihm ohne Hehl, daß Sophie von
einer schweren Krankheit befallen sei, daß die Aerzte wenig Hoffnung
geben, denn sie nennen ihre Krankheit einen Nervenschlag. Sie sagte
ihm weiter, die Prinzessin habe ihr _alles_ gesagt, sie habe ihr kein
Wort dieses strafbaren Verhältnisses verschwiegen. Sie wisse, daß in
der Residenz nur _ein_ Mensch lebe, der jenen Grafen Zronievsky näher
gekannt habe, dies sei der Baron von Larun. Mit einer Angst, einem
Verlangen, das an Verzweiflung grenze, dringe die Unglückliche darauf,
mit ihm ohne Zeugen zu sprechen. Die Oberhofmeisterin wußte wohl,
wie sehr dies gegen die Vorschriften laufe, welche die Etikette ihr
auferlegen, aber der Anblick des jammernden Kindes, das nur noch dies
eine Geschäft auf der Erde abmachen zu wollen schien, erhob sie über
die Schranken ihrer Verhältnisse, sie wagte es, dem Major den Vorschlag
zu machen, diesen Abend unter ihrer Begleitung heimlich zu der Kranken
zu gehen.

Der Major hatte nicht nein gesagt. Er wußte, daß er ihr nichts
Tröstliches sagen könne, er fühlte aber, wie in einem so tiefen Gram
das Verlangen nach Mitteilung unüberwindlich werden müsse.

Aber was sollte er ihr sagen? Mußte er nicht befürchten, von ihrem
Anblick, von den trüben Erinnerungen der letzten Tage so bestürmt zu
werden, daß sein lauter Schmerz sie noch unglücklicher machte? Er war
noch in diese Gedanken versunken, als ihm gemeldet wurde, daß man ihn
erwarte; die alte Oberhofmeisterin hielt in ihrem Wagen vor dem Hause;
er setzte sich schweigend an ihre Seite.

»Sie werden die Prinzessin sehr schlecht finden,« sagte diese Dame mit
Tränen, »ich gebe alle Hoffnung auf. Ich kann mir nicht denken, daß
in der Unterredung mit Ihnen, Herr Baron, noch etwas Rettendes liegen
könne. Werden Sie ihr keinen Trost geben können, so verlischt sie uns
wie eine Lampe, die kein Oel mehr hat, um ihre Flamme zu nähren; und
wollten Sie ihr Trost, Hoffnung geben, so sind diese Gefühle in ihren
Verhältnissen von so unnatürlicher Art, daß ich beinahe wünschen müßte,
sie möge eher sterben, als ihrem Hause Schande machen.«

»Also werde ich ihr den Tod bringen müssen,« sagte der Major bitter
lächelnd; -- -- »weiß man in der Familie um diese Geschichten? Was
denkt man von der Krankheit?«

»Wie ich Ihnen sagte, Herr Baron; die Familie, der Hof und die Stadt
weiß nichts anders, als daß sie sich erkältet haben muß; die törichten
Leute bringen auch noch die fatale Oper ins Spiel und lassen sie am
Othello sterben. Was wir beide _wissen_, ist sonst niemand bekannt; es
gibt einige Damen, die dieses Verhältnis früher ahneten, aber nicht
genau wußten.«

»Und doch fürchte ich,« entgegnete der Major, indem er seinen
durchdringenden Blick auf die Dame an seiner Seite heftete, »ich
fürchte, sie stirbt an einem sehr gewagten Bubenstück. Man hat dieses
Verhältnis geahnet, demselben nachgespürt, es wurde zur Gewißheit; man
suchte eine Trennung herbeizuführen, man spürte die Verhältnisse des
Grafen aus --«

»Glauben Sie?« sagte die Oberhofmeisterin blaß und mit bebenden Lippen,
indem sie umsonst versuchte, den Blick des Majors auszuhalten.

»Man forschte diese Verhältnisse aus,« fuhr der Major fort; »man suchte
ihn von hier wegzuschrecken, indem man ihm drohte, der Prinzessin zu
sagen, daß er verheiratet sei. Bis hierher war der Plan nicht übel; es
gehörte einem solchen Elenden, daß man nicht gelinder mit ihm verfuhr.
Aber man ging weiter: man wollte auch die unglückliche Dame schnell
von ihrer Liebe heilen, man machte sie mit dem Geheimnis des Grafen
bekannt, man glaubte, sie werde alles über Nacht vergessen. Und hier
war der Plan auf die Nerven eines Dragoners berechnet, aber nicht auf
das Herz dieses zarten Kindes.«

»Ich muß bitten, zu bedenken,« entgegnete die Oberhofmeisterin mit
ihrer früheren Kälte, aber mit stechenden Blicken, »daß dieses _zarte_
Kind eine Prinzessin des fürstlichen Hauses ist, daß sie erzogen wurde,
um mit Anstand über solche Mißverhältnisse wegzusehen. Sollte wirklich
irgend ein solcher Plan vorhanden gewesen sein, so kann ich die
Handelnden nicht tadeln, sie haben wahrhaft geschickt operiert --«

»Sie haben ihren Zweck erreicht, sie wird sterben;« unterbrach sie der
Major.

»_Ich_ hätte meinen Zweck erreicht? mein Herr, ich muß bitten --«

»Sie?« sagte Larun mit gleichgültiger Stimme; »von Ihnen, gnädige Frau,
sprach ich nicht, ich sagte: sie, die Handelnden, die Operierenden.«

Die alte Dame biß sich in die Lippen und schwieg. Wenige Augenblicke
nachher waren sie an einer Seitenpforte des Palais angelangt. Ein
alter Diener führte sie durch ein Labyrinth von Korridors und Treppen.
Endlich waren die Gänge breiter, die Beleuchtung auf elegantere Art
angebracht, der Major bemerkte, daß sie in den bewohnteren Flügel des
Schlosses gelangt seien. Der Alte winkte in eine Seitentür. Der Weg
ging jetzt durch mehrere Gemächer bis in einen Salon, der wohl zu den
Appartements der Prinzessin gehören mochte, wo die Oberhofmeisterin
dem Major zuflüsterte, er möchte einstweilen in einem Fauteuil sich
gedulden, bis sie ihn rufen lasse.

Nach einer tödlich langen Viertelstunde erschien sie wieder. Sie
sagte ihm, daß nach dem ausdrücklichen Willen der Kranken er allein
mit ihr sein werde; sie selbst wolle sich als ~dame d'honneur~ an die
Türe setzen, wo sie gewiß nichts hören könne, wenn man nicht gar zu
laut spreche. Uebrigens dürfe er nicht länger als eine Viertelstunde
bleiben. Der Major trat ein. Das prachtvolle Gemach mit seinen
schimmernden Tapeten und goldenen Leisten, die reiche Draperie der
Gardinen, die bunten Farben des türkischen Fußteppichs taten seinem
Auge wehe, denn das Gemüt will ein leidendes Herz, einen kranken Körper
nicht mit den Flittern der Hoheit umgeben sehen. Und wie groß war
der Kontrast zwischen diesem Glanz der Umgebung und diesem zarten,
lieblichen Kind, das in einem einfachen, weißen Gewand auf einer
prachtvollen Ottomane lag.

Der Eindruck, den ihre Züge, ihre Gestalt, ihr ganzes Wesen zum
erstenmal auf ihn gemacht hatten, kehrte auch jetzt wieder in die Seele
des Majors. Es war ihre einfache, ungeschmückte Schönheit, ihre stille
Größe, verborgen hinter dem Zauber kindlicher Liebenswürdigkeit, was
ihn angezogen hatte. Wohl blendete ihn damals der Glanz der frischen,
jugendlichen Farben, die lebhaft strahlenden Augen, jenes gewinnende,
huldvolle Lächeln, das ihre feinen, rosigen Lippen umschwebte. Ein
Nachtfrost hatte diese Blüten abgestreift; aber gab ihr nicht diese
durchsichtige Blässe, diese stille Trauer in dem sinnigen Auge, dieser
wehmütige Zug um den Mund, der nie mehr scherzte, eine noch erhabenere
Schönheit, einen noch gefährlicheren Zauber? Der Major stand einige
Schritte von ihr stille und betrachtete sie mit tiefer Rührung. Sie
winkte ihm nach einem Taburett, das zu ihren Füßen stand; sie sprach;
ihre Stimme hatte zwar jenes helle Metall verloren, das sonst ihre
heiteren Scherze, ihr fröhliches Lachen ertönen ließ, aber diese
weichen, rührenden Töne drangen tiefer. -- »Es wäre töricht von mir,
Herr Baron,« sprach sie, »wollte ich Sie lange in Ungewißheit lassen,
warum ich Sie rufen ließ. Ich weiß, daß der Graf Sie, als seinen besten
Freund, von einem Verhältnis unterrichtet hat, das nie hätte bestehen
sollen. -- Erinnern Sie sich noch des Abends in Othello? Ich sagte
Ihnen von einem Billett, das ich bekommen habe; ich erinnere mich, daß
Sie mir es wiederholt abforderten; warum haben Sie das getan?«

»Warum? fragen Euer Durchlaucht, weil ich den Inhalt ahnete, zu wissen
glaubte.«

»Also doch!« rief sie und eine Träne drang aus ihrem schönen Auge;
»also doch! Ich hielt Sie, seit dem ersten Augenblick, wo ich Sie sah,
für einen Mann von Ehre; wenn Sie die Verhältnisse des Grafen wußten,
warum haben Sie ihn nicht bälder entfernt, warum mir nicht den Schmerz
erspart, ihn verachten zu müssen?«

»Ich kann bei allem, was mir heilig ist, bei meiner Ehre schwören,«
entgegnete der Major, »daß ich kaum eine Stunde, bevor ich zu Euer
Durchlaucht in die Loge trat, diese Verhältnisse durch ein Papier
erfahren habe, das durch Zufall statt in des Grafen Hände in die
meinigen kam. Als ich den Grafen darüber zur Rede stellen wollte, hatte
er schon Nachricht davon bekommen und war abgereist. Ich ahnete aus
gewissen Winken, die jenes Briefchen enthielt, daß auch _Sie_ nicht
verschont bleiben werden; umsonst versuchte ich das unglückliche
Blättchen Euer Durchlaucht abzuschwätzen.«

»Sie glauben also an diese Erfindung?« sagte Sophie, indem ihre Tränen
heftiger strömten; »ach, es ist ja nur ein Kunstgriff _gewisser Leute_,
die ihn von uns entfernen wollten. Lesen Sie dieses Billett, es ist
dasselbe, das ich erhielt; gestehen Sie selbst, es ist Verleumdung!«

Der Major las:

»Der Graf von Z. ist verheiratet; seine Gemahlin lebt in Avignon; drei
kleine Kinder weinen um ihren Vater. -- Sollte eine erlauchte Dame so
wenig Ehrgefühl, so wenig Mitleid besitzen, ihn diesen Banden noch
länger zu entziehen?«

Es war dieselbe Handschrift, dasselbe Siegel wie jenes Billett, das
er selbst bekommen hatte. Er sah noch immer in diese Zeilen; er wagte
nicht aufzuschauen, er wußte nicht zu antworten; denn seine strengen
Begriffe von Wahrheit erlaubten ihm nicht, gegen seine Ueberzeugung zu
sprechen, das tiefe Mitleid mit ihrem Schmerz ließ ihn ihre Hoffnung
nicht so grausam niederschlagen.

»Sehen Sie,« fuhr sie fort, als er noch immer schwieg, »wie ich
dieses Briefchen arglos, neugierig erbrach, so überraschten mich jene
schrecklichen Worte _Gemahlin_, _Vater_ wie eine Stimme des Gerichtes.
Die Sinne schwanden mir; ich wurde recht krank und elend; aber so oft
ich nur eine Stunde mich leichter fühle, steigt meine Hoffnung wieder;
ich glaube, Zronievsky kann doch nicht so gar schlecht gewesen sein, er
kann mich nicht so schrecklich betrogen haben. Lächeln Sie doch, Major,
seien Sie freundlich! -- Ich erlaube Ihnen, Sie dürfen mich verspotten,
weil ich mich durch diese Zeilen so ganz außer Fassung bringen ließ,
-- aber nicht wahr, Sie meinen selbst, es ist eine Lüge, es ist
Verleumdung?«

Der Major war außer sich; was sollte er ihr sagen? Sie hing so
erwartungsvoll an seinen Lippen, es war, als sollte _ein_ Wort von ihm
sie ins Leben rufen -- ihr Auge strahlte wieder, jenes holde Lächeln
erschien wieder auf ihren lieblichen Zügen -- sie lauschte wie auf die
Botschaft eines guten Engels.

Er antwortete nicht, er sah finster auf den Boden; da verschwand
allmählich die frohe Hoffnung aus ihren Zügen, das Auge senkte sich,
der kleine Mund preßte sich schmerzlich zusammen, das zarte Rot, das
noch einmal ihre Wangen gefärbt hatte, floh; sie senkte ihre Stirne in
die schöne Hand, sie verbarg ihre weinenden Augen.

»Ich sehe,« sagte sie, »Sie sind zu edel, mir mit Hoffnungen zu
schmeicheln, die nach wenigen Tagen wieder verschwinden müßten. Ich
danke Ihnen auch für diese schreckliche Gewißheit. Sie ist immer besser
als das ungewisse Schweben zwischen Schmerz und Freude; und nun, mein
Freund, nehmen Sie dort das Kästchen, suchen Sie es ihm zuzustellen, es
enthält manches, was mir teuer war -- doch nein, lassen Sie es mir noch
einige Tage, ich schicke es Ihnen, wenn ich es nicht mehr brauche.

Es ist mir, als werde ich nicht mehr lange leben,« fuhr sie nach
einigen Augenblicken fort; »ich bin gewiß nicht abergläubisch, aber
warum muß ich gerade nach diesem fatalen Othello krank werden?«

»Ich hätte nicht gedacht, daß dieser Gedanke nur einen Augenblick Euer
Durchlaucht Sorge machen könnte!« sagte der Major.

»Sie haben recht, es ist töricht von mir; aber in der Nacht, als man
mich krank aus der Oper brachte, träumte mir, ich werde sterben. Eine
ernste, finstere junge Dame kam mit einem Plumeau von roter Seide auf
mich zu, deckte ihn über mich her und preßte ihn immer stärker auf
mich, daß ich beinahe erstickte. Dann kam plötzlich mein Großoheim,
der Herzog Nepomuk, gerade so wie er gemalt in der Galerie hängt, und
befreite mich von dem beengenden Druck, und das sonderbarste ist --«

»Nun?« fragte der Baron lächelnd, »was fing denn der gemalte Herzog mit
Desdemona an?«

Die Prinzessin staunte: »Woher wissen Sie denn, daß die Dame Desdemona
ist? Ich beschwöre Sie, woher wissen Sie dies?«

Der Major schwieg einen Augenblick verlegen. »Was ist natürlicher,«
antwortete er dann, »als daß Sie von Desdemona träumten? Sie hatten sie
ja am Abende zuvor in einem roten Bette verscheiden sehen.«

»Sonderbar, daß _Sie_ auch gleich auf den Gedanken kamen! Das
sonderbarste aber ist, ich wachte auf, als der Herzog mich befreite,
ich wachte in der Tat auf und sah -- wie jene Dame mit dem Plumeau
unter dem Arm langsam zur Türe hinausging. Seit dieser Nacht träumte
ich immer dasselbe, immer beengender ward ihr Druck, immer später kommt
mir der Herzog zu Hilfe, aber immer sehe ich sie deutlich aus dem
Zimmer schweben! Und als ich gestern abend mir die Harfe bringen ließ
und mein liebes _Desdemonaliedchen_ spielte, da -- spotten Sie immer
über mich! -- da ging die Türe auf und jene Dame sah ins Zimmer und
nickte mir zu.«

Sie hatte dieses halb scherzend, halb im Ernst erzählt; sie wurde
ernster. »Nicht wahr, Major,« sagte sie, »wenn ich sterbe, gedenken
Sie auch meiner? Das Andenken eines solchen Mannes ist mir wert.«
-- »Prinzessin!« rief der Major, indem er vergebens seine Wehmut zu
bezwingen suchte, »entfernen Sie doch diese Gedanken, die unmöglich zu
Ihrer Genesung heilsam sein können!«

Die Oberhofmeisterin erschien in der Tür und gab ein Zeichen, daß die
Audienz zu Ende sein müsse. Sophie reichte dem Major die Hand zum
Kusse, er hat nie mit tieferen Empfindungen von Schmerz, Liebe und
Ehrfurcht die Hand eines Mädchens geküßt. Er hob sein Auge noch einmal
zu ihr auf, er begegnete ihren Blicken, die voll Wehmut auf ihm ruhten.
Die Oberhofmeisterin trat mit einer Amtsmiene näher; der Major stand
auf; wie schwer wurde es ihm, mit kalten gesellschaftlichen Formen
sich von einem Wesen zu trennen, das ihm in wenigen Minuten so teuer
geworden war.

»Ich hoffe,« sagte er, »Euer Durchlaucht bei der nächsten Cour ganz
wiederhergestellt zu sehen.«

»Sie hoffen, Major?« antwortete sie schmerzlich lächelnd; »leben Sie
wohl, ich habe zu _hoffen_ aufgehört.«


10.

Die Residenz war einige Tage mit nichts anderem als der Krankheit
der geliebten Prinzessin beschäftigt; man sagte sie bald sehr krank,
bald gab man wieder Hoffnung; ein Schwanken, das für alle, die sie
näher kannten, schrecklich war. An einem Morgen, sehr frühe, brachte
ein Diener dem Major ein Kästchen. Ein Blick auf dieses wohlbekannte
Behältnis und auf die Trauerkleider des Dieners überzeugte ihn, daß die
Prinzessin nicht mehr sei. Es war ihm, als sei dieses liebliche Wesen
ihm, ihm _allein_ gestorben. Er hatte viel verloren auf der Erde, und
doch hatte kein Verlust so empfindlich, so tief seine Seele berührt
als dieser. Es war ihm, als habe er nur noch _ein_ Geschäft auf der
Erde, das Vermächtnis der Verstorbenen an seinen Ort zu befördern;
er würde diese Stadt, die so drückende Erinnerungen für ihn hatte,
sogleich verlassen haben, hätte ihn nicht das Verlangen zurückgehalten,
ihre sterblichen Reste beisetzen zu sehen. Als die feierlichen Klänge
aller Glocken, als die Trauertöne der Musik und die langen Reihen der
Fackelträger verkündeten, daß Sophie zur Gruft ihrer Ahnen geführt
werde, da verließ er zum erstenmal wieder sein Haus und schloß sich
dem Zuge an. Er hörte nicht auf das Geflüster der Menschen, die sich
über die Ursachen ihrer Krankheit, ihres Todes besprachen; er hatte nur
_einen_ Gedanken, nur jener Augenblick, wo ihr Auge noch einmal auf
ihm geruht, wo seine Lippen ihre Hand berührt hatten, stand vor seiner
Seele. Man nahm die Insignien ihrer hohen Geburt von dem Sarge, man
senkte sie langsam hinab zum Staube ihrer Ahnen. Die Menge verlor sich,
die Begleiter löschten ihre Fackeln aus und verließen die Halle. Der
Major warf noch einen Blick nach der Stelle, wo sie verschwunden war,
und ging.

Vor ihm ging mit unsicheren, schleppenden Schritten ein alter Mann, der
heftig weinte. Als der Major an seiner Seite war, sah jener sich um, es
war der Regisseur der Oper. Der Alte trat näher zu ihm, sah ihn lange
an, schien sich auf etwas zu besinnen und sprach dann: »Möchten Sie
nicht, Herr Baron, wir hätten nur geträumt, und jenes liebliche Kind,
das man begraben hat, wäre noch am Leben?«

»Woran mahnen Sie mich!« rief der Major mit unwillkürlichem Grauen;
»ja, bei Gott, es ist so, wie Sie träumten; sie ist begraben, und wir
beide gehen nebeneinander von ihrem Grab.«

»Drum soll der Mensch nie mit dem Schicksal scherzen,« sagte der Alte
mit trübem Ernst. »Ist es heute nicht _elf_ Tage, daß wir Othello
gaben? Am _achten_ ist sie gestorben.«

»Zufall, Zufall!« rief der Major. »Wollen Sie Ihren Wahnsinn auch jetzt
noch fortsetzen? Weiß ich doch nur zu gut, an was sie starb? Wohl hat
ein Dolch ihre Seele wie Desdemonas Brust durchstoßen; ein Elender,
schwärzer als Ihr Othello, hat ihr Herz gebrochen; aber dennoch ist es
Aberglaube, Wahnsinn, wenn Sie diesen Tod und Ihre Oper zusammenreimen!«

»Unser Streit macht sie nicht wieder lebendig,« sagte der Alte mit
Tränen. »Glauben Sie, was Sie wollen, Verehrter! ich werde es, wie ich
es weiß, in meiner Opernchronik notieren. Es hat so kommen müssen!«

»Nein!« erwiderte der Major beinahe wütend, »nein, es hat nicht so
kommen müssen; _ein_ Wort von mir hätte sie vielleicht gerettet.
Bringen Sie mir um Gottes willen Ihren Othello nicht ins Spiel; es ist
Zufall, Alter; ich will es haben, es ist Zufall!«

»Es gibt, mit Ihrer Erlaubnis, keinen Zufall; es gibt nur Schickung.
Doch ich habe die Ehre, mich zu empfehlen, denn hier ist meine
Behausung. Glauben Sie übrigens, was Sie wollen;« setzte der Alte
hinzu, indem er die kalte Hand des Majors in der seinigen preßte, »das
Faktum ist da, sie starb -- _acht Tage nach Othello_.«



Die Bettlerin vom Pont des Arts.


1.

Wer im Jahre 1824 abends hie und da in den Gasthof zum König von
England in Stuttgart kam oder nachmittags zwischen zwei und drei in
den Anlagen auf dem breiten Wege promenierte, muß sich, wenn anders
sein Gedächtnis nicht zu kurz ist, noch einiger Gestalten erinnern, die
damals jedes Auge auf sich zogen. Es waren nämlich zwei Männer, die
ganz und gar nicht unter die gewöhnlichen Stuttgarter Trinkgäste oder
Anlagenspaziergänger paßten, sondern eher auf den Prado zu Madrid oder
in ein Café zu Lissabon oder Sevilla zu gehören schienen. Denket euch
einen ältlichen, großen, hageren Mann mit schwärzlichgrauen Haaren,
tiefen, brennenden Augen von dunkelbrauner Farbe, mit einer kühn
gebogenen Nase und feinem eingepreßten Mund. Er geht langsam, stolz
und aufrecht. Zu seinen schwarzseidenen Beinkleidern und Strümpfen,
zu den großen Rosen auf den Schuhen und den breiten Schnallen am
Kniegürtel, zu dem langen, dünnen Degen an der Seite, zu dem hohen,
etwas zugespitzten Hut mit breitem Rande, schief an die Stirne
gedrückt, wünschet ihr, wenn euch nur einigermaßen Phantasie innewohnt,
ein kurzes, geschlitztes Wams und einen spanischen Mantel statt des
schwarzen Frackes, den der Alte umgelegt hat.

Und der Diener, der ihm ebenso stolzen Schrittes folgt, erinnert
er nicht durch das spitzbübische, dummdreiste Gesicht, durch die
fremdartige, grelle Kleidung, durch das ungenierte Wesen, womit er um
sich schaut, alles angafft und doch nichts bewundert, an jene Diener
im spanischen Lustspiel, die ihrem Herrn wie ein Schatten treu, an
Bildung tief unter ihm, an Stolz neben ihm, an List und Schlauheit über
ihm stehen? Unter dem Arm trägt er seines Gebieters Sonnenschirm und
Regenmantel, in der Hand eine silberne Büchse mit Zigarren und eine
Lunte.

Wer blieb nicht stehen, wenn diese beiden langsam durch die Promenade
wandelten, um ihnen nachzusehen? Es war aber bekanntlich niemand
anders, als _Don Pedro di San Montanjo Ligez_, der Haushofmeister des
Prinzen von P., der sich zu jener Zeit in Stuttgart aufhielt, und
Diego, sein Diener.

Wie es oft zu geschehen pflegt, daß nur ein kleines, geringes Ereignis
dazu gehört, einen Menschen berühmt und auffallend zu machen, so
geschah dies auch mit dem jungen Fröben, der schon seit einem halben
Jahr (so lange mochte er sich wohl in Stuttgart aufhalten) alle Tage
Schlag zwei Uhr durch das Schloßportal in die Anlagen trat, dreimal um
den See und fünfmal den breiten Weg auf und nieder ging, an allen den
glänzenden Equipagen, schönen Fräulein, an einer Masse von Direktoren,
Räten und Leutnants vorüberkam und von niemand beachtet wurde, denn er
sah ja aus wie ein ganz gewöhnlicher Mensch von etwa achtundzwanzig
bis dreißig Jahren. Seitdem er aber eines Nachmittags im breiten Weg
auf _Don Pedro_ gestoßen, solcher ihn gar freundlich gegrüßt, seinen
Arm traulich in den seinigen geschoben hatte und mit ihm einigemal,
eifrig sprechend, auf und ab spaziert war, seitdem betrachtete man ihn
neugierig, sogar mit einer gewissen Achtung; denn der stolze Spanier,
der sonst mit niemand sprach, hatte ihn mit auffallender Aestimation
behandelt.

Die schönsten Fräulein fanden jetzt, daß er gar kein übles Gesicht
habe, ja es liege sogar etwas Interessantes, überaus Anziehendes darin,
was man in den Anlagen eben nicht häufig sehe; die Direktoren und
allerlei Räte fragten: »Wer der junge Mann wohl sein könnte?« und nur
einige Leutnants konnten Auskunft geben, daß er hie und da im Museum
Beefsteaks speise, seit einem halben Jahre in der Schloßstraße wohne
und einen schönen Mecklenburger reite, so ihm eigen angehörig. Sie
setzten noch vieles über die Vortrefflichkeit dieses Pferdes hinzu,
wie es gebaut, von welcher Farbe, wie alt es sei, was es wohl kosten
könnte, und kamen so auf die Pferde überhaupt zu sprechen, was sehr
lehrreich zu hören gewesen sein soll.

Den jungen Fröben aber sah man seit dieser Zeit öfter in Gesellschaft
Don Pedros, und gewöhnlich fand er sich abends im König von England
ein, wo er, etwas entfernt von andern Gästen, bei dem Sennor saß
und mit ihm sprach. Diego aber stand hinter dem Stuhl seines Herrn
und bediente beide fleißig mit Xeres und Zigarren. Niemand konnte
eigentlich begreifen, wie die beiden Herren zusammengekommen oder
welches Interesse sie aneinander fanden. Man riet hin und her, machte
Konjekturen, und am Ende hätte doch der junge Mann selbst den besten
Aufschluß darüber geben können, wenn ihn nur einer gefragt hätte.


2.

Und war es denn nicht die schöne Galerie der Brüder _Boisserée_ und
_Bertram_, wo sie sich zuerst fanden und erkannten? Diese gastfreien
Männer hatten dem jungen Manne erlaubt, ihre Bilder so oft zu
besuchen, als er immer wollte; und er tat dies, wenn er nur immer in
der Mittagstunde, wo die Galerie geöffnet wurde, kommen konnte. Es
mochte regnen oder schneien, das Wetter mochte zu den herrlichsten
Ausflügen in die Gegend locken, er kam; er sah oft recht krank aus und
kam dennoch. Man würde aber unbilligerweise den Kunstsinn des Herrn
von Fröben zu hoch anschlagen, wenn man etwa glaubte, er habe die
herrlichen Bilder der alten Niederländer studiert oder nachgezeichnet.
Nein, er kam leise in die Türe, grüßte schweigend und ging in ein
entferntes Zimmer, vor _ein_ Bild, das er lange betrachtete; und ebenso
still verließ er wieder die Galerie. Die Eigentümer dachten zu zart,
als daß sie ihn über seine wunderliche Vorliebe für das Bild befragt
hätten; aber auch ihnen mußte es natürlich aufgefallen sein, denn oft,
wenn er herausging, konnte er nur schlecht die Tränen verbergen, die
ihm im Auge quollen.

Großen historischen oder bedeutenden Kunstwert hatte das Bildchen
nicht. Es stellte eine Dame in halb spanischer, halb altdeutscher
Tracht vor. Ein freundliches, blühendes Gesicht mit klaren, liebevollen
Augen, mit feinem, zierlichem Mund und zartem, rundem Kinn trat sehr
lebendig aus dem Hintergrund hervor. Die schöne Stirne umzog reiches
Haar und ein kleiner Hut, mit weißen buschigen Federn geschmückt,
der etwas schalkhaft zur Seite saß. Das Gewand, das nur den schönen
zierlichen Hals frei ließ, war mit schweren goldenen Ketten umhängt und
zeugte ebensosehr von der Sittsamkeit als dem hohen Stand der Dame.

»Am Ende ist er wohl in das Bild verliebt,« dachte man, »wie Kalaf in
das der Prinzessin Turandot, obschon mit ungleich geringerer Hoffnung,
denn das Bild ist wohl dreihundert Jahre alt und das Original nicht
mehr unter den Lebenden.«

Nach einiger Zeit schien aber Fröben nicht mehr der einzige Anbeter
des Bildes zu sein. Der Prinz von P. hatte eines Tages mit seinem
Gefolge die Galerie besucht. Don Pedro, der Haushofmeister, hatte die
umherschreitende Schar der Zuschauer verlassen und besah sich die
Gemälde, einsam von Zimmer zu Zimmer wandelnd; doch wie vom Blitz
gerührt, mit einem Ausruf des Erstaunens, war er vor dem Bild jener
Dame stehen geblieben. Als der Prinz die Galerie verließ, suchte
man den Haushofmeister lange vergebens. Endlich fand man ihn, mit
übergeschlagenen Armen, die feurigen Augen halb zugedrückt, den Mund
eingepreßt, in tiefer Betrachtung vor dem Bilde.

Man erinnerte ihn, daß der Prinz bereits die Treppe hinabsteige,
doch der alte Mann schien in diesem Augenblicke nur für _eines_ Sinn
zu haben. Er fragte, wie dies Bild hierher gekommen sei. Man sagte
ihm, daß es von einem berühmten Meister vor mehreren hundert Jahren
gefertigt und durch Zufall in die Hände der jetzigen Eigentümer
gekommen sei.

»O Gott, nein!« antwortete er, »das Bild ist neu, nicht hundert Jahre
alt; woher, sagen Sie, woher? O, ich beschwöre Sie, wo kann ich sie
finden?«

Der Mann war alt und sah zu ehrwürdig aus, als daß man diesen Ausbruch
des Gefühls hätte lächerlich finden können; doch als er dieselbe
Behauptung wieder hörte, daß das Bild alt und wahrscheinlich von Lukas
Cranach selbst gemalt sei, da schüttelte er bedenklich den Kopf.

»Meine Herren,« sprach er und legte beteuernd die Hand aufs Herz,
»meine Herren, Don Pedro di San Montanjo Ligez hält Sie für ehrenwerte
Leute. Sie sind nicht Gemäldeverkäufer und wollen mir dies Bild nicht
als alt verkaufen; ich darf durch Ihre Güte diese Bilder sehen, und Sie
genießen die Achtung dieser Provinz. Aber es müßte mich alles täuschen
oder -- ich kenne die Dame, die jenes Bild vorstellt.«

Mit diesen Worten schritt er, ehrerbietig grüßend, aus dem Zimmer.

»Wahrhaftig!« sagte einer der Eigentümer der Galerie, »wenn wir nicht
so genau wüßten, von wem dieses Bild gemalt ist, wann und wie es in
unsern Besitz kam, und welche lange Reihe von Jahren es vorher in
K. hing, man wäre versucht, an dieser Dame irre zu werden. Scheint
nicht selbst den jungen Fröben irgend eine Erinnerung beinahe täglich
vor dieses Bild zu treiben, und dieser alte Don, blitzte nicht ein
jugendliches Feuer aus seinen Augen, als er gestand, daß er die Dame
kenne, die hier gemalt ist? Sonderbar, wie oft die Einbildung ganz
vernünftigen Menschen mitspielt; und mich müßte alles täuschen, wenn
der Spanier zum letztenmal hier gewesen wäre.«


3.

Und es traf ein; kaum war die Galerie am folgenden Vormittag geöffnet
worden, trat auch schon Don Pedro di San Montanjo Ligez festen,
erhabenen Schrittes ein und strich an der langen Bilderreihe vorüber
nach jenem Zimmer hin, wo die Dame mit dem Federhute aufgestellt war.
Es verdroß ihn, daß der Platz vor dem Bilde schon besetzt war, daß er
es nicht allein und einsam Zug für Zug mustern konnte, wie er so gerne
getan hätte. Ein junger Mann stand davor, blickte es lange an, trat an
ein Fenster, sah hinaus nach dem Fluge der Wolken und trat dann wieder
zu dem Bilde. Es verdroß den alten Herrn etwas; doch -- er mußte sich
gedulden.

Er machte sich an andern Bildern zu schaffen, aber erfüllt von dem
Gedanken an die Dame drehte er alle Augenblicke den Kopf um, um zu
sehen, ob der junge Herr noch immer nicht gewichen sei, aber er stand
wie eine Mauer, er schien in Betrachtung versunken. Der Spanier
hustete, um ihn aus den langen Träumen zu wecken, jener träumte fort;
er scharrte etwas weniges mit dem Fuß auf dem Boden, der junge Mann sah
sich um, aber sein schönes Auge streifte flüchtig an dem alten Herrn
vorüber und haftete dann von neuem auf dem Gemälde.

»San Pedro! San Jago di Compostella!« murmelte der Alte, »welch
langweiliger, alberner Dilettante!« Unmutig verließ er das Zimmer
und die Galerie, denn er fühlte, heute sei ihm schon aller Genuß
benommen durch Verdruß und Aerger. Hätte er doch lieber gewartet!
Den Tag nachher war die Galerie geschlossen, und so mußte er sich
achtundvierzig lange Stunden gedulden, bis er wieder zu dem Gemälde
gehen konnte, das ihn in so hohem Grade interessierte. Noch ehe
die Glocken der Stiftskirche völlig zwölf Uhr geschlagen, stieg er
mit anständiger Eile die Treppe hinan, hinein in die Galerie, dem
wohlbekannten Zimmer zu, und getroffen! Er war der erste, war allein,
konnte einsam betrachten.

Er schaute die Dame lange mit unverwandten Blicken an, sein Auge
füllte nach und nach eine Träne, er fuhr mit der Hand über die grauen
Wimpern. »_O Laura!_« flüsterte er leise. Da tönte ganz vernehmlich
ein Seufzer an seine Ohren, er wandte sich erschrocken um, der junge
Mann von vorgestern stand wieder hier und blickte auf das Bild.
Verdrießlich, sich unterbrochen zu sehen, nickte er mit dem Haupt ein
flüchtiges Kompliment, der junge Mann dankte etwas freundlicher, aber
nicht minder stolz als der Spanier. Auch diesmal wollte der letztere
den überflüssigen Nachbar abwarten; aber vergeblich, er sah zu seinem
Schrecken, wie jener sogar einen Stuhl nahm, sich einige Schritte vor
dem Gemälde niedersetzte, um es mit gehöriger Muße und Bequemlichkeit
zu betrachten.

»Der Geck,« murmelte Don Pedro, »ich glaube gar, er will mein graues
Haar verhöhnen.« Er verließ, noch unmutiger als ehegestern, das Gemach.

Im Vorsaal stieß er auf einen der Eigentümer der Galerie; er sagte
ihm herzlichen Dank für den Genuß, den ihm die Sammlung bereitete,
konnte sich aber nicht enthalten, über den jungen Ruhestörer sich
etwas zu beklagen. »Herr B.,« sagte er, »Sie haben vielleicht bemerkt,
daß vorzüglich _eines_ Ihrer Bilder mich anzog; es interessiert mich
unendlich, es hat eine Bedeutung für mich, die -- die ich Ihnen nicht
ausdrücken kann. Ich kam, so oft Sie es vergönnten, um das Bild zu
sehen, freute mich recht, es ungestört zu sehen, weil doch gewöhnlich
die Menge nicht lange dort verweilt, und -- denken Sie sich, da hat es
mir ein junger, böser Mensch abgelauscht, und kommt, so oft ich komme,
und bleibt, _mir zum Trotze_ bleibt er stundenlang vor diesem Bilde,
das ihn doch gar nichts angeht!«

Herr B. lächelte; denn recht wohl konnte er sich denken, wer den alten
Herrn gestört haben mochte. »Das letztere möchte ich denn doch nicht
behaupten,« antwortete er; »das Bild scheint den jungen Mann ebenfalls
nahe anzugehen, denn es ist nicht das erste Mal, daß er es so lange
betrachtet.«

»Wieso? Wer ist der Mensch?«

»Es ist ein Herr von Fröben,« fuhr jener fort, »der sich seit fünf,
sechs Monaten hier aufhält, und seit er das erste Mal jenes Bild
gesehen, eben jene Dame mit dem Federhut, das auch Sie besuchen, kommt
er alle Tage regelmäßig zu dieser Stunde, um das Bild zu betrachten.
Sie sehen also zum wenigsten, daß er Interesse an dem Bilde nehmen muß,
da er es schon so lange besucht.«

»Herr! Sechs Monate?« rief der Alte. »Nein, dem habe ich bitter unrecht
getan in meinem Herzen, Gott mag es mir verzeihen! Ich glaube gar, ich
habe ihn unhöflich behandelt im Unmut. Und ist ein Kavalier, sagen Sie?
Nein, man soll von Pedro di Ligez nicht sagen können, daß er einen
fremden Mann unhöflich behandelte. Ich bitte, sagen Sie ihm -- doch
lassen Sie das, ich werde ihn wieder treffen und mit ihm sprechen.«


4.

Als er den andern Tag sich wieder einfand und Fröben schon vor dem
Gemälde traf, trat er auch hinzu mit recht freundlichem Gesicht; als
aber der junge Mann ehrerbietig auf die Seite wich, um dem alten Herrn
den bessern Platz einzuräumen, verbeugte sich dieser höflich grüßend
und sprach: »Wenn ich nicht irre, Sennor, so habe ich Sie schon mehrere
Male vor diesem Gemälde verweilen sehen. -- Da geht es Ihnen wohl
gleich mir; auch mir ist dieses Bild sehr interessant, und ich kann es
nie genug betrachten.«

Fröben war überrascht durch diese Anrede; auch ihm waren die Besuche
des Alten vor dem Bilde aufgefallen, er hatte erfahren, wer jener
sei, und nach der steifen, kalten Begrüßung von gestern war er dieser
freundlichen Anrede nicht gewärtig. »Ich gestehe, mein Herr!« erwiderte
er nach einigem Zögern, »dieses Bild zieht mich vor allen andern an,
denn -- weil -- es liegt etwas in diesem Gemälde, das für mich von
Bedeutung ist.« -- Der Alte sah ihn fragend an, als genüge ihm diese
Antwort nicht völlig, und Fröben fuhr gefaßter fort: »Es ist wunderbar
mit Kunstwerken, besonders mit Gemälden. Es gehen an einem Bilde oft
Tausende vorüber, finden die Zeichnung richtig, geben dem Kolorit ihren
Beifall, aber es spricht sie nicht tiefer an, während einem einzelnen
aus solch einem Bilde eine tiefere Bedeutung aufgeht; er bleibt
gefesselt stehen, kann sich kaum losreißen von dem Anblick, er kehrt
wieder und immer wieder, von neuem zu betrachten.«

»Sie können recht haben,« sagte der Alte nachdenkend, indem er auf
das Gemälde schaute, »aber -- ich denke, es ließe sich dies nur von
größeren Kompositionen sagen, von Gemälden, in welche der Maler eine
tiefere Idee legte. Es gehen viele vorüber, bis die Bedeutung endlich
_einem_ aufgeht, der dann den tiefen Sinn des Künstlers bewundert. Aber
sollte man dies von solchen Köpfen behaupten können?«

Der junge Mann errötete. »Und warum nicht?« fragte er lächelnd. »Die
schönen Formen dieses Gesichtes, die edle Stirne, dieses sinnende
Auge, dieser holde Mund, hat sie der Künstler nicht mit tiefem Geiste
geschaffen, liegt nicht etwas so Anziehendes in diesen Zügen, daß --«

»O bitte, bitte,« unterbrach ihn der Alte, gütig abwehrend; »es war
allerdings eine recht hübsche Person, die dem Künstler gesessen, die
Familie hat schöne Frauen.«

»Wie? welche Familie?« rief der Jüngling erstaunt; er zweifelte an dem
gesunden Verstand des Alten, und doch schienen ihn seine Worte aufs
höchste zu spannen. »Dies Bild ist wohl reine Phantasie, mein Herr, ist
zum wenigsten mehrere hundert Jahre alt!«

»Also glauben Sie das Märchen auch?« flüsterte der Alte; »unter uns
gesagt, diesmal wurde der Scharfblick der Eigentümer doch getäuscht;
ich kenne ja die Dame.«

»Um Gottes willen, Sie kennen sie? wo ist sie jetzt, wie heißt sie?«
sprach Fröben heftig bewegt, indem er die Hand des Spaniers faßte.

»Sage ich lieber, ich _habe_ sie gekannt,« antwortete dieser mit
zitternder Stimme, indem er das feuchte Auge zu der Dame aufschlug.
»Ja, ich habe sie gekannt, in Valencia vor zwanzig Jahren; eine lange
Zeit! Es ist niemand anders als Donna Laura Tortosi.«

»Zwanzig Jahre!« wiederholte der junge Mann traurig und
niedergeschlagen. »Zwanzig Jahre, nein, sie ist es nicht!«

»Sie ist es nicht?« fuhr Don Pedro hitzig auf. »Nicht, sagen Sie?
So können Sie glauben, ein Maler habe diese Züge aus seinem Hirn
zusammengepinselt? Doch ich will nicht ungerecht sein, es war wohl
ein tüchtiger Mann, der sie malte, denn seine Farben sind wahr und
treu, treu und frisch wie das blühende Leben. Aber glauben Sie, daß
ein solcher Künstler aus seiner Phantasie nicht ein ganz anderes Bild
erschafft. Finden Sie nicht, ohne die Familie Tortosi zu kennen, daß
diese Dame offenbar Familienähnlichkeit haben müsse, Familienzüge,
bestimmt und klar von der Natur ausgesprochen, Züge, wie man sie nie
in Gemälden der Phantasie, sondern nur bei guten Porträts findet? Es
ist ein Porträt, sag' ich Ihnen, Sennor, und bei Gott kein anderes,
als das der Donna Laura, wie ich sie vor zwanzig Jahren gesehen in dem
lieblichen Valencia.«

»Mein verehrter Herr,« erwiderte ihm Fröben, »es gibt Aehnlichkeiten,
täuschende Aehnlichkeiten; man glaubt oft einen Freund sprechend
getroffen zu sehen, nur in sonderbarem, veraltetem Kostüm, und wenn man
fragt, ist es sein Urahn aus dem Dreißigjährigen Kriege oder überdies
gar noch ein Fremder. Ich gebe auch zu, daß dieses Bild sogenannte
Familienzüge trage, daß es der liebenswürdigen Donna Laura gleiche,
aber _dieses_ Bild, dieses ist alt, und so viel weiß man wenigstens
aus Registern und Kirchenbüchern, daß es in der Magdalenenkirche zu K.
schon seit hundertundfünfzig Jahren hing, durch zufällige Stiftung,
nicht auf Bestellung, in die Kirche kam, und nach allen Anzeichen von
dem deutschen Maler Lukas Cranach gefertigt wurde.«

»So hole der lebendige Satan meine Augen!« rief Don Pedro ärgerlich,
indem er aufsprang und seinen Hut nahm. »Ein Blendwerk der Hölle ist's,
sie will mich in meinen alten Tagen noch einmal durch dies Gemälde in
Wehmut und Gram versenken.« Tränen standen dem alten Mann in den Augen,
als er mit hastigen, dröhnenden Schritten die Galerie verließ.


5.

Aber dennoch war er auch jetzt nicht zum letztenmal dagewesen. Fröben
und er sahen sich noch oft vor dem Bilde, und der Alte gewann den
jungen Mann durch sein bescheidenes, aber bestimmtes Urteil, durch
seine liebenswürdige Offenheit, durch sein ganzes Wesen, das feine
Erziehung, treffliche Kenntnisse und einen für diese Jahre seltenen
Takt verriet, immer lieber. Der Alte war fremd in dieser Stadt, er
fühlte sich einsam, dennoch war er der Welt nicht so sehr abgestorben,
daß er nicht hin und wieder einen Menschen hätte sprechen mögen. So kam
es, daß er sich unvermerkt näher an den jungen Fröben anschloß; zog ihn
ja dieser auch dadurch so unbeschreiblich an, daß er ein teures Gefühl
mit ihm teilte, nämlich die Liebe zu jenem Bilde.

So kam es, daß er den jungen Mann auf dem Spaziergang gerne begleitete,
daß er ihn oft einlud, ihm abends Gesellschaft zu leisten. Eines
Abends, als der Speisesaal im König von England ungewöhnlich gefüllt
war und rings um die beiden fremde Gäste saßen, so daß sie sich im
traulichen Gespräche gehindert fühlten, sprach Don Pedro zu seinem
jungen Freund: »Sennor, wenn Ihr anders diesen Abend nicht einer Dame
versprochen habt, vor ihrem Gitter mit der Laute zu erscheinen, oder
wenn Euch nicht sonst ein Versprechen hindert, so möchte ich Euch
einladen, eine Flasche echten Ximenes mit mir auszustechen auf meinem
Gemach.«

»Sie ehren mich unendlich,« antwortete Fröben, »mich bindet kein
Versprechen, denn ich kenne hier keine Dame, auch ist es hiesigen Orts
nicht Sitte, abends die Laute zu schlagen auf der Straße oder sich mit
der Geliebten am Fenster zu unterhalten. Mit Vergnügen werde ich Sie
begleiten.«

»Gut; so geduldet Euch hier noch eine Minute, bis ich mit Diego die
Einrichtung gemacht; ich werde Euch rufen lassen.«

Der Alte hatte diese Einladung mit einer Art von Feierlichkeit
gesprochen, die Fröben sonderbar auffiel. Jetzt erst entsann er sich
auch, daß er noch nie auf Don Pedros Zimmer gewesen, denn immer hatten
sie sich in dem allgemeinen Speisesaal des Gasthofs getroffen. Doch aus
allem zusammen glaubte er schließen zu müssen, daß es eine besondere
Höflichkeit sei, die ihm der Spanier durch diese Einführung bei sich
erzeigen wolle. Nach einer Viertelstunde erschien Diego mit zwei
silbernen Armleuchtern, neigte sich ehrerbietig vor dem jungen Mann und
forderte ihn auf, ihm zu folgen. Fröben folgte ihm und bemerkte, als
er durch den Saal ging, daß alle Trinkgäste ihm neugierig nachschauten
und die Köpfe zusammensteckten. Im ersten Stock machte Diego eine
Flügeltüre auf und winkte dem Gast, einzutreten. Ueberrascht blieb
dieser auf der Schwelle stehen. Sein alter Freund hatte den Frack
abgelegt, ein schwarzes, geschlitztes Wams mit roten Puffen angezogen
und einen langen Degen mit goldenem Griff umgeschnallt; ein dunkelroter
Mantillo fiel ihm über die Schultern. Feierlich schritt er seinem Gast
entgegen und streckte seine dürre Hand aus den reichen Manschetten
hervor, ihn zu begrüßen. »Seid mir herzlich willkommen, Don Fröbenio,«
sprach er, »stoßet Euch nicht an diesem prunklosen Gemach; auf Reisen,
wie Ihr wißt, fügt sich nicht alles wie zu Hause. Weicher allerdings
geht es sich in meinem Saale zu Lissabon, und meine Diwans sind echt
maurische Arbeit; doch setzet Euch immer zu mir auf dies schmale Ding,
Sofa genannt, ist doch der Wein des Herrn Schwaderer echt und gut;
setzt Euch!«

Er führte unter diesen Worten den jungen Mann zu einem Sofa; der Tisch
vor diesem war mit Konfitüren und Wein besetzt; Diego schenkte ein und
brachte Zündstock und Zigarren.

»Schon lange,« hub dann Don Pedro an, »schon lange hätte ich gern
einmal so recht vertraulich zu Euch gesprochen, Don Fröbenio, wenn Ihr
anders mein Vertrauen nicht gering achtet. Sehet, wenn wir uns oft zur
Mittagsstunde vor Lauras Bildnis trafen, da habe ich Euch, wenn Ihr
so recht versunken waret in Anschauung, aufmerksam betrachtet, und,
vergebt mir, wenn meine alten Augen einen Diebstahl an Euren Augen
begingen, ich bemerkte, daß der Gegenstand dieses Gemäldes noch höheres
Interesse für Euch haben müsse und eine tiefere Bedeutung, als Ihr mir
bisher gestanden.«

Fröben errötete; der Alte sah ihn so scharf und durchdringend an,
als wollte er im innersten Grund seiner Seele lesen. »Es ist wahr,«
antwortete er, »dieses Bild hat eine tiefe Bedeutung für mich, und Sie
haben recht gesehen, wenn Sie glauben, es sei nicht das _Kunstwerk_,
was mich interessiere, sondern der _Gegenstand_ des Gemäldes. Ach, es
erinnert mich an den sonderbarsten, aber glücklichsten Moment meines
Lebens! Sie werden lächeln, wenn ich Ihnen sage, daß ich einst ein
Mädchen sah, das mit diesem Bild täuschende Aehnlichkeit hatte; ich sah
sie nur einmal und nie wieder, und darum gehört es zu meinem Glück,
wenigstens ihre holden Züge in diesem Gemälde wieder aufzusuchen.«

»O Gott! das ist ja auch _mein_ Fall!« rief Don Pedro.

»Doch lachen werden Sie,« fuhr Fröben fort, »wenn ich gestehe, daß ich
nur von einem Teil des Gesichtes dieser Dame sprechen kann. Ich weiß
nicht, ist sie blond oder braun, ist ihre Stirne hoch oder nieder, ist
ihr Auge blau oder dunkel, ich weiß es nicht! Aber diese zierliche
Nase, dieser liebliche Mund, diese zarten Wangen, dieses weiche Kinn
finde ich auf dem geliebten Bilde, wie ich es im Leben geschaut!«

»Sonderbar! -- Und diese Formen, die sich dem Gedächtnis weniger tief
einzudrücken pflegen als Auge, Stirn und Haar, diese sollten, nachdem
Ihr nur einmal sie gesehen, so lebhaft in Eurer Seele stehen?«

»O Don Pedro!« sprach der Jüngling bewegt, »einen Mund, den man
_einmal_ geküßt hat, einen _solchen_ Mund vergißt man so leicht nicht
wieder. Doch, ich will erzählen, wie es mir damit ergangen.« --

»Halt ein, kein Wort!« unterbrach ihn der Spanier; »Ihr würdet mich
für sehr schlecht erzogen halten müssen, wollte ich einem Kavalier
sein Geheimnis entlocken, ohne ihm das meine zuvor als Pfand gegeben
zu haben. Ich will Euch erzählen von der Dame, die ich in jenem
sonderbaren Bild erkannte, und wenn Ihr mich dann Eures Vertrauens
würdig achtet, so möget Ihr mir mit Eurer Geschichte vergelten. Doch,
Ihr trinket ja nicht; es ist echter, spanischer Wein, und ihn müßt Ihr
trinken, wenn Ihr mit mir Valencia besuchen wollt.«

Sie tranken von dem begeisternden Ximenes und der Alte hub an.


6.

»Sennor, ich bin in Granada geboren. Mein Vater kommandierte ein
Regiment, und er und meine Mutter stammten aus den ältesten Familien
dieses Königreichs. Ich wurde im Christentum und allen Wissenschaften
erzogen, die einen Edelmann zieren, und mein Vater bestimmte mich, als
ich zwanzig Jahre alt und gut gewachsen war, zum Soldaten. Aber er
war ein Mann, streng und ohne Rücksicht im Dienste, und weil er die
Zärtlichkeit meiner Mutter für mich kannte und fürchtete, sie möchte
ihn oft verhindern, mich meine Pflicht gehörig vollbringen zu machen,
beschloß er, mich zu einem andern Regiment zu schicken, und seine
Wahl fiel auf Pampeluna, wo mein Oheim kommandierte. Ich lernte dort
den Dienst sorgfältig und genau und brachte es in den folgenden zehn
Jahren bis zum Kapitän. Als ich dreißig alt war, wurde mein Oheim nach
Valencia versetzt. Er hatte Einfluß und wußte zu bewirken, daß ich
ihm schon nach einem halben Jahr als Adjutant folgen konnte. Als ich
aber in Valencia ankam, hatte sich in meines Oheims Hauswesen vieles
geändert. Er war schon längst, noch in Pampeluna, Witwer geworden.
In Valencia hatte er eine reiche Witwe kennen gelernt und sie einige
Wochen früher, als ich bei ihm eintraf, geheiratet. Sie können denken,
wie ich überrascht war, als er mir eine ältliche Dame vorstellte und
sie seine Gemahlin nannte; meine Ueberraschung stieg aber und gewann an
Freude, als er auch ein Mädchen, schön wie der Tag, herbeiführte und
sie seine Tochter Laura, meine Cousine, nannte. Ich hatte bis zu jenem
Tage nicht geliebt, und meine Kameraden hatten mich oft deshalb Pedro
el pedro (den steinernen Pedro) genannt; aber dieser Stein zerschmolz
wie Wachs von den feurigen Blicken Lauras.

Ihr habt sie gesehen, Don Fröbenio, jenes Bild gibt ihre himmlischen
Züge wieder, wenn es anders einem irdischen Künstler möglich ist, die
wundervollen Werke der Natur zu erreichen. Ach, gerade so trug sie ihr
Haar, so mutig wie auf jenem Gemälde hatte sie das Hütchen mit den
wallenden Federn aufgesetzt, und wenn sie ihr dunkles Auge unter den
langen Wimpern aufschlug, so war es, als ob die Pforten des Himmels
sich öffneten und ein leuchtender Engel freundlich herabgrüßte.

Meine Liebe, Sennor, war eine freudige; ich konnte ja täglich um
sie sein; jene Schranken, die in meinem Vaterlande gewöhnlich die
Liebenden trennen und die Liebe schmerzlich, ängstlich, gramvoll und
verschlagen machen, jene Schranken trennten uns nicht. Und wenn ich
in die Zukunft sah, wie lachend erschien sie mir! Mein Oheim liebte
mich wie seinen Sohn; verstand ich seine Winke recht, so schien es
ihm nicht unangenehm, wenn ich mich um seine Tochter bewerbe; und von
meinem Vater konnte ich kein Hindernis erwarten, denn Laura stammte
aus edlem Blute und der Reichtum ihrer Mutter war bekannt. Wie mächtig
meine Liebe war, könnt Ihr schon daraus ersehen, daß ich da liebte, wo
es so gänzlich ohne Not und Jammer abging. Denn gewöhnlich entsteht die
Liebe aus der angenehmen Bemerkung, daß man der Geliebten vielleicht
nicht mißfallen habe; wie Feuer unter den Dächern fortschleicht und
durch eine Mauer aufgehalten plötzlich verzehrend nieder in das
Haus und prasselnd auf zum Himmel schlägt, so die Liebe. Die kleine
Neigung wächst. Die unüberwindlich scheinenden Hindernisse spornen an;
man glaubt, eine Glut zu fühlen, die nur im Arme der Geliebten sich
abkühlen kann. Man spricht die Dame am Gitter, man schickt ihr Briefe
durch die Zofe, man malt im Traume und Wachen ihr Bild, ihre Gestalt
so reizend sich vor, denn bisher sah man sie nicht anders als im
Schleier und der verhüllenden Mantilla. Endlich, sei es durch List oder
Gewalt, fallen die Schranken. Man fliegt herbei, führt die Errungene
zur Kirche und -- besiehet sich nachher den Schatz etwas genauer.
Wie auf dem schönen Wiesengrund, der nur ein Teppich ist, über ein
sumpfig Moorland gedeckt, wenn du wie auf fester Erde ausschreitest,
deine Füße einsinken und Quellen aus der Tiefe rieseln, so hier. Alle
Augenblicke zeigt sich eine neue Laune bei der Dame, alle Tage lüftet
sie Schleier und Mantilla ihres Herzens freier, und am Ende stündest
du lieber wieder an dem Gitter, Liebesklagen zu singen, um -- nie
wiederzukehren.«


7.

»Bei Gott, Ihr seid ein scharfer Kritiker,« erwiderte Fröben errötend;
»es liegt in dem, was Ihr saget, etwas Wahres, aber ganz so? Nein, da
müßte ja jener Götterfunke, der zündend ins Herz schlägt, jener selige
Augenblick, wo die Hälfte einer Minute zum Verständnis hinreicht, müßte
lügen, und doch glaube ich an seine himmlische Abkunft. O, ist es mir
denn besser ergangen?«

»Ich verstehe, was Ihr sagen wollt,« sprach Don Pedro; »jener Moment
ist himmlisch schön, aber er beruht gar oft auf bitterer Täuschung.
Höret weiter. Mich reizten, mich hinderten keine Schranken, und dennoch
liebte ich so warm als irgend ein junger Kavalier in Spanien. Das
einzige Hindernis konnte Lauras Herz sein, und -- ihr Auge hatte mir
ja schon oft gestanden, daß es dem meinigen gerne begegne. Alle jene
kleinen Beweise meiner Zärtlichkeit, wie man sie in diesem Zustand
gibt, nahm Donna Laura gütig auf, und nach einem Vierteljahre erlaubte
sie mir, ihr meine Liebe zu gestehen. Die Eltern hatten die Sache
längst bemerkt; mein Oheim gab mir seine Einwilligung und sagte, er
habe für mich wegen guter Dienste, die ich geleistet, beim König um
ein Majorspatent nachgesucht. Mit der Nachricht meines Steigens soll
ich dem Vater meine Liebe gestehen und ihn um Einwilligung bitten. Ich
gelobte es; ach, warum habe ich's getan! Sollte man nicht immer einen
Dämon hinter sich glauben, der uns das Glück wie ein schönes Spielzeug
gibt, nur um es plötzlich zu zerschlagen?

Ich hatte bald nach der Gewißheit meines Glückes mit einem Hauptmann
aus einem Schweizerregiment Bekanntschaft gemacht, den ich lieb gewann
und täglich in mein Haus führte. Es war ein schöner, blonder Jüngling,
mit klaren blauen Augen, von weißer Haut und roten Wangen. Er hätte zu
weich für einen Soldaten ausgesehen, wenn nicht berühmte Waffentaten,
die er ausgeführt, in aller Munde lebten. Um so gefährlicher war er
für Frauen. Seine ganze Erscheinung war so neu in diesem Lande, wo die
Sonne die Gesichter dunkel färbt, wo unter schwarzem Haar schwarze
Augen blitzten; und wenn er von den Eisbergen, von dem ewigen Schnee
seiner Heimat erzählte, so lauschte man gerne auf seine Rede, und
manche Dame mochte schon den Versuch gemacht haben, das Eis seines
Herzens zu schmelzen.

Eines Morgens kam ein Freund zu mir, der um meine Liebe zu Laura
wußte, und gab mir in allerlei geheimnisvollen Reden zu verstehen,
ich möchte entweder auf der Hut sein oder ohne das Majorspatent meine
Base heiraten, indem sonst noch manches sich ereignen könnte, was mir
nicht angenehm wäre. Ich war betreten, forschte näher und erfuhr, daß
Donna Laura bei einer verheirateten Freundin hie und da mit einem Mann
zusammenkomme, der in einen Mantel verhüllt ins Haus schleiche. Ich
entließ den Freund und dankte ihm. Ich glaubte nichts davon, aber ein
Stachel von Eifersucht und Mißtrauen war in mir zurückgeblieben. Ich
dachte nach über Lauras Betragen gegen mich, ich fand es unverändert;
sie war hold, gütig gegen mich wie zuvor, ließ sich die Hand, wohl auch
den schönen Mund küssen -- aber dabei blieb es auch; denn jetzt erst
fiel mir auf, wie kalt sie immer bei meiner Umarmung war, sie drückte
mir die Hand nicht wieder, wenn ich sie drückte, sie gab mir keinen Kuß
zurück.

Zweifel quälten mich; der Freund kam wieder, schürte durch bestimmtere
Nachrichten das Feuer mächtiger an und ich beschloß bei mir, die
Schritte meiner Dame aufmerksamer zu bewachen. Wir speisten gewöhnlich
zusammen, der Oheim, die Tante, meine schöne Base und ich. Am Abend des
Tages, als mein Freund zum zweitenmal mich gewarnt, fragte die Tante
bei Tische ihre Tochter, ob sie ihr Gesellschaft leisten werde auf dem
Balkon?

Sie antwortete, sie habe ihrer Freundin einen Besuch zugesagt.
Unwillkürlich mochte ich sie dabei schärfer angesehen haben, denn sie
schlug die Augen nieder und errötete. Sie ging eine Stunde, ehe die
Nacht einbrach, zu jener Dame. Als es dunkel wurde, schlich ich mich an
jenes Haus und hielt Wache; rasende Eifersucht kam über mich, als ich
die Straße herauf, nahe an die Häuser gedrückt, eine verhüllte Gestalt
schleichen sah. Ich stellte mich vor die Haustüre, die Gestalt kam
näher und wollte mich sanft auf die Seite schieben; aber ich faßte sie
am Gewand und sprach: ›Sennor, wer Ihr auch seid, in diesem Augenblick
glaube ich einen Mann von Ehre vor mir zu haben, und bei Eurer Ehre
fordere ich Euch auf, steht mir Rede!‹

Bei dem ersten Ton meiner Stimme sah ich ihn zusammenschrecken; er
besann sich eine kleine Weile und entgegnete dann: ›Was soll es?‹

›Schwört mir bei Eurer Ehre,‹ fuhr ich fort, ›daß Ihr nicht wegen Donna
Laura di Tortosi in dieses Haus geht.‹

›Wer erkühnt sich, mir über meine Schritte Rechenschaft abzufordern?‹
rief er mit dumpfer verstellter Stimme. An seiner Aussprache merkte
ich, daß er ein Fremder sein müsse; eine düstere Ahnung ging in meiner
Seele auf. ›Der Kapitän di San Montanjo wagt es,‹ antwortete ich und
riß ihm, ehe er sich dessen versah, den Mantel vom Gesicht -- es war
mein Freund Tannensee, der Schweizer.

Er stand da wie ein Verbrecher, keines Wortes mächtig. Aber ich hatte
meinen Degen blank gezogen, und sprachlos vor Wut deutete ich ihm an,
dasselbe zu tun. ›Ich habe keine Waffen bei mir, als einen Dolch,‹
erwiderte er. Schon war ich willens, ihm ohne Zögern den Degen in den
Leib zu rennen; aber als er so regungslos auf alles gefaßt vor mir
stand, konnte ich das Schreckliche nicht vollbringen. Ich behielt noch
so viel Fassung, daß ich ihn bestimmte, am andern Morgen vor dem Tor
der Stadt mir Rechenschaft zu geben. Die Türe hielt ich besetzt; er
sagte zu und ging.

Noch lange hielt ich Wache, bis endlich die Sänfte für Laura gebracht
wurde, bis ich sie einsteigen sah; dann folgte ich ihr langsam nach
Hause. Die Qualen der Eifersucht ließen mich keinen Schlaf auf meinem
Lager finden, und so hörte ich, wie sich um Mitternacht Schritte meiner
Türe näherten. Man pochte an; verwundert warf ich meinen Mantel um
und schloß auf; es war die alte Dienerin Lauras, die mir einen Brief
übergab und eilends wieder davonging.

Sennor! Gott möge Euch vor einem ähnlichen Brief in Gnaden bewahren!
Sie gestand mir, daß sie den Schweizer längst geliebt habe, als sie
mich noch gar nicht kannte; daß sie aus Furcht vor dem Zorn ihrer
Mutter, die alle Fremden hasse, ihn immer zurückgehalten, um sie zu
werben; daß sie, von den Drohungen meiner Tante genötigt, meine Anträge
sich habe gefallen lassen. Sie nahm alle Schuld auf sich, sie schwur
mit den heiligsten Eiden, daß Tannensee mir oft habe alles gestehen
wollen und nur durch ihr Flehen, durch ihre Furcht, nachher strenger
verwahrt zu werden, sich habe zurückhalten lassen. Sie deutete mir ein
schreckliches Geheimnis an, das die Ehre der Familie beflecken werde,
wenn ich ihr und dem Hauptmann nicht zur Flucht verhelfe. Sie beschwor
mich, von meinem Streit abzustehen, denn wenn er falle, so bleibe ihr,
_seiner Gattin_, nichts übrig, als sich das Leben zu nehmen. Sie schloß
damit, meine Großmut anzurufen, sie werde mich ewig _achten_, aber
niemals _lieben_.

Ihr werdet gestehen, daß ein solcher Brief gleich kaltem Wasser alle
Flammen der Liebe löschen kann; er löschte sogar zum Teil meinen Zorn.
Aber vergeben konnte ich es meiner Ehre nicht, daß ich betrogen war,
darum stellte ich mich zur bestimmten Stunde auf dem Kampfplatz ein.
Der Kapitän mochte tief fühlen, wie sehr er mich beleidigt; obgleich
er ein besserer Fechter war als ich, verteidigte er sich nur, und
nicht seine Schuld ist es, daß ich meine Hand hier zwischen Daumen und
Zeigefinger in seinen Degen rannte, so daß ich außer stande war, weiter
zu fechten. Ich gab ihm, während ich verbunden wurde, Lauras Brief.
Er las, er bat mich flehend, ihm zu vergeben, ich tat es mit schwerem
Herzen.

Die Geschichte meiner Liebe ist zu Ende, Don Fröbenio, denn fünf Tage
darauf war Donna Laura mit dem Schweizer verschwunden.«

»Und mit Ihrer Hilfe?« fragte Fröben.

»Ich half, so gut es ging. Freilich war der Schmerz meiner Tante groß;
aber in diesen Umständen war es besser, sie sah ihre Tochter nie
wieder, als daß Unehre über das Haus kam.«

»Edler Mann! Wie unendlich viel muß Sie dies gekostet haben!
Wahrhaftig, es war eine harte Prüfung.«

»Das war es,« antwortete der Alte mit düsterem Lächeln. »Anfangs
glaubte ich, diese Wunde werde nie vernarben; die Zeit tut viel, mein
Freund! Ich habe sie nie wieder gesehen, nie von ihnen gehört, nur
einmal nannten die Zeitungen den Oberst Tannensee als einen tapfern
Mann, der unter den Truppen Napoleons in der Schlacht von Brienne dem
Feinde langen Widerstand getan habe. Ob es derselbe ist, ob Laura noch
lebt, weiß ich nicht zu sagen.

Als ich aber in diese Stadt kam, jene Galerie besuchte, und nach
zwanzig langen Jahren meine Laura wieder erblickte, ganz so, wie sie
war in den Tagen ihrer Jugend, da brachen die alten Wunden wieder auf,
und -- nun Ihr wisset, daß ich sie täglich besuche.«


8.

Mit umständlicher Gravität, wie es dem Haushofmeister eines p...schen
Prinzen, einem Mann aus altkastilischem Geschlechte geziemte, hatte
Don Pedro di San Montanjo Ligez seine Geschichte vorgetragen. Als er
geendet, trank er einigen Xeres, lüftete den Hut, strich sich über die
Stirne und Kinn und sagte zu dem jungen Mann an seiner Seite: »Was
ich wenigen Menschen vertraut, habe ich Euch umständlich erzählt,
Don Fröbenio, nicht um Euch zu locken, mir mit gleichem Vertrauen zu
erwidern, obgleich Euer Geheimnis so sicher in meiner Brust ruhte als
der Staub der Könige von Spanien im Eskorial! -- Obgleich ich gespannt
bin, zu wissen, inwiefern Euch jene Dame interessiert; -- aber Neugier
ziemt dem Alter nicht, und damit gut.«

Fröben dankte dem Alten für seine Mitteilung. »Mit Vergnügen werde
ich Ihnen meinen kleinen Roman zum besten geben,« sagte er lächelnd,
»er betrifft keiner Dame Geheimnisse und endet schon da, wo andere
anfangen. Aber wenn Sie erlauben, werde ich morgen erzählen, denn für
heute möchte es wohl zu spät sein.«

»Ganz nach Eurer Bequemlichkeit,« erwiderte der Don, seine Hand
drückend. »Euer Vertrauen werde ich zu ehren wissen.« So schieden sie;
der Spanier begleitete den jungen Mann höflich bis an die Schwelle
seines Vorsaals, und Diego leuchtete ihm bis auf die Straße.

Nach seiner Gewohnheit ging Fröben den Tag nachher in die Galerie;
er stand lange vor dem Bilde, und wirklich dachte er an diesem Tage
mehr an den Alten denn an die gemalte Dame; aber er wartete über eine
Stunde -- der Alte kam nicht. Er ging mit dem Schlag zwei Uhr in die
Anlagen, ging langsamen Schrittes um den See, zog oft sein Fernglas
und schaute die lange Promenade hinab, aber die ehrwürdige Gestalt
seines alten Freundes wollte sich nicht zeigen; umsonst schaute er
nach den dünnen, schwarzen Beinen, nach dem spitzen Hut, umsonst nach
Diego und den bunten Kleidern, mit Sonnenschirm und Regenmantel, er war
nicht zu sehen. »Sollte er krank geworden sein?« fragte er sich, und
unwillkürlich ging er nach dem Schloßplatz hin und nach dem Gasthof
zum König von England, um Don Pedro zu besuchen. »Fort ist die ganze
Wirtschaft, auf und davon;« antwortete auf seine Frage der Oberkellner,
»gestern abend noch bekam der Prinz Depeschen, und heute vormittag
sind Seine Hoheit nebst Gefolge in sechs Wagen nach W. abgereist;
der Haushofmeister, er fuhr im zweiten, hat für Sie eine Karte hier
gelassen.«

Begierig griff Fröben nach diesem letzten Freundeszeichen. Es war nur
_Don Pedro di San Montanjo Ligez, Major Rio di S. A._ etc. darauf zu
lesen. Verdrießlich wollte Fröben diesen kalten Abschied einstecken,
da gewahrte er auf der Rückseite noch einige Worte mit der Bleifeder
geschrieben, er las: »Lebt wohl, teurer Don Fröbenio; Eure Geschichte
müßt Ihr mir schuldig bleiben; grüßet und küsset Donna Laura.«

Er lächelte über den Auftrag des alten Herrn, und doch als er in den
nächsten Tagen wieder vor dem Bilde stand, war er wehmütiger als je,
denn es war in seinem Leben eine Lücke entstanden durch Don Pedros
Abreise. Er hatte sich so gerne mit dem guten Alten unterhalten,
er hatte seit langer Zeit zum erstenmal wieder in einem genaueren
Verhältnis mit Menschen gelebt, und deutlicher als je fühlte er
jetzt, daß nur der Einsame, der Hoffnungslose ganz unglücklich ist.
Wäre das Bild nicht gewesen, das ihn mit seinem eigentümlichen Zauber
zurückhielt, schon längst hätte er Stuttgart verlassen, das sonst keine
Reize für ihn hatte. Als ihm daher eines Tages die Herren Boisserée die
treue Kopie jenes lieben Bildes, ein lithographiertes Blatt, zeigten
und ihn damit beschenkten, nahm er es als einen Wink des Schicksals
auf, verabschiedete sich von dem Urbild, packte die Kopie sorgfältig
ein und verließ diese Stadt so stille, als er sie betreten hatte.


9.

Sein Aufenthalt in Stuttgart hatte nur dem Bilde gegolten, das er in
jener Galerie gefunden. Er war, als er die Hauptstadt Württembergs
berührte, auf einer Reise nach dem Rhein begriffen, und dahin zog er
nun weiter. Er gestand sich selbst, daß ihn die letzten Monate beinahe
allzuweich gemacht hatten. Er fühlte nicht ohne Beschämung und leises
Schaudern, daß sein Trübsinn, sein ganzes Dichten und Trachten schon
nahe an Narrheit gestreift hatten. Er war zwar unabhängig, hatte dieses
Jahr noch zu Reisen bestimmt, ohne sich irgend einen festen Plan, ein
Ziel zu setzen und wollte diese lange Unterbrechung seiner Reise auf
die angenehme Lage der Stadt, auf die herrlichen Umgebungen schieben.
Aber hatte er denn wirklich jene Stadt so angenehm gefunden? Hatte
er Menschen aufgesucht, kennen gelernt? Hatte er sie nicht vielmehr
gemieden, weil sie seine Einsamkeit, die ihm so lieb geworden, störten?
Hatte er die herrlichen Umgebungen genossen? »Nein,« sagte er lächelnd
zu sich, »man wäre versucht, an Zauberei zu glauben! Ich habe mich
betragen wie ein Tor! Habe mich eingeschlossen in mein Zimmer, um
zu lesen. Und habe ich denn wirklich gelesen? Stand nicht ihr Bild
auf jeder Seite? Gingen meine Schritte weiter als zu _ihr_ oder um
einmal unter dem Gewühl der Menge auf und ab zu gehen? Ist es nicht
schon Raserei, auf so langen Wegen einem Schatten nachzujagen, jedes
Mädchengesicht aufmerksam zu betrachten, ob ich nicht den holden Mund
der unbekannten Geliebten wiedererkenne?«

So schalt sich der junge Mann, glaubte recht feste Vorsätze zu fassen,
und wie oft, wenn sein Pferd langsamer bergan geschritten war, vergaß
er oben es anzutreiben, weil seine Seele auf andern Wegen schweifte;
wie oft, wenn er abends sein Gepäck öffnete und ihm die Rolle in die
Hände fiel, entfaltete er unwillkürlich das Bild der Geliebten und
vergaß, sich zur Ruhe zu legen.

Aber die reizenden Gebirgsgegenden am Neckar, die herrlichen Fluren
von Mannheim, Worms, Mainz verfehlten auch auf ihn den eigentümlichen
Eindruck nicht. Sie zerstreuten ihn, sie füllten seine Seele mit
neuen, freundlichen Bildern. Und als er eines Morgens von Bingen
aufbrach, stand nur ein Bild vor seinem Auge, ein Bild, das er noch
heute erblicken sollte. Fröben hatte mit einem Landsmann Frankreich
und England bereist, und aus dem Gesellschafter war ihm nach und nach
ein Freund erwachsen. Zwar mußte er, wenn er über ihre Freundschaft
nachdachte, sich selbst gestehen, daß Uebereinstimmung der Charaktere
sie nicht zusammenführte; doch oft pflegt es ja zu geschehen, daß
gerade das Ungleiche sich heißer liebt als das Aehnliche. Der Baron
_von Faldner_ war etwas roh, ungebildet, selbst jene Reise, das
bewegte Leben zweier Hauptstädte, wie Paris und London, hatte nur
seine Außenseite etwas abschleifen und mildern können. Er war einer
jener Menschen, die, weil sie durch fremde oder eigene Schuld,
gewählte Lektüre, feinere tiefere Kenntnisse und die bildende Hand
der Wissenschaften verschmähten, zur Ueberzeugung kamen, sie seien
praktische Menschen, d. h. Leute, die in sich selbst alles tragen, um
was sich andere, es zu erlernen, abmühen, die einen natürlichen Begriff
von Ackerbau, Viehzucht, Wirtschaft und dergleichen haben, und sich nun
für geborene Landwirte, für praktische Haushälter ansehen, die auf dem
natürlichsten Wege _das_ zu erreichen glauben, was die Masse in Büchern
sucht. Dieser Egoismus machte ihn glücklich, denn er sah nicht, auf
welchen schwachen Stützen sein Wissen beruhte; noch glücklicher wäre er
wohl gewesen, wenn diese Eigenliebe bei den Geschäften stehen geblieben
wäre, aber er trug sie mit sich, wohin er ging, erteilte Rat, ohne
welchen anzunehmen, hielt sich, was man ihm nicht gerade nachsagte,
für einen _klugen Kopf_, und ward durch dieses alles ein unangenehmer
Gesellschafter und zu Hause vielleicht ein kleiner Tyrann, aus dem
einfachen Grunde, weil er klug war und immer recht hatte.

»Ob er wohl sein Sprichwort noch an sich hat,« fragte sich Fröben
lächelnd, »das unabwendbare: ›Das habe ich ja gleich gesagt!‹ Wie oft,
wenn er am wenigsten daran gedacht hatte, daß etwas gerade so geschehen
werde, wie oft faßte er mich da bei der Hand und rief: ›Freund Fröben,
sag' an, hab' ich es nicht schon vor vier Wochen gesagt, daß es so
kommen würde? Warum habt Ihr mir nicht gefolgt?‹ Und wenn ich ihm so
sonnenklar bewies, daß er zufällig gerade das Gegenteil behauptet habe,
so ließ er sich unter keiner Bedingung davon abbringen und grollte
drei, vier Tage lang.«

Fröben hoffte, Erfahrung und die schöne Natur um ihn her werden
seinen Freund weiser gemacht haben. An einer der reizendsten Stellen
des Rheintals, in der Nähe von Caub, lag sein Gut, und je näher der
Reisende herabkam, desto freudiger schlug sein Herz über alle diese
Herrlichkeit der Berge und des majestätischen Flusses, um so öfter
sagte er zu sich: »Nein! er _muß_ sich geändert haben; in diesen
Umgebungen kann man nur hingebend, nur freundlich und teilnehmend sein,
und im Genuß dieser Aussicht muß man vergessen, wenn man auch wirklich
recht hat, was bei ihm leider der seltene Fall ist.«


10.

Gegen Abend langte er auf dem Gute an; er gab sein Pferd vor dem
Hause einem Diener, fragte nach seinem Herrn und wurde in den Garten
gewiesen. Dort erkannte er schon von weitem Gestalt und Stimme seines
Freundes. Er schien in diesem Augenblick mit einem alten Mann, der an
einem Baum mit Graben beschäftigt war, heftig zu streiten. »Und wenn
Ihr es auch hundert Jahre nach dem alten Schlendrian gemacht habt,
statt fünfzig, so _muß_ der Baum doch so herausgenommen werden, wie ich
sagte. Nur frisch daran, Alter; es kommt bei allem nur darauf an, daß
man klug darüber nachdenkt.« Der Arbeiter setzte seufzend die Mütze
auf, betrachtete noch einmal mit wehmütigem Blick den schönen Apfelbaum
und stieß dann schnell, wie es schien unmutig, den Spaten in die Erde,
um zu graben. Der Baron aber pfiff ein Liedchen, wandte sich um, und
vor ihm stand ein Mensch, der ihn freundlich anlächelte und ihm die
Hand entgegenstreckte. Er sah ihn verwundert an. »Was steht zu Dienst?«
fragte er kurz und schnell.

»Kennst du mich nicht mehr, Faldner?« erwiderte der Fremde. »Solltest
du bei deiner Baumschule London und Paris so ganz vergessen haben?«

»Ist's möglich, mein Fröben!« rief jener und eilte, den Freund zu
umarmen. »Aber, mein Gott, wie hast du dich verändert, du bist so
bleich und mager; das kommt von dem vielen Sitzen und Arbeiten; daß du
auch gar keinen Rat befolgst, ich habe dir ja doch immer gesagt, es
tauge nicht für dich.«

»Freund!« entgegnete Fröben, den dieser Empfang unwillkürlich an seine
Gedanken unterwegs erinnerte: »Freund, denke doch ein wenig nach;
hast du mir nicht immer gesagt, ich tauge nicht zum Landwirt, nicht
zum Forstmann und dergleichen, und ich müßte eine juridische oder
diplomatische Laufbahn einschlagen?«

»Ach, du guter Fröben!« sagte jener zweideutig lächelnd, »so laborierst
du noch immer an einem kurzen Gedächtnis? sagte ich nicht schon
damals --«

»Bitte, du hast recht, streiten wir nicht!« unterbrach ihn sein Gast,
»laß uns lieber Vernünftigeres reden, wie es dir erging, seit wir uns
nicht sahen, wie du lebst?«

Der Baron ließ Wein in eine Laube setzen und erzählte von seinem
Leben und Treiben. Seine Erzählung bestand beinahe in nichts als in
Klagen über schlechte Zeit und die Torheit der Menschen. Er gab nicht
undeutlich zu verstehen, daß er es in den wenigen Jahren mit seinem
hellen Kopf und den Kenntnissen, die er auf Reisen gesammelt, in der
Landwirtschaft weit gebracht habe. Aber bald hatten ihm seine Nachbarn
unberufen dies oder jenes abgeraten, bald hatte er unbegreifliche
Widerspenstigkeit unter seinen Arbeitern selbst gefunden, die alles
besser wissen wollten als er und in ihrer Verblendung sich auf lange
Erfahrung stützten. Kurz, er lebte, wie er gestand, ein Leben voll
ewiger Sorgen und Mühen, voll Hader und Zorn, und einige Prozesse
wegen Grenzstreitigkeiten verbitterten ihm noch die wenigen frohen
Stunden, die ihm die Besorgung seines Gutes übrig ließ. »Armer Freund!«
dachte Fröben unter dieser Erzählung, »so reitest du noch dasselbe
Steckenpferd, und es geht, wie der wildeste Renner, mit dir durch, ohne
daß du es zügeln kannst.«

Doch die Reihe zu erzählen kam auch an den Gast, und er konnte
seinem Freund in wenigen Worten sagen, daß er an einigen Höfen bei
Gesandtschaften eingeteilt gewesen sei, daß er sich überall schlecht
unterhalten, einen langen Urlaub genommen habe und jetzt wieder ein
wenig in der Welt umherziehe.

»Du Glücklicher!« rief Faldner. »Wie beneide ich dir deine
Verhältnisse; heute hier, morgen dort kennst keine Fesseln und kannst
reisen, wohin und wie lange du willst. Es ist etwas Schönes um das
Reisen! Ich wollte, ich könnte auch noch einmal so frei hinaus in die
Welt!«

»Nun, was hindert dich denn?« rief Fröben lachend; »deine große
Wirtschaft doch nicht? Die kannst du alle Tage einem Pächter geben,
läßt dein Pferd satteln und ziehest mit mir!«

»Ach, das verstehst du nicht, Bester!« erwiderte der Baron verlegen
lächelnd. »Einmal, was die Wirtschaft betrifft, da kann ich keinen Tag
abwesend sein, ohne daß alles quer geht, denn ich bin doch die Seele
des Ganzen. Und dann -- ich habe einen dummen Streich gemacht -- doch
laß das gut sein; es geht einmal nicht mehr mit dem Reisen.«

In diesem Augenblicke kam ein Bedienter in die Laube, berichtete, daß
die gnädige Frau zurückgekommen sei und anfragen lasse, wo man den Tee
servieren solle?

»Ich denke oben im Zimmer,« sagte er, leicht errötend, und der Diener
entfernte sich.

»Wie, du bist verheiratet?« fragte Fröben erstaunt. »Und das erfahre
ich jetzt erst! Nun, ich wünsche Glück; aber sage mir doch -- ich hätte
mir ja eher des Himmels Einfall träumen lassen als diese Neuigkeit; und
seit wann?«

»Seit sechs Monaten,« erwiderte der Baron kleinlaut und ohne seinen
Gast anzusehen; »doch wie kann dich dies so in Erstaunen setzen; du
kannst dir denken, bei meiner großen Wirtschaft, da ich alles selbst
besorge, so --«

»Je nun! ich finde es ganz natürlich und angemessen; aber wenn ich
zurückdenke, wie du dich früher über das Heiraten äußertest, da dachte
ich nie daran, daß dir je ein Mädchen recht sein würde.«

»Nein, verzeihe!« sagte Faldner, »ich sagte ja immer und schon
damals --«

»Nun ja, du sagtest ja immer und schon damals,« rief der junge Mann
lächelnd, »und schon damals und immer sagte ich, daß du nach deinen
Prätensionen keine finden würdest, denn diese gingen auf ein Ideal,
das ich nicht haben möchte, und wohl auch nicht zu finden war. Doch
noch einmal meinen herzlichen Glückwunsch. Da aber eine Dame im Hause
ist, die uns zum Tee ladet, so kann ich doch wahrlich nicht so in
Reisekleidern erscheinen; gedulde dich nur ein wenig, ich werde bald
wieder bei dir sein. Auf Wiedersehen!«

Er verließ die Laube, und der Baron sah ihm mit trüben Blicken nach.
»Er hat nicht unrecht,« flüsterte er.

Doch in demselben Augenblick trat eine hohe weibliche Gestalt in die
Laube. »Wer ging soeben von dir?« fragte sie schnell und hastig. »Wer
sprach dies _auf Wiedersehen_?«

Der Baron stand auf und sah seine Frau verwundert an; er bemerkte, wie
die sonst so zarte Farbe ihrer Wangen in ein glühendes Rot übergegangen
war. »Nein! das ist nicht auszuhalten,« rief er heftig; »Josephe, wie
oft muß ich dir sagen, daß Hufeland Leuten von deiner Konstitution jede
allzurasche Bewegung streng untersagt; wie du jetzt glühst! Du bist
gewiß wieder eine Strecke zu Fuß gegangen und hast dich erhitzt und
gehst jetzt gegen alle Vernunft noch in den Garten hinab, wo es schon
kühl ist. Immer und ewig muß ich dir alles wiederholen wie einem Kind;
schäme dich!«

»Ach, ich wollte dich ja nur abholen,« sagte Josephe mit zitternder
Stimme; »werde nur nicht gleich so böse; ich bin gewiß den ganzen Weg
gefahren und bin auch gar nicht erhitzt. Sei doch gut.«

»Deine Wangen widersprechen,« fuhr er mürrisch fort. »Muß ich denn auch
dir immer predigen? Und den Schal hast du auch nicht umgelegt, wie ich
dir sagte, wenn du abends noch herab in den Garten gehst; wozu werfe
ich denn das Geld zum Fenster hinaus für dergleichen Dinge, wenn man
sie nicht einmal brauchen mag? O Gott! ich möchte oft rasend werden.
Auch nicht das geringste tust du mir zu Gefallen; dein ewiger Eigensinn
bringt mich noch um. O ich möchte oft --«

»Bitte, verzeihe mir, Franz!« bat sie wehmütig, indem sie große Tränen
im Auge zerdrückte; »ich habe dich den ganzen Tag nicht gesehen und
wollte dich hier überraschen; ach, ich dachte ja nicht mehr an das Tuch
und an den Abend. Vergib mir, willst du deinem Weib vergeben?«

»Ist ja schon gut, laß mich doch in Ruhe, du weißt, ich liebe solche
Szenen nicht; und gar vollends Tränen! Gewöhne dir doch um Gottes
willen die fatale Weichlichkeit ab, über jeden Bettel zu weinen. -- Wir
haben einen Gast, Fröben, von dem ich dir schon erzählte, er reiste mit
mir. Führe dich vernünftig auf, Josephe, hörst du? Laß es an nichts
fehlen, daß ich nicht auch die Sorgen der Haushaltung auf mir haben
muß. Im Salon wird der Tee getrunken.«

Er ging schweigend ihr voran die Allee entlang nach dem Schlosse. Trübe
folgte ihm Josephe; eine Frage schwebte auf ihren Lippen, aber so gern
sie gesprochen hätte, sie verschloß diese Frage wieder tief in ihre
Brust.


11.

Als der Baron spät in der Nacht seinen Gast auf sein Zimmer begleitete,
konnte sich dieser nicht enthalten, ihm zu seiner Wahl Glück zu
wünschen. »Wahrhaftig, Franz!« sagte er, indem er ihm feurig die Hand
drückte, »ein solches Weib hat dir gefehlt. Du warst ein Glückskind
von jeher, aber das hätte ich mir nicht träumen lassen, daß du bei
deinen sonderbaren Maximen und Forderungen ein solch liebenswürdiges,
herrliches Kind heimführen werdest.«

»Ja, ja, ich bin mit ihr zufrieden,« erwiderte der Baron trocken,
indem er seine Kerze heller aufstörte; »man kann ja nicht alles
haben. An diesen Gedanken muß man sich freilich gewöhnen auf dieser
unvollkommenen Welt.«

»Mensch! ich will nicht hoffen, daß du undankbar gegen so vieles Schöne
bist. Ich habe viele Frauen gesehen, aber weiß Gott, keine von solch
untadelhafter Schönheit wie dein Weib. Diese Augen! Welch rührender
Ausdruck! Glaubt man nicht liebliche Träume auf ihrer schönen Stirne zu
lesen? Und diese zarte, schlanke Gestalt! Und ich weiß nicht, ob ich
ihren feinen Takt, ihr richtiges Urteil, ihren gebildeten Geist nicht
noch mehr bewundern soll.«

»Du bist ja ganz bezaubert,« lächelte Faldner; »doch von jeher hast du
zu viel gelesen und weniger aufs Praktische gesehen; ich sagte es ja
immer -- mit den Weibern ist es ein eigenes Ding,« fuhr er seufzend
fort, »glaube mir, in der Wirtschaft ist oft eine, die es versteht und
die Sache flink umtreibt, besser als ein sogenannter gebildeter Geist.
Gute Nacht; sei froh, daß du noch frei bist und -- wähle nicht zu
rasch.«

Unmutig sah ihm Fröben nach, als er das Zimmer verlassen hatte. »Ich
glaube, der Unmensch ist auch jetzt nicht mit seinem Lose zufrieden;
hat einen Engel gewählt und schafft sich durch seine lächerlichen
Prätensionen eine Hölle im Haus. Das arme Weib!«

Es war ihm nicht entgangen, wie ängstlich sie bei allem, was sie tat
und sagte, an seinen Blicken hing, wie er ihr oft ein grimmiges Auge
zeigte, wenn sie nach seinen Begriffen einen Fehler begangen, wie er
ihr oft mit der Hand winkte, die Lippen zusammenbiß und stöhnte, wenn
er glaubte, von dem Gast nicht gesehen zu werden. Und mit welcher
Engelsgeduld trug sie dies alles! Sie hatte tiefen, wunderbaren
Eindruck auf ihn gemacht. Das reiche blonde Haar, das um eine freie
Stirn fiel, ließ blaue Augen, rote Wangen, vielleicht auch ein Näschen
erwarten, das durch seine zierliche Keckheit Blondinen mehr als
Brünetten ziert. Aber von alledem nichts. Unter den blonden Wimpern
ruhte wie das Mondlicht hinter dünnen Wolken ein braunes Auge, das
nicht durch Glut oder bloße Lebendigkeit, sondern durch ein gewisses
Etwas von sinnender Schwermut überraschte, das Fröben bei schönen
Frauen, so selten er es fand, so unendlich liebte. Ihre Nase näherte
sich dem griechischen Stamm, die Wangen waren gewöhnlich bleich, nur
von einem leisen Schatten von Rot unterlaufen, und das einzige, was in
ihrem Gesichte blühte, waren statt der Rosen der Wangen die Lippen,
bei deren Anblick man sich des Gedankens an zarte, rote Kirschen nicht
erwehren konnte.

»Und diese herrliche Gestalt,« fuhr Fröben in seinen Gedanken weiter
fort, »so zart, so hoch und, wenn sie über das Zimmer geht, beinahe
schwebend! Schwebend? Als ob ich nicht gesehen hätte, daß sie recht
schwer zu tragen hat, daß diese Lippen so manches Wort des Grams
verschließen, daß diese Augen nur auf die Einsamkeit warten, um über
den rohen Gatten zu weinen! Nein, es ist unmöglich,« fuhr er nach
einigem Sinnen fort, »sie kann ihn nicht aus Liebe geheiratet haben.
Die Welt, die hinter diesem Auge liegt, ist zu groß für Faldners
Verstand, das Herz seines Weibes zu zart für den rohen Druck ihres
Haustyrannen. Ich bedaure sie!«

Er war während dieser Worte an einen Schrank getreten, worin die Diener
sein Reisegeräte niedergelegt hatten. Er schloß ihn auf, sein erster
Blick fiel auf die wohlbekannte Rolle, und er errötete. »Bin ich dir
nicht ungetreu gewesen diesen Abend?« fragte er. »Hat nicht ein anderes
Bild sich in mein Herz geschlichen? Ja, und ertappe ich mich nicht auf
Reflexionen über das Weib meines Freundes, die mir nicht ziemen, die
ihr auf jeden Fall nichts nützen können?« Er entrollte das Bild der
Geliebten und blieb betroffen stehen. Wie ein Gedanke, der bisher in
ihm schlummerte und verworren träumte, erwacht es jetzt mit einemmal
in ihm, daß Frau von Faldner wunderbare Aehnlichkeit mit diesem
Bilde habe. Zwar waren ihre Haare, ihre Augen, ihre Stirn gänzlich
verschieden von denen des Bildes, aber überraschende Aehnlichkeit
glaubte er in Nase, Mund und Kinn, ja sogar in der Haltung des
zierlichen Halses zu finden. »Und diese Stimme!« rief er. »Klang mir
diese Stimme nicht gleich anfangs so bekannt? Wie ist mir denn? Wäre es
möglich, daß die Gattin meines Freundes jenes Mädchen wäre, die ich nur
einmal, nur halb gesehen und ewig liebe und, von jenem Augenblick an,
vergebens suche? Die Gestalt -- ja auch sie war groß, und als ich ihr
den Mantel umschlang, als sie an meinem Herzen ruhte, fühlte ich eine
feine schlanke Taille. Und begegnete ich nicht heute abend so oft ihrem
Auge, das prüfend auf mir ruhte? Sollte auch sie mich wiedererkennen?
Doch -- ich Tor! wie könnte Faldner bei seinem Mißtrauen, bei seinen
strengen Grundsätzen über Adel und unbescholtenen Ruf eine --
unbekannte Bettlerin geheiratet haben?«

Er sah wieder prüfend auf das Bild herab, er glaubte in diesem
Augenblick Gewißheit zu haben, im nächsten zweifelte er wieder. Er
klagte sein treuloses Gedächtnis an. Hatte nicht dieses Gemälde sich so
ganz mit seinen früheren Erinnerungen vermischt, daß er die Unbekannte
sich nicht mehr anders dachte als wie dieses Bild? Und nun, da er auf
eine neue, auffallende Aehnlichkeit gestoßen, stand er nicht vor einem
Labyrinth von Zweifeln? Er warf das Gemälde auf die Seite und verbarg
seine heiße Stirn in die Kissen seines Bettes. Er wünschte sich tiefen
Schlaf herbei, damit er diesen Zweifeln entgehe, daß ihm das wahre Bild
mit siegender Kraft in seinen Träumen aufgehe.


12.

Als Fröben am andern Morgen in den Salon trat, wo er frühstücken
sollte, war sein rastloser Freund schon ausgeritten, um eine Dammarbeit
an der Grenze seines Gutes zu besichtigen. Der Diener, der ihm diese
Nachricht gab, setzte mit wichtiger Miene hinzu, daß sein Herr
wohl kaum vor Mittag zurückkommen dürfte, weil er noch seine neue
Dampfmühle, einige Schläge im Wald, eine neue Gartenanlage, nebst
vielem andern besichtigen müsse. »Und die gnädige Frau?« fragte der
Gast.

»War schon vor einer Stunde im Garten, um Bohnen abzubrechen, und wird
jetzt bald zum Frühstück hier sein.«

Fröben ging im Saal umher und musterte in Gedanken den vergangenen
Abend. Wie anders erscheinen alle Bilder in der Morgenbeleuchtung,
als sie uns im Duft des Abends erschienen! Auch mit den verworrenen
Gedanken, die gestern in ihm auf und ab schwebten, ging es ihm so;
er lächelte über sich selbst, über die Zweifel, die ihm seine rege
Phantasie aufgeweckt hatte. »Der Baron,« sprach er zu sich, »ist am
Ende doch ein guter Mensch; freilich viele Eigenheiten, einige Roheit,
die aber mehr im Aeußern liegt. Aber wer länger mit ihm umgeht, gewöhnt
sich daran, weiß sich darein zu finden. Und Josephe? wie vorschnell man
oft urteilt! Wie oft glaubte ich rührenden Kummer, tiefe Seelenleiden,
Resignation in den Augen, in den Mienen einer Frau zu lesen, ließ
mich vom Teufel blenden, sie recht zart zu trösten und aufrichten
zu wollen, und am Ende lag der ganze Zauber in meiner Einbildung:
es war dann, näher betrachtet, eine ganz gewöhnliche Frau, die mit
den sinnenden Augen, worin ich Wehmut sah, ängstlich die Augen an
ihrem Strickstrumpf zählte, oder hinter der von Gram umwölkten Stirne
bedachte, was sie auf den Abend kochen lassen wollte.« Er verfolgte
diese Gedanken, um sich selbst mit Ironie zu strafen, um die zartere
Empfindung, jene Nachklänge von gestern, zu verdrängen, die ihm heute
töricht, überspannt erschienen. In diese Gedanken versunken, war er an
den Spiegel getreten und hatte die Besuchskarten überlesen, die dort
angesteckt waren. Da fiel ihm eine in die Hand, welche Faldners eigene
Verlobung ankündigte. Er las die zierlich gestochenen Worte: »Freiherr
F. von Faldner mit seiner Braut Josephe von Tannensee.«

»Von Tannensee?« Wie ein Blitz erleuchtete ihm dieser Name jene dunkle
Aehnlichkeit, die er zwischen der Gattin seines Freundes und seinem
lieben Bilde gefunden. »Wie? Wäre sie vielleicht die Tochter jener
Laura, die einst mein guter Don Pedro geliebt? Welche Freude für ihn,
wenn es so wäre, wenn ich ihm von der Verlorenen Nachricht geben
könnte. Fand er nicht in jenem wunderbaren Bilde die täuschendste
Aehnlichkeit mit seiner Cousine? Kann nicht die Tochter der Mutter
gleichen?«

Er verbarg die Karte schnell, als er die Türe gehen hörte; er sah sich
um und -- Josephe schwebte herein. War es das zierliche Morgenkleid,
das ihre zarte Gestalt umschloß, war ihr die Beleuchtung des Tages
günstiger als das Kerzenlicht? Sie kam ihm in diesem Augenblick noch
unendlich reizender vor als gestern. Ihre Locken flatterten noch
kunstlos um die Stirne, der frische Morgen hatte ein feines Rot auf
ihre Wangen gehaucht, sie lächelte zu ihrem Morgengruß so freundlich,
und doch mußte er sich schon in diesem Augenblick einen Toren schelten,
denn ihre Augen erschienen ihm trübe und verweint.


13.

Sie lud ihn ein, sich zu ihr zum Frühstück zu setzen. Sie erzählte
ihm, daß Faldner schon mit Tagesanbruch weggeritten sei und ihr
seine Entschuldigung aufgetragen habe; sie beschrieb die mancherlei
Geschäfte, die er heute vornehme und die ihn bis zu Mittag zurückhalten
werden. »Er hat ein Leben voll Sorgen und Mühen,« sagte sie, »aber ich
glaube, daß diese Geschäftigkeit ihm zum Bedürfnis geworden ist.«

»Und ist dies nur in diesen Tagen so?« fragte Fröben; »ist jetzt gerade
besonders viel zu tun auf den Gütern?«

»Das nicht,« erwiderte sie; »es geht alles seinen gewöhnlichen Gang, er
ist so, seit ich ihn kenne. Er ist rastlos in seinen Arbeiten. Diesen
Frühling und Sommer verging kein Tag, an welchem er nicht auf dem Gute
beschäftigt gewesen wäre.«

»Da werden Sie sich doch oft recht einsam fühlen,« sagte der junge
Mann, »so ganz allein auf dem Lande und Faldner den ganzen Tag
entfernt.«

»Einsam?« erwiderte sie mit zitterndem Ton und beugte sich nach einem
Tischchen an der Seite; und Fröben sah im Spiegel, wie ihre Lippen
schmerzlich zuckten. »Einsam? Nein! Besucht ja doch die Erinnerung
die Einsamen und --« setzte sie hinzu, indem sie zu lächeln suchte:
»glauben Sie denn, die Hausfrau habe in einer so großen Wirtschaft
nicht auch recht viel zu tun und zu sorgen? Da ist man nicht einsam
oder -- man darf es nicht sein.«

Man _darf_ es nicht sein? Du Arme! dachte Fröben, verbietet dir dein
Herz die Träume der Erinnerung, die dich in der Einsamkeit besuchen,
oder verbietet dir der harte Freund, einsam zu sein? Es lag etwas im
Ton, womit sie jene Worte sagte, das ihrem Lächeln zu widersprechen
schien.

»Und doch,« fuhr er fort, um seinen Empfindungen und ihren Worten eine
andere Richtung zu geben, »und doch scheinen gerade die Frauen von
der Natur ausdrücklich zur Stille und Einsamkeit bestimmt zu sein;
wenigstens war bei jenen Völkern, die im allgemeinen die herrlichsten
Männer aufzuweisen hatten, die Frau am meisten auf ihr Frauengemach
beschränkt, so bei Römern und Griechen, so selbst in unserem
Mittelalter.«

»Daß _Sie_ diese Beispiele anführen könnten, hätte ich nicht gedacht;«
entgegnete Josephe, indem ihr Auge wie prüfend auf seinen Zügen
verweilte. »Glauben Sie mir, Fröben, jede Frau, auch die geringste,
merkt dem Mann, ehe sie noch über seine Verhältnisse unterrichtet ist,
recht bald an, ob er viel im Kreise der Frauen lebte oder nicht. Und
unbestreitbar liegt in solchen Kreisen etwas, das jenen feinen Takt,
jenes zarte Gefühl verleiht, immer im Gespräch auszuwählen, was gerade
für Frauen taugt, was uns am meisten anspricht; ein Grad der Bildung,
der eigentlich keinem Manne fehlen sollte. Sie werden mir dies um so
weniger bestreiten,« setzte sie hinzu, »als Sie offenbar einen Teil
Ihrer Bildung meinem Geschlecht verdanken.«

»Es liegt etwas Wahres darin,« bemerkte der junge Mann, »und
namentlich das letztere will ich zugeben, daß Frauen weniger auf meine
Denkungsart, als auf die Art, das Gedachte auszudrücken, Einfluß
hatten. Meine Verhältnisse nötigten mich in der letzten Zeit viel in
der großen Welt, namentlich in Damenzirkeln zu leben. Aber eben in
diesen Zirkeln wird mir erst recht klar, wie wenig eigentlich die
Frauen, oder um mich anders auszudrücken, wie wenige Frauen in dieses
großartige Leben und Treiben passen.«

»Und warum?«

»Ich will es sagen, auch auf die Gefahr hin, daß Sie mir böse
werden. Es ist ein schöner Zug der neueren Zeit, daß man in den
größeren Zirkeln eingesehen hat, daß das Spiel eigentlich nur eine
Schulkrankheit oder ein modischer Deckmantel für Geistesarmut sei. Man
hat daher Whist, Boston, Pharo und dergleichen den älteren Herren und
einigen Damen überlassen, die nun einmal die Konversation nicht machen
können. In Frankreich freilich spielen in Gesellschaft Herren von
zwanzig bis dreißig Jahren; es sind aber nur die armseligen Wichte, die
sich nach einem englischen Dandy gebildet haben oder die selbst fühlen,
daß ihnen der Witz abgeht, den sie im Gespräch notwendig haben müßten.
Seitdem man nun, seien die Zirkel groß oder klein, die sogenannte
Konversation macht, das heißt, sich um den Kamin oder in Deutschland um
das Sofa pflanzt, Tee dazu trinkt und ungemein geistreiche Gespräche
führt, sind die Frauen offenbar aus ihrem rechten Gleise gekommen.«

»Bitte, Sie sind doch gar zu strenge, wie sollten denn --«

»Lassen Sie mich ausreden,« fuhr Fröben eifrig fort; »eine Dame der
sogenannten guten Gesellschaft empfängt jede Woche Abendbesuche
bei sich; sechsmal in der Woche gibt sie solche heim. In solchen
Gesellschaften tanzt höchstens das junge Volk einigemal, außer es wäre
auf großen Bällen, die schon seltener vorkommen. Der übrige Kreis,
Herren und Damen, unterhält sich. Es gibt nun ungemein gebildete,
wirklich geistreiche Männer, die im Männerkreise stumm und langweilig,
vor Damen ungemein witzig und sprachselig sind, und einen Reichtum
sozialer Bildung, allgemeiner Kenntnisse entfalten, die jeden staunen
machen. Es ist nicht Eitelkeit, was diese Männer glänzend oder beredt
macht, es ist das Gefühl, daß das Interessantere ihres Wissens sich
mehr für Frauen als für Männer eignet, die mehr systematisch sind, die
ihre Forderungen höher spannen.«

»Gut, ich kann mir solche Männer denken, aber weiter.«

»Durch solche Männer bekommt das Gespräch Gestaltung, Hintergrund,
Leben; Frauen, besonders geistreiche Frauen, werden sich unter sich bei
weitem nicht so lebendig unterhalten, als dies geschieht, wenn auch nur
_ein_ Mann gleichsam als Zeuge und Schiedsrichter dabei sitzt. Indem
nun durch solche Männer allerlei Witziges, Interessantes auf die Bahn
gebracht wird, werden die Frauen unnatürlich gesteigert. Um doch ein
Wort mitzusprechen, um als geistreich, gebildet zu erscheinen, müssen
sie alles aufbieten, gleichsam alle Hahnen ihres Geistes aufdrehen, um
ihren reichlichen Anteil zu der allgemeinen Gesprächsflut zu geben, in
welcher sich die Gesellschaft badet. Doch, verzeihen Sie, dieser Fond
ist gewöhnlich bald erschöpft; denken Sie sich, einen ganzen Winter
alle Abende geistreich sein zu müssen, welche Qual!«

»Aber nein, Sie machen es auch zu arg, Sie übertreiben --«

»Gewiß nicht; ich sage nur, was ich gesehen, selbst erlebt habe. Seit
in neuerer Zeit solche Konversation zur Mode geworden ist, werden
die Mädchen ganz anders erzogen als früher; die armen Geschöpfe! Was
müssen sie jetzt nicht alles lernen vom zehnten bis zum fünfzehnten
Jahr. Geschichte, Geographie, Botanik, Physik, ja sogenannte höhere
Zeichenkunst und Malerei, Aesthetik, Literaturgeschichte, von Gesang,
Musik und Tanzen gar nicht zu erwähnen. Diese Fächer lernt der Mann
gewöhnlich erst nach seinem achtzehnten, zwanzigsten Jahre recht
verstehen; er lernt sie nach und nach, also gründlicher; er lernt
manches durch sich selbst, weiß es also auch besser anzuwenden, und
tritt er im dreiundzwanzigsten oder später noch in diese Kreise, so
trägt er, wenn er nur halbwegs einige Lebensklugheit und Gewandtheit
hat, eine große Sicherheit in sich selbst. Aber das Mädchen? Ich bitte
Sie! Wenn ein solches Unglückskind im fünfzehnten Jahre, vollgepfropft
mit den verschiedenartigsten Kenntnissen und Kunststücken in die große
Welt tritt, wie wunderlich muß ihm da alles zuerst erscheinen! Sie
wird, obgleich ihr oft ihr einsames Zimmer lieber wäre, ohne Gnade
in alle Zirkel mitgeschleppt, muß glänzen, muß plaudern, muß die
Kenntnisse auskramen, und -- wie bald wird sie damit zu Ende sein!
Sie lächeln? Hören Sie weiter. Sie hat jetzt keine Zeit mehr, ihre
Schulkenntnisse zu erweitern; es werden bald noch höhere Ansprüche an
sie gemacht. Sie muß so gut wie die Aelteren über Kunstgegenstände,
über Literatur mitsprechen können. Sie sammelt also den Tag über alle
möglichen Kunstausdrücke, liest Journale, um ein Urteil über das
neueste Buch zu bekommen, und jeder Abend ist eigentlich ein Examen,
eine Schulprüfung für sie, wo sie das auf geschickte Art anbringen muß,
was sie gelernt hat. Daß einem Mann von wahrer Bildung, von wahren
Kenntnissen vor solchem Geplauder, vor solcher Halbbildung graut,
können Sie sich denken; er wird diese Unsitte zuerst lächerlich,
nachher gefährlich finden; er wird diese Ueberbildung verfluchen,
welche die Frauen aus ihrem stillen Kreise herausreißt und sie zu
Halbmännern macht, während die Männer Halbweiber werden, indem sie
sich gewöhnen, alles nach Frauenart zu besprechen und zu beklatschen;
er wird für edlere Frauen jene häusliche Stille zurückwünschen,
jene Einsamkeit, wo sie zu Hause sind und auf jeden Fall herrlicher
brillieren als in einem jener geistreichen Zirkel!«

»Es liegt etwas Wahres in dem, was Sie hier sagten,« erwiderte Frau von
Faldner; »ganz kann ich nicht darüber urteilen, weil ich nie das Glück
oder das Unglück hatte, in jenen Zirkeln zu leben. Aber mir scheint
auch dort, wie überall, das minder Gute nur aus der Uebertreibung
hervorzugehen. Es ist wahr, was Sie sagen, daß uns Frauen ein engerer
Kreis angewiesen ist, jene Häuslichkeit, die einmal unser Beruf ist.
Wir werden ohne wahren Halt sein, wir werden uns in ein unsicheres Feld
begeben, wenn wir diesen Kreis gänzlich verlassen. Aber wollen Sie
uns die Freude einer geistreichen Unterhaltung mit Männern gänzlich
rauben? Es ist wahr, sieben solche Abende in der Woche müssen zum
Unnatürlichen, zur Ueberbildung oder zur Erschöpfung führen; aber
ließe sich denn hier nicht ein Mittelweg denken?«

»Ich habe mich vielleicht zu stark ausgedrückt, ich wollte --«

»Lassen Sie auch mich ausreden,« sagte sie, ihn sanft zurückdrängend:
»Sie sagten selbst, daß Frauen unter sich seltener ein sogenanntes
geistreiches Gespräch lange fortführen. Ich weiß nur allzuwohl, wie
peinlich in einer Frauengesellschaft eine sogenannte geistreiche
Dame ist, welcher alles frivol erscheint, was nicht allgemein,
nicht interessant ist. Wir fühlen uns beengt und wollen am Ende mit
unserem bißchen Wissen lieber vor einem Mann erröten als vor einer
Frau. Gewöhnlich wird, wenn nur Frauen zusammen sind oder Mädchen,
die Wirtschaft, das Hauswesen, die Nachbarschaft, vielleicht auch
Neuigkeiten oder gar Moden abgehandelt; aber sollen wir denn ganz auf
diesen Kreis beschränkt sein? Soll denn, was allgemein interessant und
bildend ist, uns ganz fremd bleiben?«

»Gott! Sie verkennen mich, wollte ich denn _dies_ sagen?«

»Es ist wahr,« fuhr sie eifriger fort, »es ist wahr, die Männer
besitzen jene tiefe, geregeltere Bildung, jene geordnete Klarheit,
die jede Halbbildung oder gar den Schein von Wissen ausschließt oder
gering achtet. Aber wie gerne lauschen wir Frauen auf ein Gespräch der
Männer, das an Gegenstände grenzt, die uns nicht so ganz ferne liegen,
zum Beispiel über ein interessantes Buch, das wir gelesen, über Bilder,
die wir gesehen; wir lernen gewiß recht viel, wenn wir dabei zuhören
oder gar mitsprechen dürfen; unser Urteil, das wir im stillen machten,
bildet sich aus und wird richtiger, und jeder gebildeten Frau muß eine
solche Unterhaltung angenehm sein. Auch glaube ich kaum, daß die Männer
uns dies verargen werden, wenn wir nur,« setzte sie lächelnd hinzu,
»nicht selbst glänzen, den bescheidenen Kreis nicht verlassen wollen,
der uns einmal angewiesen ist.«


14.

Wie schön war sie in diesem Augenblick; das Gespräch hatte ihre Wangen
mit höherem Rot übergossen, ihre Augen leuchteten, und das Lächeln,
womit sie schloß, hatte etwas so Zauberisches, Gewinnendes an sich, daß
Fröben nicht wußte, ob er mehr die Schönheit dieser Frau oder ihren
Geist und die einfache schöne Weise, sich auszudrücken, bewundern
sollte.

»Gewiß,« sagte er, in ihren Anblick verloren, »gewiß, wir müßten
sehr ungerecht sein, wenn wir solche zarte und gerechte Ansprüche
nicht achten wollten; denn _die_ Frau müßte ich für recht unglücklich
halten, die bei einem gebildeten Geist, bei einer Freude an Lektüre
und gebildeter Unterhaltung keine solche Anklänge in ihrer Umgebung
fände; wahrlich, so ganz auf sich beschränkt, müßte sie sich für sehr
unglücklich halten.«

Josephe errötete, und eine düstere Wolke zog über ihre schöne Stirne;
sie seufzte unwillkürlich, und mit Schrecken nahm Fröben wahr, daß
ja eine solche Frau, wie er sie eben beschrieben, an seiner Seite
sitze. Ja, ohne es zu wollen, hatte sie ihren eigenen Gram verraten.
Denn konnte ihr roher Gatte jenen zarten Forderungen entsprechen?
Er, der in seiner Frau nur seine erste Schaffnerin sah, der jedes
Geistige, was dem Menschen interessant oder wünschenswert dünkt, als
unpraktisch geringschätzte, konnte er diese Ansprüche auf den Genuß
einer gebildeten Unterhaltung befriedigen? War nicht zu befürchten, daß
er ihr solche sogar geflissentlich entzog?

Noch ehe Fröben so viel Fassung gewonnen hatte, seinem Satz eine
allgemeinere Wendung zu geben und das ganze Gespräch von diesem
Gegenstand abzuleiten, sagte Josephe, ohne ihn seinen Verstoß fühlen
zu lassen: »Wir Frauen auf dem Lande genießen diese Freude freilich
seltener; übrigens sind wir dennoch nicht so allein, als es dem Fremden
vielleicht scheinen möchte; man besucht einander um so öfter; sehen Sie
nur, welche Masse von Besuchen dort am Spiegel hängt.«

Fröben sah hin, und jene Karte fiel ihm bei. »Ach ja,« sagte er,
indem er sie hervorzog, »da habe ich vorhin einen kleinen Diebstahl
begangen;« er zog sie hervor und zeigte sie. »Können Sie glauben, daß
ich bis gestern nicht einmal wußte, daß mein Freund verheiratet sei?
Und Ihren Namen erfuhr ich erst vorhin durch diese Karte. Sie heißen
Tannensee?«

»Ja,« antwortete sie lächelnd, »und diesen unberühmten Namen tauschte
ich gegen den schönen von Faldner um.«

»Unberühmt? Wenn Ihr Vater der Oberst von Tannensee war, so war Ihr
Name wohl nicht unberühmt.«

Sie errötete. »Ach, mein guter Vater!« rief sie. »Ja, man erzählte mir
wohl von ihm, daß er für einen braven Offizier des Kaisers gegolten
habe und -- sie haben ihn als General begraben. Ich habe ihn nicht
gekannt; nur einmal, als er aus dem Feldzug zurückkam, sah ich ihn und
nachher nicht wieder.«

»Und war er nicht ein Schweizer?« fragte Fröben weiter.

Sie sah ihn staunend an. »Wenn ich nicht irre, sagte mir meine Mutter,
daß Verwandte von ihm in der Schweiz leben.«

»Und Ihre Mutter, heißt sie nicht Laura und stammt aus einem spanischen
Geschlecht?«

Sie erbleichte, sie zitterte bei diesen Worten. »Ja, sie hieß Laura,«
antwortete sie; »aber mein Gott, was wissen Sie denn von uns, woher? --
Aus einem spanischen Geschlechte?« fuhr sie gefaßter fort. »Nein, da
irren Sie, meine Mutter sprach Deutsch und war eine Deutsche.«

»Wie? So ist Ihre Mutter tot?«

»Seit drei Jahren,« erwiderte sie wehmütig.

»O, schelten Sie mich nicht, wenn ich weiter frage; hatte sie nicht
schwarze Haare, und, wie Sie, braune Augen? Hatte sie nicht viele
Aehnlichkeit mit Ihnen?«

»Sie kannten meine Mutter,« rief sie ängstlich und zitterte heftiger.

»Nein; aber hören Sie einen sonderbaren Zufall,« erwiderte Fröben; »es
müßte mich alles täuschen, wenn ich nicht einen trefflichen Verwandten
Ihrer Mutter kennen gelernt hätte.« Und nun erzählte er ihr von Don
Pedro. Er beschrieb ihr, wie sie sich vor dem Bilde gefunden, er ließ
die Kopie von seinem Zimmer bringen und zeigte sie; er sagte ihr, wie
sie genauer bekannt geworden und wie ihm Don Pedro seine Geschichte
erzählte. Aber die letztere wiederholte er mit großer Schonung; er
datierte sogar aus einem gewissen Zartgefühl jene Vorfälle und Lauras
Flucht um ein ganzes Jahr zurück und schloß endlich damit, daß er,
wenn Josephe ihre Mutter nicht eine Deutsche nennen würde, bestimmt
glaubte, Mutter Laura und jene Donna Laura Tortosi des Spaniers, der
Schweizerhauptmann Tannensee und ihr Vater, der Oberst, seien dieselben
Personen.

Josephe war nachdenklich geworden; sinnend legte sie die Stirn in die
Hand; sie schien ihm, als er geendet hatte, nicht sogleich antworten zu
können.

»O, zürnen Sie mir nicht,« sagte Fröben, »wenn ich mich hinreißen ließ,
dem wunderlichen Spiel des Zufalls diese Deutung zu geben.«

»O, wie könnte ich denn Ihnen zürnen?« sagte sie bewegt, und Tränen
drängten sich aus den schönen Augen. »Es ist ja nur mein schweres
Schicksal, das auch dieses Dunkel wieder herbeiführt. Wie könnte ich
auch wähnen, jemals _ganz_ glücklich zu sein?«

»Mein Gott, was habe ich gemacht!« rief Fröben, als er sah, wie ihre
Tränen heftiger strömten. »Es ist ja alles nur eine törichte Vermutung
von mir. Ihre Mutter war ja eine Deutsche, Ihre Verwandten und Sie
werden ja dies alles besser wissen --«


15.

»Meine Verwandten?« sagte sie unter Tränen. »Ach, das ist ja gerade
mein Unglück, daß ich keine habe. Wie glücklich sind die, welche
auf viele Geschlechter zurücksehen können, die mit den Banden der
Verwandtschaft an gute Menschen gebunden sind; wie angenehm sind
die Worte Oheim, Tante; sie sind gleichsam ein zweiter Vater, eine
zweite Mutter, und welcher Zauber liegt vollends in dem Namen Bruder!
Wahrlich, wenn ich fähig wäre, einen Menschen zu beneiden, ich hätte
oft dies oder jenes Mädchen beneidet, die einen Bruder hatte, es war
ihr inniger, natürlichster, aufrichtigster Freund und Beschützer.«

Fröben rückte ängstlich hin und her; er hatte hier, ohne es zu wollen,
eine Saite in Josephens Brust getroffen, die schmerzlich nachklang; es
standen ihm Aufschlüsse bevor, vor welchen ihm unwillkürlich bangte. Er
schwieg, als sie ihre Tränen trocknete und fortfuhr:

»Das Schicksal hat mich manchmal recht sonderbar geprüft. Ich war das
einzige Kind meiner Eltern, und so entbehrte ich schon jene große
Wohltat, Geschwister zu haben; wir wohnten unter fremden Menschen,
und so hatte ich auch keine Verwandten. Mein Vater schien mit den
Seinigen in der Schweiz nicht im besten Einverständnisse zu leben,
denn meine Mutter erzählte mir oft, daß sie ihm grollen, weil er sie
geheiratet habe und nicht ein reiches Fräulein in der Schweiz, das man
ihm aufdringen wollte. Auch meinen Vater sah ich nur wenig; er war bei
der Armee, und Sie wissen, wie unruhig unter dem Kaiser die Zeiten
waren. So blieb mir nichts als meine gute Mutter; und wahrlich, sie
ersetzte mir alle Verwandten. Als sie starb, freilich, da stand ich
sehr verlassen in der großen Welt; denn da war unter Millionen niemand,
zu dem ich hätte gehen und sagen können: Nun sind sie tot, die mich
ernährten und beschützten, seid ihr jetzt meine Eltern!«

»Und Ihre Mutter hieß also nicht Tortosi?« fragte Fröben.

»Ich nannte sie nicht anders als Mutter, und nie hatte sie über ihre
früheren Verhältnisse mit mir gesprochen; ach, als ich größer wurde,
war sie ja immer so krank! Mein Vater nannte sie nur Laura, und in den
wenigen Papieren, die man nach ihrem Tode fand und mir übergab, wird
sie Laura von Tortheim genannt.«

»Ei nun!« rief Fröben heiter, »das ist ja so klar wie der Tag; Laura
hieß Ihre Mutter, Tortheim ist nichts anders als Tortosi, das die
lieben Flüchtlinge veränderten, Tannensee hieß jener Kapitän in
Valencia, er ist Ihr Vater, der Oberst Tannensee, und noch mehr,
sagen Sie nicht selbst, daß dieses Bild Ihrer Mutter Laura vollkommen
gleiche, und erkannte nicht mein werter Don Pedro in dem Urbild seine
Donna Laura? Jetzt sind Sie nicht mehr einsam, einen trefflichen Vetter
haben Sie wenigstens, Don Pedro di San Montanjo Ligez! Ach! wie wird
sich mein Freund über die berühmte Verwandtschaft freuen!«

»O Gott, mein Mann!« rief sie schmerzlich und verhüllte das Gesicht in
ihr Tuch.

Unbegreiflich war es Fröben, wie sie dies alles so ganz anders
ansehen könne als er; er sah ja in diesem allen nichts als die Freude
Don Pedros, eine Tochter seiner Laura zu finden. Er war reich,
unverheiratet, trug noch immer den alten Enthusiasmus für seine schöne
Cousine in sich, also auch eine schöne Erbschaft kombinierte Fröben aus
diesem wunderbaren Verhältnis. Er ergriff Josephens Hand, zog sie herab
von ihren Augen; sie weinte heftig.

»O, Sie kennen Faldner schlecht,« sagte sie, »wenn Sie meinen, daß ihn
diese Vermutungen freudig überraschen werden! Sie kennen sein Mißtrauen
nicht. Alles soll ja nur seinen ganz gewöhnlichen Gang gehen, alles
recht schicklich und ordentlich sein, und alles Außergewöhnliche haßt
er aus tiefster Seele. Ich mußte es ja,« fuhr sie nicht ohne Bitterkeit
fort, »ich mußte es ja als eine Gnade ansehen, daß mich der reiche,
angesehene Mann heiratete, daß er mit den wenigen Dokumenten zufrieden
war, die ich ihm über meine Familie geben konnte. Muß ich es denn,«
rief sie heftiger weinend, »muß ich es denn nicht noch alle Tage
hören, daß er mit den angesehensten Familien sich hätte verbinden,
daß er dieses oder jenes reiche Fräulein hätte heiraten können? Sagt
er es mir nicht so oft, als er mir zürnt, daß mein Adel neu sei, daß
man von dem Geschlecht meiner Mutter gar nichts wisse, und daß sogar
einige Tannensee in der Schweiz das _von_ abgelegt haben und Kaufleute
geworden seien?«

Jetzt erst ging dem jungen Mann ein schreckliches Licht auf. »Also in
ein Haus des Unglücks, in eine unglückselige Ehe bin ich gekommen,«
sprach er zu sich. »Ach, nicht aus Liebe hat sie ihn geheiratet,
sondern aus Not, weil sie allein stand; und Faldner, so kenne ich ihn,
hat sie genommen, weil sie schön war, weil er mit ihr glänzen konnte.
Das unglückliche Weib! Und der Barbar macht ihr Vorwürfe über ihr
Unglück, läßt sie sogar fühlen, was sie ihm verdanke?« Ein gemischtes
Gefühl von Unmut über seinen Freund, von Mitleid und Achtung gegen die
schöne, unglückliche Frau zog ihn zu ihr hin; er bemühte sich, ihr
Mut und Vertrauen einzuflößen. »Sehen Sie dies alles als nicht gesagt
an,« flüsterte er; »ich sehe, es macht Ihnen Kummer; was nützt es denn
Faldner? Verschweigen wir ihm die törichten Mutmaßungen, die ich hatte,
die ja ohnedies zu nichts führen können.« --

Josephe sah ihn bei diesen Worten groß an; ihre Tränen verlöschten in
den weitgeöffneten Augen, und Fröben glaubte eine Art von Stolz in
ihren Mienen zu lesen. »Mein Herr,« sagte sie, und ihre Gestalt schien
sich höher aufzurichten, »ich kann unmöglich glauben, daß, was Sie
sagten, Ihr Ernst sein kann; auf jeden Fall werden Sie wissen, daß die
Gattin des Baron von Faldner kein Geheimnis mit Ihnen teilt, das nicht
ihr Gatte wissen dürfte.«

Unter diesen Worten hatte sie das Teegeschirr unsanft von sich gerückt,
war aufgestanden und -- nach einer kurzen Verbeugung verließ sie
den erstaunten Gast. Fröben wollte ihr nach, wollte abbitten, was
er getan, wollte alles auf einmal gut machen, aber sie war schon in
der Türe verschwunden, ehe er nur Fassung genug hatte, sich vom Sofa
aufzuraffen. Unmutig ging er hinab in den Garten; er wußte nicht,
sollte er sich selbst grollen oder der Empfindlichkeit der Dame, die
ihm in diesem Augenblick übergroß erschien. Doch wie es in solchen
Fällen zu geschehen pflegt, sein aufgeregtes Blut wallte nach und nach
ruhiger und sein Geist gewann Raum, über sich selbst nachzusinnen. Und
hier fand er nun manches, was Josephen zur Entschuldigung diente. »Sie
liebt ihn nicht,« sagte er zu sich, »er behandelt sie vielleicht roh,
zeigt sich mehr als Herr denn als Gatte. Sie wurde weich, als ich mit
ihr über höhere Genüsse des Lebens sprach, ich sah, wie sie erschrak,
als sie sich gegen mich verraten hatte, als sie aussprach, welcher
Mangel selbst mitten im äußeren Glück sie drücke. Und mußte sie sich
nicht ängstlich berührt fühlen, daß sie diesen Mangel einem Freunde
ihres Gatten verriet? Und weiter, als ich ihr alles, alles sagte, als
ich mit einer gewissen Bestimmtheit von ihrer Abstammung sprach, als
ich, vielleicht etwas unzart, Saiten berührte, die sonst niemand bei
ihr antastete, mußte sie nicht dadurch schon außer sich selbst geraten?
Und als sie vollends den Argwohn, die Zweifelsucht des Barons bedachte,
wurde sie nicht immer ängstlicher, immer verlegener, und ich,« fuhr er
fort, indem er sich vor die Stirne schlug, »ich konnte ihr zumuten,
ein Geheimnis mit mir zu teilen, das sie ihrem nächsten Freund, ihrem
Gatten, nicht verraten dürfte? Mußte sie nicht fürchten, wenn sie es
verheimlichte, ganz in meiner Hand zu sein? Mußte ihr nicht das ganze
Anerbieten sonderbar, unzart vorkommen?« Wie hoch, wie edel erschien
ihm jetzt erst der Charakter dieser Frau, wo nahm sie bei dieser
Jugend, denn sie konnte höchstens neunzehn zählen, solche Stärke,
solche Umsicht, solche ungewöhnliche Bildung, solche feine geselligen
Formen her? Er fühlte, vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, daß
den Frauen etwas von Feinheit, Schlauheit, Kraft, Ueberwindung, kurz,
daß ihnen ein Geheimnis innewohne, dem der Mann, selbst der stolze,
gewichtige, nicht gewachsen sei.


16.

Der Baron von Faldner war zum Mittagessen zurückgekommen und Josephe
hatte ihn mit der gewohnten Anmut, vielleicht ein wenig ernster als
gewöhnlich, empfangen. Aber hastig riß er sich aus ihrer Umarmung. »Ist
es nicht, um toll zu werden, Fröben?« rief er, ohne seine Frau weiter
zu beachten. »Mit horrenden Kosten lasse ich mir eine Dampfmaschine
aus England kommen, lasse sie, auf die Gefahr hin, daß alles zu Grunde
gehe, ausschwärzen -- du kennst ja die Gesetze hierüber --, und jetzt,
da ich meine, im Trockenen zu sein, da ich schon achtzig, ja hundert
Prozent berechnete, jetzt geht sie nicht!«

»Franz!« rief Josephe erbleichend.

»Sie geht nicht?« rief ihr Fröben nach.

»Sie geht nicht!« wiederholte der unglückliche Landwirt. »Die Fugen
greifen nicht ein, das Räderwerk steht, es muß irgend etwas verloren
gegangen sein. Ich ließ, wie du weißt, Josephe, ich ließ es mich ja
alles kosten, mit teurem Gelde ließ ich einen Mechanikus aus Mainz
kommen; ich legte ihm die Zeichnung vor. ›Nichts leichter als dies,‹
sagte der Hund, und jetzt, da ich ihm A zu A, B zu B gebe, denn
es ist alles numeriert und beschrieben, jetzt kann es kein Teufel
zusammensetzen; o, es ist um rasend zu werden!«

Man setzte sich verstimmt zu Tische. Der Baron verbiß seinen inneren
Grimm über die fehlgeschlagene Hoffnung und den wahrscheinlichen
Verlust des Kapitals, er trank viel Wein und exaltierte sich zu
schlechten Scherzen. Josephe war noch bleicher als gewöhnlich; sie
besorgte still ihr Amt als Hausfrau, und nur Fröben wußte einigermaßen
ihre Gefühle zu deuten, denn sie vermied es, ihn anzusehen. Ihm quoll
der Bissen im Munde; er sah den Unmut einer getäuschten Hoffnung in
den Mienen seines Freundes, er sah den Mut, die Entschlossenheit und
doch wieder die unverkennbare Angst auf den Mienen der schönen Frau,
es war ihm zuweilen, als sei mit ihm erst das Unglück über dieses Haus
hereingebrochen. Das Gespräch schlich während der Tafel nur mühsam und
stockend hin, doch als das Dessert aufgetragen war und die Diener auf
Josephens Wink sich entfernt hatten, holte sie einigemal mühsam Atem,
ihre Wangen färbten sich röter, und sie sprach:

»Du hast heute früh eine recht sonderbare Unterhaltung zwischen mir
und deinem Freunde versäumt. Schon oft, wie du weißt, klagten wir über
Mangel an Verwandtschaft von meiner Seite, jetzt scheint mir auf einmal
ein neues Licht aufzugehen, denn er bringt uns ja viele und angesehene
Verwandte ins Haus.«

Verwundert und fragend sah Faldner seinen Freund an; dieser war im
ersten Augenblicke etwas betroffen, doch hier galt es, mit Umsicht zu
handeln. Wunderbar fühlte er in diesem Augenblicke das Uebergewicht
eines Mannes von Welt über die niedere, beinahe rohe Denkungsart eines
Baron Faldner, und mit mehr Gelassenheit, mit weiser Benützung der
Umstände erzählte er die sonderbare Geschichte des Bildes und seiner
Bekanntschaft mit Don Pedro.

Gegen alle Erwartung wurde der Baron zusehends heiterer während der
Erzählung. »Ei -- sonderbar,« waren die einzigen Worte, die ihm hie
und da entschlüpften, und als Fröben geendet hatte, rief er: »Was
ist klarer als dies? Donna Laura Tortosi und Laura von Tortheim, der
Schweizer Kapitän Tannensee und dein Vater sind dieselben. Und reich
sagst du, lieber Fröben, reich ist der Haushofmeister? Begütert,
unverheiratet und hegt noch die alte Vorliebe für seine Dulcinea von
Valencia? Ei der Tausend! Josephchen, da könnte es ja noch eine reiche
Erbschaft von Piastern geben!«

Josephe hatte wohl diese Aeußerung nicht erwartet; der Gast sah ihr an,
daß sie dieses gemeine Wort lieber ohne Zeugen gehört hätte; aber eine
drückende Last schien sich dennoch ihrem Busen zu entladen, sie drückte
die Hand ihres Gatten, vielleicht nur, weil er ihr diesmal weniger
Bitteres gesagt hatte als sonst, und ziemlich aufgeheitert sagte sie:
»Mir selbst scheint in dem sonderbaren Zusammentreffen unseres Freundes
mit dem Spanier eine eigene Fügung des Schicksals zu liegen; ja ich
glaube sogar, daß es spanische Lieder waren, die hie und da meine
Mutter, wenn sie einsam war, zur Laute sang. Ja vielleicht kommt es
eben daher, daß ich nicht in eurem Glauben erzogen wurde, obgleich mein
Vater, wie ich bestimmt weiß, reformierten Glaubens war. Nun, das beste
ist, unser Freund schreibt an Don Pedro.«

»Ja, tu mir den Gefallen,« sagte Faldner; »schreibe an den alten Don,
seine Laura habest du nicht gefunden, aber offenbar ihre Tochter; es
könnte doch zu etwas führen, du verstehst mich schon; wem will er auch
seinen Mammon vermachen als dir, du Goldkind? Ich habe es ja immer
gesagt, und auch zur Gräfin Landskron sagt' ich es, als ich um dich
anhielt, wenn sie auch nicht viel, eigentlich gar nichts hat, mit ihr
kommt Segen in mein Haus. Und haben wir da nicht den Segen? Wie hoch,
sagtest du, daß du den Spanier schätzest?«


17.

Der Baron hatte frische Flaschen befohlen, und Josephe stand bei den
letzten Worten auf und entfernte sich. Unbegreiflich war Fröben, wie
unzart sein Freund mit dem holden, edlen Wesen verfuhr, er fühlte,
wie sie sich vor ihm der Gemeinheit ihres Gatten schäme, er fühlte es
und antwortete daher ziemlich unmutig: »Was weiß ich; meinst du denn,
ich frage die Leute, mit denen ich umgehe, wie ein Engländer. Wieviel
wiegst du?«

»Ach, ich kenne ja deine sonderbaren Grillen über diesen Punkt,«
lachte der Baron, »dir ist ein armseliger Geselle, wenn er nur das
sogenannte Sentiment und ~Savoir vivre~ besitzt, so gut als einer, der
zweimalhunderttausend Pfund Renten hat; aber ernstlich, mit dem Don
müssen wir ins reine kommen, und ich rechne ganz auf dich.«

»Ja doch; du kannst gänzlich auf mich rechnen. Aber wie war es denn mit
der Gräfin Landskron? Du sagtest mir ja noch nicht einmal, wie du deine
Frau kennen lerntest.«

»Nun, das ist eigentlich eine kurze Geschichte,« erwiderte Faldner,
indem er sich und dem Freunde von neuem Wein in das Glas goß. »Du
kennst meinen praktischen Sinn, meinen richtigen Takt in dergleichen
Dingen. Es stand mir die Wahl frei unter den Töchtern des Landes;
reiche, bemittelte, schöne, hübsche, alles stand mir zu Gebot. Aber
ich dachte: Nicht alles ist Gold, was glänzt, und suchte mir eine
tüchtige Hausfrau. So kam ich durch Zufall auch auf das Gut der
Gräfin Landskron. Josephe war damals noch als Fräulein von Tannensee
ihre Gesellschaftsdame. Das emsige, geschäftige Kind gefiel mir; Tee
eingießen, Aepfel schälen, Bohnen brechen, Blumen begießen, kurz
alles wußte sie so zierlich und nett zu machen, daß ich dachte, diese
oder keine wird eine gute Hausfrau werden. Ich sprach mit der Gräfin
darüber. Zwar schreckten mich anfangs die kurzgefaßten Nachrichten
wieder ab, die mir die Landskron über Josephens Verhältnisse geben
konnte. Sie sagte mir, daß sie Josephens Mutter gekannt und nach ihrem
Tode das Mädchen zu sich genommen habe; Vermögen hatte sie nicht, aber
die Gräfin gab eine anständige Ausstattung. Das Kopulationszeugnis
ihrer Eltern, ihr Taufschein war richtig -- nun, man ist ja in der
Liebe gewöhnlich ein Narr, und so nahm ich sie zu mir.«

»Und bist gewiß unendlich glücklich mit diesem holden Wesen?«

»Nun, nun, das geht so; praktisch ist sie nun einmal gar nicht, und ich
muß ihr die dummen Bücher ordentlich konfiszieren, nur daß ich sie an
Haus und Garten gewöhne; denn wie will man am Ende hier auf dem Lande
auskommen, wenn die Hausfrau sich vornehm in das Sofa setzt, Romane und
Almanachs liest, empfindelt, wozu sie ohnedies großen Hang hat, und
weder Küche noch Garten besorgt?«

»Aber mein Gott, dazu könntest du ja Mägde halten?« bemerkte Fröben,
den der Wein und das Gespräch noch wärmer und unmutiger gemacht hatten.

»Mägde?« fragte Faldner lachend und sah ihn groß an. »Mägde! Da sieht
man wieder den Theoretiker! Freund, davon verstehst du nichts! Würden
mir nicht die Mägde hinterrücks den halben Garten, die schönen Gemüse,
Obst und Salat verkaufen? Und vollends in der Küche. Woher nur Holz und
Butter genug nehmen, wenn alles den Mägden anvertraut ist! Nein, die
Frau muß da schalten und walten, und leider! bin ich da mit Josephen
schlecht gefahren; doch komm, stoß an; der Don soll alles gut machen!«

Fröben, so sehr sein Herz, sein zarterer Sinn durch alles, was er hier
sah und hörte, verletzt wurde, wagte nichts entgegenzureden. Er folgte
dem Hausherrn, als dieser jetzt aufstand, hielt seine Umarmung geduldig
aus und nahm sogar, mehr um Josephen so bald nach diesem Vorfall nicht
zu sehen, als aus Freude an des Barons Gesellschaft, seine Einladung
an, ihn nach der neuen Dampfmühle zu begleiten. Die Pferde wurden
vorgeführt, die Männer schwangen sich auf, und schon wollte Fröben
um die Ecke biegen, als er noch einen Blick zurückwarf und Josephens
Gestalt im Fenster erblickte; sie zog ihr Tuch von dem Auge, sie
blickte ihnen wehmütig nach, sie grüßte mit der zierlichen Hand. »Deine
Frau winkt uns noch, um Abschied zu nehmen,« rief er Faldner zu; aber
dieser lachte ihn aus. »Was meinst du denn?« sagte er im Weiterreiten.
»Glaubst du, ich habe sie so zart und weich gewöhnt, daß wir auf einen
Nachmittag mit Küssen und Drücken, mit Grüßen und Schnupftuchwedeln
Abschied nehmen? Gott bewahre mich, dadurch verwöhnt man die Weiber,
und, wenn es dir einmal begegnen sollte, daß du auch heiratest, so
mache es um Gottes willen wie ich. Kein Wort von einer Reise oder einem
Spazierritt vorher. Das Pferd wird vorgeführt -- ›Wohin, mein Lieber?‹
fragt sie dann das erste oder zweite Mal. Keine Antwort, sondern die
Handschuhe angezogen. ›Aber wirst du mich denn so allein lassen?‹
fragt sie weiter und streichelt dir die Wangen; du nimmst getrost die
Reitpeitsche und sagst: ›Ja, ich will heute abend noch auf das Vorwerk,
es ist dies und das zu tun. Adieu! und wenn ich bis neun Uhr nicht zu
Hause bin, brauchst du mit der Suppe nicht zu warten.‹ Sie erschrickt,
du achtest es nicht; sie will nach, du winkst ihr mit der Reitgerte
zurück; sie stürzt ans Fenster, hängt sich und das Tränentüchlein
heraus und ruft adieu! und wedelt hin und her mit dem weißen Fahnen.
Laß wehen und achte nicht darauf. Drück dem Gaul die Sporen in den Leib
und davon; ich kann dir schwören, das setzt die Weiber in Respekt. Das
dritte Mal fragte die meine nicht mehr, und gottlob! das Gewinsel hat
ein Ende!«

Der Baron hatte während dieser trefflichen Rede in größter Gemütsruhe
eine Pfeife gestopft, Feuer angeschlagen und dampfte jetzt, indem er
seine Felder und Wälder überschaute, ohne eine Antwort seines Gastes
zu erwarten; aber dieser preßte die Lippen zusammen, und noch stärker
preßte die Rede des rohen Mannes sein volles Herz. »O, du Hund von
einem Menschen,« sprach er bei sich, »schlechter noch als ein Hund,
denn der Herr hat dir ja Vernunft gegeben. Wie man ein Pferd zureitet
oder einen Baum in bessere Erde setzt, hast du gelernt, aber eine
schöne Seele zu behandeln, ein liebendes Herz zu verstehen, liegt außer
deinen Grenzen. Wie sie ihm nachsah, so voll Wehmut, denn er hatte ja
nicht von ihr Abschied genommen, so voll Engelsgeduld, sie hatte ihm ja
seine rohen Worte schon wieder vergeben; mit einem Blick so voll von
Liebe! Von Liebe? _Kann_ sie ihn denn lieben? Wird nicht ihr zarter
Sinn tausendmal von ihm beleidigt? Sieht sie denn nicht, wie er seinem
Jagdhund mehr Zärtlichkeit beweist als ihr? Oder wie?« fuhr er in
seinem Hinträumen fort, »sollte sie, weil sie einmal sein Weib geworden
ist, Zärtlichkeit für den fühlen, den sie an Geist so weit überragt
und den sie dennoch -- fürchtet? Oder sollte es immer und ewig das
Los dieser armen Wesen sein, daß unter Hunderten nur _eine_ wahrhaft
lieben darf, daß die andern, von der Natur zu einem herrlichen Gefäß
zärtlicher, hoher Liebe ausgerüstet, erwachsen, blühen, verwelken, ohne
wahre Liebe zu kennen? Doch, dieser Gedanke wäre mir noch erträglicher
als der, daß sie ihn wirklich lieben könnte! Nein, es kann, es darf
nicht sein!« Unwillkürlich hatte er bei dem letzten Gedanken durch eine
rasche Bewegung seinem Pferde die Sporen gegeben, es raffte sich auf
und flog dahin. »Ho, ho, Junge! du willst mit mir in die Wette reiten?«
rief ihm der Baron nach und steckte die Pfeife bei. »Zweihundert
Schritte gebe ich dir vor und hole dich dennoch ein.« Kunstgerecht
berechnete er dann den Zwischenraum, und als er dachte, Fröben habe
die vorgegebenen Schritte zurückgelegt, ließ er sein Pferd weit
ausstreichen und gelangte zu seinem nicht geringen Triumph in demselben
Moment mit dem Freunde vor der Dampfmühle an.


18.

Der Mechanikus, ein bescheidener Mann, der aber allgemein den Ruf
großer Geschicklichkeit genoß, empfing sie an der Türe. »Noch immer
nicht weiter?« fragte Faldner, indem sein Gesicht sich verfinsterte.
»Wahrhaftig, entweder ist mein Korrespondent in London ein Schurke
und verdient gehangen zu werden, oder Ihr, Meister Fröhlich, versteht
zwar Taschenuhren zusammen zu drechseln, aber keine Dampfmühle
aufzuschlagen, wie Ihr mir vorgespiegelt.«

Der Mann schien tief gekränkt durch die Worte des Barons; eine hohe
Röte überflog sein Gesicht und ein bitteres Wort schwebte auf seinen
Lippen, aber er unterdrückte es und fuhr mit der Hand über sein
schlichtes Haar, als wollte er seinen inneren Unmut wie seine Haare
glätten. »Halten zu Gnaden, Herr Baron,« antwortete er; »wenn man
mir Aufriß und Berechnung einer Maschine vorlegt und dazu Räderwerk
und Schrauben so genau verzeichnet sind, so will ich eine Maschine
zusammensetzen, wenn ich sie auch nie zuvor gesehen. Aber dann muß ich
freies Spiel haben und dann steh' ich auch davor, daß alles recht wird,
aber so --«

»Nun, daß ich selbst ein wenig mitgeholfen, meint Ihr? Darauf soll also
alles geschoben werden? Ihr sagt selbst, daß Ihr in Eurem Leben noch
keine solche Maschine gesehen, und ich habe eine gesehen, zwei, drei,
in Frankreich und England, und weiß recht gut, daß die größeren Räder
in der Mitte des Zylinders eingreifen und die kleineren oben angebracht
sind --«

»Aber mein Gott, erlauben Eure Gnaden,« entgegnete der Künstler
ungeduldig, »diese _Ihre_ Dampfmühle ist nun einmal nach anderer
Struktur, das kann man ja schon an der Zeichnung sehen --«

»Zeichnung hin, Zeichnung her, Dampfmaschinen sind Dampfmaschinen,
und eine sieht aus wie die andere. Betrogen bin ich; von allen Seiten
angeführt, das Geld zum Fenster hinausgeworfen!«

Fröben hatte indessen die Zeichnungen zur Hand genommen und sie
durchgesehen. Er fand, daß die Struktur dieser Mühle sehr einfach und
schön, und wenn die bezeichneten Räder und Schrauben paßten, sehr
leicht aufzuschlagen sei. Er hatte in früheren Zeiten Mathematik und
Physik gründlich studiert, er hatte zugleich mit dem Freunde die
berühmtesten Maschinenwerke gesehen und kennen gelernt, kam aber, weil
er sich selten darüber äußerte, bei dem Herrn von Faldner, der sich
mit seinen Kenntnissen ungemein viel wußte, in den Verdacht, wenig
oder nichts vom Maschinenwesen zu verstehen. Er wandte sich nun, als
Faldners Unmut noch größer zu werden drohte, an den Mechanikus, fragte
nach diesen und jenen Stücken, die auf der Zeichnung angegeben waren,
und als jener sie vorwies, als man sah, wie richtig sie ineinander
passen, sagte er zu Faldner: »Ich wollte wetten, du bist durchaus nicht
betrogen, denn so gut hier F und H in P passen -- du siehst, es sind
die Hauptzüge, wodurch die Stampfmühle mit der Oelpresse in Verbindung
gesetzt wird --, so gut muß sich auch das übrige fügen.«

»Ach, Sie hat unser Herrgott hergesandt;« rief der Mechanikus freudig,
»wie Sie doch dies gleich so wegbekamen! Ja, das F ist der Hauptzug, H
hier greift in das Stangenwerk ein, hier wird das Rad KL befestigt.«

»Die Maschine ist sehr einfach,« fuhr Fröben fort, »und der ganze
Irrtum meines Freundes kommt daher, daß er die Struktur größerer Werke
vor Augen hat, die freilich anders aussehen. Du wirst dich übrigens
erinnern, daß wir in Devonshire bei Sir Henry Smith eine Oelmühle
sahen, die beinahe ganz nach diesem Plan gebaut war.«

Der Baron verbarg sein Staunen hinter einem ironischen Lächeln,
womit er bald den Freund, bald den Mechanikus ansah. »Machet, was
ihr wollt,« sagte er gleichgültig, »ich gebe die ganze Geschichte
verloren; vernünftiger wäre es gewesen, ich hätte einen englischen
Mechaniker mitkommen lassen. Versuche immer dein Heil an dem heillosen
Schraubenwerk; ich denke, wenn ich dich in einigen Stunden abhole,
wirst du dieses Maschinen-Abc schon satt haben; denn darin, ich weiß es
ja, bist du doch nur ein Abcschütze.« Pfeifend verließ er das Gebäude,
setzte sich auf und ritt in den Wald.

Fröben aber ließ sogleich wieder auseinanderlegen, was nach des Barons
eigenmächtigem Plan bisher zusammengefügt war. Die Nummern wurden
geordnet, und er wurde unter diesem Geschäft nach und nach heiterer,
denn es zerstreute die düsteren Bilder in seiner Seele, und nicht
ohne Lächeln bemerkte er, wie ihn der Mechanikus mit leuchtenden
Blicken betrachtete, wie ihn seine Gesellen und Jungen gleich einem
Altmeister ihrer Kunst ehrfurchtsvoll ansahen. Freude und Leben war
in die Werkstätte gekommen, wo man diesen Morgen nur die Befehle, die
Flüche des Barons, die Bitten und Gegenreden des Meisters gehört hatte;
bald war alles in Ordnung gebracht, und als der Baron abends aus dem
Wald zurückkam, seinen Gast abzuholen, erstaunte er und schien sich
im ersten Augenblick nicht einmal über das sichtbare Fortschreiten
des Werkes zu freuen. Er hatte erwartet, alles in Bestürzung und
Konfusion zu treffen, aber der Mechanikus überreichte ihm lächelnd die
Zeichnung, führte ihn an den Zylinder und zeigte ihm, indem er bald
auf das Papier, bald auf das Werk hindeutete, mit stolzer Freude, was
sie bis jetzt schon geleistet haben. »Wenn es so fortgeht,« setzte der
Mechanikus hinzu, »und wenn der fremde Herr dort uns auch morgen so
trefflich an die Hand geht, so garantiere ich, daß wir noch vor Sonntag
fertig werden.«

»Tolles Zeug!« war alles, was der Baron antwortete, indem er die
Zeichnung zurückgab, und Fröben war ungewiß, ob es Flüche oder
Danksagungen seien, was sein Freund hin und wieder murmelte, als sie
zusammen nach dem Schloß zurückritten.

Der glückliche Fortgang des Maschinenbaues, vielleicht auch die
schimmernde Aussicht auf Don Pedros spanische Quadrupeln, hatte den
Baron in den nächsten Tagen fröhlicher gestimmt. Fröben hatte an
den Spanier nach W. geschrieben, und sein Gastfreund nahm ihm das
Versprechen ab, so lange bei ihm zu verweilen, bis aus W. eine Antwort
angelangt sei. Auch gegen Josephe betrug er sich etwas menschlicher,
und er hatte ihr, wahrscheinlich mehr aus Rücksicht auf den Freund als
auf sie, sogar erlaubt, daß sie ihre Haushaltungsgeschäfte abkürzen
und vormittags oder abends, wenn ihn selbst Geschäfte abhielten, sich
von Fröben vorlesen lassen oder Spaziergänge mit ihm machen dürfe. Und
sie lebte in diesen wenigen Tagen zusehends auf. Ihre Haltung wurde
kräftiger, ihre Wangen rötete ein Schimmer von stillem Vergnügen,
und in manchen Augenblicken, wenn ein holdes Lächeln um ihre Lippen
zog, wenn jene feinen Grübchen in den Wangen erschienen, gestand sich
Fröben, daß er selten eine schönere Frau gesehen habe, ja ihr Anblick
verwirrte ihn oft so ganz, daß er ein geliebtes Bild seiner Träume
verwirklicht glaubte, daß halbversunkene Erinnerungen wieder in ihm
auftauchten, daß ihm sogar ihre Stimme, wenn sie bewegt, gerührt
war, so bekannt deuchte, als hätte er sie nicht hier zum erstenmal
gehört. Seltener zog er in jenen Tagen das Bild hervor, das er sonst
stundenlang betrachtet hatte, und wenn es ihm zufällig in die Hände
fiel, wenn er es aufrollte, wenn er in das Auge der unbekannten
Geliebten sah, so fühlte er sich beschämt, er glaubte, ihrem leblosen
Bilde diese Vernachlässigung abbitten zu müssen. »Doch,« sprach er
dann zu sich, als müßte er sich entschuldigen, »ist es denn unrecht,
der armen Freundin einige Tage ihres freudelosen Lebens angenehmer zu
machen? Und wie wenig gehört dazu, dieses holde Wesen zu erfreuen, sie
glücklicher zu stimmen! Ein schönes Buch mit ihr zu lesen, mit ihr
zu sprechen, sie auf einem Spaziergang an ihre Lieblingsplätzchen zu
begleiten -- dies ist ja alles, was sie braucht, um heiter und froh zu
sein. Welchen Himmel könnte Faldner in seinem Hause haben, wenn er nur
zuweilen die eine oder andere dieser kleinen Freuden mit ihr teilte!«

Der junge Mann fühlte sich übrigens, ohne daß er es sich selbst recht
gestand, angenehm berührt, geschmeichelt von Josephens Anhänglichkeit
an ihn. Schien ihr nicht jeder Morgen, jeder Abend ein neues Fest zu
sein? Wenn er herabkam zum Frühstück, hatte sie schon alles zierlich
und nett bereitet; bald wählte sie den Saal, der eine herrliche
Aussicht auf den fernen Rhein öffnete, bald die Terrasse, von wo
sie das ländliche Gemälde der Arbeiter in den Feldern und an den
Weinbergen vor sich hatten, so nah, um alles, wie ein treues Tableau,
zu betrachten, und doch ferne genug, um im stillen Genuß des Morgens
nicht gestört zu sein, bald hatte sie eine Laube im Garten ausgesucht,
wo die Welt ringsum von dichten Platanen abgeschlossen und nur der
frischen Morgenluft oder dem Frührot der Zutritt gestattet war. So
erschien sie immer neu und überraschend, und wenn der Freund herzutrat,
wie freudig stand sie auf, wie hold bot sie ihm die Hand zum Gruß, wie
lebhaft wußte sie, wenn er noch ganz in ihren Anblick versunken ohne
Worte war, das Gespräch anzuknüpfen, dies und jenes zu erzählen, durch
Laune und feine Beobachtung allem, was sie sagte, ein eigenes Gewand,
einen eigentümlichen Reiz zu geben! Und wenn sie dann nachher schnell
und emsig das Geräte des Frühstücks auf die Seite räumte, wenn er sein
Buch hervorzog, wenn sie mit der Arbeit, die sie selten beiseite legte,
ihm sich gegenübersetzte und erwartungsvoll an seinen Lippen hing, da
war es ihm oft, als müsse er alles, die ganze Welt vergessen, und einen
kleinen, kurzen, seligen Augenblick träumte er, er sei ein glücklicher
Gatte und sitze hier an der Seite eines geliebten Weibes.


19.

Es gereichte Josephen in den Augen ihres Freundes zu keinem geringen
Ruhm, daß sie gerade jenen Dichter zu ihrem Liebling erwählt hatte, der
auch ihn vor allen anzog. Zwar mußte er ihr oft bei Vorlesungen aus
Jean Pauls herrlichen Dichtungen zu Hilfe kommen, um dieses oder jenes
dunklere Gleichnis zu erklären; aber sie faßte schnell, ihr natürlicher
Takt und ihr zarter Sinn, der so ganz in dem Dichter lebte, ließ sie
manches erraten, ehe ihr noch der Freund Gewißheit gegeben hatte.

»Es liegt doch,« sagte sie eines Tages, »eine Welt voll Gedanken in
diesem Hesperus! Jede menschliche Empfindung bei Freude und Schmerz,
bei Liebe und Gram liegt zergliedert vor uns da; er weiß uns, indem
wir den süßen Duft einer Blume einsaugen, ihre innersten Teile, ihre
zarten Blätter, ihre feinsten Staubfäden zu beschreiben, ohne daß er
sie zerstört, entblättert. Denn das, glaube ich, ist ja das große,
tiefe Geheimnis dieses Meisters, daß er jede tiefere Empfindung nicht
beschreibt, sondern andeutet, und doch wieder nicht flüchtig andeutet,
sondern wie durch das feine Mikroskop eines Gleichnisses uns einen
tiefen Blick in die Menschenseele tun läßt, wo Gedanke an Gedanke
aufsteigt und das Auge überrascht, aber entzückt über die wundervolle
Schöpfung, in eine Träne übergeht.«

»Sie haben,« erwiderte der Gastfreund, »wie es mir scheint, in diesen
Worten sein Geheimnis wirklich ausgesprochen. Mir ist sonst, ich
gestehe es offen, nichts so in der innersten Seele zuwider, als das
sichtbare Abmühen eines Autors, dem Leser recht klar und deutlich zu
machen, was sein Held oder die Heldin oder eine dritte, vierte Person
da oder dort empfunden oder gedacht. Aber unser Dichter! Wie herrlich,
wie reich ist auch hierin seine Erfindung; wir leben, wir denken, wir
weinen unwillkürlich mit Viktor, und Klothildens bleichere Wangen,
ihre klaglose Trauer trifft uns tiefer, als jede Beschreibung es sagen
kann, und im warmen, weichen Glück der Liebenden möchten wir ein
Strahl der Abendsonne sein, der in der Laube um ihre Umarmung spielt,
jene Nachtigall, die ihnen die fromme Feier ihrer Seligkeit mit ihrer
glockenhellen Stimme einläutete.«

»Es ist sonderbar,« bemerkte Josephe, »der Faden dieses Romans, was
man sein Gerippe nennt, würde uns bei andern nicht im mindesten
interessant, vielleicht sogar gesucht, langweilig dünken. Sechs
verlorene, vertauschte, wiedergefundene Söhne, statt daß z. B.
Walter Scott gewöhnlich nur _einen_ hat und sogar der Verfasser des
_Walladmor_ in seiner Parodie mit zweien sich begnügt; eine junge
Dame, die zu ihrer Qual von ihrem Bruder geliebt wird, selbst aber
seinen Freund liebt; ein kleiner, simpler Hof in Duodez, ein Pfarrhaus
voll Ratten und Kinder, und ein Edelsitz, wo Unedle wohnen; denken
Sie sich diese gewöhnlichen Dinge in einer Reihenfolge, so haben Sie
einen unserer gewöhnlichen Romane von verlorenen Söhnen etc. und nicht
einmal einen rechten Jammer, um mich so auszudrücken, als etwa La
Beaus Ermordung durch den Hofjunker oder das tragische Ende des Lords
im fünften Akt. Aber welch ein Leben, welch eine Welt wird aus dieser
Geschichte, wenn ihr jener Dichter seinen Blumenmantel umhängt! Welche
geistreiche Luft, höher und reiner als jede irdische, kommt uns aus
der verehrenden Liebe Viktors und Klothildens zu ihrem Lehrer Emanuel,
welche Wehmut aus den Täuschungen eines kalten Lebens, wenn Viktor und
jenes liebenswürdige Wesen sich verkennen, nicht finden; welche Wonne
endlich, wenn ihre Seelen unter dem nächtlichen, gestirnten Himmel im
Schmerz der Trennung sich aufschließen und überströmen in Liebe!«

»Ja,« rief der junge Mann, »unser Dichter ist ein großer Musiker! Er
hat ein ausgespieltes, altes, längst gehörtes Thema vor sich; aber
indem er den Gang des alten Liedchens beibehält, führt er die Gedanken
auf eine Weise aus, die uns so überraschend, so neu erscheint, daß
wir das Thema vergessen und nur auf die Wendungen horchen, in die er
übergeht, in welchen er die Himmelsleiter der Töne wie ein Engel auf
und ab geht und uns einen geöffneten seligen Himmel im Traume zeigt,
während wir vielleicht wie Jakob in der Wirklichkeit auf recht hartem
Lager liegen. Dann ist er bald weich wie eine Flöte, durchdringend wie
die Hoboe, bald voll, rührend wie das Waldhorn aus der Ferne, bald
braust er daher wie mit den mächtigsten tiefsten Bässen, majestätisch,
erhaben, bald nur sanft lispelnd wie die Aeolsharfe oder in Wehmut
aufgelöst wie die Töne der Harmonika.«

»Wie danke ich es ihm,« sagte Josephe weich, »daß er versöhnt, daß er
die Wunden unserer Wehmut heilt! Es hätte ja in seiner Macht gestanden,
Klothilden untergehen zu lassen im Schmerz unerwiderter Liebe, vor
ihrem Tode hätte ihr Viktor noch zugerufen: ›Ich liebte dich ja über
alles,‹ und sie wäre lächelnd eingeschlafen. Denken Sie sich den
ungeheuren Schmerz, die Bitterkeit gegen das Geschick, wenn wir diese
Menschen so hätten untergehen sehen, ohne Hoffnung, ohne Trost! Aber
es wäre ja nicht möglich gewesen; Viktor hätte nicht so lange geliebt,
hätte sich an Joachime oder die Fürstin hingegeben, denn ein Mann kann
ja ohne erwiderte Liebe nicht lange lieben!«

»Glauben Sie das wirklich?« erwiderte Fröben wehmütig lächelnd. »O, wie
wenig müssen Sie uns kennen, wie klein müssen Sie von uns denken, wenn
wir nicht einmal den Mut besäßen, dieses kurze Leben hindurch treu zu
lieben, auch ohne geliebt zu werden!«

»Ich halte es bei Frauen für möglich,« sagte die schöne Frau; »Liebe
ohne Gegenliebe ist ein tiefes Unglück, und Frauen sind ja mehr dazu
gemacht, stille Leiden zu tragen ein Erdenleben lang als ihr. Der Mann
würde einen solchen Gram von sich werfen, oder der glühende Kummer
müßte ihn verzehren!«

»Beides nicht -- ich lebe ja noch und liebe,« sagte Fröben, zerstreut
vor sich hinblickend.

»Sie lieben!« rief Josephe, und mit so eigenem Ton, daß der junge Mann
erschrocken aufblickte; sie schlug die Augen nieder, als ihr sein Blick
begegnete, eine tiefe Röte überflog ihr Gesicht und ging ebenso schnell
wieder in tiefe Blässe über.

»Ja,« sagte er, indem es ihm mit Mühe gelang, es scherzhaft zu sagen;
»der Fall, den Sie setzten, ist der meinige, und noch liebe ich,
vielleicht ruhiger, aber nicht minder innig als am ersten Tag, ich
liebe sogar beinahe ohne Hoffnung, denn die Dame meines Herzens weiß
nicht um meine Liebe, und dennoch, wie Sie sehen, hat mich der Kummer
noch nicht getötet.«

»Und darf man wissen,« sagte sie zutraulich, aber, wie es Fröben
schien, mit zitternder Stimme, »darf man wissen, wer die Glückliche
ist?«

»Ach, sehen Sie, das ist gerade das Unglück, ich weiß ja nicht, wer
sie ist, noch wo sie sich aufhält, und liebe dennoch; ja Sie werden
mich für einen zweiten Don Quichotte halten, wenn ich gestehe, daß ich
sie nur einigemal flüchtig sah, mich nur noch einiger Partien ihres
Gesichtes erinnern kann, und dennoch in der Welt umherstreife, um sie
zu finden, weil es mir zu Hause keine Ruhe läßt.«

»Sonderbar,« bemerkte Josephe, indem sie ihn nachdenklich ansah,
»sonderbar; es ist wahr, ich kann mir einen solchen Fall denken, aber
dennoch machen Sie eine seltene Ausnahme, lieber Fröben; wissen Sie
denn, ob Sie geliebt werden? Ob das Mädchen Ihnen treu ist?«

»Nichts weiß ich von diesem allen,« erwiderte er ernst und mit
verschlossenem Gram, »ich weiß nichts, als daß ich glücklich wäre, wenn
ich jenes Wesen mein nennen könnte, und weiß nur allzugut, daß ich
vielleicht auf immer verzichten muß und nie ganz glücklich werde!«

Je seltener sonst der junge Mann über diese Gefühle sich aussprach,
desto mächtiger kamen in diesem Augenblicke alle Schmerzen der
Erinnerung an gramvolle Stunden und eine Wehmut über ihn, der er sich
nicht gewachsen fühlte. Er stand schnell auf und ging aus der Laube dem
Schlosse zu. Aber Josephe sah ihm mit Blicken voll unendlicher Liebe
nach, Träne um Träne löste sich aus den zuckenden Wimpern, und erst
als sie wie ein Quell auf ihre schöne Hand herabfielen, erweckten sie
Josephen aus ihren Träumen. Und beschämt, als hätte sie sich bei einer
geheimen Schuld belauscht, errötete sie und preßte ihr Tuch vor diese
verräterischen Augen.


20.

Die Vorhersagung des alten Mechanikus war eingetroffen, denn mit dem
letzten Tage der Woche waren auch die Maschinen der Dampfmühle fertig
aufgestellt. Der Baron, so unmutig er anfangs gewesen war, hatte in
der Freude seines Herzens, als der erste Versuch glücklich gelungen
war, den Alten und seine Gesellen reichlich beschenkt entlassen und
auf Sonntag alle seine Nachbarn in der Umgegend eingeladen, um mit
einem kleinen Feste seine Mühle einzuweihen. So glücklich und heiter
er an diesem Tage war, so fröhlich und jovial er seine zahlreichen
Gäste empfing, so entging es doch Fröbens beobachtenden Blicken nicht,
daß er die arme Josephe mit hunderterlei Aufträgen und Anordnungen
plagte, daß sie ihm nichts zu Dank machen konnte. Bald sollte sie in
der Küche sein, um das Gesinde anzutreiben und selbst mitzuhelfen, bald
besserte er dies oder jenes an ihrem Putz, bald wollte er vor Ungeduld
verzweifeln, wenn sie nicht schnell genug die Treppe herabflog, um mit
ihm am Portal die Ankommenden zu empfangen, bald wollte er die Tafel
so oder anders gestellt haben, bald wollte er den Kaffee im Garten,
bald im Salon trinken. Mit Engelsgeduld und einer Resignation, die dem
Freunde unbegreiflich war, ertrug sie alle diese Unbilden. Sie war
überall, sorgte für alles und wußte sogar einen Augenblick zu finden,
um den Gastfreund zu fragen, warum er gerade heute so trübe sei, ihn
aufzumuntern, an der allgemeinen Fröhlichkeit teilzunehmen.

Allgemein entzückte die Schönheit, die behende Aufmerksamkeit der
Hausfrau; die Männer priesen den Baron glücklich, einen solchen Schatz
im Hause zu haben, und mehrere der älteren Damen sagten ihm unverhohlen
ihre Bewunderung über die seltenen Talente zur Wirtschaft, über die
Einsicht und Ordnung einer so jungen Frau. »Siehst du,« flüsterte
der Glückliche Fröben zu, »siehst du, was eine Zucht wie die meinige
Wunder wirkt? Ich bin im ganzen heute recht zufrieden mit ihr, aber
wenn ich nicht im geheimen überall selbst nachhülfe, wie stünde es
dann um die wirtschaftliche Ehre der Hausfrau! Aber es macht sich, ich
sagte es ja immer, es macht sich.« Die allgemeine Fröhlichkeit und
der Wein steigerten Faldner immer höher, und es war endlich hohe Zeit,
die Tafel aufzuheben, denn er und einige Herren aus der Nachbarschaft
erlaubten sich schon Scherze und Anspielungen, welche jedes zartere Ohr
beleidigten.

Man fuhr nach der neuen Dampfmühle, man weihte sie unter Scherz und
Lachen förmlich ein, man ging wieder zurück und erstaunte aufs neue
über die geschmackvollen und doch so bequemen Anordnungen, welche
Josephe indessen im Garten getroffen hatte. Sie hatte es gewagt, nach
ihrer eigenen Erfindung schnell eine große geräumige Laube errichten
zu lassen; alle möglichen Erfrischungen erwarteten dort die Gäste, und
ihr allgemeines Lob bewirkte ein Wunder: der Baron wurde nicht einmal
ungehalten, daß man junge Eschen und Tannen aus seinem Walde zu der
Laube verwendet, daß man seinen eigenen Plan, ein Zelt aus Brettern und
Teppichen aufzuschlagen, nicht befolgt hatte. Er küßte seine Frau auf
die Stirne und dankte ihr für die angenehme Ueberraschung.

Man setzte sich in bunten Reihen umher. Die Männer sprachen den alten
Weinen des Hausherrn fleißig zu, und bald hatte eine allgemeine
Fröhlichkeit die Gesellschaft erfaßt. Man spielte witzige, geistreiche
Spiele, und als die mutwillige Laune der Männer noch höher stieg,
wurden sogar Pfänderspiele nicht verschmäht. So kam es, daß bei ihrer
Auslösung auch Fröben sein Pfand mit einer Strafe lösen sollte, und
Josephe, welcher die Bestimmung dieser Strafe aufgelegt war, befahl
ihm, eine _wahre_ Geschichte aus seinem Leben zu erzählen. Man gab
ihrer Wahl allgemeinen Beifall, der Baron schlug vor Freuden über seine
kluge Frau in die Hände, und als Fröben zauderte und sich besann, rief
er: »Nun soll ich etwas für dich erzählen aus deinem Leben? Etwa die
pikante Geschichte _von dem Mädchen vom Pont des Arts_?«

Fröben errötete und sah ihn mißbilligend an; aber die Gesellschaft, die
hier vielleicht ein lustiges Geheimnis ahnete, rief: »Die Geschichte
von dem Mädchen, die Geschichte vom Pont des Arts!« und vielleicht nur,
um der Indiskretion seines Freundes zu entgehen, den der Wein schon
etwas über die gewöhnlichen Grenzen hinausgerückt hatte, bequemte er
sich zu erzählen; der Baron aber versprach der Gesellschaft, sobald der
Erzähler von der genauen Wahrheit abweichen würde, wolle er Noten zu
der Geschichte geben, denn er sei selbst dabei gewesen.


21.

»Ich weiß nicht,« hub Fröben an, »ob der Gesellschaft bekannt ist,
daß ich vor mehreren Jahren mit unserem Faldner reiste, namentlich
in Paris mit ihm einige Zeit zusammenlebte, ja _ein_ Haus mit ihm
bewohnte? Wir hatten so ziemlich gemeinschaftliche Studien, besuchten
dieselben Zirkel, machten gegenseitig unsere früheren Bekannten mit
dem Freunde bekannt und lebten auf diese Weise unzertrennlich. Wir
hatten einen gemeinschaftlichen Freund, den ebenso liebenswürdigen als
gelehrten Doktor M., einen Landsmann, der in der Rue Taranne wohnte,
die bekanntlich in die Rue St. Dominique führt und auf dem linken
Ufer der Seine liegt. Unser gewöhnlicher Abendspaziergang war durch
die ~Champs elysées~ über die schöne Brücke ins Marsfeld und von da
durch Faubourg St. Germain in die Wohnung unseres Freundes, wo wir
oft noch bis tief in der Nacht vom Vaterlande, von Frankreich, von
dem, was wir gesehen, von allem möglichen plauderten. Wir wohnten, um
dies noch hinzuzusetzen, an der Place des Victoires, ziemlich entfernt
von der Rue Taranne, und wählten zum Rückweg gewöhnlich den Pont des
Arts, um das Louvre zu durchschneiden und uns einen Umweg durch die
Seitenstraßen zu ersparen. Eines Abends, es mochte nach elf Uhr sein --
es hatte etwas geregnet und der Wind wehte besonders in der Nähe des
Flusses sehr kalt und schneidend -- gingen wir auch vom Quai Malaquais
über den Pont des Arts dem Louvre zu. Der Pont des Arts ist nur für
Fußgänger zugänglich, und so kam es, daß um diese Zeit nicht mehr
viel Leben um und auf der Brücke war. Wir gingen, die Mäntel fester
um uns ziehend, stillschweigend über die Brücke; schon wollte ich die
Brückenstufen auf der andern Seite hinabeilen, als ein überraschender
Anblick mich festhielt.

An die Brücke gelehnt, stand eine schlanke, ziemlich hohe weibliche
Gestalt. Ein schwarzes Hütchen war tief ins Gesicht geknüpft und zum
Ueberfluß noch mit einem grünen Schleier versehen; ein schwarzer
Mantel von Seide fiel um den Leib, und der Wind, der die Gewänder in
diesem Augenblick fester anschmiegte, verriet eine ungemein zarte,
jugendliche Taille; aus dem Mantel ragte eine kleine Hand hervor, die
einen Teller hielt; vor ihr aber stand ein kleines Laternchen, dessen
Licht unruhig flackerte, sein Schein fiel auf einen zierlichen Fuß.
Es wohnt vielleicht nirgends so sehr als in jener Stadt das tiefste
Elend neben dem höchsten Glanz und Wohlleben, aber dennoch sieht man
verhältnismäßig wenige Bettler. Sie drängen sich selten unverschämt
herzu, und nie wird man sehen, daß sie dem Fremden nachlaufen, ihn mit
Bitten verfolgen. Alte Männer oder Blinde sitzen oder knien an den
Ecken der Straßen, den Hut ruhig vor sich hinhaltend, und überlassen es
dem Vorübergehenden, ob er ihren bittenden Blick beachten will.

Am schauerlichsten, wenigstens für mein Gefühl, waren immer jene
verschämten Bettler, die nachts mit verhülltem Haupt eine brennende
Kerze vor sich, regungslos, fast schon wie erstorben in einer Ecke
stehen; viele meiner Bekannten in Paris hatten mir versichert, daß
man darauf rechnen könne, daß dies meistens Leute aus besseren
Ständen seien, die durch Unglück so tief herabgekommen sind, daß sie
entweder Arbeit suchen müssen, oder sind sie zu verschämt, vielleicht
zu schwach, um für Brot zu arbeiten, so ergreifen sie diesen letzten
Ausweg, ehe sie, wie so viele Unglückliche, ihr Leben in der Seine der
Vergessenheit übergeben.

Von dieser Klasse der Bettelnden war die weibliche Gestalt an dem
Pont des Arts, deren Anblick mich unwiderstehlich fesselte. Ich sah
sie näher an; ihre Glieder schienen vor Frost noch heftiger zu zittern
als das Flämmchen in der Laterne, aber sie schwieg und ließ ihr Elend
und den kalten Nachtwind für sich reden. Ich suchte in der Tasche nach
kleinem Gelde, aber es wollte sich kein Sou, sogar kein einzelner
Frank finden. Ich wandte mich an Faldner und bat ihn um Münze; aber
unmutig, durch mein Zögern der schneidenden Kälte ausgesetzt zu sein,
rief er mir in unserer Sprache zu: ›So laß doch das Bettelvolk und
spute dich, daß wir zu Bette kommen, mich friert!‹ -- ›Nur ein paar
Sous, Bester!‹ bat ich; aber er packte mich am Mantel und wollte mich
wegziehen.

Da rief die Verhüllte mit zitternder, aber wohltönender Stimme und
zu unserer Verwunderung auf gut deutsch: ›O meine Herren! sein Sie
barmherzig!‹ Diese Stimme, diese Worte und unsere Sprache hatten etwas
so Rührendes für mich, daß ich nochmals um einige Münze bat. Er lachte:
›Nun wohlan, da hast du ein paar Franken,‹ sagte er, ›versuche dein
Heil mit der Jungfer, aber laß mich aus dem Zug treten.‹ Er drückte
mir das Geld in die Hand und ging lachend weiter. Ich war in diesem
Augenblick wirklich verlegen, was ich tun sollte; sie mußte ja gehört
haben, was Faldner sagte, und beleidigen mag ich am wenigsten einen
Unglücklichen. Ich trat unschlüssig näher. ›Mein Kind,‹ sagte ich,
›Sie haben hier einen schlechten Standpunkt gewählt, hier werden heute
abend nicht mehr viele Menschen vorübergehen.‹ Sie antwortete nicht
gleich. ›Wenn nur,‹ flüsterte sie nach einer Weile kaum hörbar, ›diese
wenigen Gefühl für Unglück haben!‹ Diese Antwort überraschte mich, sie
war so ungesucht und doch so treffend. Die edle Haltung des Mädchens,
der Ton, womit sie jene Worte gesagt, verrieten Bildung. ›Wir sind
Landsleute,‹ fuhr ich fort, ›darf ich Sie nicht bitten, daß Sie mir
sagen, ob ich vielleicht mehr für Sie tun kann, als so im Vorübergehen
zu geschehen pflegt?‹ -- ›Wir sind sehr arm,‹ antwortete sie, wie mir
schien, etwas mutiger, ›und meine Mutter ist krank und ohne Hilfe.‹
Ohne weitere Ueberlegung, nur von dem unbestimmten Gefühl, daß mich das
Mädchen sehr anzog, getrieben, sagte ich: ›Führen Sie mich zu ihr!‹ Sie
schwieg, der Vorschlag schien sie zu überraschen. ›Halten Sie dieses
für nichts anders,‹ fuhr ich fort, ›als für meinen redlichen Willen,
Ihnen zu helfen, wenn ich kann.‹ -- ›So kommen Sie,‹ erwiderte die
Verschleierte, hob ihr Laternchen auf, löschte es aus und verbarg es
samt dem Teller unter dem Mantel.« --


22.

»Wie?« rief der Baron laut lachend, als Fröben schwieg, »weiter willst
du nicht erzählen? Willst es auch heute wieder machen, wie du es mir
schon damals machtest? Nämlich bis hierher, meine Herren und Damen,
hat er ganz nach reiner historischer Wahrheit erzählt. Er glaubte
mich vielleicht weit weg, und ich stand keine zehn Schritte von der
erbaulichen Samariterszene unter dem Portal des Palais und sah ihm
zu; ob der Dialog wirklich so vor sich gegangen, weiß ich nicht, denn
der schändliche Wind verwehte die Worte, aber ich sah, wie die Dame
ihr Lämpchen auslöschte, und mit ihm zurück über die Brücke ging.
Die Nacht war mir zu kalt, um ihm bei seinem galanten Abenteuer zu
folgen, aber am Ende, ich wollte wetten, sah er weder eine kranke Mama
noch dergleichen, sondern die Dame vom Pont des Arts hatte das alte
Sirenenlied nur auf andere Weise gesungen.«

Er belachte seinen eigenen Witz, und die Männer stimmten ein in das
rohe Gelächter, die Damen aber sahen vor sich nieder, und Josephe
schien mit den Worten ihres Gatten so unzufrieden als mit der
sonderbaren Erzählung ihres Freundes, denn bleich wie der Tod hielt
sie ihre Tasse in den Händen, daß sie klirrte, und sandte dem jungen
Mann nur _einen_ Blick zu, für den er in diesem Augenblick keine andere
als eine tief beschämende Deutung wußte. »Ich glaube zwar,« sprach
er, mit starker Stimme das Gelächter der Männer unterbrechend, »mein
Pfand gelöst zu haben, aber mein eigener Vorteil will, daß ich eine
Deutung dieses Vorfalls nicht zulasse, die mein Freund ihm unterzulegen
scheint; Sie erlauben mir daher, daß ich fortfahre, und bei meinem
Leben,« setzte er hinzu, indem er errötete und sein Auge höher
leuchtete, »ich will Ihnen die reine Wahrheit sagen.

Das Mädchen bog über die Brücke ein, woher ich gekommen war. Während
ich schweigend mehr hinter als neben ihr ging, hatte ich Zeit, sie
zu betrachten. Ihre Gestalt, so weit sie der Mantel sehen ließ, ihre
ganze Haltung, besonders aber ihre Stimme war sehr jugendlich. Ihr Gang
schnell, aber leicht und schwebend. Sie hatte meinen Arm abgelehnt, als
ich ihn zur Führung angeboten. Am Ende der Brücke bog sie nach der Rue
Mazarin ein. ›Ist Ihre Mutter schon lange krank?‹ fragte ich, indem ich
wieder an ihre Seite trat und versuchte, durch den Schleier etwas von
ihren Zügen zu erspähen. ›Seit zwei Jahren,‹ antwortete sie seufzend,
›aber seit acht Tagen ist sie recht elend geworden.‹ -- ›Waren Sie
schon öfter an jenem Ort?‹ -- ›Wo?‹ fragte sie. -- ›Auf der Brücke.‹ --
›Diesen Abend zum erstenmal,‹ erwiderte sie. -- ›Dann haben Sie sich
keinen guten Platz gesucht, andere Passagen sind frequenter.‹ Doch
schon, indem ich dies sagte, bereute ich, es gesagt zu haben, denn es
mußte sie ja verletzen. Mit unterdrücktem Weinen flüsterte sie: ›Ach,
ich bin ja hier so unbekannt und -- ich schämte mich, so ins Gedränge
zu gehen.‹

Wie grenzenlos mußte das Elend sein, das dieses Geschöpf zwang, zu
betteln. Zwar wollten auch mir, ich gestehe es, einigemal solche
Gedanken kommen, wie sie Faldner hatte, aber immer verschwanden sie
wieder, weil sie widersinnig, unnatürlich waren; wenn sie zu jener
verworfenen Klasse von Mädchen gehörte, warum sollte sie sich verhüllt
an einen einsamen Ort stellen? Warum geflissentlich eine Gestalt
verbergen, die, soviel die Umrisse flüchtig zeigten, gewiß zu den
schöneren zu zählen war? Nein, es war gewiß wirkliches Elend und jene
zarte Verschämtheit vor unverschuldeter Armut da, die das Unglück so
unbeschreiblich rührend macht.

›Hat Ihre Mutter einen Arzt?‹ fragte ich wieder nach einiger Weile.
›Sie hatte einen; aber als wir keine Arznei mehr kaufen konnten, wollte
er sie ins Spital des Incurables bringen lassen, und -- das konnte ich
nicht ertragen. Ach Gott, meine arme Mutter ins Spital!‹ Wieviel tiefer
Schmerz lag in den letzten Worten dieses Mädchens!

Sie weinte, sie führte ihr Tuch unter dem Schleier ans Auge, und
Laterne und Teller, die sie in der andern Hand trug, verhinderten
sie, den Mantel zusammenzuhalten; der Wind wehte ihn weit auseinander
und ich sah, daß ich mich nicht betrogen hatte; sie war von feiner
schlanker Taille, sie trug ein einfaches, soviel mein flüchtiger Blick
bemerkte, sehr reinliches Kleid. Sie haschte nach dem Mantel, und indem
ich ihr behilflich war, ihn wieder umzulegen, fühlte ich ihre weiche,
zarte Hand.

Wir waren schon durch die Straßen Mazarin, St. Germain, Ecole de
Médecine und von dort durch einige kleine Seitenstraßen gegangen, als
sie auf einmal stehen blieb und klagte, sie habe den Weg verfehlt.
Ich fragte sie, in welcher Gegend sie wohne, und sie gab St. Severin
an. Ich war in Verlegenheit, denn diese Straße wußte ich selbst nicht
zu finden. Machte es Angst oder Kälte, ich sah sie heftiger zittern.
Ich sah mich um; ich bemerkte noch Licht in einem Souterrain, wo
Branntwein verkauft wurde, ich bat sie, zu warten, stieg hinab und
erkundigte mich. Man wies mich zurecht, und ich glaubte mich hinfinden
zu können. Als ich heraufkam, hörte ich in der Nähe laut reden; ich
sah beim schwachen Schein einer Laterne, wie sich das Mädchen heftig
gegen zwei Männer wehrte, von denen der eine ihre Hand, der andere den
Mantel gefaßt hatte; sie lachten, sie sprachen ihr zu; ich ahnete, was
vorging, sprang herzu und riß dem einen die Hand weg, die er gefaßt
hatte; sprachlos, weinend klammerte sie sich fest an meinen Arm.

›Meine Herren,‹ sagte ich, ›ihr sehet, ihr seid hier im Irrtum, ihr
werdet im Augenblick den Mantel von Mademoiselle loslassen!‹

›Ach, Verzeihung, mein Herr!‹ erwiderte der, welcher ihren Mantel
gefaßt hatte. ›Ich sehe, Sie haben ältere Rechte auf Mademoiselle!‹ Und
lachend zogen sie weiter.

Wir gingen weiter, das arme Kind zitterte heftig, sie hielt noch immer
meinen Arm fest, sie war nahe daran, niederzusinken.

›Nur Mut!‹ sagte ich zu ihr, ›St. Severin ist nicht mehr ferne, Sie
werden bald zu Hause sein.‹ Sie antwortete nicht, sie weinte noch
immer. Als wir in der Straße waren, die nach der Beschreibung St.
Severin sein mußte, blieb sie wieder stehen. ›Nein, Sie dürfen nicht
weiter mit mir gehen, mein Herr!‹ sagte sie. ›Es darf nicht sein.‹ --
›Aber warum denn nicht, da Sie mich so weit mitgenommen haben; ich
bitte, trauen Sie mir keine schlechten Absichten zu!‹ Ich hatte bei
diesen Worten, ohne es zu wissen, ihre Hand ergriffen und vielleicht
gedrückt; sie entzog sie mir hastig und sagte: ›Vergeben Sie, daß ich
die Unschicklichkeit beging, Sie so weit mitzuführen; bitte, verlassen
Sie mich jetzt!‹ Ich fühlte, daß der Auftritt vorhin sie tief verletzt
hatte, daß er ihr vielleicht gegen mich selbst Mißtrauen einflößte, und
eben dies rührte mich unbeschreiblich; ich nahm das Silber, das mir
Faldner gegeben, und wollte es ihr hinreichen; aber der Gedanke, wie
wenig diese kleine Gabe ihr helfen könne, zog meine Hand zurück, und
ich gab ihr das wenige Gold, das ich bei mir trug.

Ihre Hand zuckte, als sie es nahm; sie schien es für Silber zu halten,
dankte mir aber mit zitternder, rührender Stimme und wollte gehen.

›Noch ein Wort,‹ sagte ich und hielt sie auf; ›ich hoffe, Ihre Mutter
wird gesund werden, aber es könnte ihr doch noch an etwas gebrechen,
und Sie, mein Kind, sind nicht für solche Abendgänge, wie der heutige,
gemacht. Wollen Sie nicht heute über acht Tage um dieselbe Zeit vor
der Ecole de Médecine sein, daß ich mich nach Ihrer Mutter erkundigen
kann?‹ Sie schien unschlüssig, endlich sagte sie: ›Ja.‹ -- ›Und setzen
Sie doch den Hut mit dem grünen Schleier wieder auf, daß ich Sie
erkenne,‹ fügte ich hinzu; sie bejahte es, dankte noch einmal, ging
eilend die Straße hin und war schnell in der Nacht verschwunden.


23.

Als ich am Morgen nach dieser Begebenheit erwachte, schien es mir,
als hätte mir von diesem allen nur geträumt. Aber Faldner, der bald
herbeikam und mich nach seiner zarten Manier zu schrauben anfing,
riß mich aus meinem Zweifel. Die Sache schien mir, so recht deutlich
am Morgenlicht betrachtet, doch allzu fabelhaft, als daß ich sie dem
ungläubigen Freund hätte erzählen mögen. Man ist in neuerer Zeit zu
jenem Grad der Sittenverfeinerung gekommen, die schon ins Gebiet der
Unsittlichkeit hinüberstreift; man will in manchen Fällen lieber
wild, etwas liederlich und schlecht erscheinen, man gibt lieber eine
Zweideutigkeit zu, nur um nicht als ein Tor, als ein Sonderling, als
ein Mensch von schwachem Verstand und beschränkten Lebensansichten zu
gelten.

Im Innern kränkte mich aber noch mehr als Faldners Schraubereien eine
Unruhe, ein Etwas, was ich nicht zu deuten wußte. Ich machte mir
Vorwürfe, daß ich nicht einmal ihr Gesicht gesehen hatte. ›Wozu,‹
sagte ich mir, ›wozu diese übertriebene Diskretion? Wenn ich ein
paar Napoleons hingebe, so kann ich doch um die Gunst bitten, den
Schleier etwas zu lüften?‹ Und doch, wenn ich mir das ganze Betragen
des Mädchens, das, so einfach es war, doch von Gemeinheit auch nicht
im geringsten etwas an sich hatte, zurückrief, wenn ich bedachte, wie
mich ihre edle Haltung, der gebildete Ton ihrer Antworten anzog, so
mußte ich mich, halb zu meinem Aerger, rechtfertigen. Es liegt etwas in
der menschlichen Stimme, das uns, ehe wir Züge und Auge, ehe wir den
Stand der Sprechenden kennen, den Ton angibt, in welchem wir mit ihm
sprechen müssen. Wie unendlich, nicht sowohl in der Form als im Klang
der Sprache, unterscheidet sich der Gebildete vom Ungebildeten, und des
Mädchens Töne waren so weich und zart, ihre kurzen Antworten oft so aus
der tiefsten Seele gesprochen. Den ganzen Tag konnte ich diese Gedanken
nicht los werden, sogar abends, in eine glänzende Gesellschaft von
Damen begleitete mich das arme Mädchen mit dem schwarzen Hütchen, dem
grünen Schleier und dem unscheinbaren Mantel.

In den nächsten Tagen ärgerte ich mich über meine Torheit, welche
schuld war, daß ich das Mädchen erst nach acht Tagen wiedersehen
konnte: ich zählte die Stunden ab bis zu dem nächsten Freitag, und es
war, als hätte jene Hauptstadt der Welt, wie sie ihre Bewohner nennen,
nichts Reizendes mehr in sich als die Bettlerin vom Pont des Arts.
Endlich, endlich erschien der Freitag. Ich brauchte alle mögliche List,
um mich auf diesen Abend von Faldner und den übrigen Freunden los zu
machen, und trat, als es dunkel wurde, meinen Weg an. Ich hatte über
eine Stunde zu gehen, und Zeit genug, über meinen Gang nachzudenken.
›Heute‹, sagte ich zu mir, ›heute, wirst du ins reine kommen, was du
von dieser Person zu denken hast; du wirst ihr anbieten, mit ihr zu
gehen, nimmt sie es an, so hast du dich schon das erste Mal betrogen.
Auch das Gesicht muß sie heute zeigen.‹

Ich war so eilends gegangen, daß es noch nicht einmal zehn Uhr war,
als ich auf der Place de l'Ecole de Médecine anlangte, und -- auf
elf Uhr hatte ich sie ja erst bestimmt. Ich trat noch in ein Café,
durchblätterte gedankenlos eine Schar von Zeitungen --; endlich schlug
es elf Uhr.

Auf dem Platz waren wenige Menschen, und so weit ich mein Auge
anstrengte, kein grüner Schleier zu sehen. Ich hielt mich immer auf
der Seite der Arzneischule, weil dort mehrere Laternen brannten.
Die Momente solchen Erwartens sind peinlich. ›Wenn sie an deinem
Golde genug hätte und gar nicht käme? Wenn sie deine Gutherzigkeit
verlachte?‹ dachte ich, als ich den Platz wohl schon zehnmal auf und
ab gegangen war. Es schlug halb zwölf, schon fing ich an, über meine
eigene Torheit zu murren, da wehte im Schein einer Laterne etwa dreißig
Schritte von mir etwas Grünes; mein Herz pochte ungestümer, ich eilte
hin -- sie war es. ›Guten Abend,‹ sagte ich, indem ich ihr die Hand
bot, ›schön, daß Sie doch Wort halten; schon glaubte ich, Sie würden
nicht mehr kommen.‹ Sie verbeugte sich, ohne meine Hand zu fassen, und
ging an meiner Seite hin; sie schien sehr gerührt: ›Mein Herr, mein
edler Landsmann,‹ sprach sie mit bewegter Stimme, ›ich muß ja Wort
halten, um Ihnen zu danken. Ich komme heute gewiß nicht, um Ihre Güte
aufs neue in Anspruch zu nehmen. Ach, wie reich, wie freigebig haben
Sie uns beschenkt! Kann Sie der innige Dank einer Tochter, können die
Gebete und Segenswünsche meiner kranken Mutter Sie entschädigen?‹

›Sprechen wir nicht davon,‹ erwiderte ich. ›Wie geht es Ihrer Mutter?‹
-- ›Ich glaube wieder Hoffnung schöpfen zu dürfen,‹ antwortete sie,
›der Arzt spricht zwar nichts Bestimmtes aus, aber sie selbst fühlt
sich kräftiger. O, wie danke ich Ihnen! Von Ihrem Geschenk konnte ich
ihr wieder kräftige Speisen bereiten, und glauben Sie mir, der Gedanke,
daß es noch so gute Menschen gibt, hat sie beinahe ebensosehr gestärkt.‹

›Was sagte Ihre Mutter, als Sie zu Hause kamen?‹ -- ›Sie war sehr in
Sorgen um mich, weil es schon so spät war,‹ erwiderte sie, ›ach, sie
hatte so ungern mir die Erlaubnis zu diesem Gang gegeben und malte sich
jetzt irgend ein Unglück vor, das mir begegnet sei. Ich erzählte ihr
alles, aber als ich mein Tuch öffnete, und die Gaben, die ich gesammelt
hatte, hervorzog und Gold dabei war, Gold unter den Kupfer- und
Silberstücken, da erstaunte sie, und --‹ Sie stockte und schien nicht
weiter reden zu können; ich dachte mir, die Mutter habe sie arger Dinge
beschuldigt, und forschte weiter, aber mit rührender Offenheit gestand
sie: die Mutter habe gesagt, der großmütige Landsmann müsse entweder
ein Engel oder ein Prinz gewesen sein.

›Weder das eine noch das andere,‹ sagte ich ihr. ›Aber wie weit haben
Sie ausgereicht? Haben Sie noch Geld?‹

›O wir haben noch,‹ erwiderte sie mutig, wie es scheinen sollte, aber
mir entging nicht, daß sie vielleicht unwillkürlich dabei seufzte.

›Und was haben Sie noch?‹ sagte ich etwas bestimmter und dringender.

›Wir haben eine Rechnung in der Apotheke davon bezahlt und einen Monat
am Hauszins, und der Mutter habe ich davon gekocht, es ist aber immer
noch übrig geblieben.‹

›Wie ärmlich mußten Sie wohnen, wenn Sie von diesem Gelde eine
Apothekerrechnung, einen Monat Hauszins bezahlen und acht Tage lang
kochen konnten? Ich will aber genau wissen,‹ fuhr ich fort, ›was und
wieviel Sie noch haben.‹

›Mein Herr!‹ sagte sie, indem sie beleidigt einen Schritt zurücktrat.

›Mein gutes Kind, das verstehen Sie nicht,‹ erwiderte ich, indem ich
ihr näher trat; ›oder Sie wollen es sich aus übertriebenem Zartgefühl
nicht gestehen; ich frage Sie ernstlich: wenn Sie mit den paar Franken
zu Rande sind, haben Sie Hilfe zu erwarten?‹

›Nein!‹ sagte sie schüchtern und weich; ›keine!‹

›Denken Sie an Ihre Mutter und verschmähen Sie meine Hilfe nicht!‹ Ich
hatte ihr bei diesen Worten meine Hand geboten; sie ergriff sie hastig,
drückte sie an ihr Herz und pries meine Güte.

›Nun wohlan, so kommen Sie,‹ fuhr ich fort, indem ich ihren Arm in
den meinigen legte; ›ich kam leider nicht gerade von Hause, als ich
mich hierher begab, und hatte mich nicht versehen; Sie werden daher
die Güte haben, mich einige Straßen zu begleiten bis in meine Wohnung,
daß ich Ihnen für die Mutter etwas mitgebe.‹ Sie ließ sich schweigend
weiterführen, und so angenehm mir der Gedanke war, sie noch ferner
unterstützen zu können, so war doch mein Gefühl beinahe beleidigt, als
sie so ganz ohne Sträuben mitging; nachts in die Wohnung eines Mannes;
aber wie ganz anders kam es, als ich dachte. Wir mochten wohl etwa
zwei- oder dreihundert Schritte fortgegangen sein, da stand sie stille
und entzog mir ihren Arm. ›Nein, es kann, es darf nicht sein,‹ rief
sie, in Tränen ausbrechend. ›Was betrübt Sie auf einmal?‹ fragte ich
verwundert, ›was darf nicht sein?‹

›Nein, ich gehe nicht mit, ich darf nicht mit Ihnen gehen.‹

›Aber mein Gott,‹ erwiderte ich, indem ich mich etwas aufgebracht
stellte. ›Sie haben doch wahrhaftig sehr wenig Vertrauen zu mir; wenn
nicht Ihre Mutter wäre, gewiß ich ginge jetzt von Ihnen, denn Sie
kränken mich.‹

Sie nahm meine Hand, sie drückte sie bewegt. ›Habe ich Sie denn
beleidigt?‹ rief sie. ›O, Gott weiß, das wollte ich nicht; verzeihen
Sie einem armen unerfahrenen Mädchen; Sie sind so großmütig, und ich
sollte Sie beleidigen?‹

›Nun denn, so komm,‹ sagte ich, indem ich sie weiterzog, ›es ist keine
Zeit zu verlieren, es ist spät, und der Weg ist weit.‹ Aber sie blieb
stehen, weinte und flüsterte: ›Nein, um keinen Preis gehe ich weiter.‹

›Aber vor wem fürchten Sie sich denn? Es kennt Sie ja kein Mensch, es
sieht Sie ja keine Seele; Sie können getrost mit mir kommen.‹

›Ich bitte Sie um Gottes willen, lassen Sie mich! Nein, nein, es darf
nicht sein, dringen Sie nicht weiter in mich!‹ Sie zitterte; ich fühlte
wohl, wenn ich ihr die Not der Mutter noch einmal recht dringend
vorstellte, so ging sie mit, aber die Angst des Mädchens rührte mich
tief.

›Gut, so bleiben Sie hier,‹ sprach ich. ›Aber sagen Sie mir, können Sie
vielleicht arbeiten?‹

›O ja, mein Herr,‹ erwiderte sie, ihre Tränen trocknend.

›Könnten Sie vielleicht meine feinere Wäsche besorgen?‹

›Nein,‹ antwortete sie sehr bestimmt. ›Dazu sind wir nicht
eingerichtet.‹

›Hier ist ein weißes Tuch,‹ fuhr ich fort. ›Können Sie mir vielleicht
ein halb Dutzend besorgen und fertig machen?‹

Sie besah das Tuch und sagte: ›Mit Vergnügen, und recht fein will ich
es nähen!‹ Zu meiner eigenen Beschämung mußte ich jetzt dennoch Geld
hervorziehen, obgleich ich es vorhin verleugnet hatte.

›Kaufen Sie sechs solcher Tücher,‹ fuhr ich fort, ›und können Sie wohl
drei davon bis Sonntagabend fertig machen?‹ Sie versprach es; ich gab
ihr noch etwas für die Mutter, und sagte ihr, daß ich heute darauf
nicht eingerichtet sei, aber Sonntag mehr tun könne. Sie dankte innig;
es schien sie zu freuen, daß ich ihr Arbeit gegeben, denn noch einmal
plauderte sie davon, wie schön sie die Tücher machen wolle, ja wenn
ich nicht irre, so fragte sie mich sogar, ob sie nicht einen englischen
Saum einnähen dürfe? Ich sagte ihr alles zu, aber als sie nun Abschied
nehmen wollte, hielt ich sie noch fest. ›Eines müssen Sie mir übrigens
noch zu Gefallen tun,‹ sprach ich, ›Sie können es gewiß und leicht.‹

›Und was?‹ fragte sie. ›Wie gern will ich alles für Sie tun.‹

›Lassen Sie mich diesen neidischen Schleier aufheben und Ihr Gesicht
sehen, daß ich doch _eine_ Erinnerung an diesen Abend habe.‹

Sie wich mir aus und hielt ihren Schleier fester.

›Bitte, lassen Sie das,‹ erwiderte sie und schien ein wenig mit
sich selbst zu kämpfen; ›Sie haben ja die schöne Erinnerung an Ihre
Wohltaten; die Mutter hat mir streng verboten, den Schleier zu lüften,
und ich versichere Ihnen,‹ setzte sie hinzu, ›ich bin häßlich wie die
Nacht, Sie würden nur erschrecken!‹

Aber dieser Widerstand reizte mich nur noch mehr; ein wirklich
häßliches Mädchen, dachte ich, spricht nicht so von ihrer Häßlichkeit,
ich wollte den Schleier fassen, aber wie ein Aal war sie entwischt:
›~Dimanche à revoir!~‹ rief sie und eilte davon. Erstaunt blickte ich
ihr nach, etwa fünfzig Schritte von mir blieb sie stehen, winkte mir
mit meinem weißen Tuch und rief mit ihrer silberhellen Stimme: ›Gute
Nacht!‹


24.

In den nächsten Tagen beschäftigte mich der Gedanke, welchem Stande
das Mädchen wohl angehören könnte. Je lebhafter ich mir ihre gebildete
Sprache, ihren zarten Sinn zurückrief, desto höher steigerte ich sie in
meinen Gedanken. Darüber wenigstens mußte sie mir Gewißheit geben, nahm
ich mir vor, und beschloß, mich nicht wieder so abspeisen zu lassen wie
mit dem Schleier. Der Sonntag kam; du wirst dich noch jenes Nachmittags
erinnern, Faldner, wo wir mit den Freunden in Montmorency im Garten des
großen Dichters saßen. Ihr wolltet spät in der Nacht zu Hause fahren,
und ich trieb immer zu einer frühen Rückfahrt, und als ihr dennoch
bliebet, da machte ich mich trotz eures Scheltens davon. Freilich
glaubtest du damals nicht, was ich vorgab, ich könnte die Nachtluft
nicht vertragen, aber daß ich zu einem Rendezvous mit der Bettlerin vom
Pont des Arts eile, konntest du auch nicht denken? Sie war diesmal die
erste auf dem Platz, und weil sie mir die Tücher zu bringen hatte, war
sie schon bange geworden, ich könnte sie verfehlt haben und glauben,
sie werde nicht Wort halten. Mit beinahe kindischer Freude und, wie es
mir schien, noch größerem Zutrauen als früher plauderte sie, indem sie
mir beim Schein einer Straßenlaterne die Tücher zeigte.

Sie schien es gern zu hören, daß ich ihre feine Arbeit lobte. ›Sehen
Sie, auch Ihren Namen habe ich herein gezeichnet,‹ sagte sie, indem sie
das zierliche E. v. F. in der Ecke vorwies. Dann wollte sie mir eine
Menge Silbergeld als Ueberschuß zurückgeben, und nur meine bestimmte
Erklärung, daß sie mich dadurch beleidige, konnte sie bewegen, es als
Arbeitslohn anzunehmen.

Ich bestellte aufs neue wieder Arbeit, weil ich sah, daß dem zarten
Sinn des Mädchens ein solcher Weg meiner Gaben mehr zusagte, und
diesmal waren es Jabots und Manschetten, die ich bestellte. Ihre Mutter
war nicht kränker geworden, konnte aber das Bett noch nicht verlassen;
doch schon dieser Mittelzustand erschien ihr tröstlich. Als die Mutter
abgehandelt war, wagte ich es, sie geradehin zu fragen, wie denn
eigentlich ihre Verhältnisse seien.

Die Geschichte, die sie mir in wenigen Worten preisgab, ist
in Frankreich so alltäglich, daß sie beinahe jedem Armen zum
Aushängeschild dienen muß. Ihr Vater war Offizier in der großen Armee
gewesen, war nach der ersten Restauration der Bourbons auf halben Sold
gesetzt worden, hatte nachher während der hundert Tage wieder Partei
ergriffen und war bei Mont St. Jean mit den Garden gefallen; seine
Witwe verlor die Pension und lebte von da an ärmlich und elend. In den
zwei letzten Jahren fristeten sie ihr Leben meist vom Verkauf ihrer
geringen Habe, und waren jetzt eben an jenen äußersten Grad des Elends
gekommen, wo dem Armen nichts übrig bleibt, als aus der Welt zu gehen.

Ich fragte das Mädchen, ob sie nicht ihr Verhältnis hätte bessern
können, wenn sie etwa ihre Mutter auf andere Weise zu unterstützen
gesucht hätte.

›Sie meinen, wenn ich einen Dienst genommen hätte?‹ erwiderte sie
ohne alle Empfindlichkeit. ›Sehen Sie, das war nicht möglich. Vor
der Krankheit der Mutter war ich viel zu jung, kaum vierzehn Jahre
vorüber, und dann wurde sie auf einmal so elend, daß sie das Bett
nicht verlassen konnte; da brauchte sie also immer jemand um sich, und
konnte ich denn ihre Pflege einer Fremden überlassen? Ja, wenn sie
gesund geblieben wäre, da hätte ich mit Freuden alle unsere früheren
Verhältnisse verleugnet, wäre etwa in einen Putzladen gegangen oder als
Gouvernante in ein anständiges Haus, denn ich habe manches gelernt,
mein Herr! Aber so ging es ja nicht!‹

Auch diesmal bat ich vergeblich, den Schleier zu lüften. Die
Andeutungen, die sie über ihr Alter gegeben, reizten mich, ich gestehe
es, nur noch mehr, das Gesicht dieses Mädchens zu sehen, die wenig
über sechzehn Jahre haben konnte; aber sie bat mich so dringend, davon
abzulassen, ihre Mutter habe ihr so triftige Gründe angegeben, daß es
nimmer geschehen könne.

Wir trafen uns von da an alle drei Tage. Ich hatte immer einige kleine
Arbeiten für sie, und pünktlich war sie damit fertig. Je fester ich in
dem Betragen blieb, das ich einmal gegen sie angenommen, je strenger
ich mich immer in den Grenzen des Anstandes hielt, desto zutraulicher
und offener wurde das gute Mädchen. Sie gestand mir sogar, daß sie zu
Hause die drei Tage über immer an den nächsten Abend denke. Und ging
es mir denn anders? Tag und Nacht beschäftigte ich mich mit diesem
sonderbaren Wesen, das mir durch seinen gebildeten Geist, durch sein
liebenswürdiges Zartgefühl, durch sein eigentümliches Verhältnis zu mir
immer interessanter wurde.

Der Frühling war indessen völlig heraufgekommen, und die Zeit war
da, die ich mit Faldner schon längst zu einer Reise nach England
festgesetzt hatte. Mancher hält es vielleicht für töricht, was
ich ausspreche, aber wahr ist es, daß ich an diese Reise nur mit
Widerwillen dachte; Paris an sich hatte nichts Interessantes mehr für
mich; aber jenes Mädchen hatte alle meine Sinne so gefangen genommen,
daß ich einer längeren Trennung nur mit Wehmut entgegensah. Ausweichen
konnte ich nicht, ohne mich lächerlich zu machen, denn es war sonst
kein bündiger Grund vorhanden, die Reise aufzuschieben; ich schämte
mich sogar vor mir selbst und stellte mir die ganze Torheit meines
Treibens vor; ich beschloß die Abreise, aber gewiß hat sich wohl keiner
je so wenig auf England gefreut als ich.


25.

Acht Tage zuvor sagte ich es dem Mädchen; sie erschrak, sie weinte.
Ich bat sie, ihre Mutter zu fragen, ob ich sie nicht besuchen dürfe,
sie sagte es zu. Das nächste Mal aber brachte sie mir sehr betrübt die
Antwort, daß mich ihre Mutter bitten lasse, diesen Besuch aufzugeben,
der für ihren Gemütszustand allzu angreifend sein würde. Ich hatte
jenen Besuch eigentlich nur darum nachgesucht, um mein Mädchen bei
Tag und ohne Schleier zu sehen; ich verlangte dies also aufs neue
wieder; aber sie bat mich, am Abend vor meiner Abreise noch einmal zu
kommen, sie wolle ihre Mutter so lange bestürmen, bis sie die Erlaubnis
erhalte, den Schleier aufzuheben. Unvergeßlich wird mir immer dieser
Abend sein. Sie kam, und meine erste Frage war, ob die Mutter es
erlaubt habe; sie sagte ja und hob von selbst den Schleier auf. Der
Mond schien helle, und zitternd, begierig blickte ich unter den Hut.
Aber die Erlaubnis schien nur teilweise gegeben zu sein, denn meine
Schöne trug sogenannte Venezianeraugen, die den oberen Teil ihres
Gesichtes verhüllten. Doch wie schön, wie reizend waren die Partien,
welche frei waren! Eine feine, zierliche Nase, schöngeformte, blühende
Wangen, ein kleiner, lieblicher Mund, ein Kinn wie aus Wachs geformt,
und ein schlanker, blendend weißer Hals. Ueber die Augen konnte ich
nicht recht ins reine kommen, aber sie schienen mir dunkel und feurig.

Sie errötete, als ich sie lange, entzückt betrachtete. ›Werden Sie
mir nicht böse,‹ flüsterte sie, ›daß ich diese Halbmaske vornahm; die
Mutter wollte es von Anfang ganz abschlagen, nachher gestattete sie es
nur unter dieser Bedingung; ich war selbst recht ärgerlich darüber,
aber sie sagte mir einige Gründe, die mir einleuchteten.‹

›Und was sind das für Gründe?‹ fragte ich.

›Ach mein Herr,‹ erwiderte sie wehmütig. ›Sie werden ewig in unserem
Herzen leben, aber Sie selbst sollen uns ganz vergessen; Sie sollen
mich nie, nie wiedersehen, oder wenn Sie mich auch sehen, nicht
erkennen.‹

›Und meinen Sie denn, ich werde Ihre schönen Züge nicht wiedererkennen,
wenn ich auch Ihre Augen, Ihre Stirne nicht sehen darf?‹

›Die Mutter meint,‹ antwortete sie, ›das sei nicht wohl möglich; denn
wenn man ein Gesicht nur zur Hälfte gesehen, sei das Wiedererkennen
schwer.‹

›Und warum soll ich dich denn nicht wiedersehen, nicht wiedererkennen?‹

Sie weinte bei dieser Frage, sie drückte meine Hand und sagte: ›Es darf
ja nicht sein! Was kann Ihnen denn daran liegen, ein unglückliches
Mädchen wiederzuerkennen; und -- nein, die Mutter hat recht; es ist
besser so.‹

Ich sagte ihr, daß meine Reise nicht lange dauern werde; daß ich
vielleicht schon nach zwei Monaten wieder in Paris sein könne, daß ich
sie wiederzusehen hoffe. Sie weinte heftiger und verneinte es. Ich
drang in sie, mir zu sagen, warum sie glaube, ich werde sie nicht mehr
sehen.

›Mir ahnt,‹ erwiderte sie, ›ich sehe Sie heute zum letztenmal; ich
glaube, meine Mutter wird nicht lange mehr leben, der Arzt sagte es
mir gestern, und dann ist ja alles vorbei! Und wenn sie auch länger
lebt, in London werden Sie ein so armes Geschöpf, wie ich bin, lange
vergessen.‹

Ihr Schmerz machte mich unendlich weich; ich sprach ihr Mut ein; ich
gelobte ihr, sie gewiß nicht zu vergessen; ich nahm ihr das Versprechen
ab, immer den Ersten und Fünfzehnten eines jeden Monats auf diesen
Platz zu kommen, damit ich sie wiederfinden könnte, sie sagte es unter
Tränen lächelnd zu, als ob sie wenig Hoffnung hätte. ›Nun so lebe wohl
auf Wiedersehen,‹ sagte ich, indem ich sie in meine Arme schloß und
einen kleinen einfachen Ring an ihre Hand steckte, ›lebe wohl und denke
an mich und vergiß nicht den Ersten und Fünfzehnten!‹

›Wie könnte ich Sie vergessen!‹ rief sie, indem sie weinend zu mir
aufblickte. ›Aber ich werde Sie nimmer wiedersehen; Sie nehmen Abschied
auf immer.‹

Ich konnte mich nicht enthalten, ihren schönen Mund zu küssen; sie
errötete, ließ es aber geduldig geschehen; ich steckte ihr einen
Tresorschein in die kleine Hand, sie sah mich noch einmal recht
aufmerksam an und drückte sich heftiger an mich. ›Auf Wiedersehen!‹
sprach ich, indem sie sich sanft aus meinen Armen wand. Der letzte
Moment des Abschieds schien ihr Mut zu geben: sie zog mich noch einmal
an ihr Herz, ich fühlte einen heißen Kuß auf meinen Lippen. ›Auf immer!
Lebe wohl auf immer!‹ rief sie schmerzlich, riß sich los und eilte über
den Platz hin.

Ich habe sie nicht wiedergesehen! Nach einem Aufenthalt von drei
Monaten kehrte ich von London nach Paris zurück; ich ging am
Fünfzehnten auf die Place de l'Ecole de Médecine, ich wartete über eine
Stunde, mein Mädchen erschien nicht. Noch oft am Ersten und Fünfzehnten
wiederholte ich diese Gänge; wie oft ging ich durch die Straße St.
Severin, blickte an den Häusern hinauf, fragte wohl auch nach einer
armen deutschen Frau und ihrer Tochter, aber ich habe nie wieder etwas
von ihnen erfahren, und das reizende Wesen hatte recht, als sie mir
beim Abschied zurief: _Auf immer!_«


26.

Der junge Mann hatte seine Erzählung mit einem Feuer vorgetragen, das
ihr große Wahrheit verlieh und wenigstens auf den weiblichen Teil
der Gesellschaft tiefen Eindruck zu machen schien. Josephe weinte
heftig, und auch die andern Fräulein und Frauen wischten sich hin und
wieder die Augen. Die Männer waren ernster geworden und schienen mit
großem Interesse zuzuhören, nur der Baron lächelte hin und wieder und
flüsterte ihm seine Bemerkungen zu. Jetzt, als Fröben geschlossen
hatte, brach er in lautes Gelächter aus: »Das heiße ich mir sich gut
aus der Affaire ziehen!« rief er. »Ich habe es ja immer gesagt, mein
Freund ist ein Schlaukopf. Seht nur, wie er die Damen zu rühren wußte,
der Schelm! Wahrhaftig, meine Frau heult, als habe ihr der Pfarrer die
Absolution versagt. Das ist köstlich, auf Ehre! Dichtung und Wahrheit!
Ja, das hast du deinem Goethe abgelauscht, Dichtung und Wahrheit, es
ist ein herrlicher Spaß.«

Fröben fühlte sich durch diese Worte aufs neue verletzt. »Ich sagte
dir schon,« sagte er unmutig, »daß ich die Dichtung oder Erdichtung
gänzlich beiseite ließ und nur die Wahrheit sagte; ich hoffe, du wirst
es als solche ansehen.«

»Gott soll mich bewahren!« lachte der Baron. »Wahrheit, das Mädchen
hast du dir unterhalten, Bester, das ist die ganze Geschichte, und aus
den Abendbesuchen bei ihr hast du uns einen kleinen Roman gemacht. Aber
gut erzählt, gut erzählt, das lasse ich gelten.«

Der junge Mann errötete vor Zorn; er sah, wie Josephe ihren Gatten
starr und ängstlich ansah; er glaubte zu sehen, daß auch sie vielleicht
seinen Argwohn teile und schlecht von ihm denke; die Achtung dieser
Frau wenigstens wollte er sich durch diese gemeinen Scherze nicht
nehmen lassen. »Ich bitte, schweigen wir davon,« rief er, »ich habe
nie in meinem Leben Ursache gehabt, irgend etwas zu bemänteln oder zu
entstellen, kann es aber auch nicht dulden, wenn mir andere dieses
Geschäft abnehmen wollen. Ich sage dir zum letztenmal, Faldner, daß
sich, auf mein Wort, alles so verhält, wie ich es erzählte.«

»Nun dann sei es Gott geklagt,« erwiderte jener, indem er die Hände
zusammenschlug. »Dann hast du aus lauter übertriebenem Edelsinn und
theoretischer Zartheit ein paar hundert Franken an ein listiges
Freudenmädchen weggeworfen, das dich durch ein gewöhnliches Histörchen
von Elend und kranker Mutter köderte; hast nichts davon gehabt als
einen armseligen Kuß! Armer Teufel! In Paris sich von einer Metze so
zum Narren halten zu lassen.«

Noch mehr als die vorige Beschuldigung reizte den jungen Mann dieses
spöttische Mitleid und das Gelächter der Gesellschaft auf, die auf
seine Kosten den schlechten Witz des Barons applaudierte. Er wollte
eben, aufs tiefste gekränkt, die Gesellschaft verlassen, als ein
sonderbarer, schrecklicher Anblick ihn zurückhielt. Josephe war, bleich
wie eine Leiche, langsam aufgestanden; sie schien ihrem Gatten etwas
erwidern zu wollen, aber in demselben Moment sank sie ohnmächtig, wie
tot zusammen. Bestürzt sprang man auf, alles rannte durcheinander, die
Frauen richteten die Ohnmächtige auf, die Männer fragten sich verwirrt,
wie dies denn so plötzlich gekommen sei, Fröben hatte der Schrecken
beinahe selbst ohnmächtig gemacht, und der Baron murmelte Flüche über
die zarten Nerven der Weiber, schalt auf die grenzenlose Dezenz, auf
die ängstliche Beobachtung des Anstandes, wovon man ohnmächtig werde,
suchte bald die Gesellschaft zu beruhigen, bald rannte er wieder zu
seiner Frau; alles sprach, riet, schrie zusammen und keiner hörte,
keiner verstand den andern.

Josephe kam nach einigen Minuten wieder zu sich; sie verlangte nach
ihrem Zimmer, man brachte sie dahin, und die Mädchen und Frauen
drängten sich neugierig und geschäftig nach; sie gaben hunderterlei
Mittel an, die wider die Ohnmacht zu gebrauchen, sie erzählten, wie
ihnen da und dort dasselbe begegnet, sie wurden darüber einig, daß die
große Anstrengung der Frau von Faldner, die vielen Sorgen und Geschäfte
an diesem Tage diesen Zufall notwendig haben herbeiführen müssen, und
die Sorge, der Baron möchte sich vielleicht blamieren, da er ohnedies
schon recht unanständig gewesen, habe die Sache noch beschleunigt.

Der Baron suchte indessen unter den Männern die vorige Ordnung
wiederherzustellen. Er ließ fleißig einschenken, trank diesem oder
jenem tapfer zu, und suchte sich und seine Gäste mit allerlei
Trostgründen zu beruhigen. »Es kommt von nichts,« rief er, »als von dem
Unwesen der neuern Zeit; jede Frau von Stande hat heutzutage schwache
Nerven, und wenn sie die nicht hat, so gilt sie nicht für vornehm;
Ohnmächtigwerden gehört zum guten Ton; der Teufel hat diese verrückten
Einrichtungen erfunden. Und auch daher kommt es, daß man nichts mehr
beim rechten Namen nennen darf. Alles soll so überaus zart, dezent,
fein, manierlich hergehen, daß man darüber aus der Haut fahren möchte.
Da hat sie sich jetzt alteriert, daß ich einigen Scherz riskierte, was
doch die Würze der Gesellschaft ist; daß ich über dergleichen zarte,
feingefühlige Geschichten nicht außer mir kam vor Rührung und Schmerz
und mir einige praktische Konjekturen erlaubte. Was da! Unter Freunden
muß dergleichen erlaubt sein! Und ich hätte dich für gescheiter
gehalten, Freund Fröben, als daß du nur dergleichen übelnehmen
könntest.«

Aber der, an den der Baron den letzteren Teil seiner Rede richtete, war
längst nicht mehr unter den Gästen; Fröben war auf sein Zimmer gegangen
im Unmut, im Groll auf sich und die Welt. Noch konnte er sich diesen
sonderbaren Auftritt nicht ganz enträtseln, seine Seele, halb noch
aufgeregt von dem Zorn über die Roheit des Freundes, halb ergriffen
von dem Schrecken über den Unfall der Freundin, war noch zu voll, zu
stürmisch bewegt, um ruhigeren Gedanken und der Ueberlegung Raum zu
geben. »Wird auch _sie_ mir nicht glauben,« sprach er kummervoll zu
sich, »wird auch sie den schnöden Worten ihres Gatten mehr Gewicht
geben als der einfachen, ungeschmückten Wahrheit, die ich erzählte?
Was bedeuteten jene seltsamen Blicke, womit sie mich während meiner
Erzählung zuweilen ansah? Wie konnte sie diese Begebenheit so tief
ergreifen, daß sie erbleichte, zitterte? Sollte es denn wirklich wahr
sein, daß sie mir gut ist, daß sie innigen Anteil an mir nimmt, daß sie
verletzt wurde von dem Hohne des Freundes, der mich so tief in ihren
Augen herabsetzen mußte? Und was wollte sie denn, als sie aufstand,
als sie sprechen wollte? Wollte sie den unschicklichen Reden Faldners
Einhalt tun, oder wollte sie mich sogar verteidigen?«

Er war unter diesen Worten heftig im Zimmer auf und ab gegangen, sein
Blick fiel jetzt auf die Rolle, die jenes Bild enthielt, er rollte
es auf, er sah es bitter lächelnd an. »Und wie konnte ich mich auch
von einem Gefühl der Beschämung hinreißen lassen, mein Herz Menschen
aufschließen, die es doch nicht verstehen, von Dingen zu reden,
die solch überaus vornehmen Leuten so fremd sind; das Schlechte,
das Gemeine ist ihnen ja lieber, scheint ihnen natürlicher als das
Außerordentliche; wie konnte ich von deinen lieben Wangen, von deinen
süßen Lippen zu diesen Puppen sprechen? O, du armes, armes Kind;
wieviel edler bist du in deinem Elend als diese Fuchsjäger und ihr
Gelichter, die wahren Jammer und verschämte Armut nur vom Hörensagen
kennen und jede Tugend, die sich über das Gemeine erhebt, als Märchen
verlachen! Wo du jetzt sein magst? Und ob du des Freundes noch gedenkst
und jener Abende, die ihn so glücklich machten!«

Seine Augen gingen über, als er das Bild betrachtete, als er bedachte,
welch bitteres Unrecht die Menschen heute diesem armen Wesen angetan.
Er wollte seine Tränen unterdrücken, aber sie strömten nur noch
heftiger. Es gab eine Stelle in der Brust des jungen Mannes, wohin,
wie in ein tiefes Grab, sich alle Wehmut, alle zurückgedrängten
Tränen des Grames still und auf lange versammelten; aber Momente wie
dieser, wo die Schmerzen der Erinnerung und seine Hoffnungslosigkeit
so schwer über ihn kamen, sprengten die Decke dieses Grabes und ließen
den langverhaltenen Kummer um so mächtiger überströmen, je mehr sein
gebrochener Mut in Wehmut überging.


27.

Fröben überdachte am andern Morgen die Vorfälle des gestrigen Tages
und war mit sich uneinig, ob er nicht lieber jetzt gleich ein Haus
verlassen sollte, wo ihn ein längerer Aufenthalt vielleicht noch öfter
solchen Unannehmlichkeiten aussetzte, als die Türe aufging und der
Baron niedergeschlagen und beschämt hereintrat. »Du bist gestern abend
nicht zu Tisch gekommen, du hast dich heute noch nicht sehen lassen,«
hub er an, indem er näher kam, »du zürnst mir; aber sei vernünftig und
vergib mir; siehe es ging mir wunderlich; ich hatte den Tag über zu
viel Wein getrunken, war erhitzt, und du kennst meine schwache Seite,
da kann ich das Necken nicht lassen. Ich bin gestraft genug, daß der
schöne Tag so elend endete, und daß mein Haus jetzt vier Wochen lang
das Gespräch der Umgegend sein wird. Verbittere mir nicht vollends das
Leben und sei mir wieder freundlich wie zuvor!«

»Lasse lieber die ganze Geschichte ruhen,« entgegnete Fröben finster,
indem er ihm die Hand bot; »ich liebe es nicht, über dergleichen mich
noch weiter auszusprechen; aber morgen will ich fort, weiter; hier
bleibe ich nicht länger.«

»Sei doch kein Narr!« rief Faldner, der dies nicht erwartet hatte und
ernstlich erschrak. »Wegen einer solchen Szene gleich aufbrechen zu
wollen! Ich sagte es ja immer, daß du ein solcher Hitzkopf bist. Nein,
daraus wird nichts; und hast du mir nicht versprochen, zu warten bis
Briefe da sind vom Don in W.? Nein, du darfst mir nicht schon wieder
weggehen; und wegen der Gesellschaft hast du dich nicht zu schämen, sie
alle, besonders die Frauen, schalten mich tüchtig aus, sie gaben dir
völlig recht und sagten, ich sei an allem schuld.«

»Wie geht es deiner Frau?« fragte Fröben, um diesen Erinnerungen
auszuweichen.

»Ganz hergestellt, es war nur so ein kleiner Schrecken, weil sie
fürchtete, wir werden ernstlich aneinander geraten; sie wartet mit dem
Frühstück auf dich; komm jetzt mit herunter und sei vernünftig und nimm
Raison an. Ich muß ausreiten, nimm es mir nicht übel, die Mühle kommt
heute in Gang. Du bist also wieder ganz wie zuvor?«

»Nun ja doch!« sagte der junge Mann ärgerlich. »Laß doch einmal die
ganze Geschichte ruhen.« Er folgte mit sonderbaren Gefühlen, die er
selbst nicht recht zu deuten wußte, dem Baron, der vergnügt über die
schnelle Versöhnung seines Freundes ihm voraneilte, seiner Frau schnell
berichtete, was er ausgerichtet habe, und dann das Schloß verließ, um
seine Mühle in Gang zu bringen.

Hatte sich denn heute auf einmal alles so ganz anders gestaltet, oder
war nur er selbst anders geworden? Josephens Züge, ihr ganzes Wesen
schien Fröben verändert, als er bei ihr eintrat. Eine stille Wehmut,
eine weiche Trauer schien über ihr Antlitz ausgegossen, und doch war
ihr Lächeln so hold, so traulich, als sie ihn willkommen hieß. Sie
schrieb ihr gestriges Uebel allzugroßer Anstrengung zu und schien
überhaupt von dem ganzen Vorfall nicht gerne zu sprechen. Aber Fröben,
dem an der guten Meinung seiner Freundin so viel lag, konnte es nicht
ertragen, daß sie beinahe geflissentlich seine Erzählung gar nicht
berührte. »Nein,« rief er, »ich lasse Sie nicht so entschlüpfen,
gnädige Frau! An dem Urteil der andern über mich lag mir wenig; was
kümmert es mich, ob solche Alltagsmenschen mich nach ihrem gemeinen
Maßstab messen! Aber wahrhaftig, es würde mich unendlich schmerzen,
wenn auch Sie mich falsch beurteilten, wenn auch Sie Gedanken Raum
gäben, die mich in Ihren Augen so tief herabsetzen müßten, wenn auch
Sie die Wahrheit jener Erzählung bezweifelten, die ich freilich solchen
Ohren nie hätte preisgeben sollen. O, ich beschwöre Sie, sagen Sie
recht aufrichtig, was Sie von mir und jener Geschichte denken?«

Sie sah ihn lange an; ihr schönes, großes Auge füllte sich mit Tränen,
sie drückte seine Hand: »O Fröben, was ich davon denke?« sagte sie.
»Und wenn die ganze Welt an der Wahrheit zweifeln würde, ich wüßte
dennoch gewiß, daß Sie wahr gesprochen! Sie wissen ja nicht, wie gut
ich Sie kenne!«

Er errötete freudig und küßte ihre Hand. »Wie gütig sind Sie, daß Sie
mich nicht verkennen. Und gewiß, ich habe alles, alles genau nach der
Wahrheit erzählt.«

»Und dieses Mädchen,« fuhr sie fort, »ist wohl dieselbe, von welcher
Sie mir letzthin sagten? Erinnern Sie sich nicht, als wir von
Viktor und Klothilden sprachen, daß Sie mir gestanden, Sie lieben
hoffnungslos? Ist es dieselbe?«

»Sie ist es,« erwiderte er traurig. »Nein, Sie werden mich wegen
dieser Torheit nicht auslachen; Sie fühlen zu tief, als daß Sie dies
lächerlich finden könnten. Ich weiß alles, was man dagegen sagen kann,
ich schalt mich selbst oft genug einen Toren, einen Phantasten, der
einem Schatten nachjage; ich weiß ja nicht einmal, ob sie mich liebt --«

»Sie liebt Sie!« rief Josephe unwillkürlich aus; doch über ihre eigenen
Worte errötend, setzte sie hinzu: »Sie muß Sie lieben; glauben Sie
denn, so viel Edelmut müsse nicht tiefen Eindruck auf ein Mädchenherz
von siebzehn Jahren machen, und in allen ihren Aeußerungen, die Sie uns
erzählten, liegt, es müßte mich alles trügen, oder es liegt gewiß ein
bedeutender Grad von Liebe darin.«

Der junge Mann schien mit Entzücken auf ihre Worte zu lauschen. »Wie
oft rief ich mir dies selbst zu,« sprach er, »wenn ich so ganz ohne
Trost war und traurig in die Vergangenheit blickte; aber wozu denn?
Vielleicht nur, um mich noch unglücklicher zu machen. Ich habe oft
mit mir selbst gekämpft, habe im Gewühl der Menschen Zerstreuung, im
Drang der Geschäfte Betäubung gesucht, es wollte mir nie gelingen.
Immer schwebte mir jenes holde, unglückliche Wesen vor; mein einziger
Wunsch war, sie nur noch einmal zu sehen. Es ist noch jetzt mein
Wunsch, ich darf es Ihnen gestehen, denn Sie wissen meine Gefühle zu
würdigen; auch diese Reise unternahm ich nur, weil meine Sehnsucht mich
hinaustrieb, sie zu suchen, sie noch einmal zu sehen. Und wie ich denn
so recht über diesen Wunsch nachdenke, so finde ich mich sogar oft auf
dem Gedanken, sie auf immer zu besitzen! -- Sie blicken weg, Josephe?
O, ich verstehe; Sie denken, ein Geschöpf, das so tief im Elend war,
dessen Verhältnisse so zweideutig sind, dürfe ich nie wählen; Sie
denken an das Urteil der Menschen; an alles dies habe auch ich recht
oft gedacht, aber so wahr ich lebe, wenn ich sie so wiederfände, wie
ich sie verlassen, ich würde niemand als mein Herz fragen. Würden Sie
mich denn so strenge beurteilen, Josephe?«

Sie antwortete ihm nicht; noch immer abgewandt, ihre Stirne in die
Hand gestützt, bot sie ihm ein Buch hin und bat ihn vorzulesen. Er
ergriff es zögernd, er sah sie fragend an; es war das einzige Mal, daß
er sich in ihr Betragen nicht recht zu finden wußte; aber sie winkte
ihm, zu lesen, und er folgte, wiewohl er gerne noch länger sein Herz
hätte sprechen lassen. Er las von Anfang zerstreut; aber nach und
nach zog ihn der Gegenstand an, entführte seine Gedanken mehr und
mehr dem vorigen Gespräch und riß ihn endlich hin, so daß er im Fluß
der Rede nicht bemerkte, wie die schöne Frau ihm ein Angesicht voll
Wehmut zuwandte, daß ihre Blicke voll Zärtlichkeit an ihm hingen,
daß ihr Auge sich oft mit Tränen füllen wollte, die sie nur mühsam
wieder unterdrückte. Spät erst endete er, und Josephe hatte sich
soweit gefaßt, daß sie mit Ruhe über das Gelesene sprechen konnte,
aber dennoch schien es dem jungen Mann, als ob ihre Stimme hie und da
zittere, als ob die frühere gütige Vertraulichkeit, die sie dem Freund
ihres Gatten bewiesen, gewichen sei; er hätte sich unglücklich gefühlt,
wenn nicht jener leuchtende Strahl eines wärmeren Gefühles, der aus
ihrem Auge hervorbrach, ihn an seiner Beobachtung irre gemacht hätte.


28.

Da der Baron erst bis Abend zurückkehren wollte, Josephe sich aber
nach dieser Vorlesung in ihre Zimmer zurückgezogen hatte, so beschloß
Fröben, um diesen quälenden Gedanken auf einige Stunden wenigstens
zu entgehen, die heiße Mittagszeit vor der Tafel zu verschlafen.
In jener Laube, die ihm durch so manche schöne Stunde, die er mit
der liebenswürdigen Frau hier zugebracht, wert geworden war, legte
er sich auf die Moosbank und entschlief bald. Seine Sorgen hatte
er zurückgelassen, sie folgten ihm nicht durch das Tor der Träume;
nur liebliche Erinnerungen verschmolzen und mischten sich zu neuen
reizenden Bildern; das Mädchen aus der St. Severinstraße mit ihrer
schmelzenden Stimme schwebte zu ihm her und erzählte ihm von ihrer
Mutter; er schalt sie, daß sie so lange auf sich habe warten lassen,
da er doch ja den Ersten und Fünfzehnten gekommen sei; er wollte sie
küssen zur Strafe, sie sträubte sich, er hob den Schleier auf, er
hob das schöne Gesichtchen am Kinn empor, und siehe -- es war Don
Pedro, der sich in des Mädchens Gewänder gesteckt hatte, und Diego,
sein Diener, wollte sich totlachen über den herrlichen Spaß. -- Dann
war er wieder mit einem kühnen Sprung der träumenden Phantasie in
Stuttgart in jener Gemäldesammlung. Man hatte sie anders geordnet, er
durchsuchte vergebens alle Säle nach dem teuren Bilde; es war nicht
zu finden; er weinte, er fing an zu rufen und laut zu klagen; da kam
der Galeriediener herbei und bat ihn, stille zu sein und die Bilder
nicht zu wecken, die jetzt alle schlafen. Auf einmal sah er in einer
Ecke das Bild hängen, aber nicht als Brustbild wie früher, sondern in
Lebensgröße; es sah ihn neckend, mit schelmischen Blicken an, es trat
lebendig aus dem Rahmen und umarmte den Unglücklichen; er fühlte einen
heißen, langen Kuß auf seinen Lippen. Wie es zu geschehen pflegt, daß
man im Traum zu erwachen glaubt, und träumend sich sagt, man habe ja
nur geträumt, so schien es auch jetzt dem jungen Mann zu gehen. Er
glaubte, von dem langen Kuß erweckt, die Augen zu öffnen, und siehe,
auf ihn niedergebeugt hatte sich ein blühendes, rosiges Gesicht, das
ihm bekannt schien. Vor Lust des süßen Atems, der liebewarmen Küsse,
die er einsog, schloß er wieder die Augen; er hörte ein Geräusch, er
schlug sie noch einmal auf und sah eine Gestalt in schwarzem Mantel,
schwarzem Hütchen mit grünem Schleier entschweben; als sie eben um
eine Ecke biegen wollte, kehrte sie ihm noch einmal das Gesicht zu;
es waren die Züge des geliebten Mädchens, und neidisch wie damals
hatte sie auch jetzt die Halbmaske vorgenommen. »Ach, es ist ja doch
nur ein Traum!« sagte er lächelnd zu sich, indem er die Augen wieder
schließen wollte; aber das Gefühl, erwacht zu sein, das Säuseln des
Windes in den Blättern der Laube, das Plätschern des Springbrunnens war
zu deutlich, als daß er davon nicht völlig wach und munter geworden
wäre. Das sonderbare, lebhafte Traumbild stand noch vor seiner Seele;
er blickte nach der Ecke, wo sie verschwunden war; er sah die Stelle
an, wo sie gestanden, sich über ihn hingebeugt hatte, er glaubte die
Küsse des geliebten Mädchens noch auf den Lippen zu fühlen. »So weit
also ist es mit dir gekommen,« sprach er erschreckend zu sich, »daß du
sogar im Wachen träumst, daß du sie bei gesunden Sinnen um dich siehst?
Zu welchem Wahnwitz soll dies noch führen? Nein, daß man so deutlich
träumen könne, hätte ich nie geglaubt. Es ist eine Krankheit des
Gehirns, ein Fieber der Phantasie, ja es fehlt nicht viel, so möchte
ich sogar behaupten, Traumbilder können Fußtapfen hinterlassen; denn
diese Tritte hier im Sande sind nicht von meinem Fuß.« Sein Blick fiel
auf die Bank, wo er gelegen, er sah ein zierlich gefaltetes Papier
und nahm es verwundert auf. Es war ohne Aufschrift, es hatte ganz die
Form eines Billetdoux; er zauderte einen Augenblick, ob er es öffnen
dürfe; aber neugierig, wer sich hier wohl in solcher Form schreiben
könnte, entfaltete er das Papier -- ein Ring fiel ihm entgegen. Er
hielt ihn in der Hand und durchflog den Brief, er las: »Oft bin ich
Dir nahe, Du mein edler Ritter und Wohltäter; ich umschwebe Dich mit
jener unendlichen Liebe, die meine Dankbarkeit anfachte, die selbst
mit meinem Leben nicht verglühen wird. Ich weiß, Dein großmütiges Herz
schlägt noch immer für mich, Du hast Länder durchstreift, um mich
zu suchen, zu finden; doch umsonst bemühst Du Dich -- vergiß ein so
unglückliches Geschöpf; was wolltest Du auch mit mir? Wenn auch mein
höchstes Glück in dem Gedanken liegt, ganz Dir anzugehören, so kann
es ja doch nimmermehr sein! Auf immer! sagte ich Dir schon damals, ja
auf immer liebe ich Dich, aber -- das Schicksal will, daß wir getrennt
seien auf immer, daß nie an Deiner Seite, vielleicht nur in Deiner
gütigen Erinnerung leben darf

        _Die Bettlerin vom Pont des Arts._«

Der junge Mann glaubte noch immer oder aufs neue zu träumen; er sah
sich mißtrauisch um, ob seine Phantasie ihn denn so ganz verführt
habe, daß er in einer Traumwelt lebe; aber alle Gegenstände um ihn
her, die wohlbekannte Laube, die Bank, die Bäume, das Schloß in der
Ferne, alles stand noch wie zuvor, er sah, er wachte, er träumte
nicht. Und diese Zeilen waren also wirklich vorhanden, waren nicht ein
Traumbild seiner Phantasie? »Hat man vielleicht einen Scherz mit mir
machen wollen?« fragte er sich dann; »ja gewiß; es kommt wohl alles von
Josephe; vielleicht war auch jene Erscheinung nur eine Maske?« Indem
er das Papier zusammenrollte, fühlte er den Ring, der in dem Briefchen
verborgen gewesen, in seiner Hand. Neugierig zog er ihn hervor,
betrachtete ihn und erblaßte. Nein, das wenigstens war keine Täuschung,
es war derselbe Ring, den er dem Mädchen in jener Nacht gegeben, als
er auf immer von ihr Abschied nahm. So sehr er im ersten Augenblick
versucht war, hier an übernatürliche Dinge zu glauben, so erfüllte ihn
doch der Gedanke, daß er ein Zeichen von dem geliebten Wesen habe, daß
sie ihm nahe sei, mit so hohem Entzücken, daß er nicht mehr an die
Worte des Briefes dachte, er zweifelte keinen Augenblick, daß er sie
finden werde, er drückte den Ring an die Lippen, er stürzte aus der
Laube in den Garten, und seine Blicke streiften auf allen Wegen, in
allen Büschen nach der teuren Gestalt. Aber er spähte vergebens; er
fragte die Arbeiter im Garten, die Diener im Schlosse, ob sie keine
Fremde gesehen haben; man hatte sie nicht bemerkt; bestürzt, beinahe
keiner Ueberlegung fähig, kam er zu Tische; umsonst forschte Faldner
nach dem Grund seiner verstörten Blicke, umsonst fragte ihn Josephe, ob
er denn vielleicht von gestern her noch so trübe gestimmt sei. »Es ist
mir etwas begegnet,« antwortete er, »das ich ein Wunder nennen müßte,
wenn nicht meine Vernunft sich gegen Aberglauben sträubte.«


29.

Dieser sonderbare Vorfall und die Worte des Briefchens, das er wohl
zehnmal des Tages überlas, hatten den jungen Mann ganz tiefsinnig
gemacht. Er fing an nachzusinnen, ob es denn möglich sei, daß
überirdische Wesen in das Leben der Sterblichen eingreifen können.
Wie oft hatte er über jene Schwärmer gelacht, die an Erscheinungen,
an Boten aus einer andern Welt, an Schutzgeister, die den Menschen
umschweben, wie an ein Evangelium glaubten. Wie oft hatte er ihnen
sogar die physische Unmöglichkeit dargetan, daß körperlose Wesen
dennoch sichtbar erscheinen, daß sie dies oder jenes verrichten können.
Aber was ihm selbst begegnet war, wie sollte er es deuten? Oft nahm er
sich vor, alles zu vergessen, gar nicht mehr daran zu denken, und im
nächsten Augenblick quälte er sich ab, seine Erinnerung recht lebhaft
vor das Auge treten zu lassen; deutlicher als je erschienen dann
wieder ihre Züge, er hatte sie ja gesehen, als sie sich an der Ecke
noch einmal umwandte; er hatte den holden Mund, diese rosigen Wangen,
dieses Kinn, diesen schlanken Hals wiedergesehen! Er holte jenes Bild
herbei, er verglich Zug um Zug, er deckte die Hand auf Augen und Stirne
der Dame, und es war das holde Gesichtchen, wie es unter der Halbmaske
hervorschaute!

Er hatte sich, weil Josephe am nächsten Morgen im Hause allzusehr
beschäftigt war, um ihn zu unterhalten, wieder in die Laube gesetzt.
Er las, und während des Lesens beschäftigte ihn immer der Gedanke, ob
sie ihm wohl wieder erscheinen werde. Die Hitze des Mittags wirkte
betäubend auf ihn; mit Mühe suchte er sich wach zu halten, er las
eifriger und angestrengter, aber nach und nach sank sein Haupt zurück,
das Buch entfiel seinen Händen, er schlief.

Beinahe um dieselbe Zeit wie gestern erwachte er, aber keine Gestalt
mit grünem Schleier war weit und breit zu sehen; er lächelte über sich
selbst, daß er sie erwartet habe, er stand traurig und unzufrieden auf,
um ins Schloß zu gehen, da erblickte er neben sich ein weißes Tuch,
das er sich nicht erinnern konnte, hingelegt zu haben; er sah es an,
es mußte wohl dennoch ihm gehören, denn in der Ecke war sein Namenszug
eingenäht. »Wie kommt dies Tuch hierher?« rief er bewegt, als er bei
genauerer Besichtigung entdeckte, daß es eines jener Tücher sei, die
ihm das Mädchen hatte fertigen müssen, und die er wie Heiligtümer
sorgfältig verschloß. »Soll dies aufs neue ein Zeichen sein?« Er
entfaltete das Tuch, und suchte, ob nicht vielleicht wieder einige
Zeilen eingelegt seien? Es war leer; aber in einer andern Ecke des
Tuches entdeckte er noch einige Lettern, die wie sein Name eingenäht
waren; zierlich und nett standen dort die Worte: _Auf immer!_ »Also
dennoch hier gewesen!« rief der junge Mann unmutig. »Und ich konnte
ihre liebliche Erscheinung schnöderweise verschlafen? Warum gibt sie
mir wohl ein neues Zeichen? Warum diese traurigen Worte wiederholen,
die mich schon damals und erst gestern wieder so unglücklich machten?«
Auch heute befragte er nach der Reihe die Domestiken, ob nicht eine
fremde Person im Garten gewesen sei? Sie verneinten es einstimmig, und
der alte Gärtner sagte, seit drei Stunden sei gar niemand durch den
Garten gegangen als nur die gnädige Frau. »Und wie war sie angezogen?«
fragte Fröben, auf sonderbare Weise überrascht. »Ach, Herr, da fragt
Ihr mich zu viel,« antwortete der Alte; »sie ist halt angezogen gewesen
in vornehmen Kleidern, aber wie, das weiß ich nicht zu beschreiben; als
sie vor mir vorbeiging, nickte sie freundlich und sagte: ›Guten Tag,
Jakob!‹«

Der junge Mann führte den Alten beiseite: »Ich beschwöre dich,«
flüsterte er; »trug sie einen grünen Schleier? Hatte sie nicht eine
große schwarze Brille auf?«

Der alte Gärtner sah ihn mißtrauisch und kopfschüttelnd an. »Eine
schwarze Brille?« fragte er. »Die gnädige Frau eine große schwarze
Brille? Ei, du Herrgott, wo denken Sie hin, sie hat so scharfe, klare
Augen wie eine Gemse und soll eine Brille auf der Nase tragen, mit
Respekt zu melden, eine große schwarze Brille, wie sie die alten Weiber
in der Kirche auf die Nase klemmen, daß es feiner schnarrt, wenn sie
singen? Nein, gnädiger Herr, solche schlechte Gedanken müssen Sie sich
aus dem Kopf schlagen, das ist nichts; und nehmen Sie es nicht ungütig,
aber eine Mütze sollten Sie doch aufsetzen bei dieser Hitze, es ist von
wegen des Sonnenstichs.« So sprach der Alte und ging kopfschüttelnd
weiter; den übrigen Dienstboten aber deutete er mit sehr verdächtiger
Bewegung des Zeigefingers ans Hirn an, daß es mit dem jungen Herrn Gast
hier oben nicht ganz richtig sein müsse.


30.

Auch jetzt kam Fröben zu keinem andern Resultat, als daß das Betragen
jenes Mädchens, das er so innig liebte, unbegreiflich sei, und
dieses rätselhafte Spiel mit seinem Schmerz, mit seiner Sehnsucht,
beschäftigte ihn so ganz ausschließlich, daß ihm vieles entging, was
ihm sonst wohl hätte auffallen müssen. Josephe kam mit verweinten Augen
zu Tische; der Baron war verstimmt und einsilbig und schien seinem
inneren Unmut, der ihm um die Stirne lag und deutlich aus den Augen
sprach, hie und da durch einen Fluch über die schlechte Küche und die
noch schlechtere Haushaltung Luft machen zu müssen. Die unglückliche
Frau ließ alles still und geduldig über sich ergehen, sie schickte
zuweilen, als wolle sie Hilfe und Trost suchen, einen flüchtigen Blick
nach Fröben hinüber; ach, sie bemerkte nicht, wie ihr Gatte diese
Blicke belauerte, wie seine Stirne sich röter färbte, wenn er ihre
Augen auf diesem Wege traf.

An Fröbens Auge und Ohr ging dies vorüber als etwas, an das er sich
schon gewöhnt hatte; er gab sich nicht einmal die Mühe, Josephe um die
Ursache dieses Aufbrausens zu befragen. Es fiel ihm nicht auf, daß sie
zurückhaltender gegen ihn war im Beisein Faldners; er schrieb es der
gewöhnlichen Geschäftigkeit seines Freundes zu, daß ihn dieser in den
nächsten Tagen nötigte, mit ihm da- und dorthin auf das Gut zu gehen
und in Wald und Feld oft einen großen Teil des Tages mit Messungen und
Berechnungen hinzubringen. Als er aber eines Morgens, als ihn Faldner
schon gestiefelt und gespornt erwartete, eine kleine Unpäßlichkeit
vorschützte, um diesen unangenehmen Feldbesuchen zu entgehen, als
er arglos hinwarf, daß er doch Josephen auch einmal wieder vorlesen
müsse, da wollte es ihm doch auffallend dünken, daß der Baron unmutig
rief: »Nein, sie soll mir nichts mehr lesen, gar nichts mehr. Es geht
ohnedies seit einiger Zeit alles konträr. Das könnte ich vollends
brauchen, wenn sie den ganzen Morgen mit Lesen zubrächte und solche
Romanideen im Kopfe trüge, wie ich schon welche habe spuken sehen.
Lies dir in Gottes Namen selbst vor, lieber Fröben, und nimm mir nicht
übel, wenn ich mein Weib anders placiere. Du gehst in den Garten nach
dem Frühstück, Josephe, es soll heute Gemüse ausgestochen werden,
nachher bist du so gütig und gehst zu Pastors, du bist dort seit lange
einen Besuch schuldig.« Mit diesen Worten nahm er seine Reitpeitsche
vom Tische und schritt davon.

»Was soll denn das? Was hat er denn heute?« fragte Fröben staunend die
junge Frau, die kaum ihre Tränen zurückzuhalten vermochte.

»O, er ist so ziemlich wie sonst,« erwiderte sie ohne aufzublicken.
»Ihre Anwesenheit hat ihn einige Zeitlang aus dem gewöhnlichen Geleise
gebracht; Sie sehen, er ist jetzt wieder wie zuvor.«

»Aber mein Gott,« rief er unmutig, »so schicken Sie doch eine Magd in
den Garten!«

»Ich darf nicht,« sagte sie bestimmt, »ich muß selbst zusehen; er will
es ja haben.«

»Und den Besuch bei Pastors --?«

»Muß ich machen, Sie haben es ja gehört, daß ich ihn machen _muß_;
lassen wir das, es ist einmal so. Aber Sie,« fuhr Josephe fort, »Sie,
mein Freund, scheinen mir seit einigen Tagen verändert, gar nicht mehr
so munter, so zutraulich wie früher. Sollten Sie sich vielleicht nicht
mehr hier gefallen? Sollte mein Mann, sollte vielleicht ich Ursache
Ihrer Verstimmung sein?« --

Fröben fühlte sich verlegen; er war auf dem Punkt, der Freundin jene
sonderbaren Vorfälle im Garten zu gestehen, aber der Gedanke, sich vor
der klugen jungen Frau eine Blöße zu geben, hielt ihn zurück. »Sie
wissen,« sagte er ausweichend, »daß ich in den letzten Tagen Briefe
aus S. bekam. Und wenn ich verstimmt erscheine, so tragen diese Briefe
allein die Schuld.« Sie sah ihn zweifelnd an; eine Antwort schien auf
ihren Lippen zu schweben, aber wie wenn sie den Mangel an Vertrauen in
dem Blicke des jungen Mannes gelesen und sich dadurch gekränkt gefühlt
hätte, zuckten ihre schönen Lippen und drängten die Antwort zurück;
sie zog schweigend die Glocke, befahl ihrer Zofe, ihr Hut und Schirm
zu bringen, und ging dann, ohne ihn zu diesem Gang einzuladen, in den
Garten an die Arbeit.

Als der junge Mann einige Stunden nachher ebenfalls in den Garten
hinabstieg und nach Josephe fragte, hieß es, sie sei zu Pastors
gegangen. Er eilte der Laube zu, er setzte sich mit pochendem Herzen
nieder. Heute hatte er sich vorgenommen, nicht einzuschlafen. »Ich
will doch sehen,« sagte er zu sich, »ob dieses Wesen, das mich so
geheimnisvoll umschwebt, noch ein drittes Zeichen für mich hat? Ich
will mich wie zum Schlummer niederlegen, und so wahr ich lebe, wenn
es wieder erscheint, will ich es haschen und schauen, welcher Natur
es sei.« Er las, bis der Mittag herangekommen war, dann legte er sich
nieder und schloß die Augen. Oft wollte sich der Schlummer wirklich
über ihn herabsenken, aber Erwartung, Unruhe und sein fester Wille, der
die Mohnkörner von ihm ferne hielt, ließen ihn wach bleiben. Er mochte
wohl eine halbe Stunde so gelegen haben, als die Zweige der Laube
rauschten. Er öffnete die Augen kaum ein wenig und sah, wie zwei weiße
Hände die Zweige behutsam teilten, vermutlich um eine Aussicht auf
den Schlummernden zu öffnen. Dann knisterten leise, leise Schritte im
Sand. Er blickte verstohlen nach dem Eingang der Laube, und sein Herz
wollte zerspringen voll freudiger Ungeduld, als er sein Mädchen sah im
schwarzen Mantel und Hut, den grünen Schleier zurückgeschlagen, die
schwarzen Maskenaugen vor den obern Teil des schönen Gesichts gebunden.


31.

Sie nahte auf den Zehenspitzen. Er sah, wie auf ihrem Gesicht ein
höheres Rot aufstieg, als sie näher trat. Sie betrachtete den Schläfer
lange; sie seufzte tief und schien Tränen abzutrocknen. Dann trat sie
nahe heran; sie beugte sich über ihn herab, ihr Atem berührte ihn wie
ein Himmelsbote, der die Nähe ihrer süßen Lippen ansagte, sie senkte
sich tiefer und ihr Mund legte sich auf den seinigen so sanft, wie das
Morgenrot sich auf den Hügel senkt.

Da hielt er sich nicht länger; schnell schlang er seinen Arm um ihren
Leib, und mit einem kurzen Angstschrei sank sie in die Kniee. Er sprang
erschrocken auf, er glaubte sie ohnmächtig, aber sie war nur sprachlos
und zitterte heftig; er hob sie auf, er zog sie, erfüllt von der Wonne
des Wiedersehens, an seiner Seite auf die Bank nieder, er bedeckte
ihren Mund mit glühenden Küssen, er drückte sie fest an sich: »O, so
habe ich dich wieder, endlich, endlich wieder, du geliebtes Wesen!«
rief er; »du bist kein Trugbild, du lebst, ich halte dich in meinen
Armen wie damals und liebe dich wie damals und bin glücklich, selig,
denn du liebst ja auch mich!« Eine hohe Glut bedeckte ihre Wangen, sie
sprach nicht, sie suchte vergebens sich aus seinen Armen zu winden.
»Nein, jetzt lasse ich dich nicht mehr,« sprach er, und Tränen, Tränen
des Glücks hingen an seinen Wimpern; »jetzt halte ich dich fest und
keine Welt darf dich von mir reißen. Und komm, hinweg mit dieser
neidischen Maske, ganz will ich dein schönes Antlitz schauen, ach, es
lebte ja immer in meinen Träumen!« Sie schien mit der letzten Kraft
die Hand von der Halbmaske abhalten zu wollen, sie atmete schwer, sie
rang mit ihm, aber die trunkene Lust des jungen Mannes, nach so langer
Entbehrung sich so unaussprechlich glücklich zu wissen, gewährte ihm
einen leichten Sieg. Er hielt ihre Arme mit der einen Hand, zitternd
stieß er mit der andern den Hut zurück, band die Maske los und
erblickte -- die Gattin seines Freundes.

»Josephe!« rief er, wie in einen Abgrund niedergeschmettert, und seine
Gedanken drehten sich im Ringe. »Josephe!«

Bleich, erstarrt, tränenlos saß sie neben ihm und sagte wehmütig
lächelnd: »Ja, Josephe.«

»_Sie_ haben mich also getäuscht?« sagte er bitter, indem alle
Hoffnung, alle Seligkeit des vorigen Augenblicks an ihm vorüberflog.
»O, dieses Possenspiel konnten Sie uns ersparen. Doch,« fuhr er fort,
indem ein Gedanke ihn durchblitzte; »um Gottes willen, wo haben Sie den
Ring her, woher das Tuch?«

Sie errötete von neuem, sie brach in Tränen aus, sie verbarg ihr Haupt
an seiner Brust. »Nein,« rief er, »Antwort muß ich haben; es ist mein
Ring, das Tuch -- ich beschwöre Sie, wie kam beides in Ihre Hände,
woher haben Sie den Ring?«

»Von _dir_!« flüsterte sie, indem sie sich beschämt fester an ihn
drückte.

Da fiel ein Lichtstrahl in Fröbens Seele; noch blendete ihn dies zu
helle Licht, aber er hob sanft ihr Haupt in die Höhe und sah sie an
mit Blicken voll Verwunderung und Liebe. »Du bist es? Träume ich denn
wieder?« sprach er, nachdem er sie lange angeblickt. »Sagtest du nicht,
du seiest mein süßes Mädchen? O Gott, welcher Schleier lag denn auf
meinen Augen? Ja, das sind ja deine holden Wangen, das ist ja dein
reizender Mund, der mich heute nicht zum erstenmal küßte!«

Eine hohe Glut bedeckte ihre Wangen. Sie sah ihn voll Wonne und
Entzücken an. »Was wäre aus mir geworden ohne dich, du edler Mann!«
rief sie, indem sich in Tränen der Schimmer ihrer Augen brach. »Ich
bringe dir den Segen meiner guten Mutter, du hast ihre letzten Tage
leicht gemacht und die Decke des Elends gelüftet, die so schwer auf
ihrer kranken Brust lag. O! Wie kann ich dir danken? Was wäre ich
geworden ohne dich! Doch --« fuhr sie fort, indem sie mit ihren Händen
das Gesicht bedeckte, »was _bin_ ich denn geworden, das Weib eines
andern, deines Freundes Weib!«

Er sah, wie ein unendlicher Schmerz ihren Busen hob und senkte, wie
durch die zarten Finger ihre Tränen gleich Quellen herabrieselten. Er
fühlte, wie innig sie ihn liebe, und kein Gedanke an einen Vorwurf,
daß sie einem andern als ihm gehören könnte, kam in seine Seele. »Es
ist so,« sagte er traurig, indem er sie fester an sich drückte, als
könne er sie dennoch nicht verlieren. »Es ist so; wir wollen denken,
es sollte so sein, es habe so kommen müssen, weil wir vielleicht zu
glücklich gewesen wären. Doch in diesem Moment bist du mein, denke, du
kommst herüber über den Platz der Arzneischule und ich erwarte dich: o
komm, umarme mich so wie damals, ach, nur noch ein einziges Mal!«

In Erinnerung verloren, hing sie an seinem Hals; hinter ihren düsteren
Blicken schien der Gedanke an die Wirklichkeit sich zu verlieren;
heller und heller, freundlicher und immer freundlicher schien die
Erinnerung aufzutauchen; ein holdes Lächeln zog um ihren Mund und
senkte sich auf ihren Wangen in zarte Grübchen. »Und kanntest du mich
denn nicht?« fragte sie lächelnd. »Und du kanntest mich nicht?« fragte
er, sie voll Zärtlichkeit betrachtend. »Ach!« antwortete sie. »Ich
hatte mir damals deine Züge recht abgelauscht und tief in mein Herz
geschrieben, aber wahrlich, ich hätte dich nimmer erkannt. Es mochte
wohl auch daher kommen, daß ich dich nur immer bei Nacht sah in den
Mantel eingewickelt, den Hut tief in der Stirne, und wie konnt' ich
auch denken -- Freilich, als du am ersten Abend Faldner zuriefst: ›Auf
Wiedersehen!‹ da kam mir der Ton so bekannt vor, als hätte ich ihn
schon gehört; aber ich lachte mich immer selbst aus über die törichten
Vermutungen. Nachher war es mir hie und da, als müßtest du der sein,
den ich meinte; doch zweifelte ich immer wieder; aber als du am Sonntag
nur erst Pont des Arts genannt hattest, da ging auf einmal eine eigene
Sonne auf deinem Gesicht auf; du schienest ganz in Erinnerung zu leben
und mit den ersten Worten ward es mir klar, daß du, du es bist! Aber
freilich, mich konntest du nicht wiedererkennen, nicht wahr, ich bin
recht bleich geworden?«

»Josephe,« erwiderte er; »wo waren meine Sinne? Wo mein Auge, mein Ohr,
daß ich dich nicht erkannte? Gleich bei deinem ersten Anblick flog ein
freudiger Schreck durch meine Seele, du glichst ja ganz jenem Bilde,
das ich, durch einen wahrhaften Kreislauf der Dinge, als dir ähnlich
gefunden und geliebt hatte; aber die Entdeckung über das Geschlecht
der Mutter führte mich in eine Irrbahn; ich sah in dir nur noch die
ähnliche Tochter der schönen Laura, und oft, während ich neben dir saß,
streifte mein Geist ferne, weithin nach -- dir!«

»O Gott!« rief Josephe, »ist es denn wahr, ist es möglich? Kannst du
mich denn noch lieben?«

»Ob ich es kann? -- Aber darf ich denn? Gott im Himmel, du heißt ja
Frau von Faldner; sage mir nur um des Himmels willen, wie fügte sich
dies alles? Wie hast du auch nicht ein einzigesmal mehr mich erwarten
mögen?«


32.

Sie stillte ihre Tränen, sie faßte sich mit Mühe, um zu sprechen.
»Siehe,« sagte sie, »es war, als ob ein feindliches Geschick alles nur
so geordnet hätte, um mich recht unglücklich zu machen. Als du weg
warst, hatte ich keine Freude mehr. Jene Abende mit dir waren mir so
unendlich viel gewesen. Siehe, schon von dem ersten Moment an, als du
in der lieben Muttersprache deinen Begleiter um Geld batest, von da an
schlug mein Herz für dich; und als du mit so unendlichem Edelmut, mit
so viel Zartsinn für uns sorgtest, ach, da hätte ich dich oft an mein
Herz schließen und dir gestehen mögen, daß ich dich wie ein höheres
Geschöpf anbete. Ich weiß nicht, was mir für dich zu tun zu schwer
gewesen wäre; und wie groß, wie edel hast du dich gegen mich benommen!
Du gingst, ich weinte lange, denn ein schmerzliches Gefühl sagte mir,
daß es auf immer geschieden sei; acht Tage nachdem du abgereist warst,
starb meine arme Mutter sehr schnell. Was du mir damals noch gegeben,
reichte hin, meine Mutter zu beerdigen und ihr Andenken nicht in
Unehre geraten zu lassen. Eine Dame, es war die Gräfin Landskron, die
in unserer Nachbarschaft wohnte und von uns Armen hörte, ließ mich zu
sich kommen. Sie prüfte mich in allem, sie durchschaute die Papiere
meiner Mutter, die ich ihr geben mußte, genau; sie schien zufrieden
und nahm mich als Gesellschaftsfräulein an. Wir reisten; ich will
dir nicht beschreiben, wie mein Herz blutete, als ich dieses Paris
verlassen mußte; es fehlten nur noch vierzehn Tage, bis die Zeit um
war, die du zu deiner Rückkehr bestimmtest; dann wäre ich am Ersten
auf den Platz gegangen, hätte dich noch einmal gesprochen, noch einmal
von dir Abschied genommen! Es sollte nicht so sein; als wir aus der
St. Severinstraße über den wohlbekannten Platz der Ecole de Médecine
hinfuhren, da wollte mein Herz brechen, und ich sagte zu mir: ›Auf
immer!‹ Eduard! ich habe nie wieder von dir gehört, dein Name war mir
unbekannt, du mußtest ja die Bettlerin längst vergessen haben; ich
lebte von der Gnade fremder Leute, ich hatte manches Bittere zu tragen,
ich trug es, es war ja nicht das Schmerzlichste. Als aber die Gräfin in
diese Gegend auf ihr Gut zog, als Faldner sich um mich bewarb, als ich
merkte, daß sie es gutmütig für eine gute Versorgung halte, vielleicht
auch meiner überdrüssig war -- nun ich war ja nur ein einzigesmal
glücklich gewesen, konnte nimmer hoffen, es wieder zu werden; das
übrige war ja so gleichgültig -- da wurde ich seine Frau.«

»Armes Kind! an diesen Faldner, warum denn gerade du mit so weicher
Seele, mit so zartem Sinn, mit so viel gültigem Anspruch auf ein zum
mindesten edleres Los, warum gerade du seine Frau? Doch es ist so;
Josephe, ich kann, ich darf keinen Tag mehr hier sein; ich habe ihn
bei allem, was er Rohes haben mag, einst Freund genannt, bin jetzt
sein Gastfreund, und wenn auch alles nicht wäre, wir dürfen ja nicht
zusammen glücklich sein!« Es lag ein unendlicher Schmerz in seinen
Worten; er küßte die Augen der schönen Frau, nur um durch den Gram,
der in ihnen wohnte, nicht noch weicher zu werden. »O, nur noch
_einen_ Tag,« flüsterte sie zärtlich; »hab' dich ja jetzt eben erst
gefunden, und du denkst schon zu entfliehen. Siehe, wenn du weg bist,
da verschließt sich wieder die Türe meines Glücks auf immer; ich werde
Hartes ertragen müssen, und da muß ich doch ein wenig Erinnerung mir
aufsparen, von der ich zehren kann in der endlosen Wüste.«

»Höre, ich will Faldner alles gestehen,« sprach nach einigem Sinnen der
junge Mann, »ich will es ihm alles vormalen, daß es ihn selbst rühren
muß; er liebt dich doch nicht, du ihn nicht und bist unglücklich; er
soll dich _mir_ abtreten. Mein Haus liegt nicht so schön wie dieses
Schloß; meine Güter kannst du vom Belvedere auf dem Dache übersehen, du
verließest hier großen Wohlstand, aber wenn du einzögest in mein Haus,
wollte ich dir meine Hände als Teppich unterlegen, auf den Händen
wollte ich dich tragen, du solltest die Königin sein in meinem Hause
und ich dein erster treuer Diener!«

Sie blickte schmerzlich zum Himmel auf, sie weinte heftiger. »Ach ja,
wenn ich deines Glaubens wäre, dann ginge es wohl, aber wir sind ja gut
katholisch getraut worden, und das scheidet nur der Tod! O du großer
Gott, wie unglücklich machen oft diese Gesetze! Welch eine Seligkeit
mit dir, bei dir zu sein, immer für dich zu sorgen, an deinen Blicken
zu hängen und alle Tage dir durch zärtliche Liebe ein Tausendteil von
dem heimzugeben, was du an meiner lieben Mutter und an mir getan.«

»Also dennoch auf immer,« erwiderte er traurig; »also nur noch morgen,
und dann für immer scheiden?«

»Für immer!« hauchte sie kaum hörbar, indem sie ihn fester an ihre
Lippen schloß.

»Hier also findet man dich, du niederträchtige Metze!« schrie in diesem
Augenblick ein dritter, der neben dieser Gruppe stand. Sie sprangen
erschreckt auf; zitternd vor Zorn, knirschend vor Wut stand der Baron,
in der einen Hand ein Papier, in der andern die Reitpeitsche haltend,
die er eben aufhob, um sie über den schönen Nacken der Unglücklichen
herabschwirren zu lassen. Fröben fiel ihm in den Arm, entwand ihm mit
Mühe die Peitsche und warf sie weit hinweg. »Ich bitte dich,« sagte er
zu dem Wütenden; »nur hier keine Szene; deine Leute sind im Garten, du
schändest dich und dein Haus durch einen solchen Auftritt.«

»Was?« schrie jener, »ist mein Haus nicht schon genug geschändet durch
diese niederträchtige Person, durch dieses Bettlerpack, das ich in
meinem Haus hatte? Meinst du, ich kenne deine Handschrift nicht,«
fuhr er fort, indem er ihr das Papier hinstreckte; »das ist ja ein
süßes Briefchen an den Herrn Galan hier, an den Romanhelden. Also eine
Dirne mußte ich heiraten, die du unterhieltst, und als du ihrer satt
warest, sollte der ehrliche Faldner sie zur gnädigen Frau machen; dann
kommt man nach sechs Monaten so zufällig zu Besuch, um den Hörnern
des Gemahls noch einige Enden anzusetzen. Das sollst du mir bezahlen,
Schandbube; aber dieses Bettelweib mag immer wieder mit Teller und
Laterne sich am Pont des Arts aufstellen oder von deinem Sündenlohn
leben. Meine Knechte sollen sie mit Hetzpeitschen vom Hof jagen!«


33.

Der Mann von gediegener Bildung hat in solchen Momenten ein
entschiedenes Uebergewicht über den Rohen, der von Wut zur
Unbesonnenheit hingerissen, unsicher ist, was er beginnen soll. Ein
Blick auf Josephe, die bleich, zitternd, sprachlos auf der Moosbank
saß, überzeugte Fröben, was hier zu tun sei. Er bot ihr den Arm und
führte sie aus der Laube nach dem Schlosse. Wütend sah ihnen der Baron
nach; er war im Begriff, seine Knechte zusammenzurufen, um seine
Drohung zu erfüllen, aber die Furcht, seine Schande noch größer zu
machen, hielt ihn ab. Er rannte hinauf in den Saal, wo Josephe auf dem
Sofa lag, ihr weinendes Gesicht in den Kissen verbarg, wo Fröben wie
gedankenlos am Fenster stand und hinausstarrte. Scheltend und fluchend
rannte jener in dem Saal umher; er verfluchte sich, daß er sein Leben
an eine solche Dirne gehängt habe. »Es müßte keine Gerechtigkeit mehr
im Lande sein, wenn ich sie mir nicht vom Halse schaffte!« rief er.
»Sie hat Taufschein und alles fälschlich angegeben; sie hat sich für
ebenbürtig ausgegeben, die Bettlerin, diese Ehe ist null und nichtig!«

»Das wird allerdings das vernünftigste sein,« unterbrach ihn Fröben;
»es kommt nur darauf an, wie du es angreifst, um dich nicht noch mehr
zu blamieren --«

»Ha, mein Herr!« schrie der Baron in wildem Zorn, »Sie spotten noch
über mich, nachdem Sie durch Ihre grenzenlose Frechheit all diese
Schande über mich brachten? Folgen Sie mir, zu _unserer_ Scheidung
brauchen wir weiter keine Assisen; die kann sogleich abgemacht werden.
Folgen Sie!«

Josephe, die diese Worte verstand, sprang auf; sie warf sich vor dem
Wütenden nieder, sie beschwor ihn, alles nur über sie ergehen zu
lassen; denn sein Freund sei ja ganz unschuldig; sie wies hin auf den
Zettel in seiner Hand, den sie erkannte; sie schwur, daß Fröben erst
heute erfahren, wer sie sei. Aber der junge Mann selbst unterbrach ihre
Fürbitten, er hob sie auf und führte sie zum Sofa zurück. »Ich bin
gewohnt,« sagte er kaltblütig zum Baron, »bei solchen Gängen zuerst
meine Arrangements zu treffen, und du wirst wohl tun, es auch nicht zu
unterlassen. Vor allem geht deine Frau jetzt aus dem Schloß, denn hier
will ich sie nicht mehr wissen, wenn ich nicht da bin, sie vor deinen
Mißhandlungen zu schützen.«

»Du handelst ja hier wie in deinem Eigentum,« erwiderte der Baron vor
Zorn lachend; »doch Madame war ja schon vorher dein Eigentum, ich hätte
es beinahe vergessen; wohin soll denn der süße Engel gebracht werden?
In ein Armenhaus, in ein Spital oder an den nächsten besten Zaun, um
ihr Gewerbe fortzusetzen?«

Fröben hörte nicht auf ihn; er wandte sich zu Josephe. »Wohnt die
Gräfin noch in der Nähe?« fragte er sie. »Glauben Sie wohl für die
nächsten Tage einen Aufenthalt dort zu finden?«

»Ich will zu ihr gehen,« flüsterte sie.

»Gut; Faldner wird die Gnade haben, Sie hinfahren zu lassen, dort
erwarten Sie das Weitere, ob er einsieht, wie unrecht er uns beiden
getan, oder ob er darauf beharrt, sich von Ihnen zu trennen.«


34.

Josephe war zu der Gräfin abgefahren; der Freund hatte ihr geraten, bei
ihrer Ankunft nur einen Besuch von einigen Tagen vorzugeben, indessen
wolle er ihr über die Stimmung seines Freundes Nachricht geben, und
wenn es möglich wäre, ihn bereden, sich mit ihr zu versöhnen. »Nein,«
rief sie leidenschaftlich, indem sie von der Terrasse an den Wagen
hinabstieg, »in diese Türe kehre ich nie mehr zurück, auf ewig wende
ich diesen Mauern den Rücken. Glauben Sie, eine Frau vermag viel zu
ertragen, ich habe lange dulden müssen, und das Herz wollte mir oft
zerspringen, aber heute hat er mich zu tief beleidigt, als daß ich ihm
vergeben könnte. Und sollte ich wieder zurückkehren müssen auf den
Pont des Arts, die Menschen um ein paar Sous anzuflehen, ich will es
lieber tun, als noch länger solche niedrige Behandlung von diesem rohen
Menschen mir gefallen lassen. Mein Vater war ein tapferer Soldat und
ein geachteter Offizier Frankreichs, seine Tochter darf sich nicht bis
zur Magd eines Faldner entwürdigen.«

Der junge Mann hatte nach ihrer Abreise einige Briefe geschrieben und
war gerade mit Ordnen seines kleinen Gepäcks beschäftigt, als Faldner
in das Zimmer trat. Fröben sah ihn verwundert an und erwartete neue
Angriffe und Ausbrüche seines Zorns. Jener aber sagte: »Ich glaube,
je mehr ich diese unglücklichen Zeilen lese, die ich heute mittag auf
deinem Zimmer fand, immer mehr, daß du eigentlich doch unschuldig an
der miserablen Historie bist, nämlich, daß du vorher nichts wußtest
und die Person nicht kanntest; daß ich mein Weib in deinen Armen traf,
verzeihe ich dir, denn jene Person hatte aufgehört, mein zu sein, als
sie den törichten Brief an dich schrieb.«

»Es ist mir wegen unseres alten Verhältnisses erwünscht,« antwortete
Fröben, »wenn du die Sache so ansiehst, hauptsächlich auch, weil ich
dadurch Gelegenheit bekomme, vernünftig und ruhig mit dir über Josephe
zu sprechen. Fürs erste mein heiliges Wort, daß zwischen ihr und
mir bis heute mittag nie, auch früher nicht, etwas vorging, was im
geringsten ihrer Ehre nachteilig wäre; daß sie arm war, daß sie einmal
genötigt war, die Hilfe der Menschen anzurufen --«

»Nein, sag lieber, daß sie bettelte,« rief Faldner hitzig, »und nachts
auf den Straßen und Brücken der liederlichen Hauptstadt umherzog, um
Geld zu verdienen; ich hätte ja schon damals das Vergnügen ihrer nähern
Bekanntschaft haben können, ich war ja bei der rührenden Szene auf dem
Pont des Arts. Nein, wenn ich dir auch alles glaubte, ich bin dennoch
beschimpft; die Familie Faldner und eine Bettlerin!«

»Ihr Vater und ihre Mutter waren von gutem Hause --«

»Fabeln, Dichtung! Daß ich mich so fangen ließ; ebensogut hätte ich die
Kellnerin aus der Schenke heiraten können, wenn sie ein Bierglas im
Wappen führte und ein falsches Zeugnis ihrer Geburt brachte!«

»Das ist in meinen Augen das Geringste bei der Sache; die Hauptsache
ist, daß du sie gleich von Anfang wie eine Magd behandeltest und nicht
wie deine Frau; sie konnte dich nie lieben; ihr paßt nicht füreinander.«

»Das ist das rechte Wort,« entgegnete der Baron, »wir passen nicht
zusammen; der Freiherr von Faldner und eine Bettlerin können nie
zusammen passen. Und jetzt freut es mich erst recht, daß ich meinem
Kopf folgte und sie so behandelte, die Dirne hat es nicht besser
verdient. Ich hab' es ja gleich gesagt, sie hat so etwas Gemeines an
sich.«

Diese Roheit empörte den jungen Mann, er wollte ihm etwas Bitteres
entgegnen, aber er bezwang sich, um Josephen nützlich zu sein. Er
redete mit dem Baron ab, was hierin zu tun sei, und sie kamen dahin
überein, daß sie die ganze Sache vor die bürgerlichen Gerichte bringen
und gegenseitige Abneigung als Grund zur Trennung angeben sollten.
Freilich konnte bei ihren Glaubensverhältnissen keiner der beiden
Teile hoffen, in einer neuen Verbindung Trost zu finden; aber Josephen,
wenn sie auch mit Schrecken in eine hilflose Zukunft blickte, schien
kein Los so schwer, daß es nicht gegen die unwürdige Behandlung, die
sie in Faldners Hause erduldete, erträglich geschienen hätte, und der
Baron, wenn ihn auch in manchen einsamen Stunden Reue anwandelte,
suchte Zerstreuung in seinen Geschäften und Trost in dem Gedanken, daß
ja niemand seine Schande erfahren habe, eine Bettlerin von zweideutigem
Charakter zur Frau von Faldner gemacht zu haben.


35.

Einige Wochen nach diesem Vorfall ging Fröben in Mainz, wohin er
sich, um doch in Josephens Nähe zu sein, zurückgezogen hatte, auf
der Rheinbrücke abends hin und wieder. Er gedachte der sonderbaren
Verkettung des Schicksals, er dachte an mancherlei Auswege, die ihn
und die geliebte Frau vielleicht noch glücklich machen könnten; da
fuhr ein Reisewagen über die Brücke her, dessen wunderlicher Bau
die Aufmerksamkeit des jungen Mannes schon von weitem auf sich zog.
Bald aber haftete sein Auge nur noch an dem Bedienten, der auf dem
Bock saß; dieses braungelbe, heitere Gesicht, das neugierig um sich
schaute, schien ihm ebenso bekannt als die grellen Farben der Livree.
Als der Wagen, der sich auf der Brücke nur im Schritt weiter bewegen
durfte, näher herankam, bemerkte auch der Diener den jungen Mann und
rief: »San Jago di Compostella! Das ist er ja selbst!« Er riß das
Wagenfenster auf, das ihn von dem Innern des Wagens trennte, und sprach
eifrig hinein. Alsobald wurde auf der Seite des Wagens ein Fenster
niedergelassen und heraus fuhr das wohlbekannte Gesicht Don Pedros di
San Montanjo Ligez. Der Wagen hielt; der junge Mann sprang freudig
herzu, um den Schlag zu öffnen, und der alte Herr sank in seine Arme.
»Wo ist sie, wo habt Ihr sie, die Tochter meiner Laura? O, um der
heiligen Jungfrau willen, habt Ihr sie hier? Sagt an, junger Herr! Wo
ist sie?«

Der junge Mann schwieg betreten; er führte den Alten auf der Brücke
weiter und sagte ihm dann, daß sie nicht weit von dieser Stadt sich
aufhalte, und morgen wolle er ihn zu ihr führen.

Der Spanier hatte Freudentränen im Auge. »Wie danke ich Euch für die
Nachrichten, die Ihr mir gegeben!« sprach er. »Sobald ich Urlaub
bekommen hatte, setzte ich mich mit Diego in den Wagen und ließ mich
von W. bis hier täglich sechs Meilen fahren, denn länger hielt ich es
nicht aus. Und lebt sie glücklich? Sieht sie ihrer Mutter ähnlich, und
was erzählt sie von Laura Tortosi?« Fröben versprach, auf seinem Zimmer
alle seine Fragen zu beantworten. Er ließ, nachdem sich der Spanier ein
wenig ausgeruht und umgekleidet hatte, Xeres bringen, schenkte ein,
Diego reichte, wie damals, die Zigarren, und als Don Pedro recht bequem
saß, fing der junge Mann seine Erzählung an. Mit steigendem Interesse
hörte ihn der Spanier an; zu großem Aergernis Diegos ließ er seit
zwanzig Jahren zum erstenmal die Zigarre ausgehen, und als der junge
Mann an jene empörende Szene zwischen Faldner und der unglücklichen
Frau kam, da konnte er sich nicht mehr halten; sein altes, südliches
Blut kochte auf; er drückte den Hut tief in die Stirne, wickelte den
linken Arm in den Mantel und rief mit blitzenden Augen: »Meinen langen
Stoßdegen her, Diego, den mach' ich kalt, so wahr ich ein guter Christ
und spanischer Edelmann bin; ich stech' ihn nieder und hätte er ein
Kruzifix vor der Brust, ich bring' ihn um; ohne Absolution und ohne
alle Sakramente schick' ich ihn zur Hölle, so tu' ich. Bring mir mein
Schwert, Diego!«

Aber Fröben zog den zitternden, vom Zorn erschöpften Alten zu sich
nieder; er suchte ihm begreiflich zu machen, wie dies alles nicht nötig
sei, denn Josephe sei schon aus der Gewalt des rohen Menschen befreit
und lebe getrennt von ihm. Er holte, um ihn noch mehr zu besänftigen,
jenes Bild herbei und entfaltete es vor den staunenden Blicken Pedros.
Entzückt betrachtete es der Don. »Ja, sie ist es,« rief er, alles
übrige vergessend, »meine arme, unglückliche Laura!« Und weinend
umarmte er den jungen Mann, nannte ihn seinen lieben Sohn und dankte
ihm mit gebrochener Stimme für alles, was er an der unglücklichen
Mutter und ihrer armen Tochter getan.

Am andern Morgen brach er mit Fröben nach dem Gut der Gräfin auf. Es
war ein rührender Anblick, wie der alte Mann die schöne jugendliche
Gestalt Josephens umschlungen hielt, wie er ihre Züge aufmerksam
betrachtete, wie seine strengen Züge immer weicher wurden, wie er sie
dann gerührt auf Auge und Mund küßte. »Ja, du bist Lauras Tochter!«
rief er. »Dein Vater hat dir nichts gegeben als sein blondes Haar, aber
das sind ihre lieben Augen, das ist ihr Mund, das sind die schönen
Züge der Tortosi! Sei meine Tochter, liebes Kind; ich habe keine
Verwandten und bin reich; durch Verwandtschaft, mein Herz und einen
zwanzigjährigen Gram gehörst du mir näher an als irgend jemand auf der
Erde!« Ihre Blicke, die über seine Schultern weg auf Fröben fielen,
schienen diese letztere Behauptung nicht gerade zu bestätigen, aber
sie küßte gerührt seine Hand und nannte ihn ihren Oheim, ihren zweiten
Vater.

Die Freude des Wiedersehens dauerte übrigens nur wenige Tage. Don Pedro
erklärte sehr bestimmt, daß ihn seine Geschäfte nach Portugal rufen
und zugleich schien er gar nicht einzusehen, was Josephen abhalten
könnte, ihm dahin zu folgen; er hegte zu strenge Grundsätze über die
Artikel seiner Kirche, als daß er den Gedanken für möglich gehalten
hätte, Fröben könne Josephe, die getrennte Gattin eines andern, zur
Frau begehren. Es ist uns nicht bekannt geworden, was die Liebenden
über diesen strittigen Punkt verhandelten; nur so viel ist gewiß, daß
Fröben einigemal darauf hindeutete, sie solle zum evangelischen Glauben
zurückkehren, daß sie jedoch, zwar mit unendlichem Schmerz, aber sehr
bestimmt, diesen Vorschlag abwies. Oft soll ihr der junge Mann in
Verzweiflung über die herannahende Trennung vorgeschlagen haben, sie
solle Don Pedro ziehen lassen, sie solle für sich leben, in Deutschland
bleiben, er wolle, wenn er nicht ihr Gatte werden könne, auf immer
als Freund um sie sein. Aber auch dies lehnte sie ab; sie gestand ihm
offen, daß sie sich zu schwach fühle, ein solches Verhältnis mit Ehren
hinauszuführen, und stolzer gemacht durch ihr Unglück, bebte sie zurück
vor dem Gedanken an eine unwürdige Verbindung mit einem Mann, den sie
so hoch achtete, als sie ihn liebte. Allein mit sich, gestand sie sich
wohl, daß ein noch edelmütigerer Gedanke ihre Schritte lenke. »Sollte
er,« sagte sie zu sich, »die Blüte des Lebens an ein unglückliches
Geschöpf verlieren, das ihm nur Freundin sein darf? Soll er den hohen
Genuß häuslicher Freuden, das Glück, Kinder und Enkel um sich zu
versammeln, wegen meiner aufgeben? Nein, er hat mich schon einmal
verloren und die Zeit wird auch jetzt seinen Schmerz lindern, er wird
ein unglückliches Wesen vergessen, das ewig an ihn denken, ihn lieben,
für ihn beten wird.«

So schienen denn jene prophetischen Worte Josephens: »Auf immer!« in
Erfüllung zu gehen. Don Pedro verließ mit seiner neuen Verwandten das
Gut der Gräfin, um durch Holland auf die See zu gehen. Fröben, den
vielleicht nur der Gedanke, Josephen bald nach Portugal nachzufolgen
und dort ihr Freund zu sein, aufrecht erhielt, geleitete die Geliebte
auf der Reise durch Deutschland und Holland; und so oft sie ihn bat,
durch längeres Begleiten die Tage der Trennung nicht noch schwerer
zu machen, bat er mit Tränen im Auge: »Nur bis ans Meer und dann auf
immer!«


36.

Im August dieses Jahres wurde in Ostende ein englisches Schiff klar,
das nach Portugal Schiffsgut und Passagiere brachte. Es war ein
schöner Morgen, die Nebel hatten sich gesenkt und die Tage schienen
für die Fahrt günstig werden zu wollen. Es war um neun Uhr morgens,
als ein Kanonenschuß von dem Engländer herüberschallte, zum Zeichen,
daß die Passagiere sich an die Küste begeben sollen. Zu gleicher Zeit
ruderte eine Schaluppe heran und warf ihr Brett aus, um die Reisenden
einzunehmen. Vom Land her kamen viele Personen mit Gepäck, gingen über
das Brett, und bald war die Schaluppe voll und die erste Ladung wurde
an Bord gebracht. Ehe noch die Schaluppe zum zweitenmal anlegte, sah
man vier Personen sich dem Strande nähern, die sich durch Gang, Haltung
und Kleidung von den übrigen ärmlicheren Passagieren unterschieden. Ein
hoher, ältlicher Mann ging stolzen Schrittes voraus; er hatte einen
breitgekrempten Hut auf und den Mantel so kunstreich und bequem um die
Schultern geschlagen, daß ein Schiffer, der ihn kommen sah, ausrief:
»Ich laß mich fressen, wenn es kein Spanier ist!« hinter jenem kam ein
jüngerer Herr, der eine schöne, schlankgebaute Dame führte. Der junge
Herr war sehr bleich, schien einen großen Kummer niederzukämpfen, um
durch Zureden einen noch größeren bei der Dame zu beschwichtigen. Ihr
schönes Gesicht war um Auge und Stirne von heftigem Weinen gerötet,
der Mund schmerzlich eingepreßt und die Wangen und untern Teile des
Gesichtes sehr bleich. Sie ging schwankend, auf den Arm des jungen
Mannes gestützt; ein Hütchen mit wallenden Straußfedern; ein wallendes
Kleid von schwerem schwarzen Seidenzeug, um Hals und Busen reiche
Goldketten, schienen nicht zur Reise zu passen, und man konnte daher
glauben, daß sie den jungen Mann an Bord begleite; hinter beiden ging
ein Diener in bunten Kleidern; er trug einen großen Sonnenschirm unter
dem Arm und hatte ein spanisches Netz über seine dunkeln Haare gezogen.

Als sie so weit herabgekommen waren, wo der Sand von der vorigen Flut
noch feucht war, an die Stelle, wo man das Brett nach der Schaluppe
auswarf, blieben sie stehen, und das schöne junge Paar sah nach dem
Schiff, dann sahen sie sich an und die Dame legte ihr Haupt auf die
Schulter des Mannes, daß die Straußfedern um sein Gesicht spielten und
seine stillen Tränen den Augen der Neugierigen verbargen. Der alte Herr
stand nicht weit davon, wickelte sich, finster auf die See blickend,
tief in seinen Mantel, und sein Auge blinkte, man wußte nicht ob von
einer Träne oder dem Widerschein der glänzenden Wellen. Jetzt kam die
Schaluppe plätschernd ans Ufer; das Brett wurde ausgeworfen und ein
donnernder Schuß vom Schiffe schreckte das Paar aus seiner Umarmung.
Der alte Herr trat heran, bot dem jungen Mann die Hand, schüttelte sie
kräftig und stieg dann schnell über das Brett, sein Diener folgte,
nachdem auch er dem Jüngling herzlich die Hand geboten. Jetzt umarmten
sich die jungen Leute noch einmal; er wandte sich zuerst los und führte
die Dame nach dem Brett. »Auf immer!« flüsterte sie mit wehmütigem
Lächeln. »Auf immer!« antwortete der junge Mann, indem er sie bebend,
mit Tränen ansah. Noch einen Händedruck und sie wandte sich, das
Brett hinanzusteigen. Schon stand sie oben, der Oberbootsmann, ein
breiter Engländer, wartete am Brett, streckte seine breite Hand aus,
um die schöne Dame zu empfangen, und hatte schon einige gutgemeinte
Trostgründe in Bereitschaft. Da wandte sie von dem unendlichen Meer
ihr dunkles Auge noch einmal zurück nach dem jungen Mann. Ihre hohe
herrliche Gestalt schwebte kühn auf dem schmalen Brett, ihr schlanker
Hals war nach dem Land zurückgebogen, die schwankenden Federn des Hutes
schienen hinüberzugrüßen. Er breitete die Arme aus, in seinen Zügen
mischte sich die Seligkeit der Liebe mit dem Schmerz der Trennung. Da
schien sie ihrer selbst nicht mehr mächtig zu sein; sie sprang über
das Brett und hinab auf das Land, und ehe der Bootsmann die Hände vor
Verwunderung zusammenschlagen konnte, hing sie schon an des jungen
Mannes Hals, an seinen Lippen. »Nein, ich kann nicht über das Meer,«
rief sie, »ich will bleiben; ich will alles tun, was du willst, will
diese Fesseln eines Glaubens von mir werfen, der mich hindert, meinem
bessern Gefühl zu folgen; du bist mein Vaterland, meine Familie, mein
alles; ich bleibe!«

»Josephe, meine Josephe!« rief der junge Mann, indem er sie mit
stürmischem Entzücken an sein Herz drückte. »Mein, mein auf immer? Ein
Gott hat dein Herz gelenkt, o, ich wäre untergegangen unter der Qual
dieser Trennung!« Sie hielten sich noch umschlungen, als der alte Herr
mit hastigen Schritten über Bord und das Brett herabstieg und zu der
Gruppe trat: »Kinder,« sagte er, »einmal Abschied zu nehmen wäre genug
gewesen; komm, Josephe, es hilft ja doch zu nichts, sie werden gleich
zum drittenmal schießen.«

»Laßt sie mit Stückkugeln schießen, Don Pedro,« rief der junge Mann mit
freudig verklärten Zügen, »sie bleibt hier, sie bleibt bei mir!«

»Was höre ich?« erwiderte jener sehr ernst. »Ich will nicht hoffen, daß
dies so ist, wie der Kavalier sagt; du wirst deinem Verwandten folgen,
Josephe!«

»Nein!« rief sie mutig, »als ich dort oben auf dem Rand der Schaluppe
stand und hinaussah auf diese Fluten, die mich von ihm trennen sollten,
da stand fest in mir, was ich zu tun habe; meine Mutter hat mir den
Weg gezeigt; sie ist einst dem Mann ihres Herzens in die weite Welt
gefolgt, hat Vater und Mutter verlassen aus Liebe; ich weiß, was auch
ich zu tun habe, hier steht der, dem meine arme Mutter ihre letzten
süßen Stunden, dem ich Leben, Ehre, alles verdanke, und ich sollte ihn
verlassen? Grüßet die Gräber meiner Ahnen in Valencia, Don Pedro, und
saget ihnen, daß es noch eine aus dem Stamm der Tortosi gibt, der die
Liebe höher gilt als das Leben!«

Don Pedro wurde weich. »So folge deinem Herzen, vielleicht ratet es dir
besser als ein alter Mann; ich weiß dich zum mindesten glücklich in den
Armen dieses edlen Mannes, und sein hoher Sinn bürgt mir dafür, daß ihm
unsere Ehre nicht minder hoch als die seine gilt. Aber, Don Fröbenio,
was werden Sie zu Ihren stolzen Verwandten sagen, wenn Sie dieses Kind
des Elends vorstellen? Gott! Werden Sie auch den Mut haben, den Spott
der Welt zu ertragen?«

»Fahre wohl, Don Pedro,« sagte der junge Mann mit mutigem Gesicht,
indem er jenem die eine Hand zum Abschied bot und mit der andern die
Geliebte umschlang; »seid getrost und verzaget nicht an mir. Ich werde
sie der Welt zeigen, und wenn man mich fragt: Wer war sie denn? so
werde ich mit freudigem Stolz antworten: Es war _die Bettlerin vom Pont
des Arts_.«



Jud Süß.


1.

Der Karneval war nie in Stuttgart mit so großem Glanz und Pomp gefeiert
worden als im Jahr 1737. Wenn ein Fremder in die ungeheuren Säle trat,
die zu diesem Zwecke aufgebaut und prachtvoll dekoriert waren, wenn
er die Tausende von glänzenden und fröhlichen Masken überschaute, das
Lachen und Singen der Menge hörte, wie es die zahlreichen Fanfaren der
Musikchöre übertönte, da glaubte er wohl nicht in Württemberg zu sein,
in diesem strengen, ernsten Württemberg, streng geworden durch einen
eifrigen, oft asketischen Protestantismus, der Lustbarkeiten dieser Art
als Ueberbleibsel einer andern Religionspartei haßte; ernst, beinahe
finster und trübe durch die bedenkliche Lage, durch Elend und Armut,
worein es die systematischen Kunstgriffe eines allgewaltigen Ministers
gebracht hatten.

Der prachtvollste dieser Freudentage war wohl der zwölfte Februar,
an welchem der Stifter und Erfinder dieser Lustbarkeiten und so
vieles andern, was nicht gerade zur Lust reizte, der _Jud Süß_,
Kabinettsminister und Finanzdirektor, seinen Geburtstag feierte. Der
Herzog hatte ihm Geschenke aller Art am Morgen dieses Tages zugesandt;
das angenehmste aber für den Kabinettsminister war wohl ein Edikt,
welches das Datum dieses Freudentages trug, ein Edikt, das ihn auf ewig
von aller Verantwortung wegen Vergangenheit und Zukunft freisprach.
Jene unzähligen Kreaturen jeden Standes, Glaubens und Alters, die er an
die Stelle besserer Männer gepflanzt hatte, belagerten seine Treppen
und Vorzimmer, um ihm Glück zu wünschen, und manchen ehrliebenden,
biedern Beamten trieb an diesem Tage die Furcht, durch Trotz seine
Familie unglücklich zu machen, zum Handkuß in das Haus des Juden.

Dieselben Motive füllten auch abends die Karnevalsäle. Seinen Anhängern
und Freunden war es ein Freudenfest, das sie noch oft zu begehen
gedachten; Männer, die ihn im stillen haßten und öffentlich verehren
mußten, hüllten sich zähneknirschend in ihre Dominos und zogen mit Weib
und Kindern zu der prachtvollen Versammlung der Torheit, überzeugt,
daß ihre Namen gar wohl ins Register eingetragen und die Lücken schwer
geahndet würden; das Volk aber sah diese Tage als Traumstunden an,
wo sie im Rausch der Sinne ihr drückendes Elend vergessen könnten;
sie berechneten nicht, daß die hohen Eintrittsgelder nur eine neue
indirekte Steuer waren, die sie dem Juden entrichteten.

Der Glanzpunkt dieses Abends war der Moment, als die Flügeltüren
aufflogen, eine erwartungsvolle Stille über der Versammlung lag, und
endlich ein Mann von etwa vierzig Jahren, mit auffallenden, markierten
Zügen, mit glänzenden, funkelnden Augen, die lebhaft und lauernd durch
die Reihen liefen, in den Saal trat. Er trug einen weißen Domino, einen
weißen Hut mit purpurroten Federn, auf welchen er die schwarze Maske
nachlässig gesteckt hatte; es war nichts Prachtvolles an ihm als ein
ungewöhnlich großer Solitär, welcher am Hals die purpurrote Bajute von
Seidenflor, die über den Domino herabfiel, zusammenhielt. Er führte
eine schlanke, zartgebaute Dame, die, in ein mit Gold und Steinen
überladenes orientalisches Kostüm gekleidet, aller Augen auf sich zog.

»Der Herr Finanzdirektor, der Herr Minister,« flüsterte die Menge,
als er vornehm grüßend durch die Reihen ging, die sich ihm willig
öffneten; und als er in der Mitte des Hauptsaales angekommen war,
begrüßten ihn Trompeten und Pauken und ein nicht unbeträchtlicher Teil
der Masken klatschte ihm Beifall, während man andere wie von einem
unzüchtigen Schauspiele sich abwenden sah. Aber allgemein schien die
Teilnahme, womit man die schöne Orientalin betrachtete, die mit dem
Minister gekommen war. Seine Lebensweise war zu bekannt, als daß nicht
die meisten unter der Larve der reich geschmückten Dame eine seiner
Freundinnen geahnet hätten, nur darüber schien man uneinig, welcher
von diesen solche Auszeichnung zu teil geworden sei; die eine schien
zu klein für diese Figur, die andere zu korpulent für diese zierliche
Taille, die dritte zu schwerfällig, um so leicht und beinahe schwebend
über den Boden zu gleiten, und einer vierten, bei welcher man endlich
stille stehen wollte, konnte nicht dieses glänzend schwarze Haar, das
in reichen Locken um den stolzen Nacken fiel, nicht dieses herrliche,
dunkle Auge gehören, das man aus der Maske hervorleuchten sah.

Die Menge pflegt, wenn ihre Neugier nicht sogleich befriedigt wird,
bei Gelegenheiten von so glänzender und rauschender Art, wie dieser
Karneval war, nicht lange bei _einem_ Gegenstand stille zu stehen.
»Wenn sie die Maske abnimmt, wird man ja sehen!« sprach man, ohne der
Dame noch längere Aufmerksamkeit zu schenken, als nötig war, um zu
bemerken, wie sie zum Menuett antrat. Aber drei junge Männer, die müßig
hinter den Reihen der Tanzenden standen, schienen diese Erscheinung
noch immer unablässig zu verfolgen.

»Wer sie nur sein mag?« rief der eine ungeduldig. »Ich wollte gern
dem verzweifelten Juden fünfzig Eintrittskarten abkaufen, wenn er mir
sagte, woher dieses Mädchen kommt, das er wie eine Fürstin in den Saal
führte.«

»Herr Bruder!« erwiderte der zweite, indem er unter dem Sprechen kein
Auge von der Orientalin abwandte: »Herr Bruder, ~Parole d'honneur~!
Diese Widersprüche kann ich nicht vereinigen, und wenn ich bei
Cartesius selbst die Logik samt dem ›~cogito, ergo sum~‹ studiert
hätte; eine so ungewöhnliche feine Gestalt, diese Haltung, diese nach
den neuesten und vornehmsten Regeln abgemessene Bewegung, diese Art,
das Handgelenk rund und spielend zu bewegen, wie ich sie nur in den
bedeutendsten Zirkeln zu Wien und Paris sah, dieser Anstand, womit sie
den Nacken trägt --«

»Gott verdamm' mich, du hast recht, Herr Bruder!« unterbrach ihn der
dritte. »Dieses alles und -- mit Süß auf den Ball zu kommen! Nein, ein
solcher Kontrast ist mir in meinem Leben nicht vorgekommen!«

»Aus unserer Bekanntschaft,« fuhr der erste fort, »aus unsern Kreisen
kann sie nicht sein; denn wenn es auch wahr ist, was man flüstert,
daß schon mancher elende Kerl von einem Vater seine Tochter mit einer
Bittschrift zum Juden schickte, so laut läßt keiner seine Schande
werden, daß er sein leibliches Kind mit dieser Mazette auf den Ball
schickt!«

»Bitte dich ums Himmels willen, Herr Bruder, nicht so laut, er hat
überall seine Spione, und uns ist er ohnedies nicht grün; denk an deine
Familie, willst du dich unglücklich machen? Aber wahr ist's, es kann
kein Mädchen aus bessern Ständen sein, und doch ist ihr Wesen für eine
Bürgerstochter zu anständig. Doch halt, wer ist der Sarazene, der dort
auf uns zukommt? Die Farbe seines Turbans ist ja dieselbe, wie ihn die
Scharmante des Juden hat!«

Die jungen Männer wandten sich um und sahen einen schlanken,
schöngewachsenen Mann, der, als Sarazene gekleidet, sich durch
die einfache Pracht seines Kostüms wie durch Gang und Haltung vor
gemeineren Masken auszeichnete. Auch er schien die jungen Männer ins
Auge gefaßt zu haben, denn er ging langsam an sie heran und zögerte, an
ihnen vorüber zu schreiten.

»Was ist deine Parole?« fragte der eine der jungen Männer, der in der
Maske einen Freund zu erkennen glaubte. »Hast du nur dein _Allah_ zum
Feldgeschrei, oder weißt du sonst ein Sprüchlein?«

»~Gaudeamus igitur, juvenes dum sumus~,« erwiderte der Sarazene, indem
er stille stand.

»Er ist's, er ist's,« riefen zwei dieser jungen Herren und schüttelten
die Hand des Sarazenen. »Gut, daß wir die Parole gaben, ich hätte sonst
kein Erkennungszeichen für dich gehabt, denn ich war meiner Sache so
gewiß, du seiest als Bauer hier, daß ich mit dem Kapitän eine Flasche
gewettet habe, du müßtest ein Bauer sein!«

»Laßt uns ans Büffet treten,« sagte der zweite, »ich habe dir hier
jemand vorzustellen, Bruder Gustav, der sich auf deine Bekanntschaft
freut, und du weißt, in Larven erkennt man sich schlecht.«

»Freund,« erwiderte Gustav, »ich nehme die Larve nicht ab, ich habe
Gründe; so angenehm mir die Bekanntschaft dieses Herrn wäre, so muß ich
sie doch bis morgen versparen.«

»Und wenn es nun Pinassa wäre, nach welchem du so oft gefragt?«
antwortete jener.

»Pinassa? Mit dem du dich geschlagen? Nein, das ändert die Sache, den
will ich sehen und begrüßen; aber -- meine Maske nehme ich nur auf zwei
Augenblicke und im fernsten Winkel des Speisesaals ab.«

»Wir sind's zufrieden, Bruder Sarazene,« antwortete der Kapitän. »Aber
laß uns nur erst an die zweite Flasche kommen, dann sollst du auch die
Gründe beichten, warum du dein Angesicht nicht leuchten lassen willst
vor den Freunden!«


2.

In dem Speisesaal, welchen sie wählten, waren nur wenige Menschen,
denn man verkaufte hier nur ausgesuchte Weine, feine Früchte und warme
Getränke, während die größeren Trinkstuben, wo Landwein, Bier und
derbere Speisen zu haben waren, die größere Menge an sich zogen. In
einer Ecke des Zimmers war ein Tischchen leer, wo der Sarazene, wenn
er dem übrigen Teil des Saales den Rücken kehrte, ohne Gefahr, erkannt
zu werden, die Maske abnehmen konnte. Sie wählten diesen Platz, und
als die vollen Römer vor ihnen standen, legten die zwei jungen Krieger
die Masken ab, und der Kapitän begann: »Herr Bruder, ich habe die
Ehre, dir hier den unvergleichlichen Kavalier Pinassa vorzustellen,
den berühmtesten Fechter seiner Zeit; denn es gelang ihm, durch eine
unbesiegliche Terz-Quart-Terz, _mich_, bedenke, mich den Senior des
Amicistenordens, in Leipzigs unvergeßlichem Rosenthal ~hors de combat~
zu machen. Er hat gleich mir die Musen verlassen, hat gesungen: ›Will
mich Minerva nicht, so mag Bellona raten‹, und hat den alten Hieber
und sein ungeheures Stichblatt, worauf er sein Frühstück zu verzehren
pflegte, mit dem Paradedegen eines herzoglich württembergischen
Leutnants vertauscht.«

»Der Tausch ist nicht übel, Herr von Pinassa, und mein Vaterland kann
sich dazu Glück wünschen,« sagte der Sarazene, indem er sich vor dem
neuen Leutnant verbeugte. »Wolltet Ihr einmal in unsern Dienst treten,
so war diese Laufbahn die angenehmste. Der Zivilist hat zu dieser Zeit
wenig Aussicht, wenn er nicht ein Amt für fünftausend Gulden oder für
sein Gewissen und ehrlichen Namen beim Juden kaufen will. Doch diese
dünnen Bretterwände haben Ohren -- stille davon, es ist doch nicht zu
ändern. Wie anders sind Eure Verhältnisse! Der Herzog ist ein tapferer
Herr, dem ich einen Staat von zweimalhunderttausend Kriegern gönnen
möchte; für uns -- ist er zu groß. Der Krieg ist sein Vergnügen, ein
Regiment im Waffenglanz seine Freude; leider fällt für uns andere
selten eine müßige Stunde ab, und daher kommt es, daß diese Juden und
Judenchristen das Zepter führen. Er gilt für einen großen General, er
hat mit Prinz Eugen schöne Waffentaten verrichtet, und ein schlanker,
junger Mann, mit einer Narbe auf der Stirne, Mut in den Blicken, wie
Ihr, Herr von Pinassa, ist ihm jederzeit in seinem Heere willkommen.«

»Was der Sarazene altklug sprechen kann über Juden und Christen!«
sprach der Kapitän. »Doch öffne dein Visier und zeige deine Farben,
mein Kamerad soll nun auch wissen, mit wem er spricht: das ist der
umsichtige, rechtskundige, fürtreffliche Herr ~Juris utriusque~ Doctor
Lanbek, leiblicher Sohn des berühmten Landschaftskonsulenten Lanbek,
welchem er als Aktuarius substituiert ist; ein vortrefflicher Junge,
~Parole d'honneur~, wenn er sich nicht in neuerer Zeit hin und wieder
durch sonderbare Melancholie prostituierte, noch trefflicher, wenn ihm
der Herr auch einen Sinn für das schöne Geschlecht eingepflanzt hätte.«

Lanbek nahm bei diesen Worten die Maske ab und zeigte dem neuen
Bekannten ein errötendes Gesicht von hoher Schönheit. Unter dem Turban
stahlen sich gelbe Locken hervor und umwallten kunstlos und ungepudert
die Stirne. Eine kühn gebogene Nase und dunkle, tiefblaue Augen gaben
seinem Gesicht einen Ausdruck von unternehmender Kraft und einen
tiefen Ernst, der mit den weichen Haaren und ihrer sanften Farbe in
überraschendem Widerspruch war. Doch das Strenge dieser Züge und dieser
Augen milderte ein angenehmer Zug um den Mund, als er antwortete: »Ich
öffne mein Visier und zeige Euch ein Gesicht, das Euch recht herzlich
bei uns willkommen heißt. Ich trinke auf Euer Wohl dieses Glas, dann
aber werdet Ihr entschuldigen, wenn ich aufbreche.«

»~Pro poena~ trinkst du zwei,« rief der Kapitän mit komischem Pathos,
indem er einen ungeheuren Hausschlüssel aus der Tasche nahm und ihn
als Zepter gegen den Sarazenen senkte. »Hast du so wenig Ehrfurcht vor
deinem Senior, daß du dich erfrechst, ~in loco~ Gläser zu trinken, ohne
daß sie dir ordentlich vom Präses diktiert sind? ~O tempora, o mores!~
Wo ist Zucht und Sitte dieser Füchse hin? Pinassa! Zu unserer Zeit war
es doch anders!«

Die jungen Männer lachten über diese klägliche Reminiszenz des
ehemaligen Amicistenseniors; der Kapitän aber faßte Lanbek schärfer
ins Auge und sagte: »Herr Bruder, nimm mir's nicht übel, aber in dir
steckte schon lange etwas wie ein Fieber, und heute abend ist die
Krisis; ich setze meine verlorene Flasche, davon geht nichts ab, aber
ich wette zehn neue; sei ehrlich, Gustav -- du warst heute abend schon
als Bauer hier, und dein Alter weiß nichts vom Sarazenen.«

Gustav errötete, reichte dem Freunde die Hand und winkte ihm ein Ja zu.

»Alle Tausend!« rief der Kapitän. »Junge, was treibst du? Wer hätte das
hinter dem stillen Aktuarius gesucht? Auf dem Karneval das Kostüm zu
ändern! Und so ängstlich, so geheimnisvoll, so abgebrochen; willst du
etwa dem Juden zu Leibe gehen?«

Der Gefragte errötete noch tiefer und nahm schnell die Maske vor; ehe
er noch antworten konnte, sagte Reelzingen: »Herr Bruder, du bringst
mich auf die rechte Fährte. Wo habt ihr beide, du und die Orientalin,
die der Finanzdirektor führte, das Zeug zu euren Turbanen gekauft?
Gustav, Gustav!« setzte er, mit einem Finger drohend, hinzu. »Du wohnst
dem Juden gegenüber, ich wette, du weißt, wer die stolze Donna ist, die
er führt.«

»Was weiß ich!« murmelte Lanbek unter seiner Larve.

»Nicht von der Stelle, bis du es sagst,« rief der Kapitän; »und wenn
du auf deinem Trotz beharrst, so schleiche ich mich an die Orientalin
und flüstere ihr ins Ohr, der Sarazene habe mich in sein Geheimnis
eingeweiht.«

»Das wirst du nicht tun, wenn ich dich ernstlich bitte, es zu
unterlassen,« erwiderte der junge Mann, wie es schien, sehr ernst;
»wenn ich übrigens Vermutungen trauen darf, so ist es Lea Oppenheimer,
des Ministers Schwester. Und nun adieu! Wenn ihr mir im Saal begegnen
solltet, kennt ihr mich nicht, und Reelzingen, wenn mein Vater fragt --«

»So weiß ich nichts von dir, versteht sich,« erwiderte dieser. Der
Sarazene erhob sich und ging. Die Freunde aber sahen einander an, und
keiner schien zu wissen, ob er recht gehört habe, oder wie er dies
alles deuten sollte. »Hat denn der Jude eine Schwester?« fragte Pinassa.

»Man sprach vor einiger Zeit davon, daß er eine Schwester zu sich
genommen habe, doch hielt man sie für noch ganz jung, weil sie sich
nirgends sehen läßt;« erwiderte Reelzingen nachdenklich. »Und wie er
errötete, Herr Bruder, du wirst sehen, da läßt auch einmal wieder der
Satan einen vernünftigen Jungen einen dummen Streich machen.«


3.

Lanbek irrte, als er die Freunde verlassen hatte, in den Sälen umher;
seine Blicke gleiteten unruhig über die Menge hin, sein Gesicht glühte
unter der Larve, und mühsam mußte er oft nach Atem suchen, so drückend
war die Luft in dem Saale und so schwer lag Erwartung, Sehnsucht und
Angst auf seinem Herzen. Dichter und stürmischer drängte sich die
Menge, als er in die Mitte des zweiten Saales kam; mit Mühe schob er
sich noch eine Zeitlang durch, aber endlich riß ihn unwillkürlich der
Strom fort, der sich nach einer Seite hindrängte, und ehe er sich
dessen versah, stand er an einem Spieltisch, wo _Süß_ mit einigen
seiner Finanzräte Karten spielte. Große Haufen Goldes lagen auf dem
Tische, und die neugierige Menge beobachtete den berühmtesten Mann
ihres Landes und teilte sich flüsternd und murmelnd Bemerkungen mit
über die ungeheuren Summen, die er, ohne eine Miene zu verändern,
hingab oder gewann.

Gustav hatte den Gewaltigen noch nie so in der Nähe beobachtet wie
jetzt, da er, festgehalten durch die Menge, die wie eine Mauer um ihn
stand, zum unwillkürlichen Beobachter wurde. Er gestand sich, daß
das Gesicht dieses Mannes von Natur schön und edel geformt sei, daß
sogar seine Stirne, sein Auge durch Gewohnheit zu herrschen etwas
Imponierendes bekommen haben; aber feindliche, abstoßende Falten lagen
zwischen den Augenbrauen da, wo sich die freie Stirne an die schön
geformte Nase anschließen wollte, das Bärtchen auf der Oberlippe konnte
einen hämischen Zug um den Mund nicht verbergen; und wahrhaft greulich
schien dem jungen Mann ein heiseres, gezwungenes Lachen, womit der
jüdische Minister Gewinn oder Verlust begleitete.

Während die Herren, von der Menge umlagert, spielten und auf irgend
etwas zu warten schienen, trat ein Mann in der Kleidung eines Bauern
aus der Steinlach aus den Reihen der Neugierigen; ein alter Hut auf
dem Kopf, eine grobe blaue Jacke, eine rote Weste mit großen Knöpfen
von Zinn, Beinkleider von gelbem Leder und schwarze Strümpfe machten
sein unscheinbares Kostüm aus; aber er trug eine sehr feine, gutgemalte
Larve. Er stützte sich nach Art der Landleute mit der Hand auf den fünf
Fuß hohen Knotenstock, legte sein Kinn auf die Hand und sprach in gut
nachgeahmtem Dialekt des Steinlachtals: »Viel Geld habt Ihr daliegen,
Herr! Und habt alles selbst verdient?«

Der Minister sah sich um und bemühte sich, über diese Maskenfreiheit
zu lächeln. Vielleicht mochte ihm diese Gelegenheit erwünscht kommen,
um sich ein populäres Ansehen zu geben, denn er antwortete freundlich:
»Guten Abend, Landsmann.«

»Euer Landsmann bin ich gerade nicht,« erwiderte der Bauer mit großer
Ruhe: »so wie ich tragen sich gewöhnlich die Mausche nicht.« Ein
unterdrücktes Lachen flog durch die Reihen der Zuschauer. Der Minister
schien es aber nicht zu bemerken, denn er fuhr ganz leutselig fort: »Du
bist witzig, mein Freund.«

»Gott bewahr' mich, daß ich Euer Freund sei, Herr Süß,« entgegnete der
Bauer. »Wär' ich Euer Freund, so ging' ich wohl nicht in dem schlechten
Rock und durchlöcherten Hut; Ihr macht ja Eure Freunde reich.«

»Nun, dann muß ganz Württemberg mein Freund sein, denn ich mache es
reich,« sagte Süß und begleitete seine Rede mit heiserem, unangenehmem
Lachen.

»Ihr seid ein Allerweltsgoldmacher,« entgegnete der Bauer. »Wie schön
diese Dukaten sind; wieviel Schweißtropfen armer Leute gehen wohl auf
ein solches Goldstück?«

»Du bist ein kapitaler Kerl!« rief Süß, ganz ruhig weiter spielend.

Als der Bauer zu einer neuen Rede ansetzen wollte, zog eine neue
Gestalt die Aufmerksamkeit auf sich. Es war ein Mann, dessen Kostüm
beinahe ebenso war wie des Bauers, nur hatte er einen langen, spitzen
Bart am Kinn, und trug einen Tressenrock. Der Bauer sah ihn eine
Zeitlang verwundert an, schüttelte ihm dann die Hand und rief: »Ei
Hans! Wo kommst du her, und so schmuck und stattlich! Gar nicht mehr
wie unsereiner!«

»Das macht,« erwiderte Hans, indem er aus einer silbernen Dose
schnupfte, »ich bin bei einem vornehmen Herrn in Dienst getreten.«

»Wer ist denn dein Herr?« fragte der Bauer.

»Ein Schinder, aber ein vornehmer. Meinst du, er schindet gemeines
Vieh, Pferde, Hunde und dergleichen? Nein, ein Leuteschinder ist er und
noch überdies ein Kartenfabrikant.«

»Ein Kartenfabrikant?« rief der Bauer.

»Jawohl, denn alle Karten im Lande muß man von ihm kaufen, er stempelt
sie; er ist aber auch ein Gerber.«

»Wie das?«

»Nun alle Gerber im Lande müssen die Häute gegerbt von ihm kaufen; er
ist aber auch ein Prägestock.«

»Wie! ein Prägestock?«

»Ja, er macht alles Geld, was im Lande ist.«

»Das ist erlogen,« sagte der Bauer, »du willst sagen, er macht alles zu
Geld, was im Lande ist; aber darum ist er noch kein Prägestock. Es gibt
nur _einen_ Prägestock in Württemberg, der dem Land seinen Namenszug
aufgedrückt hat.«

Die Menge hatte bisher nur ihren Beifall gemurmelt, aber bei der
letzten Anspielung auf die Münze brach sie in lautes Gelächter aus; die
Stirne des Gewaltigen verfinsterte sich etwas, aber noch immer spielte
er ruhig weiter.

»Aber warum hast du dir den Bart so spitzig wachsen lassen?« fragte der
Bauer weiter. »Das sieht ja ganz jüdisch aus.«

»Es ist halt so Mode,« erwiderte Hans, »seit die Juden Meister im Lande
sind; bald will ich vollends ganz jüdisch werden.«

Als Hans diese letzten Worte sprach, rief eine vernehmliche Stimme aus
dem dicksten Haufen: »Warte noch ein paar Wochen, Hans, dann kannst du
gut katholisch werden.«

Wem je der schreckliche Anblick wurde, wie in einer volkreichen
Straße, durch Unvorsichtigkeit oder Bedacht entzündet, eine Tonne
Pulvers aufspringt, dem bot sich kaum eine so seltsame Szene dar, als
die, welche diese wenigen geheimnisvollen Worte hervorbrachten. Der
Minister, bleich wie eine Leiche, springt vom Sessel auf, er wirft die
Karten mit wütendem Blick auf den Tisch: »Wer sagt dies? Greift ihn
im Namen des Herzogs!« ruft er und stürzt, wie von einer unsichtbaren
Macht getrieben, auf die Menge; seine Genossen, nicht weniger bestürzt,
aber besonnener, ergreifen seinen Arm und ziehen ihn zurück, suchen
ihn zu beschwichtigen -- sein dunkles Auge will sich durch die Menge
bohren, um den Gegenstand seiner Wut zu fassen, die Masken murmeln
unwillig und drängen sich; doch als der gefürchtete Mann seine Hand
nach dem Bauer ausstreckt und ruft: »So sollst du mir für ihn haften,«
da ist er plötzlich von einer drohenden Menge umringt. »Maskenfreiheit,
Jude!« hört man in dumpfen, gefährlichen Tönen, der Bauer und sein
Geselle sind in einem Augenblick von ihm getrennt, verschwunden, und so
schnell als er vorhin umringt war, ist er wieder verlassen, denn die
Menge zerstiebt, von geheimer Furcht gejagt, nach allen Seiten.

Das Gedränge riß Gustav Lanbek mit sich hinweg; seine Gedanken
verwirrten sich, es war ihm noch nicht möglich, sich klar vorzustellen,
was diesen seltsamen Auftritt verursacht haben könnte. So stand er
einige Augenblicke in seinen Gedanken verloren, als er plötzlich seine
Hand von einer andern ergriffen fühlte; er sah sich um, die Orientalin
stand vor ihm.


4.

»Wo stammt die Rose her auf deinem Hut, Maske?« fragte die Orientalin
mit zitternder Stimme.

»Vom See Tiberias,« war die Antwort des Sarazenen.

»Schnell! Folgen Sie mir!« rief die Dame und schlüpfte durchs Gedränge.
Er folgte, mit Mühe sich durch die Massen schiebend, und nur ihr Turban
zeigte ihm hin und wieder den Weg; sein Herz pochte lauter, sein Ohr
trug noch die letzten Laute dieser süßen Stimme, und sein Auge sah
keinen andern Gegenstand mehr als sie. In einer dunkleren Ecke des
zweiten Saales hielt sie an und wandte sich um. »Gustav, ich beschwöre
Sie, was ist mit meinem Bruder vorgefallen? Die Menschen flüstern
allenthalben seinen Namen; ich weiß nicht, was sie sagen, aber ich
denke, es ist nichts Gutes; hat er Streit gehabt? Ach, ich weiß wohl,
diese Menschen hassen unser Volk.«

Der junge Mann war in peinlicher Verlegenheit. Sollte er mit einemmal
den arglosen Wahn dieses liebenswürdigen Geschöpfes zerstören? Sollte
er ihr sagen, daß auf ihrem Bruder der Fluch der Württemberger
ruhe, daß sie für alle Menschen beten, und nur ihn aus dem Gebet
ausschließen, daß es zur Sitte geworden sei, zu bitten: »Herr erlöse
uns von dem Uebel und von dem Juden Süß.« -- »Lea,« antwortete er sehr
befangen, »Ihr Bruder wurde von einigen Masken im Spiel gestört und
hatte einen Wortwechsel, der vielleicht gerade an diesem Ort auffiel,
ängstigen Sie sich nicht.«

»Was bin ich doch für ein törichtes Mädchen!« sagte sie. »Ich habe
so schwere Träume, und dann bin ich den Tag über so traurig und
niedergeschlagen. Und so reizbar bin ich, daß mich alles erschreckt,
daß ich immer gleich an meinen Bruder denke und glaube, es könnte ihm
Unglück zugestoßen sein.«

»Lea,« flüsterte der junge Mann, um diese Gedanken zu zerstreuen,
»erinnerst du dich, was du versprachst, wenn wir uns auf dem Karneval
träfen? Wolltest du mir nicht einmal eine einsame Stunde schenken, wo
wir recht viel plaudern könnten?«

»Ich will,« sagte sie nach einigem Zögern; »Sara, meine Amme, steht am
Ausgang und wird mich begleiten. Doch wo?«

»Dafür ist gesorgt,« erwiderte er; »folge mir, verliere mich nicht aus
dem Auge; am Eingang rechts.«

Der erfinderische Sinn des jüdischen Ministers hatte, als er den
Karneval in Stuttgart arrangierte und diese Säle schnell aus Holz
aufrichten ließ, dafür gesorgt, daß, wie in großen Häusern und
Schlössern, an diese Säle auch kleinere Zimmer stoßen möchten, wo
kleine Zirkel ein Abendessen verzehren konnten, ohne gerade im
allgemeinen Speisesaal ihr Inkognito abzulegen. Der Aktuarius hatte
durch eine dritte Hand und hinlängliche Bezahlung sich den Schlüssel
zu einem dieser Zimmer zu verschaffen gewußt, eine kleine Kollation
stand dort bereit, und Lea freute sich über diese Artigkeit des jungen
Christen, der sein möglichstes getan hatte, den Sinn einer in der
Küche erfahrenen Dame zu befriedigen, obgleich das Zimmerchen, das
nur einen Tisch und wenige Stühle von leichtem Holz enthielt, wenig
Bequemlichkeit bot.

»Wie bin ich froh, endlich die lästige Larve ablegen zu können!« sagte
sie, als sie mit ihrer Amme eintrat; sie sah sich nach einem Spiegel
um, und als sie nur leere Bretterwände erblickte, setzte sie lächelnd
hinzu: »Sie müssen mir schon statt eines Spiegels dienen, Gustav, und
sagen, ob diese drängende Menge mir den Haarputz nicht verdorben hat?«

Entzückt und mit leuchtenden Augen betrachtete der junge Mann das
schöne Mädchen. Man konnte ihr Gesicht die Vollendung orientalischer
Züge nennen. Dieses Ebenmaß in den feingeschnittenen Zügen, diese
wundervollen dunkeln Augen, beschattet von langen, seidenen Wimpern,
diese kühngewölbten, glänzend schwarzen Brauen und die dunkeln Locken,
die in so angenehmem Kontrast um die weiße Stirne und den schönen Hals
fielen und den Vereinigungspunkt dieser lieblichen Züge, zarte rote
Lippen und die zierlichsten weißen Zähne noch mehr hervorhoben; der
Turban, der sich durch ihre Locken schlang, die reichen Perlen, die
den Hals umspielten, das reizende und doch so züchtige Kostüm einer
türkischen Dame -- sie wirkten, verbunden mit diesen Zügen, eine solche
Täuschung, daß der junge Mann eine jener herrlichen Erscheinungen
zu sehen glaubte, wie sie Tasso beschreibt, wie sie die ergriffene
Phantasie der Reisenden bei ihrer Heimkehr malte.

»Wahrlich,« rief er, »du gleichst der Zauberin Armida, und so denke ich
mir die Töchter deines Stammes, als ihr noch Kanaan bewohntet. So war
Rebekka und die Tochter Jephthas.«

»Wie oft schon habe ich dies gesagt,« bemerkte Sara, »wenn ich mein
Kind, meine Lea in ihrer Pracht anblickte; die Poschen und Reifröcke,
die hohen Absatzschuhe und alle Modewaren stehen ihr bei weitem nicht
wie diese Tracht.«

»Du hast recht, gute Sara,« erwiderte der junge Mann; »doch setze dich
hier an den Tisch; du hast zu lange unter Christen gelebt, um vor
diesem Punsch und diesem Backwerke zurückzuschaudern; unterhalte dich
gut mit diesen Dingen.«

Sara, welche den Sinn und die Weise des Nachbars kannte, sträubte sich
nicht lange und erbarmte sich über die Kunstprodukte der Zuckerbäcker;
der junge Mann aber setzte sich einige Schritte vor ihr neben die
schöne Lea. »Und nun aufrichtig, Mädchen,« sagte er, »du hast Kummer,
du hast gestern kaum das Weinen unterdrückt, und auch heute wieder ist
eine Wolke auf dieser Stirne, die ich so gern zerstreuen möchte. Oder
glaubst du etwa nicht, ungläubiges Kind, daß ich dein Freund bin und
gern alles tun möchte, um dich aufzuheitern?«

»Ich weiß es ja, o, ich sehe es ja immer und auch heute wieder,« sagte
sie, mühsam ihre Tränen bekämpfend, »und es macht mich ja glücklich.
Als Sie mich das erste Mal an unserem Gartenzaun grüßten, als Sie
nachher, es war Anfang Oktober, mit mir über den Zaun hinübersprachen,
und nachher und immer so freundlich und traulich waren, gar nicht wie
andere Christen gegen uns, da wußte ich ja wohl, daß Sie es gut mit mir
meinen, und -- es ist ja mein einziges, mein stilles Glück!« Sie sagte
es, und einzelne Tränen stahlen sich aus den schönen Augen, indem sie
sich bemühte, ihn freundlich und lächelnd anzusehen.

»Aber dennoch --« fragte Gustav.

»Aber dennoch bin ich nicht glücklich, nicht ganz glücklich. In
Frankfurt hatte ich meine Gespielinnen, hatte meine eigene Welt, wollte
nichts von der übrigen. Ich dachte nicht nach über unsere Verhältnisse,
es kränkte mich nicht, daß uns die Christen nicht achteten, ich saß
in meinem Stübchen unter Freunden, und wollte nichts von allem, was
draußen war. Mein Bruder ließ mich zu sich nach Stuttgart bringen. Man
sagte mir, er sei ein großer Herr geworden, er regiere ein Land, in
seinem Hause sei es herrlich und voll Freude, und die Christen leben
mit ihm, wie wir unter uns; ich gestehe, es freute mich, wenn meine
Freundinnen meine Zukunft so glänzend ausmalten; welches Mädchen hätte
sich an meiner Stelle nicht gefreut?«

Tränen unterbrachen sie aufs neue, und der junge Mann, voll Mitleid mit
ihrem Kummer, fühlte, daß es besser sei, ihre Tränen einige Augenblicke
strömen zu lassen. Es gibt ein Gefühl in der menschlichen Brust, das
wehmütiger macht als jeder andere Kummer; ich möchte es Mitleiden mit
uns selbst heißen, es übermannt uns, wenn wir am Grabe zerstörter
Hoffnungen in die Tage zurückgehen, wo diese Hoffnungen noch blühten,
wenn wir die fröhlichen Gedanken zurückrufen, mit welchen wir einer
heiteren Zukunft entgegengingen; wahrlich, dieser bittere Kontrast hat
wohl schon stärkere Herzen in Wehmut aufgelöst als das Herz der schönen
Jüdin.

»Ich habe alles anders gefunden,« fuhr Lea nach einer Weile fort. »In
meines Bruders Hause bin ich einsamer als in meiner Kindheit. Ich darf
nicht kommen, wenn er Bälle und große Tafeln gibt. Die Musik tönt in
mein einsames Zimmer, man schickt mir Kuchen und süße Weine wie einem
Kinde, das noch nicht alt genug ist, um in Gesellschaft zu gehen. Und
wenn ich meinen Bruder bitte, mich doch auch einmal, nur in seinem
Hause wenigstens, teilnehmen zu lassen, so schlägt er es entweder ganz
kalt ab, oder wenn er gerade in sonderbarer Laune war, erschreckte er
mich durch seine Antwort.«

»Was antwortete er denn?« fragte der Jüngling gespannt.

»Er sieht mich dann lange und seufzend an, seine Augen werden trüber,
seine Züge düster und melancholisch, und er antwortet: Ich dürfe nicht
auch verloren gehen; ich solle unablässig zu dem Gott unserer Väter
beten, daß er mich fromm und rein erhalte, auf daß meine Seele ein
reines Opfer werde für _seine_ Seele.«

»Törichter Aberglaube!« rief der junge Mann unmutig. »Darum also sollst
du, armes Kind, allen Freuden des Lebens entsagen, damit er --«

»Hat er sich denn so arg versündigt?« fragte Lea, als ihr Freund, wie
bei einer unbesonnenen Rede, schnell abbrach. »Was soll ich denn büßen?
Solche hingeworfenen Worte machen mich so unglücklich: es ist mir, als
schwebe irgend ein Unglück über meinem Bruder, auch sei nicht alles
recht, was er tut. Niemand steht mir darüber Rede, auch Saras Worte
kann ich nicht deuten, denn wenn ich sie darüber befrage, weicht sie
aus oder nennt ihn geheimnisvoll den Rächer unseres Volkes.«

»Sie ist nicht klug,« erwiderte der junge Mann befangen; »dein Bruder
hat, wie es überall geht, eine mächtige Gegenpartei; manche seiner
Finanzoperationen werden getadelt. Aber wegen seiner darfst du ruhig
schlafen,« setzte er bitter lachend hinzu, »der Herzog hat ihm heute
einen Freibrief geschenkt, der ihn vor jeder Gefahr und Verantwortung
sichert.«

»O, wie danke ich dies dem guten Herzog!« sagte sie aufgeheitert, indem
sie die dunklen Locken aus der weißen Stirne strich. »So hat er also
gar niemand zu fürchten? Die Christen können ihn nicht verfolgen? --
Sie antworten nicht? Gestehen Sie nur, Gustav, Sie sind meinem armen
Bruder gram?«

»Deinem _armen_ Bruder? -- Wenn er arm wäre, könnte ich ihn vielleicht
um seines Verstandes willen ehren! Aber was geht uns dein Bruder an,«
fuhr Lanbek düster lächelnd fort; »ich liebe dich, und hättest du alle
bösen Engel zu Brüdern; aber _eines_ versprich mir, Lea, die Hand
darauf.«

Sie sah ihn erwartungsvoll und zärtlich an, indem sie ihre Hand in die
seinige legte.

»Bitte deinen Bruder niemals wieder,« fuhr er fort, »dich zu seinen
Zirkeln zuzulassen. Mag er nun Gründe haben, welche er will, es ist
gut, wenn du nicht dort bist. So viel kann ich dir versichern,« setzte
er mit blitzenden Augen hinzu, »wenn ich wüßte, daß du ein einzigesmal
dort gewesen, kein Wort mehr würde ich mit dir sprechen!«

Befangen und mit Tränen im Auge wollte sie eben um Aufschluß über
dieses neue Rätsel bitten, als ein lauter Zank im Nebenzimmer die
Liebenden aufstörte. Mehrere Männer schienen mit der Polizei sich zu
streiten, man hatte die Türe des Kabinetts gesprengt, und über diesen
Eingriff in die Rechte des Karnevals wurde schnell und mit Heftigkeit
gestritten.

»Mein Gott! das ist meines Vaters Stimme,« rief der junge Lanbek,
»schleiche dich mit Sara in den Saal, Mädchen; nehmet den Schlüssel
dieser Türe zu euch, vielleicht können wir später uns wiedersehen.« Er
drückte der überraschten Lea schnell einen Kuß auf die Stirne, nahm
seine Maske vor, und noch ehe sie sich über diesen schnellen Wechsel
besinnen konnte, war der Aktuarius schon aus der Tür gestürzt. Im
Korridor, den er jetzt betrat, stand schon eine dichte Menschenmasse
um die geöffnete Tür des Nebenzimmers versammelt. Deutlicher vernahm
er die gewichtige, tiefe Stimme seines Vaters; er stieß und drängte
sich wie ein Wütender durch und kam endlich in das Gemach. Fünf alte
Herren, die ihm als ehrenwerte Männer und Freunde seines Vaters
wohlbekannt waren, standen um den alten Landschaftskonsulenten
Lanbek; die einen zankten, die andern suchten zu beruhigen. Es war
damals eine gefährliche Sache, mit der Polizei in Streit zu geraten;
sie stand unter dem besondern Schutz des jüdischen Ministers, und
man erzählte sich mehrere Beispiele, daß biedere, ruhige Bürger und
Beamte, vielleicht nur weil sie einem Diener dieser geheimen Polizei
widersprochen oder Gewalttätigkeiten verhindert hatten, mehrere Wochen
lang ins Gefängnis geworfen und nachher mit der kahlen Entschuldigung
es sei aus Versehen geschehen, entlassen worden waren. Doch der alte
Lanbek schien keine Furcht vor diesen Menschen zu kennen; er bestand
darauf, daß die Häscher das Zimmer sogleich verlassen müßten, und es
wäre vielleicht zu noch schlimmeren Händeln als einem Wortwechsel
gekommen, wenn nicht in diesem Augenblick ein ganz anderer Gegenstand
die Aufmerksamkeit des Anführers der Häscher auf sich gezogen hätte.
Der junge Lanbek hatte sich beinahe bis an die Seite seines Vaters
vorgedrängt, bereit, wenn es zu Tätlichkeiten kommen sollte, den
alten Herrn kräftig zu unterstützen. Er hatte eben seine Maske fester
gebunden, damit sie ihm im Handgemenge nicht verloren gehen möchte, als
ihn der Polizeidiener erblickte und mit lauter Stimme, indem er auf ihn
deutete, rief: »Im Namen des Herzogs, diesen greift, den Türken dort,
der ist der Rechte!«

Die Ueberraschung und sechs Arme, die sich plötzlich um ihn schlangen,
machten ihn wehrlos. So nahe seinem Vater, der ihn hätte retten können,
wagte er doch nicht, sich auch nur durch einen Laut zu erkennen zu
geben, weil er den Zorn seines Vaters noch mehr fürchtete als die
Gewalt des Juden.

Die alten Herren waren stumm vor Staunen über diesen Vorfall, der
Anführer der Häscher wurde, als er seinen Zweck erreicht hatte, artiger
und entschuldigte sich, worauf jene kalt und abgemessen dankten.
Willenlos ließ sich der junge Mann dahinführen. Die Menge, die sich
vor der Tür versammelt hatte, teilte sich, aber manche schauten ihm
neugierig in die Augen, um zu erraten, wer es sein möchte, den man
hier mitten aus der öffentlichen Lust herausriß. Gustav hörte, als er
weiter hingeführt wurde, einen schwachen Schrei; er sah sich um, und
beim schwachen Schein der Lampen glaubte er, den Turban der schönen
Orientalin gesehen zu haben. Schmerzlich bewegt ging er weiter, und
erst, als die kalte Winternacht schneidend auf ihn zuwehte, erwachte er
aus seiner Betäubung und übersah nicht ohne Besorgnis die Folgen, die
seine Gefangennehmung haben könnte.


5.

Die Polizeidiener hatten den Sarazenen, wahrscheinlich aus Rücksicht
auf seine feine und reiche Kleidung, in das Offizierszimmer der
Hauptwache gebracht. Der wachhabende Offizier wies ihm mit einer
mürrischen Verbeugung eine Bank, die in der fernsten Ecke des Zimmers
stand, zu seiner Schlafstätte an, und ermüdet von dem langen Umherirren
auf dem Ball, fand der junge Mann dieses Lager nicht zu hart, um nicht
bald einzuschlafen.

Trommeln weckten ihn am nächsten Morgen; schlaftrunken sah er sich in
dem öden Gemach um, blickte bald auf sein hartes Lager, bald auf seine
Kleidung, und nach einer geraumen Weile erst konnte er sich besinnen,
wo er sei und wie er hierhergekommen. Er trat ans Fenster, noch war
alles still auf dem Platze vor der Hauptwache, und nur die Kompagnie,
die gerade vor seinem Fenster zur Ablösung aufzog, unterbrach die
Stille des trüben Februarmorgens. Indem die Trommeln auf der Straße
schwiegen, hörte er von der Stiftskirche acht Uhr schlagen, und der Ton
dieser Glocke rief ihm alles Unangenehme und Besorgliche seiner Lage
zurück. »Bald wird er nach dir fragen,« dachte er, »und wie unangenehm
wird es ihn überraschen, wenn er hört, ich sei in der Nacht nicht zu
Hause gekommen!« --

Im Hause des alten Landschaftskonsulenten Lanbek ging alles einen so
geordneten Gang, daß dieses Ereignis allerdings sehr störend erscheinen
mußte. Zu dieser Stunde pflegte der alte Herr, seit vielen Jahren,
sein Frühstück zu nehmen; mit dem ersten Glockenschlag erschien dann,
zugleich mit dem Diener, der den Kaffee auftrug, sein Sohn; man
besprach sich über Tagesneuigkeiten, über den Gang der Geschäfte,
und zu jener Zeit ließ es der allgewaltige Minister nicht an Stoff
zu solchen Gesprächen fehlen. Das Gespräch war regelmäßig mit dem
Frühstück zu Ende; der Aktuarius küßte dem Alten die Hand und ging
dann, einen Tag wie den andern, ein Viertel vor neun Uhr nach seiner
Kanzlei. Diese langjährige Sitte des Hauses rief sich Gustav in diesen
Augenblicken zurück. »Jetzt wird Johann die Tassen bringen,« sagte
er zu sich, »jetzt wird er erwartungsvoll nach der Türe sehen, weil
ich noch nicht eingetreten bin, jetzt wird er mich rufen lassen; daß
ich doch dem guten alten Herrn solchen Aerger bereiten mußte!« Er
warf unwillig seinen Turban weg, stützte die Stirne in die Hand, und
beschloß, den Offizier, sobald er wieder erscheinen würde, um die
Ursache seiner Verhaftung zu fragen.

Die Trommeln ertönten wieder, die Abgelösten zogen weiter, er hörte
die Gewehre zusammenstellen und bald darauf trat ein Offizier in
das halbdunkle Gemach. Er warf einen flüchtigen Blick nach seinem
Gefangenen in der Ecke, legte Hut und Degen auf den Tisch und setzte
sich nieder. Lanbek, der jenen nicht zuerst anreden mochte, bewegte
sich, um anzudeuten, daß er nicht mehr schlafe. »~Bonjour~, mein
Herr,« sagte der Offizier, als er ihn sah, »wollen Sie vielleicht mein
Dejeuner mit mir teilen?«

Die Stimme schien Gustav bekannt; er stand auf, trat höflich grüßend
näher, und mit einem Ausruf des Staunens standen sich die beiden jungen
Männer gegenüber. »~Parole d'honneur~, Herr Bruder!« rief der Kapitän
von Reelzingen, »_dich_ hätte ich hier nicht gesucht! Wie kommst du in
Arrest? Weiß Gott, Blankenberg hat nicht unrecht, als er prätendierte,
du werdest irgend etwas ~contra rationem~ riskieren.«

»Ich möchte dich fragen, Kapitän,« entgegnete der junge Mann, »warum
ich hier sitze? Mir hat kein Mensch den Grund angegeben, warum man mich
gefangen nehme; du hast die Wache, Reelzingen; bitte dich, du mußt doch
wissen --«

»~Dieu me garde!~ Ich?« rief der Kapitän lächelnd. »Meinst du, er habe
mich mit seiner besondern Aestimation beehrt und in seine Konfidenz
gezogen? Nein, Herr Bruder! Als ich ablöste, sagte mir der Leutnant von
gestern: ›Oben sitzt einer, den sie vom Karneval auf ausdrücklichen
Befehl hergebracht haben.‹ Er pflegt es gewöhnlich so zu machen.«

»Wer pflegt es so zu machen?« fragte Lanbek erblassend.

»Wer?« erwiderte jener leise flüsternd; »dein Schwager ~in spe~, der
Jude.«

»Wie?« fuhr jener errötend fort, »du glaubst, er selbst? Ich hoffte
bisher, es sei vielleicht eine Verwechslung vorgefallen! Du hast wohl
von dem Auftritte gehört, der, bald nachdem ich euch verlassen hatte,
mit dem Juden vorfiel, man rief etwas von Katholischwerden, und da fuhr
der Finanzminister auf --«

»Was sagst du?« unterbrach ihn der Kapitän mit ernster Miene, indem er
näher zu dem Freund trat und seine Hand faßte. »Das war es also? Uns
hat man es anders erzählt; wie ging es zu? Was hat man gerufen?«

Den Aktuarius befremdete der Ernst, den er auf den Zügen des sonst
so fröhlichen und sorglosen Freundes las, nicht wenig; er erzählte
den Vorfall, wie er ihn mit angesehen hatte, und sah, wie sich
die Neugierde des Freundes mehr und mehr steigerte, wie seine
Blicke feuriger wurden; als er aber beschrieb, wie Süß nach jenem
geheimnisvollen Ausruf wütend geworden, aufgesprungen sei, da fühlte
er die Hand des Kapitäns auf sonderbare Weise in der seinigen zucken.
»Was bewegt dich so sehr?« fragte Gustav befremdet. »Wie nimmst du
nur an solchen Karnevalsscherzen, die am Ende auf irgend eine Torheit
hinauslaufen, solchen Anteil? Wenn ich nicht wüßte, daß du evangelisch
bist, ich glaubte, mein Bericht habe dich beleidigt.«

»Herr Bruder,« erwiderte der Kapitän, indem er seinen Ernst hinter
einem gleichgültigen Lächeln zu verbergen suchte, »du kennst mich
ja, mich interessiert alles auf der Welt, und ich bin erstaunlich
neugierig; überdies ist manches ernster, als man glaubt, und im Scherz
liegt oft Bedeutung.«

»Wie verstehst du das?« sagte der Aktuarius verwundert. »Was macht dich
so nachdenklich? Hast du wieder Schulden? Kann ich dir vielleicht mit
etwas dienen?«

»Bruderherz,« entgegnete der Soldat, »du mußt in den letzten Wochen
gewaltig verliebt gewesen sein, sonst wäre deinem klaren Blick
manches nicht entgangen, was selbst an meinem leichten Sinn nicht
vorüberschlüpfte. Sag einmal, was spricht der Papa von solchen Zeiten?
Siehst du den Oberst von Röder nie bei ihm? Waren nicht am Freitagabend
die Prälaten in eurem Hause?«

»Du sprichst in Rätseln, Kapitän!« antwortete der junge Mann staunend.
»Was soll mein Vater mit einem Oberst von der Leibschwadron und mit
Prälaten?«

»Freund, mach es kurz!« sagte Reelzingen. »Halte mich in solchen
Dingen nicht für leichtsinnig; ich will mich nicht in euer Vertrauen
eindrängen, aber ich kann dir sagen, daß ich dennoch schon ziemlich
viel weiß, und -- ~Parole d'honneur!~« setzte er hinzu, »ich denke
darüber, wie es einem Edelmann und meinem Portepee geziemt.«

»Was geht mich dein alter Adelsbrief und dein neues Portepee an?«
erwiderte der Aktuar; »und wie kommst du dazu, dich mit diesen Dingen
gegen mich breit zu machen? Ich sage dir, daß ich von allem, was du da
so geheimnisvoll schwatzest, keine Silbe verstehe, und kann dir mein
Wort darauf geben, und damit genug, Herr von Reelzingen!«

»~O mon Dieu!~« rief jener lächelnd; »Herr Bruder, wir sind nicht
mehr in Leipzig, dies Zimmer ist nicht der göttliche Ratskeller,
sondern eine Wachtstube; wir sind keine Musen mehr, sondern du bist
herzoglicher Aktuar, und ich -- Soldat; aber Freunde sind wir noch in
Not und Tod, und darum sei vernünftig und brause nicht mehr auf wie
vorhin. Ich glaube dir ja aufs Wort, daß du nichts weißt, aber gut wäre
es von deinem Vater gewesen, wenn er dich präveniert hätte. Deine Amour
mit der Jüdin ist überdies jetzt ganz und gar nicht an der Zeit, wir
alle bitten dich, laß deine Scharmante, mit der du doch niemals eine
vernünftige und ehrenvolle Liaison treffen kannst --«

»Was wißt Ihr denn von diesem Verhältnis?« unterbrach ihn der junge
Mann düster und erbittert. »Ich dächte, ehe ich Euch hierüber um Rat
gefragt, könntet Ihr billigerweise mit Eurer Mahnung warten.«

Der feurige junge Soldat, um seinem Freunde zu nützen, wollte eben
in derselben Sprache etwas erwidern, als man an der Türe pochte.
Der Kapitän schloß auf, und einer seiner Sergeanten winkte ihm,
herauszutreten. Gustav hörte sie einige Worte wechseln und sah den
Freund bald darauf mit verstörter Miene wieder zurückkehren: »Du
bekommst einen sonderbaren Besuch,« flüsterte er ihm zu, »er wird
gleich selbst eintreten, und ich darf nicht zugegen sein.«

»Wer doch? Mein Vater?« fragte Gustav bestürzt.

»Er kommt,« sagte der Kapitän, indem er eilends Hut und Degen vom
Tische nahm, »_der Jud Süß_!«


6.

Vor der Tür des Offizierszimmers hatten seine Diener dem Minister
den spanischen Mantel abgenommen, und er trat jetzt ein, stattlich
geschmückt und vornehm gekleidet, wie es einem Günstling des Glücks und
eines Herzogs in damaliger Zeit zukam. Er trug einen roten Rock mit
goldenen Troddeln und Quasten besetzt; die goldgestickten Aufschläge
seines Rocks gingen bis zum Ellbogen zurück, und die Weste von
Goldbrokat reichte herab bis an das Knie. Ein kurzer, breiter Degen
mit reichbesetztem Griff hing an seiner Seite, ein mächtiger Stock
unterstützte seine Hand, und auf den reichen, hellbraunen Locken,
die bis tief in den Nacken herabfielen, saß ein Hütchen von feinem
schwarzen Wachstuch, mit Gold und weißen Federn verbrämt. Die Züge
dieses merkwürdigen Mannes waren, in der Nähe betrachtet, zwar etwas
zu kühn geschnitten, um schön und anmutig zu heißen, aber sie waren
edler als sein Gewerbe und ungewöhnlich; sein dunkelbraunes Auge, das
frei und stolz um sich blickte, konnte sogar für schön gelten; die
ganze Erscheinung imponierte, und sie hätte sogar etwas Würdiges und
Erhabenes gehabt, wäre es nicht ein hämischer, feindlicher Zug um die
stolz aufgeworfenen Lippen gewesen, was diesen Eindruck störte und
manchen, der ihm begegnete, mit unheimlichem Grauen füllte.

Der Kapitän stand fest und aufgerichtet an der Tür, den Hut in der
einen, den Degengriff in der andern Hand, als der Minister Süß eintrat.
Dieser nahm sein Hütchen ab, musterte, auf seinen Stock gestützt, den
Soldaten mit scharfem Blick und sagte dann kurz und mit leiser Stimme:
»Wie ist der Name?«

»Hans von Reelzingen, Kapitän im zweiten Grenadierbataillon, dritte
Kompagnie.«

»Man hat studiert?« fuhr der Jude etwas artiger fort.

»Die Jurisprudenz in Leipzig,« antwortete der Kapitän mit militärischer
Kürze.

»Wie lange dient der Herr Kapitän?«

»Ein Jahr und zwei Monate; zuerst bei --«

»Schon gut,« unterbrach ihn der Minister mit einer gnädigen Bewegung
der Hand; »können abtreten.«

Der Kapitän Reelzingen verbarg seinen Verdruß über das stolze Wesen
des Emporkömmlings unter einer tiefen Verbeugung und trat ab. Dem
Aktuarius aber, obgleich er keine Menschenfurcht kannte, pochte das
Herz, als er nun mit dem Mann allein war, vor dem ein ganzes Land mit
abergläubischer Furcht zitterte. Er errötete unwillkürlich, als jener
ihn lange und prüfend ansah und ihm Gelegenheit gab, auch seine Züge
zu mustern und hin und wieder etwas zu finden, das ihn an die schöne
Lea erinnerte. Der Minister setzte sich endlich in den Armstuhl, den
die Offiziere der Garnison zur Bequemlichkeit dieses Zimmers gestiftet
hatten, und winkte dem Sarazenen herablassend, sich auf einer Bank, die
unfern stand, niederzulassen.

»Junger Mann,« sprach er, »wenn Euch Eure eigene Ruhe und Wohlfahrt
lieb ist, so antwortet mir auf das, was ich Euch fragen werde, offen
und ehrlich; denn Ihr könnet leichtlich denken, daß es mir nicht schwer
werden kann, Euch jeder Lüge, die Ihr wagtet, zu überweisen.«

»Ich bin herzoglich württembergischer Aktuar,« erwiderte der junge
Mann, »und der Eid, den ich als Christ und Bürger --«

»~Laissez cela~,« fiel ihm der Jude ins Wort, »Ihr wäret nicht der
erste, der seinen Eid gebrochen. Wer waren gestern, frag' ich, die
beiden Masken, die sich an meinem Tisch zur Belustigung des Publikums
unterhielten? Ihr wißt es, Ihr standet zunächst bei mir.«

»Das ist mir nicht bekannt, Ew. Exzellenz,« sagte Gustav mit fester
Stimme.

»Nicht bekannt?« rief der Minister. »Bedenket wohl, was Ihr gesagt, ich
stehe hier als Euer Richter; habt Ihr keinen an der Stimme gekannt?«

»Keinen.«

»Keinen?« fuhr jener heftiger fort. »Und Euren Vater solltet Ihr nicht
an der Stimme kennen?«

»_Meinen Vater!_« rief der junge Mann erblassend; doch besonnen setzte
er nach einer Weile hinzu: »Ihr irrt Euch, Herr Finanzdirektor, oder
vielmehr, Ihr seid schlecht berichtet; mein Vater ist ein ruhiger,
gesetzter Mann, und sein Charakter, sein Amt, seine Jahre verbieten
ihm, das Publikum auf einem Maskenball zu amüsieren.«

»_Sie sollten_ es ihm verbieten,« erwiderte jener mit blitzenden Augen,
»und ich werde Mittel finden, es ihm zu verbieten. Ich weiß recht
wohl, daß ich diesen Herren von der Landschaft ein Dorn im Auge bin,
und zwar aus dem einzigen Grund, weil die Herren nicht rechnen können;
verständen sie das Einmaleins so gut wie ich, sie würden sehen, was dem
Lande frommt. Noch ist aber nicht aller Tage Abend, und ich will diesen
Rebellen zeigen, wer _sie_ sind und wer _ich_ bin!«

»Herr Finanzdirektor!« rief der junge Mann mit der Röte des Unmutes auf
den Wangen.

»Herr Aktuarius?« erwiderte Süß mit spöttischem Lächeln.

»Mein Vater ist ein Ehrenmann,« fuhr Gustav fort, ohne sich von der
stolzen Miene des Gewaltigen einschüchtern zu lassen; »Sie sprechen
von Rebellen? Wie können Sie sagen, daß mein Vater dem Herzog nicht
immer treu gedient hat? Wie können Sie wagen, ihn einen Rebellen zu
schimpfen?«

»Wagen?« lachte Süß. »Hier ist von keiner Wagnis die Rede, Herr
Aktuarius, aber Rebell ist jeder, der nur dem Land und nicht dem
Herzog dient; er ist des Herzogs Diener, aber er dient ihm schlecht;
doch das soll nicht lange mehr so bleiben. Das mögt Ihr übrigens dem
Herrn Landschaftskonsulenten, Eurem Vater, sagen, daß ich recht wohl
weiß, was die beiden Masken wollten, und daß sie es mit dem dritten
abgekartet hatten; ich konnte ihn gestern nacht so gut wie Euch
verhaften lassen, und wenn ich es _nicht_ tat, so verdankt er diese
Schonung nur Euch!«

»Mir?« antwortete der junge Mann staunend. »Mir? Und ist dies etwa auch
Schonung, daß ich, ohne ein Verbrechen begangen zu haben, diese Nacht
in diesem Zimmer zubringen durfte?«

»Nein!« fuhr jener gütig lächelnd fort, »dies war nur zur Abkühlung
auf Euer Rendezvous veranstaltet.« Er weidete sich einige Augenblicke
an der Verlegenheit des Jünglings und fuhr dann fort: »Das gute
Kind, wie hat sie mich gefleht und auf den Knieen gebeten, Euch zu
retten! Sie glaubte nicht anders, als Ihr seiet wegen irgend eines
Kapitalverbrechens gefangen. Wie? Und habt Ihr mir gar nichts zu sagen,
Herr Lanbek?«

»Ihr kanntet mich nicht,« erwiderte Gustav, »und es ist mir nun wohl
begreiflich, warum Ihr so hart mit mir verfuhret; aber Leas Charakter
hätte Euch wohl dafür bürgen können, daß nichts Strafbares in diesem
Verhältnis liege.«

»Wirklich? ~Mort de ma vie!~« rief der Minister. »Nichts Strafbares?
Meinen Sie, wenn ich etwas Strafbares in diesem Verhältnis ahnete, Sie
hätten es mit einer Nacht auf der Wache abgebüßt? Bei den Gebeinen
meiner Väter! Wenn ich -- auf Neuffen oder Asperg gibt es Keller und
Kasematten, wo kein Mond und keine Sonne scheint, da hätte ich den
Herrn Sarazenen sitzen lassen, bis er sein Schwabenalter erreicht
hätte. Oder meint Ihr etwa in Eurem christlichen Hochmut, einem
Israeliten gelte die Ehre seiner Familie nicht ebenso hoch als einem
Nazarener?«

Der junge Mann erschrak vor dieser Drohung, denn er bedachte, daß es
dem Allgewaltigen ein leichtes gewesen wäre, ihn spurlos von der Erde
verschwinden zu lassen, aber sein mutiger Sinn lehnte sich auf gegen
den Uebermut dieses Mannes, der seine Privatsache zu einer öffentlichen
machte, und zur Wahrung seines Hausrechtes mit den Festungen des
Landes drohte. »Exzellenz,« sagte er mit Blicken, vor welchen der
Minister die Augen niederschlug, »wie Sie über Ihre eigene Ehre denken,
weiß ich nicht, doch scheint es mir nicht sehr ehrenvoll zu sein,
solche Drohungen auszustoßen. Mein Vater ist zwar nur ein geringer
Mann im Vergleich mit einem so gewaltigen und hohen Herrn; aber der
Landschaftskonsulent Lanbek weiß, wo man in Deutschland Gerechtigkeit
findet. Wien ist nicht so fern von Stuttgart, und Euern Gnadenbrief von
gestern hat der Kaiser nicht unterzeichnet; was aber die Ehre Eurer
Schwester betrifft, so kann ich Euch versichern, daß sie mir nicht
minder teuer ist als meine eigene.«

»Ihr habt hübsche Anlagen zu einem Landschaftskonsulenten,« sagte der
Jude ruhig lächelnd; »übrigens im Vertrauen gesagt, auf den Kaiser müßt
Ihr nicht zu sehr pochen; wegen eines württembergischen Schreibers
fängt man in Wien mit uns keine Händel an. Aber Ihr gefallt mir, mein
Schatz; ich habe Eure Arbeiten loben hören, und Köpfe wie der Eure kann
man zu etwas Besserem brauchen, als Akten zu heften und Fascikel zu
binden; Ihr seid Expeditionsrat mit sechshundert Gulden Besoldung, und
es freut mich, daß ich der erste bin, der Euch hierzu gratuliert.«

Der junge Mann sprang von seiner Bank auf und wollte reden, aber
Ueberraschung und Schrecken schlossen ihm den Mund. Hundert Gedanken
kreuzten sich in seinem Kopf. Es war nicht die Freude, vier Stufen,
durch welche man sich sonst lange und mühevoll schleppte, nun in einem
Augenblicke übersprungen zu haben, was seine Seele füllte; es war der
schreckliche Gedanke, vor der Welt für einen Günstling dieses Mannes
zu gelten, vor seinem Vater, vor allen guten Männern gebrandmarkt
dazustehen.

»Exzellenz!« sprach er befangen. »Ich darf, ich kann diese Gnade nicht
annehmen! Bedenken Sie, was wird man sagen, so viele ältere, verdiente
Männer --«

»Was da! Ich habe Euch Platz gemacht,« antwortete der Jude in
befehlendem Ton, »ich habe Euch zum Rat ernannt und Ihr seid es.
Keinen Dank, keine übergroße Delikatesse, ich liebe das nicht. Nun,«
fuhr er gütig, beinahe zärtlich fort, »und wie steht Ihr mit meiner
Lea? Ihr habt mir ja das stille blöde Kind ganz verzaubert. Fürchtet
Euch nicht vor mir, junger Herr, ich bin nicht der Mann, der gerade so
sehr auf Reichtum sieht; Eure Familie gehört unter die ältesten und
angesehensten Bürgerfamilien, und das gilt mir in diesem Fall so viel
oder mehr als Reichtum. Euer Vater wird Euch zwar nicht viel mitgeben,
aber mit mir sollt Ihr zufrieden sein; fürstlich will ich meine Lea
ausstatten.«

Die Felsenkeller von Neuffen und die tiefen Kasematten von Asperg wären
in diesem Augenblick dem jungen Manne willkommener gewesen als diese
Versicherung; er dachte an seinen stolzen Vater, an seine angesehene
Familie, und so groß war die Furcht vor Schande, so tief eingewurzelt
damals noch die Vorurteile gegen jene unglücklichen Kinder Abrahams,
daß sie sogar seine zärtlichen Gefühle für die schöne Tochter Israels
in diesem schrecklichen Augenblick übermannten. »Herr Minister!« sprach
er zögernd, »Lea kann keinen wärmeren Freund als mich haben; aber
ich fürchte, daß Sie dieses Gefühl falsch deuten, mit einem andern
verwechseln, das -- ich möchte nicht, daß Sie mich falsch verstehen,
und Lea wird Ihnen nie gesagt haben, daß ich jemals davon gesprochen
hätte --«

Der stolze Mann errötete, warf seine Lippen auf, drückte die Augen
beinahe zu, und an seiner Stirne begann eine Ader hoch anzuschwellen.
»Was ist das?« sagte er streng. »Wie soll ich diese Redensart deuten?«

»Herr Minister,« erwiderte Gustav gefaßter, »bedenken Sie doch den
Unterschied der Religion.«

»Habt Ihr diesen bedacht, Herr! als Ihr meiner Schwester diese
Liebeleien in den Kopf setztet? Aber ich kann Euch darüber trösten,
Lea wird Euch in dieser Hinsicht kein Hindernis geben. Ihr schweigt?«
fuhr er heftiger fort, »soll ich mit Eurem Vater darüber reden, junger
Mensch? War etwa meine Schwester gut genug dazu, Eure müßigen Stunden
auszufüllen, zur Gattin aber wollt Ihr sie nicht? Wehe Euch, wenn
Ihr so dächtet! Dich und deinen ganzen Stamm würde ich verderben!
Euer Vater ist gestern eines schweren Verbrechens schuldig worden, es
steht in meiner Hand, ihn zur Verantwortung zu ziehen; in Eure Hand
lege ich nun das Schicksal Eures Vaters; entweder -- Ihr macht Eure
Unvorsichtigkeit gegen mein Haus gut und heiratet meine Schwester, oder
ich erkläre Euch öffentlich für einen Schurken und lasse den Herrn
Konsulenten in Ketten legen. Vier Wochen gebe ich Euch Bedenkzeit; mein
Haus steht Euch offen, Ihr könnt Eure Braut besuchen, so oft Ihr wollt;
vier Wochen, versteht Ihr mich? Jetzt seid Ihr frei, und morgen, Herr
Expeditionsrat, werdet Ihr Euer Amt antreten.«

Nach diesen Worten verbeugte er sich kurz und verließ stolzen Schrittes
das Zimmer; dem Kapitän, den er im Vorzimmer traf, befahl er, Kleider
für den Herrn Expeditionsrat herbeischaffen zu lassen und ihm seine
Freiheit anzukündigen.

Staunend über diesen ganzen Vorfall, besonders über die letzten Worte
des Ministers, trat Reelzingen in sein Zimmer. Er fand den Freund
bleich und verstört, die Arme über die Brust gekreuzt, das Haupt
kraftlos auf die Brust herabgesunken. »Nun, sag mir ums Himmels
willen,« fing der Kapitän an, indem er vor Gustav stehen blieb, »was
wollte er bei dir? warum ließ er dich verhaften? Was hat sein Besuch zu
bedeuten?«

»Er kam, um mir zu gratulieren,« antwortete er mit sonderbarem Lächeln.

»Zu gratulieren? Wozu? Daß du eine Nacht auf der Wache zubrachtest?«

»Nein, weil ich in dieser Nacht Expeditionsrat geworden bin.«

»Du?« rief der Kapitän lachend. »Gottlob, daß du so heiter bist und
scherzen kannst; als ich hereintrat und dich sah, glaubte ich dich
nicht so spaßhaft zu finden; aber im Ernst, Freund, was wollte der
Jude?«

»Ich sagte es ja, und es ist Ernst; zum Rat hat er mich gemacht. Ist
das nicht ein schönes Avancement?«

Der Kapitän sah ihn mit zweifelhaften Blicken lange an; endlich sagte
er gerührt: »Nein, du kannst nicht auch zum Schurken werden, Gustav;
Gott weiß, wie dies zusammenhängen mag! Aber siehe, wenn ich dich
nicht so lange und so genau kennte -- glaube mir, die Welt wird dich
hart beurteilen; doch nein, du lächelst, gestehe, es ist alles Scherz.
Expeditionsrat! Ebensogut könntest du seine Schwester heiraten.«

»Ei, das wird ja auch geschehen,« sagte Lanbek düster lächelnd; »in
vier Wochen, meint mein Schwager, soll die Hochzeit sein.«

»Tod und Hölle!« fuhr der Kapitän auf, »mach mich nicht rasend mit
diesen Antworten. Wahrhaftig, mit solchen Dingen ist nicht zu spaßen.«

»Wer sagt dir denn, daß ich spaße?« erwiderte Lanbek, indem er langsam
aufstand. »Es ist alles so, wie ich sagte, auf Ehre!«

Dem Kapitän schwamm eine Träne im Auge, als er den Freund, den er
geliebt hatte, also sprechen hörte; doch nur einen Augenblick gab er
diesen weichern Empfindungen nach, dann trat er heftig auf den Boden,
setzte seinen Hut auf und rief: »So sei der Tag verflucht, an welchem
ich dich zum erstenmal sah und Bruder nannte. Geh, hilf deinem Juden,
dem armen Land das Fell vollends vom Leibe ziehen, schinde dir auch
ein Stück herunter und mach dich reich. O Lanbek, Lanbek! Aber mein
Portepee, ja ein Jahr meines Lebens wollte ich verhandeln, um einem
meiner Kameraden die Wache abzukaufen; ich selbst will die Exekution
kommandieren, wenn man dich und den Juden zum Galgen führt.«

»So hoch werde ich mich wohl nicht poussieren,« erwiderte Gustav ruhig
und ernst; »aber meiner Leiche kannst du folgen, wenn sie mich morgen
um Mitternacht neben der Kirchhofsmauer einscharren.«

Der Kapitän sah ihn erschrocken an; er mochte tiefen Ernst auf der
Stirne des jungen Mannes lesen, denn er wiederholte diesen Blick und
begegnete Gustavs Auge. »Willst du mich fünf Minuten lang anhören,
Reelzingen?« fragte er. »Du wirst dann über die Uneigennützigkeit
dieses Ministers staunen. Sonst war doch der Preis einer Amtei
zweitausend und ein Expeditionsrat galt seine dreitausend Gulden unter
Brüdern; aber ich Glückskind bekomme ihn umsonst, rein ~pour rien~!
Denn das Glück meines Lebens, die Ruhe meiner Familie, der heitere
Frieden meines Vaters -- daß diese bei dem Handel verloren gehen, ist
ja gering zu achten. Doch höre.«

Staunend vernahm der Kapitän diese Worte; aufmerksam setzte er sich
neben Gustav nieder. Je höher der Glaube an seinen Freund während
seiner Erzählung stieg, desto ängstlicher wurde er für ihn und seine
Familie besorgt. Er schloß ihn in seine Arme, er versuchte es, ihm
Trost einzusprechen, obgleich er selbst an diese Trostgründe nicht
glaubte. »Der Jude ist ein feiner Spieler,« sagte er, »deine besten
Tarocks hat er dir abgejagt und das Spiel scheint in seiner Hand zu
liegen; aber -- er könnte sich verrechnet haben, wir wollen sehen, wie
er beschlagen ist, wenn wir -- Spadi anspielen.«


7.

Wir führen unsere Leser aus dem Offizierszimmer der Hauptwache in
Stuttgart nach dem Hause des Landschaftskonsulenten Lanbek. In einem
weiten, geräumigen Zimmer, dessen Hausrat nicht überladen und prächtig,
aber solid und stattlich ist, finden wir einen ältlichen Mann von mehr
als mittlerer Größe. Sein Gesicht und seine Gestalt beweisen, daß er,
als er in den Fünfzigen stand, wohlbeleibt gewesen sein mochte, jetzt,
zehn Jahre später, hatten sich Falten um Mund und Stirne gelegt, und
der weite Schlafrock von feinem grünen Tuch, mit Pelz verbrämt, war für
eine reichliche Fülle gefertigt und schlug jetzt weite Falten um den
Leib; aber die rötlichen Wangen, die klaren grauen Augen, der feste
Schritt, womit er im Zimmer auf und ab ging, ließen, noch ehe man seine
volle, sonore Stimme vernahm, ahnen, daß der alte Konsulent an Geist
und Körper noch frisch und rüstig sei.

In der Vertiefung des breiten Fensters saßen zwei schöne Mädchen von
achtzehn bis zwanzig Jahren, die dem Alten, so oft er ihnen den Rücken
wandte, besorglich und ängstlich nachschauten, wohl auch untereinander
flüsterten, so lange sie von ihm nicht gesehen wurden. Die eine war
bemüht, des Vaters ungeheure Allongeperücke in Ordnung zu bringen,
und trotz dem Kummer, der aus ihren Blicken sprach, schien sie doch
Freude an dem schönen Kontrast zu finden, welchen die schwarzen Locken
dieses Haargebäudes mit ihren zarten, weißen Händchen bildeten.
Die dunkelblauen Augen der andern jungen Dame schienen mehr mit der
Straße als mit der feinen Arbeit, an welcher sie nähte, beschäftigt,
doch waren ihre Züge zu ernst, als daß man es müßiger Neugier hätte
zuschreiben dürfen.

Sie hatten mehrere Minuten lang geschwiegen, denn die Mädchen waren
viel zu streng erzogen, als daß sie den Vater, der seinen Gedanken
nachhing, mit Fragen belästigt hätten; plötzlich sprang die junge
Nähterin auf, ließ ihre schöne Arbeit zu Boden fallen, beugte den
schlanken Hals näher ans Fenster und sah gespannt nach der Straße. Der
Vater sah diese Bewegungen, hielt seine Schritte an, blickte aufmerksam
nach seiner Tochter und fragte nur mit Blicken; Käthchen, die jüngere
Schwester, vollendete schnell noch eine Stirnlocke der Perücke, setzte
dann das Prachtwerk behutsam auf eine Kommode und kam eben noch zeitig
an, um mit Hedwig zu rufen: »Er ist's, er hat heraufgesehen, Vater; er
geht sehr schnell; sieh doch, was er für einen sonderbaren Rock anhat!«

»Das ist Blankenbergs Jagdkleid;« sagte Hedwig leise zu ihrer Schwester.

»Geh doch, was weißt du von Blankenbergs Garderobe?« erwiderte die
jüngere, bedeutungsvoll lächelnd.

»Er hat Gustav schon oft in diesem Kleid besucht,« antwortete sie,
indem eine dunkle Röte über ihre Wangen flog.

Die Ankunft Gustavs verhinderte seine jüngere Schwester, Hedwig nach
ihrer Gewohnheit noch länger zu quälen. Der Vater sah noch ernster aus
als vorhin, er hatte sich in seinen Lehnstuhl gesetzt und die strengen
Augen auf die Türe geheftet; bang und ängstlich pochte den Schwestern
das Herz, als jetzt die Türe aufging und ihr Bruder hereintrat. -- Nach
dem ersten »Guten Morgen« trat für alle drei Parteien eine peinliche
Pause ein; endlich trat der Sohn bescheiden zum Vater. »Sie haben mich
wohl diesen Morgen vermißt, Vater?« fragte er. »Es ist allerdings ein
seltener Fall in unserm Hause, und Sie wurden vielleicht besorgt um
mich.«

»Das nicht,« antwortete der Alte sehr ernst; »du bist alt genug, um
nicht verloren zu gehen; aber zweierlei ist mir aufgefallen, nämlich,
daß man dich nur eine Stunde auf dem Karneval sah, und daß du diese
Nacht und ihre Lustbarkeiten so unregelmäßig lang bis morgens neun Uhr
ausdehnst; du solltest schon seit einer halben Stunde in deiner Kanzlei
sein.«

»Ich bin heute dort entschuldigt,« sagte Gustav lächelnd; »ich habe
auch seit heute früh ein Uhr so schrecklich geschwärmt und so
unordentlich gelebt, daß es kein Wunder ist, wenn man so spät zu Hause
kommt; ratet einmal ihr Mädchen, wo ich gewesen bin!«

Die Schwestern sahen ihn unwillig an, denn sie befürchteten mit Recht,
dieser leichtfertige Ton möchte dem alten Herrn mißfallen. »Wie können
wir dies wissen?« erwiderte Hedwig. »Ich habe nie danach gefragt, wo du
dich mit deinen Kameraden umtreibst; doch heute, Bruder, bist du mir
ein Rätsel.«

»Und in einem Lustschloß bin ich gewesen,« fuhr der junge Mann fort,
»wo weder ihr beide noch Papa jemals waren; ihr erratet es doch nie --
auf der Wache.«

»Auf der Wache!« riefen die Schwestern entsetzt.

»Das ist mir sehr unangenehm, Gustav,« setzte der Landschaftskonsulent
hinzu; »meines Wissens bist du der erste Lanbek, den man auf die Wache
setzte.«

»Mir ist es doppelt unangenehm,« antwortete sein Sohn, indem er den
Vater fest anblickte, »weil es im Grunde eine Namensverwechslung zu
sein scheint; denn meines Wissens bin nicht _ich_ jener Lanbek, der die
Szene an dem Tisch des Juden aufführte.«

Der Alte sah ihn bleich und betroffen an. »Gehet ins Nebenzimmer,
Mädchen!« rief er, und als sich die Schwestern staunend, aber schnell
und gehorsam zurückgezogen hatten, faßte er die Hand seines Sohnes,
zog ihn auf einen Stuhl neben sich nieder und fragte hastig, aber mit
leiser Stimme: »Was ist das? Woher weißt du? Wer sagt dir davon?«

»Er selbst,« antwortete der Sohn.

»Der Jude?« fragte der Alte. »Wie ist dies möglich?«

»Er war bei mir auf der Wache; ich sehe, wie Sie staunen, Vater, aber
bereiten Sie sich auf noch wunderlichere Dinge vor.« Der junge Mann
hielt es für das beste, seinem Vater soviel als möglich zu entdecken;
er erzählte ihm also, wie aufgebracht der Minister auf den Konsulenten
und seine Partei sei, wie der Sohn ihm widersprochen, wie der Minister,
statt in heftigeren Zorn zu geraten, ihn plötzlich zum Expeditionsrat
ernannt habe. Nur Leas erwähnte er mit keiner Silbe, der Kapitän
hatte ihm dies geraten, und er beschloß, davon zu schweigen, bis er
seine Maßregeln getroffen hätte oder die Entdeckung des unglücklichen
Verhältnisses unvermeidlich wäre.

»Ich sehe, was ich sehe,« sprach der Konsulent nach einigem Nachdenken.
»Meinst du, wenn er uns nicht gefürchtet hätte, er würde mich geschont
und dich dafür ergriffen haben, um mich gleichsam durch seine Gnade
zu beschämen? Er hat mich gefürchtet, und er hat alle Ursache dazu.
Ich bin ihm zu populär, und auch du wirst ihm nach und nach zu bekannt
mit den hiesigen Bürgern, weil du jetzt statt meiner die Armenprozesse
führst. Der Expeditionsrat ist -- _eine Falle_, die er uns beiden legen
wollte, der kluge Fuchs.«

»Wie verstehen Sie dies, Papa?« fragte Gustav, dem es leichter ums Herz
wurde, seit er ahnte, wie sein Vater die Sache aufnehme.

»Sieh, Freund,« sprach der Alte zutraulicher, als er je getan, »du
wirst das Opfer dieser Kabale; aber so wahr ich dein Vater bin, du
sollst es nicht lange sein. Dieser Jude denkt aber also: Verwehre ich
dir, diese Stelle anzunehmen, weil du dadurch in übeln Geruch kommen
könntest, so macht er es zu seiner Ehrensache, beklagt sich beim Herrn
und ergreift die einzige Gelegenheit, die sich bot, mich zu zwingen,
auch _mein_ Amt aufzugeben. Er kennt mich, er weiß, daß er so wenig als
der Herzog mich absetzen kann, er weiß auch, wer der alte Lanbek ist,
nämlich -- sein Feind. Nehmen wir die Stelle an, kalkulierte er weiter,
so werden wir verdächtig bei allen, die das Bessere wollen. Der Vater,
Konsulent der Landschaft, würde man denken, der Sohn -- Expeditionsrat;
gekauft hat ihm der Alte die Stelle nicht und der Süß gibt bekanntlich
nichts ohne großen Gewinn an Geld oder geheimem Einfluß, folglich --
sind wir übergetreten zu dem Gewaltigen. So, glaubt er, werden die
Leute urteilen, und er hat es recht klug gemacht, aber er kennt mich
nicht ganz; noch weiß ich, gottlob! ein Mittel, uns das Vertrauen der
Besseren zu erhalten, und du -- wirst und bleibst Expeditionsrat;
ändern sich die Verhältnisse, so wirst du wieder Aktuarius und die
Menschen erkennen dann deine Unschuld.«

»Aber Vater!« sagte der junge Mann zaudernd. »_Ihr_ Ruf ist felsenfest,
aber der _meinige_? Wie lange wird es noch anstehen, bis die
Verhältnisse sich ändern!«

»Sohn!« erwiderte der Alte nicht ohne Rührung. »Du siehst, wie dieses
schöne Land bis in sein innerstes Mark zerrüttet ist; meinst du, es
könne immer so fortgehen? -- Glaube mir, ehe der Frühling ins Land
kommt, _muß_ es anders werden; schlechter kann es nimmer werden, aber
besser. Darum glaube mir und vertraue auf Gott!«


8.

Während der alte Lanbek noch so sprach und seinem Sohn Mut einzureden
suchte, wurde die Hausglocke heftig angezogen, und bald darauf trat ein
Offizier in das Zimmer, dem der Konsulent freundlich entgegeneilte.
Wenn man das dunkelrote Gesicht, die freien, mutigen Züge und das
kleine, aber scharfblickende Auge des Mannes sah, so konnte man die
Sage von kühner Entschlossenheit und beinahe fabelhafter Tapferkeit,
die er unter dem Herzog Alexander und dem Prinzen Eugenius bewiesen
haben sollte, glaublich finden.

»Mein Sohn, der vormalige Aktuarius Lanbek,« sprach der Alte, »der
Oberst von Röder, den du wenigstens dem Namen nach kennen wirst.«

»Wie sollte ich nicht?« erwiderte Gustav, indem er sich verbeugte;
»wenn unsere Truppen von Malplaquet und Peterwardein erzählen, so hört
man diesen Namen immer unter die ersten und glänzendsten zählen.«

»Zu viel Ehre für einen alten Mann, der nur seine Schuldigkeit getan,«
antwortete der Oberst. »Aber Konsulent, was sagt Ihr dazu, daß der Jude
jetzt auch uns ins Handwerk greift? Ich komme zu Euch eigentlich nur,
um zu fragen: soll ich, oder soll ich nicht?«

»Wie soll ich das verstehen?« fragte der Konsulent staunend; »Röder,
nur jetzt keinen übereilten Streich!«

»Das ist es eben!« rief jener auf den Boden stampfend, »meine Ehre und
die Ehre des ganzen Korps ist gekränkt! einen meiner talentvollsten
Offiziere sollte ich nach Fug und Recht kassieren lassen um dieses
Hundes willen, und tu' ich's, so bin ich morgen selbst außer Dienst.«

»Aber so sprecht doch, Oberst!« sagte der Alte, indem er seinem Sohn
winkte, Stühle zu setzen, »setzt Euch, Ihr seid noch in der ersten
Hitze.«

»Mein Regiment hat gestern und heute den Dienst,« fuhr jener eifrig
fort; »da bringt man nun gestern nacht von der Redoute weg einen
Menschen auf unsere Wache, mit dem ausdrücklichen Befehl vom Juden,
ihn wohl zu bewachen, aber keinen weitern Rapport abzustatten; heute
früh zieht der Kapitän Reelzingen auf, findet einen Gefangenen im
Offizierszimmer, von welchem nichts im Rapport steht, und denkt Euch
-- nach einer halben Stunde kommt der Minister selbst, schickt den
Kapitän aus dem Zimmer, verhört auf unserer Wache den Gefangenen
insgeheim, entläßt ihn dann und _befiehlt_ dem Kapitän noch einmal,
keinen Rapport abzustatten und -- nimmt ihm das Ehrenwort ab -- er
einem Offizier auf der Wache -- nimmt ihm das Wort ab, den Namen des
Gefangenen nicht zu nennen; dahin also ist es gekommen, daß jeder
Schreiber oder gar ein hergelaufener Jude uns kommandiert? Nach
Kriegsrecht muß ich den Kapitän kassieren lassen; meine Ehre fordert,
daß ich es nicht dulde, denn ich hatte den Dienst, und ich muß mich
rühren, sollte es mich auch meine Stelle kosten.«

Die beiden Lanbek hatten sich während der heftigen Rede des Obersten
bedeutungsvolle Blicke zugeworfen. »Der Jude ist listiger, als wir
dachten,« sagte, als jener geendet hatte, der Vater; »also auch auf den
Oberst war es abgesehen, auch für ihn war die Falle aufgestellt! Wer
meint Ihr wohl, daß der Gefangene war? Da, seht ihn, mein leiblicher
Sohn saß heute nacht auf Eurer Wache!«

Der Oberst fuhr staunend zurück, und so groß war der Unmut über den
Eingriff in seine militärischen Rechte, daß er sich nicht enthalten
konnte, einen unwilligen, finstern Blick auf den jungen Mann zu werfen.
Als aber der alte Lanbek fortfuhr und ihm erzählte, wie er selbst
eigentlich die Ursache dieses Vorfalls gewesen, und wie alles andere so
sonderbar gekommen sei, als er ihm den arglistigen Plan des Ministers
näher auseinandersetzte, da sprang Herr von Röder von seinem Stuhl auf.
»Wohlan, Alter!« sagte er mit bewegter Stimme zu dem Konsulenten, »daß
er _mich_ verfolgt und haßt, hat am Ende nichts zu bedeuten, und daran
ist nur der General Römchingen schuld, der mich nie leiden konnte; aber
über _dir_ soll er den Hals brechen, oder ich will nicht selig werden!
Herr Aktuarius! Die Stelle müßt Ihr annehmen, das ist jetzt keine Frage
mehr! Denn Euer Vater darf jetzt nicht von seinem Amt kommen, oder
Verfassung und Religion stehen auf dem Spiel. Aber zum Herzog will ich
gehen, will sprechen, und sollt' es mich mein Leben kosten.«

»Das werdet Ihr _nicht_ tun, Oberst!« sagte der Alte mit Nachdruck und
Ernst. »Leset diesen Brief, den man uns aus Würzburg schickt, und sagt
mir dann, ob Ihr noch waget, zum Herzog zu gehen und zu sprechen.« Der
Oberst nahm aus seiner Hand ein Schreiben und fing an zu lesen; doch
je weiter er las, desto bestürzter wurden seine Züge, bis er staunend,
aber mit zornsprühenden Augen den Alten anblickte und die Arme sinken
ließ.

»Vater!« sprach der junge Mann, der betroffen bald den Alten, bald den
Obersten betrachtete, »Vater, Sie machen mich hier zum Zeugen eines
Auftrittes, bei welchem ich vielleicht besser nicht zugegen gewesen
wäre. Ich soll aber gezwungenerweise eine Rolle übernehmen, die mir
nicht zusagt. Ich bin zum Expeditionsrat ernannt und weiß nicht warum;
ich darf die Stelle nicht ablehnen, obgleich sie mich vor der Welt zum
Schurken macht, und weiß nicht warum; es gehen Dinge vor im Staat und
in meines Vaters Hause, man verhehlt sie mir, und ich weiß wieder nicht
warum. Herr Oberst von Röder, Sie überreden mich, eine Stelle nicht
auszuschlagen, die meines Vaters Namen beschimpft; von Ihnen glaube ich
Gründe verlangen zu können, warum ich es nicht tun soll?«

»Gott weiß, er hat recht!« rief Röder, indem er den jungen Mann
nachdenkend betrachtete. »Ich weiß auch nicht, Alter, warum Ihr ihm
nicht längst den Schlüssel gegeben habt. Wenn Ihr ihm übrigens die
Augen nicht öffnen wollt, so will ich ihm diesen Dienst tun, weil ich
weiß, wie drückend es ist, ein wichtiges Geheimnis halb zu erraten und
halb zu ahnen.«

»Es sei,« sagte der Vater, »setzet Euch wieder; wenn ich dich, mein
Sohn, bis jetzt nicht mit Dingen dieser Art vertraut gemacht habe, so
geschah es nur aus Furcht, für einen allzu stolzen Vater zu gelten,
denn wir hatten uns das Wort gegeben, nur erprobten und ausgezeichneten
Männern uns anzuvertrauen. Ich darf dir nicht erst sagen, was in den
drei Jahren, seit Alexander regiert, aus Württemberg geworden ist.
Man soll von einem Lanbek nicht sagen können, daß er gegen seinen
Herrn gemurrt hätte, er ist ein tapferer Mann und nach Prinz Eugenius
vielleicht der erste Feldherr unserer Zeit, aber das Feldregiment taugt
wohl im Lager und vor dem Feind, nicht so in der Kanzlei. Er sieht die
Regierung des _Ländchens_, wie er sagt, etwas zu heldenmäßig an, das
heißt, er sieht darüber hinweg und läßt andere dafür sorgen.«

»Dieses Ländchen!« rief der Oberst bitter. »Dieses schöne Württemberg!
Es heißt wohl ein alter Spruch, daß, wenn man auch sich alle Mühe gebe,
dieses Land doch nicht könne zu Grunde gerichtet werden; aber ~nous
verrons~! Wenn es so fortgeht, wenn man es durch Verkauf der Aemter,
durch Verhöhnung der Besseren, durch Erhebung der niederträchtigsten
Bursche geflissentlich verderbt, wenn man seine Kräfte bis aufs Mark
aussaugt --«

»Kurz, mein Freund,« fuhr der Alte fort, »es kann nicht so fortgehen.
Nach und nach kann es nicht besser werden, denn schon jetzt sitzen
bei uns in der Landschaft fünf Schurken, die nicht einmal der
Gott-sei-bei-uns für sich repräsentieren ließe, alle Aemter sind
verkauft oder für Süßsche Kreaturen käuflich, also kann es nur
schlechter werden. Aber es sind zwei Parteien, die da sagen: ›Es muß
anders werden.‹ Die eine Partei ist Süß, der schnöde Jude, der General
Römchingen, der feinste von diesen Burschen, Hallwachs, dein neuer
Kollege, Metz und noch einige von der Landschaft. Wir wissen, was sie
wollen, und es ist nichts Geringeres, als die Stände und den Landtag
völlig aufzuheben.«

»Und, Gott sei's geklagt,« sagte Herr von Röder, »den Herzog haben Sie
von seiner edelmütigen Seite gepackt, er ist mit allem zufrieden. Das
Land sei aufgebracht über die Stände, sagen sie ihm, man murre über
die Landschaft, und nun hat er sich entschlossen, das Institut wie ein
Korps Invaliden aufzulösen, dem Lande die jährlichen Kosten der Stände
edelmütig zu schenken und allein zu regieren.«

»Wie? Verstehe ich recht?« rief der junge Lanbek. »Also unsern letzten
Schutz gegen den übeln Willen oder gegen die unrichtige Ansicht eines
Herrn will man uns rauben? Auf die Verfassung ist es abgesehen? Doch
das ist nicht möglich, Alexander hat sie ja beschworen, und mit welchen
Mitteln will er dies wagen? Meinen Sie wirklich, Herr Oberst, der
württembergische Soldat werde seine eigenen Rechte unterdrücken?«

»Hier sind die Hunde,« erwiderte der Oberst, indem er auf den Brief
zeigte, »die man bei diesem Treibjagen hetzen will.«

»Nur ruhig,« sprach der Landschaftskonsulent, »höre mich ganz. Der
Herzog ist aufs abscheulichste getäuscht; er glaubt fest, daß es ihn
nur ein Wort koste, so werden die Stände nicht mehr sein, und alle
Herzen werden ihm zufliegen. So haben es der Jude und Römchingen ihm
vorgeschwatzt; aber sie kennen uns besser und wissen, daß Gewalt zu
einem solchen Schritt gehört. Hier ist ein Brief an den Erzbischof von
Würzburg, den der General Römchingen geschrieben: man wolle zum Besten
des Landes einige Aenderungen vornehmen, man könne sich aber auf die
Truppen im Lande nicht verlassen, daher solle der Bischof bewirken, daß
die Truppen des fränkischen Kreises an einem bestimmten Tag an unserer
Grenze seien. Auch an einige Reichsstände in Oberschwaben hat er
ähnliche Schreiben erlassen.«

»Und im Namen des Herzogs?« fragte der junge Mann.

»Nein, sie lassen ihn nur so durchblicken, aber eine andere Lockspeise
haben sie dem Bischof hingeworfen; man sagt nicht umsonst, daß unser
alter Reformator Brenz seit einigen Nächten aus seinem Grab aufstehe
und die Kanzel besteige -- katholisch wollen sie uns machen. Du
staunst? Du willst nicht glauben? Auch ich glaube, daß sie es nicht
aus Religiosität tun wollen, sondern entweder soll es den Bischof und
die Oberschwaben enger für die Sache verbinden, oder sie meinen, dem
Herzog gefällig zu sein, wenn sie in vierundzwanzig Stunden den Glauben
reformieren, wie sie das alte Recht reformieren wollen.«

»Es kann, es darf nicht sein!« rief der junge Mann. »Die Grundpfeiler
unseres Glückes und unserer Zufriedenheit mit _einem_ Schlag umstürzen?
Es ist nicht möglich, der Herzog kann es nicht dulden.«

»Er weiß und denkt nicht, daß sie dies alles vorhaben,« sagte der
Oberst; »sein Ruhm ist ihm zu teuer, als daß er ihn auf diese Weise
beflecken möchte; aber wenn es geschehen ist, ohne daß die Schuld auf
ihn fällt, dann, fürchte ich, wird er das Alte nicht wiederherstellen.
Zu welchem Zweck, glaubt Ihr denn, habe der Jude dem Herzog das Edikt
von gestern abgeschwatzt, worin er für Vergangenheit und Zukunft von
aller Verantwortlichkeit freigesprochen wird? Das soll ihn schützen in
dem kaum denkbaren Fall, wenn der Herzog über die treuen und ergebenen
Herren Räte erbost würde, die ihm die unumschränkte Macht zu Füßen
legen und in der Stiftskirche einen Krummstab aufpflanzen.«

»Und gegen diese wollt ihr kämpfen?« fragte Gustav besorgt und
zweifelhaft.

»Kämpfen oder zusammen untergehen,« sprach der Alte. »Wer mit uns
verbunden ist, mußt du jetzt nicht wissen; es genüge dir zu erfahren,
daß es die Trefflichsten des Adels und die Wackersten der Bürger
sind. Wir wollten den Kaiser um Schutz anflehen, aber die Umstände
sind ungünstig, die Zeit ist zu kurz, um durch alle Umwege zu ihm zu
gelangen, und überdies hat der Herzog einen gewaltigen Stein im Brett
seit den letzten Kriegen; man würde uns abweisen. Uns bleibt nichts
übrig als --«

»Wir müssen,« rief der Oberst mutig und entschlossen, »das Prävenire
müssen wir spielen; St. Joseph, den neunzehnten März, haben sie sich
zum Ziel gesteckt; aber einige Tage zuvor müssen wir die Feinde des
Landes gefangen nehmen, die treuen Truppen nach Stuttgart ziehen,
das Landvolk zu unserer Hilfe aufrufen, und wenn es gelungen ist,
dem Herzog von neuem huldigen und ihm zeigen, an welchem furchtbaren
Abgrund er und wir gestanden. Und dann -- er ist ein tapferer Soldat
und ein Mann von Ehre, dann wird er erröten vor der Schande, zu welcher
ihn jene Elenden verführen wollten.«

»Aber der Herzog,« fragte der junge Mann, »wo soll er sein und bleiben,
während ihr diese furchtbare Gegenmine auffliegen lasset?«

»Das ist es ja gerade, was uns zur Eile zwingt,« erwiderte der Oberst;
»sie haben ihn überredet, im nächsten Monate die Festungen Kehl
und Philippsburg zu bereisen, und hinter seinem Rücken wollen sie
reformieren. Den elften will er abreisen; schon sind die Adjutanten
ernannt, die ihn begleiten sollen, und, wenn ich es sagen darf, mit
solchem Gepränge und so viel und laut wird von dieser Reise gesprochen,
daß ich fürchte, die ganze Fahrt ist nur Maske und der Herzog wird
nicht über die Grenze gehen.«

»Du kennst jetzt unsere Pläne,« sprach der alte Herr zu seinem Sohn,
»sei klug und vorsichtig. _Ein_ Wort zuviel kann _alles_ verraten.
Darum, wie es unter uns gebräuchlich ist, lege deine Hand in die deines
Vaters und dieses tapfern Mannes und schwöre uns, zu schweigen.«

»Ich schwöre,« sagte Lanbek mit fester Stimme, aber bleich und mit
starren Augen; und sein Vater und der Oberst zogen ihn an ihre Brust
und begrüßten ihn als einen der Ihrigen.


9.

Ein drückender, trüber Nebel lag über Stuttgart und gab den Bergen
umher und der Stadt ein trauriges, ödes Ansehen; gerade so lag auch
ein trüber, ängstlicher Ernst auf den Gesichtern, die man auf den
Straßen sah, und es war, als hätte ein Unglück, das man nicht vergessen
konnte, oder ein neuer Schlag, den man fürchtet, alle Herzen wie die
sonst so lieblichen Berge umflort und in Trauer gehüllt. Am Abend eines
solchen Tages schlich der junge Lanbek durch die feuchten Gänge des
Gartens. Sein Gesicht war bleich, sein Auge trübe, sein Mund heftig
zusammengepreßt, seine hohe Gestalt trug er nicht mehr so leicht und
aufgerichtet wie zuvor, und es schien, als sei er in den letzten
acht Tagen um ebenso viele Jahre älter geworden. Was er vorausgesehen
hatte, war eingetroffen; niemand, der die Lanbeks auch nur dem Rufe
nach kannte, konnte die schnelle Erhebung des jungen Mannes begreifen
oder rechtfertigen. Die Günstlinge und Kreaturen des mächtigen Juden
traten ihm mit jener lästigen Traulichkeit, mit jener rohen Freude
entgegen, wie etwa Diebe und falsche Spieler einem neuen Genossen ihrer
Schlechtigkeit beweisen, und des jungen Lanbeks Gefühl bei solchen
neuen, werten Bekanntschaften läßt sich am besten mit den unangenehmen
und wehmütigen Empfindungen eines Mannes vergleichen, den das Unglück
in _einen_ Kerker mit dem Auswurf der Menschen warf, und der sich von
Räubern und gemeinen Weibern als ihresgleichen begrüßen lassen muß.

Die gnädigen Blicke, die ihm der Minister hin und wieder öffentlich,
beinahe zum Hohn, zuwarf, bezeichneten ihn als einen neuen Günstling.
Jetzt erst sah er, wie viele gute Menschen ihm sonst wohlgewollt
hatten; denn so manches bekannte Gesicht, das sonst dem Sohne des alten
Lanbek einen »guten Tag« zugelächelt hatte, erschien jetzt finster, und
selbst wackere Bürgersleute und jene biederen, ehrlichen Weingärtner,
die sich bei ihm und dem Alten so oft Rats erholt hatten, wandten jetzt
die Augen ab und gingen vorüber, ohne den Hut zu rücken.

Der Gedanke an Lea erhöhte noch sein Unglück. Er wußte genau, wie
unglücklich sein alter Vater, er selbst und die Seinigen werden
könnten, wenn der verzweifelte Schlag, den sie führen wollten, mißlang;
und doch, so groß der Frevel war, den jener fürchterliche Mann auf sich
geladen hatte, dennoch graute ihm, wenn er sich die Folgen überlegte,
die sein Sturz nach sich ziehen würde. Was sollte aus der armen Lea
werden, wenn der Bruder vielleicht monatelang gefangen saß? Konnte
der Herzog, ein so strenger Herr, Vergehungen und Pläne, wie die des
Juden, vergeben, selbst wenn er ihm durch jenes Edikt Straflosigkeit
zugesichert hatte?

Und dann durchzuckte ihn wieder die Erinnerung an jene schreckliche
Drohung, die Süß gegen ihn ausgestoßen, als er das Verhältnis des
jungen Mannes zu seiner Schwester berührte. Alle Angst vor seinem alten
Vater, vor der Schande, die eine solche Verbindung, wenn sie auch nur
besprochen würde, brächte, kam über ihn. Es gab Augenblicke, wo er
seine Torheit, mit der schönen Jüdin auch nur ein Wort gewechselt zu
haben, verwünschte, wo er entschlossen war, den Garten zu verlassen,
sie nie wieder zu sehen, seinem Vater alles zu sagen, ehe es zu
spät wäre; aber wenn er sich dann das schöne Oval ihres Hauptes, die
reinen, unschuldigen und doch so interessanten Züge und jenes Auge
dachte, das so gerne und mit so unnennbarem Ausdruck auf seinen eigenen
Zügen ruhte, da war es, ich weiß nicht ob Eitelkeit, Torheit, Liebe
oder gar der Einfluß jenes wunderbaren Zaubers, der sich, aus Rahels
Tagen, unter den Töchtern Israels erhalten haben soll -- es zog ihn
ein unwiderstehliches Etwas nach jener Seite hin, wo ihn, seit die
Dämmerung des ersten Märzabends finsterer geworden war, die schöne Lea
erwartete.

»Endlich, endlich!« sagte Lea mit Tränen, indem sie ihre weiße Hand
durch die Staketen bot, welche die beiden Gärten trennten. »Wenn nicht
der Frühling indes hätte kommen müssen, wahrhaftig, ich hätte gedacht,
es sei schon ein Vierteljahr vorüber. Ich bin recht ungehalten; wozu
denn auch in den Garten gehen bei dieser schlimmen Jahreszeit, wenn
Ihr frei und offen durch die Haustüre kommen dürft? Wisset nur, Herr
Nachbar, ich bin sehr unzufrieden.«

»Lea,« erwiderte er, indem er die schöne Hand an seine Lippen zog,
»verkenne mich nicht, Mädchen! Ich konnte wahrhaftig nicht kommen,
Kind! Zu dir durfte ich nicht kommen, und in die Zirkel deines Bruders
gehe ich nicht; und wenn ich wüßte, daß du ein einzigesmal da warst,
würde ich dich nicht mehr sprechen.« Trotz der Dunkelheit glaubte der
junge Mann dennoch, eine hohe Röte auf Leas Wangen aufsteigen zu sehen.
Er sah sie zweifelhaft an; sie schlug die Augen nieder und antwortete:
»Du hast recht, ich darf nicht in die Zirkel meines Bruders gehen.«

»So bist du da gewesen? Ja, du bist dort gewesen!« rief Lanbek unmutig.
»Gestehe nur, ich kann jetzt doch schon alles in deinen Augen lesen.«

»Höre mich an,« erwiderte sie, indem sie bewegt seine Hand drückte,
»die Amme hat dir gesagt, was nach dem Karneval vorging, und wie ich
ihn bat und flehte, dich frei zu lassen. Seit jener Zeit hat sich
sein Betragen ganz geändert; er ist freundlicher, behandelt mich, wie
wenn ich auf einmal um fünf Jahre älter geworden wäre, und läßt mich
zuweilen sogar mit sich ausfahren. Vor einigen Tagen befahl er mir,
mich so schön als möglich anzukleiden, legte mir ein schönes Halsband
in die Hand, und abends führte er mich die Treppe herab in seine
eigenen Zimmer. Da waren nur wenige, die ich kannte, die meisten Herren
und Damen waren mir fremd. Man spielte und tanzte, und von Anfang
gefiel es mir sehr wohl, nachher freilich nicht, denn --«

»Denn?« fragte Lanbek gespannt.

»Kurz, es gefiel mir nicht, und ich werde nicht mehr hingehen.«

»Ich wollte, du wärest nie dort gewesen,« sagte der junge Mann.

»Ach, konnte ich denn wissen, daß die Gesellschaft nicht für mich
passen würde?« erwiderte Lea traurig. »Und überdies sagte mein Bruder
ausdrücklich, es werde meinen Herrn Bräutigam freuen, wenn ich auch
unter die Leute komme.«

»Wen hat er gesagt, _wen_ werde es freuen?« rief Lanbek.

»Nun dich,« antwortete Lea; »überhaupt, Lanbek, ich weiß gar nicht, wie
ich dich verstehen soll; du bist so kalt, so gespannt; gerade jetzt,
da wir offen und ohne Hindernis reden können, bist du so ängstlich,
beinahe stumm; statt ins Haus zu uns zu kommen, bestellst du mich
heimlich in den Garten, ich weiß doch nicht, vor wem man sich so sehr
zu fürchten hat, wenn man einmal in einem solchen Verhältnis steht?«

»In welchem Verhältnis?« fragte Lanbek.

»Nun, wie fragst du doch wieder so sonderbar! Du hast bei meinem Bruder
um mich angehalten, und er sagte dir zu, im Fall ich wollte und der
Herzog durch ein Reskript das Hindernis wegen der Religion zwischen uns
aufhöbe. Ich bin nur froh, daß du nicht Katholik bist, da wäre es nicht
möglich, aber ihr Protestanten habt ja kein kirchliches Oberhaupt und
seid doch eigentlich so gut Ketzer wie wir Juden.«

»Lea! Um Gottes willen, frevle nicht!« rief der junge Mann mit
Entsetzen. »Wer hat dir diese Dinge gesagt? O Gott, wie soll ich dir
diesen furchtbaren Irrtum benehmen?«

»Ach, geh doch!« erwiderte Lea. »Daß ich es wagte, mein verhaßtes Volk
neben euch zu stellen, bringt dich auf. Aber sei nicht bange; mein
Bruder, sagen die Leute, kann alles, er wird uns gewiß helfen, denn was
er sagt, ist dem Herzog recht. Doch eine Bitte habe ich, Gustav: willst
du mich nicht bei den Deinigen einführen? Du hast zwei liebenswürdige
Schwestern; ich habe sie schon einigemal vom Fenster aus gesehen; wie
freut es mich, einst so nahe mit ihnen verbunden zu sein! Bitte, laß
mich sie kennen lernen.«

Der unglückliche junge Mann war unfähig, auch nur _ein_ Wort zu
erwidern; seine Gedanken, sein Herz wollten stille stehen. Er blickte
wie einer, der durch einen plötzlichen Schrecken aller Sinne beraubt
ist, mit weiten, trockenen Augen nach dem Mädchen hin, das, wenn auch
nicht in diesem Augenblick, doch bald vielleicht, noch unglücklicher
werden mußte als er, und das jetzt lächelnd, träumend, sorglos wie ein
Kind an einem furchtbaren Abgrund sich Blumen zu seinem Kranze pflückte.

»Was fehlt dir, Gustav?« sprach sie ängstlich, als er noch immer
schwieg. »Deine Hand zittert in der meinigen: bist du krank? Du bist
so verändert.« Doch -- noch ehe er antworten konnte, sprach eine tiefe
Stimme neben Lea: »~Bon soir~, Herr Expeditionsrat; Sie unterhalten
sich hier im Dunkeln mit Dero Braut? Es ist ein kühler Abend; warum
spazieren Sie nicht lieber hinauf ins warme Zimmer? Sie wissen ja, daß
mein Haus Ihnen jederzeit offen steht.«

»Mit wem sprichst du hier, Gustav?« sagte der alte Lanbek, der beinahe
in demselben Augenblick herantrat. »Deine Schwestern behaupten, du
unterhieltest dich hier unten mit einem Frauenzimmer.«

»Es ist der Minister,« antwortete Gustav beinahe atemlos.

»Gehorsamer Diener,« sprach der Alte trocken; »ich habe zwar nicht
das Vergnügen, Ew. Exzellenz zu sehen in dieser Dunkelheit, aber ich
nehme Gelegenheit, meinen gehorsamsten Dank von wegen der Erhebung
meines Sohnes abzustatten; bin auch sehr scharmiert, daß Sie so treue
Nachbarschaft mit meinem Gustav halten.«

»Man irrt sich,« erwiderte Süß, heiser lachend, »wenn man glaubt, ich
bemühe mich, mit dem Herrn Sohn im Dunkeln über den Zaun herüber zu
parlieren, ich kam nur, um meine Schwester abzuholen, weil es etwas
kühles Wetter ist und die Nachtluft ihr schaden könnte.«

»Mit Ihrer Schwester?« sagte der Alte streng. »Bursche, wie soll ich
das verstehen, sprich!«

»Echauffieren sich doch der Herr Landschaftskonsulent nicht so sehr!«
erwiderte der Jude. »Jugend hat nicht Tugend, und er macht ja nur
meiner Lea in allen Ehren die Cour.«

»Schandbube!« rief der alte Mann, indem er seine Hand um den Arm seines
Sohnes schlang und ihn hinwegzog. »Geh auf dein Zimmer; ich will ein
Wort mit dir sprechen; und _Sie_, Jungfer Süßin, daß Sie sich nimmer
einfallen läßt, mit dem Sohn eines ehrlichen Christen, mit _meinem_
Sohn ein Wort zu sprechen, und wäre Ihr Bruder König von Jerusalem, es
würde meinem Hause dennoch keine Ehre sein.« Mit schwankenden unsichern
Schritten führte er seinen Sohn hinweg. Lea weinte laut, aber der
Minister lachte höhnisch. »~Parole d'honneur!~« rief er. »Das war eine
schöne Szene; vergessen Sie übrigens nicht, Herr Expeditionsrat, daß
Sie nur noch vierzehn Tage Frist zu Ihrer Werbung haben; bis dahin und
von dort an werde ich mein Wort halten.«


10.

Die an Furcht grenzende Achtung des jungen Lanbek hieß ihn geduldig
und ohne Murren dem Vater folgen, und langjährige Erfahrungen über
den Charakter des Alten verboten ihm in diesem Augenblick, wo der
Schein so auffallend gegen ihn war, sich zu entschuldigen. Der
Landschaftskonsulent warf sich in seinem Zimmer in einen Armsessel und
verhüllte sein Gesicht. Besorgt und ängstlich stand Gustav neben ihm
und wagte nicht zu reden; aber die beiden schönen Schwestern des jungen
Mannes flogen herbei, als sie die Schwäche des Vaters sahen, fragten
zärtlich, was ihm fehle, suchten seine Hände vom Gesicht herabzuziehen
und benetzten sie mit ihren Tränen. -- »Das ist der Bube,« rief er nach
einiger Zeit, indem sein Zorn über seine körperliche Schwäche siegte;
»_der_ ist es, der das Haus eures Vaters, unsern alten guten Namen,
euch, ihr unschuldigen Kinder, mit Elend, Schmach und Schande bedeckte;
der Judas, der Vatermörder -- denn heute hat er den Nagel in meinen
Sarg geschlagen.«

»Vater! Um Gottes willen! Gustav!« riefen die Mädchen bebend, indem sie
ihren bleichen Bruder scheu anblickten und sich an den alten Lanbek
schmiegten.

»Ich weiß,« sagte der unglückliche junge Mann, »ich weiß, daß der
Schein gegen mich --«

»Willst du schweigen!« fuhr der Konsulent mit glühenden Augen und
einer drohenden Gebärde auf. »Schein? Meinst du, du könntest meine
alten Augen auch wieder blenden wie damals nach dem Karneval? Nicht
wahr, es wäre weit bequemer, wenn sich diese beiden Augen schon ganz
geschlossen, wenn sie den alten Lanbek so tief verscharrt hätten, daß
keine Kunde von der Schande seines Namens mehr zu ihm dringt. Aber
verrechnet hast du dich, Elender! Enterben will ich dich; hier stehen
meine lieben Kinder, du aber sollst ausgestoßen sein, meines ehrlichen
Namens beraubt, verflucht --«

»Vater!« riefen seine drei Kinder mit _einer_ Stimme; die Töchter
stürzten sich auf ihn und zum erstenmal wagte es Hedwig, ihre Lippen
auf die geheiligten Lippen des Vaters zu legen, indem sie ihm den zum
Fluch geöffneten Mund mit Küssen verschloß. Die jüngere hatte sich
unwillkürlich vor Gustav gestellt, seine Hand ergriffen, als wollte
sie ihn verteidigen, der junge Mann aber riß sich kräftig los; nie so
als in diesem Augenblick glich sein Gesicht, sein drohendes Auge den
Zügen seines Vaters, und die beengte Brust weit vorwerfend, sprach er:
»Ich habe alles ertragen, was möglicherweise ein Sohn von seinem Vater
ertragen darf, ich habe aber noch andere Pflichten, meine eigene Ehre
muß ich wahren, und wäre es mein eigener Vater, der sie antastet. Es
hätte Ihnen genügen können, wenn ich bei allem, was mir heilig ist,
versichere, daß ich nicht das bin, wofür Sie mich halten. Wenn _Sie_
keinen Glauben mehr an mich haben, wenn Sie mich aufgeben, dann bleibt
nichts mehr übrig. _Lebet_ wohl -- ich will euch nur noch _eine_
Schande machen.«

»Du bleibst!« rief ihm der Alte, mehr ängstlich und bebend als
befehlend nach. »Meinst du, dies sei der Weg, einen gekränkten Vater
zu versöhnen? Hast du so sehr Eile, mir voranzugehen, und einen Weg
einzuschlagen, wo ich dich nie mehr träfe? Denn ich habe redlich und
nach meinem Gewissen gelebt, dich aber und deine Absicht verstand ich
wohl.«

»Aber Vater,« sprach seine jüngste Tochter mit sanfter Stimme, »wir
hatten ja alle Gustav immer so lieb, und Sie selbst sagten so oft, wie
tüchtig er sei; was kann er denn so Schreckliches verbrochen haben, daß
Sie so hart mit ihm verfahren?«

»Das verstehst du nicht, oder ja, du kannst es verstehen: des Juden
Schwester liebt er, und mit ihr und mit seinem Herrn Schwager Süß
hat er sich am Gartenzaun unterhalten. Jetzt sprich! Kannst du dich
entschuldigen? O, ich Tor, der ich mir einbildete, man habe ihn, um mir
eine Falle zu legen, erhoben und angestellt! Seine jüdische Scharmante
hat ihn zum Expeditionsrat gemacht!«

»Der Vater will mich nicht verstehen,« sprach der junge Mann mit Tränen
in den Augen, »darum will ich zu euch sprechen. Euch, liebe Schwestern,
will ich redlich erzählen, wie die Umstände sich verhalten, und ich
glaube nicht, daß ihr mich verdammen werdet.« Die Mädchen setzten sich
traurig nieder, der Alte stützte seine gefurchte Stirne auf die Hand
und horchte aufmerksam zu. Gustav erzählte anfangs errötend und dann
oft von Wehmut unterbrochen, wie er Lea kennen gelernt habe, wie
gut und kindlich sie gewesen sei, wie gerne sie mit ihm gesprochen
habe, weil sie sonst niemand hatte, mit dem sie sprechen konnte. Er
wiederholte dann das Gespräch mit dem jüdischen Minister und dessen
arglistige Anträge; er versicherte, daß er nie dem Gedanken an
eine Verbindung mit Lea Raum gegeben habe, und daß er diesen Abend
dem Minister es selbst gesagt haben würde, wäre nicht der Vater so
plötzlich dazwischen gekommen.

»Du hast sehr gefehlt, Gustav,« sagte Hedwig, seine ältere Schwester,
ein ruhiges und vernünftiges Mädchen. »Da du nie, auch nur entfernt,
an eine Verbindung mit diesem Mädchen denken konntest, so war es deine
Pflicht als redlicher Mann, dich gar nicht mit ihr einzulassen. Auch
darin hast du sehr gefehlt, daß du nicht gleich damals schon deinem
Vater alles anvertraut hast; aber so hast du jetzt deine ganze Familie
unglücklich und zum Gespött der Leute gemacht; denn meinst du, der Süß
werde nicht halten, was er gedroht? Ach, er wird sich an Papa, an dir,
an uns allen rächen.«

»Geh, bitte den Vater um Verzeihung!« sprach das schöne Käthchen
weinend. »Du mußt ihm nicht noch Vorwürfe machen, Hedwig, er ist
unglücklich genug. Komm, Gustav,« fuhr sie fort, indem sie seine Hand
ergriff und ihn zu dem Vater führte, »bitte, daß er dir vergibt; ja,
wir werden recht unglücklich werden, der böse Mann wird uns verderben,
wie er das Land verdorben hat, aber dann lasset doch wenigstens Frieden
unter _uns_ sein. Wenn wir uns noch haben, so haben wir viel, wenn er
uns alles übrige nimmt.«

Der Alte blickte seinen Sohn lange, doch nicht unwillig an. »Du hast
gehandelt wie ein eitler junger Mensch, und die Aufmerksamkeit, die
dir diese Jüdin schenkte, hat dich verblendet. Du hast, ich fühle es
für dich, vielleicht schon seit geraumer Zeit, gewiß aber diesen Abend
dafür gebüßt. Katharine hat recht; ich will dir nicht länger grollen;
wir müssen uns jetzt gegen einen furchtbaren Feind waffnen. Glaubst
du, daß er Wort halten wird mit den vierzehn Tagen Frist, die er dir
nachrief?«

»Ich glaube und hoffe es,« antwortete der junge Mann.

»Um jene Zeit muß sich mehr entscheiden als nur das Schicksal unsers
Hauses,« fuhr der Alte fort; »Römchingen und Süß -- oder wir; wer
verliert, bezahlt die Zeche. Jetzt gelobe mir aber, Gustav, die Jüdin
nie mehr, weder im Garten noch sonstwo aufzusuchen, und unter dieser
Bedingung will ich deine Torheit verzeihen.«

Gustav versprach es mit bebenden Lippen und verließ dann das Zimmer,
um seine Bewegung zu verbergen. Noch lange und mit unendlicher Wehmut
dachte er dort über das unglückliche Geschöpf nach, dessen Herz ihm
gehörte, und das er nicht lieben durfte. Er teilte zwar alle strengen
religiösen Ansichten seiner Zeit, aber er schauderte über dem Fluch,
der einen heimatlosen Menschenstamm bis ins tausendste Glied verfolgte
und jeden ins Verderben zu ziehen schien, der sich auch den Edelsten
unter ihnen auf die natürlichste Weise näherte. Er fand zwar keine
Entschuldigung für sich und seine verbotene Neigung zu einem Mädchen,
das nicht auch seinen Glauben teilte, aber er gewann einigen Trost,
indem er sein eigenes Schicksal einer höheren Fügung unterordnete.

Sein Vater und die Schwestern unterhielten sich noch lange über ihn
und diese Vorfälle, und die Erinnerung an so manche schöne Tugend des
jungen Mannes versöhnte nach und nach den Alten, so daß er selbst das
Geheimhalten jener Vorschläge des Ministers einigermaßen entschuldigte.
Als aber spät abends die beiden Schwestern allein waren, sagte
Käthchen: »Wahr ist es doch, Gustav hat zwar gefehlt. Ich habe sie
einmal am Fenster und einmal im Garten gesehen; so schön und anmutig
sah ich in meinem ganzen Leben nichts. Was sind alle Gesichter in
Stuttgart, was ist selbst die schöne Marie, von der man so viel Wunder
macht, gegen dieses herrliche Gesicht! Nein, Hedwig, ich hätte mich
ganz in sie verlieben können!«

»Wie magst du nur so töricht schwatzen!« erwiderte Hedwig unwillig.
»Mag sie sein, wie sie will, sie ist und bleibt doch nur eine Jüdin.«


11.

Nicht die unglückliche Liebe ihres Bruders allein war es, was in den
folgenden Tagen die schönen Töchter des Landschaftskonsulenten Lanbek
ängstigte; nein, es war das sonderbare und drückende Verhältnis, das
zwischen Vater und Sohn zu herrschen schien, was den vier schönen
blauen Augen im stillen so manche Träne kostete. Man konnte nicht
sagen, daß sie sich finster angeblickt, mürrisch gefragt oder kalt
geantwortet hätten; aber dennoch sah man ihnen beiden an, daß Gram
und Sorgen sie beschäftigten, und die Mädchen wurden immer wieder in
ihren Vermutungen über den Grund dieses Grämens irre geleitet, wenn
sie zuweilen den alten Mann und seinen Sohn in einer Fensternische
beisammenstehen und zutraulicher, aber auch ernster als je zusammen
flüstern sahen. Endlich wurden sie sogar für drei Abende in der
Woche förmlich aus dem großen Familienzimmer, das winters allen zum
Aufenthalt diente, verwiesen, und, was ihres Wissens nie geschehen war,
Papas kleines Bibliothekzimmer wurde ihnen für solche Abende besonders
geheizt und ihnen die Erlaubnis gegeben, sich an den trefflichen
Juristen und Philosophen zu amüsieren.

Freilich bedachten bei solchem Exil weder Vater noch Sohn, daß man von
der Bibliothek im oberen Stock in das Studierzimmer, von diesem in das
Gastzimmer und von dem Gastzimmer in die sogenannte Rumpelkammer kommen
könne, von welcher eine viereckige Oeffnung, mit einem kleinen Deckel
versehen, in das Wohnzimmer hinabging, um Luft oder Wärme in dieses
Gemach zu leiten; sie bedachten auch nicht, daß weibliche Neugierde
wohl noch stärkere Schranken durchbrochen haben würde als diese, die
zwischen jener Kammer und der Bibliothek lagen. Einige Abende hatte
übrigens doch noch ein mächtigeres Gefühl als Neugierde die Mädchen in
der Bibliothek zurückgehalten, nämlich Furcht. Hedwig behauptete, schon
öfters oben in jener Kammer Fußtritte und ein schreckliches Stöhnen
gehört zu haben, und dem schönen Käthchen graute dort hinzugehen, weil
jenes Gemach nur eine dünne Wand aus Holz und Backsteinen von den
Zimmern des gefürchteten Juden Süß trennte.

Eines Abends jedoch, als man die Mädchen schon längst weggeschickt
hatte, sah Käthchen, die sich bis auf die Mitte der Treppe
hinabgeschlichen hatte, drei Männer bei ihrem Vater eintreten, die
ihre Neugierde aufs höchste trieben. Der erste, der sich langsam und
schnaubend die untere Treppe heraufschob und auf der Hausflur einige
Minuten stehen blieb, um Atem zu sammeln, war niemand Geringeres als
der lutherische Prälat Klinger. Seine schneeweiße Perücke, seine
Prälatenkette, die gerade auf dem Magen ruhte, und seine alten
verwitterten Züge flößten dem Mädchen ungemeine Ehrfurcht ein; ihm
folgte hastigen Schrittes der Oberst und Stallmeister von Röder, ein
Mann, den man für sehr klug und tapfer, aber zugleich auch in seinen
Sitten für sehr unheilig hielt, und über den dritten hätte sie beinahe
laut aufgelacht, es war der fröhliche Kapitän Reelzingen, der so
drollige Geschichten und Schnurren zu erzählen wußte, und sie schon
auf manchem Ball beinahe zum Lachen gebracht hatte. Heute hatte er
sein Gesicht in ganz ehrbare Falten gelegt und sah gerade aus wie
damals, als er ihr auf ~Parole d'honneur~ schwur, daß er sie ~vraiment~
liebe. Sie sah ihm lächelnd nach, bis sein ungeheurer Degen in der
Türe verschwunden war, und eilte dann in das Bibliothekzimmer, wo sie
die blonde Hedwig traf, welche die Augen fest zugeschlossen hatte, um
nicht über ein Gespenst zu erschrecken, wenn etwa zufällig eines in der
Bibliothek auf und ab wandelte. »Heute _müssen_ wir hinuntergucken!«
erklärte Käthchen. »Und komm nur jetzt gleich mit; denke dir, die Leute
kommen hier zusammen wie beim Karneval. Hast du je sonst den Prälaten
Klinger und den Kapitän Reelzingen in _einem_ Zimmer gesehen, und dazu
den Oberst Röder und« -- setzte sie hinzu, als die Schwester zauderte
-- »ich müßte mich sehr irren, wenn ich nicht, als die Tür einmal
aufging, auch Blankenberg gesehen hätte.«

Dieser letzte Name entschied; Käthchen nahm das Licht und ging mit
pochendem Herzen voran, Hedwig folgte ihr, so nahe als möglich an die
mutigere Schwester gedrängt, und als jene die verhängnisvolle Kammertür
aufschloß, hielt sie sich fest an ihrem Kleide. Die Oeffnung war gerade
über dem Ofen des Wohnzimmers, das einen Stock tiefer lag, angebracht,
und Käthchen konnte, als sie die Klappe aufzog, selbst wenn sie sich
auf die Knie legte und den Kopf tief herabbeugte, doch nicht mehr
als vier oder fünf der versammelten Männer sehen; auch Hedwig beugte
sich jetzt herab und versuchte es, noch tiefer zu blicken als ihre
Schwester, aber verdrießlich stand sie wieder auf und sagte: »Nichts
als den breiten Rücken des Prälaten, einige Perücken und die Uniform
des Obersten kann ich sehen; weißt du denn gewiß, daß Blankenberg
zugegen ist?«

»Sicher!« erwiderte Käthchen, schalkhaft lächelnd. »Doch laß uns
horchen, was sie sprechen; vielleicht kennst du deinen Liebhaber an der
Stimme.«

Sie setzten sich auf den Fußboden neben der Oeffnung und lauschten;
die angenehme Wärme, die von dem Ofen heraufdrang, und ihre Neugierde
ließen sie eine Zeitlang die empfindliche Kälte der Märznacht
vergessen; endlich richtete sich Hedwig unmutig auf. »Meinst du, wir
werden klug werden aus diesem Geplauder, wovon man nur die Hälfte
versteht? Sie schwatzen wieder, wie immer, vom Wohl des Landes, vom
Herzog, von Süß, von allem; was geht das uns an! Komm! Es ist gar
schaurig hier und kalt. Mädchen, so steh doch auf!«

Aber Käthchen winkte ihr zu schweigen; man hörte jetzt eben den Oberst
Röder mit bestimmter und vernehmlicher Stimme etwas vorlesen; die tiefe
Stille umher unterbrach nur zuweilen ein schnell verrauschendes Murmeln
des Unwillens. Jetzt sprach der alte Lanbek; Käthchens fröhliche
Züge gingen nach und nach in Staunen und Angst über; endlich, als die
Männer unten wieder laut, aber beifällig zusammensprachen und die
Gläser anstießen, flog eine hohe Röte über das Gesicht des Mädchens,
ihre Augen leuchteten, als sie vorsichtig die Klappe schloß, die Lampe
ergriff und mit ihrer Schwester den Rückweg einschlug.

»Hast du was verstanden?« fragte Hedwig. »Du schienst auf einmal so
aufmerksam; was haben sie denn Besonderes gesprochen?«

»Ich weiß nicht alles, ich kann nicht alles sagen,« erwiderte Käthchen
nachdenkend; »mir ist's, als hätte mir alles geträumt. Höre -- aber
schweig! Es könnte uns alle unglücklich machen. Das sind gefährliche
Menschen in Vaters Zimmer unten. Mir graut, wenn ich daran denke, was
daraus entstehen kann.«

»So sprich doch, einfältiges Kind! Ich bin zwei Jahre älter als du, und
du sollst keine Geheimnisse vor mir haben.«

»Denke dir,« fuhr Käthchen mit leiser Stimme fort, »der Süß will uns
katholisch machen und die Landschaft umstürzen; da verlöre der Vater
und alle andern verlören ihre Stellen!«

»Katholisch!« rief Hedwig mit Entsetzen. »Da müßten wir ja Nonnen
werden, wenn wir ledig blieben? Nein, das ist abscheulich!«

»Ach, warum nicht gar,« erwiderte Käthchen, lächelnd über den Jammer
ihrer Schwester, »da müßte es viele Nonnen geben, wenn alle, die keine
Männer bekommen, ins Kloster gingen; aber sei ruhig, es kommt nicht
so weit. In drei Tagen, sagte Röder, werde der Herzog verreisen, und
während er in Philippsburg ist, wollen die Männer da unten den Juden
und alle seine Gehilfen im Namen der Landschaft gefangen nehmen und
dann dem Herzog beweisen, wie schlecht seine Minister waren.«

»Ach Gott, ach Gott! Das geht nicht gut,« sagte Hedwig weinend. »Alles
werden sie verlieren, denn der Herzog traut allen eher als denen von
der Landschaft; ich weiß ja, was mir einmal die Oberstjägermeisterin
über den Vater sagte. Du wirst sehen, es geht unglücklich!«

»Und wenn auch,« antwortete Käthchen, »so sind wir die Töchter eines
Mannes, der, was er tut, zum Besten seines Vaterlandes tut. Das kann
uns trösten.« Das mutige Mädchen holte aus dem Schranke eine mit vielen
schönen Kupfern geschmückte Bibel. Sie gab der weinenden Schwester das
neue Testament, um sich an den Kupfern und Reimsprüchen zu zerstreuen.
Sie selbst schlug sich das Alte Testament auf. Sie verbarg ihre eigene
Besorgnis um ihren Vater unter einem Liedchen, das sie leise vor sich
hinsang, während ihre schönen Fingerchen emsig die vergilbten Blätter
von einem Bilde zum andern durcheilten.


12.

Es gibt im Leben einzelner Staaten Momente, wo der aufmerksame
Beschauer noch nach einem Jahrhundert sagen wird, hier, gerade hier
mußte eine Krise eintreten; ein oder zwei Jahre nachher wären dieselben
Umstände nicht mehr von derselben Wirkung gewesen. Es ist dann dem
endlichen Geist nicht mehr möglich, eine solche Fügung der Dinge
sich hinwegzudenken, und aus der unendlichen Reihe von möglichen
Folgen diejenigen aneinander zu knüpfen, die ein ebenso notwendig
verkettetes Ganze bilden als ein verflossenes Jahrhundert mit allen
seinen historischen Wahrheiten. Hier zeigt sich der Finger Gottes,
pflegt man zu sagen, wenn man auf solche wichtige Augenblicke im Leben
eines Staates stößt. Es hat aber zu allen Zeiten Männer gegeben,
die, mochte ihr eigener Genius, mochte das Studium der Geschichte
sie leiten, solche Momente geahnet, berechnet haben, und sie wirkten
dann am überraschendsten, wenn sie sich nicht begnügten, solche
Krisen vorhergesehen zu haben, sondern wenn sie Mut genug besaßen,
zu rechter Zeit selbst einzuschreiten, Kraft genug, um eine Rolle
durchzuführen. Die Geschichte hat längst über die kurze Regierung der
Minister Karl Alexanders entschieden. Sie flucht keinem Sterblichen,
sonst müßte sie die Tränen und Seufzer Württembergs in schwere Worte
gegen die Urheber seines Unglücks im Jahre 1737 verwandeln; aber sie
gedenkt mit Liebe einiger Männer, die sich nicht von dem Strome der
allgemeinen Verderbnis hinreißen ließen, die ahneten, es müsse anders
kommen, die vor dem Gedanken nicht zitterten, eine Aenderung der Dinge
herbeizuführen, und die auch dann mit Ruhe und Gelassenheit die Sache
ihres Landes führten, als ein _Höherer_ es übernommen hatte, einen
unerwartet schnellen Wechsel der Dinge herbeizuführen, indem er zwei
feurige Augen schloß und ein tapferes Herz stille stehen hieß.

Wer sollte es diesem heiteren Stuttgart und seinen friedlichen Straßen
ansehen, daß es einst der Schauplatz so drückender Besorgnisse war? Wie
beruhigt über den Gang der Dinge sind die Enkel derer, die in jenem
verhängnisvollen März jede Stunde für das Schicksal ihrer Familien,
für die alten Rechte ihres Landes, selbst für ihren Glauben zittern
mußten!

Wer den übermütigen Süß in seiner Karosse, mit sechs Pferden bespannt,
durch die »reiche Vorstadt« fahren sah, wie er stolz lächelnd auf
die bleichen, feindlichen Gesichter herabblickte, die ihm überall
begegneten; wer den schrecklichen _Hallwachs_, seinen innigen Freund
und Ratgeber, neben ihm sah und bedachte, wie viele verderbliche Pläne
dieser Mann ersonnen, wie viele unerhörte Monopole er eingeführt
habe und wie er immer neue zu erfinden trachte; wer das unbegrenzte
Vertrauen kannte, das der Herzog in diese Menschen setzte, der mußte
wohl an der Möglichkeit der Rettung verzweifeln.

Dazu kamen noch die sonderbaren und widersprechenden Gerüchte, die
im Umlauf waren. Die einen sagten, der Herzog sei nach Philippsburg
und Kehl gereist, habe aber das Regiment nicht an den Geheimenrat,
sondern das Siegel dem Juden Süß gegeben; andere widersprachen und
behaupteten, man habe den Herzog an einem Fenster des Ludwigsburger
Schlosses gesehen, auch seien seine Pferde noch dort, und er sei nicht
abgereist. In einem Dorf an der österreichischen Grenze im Oberland
sollen die Katholiken plötzlich über die protestantischen Einwohner
hergefallen sein, und als letztere den Kampfplatz behaupteten, sei eine
Kompagnie Kreistruppen über die Grenze herein ins Dorf gerückt. Am
sonderbarsten klang das Gerücht, das sich überdies noch bestätigte, der
Oberfinanzrat Hallwachs habe ein kostbares Meßgewand beim Hofsticker
bestellt und ihm befohlen, es bis zum achtzehnten März fertig zu machen
und wenn er mit fünfzig Gesellen arbeiten müßte; bringe er es nicht
fertig, so werde er eingesetzt. Ein lutherischer Geistlicher, den man
mit Namen nannte, soll den Kindern in der Schule Kreuzchen, aus Holz
geschnitzt, geschenkt haben, mit den Worten: »Nur wenn ihr diese in
Händen haltet, könnet ihr recht beten.« Endlich erzählte man sich als
etwas Verbürgtes, der Jude habe zum Herzog über der Tafel gesagt: »Ihre
Stände, Durchlaucht, sind eigentliche Widerstände; aber sie stehen
schon so lange, daß sie müde und matt sind.« Karl Alexander habe ihm
lächelnd zur Antwort gegeben: »~C'est vrai; allons donc leur donner
des chaises, et une fois assis, ils ne se leveront plus.~« Auch jene
Männer, die entschlossen waren, dem drohenden Verderben zuvorzukommen,
hörten diese Gerüchte. Aber sie waren dabei kalt und ruhig; wußten
sie ja doch, Württemberg stehe eine solche Veränderung bevor, daß es
entweder erleichtert oder so tief ins Unglück gestürzt werden würde,
daß der Jammer des einzelnen davor verstummen müßte. Man erzählt sich,
sie haben alles, was dazu gehört, einem mächtigen und bösartigen Feind
mit Hilfe des Landvolks zu begegnen, vorbereitet gehabt, und wenn ihr
Unternehmen gelingen sollte, so verdankten sie es nur den wenigen
hellstrahlenden Namen einiger Männer aus der Landschaft; denn an diese
war man in Württemberg gewöhnt, das Interesse des Landes zu ketten.

Es war spät abends den elften März, als der Landschaftskonsulent
Lanbek mit seinem Sohne und dem Kapitän Reelzingen in seiner Wohnstube
beim Weine saß. Die beiden Lanbek waren ernst und düster, der Kapitän
aber konnte auch jetzt seinen fröhlichen Lebensmut nicht verbergen,
denn er teilte seine Aufmerksamkeit und sein Gespräch zwischen der
Fensternische, wo die beiden Schwestern Gustavs saßen, und zwischen den
beiden Männern an seiner Seite. Hedwig sah bleich und still vor sich
hin auf ihre Nadeln, aber auf Käthchens Gesichtchen lag eine höhere
Röte als gewöhnlich und alle Augenblicke zeigte sie die weißen Zähne
und die schönen Grübchen in ihren Wangen, denn der Kapitän wußte wieder
wunderschöne Späße und Geschichten.

»Wie ist Euer Pferd, Kapitän?« fragte der alte Lanbek.

»Mein Fuchs ist ein besserer Infanterist als ich selbst,« erwiderte er.
»Wenn ich die sechs ersten Stunden Trab und bergauf Schritt reite, so
kann ich die nächsten sechs bequem Galopp reiten. Er hat nur _einen_
Fehler, den, daß er noch nicht bezahlt ist, und macht mir durch diese
Untugend oft großen Jammer.«

»Ihr könnt,« fuhr der Alte fort, »wenn ihr von der Galgensteige an
scharf Trab reitet, zwischen elf und zwölf Ludwigsburg passieren; um
vier Uhr müßt ihr in Heilbronn sein und dort laßt ihr die Pferde ruhen;
zwischen acht und zehn Uhr seid ihr morgen in Oehringen.«

»Aber Vater,« fiel Gustav ein, »wäre es nicht ratsamer, gegen
Heidelberg zu reiten? Ich wollte darauf wetten, wir sind gegen
Oehringen hin nicht mehr sicher. Bedenken Sie, daß der Deutschorden
dort tief herein sich erstreckt, daß sie in Mergentheim gewiß von dem
Bischof in Würzburg unterrichtet sind, daß --«

»Daß,« fuhr der Vater fort, »ihr auf der Straße nach Heidelberg viel
mehr auffallet und daß ihr, wenn ihr etwa die Gegend nicht mehr rein
fändet eine letzte Zuflucht bei meinem alten Herrn und Gönner, dem
Herzog in Neustadt, habt, der euch gewiß in den ersten Tagen nicht
herausgibt. Ist dann Karl Alexander zufrieden mit dem, was wir hier
getan, so könnet ihr immer zurückkehren; wo nicht, so gehet ihr, wie
schon gesagt, weiter nach Frankfurt.«

»Gott! daß ich euch in einer solchen Krisis zurücklassen soll!« rief
Gustav mit Tränen. »Daß ich vielleicht an eurem Unglück schuld bin; daß
alles schlecht gehen kann, wenn Süß meine Flucht erfährt und sich an
Ihnen, Vater, rächt! Nein, ich kann, ich darf nicht gehen!«

»Nein, Vater,« fiel Hedwig ein, indem sie noch bleicher als zuvor
herbeieilte und ihres Vaters Hand ergriff, »er darf uns nicht
verlassen; o, ihr habt schreckliche Dinge vor, ich weiß es wohl, ihr
wollt eine Verschwörung gegen diese mächtigen Menschen machen. Lassen
Sie ab davon, Vater; Süß und die andern werden Ihnen verzeihen; ach,
mich tötet die Angst!«

»Geh, Mädchen,« sprach Käthchen, die auch herangetreten war; »was
Männer tun und was unser Vater tut, geht uns nichts an. Aber warum soll
denn gerade jetzt Gustav so schnell hinweg? Er könnte uns allen so
nützlich sein.«

»Weil ich keine Jüdin zur Tochter mag;« sagte der Alte streng, »darum
soll er fort. Weil ich ein Briefchen seiner Scharmanten aufgefangen und
mit Protest an den Juden geschickt habe, und weil dieser jetzt wütet
und euren Bruder mit Gewalt zum Schwager haben oder auf Neuffen setzen
will, darum soll und muß er ihm jetzt aus dem Wege gehen. Doch, ich
wollte dir in dieser Stunde nicht wehe tun, Gustav; wir scheiden als
Freunde, und alles andere soll vergessen sein, wer weiß, wann und wo
wir uns wiedersehen!«

Indem der Alte die letzten Worte sprach und seinem Sohn die Hand
reichte, wurde schnell und heftig an der Tür gepocht, und ehe noch
jemand antwortete, trat plötzlich eine Gestalt, in einen Mantel
gehüllt, ein. »Was soll dies?« fuhr der alte Lanbek auf. »Wer drängt
sich so bei Nacht in mein Haus, wer sind Sie?«

»Blankenberg!« rief Hedwig, als jener den Mantel abwarf, und trat
schnell und errötend einige Schritte vor.

»Verzeihung, Herr Konsulent,« sprach der junge Mann eilend, »die
Not muß mich entschuldigen. Gustav, du mußt im Augenblick fort; der
Leutnant Pinassa schrieb mir soeben, daß er dich auf Befehl des General
Römchingen heute nacht zwischen elf und zwölf Uhr aufheben müsse. Der
ehrliche Junge möchte dich nicht gern im Nest treffen.«

»Dank, Dank,« erwiderte der Alte, indem er Blankenberg die Hand
drückte. »Trinket aus, Kinder, und macht den Abschied schnell; hier,
mein lieber Reelzingen,« fuhr er fort und drückte dem überraschten
Kapitän einen großen Beutel in die Hand; »man kann nicht wissen, ob
sich euer Weg nicht teilt. Sie sind so edelmütig, meinen Sohn zu
begleiten.«

»Und mit Geld wollen Sie dies lohnen?« unterbrach ihn der Kapitän
unmutig. »~Parole d'honneur~, Herr! ich begleite meinen Bruder, weil
wir alte Amicisten sind, und nicht wegen Ihrer Spieße. Da soll mich
doch --«

»Reelzingen,« sagte Käthchen mit ihrer süßen Stimme, »Ihr versteht doch
gar keinen Scherz; es sind lauter Kupfermünzen, und ich habe dem Vater
den Beutel gegeben, Euch in April zu schicken.«

»Ich verstehe,« flüsterte der Kapitän, indem er errötend dem schönen
Mädchen die Hand küßte. »Ich will Euch dafür etwas Schönes von
Frankfurt mitbringen.«

»Bringet mir,« antwortete sie, indem sie die Tränen nicht mehr
zurückhalten konnte, »nur unsern Gustav wohlbehalten zurück, und,«
setzte sie, durch Tränen lächelnd, hinzu, »machet mir keine tollen
Streiche, die euch verraten könnten.«

»Die Pferde sind vor dem Seetor,« sprach der Alte zu Reelzingen und
seinem Sohn. »Ihr dürft nicht das Tor selbst passieren; denn die
erste Runde ist schon vorüber. Begleiten Sie meinen Sohn, Herr von
Blankenberg, durch die Gärten und bringen Sie mir Nachricht, wie sie
fortgekommen sind.«

Der junge Lanbek umarmte Vater und Geschwister, die Schwestern folgten
ihm und seinen Freunden weinend bis unter die Gartentüre, und als
nachher Hedwig ihre jüngere Schwester bitter tadelte, weil sie erlaubt
habe, daß der Kapitän sie auf den Mund küsse, antwortete jene: »Du hast
gefehlt, nicht ich, daß du es unterlassen hast; solche Höflichkeit
waren wir einem Manne schuldig, der für unsern Bruder so viel tut.«

»Ei,« erwiderte Hedwig errötend, »Blankenberg hat ihn eigentlich doch
auch gerettet.«


13.

Die beiden jungen Männer ritten schweigend durch die finstere Nacht
hin. Kein Stern war am Himmel und der Wind heulte um die Berge. »Hu!
Siehst du dort?« flüsterte Reelzingen, als sie an dem eisernen Galgen
vorbeiritten, den einst (1597) Herzog Friedrich dem Alchimisten Honauer
aus dem Metall errichten ließ, das er in Gold zu verwandeln versprochen
hatte. »Schau, diese ungeheure Menge Raben, es ist, als witterten sie
eine neue Beute.«

Sein Freund blickte schweigend hinauf, schlug aber plötzlich wieder die
Augen nieder, denn ihm war, als sähe er Leas feine, liebliche Gestalt
klagend unter dem Galgen sitzen. »Fest genug ist diese Schandsäule aus
Eisen,« fuhr der Kapitän fort, »um alle Schurken im Lande zu tragen;
aber wollte man das Gold mit aufhängen, das sie eingesackt haben,
würde selbst dieser Galgen wie ein morscher Stab zusammenbrechen! Wie
diese Raben schaurige Melodien singen! Doch wie? -- ~Dieu nous garde~,
Kamerad! Gib deinem Roß die Sporen, wahrhaftig, dort sitzt ein Gespenst
am Galgen!«

Es war, als ob die Pferde selbst diesen Ort des Schreckens fürchteten,
denn auf diesen Ruf jagten sie mit Sturmeseile den Berg hinan und waren
nicht mehr ruhig, bis man das Gekreisch der Raben nicht mehr hörte.

Es liegt eine kleine Brücke zwischen Stuttgart und Ludwigsburg, von
welcher das Volk viel Schauerliches zu erzählen weiß; so viel ist
gewiß, daß schon Unerklärliches dort vorgefallen ist, und daß mancher
Mann sein Gebet spricht, wenn er nachts allein über diese Stelle
reitet. Die Sage sagt, daß der Sohn des Konsulenten und sein Freund,
der muntere Kapitän, glücklich und in kurzer Zeit bis an jene Brücke
gekommen seien; dort aber seien ihre Pferde nicht mehr von der Stelle
gegangen und haben geschnaubt und gezittert. Die jungen Leute spornten
und gebrauchten ihre Peitschen, als eine alte, zitternde Stimme rief:
»Gebt einem alten Mann doch ein Almosen!«

»Wer wird bei Nacht und Nebel den Beutel ziehen? Zurück, Alter, von der
Brücke weg, unsere Pferde scheuen vor Euch, zurück, sag' ich, oder Ihr
sollt meine Peitsche fühlen!«

»Nicht so rasch, junges Blut! Nicht so rasch!« sagte der Alte, dessen
dunkle Gestalt sie jetzt auf dem Brückengeländer sitzen sahen. »Eile
mit Weile! Kommet noch früh genug, gebet einem alten Mann ein Almosen!«

»Jetzt ist meine Geduld zu Ende,« rief der Kapitän und schwang seine
Peitsche in der Luft. »Ich zähle drei, wenn du nicht weg bist, hau' ich
zu.«

Der Alte hüstelte und kicherte, Gustav kam es vor, als wachse seine
dunkle Gestalt ins Unendliche und -- ein langer Arm streckte einen
großen Hut heran, und zum drittenmal, aber drohend und mit furchtbarer
Stimme krächzte der Mann von der Brücke: »Einem alten Mann gib ein
Almosen! Es wird dir Glück bringen, und reite nicht so schnell; vor
zwölf Uhr darfst du nicht dort sein.«

Reelzingen ließ kraftlos und zitternd seinen Arm sinken; er gestand
nachher, daß ihn eine kalte Hand angefaßt habe. Gustav aber zog mit
pochendem Herzen die Börse und warf ein Silberstück in den großen Hut.
»Wieviel Uhr ist's, Alter?« fragte er.

»Weiß keine Stund' als zwölf Uhr,« sprach die Gestalt, die wieder
auf dem Geländer zusammenkauerte, mit dumpfer Stimme. »Dank dir,
sollst Glück haben; reit' zu!« Er sagte es und stürzte rücklings mit
einem dumpfen Fall in den Sumpf, über den die Brücke führte. Entsetzt
gab Reelzingen seinem Pferde die Sporen, daß es sich hoch aufbäumte
und dann in zwei Sprüngen über die Brücke setzte. Gustav aber hielt
erschrocken sein Pferd an, stieg ab und blickte über das Geländer
der Brücke. Es rührte sich nichts. »Alter!« rief er hinab, »hast du
Schaden genommen? Kann ich dir helfen?« -- Keine Antwort, und alles
war still unten wie im Grabe. Jetzt faßte auch den jungen Lanbek
eine unerklärliche Angst; er fühlte, als er aufstieg, wie sein Pferd
zitterte; er wagte es nicht, sich noch einmal nach dem grauenvollen Ort
umzusehen, als er seinem Freund nachjagte.

»Das ist das zweite Mal, daß er mir begegnet ist,« flüsterte Reelzingen
tief aufatmend, als Lanbek wieder an seiner Seite war.

»Wer?« fragte dieser betroffen.

»Der Teufel,« antwortete der Kapitän.

Lanbek gab ihm keine Antwort auf die sonderbare Rede, und sie jagten
weiter durch die Nacht hin. In Zuffenhausen schlug es Viertel vor
zwölf Uhr, als sie durchritten; in den meisten Häusern brannten noch
die Kerzen und da und dort hörte man geistliche Lieder aus den Stuben.
Der Nachtwächter stieß eben ins Horn und rief die Stunde; der Kapitän
hielt an und fragte ihn, was die späten Gesänge und Gebete zu bedeuten
haben.

»Ach Herr! Das ist eine arge Nacht,« antwortete dieser, »es hat ein
Mann an vielen Häusern gepocht und befohlen, die Leute sollen die ganze
Nacht bis zwölf Uhr beten.«

»Wer ist der Mann?« fragte Lanbek staunend.

»Alte Leute, Herr, die ihn gesehen haben, versichern, es sei unser
alter Pfarrer gewesen; Gott hab' ihn selig, er ist seit zwanzig Jahren
tot; aber es war ja nichts Unchristliches, was er verlangte, drum beten
und singen sie in den Lichtkarzstuben und spinnen dazu.«

»Diese Nacht kann mich noch wahnsinnig machen!« rief der Kapitän, indem
sie wegritten. »Gustav, ich glaube, heute nacht geht er leibhaftig
auf der Erde um; ich denke, es wäre jetzt gerade die beste Zeit, den
alten Burschen zu zitieren, wenn man etwa schnell Oberst werden oder
zweimalhunderttausend spanische Quadrupel haben möchte.«

»Tor!« antwortete der Freund. »Der, den du meinst, hat mit dem Gebet
nichts gemein.«

Es war, als ob ihre Pferde nur zum Schein die Beine aufhöben, denn jede
Viertelstunde, die sie zurücklegten, schien zu einer neuen anzuwachsen.
Noch immer wollte Ludwigsburg nicht erscheinen und die Nacht war so
finster, daß sie auch an der Gegend nicht erkennen konnten, ob sie
fehlgeritten oder ob sie der Stadt schon nahe seien. Endlich, nachdem
sie etwa wieder eine halbe Stunde geritten sein mochten, sahen sie in
der Entfernung von etwa tausend Schritten Lichter schimmern, fanden
aber auch zugleich ihren Weg durch vier Pferde versperrt, die, an einen
Reisewagen gespannt, quer über die Landstraße standen.

»Führ' deine Pferde hinweg, Fuhrmann!« rief der Kapitän, »oder meine
Peitsche wird sie bald weggetrieben haben; warum versperrst du den Weg?«

»Gemach, ihr Herren, soll gleich geschehen,« antwortete ein Mann,
der von dem Wagen stieg. Aber die Zeit, die er dazu brauchte, die
herabgefallenen Zügel aufzunehmen und zu ordnen, dauerte dem raschen
Soldaten zu lange, er versuchte über die schlaff liegenden Stränge
des vordersten Gespanns wegzusetzen, und forderte seinen Freund auf,
ein gleiches zu tun; doch wie es in solchen Fällen blinder Eile zu
geschehen pflegt, in demselben Augenblick zog der Mann am Wagen die
Zügel an, und das Pferd des Kapitäns blieb mit einem Fuß in den straff
aufgerichteten Strängen hängen.

Lanbek sprang ab, um dem Freund zu helfen, der Kutscher lief bedauernd
herzu, und eben war der Fuß des unbezahlten Rosses frei, als man einige
Reiter in aller Eile von der Stadt herbeijagen hörte. Der erste mochte
einen Vorsprung von fünfhundert Schritten, aber kein gutes Pferd haben,
denn der Kapitän unterschied deutlich, daß es kurzen Paradegalopp ging,
die Tritte der nachfolgenden Pferde schlugen zwar minder kräftig auf,
waren aber flüchtiger. »Platz -- ~allons!~ -- Platz!« rief der erste
Reiter; aber in demselben Augenblick hörten auch die beiden jungen
Männer eine bekannte Stimme, die mit dem wildesten Ausdruck rief:
»Halt, Jude! oder ich schieß' dich mitten durch den Leib!«

Unter dem Volke in Württemberg hört man zuweilen noch einen Reim, der
diesen merkwürdigen Moment bezeichnet, er heißt:

    Da sprach der Herr von Röder:
    Halt oder stirb entweder!

Und der alte Oberst war es auch, der in diesem Augenblick seinen
Begleitern weit voran, eine Pistole in der Hand, ansprengte, den ersten
Reiter wütend am Arme packte und schrie: »Wo hinaus, Jude? Warum so
schnell zu Roß, als ich dir nachrief zu warten?«

»Mäßigt Euch, Herr Oberst,« erwiderte der erste mit stolzem Ton, in
welchem aber doch einige Angst durchzitterte; »ich gehe nach Stuttgart,
der Frau Herzogin Durchlaucht zu sagen, was in diesem Augenblick für
Maßregeln --«

»Das ist auch mein Weg, Herr!« erwiderte der Oberst mit furchtbarer
Stimme; »und keinen Augenblick geht Ihr von meiner Seite, sonst werde
ich mit meiner Pistole Beschlag auf Euch legen. Platz da, wer steht
hier im Weg?«

»Der Kapitän von Reelzingen von der dritten Kompagnie und der
Expeditionsrat Lanbek.«

»Guten Abend, meine Herren!« fuhr Röder fort. »Habt Ihr geladene
Pistolen, Kapitän?«

»Ja, mein Herr Oberst,« war die Antwort des Soldaten, indem er sie aus
den Halftern losmachte.

»Ich kommandiere Euch, in welchem Auftrag Ihr jetzt auch sein
möget, auf der linken Seite des Herrn Ministers Süß zu reiten. Bei
Eurem Dienst und Eurer Ehre als Edelmann, sobald er Miene macht zu
entfliehen, jagt ihm eine Kugel nach. Die Verantwortung nehme ich auf
mich.«

»Herr Expeditionsrat,« rief Süß, »ich nehme Euch zum Zeugen, daß mir
hier schändliche Gewalt geschieht. Oberst Röder, ich warne Sie noch
einmal; dieser Auftritt soll gerächt werden!«

»Aber Herr von Röder,« flüsterte Gustav; »ums Himmels willen, übereilen
Sie nichts, bedenken Sie, was daraus entstehen kann. Bedenken Sie,«
setzte er lauter hinzu, »den furchtbaren Zorn des Herzogs.«

»Der Herzog ist tot,« sagte Röder laut genug, daß es alle hören konnten.

»Karl Alexander tot?« rief der Kapitän, auf den alle Begebenheiten
dieser Nacht mit einemmal in schrecklichen Erinnerungen hereinstürzten.

»Hat man sichere Nachricht? Gott! welch ein Fall!« sagte Gustav
besorgt. »War er in Kehl?«

»Er ist in Ludwigsburg vor einer Viertelstunde schnell und plötzlich
gestorben. Drum ist es unsere Pflicht, diesen Herrn da, der sich
mit der Regierung sehr stark beschäftigte, schnell an das verwaiste
Staatsruder zu bringen.«

»Wie, in Ludwigsburg, sagt Ihr,« rief Lanbek, »und schnell gestorben?
O, ewige Vorsicht!«

»In diesem Ludwigsburg hier,« sagte Röder wehmütig, »und im Bette am
Schlag gestorben. Friede mit seiner Asche! Er war ein tapferer Herr.
Aber jetzt weiter, ihr Freunde, daß die Nachricht nicht vor uns nach
Stuttgart kommt!«

»Meine Herren,« rief Süß mit einer Stimme, die Zorn und Angst beinahe
erstickte, »noch bin ich Minister, und erinnere Sie an das Edikt des
Herzogs, das mich von aller Verantwortung freispricht; ich sage Ihnen,
es kann Ihnen allen schlimm gehen, wenn Sie sich mit Herrn von Röder
verbinden. Im Namen des Herzogs und seines Erben befehle ich Ihnen, von
mir abzulassen.«

»Jetzt hat dein Reich ein Ende, Jude!« rief der Kapitän, lachte wild,
riß ihm den Zaum aus der Hand und schlug sein Pferd mit der langen
Peitsche auf den Rücken; der Oberst ritt an der rechten Seite, seine
Pistole in der Hand; der Zug setzte sich in Galopp, und Gustav folgte
halb träumend durch das singende Dorf, an dem alten Mann, der heiser
lachend wieder auf der Brücke saß, und an dem Galgen vorüber, wo die
Raben krächzten und mit den Flügeln schlugen. Erst hier, als er einen
scheuen Blick nach der Richtstätte warf, fiel ihm mit ängstlicher
Ahnung Lea und ihr unglückliches Schicksal bei.


14.

Als die Stuttgarter am Morgen nach dieser verhängnisvollen Nacht
erwachten, wurden sie von zwei beinahe ganz unglaublichen Nachrichten
überrascht. Der Herzog sei, statt außer Landes verreist zu sein, in
dieser Nacht zu Ludwigsburg schnell gestorben. Er war ein gesunder,
kräftiger Mann gewesen, dem mancher, der ihn gesehen, wohl noch zwanzig
bis dreißig Jahre gegeben hätte. Die Klagen um seinen Tod verstummten
beinahe vor der Freude über eine andere Nachricht: der Jude Süß sei mit
mehreren der höchsten Hofherren im Ludwigsburger Schloß gewesen, als
der Herzog so plötzlich starb; er habe sich alsobald, nachdem er die
Leiche gesehen, aufs Pferd geschwungen und sei wie wahnsinnig Stuttgart
zu geritten; Herr von Röder aber, ein Mann, mit dem sich nicht spaßen
lasse, habe ihn eingeholt und bewacht nach Stuttgart geführt. Man
lachte über die sonderbare Verblendung des Juden; als er nämlich von
der Frau Herzogin, welcher er noch in der Nacht aufgewartet hatte,
um zu kondolieren, heraustrat und eine Eskorte nach Haus verlangte,
weil er wichtige Akten holen müsse, schloß sich ein Leutnant mit sechs
Mann an ihn an. Am Ende des Korridors machte ihm ein Hauptmann das
Kompliment und folgte mit zwölf Mann; jener meinte zwar lächelnd,
»es sei zuviel Ehre,« als er aber an Lanbeks Haus um die Ecke bog,
und vier Schildwachen vor seinem Palais bemerkte, als er oben an der
Treppe Bajonette blitzen sah und Lea bleich, verstört und weinend ihm
entgegenstürzte, da merkte er, welche Stunde geschlagen habe, und rief:
»~Ciel, je suis perdu!~«

Obgleich das Testament des verstorbenen Herzogs im Fall seines Todes
eine Administration bestellt hatte, welche seinen Ministern angenehmer
gewesen wäre, so übernahm doch Herzog Rudolf von Neustadt, trotz seines
hohen Alters, als der nächste Agnat, die Administration, und das Land
fühlte sich erleichtert und zufrieden dabei. Er ließ, außer anerkannt
schlechten Menschen, jeden in der Würde, in der er unter der vorigen
Regierung stand, und es war dies wirklich eine Art von Gnadenakt, wenn
man bedenkt, daß früher zwei Dritteile aller Aemter im Lande gekauft
worden waren. Nur _einer_ war nicht zufrieden mit dem Amt, das ihm der
Herzog Administrator mit den huldreichsten Ausdrücken bestätigt hatte;
es war der junge Lanbek. Er wurde nicht nur als Expeditionsrat aufs
neue ernannt, sondern, als der alte Röder, im Feuer der Freundschaft
für den Landschaftskonsulenten, dessen Sohn als einen klugen Kopf und
trefflichen Juristen schilderte, wählte ihn der Herzog sogar in die
Kommission, die den Prozeß gegen den Juden Süß zu führen hatte. Der
alte Lanbek fühlte sich dadurch nicht wenig geehrt und nannte seinen
Sohn mehreremal den Stolz und die Stütze seines Alters; aber Gustav
machte diese Wahl unaussprechlich unglücklich. Nicht als ob er nicht,
wie jeder andere Bürger, den Mann verdammt hätte, der das Land in so
tiefes Elend gestürzt; nicht als ob es gegen sein Gewissen gewesen
wäre, Verbrechen ans Licht zu ziehen, die man so künstlich verborgen
hatte; aber Lea, es war ja ihr Bruder, den er richten sollte, und der
Gedanke war es, der ihm dieses Geschäft zum Abscheu machte. Kleine
Seelen sättigen sich gerne an Rache, und manchem wäre es eine innige
Freude gewesen, einen Mann, der noch vor kurzem so hoch stand, jetzt in
der tiefsten Kasematte der Festung zu besuchen, mit herrischer Stimme
ihn von seinem Lager aufzujagen und ihn zu martern und zu peinigen.
Dieser Mann hatte sich noch überdies gegen Gustav persönlich verfehlt,
er hatte ihn mit dem empörendsten Uebermut behandelt, ihm sogar mit
demselben Gefängnis gedroht, in welchem er jetzt selbst, bange um
künftige Freiheit, vielleicht selbst um sein Leben, schmachtete. Aber
das Herz des jungen Mannes war zu groß, als daß es hätte freudig
pochen sollen, als er zum erstenmal als Richter in den Kerker des
Mannes trat, der jetzt, entblößt von aller irdischen Herrlichkeit,
angetan mit zerlumpten Kleidern, bleich, verwildert, sich langsam aus
seinen rasselnden Ketten aufrichtete. Erinnerte ihn doch jetzt noch
dieses Gesicht an die Züge eines unglücklichen, geliebten Wesens; und
er konnte sich kaum der Tränen enthalten, als nach dem Schlusse des
Verhörs der Gefangene sprach: »Herr Lanbek, es gibt ein unglückliches,
unschuldiges Mädchen, das wir beide kennen; als man in meinem Hause
versiegelte, haben sie die rohen Menschen auf die Straße gestoßen --
sie war ja eine Jüdin und verdiente also kein Mitleid. -- Mir, Herr,
ist kein Pfennig geblieben, womit ich ihr Leben fristen könnte; ich
weiß nicht, wo sie ist -- wenn Sie etwas von ihr hören sollten -- sie
hat nichts als das Kleid, das sie trug, als man sie von der Schwelle
stieß -- geben Sie ihr aus Barmherzigkeit ein Almosen.«

Der junge Mann ließ seinen Tränen freien Lauf, als er allein den Berg
von Hohenneuffen herabstieg; er erfuhr zwar nachher, daß ihn der Jude
belogen habe, daß er, obgleich man über fünfmalhunderttausend Gulden in
Gold und Juwelen in seinem Hause fand, doch beinahe hunderttausend in
Frankfurt in sichern Händen habe, und Gustav konnte leicht einsehen,
daß ihn Süß durch diese Vorstellungen von Elend nur habe weich stimmen
wollen; aber dennoch konnte er den Gedanken nicht entfernen, daß
Lea verlassen und unglücklich sei, und dieser Gedanke wurde immer
peinlicher, als er trotz seiner Nachforschungen keine Spur von ihr
entdecken konnte.

Der Frühling, Sommer und Herbst waren vorüber gegangen und noch immer
dauerte der Prozeß. Es waren Dinge zur Sprache gekommen, wovor selbst
den kältesten Richtern graute; aber obgleich der junge Lanbek der
Kommission mit edlem Unwillen vorstellte, daß noch vier andere Männer
nicht minder schuldig seien als Süß, so schien man doch nur gegen
diesen ernstlich verfahren zu wollen, weil ihn der allgemeine Haß als
den Schuldigsten bezeichnete.

Es war an einem trüben Oktoberabend -- der alte Konsulent war seit
einigen Tagen verreist und sein Sohn arbeitete im Bibliothekzimmer
an einem neuen Verhör --, als seine jüngere Schwester, jetzt die
glückliche Braut des Kapitäns Reelzingen, ernster als gewöhnlich zu ihm
eintrat. Sie sprach anfangs Gleichgültiges, schien aber nur mit Mühe
eine Träne unterdrücken zu können, die endlich wirklich in dem sanften
Auge glänzte, als sie fragte, ob er ihr nicht zürnen werde, wenn sie
eine bekannte Person zu ihm führe? Er sah sie staunend und verwundert
an, doch noch ehe er eine Antwort zu geben vermochte, eilte Käthchen
weinend aus dem Zimmer und trat bald darauf mit einem verschleierten
Mädchen wieder ein. Noch ehe die trübe Kerze ihre Umrisse deutlich
zeigte, noch ehe sie den Schleier zurückschlug, sagte ihm sein
ahnendes Herz, wen er vor sich habe; errötend sprang er auf, aber
schon hatte die Unglückliche sich vor ihm niedergeworfen, den Schleier
zurückgeschlagen, und Lea war es, welche die einst so geliebten Augen
düster und bittend zu ihm aufschlug und die bleichen, magern Hände
ineinander gerungen, flehend nach ihm hinstreckte. »Barmherzigkeit!«
rief sie. »Nur nicht sterben lassen Sie ihn; man sagt, er müsse
sterben; seine einzige Hoffnung ruht noch auf Ihnen. Wo soll ich Worte
nehmen, Ihr großmütiges Herz zu erweichen? Welche Sprache soll ich
erdenken, an ein Ohr zu sprechen, das mich einst so wohl verstand?«
-- Tränen ließen sie nicht weiterreden, und auch Käthchen weinte
bitterlich. Voll von Schmerz und Ueberraschung faßte Gustav ihre kalten
Hände und richtete sie auf; er sah sie an -- wie schmerzlich war ihm
ihr Anblick! Ihre Wangen waren bleich und eingefallen, die schönen
Augen lagen tief, und der Mund, der sonst nur zum Lächeln geschaffen
schien, zeigte, daß er jenes süße Lächeln längst nicht mehr kenne. Das
schwarze Haar, das um die weiße Stirne hing, und das bleiche Gesicht
vollendeten das Gespenstische ihres Anblicks.

»Lea! Unglückliche Lea!« rief der junge Mann. »Wie lange haben Sie sich
verborgen gehalten und Ihren Freunden den letzten Trost geraubt, zu
wissen, ob es Ihnen an nichts gebricht, ob die Freunde etwas für Sie
tun können?«

»Ach! Das ist es nicht, um was ich Ihre edelmütige Schwester gebeten
habe, mich hierher zu führen;« sagte sie schmerzlich lächelnd. »Warum
soll es mir denn nicht gut gehen? Ich habe alle meine Hoffnungen und
Träume längst begraben, ich pflanzte die Erinnerungen als Blumen auf
das Grab und begieße diese Blumen mit meinen Tränen. Nein! Sie waren
immer so großmütig gegen Unglückliche, geben Sie mir nur den Trost, daß
mein Bruder nicht sterben muß. Ach! es ist so bitter zu sterben, und
was nützt sein Tod diesem Lande?«

»Lea,« antwortete der junge Mann verlegen, »gewiß, es ist bis jetzt
noch nicht davon die Rede gewesen, und ich glaube auch nicht -- Sie
dürfen sich trösten -- es wird nicht so weit kommen.«

»Es wird, und in Ihrer Hand liegt sein Schicksal,« flüsterte sie;
»er hat es mir gesagt, ich habe ihn gesprochen: ›Wenn nur der Brief
nicht wäre, der Brief kann mich verderben.‹ O Gustav! Halten Sie ihn
jahrelang, auf immer im Gefängnis, was liegt an ihm, wenn er in Ketten
sitzt? Nur nicht sterben; Gustav sein Sie edelmütig -- vergessen Sie
den Brief, um den niemand weiß als Sie -- mit jener schwachen Kerze
dort können Sie das Leben eines Menschen retten.«

»Bruder,« sagte Katharina, nähertretend, indem sie seine Hand faßte,
»tu es, dein Gewissen kann nicht gefährdet werden, denn er ist ja
auf immer unschädlich gemacht; verbrenne den Brief, er kann sich ja
verloren haben.«

Der junge Mann sah die weinenden Mädchen an; ein unabweisbares Gefühl
kämpfte in ihm, er schwankte einen Augenblick, und Lea, die diesen
Kampf in seinen Mienen las, faßte seine Hand, drückte sie stürmisch
an ihr Herz, zog sie zärtlich an ihre Lippen. »Er will!« rief sie
entzückt. »O, ich wußte es wohl, er ist edel; er will sich nicht wie
die andern, an dem Unglücklichen rächen, der ihn einst beleidigt hat,
er läßt ihn nicht sterben, belastet mit Sünden, er läßt ihn leben und
fromm und weise werden. Wie gütig bist du, o Gott, daß du noch deiner
Engel einen gesendet hast auf diese öde Erde, der mit der offenen Hand
der Barmherzigkeit segnet und nicht mit dem flammenden Schwert der
Rache den Verbrecher zerschmettert!«

»Nein -- nein -- es ist nicht möglich!« sprach Lanbek mit tiefem
Schmerz. »Sieh, Lea, mein Leben möchte ich hingeben, um deine Ruhe zu
erkaufen, aber meine Ehre! Meinen guten Namen! Es ist nicht möglich!
Sie wissen um diesen Brief, einige haben ihn gelesen und -- morgen soll
ich ihn vortragen. Käthchen! Sprich, ich beschwöre dich, kann, darf ich
es tun?«

Käthchen weinte, und eine leise Bewegung ihres Hauptes schien
anzudeuten, daß es auch ihr unmöglich scheine. Lea aber hatte ihm mit
starren Blicken zugehört; über die bleichen Wangen ergoß sich die
Röte der Angst, sie beugte sich vor, als könne sie die schreckliche
Verneinung nicht recht vernehmen; sie sah, als sich Gustav auf seine
Schwester berief, mit einem Blick voll schmerzlicher Zuversicht nach
dieser hin, sie streckte die Hand krampfhaft aus wie ein Ertrinkender,
der nach dem schwachen Zweig am Ufer die Hand ausstreckt -- vergebens.

»So muß er sterben,« sagte sie nach einer Weile leise, »und du -- du
brichst ihm den Stab? Das war es also, warum ich lebte -- und liebte?
Es ist ein sonderbares Rätsel, das Leben! Hätte ich dies gedacht,
als ich noch ein fröhliches Kind war? Hätte ich gedacht, daß wir so
untergehen müßten?«

»Armes, unglückliches Mädchen!« sprach Käthchen und schloß sie in ihre
Arme. »Ach, gewiß, er kann nicht anders handeln, ich sehe es selbst
ein; und wenn es dich trösten kann, komm zu mir, so oft du willst, du
sollst gewiß treue Teilnahme finden --«

»Lea,« unterbrach sie ihr Bruder, »wenn wir etwas für Sie tun können;
Sie sind an Wohlstand gewöhnt -- dieses Kleid hier sagt mir, daß Sie in
Not sind.«

»Komm, Lea,« fuhr Käthchen fort, »wir sind beinahe von derselben Größe,
nimm von meinen Tüchern, von meinen Kleidern, du machst mir Freude,
wenn du es tun willst.«

»Das Vermögen Ihres Bruders, das er außer Landes besitzt,« sagte
Gustav, »soll und muß für Sie gerettet werden, Sie haben die nächsten
Ansprüche, und ich will gewiß das Meinige tun.«

»Guter Gustav,« unterbrach sie ihn, indem sie sich zu einem Lächeln
zwang; »lassen wir das; die Leute sagen, daß er sein Vermögen den Armen
dieses Landes entzogen habe. Da hatte er unrecht, und es wäre besser,
er hätte dieses Land nie gesehen; aber ebenso unrecht wäre es von mir,
von diesem Golde Gebrauch zu machen, das ihm den Tod bringen wird.
Aber von dir, liebes, schönes Mädchen, nehme ich ein Tuch an, weil es
jetzt so kalt wird. Ich höre, du bist Braut; sei doch recht glücklich!
Möchten dies die letzten Tränen sein, die jetzt in deinen Wimpern
hängen; und wenn du weinen mußt, so sei es nur fremdes Unglück, um das
dein schönes Herz trauert.«

»Lea,« sagte der junge Mann mit tiefem Schmerz, »ich kann dich nicht so
hinweglassen; es ist die trügerische Ruhe der Verzweiflung die aus dir
spricht. Besuche doch meine Schwester; sage, wo du wohnst. -- Ach, wenn
du Mangel littest! -- Scheide nicht im Groll von mir, Lea! Gott weiß,
daß ich nicht anders konnte!«

»Und auch ich weiß es, Gustav, und war ein törichtes Mädchen, dich auf
diese gefährliche Probe zu stellen; unser Unglück ist so groß, daß
eine kleine Hilfe mit deiner Ehre, mit deiner Ruhe zu teuer erkauft
wäre. Lebet wohl! Ich brauche wenig, vielleicht bald gar nichts mehr,
und sollte ich etwas nötig haben, so bin ich nicht zu stolz, zu dieser
Freundin zu kommen, der einzigen, die mir das Unglück erworben hat.«

»Und vergibst du?« sagte Gustav mit Tränen.

»Ich habe nichts zu vergeben,« erwiderte sie, indem sie ihm mit mehr
Fassung, als die beiden Geschwister erhalten hatten, die Hand bot.
»Lebe wohl, Freund! Ich gehe, meine Blumen zu begießen. Möge der
Gott meiner Väter dich so glücklich machen, als es dein reines Herz
verdient!« Sie sagte es, warf noch einen Blick voll Liebe auf ihn und
ging, von Käthchen begleitet.

Der junge Mann blickte ihr wehmütig nach; es war ihm, als hätte diese
Stunde einen mächtigen Einfluß auf sein Leben, aber er ahnte auch, daß
er das unglückliche Mädchen zum letztenmal gesehen habe.


15.

Es würde unsere Leser ermüden, wollten wir sie von dem Prozeß des
Juden Süß noch länger unterhalten. Es ging damals wie ein Lauffeuer
durch alle Länder und wird da und dort noch heute erwähnt, daß am
4. Februar 1738 die Württemberger ihren Finanzminister wegen allzu
gewagter Finanzoperationen aufgehenkt haben. Sie hingen ihn an einem
ungeheuren Galgen von Eisen in einem eisernen Käfig auf. Im Dekret
des Herzogs Administrator heißt es: »Ihme zu wohlverdienter Straff,
jedermänniglich aber zum abscheulichen Exempel.« Beides, die Art,
wie dieser unglückliche Mann mit Württemberg verfahren konnte, und
seine Strafe sind gleich auffallend und unbegreiflich zu einer Zeit,
wo man schon längst die Anfänge der Zivilisation und Aufklärung
hinter sich gelassen, wo die Blüte der französischen Literatur mit
unwiderstehlicher Gewalt den gebildeten Teil Europas aufwärts riß.

Man wäre versucht, das damalige Württemberg der schmählichsten Barbarei
anzuklagen, wenn nicht ein Umstand einträte, den Männer, die zu jener
Zeit gelebt haben, oft wiederholen, und der, wenn er auch nicht die Tat
rechtfertigt, doch ihre Notwendigkeit darzutun scheint. »Er mußte,«
sagen sie, »nicht sowohl für seine eigenen schweren Verbrechen als
für die Schandtaten und Pläne mächtiger Männer am Galgen sterben.«
Verwandtschaften, Ansehen, heimliche Versprechungen retteten die
andern, den Juden -- konnte und mochte niemand retten, und so schrieb
man, wie sich der alte Landschaftskonsulent Lanbek ausdrückte, »was die
übrigen verzehrt hatten, auf _seine Zeche_.« Es sind seitdem neunzig
Jahre verflossen, und wir wissen nicht, ob damals der schmähliche
Tod dieses Mannes die Gemüter über alles Frühere beruhigte und
befriedigte. Ein Edikt des Administrators wenigstens scheint es nicht
ganz zu beweisen, denn er sah sich genötigt, zu _verordnen_: »daß die
Untertanen alle widrigen Nachreden und ungleichen Urteile über den
hochseligen Herrn, bei Strafe und Ahndung, vermeiden, und denselben im
schuldigst-respektuösesten Andenken halten sollen.«

Der alte Lanbek tat das letztere auch ohne dies Edikt, denn so oft der
Name Karl Alexanders genannt wurde, lüftete er mit besorgter Miene
sein Mützchen und sagte: »Gott habe ihn selig!« Er folgte auch dem
hochseligen Herrn noch unter der Vormundschaft Rudolfs von Neustadt.
Man sagt, sein Sohn habe nie wieder gelächelt, und selbst Schwager
Reelzingen konnte ihm mit den herrlichsten Späßen keine heitere Miene
abgewinnen. Noch Anno 93 sah man ihn als einen hohen, magern Greis
an einem Stock über die Straße schreiten; seine Miene war ernst und
düster, aber sein Auge konnte zuweilen weich und teilnehmend sein.
Er hat nie geheiratet, und die Sage ging damals, daß er nur einmal,
und ein unglückliches Mädchen geliebt habe, das ihren Tod im Neckar
freiwillig fand. Männer, die ihn gekannt haben, versichern, daß er
gewöhnlich kalt und verschlossen, dennoch sehr interessant in der
Unterhaltung gewesen sei, wenn man ihn auf gewisse metaphysische
Untersuchungen brachte, mit welchen er sich in seinem hohen Alter
hauptsächlich beschäftigte. Er starb, betrauert von vielen, die ihn und
sein Schicksal kannten, und beweint von den Armen und Unglücklichen.
Mein Großvater pflegte von ihm zu sagen: »Es war einer von jenen
Menschen, die, wenn sie einmal recht unglücklich gewesen sind, sich
nicht mehr an das Glück gewöhnen mögen.«



    Weitere Anmerkungen zur Transkription


    Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
    Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

    Korrekturen:

    S. 71: keinen → keiner
      Es hat ja noch {keiner} vom achten Regiment

    S. 205: Melancholei → Melancholie
      durch sonderbare {Melancholie} prostituierte

    S. 247: Stadium → Studium
      mochte das {Studium} der Geschichte





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