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Title: Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 2 - Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers
Author: Friederich, Johann Konrad
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 2 - Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers" ***

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                             Vierzig Jahre
                                aus dem
                           Leben eines Toten

                              Zweiter Band

                            Sechste Auflage



                             Vierzig Jahre
                                aus dem
                           Leben eines Toten


                         Hinterlassene Papiere
                eines französisch-preußischen Offiziers

                             In drei Bänden

                              Zweiter Band


                          Egon Fleischel & Co.
                                 Berlin
                                  1916



                                 Inhalt
                          des zweiten Bandes.


                                                                   Seite

                                    I.
   Zweiter Aufenthalt zu Neapel. -- Ende der Frankfurter            1-35
      freireichsstädtischen Herrlichkeit. -- Ich werde von der
      Terzana befallen. -- Das Einstürzen der Häuser in
      Neapel. -- Madame Gasqui. -- Ein Vexiermarsch nach
      Capua. -- Großes Avancement im Regiment. -- Die Vicaria
      und ihre Höllenkerker. -- Marietta und Teresina. --
      Neapolitanisches Volksleben unter freiem Himmel. --
      Hazardspiele und Liebhabertheater. -- Die hübsche
      Apothekersfrau. -- Das Aqua Tofana

                                    II.
   Abmarsch nach Civita-Vecchia. -- Die Pontinischen Sümpfe. --    35-49
      Civita-Vecchia. -- Ich werde Platzkommandant zu Albano.
      -- Meine Ausflüge nach Rom. -- Bankier Torlonia. --
      Prinzessin Cesarini. -- Angelika Kaufmann. -- Rom. --
      Die schönen Römerinnen und die deutsche Männertreue. --
      Ein Rendezvous in der Kirche San Sebastian vor den
      Mauern

                                   III.
   Die Katakomben. -- San Sebastian fuori le mura. -- Das         49-100
      Abenteuer in den Katakomben. -- Die Karnevalsfreuden. --
      Noch ein Mordanfall. -- Die junge Witwe. -- Antiquar
      Vasi und seine Tochter. -- Canova. -- Beendigung des
      Karnevals. -- Die Entführung einer Nonne. -- Der
      Kardinal-Bischof und der Impressario. -- Ich werde zum
      dritten Bataillon versetzt. -- Herzbrechender Abschied
      und Abreise von Rom

                                    IV.
   Reise über Florenz nach Genua. -- Ankunft zu Florenz. --      101-120
      Eine Überraschung. -- Ein Abenteuer. -- Die Kathedrale
      San Maria del Fiore. -- Die mysteriösen Schönen. -- Lady
      Mary. -- Das Arnotal. -- Die schönen Strohflechterinnen.
      -- Abreise nach Genua

                                    V.
   Zweiter Aufenthalt in Genua. -- Alte und neue                 120-153
      Bekanntschaften. -- Signora Palatini. -- Ein
      sentimentales Rendezvous. -- Die Brigantenjagd in den
      italienischen Alpen. -- Bocchetta. -- Ich nehme fast
      eine ganze Bande gefangen. -- Rückkehr nach Genua. --
      Das Konservatorium Fieschino. -- Albertine. -- Ich
      entdecke eine furchtbare Verschwörung. -- Ich avanciere
      zum Kapitän und werde wieder zum ersten Bataillon
      versetzt. -- Abreise nach Civita-Vecchia

                                    VI.
   Reise über Mailand nach Rom. -- Mailand. -- Die Einwohner.    154-165
      -- Der Advokat Mazetti. -- Eine Spielhölle. -- Ich rette
      Graf G... aus den Klauen falscher Spieler. -- Bellina.
      -- Abreise von Mailand nach Rom. -- Ankunft zu Rom. --
      Wiedersehen. -- Abfahrt nach Neapel

                                   VII.
   Ankunft in Neapel. -- Das Liebhabertheater in Giesù nuovo.    165-202
      -- Besteigung des Vesuvs. -- Der Hof des Königs Joseph.
      -- Eine deutsche Vorstellung. -- Helenchen Cramer. --
      Caserta. -- _Nocera de pagani._ -- Die Ruinen von
      Pestum. -- Zweiter Feldzug in Kalabrien. -- Niederlage
      des Prinzen von Hessen-Philippsthal. -- Die
      Brigantenhäupter Francatrippa und Benincasa. --
      Monteleone. -- Ermordung eines Kuriers. -- Fondaco del
      Fico. -- Mehrtägiges hartnäckiges Gefecht mit den
      Briganten. -- Die hübsche Kalabreserin. -- Mileto. --
      Belagerung der Festungen Scilla und Reggio. --
      Schrecklicher Zustand des Belagerungskorps. --
      Rückmarsch nach Neapel. -- Abreise nach Genua

                                   VIII.
   Reise von Neapel nach Genua und von da zur See nach           202-213
      Marseille. -- Marsch von Marseille nach Perpignan. --
      Perpignan. -- Eine spekulative Spröde. -- Toulouse. --
      Formierung des zweiten Observationskorps an den
      Pyrenäen. -- Ich werde zum dritten Reservekorps
      versetzt. -- Bayonne. -- Bordeaux. -- Bazas. --
      Hasparren. -- Napoleons Intrigen gegen Spanien. --
      Abmarsch nach diesem Land. -- St. Jean de Lüz

                                    IX.
   Einmarsch in Spanien. -- Die baskischen Provinzen. --         213-234
      Miranda de Ebro. -- Der Engpaß Garganta Pancorbo. --
      Briviesca. -- Burgos. -- Quintana de la Puente. --
      Valladolid. -- Ein Autodafé. -- Eine schöne
      Andalusierin. -- Ungewißheit und Gerüchte über Napoleons
      Absichten hinsichtlich Spaniens. -- Marsch nach Segovia.
      -- Biwak bei Segovia. -- San Lorenzo. -- El Pardo. --
      Glänzender Einmarsch in Madrid

                                    X.
   Ferdinand VII. Einzug in Madrid. -- Der Friedensfürst. --     234-257
      Der Aufstand zu Aranjuez und Madrid. -- Karl IV.
      Abdankung. -- Napoleon zu Madrid erwartet. -- Ferdinand
      vom Volk angebetet und von Savary nach Bayonne gelockt.
      -- Karl IV. protestiert gegen seine Abdankung. -- Donna
      Calvanillas und Rosa Maria. -- Theater. -- Cortesanos,
      Majos und Muchachas. -- Sitten der Einwohner. -- Der
      Fandango vor Gericht. -- Wohnungen. -- Der Adel. --
      Autodafés. -- Die Erstürmung von Amors Schloß

                                    XI.
   Drohende Stimmung der Einwohner zu Madrid. -- Aufstand zu     258-277
      Toledo. -- Der blutige Aufstand am 2. Mai zu Madrid. --
      Wegnahme des Artillerieparks. -- Ich rette einem
      Insurgenten das Leben und werde dabei verwundet. -- Ein
      Renkontre mit Murat. -- Eine gefährliche Zusammenkunft.
      -- Abmarsch nach Toledo. -- Abmarsch über Madrid nach
      Aragonien. -- Unterwürfigkeit der Madrider Behörden und
      des Inquisitionsgerichts gegen die Franzosen. -- Fast
      ganz Spanien im Aufstand. -- Die Junta zu Sevilla und
      die Provinzialjuntas erklären Frankreich den Krieg. --
      Wir stoßen zu dem Belagerungsheer vor Saragossa

                                   XII.
   Erste Belagerung von Saragossa. -- Palafox. --                278-310
      Außerordentliche Verteidigungsanstalten der Aragonier.
      -- Vorgänge bis zur Belagerung. -- Überblick der
      Geschichte Saragossas. -- Heldenmütige Verteidigung
      dieser Stadt durch ihre Einwohner. -- Eine Heroine. --
      Ein seltsames Stiergefecht. -- Furchtbarer Straßen- und
      Häuserkampf. -- Die gefangenen Nonnen. -- Aufhebung der
      Belagerung. -- Marsch nach Barcelona. -- Ich werde stark
      verwundet und krank. -- Aufenthalt zu Barcelona. --
      Spanische Sitten, Tänze, Theater usw. -- Abreise zur See
      nach Frankreich

                                   XIII.
   Ankunft zu Montpellier. -- Ich werde zum 29. Regiment         310-340
      versetzt. -- Murat, König von Neapel. -- Ermordung einer
      Kompagnie Voltigeurs. -- Der neue König macht sich beim
      Volk beliebt. -- Einnahme der Insel Capri. -- Ich werde
      dekoriert. -- Helenes Hochzeitsfeier. -- Castellamare.
      -- Dritter Feldzug in Kalabrien. -- Rückkehr nach
      Neapel, wo ich das Ehrenkreuz erhalte. -- Ich werde nach
      Nola detachiert und daselbst beinahe erschossen. -- Neue
      Bekanntschaften. -- Eine durch eine beabsichtigte
      Leichenberaubung entdeckte Verschwörung. -- Murats
      Politik und Reformen. -- Abmarsch nach dem Kirchenstaat

                                   XIV.
   Besitznahme des Kirchenstaates. -- Ende der weltlichen        340-369
      Herrschaft des Papstes. -- Die Kommandantur zu Velettri.
      -- Der Bischof und der Fournisseur. -- Gewaltsame
      Entführung Pius VII. -- Ich gehe als Kurier nach Wien.
      -- Ich übergebe Napoleon meine Depeschen. -- Kurze
      Unterredung mit demselben. -- Schönbrunn. -- Parade
      daselbst. -- Wien. -- Volksstimmung daselbst. -- Das
      Napoleonsfest in Österreichs Hauptstadt gefeiert. --
      Quartierfreuden. -- Liebenswürdige Wirtinnen. --
      Rückreise nach Italien. -- Klagenfurt. -- Udine. --
      Treviso. -- Mestre. -- Ankunft zu Venedig

                                    XV.
   Venedig. -- Sankt Markus-Kirche und Turm. -- Der              369-415
      Dogenpalast. -- Die Pozzi und Piombi. -- Die
      Rialtobrücke. -- Das Arsenal. -- Die
      Vermählungszeremonie mit dem Adriatischen Meer. --
      Venedigs Flor und Verfall. -- Der St. Markusplatz. --
      Die Venezianerinnen. -- General Menou. -- Dessen
      religiöse Ansichten. -- Ein Mordanfall. -- Abreise von
      Venedig. -- Padua. -- Ferrara. -- Ravenna. -- Der
      Domgeist daselbst. -- Eine schöne Reisegefährtin. --
      Velettri. -- Jagd in den Pontinischen Sümpfen. --
      Abreise nach Paris

                                   XVI.
   Paris im Jahre 1810. -- Das Palais Royal. -- Unvermutetes     416-449
      Zusammentreffen mit dem Fürsten Y... -- Der
      Konkordienplatz. -- Notre Dame. -- Das Hotel de Dieu. --
      Der Justizpalast. -- Meinungen über Napoleons
      Ehescheidung. -- Unerwartete Begegnung einer früheren
      Bekannten. -- Eine Interimsehe. -- Die Spielhöllen im
      Palais Royal. -- Eine Wache wirft einen jungen Menschen
      in die Seine. -- Der Pariser Karneval. -- Die
      Ochsenprozession. -- Stimmung des französischen Volkes
      bei der Nachricht von der bevorstehenden Vermählung
      Napoleons mit Marie Louise. -- Ein verfänglicher
      Calembourg _aux français_. -- Das Totenmahl beim Fürsten
      Y...



                                   I.

         Zweiter Aufenthalt zu Neapel. -- Ende der Frankfurter
    freireichsstädtischen Herrlichkeit. -- Ich werde von der Terzana
      befallen. -- Das Einstürzen der Häuser in Neapel. -- Madame
    Gasqui. -- Ein Vexiermarsch nach Capua. -- Großes Avancement im
    Regiment. -- Die Vicaria und ihre Höllenkerker. -- Marietta und
    Teresina. -- Neapolitanisches Volksleben unter freiem Himmel. --
   Hazardspiele und Liebhabertheater. -- Die hübsche Apothekersfrau.
                          -- Das Aqua Tofana.


Den Tag nach unserer Ankunft suchte ich Vetter Moritz auf, der mehrere
Briefe von meinen Eltern und Verwandten an mich hatte, die schon längere
Zeit angekommen waren, welche er mir aber nicht hatte nachschicken
können, da man nie genau wußte, in welcher Gegend Kalabriens wir uns
befanden. In einem derselben schrieb mir mein Vater aus Frankfurt:

>Mit unserer republikanischen und freireichsstädtischen Herrlichkeit hat
es ein trauriges Ende genommen, Napoleon hat ein Großherzogtum Frankfurt
geschaffen, von dem unsere Stadt die Hauptstadt ward, und Karl von
Dalberg ist unter der Benennung: Fürst Primas, unser Großherzog. Das
Schlimmste bei der Sache ist, daß alle bedeutenden Ämter und Stellen
jetzt von Ausländern besetzt werden und man die Frankfurter, namentlich
auch die Senatoren, ihre Familien und Verwandten, fast unberücksichtigt
hintenansetzt und so weiter.<

Was mein guter Vater als das Schlimmste bezeichnete, war eigentlich das
Beste an der Sache und gereichte Frankfurt zum Vorteil; denn bisher
hatte man, wie später wieder, alle Stellen durchaus nur nach Gunst und
Protektion an Söhne und Verwandte der einflußreichsten Familien
vergeben, ohne nur im geringsten darnach zu fragen, ob das Subjekt
einige Fähigkeiten zur Verrichtung der ihm obliegenden Funktionen
besitze; so konnte zum Beispiel ein Talent, ein Genie wie Klinger, nicht
eine Torschreiberstelle erhalten, sondern wurde schnöde an allen
Senatorstüren mit Impertinenzen und Grobheiten abgewiesen. Er hatte
freilich nicht einmal die Protektion einer Senators- oder
Bürgermeisters-Köchin oder Base (oft die beste). Daß er den
wohlfürsichtigen, hochgelehrten und so weiter Herren in seinem Faust und
später als kaiserlich russischer Generalleutnant ein wenig arg
mitgespielt, kann ihm niemand verargen. Die Wohlregierenden und
Konsorten wurden da oft nach mehrstündigem Antichambrieren abgewiesen
und wieder beschieden und mußten vor dem in der demütigsten Stellung
supplizieren, den sie unter ihrer Würde gefunden hatten, nur anzuhören!
-- Hier herrschte von jeher und herrscht noch die vortreffliche
Ämterverteilung, die Schiller so meisterhaft in seinem Fiesko schildert,
wo Wölfe die Justiz, Füchse die Finanzen, Esel die Polizeigerichte und
so weiter verwalten, in Summa, wo die wichtigsten Ämter durch Dummköpfe,
Ignoranten oder Schurken bekleidet werden, wenn diese nur Ratsverwandte
sind.

Außer den Briefen empfing ich auch etwas Geld von meinen guten Eltern,
das mir jetzt sehr zu statten kam, denn ich war so wie meine Kameraden
fast ganz abgerissen aus Kalabrien zurückgekommen, und das Gouvernement
schuldete uns obendrein schon vier Monate Gage. Indessen hatte ich in
den nächsten vierundzwanzig Stunden alles überstandene Ungemach und
Elend rein vergessen; in den ersten Tagen konnte von Diensttun noch
keine Sprache sein, das Bataillon wurde durch dreihundert vom Depot
angekommene Rekruten verstärkt, die nun einexerziert werden mußten.

Die noch immer in Giesù nuovo wohnenden Damen besuchte ich in den ersten
Tagen nach meiner Zurückkunft. Die liebenswürdige Madame Gasqui klagte
über Langeweile und Migräne, ich tröstete sie, ihr versprechend, beides
zu vertreiben; aber auch mich befiel kurz darauf eine Unpäßlichkeit, so
daß ich mehrere Tage das Bett hüten mußte, die Krankheit löste sich
endlich in eine Terzana (dreitägiges Fieber) auf, das ich sehr lange und
immer wiederkehrend behielt, was mich aber, außer den wenigen Stunden,
die der Anfall dauerte, von nichts abhielt; dies waren die Folgen des
allerdings sehr anstrengenden Feldzugs in Kalabrien. Nach vielen
vergeblichen Versuchen, mich von dem Fieber zu befreien, und nachdem ich
sowohl die mir vom Regimentsarzt, als die von dem berühmten Arzt meines
Vetters Moritz verschriebenen Droguen vergeblich verschluckt hatte, gab
mir endlich der Kommandant der Fortezza del Carmine ein Mittel an, durch
welches ich wenigstens nach jedem Anfall auf vier bis sechs Wochen von
dieser Plage befreit wurde. Ich mußte nämlich gleich nachdem der
Paroxismus vorüber war, eine halbe Unze zu Pulver gestoßene Chinarinde
in gutem Wein nehmen, setzte mich dann zu Pferd und ritt ein paar
Stunden so starken Trab, daß ich recht gerüttelt wurde; das Fieber
verließ mich dann auf längere Zeit, stellte sich aber immer nach einem,
auch zwei Monaten wieder ein, und zwar während fünf Jahren.

Im Kastell Carmine bewohnte ich ein Zimmer, dessen Terrasse die Aussicht
auf das Meer und auf einen kleinen Platz vor demselben hatte, hier
brachte ich manche Morgenstunde mit dem Lesen der italienischen Dichter
zu, besonders war es Ariost's rasender Roland, der mich, nebst Tasso's
befreitem Jerusalem und Dante's göttlicher Komödie, am meisten ansprach.
Den famösen achtundzwanzigsten Gesang des Orlando furioso lernte ich
ganz auswendig. Auch die Gitarre nahm ich wieder zur Hand und studierte
neapolitanische Lieder und Weisen, unter denen die sizilianische
Romanze: »_Un giorno Giove in collera_« eine sehr witzige Kanzonette
war, die damals ganz Neapel exaltierte.

Eines Tages, als ich gerade in der Lektüre des Orlando vertieft war,
hörte ich plötzlich ein entsetzliches _ajuto, ajuto!_ (zu Hilfe, zu
Hilfe!) von Frauenstimmen aus einem der meiner Terrasse
gegenüberliegenden Häuser erschallen, und gleich darauf sah ich mehrere
Damen händeringend an den Balkonen jenes Hauses erscheinen, die »_ajuto
per l'amor di dio_« schrieen. Ich begriff nicht, was den Frauen sei und
glaubte zuerst, es befänden sich Mörder in dem Hause, eilte deshalb die
Terrasse hinab, stürzte zum Fort hinaus und fand schon eine Menge
Menschen, aber in einiger Entfernung vor dem Hause versammelt, in das
sich niemand wagen wollte. Auf mein Befragen, was da vorgegangen sei,
erfuhr ich, daß das Haus dem Einsturz nahe wäre und in dessen Innern
schon mehrere Wände und ein Teil der Treppe wirklich eingestürzt seien.
Die Einwohner desselben standen jetzt alle an den Balkonen des zweiten
und dritten Stockwerks, um Hilfe rufend. Ich ließ eilig mehrere im Fort
befindliche Leitern durch unsere Soldaten herbeiholen, mit deren Hilfe
die geängstigten Bewohner sämtlich in die Straße hinabstiegen und
gerettet wurden. Die Leute atmeten erst wieder auf, als sie auf ebener
Erde waren und konnten mir nicht genug danken, denn ihr Leben hing an
einer Nadelspitze. Ich hörte nun, daß in Neapel das Einstürzen der
Häuser gar nichts Seltenes sei und weit öfter vorkomme als Feuersbrünste
an andern Orten. Die Ursache davon ist, daß die ganz aus Steinen
erbauten und sehr hohen Häuser durch die häufigen Erdbeben so sehr
erschüttert werden, daß sie sämtlich große Risse und Sprünge haben und
mehr oder weniger baufällig sind. Das Zusammenstürzen eines solchen
Hauses ist oft so schnell geschehen, daß an Rettung gar nicht zu denken,
in wenig Sekunden liegt es als ein Steinhaufen da, unter dem alles, was
sich in dem Augenblick darin befand, begraben ist. Ein paar Tage nach
diesem Vorfall stürzte auf dem Markt mitten in der Nacht ein solches
Haus ein, wobei dreiundzwanzig Menschen das Leben verloren.

Ich bot den armen Leuten fürs erste ein Asyl in unserem Fort an, sie
suchten und fanden indessen noch denselben Tag Unterkunft in einem
anderen Teil der Stadt.

Meine meisten Mußestunden brachte ich jetzt in Giesù nuovo zu, wo noch
immer unsere verheirateten Offiziere und mehrere andere wohnten. Herr
von Gasqui war meistens kränklich, und seine junge, lebenslustige Frau
ennuyierte sich mitten in der Hauptstadt des neapolitanischen
Paradieses. Ich musizierte jetzt recht fleißig mit ihr, diese tödliche
Langeweile zu verscheuchen, öfters blieben wir so auf kurze Zeit allein
und wechselten dann Küsse, um einige Veränderung in unsere Unterhaltung
zu bringen. Ist man einmal so weit mit einer hübschen Frau gekommen, so
ist das Übrige eine Kleinigkeit, man nähert sich mit Riesenschritten dem
Ziel, und es fehlt dann nur noch die Gelegenheit, um dasselbe zu
erreichen. Eine solche herbeizuführen war nun mein Bestreben, und da der
gute Gasqui durch seine öftere Entfernung in Dienstangelegenheiten, wo
freilich der Zufall wollte, daß ich mich meistens zu solchen Stunden
einfand, an denen ich ihn im Dienst beschäftigt wußte, uns oft selbst
überließ, indem er mir noch obendrein beim Weggehen empfahl, seine liebe
Frau, die sich hier langweile, bestens zu unterhalten, so hätten wir
gutes Spiel gehabt, wenn wir in Giesù nuovo nicht so häufig durch die
Besuche anderer Offiziersdamen und ihrer Männer gestört worden wären.
Besonders war es Madame Grenet, die es verstand, sich immer zu der Zeit
einzufinden, wo sie mich anwesend wußte. Eines Vormittags jedoch war
diese mit noch einigen anderen Damen und deren Männern von unserem
Großmajor Omeara zu einem Frühstück in der Villa Reale eingeladen, dem
die gleichfalls gebetene Madame Gasqui unter dem Vorwand von
Unpäßlichkeit entsagte; ihr Mann hatte aber die Einladung akzeptiert. --
Wir hofften nun endlich ein paar Stunden ganz ungestört unter vier Augen
zubringen zu können, aber diese Hoffnung wurde vereitelt, denn kaum
hatten wir begonnen, uns im zweiten Zimmer, dem Schlafgemach der
liebenswürdigen Louise, die unzweideutigsten Beweise unserer
gegenseitigen Zuneigung zu geben, als wir die Türe des ersten Zimmers
öffnen hörten. Madame Gasqui sprang, ein großes Tuch überwerfend, aber
in einem sehr erhitzten Zustand, schnell hinaus, die Türe hinter sich
abschließend, und ließ mich als Arrestanten im hintern Gemach. -- Ich
erkannte bald die Stimme des Kapitäns Linange, wie man ihn im Regiment
nannte, eines Grafen Leiningen, den Fürst Y. erst vor wenig Monaten als
Hauptmann angestellt und zum Regiment nachgeschickt hatte. Er war ein
Mann von ungefähr fünfzig Jahren, der früher, ich weiß nicht mehr in
welchen deutschen Diensten gestanden und nun unserem zweiten Bataillon
zugeteilt war, das bis jetzt Neapel noch nicht verlassen hatte. --
Gleich nach seiner Ankunft schloß er mit Herrn Gasqui eine dicke
Freundschaft und machte nebenher seiner jungen Frau den Hof. -- Auch er
war zu dem Frühstück in der Villa Reale eingeladen, hatte sich aber
losgemacht. Madame Gasqui allein in Giesù nuovo vermutend, war er
hierher geeilt. Ich mußte nun in meinem Versteck alle Süßigkeiten
anhören, die der halbhundertjährige Liebhaber meiner Schönen vorleierte,
welche ihn verlegen anhörte, da sie wußte, daß ich kein Wort von dieser
Unterhaltung verlieren würde. Es kam zu einer förmlichen Liebeserklärung
und sogar zu einem Kniefall, aber meine Louise spielte nicht nur die
Unerbittliche und Grausame, sondern schien im Ernste böse und
aufgebracht zu sein, und drohte mit ihrem Mann; ob sie ebenso gehandelt
haben würde, wenn ich nicht im Schlafzimmer gewesen wäre, oder dann
vielleicht den guten Linange derb ausgelacht hätte, muß ich
dahingestellt sein lassen; denn wer vermag Weiberherzen zu ergründen? --
ebensowenig wie deren oft so bizarren Geschmack; aber jetzt mußte ihr
alles daran gelegen sein, den Herrn Grafen baldmöglichst zu entfernen.
Wie leicht konnte nicht ihr Mann, Madame Grenet oder sonst jemand noch
dazu kommen, und dann steckte ich in einem _Cul de sac_, aus dem kein
anderer Ausweg war, als durch das vordere Zimmer. Es war nicht so
leicht, den Herrn von Linange los zu werden, und Louise konnte dies
endlich nur dadurch bewirken, daß sie ihm, wenn er gehorsam sei, in
weiter Ferne einen Hoffnungsschimmer blicken ließ. Nachdem sie ihm noch
eine Romanze vorgesungen, denn er bestand darauf, wenigstens ihre
Engelsstimme hören zu wollen -- sie war boshaft genug, ihm ein Spottlied
auf einen alten Gecken vorzutragen --, entfernte er sich mit einem
ehrerbietigen Handkuß, ich wurde endlich aus meinem Gefängnis erlöst;
aber auch ich mußte fort, wenn wir nicht zum zweitenmal überrascht
werden sollten. Linange war über eine gute Stunde geblieben, und es war
hohe Zeit, daß ich ging. Ich verließ die Dame mit einer heißen Umarmung,
mir vornehmend, jetzt auf passendere Gelegenheit zu unseren
Zusammenkünften zu sinnen. --

Zwei Tage darauf lud ich Herrn und Madame Gasqui zu einem kleinen Souper
in die Villa Reale ein[1], und da sich Linange gerade bei ihnen befand,
so konnte ich nicht umhin, auch diesen zu invitieren, der die Einladung
mit Dank annahm. -- Bei diesem Souper ließ ich zum Dessert die
köstlichsten Weine, Cyprier und Christuszähren auftragen, und munterte
die beiden alten Herrn auf, wacker zuzusprechen, wozu es des Nötigens
eben nicht bedurfte. Als man recht im Train und _allegro allegrissimo_
war, machte ich den Vorschlag, das Theater zu besuchen. -- Gasqui aber
meinte, es gefiele ihm weit besser hier, wenn aber seine Frau Lust habe,
so könne sie dies Vergnügen mit mir genießen, er wolle noch eine Weile
mit seinem guten Freund Linange recht behaglich der Ruhe pflegen und
sich dann direkt nach Giesù nuovo begeben, wohin ich ihm seine Frau nach
beendigtem Schauspiel bringen solle. Dies war Wasser auf meine Mühle.
Linange machte zwar ein griesgrämiges Gesicht dazu, konnte aber seinem
Kameraden nicht gut abschlagen, ihm Gesellschaft zu leisten, und mußte
_nolens volens_ bleiben. Auch mochte wohl der gute Wein, dem er eben
nicht Feind war, ein Übriges dazu beigetragen haben, genug, er blieb zu
meiner großen Freude, und wir machten uns davon. Wir waren so eilig, daß
ich sogar vergaß, die Zeche zu bezahlen, und die beiden alten Krieger
gewissermaßen im Pfand zurückließ. Vor der Villa angekommen, bemerkte
mir Madame Gasqui, daß sie ihre Lorgnette nicht bei sich, und da sie
kein sehr gutes Gesicht habe, sie das Vergnügen des Theaters ohne diese
nur halb genießen würde.

»Ei, dann wollen wir vorher schnell nach Giesù nuovo, sie zu holen.«

[Fußnote 1: Am Eingang der Villa Reale befinden sich mehrere
Restaurationen, Kaffeehäuser und so weiter, wo man trefflich serviert
wird und Speisen und Getränke von der besten Qualität findet.]

»Wo denken Sie hin, es ist über eine halbe Stunde Wegs.«

»Die wir in einem Kalesso[2] in zehn Minuten zurücklegen.«

Ich nahm nun das erste vor der Villa haltende Fuhrwerk, versprach dessen
Führer noch ein Trinkgeld, wenn er uns recht rasch befördern würde, und
in acht Minuten stiegen wir vor Giesù nuovo aus, wo ich dem braven
Wagenlenker das doppelte der Taxe einhändigte, der uns vergnügt mit
einem _felicissima notte_ dankte.

Madame Gasqui eilte in ihr Schlafzimmer, das sie aber hinter sich
zuriegelte, mich im vorderen Zimmer stehen lassend, angeblich ihre
Lorgnette zu holen. Des Harrens müde, bat ich sie, mich einzulassen,
aber siehe da, der Eintritt wurde mir gegen alles Erwarten verweigert,
und nur erst nach einigem Hin- und Herkapitulieren an der verschlossenen
Türe, wobei ich hatte versprechen müssen, mich recht fein und artig zu
benehmen, wurde sie mir geöffnet; was dieses kleine Zwischenspiel zu
bedeuten hatte, war mir kein Rätsel, auch stürzte ich, sobald die Türe
offen war, der liebenswürdigen Dame in die Arme, erstickte ihren Mund
mit Küssen, trug sie auf das schwellende Bett und -- eine halbe Stunde
darauf half ich der verschämten Frau die Lorgnette suchen, fuhr mit ihr
nach dem kleinen Theater San Karlino, wo wir in einer geschlossenen
Loge, einem _chiaroscuro_, denn das Haus war schlecht beleuchtet, das
tolle Zeug, das man aufführte, unter Lachen und Schäkern mit ansahen. --
Nach Mitternacht verließen wir das Theater, ich brachte meine Dame
wieder in einem Kalesso nach Giesù nuovo zurück, wo uns Gasquis Bursche
empfing, und mitteilte, daß sein Herr noch nicht zurück sei und er ihn
schon seit zwei Stunden, da er ihn um zehn Uhr bestellt habe, erwarte.

[Fußnote 2: Kalesso heißt in Neapel ein kleines, zweiräderiges, offenes
Fuhrwerk, eine Art Kabriolet, in dem man mit Blitzesschnelle,
selbstkutschierend, der Führer stellt sich hinten auf, das rasche
kalabrische Pferd durch sein Rufen lenkend, fährt, und für den längsten
Kurs nicht mehr als 10 Grani (etwa acht Kreuzer oder zwei Groschen)
bezahlt.]

»Alle Wetter,« rief ich aus, »ich habe ja die Zeche in der Restauration
nicht bezahlt, am Ende hatten die Herren nicht soviel Geld bei sich und
sind dort im Versatz geblieben!«

Madame Gasqui lachte und lispelte: »Wohl möglich, wenigstens hat mein
Mann keine zehn Lire bei sich.«

»Und Linanges Kasse ist auch nicht zum besten bestellt,« versetzte ich,
»er verspielt alles. Da muß ich gleich wieder in die Villa Reale
zurück.«

Ich wollte mich nun der Madame Gasqui empfehlen, aber diese sagte:
»Wollen Sie mich denn nicht mitnehmen? -- Ich glaube, es ist besser,
wenn wir zusammen hinfahren, ein allenfallsiges kleines Donnerwetter
abzuwenden. Sie wissen ja, wie mir der unausstehliche Linange zusetzt,
er könnte leicht meinem Mann allerlei Dinge in den Kopf setzen.«

Ich gab ihr recht und dem Burschen ein gutes Trinkgeld, ihm verbietend,
seinem Herrn zu sagen, daß wir zuerst hier waren, bevor wir nach der
Villa zurückkehrten; von unserer ersten Zusammenkunft aber wußte er
nichts, denn man hatte ihn weislich weggeschickt. Als wir in der Villa
Reale ankamen, trafen wir die Herren noch beim Zechen und mit glühenden
Gesichtern. Gasqui empfing uns freundlich und wohlwollend, Linange aber
mit einem mürrischen Gesicht, und sagte mir mit zornigem Blick: »Wenn
man die Leute einladet, so sorgt man auch für die Zahlung, wir sitzen
vier Stunden hier wie angenagelt, und können nicht vom Fleck, da wir
nicht darauf vorbereitet waren, die Zeche bezahlen zu sollen.«

Ich entschuldigte mich tausendmal, indem ich sagte, daß es meine Absicht
gewesen, wieder hierher zu kommen; Gasqui fiel mir auch mit einem:
»_c'est bon, c'est bon_« ins Wort, Linange aber brummte in den Bart;
Madame Gasqui fing vom Theater zu erzählen an und konnte ihrem Mann
nicht genug versichern, wie viel Vergnügen ihr die Späße des Arlechino
und Pulcinello gemacht hätten.

»Das glaub' der Teufel,« murmelte Linange auf deutsch, »ich wollt' dich
bespaßen, wenn ich dein Mann wäre.«

»Und wie artig war nicht Kolumbine,« fiel ich ein, tuend, als hätte ich
Linanges Worte nicht gehört, der noch ein Himmelsakrament brummte.

Ich rief nun schnell dem Aufwärter, befahl einen Ananas-Punsch, und dies
erheiterte selbst des Herrn Grafen Gesicht wieder, die Unterhaltung
wurde fröhlicher, Pulcinello und Arlechino mußten das ihrige redlich
beitragen, und erst um zwei Uhr nach Mitternacht dachten wir an das
Heimkehren. -- Beim Abschied sagte Linange, mit dem Finger drohend, zu
mir: »Sie sind mir ein loser Vogel, nehmen Sie sich aber vor der
Leimrute in Obacht!«

»Das tue ich auch, Herr Graf.«

Ich hatte der Madame Gasqui versprochen, sie nun, wenn es der Dienst
erlaube, jeden Tag zu besuchen, um mit ihr zu musizieren, auch wollten
wir noch gemeinschaftlich Gitarre-Unterricht bei einem neapolitanischen
Lehrer nehmen, und dies alles war ihr guter Mann nicht nur zufrieden,
sondern er war sogar seelenvergnügt darüber. Ich brachte jetzt die
meiste Zeit, die ich ermüßigen konnte, in Giesù nuovo zu, führte Madame
Gasqui oft allein, bisweilen aber in Begleitung ihres Mannes in das eine
oder andere Theater und nach demselben in restaurierende Kaffees, wo wir
uns besondere Kabinette geben ließen, in denen wir dann, wenn wir allein
waren, dem frivolen Gott Cupido und seiner Frau Mutter Weihrauch
streuten.

Eines Abends, als ich wieder von so einer Partie um ein Uhr nach
Mitternacht im Kastell del Carmine ankam, fand es sich, daß meine
Kompagnie mit noch drei anderen schon seit drei Stunden nach Kapua
abmarschiert war. Ich hatte zwar dem Sergeanten von der Wache
hinterlassen, daß ich immer in Giesù nuovo zu finden sei, aber da wußte
man nicht, wo ich mit Madame Gasqui hingeraten war. Ich trieb schnell
einen Fiaker auf, mit dem ich so rasch wie möglich den abmarschierten
Truppen nachfuhr, deren Arrieregarde ich in Averso einholte, und mit der
ich in Kapua ankam. Dennoch ging es nicht ohne Verweis ab, ich war aber
nicht der einzige Offizier, dem es so gegangen war, noch ein halbes
Dutzend waren in demselben Fall und kamen meist erst nach mir an. --
Müde und erschöpft warf ich mich ganz angekleidet auf das Bett in dem
mir angewiesenen Quartier und einem erquickenden aber festen Schlafe in
die Arme, aus dem ich erst gegen Abend wieder erwachte. Ich sah eine
Zeitlang durch das Fenster die Straße hinab, wobei es mir auffiel, daß
ich nicht einen von unseren Soldaten erblickte, die doch sonst in allen
Straßen herumschwärmten, sobald sie in einem Orte eingerückt waren. Es
ward mir jetzt nicht wohl bei der Sache, ich verließ mein Quartier, und
hörte bald, daß die Truppen seit ein paar Stunden schon wieder
abmarschiert seien, und zwar nach Neapel zurück. -- »Ei, da soll ja eine
Bombe dreinschlagen,« sagte ich zu einem Sergeant-Major, der, so wie
noch mehrere Offiziere, die ich auf dem Marktplatz traf, auch den
Abmarsch verschlafen hatte, keiner von uns hatte die Rappelle schlagen
hören. Wir rotteten uns zusammen und bildeten noch eine
Extra-Arrieregarde, die, zum Teil beritten, beinahe zu gleicher Zeit
oder doch nur wenige Minuten nach dem Truppenkorps in Neapel eintraf. --
Es war ein Marsch für die Affen, wie man zu sagen pflegte, den wir
gemacht hatten, denn auf ein leeres Gerücht hin, daß die Galeerensklaven
und Gefangenen in Gaëta revoltiert hätten, waren wir zum Marsch dahin
beordert worden; aber bald nach unserem Abgang waren Berichte
angekommen, welche dartaten, daß an der ganzen Sache nichts, und sie aus
der Luft gegriffen war. Glücklicherweise war unser abermaliges
Zurückbleiben weder bemerkt noch gemeldet worden, da so viele nachkamen
und wir den größten Teil des Weges in der Nacht zurücklegten. Ich war
froh, daß alles so gut ablief, denn ich fürchtete Arrest zu erhalten.
Damit mir aber künftig nichts Ähnliches mehr passieren möge, befahl ich
meinem Burschen, der mit verschlafen hatte, sich künftig, nachdem er
mich bedient, immer in der Kaserne oder dem Ort aufzuhalten, wo das Gros
des Bataillons einquartiert sei.

Ich lebte nun meinen lustigen Train in Neapel fort und erteilte der
Madame Gasqui auch Unterricht im Italienischen, das ich jetzt schon gut
sprach und durch das Lehren noch besser lernte; ich hatte in allen
Dingen eine gelehrige Schülerin an der hübschen Frau, mit der ich fast
jeden Abend ein anderes Theater, bald San Carlo, Fiorentino, Fondo,
Nuovo und so weiter besuchte. Trotzdem Madame Grenet und Linange
intrigierten, ließ sich ihr Mann doch nicht irre machen und uns alle
Freiheit, bisweilen begleitete er uns in die Theater, verließ uns aber
immer spätestens zur Hälfte der Vorstellung, denn es lag ihm gewaltig
viel daran, vor elf Uhr in seinem Bett zu ruhen. -- Nach den
ausgestandenen schweren Strapazen führte ich ein Leben _in dolce
giubilo_, aß bisweilen doch selten bei Moritz, den ich fast nur
besuchte, wenn totale Ebbe in meinen Beutel eingetreten, was bei meiner
Lebensart nicht selten war.

Nachdem unsere Rekruten einexerziert waren, wurde der Dienst wieder
beschwerlicher, und namentlich die Wachen, die jetzt häufiger an mich
kamen.

Wir mochten ungefähr vier Wochen aus Kalabrien zurück sein, als ein
großes Avancement in dem Regiment stattfand, bei dem alle Offiziere, die
wir verloren hatten, ersetzt wurden; viele Sergeanten, die tauglichsten
Subjekte, wurden zu Unterleutnants befördert, und ich wurde bei dieser
Gelegenheit Oberleutnant; ein gutes Avancement bei kaum anderthalb
Jahren Dienst und für mein Alter. -- Wenn dies so fortgeht, dachte ich,
dann kannst du bald den Marschallstab erhalten. -- Zu gleicher Zeit
verkaufte mir der junge Stock ein sehr schönes Reitpferd um einen
Spottpreis, den sein Onkel bestimmt hatte und für meine Rechnung
bezahlte, mir dabei bemerkend: daß, da sich in meinem Fort keine Ställe
befänden, er ihm einstweilen einen Platz in dem seinigen nebst der Kost
geben wolle, die er mir gehörig in Anrechnung bringen würde, wozu ich
ihn jedoch nie bewegen konnte.

Jetzt gefiel es mir unendlich besser in Neapel, als das erstemal. Kein
Wunder, denn ich amüsierte mich königlich und suchte mich nebenbei auch
noch möglichst in der Musik, namentlich im Gesang zu vervollkommnen, in
welchem ich bei einem berühmten Kastraten, Matuccio, Unterricht nahm, um
mir die italienische Schule völlig anzueignen. Einen Zechino mußte ich
diesem Musico, wie man hier die Kastraten nennt, für jede Stunde
bezahlen.

Bald darauf hatte ich zum erstenmal die Wache in der Vicaria, dem
ehemaligen Kastell Capuano, das jetzt in einen Justizpalast umgewandelt
war, in welchem die Tribunale und verschiedene Gerichte ihren Sitz
aufgeschlagen hatten, auch die Zahlenlotterie wurde daselbst gezogen,
und sie enthielt zugleich die furchtbarsten und scheußlichsten Kerker,
in denen vielleicht über tausend Unglückliche, Verbrecher und wohl
manche Unschuldige schmachteten. Diesen Wachtposten, der mir sehr
unangenehm schien, da man die ganze Nacht hindurch unaufhörlich das
Klirren der Eisenstäbe an den Gittern, welche die Aufseher anschlagen,
um zu sehen, ob keine durchfeilt sind, und das Ächzen und Stöhnen der
Gefangenen hört, hatte ich längere Zeit zu meiden gewußt, mit anderen
Kameraden tauschend, was sich aber diesmal nicht hatte tun lassen. Die
Vicaria ist eines der schrecklichsten Gefängnisse, die ich in meinem
Leben gesehen, und der Palast bietet ein schaudererregendes Bild des
menschlichen Elendes und aller Verworfenheit dar, er war der
Schlupfwinkel der niedrigsten und teuflischsten Intrigen und Kabalen
einer feilen Justiz und ihrer infamen Schleichwege. Schon das Äußere
dieses Gebäudes, das auf einem kleinen, freien Platze steht, ist
abschreckend genug. Diese ehemalige Residenz der Könige von Neapel, von
Wilhelm I. bis Ferdinand I., war mit Mauern und mit von faulem Wasser
angefüllten Gräben umgeben; ringsherum waren an den schwarzgrauen Mauern
eiserne Käfige angebracht, in denen man die Köpfe hingerichteter
Verbrecher aufbewahrte, die halb oder ganz entfleischt noch von Raben
und andern Raubvögeln heimgesucht wurden, die daran hackten. Scharf
geladene Kanonen mit brennenden Lunten daneben bewachten den Eingang zu
dieser Hölle, auf welche Dantes berühmte Inschrift sehr gut gepaßt
hätte; denn nur wenigen der Gefangenen, die zu jener Zeit diesen
Schauerort betraten, blieb noch der Schimmer einer Hoffnung, ihn wieder
lebendig zu verlassen.

In den obern Stöcken desselben befanden sich die Archive und
Gerichtssäle, von denen einer, der sogenannte Audienzsaal, so groß ist,
daß er an zweitausend Menschen fassen kann. Im Erdgeschoß saßen die
weniger gefährlichen und nicht so schwer angeschuldigten Gefangenen,
aber tief unter der Erde wurden diejenigen, denen man schwere
Verbrechen, Rebellion und Verschwörung gegen die Regierung zur Last
legte, oder die mächtige Feinde hatten, in feuchten Kerkern und Höhlen
aufbewahrt, in welche nie ein Sonnenstrahl drang; in den untersten
derselben, deren Boden ganz schlammartig war, hatten die Unglücklichen
Schlangen, Kröten, Skorpione und Unken, die ihr Lager auf längst
verfaultem Stroh mit ihnen teilten, zur Gesellschaft, und kein frischer
Luftzug erneuerte je die verpestete faule Atmosphäre dieser Behälter.

Sobald die Sonne hinunter war, gingen die Gefängnisaufseher von Gitter
zu Gitter, mit Stangen an den Stäben klopfend, um sie zu prüfen; dies
Manöver erneuerte sich jede halbe Stunde und währte, bis der Tag wieder
zu grauen begann. Eine wahrhaft höllische Nachtmusik. Oft übersteigt die
Zahl der hier Eingekerkerten vier- bis fünftausend, und mancher
schmachtete, von der ganzen Welt vergessen, schon über ein halbes
Jahrhundert hier; andere saßen unter der früheren Regierung zwanzig und
dreißig Jahre, ohne daß ihre Sache nur zum Spruch kam, und litten, in
verfaulte Lumpen gehüllt, vom Ungeziefer bei lebendigem Leib
aufgefressen, mit Geschwüren und Beulen bedeckt, tausendfachen Tod, bis
sie der wirkliche endlich erlöste. Gott, wie ist man doch mit der
Menschheit schon umgegangen! -- Die Bastille in Paris war noch ein
Lusthaus gegen diese Vicaria, wo sich auch noch die scheußlichsten
Folterkammern mit all ihren Marterwerkzeugen befanden.

Da sich bei jedem Tumult und Aufruhr das Volk immer zuerst der Vicaria
zu bemächtigen sucht, so zählte die Wache daselbst über achtzig Mann und
wurde jeden Abend noch durch eine zum Patrouillieren bestimmte
Abteilung, über hundert Mann, verstärkt. An den Hauptgerichtstagen
finden sich hier ganze Heere von Richtern, Anwälten, Prokuratoren,
Advokaten, Rechtsverdrehern und Rabulisten ein, ich sah Leiterwagen voll
Akten in die Höfe fahren und zählte die an einem Morgen ankommenden, mit
Litiganten besetzten Kutschen zu Hunderten. Alle Richter, Advokaten und
so weiter waren in lange Mäntel und Perücken gehüllt und ließen ihre
Akten in großen Körben die Treppen hinauftragen. An solchen Tagen, oder
wenn die Zahlenlotterie gezogen wurde, war das Gedränge so groß, daß die
Hälfte der Wache immer unter dem Gewehr stehen mußte. Nimmer hätte ich
mir träumen lassen, daß ich an diesem Ort der Greuel noch so manche
selige Stunde wonnetrunken zubringen würde.

Bei meiner ersten Wache daselbst vernahm ich ein paar Stunden nach
Sonnenuntergang plötzlich aus einem Fenster der mittleren Gebäude,
welche meiner Wachtstube gegenüberlagen, den Klang einer Mandoline und
Gitarre, und bald darauf hörte ich zwei schöne klangreiche Sopranstimmen
neapolitanische und sizilianische Volkslieder mit Begleitung dieser
Instrumente singen. Ich horchte hoch auf und war recht verdrießlich, als
die liebliche Musik, die gewiß auch manchem der Gefangenen auf einige
Augenblicke seine Qualen erleichterte, durch das mißtönende Klirren der
Eisenstäbe unterbrochen wurde. Indessen fuhr der Gesang fort, und um ihn
besser zu hören, ging ich in den Hof hinab, wo ich hinter einem Balkon
die Schatten zweier niedlicher Frauengestalten sah, welche diese sonoren
Töne erschallen ließen. Auf meine Erkundigung, wer die Damen seien,
welche diesen traurigen Ort durch ihre Musik so erheiterten, erfuhr ich,
daß die eine die Tochter, die andere aber die Nichte des Oberverwalters
oder Kastellans der Vicaria, und beide ein paar junge, muntere, recht
artige Mädchen seien. Begierig, deren Bekanntschaft zu machen, ließ ich
meine Gitarre durch meinen Burschen holen und stimmte, nachdem sie
aufgehört, einige italienische Kavatinen, namentlich das schelmische
»_Una povera ragazza_« an. Die Mädchen horchten, wie ich wohl merkte,
hoch auf und waren mäuschenstill, auch sangen sie diesen Abend nichts
mehr, sondern spielten später, nachdem auch ich wieder still geworden,
noch eine Tarantella und verschwanden. Ich aber spazierte noch lange
beim Mondschein in dem Hof auf und nieder und ging endlich nach
Mitternacht auf mein Wachtzimmer, wo ich mich auf das lederne Ruhebett
warf und phantasierend mir die Gesichter und Figuren der beiden
Sängerinnen ausmalte, mit Ungeduld den Tag erwartend, der, wie ich
hoffte, mich die Mädchen von Angesicht zu Angesicht würde sehen lassen.
Endlich brach die ersehnte Dämmerung heran; als der Tag kaum erschienen
war, sah ich durch mein Fenster die jenseitige Haustüre öffnen, aus der
zwei niedliche Gestalten in schwarzer, neapolitanischer Nationaltracht,
mit Gebetbüchern in der Hand, traten, die über den Hof und durch das Tor
zur Frühmesse in die nächste Kirche eilten. Dies sind ohne Zweifel meine
charmanten Sängerinnen, dachte ich, und hatte recht. Es ärgerte mich
nun, nicht im Hof gewesen zu sein, als sie durch denselben schritten; um
sie aber bei der Rückkehr nicht zu verfehlen, die unmöglich lange dauern
konnte, spazierte ich unter dem Tor auf und nieder, sie erwartend. Es
dauerte auch kaum eine halbe Stunde, so kamen sie zurück; ich grüßte
sehr freundlich, als sie an mir vorübergingen, und hatte das Vergnügen,
meinen Gruß recht artig, wenn auch etwas verschämt und mit
niedergeschlagenen Augen, erwidert zu sehen; eine derselben war
allerliebst und die andere wenigstens sehr leidlich. Noch denselben
Morgen machte ich die Bekanntschaft des Herrn Papas und Oheims, den ich
unter dem Vorwand, ihn um etwas in Dienstangelegenheiten fragen zu
wollen, zu mir herunterbitten ließ. Der Kastellan war so gefällig, sich
einzufinden, und nachdem ich mich über mancherlei, die Sicherheit der
Gefängnisse und so weiter betreffend, bei ihm erkundigt, bot ich ihm ein
kleines Frühstück an, das er anzunehmen und sich schmecken zu lassen die
Güte hatte. Er gab mir manche nicht uninteressante Notizen über die
Vicaria und ihre Gefangenen und erzählte mir, daß er bereits seit
sechsundzwanzig Jahren den Verwalterdienst hier versehe, ein geborener
Palermitaner und Witwer sei, zwei Söhne, die sich in Sizilien bei
Verwandten aufhielten, und eine Tochter habe, die mit seiner Nichte,
auch einer Palermitanerin, bei ihm wohne. Noch teilte er mir einige
gräßliche Geschichten mit, die unter der vorigen Regierung in der
Vicaria vorgefallen und so empörend waren, daß sie mir das Blut in
Wallung brachten.

Während dieser Unterhaltung schielte ich öfters nach den
gegenüberliegenden Fenstern, aber von den Mädchen ließ sich keine
blicken, doch glaubte ich zu bemerken, daß sich ein Vorhang manchmal ein
wenig lüfte, woraus ich schloß, daß sich meine Schönen hinter demselben
befänden, und zwar ganz richtig, wie ich später von ihnen selbst erfuhr.
-- Nach drei Viertelstunden verließ mich der Alte recht vergnügt, um
seinen Amtsgeschäften nachzugehen, und sagte beim Abschied, er hoffe
mich recht bald wieder in der Vicaria zu sehen, wo er mir dann noch gar
manches Merkwürdige mitteilen wolle. Ich spazierte eine Zeitlang im Hof
auf und nieder, aber meine grausamen Schönen ließen sich nicht mehr
blicken, und schon hörte ich die Trommel der ankommenden Wache, ein
Klang, der mir sonst immer erwünscht war, mich aber diesmal ärgerte. Als
jedoch die Schildwache >_aux armes_< rief und die neue Wache im
Paradeschritt anmarschierte, da zeigten sich auch die beiden Signoras
wieder am Balkon, das Schauspiel der Ablösung mit anzusehen, was mich so
sehr zerstreute, daß ich statt rechts, links in die Flanken zum Abmarsch
kommandierte, doch lachend den Fehler reparierte und im Abmarsch die
Damen mit dem Degen salutierte, was beide über und über erröten machte.
-- Ich nahm mir nun vor, von jetzt an, so oft unser Regiment diesen
Posten zu besetzen hatte, mit dem Offizier, der diese Wache bezog, zu
tauschen, und ging dies nicht an, die hier wachthabenden Offiziere
fleißig zu besuchen.

Den kommenden Morgen fand ich mich in aller Frühe vor der Vicaria ein,
aufzupassen, wenn die beiden Mädchen wieder in die Messe gehen würden,
um ihnen daselbst das Weihwasser zu präsentieren. Zur nämlichen Stunde
wie den Tag vorher traten sie aus dem Tor und gingen nach der Kirche San
Pietro ad Arano, in welcher der heilige Petrus die nicht minder heilige
Candida getauft haben soll. Ich eilte ihnen zuvor, da ich mich schon den
Tag vorher bei dem Herrn Papa erkundigt hatte, in welcher Kirche sie die
Messe hörten, placierte mich an den Weihkessel, ihnen das Weihwasser auf
meinen Fingerspitzen reichend, das sie auch dankend und wieder errötend
von mir annahmen und sich nun überzeugt hielten, daß ich ein gut
katholischer Christ sein müsse. -- Ich nahm ein paar Schritte von den
Mädchen Platz, so daß ich imstande war, sie während der Dauer der Messe
mit aller Bequemlichkeit zu beobachten, und bemerkte, daß bald die eine,
bald die andere verstohlen nach mir herüberschielte. -- Nach gehörig
vollbrachter Andacht leistete ich beim Herausgehen den beiden Mädchen
denselben Dienst wie beim Eintritt und wurde nicht minder dankbar
belohnt, hütete mich aber wohl, sie heim zu geleiten, da eine
Neapolitanerin im Nationalkostüm mit einer französischen Uniform
gesehen, sich allen möglichen Unannehmlichkeiten aussetzte; den nächsten
Tag aber war ich so klug, mich in Zivilkleidern in die Messe zu begeben,
unterhielt mich nach beendigtem Gottesdienst recht angenehm mit ihnen,
sie jetzt heimbegleitend, und teilte ihnen mit, daß ich in zwei Tagen
wieder die Wache an der Vicaria beziehen, so das Vergnügen haben würde,
sie daselbst zu sehen und hoffentlich auch singen zu hören. Etwas
verlegen fragte mich die Nichte, wie es denn komme, daß ich so schnell
wieder an diese Wache käme, worauf ich ihr gestand, daß ich deshalb mit
einem Kameraden getauscht habe. -- Statt den geraden Weg nach der
Vicaria zu gehen, schlugen wir einen ziemlich krummen Umweg nach der
Porta Capuana zu ein, und ich begleitete dann die Mädchen bis an das
Ende der Straße Carbonara, wo ich mich ihnen in der Hoffnung eines
baldigen Wiedersehens bestens empfahl. -- Ich hatte von ihnen
herausgebracht, daß die hübscheste, die sich Teresina nannte, die
Nichte, und die andere, die anmutigste, Marietta, die Tochter des
Kastellans war. Den nächsten Morgen verhinderte mich der Dienst, die
Messe zu besuchen, und den folgenden hielt ich es nicht der Mühe wert,
da ich ein paar Stunden später die Wache an der Vicaria beziehen sollte.
Als ich mit derselben anmarschiert kam, fand ich die beiden Mädchen
schon auf ihrem Balkon sitzend und grüßte sie wieder mit dem Degen, ohne
diesmal einen Fehler im Kommando zu machen. Nachdem sämtliche Posten
abgelöst und die alte Wache abmarschiert war, kam der alte Kastellan
recht freundlich auf mich zu, freute sich, mich wiederzusehen, da ich
der einzige Offizier sei, der von den Franzosen diese Wache beziehe, mit
dem man doch ein Wort sprechen könne, indem die anderen keine Silbe
Italienisch verstünden, und wurde so gesprächig, daß es mir fast lästig
war. Ich leitete die Unterhaltung auf den Gesang und die schönen
Stimmen, die ich bei meiner letzten Wache hier gehört.

»Corpo di Bacco,« fiel er ein, »das waren meine Mädchen! Nicht wahr,
Signor Uffiziale, meine Ragazza singt schön; es hat mich aber auch Geld
gekostet, denn ich ließ sie bei einer der ersten Choristinnen des
Fiorentino lernen.«

Als ich ihm sagte, daß auch ich musikalisch sei und singe, rief er aus:
»Ei, das ist ja scharmant, da können Sie mit meinen Mädchen musizieren,«
und bald hatte ich ihn so weit, daß er mich bei den artigen Kindern
einführte, die unter der Aufsicht einer ehrbaren Tante standen, welche
die Haushaltung besorgte. Ich brachte nun fast den ganzen Nachmittag bei
diesen Mädchen zu, meine Wache immer im Auge habend, und spielte und
sang bis nach Mitternacht mit ihnen. Marietta, die Tochter, war eine
maronenfarbige Brünette, mit schalkhaften Feueraugen, munter und fast
wild, Teresina, die Nichte, hatte ganz schwarzes Haar, einen feinen,
sehr niedlichen Wuchs und eine äußerst liebliche Gesichtsbildung, war
auch weit sanfter. Beide sprachen mich fast gleich an, und ich wußte
anfänglich nicht, welcher ich den Vorzug geben sollte, bald entschied
ich mich jedoch für die Nichte, ohne deshalb der Tochter gerade abhold
zu sein. Noch denselben Abend brachte ich es bei beiden zum Händedruck
und Handkuß, ohne merken zu lassen, welche mir am besten gefiel; als wir
uns endlich um Mitternacht trennten, küßte ich beide auf die Stirn und
der ehrbaren Tante die Hand, der Papa war fast immer in seinen
Berufsgeschäften abwesend und freute sich, wenn er dann und wann auf
einige Augenblicke eintrat, uns so vergnügt und einig zu sehen. -- Noch
längere Zeit, nachdem ich mich entfernt hatte, sah ich Licht in dem
Zimmer der Mädchen und ihre Schatten an den Fenstern vorübergleiten. Den
anderen Morgen sprach ich sie nochmals an dem Tor und bat um die
Erlaubnis, sie am Nachmittag besuchen zu dürfen, die mir auch auf das
verbindlichste erteilt ward. Ich versprach neue Musik mitzubringen und
fuhr mit meinem Don Juan unter dem Arm in die Vicaria, wo wieder »_la ci
darem la mano_« seine Schuldigkeit tun mußte, das ich den beiden Mädchen
um die Wette einstudierte. Jetzt war der Weg gebahnt, ich brachte nun
meine meisten Nachmittage und Abendstunden in der furchtbaren Vicaria
zu, Giesù nuovo fast ganz vernachlässigend und mich bei Madame Gasqui
unter allerlei Vorwänden bestens entschuldigend, sie nicht mehr so
häufig auf Promenaden und in die Theater führen zu können. -- Beide
Mädchen hatten noch nicht das fünfzehnte Jahr erreicht und waren
wirklich zum Ersticken naiv, aber dahin konnte ich es sobald nicht
bringen, sie mit mir in die Theater oder sonst wohin nehmen zu können,
dies wollte der Vater und Oheim nicht zugeben, so großes Vertrauen er
auch sonst in mich zu setzen vorgab, nicht einmal in Begleitung der
Tante. Dagegen aber durften sie ganz allein allen Kirchenfesten
beiwohnen, so spät es auch schon in der Nacht sein mochte. -- Diese
Abendandachten waren in Neapel äußerst anziehend und durch die
trefflichste Musik verherrlicht, schade nur, daß diese schönen Töne aus
den Kehlen der häßlichen und widerlichen Kastraten kamen.

Schon zehn Tage lang besuchte ich die Vicaria und hatte es immer noch
nicht weiter als zu wechselseitig abwechselnden Küssen gebracht, denn
ich hatte die Mädchen noch nicht dahin bringen können, die Kirche zu
verlassen und irgendwo andershin einen Abstecher mit mir zu machen,
obgleich sie schon mancherlei artige Geschenke von mir erhalten hatten.
Auch wußte ich sie nicht zu trennen, da jede von ihnen überzeugt schien,
meine Aufmerksamkeit gelte ihr allein. -- Des Nachmittags war mir
indessen doch gestattet, sie in Zivilkleidern auf der Promenade und
durch die Straßen begleiten zu dürfen, wobei ich dann Gelegenheit hatte,
das neapolitanische Volksleben genauer kennen zu lernen, indem die
Mädchen meine Ciceroni machten, mir alle gewünschte Aufklärung gaben und
mir alle Laster, Tugenden, Sitten und Gebräuche dieses Volkes erklärten.
Wir besuchten vorzugsweise die Kirchen und Klöster, in welchen gerade
religiöse Feste gefeiert wurden, wobei die Böller immer eine große Rolle
spielten und so stark geladen waren, daß ihr Abfeuern einen Knall wie
eine zwölfpfündige Kanone hervorbrachte. Anfänglich glaubten auch wir in
den Kasernen jedesmal Kanonendonner zu hören, wenn in einer der näheren
Kirchen ein Fest gefeiert wurde, wo oft fünfzig und mehr Böller vor
derselben aufgepflanzt waren und Schlag auf Schlag gelöst wurden. Am
höllischsten war der Lärm, wenn eine Nonne ihr Gelübde ablegte und
eingekleidet wurde.

Am häufigsten besuchten wir Toledo, wo ich meine Signoras mit Eis
regalierte und sie dann in die Villa Reale, an den Hafen, auf den Molo
und so weiter führte. Von dem Leben und Treiben in Neapel auf offener
Straße kann sich niemand einen deutlichen Begriff machen, der es nicht
selbst mit angesehen, es geht über alle Vorstellung; da wird fast alles
unter freiem Himmel verrichtet, was sonst nur hinter den Mauern
verborgen geschieht. Man kocht, siedet, bratet, ißt, trinkt, schläft,
schreibt, liest, barbiert und frisiert, verrichtet seine Notdurft und
zeugt sogar Kinder, -- wenigstens bei Nacht, alles unter der
Himmelsdecke und dem gestirnten Firmament; dies tun wenigstens
fünfzigtausend Menschen, und unter den Hallen oder Portalen der Kirchen
und Paläste oder auf den Stufen und Bänken derselben wird manches
Wochenbett gehalten, weshalb man auch die hier zur Welt gekommenen
Kinder sowie überhaupt diese beständig auf Bänken herumfahrenden Leute
oft scherzweise _banchieri_ nennt. Diese Bankiers laufen, flöhen und
reinigen sich von Kot und Ungeziefer, ohne sich im mindesten zu genieren
vor dem vorübergehenden Publikum, das, an solche Szenen längst gewöhnt,
nicht den geringsten Anstand an denselben nimmt.

Wer sich in Neapel glücklich fühlen will, muß sich ganz dem Vergnügen
des süßen Nichtstun überlassen, denn dies ist eine Huldigung, die man
dem dortigen Klima zu bringen hat, das heißt, man muß sein Glück in dem
fast immer heiteren Himmel, der majestätischen See und den balsamischen
Lüften, die uns sanftsäuselnd umwehen, finden, aber alle ernsteren
Gedanken und Gefühle möglichst zu entfernen suchen.

Endlich war ich, und zwar mit Marietta, so weit gekommen, daß sie mir
versprach, ein Mittel ausfindig zu machen, sie einmal ganz ohne Zeugen
sprechen zu können, und zwar in der Vicaria selbst, in der kleinen
Kapelle, in welcher gewöhnlich die zum Tod Verurteilten die letzten
Stunden vor ihrer Hinrichtung zubringen. Schon den kommenden Tag sprach
ich sie daselbst, jedoch ohne mehr als einen Händedruck zu erlangen, da
die Türe des Gotteshäuschens immer offen stand und alle Augenblicke
Leute vorübergingen; es gelang mir, sie zu überreden, mich auf meiner
nächsten Wache an der Vicaria gegen Morgen zu besuchen, auch riet ich
ihr, Teresina zu ihrer Vertrauten zu machen, weil sie sich nicht wohl
ohne deren Wissen, da beide in einer Stube schliefen, entfernen konnte.
Erst zwei Tage später konnte ich es veranstalten, daß ich diese Wache
wieder bezog, nach der ich mich noch nie so sehr wie diesmal gesehnt
hatte. Teresina war bereits in das Geheimnis eingeweiht, wie sie mich
selbst hatte merken lassen, als ich den Nachmittag vorher bei meinen
liebenswürdigen Schülerinnen zubrachte, und daher das weitere ganz offen
mit beiden verabredete. Als endlich der ersehnte Tag und die noch
ersehntere Nacht herankam, gab ich eine halbe Stunde nach Mitternacht,
als eben wieder eine Visitation der Gefängnisse vorüber war, und ich
alles ruhig fand, den beiden Mädchen das verabredete Zeichen zum
Herabsteigen mit einem weißen Tuch. Ein paar Augenblicke darauf kamen
sie auch, in dunkle Tücher gehüllt, und ich führte sie ganz unbemerkt
auf meine Wachstube, die in einer Art Entresol lag und ein eigenes
Treppchen hatte. Vorsichtig hatte ich die ohnehin düster brennende Lampe
in einen Winkel hinter einen Tisch gestellt, und so ein herrliches
_Chiaroscuro_ hervorgebracht. Die erst vierzehn Jahre zählende Marietta
zog ich neben mich auf mein ledernes Ruhebett, während Teresina
gedankenvoll in den Hof hinabsah, um zu beobachten, was daselbst vorging
oder vorgehen konnte. Die bald in meinen Armen ruhende Marietta sträubte
sich indessen ganz gewaltig und ließ mich ihre Gunst nur bis zu einem
gewissen Grad genießen, was mir indessen dennoch weit mehr Vergnügen
gewährte, als die baldige gänzliche Ergebung verheirateter und
routinierter Frauen, denn Marietta war völlig Anfängerin, die liebe
Unschuld selbst, und seitdem war: »_la mia passione predominante, sempre
la giovin principiante_.«

Mehrere Stunden hatten wir bereits vertändelt, und schon verkündete ein
lichter Schein die herannahende Dämmerung, als die noch immer am Fenster
sitzende und von Zeit zu Zeit seufzende Teresina uns ernstlich ermahnte,
daß es hohe Zeit sei, sich zu trennen. Ich fand, daß sie vollkommen
recht hatte, ging in den Hof hinab, um allenthalben zu rekognoszieren,
ob sich die Mädchen ohne Gefahr und unbemerkt wieder hinüberschleichen
könnten, begleitete sie alsdann bis an ihre Haustüre, wo ich beiden
einen feurigen Abschiedskuß gab, meine letzte Ronde machte, worauf der
Tambour die Diane schlug, und ich mich zur Ruhe auf mein Feldbett warf,
das soeben noch der stumme Zeuge meines Glücks gewesen; allerlei
phantasierend, schlief ich so gut, als hätte ich eben einen forcierten
Marsch zurückgelegt.

Gegen zehn Uhr brachte mir der Bursche der Madame Gasqui ein Billet, in
welchem mich die Dame dringend einlud, sie doch gleich nach abgelöster
Wache zu besuchen, da sie mir etwas von großer Wichtigkeit mitzuteilen
habe. -- Was mag sie wollen? dachte ich bei mir selbst; denn was es mit
so einer Damenwichtigkeit auf sich hat, war mir längst bekannt.
Unterdessen frühstückte Papa Kastellan mit mir auf der Wache, und als
ich mit der Mannschaft abmarschierte, salutierte ich die beiden,
verschämt hinter der Fenstergardine hervorsehenden Mädchengesichter.
Kaum hatte ich die Mannschaft dem Unteroffizier zum Heimführen übergeben
und den Degen in die Scheide gesteckt, so war ich auch schon auf dem Weg
nach Giesù nuovo, wohin mich die Neugierde trieb, wo ich aber für meinen
pünktlichen Gehorsam mit Vorwürfen, daß ich mich gar nicht mehr sehen
lasse, von Louise empfangen ward. Sie sagte, dies habe ihr Madame Grenet
alles vorausbemerkt, sie aber nimmermehr glauben wollen; nun sehe sie
wohl ein, daß jene recht gehabt und deren Warnung gut gemeint gewesen
sei. Ich entschuldigte mich mit dem so anstrengenden Dienst, der mir Tag
und Nacht keine Ruhe mehr lasse, und bat sie, daß wenn sie meinen Worten
nicht glauben wolle, sie sich beim Adjutant-Major erkundigen könne, ob
ich nicht dreimal in einer Woche die Wache an der Vicaria, die
beschwerlichste und unruhigste in ganz Neapel, gehabt, und wenn dies
nicht wahr, so wolle ich in meinem ganzen Leben keinen Kuß mehr von ihr
erhalten; um sie noch besser von der Wahrheit meiner Aussage zu
überzeugen, küßte ich die schmollende Dame auf der Stelle ein halbes
Dutzendmal. Sie glaubte mir nun und endigte sogar damit, mich wegen
meiner gehabten schweren Strapazen herzlich zu bedauern, fügte dann
hinzu, dies sei nicht der Grund gewesen, warum sie mich eigentlich zu
sich gebeten, sondern sie habe es nun soweit gebracht, daß ein
französisches Liebhabertheater in Giesù nuovo gebildet werden solle, zu
dem sich schon mehrere Damen und Offiziere als aktive Teilhaber gemeldet
hätten, ich möchte jetzt nur die weiteren Schritte tun und die Leitung
des Ganzen übernehmen. Mit Vergnügen vernahm ich diese Mitteilung und
willigte freudig in das an mich gestellte Begehren, da ich schon lange
eine gleiche Absicht gehabt, aber andere Dinge und auch der Dienst mich
verhindert hatten, an die Ausführung derselben zu denken. Noch sagte mir
Madame Gasqui, daß ihr Mann im Sinn habe, nächstens mit einigen guten
Freunden den Vesuv zu besteigen, ich möge doch auch mit von der Partie
sein. Auch dies war längst mein Wunsch und mir willkommen, nur aus den
angeführten Gründen hatte ich bis jetzt diesen und noch andere Ausflüge
in die Umgegend von Neapel, wie nach Herkulanum und Pompeji und so
weiter, zu meinem Leidwesen unterlassen müssen.

Ich verließ nun die jetzt nicht mehr schmollende Dame, mit dem
Versprechen, mich baldmöglichst wieder einzufinden und beschäftigte
mich, so weit es die Umstände erlaubten, mit der Ausführung der
projektierten Partie, wobei ich mir bei Vetter Moritz Rat holte, ohne
jedoch meine Wachen an der Vicaria und die damit verknüpften
Vergnügungen aufzugeben. Indessen fing ich bald an, mehr Gefallen an der
Nichte als an der Tochter des Kastellans zu finden; aber für meine
Absichten auf Teresina war Marietta ein schwer zu überwindendes
Hindernis, da ich niemals die eine ohne die andere sah.

In einer Nacht, als die beiden Mädchen kaum einige Minuten auf meiner
Wachtstube waren, gab es plötzlich Lärm im Hof der Vicaria, und man
schrie, daß mehrere Gefangene entsprungen seien, die Wache trat unter
das Gewehr, alles wurde lebendig und die lieben Kinder wollten
verzweifeln, da sie fürchteten, man möchte auch ihre Abwesenheit
entdecken und sie gar bei mir finden. Über das letztere beruhigte ich
sie und schloß, indem ich hinabeilte, die Türe hinter mir ab. Vor der
Wache traf ich schon den Oberaufseher der Gefängnisse und den Kastellan,
die mir meldeten, daß zwei Gefangene eines Kellergefängnisses fehlten,
dessen auf das Pflaster des Hofs gehende Gitter durchsägt seien, aber
die Kerls müßten sich noch im Palazzo befinden, da sie weder durch das
geschlossene Tor, noch über Dächer, Mauern und Gräben hätten entwischen
können. Ich tröstete die geängstigten Leute, indem ich ihnen sagte, daß,
da die Gefangenen nicht aus dem Schloß sein könnten, wir sie wohl
auffinden würden, und ersuchte sie, mit vier Mann Wache, die ich ihnen
gab, alle Winkel zu durchsuchen und bei den entferntesten anzufangen,
ich wolle einstweilen hier alle in den Hof gehende Türen mit
Schildwachen besetzen lassen. Sie befolgten meinen Rat, und ich ließ
unterdessen die Mädchen in den Hof entschlüpfen, die aber
unglücklicherweise von ein paar Soldaten, welche die Entflohenen in
ihnen zu wittern glaubten, angehalten wurden, ehe sie noch ihre
ebenfalls besetzte Türe erreicht hatten; ich kam jedoch dazu und
befreite sie von der momentanen Haft, brachte sie an ihre Türe, wo die
Tante herausstürzte, um die Mädchen, deren Abwesenheit sie schon
entdeckt, zu suchen. Ehe aber weder die Tante noch die Nichten zu Wort
kommen konnten, sagte ich zu der ersten: »Hier, Signora, Ihre Kinder,
welche in der Angst über den entstandenen Lärm die Unvorsichtigkeit
begingen, ihre Wohnung zu verlassen, ich bringe sie Ihnen unversehrt
zurück, sie können unter allen Umständen nicht besser aufgehoben sein
als bei Ihnen.« »_Mille grazie, signor Uffiziale_,« erwiderte die Tante
und sagte zu den Mädchen: »Aber wie geht es zu, daß ihr euch noch gar
nicht schlafen gelegt hattet, es ist doch längst Mitternacht vorüber.«

»_Oh cara zia_,« versetzte Marietta schnell, »wir saßen noch am offenen
Fenster, der Musik lauschend, die der Signor _Tenente_ machte.«

»Sonderbar, ich habe doch gar nichts gehört.«

»Vermutlich schliefen Sie gut, Signora, auch spielte und sang ich nur
_pianissimo_.«

»Ja, das ist etwas anderes, mit zunehmendem Alter werden auch alle Sinne
schwächer. Ich lag zwar schon längst im Bett, war aber noch nicht
eingeschlummert, als der Lärm anging.«

»Hier sind sie, ich habe sie,« rief nun plötzlich eine Donnerstimme, es
war die eines der wachthabenden Sergeanten, der die beiden Entwischten
in der Kapelle hinter einem Beichtstuhl gefunden hatte, und zwar in
geistlichem Gewande, welches sie daselbst aus einem Schrank, den sie
aufgebrochen, genommen und mit dessen Hilfe sie ganz in der Frühe
unangehalten zum Tore hinausgehen zu können hofften.

Eine Stunde nach diesem unangenehmen Intermezzo war alles wieder in der
besten Ordnung, die Gefangenen in einem tieferen Kerker angeschmiedet,
und der Kastellan kam zu mir, sich bei mir zu bedanken, daß ich seine
naseweisen Dinger, welche die Dummheit begangen, wegen dem Lärm aus der
väterlichen Wohnung zu laufen, so heil zurückgebracht habe.

Kurz nach dieser Begebenheit, als ich wieder einen Nachmittag bei den
Kindern zubrachte, gab ich Teresinen verstohlen einen Kuß, was ich schon
öfter praktiziert hatte; aber diesmal wollte es mein Unstern, daß es
Marietta bemerkte, und diese wurde von dem Augenblick an so zänkisch und
mürrisch, eigensinnig und bissig, daß es gar nicht mehr mit ihr
auszuhalten war und ich sie bald nichts weniger als liebenswürdig fand.

Eines anderen Tages brachte ich den Mädchen zwei sehr schön fassonierte
Körbchen von Schokolade, wie ich mich überhaupt nie ohne etwas Naschwerk
bei ihnen einstellte; diese Schokoladearbeiten wurden schon damals zu
Neapel in der höchsten Vollkommenheit fabriziert. In jedes Körbchen
hatte ich etwas Bonbon gelegt, aber in das der Teresina noch obendrein
einen kleinen goldenen Ring, eine Allianz, wie ich Marietten schon
längst eine verehrt hatte, die neben den anderen Bonbons in Papier
gewickelt war. Die beiden Mädchen untersuchten ihre Geschenke und die
schon längst argwöhnische Marietta auch die ihrer Cousine und fühlte
unglücklicherweise sogleich das Papier, in welchem die Allianz
eingewickelt war, ohne daß ich es hindern konnte, denn Teresina hatte
die Zeichen, die ich ihr machte, nicht bemerkt oder nicht verstanden,
nahm es weg, öffnete es, fand den Ring und las auf dem Papierchen die
Worte: _alla piu amabile_, die ich mit Bleifeder darauf geschrieben
hatte. Nun geriet das Mädchen in einen solchen Zorn, daß sie die beiden
Körbchen mit ihrem Inhalt zur Erde warf, mit ihren kleinen Füßen
zerstampfte und zertrümmerte und den Ring mit den Zähnen zerbiß.
Vergeblich gab ich mir alle Mühe, sie zu besänftigen, indem ich sie
versicherte, daß das Ganze auf einem Irrtum beruhe und ich die Körbchen
verwechselt habe, sie hörte gar nicht darauf, fuhr so zu wüten und zu
toben fort, daß ihr zuletzt der Schaum vor dem Munde stand und sie nach
mir und ihrer Cousine biß, bis sie die heftigsten Krämpfe bekam und sich
in denselben auf dem Boden wälzte, so daß mir bange wurde, sie möchte in
dem Anfall bleiben. Ganz erschöpft fiel sie endlich in eine starke
Ohnmacht und blieb beinahe eine halbe Stunde bewußtlos; wir brachten sie
in diesem Zustand auf ihr Bett. -- Nun aber fing auch Teresina heftig zu
weinen an, machte mir Vorwürfe, daß ich den Frieden und die Eintracht
zwischen ihnen beiden gestört habe, ich hätte mich an die eine oder die
andere allein halten und nicht beiden zugleich die Kur machen sollen und
so weiter. Ich hatte jetzt alle Mühe, dieses sonst so sanfte Mädchen zu
besänftigen und zu trösten, die mir noch mitteilte, daß sie schon seit
einiger Zeit wegen mir viel von ihrer Cousine zu leiden habe, die sie
gleich einem Schatten verfolge, ihr das Leben verbittere, ja wohl
imstande wäre, ihr Arges anzutun; denn ich kenne diese Sizilianerinnen
und Neapolitanerinnen noch nicht, die zu allem fähig seien, wenn sie
sich hintergangen und betrogen und wegen einer anderen zurückgesetzt
fänden, sie werde nun wohl Neapel verlassen müssen oder gar
fortgeschickt werden.

Endlich schlug Marietta die Augen wieder auf, war aber so matt und
erschöpft, daß sie kaum leise zu sprechen vermochte. Ich gab mir
nochmals alle Mühe, sie zu beruhigen, konnte es aber nicht dahin
bringen, sie ganz zu besänftigen und ein wohlwollendes Wort von ihr zu
hören. Nachdem sie sich wieder ziemlich erholt hatte, entfernte ich
mich, ihr zum Abschied sagend, daß es unter solchen Umständen wohl das
Beste sei, uns künftig zu meiden. Diese Worte ärgerten sie so, daß sie
beinahe einen zweiten Anfall bekommen hätte. Um dies zu vermeiden, eilte
ich schnell zur Tür hinaus. Von jetzt an mied ich die Wachen an der
Vicaria ebenso sehr, wie ich sie früher gesucht hatte. Einige Zeit
darauf erfuhr ich, daß ihr Vater beschlossen habe, einen Advokaten, der
sich in das Mädchen verliebt, mit ihrer Hand zu beglücken, und dieser
sie auch bald darauf als sein eheliches Gespons heimführte. Ich vermied
nun zwar diese Wachen nicht mehr, drängte mich aber auch nicht dazu,
obgleich ich wußte, daß jetzt Teresina allein in dem Hause ihres Oheims
mit der Tante hauste.

Unterdessen hatte ich Madame Gasqui wieder viel öfter besucht und mir
viel Mühe gegeben, das beabsichtigte Liebhabertheater instand zu
bringen; es war endlich so weit gediehen, daß wir es mit Beaumarchais
Figaro, in dem ich die Rolle des Figaro und Madame Gasqui die Gräfin
spielte, eröffnen konnten. Die Einrichtung der Bühne und des Raumes für
die Zuschauer war allerliebst, und es wurde uns sogar die Ehre zuteil,
daß König Joseph unsere Vorstellungen einigemal zu besuchen würdigte.
Ich bin überzeugt, die ehrwürdigen Väter Jesu hätten ebenfalls ihre
Freude daran gehabt, wenn sie diesem Schauspiel in ihrem alten Betsaal
hätten beiwohnen können; im Grunde hatte das Lokal seine ehemalige
Bestimmung wieder erhalten, man spielte nur Komödie in anderer Manier.

Durch unseren Bataillonschirurgen hatte ich zufällig die Bekanntschaft
einer hübschen jungen Apothekersfrau, einer geborenen Römerin, gemacht.
Der Doktor nahm seine Medikamente für die Kunden, die er sich in der
Stadt erworben, meistens sogenannte geheime Kranke, bei ihrem Eheherrn
und hatte dadurch Zutritt im Haus erlangt. Diese Apotheke lag in der
Nähe unseres Forts, und ihr Besitzer war ein gastfreundlicher Mann, der
die Musik liebte. Eines Tages hatte ihm der Doktor gesagt, daß sich beim
Regiment ein junger Offizier befände, der sehr musikalisch sei, Klavier
und Gitarre spiele, gut singe und sogar komponiere, den er, wenn es dem
Signor Speziale angenehm sei, einmal mitbringen wolle. Der Apotheker
hatte ihm erwidert, er würde ihm dankbar dafür sein. Doktor Kullmann, so
hieß der Bataillonschirurgus, lud mich daher ein, ihn doch einmal zu
seinem guten neapolitanischen Freunde zu begleiten, und teilte mir dann
ganz im Vertrauen mit, daß dieser eine sehr schöne Frau habe, der er den
Hof mache; aber obgleich er manchmal eine ganze Stunde, während der Mann
in der Apotheke beschäftigt, mit ihr allein gewesen, doch nicht viel
weiter gekommen sei, da er mit der verteufelten Sprache nicht fort könne
und er oft die größte Mühe habe, sich dem Manne mit seinem Rackerlatein
verständlich zu machen; er meinte daher, ich könne ihm wohl behilflich
sein, wenn ich den Dolmetscher (also den Kuppler) machen wolle. Ich
lehnte es längere Zeit unter allerlei Vorwand ab, den Herrn Doktor zu
begleiten; aber er hörte nicht auf, mich so lange darum anzusprechen und
erzählte mir soviel von der Liebenswürdigkeit der Signora, die auch ganz
vortrefflich singe, daß mich die Neugierde bewog, endlich nachzugeben
und den Wunsch des Äskulap zu erfüllen.

Wir wurden von dem Signor Speziale recht artig aufgenommen, der uns
sogleich in sein Wohnzimmer führte, wo seine Frau mit kleinen
Handarbeiten beschäftigt war. Ich fand die Signora hübsch genug, um ihr
Artigkeiten zu sagen, und daß der Doktor gar keinen so üblen Geschmack
hatte, auch es wohl der Mühe wert sei, ihm und dem Mann zugleich eine
Nase zu drehen; letzterer bat mich, da er von seinem Amico gehört, daß
ich ein großer Virtuos sei, ihm und seiner Frau doch das Vergnügen zu
machen, sie etwas von mir hören zu lassen; ich entschuldigte mich, indem
ich erwiderte, man habe ihm viel zu viel von mir gesagt, so daß er zu
große Erwartungen hege, denen ich niemals entsprechen würde, und es also
nicht wagen könne, ihm etwas vorzutragen. Er ließ aber nicht ab, mich zu
bestürmen, sowie der Doktor ebenfalls in mich drang, und da die Signora
ihre Bitte mit denen der beiden Herren vereinigte, so konnte ich nicht
umhin, sie zu erfüllen, um so mehr, da mir der Apotheker versprochen
hatte, ich solle dann auch die Stimme seiner _cara Moglie_ hören. Ich
sang nun einige italienische Lieder, unter denen auch die Romanze des
Pagen aus Mozarts Figaro, mit Gitarrebegleitung; die Leute hatten kein
Klavier, da die Dame dies Instrument nicht spielte. Nun kam die Reihe an
diese, welche dann nach einigem Zieren ebenfalls ihre Kunst zum besten
gab, aber bei einer allerdings schönen und klangreichen Stimme doch nur
ganz Naturkind im Gesang war, ja, wie ich bald erfuhr, nur nach dem
Gehör sang und nicht einmal die Noten kannte, wie dies so häufig in
Italien, selbst bei Sängerinnen vom Fach und bei dem Theater angestellt,
der Fall war, denen ihre Partien mit der Violine eingegeigt werden
mußten. Ich versprach der Signora Golia, der Name ihres Mannes, bei
meinem nächsten Besuch einige recht hübsche neue Kanzonette mitbringen
zu wollen und ihr diese einzustudieren, worüber sie und ihr Mann ganz
vergnügt waren, wozu aber der Doktor ziemlich scheel sah. So hatte er es
nicht gemeint, und er sah bald ein, daß er einen Eselsstreich gemacht
und den Bock zum Gärtner gesetzt habe, mich in das Haus einzuführen, in
dem ich bei meinem ersten Besuch schon weiter gekommen war, als der
Pflastermann, ein ehrlicher, recht bedächtiger Schwabe, die jeden Tritt
und Schritt hundertmal erwägen und überlegen, ehe sie ihn zu tun wagen,
seit Monaten. Aber der Bock war nun einmal geschossen und ließ sich
nicht wieder rückgängig machen. Der Signor Golia wurde häufig in die
Apotheke abgerufen, und ich benutzte seine kurze Abwesenheit, der
Signora Fleuretten mit Occhianten begleitet zu sagen, die mein ehrlicher
Kullmann nicht einmal verstand. Endlich empfahlen wir uns, wobei ich der
Dame die Hand küßte, etwas, das mein Äskulap noch nicht einmal gewagt
hatte und mir jetzt zum erstenmal nachmachte; ich versprach baldiges
Wiederkommen. Als wir das Haus verlassen hatten, machte mir der Doktor
Vorwürfe, daß, statt sein Interesse zu wahren, ich mir alle Mühe
gegeben, ihn aus dem Sattel zu heben.

»Freund, das ist unmöglich, Sie sitzen ja noch gar nicht darin.«

»Spotten Sie nur, aber das ist kein Freundschaftsstückchen, einem
Freunde den Bissen vor dem Maul wegschnappen zu wollen.«

»Aber wer will denn das, seien Sie doch kein Kind, alles was ich tat,
geschah nur einzig und allein in Ihrem Interesse, wenn Sie nur
verstanden hätten, was ich der Signora gesagt, so würden Sie nicht so
reden und sich dankbarer gegen mich bezeigen. Ich sprach nur zu Ihrem
Lobe und zu Ihren Gunsten.«

»Den Teufel auch, ich müßte ja blind sein, wenn ich Ihr Augenspiel nicht
bemerkt hätte.«

»Das war ja auch in Ihrem Interesse; hörten Sie denn nicht, wie sehr ich
Ihre Geschicklichkeit pries und hervorhob.«

»Mag sein, aber ich verstand kein Wort davon, es kam mir aber so vor,
als wollten Sie sich bei der Signora Golia beliebt machen.«

»Mein Gott, das muß ich ja, wenn ich für Sie wirken soll.«

»Nehmen Sie sich in acht, wenn Sie mich hintergehen und Sie einmal krank
werden, dann ...«

»Dann werden Sie mir doch kein Gift verschreiben?«

»Das nicht, aber ich lasse Sie im Stich.«

»Oh, darüber tröste ich mich, denn ich weiß, wie ich es mit euch Herren
Medizinern zu halten habe:

   Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen;
   Ihr durchstudiert die groß' und kleine Welt,
   Um es am Ende gehn zu lassen
   Wie's Gott gefällt.«

»Ach, das ist albernes Zeug.«

»Ei, ei, Herr Doktor, Sie blamieren sich. -- Doch allen Scherz beiseite,
ich werde mein möglichstes tun, den Doktor bei der Apothekerin beliebt
zu machen.« --

Wir trennten uns nun, und jeder ging seinen Weg, der meinige führte mich
nach Giesù nuovo zur Probe eines neu einzustudierenden Vaudevilles, das
ich mit Madame Gasqui zusammengeflickt, »_Les français à Naple_«
betitelt hatte und das den Beifall unseres Publikums und selbst Seiner
Majestät erhielt, obgleich es manchen Seitenhieb auf dessen Gouvernement
gab, den Joseph jedoch nicht zu verstehen schien oder nicht verstehen
wollte. Übrigens fing es an, wenigstens etwas leidlicher in der
Verwaltung zu gehen, namentlich seit Röderer das Finanzwesen und ein
neues Abgabensystem organisiert hatte; aber verhindern konnte er die
fortdauernde unnütze Prodigalität nicht.

Schon den folgenden Tag besuchte ich meinen braven Apotheker wieder und
musizierte mit seiner Frau, die bald das Steckenpferd, mit dem ich alle
meine Intrigen _con amore_ einleitete, Don Juans Duettino, mit mir
singen konnte, worüber sich Herr Golia königlich freute. -- Ich dachte:
>Nun sage mir noch einer, die neapolitanischen Ehemänner seien Teufel
der Eifersucht!< Aber es war noch nicht aller Tage Abend. Mein guter
Doktor war doch bald überzeugt, daß ich ihn zum besten gehabt, und
setzte nun dem Mann Flöhe ins Ohr, so daß dieser mich immer kälter
empfing und auch ein paarmal unter dem Vorwand, seine Frau sei
ausgegangen und er sehr beschäftigt, ganz kurz abwies. Das erstemal
blieb ich jedoch noch eine geraume Zeit in der Apotheke, die Zurückkunft
der Signora abwartend, brachte bei dieser Gelegenheit die Sprache auf
die italienischen Gifte und namentlich auf das berüchtigte Aqua Tofana,
ein Thema, das den Signor Golia ansprach, über welches er, trotzdem daß
er mich bereits nicht mehr mit den wohlwollendsten Augen ansah, so
gefällig war, mir manche Aufklärung zu geben. Ich erzählte ihm nun,
welche abenteuerlichen Vorstellungen man sich in Deutschland von
demselben mache, daß man glaube, es werde aus dem Schaum rasend
gewordener Menschen fabriziert, die man, um sie zum höchsten Grad der
Wut zu bringen, unter den Fußsohlen kitzle, daß man vermittelst dieses
Giftes genau Tag, Stunde und Minute, in welcher der seit Monaten schon
Vergiftete seinen Geist aufgeben müsse, bestimmen könne und so weiter.
Der Apotheker lächelte über diese Mitteilung und erklärte mir, daß die
Hauptingredienzien des Acquetta, wie man hier dieses Gift nennt, aus
Arseniksäure, mit etwas Laudanum, bitterer Mandelessenz und einigen
anderen Liquiden vermischt, um die Bestandteile desselben besser zu
verbergen, bestände; daß man allerdings nach der Quantität der
beigebrachten Dosis den Tod des Vergifteten früher oder später
herbeiführen, aber nie genau den Tag, viel weniger die Stunde angeben
könne, in welcher dieser erfolgen müsse, da dies von gar mancherlei
Umständen abhinge, wie von der Konstitution, der Nahrung und sogar der
Beschäftigung des Vergifteten. Ich erkundigte mich später noch bei
anderen Personen nach diesem berühmten Gift, mehrere leugneten dessen
Bestehen gänzlich, andere sagten, die Kunst, es zu bereiten, sei längst
verloren gegangen, Moritz versicherte mir, es sei durchaus nichts weiter
als künstlich präpariertes Arsenik. Dies Resultat ergab auch später eine
unter Mürat auf meine Veranlassung angestellte polizeiliche
Untersuchung, und die über dasselbe verbreiteten Märchen sind nichts
weiter als Erfindungen abenteuerlicher Reisebeschreibungen und
Romanschreiber.

Als ich am anderen Tag wiederkam, wurde ich noch kälter von dem Signor
Speziale empfangen, der mir diesmal fast gar kein Gehör gab, welches
Thema ich auch immer aufs Tapet bringen mochte. Aber es war zu spät; der
gute Mann, der anfänglich mit Entzücken zuhörte, wenn ich seiner Frau
Singunterricht ohne Noten erteilte, hatte erst Lunte gerochen, als das
Feuer schon lichterloh brannte. Längst wußte ich, daß Signora Golia alle
Morgen die Messe bei den Karmelitern besuchte, und sprach sie nun hier,
ohne daß es ihr Mann oder der Doktor ahnten. Dagegen besuchte ich die
Apotheke nur noch sehr selten und auf einen Augenblick im Vorübergehen.
Gewiß waren beide erfreut, mich so schnell losgeworden zu sein, während
ich so weit schneller zum Ziel gelangte. Die Signora mochte den Merluzzo
(Stockfisch) von einem Doktor, der kein gescheites Wort mit ihr reden
konnte, nicht leiden, war über ihren Marito (Eheherrn) erbost, daß er
mich so auswies, und gab mir Rendezvous bei einer Amica, die sich
Signora Rapisarda nannte, in der Strada Pignosecca, deren Adresse sie
mir auf einem mit Bleifeder beschriebenen Papierchen mitteilte. Ich
suchte das angegebene Haus zur bestimmten Stunde auf und fand in einem
Gemach des dritten Stockes beide mich erwartenden Freundinnen, graziös
auf einem Sofa sitzend. Als sie mich erblickten, standen beide auf, und
Giulietta, dies war der Taufname der Apothekerin, sprang auf mich zu und
ließ mir kaum Zeit, der Dame des Hauses meine schuldige Höflichkeit zu
bezeigen. Sie stellte mir diese endlich als die Frau eines Beamten vor,
welcher dem Hof Ferdinand IV. nach Sizilien gefolgt sei, und seine
Gattin, die sich nicht von Neapel habe trennen wollen, wo sie alle ihre
Freunde und Bekannten habe, verlassen hätte. Die Amica war so
aufmerksam, uns mit Rosolio und _Pane di Spagna_ aufzuwarten und sich
dann zu entfernen. -- Nun wurde die Türe verschlossen, und wir
schwelgten ein paar Stunden im Hochgenuß, nach denen sich die Amica
wieder einfand, die zwar äußerst angenehm, aber doch schon etwas
verblüht war, und die ich nicht reizend genug fand, um ihr zu Gefallen
eine Untreue gegen meine neue Freundin zu begehen, was nur zuweilen bei
dem _tête-à-tête_ mit der Madame Gasqui geschah, die dann immer so
liebenswürdig war, daß schwerlich der heilige Antonius selbst der
Versuchung widerstanden haben würde.

Als Krönung unseres heiteren Lebens in Neapel beschlossen wir, den Vesuv
zu besteigen; aber anders hatte es das Schicksal oder vielmehr das
Gouvernement beschlossen, und ich sollte abermals Neapel verlassen, ohne
zu meinem großen Leidwesen nähere Bekanntschaft mit dem alten
Feuerspeier gemacht zu haben; denn das Bataillon erhielt Order, nach dem
Kirchenstaat und zwar nach Civita-Vecchia abzumarschieren. Ich tröstete
mich indessen damit, Rom wiederzusehen, von dem ich kaum erst einen
Schatten im Vorübergehen erblickt hatte.



                                  II.

      Abmarsch nach Civita-Vecchia. -- Die Pontinischen Sümpfe. --
    Civita-Vecchia. -- Ich werde Platzkommandant zu Albano. -- Meine
    Ausflüge nach Rom. -- Bankier Torlonia. -- Prinzessin Cesarini.
    -- Angelika Kaufmann. -- Rom. -- Die schönen Römerinnen und die
       deutsche Männertreue. -- Ein Rendezvous in der Kirche San
                       Sebastian vor den Mauern.


Mich meinen Schönen bestens und auf hoffentlich baldiges Wiedersehen
empfehlend -- Madame Gasqui, deren Mann beim zweiten Bataillon stand,
blieb zurück und bedauerte hauptsächlich, daß unser Liebhabertheater
durch diese grausame Order zerrissen wurde, denn außer mir waren noch
mehrere Mitglieder desselben beim ersten Bataillon --, verließ ich
Neapel mit leichtem Herzen und ziemlich schwerem Beutel (Moritz hatte
die Sorge, mich auf Kosten meiner Eltern mit dem nötigen _nervus rerum
gerendarum_ vor dem Abmarsch zu versehen, übernommen) und mit dem festen
Vorsatz, daß das erste, wenn ich je wieder nach Neapel zurückkommen
sollte, was sehr wahrscheinlich war, da wir immer noch zu dem dort
stehenden französischen Armeekorps gehörten, sein solle, den Vesuv zu
besteigen.

Wir marschierten auf demselben Weg Etappe für Etappe zurück, auf dem wir
von Rom nach Neapel gekommen waren, nämlich über Capua, Sessa, Molla,
Terracina, durch die Pontinischen Sümpfe über Velettri und Albano.
Diesmal hielten wir aber, da der Marsch keine Eile hatte, Rasttage zu
Fondi und Velettri. Unterwegs machten wir öfters Jagd auf wilde Enten,
Schnepfen, Wasserhühner und anderes wildes Geflügel, das in der Gegend
von Terracina und den Pontinischen Sümpfen in so ungeheurer Menge
vorhanden ist, daß man eine fette wilde Ente oft mit zwei Bajocchi (kaum
einen Groschen) bezahlt, so daß sich unsere Soldaten von Terracina bis
Albano dieses Wild, das sie an ihren Ladestöcken brieten, trefflich
schmecken ließen. Bei Treponti schoß ich einmal ein Voltigeurgewehr aufs
Geratewohl in einen Rohrsumpf ab, aus dem sich sogleich eine schwarze
Wolke von Wildgeflügel erhob und fast die Luft verfinsterte; auch die
Soldaten feuerten ihre Gewehre ab, und es stürzten eine Menge
verschiedener Vögel aus der Luft, die wir aber nicht bekommen konnten,
da wir keine Hunde hatten, die sie aus den Sümpfen holten.

In Rom hatten wir diesmal keinen Ruhetag und mußten sogar die Stadt
umgehen, was beinahe für eine Etappe hätte gelten können. Diesmal suchte
ich aber mein Quartier auf, da ich zu Pferde und also nicht so marode
war. Es wurde mir auf dem Korso bei -- den Jesuiten angewiesen! -- Aber
die Zeit war so kurz zugemessen, daß ich diesmal außer dem Korso und der
Piazza Popolo, die ich schon kannte, fast nichts von Rom zu sehen bekam.
Von hier marschierten wir nach Pallo oder Palo ab, ein altes Kastell in
einer sehr ungesunden und ganz öden Gegend am Gestade des Meeres, in
dessen Nähe aber viele und große altrömische Ruinen liegen. Hier
übernachteten wir, und der folgende Tag brachte uns bei sehr ungünstigem
Wetter nach unserem neuen Bestimmungsort Civita-Vecchia.

Civita-Vecchia, das im Sommer ein sehr ungesunder Aufenthalt sein soll,
ist befestigt, hat einen Hafen und ein Zeughaus, mehrere Klöster, war
aber ein sehr öder und langweiliger Ort, der etwa sechstausend Einwohner
zählen mochte. Nur daß es der Aufenthalt der päpstlichen
Galeerensklaven, ein Toulon im kleinen ist, dessen Bagnos mit den in
jeder Hinsicht höchst unglücklichen Sträflingen angefüllt sind, bringt
einiges Leben in den Ort, aber welches!? -- das, welches das
Kettengerassel der Elenden verursacht.

Als ich die Kaserne besichtigte, in der unser Bataillon einquartiert
wurde und die erst vor wenigen Tagen ein Bataillon Dalmatiner verlassen
hatte, war ich in ein paar Sekunden mit Millionen Flöhen bedeckt, so daß
meine Beinkleider auf einmal in _couleur de puces_ verwandelt waren. So
sehr ich auch schon in Italien und dem südlichen Frankreich an dieses
Ungeziefer gewöhnt worden, so war es mir doch nie in solcher Masse
vorgekommen, und nur durch eine Überschwemmung mit siedendem Wasser
konnte man dasselbe in den Sälen etwas vermindern, vom Vertilgen war
keine Rede; in den baumwollenen Bettdecken der Soldaten hatten sich
diese quälenden Springer hauptsächlich eingenistet, und kein Klopfen
noch Waschen konnte sie aus ihren bequemen Nestern vertreiben; tagelang
waren die Leute auf der Flohjagd und knackten, und doch sahen diese
weißen Decken immer wie Kümmel und Salz aus.

Kaum waren wir ein paar Tage in Civita-Vecchia, als ich mit vierzig Mann
nach Palo beordert wurde, das daselbst befindliche Detachement der
Dalmatiner abzulösen. Dieser Posten war so ungesund, daß man selbst im
Winter die Leute alle zehn Tage, im Sommer aber alle vierundzwanzig
Stunden ablösen mußte, und demungeachtet kam die Mehrzahl der Soldaten
fieberkrank zurück und wanderte ins Lazarett; drei Tage Aufenthalt
daselbst in der heißen Jahreszeit brachte unfehlbar den Tod. Der Posten
mußte jedoch fortwährend stark besetzt werden, und eine Batterie von
sechs Feuerschlünden war beständig mit Mitraille geladen, weil die
Engländer und Korsaren hier öfters zu landen versucht und ganze Herden
Büffel weggenommen hatten.

Einige Tage, nachdem ich in dieser ungesunden Einöde verweilt hatte,
kamen mehrere Kompagnien der Dalmatiner auf ihrem Marsch nach Rom hier
durch und übernachteten daselbst. Dieses Regiment bestand aus solchen,
die in französischem Dienste waren, rote Uniform, Hüte _à la_ Henri IV.
trugen und wie die Raben stahlen. Es war meine Schuldigkeit, die
Offiziere nach meinen Kräften bei ihrer Anwesenheit zu bewirten, aber wo
etwas hernehmen? Brot, Wein, etwas Fleisch und Zugemüse brachten sie
selbst mit, von Wein hatte ich zwar auch einigen Vorrat, aber was ihnen
sonst vorsetzen? Als ich mich mit meinem Burschen deshalb beratschlagte,
gab mir dieser zur Antwort: »Lassen Sie mich nur machen, Herr Leutnant,
ich will schon für eine gute Schüssel sorgen.« Und in der Tat trug er
bei dem Mittagessen eine große Schüssel von ihm selbst gar nicht übel
zubereitetes Ragout auf, das uns allen vortrefflich schmeckte; als ich
ihn nachher vornahm und examinierte, was er uns denn eigentlich
vorgesetzt habe, gestand er mir, es sei ein aus Eulen, Dohlen und
Fröschen, die er in dem alten Gemäuer des Kastells gefangen, bestehendes
Ragout gewesen. Ich lachte und dachte: >Nun, wenn es uns nur wohl
bekommt!< Und das tat es.

Kaum war ich von meinem Eulennest abgelöst, als ich mit der
Voltigeurkompagnie, die ihren Kapitän verloren und auch keinen
Oberleutnant hatte, nach Albano beordert wurde, um daselbst den Posten
als Platzkommandant zu versehen. Unser Bataillonschef Düret selbst wurde
mit dem Stab und ein paar Kompagnien als Kommandant nach Corneto, die
übrigen Kompagnien nach Porto d'Anzo, Piperno und Velettri beordert,
deren Chefs in diesen Orten alle Platzkommandanten wurden, so daß das
ganze Bataillon rings um Rom zerstreut lag. Den dritten Tag traf ich,
abermals durch Rom marschierend, am Ort meiner Bestimmung ein, der nur
drei kleine Stunden davon entfernt lag.

Auf dem Rathaus zu Albano, wo ich mich bei dem Sindico wegen meiner
Order auswies, war über der Eingangstür des Saales der Kampf der
Horazier und Curiatier in Fresko gemalt. Zu meiner Wohnung wies er mir
einen ganzen, einem Kardinal zugehörigen Palazzo an, der eine Reihe von
ziemlich schlecht möblierten Zimmern und Sälen hatte. Fast in jedem
Gemach desselben aber hingen die in Kupfer gestochenen Bilder sämtlicher
Päpste, die auf dem heiligen Stuhl gesessen. Eine alte Frau, eine Art
von Hausverwalterin seiner Eminenz, war die einzige Mitbewohnerin in
diesem geräumigen Gebäude. Es waren wenigstens einige zwanzig Zimmer,
die sie mir zur Disposition stellte, und in mehreren derselben fanden
sich große Himmelbetten, die ebenso breit wie lang waren, so daß ich
jede Nacht nach Belieben mit meinem Schlafzimmer hätte wechseln können;
fast ebenso geräumig war der Unterleutnant logiert, auch der
Sergeant-Major sowie alle Sergeanten hatten verhältnismäßig große
Quartiere; die Korporale mit ihren Eskadern wurden in verschiedenen
Gebäuden einquartiert. Die Stadt mußte mir täglich drei römische Scudi
(über sieben Gulden) Tafelgelder geben, außerdem erhielt ich dreifache
Rationen an Lebensmitteln und hatte sonst noch allerlei kleine Vorteile,
welche mir diese Kommandantur einbrachte: es ging ja alles auf Kosten
Seiner Heiligkeit, dessen Gebiet Napoleon militärisch besetzen zu lassen
für gut befunden hatte; nur Rom selbst war immer noch mit französischer
Garnison verschont. Die Leute wurden sehr gut verpflegt, und ich sah
strenge darauf, daß die ihnen verabreichten Lebensmittel von guter
Qualität waren, wodurch ich sie mir sehr geneigt machte, auch ließen sie
den Papst und unseren Herrgott einen guten Mann sein und hoch leben. Ich
machte fast jeden Tag einen Spazierritt nach Rom, das genauer kennen zu
lernen ich mir nun vornahm.

In den ersten Tagen meiner Kommandantur, die ich eigentlich dem
Wohlwollen Dürets zu verdanken hatte, besuchte ich Rom nur wenig und
immer nur auf ein paar Stunden, denn ich wagte es nicht, mich auf
längere Zeit zu entfernen, obgleich dieser Posten von keiner großen
Wichtigkeit war und hauptsächlich darin bestand, den durchkommenden
Militärs die Marschrouten zu visieren, ihnen Quartiere anweisen zu
lassen und dergleichen. Nachdem ich aber ein paar Wochen hier war, nahm
ich es nicht so genau, sondern brachte längere Zeit, oft ganze Tage in
Rom zu, dem Sergeant-Major meine Funktionen während meiner Abwesenheit
überlassend.

Zu dieser Zeit erhielt ich Briefe von Haus, die mir das Ableben eines
alten Großoheims anzeigten, sowie, daß mich derselbe mit einem Legat von
einigen tausend Gulden besonders bedacht habe, die man zu meiner
Verfügung stelle, indem ich, was ich bedürfe, bei dem Bankier Torlonia
in Rom, an den ich außerdem noch einen Empfehlungsbrief erhielt, erheben
könne. Auch Moritz, dem ich von Albano aus schrieb, sandte mir eine
Empfehlung an denselben. Dies waren traurig-gute Nachrichten, denn das
Ableben des guten alten Oheims, bei dem ich als Kind gar manche
vergnügte Stunde gehabt -- er hatte mich in besondere Affektion genommen
--, tat mir leid, auf der anderen Seite kam mir das Geld und die
Empfehlungen bei meinen Exkursionen nach Rom trefflich zu statten.
Torlonia lud mich zu seinen Conversazioni ein, die wohl mit die
glänzendsten in ganz Rom waren und bei denen ich die angesehensten
Familien dieser Stadt persönlich kennen lernte, wie die Cerevetri,
Doria, Chigi, Odeschalchi und so weiter. Das Schicksal dieses Bankiers,
der sich vom Lohnbedienten oder armen Cicerone, was er zuerst war, bis
zum reichsten Mann im ganzen Kirchenstaat und zum Herzog von Bracciano
hinaufgeschwungen, ist merkwürdig. Er hatte sich ein geringes Kapital
gespart, das er dem Kardinal Braschi in Verwahrung gab oder vielmehr
lieh. Als dieser unter dem Namen Pius VI. Papst wurde, beauftragte er
Torlonia mit seinen Geldgeschäften; dieser errichtete jetzt ein Bankhaus
und wurde bald darauf der Staatsbankier des heiligen Vaters, wobei er
sich ein unermeßliches Vermögen erwarb. -- So ziemlich ein Pendant zum
alten Rothschild. -- Pius VII. machte ihn später zum Herzog von
Bracciano. Der Mann mochte damals einige fünfzig Jahre zählen und hatte
ein sehr gravitätisches Ansehen, in seinem Kontor sitzend: ein schwarzer
Samtrock mit großen vergoldeten Knöpfen, eine goldgestickte Weste, ein
paar kurze Samtbeinkleider von einer bläulichen Farbe, blaßgelbe seidene
Strümpfe, Schuhe mit Steinschnallen und eine schneeweiß gepuderte
Perücke war sein alltäglicher Anzug. In seinen Abendgesellschaften
glänzten Roms erste Schönheiten, und er selbst hatte zwei hübsche
Töchter, unter allen aber strahlte wie eine Sonne unter Sternen die
junge Principessa Cesarini so gewaltig schimmernd hervor, daß aller
Augen auf sie gerichtet waren, sobald sie eintrat, und auch die meinigen
bis zum Verbrennen geblendet wurden. Diese Schönheit, die erst kürzlich
an den Fürsten Cesarini verheiratet war, hatte ebenfalls ein originelles
Schicksal gehabt. Ihr Vater hieß Conti, sie war von niederer Herkunft
und armen Eltern, die so herabgekommen waren, daß sie ein Blumenmädchen
werden mußte, das ihre hübsch gewundenen Sträußchen am Nachmittag auf
dem Korso zum Verkauf ausbot; ihre Schönheit zog weit mehr als ihre
Blumen, die man teuer bezahlte, die Käufer an, und so machte auch der
reiche Fürst Cesarini ihre Bekanntschaft, den sie klug genug so
hinzuhalten und in ihre Netze zu ziehen wußte, daß er ihre höchste Gunst
nur durch das Band der heiligen Ehe und den Schritt ins Brautgemach
erlangen konnte; sie war noch nicht fünfzehn Jahre alt, als er sie
heiratete. Hinsichtlich ihrer Schönheit war sie die Recamier Roms.

Den ersten Abend oder vielmehr die erste Nacht, denn erst spät in
derselben begannen die Soireen, die ich bei Torlonia zubrachte, verhielt
ich mich sehr still und ruhig und machte nur den Beobachter, um mit dem
hier herrschenden Ton bekannt zu werden. Spiel und Musik waren auch hier
die Haupthebel der Unterhaltung der Gesellschaft, wie zu jener Zeit in
ganz Italien. Diese beiden so verschiedenen Dinge, das eine ein der
Hölle entwischter Dämon, die andere eine entzückende Himmelstochter,
müssen die Langeweile der Sterblichen unter Qualen und Lust töten. Dem
Spiel habe ich manche, wenn auch nicht gerade bittere, doch unangenehme
Stunde zu verdanken gehabt, denn das einmal verspielte Geld focht mich
wenig mehr an, während mir die herrliche Tonkunst die seligsten und
glücklichsten Momente meines Lebens schuf; ohne sie würde ich gewiß
nicht den hundertsten Teil des genossenen Vergnügens gehabt haben, und
noch jetzt macht sie mir manchen frohen Augenblick, namentlich waren es
des unsterblichen Meisters der Töne, des großen Mozart Schöpfungen, die
mich immer begeisterten.

Don Juan war in Rom noch ebenso unbekannt wie in Genua und dem übrigen
Italien, auch von der Zauberflöte, der Entführung, selbst dem Titus
wußte man nichts, nur vom Figaro und _Cosi fan tutte_ kannte man
einzelne Stücke. Mir war es vorbehalten, den durch Mozarts Musik so
liebenswürdig gewordenen Wüstling Don Juan in dem liebeglühenden Italien
einzuführen.

Am ersten Abend verhielt ich mich, wie gesagt, sehr passiv in Torlonias
Soiree und verlor mit allem Anstand ein Dutzend Zechinen; wenn ich nicht
in Uniform gewesen wäre, würde ich schwerlich nur bemerkt worden sein,
obgleich mich Torlonia mehreren Gästen als einen ihm gut empfohlenen
Tedesco vorstellte. Als ich mir aber nach einigen Tagen wieder
fünfundzwanzig Louisdor geben ließ und mich der Bankier abermals zu
einer Soiree einlud, fragte ich ihn, ob es wohl erlaubt sei, einige
_Musica tedesca_ mitzubringen und vorzutragen, was er mir mit einem:
»_Vi saremo molto grato!_« beantwortete.

Ich kam diesmal mit meinem Don Juan unter dem Arm und trug, von der Dame
des Hauses aufgefordert, das brillante Prestissimo »_fin ch'an del vino
calda la testa_« mit italienischem Feuer vor, und zwar so rasch, daß mir
der mich akkompagnierende Maestro kaum folgen konnte; es wurde mit einem
allgemeinen Bravissimo und Dakapo belohnt, ebenso erging es mir mit
Figaros »_non piu andrai_« und dem Ständchen aus dem zweiten Akt Don
Juans, das ich später sang. »_Cosa stupenda, questa musica!_« rief
selbst der Bankier aus, der auch noch Ohr für einen anderen Klang als
den der Piaster und Zechinen hatte. Besser als durch diese Musik hätte
ich mich in Rom nicht empfehlen können, und wenn ich als Obergeneral
durch eine siegreiche Schlacht ein ganzes Reich erobert haben würde. Es
gab nun bald in der ganzen Stadt keine Soiree von Bedeutung mehr, zu
welcher der Leutnant, Platzkommandant von Albano, nicht durch einen
Expressen eingeladen worden wäre. Es ging wie in Genua, ich studierte
Duette und andere Ensemblestücke mit römischen Damen, die herrliche
Stimmen hatten, ein und sang mit Donna Annen, Elviren und Zerlinen,
deren Anblick allein schon in Ekstase versetzte. Auch Leporellos Aria
buffa »_Signorina, il Catalogo è questo_« sang ich mit großem Erfolg,
wenn auch etwas höher transponiert; die Introduktion und die beiden
Finale wurden bald von den musikalischen Individuen der Gesellschaften
einstudiert und vorgetragen. Don Giovanni machte Furore, und ich, sein
leibhaftiger Repräsentant, wenigstens Aufsehen, verliebte mich, so wie
ich mich zu verlieben imstande war, in die wunderholde Principessa
Cesarini, obgleich diese keine oder doch nur unbedeutende musikalische
Talente hatte, aber desto mehr für die praktische Liebe geschaffen war.
Übersättigung hatte, wie dies so oft der Fall ist, das eheliche Glück
der jungen Fürstin bald gestört; die Ehe ist und muß notwendig das Grab
der Liebe sein, da eine so fortwährend nahe Berührung, in der sich die
Gatten unter allen Verhältnissen befinden und sehen, alle Illusion
schnell schwinden macht. So ging es auch hier; nach wenigen Monaten
wurde der Fürst gleichgültig, und die junge Frau sah sich nach anderen
Zerstreuungen um, als mich gerade mein Glücksstern nach Rom führte und
ich die schöne Signora kennen lernte, deren Rang hier, wo es so viele
Bettelprinzen gibt, daß man, wie in Deutschland, mit Baronen die
Schweine mästen könnte, kein Hindernis war, mich ihr zu nähern, ob sie
schon auch hinsichtlich des Vermögens sich in sehr glänzenden Umständen
befand.

Ich hatte unter anderen auch die Bekanntschaft eines jungen
venetianischen Edelmannes gemacht, der sich damals in Rom aufhielt und
sich Dandolo nannte. Durch diesen erfuhr ich, daß der Fürst Cesarini
eine eben nicht mehr sehr junge und gerade nicht schöne Mätresse
unterhalte, die in der Nähe des Spanischen Platzes wohne, deren Gunst er
sich nicht einmal allein zu erfreuen habe, die aber eine äußerst
verschmitzte und auch witzige Dirne sei und namentlich mit einem
gewissen Abbate intrigiere.

Jeden Abend ritt ich nun auf den Korso, wo sich alle Notabilitäten und
Schönheiten Roms in ausgesuchter Toilette, in glänzenden Equipagen auf-
und niederfahrend, präsentieren und auf der Piazza Popolo stillhalten,
um miteinander zu konversieren. Viele dieser Damen hatte ich schon in
den Soireen kennen gelernt, grüßte sie, an ihnen vorüber kurbettierend,
und hörte öfters zischeln: »_Ecco l'Uffiziale francese chi canta cosi
bene!_« Auch die berühmte Angelika Kaufmann sah ich hier einigemal und
ließ mich bei ihr einführen; obgleich schon hoch in den Sechzigern und
kränklich, war sie doch noch sehr liebenswürdig; da ich aber von ihrer
Kunst, der Malerei, sehr wenig oder nichts verstand und dies wie
natürlich das Steckenpferd ihrer Unterhaltung war, so wiederholte ich
meine Besuche nicht oft. Die geniale Dame starb drei Vierteljahre darauf
und wurde mit großem Pomp begraben. Ihr Sarg ward von den berühmtesten
Professoren und Künstlern, die sich damals zu Rom aufhielten,
abwechselnd getragen; unter ihnen war auch Canova. Zwei ihrer besten
Gemälde wurden vor ihrer Leiche hergetragen. Das eheliche Schicksal
dieser ausgezeichneten Künstlerin ist sonderbar genug, um hier erwähnt
zu werden. Während ihres Aufenthaltes zu London, wo sie Mitglied der
Königlichen Kunstakademie war, verliebte sich ein Engländer in sie, dem
sie aber kein Gehör schenkte. Dieser brütete nun einen seltsamen und
abscheulichen Racheplan aus; er suchte nämlich einen ganz gemeinen, aber
körperlich sehr wohlgestalteten Menschen auf, den er gehörig
instruierte, mit Geldmitteln versah und der, so ausgestattet, unter dem
Aushängeschild eines Grafen die Bekanntschaft Angelikas machen sowie
dann um ihre Hand anhalten mußte. Dieser listige Plan glückte
vollkommen, und das arme Mädchen war bald die Gattin des rohen Gesellen;
als sie sich aber über dessen Gemeinheiten und Rohheiten bitter
beklagte, deckte der Urheber dieser Rache selbst den ihr gespielten
Betrug auf. Eine baldige Scheidung erfolgte darauf, unter der Bedingung,
daß sie ihrem getrennten Gatten eine ansehnliche Pension aussetze,
welche dieser aber nicht lange genoß, da er glücklicherweise bald starb.
Später heiratete sie in Rom wieder, einen Maler namens Zucchi, den sie
ebenfalls überlebte. Im Jahre 1808 wurde ihre Büste im dortigen Pantheon
aufgestellt.

Da ich mich jetzt so häufig in Rom, und zwar weit mehr als in Albano
aufhielt, so hatte ich mir in der ersteren Stadt ein kleines Logis
gemietet, das mir zum Absteigequartier diente und in welchem ich, wenn
ich es für gut fand, meine Uniform mit einem schlichten bürgerlichen
Kleid vertauschen konnte, was besonders bei meinen nächtlichen
Streifereien in der alten Weltstadt ratsam war, wo ich oft auf gut Glück
in den damals noch fast gar nicht erleuchteten Straßen herumschwärmte
und die Kaffeehäuser, in denen die Damen Eis zu sich nahmen, besuchte.
Gegen die Straßenbeleuchtung Roms hatten sich die hohen Geistlichen,
namentlich auch die Eminenzen von jeher sehr energisch erklärt, damit
man deren nächtliche Schliche und Gänge nicht beobachten oder die
hübschen Nipotinnen, die sie abends an ihrer Seite in den Karossen
sitzen hatten, nicht sehen sollte. Aber unbewaffnet ging ich nicht aus,
da keine Woche verging, in der man nicht von ausgeteilten Dolch- oder
Messerstichen hörte, und der Unsinn, daß die Mörder in jeder Kirche, an
jedem Madonnenbild, ja in ganzen Quartieren, wie an dem Spanischen Platz
und in dem Revier der Inquisition, eine Freistätte fanden, wo sie nicht
verhaftet werden konnten, bestand noch in seiner ganzen Kraft. Die
Angehörigen oder Freunde der Mörder wußten hier die Verbrecher
gewöhnlich so lange zu versorgen, bis sie sie ohne alle Gefahr in
Sicherheit bringen konnten.

In der Regel ritt ich erst gegen Morgen nach Albano zurück, wo ich dann
wenige Stunden ruhte, den Rapport erhielt, dem Sergeant-Major
Verhaltungsbefehle erteilte, die vorgefallenen Disziplinarsachen
ordnete, frühstückte, und schon gegen Mittag war ich wieder in Rom.
Jedoch gebrauchte ich die Vorsicht, meine Adresse zu hinterlassen, damit
man mich von etwa außerordentlichen Vorfällen sogleich durch einen
Expressen benachrichtigen konnte.

Von den Theatern war, als ich nach Rom kam, zuerst nur eines, das des
Apollo geöffnet, bei dem die ausgezeichnete Festa als Primadonna
figurierte; aber gleich nach Neujahr wurde Tordinone zuerst mit einer
_Opera buffa_ eröffnet, bald darauf auch Argentina und Aliberti, das
größte von allen, mit sechs Galerien, von denen eine jede
sechsunddreißig geräumige Logen hat, und das della Valle. Während des
Karnevals sind alle täglich bis zum Ersticken angefüllt, ebenso mehrere
Marionettentheater, mit deren Darstellungen man es hier sowie in Neapel
zu einer staunenswürdigen Vollkommenheit gebracht hat. Maschinerie,
Gelenkigkeit der Puppen, Dekorationen, alles harmoniert und ist
vollendet schön. So sah ich unter anderem ein Ballett >_La fierra di
Sinigaglia_< aufführen, wo das Gewühl der Messe auf das täuschendste
nachgeahmt war. Mitten unter das Volk sprang ein wütender Stier, der
sich von der Fleischerbank losgerissen, die natürlichsten und
possierlichsten Sprünge machend, alles über den Haufen rannte, wobei
sich das Volk ebenso natürlich in die Häuser flüchtete. Hierauf erschien
ein marktschreierischer Zahnarzt, der seinen Sitz auf einer hohen
Tribüne nahm und den Leuten vermittelst einer Beißzange die Zähne mit
schuhlangen Wurzeln zur großen Freude des Publikums auszog; auch sehr
kunstreiche Tänze führten diese vier bis fünf Schuh hohen Marionetten
graziös aus. Gewöhnlich sind die Sujets zu diesen Marionettenstücken der
Tausend und einer Nacht, während der Weihnachtszeit aber der Bibel und
dem Neuen Testament entlehnt; namentlich wird dann die Geburt Christi
dargestellt, wobei immer der arme Teufel eine klägliche Rolle spielen
muß. Was mich anfänglich am meisten in den Theatern Roms wunderte, war,
daß man Geistliche und Mönche in großer Menge in den ersten Reihen unter
den Zuschauern sitzen sieht, die sich an all dem Hokuspokus recht zu
ergötzen scheinen, ohne daß dies im geringsten auffiele. In den ersten
Logenreihen erblickt man Eminenzen in Gesellschaft hübscher Mühmchen und
Nipotessen; auch ist es dunkel in den Theatern, da fast nur die Bühnen
erleuchtet werden.

Ich lebte nun in der Tat in Albano und Rom ein wahres Schlaraffenleben,
an Geld fehlte es mir für den Augenblick nicht, das Legat und die
Kommandantur, so unbedeutend sie an und für sich war, versorgte mich
reichlich, und der immer vertraulicher werdende Umgang mit der schönen
Prinzessin Cesarini, die in ihrem ganzen Tun und Sein und durch ihren
glänzenden lebhaften Verstand so unwiderstehlich hinreißend und
anziehend war, daß sie mich wie alles, was sie umgab, bezauberte, machte
mir meinen Aufenthalt in Rom wirklich zu einem Paradies. Schon längst
hatte sie bemerkt, daß ich ihr alle mögliche Aufmerksamkeit schenke, ich
bot alle erdenkliche Galanterie auf, mich ihr angenehm zu machen, und
brachte es auch endlich dahin, mich ihres besonderen Wohlwollens zu
erfreuen. Wahrlich keine Kleinigkeit, da ich die halbe Männerwelt Roms,
und unter dieser hohe Prälaten, nicht die am wenigsten Gefährlichen, zu
Nebenbuhlern bei dieser berühmten Schönheit hatte, denn Geistlichkeit
und Weltlichkeit betete diesen Stern erster Größe in dem Reich der
Schönheit an, und nur der Musik, meinem dramatischen Talent, vielleicht
auch dem Umstand, daß ich mein Roß auf dem Korso und dem Volksplatz gut
zu tummeln verstand und prächtige Lançaden und Kapriolen machen ließ,
verdankte ich den Sieg über meine großen und gefährlichen Nebenbuhler
und daß die Schöne ihre strahlenden Augen auf mich zu werfen würdigte.
Noch ein anderer Umstand, wie sie mir nachher selbst gestand, hatte dazu
beigetragen, mich in ihre Gunst zu setzen. Eines Abends kam in einer
brillanten Konversation bei Colonna die Sprache auf die Deutschen, von
denen man unter mehreren guten Eigenschaften, die sie haben sollten,
besonders auch die deutsche Treue (_germana fede_) in der Liebe
hervorhob, und die Frauen versicherten in allem Ernste, ein untreuer
deutscher Ehemann sei ein ebenso seltenes Phänomen, als ein treuer
italienischer, und einen Deutschen zu verführen, der verheiratet sei
oder eine Geliebte habe, dazu gehöre mehr als irdische Schönheit, ja die
Allmacht einer Göttin. Wie mußte ich nicht innerlich ob diesen seltsamen
Behauptungen lachen, welche wenigstens die Frauen für ganz zuverlässig
ausgaben, was für Einwendungen die Männer auch machen mochten. Es grenzt
wirklich an das Komisch-Romantische, welche Vorstellungen die
Römerinnen, und überhaupt die Italienerinnen, von der deutschen Treue in
diesem Punkt haben; sie halten es eher für möglich, einen Strom
rückwärts fließen, als einer Gattin den deutschen Mann abspenstig machen
zu können. Ich ließ sie natürlich bei diesem Glauben, und während ich
ihnen vollkommen beipflichtete und diese _fede germana_ als
unerschütterlich bestätigte, versicherte ich ihnen, daß, wenn ich jemals
das Glück hätte, eine Geliebte zu besitzen, ich mir sogar ein Gewissen
daraus machen würde, eine andere Dame nur anzusehen. Dabei faßte ich die
Cesarini, die keine zwei Schritte von mir stand, scharf ins Auge. Man
verglich nun die französische Flatterhaftigkeit und den italienischen
Leichtsinn mit dieser deutschen Beständigkeit, bedauerte nur, daß die
_Signori tedeschi_ nicht mit derselben auch die französische
Liebenswürdigkeit verbänden und weniger Phlegma hätten.

»Alles läßt sich nicht vereinigen,« sagte ich lachend.

»Und dann gibt es ja auch Ausnahmen,« versetzte die Principessa
Cesarini, mich ansehend, und ich verbeugte mich tief.

Es wurden nun andere Gegenstände auf das Tapet gebracht, und ein Teil
der Gesellschaft setzte sich zum Spiel nieder; da auch die Principessa
Cesarini an dem Spieltisch pointierte, so placierte ich mich ganz in
ihre Nähe, besetzte dieselben Karten wie sie und gewann so in kurzem
einige fünfzig Zechinen. Sie hatte es gleich anfangs bemerkt und sagte
lächelnd zu mir: »Sehen Sie, so geht es, wenn Sie mir folgen, ich bin
ein guter Führer,« und fuhr hieran _sotta voce_ fort: »Wollen Sie die
Katakomben besuchen, so finden Sie sich morgen vormittag zu San
Sebastian fuori le mura ein, wo Sie einen Führer zu dieser gefährlichen
Partie finden werden, der Ihnen vielleicht nicht ganz unangenehm ist.«
-- Wie mich diese Worte elektrisierten, vermag ich nicht zu sagen, mein
Blut begann zu sieden, und für das Spiel hatte ich weder Augen noch
Ohren mehr, ich war dadurch in den dritten Himmel versetzt worden und
stand dennoch wie auf glühenden Kohlen. Obgleich Schüchternheit eben
nicht mein Fehler war, so hatte ich bis jetzt doch noch nicht einen
leisen Händedruck gewagt, nur meine Augen und Artigkeiten mit Worten
konnten meine Wünsche verraten haben, und nun sah ich mich mit einem
Male und ganz unerwartet an dem Ziel derselben. Gerne hätte ich gefragt:
»_A che ora, illustrissima?_« Aber es war nicht passend, und ich fand
nur noch Gelegenheit, _en passant_ ein »_Certo non mancherò!_« ihr
zuzuflüstern; ich mußte hier mit der größten Behutsamkeit zu Werke
gehen, denn der Lauscher und Aufpasser waren zu viele, wenn es der
Herzogin Cesarini galt, die Hunderte von Anbetern hatte, besonders
seitdem man wußte, daß sie nicht mehr in sehr großer Einigkeit mit ihrem
Gatten lebte. Nach Mitternacht ritt ich nach Albano zurück, um mit dem
frühen Morgen schon wieder in Rom sein zu können, wo ich, nachdem ich in
dem großen Kaffeehaus auf dem Korso mit Schokolade und _pane tedesco_[3]
gefrühstückt, nach der mir bezeichneten Kirche San Sebastian in fuori le
mura fuhr.



                                  III.

   Die Katakomben. -- San Sebastian fuori le mura. -- Das Abenteuer in
   den Katakomben. -- Die Karnevalsfreuden. -- Noch ein Mordanfall. --
   Die junge Witwe. -- Antiquar Vasi und seine Tochter. -- Canova. --
    Beendigung des Karnevals. -- Die Entführung einer Nonne. -- Der
     Kardinal-Bischof und der Impressario. -- Ich werde zum dritten
   Bataillon versetzt. -- Herzbrechender Abschied und Abreise von Rom.


Eine ziemliche Strecke vor den Mauern Roms, etwas rechts von der Via
Appia, liegt die Kirche des heiligen Sebastian fuori le mura, bei der
man zu dem größten Grab der Erde, den Katakomben Roms hinabsteigt, denn
nur das Meer mag eine größere Menge von Leichen bergen; ein finsteres
Labyrinth, dessen endlose Irrgänge noch kein Sterblicher genau ermessen
konnte, die wenigstens sechs Miglien im Umfang haben müssen, sich nach
allen Seiten hin unter Rom verlieren und mit noch anderen unterirdischen
Gewölben und kleinen Katakomben in Verbindung stehen. Bald kommt man
durch schmale, enge Gänge, in denen keine zwei Personen nebeneinander
Raum haben, bald befindet man sich in schauerlichen, mit Schädeln und
Knochen angefüllten Gewölben, in denen nicht selten unabsehbare
Abgründe, Löcher und Gruben vorhanden sind, weshalb man ohne Fackeln
oder Laternen und Führer nicht wagen darf, diese Souterrains zu
betreten. Viele Tausende der ersten Christen fanden hier ihr Grab, und
die Knochen von nicht weniger als 170000 Märtyrern sollen hier liegen,
ohne die der gewöhnlichen Toten zu rechnen.

[Fußnote 3: _Pane tedesco_ nennt man in Rom das von deutschen Bäckern
daselbst gebackene mürbe Brot. Die Zahl der deutschen Bäcker übertrifft
die der einheimischen, und ihr Backwerk ist sehr beliebt.]

Es war kaum acht Uhr des Morgens, als ich mich schon unter der Tür der
San Sebastianskirche harrend befand und mit unbeschreiblicher Sehnsucht
meine Blicke dem Weg nach Rom zuwandte, von wo mir die höchste
Glückseligkeit kommen sollte. Mit so großer Ungeduld und so heißem
Verlangen hatte ich noch nicht auf die Erscheinung einer geliebten Dame
gewartet, als diesen Morgen, der mich unnennbar glücklich machen sollte.
Wäre mir in diesem Augenblick die heilige Jungfrau in ihrer ganzen
Glorie selbst erschienen, so hätte dies schwerlich eine so entzückende
Wirkung auf mich gemacht, als das Kommen der heißersehnten Prinzessin
Cesarini, auch zitterte ich, daß es unterbleiben möchte.

Nach beinahe zwei Stunden Harrens sah ich endlich einen unansehnlichen
altmodischen Fiaker ziemlich langsam von Rom aus antraben, so daß ich
zweifelte, daß dieser den mir so teuren Schatz enthalten könne. Bald
hielt er vor der Kirchentür still, und zwei verschleierte
Frauengestalten, von denen die eine einen göttlichen Wuchs verriet,
entstiegen dem alten Rumpelkasten und traten in die Kirche. Sie ist's,
flüsterte mir mein Genius zu, und sie war es. Schnell eilte ich, als mir
kein Zweifel übrig war, an den Weihkessel, mich tief verneigend ihr das
Wasser reichend, das sie, den Schleier zurückwerfend, mir auf das
freundlichste abnahm, indem sie mir ein »_Ben venuto_« mit einem
vielsagenden Blick zuflüsterte. Sie kniete nun mit ihrer Begleiterin
nieder, und nachdem sie ein kurzes Gebet verrichtet hatte, stand sie
auf, drehte sich zu mir um -- ich hatte dicht hinter ihr Platz genommen
-- und sprach: »Nun kommen Sie, wir wollen in die Katakomben
hinabsteigen.« -- Ich winkte dem Kustoden, der, schon von mir
unterrichtet, eine Fackel brachte und auch mir eine angezündete Kerze
reichte. Wir folgten unserem Führer und stiegen durch die sich in der
Nähe der San Sebastian-Kapelle befindliche Tür in das unermeßliche
Totenreich hinab. Auf der Treppe angekommen, reichte ich der schönen
Fürstin die Hand, deren Berührung mich durch Mark und Bein
elektrisierte; ihre Begleiterin, eine gefällige Freundin und vertraute
Gesellschafterin, mußte auf ihr Geheiß mit einem Laternchen vor uns und
dicht hinter unserem Führer gehen. Unten in dem ersten Gang angekommen,
drückte ich die in der meinigen ruhende Hand beinahe zitternd an mein
schon hochpochendes Herz und dann auf den Mund einen Feuerkuß, streifte
aber dabei mit der Kerze an die Mauern, so daß ihr Licht schnell
erlosch.

Unser Führer eilte indessen unaufhaltsam voran, und bald wurden die
Gänge so eng, daß wir nicht mehr nebeneinander gehen konnten, ohne uns
fest aneinander zu schmiegen, und nun schlang ich meinen Arm um die
schönste und schlankste aller Taillen Roms, die ich mit jedem Schritt
vorwärts fester und inniger an mich drückte, so daß bald ein glühendes
Feuer alle meine Adern durchzuckte, meine Pulse beben machte, und als
ich endlich den Führer mit der ihm folgenden Schönen, denn häßlich war
der Prinzessin Begleiterin nicht, in ziemlicher Entfernung von uns sah
-- ich war absichtlich langsam gegangen --, da wagte ich einen langen
Kuß auf den niedlichsten Rosenmund, den ich noch gesehen, und die
reizende Nymphengestalt fester und fester an mich zu drücken; ich fühlte
den Kuß mit brennenden Lippen erwidert und ein klopfendes Herz an meinem
Busen pochen. Mehrere Sekunden blieben wir in dieser Stellung und würden
Minuten und Viertelstunden so verweilt haben, wenn nicht der Kustode,
immer von Märtyrern und Heiligen faselnd, endlich stillgestanden wäre
und sich nach uns umgesehen hätte, um uns auf die Inschrift eines Steins
aufmerksam zu machen. Als er sah, daß ich kein Licht mehr hatte, rief er
mir zu: »Was ist Ihnen begegnet, Ihre Kerze brennt ja nicht mehr.«

»Hat nichts zu sagen, Signor; ein Windzug hat sie gelöscht, nur immer
vorwärts.«

Nun hielt er wieder an, um uns einen Haufen Knochen zu zeigen, lauter
heilige Märtyrerknochen, von denen etwas wegzunehmen bei Strafe des
Kirchenbannes verboten war. Niemand von uns spürte einige Lust, sich
diesem auszusetzen, und wir ließen die Knochen unberührt. Es ging weiter
die Kreuz und die Quere in diesem Knochenlabyrinth, in dem ich endlich
so weit mit meiner schönen Principessa zurückblieb, daß wir zuletzt
Fackel- und Laternenschein, die sich in den krummen Seitengängen
verloren, aus dem Gesicht bekamen und, Aphroditen huldigend, den Hauch
der Liebe in vollen Zügen atmend, uns so ganz vergaßen, daß es uns nicht
im entferntesten in den Sinn kam, daß wir hier Gefahr liefen, wenn wir
unseren Führer verlieren möchten, das Tageslicht nicht mehr zu schauen.
Nach einigen Minuten ließ jedoch der gute Mann seine Stimme mehrmals
kreischend erschallen, aber wir waren in diesem Augenblick ganz
außerstande, ihm zu antworten, da der Mund des einen dem des anderen ein
absolutes Stillschweigen auferlegte und mit Glutküssen bedeckte. Endlich
fanden wir die Sprache wieder, aber die Stimme des Kustoden war jetzt
verstummt, und nach gepflogener Götterlust war es uns doch nicht so ganz
einerlei, uns ohne Führer und Licht in diesen stockfinsteren
unterirdischen Irrgängen zu befinden.

»Das wäre die Lust zu teuer gebüßt,« meinte Gertrude (der Taufname der
Prinzessin), halb scherzend, halb ernst, »wenn wir zur Strafe hier
verhungern sollten.«

»Dahin soll es nicht kommen, _mia dolcissima_,« erwiderte ich und schrie
nun aus vollem Halse mit einer Donnerstimme: »Signor Kustode! Signor
Kustode!«

Aber alles blieb still und stumm.

Ich wiederholte mein Rufen, keine andere Antwort, als der Widerhall
meiner Stimme.

»Das beginnt bedenklich zu werden,« meinte die Cesarini.

»Bewahre der Himmel,« versetzte ich; »wie, wenn es dem Herrn Kustode
eingefallen wäre, sich einstweilen so auf seine Faust mit Ihrer hübschen
Begleiterin zu verlustieren?«

Die Cesarini lachte und sagte: »Wo denken Sie hin; der Kustode der
heiligen Märtyrer ist schon ziemlich betagt und Bianchetta auch nicht
mehr in der ersten Jugendblüte.«

»Das will nichts sagen, im Gegenteil ein Grund mehr für beide, sich
gegenseitig zu trösten.«

»Allen Scherz beiseite, mir fängt an bange zu werden.«

Die Wahrheit zu gestehen, fing es auch mir an, nicht ganz wohl bei der
Sache zu werden, da mein mehrmals wiederholtes starkes Rufen noch immer
ohne Erfolg blieb und von allen Todesarten mir das Verhungern oder
Lebendigbegrabenwerden die schrecklichste schien; doch tröstete ich
mich, in diesem Fall wenigstens in den Armen der Liebe eines Engels und
mit demselben zu sterben.

Unsere Lage wurde aber immer bedenklicher, denn wir konnten nur mit der
äußersten Vorsicht einen Schritt vor-, rück- oder seitwärts wagen, aus
Furcht, in eine der Gruben oder Abgründe zu fallen. Wir schmiegten uns
nun inniger aneinander und hielten uns so fest umschlungen, daß wir nur
noch ein Leib und eine Seele schienen, die Furcht schwand abermals in
einem seligen Vergessen, aus dem aber das Erwachen um so ängstlicher
war, da immer noch kein Kustode und kein hoffnungsvoller Lichtstrahl
erscheinen wollte. Jetzt verdoppelte ich mein Rufen und Schreien, wir
schritten endlich aufs Geratewohl vor- oder rückwärts, jedoch mit aller
Behutsamkeit mit den Händen längs den Wänden streifend, denn ich hatte
weder Stock noch Degen, da ich, um Aufsehen zu vermeiden, in
Zivilkleidern gekommen war. Es mochten etwa drei Viertelstunden sein,
abwechselnd Augenblicke der höchsten Wonne und der höchsten Pein, und
nachdem ich mich matt und heiser geschrieen und meine schöne Gefährtin
schon einen Strom von Tränen aus ihren holden Augensternen, die mir aber
jetzt nicht leuchteten, vergossen hatte, als wir plötzlich einen
Lichtstrahl in weiter Ferne gewahrten, der aber auch ebenso schnell
wieder verschwand, so daß ich nicht einmal Zeit zum Rufen gehabt. Jetzt
schrie ich aus allen Kräften, und wir hatten das Vergnügen, den Strahl
zum zweitenmal zu erblicken; endlich wurden wir gehört, und immer
schreiend näherten wir uns dem Licht, aber erkannten bald, daß dasselbe
nicht unserem Kustode und seiner Begleiterin angehörte, sondern einer
anderen Gesellschaft von Fremden, die ebenfalls die Katakomben mit einem
Führer besuchten.

»Mein Gott, wenn es nur keine Personen sind, die mich kennen,« rief die
Principessa aus.

»Und wenn auch, immer noch besser, dem Teufel selbst hier zu begegnen,
als so elend umzukommen.«

Als wir uns der Gesellschaft näherten, erkannte ich die Familie des
dänischen Gesandten, der in Albano wohnte, wandte mich an den Führer, um
meine, wie ich sagte, durch den Wind ausgelöschte Kerze anzuzünden, und
erzählte den dänischen Fräuleins, daß mich und die fremde Dame -- die
Prinzessin hatte ihren dichten Schleier herabgezogen und hielt sich
möglichst im Düstern, um nicht erkannt zu werden -- ein unglücklicher
Zufall von unserer Gesellschaft getrennt habe. Ich bat um die Erlaubnis,
uns anschließen zu dürfen, was freundlich gewährt wurde. Nachdem wir der
Gesellschaft stumm durch einige Gänge gefolgt waren, kam plötzlich unser
Kustode aus einem Seitengange mit Bianchetta zum Vorschein, und wir
verließen dankend die Dänen, erfreut, nicht genötigt zu sein, uns
vielleicht noch lange in ihrem Gefolge hier herumtreiben zu müssen.

Als wir allein waren, sagte der Führer, daß sie uns schon seit einer
Stunde mit der größten Angst und Sorgfalt, ebenfalls beständig schreiend
und rufend, gesucht hätten und Bianchetta bereits der Verzweiflung nahe
gewesen sei. Froh, uns so wieder gefunden zu haben, schlugen wir jetzt
den kürzesten Weg nach der Oberwelt ein und waren alle entzückt, als wir
das Tageslicht erblickten. Die beiden Damen verrichteten abermals ihr
Gebet vor einer Madonna, deren Schutz sie sich inbrünstig empfahlen, und
eilten sodann nach dem sie erwartenden Wagen.

»Und wann und wo werden wir uns wiedersehen?« fragte ich, meine Schöne
an den Wagen geleitend.

»Finden Sie sich um ein Uhr nach Sonnenuntergang in der Kirche della
Trinità de Monte ein.«

Sie fuhr mit dem Fiaker nach der Wohnung ihrer Freundin Bianchetta, von
wo sie sich durch ihre Equipage, die sie auch dahin gebracht hatte,
damit man ihr nicht auf die Spur kommen konnte, wieder abholen ließ.

Daß ich auch das zweite Rendezvous nicht verfehlte und mich schon eine
halbe Stunde früher in Trinità de Monte einfand, kann man sich denken.
Um es bequemer zu haben, nahm ich mein Pranzo (Mittagessen) bei einem
Restaurateur auf dem Spanischen Platz gegen Abend ein, wartete nach
diesem, auf einer Ottomane behaglich ruhend, im Vasi lesend, ohne zu
wissen, was ich las, Zeit und Stunde ab und verfügte mich dann in die
mir angegebene Kirche, wo mir meine Ungeduld die Zeit so lang werden
ließ, daß ich abermals an dem Kommen meiner Dame verzweifelte. Doch sie
fehlte auch diesmal nicht, kam aber allein, unterließ nicht, ihre kurze
Andacht zu verrichten, worauf sie mir ein Zeichen gab, ihr zu folgen.
Wir bestiegen einen auf dem nahen Spanischen Platz haltenden Fiaker und
fuhren nach der Kirche San Nicolo a Cesarini, die sich ganz nahe bei dem
Palazzo Cesarini befand, unterwegs gaben wir uns die unverkennbarsten
Zeichen unserer gegenseitigen Zuneigung, und sie teilte mir mit, daß sie
mich in ihren Gemächern empfangen wolle. Wir stiegen in der Nähe der
Kapelle Cesarini ab, traten, jedoch nicht zusammen, in dieselbe ein, und
sie verließ mich bald darauf, sich durch eine kleine Tür entfernend,
nachdem sie mir noch in dem Wagen gesagt hatte, daß ich einer Donzella
folgen solle, die mir in der Kapelle das Zeichen dazu mit einem blauen
Tuch geben würde. Es dauerte nicht lange, so trat ein solches Mädchen
durch die kleine Tür ein, kniete ein paar Augenblicke betend nieder,
erhob sich dann, das bewußte Tuch in die Höhe und vor das Gesicht
haltend, und ich folgte dem leitenden Genius durch den Ausgang, den er
gekommen war. Aus der Kapelle traten wir unbemerkt in den Palazzo,
gingen eine ziemlich finstere Treppe hinan, durch eine Reihe von
Stanzen, ebenfalls nicht erleuchtet; endlich öffnete Priscilla, der Name
der Zofe, die Tür eines durch eine Alabasterlampe nur düster erhellten
Zimmers, wo sie mich eine kleine Weile zu warten bat, da ihre Herrin,
die noch Besuch habe, dessen sie sich bald zu entledigen wissen werde,
in wenigen Minuten erscheinen würde. Hierauf ließ sie mich allein. Trotz
der Sehnsucht, mit der ich diese Erscheinung erwartete, kam mir doch in
meiner Einsamkeit der Gedanke, wie leicht es möglich sei, daß ich hier
vom Herzog oder durch von ihm angestellte Leute überfallen werden und,
da ich durchaus unbewaffnet, mich nicht einmal verteidigen könnte. Ich
nahm mir vor, mich den anderen Tag mit einem Stockdegen zu versehen und
bei solchen Gelegenheiten auch immer ein paar geladene Terzerolen in der
Tasche zu tragen, was in Italien bei dergleichen Intrigen unumgänglich
notwendig ist, um sich, wenn man überfallen wird, gehörig verteidigen zu
können; denn wenn es auch längst keine zünftigen Banditen, wie sie uns
in so vielen Romanen und in Zschokkes Abällino geschildert werden, mehr
gab, so ist doch nicht zu leugnen, daß man in Rom für Geld, ohne viel zu
suchen, leicht ein paar Kerle dingen kann, die einen Menschen mit dem
größten Anstand, noch größerer Gewandtheit und dem besten Humor von der
Welt durch ein paar gut treffende Messerstiche in die andere Welt
spedieren. Würde man aber in Rom, Venedig, Genua und so weiter nach
jenen handwerkszünftigen Roman-Banditen fragen, so würde man sich ebenso
lächerlich machen, als wenn man sich in Köln, Koblenz oder Mainz nach
den Raubrittern erkundigte, welche von ihren Burgen den reisenden
Kaufleuten auflauern, um sie zu überfallen und zu plündern, und sich
deshalb ein Geleit ausbitten wollte. Beide gehören vergangenen Zeiten
an. An Straßenräuberbanden fehlte es indessen nicht, namentlich im
südlichen Teil des Kirchenstaates und im Königreich Neapel, doch wußten
wir auch diesen bald das Räuberhandwerk zu legen.

Bald den Banditengedanken Raum gebend, bald an die Heißersehnte denkend,
ging ich unruhig in dem düsteren Gemach auf und nieder, bei dem
geringsten Geräusch die Ohren spitzend. Jetzt knarrte und öffnete sich
leise eine Tapetentür, und Madonna trat in einem blendend weißen
faltenreichen Gewand herein. Ich wähnte Ariosts Alcine zu erblicken, so
reizend nahm sich diese Erscheinung in dem _chiaroscuro_ aus. Sie schloß
die Tür hinter sich und lag in meinen Armen, ich umschlang sie glühend
und sank mit ihr auf die schwellenden Kissen einer seidenen Ottomane.
Ich glaube, wenn Rom in diesem Augenblick durch ein Erdbeben
untergegangen wäre, wir hätten in unserem Dahintaumeln nichts davon
wahrgenommen, sondern stöhnten nur in abgebrochenen Silben: _carissima_,
_dolcissima_, _angelina_. Rom blieb aber stehen, wenn schon die Ottomane
gewaltig erschüttert wurde, bis wir endlich nach drei Viertelstunden
wieder eine zusammenhängende Sprache fanden.

Bei Sinnen und etwas abgekühlter, fragte ich Gertrude, ob sie sich auch
hier vollkommen sicher glaube, da ich unbewaffnet, und ob kein Überfall
vom Herzog zu befürchten sei. -- »Oh, der Herzog,« fiel sie mir lächelnd
ein, »der fragt nichts mehr nach mir, ich bin ihm so gleichgültig und
gleichgültiger wie die schlechteste Statue seines Palastes, gräme mich
aber deshalb nicht im mindesten, wie ich es anfänglich getan; wir gehen
jetzt jedes seiner Wege, ohne daß sich eines um das andere kümmert. Es
sei fortan nicht mehr die Sprache von ihm, _caro Fernando_.« Sie fiel
mir um den Hals, und ich küßte und tröstete sie abermals. -- »Doch,«
fing sie später wieder an, »wenn wir auch nichts von meinem Manne zu
fürchten haben, so mußt du dennoch auf deiner Hut sein, anima mia, denn
du hast Nebenbuhler, die wir weit mehr zu fürchten haben. Dies der
Grund, warum ich unser intimes Verhältnis möglichst geheim zu halten
suche, sonst läge mir wenig daran, daß es die ganze Stadt wüßte, ich
wäre im Gegenteil noch stolz darauf. Aber da ist der Kardinal L..., wenn
auch ein starker Vierziger, der Marchese T..., der Conte G... und noch
ein paar Dutzend andere Kavaliere und Prälaten, die mich mit ihrer
widerlichen Liebe und ihren Nachstellungen verfolgen und die ich alle
bisher zum besten gehabt oder mit Spott und Verachtung zurückgewiesen
habe. Aber ich kenne diese Menschen ganz: ahnen sie in dir den von mir
begünstigten Geliebten, so sind mehrere unter ihnen, deren Rachsucht
keine Grenzen kennt, und ich muß dann jede Minute für dein Leben
fürchten. Ohne diese Furcht würde ich dich bitten, mich von jetzt an
nicht mehr zu verlassen und mich allenthalben und an jeden öffentlichen
Ort zu begleiten, denn ich möchte dich gerne gleich meinem Schatten um
mich sehen, ohne mich im mindesten nach dem Gerede der Leute zu kehren,
was ohnehin hier, wo jeder in dieser Hinsicht, Geistlicher wie
Weltlicher, ganz nach Lust und Gefallen lebt, nichts sagen will. Als
französischer Offizier betrachtet man dich mit doppelt mißgünstigen
Augen. Deshalb, wenn du mich liebst, wenn dir dein und mein Leben wert
ist, gehe nur mit der größten Vorsicht zu Werke und nimm dich in
acht, in der Gesellschaft nie mehr als die gewöhnlichen
Höflichkeitsbezeugungen, die man gegen jede Dame beobachtet, auch mir zu
erweisen.« Ich versprach, was Gertrude begehrte, und erhielt dagegen die
Versicherung von ihr, daß sie es wohl zu veranstalten wissen werde, daß
selten ein Tag verginge, an dem wir uns nicht insgeheim sehen und
sprechen würden. So geschah es auch, denn außer, daß sie mich häufig in
der Abendzeit in ihren Gemächern empfing, machten wir auch nächtliche
Promenaden in dem ödesten Teil der Stadt, wo die alte Römerwelt gehaust,
zwischen den Trümmern, Gräben und Gärten derselben. Mehr als einmal
betrachteten wir erstaunt im Mondschein das Kolosseum, die Ruinen des
Friedenstempels und auch den Petersplatz, die sich dann unendlich größer
und imposanter ausnehmen.

Die eingetretene Karnevalszeit begünstigte unser häufiges Zusammensein
außerordentlich, und bald in türkischem, bald in spanischem und anderen
Kostümen fuhren wir des Nachmittags über den Korso und durch die anderen
Straßen Roms in Mietwagen oder gingen auch bisweilen zu Fuß,
restaurierten uns in Kaffeehäusern und kehrten nicht selten erst gegen
Morgen heim, wobei Bianchetta und Priscilla, die zwei Vertrauten unseres
Einverständnisses, alle Hindernisse aus dem Weg räumen halfen, was
übrigens in der Karnevalszeit nicht schwer war, da sich dann die
römischen Damen der unbeschränktesten Freiheit zu erfreuen haben. Die
Donzelleta kleidete ihre Gebieterin oft in meinem Absteigequartier in
persische oder indische Gewänder, während sie den Palazzo im
Kolombinenkostüm verlassen hatte und ich einen Tartarenfürsten
vorstellte.

Ich hatte unterdessen auch die Bekanntschaft eines wegen einer
unbedeutenden galanten Krankheit im Lazarett zu Rom, einem wahren Palast
in der Nähe des Petersplatzes, in dem die kranken Offiziere fürstlich
bedient wurden und wohnten, befindlichen Dragonerleutnants namens
Bonnier in einem Kaffeehause gemacht und denselben mehrmals
wiedergesehen. Wir schlossen bald engere Freundschaft, und er erwies mir
bei meinen Intrigen zu Rom mehr als einmal wesentliche Dienste durch
Wachehalten, Patrouillieren und so weiter, wenn ich mich an gefährlichen
Orten befand, was ich ihm durch einen außerordentlichen Dienst, den ich
ihm leistete, wieder vergalt, wie wir bald sehen werden.

Indessen wird nichts so fein gesponnen, es kommt an die Sonne, sagt ein
deutsches Sprichwort und sollte sich auch hier bewähren; denn trotz
aller List, Vorsicht und Verschlagenheit kam ein junger Abbate,
Anverwandter des Hauses Cesarini, unserm Verhältnis auf die Spur, ohne
es geahnt zu haben. Hier war es nicht die Rache verschmähter Liebe oder
eines zurückgewiesenen Liebhabers, die ihn antrieb, die geheimen Gänge
seiner Cugina zu erforschen, ihr nachzustellen und Fallen zu legen,
sondern ein gekränkter Familien- und Adelsstolz, den er wie die ganze
Verwandtschaft des Cesarini besaß, die ihre Abstammung nicht weiter als
bis zu Cäsar selbst zurückzuführen suchte, von dem aber auch kein
männliches Glied ein Äderchen hatte. Diese Verwandtschaft konnte es dem
Fürsten Francesco, dem Gatten Gertrudens, nicht vergeben, das alte, wenn
auch faule Haus der Cesarini mit unedlem Bürgerblut vermischt und
verunreinigt zu haben, wie sie sich auszudrücken beliebte. Das war wohl
mit ein Grund, daß sich die junge Frau in dieser Familie so unglücklich
fühlte, und ihr Gatte, von seinen Verwandten fortwährend angeregt, sie
so bald vernachlässigt hatte. Der Abbate schöpfte zuerst Verdacht, weil
seine schöne Cugina während dieses Karnevals nicht wie in den
vorhergehenden Jahren jeden Nachmittag den Korso in prächtiger Equipage
und brillantem Kostüm auf- und niederfuhr, um dort die Huldigungen der
großen und eleganten Welt zu empfangen und alle Blicke auf sich zu
ziehen, sondern sich kaum einigemal daselbst auf kurze Zeit hatte sehen
lassen, was nicht allein ihm, sondern allgemein auffiel, da man sie als
eine der ersten lebenden Zierden Roms ungern vermißte. Im allgemeinen
schrieb man es jedoch dem Mißverständnis mit ihrem Gatten, das bekannt
war, zu. Eines Abends, als wir maskiert in einem Wagen den Korso
verlassen hatten, um uns in meine Wohnung zu begeben, daselbst die
Kostüme zu vertauschen und spanische Trachten anzulegen, in denen wir
ein Festino besuchen wollten, hatte ich bemerkt, daß uns eine Maske in
dem Anzug eines peruanischen Sonnenpriesters in einiger Entfernung
gefolgt war und stille stand, uns nachsehend, als wir in das Haus
traten, in dem ich mein Absteigequartier hatte. Ich teilte es der
Cesarini mit, die mir ein gleichgültiges: »_non sarà niente_« erwiderte.
Ich hatte meinen Spanier schon angezogen, aber die Herzogin konnte mit
ihrem Kostüm nicht fertig werden und beschloß nun, sich als Kolombine,
was ihr so allerliebst stand, zu kleiden und einen Rosa-Domino über
diesen Anzug zu werfen. Als der wiederbestellte Fiaker kam und wir in
denselben steigen wollten, bemerkte ich in geringer Entfernung wieder
den Sonnenpriester, sowie, daß, als wir abfuhren, sich zwei als
türkische Sklaven verkleidete Masken hinten auf den Wagen schwangen. Ich
rief dem Kutscher zu, die beiden Kerls herunterzupeitschen, wozu er aber
den Mut nicht hatte, sondern sie nur ziemlich höflich ersuchte,
herabsteigen zu wollen, wovon sie aber keine Notiz nahmen, sondern
blieben ruhig hinten sitzen. Einen Straßenskandal wollte und mußte ich
vermeiden und befahl dem Kutscher, nach einem kurzen Umweg wieder an
meiner Wohnung vorzufahren. Die Cesarini sagte mir, sie vermute, daß
dies Nachstellungen von dem jungen Sforza seien, dessen Gestalt auch der
Priester gehabt. Angekommen, sprang ich aus dem Wagen und rief meinem
Burschen Louis, der mutig und gewandt weder Gefahr noch Händel
fürchtete, von denen ich ihn eher zurückzuhalten als dazu anzufeuern
hatte. Diesem befahl ich, sich hinten aufzusetzen. Die beiden
Türkensklaven waren, während ich aus dem Wagen sprang, gleichfalls
hinten abgesprungen und standen wieder observierend in einiger
Entfernung. Leutnant Bonnier hatte sich auch in meiner Wohnung
eingefunden, um daselbst eine Zeitlang zu verweilen, wie er die
Gewohnheit hatte. Ich sagte ihm mit einigen Worten, daß uns ein paar
verdächtige Masken verfolgten. Als ich nun wieder abfahren wollte,
trieben die Kerls die Frechheit so weit, sich abermals neben Louis
hintenaufsetzen zu wollen, dieser aber stieß den ersten mit einem so
kräftigen Fußtritt zurück, daß er hinterrücks niederfiel, und dem
zweiten drohte er mit seinem derben Knotenstock, so daß dieser sich
nicht mehr zu nahen wagte. Wir fuhren jetzt auf mein Geheiß in
möglichster Schnelle auf die Piazza Kolonna, wo wir ausstiegen, in,
einer Masken-Bodega weite graue Kambridgemäntel überwarfen, weiße Larven
vormachten, schwarze Federhüte aufsetzten und so mehrere Festini und
Theater besuchten. Nach Mitternacht brachte ich meine teure Amica in
ihren Palazzo zurück, wo sie die getreue Zofe an der kleinen Pforte
empfing und von wo ich mich zu Fuß in meine Wohnung begeben wollte. Ich
mochte ungefähr noch einige dreißig Schritte von derselben entfernt
sein, als ich von zwei verlarvten Kerls angefallen wurde, in deren
Händen blanke Dolche schimmerten; etwas dergleichen vermutend, hatte ich
schon den Degen gezogen, noch ehe sie mir an den Leib konnten, und ein
gespanntes Terzerol in der linken Hand. Die Kerls, hierdurch stutzig
gemacht, schienen sich einen Augenblick zu besinnen, versuchten indessen
doch mit ihren ziemlich langen Dolchen auf mich einzudringen, ich
versetzte aber einem derselben einen Hieb auf die rechte Hand, daß er
das Messer schnell und mit einem Schrei zur Erde fallen ließ, der zweite
wagte es nun nicht, auf mich loszugehen, sondern gab Fersengeld. Ich sah
noch einen dritten, der sich bis jetzt verborgen, eine passive Rolle
gespielt hatte und nun ebenfalls Reißaus nehmen wollte, dem ich aber
nacheilte und einen tüchtigen Hieb auf den Kopf versetzte, so daß er mit
einem lauten: »_Ajuto, ajuto!_« davon zu springen versuchte, aber meinem
Louis und Bonnier, die, den Lärm hörend, beide bewaffnet gerannt kamen,
in die Hände fiel. Ich wollte den Kerl auf die nächste Wache bringen, er
fiel mir aber zu Füßen, bat flehentlich um Gnade, ein _Illustrissima_,
_Eccellenza_, _Monsignore_ nach dem anderen stammelnd und mit einem
»_fatemi grazia voglio tutto confessare_« endigend.

Unter der Bedingung, daß er mir die volle und ganze Wahrheit haarklein
gestehe, versprach ich, ihn nach seinem Geständnis laufen zu lassen,
bemerkte aber, daß, wenn er von mir auf der geringsten Lüge ertappt
würde, ich ihn ohne weiteres nach Albano transportieren ließe, um ihn
dort vor ein Kriegsgericht zu stellen und erschießen zu lassen, denn ich
sei der Kommandant von Albano. Dies wirkte, der dumme Teufel glaubte in
allem Ernst, daß dies in meiner Gewalt stünde, und rief aus: »_Ah in che
malanno mi sono precipitato._« Wir nahmen ihn nun zwischen uns, führten
ihn in meine Wohnung, um daselbst ein förmliches Verhör mit ihm
vorzunehmen. Hier gestand er, daß er mit noch ein paar anderen seines
Gelichters wirklich vom jungen Sforza gedungen worden, mir für
einhundertundfünfzig Zechinen das Lebenslicht auszublasen, er sei aber
ein _Galantuomo_, der kein Mestiero von solchem Handwerk mache und sich
nur deshalb habe verleiten lassen, weil man ihm gesagt, ich sei ein
französischer Vagabund, ein Glücksritter und Ketzer, den in die andere
Welt zu spedieren ein Verdienst um die Jungfrau sei, er sähe aber wohl
ein, daß man ihn hintergangen habe; denn er würde es nimmer gewagt
haben, seine Hand an einen _Signor Uffiziale_ und gar an die geheiligte
Person des Kommandanten von Albano zu legen. Der arme Teufel, der
ziemlich viel Blut aus der Kopfwunde, die ich ihm beigebracht, verlor,
wurde zuletzt ganz matt und schwach. Ich ließ ihm etwas Wein geben und
Louis verband ihm, nachdem er die Haare an dieser Stelle abgeschnitten
und die Wunde gehörig ausgewaschen hatte, dieselbe. Noch immer hatte er
Angst, daß ich ihn nach Albano bringen und dort erschießen lassen werde.
Ich suchte ihn zu beruhigen, stärkte ihn mit noch einigen Gläsern
Albanerwein, und kündigte ihm dann an, daß es ihm freistünde, hinzugehen
wo er wolle. Diese Großmut hatte er nicht erwartet, und es kostete Mühe,
ihn davon zu überzeugen. Er war dadurch so gerührt, daß er sich mir
abermals zu Füßen warf und sich ganz zu meiner Disposition stellte,
indem er sagte, der junge Sforza sei ein _gran birbone_, der ihn
betrogen, und daß er mir fortan von allem Nachricht geben wolle, was
derselbe noch gegen mich im Schilde führen möge, so daß ich, gehörig
präveniert, immer meine Maßregeln nehmen könne. Der Kerl hielt wirklich
Wort und warnte mich, sich fortwährend in Sforzas Vertrauen erhaltend,
vor allen Fallstricken, die der Cesarini und mir von dieser Seite gelegt
werden sollten, so daß wir sie durch unsere Gegenminen immer nichtig zu
machen wußten, was jenem unerklärbar war, und er unbegreiflich fand.
Sforza war einer der gefährlichsten Feinde der Cesarini und glaubte sich
als naher Verwandter des Herzogs Francesco zurückgesetzt, auch hatte ihn
Gertrude immer in gehöriger Entfernung zu halten gewußt, und da er durch
seine Spione endlich Wind von dem Verhältnis, indem wir miteinander
stehen müßten, erhalten hatte, so warf er nun seine ganze Wut auf mich.
Ich fand aber für gut, dies alles zu ignorieren und nur immer mehr auf
meiner Hut zu sein, was jetzt nicht mehr schwer war, da sein Hauptagent
in meinem und Gertrudens Sold stand und wir denselben reichlich
beschenkten. Nur einmal ließ ich mich verleiten, bei einer
Abendgesellschaft im Palast des Fürsten Oldeschalchi im Vorübergehen die
Worte: »Die Zeit ist nicht mehr fern, wo alle Banditen und Meuchelmörder
den Galgen zieren werden,« mit großem Nachdruck an Sforza zu richten.
Monsignore schien etwas verlegen, zwang sich zu lächeln, aber seine
Lippen bebten, versagten ihm diesen Dienst, und das Lächeln artete in
ein konvulsivisches Verzerren des ganzen Gesichts aus.

Unbekümmert über diese Nachstellungen, fuhren wir nach wie vor fort, uns
den Vergnügungen zu überlassen; die Cesarini selbst versicherte mich,
daß ich dem Menschen nun unbedingt alles Zutrauen schenken könne; denn
dies läge im Charakter eines braven Römers, besonders wenn man so wie
wir von Zeit zu Zeit seinen guten Willen durch kleine Regali anfeuerte.
Ja er trieb seine Ehrlichkeit so weit, daß sich sein zartes Gewissen
Skrupel machte, solche Geschenke anzunehmen, da er uns eigentlich noch
keine reellen Dienste geleistet habe.

Es waren nun schon beinahe zwei Monate vergangen, daß ich mit der
Cesarini auf dem vertrautesten Fuß lebte und ihr ganz treu geblieben
war, aber ewig konnte es nicht dauern, dies war wider meine Natur und
lag nun einmal nicht in meinem Charakter. Im Theater Aliberti machte ich
eines Abends die Bekanntschaft einer noch ganz jungen, kaum
siebzehnjährigen Witwe namens Vernetti, die ihren Mann erst vor wenigen
Monaten, und zwar schon vier Wochen nach der Hochzeit, verloren hatte.
Ich befand mich diesen Abend zufällig allein im Theater, Gertrude, an
Migräne leidend, hütete Bett und Zimmer. Die blutjunge Frau hatte noch
eine ältere Schwester und beide einen alten Herrn, ihren Oheim, bei
sich. Das Ungefähr führte mich in eine Loge mit den Damen, die ich beide
noch für Mädchen hielt. Ich war erstaunt, als ich erfuhr, in der
jüngsten schon eine Witwe zu finden. Eine Unterhaltung war bald
angeknüpft, das Theater selbst lieferte den Stoff dazu; ich erlaubte
mir, den Damen einige Erfrischungen anzubieten, die mit Dank akzeptiert
wurden, und so war die Bekanntschaft schnell gemacht; nicht nur erhielt
ich die Erlaubnis, die Signora in Begleitung des Oheims nach Haus
geleiten, sondern auch die, ihr am anderen Tage meine gehorsamste
Aufwartung machen zu dürfen. Ich wurde auf das freundlichste empfangen,
die ältere unverheiratete Schwester, auch ein recht hübsches Mädchen,
wohnte seit dem Tode ihres Schwagers mit der jungen Witwe zusammen,
beide sangen artig, spielten, wie alle Römerinnen, Gitarre und
Mandoline, wir musizierten, scherzten, es dauerte nicht lange, so küßten
wir auch, und bald brachte ich fast alle meine Vormittage hier zu,
während ich die Nachmittage und den Abend noch immer meistens der
Cesarini widmete. Diese Abwechslung war mir sehr wohltuend; denn das
ewige Einerlei, und wenn es auch _toujours perdrix_ ist, tötet, sobald
der Reiz der Neuheit vorüber ist, und macht jeder ewigen Liebe ein
baldiges Ende.

Meine neue Bekanntschaft, die Signora Vernetti, war wieder von einer
allerliebsten Naivität und in der Blütezeit einer eben aufbrechenden
Rose, sie hatte sehr regelmäßige, schöne Züge, und dennoch viel Ausdruck
im Gesicht, Hals und Nacken waren ganz zum Küssen geschaffen. Schon in
den ersten Tagen entdeckte sie mir, daß sie sich schon beinahe seit drei
Monaten in der Hoffnung befände und sich ihre Taille zu runden beginne,
weshalb wir uns ohne alle Gefahr für sie ganz den innigsten Vergnügungen
der Liebe hingeben könnten. Das gute Kind hatte mir ohne Zweifel diese
Entdeckung gemacht, um mich zu ermutigen; denn ich hatte mich bis jetzt
noch immer ziemlich zurückhaltend bei ihr benommen, was ihr, da sie die
geheimen Freuden der Liebe schon kannte, aber nur so kurze Zeit genossen
hatte und deshalb um so lüsterner darnach war, gerade nicht sehr gefiel,
weshalb sie mir auch das naive Geständnis gemacht haben mochte. Ich war
aber nicht der Mann, der sich von einer hübschen jungen Frau so etwas
zweimal sagen ließ, sondern vertrat noch in derselben Stunde die Stelle
des verstorbenen Ehemannes; nach einem Duett, das wir zusammen sangen,
verirrten wir uns zu einem _tête-à-tête_ in das Kamerino, während die
Schwester Patience im Wohnzimmer spielte, und wiederholten solche
Verirrungen so oft, daß diese zuletzt alle Patience verlor und uns
einmal zürnend überraschte, weil wir sie doch gar zu lange ganz allein
ließen. Ich küßte nun auch diese, um ihren gerechten Unwillen zu
besänftigen, und -- weil sie eben küssenswert war. Endlich aber machte
ich noch eine dritte weibliche Bekanntschaft zu Rom, und zwar meine
_passion predominante, una giovan' principiante_, das fünfzehnjährige
scharmante Töchterchen des Buchhändlers und Antiquars Vasi, die ich, in
dessen Bottega manches Buch, römische Ansichten, Karten und Pläne
kaufend, kennen lernte. Während ich mit dem Papa mich in gelehrte
Disputationen einließ, führte ich mit dem Töchterchen einen verstohlenen
Augenstreit, lancierte Occhiaten und wechselte Blicke. Ich ließ den
Alten manche lateinische und altitalienische Scharteke in seinem
antiquarischen Magazin suchen und holen, nahm die Augenblicke seiner
Abwesenheit wahr, dem schönen Mädchen meine unnennbare Liebe zu
gestehen, und wußte mich bald so sehr in des _caro Papa_ Gunst zu
setzen, dem ich seine Bücher zu raisonnabeln Preisen bezahlte, daß er
mir gestattete, mit der holden Eurichetta manches Stündchen Musik zu
machen, wobei denn auch noch manche andere Saite als die der Gitarre
gegriffen wurde, wenn wir uns unter vier Augen in dem hinteren Zimmer
befanden und neue Käufer den Antiquarius in seinem Laden zu unserer
großen Freude oft sehr lange beschäftigten. So hatte ich nun der Schönen
drei, unter denen mir oft die Wahl wehe tat, und ich wußte manchmal
nicht, zu welcher ich zuerst meine Schritte wenden sollte.

Indessen machte ich damals auch eine Bekanntschaft, die nicht minder von
Interesse als die meiner Schönen, ja wohl noch von höherem und
bleibenderem war, nämlich die des berühmten Canova. Vasi war es, der
mich bei diesem Fürsten der modernen Bildhauerkunst einführte, in dessen
Werkstätte wir einen kolossalen, ganz nackten Napoleon, aus kararischem
Marmor gehauen, sahen, an den der berühmte Meister nur noch die letzte
Meißelfeile zu legen hatte. Diese Statue, die nächstens nach Paris
abgehen sollte, sprach mich nicht sehr an, dagegen entzückte mich die
vollendete Bildsäule einer Nymphe von weißem Marmor, die einen Wuchs und
Formen hatte, welche, trotzdem sie von Stein waren, dennoch das Blut der
Lebendigen in Wallung und Glut zu versetzen vermochten; ich habe keine
Statue mehr gesehen, die einen so lebhaften Eindruck wie diese Nymphe,
eine Auloniade, auf mich gemacht hätte, und glaube schwerlich, daß sich
in der Wirklichkeit eine solche Gestalt auffinden läßt. Auch eine
Bildsäule Ferdinand IV., des verjagten Königs von Neapel, stand in
Canovas Atelier, die letzte Feile erwartend, die sie aber vorerst nicht
erhielt. Wir sahen noch mehrere andere Schöpfungen des hochberühmten
Meisters, die zum Teil erst halbvollendet waren, und mit der
liebenswürdigsten Gefälligkeit zeigte uns derselbe seine Säle, uns alle
nur zu wünschenden Erklärungen gebend. Noch führte mich Vasi in die
Werkstätte eines anderen berühmten Bildhauers namens Massimiliano; auch
dieser hatte einen kolossalen Napoleon, aber im kaiserlichen Ornat, mit
Zepter und Krone, beinahe fertig, der mir minder mißfiel als der nackte,
obgleich Arbeit und Kunst jenem bei weitem nicht gleichkamen. Was Canova
besonders auszeichnete, war daß er die Natur mit den idealischen antiken
Schönheiten so zu verschmelzen wußte, daß alle seine Schöpfungen eine
Lieblichkeit atmeten, wie keine anderen mehr; und dabei war er selbst
von der liebenswürdigsten Bescheidenheit, er schien fast beschämt, so
viel Verdienst, Talent und Genie zu haben.

Der Karneval ging nun zu Ende, ich hatte ihn gottlob ordentlich
mitgetobt, werde mich aber hüten, eine Beschreibung desselben zu geben,
da ihn mein berühmter, wenn auch etwas steifer Landsmann so meisterhaft
als lebendig geschildert hat, und er außerdem dieses Jahr (1807) bei
weitem nicht so glänzend und lebhaft ausfiel, wie dies gewöhnlich der
Fall ist, woran die Okkupation des Kirchenstaates durch die Franzosen
schuld war.

Die nun beginnenden Fasten, die ich mir recht langweilig vorgestellt
hatte, vergingen mir indessen außerordentlich angenehm.

Ich hatte meine Damen und machte jeden Morgen in Bonniers Gesellschaft
weite Spaziergänge in dem öden, verwilderten und romantisch gelegenen
Teil der Stadt, wo man nur Weingärten, Ruinen, Palmen, Lorbeerhecken,
hier und da ein Kloster oder eine Kirche antrifft.

Eines Morgens nahmen wir unsere Richtung nach dem Lateran, bewunderten
die Raritäten dieser Kirche, in der sich, wie zu Loretto, Beichtstühle
für die Sünder aus allen Nationen befinden, in denen der Deutsche, der
Pole, der Franzose, der Spanier und so weiter seine Sünden in seiner
Muttersprache bekennen und auch in dieser zu seinem großen Trost
absolviert werden kann. -- Von hier begaben wir uns zu der ganz nahen
Scala Santa, die mein Freund noch nicht gesehen hatte. Obgleich wir
beide gute Christen waren, so schien uns doch die Ersteigung der
heiligen Treppe auf den Knieen etwas zu umständlich und langweilig, auch
würden wir der vielen Gebete wegen, die man auf jeder Stufe herzusagen
hat, in große Verlegenheit gekommen sein, da weder der eine noch der
andere ein Paternoster oder Ave-Maria wußte, und außerdem würden unsere
schönen, mit Silber besetzten Uniformbeinkleider dabei sehr Not gelitten
haben; wir faßten demnach ein Herz und stiegen festen und sicheren
Trittes, auf die uns für Ketzer haltenden Leute nicht achtend, die
rechts angebrachten profanen Treppen hinauf. Vor dem heiligsten aller
Altäre angekommen, knieten wir jedoch nieder und staunten das von Engel
gepfuschte Bild an, richteten aber auch mitunter einen weltlichen Blick
auf die heranknieenden Sünder und besonders auf die Sünderinnen. --

Wir waren noch nicht lange in dieser Position, als eine Prozession
andächtiger Klosterfrauen, von ihrer Äbtissin angeführt, an der
untersten Stufe der Scala Santa erschien und sich bereitete, dieselbe
knieend zu erklimmen. -- Vier und vier beknieten nebeneinander eine
Stufe, ihre Schleier hatten sie, da sie viel küssen mußten[4], natürlich
zurückgeworfen, und ihre Gesichter ganz enthüllt. Daß wir nun nicht mehr
auf das heilige Bild, sondern auf die ankommenden lebendigen schauten,
unter denen sich manch reizendes Madonnenköpfchen befand, brauche ich
nicht erst zu versichern, und wir hatten alle Zeit, die frommen
Schwestern, die so langsam Stufe für Stufe betend zu uns heranknieten,
gehörig zu mustern. Gleich müssen uns die guten Kinder nicht bemerkt
haben, wenigstens die Frau Äbtissin nicht, denn sie hatte schon ein
Dritteil der Stufen überkniet, als sie mit Schrecken zwei französische
Uniformen mit Epauletten und Mordgewehren, und dabei einen schwarzen
Schnurrbart gewahrte. Aber was sollte die gute Frau machen? -- An ein
Umkehren war nicht mehr zu denken, eine Retirade auf den Knieen
unmöglich, ohne zu riskieren, die Hälse zu brechen, und stehenden Fußes
wieder hinabzugehen, hätte Bann und vielleicht ewige Verdammnis bewirkt;
die fromme Herde, die schon etwas durch unsere bunten Uniformen in ihrer
Andacht gestört worden, mußte samt der Hirtin _nolens volens_ vorwärts,
wobei manches Schäfchen auf uns Sünder einen neugierigen aber
verstohlenen Blick warf, der nicht verloren ging.

[Fußnote 4: Auf jeder Stufe küssen die frommen Gläubigen den Schmutz,
den die vor ihnen Hinaufknienden gemacht, wieder weg.]

Je näher die Nonnen dem heiligen Altar und folglich uns kamen, desto
häufiger schielten sie nach uns, wahrscheinlich waren wir die ersten
französischen Militärs, welche die guten Kinder zu Gesicht bekamen, und
der Glanz unserer Uniformen muß den des heiligen Bildes noch übertroffen
haben, da sogar die älteren Schwestern ihren Rosenkranz ziemlich
verwirrt abzubeten schienen. Meinem Freund und mir fiel bald eine junge,
kaum sechzehnjährige Nonne von ausgezeichneter Schönheit auf, die in der
vierten Reihe auf der linken Seite kniete, ein wahres Engelsgesichtchen,
dessen überaus feine Züge, blendend weißer Teint und seelenvoller Blick
ihr das Ansehen einer halb Verklärten gaben, wozu ein etwas
schwermütiger Zug, der sie noch um so interessanter machte, das seinige
beitrug, sowie das sie sehr gut kleidende Nonnengewand. Je näher sie
herankam, je mehr ruhten unsere Blicke auf ihr, die sich zuletzt
unbeweglich fixierten. Auch sie schien es bald bemerkt zu haben, daß sie
ausschließlich der Gegenstand war, der unsere Augen fesselte; bei der
Erknieung einer jeden neuen Stufe sah sie uns zuerst nur flüchtig und
dann immer etwas länger an; als sie endlich die letzte erreicht hatte,
warf sie uns noch einen vielsagenden und bedeutungsvollen Blick zu, der
von einem halbunterdrückten Seufzer begleitet war. Der Saum ihres
Gewandes hatte das Kleid meines Freundes berührt, dem diese Berührung
einen elektrischen Schlag gegeben zu haben schien; denn ein sehr
merkliches Zittern durchbebte in diesem Augenblick seinen Körper,
welches von der schönen Büßenden gleichfalls bemerkt worden sein muß;
ihr Gesicht färbte sich in demselben Augenblick glühend rot, sie neigte
sich hierauf zur Erde und schien in tiefster Andacht vor dem Altar zu
beten. Als endlich alle Nonnen oben angekommen und auch die letzte ihr
Gebet verrichtet hatte, standen sie sämtlich, auf ein von der Äbtissin
gegebenes Zeichen, auf, und gingen auf der entgegengesetzten Seite, wo
wir standen, die profane Treppe hinab. Noch einen flüchtigen Blick warf
das holde Kind im Vorübergehen auf uns und verschwand. -- Auch wir
gingen bald darauf die andere Treppe hinab und folgten der frommen Herde
in einiger Entfernung. -- Mein Freund gestand mir sogleich, daß dies
überirdische Wesen, wie er sich ausdrückte, einen unauslöschlichen
Eindruck auf ihn gemacht, und da er auf keine Weise Hoffnung habe, zu
ihrem Besitz zu gelangen, ja sie je wieder sehen zu können, so mache ihn
dies zum unglücklichsten Menschen von der Welt.

Der Zug nahm nun seine Richtung nach San Balbino zu; wir folgten ihm
gewissermaßen mechanisch, und bemerkten deutlich, wie manche der Nonnen
sich öfters umsahen. Hinter San Balbino kam die Prozession durch lauter
einsame, von Mauern, Gärten und Ruinen begrenzte Straßen; endlich
gelangte sie an ein von hohen Mauern umgebenes und mit fest verwahrten
Gitterfenstern versehenes Gebäude, das wir seiner Bauart und den Türmen
nach zu urteilen, sogleich für ein Frauenkloster erkannten. An der
eisernen Pforte angekommen, zog die Äbtissin eine Klingel, worauf sich
sogleich die schwere Türe knarrend öffnete, sämtliche Schwestern folgten
ihrer Gebieterin, nachdem einige von ihnen noch einen sehnsuchtsvollen
Blick rückwärts in die freie Natur getan hatten, die sich ihnen nun
wieder auf eine halbe Ewigkeit verschloß. Wir beobachteten dies alles,
ungesehen hinter einem Gesträuch verborgen.

Endlich war auch die letzte Nonne über die verhängnisvolle Schwelle
getreten, die Pforte drehte sich abermals zentnerschwer in ihren Angeln,
fiel prasselnd zu, und wir hörten deutlich, wie das schwerfällige Schloß
dreimal herumgedreht und drei Riegel vorgeschoben wurden. Mein Gefährte
stieß, als die Türe zugefallen war, einen tiefen Seufzer aus, stützte
sich auf meine Schultern, und wir blieben einige Minuten bewegungslos in
dieser Attitüde.

Endlich richtete er sich wieder auf, indem er tief Atem holend sagte:
»Nun ist sie auf immer für mich und die Welt verloren!« -- Ich sprach
ihm Mut ein und stellte ihm vor, daß Rom ja so viele außerordentliche
Schönheiten besitze, die man täglich sehen, sprechen und bewundern
könne, es demnach töricht sei, sich in eine lebendig begrabene
Klosterschwester zu verlieben. Doch ich predigte tauben Ohren und muß
aufrichtig gestehen, daß das Engelsgesicht auch auf mich einen
gewaltigen Eindruck gemacht hatte, der, wenn ich nicht die Bekanntschaft
der Prinzessin Cesarini gemacht, der ich mit ganzer Seele zugetan war,
auch mich leicht zu Torheiten hätte verleiten können. Langsamen
Schrittes und Arm in Arm entfernten wir uns beide, nachdem wir durch
einen vorübergehenden Gärtnersjungen erfahren hatten, daß das Kloster,
welches die seltene Perle auf Lebenszeit in Verwahrung genommen hatte,
der heiligen Ursula angehörte. Alle drei Schritte wurde ein Halt von
einigen Minuten gemacht, wobei wir die grauen düsteren Mauern
anstarrten, was so lange dauerte, bis auch die höchsten Zinnen und
Spitzen der Türme unseren Blicken entschwunden waren. Da schon längst
die Essenszeit vorüber war, gingen wir zu einem Restaurateur, wo ich
mir's trefflich schmecken ließ, denn die Promenade hatte mir großen
Appetit gemacht; mein verliebter Kamerad brachte aber kaum einen Bissen
über den Mund und saß, den Kopf auf die Hände gestützt, gedankenvoll und
stumm da. Der arme Teufel erregte wirklich mein Mitleid, so sehr es
sonst meine Gewohnheit ist, mich über solche schmachtende Seladons
lustig zu machen. -- Ich wandte alles mögliche an, ihn aufzuheitern,
ließ San Giorgio und Champagner bringen, doch alles vergeblich; ich
mußte allein trinken; von da besuchten wir mehrere Kaffeehäuser, in
denen wir manche schöne Römerin trafen, die in Gesellschaft eines
Violettstrumpfs oder eines Abbate ihren Sorbett zu sich nahm, aber auch
diese machten nicht den mindesten Eindruck auf meinen Freund; wir
verließen die Kaffeehäuser, und ich schlug einen Spazierritt auf dem
Korso vor, da die Stunde herangekommen war, wo sich die ganze schöne
Welt Roms daselbst zeigt. Mein gemütskranker Freund nahm es an, und wir
ritten, Kapriolen und Lanzaden neben den zahlreichen Wagen machend,
daselbst auf und nieder. Bald erschien auch meine schöne Cesarini in
einem Halbwagen mit ihrer Tante, sie sah schöner wie je aus, und ich
hatte Nonnenkloster und die ganze Begebenheit rein vergessen, schloß
mich dem Wagen an, und vertiefte mich so in ihr Anschauen und ein
angeknüpftes Gespräch, daß ich die Abwesenheit meines Kameraden erst
dann bemerkte, als wir auf der Piazza Popolo Halt machten, um der
Konversation besser pflegen zu können, wie es daselbst gebräuchlich ist.
Nach Verlauf einer Stunde sah ich Bonnier in gestrecktem Galopp, sein
Roß mit Schweiß bedeckt und ihn sehr erhitzt, von der Piazza Venezia
hersprengen, und hätte, wenn er mir's auch nicht gestanden, doch
erraten, wo er herkam; er hatte unterdessen eine Runde zu Pferd um das
Ursulinerkloster gemacht und die hohen Mauern und eisernen Gitter
angeseufzt. Ich empfahl mich nun, nachdem ich versprochen, mich im
Apollotheater einzufinden, wohin ich denn auch meinen so schwer
verwundeten Freund beredete. Um ein Uhr nach Mitternacht war das
Schauspiel beendigt; der Mond stand hoch und hell am Horizont. Bonnier
erklärte mir, daß er unmöglich schon zu Bette gehen könne und gar keinen
Schlaf verspüre, sondern noch eine Promenade _au clair de la lune_
machen wolle, wozu er mich dringend einlud.

Ohne eine besondere Divinationsgabe zu besitzen, war es leicht zu
erraten, wo diese Promenade hingehen sollte; lächelnd und kopfschüttelnd
hing ich mich an seinen Arm, und ehe eine halbe Stunde verging, waren
wir unter den bewußten Mauern. Das hohe Kloster mit seinen Kuppeln und
Türmen nahm sich im Mondschein recht schauerlich aus, und dreimal
machten wir die Runde um dasselbe. Jetzt schlug die Turmuhr, es war die
zweite Stunde nach Mitternacht, und nur mit Mühe brachte ich meinen
ächzenden und stöhnenden Freund dahin, sich endlich mit mir zur Ruhe zu
begeben.

Von den Strapazen des Tages ermüdet, fiel ich bald in einen festen
Schlaf, der mir trefflich bekam; doch kaum graute der Morgen, so wurde
ich auch schon durch ein ziemlich fühlbares Rütteln aus dem besten
Schlummer geweckt, und meine kaum halb geöffneten Augen erblickten
wieder den verliebten Narren Bonnier, der mir mit möglichster
Beredsamkeit die Schönheiten des anbrechenden Tages vordemonstrierte und
mich mit aller Gewalt zu einem romantischen Morgenspaziergang bereden
wollte. Ich schlug es ihm aber schlaftrunken ab, legte mich unwillig auf
das andere Ohr und schlief, auf die verliebten Narren scheltend, wieder
ein.

Es war beinahe Mittag, als Bonnier von seinem Spaziergang zurückkehrte
und mich noch im Bette antraf. Er rief aus: »Wie ist es möglich, so die
schönste Zeit seines Lebens zu verschlafen, ich habe schon das ganze
alte Rom durchwandert.« Ich sprang nun aus dem Bette und erwiderte:
»Ebensoviel wert, als diese Zeit wachend in fruchtlosen Träumereien
hinzugeben.« Dies brachte den guten Bonnier ein wenig in Wallung, und er
äußerte mir, daß seine Liebe ebensowenig frucht- als hoffnungslos sei.
Klostermauern seien noch lange keine Festungsmauern, er habe die des
Ursulinerklosters heute Morgen hinlänglich rekognosziert und gefunden,
daß man sie mit Feuerhaken und Strickleitern bequem übersteigen könne,
es wäre nicht das erstemal, daß eine Nonne entführt worden sei, ein
guter Soldat müsse sich durch nichts abschrecken lassen, und je größer
die Schwierigkeiten, desto mehr Ehre, sie zu überwinden. Ich gab dies
alles gerne zu, endigte aber damit, ihm zu bemerken: er wisse ja noch
gar nicht einmal, ob seine Geliebte ebensolche Gesinnungen hege, ja ob
sie nur etwas für ihn fühle, das man Liebe nennen könne, sogar ihr Name
sei ihm unbekannt. -- »Das könnte wohl der Fall sein, wenn ich so lange
wie du geschlafen hätte,« gab er mir zur Antwort; »es ist eine Tochter
aus der Familie Narelli zu Pesaro, die erst seit vier Monaten
eingekleidet, und was die Liebe anbetrifft, so habe ich auf der Scala
Santa hinlänglich gesehen, woran ich mich zu halten habe.« Voll
Verwunderung fragte ich ihn, wie er ihren Namen erfahren hätte. --
»Durch den Klostergärtner, den ich diesen Morgen über eine Stunde
sprach,« versetzte er, »und nachdem ich ihm eine deutliche Beschreibung
meiner Geliebten gemacht, ohne ihn jedoch die Ursache ahnen zu lassen,
warum ich nach ihr forsche, versicherte er mich, daß es keine andere als
die Narelli sein könne. Ich erkundigte mich noch nach manchen von den
übrigen Schwestern, um Verdacht zu vermeiden, und er nannte mir noch
viele Namen, die ich bereits wieder vergessen habe. Auch über die
inneren Verhältnisse des Klosters gab er mir Aufschluß, und da ich ihn
fragte, ob ich den Klostergarten nicht einmal sehen dürfe, antwortete er
mir, daß dies ohne eine besondere Erlaubnis der Frau Äbtissin nicht
angehe, die er jedoch darum fragen und mir morgen schon Bescheid geben
wolle, in jedem Fall aber könne dies nur zu einer Stunde geschehen, in
welcher die Nonnen in ihren Zellen seien. -- Du siehst also, Freund, daß
ich schon um einige Schritte dem Ziele näher gerückt bin und daß ich es
mit deiner Hilfe wohl noch erreichen kann.« -- »Das muß ich gestehen, du
hast schon Riesenschritte gemacht,« erwiderte ich lächelnd, »und wenn es
so fortgeht, so bist du übermorgen in der Zelle der Geliebten, nur sehe
ich nicht recht ein, was dir das Besehen des Klostergartens nützt und
was ich bei der Sache viel tun kann.«

»Wie magst du nur so fragen! Wenn ich den Garten kennen lerne, so
orientiere ich mich im Innern, ersehe mir die Stelle, wo meine
Angebetene am leichtesten zu entführen ist, und dies ist schon viel,
sehr viel. Du kannst mir vermittelst deiner intimen Bekanntschaft mit
der Cesarini von außerordentlichem Nutzen sein. Damenbesuche dürfen die
Nonnen zu jeder Zeit annehmen, die Cesarini hat, wie du weißt, in
mehrern Frauenklöstern Verwandte, sie ist mit den Gebräuchen in
denselben bekannt, durch sie könnte man leicht die Narelli erforschen
und dann ein Einverständnis mit ihr anknüpfen.«

»Du siehst, Lieber,« fuhr Bonnier fort, »daß ich alles wohl überlegt
habe, und du mußt mir dein Wort geben, heute noch mit der Cesarini über
diese Angelegenheit zu sprechen, oder ich sehe dich nicht mehr als
meinen Kameraden an, hoffentlich hast du noch nicht vergessen, wie
manche Schildwache ich bei deinen verliebten Abenteuern schon gestanden,
wie manche Runde und Patrouille ich bei solchen Gelegenheiten für dich
gemacht habe, und bin ferner bereit, dir zu dienen, wo ich nur immer
kann.« -- »Schon gut,« unterbrach ich den immer ungestümer werdenden
Bonnier, »hier meine Hand darauf, heute abend spreche ich noch die
Cesarini, und du sollst morgen früh das Resultat wissen.« »Warum morgen
früh? Ich erwarte dich heute nacht wachend, und so wie du zurückkommst,
und wenn es erst gegen Morgen wäre, mußt du mir Bericht von dem Erfolg
abstatten.« Ich versprach alles, kleidete mich an, machte meine
gewöhnlichen Touren, auf den Korso, ins Theater und so weiter, erfuhr
aber zu meinem größten Leidwesen von der Cesarini, daß es ihr heute
unmöglich sein würde, mich zu sprechen, da ihr Mann und ihre Schwägerin
den ganzen Abend mit ihr zuzubringen sich vorgenommen hätten, wir müßten
daher das Rendezvous auf den anderen Tag verschieben. Bonnier war gleich
wieder nach St. Ursula gegangen, wo er durch Hecken, Gesträuche, Ruinen
und Gärten patrouillierte, das finstere Gebäude, welches seine ganze
Seligkeit einschloß, von allen Seiten anstöhnte, und erspähte, wo er
wohl die Laufgräben am besten eröffnen könnte. Erst eine Stunde nach
Mitternacht kam er zurück und traf mich zu seiner Verwunderung schon
wieder schlafend im Bette an.

Er weckte mich sogleich auf und fragte mich nach dem Resultat meiner
Unterredung mit der Cesarini; als ich ihm sagte, daß ich sie gar nicht
habe sprechen können, stampfte er mit dem Fuß so gewaltig auf den Boden,
daß alle Fenster klirrten, und nur mit der größten Mühe gelang es mir,
ihn zu besänftigen, ihm die Ursache mitzuteilen und ihm verständlich zu
machen, daß ich den kommenden Abend unfehlbar die Sache abmachen, und
keine Verhinderung denkbar wäre, was ihn endlich etwas beruhigte; er
warf sich nun angekleidet auf sein Bett, welches er mit den ersten
Morgenstrahlen schon wieder verließ, um nach dem bewußten Ort zu eilen.
Ich sah ihn den ganzen Tag nicht wieder. Am Abend hatte ich endlich die
ersehnte Zusammenkunft mit der Cesarini, der ich die ganze Sache
mitteilte und mir ihren Rat erbat. Sie erschrak nicht wenig über den
tollkühnen Plan meines Freundes, und ihr Rat war, diesen zu bereden,
denselben als unausführbar aufzugeben, da uns beiden die Geschichte
höchst verderblich werden und uns in die größte Gefahr bringen könne.
Dagegen wandte ich den unerschütterlichen Vorsatz Bonniers, dessen
heiße, grenzenlose Liebe ein, und brachte es endlich so weit, daß sie
mir versprach, in einigen Tagen das Kloster unter irgendeinem Vorwande
zu besuchen, um die nötigen Erkundigungen wegen der Narelli einzuziehen
und mir den Erfolg alsdann mitzuteilen, weiter würde sie sich aber auch
in nichts einlassen, denn sie habe keine Lust, der heiligen Inquisition
in die Hände zu fallen und ihre Seligkeit auf das Spiel zu setzen; die
Sünde, eine Braut Christi zu verführen, sei die größte von allen, die
der Papst selbst nicht einmal vergeben könne.

Mit diesen schlimmen Aussichten mußte ich sie verlassen; ich teilte sie
Bonnier bei meiner Nachhausekunft mit, der um so untröstlicher wurde, da
ihm auch die Hoffnung, das Innere des Gartens zu sehen, gänzlich
fehlgeschlagen war. Die Äbtissin wollte zwar anfänglich die Erlaubnis
dazu geben, als sie aber hörte, daß der Fremde ein Franzose und gar ein
Offizier sei, verbot sie dem Gärtner bei Strafe des Wegjagens und des
Bannes, ihr je wieder einen ähnlichen Antrag zu machen; dieser war weder
durch Versprechungen noch durch Geschenke zu irgend etwas zu bewegen und
die Unternehmung jetzt viel schwieriger, da man gewiß schon aufmerksam
geworden war. Eine Ewigkeit schienen Bonnier die wenigen Tage, in denen
die Cesarini das Kloster besuchen sollte; er strich während der Zeit wie
gewöhnlich von Sonnenaufgang bis Mitternacht um dasselbe herum, jedoch
in Bürgertracht verkleidet, mit abgeschorenem Schnurrbart und eine
Perücke auf dem Kopf, was ich ihm geraten hatte, um sich unkenntlich zu
machen. Endlich kam der Tag heran, an dem ich Antwort von der Cesarini
haben sollte; ich selbst konnte kaum die Stunde erwarten. Sie war
wirklich dagewesen und hatte zur Ausrede genommen, eine alte Bekannte
ihrer verstorbenen Großmutter, die in diesem Kloster war, wegen einiger
Familienangelegenheiten zu besuchen. Der guten alten Schwester wußte sie
auch trefflich einen blauen Dunst vorzumachen, sie wurde sehr
gesprächig, erzählte viel und mancherlei; endlich brachte sie die
Cesarini auch auf die jungen Schwestern und auf die Narelli, an der sie
besonderen Anteil zu nehmen affektierte, und sie vermochte Beatrice (so
hieß die Alte), sie ins Sprechzimmer zu bringen und der Narelli
vorzustellen. Dort knüpfte sie mit dem jungen Mädchen ein ziemlich
vertrauliches Gespräch an, ließ sich von ihr die Zeremonien ihrer
Einkleidung erzählen, welche diese mit mancher unterdrückten Träne
vortrug; endlich kam sie auch auf ihr Klosterleben und auf die vor
einigen Tagen stattgehabte Prozession nach der Santa Scala. Mit Willen
ließ sich die Cesarini auch die kleinsten dabei vorgefallenen Umstände
berichten, und die Nonne sagte ihr, daß sie zum erstenmal in ihrem Leben
bei dieser Gelegenheit Franzosen gesehen, die ihr außerordentlich
gefallen hätten (dies begleitete sie mit einem tiefen Seufzer);
besonders der eine schien ein sehr guter Mensch gewesen zu sein und habe
sie unaufhörlich angesehen. Auch sie habe nicht umhin gekonnt, manchmal
nach ihm zu blicken und sei dadurch in ihrem Gebete etwas gestört
worden; indessen hoffe sie, daß ihr die Madonna diese Sünde vergeben
werde, sie sei so schon unglücklich genug; sie sprach noch ferner und
viel von uns, und zwar so, daß die Cesarini deutlich merkte, daß auch
sie von derselben Leidenschaft wie Freund Bonnier gequält wurde, nur
schien es der Cesarini, daß nicht dieser, sondern ich der Gegenstand
sei, der ihr Herz erfüllte; doch konnte sie darüber keine vollkommene
Gewißheit erlangen. Sie versprach, sie wieder zu besuchen, und entfernte
sich, ihr ein herzliches Lebewohl wünschend; die Alte begleitete sie bis
an die Treppe, die Äbtissin war nicht sichtbar. Ich erzählte meinem
Freunde alles Wort für Wort wieder, bis auf den letzten Umstand, den ich
ihm zu verschweigen für nötig erachtete. Er schwamm in Entzücken und
glaubte sich schon im Besitz der Geliebten. Unter Plänen und Projekten
brachte er abermals die Nacht zu.

Noch einmal gelang es meiner Überredungskunst, die Cesarini ins Kloster
zu persuadieren, um die Denkungsart der Narelli und ihre Meinung über
eine Klosterentführung so beiläufig und nur von weitem zu erforschen.
Sie sprach dieselbe abermals und glaubte bemerkt zu haben, daß das
Mädchen, wiewohl mit einiger Mühe, dazu zu bewegen sei, beteuerte mir
aber zu gleicher Zeit, daß sie nun ein für allemal nichts mehr mit
dieser Sache zu schaffen haben wollte und daß, wenn ich nur noch einen
Funken von Liebe für sie fühle, ich sie mit allen ferneren Auf- und
Anträgen der Art verschonen möchte; auch würde sie auf den Fall, daß die
Sache zur Ausführung käme, darin verwickelt werden, wenn sie noch ferner
Besuche im Kloster machte, welches natürlich einen dringenden Verdacht
auf sie werfen müsse. Die Wichtigkeit dieses Grundes sah ich nur
allzugut ein und hätte um keinen Preis der Welt der mir so teuern
Cesarini die geringste Unannehmlichkeit verursachen mögen. Doch schlug
sie folgenden Ausweg vor, der mir auch der einzige und beste schien:
Eine junge Französin, die sich bei einer ihrer Freundinnen seit einiger
Zeit aufhalte und der italienischen Sprache vollkommen mächtig sei,
müsse man in das Geheimnis ziehen; auf ihre Verschwiegenheit dürfe man
bauen, diese habe man erprobt, und in Religionssachen sei sie eben auch
nicht sehr skrupulös; ich solle selbst mit ihr reden, und dann wolle sie
durch Aufträge an Beatrice ihr den Eingang ins Kloster verschaffen, käme
dann die Entführung zustande, so könnte sie sich zugleich mit entführen
lassen, und alle Schuld fiel alsdann auf sie. -- Ich bewunderte
meiner Freundin Scharfsinn, sowie ich über ihre sonderbare
Gewissensängstlichkeit staunte, da sie sich ganz unschuldig glaubte,
wenn sie nur nicht selbst Hand ans Werk legte, dabei aber die
trefflichsten Ratschläge zur Vollbringung desselben erteilte. Noch
erfuhr ich von ihr, daß auch nahen Anverwandten männlichen Geschlechts
der Eingang in das durch ein Gitter getrennte Sprechzimmer gestattet
sei, um ihre Schwestern, Töchter oder Cousinen zu sprechen, jedoch nur
im Beisein und unter der Aufsicht älterer, eigens dazu bestimmter
Nonnen. Wenn wir uns also für Anverwandte der Narelli aus Pesaro
ausgäben, uns gehörig verkleideten und unkenntlich machten, so könnten
wir wohl selbst einigemal mit ihr reden, natürlich müsse sie aber auf
alles erst durch die Französin vorbereitet sein und einwilligen. --
Diese unerwartete Entdeckung überraschte mich sehr und machte mir viele
Freude; nun erst fing ich an, an die Möglichkeit einer Entführung zu
glauben, die ich bis jetzt immer bezweifelt hatte. -- Als ich Bonnier
dies alles mitteilte, war er ganz außer sich, nannte mich einmal über
das andere seinen besten Freund, für den er jeden Augenblick das Leben
lassen wolle, packte mich beim Kopf und küßte mich, so daß ich Mühe
hatte, mich seiner gewaltigen Zärtlichkeit zu entziehen. Demoiselle
Lenier, so hieß die Französin, wurde nun durch die Cesarini zur
Vertrauten gemacht, und sie gab sich nicht nur sehr gerne zu allem her,
sondern das Abenteuer schien ihr sogar viel Vergnügen zu gewähren, und
was die Sünde sowie die Verdammnis jenseits anbelangte, so wollte sie
die Verantwortung und die Schuld herzlich gern auf sich nehmen, -- sie
war eine Pariserin! --

Sowohl ich als Bonnier hatten nun öfters Unterredungen mit der Lenier,
wo wir uns gegenseitig unsere Meinungen und Gedanken mitteilten. Endlich
kam der Tag, wo sie zum erstenmal ins Kloster fuhr, um sich ihrer
fingierten und wirklichen Aufträge zu entledigen. -- Es ging alles
glücklich vonstatten, sie sprach nicht nur Beatrice, sondern auch die
Narelli, und zwar lange und viel, und ließ sie merken, daß sie jene
Offiziere kenne und öfters spräche und daß der eine von ihnen, wie es
schien, in eine junge Nonne dieses Klosters sterblich verliebt sein
müsse; dies brachte sie scherzend und lachend hervor, indem sie ihn
einen Narren schalt, der sich ohne die mindeste Hoffnung, den geliebten
Gegenstand je wieder zu sehen, so unsinnig verlieben könne. -- Die junge
Nonne wurde dabei blutrot, was die Lenier bemerkte und sie sogleich,
ebenfalls scherzend, damit aufzog, indem sie ihr geradezu sagte, es
schiene, als sei auch sie nicht gleichgültig bei dieser Erzählung; sie
sprach ihr nun Mut und Trost ein und wußte sich schon bei diesem ersten
Besuch ganz in ihr Vertrauen einzuschleichen, so daß jene sie sehr
dringend bat, doch ja bald wiederzukommen und sie oft zu besuchen, was
die Lenier denn auch recht gerne versprach.

Beim zweiten Besuche, den die Lenier zu St. Ursula machte, rückte diese
näher mit der Sprache heraus und sagte zu Angelika (dies war der Narelli
Klostername), daß, wenn es ihr Vergnügen mache, die beiden Offiziere
noch einmal zu sehen, so könne schon Rat dazu werden, sie müsse sich
aber um Himmelswillen nichts merken lassen und äußerst verschwiegen
sein. Angelika schien anfänglich über den Vorschlag zu erschrecken,
konnte jedoch zu gleicher Zeit ihre Freude darüber kaum verbergen und
fragte nun, wie dies wohl möglich sei. -- Die Lenier gab ihr allen
erforderlichen Aufschluß und sagte, sie würden sich als ein paar nahe
Anverwandte aus Pesaro bei ihr anmelden lassen und so verkleidet im
Sprechzimmer erscheinen, dann müsse sie aber auch die Unbefangene so gut
als möglich spielen und die neuen Vettern wie alte Bekannte mit
Herzlichkeit empfangen. Angelika meinte, das sei eine schwere Aufgabe,
aber die Lenier sprach ihr Mut ein und gab ihr die gehörigen
Instruktionen, so daß nach manchen Unterredungen mit jener sie
einwilligte, uns zu sehen und auf alles gefaßt zu sein versprach. -- Um
die Sache noch leichter zu machen, waren wir überein gekommen, daß wir
uns als junge, angehende Geistliche aufführen lassen wollten, welche auf
einige Zeit nach Rom gekommen seien, um sich Protektoren wegen baldiger
Beförderung zu verschaffen und angesehene Bekanntschaften aus der
höheren Geistlichkeit zu machen. -- Endlich war der verhängnisvolle Tag
herangekommen, an dem wir die heiligen Mauern betreten sollten. Schon
den Tag vorher hatten wir uns als Angelikas Vettern bei der Frau
Äbtissin anmelden lassen, und die elfte Stunde vormittags war zu unserem
Empfang bestimmt. In aller Frühe eilten wir zur Lenier, wo wir unsere
neuen Uniformen vorfanden, welche diese nach einem ungefähren Maß für
uns hatte verfertigen lassen, indem sie dem Schneider sagte, sie seien
zum Geschenk für ein paar junge Geistliche in Civita-Vecchia bestimmt.
Wir kostümierten uns mit Hilfe der Lenier, sahen einander an und
lachten; mein Kamerad hatte seinen Bart abrasiert, was bei mir noch
nicht nötig war, und wir fanden uns in den geistlichen Kleidern ganz
bequem; als wir angekleidet waren, erschien auch die Cesarini. Sie
lachte zwar, äußerte aber zugleich, sie wolle nichts davon wissen, wir
seien die größten Sünder, die es je gegeben. Endlich rollte der Wagen
vor, der wohl verschlossen war; wir stiegen ein, und man wünschte uns
eine glückliche Reise. Unterwegs stellten wir allerlei Betrachtungen an,
unter anderen auch, was man wohl mit uns anfangen werde, wenn man uns
erwischte und für das erkennen würde, was wir wirklich seien. Bonnier
meinte, dann würden wir ohne weiteres der heiligen Inquisition
überliefert und verbrannt werden, ich aber glaubte, wir würden als
Franzosen wohl glimpflicher davonkommen, besonders da wir einem Kaiser
angehörten, der Geniestreiche liebte und deren selbst täglich ausführe,
genug, ich war von der muntersten Laune der Welt, denn das Abenteuer
fing an, mir das größte Vergnügen zu machen. Doch hatten wir uns auf
alle Fälle jeder mit ein paar scharf geladenen Terzerolen versehen. --
Unter diesen und ähnlichen Gesprächen gelangten wir an die Pforten der
Wohnung der heiligen Jungfrauen. Der Wagen hielt an, wir stiegen recht
ehrenfest heraus und klingelten. Die Tür drehte sich knarrend in ihren
Angeln. -- Husch waren wir drin, und die Falle hinter uns fiel zu. --
Daß mir in diesem Augenblick ganz sonderbar zumute war, will ich nicht
leugnen, auch mein bis über die Ohren verliebter Freund schien etwas
betreten. Dies gab uns aber gerade ein gewisses frommes und schüchternes
Ansehen, was uns in diesem Augenblick sehr gut zustatten kam, und die
Schwester Pförtnerin führte uns durch lange, düstere Gänge, graue Hallen
und enge Stiegen hinauf in das Sprechzimmer, wo sie uns warten hieß,
indem sie sagte, sie gehe, uns der Frau Äbtissin zu melden. Diese war,
nach ihren Äußerungen, von der Absicht unseres Besuches schon
unterrichtet und wußte, daß wir der Narelli Anverwandte seien.

Wir waren jetzt allein und hatten Zeit, das Sprechzimmer zu besehen, uns
vorzubereiten und unsere Betrachtungen anzustellen. Daß die Äbtissin
selbst kommen würde, wie es schien, war uns eben nicht sehr angenehm;
wir fürchteten, da man sie uns als eine sehr schlaue Frau geschildert
hatte, durch ihre Fragen in Verlegenheit zu kommen. Jetzt hörten wir
Tritte, eine Tür jenseits des Gitters wurde geöffnet, und vier
verschleierte Nonnen traten ein, von denen sich jedoch die eine, die
Pförtnerin, sogleich wieder entfernte; die übrigen drei traten nahe ans
Gitter. Wir erkannten bald Angelika und zwei ältere Schwestern; die
Äbtissin war zu unserer großen Freude nicht dabei. Ich redete erstere
sogleich mit »_carissima cugina_« an, schüttete eine Tasche voll
Empfehlungen von ihren Eltern und Geschwistern zu Pesaro aus, so daß
niemand zu Worte kommen konnte und mein verlegener Freund sowohl wie
Angelika Zeit gewannen, sich zu sammeln. Anfangs konnte das schöne,
fromme Kind nichts anderes als si und no stammeln, bald aber wurde ihr
die Zunge etwas geläufiger, und sie fing an, sich nach ihren
Anverwandten zu Pesaro zu erkundigen, was ich so gut als möglich
beantwortete; endlich hatte Bonnier auch ein Herz gefaßt und knüpfte
eine Konversation an. Ich nahm die Gelegenheit wahr und unterhielt mich
recht eifrig mit den beiden anderen Damen von himmlischen und irdischen
Dingen und wußte sie so gut zu amüsieren, daß sie weder von den Worten
noch von den Blicken etwas gewahr wurden, welche man auf der anderen
Seite wechselte; mir aber war es nicht entgangen, daß das Briefchen,
welches Bonnier schon seit vierzehn Tagen dreißigmal umgeschrieben,
glücklich durch das enge Gitter in Angelikas niedliche Händchen passiert
und von dieser schnell unter dem Busenschleier verborgen ward. Über eine
gute Stunde waren wir bereits da, als ich meinem Freund durch Zeichen
und Worte zu erkennen gab, daß es nun Zeit sei, sich zu entfernen. Wir
empfahlen uns den frommen Schwestern bestens, welche uns ihren
reichlichen Segen mit auf den Weg gaben und unseren gottesfürchtigen
Vorsatz, recht fromme Geistliche zu werden, über die Maßen lobten, uns
auch baten, den Besuch recht bald zu wiederholen, was wir gerne
versprachen. -- Noch einen Blick auf Angelika, und wir waren zum
Sprechzimmer hinaus, wo uns die Pförtnerin empfing und bis vor die
äußeren Klosterpforten geleitete.

Freund Bonnier schwamm abermals in Entzücken und beteuerte wiederholt,
er müsse Angelika besitzen und wenn er, ein zweiter Nero, das Kloster
und ganz Rom in Brand stecken solle. -- »So arg wird es hoffentlich
nicht werden,« fiel ich ein und bat ihn, mir zu sagen, wie weit er mit
ihr gekommen sei. Hierauf erzählte er mir, was ich schon wußte, nämlich
daß er das Billett glücklich angebracht, aber mündlich nur mehr im
allgemeinen gesprochen und es nicht gewagt habe, ihr eine förmliche
Liebeserklärung zu machen, aus Furcht, die anderen hätten etwas merken
können, morgen aber müsse die Lenier ins Kloster, um die Wirkung zu
erfahren, welche unser Besuch und der Brief gemacht habe, und demnach
die weiteren Vorkehrungen so bald als möglich zu treffen. Bei unserer
Zurückkunft trafen wir die Damen an, welche uns mit der gespanntesten
Neugierde erwartet hatten, um das Resultat unseres Besuchs zu erfahren,
das wir bis jetzt selbst noch nicht wußten. Es wurde nun einstimmig
beschlossen, daß Mademoiselle Lenier den kommenden Morgen dahin fahren
sollte, um sich davon zu unterrichten. Wir wechselten unsere Kleider und
ritten gegen Abend auf den Korso; um allen möglichen Verdacht zu
vermeiden, waren wir übereingekommen, daß weder Bonnier noch ich uns
wieder in Uniform in der Nähe des Klosters dürften blicken lassen. Den
Tag darauf erwarteten wir die Lenier mit eben der Ungeduld, als sie uns
gestern erwartet hatte; es war beinahe Mittag, als sie zurückkam und
Bericht über ihre Ambassade erstattete.

Alles stand zum Besten, man hatte nicht den geringsten Verdacht auf uns
geworfen, die alten Schwestern waren von mir und die junge Nonne von
Bonnier entzückt. Letztere hatte lange und viel mit der Lenier
gesprochen und sich so gut wie zu allem bereit erklärt; diese
versicherte uns, daß, wenn wir noch einige Besuche machten, die Sache
mit Angelika gewiß in Richtigkeit sein würde, auch habe sie ihr
zugeredet, doch einige Zeilen an ihren Freund zu schreiben und ihm
solche bei der nächsten Zusammenkunft zu übergeben, was sie ihr nach
einigem Sträuben endlich versprochen. -- Genug, es ging bis jetzt alles
nach Wunsch, wir wiederholten unseren Besuch, so oft es möglich war,
ohne Argwohn zu erregen, in der geistlichen Tracht, und ein vollkommenes
Einverständnis sowie ein regelmäßiger Briefwechsel zwischen Angelika und
Bonnier war bald hergestellt, und ebenso schnell waren beide Liebende
einig. Angelika willigte in alles, und jetzt war nur noch die
Schwierigkeit, die Entführung aus dem Kloster zu bewerkstelligen, was
freilich keine leichte Aufgabe war. Doch welche löst nicht Liebe und
List? -- Daß das Entkommen aus dem Kloster über die Gartenmauern
vollbracht werden müsse, darüber waren alle einig, sowie daß dies nur
kurz vor oder nach Mitternacht geschehen könne. Wegen der ungeheuren
Höhe dieser Mauern sei dies auf jeden Fall eine halsbrechende Arbeit,
deren Gefahr die Finsternis der Nacht noch vergrößere; indessen war dies
unsere Sorge und mein Plan schon gemacht. Die größere Schwierigkeit
bestand darin, wie Angelika durch drei Türen, welche zum Garten führten
und jeden Abend wohl verschlossen und verriegelt wurden, gelangen könne.
-- Aber auch dafür erdachte die erfinderische Liebe bald Hilfe. Angelika
mußte die Größe und Form aller dieser Schlüssellöcher in Wachs
abdrücken, und wir ließen fünf Hauptschlüssel verfertigen, mit denen sie
die Türen öffnen und so den Weg in den Garten finden sollte. Um das
Übersteigen der Mauern möglich zu machen, ließ ich in Civita-Vecchia,
wohin ich selbst ritt, Strickleitern verfertigen und kaufte Seile auf,
denn außerdem, daß man schwerlich solche hohe Leitern gefunden hätte,
wie sie hierbei erforderlich waren, würde deren An- und Herbeischaffung
auch weit mehr Umstände und Verdacht verursacht haben.

Diese Strickleitern mußten nun auf eine solide Art auf der äußeren und
inneren Seite befestigt werden. Zu dem Ende hatte ich einen Franzosen
von der zu Civita-Vecchia liegenden Marine mitgenommen, welcher ein
Schlosser von Profession war (einem Italiener wäre hier nicht zu trauen
gewesen), der zu diesem Zweck einhundertundzwanzig sehr lange und starke
eiserne Haken geschmiedet hatte, die er bei Nachtzeit zuerst von außen
an der Mauer befestigen mußte, und zwar so, daß jedesmal in einem
Zwischenraum von dritthalb Schuhen drei dieser Haken nebeneinander
eingeschlagen wurden. Glücklicherweise waren die Mauern fast überall
dicht mit Efeu und anderen Gesträuchen bewachsen, und man konnte die
Eisen fast alle so anbringen, daß man, wenigstens bis zu einer
beträchtlichen Höhe, nichts davon wahrnehmen konnte. Natürlich mußte
sich der Mann mit Hilfe der Seile und seiner eingesetzten Haken
hinaufarbeiten, welches, je höher er kam, desto schwieriger wurde und
das umgekehrt auf gleiche Weise jenseits der Mauer bewerkstelligen, als
er oben angekommen. Zehn Nächte dauerte diese gefährliche Operation,
wobei jedesmal eine Stunde vor Mitternacht angefangen und eine Stunde
vor Sonnenaufgang geendet wurde. Während dieser ganzen Zeit standen
Bonnier und ich Schildwache in der Nähe und unsere Bedienten auf
Vorposten, um uns von dem geringsten Geräusch zu benachrichtigen; das
Kloster lag aber so einsam und abseits, daß wir auch keine lebende Seele
außer uns gewahrten. Als endlich alles so weit in Ordnung war, kamen wir
überein, daß wir acht Tage vor der zur Entführung bestimmten Zeit unsere
Abschiedsvisite im Kloster machen, sowie auch das Lazarett verlassen und
uns als Fremde in einem Privathause die letzte Zeit verborgen halten
müßten, damit man nicht sogleich Verdacht gegen uns haben könnte, indem
wir angeblich schon einige Zeit vorher abgereist waren. -- Dies alles
war in Ordnung, nur die Lenier besuchte noch fast täglich das Kloster,
um Angelika in ihrem Vorsatz zu bestärken und ihr Mut einzusprechen, da
sie, je näher der entscheidende Zeitpunkt heranrückte, desto ängstlicher
wurde. Endlich war die verhängnisvolle Nacht da, Angelika hatte noch am
Morgen ihrer Freundin versprochen, alles zu versuchen. Um elf Uhr hielt
ein Wagen mit vier Postpferden, in dem die Lenier saß, in der Nähe des
Klosters, um alle drei nach Civita-Vecchia zu bringen, von wo sie
sogleich mit einer segelfertigen Felukke nach Genua abgehen sollten,
wohin sich Bonnier Urlaub zu verschaffen gewußt. Angelika hatte
versprochen, mit dem Schlag Mitternacht in den Garten zu kommen; alle
Schlüssel waren ihr eingehändigt worden. Bonnier und der Marinesoldat
überstiegen die Mauern, ich blieb diesseits, um auf alles acht zu haben,
und die Bedienten standen wieder auf ihren Lauerposten. Schon lange
hatte die Klosterglocke Mitternacht geläutet, eine, zwei, drei Stunden
vergingen, und Angelika erschien nicht, der Tag fing zu grauen an, und
sie erschien noch immer nicht. Es war nun die höchste Zeit, an die
Retirade zu denken, -- schon fing es an, sich im Kloster zu regen.
Endlich gelang es mir, meinen der Verzweiflung nahen Freund zum
Zurücksteigen zu bewegen, nachdem ich selbst hinüber geklettert war, um
ihn zu holen, was mir nur durch die Vorstellung gelang, daß dies das
einzige Mittel sei, nicht alles zu verderben; ich würde noch heute die
Ursache von Angelikas Ausbleiben erforschen. -- Der Wagen wurde
heimgeschickt, und wir begaben uns in einem mißmutigen, sehr traurigen
Zustande in unsere Wohnung.

Daselbst angelangt, war mein erstes Geschäft, mit der Lenier Rücksprache
zu nehmen, wie man den Grund von Angelikas Nichterscheinen erfahren
könne. Die Sachlage war nun viel mißlicher geworden, gerne wäre ich mit
Bonnier ins Kloster geeilt, aber da wir schon Abschied genommen hatten,
war es nicht mehr möglich. Zum Glück war dies nicht der Fall mit der
Lenier; aber diese fürchtete, die ganze Intrige sei entdeckt, man habe
vermutlich Angelika auf der Tat ergriffen, und sie getraute sich nicht,
in das Kloster zu gehen. Bonnier geriet bei dieser Vermutung außer sich,
und ich hatte alle Mühe, ihn von tollen Streichen abzuhalten. Wir kamen
endlich überein, da auf die Cesarini gar kein Verdacht habe fallen
können, diese zu bitten, sogleich einen Besuch in dem Kloster zu machen;
aber auch sie war auf keine Weise dazu zu bewegen, indessen war sie wie
gewöhnlich mit vortrefflichem Rat bei der Hand und schlug vor, ihr
Kammermädchen mit einem Auftrag an Beatrice abzuschicken, wodurch man
alsbald erfahren würde, ob etwas Außerordentliches unter den Nonnen
vorgefallen sei; das Mädchen solle sich nur ganz unbefangen nach der
Narelli erkundigen, was um so eher tunlich, da wir verabredet hatten,
daß sie sich zwei Tage vor der beabsichtigten Flucht krank stellen und
das Bett hüten solle. Die Gesandte wurde abgeschickt, und wir blieben
sämtlich eine lange Stunde in der äußersten Spannung und Erwartung.
Endlich kam der Wagen zurück, wir eilten ihr entgegen, und sie konnte
uns nicht schnell genug berichten, daß nichts Besonderes vorgefallen
sei, aber daß die Narelli noch als krank im Bett läge und nach
Beatricens Versicherung wirklich sehr übel aussehe. Nun war uns allen
ein schwerer Stein vom Herzen, ich schrieb Angelikas Ausbleiben keinem
anderen Umstande als ihrer großen Ängstlichkeit zu und hatte recht; denn
als die Lenier von einem Besuch, den sie ihr auf unsere Bitten hatte
machen müssen, zurückkehrte, erzählte sie, daß das arme Mädchen jetzt in
der Tat unwohl sei und Fieber gehabt habe; sie sei zur bestimmten Stunde
durch die langen öden Klostergänge an die Pforten, welche nach dem
Garten führten, geschlichen, wobei sie schon unterwegs die tödlichste
Angst befallen habe, und als sie endlich bei der ersten angekommen, sei
es ihr unmöglich gewesen, das Schlüsselloch zu finden, und noch weniger
hatte sie Kräfte gehabt, den Riegel zurückzuschieben, nur mit der
größten Anstrengung habe sie sich wieder bis in ihre Zelle schleppen
können und sei fast ohnmächtig auf ihr Bett niedergefallen, wonach sie
den übrigen Teil der Nacht in einem beständigen Fieberschauer
zugebracht; sie sehe wohl ein, daß es ihr unmöglich wäre, das Vorhaben
auszuführen, sie würde einen zweiten Versuch wahrscheinlich mit ihrem
Leben bezahlen müssen. Nun war abermals guter Rat teuer; Bonnier wollte
verzweifeln. Verliebte verlieren gewöhnlich bei Widerwärtigkeiten alle
Besinnung, machen dann einen dummen Streich nach dem anderen, wenn sie
auch sonst Verstand und Scharfsinn besitzen.

Er wollte auf der Stelle zum Papst, sich Seiner Heiligkeit zu Füßen
werfen, alles eingestehen und um Angelikas Entbindung vom Klostergelübde
anhalten; nur mit vieler Mühe konnten wir ihm den unsinnigen Vorsatz
ausreden, indem wir ihm vorstellten, das wäre der gerade Weg, sie ohne
Rettung zu verlieren und ihr vielleicht gar zum Einmauern zu verhelfen.
Die unerschöpfliche Cesarini fand wieder einen Ausweg und meinte, man
würde es der Lenier schwerlich abschlagen, einige Tage bei ihrer kranken
Freundin zuzubringen und wohl auch einige Nächte an ihrem Bette zu
wachen, ihr von neuem zuzureden und mit ihr vereint in der wieder zu
bestimmenden Nacht das Kloster zu verlassen. Die Aufgabe wäre wirklich
für ein so junges, unerfahrenes Mädchen zu schwer gewesen, aber mit
Hilfe der mutigen und schlauen Freundin würde sie solche gewiß lösen;
denn es sei ein ganz anderes, wenn man bei solchen Unternehmen zu zwei
sei und sich einander Mut und Trost einsprechen könne. Auch diesen
Vorschlag fanden wir sehr zweckmäßig und überredeten leicht der Lenier
kleine Bedenklichkeiten. Sie eilte den kommenden Morgen wieder nach St.
Ursula, teilte den neuen Plan Angelika mit, die in der Tat schon wieder
auf dem Wege der Besserung war und herzlich gern einwilligte, in
Gemeinschaft zu fliehen. Nun mußte sie sich noch kränker stellen und
gewaltige Sehnsucht nach ihrer Freundin äußern; es gelang auch, von der
Äbtissin die Erlaubnis zu dem Aufenthalt der Lenier im Kloster sowie zu
den Nachtwachen zu erlangen, und täglich stattete sie uns Bericht über
den guten Fortgang der Sache ab; endlich wurde zum zweitenmal die Stunde
der Flucht bestimmt, alle Anordnungen wie das erstemal getroffen, und um
vier Uhr (elf nach unserer Uhr) stand wieder alles auf seinem Posten;
wir warteten wieder und warteten abermals vergeblich, der Tag graute
schon, als wir notgedrungen die zweite Retirade antraten.

Noch waren wir über das abermalige Ausbleiben in der größten Bestürzung
und erschöpften uns in Mutmaßungen, als die Lenier zu uns ins Zimmer
trat und das Rätsel löste. Beide Mädchen hatten um elf Uhr die Zelle
verlassen und waren bis an die innere Tür gekommen, die sie zu öffnen
versuchten, konnten aber den rechten Schlüssel nicht gleich
herausfinden, und während sie probierten und drehten, glaubten sie ein
Geräusch zu hören, liefen beide davon und in die Zelle zurück, wo sie
außer Atem ankamen und sich ganz erschöpft auf das Bett warfen; selbst
die Lenier hatte eine gewaltige Herzensangst gehabt, auch hätten mehrere
Nonnen heute morgen von einem Geräusche, was sie die Nacht gehört,
gesprochen. -- Ich machte ihr Vorwürfe und stellte ihr vor, daß man so
lange zaudern würde, bis alles entdeckt wäre, denn mit jedem mißglückten
Versuch werde die Gefahr größer. Dies sah sie wohl ein und versicherte,
sie würde die kommende Nacht gewiß entschlossener sein, sie habe
nochmals mit Angelika darüber gesprochen, beide sich wechselseitig über
ihre Furcht Vorwürfe gemacht und würden, es koste auch, was es wolle,
die Sache durchsetzen; sie müsse bald wieder zurück und habe die
Schlüssel mitgebracht, damit wir die letzte Tür von außen aufschließen
möchten und sie alsdann nur noch den Riegel wegzuschieben hätten; ferner
würden sie sich in große weiße Bettücher hüllen, damit im Falle die
anderen Nonnen etwas merkten, man sie für Gespenster halte und es nicht
wage, sich ihnen zu nähern. -- Dürfte man die große Klosterpforte,
welche auf die Straße führt, öffnen, so hätte man freilich weit weniger
Umstände, meinte die Lenier, doch dies sei zu gefährlich, weil die
Pförtnerin und noch ein Wächter in der Nähe schliefen. Sie fuhr abermals
ab, mit der kräftigsten Versicherung und dem heiligsten Versprechen, daß
diese Nacht oder nie die Geschichte beendigt und sie die Türen öffnen
würde. Wir alle und besonders ich, der ich anfing, der Sache herzlich
müde zu werden, wünschten ihr den besten Erfolg mit auf den Weg.

Es wurde Nacht, und wir begaben uns zum drittenmal auf unsere Posten,
überstiegen die Mauern, probierten die Schlüssel und sperrten endlich
das Schloß der äußeren Tür glücklich auf, doch der innere Riegel
verhinderte das Öffnen derselben; wir lauschten, hörten aber nicht das
mindeste Geräusch; schon verzweifelten wir an dem Kommen der Mädchen,
als wir ganz leise Schlösser aufgehen und Riegel zurückschieben hörten.
Bonnier bebte vor Verlangen und Entzücken, man kam näher, wir hörten
Tritte und endlich den Riegel der letzten Tür gehen, sie öffnete sich,
und -- beide Geister fielen uns halb ohnmächtig in die Arme. -- Wir
verloren indessen keine Zeit, sondern trugen sie in den Garten an den
Ort, wo die Strickleitern angebracht waren. Es war wahrhaftig keine
kleine Arbeit, die beiden Damen, eine nach der anderen, mehr tot als
lebendig über die himmelhohen Mauern zu bringen; die junge Pariserin,
welche zuerst den seltsamen Weg antrat, kletterte noch so ziemlich, aber
Angelika mußten wir einen Strick um den Leib befestigen und Bonnier und
ich nachhelfen, so daß wir nur jeder einen Arm für uns übrig hatten.
Doch wurde auch diese saure Arbeit, ob mit Gottes oder des Bösen Hilfe,
will ich hier nicht entscheiden, vollbracht, und wir standen in Zeit von
einer halben Stunde sämtlich jenseits des Gartens auf festem Boden,
warfen uns in den Wagen und jagten mit verhängtem Zügel über die
Engelsbrücke und durch das nach Civita-Vecchia führende Tor voran, die
beiden Bedienten zu Pferde hinterdrein und der Marinesoldat auf dem
Bock.

Als wir Rom eine Miglia weit im Rücken hatten, ließ ich halten, nahm
zärtlichen Abschied von Freund Bonnier, seiner Geliebten und der Lenier,
wünschte allen eine glückliche Reise, warf mich auf mein Pferd und
sprengte mit meinem Bedienten _ventre à terre_ durch Rom zurück nach
Albano, wo ich mich schon seit acht Tagen als _présent sous les armes_
gemeldet und fast jeden Morgen ein Stündchen zugebracht hatte. Bei
Tagesanbruch kam ich daselbst an, und schon gegen zehn Uhr wußte man
auch hier, daß die vergangene Nacht eine Nonne aus dem Ursulinerkloster
entflohen sei. Die Sache machte in der Hauptstadt der christlichen Welt
ein ungeheures Aufsehen, der heilige Vater schickte erst den
Kardinal-Staatssekretär nach dem Kloster, den Tatbestand zu untersuchen,
und fuhr dann selbst dahin. Alle Sbirren und Karabiniere wurden in
Bewegung gesetzt, St. Ursula förmlich geschlossen, Haussuchungen
veranstaltet, besonders in der Lenier Wohnung und bei ihren Hausleuten;
kurz, kein Mittel blieb unversucht, die Täter herauszukriegen und die
Entwichenen wieder zu erwischen, doch alles vergeblich, es kam nichts
heraus, und Angelika mit Bonnier waren bereits auf der hohen See in
Sicherheit. Man mußte sich damit begnügen, einen geistlichen Bannfluch
auf die Entflohenen und alle dabei beteiligten Verbrecher zu schleudern.
Alle möglichen Vorkehrungen wurden nun in sämtlichen Frauenklöstern
getroffen, damit dergleichen sobald nicht wieder passieren könne. (Wenn
das Brot gestohlen, schließt man den Schrein zu.) Die armen
zurückgebliebenen Nonnen mußten am meisten dadurch leiden, und die Frau
Äbtissin entging nur mit Mühe schwerer Strafe und der Absetzung. Alle
Schlosser, Maurer und Seiler Roms wurden scharf inquiriert, ob sie nicht
Haken, Seile und so weiter geliefert. Die Cesarini stand Todesangst aus,
doch ritt ich nach wie vor täglich zu ihr nach Rom. Von Bonnier erhielt
ich bald Briefe aus Genua, worin er mir seine glückliche Ankunft
daselbst meldete. --

An fünf Monate hatte ich nun schon in Albano und Rom recht unbekümmert
zugebracht und in den Tag hineingelebt, außer den erwähnten Intrigen
noch so manche kleine nebenher gehabt, namentlich auch mit einem
hübschen Albanermädchen, einer _giovan principiante_, und dies
Schlaraffenleben fing endlich an, mir langweilig zu werden, als mich
plötzlich eine sehr unangenehme Begebenheit, bei der ich wider Willen
und halb gezwungen eine aktive Rolle gespielt, aus demselben riß und ihm
ein tragikomisches Ende machte.

Gleich nach Ostern kam eine wandernde Schauspielertruppe nach Albano, um
daselbst Vorstellungen zu geben. Eines Morgens in aller Frühe besuchte
mich der Impressario derselben, um sich und sein Theater mir zu
empfehlen. Als Verehrer und womöglich Protektor aller dramatischen
Kunst, versprach ich ihm auch meinen besonderen Schutz, sowie zu tun,
was in meiner Macht stünde, seinem Unternehmen förderlich zu sein; ich
nahm ihm auch gleich ein paar Dutzend Billetts für einige Scudi ab. Der
Mann sah ärmlich und gedrückt aus, hatte eine fast kalabresische braune
Hautfarbe und einen ungeheuren Backenbart. Der Zufall oder mein Unstern
wollte, daß in diesem Augenblick gerade der Kapitän Caguenec, der mit
seiner Kompagnie in dem nahen Velettri lag, wo er Platzkommandant war,
zu mir kam, um mich zu einer Jagd einzuladen und mir zugleich
anzuzeigen, daß dieser Tage unser Bataillonschef Düret eine Rundreise
machen würde, um alle detachierten Kompagnien zu inspizieren. Er wollte
wissen, wer der so elendwild aussehende Mann sei. Ich teilte ihm das
Anliegen desselben mit, und wir fragten ihn, was er diesen Abend, es war
gerade ein Sonntag, aufzuführen gedenke.

»_Ah eccellenza illustrissima_,« erwiderte der Impressario, »wenn ich so
glücklich wäre, am Sonntag spielen zu dürfen, dann wäre mein Glück
gemacht.«

»Und warum dürfen Sie das nicht?«

»Seine Eminenz, der Herr Bischof-Kardinal, haben es bei Bann- und
Gefängnisstrafe verboten, man würde mir sogleich das Theater schließen;
auch dürfen keine Frauen auftreten, sondern alle Frauenrollen müssen von
Männern gespielt werden.«

Wir fanden dies sonderbar, besonders da doch in Rom selbst alle
weiblichen Rollen mit Frauen besetzt wurden, und machten dem Signor
Impressario diese Bemerkung, der aber nur mit Achselzucken antwortete.
Da man gerade das Frühstück auftrug, so lud ich den armen Teufel ein,
teil daran zu nehmen, was er mit großem Dank und freudig akzeptierte.
Wir waren zu fünf, denn Caguenec hatte seine Geliebte, ein artiges
Mädchen aus Velettri, mitgebracht, Leutnant Felix, mein Unterleutnant,
der Impressario und ich, und ließen uns das Frühstück und den
Albanerwein so trefflich schmecken, daß wir alle äußerst munter wurden
und, bis auf das Mädchen und ich, etwas in dem Dach _vulgo_ Kopf hatten;
Caguenec aber trank sich nach seiner löblichen Gewohnheit wieder einen
bösen Rausch an und war bald so _en train_, daß er übersprudelte; dieser
Mensch war mein böser Geist.

»Höre,« fing er beim Nachtisch an, »sage mir doch, wer ist denn
eigentlich hier Kommandant? -- Du oder der Bischof? -- So ein Pfaffe
sollte sich in Velettri unterstehen, zu verbieten, daß man am Sonntag
Komödie spiele, ich wollte ihm seine Bischofsmütze zurechtsetzen, daß er
daran denken sollte. Befiehl du nur, daß heute abend Komödie gespielt
werde, du hast das Recht dazu!«

Ich hatte auch den Kopf etwas warm, Felix noch mehr, er gab dem Caguenec
vollkommen recht, und wir sagten dem Impressario, er müsse diesen Abend
eine Vorstellung geben, was er jedoch abzulehnen suchte, sich mit dem
Verbot der geistlichen Behörde entschuldigend; das Mädchen pflichtete
ihm bei, sie meinte, der _poveretto_ würde ja ewig verdammt, wenn er
sich so etwas unterstünde. Caguenec wollte, daß wir zum Bischof gehen
und diesem befehlen sollten, seine Einwilligung zu geben; wir, die vier
Männer, fanden diesen Vorschlag vernünftig und machten uns nach dessen
Palazzo auf, wo aber der Impressario unten an der Tür stehen blieb,
während wir dessen Stufen hinaufeilten. Der Gang durch die Luft hatte
uns und besonders Caguenec noch mehr erhitzt, und die Köpfe glühten. --
Nachdem wir die Treppen hinaufgestürmt waren, begegneten wir einem
geistlichen Diener, den wir nach seinem Herrn fragten und ihm befahlen,
uns zu ihm zu führen, der Kommandant von Albano habe mit ihm zu
sprechen; dieser wollte uns erst melden, indem er sagte, er wisse nicht,
ob Seine Eminenz schon zu sprechen sei.

»Was sollen die Umstände,« fiel ihm Caguenec ins Wort, »für französische
Offiziere muß er immer zu sprechen sein!« Wir folgten alle drei dem
Diener auf dem Fuß in das Gemach, wo Seine Eminenz noch im tiefsten
Negligé auf einem Faulbett ausgestreckt Schokolade zu sich nahm.

Ohne alle weitere Entschuldigung brachte ich sogleich mein Gesuch vor,
aber der erschrockene Prälat gab mir nach einigen Augenblicken zur
Antwort, daß er unmöglich in dasselbe einwilligen könne, und schützte
geistliche Verordnungen vor.

»Was Verordnungen,« fiel ihm Caguenec ins Wort, »hier hat niemand etwas
zu verordnen als der Platzkommandant von Albano, und Sie haben sich um
das Messelesen und sonst um nichts und den Teufel um das Komödienspielen
zu bekümmern.«

»_Questo è vero_,« fiel ich ein und begehrte seine Einwilligung, damit
diesen Abend gespielt werden könne, schriftlich, wozu er sich aber
schlechterdings nicht verstehen wollte.

»Wer wird so viele Umstände mit dem Pfaffen machen!« rief jetzt
Caguenec, faßte die Eminenz, ehe wir's uns versahen, beim Kragen, riß
sie vom Ruhebett herab und schrie: »Pfaffe, jetzt schreib, oder es setzt
Hiebe.« Aber der arme Bischof schrie aus vollem Halse: »_Ajuto, ajuto,
son assassinato!_« Caguenec, wütend, versetzte dem geistlichen Herrn nun
derbe Püffe und Stöße mit geballter Faust, drei bis vier Diener sprangen
zwar ins Gemach, blieben jedoch vor Schrecken, als sie ihren Herrn so
behandeln sahen, unbeweglich an der Tür stehen. Endlich gelang es uns,
dem Leutnant Felix und mir, den tollen Caguenec von dem Kardinal
abzuhalten, den ich nun noch einmal ersuchte, das an ihn gestellte
Begehren zu bewilligen, indem er sich sonst noch größeren
Unannehmlichkeiten aussetzen würde. Jetzt gebot er einem seiner Diener,
ihm das Calamajo (Schreibzeug) zu geben, und schrieb nieder, daß er dem
Impressario für diesen Abend eine Vorstellung erlaube. -- Caguenec
sagte: »Warum tatest du dies nicht gleich, dummer Pfaffe, dann würdest
du dir die Püffe erspart haben.« -- Wir empfahlen uns, das Papier in der
Hand, dem Bischof einen _buon giorno_ wünschend, und zeigten es
triumphierend dem unten harrenden Impressario, der, ignorierend, wie wir
dasselbe erlangt hatten, darüber ganz entzückt war und uns ein
vortreffliches Schauspiel, >_I brigandi_< betitelt, versprach. Caguenec
und Felix gingen Arm in Arm zu dem nach Rom führenden Tor hinaus bis zu
dem Grabmal des Ascanius, wo sie sich niedersetzten und einschliefen,
während ich mich heim begab, um auf ein paar Stunden nach Rom zu reiten,
mir aber vornahm, zur Vorstellung der Brigandi wieder zurück zu sein.
Als ich in das Zimmer trat, sprang mir Caguenecs Geliebte entgegen, mich
fragend, wo ich ihren Capitano gelassen habe und wie die Sache
abgelaufen sei. Ich gab ihr über beides die gehörige Auskunft und fand
jetzt, daß Regina eine recht hübsche, schlanke Brünette sei und ein Paar
recht feurige, funkelnde Augen habe, was ich vorher gar nicht
wahrgenommen. Ich ließ mich in ein Gespräch mit ihr ein und erfuhr, daß
sie die Tochter einer Uhrmacherswitwe in Velettri wäre, die einige Wein-
und Obstgärten daselbst besaß, in denen sie zufällig Caguenecs
Bekanntschaft gemacht und er ihr den Antrag gestellt, sie als seine
Geliebte zu unterhalten, worin ihre Mutter auch eingewilligt, da er viel
versprochen habe und ihre Umstände nicht die glänzendsten seien; bis
jetzt aber habe er von den Versprechungen keine gehalten, außer Nahrung
und Wohnung habe sie noch nichts von ihm bekommen und ihm doch ihre
Jungfrauschaft gebracht, dazu sei er noch obendrein sehr oft _imbriaco_,
da hätte sie denn ihre liebe Not mit ihm, sie habe sich schon die
unsäglichste Mühe gegeben, ihm diese Sünde abzugewöhnen, aber
vergeblich, öfters komme er in einem solchen Zustand heim, daß er sich
ganz angekleidet auf das Bett fallen lasse und ohne sich zu rühren bis
zum anderen Morgen schlafe.

Die naive Einfalt, mit der mir Regina diese Erzählung machte, brachte
mich zum Lachen. Ich nahm sie in meinen Arm, küßte sie und sagte zu ihr,
es sei gewiß recht fatal, daß der Mann einen so festen Schlaf habe. --
»Freilich,« erwiderte sie, »und das Fatalste ist, daß ich dabei nicht
einschlafen kann.« -- »Du mußt dich dafür rächen und entschädigen,«
versetzte ich ihr, sie auf meinen Schoß ziehend. -- »Ei, das möchte ich
wohl, wenn ich nur Gelegenheit dazu hätte.« -- »Oh, die soll sich leicht
finden,« meinte ich, küßte das schon glühend werdende Mädchen recht
innig, verriegelte die Stubentür und zog sie in mein anstoßendes
Schlafgemach. -- Nach einer halben Stunde verließen wir dasselbe wieder,
und um bei Caguenec allen Verdacht zu vermeiden, schwang ich mich auf
mein Pferd und ritt zum Tor hinaus, der Landstraße nach Rom zu, wo ich
die beiden Schläfer noch an Ascanius' Mausoleum schnarchend fand, sie
mit einem lauten Hallo aufweckte und ihnen verkündete, daß ich nach Rom
reite, dem Caguenec lachend zurufend: »Du bist mir ein sauberer Held,
deine Regina sitzt bei mir verlassen und seufzt und langweilt sich.«

»Himmelsapperment,« schrie Caguenec, sich die Augen reibend, »ich habe
ganz vergessen, daß ich die Hexe bei mir habe; höre, du wirst mir doch
keine Streiche gemacht haben, sonst könntest du mir leicht vor die
Klinge müssen.«

»Wo denkst du hin, ich habe mehr zu tun, als mich um deine Geliebte zu
bekümmern.«

»Wenn auch, ich kenne dich, du bist mir ein sauberer Zeisig.«

Ich sprengte indessen mit einem: »Albernes Zeug!« davon, suchte in Rom
die Vernetti auf, bei der ich über Mittag blieb und sie dann gegen Abend
in einem Wagen mit nach Albano nahm, damit sie der vom Impressario
versprochenen Extravorstellung beiwohnen könnte. Das war sie in jedem
Betracht, ich hatte noch nie so etwas gesehen. In einer Art Scheune war
eine Erhöhung von einigen Holzblöcken und Brettern gemacht und mit alten
Lumpen behangen, deren Farbe der beste Chemiker nicht mehr hätte
ausfindig machen können; einige abgerissene und davor gestellte
Baumzweige sollten einen Wald vorstellen. Und nun erst die Schauspieler!
Die Briganten in Kalabrien waren noch wie Fürsten im Vergleich mit
diesen gekleidet. Das Ärgste waren aber die rot- und schwarzbärtigen
Aktricen und deren Kostüme, schmutzige Tücher auf Poissardenart um die
Köpfe gewunden, Unterröcke um die Hüften hängend, welche hinten und vorn
so große Löcher hatten, daß man einen Kopf durchstecken konnte.
Zerrissene Hemdärmel und ein über das Hemd und den bloßen Hals
geworfenes lumpiges Tuch vervollständigten das Erbärmliche ihrer
Garderobe; diese vom Galgen gefallenen Burschen machten die zärtlichen
Liebhaberinnen. In den ersten Reihen des Publikums saßen Caguenec und
seine Geliebte, die Vernetti, ich, Felix, ein paar Lieferanten und so
weiter und dann noch einige zwanzig andere Zuschauer, Einwohner aus
Albano, aber kein einziges weibliches Wesen außer den beiden
angeführten. Der Herr Impressario hatte sich verrechnet, die Leute in
Albano waren zu devot, um eine Sonntagskomödie zu besuchen. Um den Saal,
eine Art Stall, zu füllen, ließ ich sämtlicher Mannschaft und den
Unteroffizieren der Kompagnie, die nicht im Dienst waren, Gratisbilletts
geben, für die ich zwei Scudi bezahlte. Nicht leicht wieder wird sich
eine solche Künstlergesellschaft und ein solches Publikum
zusammenfinden, und dennoch amüsierte ich mich, wenigstens eine
Zeitlang, königlich, denn die Geberden, Grimassen, Deklamationen,
Zärtlichkeiten und das Herumvagieren der Schauspieler mit Händen und
Füßen war über alle Maßen komisch-heroisch und possierlich; Blicke
warfen sie um sich, welche auch Steine zum Erbarmen, zum Schaudern und
zum Lachen hätte bringen können. Das Sujet des Stücks war schwer zu
erraten, Mord und Raub aber der Hauptinhalt. Wir blieben bis zur Hälfte
der Vorstellung, nahmen dann eine Cena ein, und Caguenec mit seiner
Dulcinea blieben über Nacht bei mir, an Zimmern und Betten fehlte es mir
ja nicht, ich hätte noch ein paar Dutzend solcher Paare beherbergen
können. Am anderen Morgen empfahlen sich meine Gäste, nachdem sie noch
gehörig gefrühstückt hatten, und gegen Abend brachte auch ich meine
junge Witwe wieder in ihre Wohnung zurück.

Drei Tage nach dieser Vorstellung, als ich eben im Begriff war, meinen
gewohnten Ritt nach Rom zu machen, fuhr eine Postchaise an meiner
Wohnung vor, aus der mein Bataillonschef Düret und sein Adjutant-Major
sprangen, die zu mir heraufstürmten. Ersterer begrüßte mich mit den
Worten: »_Voilà une belle affaire, que diable avez-vous fait?_« Er zog
dabei einen Bericht aus der Tasche, der den Vorgang bei dem Kardinal mit
den grellsten Farben aufgetragen enthielt und in dem zugleich von seiten
der päpstlichen Regierung auf die strengste Untersuchung und Bestrafung
angetragen wurde. Ich erzählte Düret den Zusammenhang der ganzen
Geschichte, der dann ausrief: »Das wird eine saubere Sauce werden,
_toujours ce diable de Caguenec_, aber über Sie wird das ganze Wetter
kommen, denn Sie sind hier Kommandant; der kommandierende General in
Civita-Vecchia ist sehr aufgebracht, und ich habe sogar den Auftrag von
ihm, nach Befinden der Umstände Ihnen sogleich _arrêts forcés_ zu geben.
Ich will indessen mein Möglichstes tun, diese unangenehme Sache so
glimpflich, als es tunlich, zu beseitigen, aber ganz mit heiler Haut
werden Sie nicht davonkommen.« Nachdem er ein Frühstück genommen, fuhr
Düret nach Velettri ab, um auch den Caguenec zu verhören, setzte dann
seine Inspektionsreise nach Biberno, Porto d'Anzio und so weiter fort
und kehrte nach Beendigung derselben nach Civita-Vecchia zurück.

Indessen war mir diese Sache nicht gleichgültig, ich teilte den Vorfall
der Cesarini mit, die mir den Rat gab, dem Kardinal einen Besuch zu
machen und mich bei ihm zu entschuldigen. Hierzu konnte ich mich aber
nicht entschließen, und während ich so zwischen dem, was ich zu tun und
zu lassen hätte, schwankte, kam eines Morgens der Kapitän Stahl an und
verkündete mir, daß er die Order habe, mich abzulösen, indem ich zum
dritten Bataillon, das noch in Genua lag, versetzt sei, und Düret
schrieb mir dazu, ich könne Gott und ihm danken, daß die Sache so
gelinde abgelaufen sei, der General habe anfangs durchaus auf einem
Kriegsgericht bestanden, und nur mit großer Mühe habe man ihn davon
abgebracht. -- So unangenehm mir auch diese Versetzung war, so wurde ich
denn doch jetzt von aller peinlichen Ungewißheit befreit, die mich seit
acht Tagen quälte. Ich erhielt meine Marschroute mit der Order, mich
sogleich an meinen neuen Bestimmungsort zu verfügen. Hier blieb nichts
übrig, als zu gehorchen. Nicht ohne Wehmut nahm ich von all meinen
Bekannten und den Familien in Rom, in deren Häusern ich so manche
Freude, soviel Annehmlichkeiten genossen und mit so liebenswürdiger
Liberalität aufgenommen worden war, Abschied. Torlonia, dem ich die
Ursache meiner Versetzung gesagt, antwortete, daß, wenn ich ihm den
Vorfall gleich mitgeteilt, er die Sache gewiß ausgeglichen haben würde
und es dann zu keiner Klage gekommen wäre. Aber wer sich meine Abreise
am meisten zu Herzen nahm, war die Cesarini, trotzdem ich sie in der
letzten Zeit so ziemlich gleichgültig behandelt oder doch sehr
vernachlässigt hatte. Sie wollte sich anfänglich gar nicht darein finden
und entwarf allerlei Pläne, mich nach Genua zu begleiten, daselbst zu
wohnen und so weiter. Ich hatte große Mühe, ihr die Unausführbarkeit
eines solchen Vorhabens begreiflich zu machen, und um sie einigermaßen
zu beschwichtigen, beschloß ich, noch acht bis zehn Tage inkognito in
Rom zu bleiben und dann, statt mich an die Marschroute zu halten, mit
Extrapost nach Genua zu reisen, wodurch ich beinahe einen ganzen Monat
Zeit gewann. Dies schien sie etwas zu beruhigen, aber nun machte sie mir
eine Eröffnung, die mich nicht wenig überraschte. Sie gestand mir
nämlich, daß sie in der Hoffnung sei und daß sie, seit sie mich kenne
und schon vorher, durchaus keinen vertrauten Umgang mit ihrem Gatten
mehr gehabt habe, daher nicht wisse, was dies noch für Folgen nach sich
ziehen könne; sie mache sich indessen gerade deshalb keine großen
Sorgen, denn der Herzog halte sich ja auch Mätressen und bekümmere sich
gar nicht um sie, auch könne sie es wohl veranstalten, ihre Niederkunft
geheim zu halten. Ich verkaufte jetzt mein Pferd, schaffte mir dafür
eine schon gebrauchte Kalesche an, indem ich einen Wagen, den mir
Gertrude zum Geschenk machen wollte, ausschlug, und brachte die wenigen
Tage, die ich noch in Rom war, fast ausschließlich in ihrer Gesellschaft
zu. -- Noch hatte ich die Trajanssäule nicht bestiegen, und als ich
diesen Wunsch äußerte, versetzte sie: »Das können wir ja noch zusammen
tun.« Bei der Ausführung dieses Planes fiel mir Madame Gasqui und die
Antoninsäule ein, bei deren Besteigen ich die erste Veranlassung zu
einer intimeren Bekanntschaft mit ihr gehabt. Als wir kaum oben waren,
sah mich meine Begleiterin plötzlich mit einem grellen Blick an und
sprach: »Wie, wenn ich mich da hinabstürzte, dann hätten auf einmal alle
Sorgen und alle Pein ein Ende.« -- »Sind Sie toll,« fiel ich ihr ins
Wort und faßte sie schnell am Arm, sie sah mich aber nur lachend an und
sagte: »Habe keine Angst, so weit ist es noch nicht, wenigstens müßtest
du dich mit mir hinabstürzen wollen.« -- »Dazu spüre ich noch keine
Lust,« erwiderte ich ihr, »es wäre ein dummer und nicht einmal gewisser
Tod, ich will doch zehnmal lieber durch eine Kugel fallen.« Ich umfaßte
und küßte sie und machte, daß wir bald wieder hinabkamen.

Am Abend vor meiner Abreise fand sich Gertrude zum letztenmal bei mir
ein und brachte die Nacht bis zwei Uhr morgens mit mir zu, mir zum
ewigen Andenken eine über vier Schuh lange Locke von ihrem schönen Haar
und einen goldenen Ring gebend, auf dem das Kolosseum, wo wir so manche
trauliche Stunde zugebracht hatten, in Mosaikarbeit abgebildet war;
andere prächtigere Geschenke hatte ich mir durchaus verbeten. Ich führte
sie endlich in ihre Wohnung zurück, wo ich ihr den letzten langen
Abschiedskuß in ihrem Schlafgemach gab und sie in Tränen gebadet
verließ. -- Ihre letzten Worte waren: »_Non dimenticarmi!_« Ich
erwiderte, daß ich hoffe, sie bald wiederzusehen. Ich hatte ihr
versprochen, mein Möglichstes zu tun, um wieder meine Versetzung zum
ersten, im Kirchenstaat liegenden Bataillon zu bewirken, was ich mir
auch vornahm.

Um vier Uhr morgens hatte ich die Pferde bestellt, als aber der Wagen
vorfuhr, sah ich statt der alten Kalesche, die ich gekauft, einen ganz
eleganten modernen Reisewagen, und als ich meinen Burschen fragte, was
dies zu bedeuten habe, gestand mir derselbe, daß diese Verwechslung
gestern nachmittag auf die dringende Bitte einer Dame geschehen sei, die
ihm zu gleicher Zeit ein Geschenk von zehn Zechinen gemacht und ihm
dabei gesagt habe, der Wagen komme aus so lieben Händen, daß er seinem
Herrn die größte Freude, die man ihm heimlich zu machen wünsche,
verursachen würde. Zugleich stellte mir der Bursche noch ein
Schlüsselchen zu, das zu einem Wagenkistchen gehöre, was außerdem noch
versiegelt war. Hier blieb nichts übrig, als mich des Geschenks zu
bedienen, von dem ich wohl denken konnte, wo es herkam. Der Koffer war
gepackt, die Pferde angespannt, meine Kalesche fort, und ohne die
splendide Geberin zu beleidigen und tief zu kränken, konnte ich das
Geschenk nicht wohl zurückschicken. Ich stieg in den Wagen, befahl dem
Postillon, im starken Trabe davon- und zur Porta Popolo hinauszufahren
und warf mich, tief in meinen Mantel gehüllt, in den Hintergrund des
Wagens, über die seltsamen Wege des Schicksals meditierend, Rom mit
Bedauern verlassend, ohne mich noch einmal nach der ewigen Stadt
umzusehen, in der ich so viele Freuden genossen, deren Erinnerungen ich
nun an meiner Phantasie vorübergehen ließ.



                                  IV.

     Reise über Florenz nach Genua. -- Ankunft zu Florenz. -- Eine
    Überraschung. -- Ein Abenteuer. -- Die Kathedrale San Maria del
    Fiore. -- Die mysteriösen Schönen. -- Lady Mary. -- Das Arnotal.
       -- Die schönen Strohflechterinnen. -- Abreise nach Genua.


Da ich als Partikulier und nicht als Militär, das heißt, wenigstens
nicht nach meiner Marschroute reiste, die mir volle fünfunddreißig Tage
bis zu meiner Ankunft in Genua gestattete, so hatte ich beschlossen,
meinen Weg über Florenz zu nehmen.

In Siena verweilte ich einen Tag, um mich auszuruhen, und fuhr mit
einbrechender Nacht nach Florenz ab, wo ich noch lange vor Tag ankam und
Mühe hatte, das dienende Personal eines Gasthofs aus dem Schlaf zu
wecken, um mir ein Zimmer anweisen und eine erquickende Schokolade
bereiten zu lassen. Letzteres versteht man nirgends so gut als in
Italien. Ich hatte mir vorgenommen, vierzehn Tage bis drei Wochen in
Toscanas schöner Hauptstadt zuzubringen, da ich durch mein schnelles
Reisen diese Zeit vollkommen wieder einbringen und jedenfalls zu dem auf
der Marschroute bezeichneten Zeitpunkt in Genua eintreffen konnte.
Nachdem ich ein paar goldene Morgenstunden verschlafen, ließ ich meinen
Koffer und auch das verschlossene und versiegelte Wagenkistchen auf mein
Zimmer bringen, das zu öffnen ich bis jetzt noch keine Muße gefunden
hatte, da die Sehenswürdigkeiten Sienas alle meine Zeit daselbst in
Anspruch nahmen. Ich entsiegelte und schloß das Kästchen auf und war vor
Verwunderung starr, als ich es mit der feinsten Battistwäsche,
gestickten Taschentüchern und Hemden angefüllt fand. Oben lag ein in
rosenfarbiges Seidenpapier gewickeltes Portefeuille von blauem Samt, auf
dem mit Perlen Gertrudens Namenszug von einem Blumenkranz umgeben
gestickt war. Als ich dasselbe öffnete, fiel mir ein auf Velinpapier mit
Goldrand geschriebenes Briefchen in die Hand, das mit einer
Brillantnadel, mit einem von Rubinen umfaßten prächtigen Solitär,
zugesteckt war. Ich nahm die Nadel herunter, entfaltete es und las:

   >Carissimo Fernando!

   Nimm dies kleine Geschenk als ein Andenken von mir und der
   unvergeßlich seligen Stunden, die ich mit Dir zubrachte, gütig auf;
   wohin Dich auch immer die Verhältnisse und des Schicksals Wege
   führen mögen, gedenke Deiner Dich so innig liebenden Freundin in
   Rom. Sie hat erst zu lieben begonnen, als sie Dich kennen lernte,
   vergiß sie nicht, dies würde sie unglücklich machen, gieb mir
   wenigstens einmal jeden Monat Nachricht, die Du mir durch die mit
   Dir verabredete Adresse zukommen lassen kannst. Deine Briefe werden
   mir mindestens ein Schattentrost sein. Deine Abwesenheit macht mein
   Leben zur Einsamkeit und es wird traurig genug dahinfließen, nur
   Nachrichten von Dir können mir einige heitere Augenblicke gewähren.
   Lebe wohl, sei glücklich und vergiß nimmer Deine Dich bis zum
   letzten Atemzug liebende Gertrud.<

Schreiben an zurückgelassene Geliebte war meine Sache sonst nicht; aber
hier mußte ich doch eine Ausnahme machen, antwortete ihr sogleich und
meldete ihr meine glückliche Ankunft in Florenz. Während ich schrieb,
packte mein Bedienter das Kistchen aus, plötzlich rief er: »Ach, sehen
Sie doch, Herr Leutnant, was da für ein schönes Kästchen ist,« ich
drehte mich um und erblickte eine wunderschön gearbeitete Schatulle von
Ebenholz mit Perlmutter und Silber ausgelegt, an der ein goldenes
Schlüsselchen an einem himmelblauen Bande herabhing. »Wie schwer es
ist,« sagte der Bursche, mir es darreichend, ich öffnete es und fand zu
meiner nicht geringen Verwunderung das sehr wohlgetroffene Porträt der
Principessa Cesarini in Miniatur gemalt und mit Rosetten eingefaßt; aber
noch weit mehr erstaunte ich, als ich unter demselben zehn Rollen, jede
mit einhundert Zechinen vorfand. Dies war zuviel, wenigstens das Gold
hätte sich nicht vorfinden sollen, auch ein Zettelchen lag in der
Schatulle, auf dem geschrieben stand: >Nicht wahr, lieber Fernando, Du
zürnest mir nicht, daß ich mich unterfing, Dir einen Pfennig für die Not
beizulegen, und wenn Du zürnest, so sieh mich nur an (mein Porträt), und
ich bin eitel genug zu glauben, daß Dir dann aller Unwille vergehen
wird.< In der Tat war das Bild so lieblich lächelnd und so sprechend
ähnlich gemalt, die Züge dem reizenden Original so bezaubernd gleich,
daß ich es einigemal küßte, und mir zum erstenmal der Gedanke kam: wie
ist es möglich, daß man auch gegen solche Reize gleichgültig werden
kann, und mit der Natur schmälte, daß sie mich mit einem so
veränderlichen Herzen geschaffen hatte; denn was kann am Ende der Mensch
für sein Temperament, für seine Leidenschaften, für seine Art zu fühlen
und zu empfinden; nicht mehr als der Bucklige für seinen Höcker, der
Krumme für seinen Wuchs, er kann sich ebensowenig von seinen moralischen
Auswüchsen befreien wie dieser von seinen physischen.

Nachdem ich von meiner Überraschung zurückgekommen, nahm ich mir vor,
dieses mir mit so unendlicher Liebe zugetane Wesen nicht zu dem großen
Haufen zu werfen, und beinahe machte ich mir über die zu Rom und Albano
gegen sie begangene Untreue und Vernachlässigung Vorwürfe. Während ich
solchen Gedanken Raum gab und im Vornehmen und Vorwerfen begriffen war,
hörte ich plötzlich die Akkorde auf einem sehr wohlklingenden Pianoforte
anschlagen, und bald darauf die Romanze >_Solitario bosco ombroso_<
durch ein liebliches Silberstimmchen aber mit fremdem Akzent vortragen,
deren Refrain >_per trovar qualche risposo, nel silenzio nel orror_< mit
ganz besonderem Ausdruck gesungen wurde.

Dieser Gesang, der mich, sowie jede Musik in der frühen Morgenstunde, in
eine ganz eigene Stimmung versetzte, brachte mich schnell wieder auf
andere Gedanken, ich vergaß Bild und Schreiben und lauschte nur auf die
Silbertöne, die aus einem in meiner Nähe befindlichen Gemach zu kommen
schienen. Ich erkundigte mich bei einem Aufwärter nach der singenden
Dame und erfuhr von demselben, daß es die junge Gattin eines vornehmen
Engländers sei, die mit ihrer Schwägerin die anstoßenden Gemächer
bewohne und deren Mann sich dermalen in Paris befände, um daselbst die
Erlaubnis zu seiner Rückkehr nach England auszuwirken, da alle
Engländer, die sich auf dem europäischen Festlande befanden, so weit der
napoleonische Einfluß reichte, Kontinentalarrest hatten.

»_E bella?_« fragte ich den Cameriere. »_Bellissima ed assai giovine._«
-- »Und ihre Umgebung?« -- »Die beiden Ladys haben nur zwei Kammerfrauen
und einen Bedienten um sich, fahren jeden Tag spazieren, gehen aber zu
niemand und empfangen auch keine Gesellschaft.« -- »Besuchen sie auch
keine Kirchen?« -- »O ja, alle, aber nur um die Bilder zu sehen, denn es
sind unglückliche Ketzerinnen.« -- »Gut, bestellen Sie mir jetzt den
berühmten Haarkräusler der Stadt, ich will mir die Haare schneiden
lassen.« Mit einem: >_Illustrissimo sara servito_< empfahl sich der
Cameriere, und sobald ich allein war, trillerte ich: >_God save the
King_< und >_Rule Britannia_<, die einzigen englischen Lieder, die mir
bekannt waren und die ich auswendig wußte. Man hatte mich gehört, denn
die Zofen streckten ihre niedlichen Köpfe aus der Tür im Korridor, um zu
erforschen, wer wohl hier englische Nationalgesänge anstimme. Bald
darauf vernahm ich auch, wie man sich bei einem Aufwärter nach dem
Fremden erkundigte, der nebenan logiere und englisch singe. -- »_Non
so_,« lautete die Antwort, »aber ich werde es bald wissen und Ihnen dann
mitteilen.« Ein paar Minuten darauf kam der _primo_ Cameriere zu mir,
mich nach Stand, Herkommen, Reiseabsicht und so weiter im Namen einer
hochlöblichen Polizei inquirierend. Lächelnd befriedigte ich den
neugierigen Burschen, wissend, welche Polizei ihn abgeschickt. »_Ah
Mosiou est Oufficier français?_« versetzte er sich verneigend, und mit
einem >_Umilissimo servo_< komplimentierte sich der dienstbare Geist
wieder zum Zimmer hinaus, um die Neugierde der Zofe und durch diese die
ihrer Herrschaft zu befriedigen. Ich packte nun die erhaltenen Geschenke
wieder sorgfältig ein, worauf der bestellte Signor Peruchiere erschien,
mich frisierte oder vielmehr nur durchkämmte, die Spitzen der Haare
abschneidend, und mich für eine ihm gespendete Zechine vollkommen mit
den Verhältnissen der schönen Welt von Florenz bekannt machte. Ich warf
mich sodann in _grande tenue_, um die Sehenswürdigkeiten der schönen
Stadt aufzusuchen, ging jedoch noch vorher drei bis viermal aus meinem
Zimmer auf den Korridor, bis an die Treppe und wieder zurück, indem ich
tat, als hätte ich etwas vergessen, und jedesmal hatte ich das Glück,
einem der englischen Kammermädchen zu begegnen, die ich mit einer
freundlichen Verbeugung grüßte und von denen ich eben so freundlich
wieder gegrüßt wurde.

Gegen einundzwanzig Uhr in mein Hotel zurückgekommen, ließ ich mir auf
meinem Zimmer ein Pranzo servieren, das sehr splendid aufgetragen wurde,
denn man stellte mir wenigstens ein paar Dutzend Platten vor, von denen
ich kaum vier berührte, aber destomehr ließ sich mein Bursche die
anderen schmecken, wogegen ich nichts hatte; denn bezahlen mußte ich sie
doch, da sie aufgetragen waren, verbat mir aber in Zukunft einen so
reichlichen Service.

Kaum hatte ich den letzten Bissen im Mund, so eilte ich wieder fort, die
Promenaden aufzusuchen, auf denen sich die schöne Welt von Florenz und
namentlich die schönen Florentinerinnen zeigen. Ein paar Tage nach
meiner Ankunft verfolgte ich zwei schlanke, tief verschleierte weibliche
Gestalten, denen ich gegen abend auf der Brücke _della Trinità_ begegnet
war, in einiger Entfernung; sie schienen es bald bemerkt zu haben und
eilten längs dem Quai hinab, gingen über Ponte Vecchio wieder über den
Arno, an dem Palast Pitti vorüber, über die Piazza San Spirito, dann
wieder einige Straßen zurück und machten so fortwährend vergebliche
Gänge hin und her. Es leuchtete mir ein, daß sie mir zu entgehen und zu
verhindern suchten, daß ich in Erfahrung bringe, wo sie sich hinbegeben
würden; aber dadurch wurde meine Neugierde nur noch weit mehr angeregt,
ich folgte ihnen jetzt fast auf dem Fuß nach und betrat beinahe zu
gleicher Zeit wie sie die Gärten des Palastes Pitti, in die sie endlich
ihre Schritte lenkten. Hier suchten sie die einsamsten Gänge hinter den
dichtesten Gebüschen auf, wohin ich ihnen immer nachging. Als sie unter
den schwarzgrauen Mauern der Fortezza angekommen waren, welche diese
Gärten auf der einen Seite begrenzen, die sich dort recht pittoresk an
Alleen und Bosketten hinziehen, wandten sich die beiden Damen plötzlich
um, und die eine fragte mich: »_ma che cosa ci volete, Signoro_?«

»Nichts als Ihre Reize bewundern.«

»_Ah é un forestiero_,« sagte die, die mich angeredet zur anderen, nun
waren beide plötzlich freundlich und gestanden mir, daß sie mich für
einen _Spia_ gehalten, den man ihnen nachgeschickt, um ihnen
aufzupassen.

»Aber, meine Damen, sehen Sie mich doch recht an, habe ich denn die
Miene eines Spions?«

»Das nicht, mein Herr,« versetzte die eine etwas verlegen, »aber wir
konnten Sie ja auch nicht recht ansehen, übrigens,« setzte sie lächelnd
hinzu: »sehen Sie doch aus wie ein Schalk, dem nicht so ganz zu trauen
ist.«

»Ich ein Spion, wo denken Sie hin? Ich spioniere höchstens nach den
Reizen der schönen Damen, und in diesem Sinne mögen Sie recht haben.«

Ich begleitete nun die beiden Signoras mit ihrer Erlaubnis an die
anmutigsten Orte des Gartens Boboli und hatte bald von ihnen
herausgebracht, daß die eine die unterhaltene Geliebte eines Principe
und die Tochter eines untergeordneten Beamten sei, die andere, ihre
Freundin, ebenfalls von einem reichen Edelmann ihre Subsistenz habe;
indessen schien es, daß sie auch noch andere Liebhaber nebenbei hatten,
beide wollten jedoch nicht recht mit der Sprache heraus. Nachdem ich
etwa eine Stunde mit ihnen herumspaziert war, fanden sie, daß es jetzt
Zeit sei, sich nach Haus zu begeben; auf meine Frage, ob ich nicht das
Vergnügen haben könne, sie heim zu begleiten, antworteten sie mit einem
_impossibile_, und die eine fügte hinzu: »wir werden zu sehr beobachtet
und wohnen an der Piazza _di Santa croce_«. Sie redeten noch leise
miteinander, und die hübscheste sagte endlich: »Da Sie ein so artiger
Kavalier zu sein scheinen und, wie Sie sagen, Ihnen soviel daran liegt,
unsere nähere Bekanntschaft zu machen, so will ich Ihnen ein Mittel
angeben, wie Sie diesen Abend in unserer Gesellschaft zubringen können.
Begeben Sie sich, sobald es Nacht ist, in den Dom, dort sollen Sie uns
treffen, und von da können Sie uns in einer kleinen Entfernung folgen,
Sie müssen uns aber versprechen, uns jetzt zu verlassen, sonst sehen Sie
uns nicht wieder.« Ich ging diesen Vertrag ein, bat mir aber ein
Unterpfand aus, die eine zog einen kleinen Ring vom Zeigefinger, den sie
mir darreichte, indem sie sagte: »Hier, Signore,« blickte mich jedoch
dabei ein wenig mißtrauisch an. Beide entfernten sich jetzt eilig. Meine
Neugierde war zu groß, als daß ich mein Versprechen so unbedingt hätte
halten können, ich versuchte doch zu erforschen, wohin sie sich begeben
würden, um zu erfahren, ob sie mir die Wahrheit gesagt. Ich hatte sie
bis beinahe an den Ausgang des Gartens begleitet, dann aber verfolgte
ich sie mit den Augen, und sah, daß sie wieder den Weg nach dem Ponte
Vecchio einschlugen. Ich eilte schnell auf der anderen Seite des
Palastes Pitti vorüber, sah sie dann über diese Brücke gehen, und
beauftragte einen Jungen, der sich mir gerade darbot, und dem ich ein
gutes Trinkgeld versprach, den Damen unbemerkt nachzuschleichen und mir
zu rapportieren, in welches Haus sie gegangen seien, ich aber wollte
seine Rückkunft auf der Brücke della Trinità abwarten. Es dauerte nur
wenige Minuten, so kam derselbe zurück und berichtete mir, daß er die
Signoras aus dem Gesicht verloren hätte, als sie um eine Straßenecke
gegangen seien, da er ihnen aber ziemlich nahe gewesen, so müßten sie
notwendigerweise in ein Haus dieser Straße getreten sein, aber in
welches, habe er nicht ermitteln können. Ich fand den Schluß des dummen
Jungen zwar logisch, aber keineswegs für mich genügend, gab ihm
verdrießlich die versprochene Belohnung, und hieß ihn sich trollen. Dem
Abenteuer weiter nachzugehen und mich in den Dom zu begeben, würde ich
jetzt unterlassen haben, hätte ich nicht den Ring gehabt, den ich doch
restituieren mußte.

Die Nacht kam endlich heran, ich machte mich, bevor sie völlig eintrat,
auf den Weg nach dem Dom, in dem ich vergeblich eine ganze Stunde auf
meine Schönen wartete und unterdessen die Sehenswürdigkeiten desselben,
soweit es eine, obschon spärliche Beleuchtung zuließ, betrachtete.
Bewunderung verdient die achteckige Kuppel dieses Gebäudes, von der
selbst Michel Angelo sagte: daß wenn es auch nicht unmöglich sei, dieses
Baukunststück nachzumachen, es doch eine Unmöglichkeit wäre, dasselbe zu
übertreffen.

Bald fing ich an die Geduld zu verlieren, als ich die erwarteten Schönen
noch immer nicht kommen sah, machte einigemal die Ronde außerhalb der
Kirche, die auf einem großen Platz liegt, so daß man sie von allen
Seiten gehörig sehen und den Prachtbau bewundern kann, und staunte den
hohen, mit schwarzem, rotem und weißem Marmor bekleideten, sich in der
nebligen Dämmerung majestätisch emporhebenden Glockenturm an; er wurde
nach der Zeichnung des berühmten Giotto erbaut, der vom Ackerpflug weg
in die Werkstätte des Cimabus trat, bald seinen Lehrer und Meister weit
hinter sich lassend, durch sein Talent sich die Freundschaft Dantes und
Petrarchs in hohem Grade erwarb und mit Reichtümern und Ehren beladen
starb.

Noch einmal ging ich in die Kirche mit dem Vorsatz, wenn jetzt die Damen
nicht erschienen, mich weg und in das Theater zu begeben. Als ich
eintrat, erblickte ich zwei schwarz gekleidete Frauen mit
zurückgeschlagenen Schleiern in einer Seitenkapelle knieend; ich umging
sie und erkannte meine Erwarteten. Als sie mich erblickten, warf mir die
eine eine Occhiata zu, bald darauf erhoben sie sich und flüsterten, an
mir vorübergehend, die Worte: »_Ora venite._« Ich befolgte dies sogleich
und begann die Unterhaltung noch in der Kirche. Das Weihwasser nehmend,
standen sie still, die eine sah mich nochmals mit forschendem Blick an,
und sagte dann: »Dürfen wir Ihnen auch gewiß trauen?« -- »Meine Signora,
ich bin französischer Offizier.« -- Die andere fiel nun ein: »Ich traue
ihm, komm, laß uns gehen.« -- Wir verließen den Dom, die Damen führten
mich durch eine Menge kleiner und schmaler Winkelgassen, so daß ich bald
alle Richtung verloren hatte und ich nicht mehr wußte, in welchem
Stadtteil ich mich befand. -- Jetzt erst kam mir der Gedanke, ob auch
ich ihnen wohl trauen dürfe, in den Sinn; ich hatte indessen meine
geladenen Terzerolen bei mir, und dachte: »Mit diesen magst du es schon
wagen.« Endlich kamen wir bei einem ziemlich großen Gebäude an, an
welchem die eine Signora eine kleine Seitentür mit einem Schlüssel
öffnete, wir schritten durch einen schmalen langen Gang wieder an ein
Pförtchen, das in einen Garten führte, wo wir durch Gebüsche und Irrwege
endlich in eine Allee gelangten, an deren Ende sich ein kleiner Pavillon
befand, den man auftat, ohne zu leuchten, so daß wir fortwährend im
Dunkeln tappten. Ich fragte nun nach Licht, man antwortete mir aber,
dies sei unnötig. Ich fing doch an die Möglichkeit eines Fallstricks zu
denken, und daß ich wohl in eine Trappoleria (Mausefalle) geraten sein
könne. Auf meine wiederholte Bitte um Licht, wurde mir: »_Si fa l'amore
senza lumen_, setzen Sie sich,« zugleich zog mich ein zartes Händchen
auf ein Sofa nieder. Ich hatte einen Beutel ziemlich mit Gold gefüllt
bei mir, der wohl die Raubsucht eines Banditen lüstern machen konnte,
doch das konnten die Signoras nicht wissen; indessen wollte ich mich
vorsehen, wenn ich wirklich in eine solche Mordhöhle gefallen sei, und
nahm ein Terzerol in die rechte Hand, um auf alle Fälle gefaßt zu sein.
Zufällig betastete die unsichtbare Dame das Instrument und rief, mich
fahren lassend, mit einem Schrei des Entsetzens aus: »_Cosa è questo?_«
-- Die Angst, mit welcher ihr diese Worte entfuhren, sowie daß die
andere Stimme ganz leise mit einem: »_ma per l'amor di dio cosa avete_«
einfiel, schien mir jedoch zu sagen, daß mein Verdacht unbegründet sei,
und ich erwiderte nun ebenso leise ein: »_niente, Signore_, seien Sie
ruhig,« und gestand den Damen dann offen, daß, weil sie Licht verweigert
hätten, ich mich eines Verdachts nicht habe erwehren können. Sie
erklärten mir nun, daß sie kein Licht anzünden wollten, damit niemand
wisse, daß Leute im Pavillon seien und sie nicht verraten werden
könnten. So beiderseits beruhigt, überließen wir uns anderen Gefühlen,
als denen der Furcht und des Argwohns, und ich fand bald, daß im Dunkeln
ganz gut munkeln sei, denn auch im Finstern wußte ich die Rosalippen und
die verborgenen Reize meiner Schönen zu finden, die ich abwechselnd an
den Busen drückte, ohne die Eifersucht gegen die andere rege zu machen,
da sie sich im Gegenteil gegenseitig animierten, meine Gunstbezeigungen
zu teilen. Endlich aber waren wir alle drei so ziemlich schachmatt, und
die Damen bemerkten mir, daß es wohl _ora di partire_ sein möge, weil
nach zehn Uhr sich oft ihre Signori einfänden. Ich küßte beide zum
Abschied, griff sodann in die Tasche und wollte ihnen einen Teil des bei
mir habenden Goldes einhändigen, aber man wies es nicht nur mit großem
Unwillen zurück, sondern sagte zürnend: »Mein Herr, für was halten Sie
uns?« -- »Für sehr liebenswürdige Damen, wovon ich Ihnen soeben die
Beweise gegeben habe; nehmen Sie nur hin, es ist Gold.« -- Nun wurden
sie noch zorniger, und die eine rief aus: »Glauben Sie, daß wir ...
sind? Sie haben sich sehr in uns geirrt, und wir hätten nicht geglaubt,
daß Sie fähig sein könnten, uns so zu beleidigen, sonst würden wir Ihnen
sicher nicht erlaubt haben, mit uns zu gehen, wir bedürfen Ihres Goldes
nicht.« -- Ich hatte alle Mühe, meine mysteriösen Schönen zu
besänftigen, die mir nicht ohne Schwierigkeit das Wiederkommen am
nächsten Donnerstag, früher sei es unmöglich, gestatten wollten. Ich
wurde denselben Weg, den ich gekommen war, und ebenso im Finstern
zurückgeleitet; hinter mir wurde das letzte Pförtchen verschlossen und
verriegelt. Als ich mich auf offener Straße befand, suchte ich mich,
soviel es die Nacht erlaubte, zu orientieren und mir das Haus, das ich
noch soeben verlassen, und seine nächsten Umgebungen zu merken.
Einigemal ging ich auf und nieder und erkundigte mich bei mehreren
Vorübergehenden, wem dasselbe gehöre, konnte aber keine genügende
Auskunft erhalten. Ich entfernte mich nun, mir die Straße bestens
merkend, sah noch ein paar Akte einer _Opera buffa_ und begab mich dann
in mein Hotel, wo ich bei offenem Fenster, den italienischen heiteren
Sternenhimmel betrachtend, die englischen Ladys musizieren hörte. Die
Damen sangen Kavatinen mit zwar englischem Akzent, aber auch mit
englischer Stimme. Mein Bedienter erzählte mir während des Auskleidens,
daß sich das Kammerkätzchen abermals bei ihm sehr dringend nach mir
erkundigt habe, namentlich wo ich meine Zeit zubringe, wie lange ich
wohl noch hier bleibe, was eigentlich meine Geschäfte hier seien und so
weiter, was er alles bestens und auf das Klügste beantwortet habe. Ich
legte mich zu Bett und schlief, während die englische Musik noch fort
dauerte, ermüdet ein. Den anderen Morgen war mein erster Gang, die
Straße und das Haus aufzusuchen, in dem ich den Abend vorher in den
Armen einer zweifachen Liebe geschwelgt hatte; aber vergeblich war all
mein Forschen und alle meine Bemühungen fruchteten nichts, es war mir
unmöglich, dieselben wiederzufinden, da ich versäumt hatte, mich nach
dem Namen der Straße zu erkundigen, glaubend, daß ich sie keinenfalls
fehlen könne, so daß mir jetzt die ganze Begebenheit wie ein lebhafter
Traum erschien. Hätte ich nicht den Ring noch am Finger gehabt, den ich
im Freudentaumel zurückzugeben vergessen hatte, so würde ich am Ende
wirklich geglaubt haben, daß das ganze Abenteuer nur ein Traum und ein
Spiel meiner Phantasie gewesen sei. Nachdem ich lange genug vergeblich
gesucht, nahm ich mir fest vor, das nächstemal -- die Damen hatten mir
wieder Rendezvous im Dom gegeben -- gewiß dieses geheimnisvolle Haus so
gut zu bezeichnen, daß es mir unmöglich entgehen könne, und sollte ich
einen Ariadnischen Knäuel dazu verwenden, dessen Faden man mir freilich
in der Nacht abschneiden und so den Rückweg in dieses Labyrinth
unmöglich machen konnte. Ärgerlich über meine wenige Vorsicht, ging ich
wieder in den Dom, dessen Schönheiten ich nochmals bewunderte, und
bestieg den Kampanile, mich an dem Anblick des zu meinen Füßen liegenden
prächtigen Florenz und seiner reizenden Umgebung weidend.

Nachdem ich mich noch eine Zeitlang an dem Tag, an welchem ich das Haus
des vornächtlichen Abenteuers vergeblich aufgesucht, in den Straßen der
Stadt herumgetrieben hatte, kehrte ich zum Mittagessen in mein Hotel
zurück und nahm es wieder auf meinem Zimmer ein, wobei ich unentgeltlich
das Vergnügen einer Tafelmusik genoß, mit der mich meine Nachbarinnen zu
erfreuen geruhten, und mein Bedienter rapportierte mir während
desselben, daß man sich abermals nach mir erkundigt habe und daß die
Damen diesen Abend das Theater Pergola, wo man eine _Opera seria_
aufführte, besuchen würden, was ihm das Kammerfräulein wohl zwei oder
dreimal wiederholt hätte. So viele Aufmerksamkeit konnte nicht umhin,
endlich auch die meinige rege zu machen. Ich trug dem Burschen auf, sich
zu erkundigen, in welchen Palco die Damen wohl gingen und mir wo möglich
einen Platz in demselben zu verschaffen. Dies erfuhr er durch einen der
Kameriere, der mir auch den gewünschten Platz gab und einen Schlüssel zu
dieser Loge einhändigte. Als ich in dieselbe, die sich im ersten Rang
befand, trat, hatten die beiden Damen schon in einer zwar einfachen,
aber doch sehr eleganten Toilette in derselben Platz genommen; ich
grüßte sie mit einer stummen Verbeugung, die mir ebenso stumm erwidert
wurde. Nach einer kleinen Pause wagte ich sie französisch anzureden, das
mir aber mit einem: »_I don't understand_« erwidert wurde; dies war
schlimm, denn das Englische war mir nicht sehr geläufig, da ich nie viel
Gelegenheit gehabt hatte, mich in dieser Sprache praktisch zu üben.
Indessen wußte ich mich dort nach und nach so ziemlich verständlich zu
machen und brachte von den Damen heraus, daß ihnen der gezwungene
Aufenthalt in Florenz zwar nicht unangenehm sei, sie sich aber doch
häufig sehr langweilten. Die Unterhaltung wurde von jetzt an belebter,
die Ladys verstanden auch einige Worte italienisch, und den Hauptstoff
mußte die Vorstellung der Oper und des Ballets liefern, in denen eine
hübsche Cantatrice und eine noch schönere Ballerina, erstere als Zelina,
die andere als Psyche, wohl des Lorgnettierens wert waren. Die beiden
Engländerinnen besaßen recht hübsche englische Gesichter, die, wenn sie
auch nicht das Ausdrucksvolle der Italienerinnen, noch das schelmische
Wesen der Französinnen, doch eine große Lieblichkeit hatten. Schön war
wirklich Lady Mary, die Gattin eines Lords T..., die mit einem
junonischen Wuchs das verklärte Gesicht der skandinavischen Freya
verband; die andere Dame, ihre Schwester, eine halbblonde Engländerin,
Miß Betty, hatte zwar auch manche Liebeswürdigkeiten, stand jedoch der
Schwester weit nach. Mylady hatte die Güte, mir nach beendigtem
Schauspiel einen Platz in ihrem Wagen anzubieten, »da wir ja doch unter
einem Dach wohnen,« wie sie hinzusetzte, was ich dankbar annahm. Ich
leistete den Damen noch über eine Stunde Gesellschaft auf ihren Zimmern,
wo man abwechselnd einige Romanzen sang und dann an den Balkon trat, den
nächtlichen Sternenhimmel Italiens zu bewundern. Auf einige Sospiri der
Lady Mary ließ ich ein leises Händedrücken und endlich einen
gehorsamsten Handkuß folgen, mir weitere Freiheiten herauszunehmen
gestattete mir die Anwesenheit der Schwester nicht. Die Damen machten
mich mit ihrem Vorhaben bekannt, nächsten Donnerstag eine Fahrt in das
Arnotal zu unternehmen, um dasselbe, sowie seine berühmten
Strohflechterinnen kennen zu lernen, und fragten mich, ob ich es schon
besucht habe. Auf mein Nein luden sie mich ein, ihr Begleiter zu sein,
was ich mit Vergnügen annahm; sie sagten mir noch, daß sie gerne öfters
einen Spazierritt machen würden, aber dieses Vergnügen aus Mangel eines
Kavaliers oder passenden männlichen Begleiters entbehren müßten; auch
hierzu bot ich mich ergebenst an, und ritt nun fast jeden Tag mit den
schönen Töchtern Britanniens in den herrlichen Umgebungen von Florenz
spazieren. Nachdem ich noch den Tee mit ihnen genommen und es längst
Mitternacht vorüber war, empfahl ich mich, beiden ehrerbietigst die Hand
küssend, und eingeladen, mich morgen wieder einzufinden. Als ich auf
meinem Zimmer war und noch lange kein Schlaf in meine Augen kam, fiel es
mir erst ein, daß ich meinen Unbekannten versprochen, mich den
Donnerstag Abend wieder im Dom einzufinden, dachte es jedoch einrichten
zu können, daß ich zur bestimmten Zeit von der Partie ins Arnotal zurück
sein würde. Am nächsten Tage wartete ich gegen Mittag wieder auf,
frühstückte auf ihre Einladung auf echt englische Weise mit ihnen, und
ritt dann zwei Stunden mit den hübschen Ladys spazieren, die beide sehr
gute, graziöse und anmutige Reiterinnen, zum Entzücken schön gewachsen
waren, und denen die Amazonenkleider und runden Federhütchen allerliebst
standen. Ich besuchte auch noch einige Kirchen und Gärten mit ihnen und
fand in einem derselben Gelegenheit, die Lady zu versichern, daß ich
durchaus nicht gleichgültig gegen ihre Reize sei; in einem Moment in
welchem die Schwester durch ein kleines Gebüsch von uns getrennt war,
wagte ich es, ihre niedliche Hand fest an mein Herz zu drücken, und da
ich nur geringen Widerstand fand, ihre schlanke Taille mit meinem Arm zu
umfassen, sowie einen Kuß auf ihren kleinen Mund zu drücken, der ihre
sonst blassen aber zarten Wangen plötzlich rötete. Jetzt rief uns die
Schwester zu: »_But, where are you staying_,« und als wir wieder zu ihr
kamen, bewies mir ihr Lächeln, daß sie zwar nicht gesehen, doch geahnt,
was vorgefallen war, wenn es auch die noch gerötete Wange der Lady nicht
verraten hätte. »_My sister is extremely happy_,« fuhr sie nun lachend
fort, »jemand gefunden zu haben, der sie in der Abwesenheit ihres etwas
hölzernen Gatten so gut zu unterhalten imstande ist. Denn der edle Lord,
schon beinahe ein fünfziger, ist ein recht langweilig trockener Ehemann,
der noch obendrein einen starken Spleen hat.« Aus diesem und ähnlichem
Gerede der Miß konnte ich entnehmen, daß Lord T... ein echter
bockssteifer Engländer sein müsse. Ich war nun für den Rest des Tages
der unzertrennliche Begleiter der Damen, küßte die Lady jetzt auch in
Gegenwart der Schwester, was diese nicht anzufechten und jene nicht zu
erschrecken schien, und bat um die Erlaubnis, auch in der Nacht mich bei
ihr einfinden zu dürfen, was mir zwar nicht bewilligt, aber auch gerade
nicht verboten wurde; als ich sie hierauf ersuchte, doch ihre
Stubentüren nicht verschließen zu wollen, da spielte sie die Stumme, ich
versicherte sie indessen, daß ich so leise auftreten wolle, daß gewiß
niemand mein Kommen hören solle. Die Miß schlief zwar in demselben
Zimmer, das neben der Wohnstube lag, aber nach ihrem Benehmen zu
urteilen, schien sie mir kein Hindernis mehr, sondern eher die
Beförderin meiner Absichten zu sein; die Kammerfräuleins aber schliefen
in einer höheren Etage. Ich entfernte mich diesmal schon eine Stunde vor
Mitternacht mit einem _good night_, um den Damen Zeit zum Entkleiden und
Wegschicken der Dienerinnen zu geben, machte sodann zwei Stunden lang an
meinem Fenster philosophische Betrachtungen über den besternten Himmel,
das Wesen der Gestirne und den sonderbaren Lauf des menschlichen Lebens.
Als es endlich auf der Straße und in der Albergo stiller und stiller
geworden und auch der letzte Türschlag verhallt war, schlich ich mich
eine Stunde nach Mitternacht, halb entkleidet, in einem leichten
Oberrock und von Gertrudens Händen gesticktem schneeweißen Batisthemd,
über den Korridor und drückte leise an die Türe, welche zu den Gemächern
der Engländerinnen führte, die ich nicht verschlossen, sondern
nachgebend fand. -- Ich befand mich nun im Vorzimmer, tappte im Finstern
durch die Wohnstube in das nur sehr matt durch eine Veilleuse
erleuchtete Schlafgemach, in dem ich beide Schwestern dem Anschein
eingeschlafen fand. Mit leisen Tritten schlich ich mich an das Bett, in
welchem Lady Mary recht sanft zu ruhen schien, und drückte einen Kuß auf
ihre Purpurlippen. Sie schien recht schlaftrunken zu erwachen, und ich
flüsterte: »_Are you asleep?_« erhielt aber keine Antwort und schloß nun
die verschlafene Lady in meine Arme ... Der Tag begann schon zu grauen,
als ich den Rückzug in mein Zimmer antrat, um ein paar Stunden der Ruhe
zu genießen. Aber kaum war ich eingeschlafen, so klopfte man mich schon
wieder aus den Matratzen und dem Schlaf auf, indem man mir meldete, daß
der Wagen angespannt sei und man den Ladys schon das Frühstück serviere.
Ich sprang rasch aus dem Bett, kleidete mich an, eilte dann zu meinen
Reisegefährtinnen, die wirklich schon frühstückten, und als sie mich
gewahrten, beide etwas verlegen unter sich sahen, aber nach einigen
Artigkeiten und Pläsanterien, die ich mir erlaubte, sich bald wieder
faßten. Fröhlich, wenn auch nicht ganz so munter, bestiegen wir nun den
Wagen, der uns in raschem Trabe in das Arnotal brachte.

Hier sitzen unter Laubdächern und Reben vor den niedlichen und
reinlichsten Bauernhäuschen die zierlichsten und schmucksten Dirnen, in
die feinsten schneeweißen Linnen gekleidet, mit seidenen Korsetten und
blumenbekränzten Strohhüten auf den allerliebsten Köpfchen, und flechten
mit zarten Händen -- Stroh zu den in der ganzen Welt berühmten Hüten.
Denn wie manche Schöne in Newyork und Kalkutta, in Paris und London, am
Missisippi und Ganges, am Rhein und an der Newa, schmückt sich nicht mit
diesem Produkt, welches sie den sie besuchenden Fremden mit einer Manier
anzubieten wissen, die das Abschlagen des Ankaufens nicht nur unmöglich
macht, sondern man gibt ihnen auch gerne noch mehr als sie fordern, wenn
man nicht zur Rasse jener lederzähen Filze und Zinsenmenschen gehört,
die sich nur mit dem letzten Lebenshauch von ihrem Mammon trennen
können, und keine andere Farbe als die des Geldes, keine andere
Berechnung als die der Zinsen kennen. Mir wenigstens ging es so; ich
kaufte vorerst zwei der feinsten dieser Hüte, bezahlte sie mit Gold, mir
alle Herausgabe des mir zukommenden Geldes verbittend, und verehrte sie
meinen beiden Begleiterinnen, die außerdem noch für eigene Rechnung und
auch für ihre dienstbaren Geister, für die letzteren Hüte von geringerer
Qualität, kauften. Die Verkäuferinnen, besonders eine derselben,
gefielen mir so wohl, daß ich mir sogleich vornahm, sie schon den
nächsten Tag, und zwar inkognito zu Pferde wieder zu besuchen und noch
mehr Hüte und einen ganz besonders schönen für Gertrude zu kaufen, ihr
denselben durch ihre Freundin zukommen zu lassen, als ein geringes
Äquivalent für die außerordentlichen Geschenke, die ich von ihr
empfangen hatte und über die ich ihr zärtliche Vorwürfe gemacht, denn
ich hielt mein Versprechen wenigstens darin, daß ich ihr ziemlich
regelmäßig schrieb. Wir brachten den ganzen Tag in dem großen, reizenden
Arnotal zu, von dem wir einen kleinen Teil zu Fuß durchstrichen.

An diesem Abend sollte ich meine Unbekannten wieder im Dom treffen, aber
die Stunde war verpaßt. Ich eilte dennoch gleich nach unserer Ankunft,
mich unter einem Vorwande bei den Ladys entschuldigend und baldige
Rückkehr verheißend, in die Kirche, zu der mich diesmal nicht sowohl
Liebe und Sehnsucht nach Genuß, als die Neugierde führte, endlich zu
erforschen, wer meine mysteriösen Schönen eigentlich seien. Aber
vergeblich, die Zeit war verstrichen, und in Santa Maria del Fiore keine
Spur von ihnen zu finden. Nachdem ich eine Stunde daselbst umsonst
harrend zugebracht, schlug ich mir die Sache aus dem Kopf und eilte zu
meinen hübschen Engländerinnen zurück, mit denen ich den Rest des Abends
und einen großen Teil der Nacht, nachdem wir den Tee unter fröhlichen
Scherzen und Rückerinnerungen an das schöne Arnotal genommen, zubrachte.
Den andern Tag machte ich eine Tour zu Pferde mit ihnen in die nächsten
Umgebungen der Stadt und nach Pratolino, dem ehemaligen Versailles der
Medici, das aber beinahe in Ruinen lag. Auch die schönen Villen der
Bardi, Pitti, Palmieri, Corsini, sowie die berühmte Karthause von
Vallombrosa und andere Orte besuchte ich in ihrer Gesellschaft.
Demungeachtet fühlte ich einen Drang, meine schöne Contadina im Arnotal
wiederzusehen. Eines Morgens machte ich mich unter dem Vorwande
dringender Geschäfte für den ganzen Tag von meinen englischen Fesseln
frei und ritt in gestrecktem Trabe zu der schönen Strohflechterin, der
ich noch drei wunderschön gearbeitete Hüte abkaufte, von denen einer
nach Rom und die beiden anderen nach Frankfurt wanderten; einer für
meine Mutter und der andere für eine noch sehr junge Schwester. Das
Mädchen, das ich auf das Generöseste in Gold bezahlt hatte, war dagegen
äußerst freundlich und nannte mich: _il suo signor cavaliere
forestiero_, ihre nicht sehr großen, aber blitzenden Augen verrieten nur
zu sehr, daß sie eben kein für die Liebe unempfindliches Temperament
habe. Im Lauf der Unterhaltung gestand sie mir auch, daß sie bereits
schon anderthalb Jahre Sposa, das heißt mit einem jungen Mann
versprochen sei, der einen Dienst in der Stadt habe; sie wolle noch
anderthalb Jahre Hüte flechten, um ihre Aussteuer ganz zusammen zu
bringen, bevor sie sich verheirate. Da ich sie fragte, in was diese denn
bestehen müsse, zählte sie mir alles auf, was sie sich schon angeschafft
und noch ferner erforderlich sei. Ich bat sie nun, mir das erstere zu
zeigen, worin sie mit einem freundlichen »_con molto piacere_« willigte,
was der so wohlklingende florentinische Dialekt bezaubernd machte. Ich
trat mit ihr in das Haus, das sie mit ihrer Mutter, einer Witwe,
bewohnte, und dann in das Stübchen, in welchem sie mir schon ziemlich
viel aufgespeichertes Linnen und anderes Hausgerät, Geschirr und
dergleichen zeigte. Hier, so nahe mit ihr in Berührung, wie hätte ich
der Versuchung widerstehen können, das seidene Mieder, das eine so
schlanke Taille umschloß, zu umfassen? -- Aber das Mädchen sträubte
sich, und als ich sie an mich drücken und küssen wollte, hob sie in
einem so gar leisen Ton zu schreien an, daß man es unmöglich in der
nächsten Kammer hören konnte; ich raubte ihr mehrere Küsse, mit denen
ich die Worte, die sie ausstoßen wollte, erstickte. Als ich aber mehr
wagen wollte, warf sie mir so bedenklich zornige Blicke zu, daß ich für
gut fand, von weiteren Versuchen abzustehen, und sie sagte mit fast
weinerlicher und ängstlicher Stimme: »_Per l'amor di dio, vorreste farmi
infelice?_« »Um alles in der Welt nicht, mein charmantes Mädchen, man
kann sich auch lieben, ohne sich gerade unglücklich zu machen; und wenn
du es mir gestatten wolltest, so könnte ich dir auch Unterricht in
dieser geheimen Kunst erteilen. Auf jeden Fall wirst du mir das
Wiederkommen erlauben, um dir noch einige an deiner Ausstattung fehlende
Dinge mitzubringen.« Verschämt unter sich blickend und an dem Schürzchen
zupfend, antwortete sie: »Das Wiederkommen kann ich Ihnen nicht wehren,
nur müssen Sie fein fromm und artig sein, auch nicht zu oft kommen,
sonst würde es Verdacht bei den ohnehin neidischen Nachbarn erregen.« --
Mit ein paar Küssen und ihr klopfendes Herzchen an meine Brust drückend,
nahm ich für heute Abschied von meiner florentinischen Schäferin, welche
mir die erkauften Hüte sauber in ein Papier rollte, die ich an der Türe
mit Ostentation, mit einer seidenen Schnur, die mir das Mädchen gegeben,
an den Sattelknopf band, wobei mir die freundliche Mutter behilflich
war, und ich das Pferd allerlei Bewegungen machen ließ, damit die
Nachbarn sahen, daß ich, um Einkäufe zu machen, gekommen war. Sodann
sprengte ich mit einem lauten _Addio_ und leisem _a rivedere_ davon.

Schon am anderen Abend fand ich mich wieder bei meiner holden Vilanella
ein, ihr allerlei Kleinigkeiten mitbringend, unter denen ein goldenes,
mit Granaten gefaßtes Kreuzchen war, das ich Gattina, so nannte sich die
hübsche Schäferin, an einem Samtbändchen um den Nacken hing. Sodann
steckte ich ihr einen kleinen Goldreif mit emaillierten Blumen an den
Finger und gab ihr Bänder und ähnliche Dinge, alles unter dem
Aushängeschild einer Aussteuer. Das Mädchen freute sich kindisch über
diese Geschenke, zu deren Annahme sie sich gerne nötigen ließ. Ich bat
sie, mir noch einmal ihre Schätze in der Kammer zeigen zu wollen, wozu
sie sich, und zwar auf Zureden der Mutter, herbeiließ. Sie war bei
weitem nicht mehr so scheu und spröde wie das erstemal; ich hatte sie
mit allerlei Geheimnissen bekannt gemacht und verließ sie erst spät in
der Nacht, wobei wir verabredeten, daß ich künftige Besuche nur nach
eingetretener Finsternis abstatten dürfe; ich sah sie aber nur noch
einmal, da ich während der kurzen Zeit, die ich in Florenz zubringen
konnte, auch einen Abstecher in das Chianatal mit den Ladys machen
mußte. Meine beiden Unbekannten konnte ich aber trotz aller Mühe, die
ich mir gab, ich ging wenigstens noch drei oder viermal in den
Abendstunden in den Dom, nicht wieder entdecken. Vielleicht in einer
anderen Welt wieder, dachte ich, für dieses Leben sind sie für mich
verloren. Daß sie, wie sie mir angegeben, ein paar unterhaltene
Mätressen seien, wollte mir nicht recht einleuchten und stimmte nicht
ganz mit der Zurückweisung des Goldes überein; es blieb mir von ihnen
nichts übrig als das Andenken an einen abenteuerlichen Abend und der
goldene Ring; mir die Sache aus dem Kopf schlagend, hatte ich sie bald
vergessen.

Beinahe drei Wochen hatte ich in Florenz zugebracht und es war die
höchste Zeit, an meine Abreise zu denken. Auch hoffte ich nicht lange in
Genua zu bleiben, da mir Düret versprochen, sobald die fatale Geschichte
von Albano ein wenig verraucht sei, auf meine Zurückversetzung zum
ersten Bataillon anzutragen und mich so wieder in die Nähe von Rom zu
bringen. Meinen liebenswürdigen Ladys teilte ich meine Abreise nach
Genua nur vierundzwanzig Stunden vor derselben mit, einen soeben erst
deshalb erhaltenen Befehl vorschützend. Beide schienen über diese
unerwartete Nachricht betroffen, und ich mußte am Ende auf Marys
dringende Bitten noch zweimal vierundzwanzig Stunden zugeben. Sie
eröffnete mir, daß sie an ihren Mann nach Paris schreiben und diesem
mitteilen wolle, daß sie ihren Aufenthaltsort Florenz mit Genua zu
vertauschen wünsche, wovon ich ihr zwar abriet, indem ich bemerkte, ich
wisse ja gar nicht, ob und wie lange ich daselbst verweilen würde, im
Grunde aber, weil ich ihre Anwesenheit teils wegen meiner älteren, teils
wegen allenfallsiger neu anzuknüpfender Intrigen fürchtete. Sie ließ es
sich jedoch nicht ausreden und so schieden wir ziemlich getröstet, ein
baldiges Wiedersehen hoffend und fürchtend, voneinander.

Am Abend des fünften Tages nach meiner Abreise von Florenz traf ich
wohlbehalten in Genua ein.



                                   V.

   Zweiter Aufenthalt in Genua. -- Alte und neue Bekanntschaften. --
       Signora Palatini. -- Ein sentimentales Rendezvous. -- Die
     Brigantenjagd in den italienischen Alpen. -- Bocchetta. -- Ich
    nehme fast eine ganze Bande gefangen. -- Rückkehr nach Genua. --
    Das Konservatorium Fieschino. -- Albertine. -- Ich entdecke eine
       furchtbare Verschwörung. -- Ich avanciere zum Kapitän und
      werde wieder zum ersten Bataillon versetzt. -- Abreise nach
                            Civita-Vecchia.


Da es zu spät war, als ich in Genua ankam, um mich noch nach einem
Quartier umsehen zu können, so stieg ich in einem Gasthof ab, wo ich bis
zum hellen Morgen recht ausschlief und mich dann bei meinem nunmehrigen
Bataillonschef, Herrn von Brüge, meldete, der mich, durch Düret schon
hinlänglich unterrichtet und empfohlen, mit den Worten empfing: »Das
Glück, Sie bei meinem Bataillon zu haben, verdanke ich der hohen
römischen Geistlichkeit. Sie werden die Voltigeur-Kompagnie
kommandieren, die jetzt vakant ist, und sind für heute bei mir zu Tische
eingeladen, wenn Sie mit meiner Suppe vorlieb nehmen wollen.« -- Brüge
war ein Elsässer, in der Gegend von Kolmar zu Haus, und hatte ein
allerliebstes Kind, ein kaum zehn Jahre altes Mädchen, deren Mutter eine
ziemlich heroische Frau war. Nachdem ich dem, was der Dienst heischte,
Genüge geleistet und mir ein Quartierbillett für drei Tage hatte geben
lassen, war mein erster Gang zu meinem alten Gitarrelehrer Guercino, um
mich bei ihm oder vielmehr bei seiner Frau nach meinen alten Bekannten
zu erkundigen. Den alten Mann fand ich unwohl und bettlägerig, und seine
Frau schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als sie mich erblickte.
»_Ah siate ben venuto_,« rief sie endlich aus, die Arme in die Höhe
streckend. Nach gehöriger Bewillkommnung erfuhr ich, daß die Marchesa
P... seit meiner Abreise kränkele, daß die mutwillige Peretti im letzten
Karneval an einem Nervenfieber gestorben, Signora Doria sich mit ihrem
Mann in Paris befinde, die Costa noch immer ein Heer von Anbetern habe,
die Spinola aber vollkommen wohl und munter sei. So wurde ich schnell
von dem _au fait_ gesetzt, was sich während meiner etwa
anderthalbjährigen Abwesenheit zugetragen. Der Tod der fröhlichen
Peretti schmerzte mich, das Kränkeln der Marchesa P... tat mir leid, und
das Wohlsein der Spinola freute mich. Den alten Guercino und seine Frau,
die mir wieder ihre untertänigsten Dienste anbot, beschenkte ich mit ein
paar Zechinen, ihr lachend bemerkend, daß ich leicht in den Fall kommen
könnte, ihrer zu bedürfen, und bat sie einstweilen, die Marchesa P...
von meiner glücklichen Ankunft in Kenntnis setzen zu wollen, was sie mir
noch im Lauf des Tages zu tun versprach. Bei der Parade stellte mich
Brüge meinen neuen Kameraden vor, von denen ich nur noch wenige kannte,
und zum Diner fand ich mich seiner Einladung zufolge bei ihm ein. Madame
Brüge, eine noch sehr rüstige Dame von kaum vierzig Jahren, bot mir den
täglichen Tisch, versteht sich gegen gehörige Vergütung an, den ich auch
akzeptierte; sie führte eine gute französische Küche. Während des Essens
kam die Rede auf die Musik, und sie meinte, daß es wohl jetzt bald Zeit
sei, daß ihre Tochter Unterricht in dieser Kunst erhalte, was sie schon
früher veranstaltet haben würde, wenn sie einen Lehrer in Genua gefunden
hätte, der französisch spreche. Dies war so ziemlich ein Wink mit einem
Mastbaum, denn sie kannte mein musikalisches Talent. Ich erbot mich mit
Vergnügen, der Kleinen Unterricht im Klavierspiel zu geben, was mit
großem Dank angenommen wurde und mehrere Jahre später allerlei Folgen
hatte. Für jetzt aber sollten diese Lehrstunden, die mir Freude machten,
da das Mädchen viel musikalische Anlagen hatte, bald wieder unterbrochen
werden. Am Abend begab ich mich abermals zu Guercinos, wo ich erfuhr,
daß die noch immer leidende Marchesa P... die unerwartete Nachricht
meiner Ankunft sehr erschüttert habe und mich dieselbe baldmöglichst zu
sehen wünsche, wozu aber vorerst wenig Hoffnung, da sie immer noch sehr
schwach sei. Ich machte jetzt meine Besuche in all den Häusern, in denen
ich früher Zutritt gehabt, und erhielt bald wieder eine Menge
Einladungen. Die Spinola sah ich zuerst bei Dorias wieder, wo ich mich
lange mit ihr unterhielt und sie mir eine junge Dame, Signora Palatini,
die erst kürzlich verheiratet und ihre liebe Freundin sei, vorstellte.
Dieses war eine schmächtige, nicht sehr große, aber sehr niedlich
gewachsene Frau, mit einer originellen pikanten Gesichtsbildung, die,
wenn auch nicht schön, doch etwas sehr einnehmend war. Ich machte beiden
Damen den Hof und ließ die Spinola merken, daß es mir nicht unangenehm
sein würde, die so kurz vor meiner Abreise von Genua mit ihr in
Gesellschaft der Marchesa P... gemachte Bekanntschaft weiter
auszuspinnen. Ich hatte mir wieder eine Wohnung unweit der Kaserne
ausgesucht, die ganz geeignet war, geheime Besuche zu empfangen. Mich
diesen Abend noch deutlicher zu erklären, war nicht gut möglich, da ihr
die Palatini nicht von der Seite wich und sich mit einer auffallenden
Lebhaftigkeit in alle Gespräche mischte, die ich mit der Spinola
anzuknüpfen versuchte. In einem Gartensaal musizierte man, ich wurde
angegangen, mich hören zu lassen und trug mehrere neue Cavatini vor, die
ich in Rom und Neapel gelernt; als die Dame vom Haus und noch einige
andere den Wunsch ausdrückten, ich möchte doch wieder etwas aus dem Don
Giovanni singen, und da ich einige Augenblicke anstand, wandte sich
Signora Palatini mit einer großen Zudringlichkeit an mich, diesem Wunsch
nachzugehen, indem sie einige dutzendmal wiederholte: »_Si Signore, il
Don Giovanni, il Don Giovanni_, Sie müssen ihn singen, denn ich kenne
ihn noch nicht und habe doch so viel davon sprechen hören.« Dieses
Benehmen setzte mich in Erstaunen und fast in Verlegenheit. An
Subordination gewöhnt, befolgte ich die gestrenge Order, das >_Fin ch'an
del vino_< singend, und erhielt dafür einige danksagende Blicke von der
kleinen Tyrannin, die sich nun auch spielend und singend hörbar machte,
eine sehr hohe, sonore Sopranstimme hatte und mich dann ohne Umstände
vor der ganzen Gesellschaft einlud, sie doch ja recht bald und oft zu
besuchen, um mit ihr zu singen, sie erwarte mich morgen vormittag nach
der Messe, ich möge doch einige Duette mitbringen. Dieses so ganz
ungenierte und überaus freie Benehmen war mir noch gar nicht und am
wenigsten in Italien vorgekommen, wo die Damen im Gegenteil die meiste
Ursache haben, ihre Intrigen geheim zu halten und möglichst zu verbergen
oder doch passend zu bemänteln. Es machte mich immer verlegener, weil
ich wohl bemerkte, daß sich die Gesichter aller, die es mit angehört, zu
einem hämischen Lächeln verzogen und man sich in die Ohren flüsterte.
Als dies die Spinola sah, trat sie zu mir und sagte: »Das Benehmen der
Palatini darf Sie nicht wundern, sie ist ja noch ein halbes Kind, kaum
sechzehn Jahre alt, und dabei sehr verzogen, von einem überaus reizbaren
und heftigen Temperament, das sich nichts übel nimmt, alles, was sie
sich einmal in den Kopf gesetzt, um jeden Preis auch durchsetzen will,
ohne über die Folgen nachzudenken. Ihrem schon ältlichen und schwachen
Mann, an den sie ihre Verwandten verkuppelt haben, hat sie eine halbe
Million _di dotta_ mitgebracht und dem ihr ebenfalls aufgedrungenen
Cicisbeo, dem Conte M..., jenem noch gepuderten Pavian, den Sie dort am
Pharotisch pointieren sehen, so mitgespielt, daß er sich schon einigemal
für das Cicisbeat bedanken wollte, allein der Ehemann und die Verwandten
gaben es nicht zu, aber er hat die Hölle ...« In diesem Augenblick
sprang die Palatini, die gerade sang, ihre Noten hinwerfend und wild auf
die Tasten des Cembalos schlagend, die Musik unterbrechend auf, stellte
sich vor die erschrockene Marchesa hin und sagte dieser überlaut: »Ich
finde es höchst unartig, Signora, daß, wenn ich singe, Sie sich mit
Herren unterhalten. Nun singen Sie der Gesellschaft etwas vor.« -- Die
Spinola war dadurch so verblüfft, daß sie nichts erwidern konnte, ich
aber nahm schnell das Wort und sagte zu der aufgebrachten zornglühenden
Dame: »Signora, es war nur von Ihnen und Ihrem eminenten Talent die
Rede, das uns entzückte und das mir die Marchesa nicht genug rühmen
konnte. Ich war die Veranlassung dazu, indem ich die Signora zuerst
fragte, welcher Meister Ihre herrliche und unvergleichliche Stimme zu
einem so hohen Grad ausgebildet habe, worüber man im Begriff war, mir
Auskunft zu geben, als Sie uns gerade unterbrachen.«

»Wenn dies ist, so bitte ich um Vergebung für meine gewiß sehr
verzeihliche Neugierde, aber Sie werden mir selbst zugestehen, daß
nichts unangenehmer ist, als wenn man sich alle Mühe gibt und sich
anstrengt, einer Gesellschaft Vergnügen zu machen und andere dabei
plaudern.« -- Sie hatte nicht unrecht.

Der Zorn des kleinen Teufelchens hatte sich mit jedem Wort, das ich
gesprochen, mehr gelegt. Ihren Cicisbeo, der sich jetzt auch
eingefunden, um zu sehen, was die Unterbrechung und diese Szene
herbeigeführt, schickte sie mit den Worten heim: »Mein Herr, Sie haben
sehr unrecht, sich von Ihrem Spiel zu entfernen, die ganze Sache darf
Sie gar nicht interessieren, haben Sie die Güte, sich sogleich wieder an
Ihren Spieltisch zu verfügen; ich bitte Sie darum, hören Sie, sogleich.«
-- Der Signor trollte sich, den befehlenden Bitten folgend, ohne ein
Wort zu erwidern, an seinen Platz, und Signora Palatini ergriff ihr
Notenblatt wieder und beendigte das Morceau. Die übrige Gesellschaft,
obgleich über diesen sonderbaren Auftritt erstaunt und Gruppen bildend,
wo man sich in die Ohren zischelte, schien es doch nicht sehr zu
befremden. Bald darauf begann der Tanz mit einer Monfarina, welche ich
mit der Spinola antrat, die mich aber, nachdem wir einigemal die Tour im
Saal gemacht hatten, aufforderte, die jetzt nicht tanzende Palatini zu
engagieren, der sie mich abtrat. Ich tanzte mit dem kleinen Satan, der
mir gleich bei der ersten Tour eröffnete, daß er Giulietta heiße, ich
ihn künftig nur bei diesem Namen nennen solle und sich böse gebärdete,
als ich es nicht augenblicklich tat. Ich wiederholte jetzt dreimal in
einem Atemzug »Signora Giulietta« und sie nach dem Tanz, während dessen
die Unterhaltung wunderlich genug war, an ihren Platz führend, abermals:
»_mille grazie, Signora Giulietta_.« Ehe sich die Gesellschaft trennte,
kam sie noch einmal in Begleitung ihres _cavaliero servente_ auf mich zu
und sagte: »Daß Sie ja das Kommen morgen nicht vergessen und sich
pünktlich einfinden; ich erwarte Sie eine Stunde vor Mittag, um mit
Ihnen zu musizieren.« -- »Ich werde von Ihrer gütigen Einladung Gebrauch
machen und mich zur bestimmten Zeit einfinden.« -- »Sie sind Zeuge,«
sagte sie zu ihrem Begleiter, der mit einem Schafsgesicht zuhörte, und
beide empfahlen sich. Die Marchesa Spinola flüsterte mir im Weggehen zu:
»Nehmen Sie sich in acht, der kleine Teufel wird Ihnen zu schaffen
machen.« -- »Ich werde ihn zu zähmen wissen,« erwiderte ich. Kaum waren
diese Worte gesprochen, so trat die Palatini nochmals in den Saal zurück
und rief der Spinola zu: »Auch Ihre Portandina erwartet Sie, wollen Sie
nicht kommen?« Sie nahm die Marchesa beim Arm, sie mit sich fortziehend
und mir noch eine _felice notte_ zurufend.

Ehe ich mich den anderen Morgen, wie ich versprochen, zu ihr begab, ging
ich zu Guercinos, um bei diesen vielleicht etwas näheres über dies
sonderbare, aber dennoch pikant liebenswürdige Wesen zu erfahren. Diese
wußten mir aber weiter nichts zu sagen, als daß Signora Palatini wegen
ihres unbändigen Eigensinns und ihrer ausschweifenden Phantasien, die
sie oft die tollsten Streiche begehen ließen, in ganz Genua bekannt sei.
Ich begab mich zu der kleinen Wilden, die, als sie mich erblickte, auf
mich zusprang, laut rufend: »Es ist brav, daß Sie Wort gehalten; wir
werden auch ganz ungestört sein, mein Mann mußte auf meine Veranlassung
eine _Vileggiatura_ ins Gebirge machen, und den Signor Leonardo habe ich
für den ganzen Tag verabschiedet; jetzt kommen Sie.« Sie nahm mich bei
der Hand, führte mich in ein Zimmer, wo ein Flügel stand, und nötigte
mich, ihr zuerst etwas vorzusingen. Ich trug ihr die Arie >_Oh Idol mio,
quando mai_< und so weiter vor; nach wenigen Takten fiel sie mit einem
»_Bravissimo!_« dazwischen, schlug in die Hände, und ich hielt ein, ihre
Rechte ergreifend und küssend. Jetzt hatte Klavierspiel und Gesang ein
Ende, und ein anderes Spiel sollte beginnen; aber zweimal schlüpfte sie
mir unter dem Arm durch, laut lachend, endlich aber umfaßte ich die
kleine Blindschleiche, deren Taille ich mit meinen Händen umspannen
konnte, hob sie in die Höhe, daß sie zappelte, und sagte lachend: »Was
nun? -- Jetzt sind Sie ganz in meiner Gewalt, Giulietta.« -- »Die Sie
doch wohl nicht mißbrauchen werden?« -- »Gewiß nicht, _bella
fanciulla_,« antwortete ich, sie sanft auf den Boden niedersetzend. Aber
wieder ging sie mir durch, in ein zweites, drittes und viertes Zimmer,
aus dem aber kein Ausgang mehr war. »Jetzt sind Sie gefangen und werden
mir nicht mehr entwischen.« -- »_Ma_ -- _ma_ --« stöhnte sie bald mit
hochklopfendem Herzen, und ihre Wangen waren mit jener Röte gefärbt, die
einladender ist als das schönste Morgen- und Abendrot. Ich küßte sie,
aber sie biß mich in die Lippen, daß es mich schmerzte und fast blutete;
ich ließ mich indessen dadurch nicht stören und fuhr zu küssen fort, sie
auf ein Ruhebett bringend, bis uns beiden der Atem fast ausging ...

Der kleine Tollkopf war jetzt ziemlich zahm geworden, und nachdem wir
einige Zeit geruht, setzten wir uns an das Klavier, um nun wirklich zu
musizieren. Endlich war es Zeit, mich zu entfernen, und ich durfte es
auch, indem ich baldiges Wiederkommen versprach, denn Giulietta wollte
durchaus, daß ich den ganzen Tag bei ihr zubringen sollte, und hätte
mich nicht der Dienst abgerufen, so würde ich es mit Vergnügen getan
haben, denn Langeweile hatte man bei dem unruhigen Geist auch keine
Minute. Bei dem zweiten Besuch wiederholte sich die Szene des ersten,
und so ging es einige Zeit fort, ohne daß ich mich weder um die Spinola
noch um die P..., die ich noch nicht wieder gesehen hatte, bekümmerte.
Eines Morgens aber besuchte mich die alte Guercino in meiner Wohnung und
machte mir Vorwürfe, daß ich mich gar nicht nach der armen Marchesa P...
erkundige, die jeden Tag nach mir frage und mich nur noch einmal zu
sehen wünsche, sehr leidend sei und sich vielleicht nicht wieder von
ihrer Krankheit erholen würde. Ich verabredete mit der darauf dringenden
Guercino, der es wohl nur um die Präsente zu tun war, die es bei dieser
Gelegenheit absetzte, daß man eine Zusammenkunft veranstalten möge,
wozu, wie sie mir sagte, die Marchesa Spinola schon alles vorbereitet
habe, in deren Haus dieselbe stattfinden solle, wohin sich die P... in
einer Portandina bringen lassen würde. Wir setzten nun diese Entrevue
auf den Abend des nächsten Tages fest, wo ich mich ein Uhr nach
Sonnenuntergang in dem bezeichneten Hause einfinden wollte. Giulietta
verlassend, bei der ich den Tag wieder zugebracht hatte, begab ich mich
zur bestimmten Stunde zu dem verabredeten Rendezvous in den Palazzo
Spinola. Eine niedliche Cameriera empfing mich und führte mich über eine
Hintertür in abgelegene, spärlich erleuchtete Gemächer. In dem letzten
derselben fand ich eine weibliche Figur, in weiße Gewänder gehüllt, in
einem Armstuhl sitzen, die, als ich eintrat, eine zusammenfahrende
Bewegung machte und in deren blassen und leidenden Zügen ich dennoch die
Marchesa P..., die vor nicht ganz anderthalb Jahren noch so blühend
schöne Tonina erkannte. Ich stürzte auf sie zu, wollte ihre Hand fassen,
die sie aber schnell zurückzog, indem sie sprach: »Oh, lassen Sie diese
nichtssagenden Flatterien. Wir sind von allem genau unterrichtet; kommen
Sie nicht eben erst von der tollen Palatini?« -- »Ganz gewiß,« fiel hier
die Spinola ein, »seit seiner Zurückkunft bringt er alle Stunden, die er
ermüßigen kann, dort zu.« -- »Wie freute ich mich,« fuhr die andere
wieder fort, »als ich hörte, daß Sie wieder in Genua angekommen seien,
und hoffte von diesem Ereignis eine baldige Genesung, aber wie furchtbar
bin ich enttäuscht.« -- »Es ist unverzeihlich und recht abscheulich,«
sagte nun die Spinola, und ich stand in der Tat vor den beiden Signoras
wie ein Schulknabe, den der Herr Inspektor herunterputzt, weil er
unartig gewesen. Gern hätte ich mich wie gewöhnlich durch einen Scherz
lachend und spottend aus der Affäre gezogen, aber der Zustand Toninas
war doch zu ernsthaft -- sie litt besonders an Nervenübeln --, als daß
ich es wagen durfte, und ich suchte durch ein halbes _pater peccavi_
mich aus der Klemme zu befreien, indem ich meine Besuche bei der
Palatini zwar nicht leugnete, aber behauptete, sie seien durchaus ganz
unschuldiger Natur und gälten bloß ihrem musikalischen Talent, indem ich
nichts treibe, als mit ihr singe. -- »Wer so etwas glauben wollte,« fiel
mir die Spinola wieder ins Wort, »ja, wenn die Signora nicht ganz ohne
Hehl und ohne Scham selbst von ihrem Verhältnis mit Ihnen spräche!
Halten Sie uns doch nicht für so einfältig.« -- »Und schonen Sie doch um
Himmelswillen Ihre Freundin,« unterbrach ich die Marchesa, »sehen Sie
denn nicht, wie die Arme leidet?«

In der Tat hatte die P... in diesem Augenblick Konvulsionen und Krämpfe
bekommen und stöhnte: »Oh, mir ist sehr übel!« Wir sprangen ihr beide zu
Hilfe; sie bekam eine förmliche Ohnmacht. -- »Sehen Sie, was Sie gemacht
haben,« sagte die Spinola zu mir, meine Hilfe zurückweisend -- »Das ist
einzig und allein nur Ihre Schuld,« erwiderte ich etwas aufgebracht,
»Sie kannten den Zustand Ihrer Freundin und führen eine solche Szene
herbei; wenn Sie dergleichen Klatschereien erfuhren, mußten Sie sie eher
verheimlichen, als mitteilen und bekräftigen.« -- »Nicht von mir hat es
die Marchesa zuerst erfuhren, ganz Genua redet von den Tollheiten Ihrer
Charmanten. Sie sind samt ihr die Mär der Stadt. Wo dachten Sie hin,
sich mit einer solchen Törin einzulassen und darüber Ihre besten
Freundinnen zu vernachlässigen? Nein, Sie können kein Deutscher sein, so
etwas tut kein Deutscher, dies verzeiht man nicht einmal einem
leichtsinnigen Franzosen.« -- Ich suchte die aufgebrachte Signora zu
besänftigen, welche die Schläfe und Stirn der noch immer bewußtlosen
Freundin mit starken wohlriechenden Wassern rieb, ihr Diebsessig unter
die Nase hielt, indem sie ihren Kopf an ihren Busen legte. Als sie sich
so beschäftigte, die Ohnmächtige wieder zu sich selbst zu bringen,
drückte ich einen leisen Kuß auf deren Stirn, indem ich noch leiser
sagte: »Dies wird sie vielleicht am ehesten erwecken.« -- »Was
unterfangen Sie sich,« fuhr mich die Spinola zwar heftig, aber ebenfalls
kaum hörbar an, »glauben Sie, wir würden uns von Ihnen betören lassen?
Gehen Sie zu Ihrer Pazza, dort ist es besser angewandt, und lassen Sie
uns in Ruhe.« -- »Nicht so böse, meine schöne Signora, Sie haben mir
zuerst die Palatini bei Dorias zugeführt, ich bitte ja aufrichtig um
Vergebung, werfe mich reuevoll zu Füßen.« Ich wollte nun auch ihr die
Hand küssen, als Tonina plötzlich ein Lebenszeichen von sich gab und
bald darauf wieder die Augen aufschlug. Als sie sah, wie wir beide um
sie beschäftigt waren, lächelte sie wehmütig, und ich bat sie, vor ihr
kniend und ihre Hand fassend, innig um Vergebung, nochmals beteuernd,
daß nur der Schein gegen mich sei, und jetzt unterstützte mich die
Spinola in meinem Vorgehen, indem sie sprach: »Eine Möglichkeit ist es
immer, wenn auch schwer zu glauben. Ich will ihn doch nicht ganz
verdammen, denn das tolle Weib ist wohl fähig, Dinge zu sagen, die nicht
sind.« -- Abermals küßte ich feurig Toninas Hand, die mich jetzt mit
einem bedeutenden Blick ansah und lispelte: »Aber wenn Sie mich dennoch
betrügen?« -- Der Ton, mit dem sie dies sagte, ging mir durch Mark und
Bein, und ich fühlte mich so zerknirscht und über mich selbst
angehalten, daß ich in diesem Augenblick vielleicht alles bekannt, wenn
man mich noch weiter inquiriert hätte. Ich suchte die Leidende indessen
immer mehr zu beruhigen, bekam endlich wieder den Mut, ihr meine
unerschütterliche Treue zu beteuern und bei allen Göttern zu versichern,
daß ich nur sie liebe und hoffentlich von meiner Unschuld klar
überzeugen werde, sie möge sich jetzt nur beruhigen und so ihre schnelle
Genesung herbeiführen. Noch beinahe eine ganze Stunde brachte ich in
dieser mir sehr peinlichen Lage zu und verließ die Damen, nachdem die
Marchesa P... wieder so weit hergestellt war, um sich in ihrer
Portandina fortbringen lassen zu können. Ehe ich mich entfernte, hatte
man von mir das Versprechen verlangt, meine Bekanntschaft ganz
aufzugeben und die Palatini nicht mehr zu besuchen, ich stellte aber den
Damen vor, daß dies bei dem bekannten Charakter der Donna nicht wohl
tunlich sei, ohne sich allem Möglichen von ihrer Seite auszusetzen, und
ich nur allmählich und mit großer Vorsicht abbrechen könne, was man
endlich auch einzusehen beliebte, mir aber einschärfte, Wort zu halten,
wenn ich nicht böse Folgen erleben wolle. Ich empfahl mich bestens,
froh, als ich wieder freie Luft schöpfte, dieser Szene enthoben zu sein.
Die Sache war mir aber doch nicht ganz gleichgültig, denn ich kannte die
Genueserinnen mit als die rachsüchtigsten Frauenzimmer Italiens, befand
mich zwischen zwei Feuern und wußte noch nicht, wie ihnen zugleich Face
und Front zu machen. Als ich mir gerade den Kopf zerbrach, was ich wohl
in dieser Verlegenheit für einen Operationsplan entwerfen müsse und mit
aller Taktik und Strategie nicht zu Ende kommen konnte, zog mich ein
_Deus ex machina_, wenigstens für den Augenblick, aus derselben. Ich
besuchte noch den nämlichen Abend die Opera Buffa, wo ich Giulietten
versprochen hatte, mich einzufinden, und traf hier den Herrn von Brüge,
der, als er mich sah, auf mich zukam und mir verkündete, daß ich schon
den nächsten Morgen mit meiner Kompagnie in die Gebirge zur Verfolgung
der immer dreister werdenden Briganten abmarschieren müsse; gerne hätte
er mich zurückbehalten, allein da es ausdrücklicher Befehl vom
kommandierenden General sei, daß die Voltigeurkompagnien zu diesem Zweck
verwendet werden sollten, so müsse er mich wohl ziehen lassen. Die Order
kam mir erwünscht. Giulietta hatte mich, während der Bataillonschef mit
mir sprach, unverwandt angesehen, und als ich mich in ihre Loge begeben
wollte, um sie mit dem erhaltenen Befehl bekannt zu machen, kam sie mir
schon auf dem Korridor entgegen und fragte mich, was denn der Kommandant
so angelegentlich mit mir gesprochen und von mir gewollt habe. Ich
teilte ihr den Inhalt unseres Gesprächs mit, worüber sie außer sich
geriet und in die Worte: »Das dulde ich nicht, ich gehe selbst zum
General!« und ähnlichen Unsinn ausbrach. Lachend bedeutete ich ihr, daß
gegen militärische Order eine weibliche schlechterdings nicht aufkommen
könne, sondern daß sie hier durch jeden unüberlegten Schritt nicht nur
sich, sondern auch mich und meine militärische Ehre kompromittieren
würde, ohne dadurch irgend etwas zu ändern, da gegen solche Befehle gar
keine Einwendungen, selbst die begründetsten nicht angehört würden. --
»Gut, dann gehe ich mit und reite auf einem Maultier an der Spitze
deiner Kompagnie.« -- Diesen tollen Gedanken suchte ich ihr auszureden,
indem ich ihr sagte, daß dies nicht gelitten würde und außerdem die
Expedition schwerlich länger als ein- oder ein paarmal vierundzwanzig
Stunden dauern würde. -- »Wenn es aber länger dauert, komme ich doch
nach,« versetzte sie nun, und ich sah, wie recht die Spinola gehabt, als
sie mir gesagt, der kleine Teufel würde mir zu schaffen machen, denn ich
fürchtete irgendeinen tollen Streich, den abzuwehren nicht in meiner
Gewalt stünde. Ich entfernte mich jetzt unter dem Vorwande, Anordnungen
treffen zu müssen, und versprach, vor dem Abmarsch Abschied von ihr zu
nehmen. Statt dessen schrieb ich ihr einen Brief, mich mit der
Unmöglichkeit und der übereilt befohlenen Entfernung entschuldigend, den
ich ihr erst zukommen ließ, als wir schon einige Stunden von Genua
entfernt waren. Ebenso benachrichtigte ich die Spinola schriftlich von
diesem Ereignis, mit der Bitte, es ihrer Freundin schonend mitzuteilen,
und vertröstete auch sie auf baldige Zurückkunft. In der Tat war ich
froh, als ich den anderen Morgen Genua, aus dem ich absichtlich schon
vor Sonnenaufgang mit meiner Kompagnie abmarschiert war, im Rücken hatte
und sah mich jeden Augenblick um, fürchtend, den kleinen Satan auf
seinem Maultier hinter mir angesprengt kommen zu sehen.

Schon seit einiger Zeit war es in den italienischen Alpen sehr unruhig
geworden, es hatten sich starke Banden zusammengerottet, die so verwegen
wurden, daß sie in den letzten Tagen sogar einen französischen Posten
von einigen zwanzig Mann überfallen und die Leute sämtlich ermordet
hatten. Dies war in einer geringen Entfernung von Genua geschehen. Die
italienischen Alpen sind in dieser Gegend ebenso unwirtsam, voll
Schluchten und sicherer Zufluchtsorte für Räuber und Insurgenten, wie
die Waldgebirge Kalabriens. Jeder Mann hatte sechzig scharfe Patronen
und für vier Tage Brot bei dem Ausmarsch erhalten.

Eine besondere Instruktion hatte ich nicht und konnte sie nicht erhalten
haben, sondern sie lautete nur im allgemeinen, die Spuren der Briganten
aufzusuchen, sie zu verfolgen und wo möglich tot oder lebendig
einzufangen, mich dabei so viel es sich tun ließ der Bauern in den
Dörfern zu bedienen und Führer aus denselben zu nehmen. Das weitere
blieb meiner Einsicht überlassen, indem ich nach Umständen agieren
müsse. Ist man einmal über die Riviera -- so wird das Uferland genannt,
welches den Meerbusen umgibt -- hinaus, so werden die Berge immer öder,
steiler und kahler, Felsen türmen sich auf Felsen, seltener werden Bäume
und Gebüsch, und nur hier und da sieht man noch einige Kastanien, der
Weg, dessen Rand sich oft an unabsehbaren Abgründen und Schlünden
hinzieht, über welche mitunter sehr gebrechliche Brücken führen, kann
nur noch durch sehr sichere Pferde und Esel betreten werden. Viele
dieser Brücken waren durch die Briganten abgebrochen, so daß ich häufig
wieder umkehren und andere Wege aufsuchen mußte. Als ich den zweiten Tag
zu Ovada ankam, erfuhr ich, daß erst vor ein paar Tagen hier drei
Gendarmen überfallen und ermordet worden waren; um an diesen Ort zu
gelangen, hatte ich einen Führer aus dem Flecken Campo Marone
mitgenommen, der mich auf großen Umwegen hierher gebracht, wo ich mich
auf vierundzwanzig Stunden einquartierte, um Erkundigungen über den
Aufenthalt und die Spuren der Briganten einzuziehen. Ovada ist ein
ziemlich großer Ort, der an der Orba liegt und etwa tausend Einwohner
zählen mag. Wo ich aber auch anklopfte und forschte, niemand wollte mir
Auskunft über die Banden geben können; die Stimmung der Einwohner und
Landleute war uns überhaupt sehr ungünstig, allenthalben zeigte sich
große Unzufriedenheit mit der Regierung, Haß gegen die französische
Herrschaft und ein Geist des Aufruhrs und der Widerspenstigkeit, der
unter Umständen sehr gefährlich werden konnte. Zu den zahlreichen
Räuberbanden, die sich in den italienischen Alpen umhertrieben, gesellte
sich fortwährend alles Gesindel, und alle, welche irgend etwas begangen
hatten, flüchteten sich zu ihnen in unzugängliche Schlupfwinkel im
Gebirge. Dabei hatten sie fortwährend geheime Verbindungen in Genua,
Turin, Piemont und der Lombardei. Was mir sehr im Wege stand, war die
abscheuliche Sprache, die in dieser Gegend geredet wird; überall wollten
die Einwohner kein Italienisch sprechen und stellten sich, als
verstünden sie mich nicht. In Ovada suchte ich einen Geistlichen auf,
der doch den Sprachunwissenden nicht machen konnte, wenigstens meine
Fragen beantworten mußte, aber auch von diesem konnte ich nichts weiter
herausbringen, als daß man zwar viel von den Briganten höre, aber ihren
Aufenthalt nicht wisse noch erspähen könne. Überhaupt zweifle er an dem
Bestehen dieser Banden, wie man sie in Genua schildere; es seien
höchstens nur einzelne Straßenräuber vorhanden, und es sei ganz
vergebliche Mühe, diese aufsuchen zu wollen, da kein Mensch ihre
Schlupfwinkel kenne. Aber der geistliche Herr wußte sie gewiß. Von Ovada
marschierte ich mit ebensowenig Erfolg nach Casaleggio und von da nach
den Dörfern Acquata und Isola, ganz abscheulichen Nestern, in denen alle
meine Bemühungen ebenfalls erfolglos blieben, so daß ich schon
verzweifelte, jemals auf die Spur der Briganten zu kommen. In Ronco
brachte ich einen Tag und zwei Nächte zu und erfuhr am Morgen nach der
letzten, daß in der verwichenen Nacht abermals ein Gendarm zwischen hier
und dem nahen Fornaro ermordet worden sei. Seinen Leichnam habe man
schrecklich verstümmelt auf der Landstraße gefunden. Ich machte mich nun
mit meiner Kompagnie eilig nach Fornaro auf, das ziemlich nahe an der
Bocchetta liegt, stellte rings um das Dorf Piketts und drohte es
anzuzünden, wenn mir nicht in Zeit von zwei Stunden die Mörder der
Gendarmen ausgeliefert würden, denn ich hatte einige Indizien, daß es
Bewohner dieses Ortes waren. Um meiner Drohung mehr Nachdruck zu geben
und zu zeigen, daß es mir Ernst damit sei, ließ ich von den Soldaten
Brennmaterial zusammenbringen und auf einen Haufen legen; aber
vergeblich, die Einwohner heulten, schrieen und winselten, beteuerten
ihre Unschuld, und von den Mördern war keine Spur aufzufinden. So zog
ich schon sieben Tage vergeblich in diesen Öden und zwischen Schluchten
umher, wobei die Nahrung auch nicht die beste war und ich mehrere Marode
zählte, die ich nach Bocchetta führen ließ, von wo sie ins Lazarett nach
Genua gebracht wurden. Ich selbst fing an, höchst mißmutig zu werden und
an irgendeinem günstigen Erfolg meiner Mission zu verzweifeln, als ich
auf eine List verfiel, die wenigstens teilweise gelang. Ich suchte die
entschlossensten und mutigsten Leute meiner Kompagnie heraus, ließ sie
ihre Säbel scharf schleifen und so zu zwei und drei Mann streifen,
während ich mich mit den übrigen in einem nahen Dorf verweilte, in
dessen Mitte ich ein Pikett aufstellte und dessen Ausgänge so besetzte,
daß sich keine Seele aus demselben ohne meine Erlaubnis entfernen
durfte. Die Leute, die ich auf die Streifereien ausschickte, instruierte
ich dahin, daß sie sich nicht weiter von dem Ort entfernen sollten, als
man das Abfeuern eines Gewehrs hören könne, und wenn sie Bauern oder
sonstige Individuen auf sich zukommen sähen, sollten sie dieselben bis
auf gefällte Bajonettweite herankommen lassen, dann aber ihnen das
Gewehr vorhalten und sie nach ihrem Begehren fragen; sollten jene aber
Miene machen, noch weiter vorzudringen oder irgendeine feindliche
Bewegung versuchen, losschießen, und wenn das Gewehr nicht mehr zur
Verteidigung geschickt sei, dasselbe von sich werfen und sich mit dem
blanken Säbel verteidigen, bis der nicht lange ausbleibende Sukkurs
käme; würde man aber aus der Ferne auf sie schießen, so sollten sie das
Feuer erwidern, doch immer nur einer nach dem anderen, um sich zu
soutenieren. Andere Soldaten hieß ich, nur mit dem Seitengewehr
bewaffnet, ganz in der Nähe des Orts spazieren gehen. Aber auch dieses
Manöver hatte ich schon einige Tage umsonst versucht; endlich hörte ich,
nachdem ich zwei Stunden vor Tagesanbruch, denn ich marschierte nur
nachts und immer unvermutet ab, damit die Briganten so wenig als möglich
von ihren Spionen unterrichtet werden konnten, in dem sehr einsam im
Gebirg gelegenen Dorf Ritegno angekommen war und die Streif- und
Lauerposten abgeschickt hatte, plötzlich einen Schuß und gleich darauf
noch acht bis zehn fallen. Ich jagte jetzt mit einem Teil der übrigen
Mannschaft nach dem Ort zu, von wo das Schießen herkam, und fand fünf
von meinen Leuten im Handgemenge mit wenigstens zwanzig Briganten. Als
mich diese ankommen sahen, ergriffen sie die Flucht, bis auf drei,
welche von den Voltigeurs festgehalten wurden; einer derselben stach
jedoch einen Mann mit einem Dolchstoß nieder. Dies sehend, sprang ich
hinzu und versetzte dem Kerl mit solcher Kraft einen Hieb über den Kopf,
daß er einen zweiten beabsichtigten Dolchstoß nicht führen konnte,
sondern mehrere Schritte zurücktaumelte und von seinem Blut überströmt
ohnmächtig niedersank; aber auch der gestochene Voltigeur war gefährlich
verwundet. Die beiden anderen Briganten wurden unterdessen entwaffnet
und festgehalten. Den Entflohenen setzten wir zwar eine Strecke nach,
mußten jedoch bald umkehren, da wir jede Spur von ihnen verloren. Ich
ließ alle drei, auch den Schwerverwundeten, der wieder zu sich gekommen
war und nebst dem von ihm gestochenen Soldaten zur Not verbunden wurde,
knebeln und sagte ihm, daß er ohne Absolution und Segen zur Hölle fahren
solle, wenn er nicht gestände, wo sich seine Spießgesellen aufhielten
und wer sie seien. Ebenso drohte ich den anderen mit augenblicklichem
Erschießen, wenn sie nichts gestehen würden, und ließ jeden gehörig
bewacht einzeln und von den andern getrennt führen, so daß sie sich
weder durch Worte noch durch Blicke oder Zeichen miteinander
verständigen konnten. Der Verwundete ward aber mit jedem Augenblick
schwächer und flehte um einen Tropfen Wasser zur Labung, den ich ihm
aber verweigerte, bis er gestanden, was ich begehrte. Ich hielt ihm
nochmals seine bevorstehende Höllenfahrt vor, worauf er mir mit matter
Stimme erwiderte: »Gewiß nicht, denn ich habe schon im voraus Absolution
und Vergebung aller Sünden erhalten und bin im Gegenteil gewiß, daß ich
für meine Ermordungen der Feinde unseres Landes sogar dem größten Teil
der Pönitenz des Fegfeuers entgehen werde.« -- Jetzt fragte ich ihn, wer
ihm denn solche Albernheiten glauben gemacht, und reizte ihn, noch mehr
zu beichten, mich über seinen Aberglauben lustig machend. Ich brachte
auch noch so viel von ihm heraus, daß er erst vor vierundzwanzig Stunden
in Asconi, einem Dorf im Gebirge, gebeichtet habe. Hierauf ging ich zu
einem anderen Gefangenen und sagte zu diesem: »Ah, Briccone, du bist
auch aus Asconi?« Er erblaßte und leugnete. Nun teilte ich ihm mit, daß
mir sein sterbender Kamerad dies gestanden, worauf er versetzte: »Er hat
gelogen, ich bin nicht aus Asconi, sondern der andere, mein Geburtsort
ist Cento Croce.« -- »Du hast aber doch erst vor vierundzwanzig Stunden
in Asconi gebeichtet und Absolution erhalten.« -- »Ha, der Verräter,«
knirschte der Brigant. Auch den dritten nahm ich nun _ad coram_ und
erfuhr genug, um überzeugt zu sein, daß die Kerls in Asconi und Cento
Croce zu Hause waren, und brach, nachdem ich die Verwundeten und
Gefangenen nach Bocchetta expediert, mit dem Rest meiner Leute, noch
über hundert Mann, durch öde und kahle Wildnisse mit einem gezwungenen
Führer nach Asconi auf, sah aber den Ort ganz verlassen und keine
lebendige Seele. Auch fand sich in den erbärmlichen Hütten desselben
nicht das mindeste vor, was uns zur Nahrung und Labung hätte dienen
können, und wir mußten uns an das mitgebrachte Brot und Wasser halten.
Einige der Leute hatten noch etwas Aquavit bei sich, auch fingen wir ein
halbes Dutzend Hühner und ein paar Hähne weg, die sich uns zufällig
darboten und nun an Ladestöcken gebraten und mit Pulver zubereitet
wurden, da wir kein anderes Salz hatten. Gegen Abend marschierte ich
unter Hörnerklang -- die Voltigeurs hatten statt der Trommeln eine Art
kleiner Wald- oder Posthörner -- und mit möglichstem Geräusch ab, ließ
aber drei Viertelstunden von dem Dorf hinter einer Felsenwand Halt
machen und befahl den Leuten, sich möglichst ruhig und still zu lagern.
Brot und Wasser war wieder unsere Kost, obgleich wir ein paar
aufgefangene Ziegen bei uns hatten, die ich aber nicht zu töten
gestattete, weil kein Feuer gemacht werden durfte, wenn mein Plan
gelingen sollte. So kampierten wir bis um zwei Uhr nach Mitternacht;
zwar hatte mir schon einer der ausgestellten Lauerposten einige Stunden
nach Sonnenuntergang berichtet, daß man Licht in Asconi wahrnehme, ich
fand aber für gut, noch eine spätere Zeit abzuwarten, um mein Vorhaben
auszuführen. Jetzt kehrten wir in aller Stille nach Asconi zurück, wo
wir noch Licht in einigen Häusern sahen. Wir schlichen uns ganz leise
und unbemerkt heran, und mit der Hälfte der Mannschaft besetzte ich alle
Zugänge des Orts, während ich mit der anderen Hälfte in denselben
einrückte und ein Haus, eine Art Osteria, aus dem ein ziemlich
bacchanalischer Lärm ertönte, umzingelte. Wir entdeckten, daß sich
einige zwanzig wohlbewaffnete Banditen nebst mehreren Weibern und
Mädchen in einer großen Stube desselben befanden, sich ganz unbekümmert
Orgien überlassend. Nachdem ich meine Mannschaft auf das beste geordnet
und instruiert hatte, ließ ich die Trompeter ins Horn stoßen und die
Leute auf dieses Signal plötzlich die Gewehre gegen die Fenster und
Türen abfeuern, die letzteren darauf mit Gewehrkolben einstoßen und zur
Attacke blasen. Ich drang nun mit einem Teil der Mannschaft in das Haus,
während die anderen, ihre Bajonette in die Fenster haltend, dasselbe
fortwährend umgaben. Die Briganten, durch diesen unerwarteten Überfall
verblüfft und an vierzig Läufe gegen sich gerichtet sehend, durch das
Geschrei der Weiber und Kinder noch mehr außer Fassung gebracht, dachten
im ersten Augenblick nicht daran, Widerstand zu leisten, als aber einige
ihre Büchsen abfeuerten, folgten die anderen diesem Beispiel, worauf
meine Leute ebenfalls ein mörderisches Feuer auf sie gaben. Ich drang,
an der Spitze zwei Sergeanten, in das Zimmer; dem Unterleutnant hatte
ich den Befehl der Leute vor dem Haus und im Dorf über lassen, und es
entspann sich ein mörderisches Gefecht in der Stube selbst, in der sich
die Briganten wie Verzweifelte wehrten, und erst nachdem mehrere von
ihnen tot niedergestreckt, auch viele verwundet waren und ich ihnen dann
bei augenblicklichem Niederschießen gebot, die Waffen zu strecken und
auszuliefern, hatte der Kampf ein Ende. Mehrere von meinen Leuten waren
gleichfalls verwundet, doch keiner sehr gefährlich, und keiner war
geblieben, ich selbst aber mit einem Dolch in den linken Arm geritzt
worden. Ich ließ ihnen nun Gewehre, Pistolen, Säbel und Dolche abnehmen
und sie, während sie noch vor Wut schäumten, mit Gewehrriemen binden, da
ich keine Stricke auftreiben konnte, und so bis zu Tagesanbruch
bewachen, während sich Unteroffiziere und Soldaten mit den hübschesten
der Weiber und Mädchen, wenn auch etwas gewaltsam, vergnügten, was die
Gefangenen, die es wenigstens mit anhörten, bis zum Rasendwerden in Wut
versetzte. In ein paar anderen Häusern fingen wir noch ein halbes
Dutzend von dieser Bande, sehr viele aber waren entsprungen und hatten
sich durch die Flucht gerettet. Wir fanden in dem einen Haus auch noch
einen ziemlich vollen Weinschlauch, gebratenes Ziegenfleisch, Polenta,
Öl, woran sich die fast verhungerten Voltigeurs gütlich taten. Mit
Tagesanbruch verließ ich das Dorf mit meinen Gefangenen, deren Arme ich
auf dem Rücken hatte zusammenschnallen und binden lassen. Als wir
ausmarschierten, warfen sich mir die Weiber zu Füßen, um die Freilassung
ihrer Männer und Geliebten flehend und sich an die Soldaten klammernd,
die sie transportierten, so daß wir alle Gewalt nötig hatten, sie los zu
werden und ich nur durch die Drohung, auf sie und die Gefangenen
schießen zu lassen, verhindern konnte, daß sie uns folgten. Ich
marschierte nun nach Cento Croce, fand aber dieses Nest ganz
ausgestorben; von da mit meinem Fang über Ritegno und Bocchetta, wo ich
erst den folgenden Mittag ankam und die Gefangenen nebst einem
ausführlichen Rapport nach Genua abschickte und mich dann in Ronco
einquartierte, die Zurückkunft meiner Leute und der zwei Sergeanten, die
ich mit abgesandt, erwartend. Wir bedurften der Ruhe, uns von den
Strapazen und Entbehrungen zu erholen. Ich erhielt aber den anderen Tag
Order, mit meiner Kompagnie gleichfalls wieder in Genua einzurücken, um
dort bei den Verhören der Gefangenen gegenwärtig zu sein und die nötige
Auskunft zu geben, zugleich wurde mir aber für meine erfolgreichen
Bemühungen eine Belobung und noch zwei Rasttage in Ronco gestattet.

Ungefähr sechzehn Tage hatte ich mich in diesen Gebirgen umhergetrieben,
und meine Abberufung war mir daher willkommen, da bei einer solchen,
immer mit den größten Entbehrungen und Gefahren verknüpften Expedition
doch nur wenig Ruhm zu erwerben ist, während eine weit weniger
beschwerliche Waffentat gegen einen gewöhnlichen Feind im offenen Felde
mit Eklat ausposaunt und belohnt wird. Dagegen ist aber wohl keine Art
Krieg zu führen so unterrichtend und so reich an Erfahrungen, als gerade
diese. Man lernt dadurch besonders jedes Terrain gehörig benutzen,
erlangt einen großen Scharfblick und eine richtige Übersicht in allen
Gefahren und weiß jeden kleinen Vorteil bestens wahrzunehmen. Die
beständige Aufmerksamkeit, welche man bei allen Streifzügen in so
kupiertem Terrain notwendig haben muß, schärft den Blick und Verstand
außerordentlich. Jeder einzelne Mann kommt da oft in die Lage, alle
seine Intelligenz und Fähigkeiten aufbieten zu müssen, um nicht das
Opfer irgendeiner Versäumnis oder Nachlässigkeit zu werden, die oft mit
dem Leben bezahlt werden muß. Die Erfahrungen und Gefahren eines solchen
Krieges machen dann auch zu allen größeren Kommandos und zum Anführen
der wichtigsten Expeditionen fähig.

In Genua zurück, verfügte ich mich zuerst zu meinem Bataillonschef,
Herrn von Brüge, der mich freundlich empfing und meinen Erzählungen mit
vieler Teilnahme zuhörte und von diesem zum kommandierenden
Divisions-General Montchoisy, dem ich einen vollständigen Bericht
abstattete und wurde darauf von ihm zur Tafel geladen, ebenso bei dem
Kommandanten General Mouret. Die Verhöre fanden bald statt, und zehn
dieser Briganten wurden zum Tode verurteilt, die übrigen kamen auf die
Galeere.

Ich hatte eben keine große Eile, mich nach meinen Schönen zu erkundigen
oder sie aufzusuchen, sondern fürchtete vielmehr, Neuigkeiten von ihnen
zu hören und wollte hinsichtlich ihrer wenigstens eine Zeitlang das
Inkognito in Genua bewahren, aber am Morgen des dritten Tages erhielt
ich in aller Frühe ein Billettchen von Giulietta, in welchem sie mich in
sehr gebieterischen und dringenden Ausdrücken aufforderte, sie noch
diesen Vormittag zu besuchen. Ich mußte dem Gebot wohl Folge leisten,
begab mich zu ihr und erlebte einen Auftritt, der weit ärger war, als
ihn sich meine ausschweifende Phantasie gedacht und ich gefürchtet
hatte. Der kleine Satan rief mir entgegen: »Also zitieren muß man Sie,
wenn man Sie sehen will,« redete nur von Dolch und Gift, von Herzen
durchbohren und Augen ausstechen, Gurgel abschneiden und in Stücke
zerreißen und so weiter. Zuerst hielt sie mir meine Abreise ohne
Abschied, wie ein Dieb in der Nacht, vor, dann aber wollte sie hinter
mein intimes Verhältnis, das es denn doch noch nicht war, mit der
Spinola gekommen sein, und schwur hoch und teuer, daß dieses blutig
enden würde, wenn ich es fortsetze. Ich suchte die halb Rasende zu
beruhigen, indem ich ihr ebenfalls hoch und teuer schwur, daß ich noch
nie ein intimes Verhältnis mit der Spinola gehabt, und das konnte ich
mit gutem Gewissen; ich wußte sie endlich so weit zu besänftigen, daß
wir uns so ziemlich im Frieden, der gehörig gefeiert worden war,
trennten, indem ich alles versprach, was sie versprochen haben wollte.
Sie gestand mir ein, wie sie meine Ankunft in Genua erfahren; ein
Kammermädchen, das einen Unteroffizier des Regiments kannte, hatte
denselben angehen müssen, ihr meine Zurückkunft sogleich zu melden; nun
war er aber gerade den Tag auf der Wache, und sie erfuhr es doch erst
achtundvierzig Stunden später. Ich fand für gut, mich jetzt auch bei
Guercino nach der Marchesa P... und der Spinola zu erkundigen und hörte,
daß erstere im ganzen etwas besser sei, aber noch immer so sehr an den
Nerven leide, daß sie auch die geringste Erschütterung oder
Gemütsbewegung, die sie um jeden Preis vermeiden müsse, in den
traurigsten Zustand versetze. Ich hatte bald auch eine Zusammenkunft mit
der Spinola, bei der wir gemeinschaftlich den Zustand der armen Marchesa
bedauerten, uns gegenseitig deshalb trösteten und so gerührt waren, daß
wir, ohne zu wissen wie, bald einander in den Armen lagen; und was die
Palatini nur vermutet hatte, verwirklichte sich schneller, als ich
geglaubt. -- Nun war aber die schwere Aufgabe, einer jeden von beiden
glauben zu machen, daß sie die einzige Auserwählte sei, etwas, das weder
so leicht noch gefahrlos war, da alle diese Damen ihre Kundschafterinnen
hatten, die das Spionenhandwerk trefflich verstanden. Wenige Tage vor
meiner Ankunft war ein junger französischer Artillerieoffizier das Opfer
der Eifersucht einer Frau geworden, der, nachdem er eine Zeitlang ein
vertrautes Verhältnis mit ihr gehabt, Anstalt machte, eine junge
Französin, die Tochter eines Artillerieobersten, zu heiraten. Kurz vor
dem schon festgesetzten Vermählungstage hatte sie ihn bei einer letzten
Zusammenkunft, um die sie ihn gebeten, mit eigenen Händen erdolcht und
so gut zu treffen gewußt, daß er fast lautlos niedergestürzt war, sich
dann selbst als seine Mörderin angegeben und den Gerichten überliefert,
die sie für eine Wahnsinnige erklärten. -- Ich nahm meinen Tisch wieder
bei Herrn von Brüge, setzte den musikalischen Unterricht mit der kleinen
Josephine fort, an der ich eine sehr fleißige und talentvolle Schülerin
hatte, die mir mit kindischer Liebe so sehr zugetan war, daß mir diese
Stunden eher eine Unterhaltung, eine Erholung, als eine Mühe waren.
Öfters auch führte ich das liebenswürdige Kind spazieren und zeigte ihm
Genuas Kuriositäten; so besuchte ich eines Tages das Conservatorio
Fieschino mit ihm, ein Nonnenkloster, welches ein Domenico Fiesco im
Jahr 1760 stiftete und das durch die künstlichen Blumen, die die Nonnen
desselben verfertigen und die von einer seltenen Schönheit und Frische
sind, nicht nur in ganz Italien berühmt, sondern selbst bis nach
Amerika, wohin sie versendet werden, bekannt ist. Von diesen Blumen,
welche die heiligen Mädchen zum Schmuck der sündhaften Weltkinder
verfertigen, bietet man den Fremden an, die das Kloster besuchen, und
verkauft sie ihnen sehr teuer; der Handel findet im Sprechzimmer durch
ein doppeltes Gitter statt. Ich kaufte Josephinen ein solches Bukett,
wobei die Nonnen das Kind so allerliebst fanden, daß sie es zu sich
hinter das Gitter nahmen und es noch mit einem anderen Strauß solcher
Blumen beschenkten, es auch aufforderten, sie öfters zu besuchen, was
wir versprachen, und es brachte von jetzt an oft ganze Tage in diesem
Kloster bei den frommen Schwestern zu, unter denen mehrere so
liebenswürdig waren, daß ich das Mädchen um dieses Glück beneidete. Doch
sah und lernte sie auch manche Dinge dort, wie ich später von ihr
erfuhr, die eben nicht sehr klösterlich waren. -- Zu dieser Zeit war der
Dienst bei unserem Bataillon wegen des Einexerzierens der
neuangekommenen Rekruten, fast ausschließlich Preußen, die in dem
unglücklichen Krieg von 1807 nach der Schlacht bei Jena, der Übergabe
von Magdeburg und so weiter gefangen worden waren und Dienste genommen
hatten, wieder beschwerlich, wenigstens für mich, da ich eine wahre
Antipathie gegen dieses so ganz geistlose und mechanische Einochsen der
Handgriffe, Wendungen und des Marschierens hatte; auch wußte ich mich
die meiste Zeit davon zu dispensieren. Selbst die Pelotons- und
Bataillonsschule langweilte mich, weil sie sich in zu engen Grenzen
bewegte; ich hätte gar zu gern Heere manövrieren lassen.

Bis jetzt war es mir geglückt, mein Verhältnis mit den beiden Damen so
zu verheimlichen, daß keine von ihnen daran zweifelte, daß ich den
Umgang mit der anderen aufgegeben, aber jeden Tag konnten mir die Karten
aufgedeckt werden. In der letzten Zeit hatte ich einigemal bei Giulietta
eine sehr liebenswürdige Dame, eine nahe Anverwandte von ihr, die
Signora Albertina Palatini getroffen, die ganz das Gegenteil von ihrer
wilden Cousine und eine sehr sanfte und ruhige Frau, von blassem,
schmächtigem Aussehen, eine geborene Venetianerin war, die sich hierher
verheiratet hatte. Sie besaß ganz das zierliche, fein-graziöse Wesen,
das die Venetianerinnen besonders auszeichnet, Schönheiten, denen das
Heroische der Römerinnen, das Blühende der Florentinerinnen abgeht, die
dagegen fast verklärte, oft sehr geistreiche Gesichter und die zarteste
weiße, fast durchsichtige Haut von der Welt haben. Die Signorina
Albertina hatte ein raffaelisches Madonnenantlitz, ihre Unterhaltung war
von der Art, daß sie unwiderstehlich für sie einnahm, und nie habe ich
hinsichtlich des Kontrastes zwei verschiedenartigere Wesen kennen
gelernt, als diese beiden Cousinen, die sich dennoch sehr gut
miteinander vertragen, und, was das Sonderbarste war, daß, obgleich ich
Albertinen eine ungewöhnliche Aufmerksamkeit in Gegenwart Giuliettens
schenkte und mich, soviel es tunlich war, fast ausschließlich mit ihr
unterhielt, diese doch keine Idee von Eifersucht oder Mißtrauen blicken
ließ, sondern das größte Vertrauen in ihre sanfte und sentimentale
Verwandte setzte, nicht bedenkend, daß es die Sentimentalen oft ganz
gewaltig hinter den Ohren sitzen haben, denn stille Wasser sind tief. --
Ein bloß geistiges Einverständnis hatte sich auch bald zwischen mir und
der neuen Bekannten entsponnen, und in den Gesellschaften, in denen ich
sie traf und die sie frequentierte -- sie wurde weit mehr als ihre
Cousine zu denselben gezogen und eingeladen --, unterhielt ich mich und
tanzte viel mit ihr; ein gegenseitiges Wohlwollen, ohne Drang nach
sinnlicher Lust, war bald entstanden, und jedes bezeigte große Teilnahme
für das, was dem anderen widerfuhr; wie sehr dies von Albertinens Seite
der Fall war, hatte ich bald Gelegenheit, auf das unzweideutigste zu
erproben.

In ganz Italien ist hinsichtlich Genuas eine Redensart im Munde des
Volkes, die heißt: _Uomini senza fede, donne senza vergogna, mare senza
pesce, bosco senza legna._ Mit derselben hat es, wie es mit so mancher
ähnlichen abgeschmackten sprichwörtlichen Redensart der Fall ist,
gleiche Bewandtnis, sie ist fast ganz falsch und irrig. -- Was das erste
anbetrifft, _Uomini senza fede_, so sind die Genueser in dieser Hinsicht
nicht schlimmer als die anderen Italiener, was freilich kein Lob ist,
und ebenso ist es mit den Frauen der Fall, die übrigens auch bei dem
vertrautesten Verhältnis noch immer eine gewisse Dezenz beobachten, sich
nie so ganz schamlos hingeben, wie zum Beispiel die Französinnen, die,
wenn man einmal auf einen gewissen Punkt mit ihnen gekommen ist, gar
keine Zurückhaltung mehr kennen, was sie denn auch, trotz ihres
geistreichen und witzigen Geplauders, ihres so aufgeweckten munteren
Verstandes, gar schnell bis zum Ekel widerlich erscheinen läßt, sobald
man intim mit ihnen geworden. -- Das Meer ohne Fische ist nun vollends
eine offenbare Lüge; ich habe nirgends bessere und dabei sehr billige
Fische gegessen wie hier, namentlich die Triglia, ein köstlicher
Rotfisch, Sardellen, frischen Tunfisch, die kleinen köstlichen
rosenfarbigen Bianchetti, die man auch Rosetti nennt, und so weiter. --
Ein Wald ohne Bäume aber ist barer Unsinn, man findet hier die
herrlichsten Zitronenwäldchen, deren Duft die Lüfte parfümiert. -- Ich
erwähne dieses alberne Sprichwort hauptsächlich in Betracht der Frauen,
die nicht mehr intrigieren als alle Italienerinnen und Spanierinnen,
fast eher schamhaft als schamlos sind, wenigstens habe ich sie so
gefunden, sogar die sonst so ausgelassene Giulietta war in gewissen
Dingen sehr dezent, und selbst die öffentlichen Dirnen, denen ich nur
auf den Straßen begegnete, da ich vor solchen immer den größten Abscheu
und Ekel hatte, haben es bei weitem noch nicht zur Unverschämtheit der
Pariser Boulevardnymphen gebracht; man konnte zu jeder Zeit durch alle
Gassen Genuas gehen, ohne von ihnen angehalten zu werden.

Etwa vier Wochen nach meiner Zurückkunft aus den Alpen war wieder ein
großes Fest bei Dorias, zu dem das ganze Offizierskorps der Garnison
sowie die ganze schöne Welt und der Adel Genuas, den ich zum erstenmal
so vollständig versammelt sah, eingeladen war. Im hellen Glanz strahlten
die Damen, die ihre Toilette mit großer Sorgfalt gewählt hatten; auch
Albertina Palatini war zugegen, aber ganz einfach weiß, jedoch in die
feinsten Spitzen gekleidet, ohne Brillanten oder Perlen, weiße Rosen im
Haar. Ihre feine blasse Haut und dieser Anzug gaben ihr das Ansehen
einer Halbverklärten. Ich hatte fast nur Augen für sie und war mit der
ebenfalls anwesenden Spinola und Giulietta übereingekommen, daß
ich beide ignorieren und ihnen nur die ganz gewöhnlichen
Höflichkeitsbezeigungen erweisen würde. Ich hielt mich hauptsächlich in
Albertinens Nähe auf, deren elegante Anmut beim Tanz bewundernd. Sie
blickte mich einigemal so bedeutungsvoll an, daß es schien, als hätte
sie mir etwas Besonderes mitzuteilen. Ich trat bald darauf eine
Monfarina mit ihr an, und nachdem dieselbe beendigt war, drückte sie mir
ein Billettchen verstohlen in die Hand, indem sie mir zuflüsterte:
»_Leggete subito!_« Ich eilte in ein entlegenes Gemach unter eine
Fensterhalle und las:

>Signor, finden Sie sich eine Stunde vor Mitternacht in der Grotte der
Calypso der Villa Doria ein, wo ich Ihnen Dinge von der größten
Wichtigkeit mitteilen werde, meiden Sie mich aber den Rest des Abends,
damit jeder Verdacht eines Einverständnisses fern bleibt. Um der Madonna
willen, verlieren Sie das Billett nicht, wenn Ihnen Ihr und mein Leben
teuer ist, vor allem hüten Sie sich vor meiner Cousine und meinem
Bruder; suchen Sie die Grotte auf und placieren Sie sich bei der zweiten
Monfarina in meiner Nähe.<

So sehr ich auch über den Inhalt dieses seltsamen Schreibens erstaunt
war und nachdachte, so glaubte ich dennoch aus demselben nichts weiter
vermuten zu können, als einen gefährlichen Anschlag Giuliettas, die
hinter meine Schliche gekommen, oder ein gewöhnliches Rendezvous. Etwas
zerstreut kehrte ich in den großen Saal zurück, begegnete bisweilen den
Blicken Albertinens, die alsdann ihre Augen verlegen niederzuschlagen
schien. Ich suchte nun die bezeichnete Grotte auf, die in dem
entlegensten Teil der Bosketts lag, mir die dahin führenden Wege
merkend, und tanzte dann abwechselnd mit der Spinola, Giulietta,
Teresina Doria und anderen. Bei der zweiten Monfarina placierte ich mich
neben den Tänzer Albertinens, die mich während der Tour leise und
schnell fragte: »Wissen Sie die Grotte? Haben Sie das Billett
vernichtet? -- Verfehlen Sie die Zeit nicht!« -- Ich beantwortete alles
mit gleicher Heimlichkeit und begab mich eine Viertelstunde vor der
festgesetzten Zeit an den bestimmten Ort. Kaum hatte ich Posto daselbst
gefaßt, so hörte ich mehrere Männerstimmen eifrig im Gespräch begriffen,
und da ich fürchtete, sie möchten in die Grotte kommen, so trat ich
schnell aus derselben und hinter ein nahes Gebüsch. Meine Vermutung war
nicht ganz falsch, denn sie blieben vor dem Eingang der Grotte stehen
und schienen sich im genuesischen Jargon ziemlich heftig zu streiten.
Ich verstand nur einzelne und abgebrochene Worte, wie _Il Commandante_,
_teatro_, _francese_ und so weiter. Gerne wäre ich aus meinem Hinterhalt
hervorgegangen, um Albertinen aufzusuchen und sie zu verhindern, sich
hierher zu verfügen, aber es war unmöglich, ohne von diesen Personen
bemerkt zu werden, die dann glauben mußten, ich habe sie belauscht. Über
eine gute Stunde mußte ich in dieser peinlichen Lage bleiben, jeden
Augenblick fürchtend, die Signora kommen zu sehen, als sich die Männer,
es waren ihrer wohl einige zwanzig, entfernten, sich in mehrere Gruppen
verteilten und auf verschiedenen Wegen wieder in den Palazzo begaben.
Sobald ich sie weit genug glaubte, eilte auch ich wieder in den Tanzsaal
zurück, Albertinen mit scharfen Blicken im Gewühl suchend, konnte sie
aber nirgends entdecken; ich rannte nun wieder zur Grotte, aber auch
hier keine Spur von ihr, ich lief durch alle Gänge und Alleen des
Gartens, alles vergeblich. Eben wollte ich wieder in die Haustür treten,
als mich eine Frauengestalt, in einen Mantel gehüllt, bei der Hand nahm
und einige Schritte mit sich fortzog; es war Albertine. Ich wollte
reden, aber sie fiel mir schnell ins Wort: »Ich weiß alles, was Sie mir
sagen wollen, und habe nur zwei Minuten Zeit, denn schon werde ich
vermißt. Wenn Ihnen Ihr Leben und das aller Ihrer Kameraden teuer ist,
so verfehlen Sie morgen nicht, in die Frühmesse der Annunziata zu
kommen.« Mit diesen Worten verlor sie sich schnell ins Gebüsch, da man
Leute kommen hörte. Es waren Gäste, die sich schon entfernten. Ich trieb
mich noch eine geraume Zeit in dem Garten umher, über dieses Abenteuer
und was es zu bedeuten habe nachdenkend; als ich endlich wieder in den
Saal trat, war es schon drei Stunden nach Mitternacht und die Kerzen
beinahe heruntergebrannt; die Generalität und alle Offiziere waren
längst weg, ich fand nur noch wenige Nobili unter einer Fensterhalle in
so eifrigem Gespräch vertieft, daß sie mich kaum zu bemerken schienen,
und entfernte mich ebenfalls. Zu Hause angekommen, warf ich mich auf das
Bett, meinem Bedienten befehlend, mich mit Tagesanbruch, der nicht mehr
sehr entfernt war, zu wecken. Ich konnte aber nicht einschlafen, und
erst gegen Morgen schloß ich die Augen, in einen leisen und unruhigen
Schlummer versinkend, aus dem ich, durch einen beängstigenden Traum
erschreckt, bald wieder erwachte, mich schnell ankleidete und zur
Annunziatakirche eilte. Außer einigen alten Frauen und verschleierten
Damen, die hin und wieder an Altären knieten, war noch niemand in der
Kirche. Nach einer halben Stunde trat die von mir heiß Herbeigewünschte
ein. Ich hatte sie an der Tür erwartet und reichte ihr das Weihwasser,
worauf sie mir ein Zeichen gab, ihr zu folgen. In einer kleinen
Seitenkapelle öffnete sie eine ziemlich verborgene, stark mit Eisen
beschlagene Tür, die sie leise anlehnte; ich folgte ihr unbemerkt und
befand mich samt ihr in einem sehr kleinen, von hohen Mauern umgebenen
Kirchengärtchen oder vielmehr Höfchen, mit Bäumen besetzt. Nachdem ich
auf ihr Geheiß die Tür hinter mir zugemacht, sagte sie: »Signor, mein
Benehmen muß Ihnen sehr seltsam vorkommen, aber das Interesse, welches
Sie mir von dem ersten Augenblick, da ich Sie sah, einflößten, wird,
verbunden mit dem, was ich Ihnen nun entdecken werde, mich nicht nur
entschuldigen, sondern Sie mir auch für immer verpflichten. Erst aber
schwören Sie mir, daß Sie weder mich noch meinen Mann noch meinen
Bruder, so groß auch die Schuld des letzteren sein möge, verraten oder
ins Verderben stürzen wollen.« -- Lächelnd fragte ich sie, ob es wohl
noch eines solchen Schwures bedürfe, und reichte ihr die Hand, mein
Ehrenwort deshalb gebend. Ihre Hand ruhte zitternd in der meinigen, als
sie fortfuhr: »Es ist eine gräßliche Verschwörung gegen Ihre Truppen und
die Garnison im Werk und dem Ausbruch so nahe, daß keine Zeit mehr zu
verlieren ist, wenn Sie sich retten wollen. Heute abend sollen mit dem
Beginn des zweiten Akts die sich im Augustinertheater befindlichen
Generale und Offiziere ermordet, zugleich auf ein Signal die Kasernen in
Brand gesteckt und sich von den Verschworenen der Wälle und Tore
bemächtigt werden. Die Anstalten sind so gut getroffen und alles so
vorbereitet, daß wohl niemand leicht entkommen kann. Mehrere tausend
Briganten und Landleute vom Gebirge befinden sich schon seit gestern
abend in der Stadt versteckt, noch weit mehr werden im Augenblick der
Ausführung von den Bergen herunterströmen; mehrere englische
Kriegsschiffe werden sich mit anbrechender Nacht der Küste nähern und
unfern der Stadt Truppen ans Land setzen. Das Signal wird sogleich nach
der im Theater erfolgten Ermordung durch eine vom Fanal aufsteigende
Rakete gegeben werden. Dies alles habe ich teils durch meinen Mann,
teils durch eine Instruktion, die ich in der Schreibtafel meines Bruders
fand, die er bei jenem zurückgelassen, erfahren. Namen kann und werde
ich Ihnen keine nennen, auch weiß ich nicht, wer die eigentlichen
Urheber und Lenker der Verschwörung sind, und erinnere Sie nochmals an
Ihr Versprechen.« -- »Das ich heilig halten werde, teuerste Signora,«
unterbrach ich sie, hinzusetzend: »denn es soll Sie nicht gereuen, die
Retterin so vieler tapferen Leute geworden zu sein.«

Albertine nahm mit Tränen in den Augen Abschied und entfernte sich durch
eine andere Tür, während ich mich durch die Kirche zurück und nach Haus
begab. Hier überlegte ich, wie ich es anzufangen habe, die Sache dem
kommandierenden General zu entdecken, ohne die Palatini und ihre
schuldigen Verwandten zu kompromittieren. Nach einigem Nachdenken war
mein Entschluß gefaßt, ich eilte zuerst zu Herrn von Brüge, teilte ihm
flüchtig mit, was ich ungefähr wußte und sagen durfte, ohne mein Wort zu
brechen, sowie daß ich durch einen Zufall hinter die furchtbare Sache
gekommen sei, indem ich diesen Morgen in einer Villa spazieren gegangen,
in einem Gebüsch ungesehen zehn bis zwölf Männer belauscht habe, die
sich in einem von dichtem Gesträuch umgebenen Rondel beratschlagt
hätten, ohne daß es mir möglich gewesen, nur einen derselben zu
erkennen; soviel sei aber gewiß, daß noch diesen Abend der Tanz im
Theater angehen solle. Herr von Brüge ging sogleich mit mir zu dem
kommandierenden General Montchoisy, dem ich dasselbe noch umständlicher
wiederholen mußte. Da die Zeit so kurz war, man auch nicht ein einziges
Individuum kannte, an das man sich hätte halten können, so war guter Rat
teuer. Der General sagte mir, warum ich denn nicht wenigstens den
Männern nachgegangen sei, um zu erforschen, wer einer oder der andere
gewesen; ich entschuldigte mich mit der Dringlichkeit der Sache und daß
ich sie zu schnell aus den Augen verloren habe. Es wurde jetzt in meiner
Gegenwart über die Maßregeln beratschlagt, die zu ergreifen seien, da
man mit aller Vorsicht zu Werke gehen mußte, um die Verschworenen, die
man nicht kannte, nicht aufmerksam zu machen und ahnen zu lassen, daß
man etwas von ihren Absichten wisse, weil, wenn sie sich verraten
geglaubt, sie leicht einen Desperationscoup ausführen konnten, dem man
bei der Unbekanntschaft mit den näheren Verhältnissen nicht hätte
gehörig begegnen können. Ich stand wie auf Kohlen und kämpfte mit mir
selbst, ob ich nicht lieber die Wahrheit gestehen und wenigstens den
Corbetti, so hieß Albertinens Bruder, nennen solle; aber ich hatte das
Ehrenwort gegeben, und dies konnte ich nicht brechen. Nach manchen in
Beratung gezogenen und wieder verworfenen Plänen machte ich Vorschläge,
die denn auch mit wenig Modifikationen vorgenommen und ausgeführt
wurden, und man kam endlich über folgendes überein, nämlich: die Chefs
der Regimenter _und_ Bataillone sogleich in den Gouvernementspalast zu
bescheiden, die verschiedenen Korps nach dem Mittagsappell mit wenigen
Ausnahmen, damit die Straßen nicht ganz von Militär entblößt würden, in
den Kasernen zu konsignieren, allen Zutritt zu denselben von diesem
Augenblick an zu untersagen, damit von dieser Konsignierung in der Stadt
nichts verlaute, eine Stunde vor dem Beginn des Schauspiels sämtliche
Truppen unters Gewehr treten zu lassen und, sobald das Theater
angefangen, die Artillerie auf den Wällen und Bastionen verteilen, die
Kanonen gegen die Stadt zu richten, nachdem man sie scharf geladen, auch
Kugeln auf dem Rost glühend zu machen, alle Wachen sowie die Hauptwache
allmählich zu verstärken, die Theaterwache zu verdoppeln und gehörig mit
scharfen Patronen zu versehen, sodann jedermann den Eintritt in das
Schauspielhaus zu gestalten, aber keinem Zivilisten erlauben, dasselbe
wieder zu verlassen, sondern beim Aufziehen des Vorhangs alle Bürger,
bei denen man Waffen finden würde, zu verhaften. Diese Maßregeln wurden
mit äußerster Geheimhaltung vorbereitet, so daß selbst kein Offizier,
der nicht in das Geheimnis eingeweiht war, etwas von einer Verschwörung
ahnte. Die Bataillonschefs ordneten selbst die Konsignierung an, und zur
gewöhnlichen Zeit strömte man ungewöhnlich zahlreich ins Theater. Ein
Aide du camp des Generals hatte mit mir die Bewerkstelligung der
Verhaftungen übernommen, der ersten Wache am Theater war eine zweite,
hundert Mann stark, gefolgt, doch wurde der freie Ausgang noch bis zum
Aufziehen des Vorhangs gestattet und erst dann den jetzt doppelt
aufgestellten Schildwachen geboten, denselben zu wehren. Die Ouvertüre
war verhallt, und der Vorhang rollte in die Höhe, aber statt der Akteurs
erblickte man eine in zwei Treffen gestellte Abteilung von Grenadieren.
Ich trat jetzt mit gezogenem Degen vor, kommandierte: »_Apretez-armes,
joue!_« Auf fast allen Gesichtern der Zuschauer las man eine große
Bestürzung und auf vielen Todesblässe. Jetzt trat der General-Adjutant
vor und rief mit lauter Stimme: »Den Herren Offizieren wird im Namen des
Herrn Generals befohlen, sich sofort auf die rechte und linke Seite des
Parterres zu begeben und ihre Degen zu ziehen, die übrigen Zuschauer
aber haben bei Strafe des augenblicklichen Erschießens die strengste
Ruhe und Ordnung zu beobachten, denn bei der geringsten zweideutigen
Bewegung wird eine Generalsalve auf die dichtesten Haufen gegeben.«[5]
Jetzt kommandierte ich wieder: »_Redressez vos armes!_«, und die
Grenadiere brachten ihre Gewehre wieder in die Lage des >Fertigmachens<.
Die Offiziere hatten getan, wie ihnen befohlen war, und zwei Genueser
erdolchten sich im Parterre. Die Bestürzung war allgemein. Den Damen
wurde nun insinuiert, sich zu entfernen, die Wachen traten ins Parterre,
man visitierte jeden Mann streng, und alle, bei denen man Dolche,
Stockdegen, Terzerole oder sonstige Waffen fand, nicht weniger als
hundert und einige neunzig, wurden auf der Stelle verhaftet, die anderen
entlassen. Während dies im Theater vorging, wurde draußen Generalmarsch
geschlagen, die Truppen marschierten auf den Plätzen und Wällen auf, die
Fanale wurden besetzt und starke Patrouillen streiften durch alle
Straßen. Auf solche Art wurde diese gefährliche Verschwörung, welche
eine Wiederholung der Sizilianischen Vesper geworden wäre, im Moment, wo
sie ausbrechen sollte, erstickt. Es wurden Militärkommissionen zur
Untersuchung niedergesetzt und bald darauf acht Rädelsführer zum Tode
verurteilt und guillotiniert, die übrigen meistens auf die Galeeren
geschickt; viele der Teilnehmer waren entwischt und zu den Briganten in
die Gebirge entflohen. Der Gatte Albertinens war gar nicht vorgefordert
worden, da niemand etwas auf ihn ausgesagt, er auch nicht im Theater
gewesen war, aber dem jungen Corbetti hatte ich nicht nur durchgeholfen,
sondern ihn sogar drei Tage lang in meiner Wohnung verborgen und ihm
dann Gelegenheit verschafft, sich nach Sizilien einzuschiffen.

[Fußnote 5: Die Österreicher haben später zu Mailand bei einer ähnlichen
Gelegenheit dieses Manöver einmal nachgemacht.]

Alles ging bald wieder seinen geregelten Gang fort, und ich arbeitete an
meiner Versetzung zum ersten Bataillon, denn der Aufenthalt in Genua war
mir wegen meinen Verhältnissen mit den verschiedenen Frauen, die nimmer
einen guten Ausgang erwarten ließen, verleidet; ich schrieb deshalb oft
an Düret. Eben hatte ich wieder einen solchen Brief beendigt, als ein
Lohnbedienter zu mir in das Zimmer trat und mir sagte, es seien gestern
abend ein paar fremde Damen in dem Hotel Croce di Malta angekommen, die
mich zu sprechen wünschten und bitten ließen, sie doch diesen Vormittag
zu besuchen, indem sie mir vermutlich sehr angenehme Mitteilungen zu
machen hätten. Auf meine Fragen, wer denn die Damen seien, erwiderte der
Abgesandte: »_Non le conosco_,« und mehr war aus ihm auch nicht
herauszubringen. Ich konnte mir gar nicht denken, welche Donna Elvira
mich in Genua aufsuchen möchte, denn daß es die Cesarini nicht sein
konnte, wußte ich, da ich erst vor wenigen Tagen Briefe von ihr erhalten
hatte, die keineswegs einen solchen Schritt vermuten ließen. Nachdem ich
meine Dienstgeschäfte verrichtet, eilte ich neugierig in das
Maltheserkreuz und fand -- meine Engländerinnen aus Florenz, die mir gar
nicht in den Sinn gekommen waren. So sehr ich auch überrascht war, hieß
ich sie doch freundlich willkommen, frühstückte mit ihnen und versprach,
sie verlassend, gegen Abend wieder zu erscheinen. Als ich zu Hause
angekommen war, dachte ich: >Immer besser, meine hiesigen Verhältnisse
verwickeln sich mehr und mehr; die Götter mögen wissen, welches Ende das
nehmen wird.< Ich überlegte, durch welche Mittel ich den sicher
bevorstehenden, höchst unangenehmen Begebenheiten wohl entgehen könne,
als mich eine Ordonnanz zum Bataillonschef beorderte. Dieser empfing
mich ungewöhnlich freundlich und überreichte mir mehrere Papiere, indem
er sagte: »Ich gratuliere von Herzen!« Das eine war meine Ernennung zum
Kapitän, das andere ein Schreiben von Düret, aus Civita-Vecchia datiert.
Das letztere brach ich hastig auf, durchflog es und las unter anderem
seine herzlichen Glückwünsche zu meinem Avancement sowie die Meldung,
daß er zugleich meine Versetzung zum ersten Bataillon bei dem Oberst
Omeara durchgesetzt habe, wobei ihm besonders das Vorgeben genutzt, daß
das Musikchor seit meiner Abwesenheit ganz verwahrlost und kein Offizier
beim Bataillon sei, der mich in dieser Hinsicht ersetzen könne, man
alles dem _Maître de musique_ zu überlassen genötigt und ich in dieser
Hinsicht gewissermaßen unentbehrlich wäre. Er schloß noch mit einer
väterlichen Warnung hinsichtlich Caguenecs und daß er mich recht bald
erwarte. Herr von Brüge hatte auch schon meine Versetzungsorder erhalten
und bedauerte, besonders wegen seiner Tochter, mich sobald wieder zu
verlieren. Auch ich tat, als sei es mir leid, war aber innerlich über
das Ereignis seelenvergnügt, und zu Hause angekommen, setzte ich mich an
das Klavier und komponierte einen recht munteren _pas redoublé_, machte
dann sogleich Anstalten zu meiner Abreise und ließ mir meine _feuille de
route_ ausfertigen. Nun blieben mir noch die sauersüßen Abschiedsszenen
übrig. Der Marchesa Spinola sagte ich bei Guercinos, wohin ich sie
zitiert und wo ich sie auch in der letzten Zeit öfters gesehen hatte,
ein zärtliches Lebewohl, der Marchesa P..., die noch immer krank war,
schrieb ich einen herzbrechenden Abschiedsbrief, bei den kaum
angekommenen Ladys spielte ich den Verzweifelnden, indem ich zu Lady
Mary sagte: »Da sehen Sie, was es heißt, ein Soldat sein; auch keine
Minute ist man Herr über sein Leben und seine Zeit; aber hatte ich es
Ihnen nicht in Florenz gesagt, daß es so kommen würde?« Mary war
wirklich außer sich und rief aus: »Wie! nachdem ich mir alle Mühe
gegeben und Gott weiß was alles vorgebracht habe, um meinem immer noch
in Paris weilenden Gatten plausibel zu machen, daß ich meinen Aufenthalt
in Genua nehmen möchte, verlassen Sie es? Oh, wäre ich doch lieber in
Florenz geblieben; vorerst kann ich nicht daran denken, von hier wieder
wegzureisen.« »Gott sei Dank!« erwiderte ich in Gedanken und brachte
noch eine recht zärtliche halbe Nacht mit ihr zu. Auch Albertinen, der
ich soviel zu danken hatte, schien meine Abreise durchaus nicht
gleichgültig zu sein, auch sie schwamm in Tränen. Nun aber kam noch der
schwierigste und von mir am meisten gefürchtete Abschied von allen, der
von meiner tollen Giulietta, der ich erst den letzten Abend vor meiner
Abreise, als sie mich, wie es sehr häufig geschah, in meiner Wohnung
besuchte, dieselbe mitteilte. Es setzte eine zweite, womöglich noch
tollere Szene, als die, bevor ich zur Brigantenjagd abging, und nur
durch die Versicherung, daß ich ganz gewiß, ehe vierzehn Tage vergingen,
wieder in Genua sein und in ihren Armen liegen würde, gelang es mir, sie
einigermaßen zur Raison zu bringen und von albernen Streichen, mir
diesmal gewiß folgen zu wollen und so weiter, abzubringen.

Da ich noch immer bei Kasse war, auch meinen schönen Reisewagen noch
hatte, so beschloß ich diesmal über Mailand nach Rom zu gehen und rollte
mit Tagesanbruch zu dem nach Alessandria führenden Tor hinaus, mit der
Hoffnung, vielleicht den mir so angenehmen Posten in Albano
wiederzuerhalten.



                                  VI.

   Reise über Mailand nach Rom. -- Mailand. -- Die Einwohner. -- Der
    Advokat Mazetti. -- Eine Spielhölle. -- Ich rette Graf G... aus
   den Klauen falscher Spieler. -- Bellina. -- Abreise von Mailand nach
    Rom. -- Ankunft zu Rom. -- Wiedersehen. -- Abfahrt nach Neapel.


Meine Marschroute gestattete mir wieder einen Monat Zeit, um den Ort
meiner Bestimmung zu erreichen; da ich mit Extrapost ganz bequem in fünf
bis sechs Tagen und noch früher in Civita-Vecchia eintreffen konnte, so
benutzte ich die dadurch gewonnene Zeit, die merkwürdigsten Städte der
Lombardei und Oberitaliens, die ich noch nicht gesehen hatte, zu
besuchen, so vor allem Mailand.

Ich hatte mir vorgenommen, vierzehn Tage in dieser merkwürdigen Stadt
zuzubringen, mein Aufenthalt dehnte sich aber beinahe drei Wochen aus.

Das gesellige Leben war zu jener Zeit noch immer freundlich, obgleich
man sich sehr vor dem napoleonischen Spionenwesen fürchtete und seine
Worte gewaltig auf die Wagschale legte. Dennoch war man gegen Fremde
zuvorkommend, artig, gastfrei und selbst dienstfertig. Ich hatte
durchaus keine Empfehlungen mit nach Mailand gebracht, ging auch fast
immer nur in Zivilkleidern und hatte doch in den ersten paar Tagen schon
im Theater und im Kaffeehause die Bekanntschaft einiger angesehener
Bürger gemacht, die mich zu sich einluden und in ihren Familien
einführten. Die Schönheit der Mailänderinnen ist in Oberitalien
sprichwörtlich, sie haben eine sehr frische Hautfarbe, einen äußerst
wohlproportionierten Wuchs, schöne Augen, meistens ein rabenschwarzes,
dickes, langes Seidenhaar, das freilich oft sehr frühe ins Graue
übergeht, dabei viel Anmut und angenehme Manieren, lieben Putz und
Pracht leidenschaftlich, wissen sich aber mit Geschmack und gewählt zu
kleiden und trugen damals sehr die Pariser Moden, die man acht bis zehn
Tage später, als sie in Frankreichs Hauptstadt erschienen, gewiß war,
auf dem Korso und in der Skala bewundern zu können. Auch in Equipagen,
deren man Hunderte in einer Reihe begegnete, wurde großer Aufwand
gemacht. Mailand war damals diejenige Stadt Italiens, wo man die
Franzosen am wenigsten ungern sah, selbst die Männer waren ihnen nicht
gerade abhold. Ich war in einem Gasthof abgestiegen, den ich jedoch nach
zwei Tagen mit einer Privatwohnung in der Nähe des Domplatzes
vertauschte, von wo ich meine Ausflüge in alle Teile der Stadt bequem
machen konnte.

Als ich das Canobbiana-Theater zum erstenmal besuchte, machte ich die
Bekanntschaft eines ältlichen Mannes, der sich mir als einen Advokaten
namens Mazzetti zu erkennen gab und, nachdem er mich nach meiner Wohnung
gefragt hatte, mir schon den anderen Tag in den Vormittagsstunden einen
Besuch abstattete; er versicherte, daß er sehr für mich eingenommen sei
und bedauerte nur, mich nicht früher gekannt zu haben, weil er mir sonst
eine Stanza in seinem Hause angeboten haben würde. Über diese
außerordentliche Zuvorkommenheit und teilnehmende Gefälligkeit erstaunt,
deren Grund ich mir nicht wohl zu erklären vermochte, war ich auf meiner
Hut. Daß es meine liebenswürdige Persönlichkeit nicht sein konnte, die
den alten Rechtsverdreher anzog, war mir klar, und am allerwenigsten
hielt ich einen Italiener, wenn auch einen Mailänder, einer so schnell
auflodernden uneigennützigen Freundschaft fähig, obgleich mich Signor
Mazzetti auf _corpo_ und _anima_ versicherte, daß er sich nur zu mir
hingezogen fühle, weil ich ein noch mit den italienischen Sitten
unbekannter Signor Cavaliere _forestiere_ und in dem gefährlichen
Mailand so ganz unbekannt sei; mein offenes Wesen und meine
Liebenswürdigkeit, ich müsse charmanter Eltern Kind sein, habe ihn so
angesprochen, daß er sich vorgenommen, mir den Aufenthalt in seiner
Vaterstadt möglichst angenehm zu machen. Der alte Fuchs hatte während
der Zeit seine Späherblicke in meinem Zimmer umherspazieren lassen,
meine Koffer und das Wagenkistchen wohlgefällig betrachtet und gefragt,
ob ich mit eigenem Wagen und Extrapost reise, und mich dann dringend
gebeten, ihn doch ja noch denselben Abend mit einem Besuch beehren zu
wollen, wo ich eine angenehme und sehr unterhaltende Gesellschaft bei
ihm antreffen würde, namentlich auch einige sehr liebenswürdige Damen
von seiner Bekanntschaft, ausgezeichnete musikalische Talente. Als ich
ihm erwiderte, daß auch ich dieser Kunst nicht ganz fremd sei,
versicherte er mir mit einem Faunenlächeln, daß ihn diese Entdeckung
entzücke, und schmunzelte dabei satanisch unter seinen buschigen
Augenbrauen. Als ich versprach, seinem Divertimento beiwohnen zu wollen,
konnte er kaum die Freude, die aus seinen grimassierenden Mienen
hervorleuchtete, die mir aber nicht entging, verbergen. Er blieb,
während ich mich ankleidete, bat mich dann, ihm doch die Ehre zu
erzeigen, die Schokolade mit ihm in einem nahen Kaffeehause nehmen zu
wollen, wobei ich bemerkte, wie der alte Fuchs mit gierigem Wohlbehagen
seine Augen auf die gefüllte Börse warf, die ich zu mir steckte. Während
wir die Schokolade tranken, unterhielt er mich mit allerlei
Stadtneuigkeiten, die mir nicht uninteressant schienen, und ich
begleitete ihn dann auf sein Verlangen bis an seine Wohnung in der
Straße San Giuseppe, damit ich, wie er meinte, sie den Abend um so
weniger verfehlen könne, und die er mich wohl zu merken bat. Er hatte
sich unterdessen auch nach meinem Namen und Stand erkundigt. Ersteren
teilte ich ihm mit, und er machte ein Signor Federico daraus. Aber ich
verschwieg ihm, daß ich französischer Offizier sei, und gab mich für
einen zu seinem Vergnügen reisenden Sohn eines wohlhabenden Kaufmannes
aus, der besonders Italien kennen zu lernen wünsche. Zur
übereingekommenen Stunde verfügte ich mich zu meinem überartigen Patron
und fand daselbst eine, wie es mir schien ziemlich gemischte
Gesellschaft von einigen zwanzig Personen, unter denen mehrere recht
hübsche Damen, eine junge Sängerin, _seconda Donna della Canobbiana_,
und eine reizende Tänzerin _della Scala_. Mein freundlicher Wirt stellte
mich den Damen als einen _Cavaliere forestiere_ von sehr guter Familie
vor. Die Unterhaltung ward bald animiert genug, man reichte Eis,
Limonade und Süßigkeiten herum, sodann wurde musiziert; Signora Bellina,
so hieß die Cantatrice, trug allerliebste Cavatinen und _Canzonette
buffe_ vor, so daß alle davon entzückt waren, besonders als sie das
damals so beliebte >_Una povera ragazza tutt' onesta_< und so weiter mit
einem _parlando espressivo_ sang. Auf des Hausherrn Ersuchen, der, ohne
mich noch gehört zu haben, mich seinen Gästen als einen _virtuoso
famosissimo_ anpries, sang ich zuerst einige französische Romanzen,
unter denen der von mir selbst komponierte Troubadour >_Brulant d'amour
en partant pour la guerre_<, die nur wenige verstanden, dann ein
komisches Duett mit der Signora Bellina. Ich wurde nun auch mit
Komplimenten bis zum Ekel überhäuft, bis endlich Signor Mazzetti, der
Musik ein Ende machend, ein kleines Spielchen arrangierte, wobei eine
schon ziemlich ältliche und hochgeschminkte Schöne den Bankier und ein
neben ihr sitzendes konfisziertes italienisches Gaunergesicht ihren
Croupier machte. Jetzt glaubte ich schnell den Schlüssel zu der
zuvorkommenden Freundlichkeit des Advokaten gefunden zu haben, und hatte
mich nicht geirrt. Man war so aufmerksam, mich zuerst zu fragen, ob ich
vielleicht gerne selbst Bank halten wollte. Es war das beliebte _Faráone
reale_ (_Basetta_), das gespielt wurde. Ich dankte ergebenst für die mir
zugedachte Ehre. Man gab die Kartenbücher aus, ich gewann ziemlich oft,
und nur selten schlug mir eine Karte fehl, doch ließ ich mich nicht
durch diesen Gewinn verführen, höher als einen Zechino zu pointieren,
obgleich man mich von verschiedenen Seiten aufforderte, da ich in der
Glücksader sei, es zu benutzen; auch hatte ich bemerkt, daß der Bankier
schon einigemal verstohlene Blicke mit dem Herrn vom Hause gewechselt
hatte, ich aber wechselte solche mit der schönen Sängerin, die mich mehr
als alle Könige, Paroli _sept, quinze, trente-un et le va_
interessierte, um mich ebenfalls in eine Augenkorrespondenz mit dieser
zu setzen, was ich auch zustande brachte. Ich mochte ungefähr einige
dreißig Zechini gewonnen haben, als mich dieses Spiel unausstehlich zu
langweilen anfing, da es mich hinderte, ein anderes zu beginnen. Ich
ließ nun einige Taillen vorübergehen, ohne zu pointieren. Dem Mazzetti,
der mich bereden wollte, mein Glück zu poussieren, erwiderte ich, daß
mich das Spiel langweile. Dies schien man eben nicht sehr artig zu
finden, die Dame Bankhalter und einige andere Spieler verzogen ihre
Gesichter, und ihre Stirnen umwölkten sich, ich kehrte mich jedoch nicht
daran; um aber den Herren zu zeigen, daß ich nicht aufhören wollte, um
den Gewinst in die Tasche zu stecken, setzte ich, was ich gewonnen,
jetzt auf eine Karte, Herzdame, und -- gewann wieder, ich bog ein Paroli
auf die Coeurdame und -- gewann abermals. Nun fing mir die Sache
bedenklich zu werden an, und ich setzte bald zehn, zwanzig und dreißig
Zechinen auf verschiedene Karten, abwechselnd gewinnend und verlierend,
endlich erklärte ich, daß ich für diesen Abend zu spielen müde sei, und
trat mit einem Gewinn von mehr als neunzig Zechinen ab. Man reichte
nochmals Erfrischungen, worauf einige der Damen Tanzlust bekamen, und
ich tanzte mehrmals mit der Signora Bellina und der Ballerina von der
Scala, die, sonderbar genug, nicht walzen konnte. Es war längst
Mitternacht vorüber, als sich die Gesellschaft trennte. Die beiden
Theaterprinzessinnen fuhren zusammen in einem Wagen fort; nachdem sie
weg waren, erkundigte ich mich bei Mazzetti nach ihren näheren
Verhältnissen und erfuhr, daß die Sängerin zwar die Geliebte eines
Kommissär-Ordonnateurs sei, der sie unterhalte, aber nichtsdestoweniger
zu den Unerbittlichen gehöre; übrigens sei sie noch sehr jung und die
Tochter einer Exballerina, die sie dem Kommissär als Jungfrau
überliefert habe. Signora Mazzetti -- der Advokat war verheiratet --,
eine reifere Schönheit, fragte mich noch beim Weggehen, wie es mir bei
ihr gefallen habe, und als ich ein »Vortrefflich!« entgegnet hatte, lud
sie mich zudringlich ein, doch den folgenden und alle Abende, wenn mir
es angenehm, meine Besuche zu wiederholen. Ich versprach es, zog aber am
anderen Morgen durch mein altes Mittel, einen renommierten Haarkräusler,
Erkundigungen über dies Haus und seinen Besitzer ein und erfuhr, daß
meine Vermutungen nur zu begründet waren, daß nämlich aus dem
praxislosen Rabulisten Mazzetti ein Spieler von Profession geworden, der
in Verbindung mit einigen Helfershelfern Jagd auf alle bemittelten
Fremden mache, diese Zugvögel in seinen Netzen zu fangen und ihnen dann
die Federn auszurupfen suche, was ihm auch meistens gelänge, indem er
die verführerischsten Frauen von zweifelhaftem Ruf und namentlich
Aktricen zu diesem Zweck in sein Haus ziehe. Von den ersteren ständen
mehrere förmlich in seinem Sold und seien der Köder, mit dem er seine
gefährlichen Angeln umwinde, in den gar manche Gimpel so gewaltig
bissen, daß sie sich ganz verbluteten. Ich nahm mir vor, den mir
ebenfalls behagenden Köder vorsichtig abzunagen und doch nicht an dem
Angelhaken hängen zu bleiben. Bellina war es, die mich anzog. Diese
sowie die Tänzerin und noch einige andere Schönen waren mit die
unschuldigen Werkzeuge des verdorbenen Rechtsfeindes, das heißt, sie
besuchten nur aus Koketterie und Vergnügungssucht Mazzettis Haus, in dem
sie sich trefflich unterhielten und lustige Kurzweil fanden, ohne sich
um die Spielangelegenheiten und den eigentlichen Zweck dieser
Zusammenkünfte weiter zu bekümmern, wenn sie nur ihre Privatabsichten
erreichten. So von allem hinlänglich unterrichtet, konnte mir dieses
Raubnest unmöglich gefährlich werden, und ich beschloß, dasselbe zu
meiner Unterhaltung bestens zu benützen und der liebenswürdigen Sängerin
_faute de mieux_ den Hof zu machen, mit der ich dann auch, wenn sie im
Theater beschäftigt war, erst nach demselben dort eintraf. Ich spielte
unterdessen das Königsspiel in derselben Weise, wie ich es begonnen
hatte, fort, ohne zu biegen, jetzt aber mit auffallendem Unglück, so daß
mich diese Abende doch ziemlich teuer zu stehen kamen und ich meine
Dulzinea bald an einem anderen Ort als in dem teueren Lokal Mazzettis zu
sehen suchte, wo ohnehin auch die Nebenzimmer keine ungestörte
Unterhaltung erlaubten. Wir waren schnell einig, daß wir uns in der
Wohnung einer anderen Aktrice, ihrer Freundin, trafen. Indessen fuhr ich
fort, von Zeit zu Zeit die Abende Mazzettis zu besuchen, doch wenig, oft
gar nicht spielend, was Ursache war, daß man mich jetzt sehr kalt
daselbst aufnahm und am Ende mein gänzliches Wegbleiben gerne gesehen
hätte, da es der sauberen Gesellschaft klar war, daß sie eben keinen
großen Fang an mir gemacht. -- Eines Abends traf ich einen
blondlockigen, blauäugigen jungen Mann dort, an dessen Akzent -- er
sprach nur sehr gebrochen italienisch, aber ziemlich gut französisch --
ich sogleich einen Norddeutschen zu erkennen glaubte. Ich hatte mich
nicht geirrt, es war ein Kurländer von sehr guter Familie. Dasselbe
Manöver, das man mit mir gemacht, wurde auch bei diesem genau
wiederholt, nur mit dem Unterschied, daß, da er die Karten immer bog,
Paroli und Lapes machte, die Summen, die er gewann und verlor, weit
bedeutender waren; er spielte, da er anfänglich gewann, immer kühner,
bald aber fing er zu verlieren an. Dabei hatte ich bemerkt, daß
Mazzetti, der nie selbst Bank hielt und den ich scharf beobachtete,
verschiedene Zeichen gegeben hatte. Es dauerte nicht lange, so war der
junge Mann schon in einem Verlust von mehr als fünfhundert Zechinen und
von allem baren Geld entblößt. Dies war gegen den gewöhnlichen Gang, den
man in dieser Spielhölle zu befolgen pflegte. Aber man sah, daß ich
öfters mit dem Fremden sprach, auch hatte ich einigemal deutsche Worte
mit ihm gewechselt, die jedoch keinen Bezug auf das Spiel gehabt, und so
fürchtete man, daß ich den Fremdling unterrichten und abspenstig machen
könnte und dachte: >Man muß ihn rupfen, solange er sich noch in unseren
Klauen befindet.< Ich war daher den Herren ein lästiger Aufpasser, den
sie gern los gewesen wären. Der Graf G..., so nannte sich der Goldvogel,
nahm nun den Wirt beiseite und bat ihn, ihm gegen Versatz eines schönen
Solitärs und einer Brillantnadel eine Summe vorstrecken zu wollen; man
lieh ihm hundert Zechinen darauf, und als auch diese verloren waren,
noch fünfzig auf eine prächtige mit Perlen besetzte goldene Repetieruhr.
Der Graf war desperat, als er auch dies letzte Geld verloren hatte, und
rief unwillkürlich auf deutsch aus: »Jetzt bin ich verloren!« Ich
unterhielt mich jetzt in seiner Muttersprache mit ihm, und alle,
besonders aber der Fuchs Mazzetti, spitzten gewaltig die Ohren, und
Ärger und Wut drückten sich auf dem Gesicht des letzteren aus, daß er
nicht verstand, was da in einer Sprache verhandelt wurde, die kein
anderer der Anwesenden sprach und einige nicht einmal kannten. Der Graf
entdeckte mir, daß er jetzt aller Mittel beraubt sei, um weiter zu
reisen, und daß er erst in vier Wochen im günstigsten Falle wieder neue
Wechsel erhalten würde, die er in Rom vorfinden solle. -- Auf meine
Frage, wie er in dies Haus gekommen sei, erzählte er mir, daß er die
Bekanntschaft eines der anwesenden Herren, er bezeichnete mir ihn, in
einem Kaffeehause gemacht, der ihn mit großer Artigkeit und
Zuvorkommenheit hier eingeführt habe; er wisse nun für den Augenblick
keinen Rat und schäme sich vor dieser ehrbaren Gesellschaft. -- Ich
ersuchte ihn, sich zu beruhigen, und erbot mich, ihm zwanzig Zechinen zu
leihen, ihm bemerkend, daß man mit geliehenem Geld gewöhnlich Glück
habe, bat ihn aber, nicht eher fortzuspielen, als bis er auch mich
pointieren sehen würde. Ich ersuchte nun den Signor Mazzetti, mir einen
Augenblick Gehör schenken zu wollen, da ich ihm etwas Wichtiges unter
vier Augen mitzuteilen habe. Wir begaben uns in ein Nebenzimmer, wo ich
ihm zuerst eröffnete, daß ich kein durchreisender Cavaliero, sondern ein
französischer Kapitän wäre, der im Begriff sei, sich zu seinem im
Kirchenstaat stehenden Regiment zu verfügen, und bat ihn sodann, mir
doch die Freundschaft erweisen zu wollen, den jungen Fremden, der ein
Landsmann von mir sei, sein verlorenes Geld wiedergewinnen zu lassen.
Der Rabulist tat zuerst, als verstände er nicht, was ich wollte, und als
ich ihm mein Begehren so deutlich auseinandersetzte, daß er nicht mehr
gut ein Mißverständnis affektieren konnte, spielte er den Beleidigten,
den Galant-Uomo, dem man Satisfaktion für solche Schmähung schuldig sei
und so weiter. Ich fiel ihm aber sehr ernst ins Wort, indem ich ihm ohne
alle Umstände rund heraus erklärte, daß hier alle seine
Rabulistenschwänke vergeblich seien, indem ich schon längst außer allem
Zweifel über das Metier sei, das er und seine Spießgesellen trieben, und
daß, wenn der von ihnen in die Falle gelockte junge Mann nicht diesen
Abend sein Geld wiedergewönne, ich mich noch in der Nacht oder doch
morgen mit Tagesanbruch zu dem Platzkommandanten verfügen und diesem die
Sache anzeigen würde, wo dann er und alle seine Helfershelfer zum Galgen
oder zur Galeere reif sein würden. -- »Sie wissen, daß wir wenig
Federlesens machen,« setzte ich noch hinzu, »und es uns auf ein paar
Kugeln nicht ankommt.« -- Der alte Gauner wollte zwar noch allerlei
Umstände machen, die ich aber mit einem: »Wohlan, ich gehe zum
Platzkommandanten, der dann die Polizei requirieren wird,« beseitigte,
und gab ihm, auf die Uhr sehend, genau eine halbe Stunde Zeit, dem
Grafen wieder zu seinem Verlust zu verhelfen, indem ich bemerkte, daß
ich vollkommen die Kunstgriffe kenne, die hier angewendet würden, um das
Spiel nach Gefallen zu lenken. (Dies war ein _ben trovato_ und _non
vero_.) Dem verstockten Sündenknecht fiel jetzt das Herz in die Schuhe,
er bat um Schonung und versprach meinen Wunsch zu erfüllen, ersuchte
mich aber demütig, ihm mein Wort zu geben, von der Sache gegen niemand
etwas zu erwähnen, was ich auch tat. Ich kehrte mit ihm in das
Spielzimmer zurück, nahm ein Libretto in die Hand, fing an zu
pointieren, nachdem ich dem Grafen deutsch gesagt hatte, er möge jetzt
nur ganz mir nachsetzen. Wir verloren noch dreimal, als ich aber beim
drittenmal dem Mazzetti einen bedeutungsvollen Blick zuwarf, fingen wir
zu gewinnen an, und ich bog nun die Karten gegen meine Gewohnheit. In
weniger als zwanzig Minuten war mein Kurländer wieder zu all seinem Geld
gekommen und imstande, auch seine Pretiosen einzulösen; ich hatte an
siebenhundert Zechinen gewonnen. Wir empfahlen uns bald darauf mit einem
_felicissima notte_, die hochansehnliche Gesellschaft mit langen
Gesichtern zurücklassend. Den Grafen G... begleitete ich bis in sein
Hotel, gab ihm den guten Rat, sich diese Begebenheit zur Warnung für
ganz Italien dienen zu lassen, wo man allen bemittelten Fremden
unaufhörlich solche Fallen stelle, und wir schieden unter Versicherung
einer unverbrüchlichen Freundschaft.

Als ich Bellina am anderen Morgen diesen Vorfall mitteilte -- sie war an
dem Abend nicht bei Mazzetti gewesen -- und ihr dabei vorhielt, daß sie
sich von dem alten Spitzbuben zu einem der Lockvögel gebrauchen lasse,
womit man die Fremden auf die Leimrute ziehe, versicherte sie mir mit
Tränen in den Augen, daß sie dies in aller Unschuld getan, von diesen
Umtrieben nicht das geringste geahnt und nur der angenehmen Unterhaltung
halber diese Soireen besucht habe. Daß sie Wahrheit sprach, davon war
ich schon früher überzeugt. Noch denselben Morgen machte ich eine
Promenade mit ihr und bestieg die höchste Spitze des Doms in ihrer
Gesellschaft, wo wir uns an der entzückenden Aussicht in die schöne
Lombardei weideten.

Einige Tage später setzte ich meine Reise über Florenz fort, denn es zog
mich mit aller Macht nach Rom, und je näher ich dieser Stadt kam, desto
mehr brannte ich vor Ungeduld, die Cesarini wiederzusehen, da ich,
seitdem ich sie verlassen, noch kein zweites, ihr ähnliches weibliches
Wesen wieder kennen gelernt hatte. Ich fuhr von Florenz denselben Weg,
den ich vor etwa einem halben Jahr gemacht, in der entgegengesetzten
Richtung zurück, oft an dem Rande der schaurigsten Abgründe der
Apenninen vorbei, aber von den Räubern und Banditen, vor denen man mich
so sehr gewarnt, sah ich keine Spur, obgleich mein Louis in jedem
vorüberwandernden Bauer einen solchen wittern wollte und sich
schlagfertig machte. Vor Viterbo brach die Vorderachse meines Wagens,
wodurch ich genötigt war, mich beinahe drei Stunden in diesem Orte
aufzuhalten, weshalb ich auch erst spät in der Nacht zu Rom ankam und
mein Vorhaben, Gertrude noch denselben Abend aufzusuchen und zu
überraschen, denn ich hatte ihr zwar mein Kommen geschrieben, aber nicht
die Zeit bestimmt, vereitelt wurde. Ich stieg in einem Albergo an dem
Spanischen Platz ab und eilte am anderen Morgen, so früh es tunlich war,
zu Torlonia, der über meine unerwartete Ankunft erstaunt schien. Als ich
ihm aber meine Hoffnung, die Kommandantur von Albano wieder anzutreten,
vertraute, teilte er mir die ganz unerwartete Nachricht mit, daß das
Bataillon schon seit zehn Tagen den Kirchenstaat verlassen und in das
Regno, so nennen sie gewöhnlich in Rom das Königreich Neapel,
abmarschiert sei. Dies warf mit einem Schlag meine Projekte über den
Haufen, und alle meine Pläne wurden zu Wasser. Ich erkundigte mich jetzt
zuerst nach der Cesarini und hörte, daß der Herzog und seine Gattin so
gut wie völlig getrennt lebten. Ich ließ ihr ein Billettchen zustellen,
in dem ich ihr meine Ankunft meldete und sie bat, mich wissen zu lassen,
wann ich das Vergnügen haben dürfe, sie zu besuchen. Eine halbe Stunde
darauf fuhr ein Wagen vor mein Hotel, dem zwei schwarz gekleidete,
verschleierte Damen entstiegen, gleich darauf öffnete eine Cameriera
meine Zimmertür, und Gertrude lag in meinen Armen. Wir blieben einige
Minuten lang im stummen Entzücken des Wiedersehens, und war es von
meiner Seite auch nicht mehr das Feuer der Liebe, das mich beseelte, so
fühlte ich doch eine wahrhaftige, aufrichtige und dankbare Freundschaft
für die Principessa. Aber die schlanke Nymphentaille, die mich früher so
entzückte, war verschwunden, und der Leib hatte sich gewaltig
arrondiert, auch die Gesichtszüge waren weniger fein und etwas
aufgedunsen, wie dies bei den Frauen gegen das Ende einer
Schwangerschaft meist zu sein pflegt. Nichtsdestoweniger schloß ich sie
zum zweiten- und drittenmal in meine Arme und drückte sie fest an meine
Brust, ich war ja der Urheber dieses Zustandes. Sie fragte mich endlich
lächelnd: »Nicht wahr, du findest mich sehr verändert?« Dabei sah sie
mich mit forschenden Augen an. Ich erwiderte die Frage nur durch Küsse.
Nachdem endlich des Bewillkommens genug, kamen andere Dinge zur Sprache,
und sie war außer sich, als ich ihr mitteilte, daß sich mein Aufenthalt
in Rom nur auf wenige Tage erstrecken könne, da ich dem Bataillon nach
Neapel folgen müsse. Sie brachte fast die ganze Nacht bei mir zu, und
erst gegen Morgen geleitete ich sie heim. Wir sahen uns nun jeden Tag,
und ich machte nirgends Besuche, um die wenige kostbare Zeit nicht mit
unnützen Dingen verstreichen zu lassen. Nicht einmal Vasis suchte ich
auf; die Vernetti lag in den Wochen.

Schnell waren die zehn Tage verstrichen, die ich längstens in Rom
verweilen durfte und durch Extrapost wieder gut machen konnte. Ich
fürchtete mich vor dem Abschied, der auch wieder herzbrechend genug war.
Ernstlich verbat ich mir diesmal jede Geschenke und verbot auch meinem
Bedienten, hinter meinem Rücken etwas anzunehmen; dennoch bestach ihn
Gertrude wieder, und in Neapel angekommen, fand ich abermals das
Wagenkistchen mit allen möglichen Dingen gefüllt, auch wieder mehrere
Rollen Gold vor. Wir hatten die letzte Nacht noch bis zum grauenden
Morgen zusammen zugebracht, und es war heller Tag, als ich zu dem nach
Albano führenden Tor hinaus, und ohne mich weder bei Tag noch bei Nacht
länger, als es das Umspannen erforderte, aufzuhalten, bis nach Neapel
fuhr, wo ich mich sogleich bei Düret und dann bei dem jetzigen Oberst
des Regiments, Omeara, meldete. Ersterer empfing mich wie immer sehr
wohlwollend und freundschaftlich und erzählte mir als Neuigkeit, daß
Caguenec abermals in strengem Arrest auf dem Fort sitze, weil er wieder
einen Straßenunfug im Verein mit einigen jungen Leuten, meist Kadetten,
in der Trunkenheit verübt habe, wobei sie des Nachts die Laternen in
Toledo und die Gläser und Scheiben in einigen Eisbuden zerschlagen
hätten.



                                  VII.

     Ankunft in Neapel. -- Das Liebhabertheater in Giesù nuovo. --
      Besteigung des Vesuvs. -- Der Hof des Königs Joseph. -- Eine
   deutsche Vorstellung. -- Helenchen Cramer. -- Caserta. -- _Nocera
      de pagani._ -- Die Ruinen von Pestum. -- Zweiter Feldzug in
     Kalabrien. -- Niederlage des Prinzen von Hessen-Philippsthal.
         -- Die Brigantenhäupter Francatrippa und Benincasa. --
    Monteleone. -- Ermordung eines Kuriers. -- Fondaco del Fico. --
   Mehrtägiges hartnäckiges Gefecht mit den Briganten. -- Die hübsche
    Kalabreserin. -- Mileto. -- Belagerung der Festungen Scilla und
       Reggio. -- Schrecklicher Zustand des Belagerungskorps. --
             Rückmarsch nach Neapel. -- Abreise nach Genua.


Der Oberst Omeara hielt mir, als ich mich bei ihm gemeldet, einen
kleinen Sermon wegen der Geschichte in Albano und gab mir das Kommando
der noch vakanten Voltigeurkompagnie, die sich freute, ihren alten
kreuzfidelen Kommandeur, wie die Leute sagten, wiederzuerhalten, und der
ich fünfzig Dukati (etwa hundert Gulden) zum besten gab, damit sie sich
einen guten Tag mache. Zugleich übergab mir der Oberst auch das
Musikchor wieder, das, wie er behauptete, seit meiner Abwesenheit sehr
vernachlässigt worden, und bat mich, doch einige neue Märsche zu
komponieren; ich schrieb ein halbes Dutzend _pas redoublés_ nieder,
welche zum Geschwindschritt recht animierten, und dedizierte sie dem
Herrn Oberst, der mich dafür manchmal zur Tafel lud.

Diesmal wurde auch mir mein Quartier in Giesù nuovo angewiesen, wo ich
noch die mir wohlbekannten Damen Gasqui, Alphonse, Grenet und so weiter
antraf, die, wie es schien, ihr permanentes Hauptquartier in dem alten
Palazzo der ehrwürdigen Väter Jesu aufgeschlagen hatten, während ihre
Männer alle möglichen Kreuz- und Querzüge machen mußten. Das
französische Liebhabertheater bestand immer noch, und man veranstaltete
von Zeit zu Zeit Aufführungen, allein es fehlte ihm gerade ein erster
Liebhaber. Ich wurde daher von den Damen freudig als ein solcher
empfangen. Die Freude sollte aber nicht von sehr langer Dauer sein; daß
ich indessen die mir gemachten Offerten nicht abschlug, kann man sich
denken. Ich erhielt sogleich ein ganzes Dutzend Rollen, aus Lustspielen
von Molière, Mercier, Beaumarchais und so weiter, aber auch der hohe
Cothurn wurde angeschuht, und man wagte sich an Crébillon, Corneille,
Racine und so weiter. Ich studierte meine Rollen meistens mit Madame
Gasqui _tête-à-tête_ ein, und da dieser in den meisten Stücken die Rolle
meiner Geliebten zugeteilt war, so wurden unsere Proben mit vielem Feuer
gehalten, dem natürlich zuletzt Ermüdung und Erschlaffung folgen mußte.
In Molières Tartüffe hatte ich mich sogar an die Titelrolle gewagt, und
in seinem _Cocu imaginaire_ spielte ich den Lelie, beides mit Beifall.

Auch meine Signora Speziale suchte ich wieder auf und fand freundliche
Aufnahme, vor allem aber war mir jetzt daran gelegen, endlich einmal den
Vesuv zu besteigen, was ich bei meiner früheren zweimaligen Anwesenheit
in Neapel versäumt hatte, und da ich fürchtete, es möchte abermals ein
_Deus ex machina_ oder die Marschorder dazwischen kommen, so drang ich
auf die Ausführung dieses Projekts, das auch von den Damen in Giesù
nuovo unterstützt wurde, da sie es bis jetzt bei ihren Männern nicht
hatten dahin bringen können, dem alten Feuerspeier einen Besuch
abzustatten. Außer den Damen Gasqui, Grenet, Cramer, Mutter und Tochter,
und deren Männern, war auch noch der junge Stock, der Neffe des Herrn
Moritz, und dessen Arzt mit seiner Gattin von der Partie, so daß wir im
ganzen fünfzehn Personen zählten. Wir fuhren bis Resina, wo man die
Wagen verließ, um Maultiere und Esel zu besteigen, mit deren Führern der
bei uns befindliche neapolitanische Doktor einen förmlichen Vertrag,
jedoch nur mündlich abschloß; er mußte dabei gewaltig debattieren, und
es dauerte beinahe eine halbe Stunde, bevor er ihn zustande brachte. Das
Hin- und Herhandeln wollte kein Ende nehmen, es war ein wahres Gezänk,
alle Augenblicke glaubte ich, daß man sich bei den Köpfen nehmen würde,
und wollte mich einigemal ins Mittel legen, was sich aber der zu sehr
knickernde Medico verbat, indem er meinte, dann wäre gar kein Ende
abzusehen. -- Nachdem endlich der Eselshandel abgeschlossen war, setzte
sich die nun berittene Karawane in Marsch. Die Patrone der Langohren
hörten nicht auf, diese durch ihr gellendes Geschrei zum Voranschreiten
aufzumuntern, und wenn sie ihre Schritte _ralentando_ nehmen wollten,
zogen sie sie bei den Schwänzen an, was dann einen kurzen Trab bewirkte.
Gleich anfangs passierten allerlei kleine Malheurs; der Esel, welcher
das Glück hatte, Madame Grenet zu tragen, gebärdete sich sehr ungezogen
und warf sich endlich gar nieder. Kaum hatte die Dame noch Zeit gehabt,
sich loszumachen, als sich das unflätige Tier auf den Rücken legte und,
mit greulichem Geschrei alle Viere in die Höhe streckend, sich wälzte.
Das unvernünftige Tier nahm gar keine Räson mehr an, da half weder
Zureden noch Stoßen, auch wollte Madame Grenet um keinen Preis mehr
dasselbe besteigen, und seinem Führer blieb nichts anderes übrig, als
zurückzulaufen und ein anderes, gehorsameres Tier herbeizuschaffen, was
ziemlich schnell abgemacht war, da der die ganze Gesellschaft
belustigende Auftritt noch ganz nahe bei Resina vorgefallen war. Ich
hatte der Dame mein Maultier angeboten, das ihr aber zu hoch war. Sie
bestieg jetzt nach vielem Zureden den neuen Esel, aber zwei Kavaliere
mußten ihr beständig zur Seite reiten und der Patron das Tier am Zaum
führen; wir setzten uns wieder in Bewegung, der ergötzliche Vorfall
hatte uns einen Aufenthalt von beinahe einer halben Stunde verursacht.
Gleich hinter Resina kamen wir auf die schwärzliche Lava, und bald
schien die Natur öde und ein düsteres Trauergewand angelegt zu haben; es
war, als habe hier eine verheerende, alles verdorrende Hand gewütet.
Bäume und Sträucher wurden immer seltener, bald sah man nur hier und da
noch ein Stückchen angebautes Land, gleich einer Oase in der Wüste. Der
Anblick des Ganzen stimmt sentimentale Gemüter leicht zur Schwermut und
Melancholie; aber hier wachsen auch die berühmten Christustränen
(_Lacrimae Christi_), denen nicht mehr wie billig die neapolitanische
Geistlichkeit und die Mönche so zugetan sind, wie dereinst die Pfaffen
am Rhein der Liebfrauenmilch. -- Bald waren wir ganz von Lava umgeben,
aber eben diese Lava ist es, welche den Boden um den Vesuv herum zum
fruchtbarsten und ergiebigsten der Welt macht, der nie des Düngers
bedarf und bei wenig Zoll Tiefe das Vortrefflichste und Köstlichste, was
Landwirtschaft hervorbringen kann, gibt. Kein Fleck der Erde ernährt im
Verhältnis seines Umfanges eine solche Seelenzahl, wie dieser, und nicht
mit Unrecht sagt der Neapolitaner: »Der Berg speit Gold aus.« Auf der
hundertjährigen Lava bildet sich zuerst eine Art Moos, das sich dann in
Staub und Erde verwandelt, aus welcher bei geringer Pflege erst
Pflanzen, dann Sträucher und endlich Bäume hervorsprießen, und aus dem
ödesten Ort wird der fruchtbarste, wenn ihn nicht neue Lavaströme
verwüsten. Von den hohen Ulmen hängen die Purpurtrauben in nie gesehener
Fülle und Schönheit herab. Wir kamen nun an Schluchten und Abhängen
vorbei, über Lavabrücken zu dem Piano delle Ginestre, einer kleinen
Fläche, von der aus man ein unabsehbares düsteres, schwarzgraues
Schlackenmeer erblickt, wo weder das Hälmchen einer Pflanze noch der
Flug eines Vogels zu sehen noch das Summen eines Insekts zu hören ist
und nicht die mindeste Abwechslung das ewige Einerlei unterbricht, eine
gräßliche Öde, wie sie die Edda am Ende der Eiswelt beschreibt. Jetzt
gelangten wir zur Einsiedelei San Salvatore auf der Somma, wo uns der
schon sechzigjährige aber noch sehr rüstige Eremit recht freundlich
empfing, und hier eröffnete sich dem ermüdeten Auge eine entzückende,
unbeschreiblich schöne Aussicht. Diese Eremitage besteht aus einigen
Kammern und einer kleinen Kapelle. Wir stärkten uns in derselben durch
einen guten Imbiß für die noch zu bestehenden Strapazen. Die
mitgenommenen Provisionen wurden ausgepackt und unter einigen Bäumen vor
der Einsiedelei verzehrt. Der Eremit lieferte uns außerdem noch Salami,
Brot, Käse, Eier und Lacrymä Christi, und zwar echten, reinen und
unverfälschten, wofür wir ihn unsererseits mit ein paar Zechinen
beschenkten, wodurch seine Freundlichkeit noch erhöht wurde. Der gute
Greis führte gar kein übles Leben in seiner Einsamkeit, und während der
langen Zeit, die er daselbst zugebracht, haben ihn gar manche hübsche
Bauernmädchen und junge Bauernweiber besucht, ihn immer reichlich mit
nahrhaften Lebensmitteln versehend; in der guten Jahreszeit kommen jeden
Tag Fremde, die ihn beschenken, auch hatte er schon ein artiges
Kapitälchen bei einem Bankier in Neapel stehen. Sein Vorgänger hätte
über zwölftausend Ducati hinterlassen. Dieser letztere war ein Franzose
und ehemaliger Kammerdiener der Pompadour gewesen, der in dem hohen
Alter von einundneunzig Jahren hier starb. Bevor wir uns zur Weiterreise
anschickten, brachte uns der Eremit sein Fremdenbuch, in das wir alle
unsere Namen einschrieben und in dem sich Namen aus allen Weltgegenden
und von allen Nationen, mitunter manche berühmte und berüchtigte,
befanden. Wir ritten jetzt längs der Somma auf schmalen Höhen,
Lavaschluchten zu beiden Seiten, bergan, bis wir an das Atrio del
Cavallo kamen, einen zwischen der Somma und dem Vesuv liegenden
Talgrund, den Ort, an dem man bis zum Jahre 1630 Halt machte, weil er zu
jener Zeit mit üppigen Bäumen und Pflanzen bewachsen war, ja sogar eine
fette Fütterung für Maultiere und Pferde bot; seitdem wurde er aber von
der Lava überströmt und ist jetzt nur noch ein versteinertes Lavameer.
Hier stiegen wir alle ab, da der noch übrige Teil des Weges, der jetzt
sehr beschwerlich wurde, zu Fuß zurückgelegt werden mußte. Unsere von
Resina mitgenommenen Führer banden uns besondere Gurten, auch den Damen,
um den Leib und befestigten Stricke daran, an die sie sich selbst
festbanden. So zogen sie uns durch das mit jedem Schritt vorwärts immer
tiefer werdende Aschenmeer; der Boden schien unter unseren
Tritten zu weichen, die Luft wurde, je mehr wir voran kamen,
schwefelgeschwängerter, so daß sie bei denen, die keine sehr guten
Lungen haben, zuletzt Bangigkeit und Beängstigung der Brust
hervorbringt. Die Asche wurde so tief, daß die Damen genötigt waren,
ihre Kleider bis beinahe über die Knie hinaufzuheben; sie hatten sich
aber alle mit grauen Unterbeinkleidern versehen. Unsere zweibeinigen
Zugtiere trieften von Schweiß, auch uns, die sie zogen, standen dicke
Tropfen auf der Stirne. Alle Augenblicke mußte Halt gemacht werden,
damit die Damen Atem schöpfen konnten. Sie hatten sämtlich ihre sonst so
süßen Gesichter in saure Falten gezogen, nur die junge Cramer, meine
halbe Landsmännin, ein Offenbacher Kind, machte noch immer ein
freundlich lächelndes Gesicht. Je höher wir stiegen, desto schwieriger
wurde das Vorankommen und desto gewaltiger pochten die Herzen der Damen,
aber diesmal nicht vom Feuer der Liebe, sondern von der Hitze und Asche
des Vulkans getrieben.

Dennoch konnten manche der Herren ihre boshaften Späße nicht lassen, die
Waden und etwas krummen Beine einiger Frauen bekrittelnd, doch erlaubten
sich nur die Ehemänner dergleichen Unziemlichkeiten. Ich machte meine
Betrachtungen nur im stillen, ohne sie durch Tadel oder Spott
kundzugeben, auch meinten die sich getroffen fühlenden Schönen
ärgerlich, es sei jetzt keine Zeit zu solchen Scherzen, und hatten
recht, denn wir waren bereits auf einem Terrain angekommen, in welches
unsere Führer mitgebrachte, mehrere Zoll lange Späne steckten, die sie
rauchend und endlich glühend wieder hervorzogen, so nahe waren wir dem
höllischen Feuermagazin.

»Bis hierher und nicht weiter,« sagten unsere Ciceroni, nachdem sie das
Experiment einigemal vorgenommen hatten. Ermüdet genug, machten wir
einen allgemeinen Halt. Kaum ein paar hundert Schritte von uns wogte
noch flüssige Lava. Mit einigen mitgebrachten Orangen erquickte ich die
nach Labung lechzenden Gaumen unserer Schönen, wofür mir vielsagende
dankende Blicke wurden, und die letzte teilte ich mit dem freundlichen
Helenchen Cramer, die ich als _giovine principiante_ auf dieser
beschwerdevollen Reise in ganz besondere Affektion nahm. Wir standen nun
nahe am Rand des flammenwirbelnden Höllenrachens, dem die glühenden
Feuerregen und Fluten entströmen, die alles, was sie berühren, verheeren
und vernichten; ihr Gang ist zwar langsam und schwerfällig, aber um so
sicherer erreichen sie Verderben bringend das Ziel. Hat die flutende
Glut einen Baum umschlungen, so sieht man alsbald dessen grüne Blätter
sich zuerst gelb, dann braun und endlich schwarzgrau färben, Stamm und
Zweige fangen bald zu glühen an, und in kurzer Zeit ist der Baum in
Asche verwandelt. Majestätisch, ohne sich zu eilen, wälzt sich der Strom
herab, ohne jedoch eine Minute zu versäumen; kommt die Lava an einen
Gegenstand, der sie am Voranschreiten hindert, so steigt sie an
demselben empor, bis sie ihn überreicht und umgeben hat, und setzt dann
ihren Lauf wieder ungestört fort. Die brennenden Massen überwältigen
alles, selbst Mauern und Felsen. Fliehend entgeht ihnen zwar der Mensch
und das Tier, doch darf keines der anscheinenden Langsamkeit allzusehr
trauen, sonst ist er verloren.

Hier, am Rand dieses Kraters, findet man es begreiflich, wie Dichter und
Völker den Abgrund oder Eingang zur Hölle vermuten konnten, denn
furchtbar schauerlich liegt es zu des Menschen Füßen, und er erkennt
sein erbärmliches Nichts. Gräßlich gezackte, mit Schwefel und Asche
bedeckte Lavarinde umgibt den höllischen Schlund, dem unzählige
Rauchsäulen unaufhörlich entsteigen, ihn fast immer dem Auge entziehend.
Man ist geneigt, an das Dasein eines infernalischen Spukes zu glauben.
Hier ist man abgeschieden von allem, was atmet und lebt, es sei Tier,
Insekt oder Pflanze, und nur ein donnerähnliches Getöse läßt sich von
Zeit zu Zeit vernehmen. Wirft man einen Stein mit Kraft auf den Boden,
so dröhnt es hohl, wie über einem Gewölbe. Ich stand, das seltsame
Schauspiel anstaunend, dicht neben Helenchen, die sich vor demselben
grausend, so fest an mich schmiegte, daß ich das kleine Herzchen pochen
hörte, und nicht umhin konnte, das geängstigte Täubchen mit meinem
schützenden Arm zu umfangen. Da der unaufhörlich aufsteigende Rauch
manchmal so dicht wurde, daß er uns gleichsam in eine Wolke hüllte und
vor den übrigen unsichtbar machte, so konnte ich selbst an den Pforten
der Hölle der Versuchung nicht widerstehen, meinem kleinen Engel durch
Küsse Mut einzuflößen. Man muß in allen Dingen die sich darbietende
Gelegenheit schnell benützen, denn sie kommt oft nie wieder. Dies hatte
ich aus Lafontaines Fabeln, aus der, wo der Geliebte, um das Brautkleid
der Schönen zu schonen, die ihn vor ihrer Vermählung mit einem anderen
noch glücklich machen will, einen Teppich holt und so um das ihm
zugedachte Glück und eine Jungfernschaft kommt. -- In einem hübschen
Salon oder gewöhnlichen Wohnzimmer würde sich die junge Taube vielleicht
gesträubt haben, aber hier, vor dem furchtbaren Naturschauspiel, wo sie
kaum zu atmen wagte, ließ sie sich das Herzen und Küssen recht willig
gefallen, dachte nicht an ein Widerstreben, und so war die Einleitung zu
weiteren Bewilligungen schnell gemacht.

Nachdem wir wohl zwei Stunden hier zugebracht und uns dennoch kaum satt
gesehen hatten, traten wir den uns leichter werdenden Rückzug an, der
fast in ein Laufen durch die Asche ausartete. An dem Ort angekommen, wo
die Langohren unserer harrten, bestiegen wir wieder das liebe Vieh, und
ich ritt vergnügt und heiter an Helenens Seite bis Resina, wo wir eine
bestellte Cena einnahmen und uns sodann in den Wagen setzten. Ich hatte
zwar versucht, mich _vis-à-vis_ dem Fräulein Cramer zu placieren, aber
die Damen Gasqui und Grenet, welche meine Absicht merkten, wußten sie zu
vereiteln, und ich mußte mit ihnen und Herrn Grenet einen Wagen
besteigen. Eine Stunde vor Mitternacht waren wir in Giesù nuovo
angekommen und unterhielten uns bei Madame Gasqui, die ihrem
daheimgebliebenen Gatten die gesehenen Wunder rapportierte, noch lange
bis nach Mitternacht von den gehabten Genüssen.

Den nächsten Morgen hatten wir Probe von der »Phädra«, die in einigen
Tagen aufgeführt werden und deren Vorstellung der Hof beiwohnen sollte.
Unser Liebhabertheater fing an, immer mehr Aufsehen zu erregen; die
Gasqui und Grenet spielten sehr gut, erstere besonders in dem Lustspiel
und in den Vaudevilles, in denen sie hübsche Romanzen, trefflich
vorgetragen, einlegte. Auch noch zwei andere aktive Damen waren seit
kurzem der Gesellschaft beigetreten, die beide nicht minder gefielen;
eine machte wirklich Furore. Madame Damiette war die Gattin eines
Kriegs-Kommissärs, die sich mehr für heroische Rollen und Anstandsdamen
eignete, die andere, Madame Detrée, war die junge Frau eines Obersten
von der Linie und als semimentale Liebhaberin unübertrefflich; daß sie
aber auch außer der Szene dieses Fach vorzüglich bekleidete, sollte ich
bald erfahren. Der Oberst war mit seinem Regiment in Kalabrien, und was
war natürlicher, als daß sich die junge Frau, eine kaum zwanzigjährige
Französin aus Orleans, zu entschädigen und zu trösten suchte? Zur
»Phädra« hatte ich die Rollen so verteilt, daß Madame Damiette die
Titelrolle, Herr Damiette den Theseus, Madame Detrée Aricie, Madame
Gasqui Ismene, Madame Grenet Oenone und ich den Hippolyte spielte. Die
Gasqui wollte sich zuerst durchaus diese Rollenverteilung nicht gefallen
lassen und die der Aricie übernehmen. Nur mit großer Mühe brachte ich es
dahin, daß sie sich mit der Ismene begnügte, indem ich ihr vorstellte,
daß sie ja doch die Königin des Lustspiels und des Vaudevilles sei und
der Madame Detrée wohl die Freude lassen könne, eine traurige
Liebhaberin zu machen. Dies half, -- ich ging jetzt fleißig die Rollen
bald mit der Phädra, bald mit der Aricie, mit letzterer etwas
leidenschaftlicher, durch, und nach einem Dutzend Proben und ein paar
Generalproben glaubten wir uns imstande, vor einem allerhöchsten
Publikum produzieren zu können, denn die beiden Majestäten mit
glänzendem Gefolge geruhten, derselben, wie gesagt, beizuwohnen.
Namentlich war die Königin von jungen und schönen Damen umgeben, und
dies machte, daß wir uns alle die größte Mühe gaben, etwas nicht ganz
Gewöhnliches zu leisten. Die Vorstellung fiel auch wenigstens leidlich
aus, ihre Majestäten hatten sich amüsiert, und mein Hippolyt hatte dem
König Joseph so gefallen, daß ich bald nach dieser Vorstellung eine
Einladung an den Hof bekam, wo es so ziemlich ungeniert, durchaus nicht
steif herging und bei weitem kein so ängstliches und oft komisches
Zeremoniell beobachtet wurde, wie an dem Hof seines kaiserlichen
Bruders. Joseph war ein ziemlich natürliches Menschenkind, hatte sogar
etwas Treuherziges in seinem Benehmen, er würde als Privatmann gewiß
ausgezeichnet und ein guter Familienvater geworden sein, und man hätte
dann seine Schwächen weniger oder gar nicht bemerkt. Seine Stellung auf
dem Thron von Neapel war nicht die beneidenswerteste, ja fast peinlich
zu nennen. Er sollte und durfte nur das gehorsame Werkzeug seines ihn
tyrannisierenden Bruders sein, dessen Ab- und Ansichten selten mit den
seinigen harmonierten, der auch in großer Entfernung von Neapel
keineswegs den Zustand der Dinge daselbst so kannte, um ihn richtig
beurteilen und leiten zu können. An Ort und Stelle fanden sich nicht zu
überwindende Schwierigkeiten, die er in Paris oder seinen
Hauptquartieren kaum ahnte. Er geriet aber in Wut und Zorn, wenn man sie
in Neapel nicht wie er wollte, augenblicklich aus dem Wege räumte.
Joseph hatte nicht verlangt, König zu sein, ja er war es fast gegen
seinen Willen geworden. »Lasse mich in meiner Familie regieren,« hatte
er zu seinem Bruder gesagt, ehe er Frankreich verließ.

Die Königin Julie, Tochter des Kaufmanns Clairet zu Marseille, war in
diesem Stück ganz mit ihrem Gatten einverstanden und eine vortreffliche,
herzensgute Dame, die mit Engelsgeduld die Untreue und Schwächen ihres
Gemahls nicht nur ertrug, sondern sogar entschuldigte und zu beschönigen
suchte. Sie war erst kürzlich von Frankreich gekommen, und von allen
Schwiegertöchtern der Kaiserin-Mutter, Madame Lätitia, diejenige, welche
diese am meisten und aufrichtigsten liebte. Am Hof des Königs Joseph zu
Neapel herrschte ein etwas militärischer Ton, wozu die fortwährenden
Unruhen im Königreich und namentlich in Kalabrien, welche machten, daß
man ewig auf dem _qui vive_ sein mußte und ab- und zuging, das ihrige
beitrugen. Die königliche Tafel verlassend, stiegen die Generale und
Stabsoffiziere nicht selten in die Wagen oder zu Pferde, um sich nach
Kalabrien und so weiter zu begeben, da von dort oder aus anderen
Gegenden des Reiches während der Mahlzeit schlimme und bedenkliche
Nachrichten eingelaufen waren. Von Josephs Hofhaltung in ihrem Innern
wurde ich damals nicht genauer unterrichtet, da auch mich das Schicksal
bald wieder aus Neapel rief, nachdem ich nur einigemale am Hofe
erschienen und also noch ziemlich fremd war. Erst in ihrem Exil zu
Frankfurt lernte ich die daselbst unter dem Namen einer Gräfin von
Survillier mit ihren beiden Töchtern wohnende Exkönigin und ihren
vortrefflichen Charakter näher kennen.

Auf Anstiften meines Vetters Moritz, der ebenfalls unseren Aufführungen
in Giesù nuovo beiwohnte, arrangierte ich auch eine deutsche
Vorstellung, und zwar »Kabale und Liebe«, bei der eine Frau von
Gemmingen, die Gattin eines Kapitäns, die Lady Milford, Helene Cramer
die Luise und eine Madame Reisinger die Mutter, der junge Stock den
Vater spielten und ich mein altes Paradepferd, den Major Ferdinand,
hervorsuchte. Die Vorstellung war, trotzdem sich die Liebe zwischen mir
und Helenchen ins Spiel mischte, nicht sonderlich, obgleich die sehr
nachsichtigen deutschen Zuschauer, die Franzosen und Italiener räumten
den Saal alle gleich nach dem ersten Akt, sich trefflich unterhalten
haben wollten. Damit hatte es aber sein Bewenden mit dem deutschen
Theater, obgleich Moritz gerne noch andere ältere Stücke als angenehme
Erinnerungen an seine Jugend aufgeführt haben wollte. Die Sache war zu
schwierig, Akteurs und Aktricen zu schlecht, so daß ich selbst einen
Degout an deutschen Vorstellungen bekam. Denn obgleich Helene Cramer mit
großer Naivität und vielem Feuer spielte, so zog ich es doch vor,
außerhalb der Bühne die Liebhaberrollen bei ihr zu übernehmen, und
teilte jetzt mein Herz hauptsächlich zwischen Madame Detrée und ihr. Sie
wohnte bei ihren Eltern in der Fortezza nuova, wo ich sie oft sah, und
zwar unter der sehr strengen Aufsicht der Frau Mama, die das
Goldtöchterchen auch keinen Schritt allein tun ließ und so unrecht nicht
hatte. Wir besuchten zwar fast alle Theater miteinander, aber immer in
Gesellschaft der Mama, die nicht von der Seite wich. Ich hatte also fast
nur ein theoretisches, platonisches Verhältnis mit Demoiselle Cramer,
während das mit Madame Detrée vollkommen materiell war. -- Madame Cramer
ließ mich nicht undeutlich merken, daß ihr Töchterchen eine
vortreffliche Partie für mich wäre. Aber an das Heiraten und gar an das
Heiraten als Offizier, deren Weiber, um den ewigen Gelegenheiten der
Verführungen zu widerstehen, ganze Engel oder Mütter Gottes sein müßten,
dachte ich so wenig, als ein Kapuziner zu werden. -- Ohne die Mutter
gerade vor den Kopf zu stoßen, wußte ich dennoch solchen Anspielungen
gehörig auszuweichen und suchte noch einige Lustpartien zu veranstalten,
in der Hoffnung, dabei Gelegenheit zu finden, der Mama Argus ein X für
ein U vormachen zu können. Ich lud die Familie zu einer Fahrt nach dem
schönen königlichen Schloß zu Caserta, einem der herrlichsten Schlösser
der Welt, ein. Aber auch hier kam ich nicht viel weiter. Nur einmal
gelang es mir in dem mit Statuen bevölkerten Park, Mutter und Tochter
auf einige Augenblicke zu trennen, daß ich letzterer zu den Füßen einer
marmornen Aphrodite, durch eine flüchtige, aber feurige Umarmung
versichern konnte, wie liebenswürdig ich sie finde. Aber kaum hatte ich
sie ein paarmal geküßt, als schon ein: »Helene, wo steckst du denn?«
sich ganz nahe vernehmen ließ, und mit einem »Hier, Mama,« wand sich die
Taube aus meinen Armen, der Mutter entgegenspringend.

Bei der Heimfahrt war es zwar schon düster und endlich dunkel, aber
Madame Cramer hatte so scharfsehende Augen, daß ich kaum von Zeit zu
Zeit einen verstohlenen Händedruck wagen durfte. Mehr hoffte ich von
einer zweiten Partie, die ich nach dem weiter entfernten Pestum
veranstaltete, wozu mehrere Tage erforderlich waren. Nachdem Madame
Cramer eingewilligt hatte, nahm ich viertägigen Urlaub, und wir fuhren
ohne den Papa, der als Adjutant-Major nicht wohl abkommen konnte, den
uns schon bekannten Weg über Portici und Resina, dann wie in einem
Garten durch das Tal Scafati, über den Sarno, durch Nocera de Pagani,
das alte, von Hannibal zerstörte _Nuceria Alphaterna_, wo ein
Cybeletempel in den ersten Zeiten der Christenheit in eine Kirche, jetzt
San Mariamaggiore, umgewandelt wurde, die noch von einer doppelten Reihe
Säulen aus _Giallo antico_ und Alabaster umgeben ist.

Von hier fuhren wir über Vietro nach Salerno, das an dem Ufer des Meeres
in einer freundlichen, von heiteren Hügeln umgebenen Ebene liegt und das
ich schon aus unserem ersten Feldzug in Kalabrien kannte, sowie Eboli,
wo wir nächtigten, aber die Mutter ihren Schatz gleich einem Drachen
bewachte. Am anderen Morgen machten wir uns in aller Frühe nach den
Ruinen von Pestum auf, wohin ein ziemlich einsamer Weg führt. Nachdem
wir durch eine ausgedehnte Heide gekommen waren, entdeckten wir
verschiedene isoliert stehende Gebäude, die, wenn man ihnen nahe ist,
kolossal und imponierend hervortreten. Erst im Jahre 1775 wurden diese
schönen Ruinen einer grauen Vorzeit, vielleicht die herrlichsten der
griechischen Baukunst, entdeckt. Diese unermeßlichen Säulenreihen der
Tempel, die noch aus der heroischen Sagenzeit stammen und Jahrtausende,
in einsamer Wüste trauernd, an sich vorübergehen, Roms Entstehung, Größe
und Herrlichkeit, seinen Verfall und dessen christliche Erhebung bis auf
unsere Zeiten sahen, geben manchen Stoff zu ernstem Nachdenken.

Hier endlich wurden wir durch die Gunst des Zufalls auf eine halbe
Viertelstunde von der Mama getrennt, die sich auf kurze Zeit zu
entfernen genötigt war. Ich benutzte diesen Umstand so gut als möglich,
und dem aus Eboli mitgebrachten Führer befehlend, auf die Mutter zu
warten, verirrte ich mich mit Helenchen hinter die dicken Neptunssäulen
und versicherte sie bei dem Dreizack des mächtigen Weltbeherrschers
meiner feurigsten Liebe, von der ich ihr, so viel es die Umstände
erlaubten, die handgreiflichsten Beweise gab. Im Taumel der Wonne
vergaßen wir Pestums und der Welt, bis uns endlich die kreischende
Stimme der Mama aufschreckte, die, als wir unter den tausendjährigen
Trümmern hervorkrochen, ausrief: »Aber Mädchen, was hast du denn, du
bist ja so rot wie ein gesottener Hummer!« --

»Nichts, Mama, das Steigen über die dicken Steine des Venustempels hat
mich so erhitzt.«

Ob Mama Cramer glaubte oder nicht, ist mir ein Rätsel geblieben,
jedenfalls war sie so klug, zu tun, als glaubte sie es. Wir hatten wohl
an drei Stunden in Pestums Ruinen verweilt und eine mitgebrachte kalte
Küche unter den Vorhallen des Neptuntempels eingenommen, als wir unsere
Rückreise antraten und bis Salerno fuhren, wo wir übernachtetem. Den
anderen Tag trafen wir wieder wohlbehalten in Neapel ein. In meinem
Hauptquartier in Giesù nuovo angekommen, erfuhr ich von meinem
Bedienten, den ich zurückgelassen hatte, daß Madame Gasqui wenigstens
schon zehnmal nach mir geschickt habe. Als ich hierauf zu ihr eilte,
empfing sie mich mit einem artigen Donnerwetterchen, weil ich, ohne ihr
etwas zu sagen, nach Pestum, und zwar mit deutschen Damen, gefahren sei.
Nach einem ziemlich langen Hadern kam es endlich wieder zu einem
wohlbesiegelten Frieden, und nun eröffnete mir die Dame, daß wir
Voltaires »Zaïre« geben müßten, weil die Königin bei einer ihrer
Hofdamen den Wunsch geäußert habe, dieses Trauerspiel von uns aufführen
zu sehen. Louise wollte aber diesmal durchaus die Titelrolle spielen.
Der Himmel oder das Schicksal oder der Kriegsminister, gleichviel, hatte
aber beschlossen, daß ich in einem anderen Trauer- und Schauspiel
auftreten würde, dessen Bühne abermals Kalabrien sein sollte. Das
Bataillon erhielt Order, in vierundzwanzig Stunden nach Cosenza
abzumarschieren, und der Stab des Regimentes wurde samt dem Oberst
Omeara nach Castelamare verlegt. Kaum hatte ich noch soviel Zeit, mir
ein paar gute Pferde zu kaufen; während meines diesmaligen Aufenthaltes
hatten mir wieder Vetter Moritz und Stock die ihrigen zur Verfügung
gestellt. Den Abend vor dem Ausmarsch machte ich meine Abschiedsronde,
da, wo es anging, küssend und umarmend, auch Helenchen mußte mir ein
Küßchen geben, auf das ich freilich das der Mama drein nehmen mußte.

Es sah neuerdings wieder sehr unruhig im südlichen Teil des Königreiches
aus, obgleich man fast tagtäglich in der Hauptstadt darauf loshängte,
verurteilte und hinrichtete. Als wir diesen Marsch nach Kalabrien
antraten, ging es schon dem Winter zu, und die fatale Regenzeit war vor
der Türe. Wir marschierten damals über Portici, Salerno und so weiter.
Seit unserer ersten Expedition nach Kalabrien und nach der Schlacht bei
Maida hatten sich die Engländer Reggios und des Schlosses von Scylla
bemächtigt. Der Feind war abermals mit einem Armeekorps von ungefähr
achttausend Mann, welches der tapfere Prinz von Hessen-Philippsthal
befehligte, gelandet. General Regnier, der noch immer in Kalabrien
kommandierte, hatte bei der ersten Nachricht, die er hiervon erhielt, in
aller Eile so viel Truppen als möglich zusammengebracht, es waren kaum
über viertausend Mann, damit das feindliche, freilich größtenteils aus
Banditen und Raubgesindel bestehende Heer schon Ende Mai 1807 auf das
Haupt geschlagen und so seinen Fehler bei Maida wieder gut gemacht.
Selbst der Prinz von Hessen-Philippsthal hatte sich nur mit Hilfe seines
schnellen Pferdes retten können und büßte beinahe seine ganze Artillerie
ein, die er in Stich lassen mußte. Die ihn verfolgende französische
Kavallerie verfehlte ihn nur um zwanzig Minuten. Sein Heer wurde
gänzlich gesprengt und ein großer Teil desselben zu Gefangenen gemacht.
Der Prinz landete mit kaum hundert Mann an den Küsten Siziliens. Dieser
Sieg war sehr zur gelegenen Zeit gekommen, denn ohne ihn würde nicht nur
Kalabrien, sondern sehr wahrscheinlich das ganze Königreich in Masse
gegen die neue Regierung aufgestanden sein. Nun wurde gegen Reggio
marschiert, dasselbe bald darauf belagert und das Schloß Scylla von der
Landseite blockiert. Das letztere ist indessen außerordentlich fest, und
da viel daran gelegen war, diesen, die Meerenge von Sizilien
beherrschenden Punkt wieder zu besitzen, um Herr der Küste zu sein, so
mußte man schweres Belagerungsgeschütz von Neapel kommen lassen, um das
Fort gehörig beschießen zu können. Dies war aber zu Land ohne die
außerordentlichsten Anstrengungen nicht wohl fortzubringen, weshalb man
es einschiffte, wo ein Teil desselben auf der See von den Engländern
weggenommen wurde.

In Cosenza angekommen, blieb das Bataillon zwei Tage daselbst, den
dritten Tag marschierten wir gegen Abend nach Rogliano, wo wir den
übrigen Teil der Nacht bis gegen Morgen verweilten, dann aber aufbrachen
und durch ein schauerlich wildes, von steilen Felsen umgebenes Tal
kamen, in dessen Umgegend jetzt der berüchtigte Banditenchef
Francatrippa, der die Rolle des Fra Diavolo übernommen hatte, sein Wesen
trieb. Hier mußten wir, Mann für Mann, einen ganz schmalen Felsensteig
im Zickzack, wie von einem Theaterberg, zwischen steilen Felswänden
hinabsteigen, wobei die bepackten Maulesel und Pferde von ihren Führern
und abgestiegenen Reitern vorsichtig an der Hand geführt wurden, sodann
einen Waldstrom passieren, über den nur ein sehr schmaler und
geländerloser Fußsteig führte. Dann kamen wir nochmals an furchtbaren
Abgründen vorüber. Diesen Tag führte ich wieder die Avantgarde des
Bataillons, doch war an Seitenpatrouillen bei diesem Terrain nicht zu
denken. Kaum waren ungefähr zwanzig Mann von meinen Leuten, an deren
Spitze ich marschierte, auf dem schmalen Pfade an den Rand eines solchen
Schlundes herangeschritten, als sich die Briganten oben auf dem Felsen
zeigten und eine Decharge auf uns abfeuerten, dann gleich Gemsen wieder
verschwanden, auf ihren Sandalen davonspringend. Großen Schaden hatten
sie nicht angerichtet, nur ein paar Leute hatten leichte Streifschüsse
erhalten. Ich ließ indessen sogleich Halt machen, und wir kletterten mit
Hilfe des Gesträuchs den am Eingang der Schlucht weniger steilen Felsen
hinan, hoffend, so den Briganten in den Rücken zu fallen. Aber als wir
hinaufkamen, war keine Spur mehr von ihnen zu sehen. In die weg- und
pfadlosen Wildnisse zwischen Klippen und Gesträuch konnten wir uns nicht
wagen, ohne Gefahr zu laufen, in einen Hinterhalt des Francatrippa zu
geraten. Das Terrain war hier den Briganten so günstig und uns, die wir
es nicht kannten, so nachteilig, daß wir gewiß verloren gewesen wären,
wenn die Bewohner desselben in Übereinstimmung gegen uns agiert haben
würden, selbst wenn wir hätten bedeutendere Streitkräfte entwickeln
können. Leicht war es, die Truppen in Abteilungen zu überfallen und zu
vernichten. Glücklich kamen wir in Scigliano an, von wo wir nach
Nicastro und von da in die Ebenen von Sanveria marschierten. Hier waren
wir in der Nähe eines alten Gebäudes, das eine traurige Berühmtheit
erlangt hatte, da in demselben gleich nach der verlorenen Schlacht bei
Maida eine ganze Kompagnie Franzosen, die sich in dasselbe geflüchtet,
von den Bewohnern der Umgegend und den sizilianischen Briganten bis auf
den letzten Mann ermordet worden war. Jetzt lag wieder ein französisches
Detachement in dem Gebäude; es war befestigt worden, verpallisadiert und
auf mehrere Monate mit Proviant versehen. Nichtsdestoweniger trieben in
der Nähe dieses Tales Francatrippa und seine Banditen ihr Wesen auf das
frechste, und keine Patrouille unter zwanzig bis dreißig Mann durfte
sich an Streifereien wagen, wollte sie nicht überwältigt werden. Die
Aussicht von den dieses Tal umgebenden Höhen auf den Golf von St.
Euphemia ist entzückend. Von hier aus sowie von Nicastro wurden
fortwährend Abteilungen auf die Brigantenjagd abgeschickt, ohne daß sie
sehr ergiebig gewesen wäre. An diesem geringen Erfolge war hauptsächlich
das Einverständnis der Räuber mit den Einwohnern schuld, die ihnen allen
Vorschub leisteten, während sie uns flohen und mit einem ewigen: »_non
capisco_« oder »_non so niente_«, das zum Verzweifeln war, abspeisten,
während unsere fast unerreichbaren Feinde die vollkommene Kenntnis des
Terrains besaßen. Nach mehreren Tagen des vergeblichen Hin- und
Hermarschierens in den den Golf umgebenden Bergen und Wäldern, brachte
ich mit meinen Voltigeurs zwei Tage in dem Städtchen Pizzo zu, am
südlichen Ende des Golfs, in dessen Umgegend außerordentlich viel Mais
und Reis, die Hauptnahrung der Einwohner, gepflanzt wird. Das Klima ist
so warm, daß selbst das Zuckerrohr hier sehr gut fortkommt und gedeiht,
wie mich der Augenschein überzeugte. Das Bataillon hatte sich
einstweilen in die zahlreichen Landsitze, die von Pomeranzen- und
Zitronenhainen umgeben, in der Nähe von Nicastro liegen, einquartiert.
Die hier vorhandenen Wälder sind seit undenklichen Zeiten der Aufenthalt
von Räuber- und Banditenhorden, mit denen sich die Gutsbesitzer, wenn
sie einige Sicherheit genießen wollen, verständigen und abfinden müssen,
indem sie ihnen von Zeit zu Zeit nicht unbedeutende Summen einhändigen.
Namentlich ist der Wald von Sankt Euphemia, und zwar mit Recht, sehr
berüchtigt. In dieser Wildnis hatten auch jetzt die Briganten und ihre
Banden und Spießgesellen ihr Hauptquartier aufgeschlagen und wurden noch
obendrein von den Engländern und Sizilianern unterstützt und besoldet,
mit denen sie beständig kommunizierten und welche in der Nacht fast
gefahrlos landeten und ausschifften, was wir nicht wohl verhindern
konnten, da der so nahe an der Küste gelegene Wald ein geheimnisvolles
Labyrinth war, und nur die Räuber und Banditen den in dasselbe leitenden
Faden in Händen hatten, auch alle Zu- und Ausgänge kannten, die außerdem
durch gut verborgene, mit Gesträuch und Dornen bedeckte Gruben fast
unzugänglich gemacht waren. Und so bot dieser Wald die erwünschteste
Leichtigkeit und Gelegenheit, uns aufzulauern. In diesem Walde, den zu
reinigen jetzt unsere Aufgabe war, hauste damals ein alter berüchtigter
Kalabrese, Benincasa genannt, welcher der oberste Chef aller Banden war,
die, sowie Francatrippa selbst, mit ihm in genauer Verbindung standen
und seine Befehle auf das pünktlichste befolgten. Es war ein wahrer
Assassinen-Fürst, ein zweiter Alter vom Berge. Schon lange Zeit vor der
französischen Okkupation hatte er sein blutiges Räuber- und
Mörderhandwerk in diesem furchtbaren Walde getrieben, wo ihn die Arme
der elenden neapolitanischen Justiz nicht hatten erreichen können, und
von wo aus er die ganze Umgegend brandschatzte. Unser Bataillon erhielt
nun Befehl, diesen gräßlichen Menschen und seine Banden zu zerstreuen,
auf ihren Höhlen und Mordsitzen aufzuscheuchen und sie womöglich zu
vernichten. Aber vergeblich blieben alle Versuche. Die List, die ich in
den italienischen Alpen und den Gebirgen von Genua angewendet hatte, die
Briganten zu fangen, würde bei diesem alten schlauen Fuchs nichts
gefruchtet haben, und wenig fehlte, so wäre ich bei einem Versuch, in
diese Wildnis zu dringen, samt meinen Voltigeurs ein Opfer der
Fallstricke des listigen und blutdürstigen Benincasa geworden. Ich hatte
mich bei dem Verfolgen einiger verdächtiger Individuen verleiten lassen,
zu Pferde an der Spitze der Mehrzahl meiner Kompagnie in den Wald zu
dringen, und zwar da, wo sich scheinbar ein ziemlich breiter Eingang
zeigte. Der Mannschaft einige Schritte voransprengend, fühlte ich
plötzlich den Boden unter mir wanken und stürzte samt meinem Pferde in
eine über sechs Schuh tiefe Grube, die wohl fünfzig Fuß breit war und
über hundert im Umfang haben mochte und wahrscheinlich darauf berechnet
war, eine Abteilung verfolgender Reiterei stürzen zu machen, die man
dann in der Grube leichter zusammenschießen konnte. Da ich allein in
dieselbe gestürzt war, ohne daß jedoch ich noch mein Pferd bedeutend
beschädigt worden wären und meine Leute gleich herbeirannten, so hatte
es, da der Sturz so glücklich abgelaufen war, keine weitere Gefahr mehr
für mich, nur kostete es viele Mühe, das Pferd wieder aus der Grube zu
schaffen, da sie senkrechte Wände hatte, in welche die Soldaten sogleich
eine so schiefe Abdachung gruben, daß das erschrockene Tier
herausgeführt werden konnte. Dieser Vorfall war ein Warnungszeichen,
besser auf der Hut zu sein. Noch mehrere Versuche, die Banden aus dem
Walde zu jagen, scheiterten ebenfalls, und Düret hielt es für das beste,
mit dem Banditenfürst zu unterhandeln, nachdem er seine Berichte gemacht
und Vollmacht dazu begehrt und erhalten hatte. Aber die Unterhandlungen
zerschlugen sich, obgleich man dem Benincasa und seinen Banden große
Versprechungen gemacht und bedeutende Vorteile eingeräumt hatte.
Wahrscheinlich traute der alte Fuchs, der selbst nie ein Versprechen
gehalten, uns nicht. Sodann trat jetzt die Regenzeit in ihrer ganzen
Kraft ein und machte, daß wir wenigstens auf ein paar Monate alle
ferneren Versuche gegen diese aalartigen Feinde einstellen mußten, die
aber gerade deshalb um so kühner aus ihren Schlupfwinkeln hervortraten,
großen Schaden zufügten und mordeten und raubten, wo sie sich die
Stärkeren wußten. Ohnedies ist ein friedliches und gemächliches Leben
den rohen Naturkindern der kalabrischen Wildnisse verhaßt, Gefahren,
Raub und Mord ihr Element. Dabei besitzen sie eine außerordentliche
Gewandtheit und Behendigkeit und wissen ihre Gewehre trefflich zu
gebrauchen, jedoch immer nur aus dem Hinterhalt. In offener Schlacht
taugen diese Briganten nicht und halten nicht Stich gegen
wohldisziplinierte Truppen, nur die neapolitanischen Krieger fürchten
sie wenig, schätzen sie gering und werden von diesen gefürchtet. Wir
verließen, hauptsächlich durch den sich unaufhörlich in Strömen
ergießenden Regen gezwungen, die Gegend am Golf von Sankt Euphemia und
marschierten zuerst nach Monteleone, wo wir mehrere Tage weilten und
Kleider und Waffen in möglichst besten Stand zu setzen suchten, denn
beide hatten sehr gelitten. Wieder waren es Schuhe oder doch Sohlen, die
uns am meisten not taten, und viele der Leute gingen schon fast auf
bloßen Füßen. Dies war bei dem ewigen Hin- und Hermarschieren auf
solchem Boden und in solchem Wetter kein Wunder. Tag und Nacht wurde
patrouilliert, und alle von Neapel kommenden oder zurückkehrenden
Kuriere, Adjutanten, Stabsoffiziere und so weiter mußten von einer Stadt
zur anderen eine Eskorte von wenigstens dreißig Mann haben. Dies alles
machte den Felddienst außerordentlich beschwerlich. Auch kam es vor, daß
manche Kompagnien acht bis vierzehn Tage bei diesem Regenwetter
biwakieren mußten, wie es mir selbst einmal erging, so daß wir fast ganz
im Wasser und Kot lagen und schliefen. Die Lebensmittel waren dabei
ebenso schlecht wie in der ersten Kampagne und mangelten manche Tage
gänzlich. Viele Ortschaften waren ganz menschenleer und bis auf wenige
Hütten zerstört; auch hatten wir seit unserem Abmarsch aus Neapel keinen
Sold mehr erhalten, und ich hatte schon fast meine ganze Barschaft der
Kompagnie vorgeschossen, ein Vorteil, den keine andere Kompagnie hatte
und worum die meinige beneidet wurde. Aber ich konnte auch mit meinen
Leuten den Teufel austreiben, in die Hölle wären sie mir gefolgt,
während die anderen Soldaten des Bataillons, besonders Böhmen und
Österreicher, knurrten und murrten, denn an Knödel war da nicht zu
denken. Polenta und Reis gab es nur, und auch dieses nicht immer.
Fleisch war eine seltene Kost. Viele Soldaten hatten, aus der Not eine
Tugend machend, das Beispiel der Kalabresen befolgt und statt der
mangelnden und ganz zerrissenen Schuhe sich Sandalen aus Ziegenfellen,
oder was sie sonst haben konnten, um die Füße gewunden. Die Offiziere
waren oft noch weit schlimmer daran als der gemeine Mann, der raubte und
wegnahm, wo er etwas fand, was jene nicht konnten und froh waren, wenn
ihnen der Soldat etwas von dem Geraubten mitteilte. Meine Leute
versorgten mich jedoch trefflich und ließen mir oft Eier, Käse, Brot,
Speck und dergleichen zukommen, so daß ich an Lebensmitteln nur selten
Mangel litt, da sie mir immer das Beste brachten. Der französische
Soldat war bei all dem Mangel und Elend doch immer lustig und guter
Dinge, machte Bonmots und war unerschöpflich in Scherzen. Eine solche
Munterkeit unter allen Umständen ist in der Tat ein kostbares Geschenk
des Himmels. Unsere Leute und namentlich die Russen und Polen vergaßen
nur dann ihr Elend, wenn sie Aquavit genug haben konnten, wonach sie in
einem Dorf oder einer Meierei immer zuerst forschten. Machten sie einen
solchen Fund, dann war auf kurze Zeit wieder alles gut.

Da man in Sizilien glaubte, was auch die Engländer und wir selbst
vermuteten, daß man diesseits des Kanales eine Landung auf jener Insel
beabsichtige und vorbereite, wozu es allen Anschein hatte, so sandte die
sizilianische Regierung unaufhörlich Briganten in großen Haufen herüber,
die von den Engländern des Nachts an das Land gesetzt, sich dann
sogleich in die Wälder und Gebirge verloren und die französischen
Truppen auf alle Weise verfolgten, um ihnen die Gelüste nach der reichen
und schönen Insel vergehen zu machen. Wir wurden nun wieder mehr denn je
von den Insurgenten beunruhigt und in Atem erhalten. Während unseres
Aufenthaltes in Monteleone, einer nicht unbedeutenden Stadt von etwa
sechzehntausend Einwohnern, mit einem ehemals befestigten Schloß, das
Friedrich II. erbaute, wurde bei Fondaco del Fico, einem in der Nähe
jenseits Pizzo befindlichen, alten, halbverfallenen, sehr weitläufigen
Gebäude, welches das Aushängeschild: »_Osteria di Cicerone_« führte, ein
von Neapel kommender Kurier mit sehnsüchtig erwarteten Depeschen und
Briefen für das ganze Armeekorps angefallen, beraubt und samt seiner
Eskorte, aus einer Abteilung von einem Sergeanten befehligter Infanterie
bestehend, einigen zwanzig Mann, ermordet. Nur zwei, und davon der eine
noch schwer verwundet, waren so glücklich, dem Tode durch eine schnelle
Flucht zu entgehen und brachten die traurige Nachricht dieser
Begebenheit nach Pizzo und Monteleone. Aus ihrem Bericht ergab sich, daß
die Eskorte selbst mit schuld an ihrem Unglück sei, denn die Leute waren
nicht beisammen geblieben und zum Teil durch eine bedeutende Strecke
getrennt. In dem Augenblick, als sie überfallen wurden, waren keine zehn
Mann beisammen. Ungefähr ein halbes Jahr darauf wiederholte sich
derselbe Vorfall mit einem Detachement vom neunten Linienregiment in der
Gegend von Nicastro. Ich erhielt jetzt Befehl, mit meiner Kompagnie
ungesäumt nach Fondaco del Fico aufzubrechen und Jagd auf die Räuber zu
machen. Etwa eine Miglie davon stießen wir auf die schrecklich
verstümmelten Leichen der Ermordeten. Eine Menge zerrissener Papiere,
die ich sammelte, lagen nebst dem Felleisen des Kuriers umhergestreut.
Aber die Waffen der Unglücklichen, sowie deren Tornister hatten die
Briganten mit fortgeschleppt, die Leichen auch zum Teil ihrer Kleider
beraubt. Fondaco del Fico liegt an dem Eingang eines dichten Waldes und,
wie die Altertumsforscher behaupten, genau auf der Stelle, wo das alte,
vom Meer verschlungene Hipponicum gestanden haben soll, von dem noch
Tempelruinen in der Nähe sind. Cicero hat sich hierher geflüchtet, um
den Verfolgungen des Clodius zu entgehen, und schrieb aus dem nahen
Fundus sicae mehrere Briefe an den Atticus. Ich stellte zuerst die
nötigen Wachen um das Gebäude herum und gegen den Wald, ließ dann die
Leichen der Ermordeten durch Bauern nach Monteleone bringen, untersuchte
alle Zugänge und Schlupfwinkel des Eulennestes auf das sorgfältigste und
drang dann mit einer Abteilung meiner Leute, jedoch mit großer Vorsicht,
einige hundert Schritte in den Wald vor, ohne eine Spur von den
Briganten entdecken zu können, worauf ich mich wieder auf Ciceros
Osteria zurückzog. Mit einbrechender Nacht traf ich alle Vorkehrungen,
um mich gegen einen Überfall sicher zu stellen, und die Folgen bewiesen
bald, daß meine Vorsicht nicht unnötig war. Als es dämmerte, zündeten
meine Leute Feuer an und brieten das von Monteleone mitgebrachte
Ziegenfleisch an demselben. Wir waren mit Lebensmitteln auf drei Tage
versehen. Ich ließ fortwährend starke Patrouillen in geringer Entfernung
um unser Rattennest gehen, stellte mehrere Posten nach allen Richtungen,
jedoch immer _à portée_ einer vom anderen aus, und machte selbst
einigemale die Runde an der Spitze einer Patrouille. Es blieb aber alles
ruhig, bis kurz vor Mitternacht, wo plötzlich eine ungeregelte, aber
starke Decharge von Flintenschüssen auf die Posten abgefeuert wurde,
deren Kugeln um ihre Ohren pfiffen. Der Angriff geschah von der Seite
des Waldes, und kaum waren wir aufgesprungen, die Leute lagerten noch um
das Feuer, als ein Schuß ganz in unserer Nähe, keine fünfundzwanzig
Schritte entfernt, fiel, dessen Kugel einen Sergeanten mitten auf die
Brust, aber glücklicherweise da traf, wo sich dessen Büffetterie
(Riemenzeug) kreuzte, und ihm so keinen Schaden verursachte. Ich brach
nun mit etwa fünfzig Mann in der Richtung gegen den Wald auf, aber es
war, als seien unsere Feinde wie durch einen Zauberschlag verschwunden.
Man hörte und sah nichts mehr von ihnen. Den Wald selbst durfte ich
nicht zu betreten wagen, wollte ich nicht abgeschnitten werden; denn ich
kannte ja die Zahl der Gegner nicht und würde bei der herrschenden
Finsternis auch ohne allen Erfolg das Wagnis unternommen haben. Ich zog
mich wieder auf unsere Osteria zurück, besetzte gehörig alle Zugänge des
Gebäudes, ließ die ganze Mannschaft, alle Posten einziehend, in dasselbe
einrücken und verbarrikadierte dann die Hauptzugänge mit Holz, Erde und
Steinen. Bald nach Mitternacht gab die an einer kleinen Pforte stehende
Schildwache Alarm, und wir hörten nun deutlich das Annähern vieler
Fußtritte, sowie ein Summen von verworrenen Stimmen. Da man auf ein
dreimaliges _Qui vive!_ der Schildwache keine Antwort hörte, so feuerte
diese ab, worauf sogleich eine Salve von den sich nähernden Feinden
erfolgte, deren Kugeln aber an den Mauern unserer extemporierten Feste
abprallten. Daß die Bande sehr bedeutend sein mußte, war mir jetzt klar,
denn es schienen mindestens ein paar hundert Schüsse zu sein, die zumal
gefallen waren. Ich traf daher meine Anordnungen so, daß wir uns
wenigstens bis zum Anbruch des Tages in der Defensive hielten, denn in
dieser Dunkelheit einen unsichtbaren Feind angreifen zu wollen, dessen
Stärke und Position man nicht kannte, wäre Unsinn gewesen. Ich machte
mich aber auf einen Angriff und guten Empfang von meiner Seite gefaßt.
Letzteres war nicht nötig, da der erstere unterblieb und sich die
Briganten begnügten, von Zeit zu Zeit gegen das Gebäude zu feuern, aber
jedesmal aus einer anderen, ganz verschiedenen Richtung. Die Nacht war
sehr finster, stürmisch und regnerisch, und hätten die Briganten mehr
Mut und Entschlossenheit gehabt, so konnten sie uns viel zu schaffen
machen, besonders da die allenthalben verfallenen Mauern unserer Feste
wenig Schutz gewährten und ich sie nicht an allen Orten zugleich stark
besetzen konnte. Auch ließ ich alle Lichter löschen. Bald darauf sahen
wir dagegen viele Feuer an und in dem Walde auflodern, die der alte
Fuchs Benincasa, denn kein anderer als er war es, der diese Banden in
Person befehligte, hatte anzünden lassen und durch welche er mich in die
Falle und aus meiner Feste zu locken hoffte. Ich erkannte aber gleich,
was die Feuer zu bedeuten hatten, übersah meines listigen Gegners
Absicht und verließ Fondaco del Fico nicht. Nach anderthalb Stunden
erloschen die Feuer allmählich wieder. Als aber der Tag zu grauen
begann, erblickten wir zahlreiche Brigantenhaufen am Ausgange des Waldes
postiert, die, wie es den Anschein hatte, sich anschickten, uns jetzt
offen und am Tage anzugreifen. Ich hielt es für besser, einen solchen
Angriff nicht hinter den Mauern abzuwarten, obgleich ihre Zahl
wenigstens dreimal stärker war als die unsrige. Ich formierte meine
Kompagnie in Sektionen und rückte dann in geschlossener Kolonne gegen
die Haufen, die sich, als sie uns herankommen sahen, schlagfertig
machten. Im Geschwindschritt vormarschierend, ließ ich, noch einige
dreißig Schritte von dem Feinde entfernt, Halt machen, dreimal abfeuern,
nachdem ich die Kompagnie schnell in ein Peleton formiert hatte, und
dann kommandierte ich: »Fällt's Bajonett, Sturmschritt, vorwärts,
marsch!« Die Briganten hatten unser Feuer heftig erwidert, mir zehn Mann
mehr oder weniger schwer verwundet und einen getötet. Aber auch von
ihrer Seite hatten wir mehrere fallen gesehen. Als wir ihnen aber schon
dicht auf dem Leibe waren, zogen sie sich laufend in den Wald zurück,
hinter den Bäumen hervorfeuernd. Hier konnte ich sie nicht verfolgen, da
der Kampf in jeder Hinsicht zu ungleich geworden wäre, und zog mich, als
ich auf meiner rechten Seite in einer ziemlichen Entfernung neue Haufen
hervorbrechen sah, deren Absicht war, sich Fondacos, wo ich nur einen
schwachen Posten zurückgelassen hatte, zu bemächtigen oder mich
wenigstens davon abzuschneiden, schnell dahin zurück. Der übrige Teil
des Tages verstrich nun, ohne daß wir weiter beunruhigt worden wären.
Als aber die Nacht wieder angebrochen war, hörten wir deutlich ein
großes Getümmel im Walde, was mir anzudeuten schien, daß die Feinde
große Verstärkungen erhalten haben mußten. Etwa drei Stunden nach
Sonnenuntergang sahen wir plötzlich mehr als hundert Fackeln ähnliche
Lichter hellodernd aus dem Walde hervorkommen und sich gegen unsere
Feste zu, deren Barrikaden ich während des Tages noch möglichst hatte
verstärken lassen, in Bewegung setzen. Wir erkannten bald, daß die
Feuerbrände, welche ein Teil der Briganten in der Hand trug, während sie
in der anderen ihre Gewehre zum Abfeuern fertig hielten, große Stücke
von fettem, dürrem Nadelholz waren. Als sie sich beinahe auf Schußweite
unseren Mauern genähert hatten, ließ ich Feuer auf sie geben, das
sogleich erwidert wurde, worauf sie, zum Teil ihre Feuerbrände von sich
werfend, einen allgemeinen Angriff auf der Südseite von Fondaco
begannen. Dieser war jedoch nur fingiert, wie ich auch gleich vermutet
hatte, da ich andere Haufen ohne Fackeln, gleich Schatten, in einer
geringen Entfernung von den ersteren gesehen und recht gut bemerkt
hatte, daß sich diese, von der Dunkelheit begünstigt, aber doch durch
den wenn auch entfernten Fackelschein verraten, von einer anderen Seite
Fondaco näherten. Ich ließ sogleich auch die anderen, nach dem Meer zu
gehenden Teile der Gebäude möglichst stark besetzen und bewachen.
Während wir mit den bereits herangekommenen Briganten im Handgemenge
waren, nachdem sie ihre Gewehre und Pistolen abgefeuert, hatten wir uns
hauptsächlich ihrer Dolchstöße zu erwehren, denn der Kampf wurde an den
Eingängen und Breschen geführt, vernahmen wir plötzlich das
Alarmgeschrei auf der anderen Seite, wohin ich jetzt eilte, meinem
Leutnant überlassend, die fingierten, aber doch ernstlichen Angriffe
zurückzuschlagen. Bald war der Kampf ringsum allgemein, und meine
Voltigeurs schlugen mit den Gewehrkolben auf die Feinde los, während ich
von einem Posten zum anderen sprang, die Leute zur tapferen Verteidigung
aufmunternd. Als ich so hin und her lief, vernahm ich plötzlich an einer
etwas von mir entfernten Stelle, wo die Mauer sehr hoch, noch unversehrt
und nicht bewacht war, ein Geräusch. Ich näherte mich leise auf den
Zehen, blieb dann bewegungslos stehen und entdeckte bald, wie sich zwei
Briganten schon an der inneren Mauer sachte herabließen, denen andere,
die auch bereits die Köpfe über die Mauer streckten, folgen sollten.
Jetzt sprang ich auf den ersten, als er beinahe den Boden erreicht
hatte, zu und rannte ihm meinen Säbel durch den Leib, so daß er
furchtbar brüllend zu Boden stürzte. Der ihm folgende aber kletterte
eiligst wieder das Seil hinan, an dem er sich herabgelassen und das
jenseits der Mauer festgehalten wurde. Mit dem Säbel konnte ich ihn
nicht mehr erreichen, dagegen schoß ich eine Pistole auf ihn ab, traf
ihn aber nicht so, daß er am Entkommen verhindert gewesen wäre. Doch war
er, nach dem Blut, das er verlor, zu urteilen, stark verwundet. Der am
Boden Liegende winselte und schrie: »_Misericordia, misericordia!_« Ich
rief nun nach Licht, entwaffnete den schwer verwundeten Gefangenen
vollends, ließ ihn vorerst da liegen und beorderte einen Korporal, so
lange das Gefecht dauere, die Runde mit drei Mann fortwährend innerhalb
der Mauern zu machen, um jedem Versuch eines Übersteigens sogleich zu
begegnen. Und wirklich wurde noch zweimal ein solcher gemacht, während
der Kampf an den teilweise eingerissenen Barrikaden auf das wütendste
fortwährte. Einer der Übersteigenden hatte sich in das Bajonett eines
Voltigeurs gespießt, mit dem ihn derselbe aufgefangen hatte. Noch
mehrere Stunden dauerte das verzweifelte Gefecht fort, da immer frische
Brigantenhaufen in das Gebäude zu dringen versuchten. Schon waren meine
Leute sehr ermüdet, sieben derselben außer Kampf gesetzt und zwei
getötet, mehrere leicht verwundet. Aber auch die Briganten hatten schon
ziemlich viel Tote und Verwundete. Nachdem die Feinde wenigstens zehn-
bis zwölfmal ihre Attacke, meistens unter den stärksten Regengüssen,
erneuert, auch schon einmal einen scheinbaren Rückzug gemacht und eine
halbe Stunde darauf wiedergekommen waren, um mit erneuerter Wut ihre
Angriffe zu beginnen, zogen sie sich endlich gegen Morgen, an einem
günstigen Erfolg ihrer vergeblichen Anstrengungen zweifelnd, zurück. Was
mich hauptsächlich gegen ihre große Übermacht schützte, denn es mochten
wohl über tausend Mann sein, die uns gegenüberstanden, war die
Regellosigkeit ihrer Angriffe, Mangel an Einheit und Zusammenwirken, da
fast jeder nur auf seine Faust tat, was ihm eben das Beste deuchte, und
wenig auf ein Kommando hörte. Nur darin stimmten sie überein, daß sie
das Gebäude erstürmen und uns ermorden wollten. Hätten sie bei ihrer
Übermacht und dem elenden Zustande unserer Befestigungen zumal und auf
allen Seiten zugleich den Angriff begonnen, so würden wir einen
schlimmen Stand gehabt haben. Durch die Aussagen der zurückgebliebenen
Verwundeten, sie hatten deren einige zwanzig nebst elf Toten
zurückgelassen, erfuhr ich, daß Benincasa wieder die Seele dieser
Expedition war und allem Vermuten nach weitere Versuche der Art machen
würde. Indessen waren die mitgebrachten Lebensmittel aufgezehrt, mein
ferneres Hierbleiben also unmöglich, auch so ziemlich zwecklos. Meine
Instruktion lautete ohnehin, daß, wenn ich binnen drei Tagen nicht durch
andere Truppen abgelöst würde, ich zurückzumarschieren habe, weshalb ich
beschloß, nach Pizzo und Monteleone aufzubrechen. Aber auch mein Abzug
war gefährlich genug, denn die Banden im Walde wurden beständig durch
neu hinzukommende Briganten verstärkt und würden uns sicher, unser
kleines Häufchen erkennend, jetzt auch im freien Felde überfallen haben.
Als ich so überlegte, wie unser Rückzug am besten zu bewerkstelligen sei
und mich deshalb auch mit den Unteroffizieren beriet, hörten wir auf
einmal Trommelschlag und sahen hinter einem nahen Gebüsch unsere
Karabinier-Kompagnie, vom Kapitän Czerny angeführt, zu unserer großen
Freude mit blinkenden Gewehren anmarschieren. Jetzt waren wir erlöst.
Fast zu gleicher Zeit traf auch noch ein vierzig Mann starkes
Detachement von Royal-Corse, das einen anderen, von Neapel kommenden und
nach Reggio bestimmten Kurier geleitete, ein, und als ich im Begriff
war, abzumarschieren, kamen noch vier Kompagnien vom neunten
Linienregiment an, die zur Verstärkung des Belagerungskorps nach Scylla
bestimmt waren. Letztere blieben jedoch bei Fondaco über Nacht, während
ich mit meinen Voltigeurs und der Eskorte des Kuriers nach Monteleone
abging, nachdem ich den Kapitän Czerny noch vorher von allem gehörig
instruiert hatte. Die Wege hatten sich durch den vielen Regen seit drei
Tagen so verschlimmert, daß ich, obgleich zu Pferde, Mühe hatte,
durchzukommen. Ein kleiner Bach, den wir passieren mußten und der uns
beim Hermarsch kaum bis an die Waden gegangen, war schon so
angeschwollen, daß uns das Wasser bis an die Brust reichte, und so
reißend, daß wir wieder, Mann an Mann dicht geschlossen, durch denselben
waten mußten. In der Nähe von Pizzo stießen wir auf drei gräßlich
verstümmelte Leichname französischer Soldaten, denen Nasen und Ohren
abgeschnitten waren und welchen man zum Hohn die Zeugungsglieder in den
Mund gesteckt hatte; sogar die Augenhöhlen waren ihnen ausgebohrt.
Dieser Anblick versetzte uns in die größte Wut. Das Tschakoschild und
die Platten der Patrontaschen, die wir in der Nähe fanden, denn die
Leichname waren aller Kleider beraubt, verkündeten uns, daß es Chasseurs
vom zwanzigsten Linienregiment waren, von dem eine kleine Abteilung in
Pizzo lag. Hier machte ich einen kurzen Halt und ließ Erfrischungen aus
dem Städtchen holen, worauf ich, immer unter dem heftigsten Regen, nach
Monteleone aufbrach. Aber kaum mochten wir fünfhundert Schritte
zurückgelegt haben, als sich eine starke Brigantenbande, wohl an
vierhundert Mann, unseren Blicken zeigte und Miene machte, uns das
Weitermarschieren ersparen zu wollen. Daß die Übermacht der Kalabresen
im Freien eben nicht sehr zu fürchten ist, wußte ich nun schon aus
Erfahrung, sowie, daß Entschlossenheit und ein herzhafter Angriff sie
schnell zum Wanken bringt. Ich besann mich daher nicht lange und
marschierte im Sturmschritt auf den Schwarm zu, der, als wir nahe genug
waren, Gewehre und Pistolen auf uns abfeuerte. Auch ich ließ Feuer
geben, aber die meisten Gewehre versagten von beiden Seiten wegen der
durch das Regenwetter verursachten Nässe. Dennoch hielten die Briganten
stand, auf die wir nun mit gefälltem Bajonett eindrangen. Nach geringem
Widerstand, wobei sie ihre Dolche wenig gebrauchen und ihre Pistolen,
die ohnehin meistens versagten, nicht wieder laden konnten, da wir ihnen
keine Zeit dazu ließen, ergriffen sie die Flucht und zerstreuten sich,
ihre Toten und Verwundeten im Stiche lassend, die uns in die Hände
fielen. Ich verfolgte sie zwar eine kleine Strecke, ließ jedoch bald
davon ab, da es unmöglich war, sie zu erreichen. Wir setzten nun unseren
Marsch nach Monteleone fort, wo wir am Nachmittag eintrafen. Die
gefangenen und verwundeten Briganten, die ich zu Fondaco und bei Pizzo
gemacht, wurden noch denselben Tag auf Dürets Befehl erschossen, wie
alle Bewohner Kalabriens, die mit den Waffen in der Hand gefangen
wurden. Die Banden hörten nicht auf, alle Städte und Ortschaften, in
denen sich französisches Militär befand, zu umschwärmen, und machten
sich oft mit unglaublicher Frechheit bis vor die Tore der Städte, so daß
es keinem einzelnen Soldaten zu raten war, sich nur auf hundert Schritte
von denselben zu entfernen. Noch vierzehn Tage blieb das Bataillon, von
dem aber beständig zwei Dritteile detachiert oder auf Streifzügen
begriffen war, in Monteleone. Diese Stadt, welche eine sehr angenehme
Lage in einer schönen Ebene, einer der fruchtbarsten und üppigsten von
ganz Kalabrien, hat, ist ziemlich wohlhabend und war kein unangenehmer
Aufenthalt für die Kompagnien, die sich nach ihren Strapazen in
derselben erholen durften.

Trotz des wütenden Franzosenhasses der Kalabresen, den sie auch ihren
Weibern und Kindern einprägten, gelang es mir dennoch, die junge Frau
eines Krämers zu Monteleone auf meine Seite zu bringen, mit der mich der
Zufall in nähere Berührung gesetzt hatte. Als ich eines Morgens aus
meiner Wohnung trat, sprang gleich einem gescheuchten Reh ein junges
weibliches Wesen mit feurig schwarzen Augen in dem zierlichen Kostüm
dieser Gegend über die Straße hinüber zu einer Nachbarin und verlor
dabei ihre große silberne, mit einem dicken Knopf versehene Haarnadel,
mit welcher hier zu Lande die Frauen und Mädchen ihr dickes, seidenes
Haar aufstecken und zusammenhalten, ohne daß sie ihren Verlust bemerkte.
Als glücklicher Finder nahm ich mir vor, den Fund selbst wieder zu
übergeben. Sie war aber schon in das Haus getreten, und als ich ihr
folgen wollte, kam sie wieder mit aufgelösten Haaren zurück, das Kleinod
ängstlich suchend, das ich ihr mit einem: »_Ecco signorina quel che
cercate!_« überreichte, worauf mir ein »_Grazie molto!_« mit einem
wohlgefälligen Blick wurde. -- »_E la buona mano?_« fragte ich nun. --
»_L'avrete!_« erwiderte sie, sich lächelnd entfernend, mir noch einen
seelenvergnügten Blick zuwerfend, indem sie sagte, ihr Mann werde nicht
ermangeln, für die _buona mano_ zu sorgen. Was sie damit sagen wollte,
begriff ich nicht. Aber eine Viertelstunde daran brachte mir der Mann
ein kleines Körbchen mit allerlei Spezereien, womit er mich belohnen
wollte, seiner Gattin die silberne Nadel wiedergegeben zu haben. Diese
hatte es mit der _buona mano_ ernstlich gemeint, und auch geglaubt, daß
es mein Ernst gewesen, als ich eine solche begehrte, worüber ich
herzlich lachen mußte. Dem Überbringer aber erklärte ich, daß, wenn ich
die Sachen behalten solle, er ein Gegengeschenk dafür annehmen müsse,
und ich gab ihm ein neapolitanisches Goldstück, das wenigstens den
dreifachen Wert hatte. -- »Alle Francesi sind doch keine Diavoli, wie
unser Beichtvater versichert,« meinte der gute Mann.

Die Feuerblicke der jungen Frau hatten indessen mein leicht entzündbares
Herz in Flammen gesetzt, und ich spähte bald die Zeit aus, wann sie in
die Kirche ging, wo ich aber das Weihwasser zur näheren Bekanntschaft
nicht anwenden konnte, da die guten Kalabreserinnen diese Galanterie
nicht kannten. Das Kirchengehen hätte mich nicht weiter gebracht, wenn
mich nicht ein altes armes Weib beobachtet und bemerkt hätte, daß meine
Augen immer mit Wohlgefallen auf der jungen Krämersfrau ruhten. Auch
hielt sie mich für einen guten katholischen Christen, da ich, wie ich es
schon seit meiner Ankunft in Italien getan, die hauptsächlichsten
Zeremonien der katholischen Kirche mitmachte, was die wenigsten anderen
Offiziere, wenn sie auch wirklich katholisch waren, taten. Ich gab dem
alten Weib einige Male ein Almosen von ein paar Kupfermünzen; die zeigte
sich dafür so erkenntlich, daß sie mir beim dritten Male ganz _sotto
voce_ sagte, wenn sie mir in irgend etwas dienen könne, ich es ihr nur
anvertrauen möge, sie wolle es bestens besorgen, denn sie sähe wohl, daß
ich ein _buon christiano_ und kein _diavolo francese_ sei. Ich ließ mich
in ein Gespräch mit ihr ein und erfuhr, daß die hübsche Krämersfrau
Bettina Bergella heiße und die Tochter eines Seidenwebers sei, die sie
als Kind gewartet und oft auf ihren Armen getragen habe, sie erhalte
auch immer noch kleine Geschenke von ihr. Ich gab der Alten einen
Ducato, der sie noch weit gesprächiger machte, so daß sie mir ohne
weitere Umstände erklärte, daß, wenn ich es wünsche, sie die
Unterhändlerin zwischen der Signora Bergella und mir machen und die
Sache schnell zu einem erwünschten Ziel bringen wolle. Ich nahm das
Anerbieten dankbar an, und die alte Hexe hatte es schon in den nächsten
vierundzwanzig Stunden so weit gebracht, daß ich eine Zusammenkunft in
ihrer Kammer mit der jungen Frau hatte, welche sie zu bereden gewußt und
versichert hatte, wie sie mir sagte, daß ich kein Diavolo francese sei,
wie ihr Vater, ihr Mann und ihr Beichtvater vorgaben, auch würde sie
durch den Umgang mit mir weder länger im Fegfeuer oder gar in der Hölle
schmachten, da ich vom Papst selbst, den ich kenne, Absolution für alle
Sünden für uns beide erhalten würde. Genug, sie hatte das Weibchen zu
beschwatzen gewußt, die sich auch vielleicht gerne beschwatzen ließ und
die Gründe der Alten mit Wohlgefallen anhörte. Ich schlich mich in der
Dämmerung in die Wohnung der Unterhändlerin, und bald darauf fand sich
auch die artige Kalabreserin, direkt von ihrem Vater kommend, daselbst
ein. Sie sträubte sich zwar anfänglich ein wenig gegen meine
Liebkosungen, aber es war mehr Ziererei als Verschämtheit, und während
ich sie mit kalabresischem Feuer in die Arme schloß, machte die Alte die
Aufpasserin, damit wir nicht überrascht werden konnten. Ich hatte auf
diese Weise wohl ein halbes Dutzend Zusammenkünfte mit Bettina während
meines Aufenthaltes in Monteleone. Die alte Hexe, die sich vortrefflich
dabei stand und von beiden Seiten Geschenke erhielt, bot sich an, mir
noch andere junge Weiber aus dem Orte zuzuführen, wenn es mir Vergnügen
mache. Aber ich verbat es mir, auch währte mein Hiersein nur noch wenige
Tage, denn ich wurde nochmals mit der Kompagnie, und zwar nach Mileto
detachiert, wo wir indessen nur drei Tage blieben. Monteleone war,
Cosenza ausgenommen, wohl mit der angenehmste Aufenthalt in ganz
Kalabrien, und muß vor dem furchtbaren Erdbeben von 1783, welches die
ganze Provinz schrecklich verwüstete und vielen tausend Einwohnern das
Leben kostete, noch weit bedeutender gewesen sein. Noch waren hier sowie
in Mileto die Spuren von diesem entsetzlichen Naturereignis sichtbar,
und allenthalben stieß man auf in Ruinen verwandelte Gebäude. Auch
zählten vor diesem Unglück diese Städte mehr als die doppelte, ja
dreifache Einwohnerzahl, kaum daß der dritte Teil der zerstörten Häuser
wieder aufgebaut war.

Mileto liegt auf einer Anhöhe unfern den Ruinen des alten _Miletus_. In
dieser Gegend war es, wo vor wenigen Monaten der Prinz von
Hessen-Philippsthal von Regnier geschlagen worden war. Ich besuchte das
Schlachtfeld, auf welchem damals der Besitz des Königreiches entschieden
wurde; denn wurde Regnier nochmals geschlagen, so war Neapel für den
neuen Herrscher verloren. Von hier wurden wir sowie das ganze in
Monteleone, Nicastro und so weiter stehende Bataillon nach Seminara
beordert. Der Marsch dahin über Rosarno, Drosi und so weiter und die
Wege waren abscheulich. Oft war kaum durchzukommen, und wir mußten
ungeheure Umwege machen, um Stellen aufzufinden, wo wir die hoch
angeschwollenen Wald- und Bergströme passieren konnten, was immer mit
großer Gefahr verbunden war. In Rosarno, sodann in Gioja und Drosi wurde
Nachtquartier gemacht, und zu Seminara angekommen, ein Teil des
Bataillons nach Palma detachiert. Alle diese Orte waren bei dem
schrecklichen Erdbeben von 1783 fast gänzlich zerstört worden und noch
weit entfernt, sich nach einem Vierteljahrhundert wieder erholt zu
haben. Überall stieß man auf Trümmer, und Seminara, das vor dem Erdbeben
mehr als zwölftausend Einwohner zählte, hatte deren jetzt kaum
dreitausend, war nur an einer Stelle wieder aufgebaut, und mehr als
viertausend Menschen waren unter dem Schutt der eingestürzten Häuser
begraben worden. Auch Palma, das an dem Ufer des Meeres liegt, hatte
zwei Dritteile seiner Bewohner verloren, war aber wieder sehr regelmäßig
hergestellt. Kaum hatten wir zweimal vierundzwanzig Stunden geruht, so
wurden zwei Kompagnien, worunter die meinige, vor Sciglio oder Scilla,
und zwei andere vor Reggio beordert. Diese beiden Festungen waren noch
von den Engländern und Sizilianern besetzt und wurden von uns blockiert
und belagert. Scilla, welches der Tyrann Anaxilas von Rhegium gegründet,
und das ebenfalls durch jenes Erdbeben stark mitgenommen wurde, liegt in
einer weiten Schlucht unfern dem Kap Scilla, zu der man nur von der See
aus gelangen kann. Die Stadt selbst, die etwa fünf- bis sechstausend
Einwohner zählte, lehnt sich an einen hohen Felsen dieser Schlucht, und
auf einem zweiten, ihr gegenüber liegt das feste Schloß, welches von
ungefähr fünfhundert Briganten und Sizilianern verteidigt wurde. Eine in
den steilen Felsen gehauene schmale Treppe verbindet das Fort mit der
Stadt, und vermittelst den in der Meerenge liegenden englischen Schiffen
unterhielt die Besatzung ihre Kommunikation ununterbrochen mit Sizilien.
Von hier, wo noch wenig Aussicht war, sich dieser Feste zu bemächtigen,
wurde meine Kompagnie ebenfalls vor Reggio beordert. Die
Wahrscheinlichkeit war aber ebenso gering, diese Stadt zu nehmen, da sie
eine gute englisch-sizilianische Besatzung hatte. Es fehlte uns immer
noch an hinlänglichem Belagerungsgeschütz, das die Engländer
größtenteils gekapert, und die bloße Blockade zu Land, da die Garnison
mit allem Notwendigen von der See aus versorgt wurde, brachte uns nicht
weiter. Wir waren zehnmal übler daran als die Belagerten, denn wir
litten Mangel an allem. Das unaufhörliche Regenwetter machte diese
Belagerung oder vielmehr Blockade zu dem unangenehmsten Geschäft von der
Welt. Das ganze Erdreich hatte sich sozusagen in Schlamm aufgelöst, alle
Waldströme waren ausgetreten. Die Wälder selbst, an vielen Orten nur auf
Schußweite von der Küste entfernt, wimmelten von Briganten und
Insurgenten, die nicht aufhörten, uns zu beunruhigen, ohne daß wir etwas
Nachdrückliches gegen sie zu unternehmen imstande gewesen wären. Sie
stürzten sich wie reißende Tiere wütend auf jede Beute, die sich ihnen
darbot, und von der sie mit Sicherheit voraussehen konnten, daß sie
ihnen zuteil werden mußte. Wir, die Belagerer, waren gewissermaßen
wieder belagert und blockiert, da uns von diesen Wald- und
Höhlenbewohnern oft die besten Zufuhren weggenommen oder abgeschnitten
wurden. Trotzdem mehrere bedeutende Orte, wie Calanna, San Agata und
andere Dörfer in der Nähe von Reggio lagen, welche abwechselnd von den
Truppen, um sich zu erholen, besetzt wurden, mußten wir doch manchmal
eine ganze Woche unter freiem Himmel und im Regen, Schlamm und Wasser
kampieren, ohne daran denken zu können, die Kleider am Leibe nur einmal
zu trocknen. Denn indem man das Hemd wechselte, wenn man ja eines zu
wechseln hatte, wurde dasselbe schon wieder durch und durch naß. Kein
Feuer brannte mehr und die aufgeworfenen Erdhütten waren voll Wasser.
Man stand oder saß im Morast, während das Wasser am Körper in Strömen
herabrollte, und dabei oft kein Stück trockenes Brot, viel weniger etwas
Warmes zu essen. Nur Wein und Branntwein war meistens in hinlänglicher
Quantität vorhanden. Man sollte kaum glauben, daß Menschen nur
vierundzwanzig Stunden solche Strapazen auszuhalten imstande seien. Aber
wie vermag sich der Körper nicht abzuhärten! Daß ich in meiner Kindheit
und bei Breidenstein so hart und rauh gehalten worden, kam mir jetzt
sehr zu statten. Zwar blieb mein Fieber nicht aus, aber China und roter
Wein verscheuchten es wieder. Unsere Kranken mehrten sich übrigens bald
auf eine Weise, welche Schrecken und Besorgnis einflößen mußte.

Schön ist der Anblick der Meerenge von Messina, das man mit seinem
Mastenwald und dem prächtigen Hafen von der diesseitigen Küste erblickt,
ebenso im Hintergrunde die Rauchwolken des kolossalen majestätischen
Ätna. Bei einer späteren Fahrt durch diese Meerenge mit einer
französischen Flotte, 1814, von Korfu kommend, hatte ich Gelegenheit,
die herrlichen Küsten Siziliens ganz in der Nähe in Augenschein zu
nehmen. Der Gipfel des alten Ätna war jetzt mit Schnee bedeckt, aus dem
der Rauch emporzuquellen schien.

Nach beinahe drei Wochen, als wir fast zwei Dritteile der Leute, die nur
schlecht gepflegt werden konnten, eingebüßt hatten, wurden wir endlich
durch neue, von Neapel ankommende Bataillone abgelöst. Wir marschierten,
noch immer unter Regen, fast schuhlos und abgerissen, über Monteleone,
Nicastro und so weiter bis nach Cosenza zurück. Es war wirklich ein
Jammer, anzusehen, wie die Leute auf den grundlosen Wegen, mit den mit
Stricken an den Füßen befestigten Stücken von Ziegenfellen, die immer
wieder rissen, bei der schlechtesten Kost, vorwärts mußten. Auch die
Gamaschen und Beinkleider hingen schon ziemlich zerlumpt um die Waden.
Oft bedurfte es keiner geringen Anstrengung, die Füße aus dem Morast zu
bringen, wo dann die Schuhlappen oder Felle noch stecken blieben und mit
bloßen Füßen weiter marschiert werden mußte, bis man wieder etwas fand,
sie zu bedecken. Erst in Cosenza wurde diesen beklagenswerten
Übelständen teilweise abgeholfen, neue Schuhe ausgeteilt und ein
vierwöchentlicher Sold ausgezahlt. Wir befanden uns wie in einem
Paradies, und die Soldaten vergaßen in den Schenken jubilierend alles
ausgestandene Ungemach bei dem starken roten Wein. Nach einer
fünftägigen Rast und bestmöglichster Restauration brachen wir nach
Neapel auf. Aber die Wege waren nicht besser, wohl noch schlimmer, die
Bäche und Flüsse kaum mehr zu passieren, und ehe wir nach Tarsia kamen,
ertranken vier Mann in dem Fluß Crati, durch den Strom von der Masse
weggespült, hinter Castrovillari wieder zwei in einem Waldbach. Endlich
rückten wir anfangs Dezember, nach unbeschreiblichen Strapazen und
Entbehrungen, ganz zerlumpt und mit kaum einem Dritteil der
ausmarschierten Mannschaft in Neapel ein, wo ich mein altes Quartier in
Giesù nuovo wieder bezog und mehrere Briefe vorfand, unter denen einer,
der mir Gertrudens glückliche Niederkunft meldete.

Schon in den ersten zwei Tagen übergab mir Madame Gasqui die Rolle des
Britannikus, mit der Bitte, sie doch möglichst schnell einzustudieren,
da die Königin den Wunsch geäußert habe, dieses Trauerspiel von Racine
aufführen zu sehen. -- »Aber, lassen Sie mich um Gotteswillen nur zu
Atem kommen,« bat ich die in mich dringende Schöne, und acht Tage später
spielte ich wirklich den Britannikus ganz zur Zufriedenheit Ihrer
Majestät, wie sie mir selbst zu versichern geruhte, und hoffte nun für
die ausgestandenen Leiden ein recht vergnügtes Hofleben, ein angenehmes
Weihnachtsfest, und einen noch fröhlicheren Karneval in der Hauptstadt
des irdischen Paradieses, in welchem ich auch mein Helenchen wieder
aufgesucht und einige sehr schöne Hofdamen in Perspektive hatte, in
_dolce giubilo_ zuzubringen. Aber ich machte die Rechnung ohne den Wirt,
denn acht Tage nach der Vorstellung des Britannikus eröffnete mir der
Oberst Omeara, daß ich nebst noch sieben anderen Offizieren, von den
beiden ersten Bataillonen, wieder nach Genua abgehen müsse, wo ein
viertes Bataillon aus der dort im Depot angekommenen Mannschaft schnell
formiert werden solle und zu dem ausdrücklich die tüchtigsten Offiziere
des Regiments versetzt werden müßten, da, wie es schien, dasselbe eine
besondere Bestimmung erhalten würde. Schon den nächsten Tag erhielten
wir unsere Marschrouten nebst der Ordre, in drei Tagen abzureisen. Ich
ordnete meine Sachen, nahm von Moritz und den anderen Bekannten und
Damen Abschied, und machte mich an dem festgesetzten Tage mit meinen
Kameraden auf dem Wege nach Rom.



                                 VIII.

   Reise von Neapel nach Genua und von da zur See nach Marseille. --
       Marsch von Marseille nach Perpignan. -- Perpignan. -- Eine
       spekulative Spröde. -- Toulouse. -- Formierung des zweiten
      Observationskorps an den Pyrenäen. -- Ich werde zum dritten
      Reservekorps versetzt. -- Bayonne. -- Bordeaux. -- Bazas. --
    Hasparren. -- Napoleons Intrigen gegen Spanien. -- Abmarsch nach
                    diesem Land. -- St. Jean de Lüz.


Ich war mit den mit mir versetzten Offizieren übereingekommen, daß wir
diesmal mit ein paar Vetturini die Reise so weit es tunlich, zurücklegen
wollten. Mein Pferd, eines hatte ich verloren, ließ ich durch meinen
Burschen nachbringen. Wir fuhren ein paar Stunden vor Sonnenaufgang zu
dem nach Aversa führenden Tor hinaus, und kamen schon am Abend des
folgenden Tages in Rom an. Hier weilten wir vierundzwanzig Stunden, und
ich suchte außer der Prinzessin Cesarini, die über mein unverhofftes
Kommen erfreut und erstaunt war, und mit einem triumphierenden Blick mir
den zur Welt gebrachten Knaben zeigte, aber trostlos schien, als ich ihr
meine so nahe bevorstehende Abreise verkündete, niemand auf. Ich schied
von ihr, die Hoffnung aussprechend, daß wir uns in ganz kurzer Zeit und
dann gewiß auf länger wiedersehen würden. Sie erzählte mir viel von den
Unannehmlichkeiten, denen sie fortwährend hauptsächlich durch die
Verwandten ihres Mannes ausgesetzt sei, die ihr das Leben schrecklich
verbitterten.

Wir setzten unseren Weg über Florenz, wo wir einen Tag blieben, fort,
und fuhren dann rastlos über Pistoja, Lucca, Massa, Spezia, Chiavari und
so weiter, später Extrapost nehmend, bis Genua, wo wir in der zweiten
Hälfte des Dezembers eintrafen, und wo uns Herr von Brüge bei den neu
errichteten Kompagnien einteilte. Nach und nach wurden zu jener Zeit die
Regimenter bis auf sechs Bataillone, ohne das Depot, gebracht und
erhielten dann noch einen _Colonel en second_. Mir wurde die
Karabinier-Kompagnie des neuen Bataillons zuteil. Zugleich wurde uns
angekündigt, daß sich dasselbe spätestens in drei Tagen einschiffen
müsse, um mit dem ersten günstigen Wind nach Marseille abzufahren, wo
wir vermutlich weitere Order erhalten würden. Die wenigen Tage unseres
Aufenthaltes in Genua brachte ich meistens in den Kasernen und bei
Brüges zu, ohne meine früheren Bekanntschaften aufsuchen zu wollen.
Namentlich vermied ich es sorgfältig, mit der tollen Giulietta
zusammenzutreffen. Erst den Tag vor unserem Einschiffen machte ich
meinem alten Gitarrenlehrer einen Besuch, und erfuhr von diesem daß die
Marchesa P... noch immer kränkle, die Spinola melancholisch sei und die
Palatini sich oft nach mir erkundige. Letztere wünschte ich noch zu
sehen, und die alte Guercino veranstaltete, daß ich am Abend vor unserer
Einschiffung noch eine Zusammenkunft mit ihr hatte, die wegen der
schnellen Trennung, mein Dasein war fast nur eine Erscheinung, recht
zärtlich-traurig ausfiel. Guercinos schenkte ich eine Quadrupel. Das
Geld, das ich der Kompagnie in Kalabrien vorgeschossen, hatte ich mir
einstweilen in Neapel von Moritz geben lassen, und diesen deshalb auf
die Regimentskasse angewiesen, sobald bezahlt würde, was auch einige
Wochen nach unserer Abreise geschah. Erst den fünften Tag verließen wir
mit günstigem Wind den Hafen von Genua, in mehreren Felukken und anderen
Küstenfahrern eingeschifft. Es war zehn Uhr morgens, als wir die Anker
lichteten. Der uns gut zu statten kommende Nordost blies tüchtig in die
Segel, war aber auch Schuld, daß die kleine Flottille bald getrennt war.
Einige Fahrzeuge derselben entfernten sich von der Küste und steuerten
gegen Süden. Die Unglücklichen! Sie wurden noch denselben Tag von einer
englischen Fregatte genommen, ohne den geringsten Widerstand leisten zu
können. Die Felukke, auf der ich mich befand, hielt mit noch einigen
anderen, die bei uns geblieben waren, in Albenga, Monaco und auf meine
Veranlassung an der Insel Porquerolles an, um uns dort zu restaurieren.
Den dritten Tag nach unserer Abfahrt von Genua liefen wir glücklich in
den Hafen von Marseille ein, wo wir ein paar Tage in der Quarantäne
zubringen mußten. Noch fehlte das Schiff, auf welchem sich unser
Bataillonschef, Herr von St. Agneau, befand, und wir glaubten es auch
von den Engländern gekapert, aber vierundzwanzig Stunden später traf es
ein. Aus der Quarantäne entlassen, marschierten wir sogleich, ohne uns
in Marseille aufzuhalten, nach Aix ab. Unsere Bestimmung lautete vorerst
nach Perpignan. Wir kamen nun über Lambeß, Orgon, Saint Remis, Tarascon,
Lünelle, lauter mir schon bekannte Orte, nach Montpellier, wo wir einen
Rasttag hatten. Hier besuchte ich die Herren Michel und Gayral und fand
Madame Gayral ziemlich verändert, ebenso die Verteuil, die noch bei dem
Theater daselbst war. Von hier kamen wir über Gignac, Mèze, einem
Städtchen von viertausend Einwohnern, nach Pezenas, das ein Schloß mit
einer sehr schönen Aussicht hat und schon zur Zeit der Römer wegen
seiner feinen Wolle berühmt war. In Beziers, wohin wir den folgenden Tag
marschierten, hatten wir wieder Rasttag. Diese alte Stadt hatte noch
Mauern und antike Türme und liegt an der Orbe und dem Kanal Du Midi.
Auch ihre Lage ist entzückend und die Einwohner sind davon so
eingenommen, daß sie ein Sprichwort haben, welches sagt: »Wollte Gott
die Erde bewohnen, so würde er keinen anderen Ort als Beziers zum
Aufenthalt wählen.« Dagegen ist die Stadt selbst um so weniger einladend
und hat meist enge, finstere, krumme und schmutzige Straßen. In einer
engen Gasse liegt der gotische Palast der Montmorency. Ein Narr aus
dieser Familie hatte hier jenes Gemälde, die Sündflut darstellend,
verfertigen lassen, unter welchem man die Worte las: »_Ah mon Dieu,
sauvez la maison des Montmorency!_« Indessen gab es solche
Stammbaumsnarren in allen Ländern, wo Ahnen spukten, und auf die gar oft
ein stämmiger Kutscher oder tüchtiger Jäger ein Reis pfropfen mußte,
sollte er nicht völlig eindorren. Als wir in Perpignan, unserem
geglaubten Bestimmungsort, ankamen, nahm ich wieder mein altes
Hilfsmittel, einen gewandten Haarkünstler und Bartkratzer zur Hand,
hauptsächlich, um mir ein angenehmes Quartier ausfindig zu machen, da
die Einquartierungsbillette nur auf drei Tage lauteten. Mit seiner Hilfe
fand ich auch schon den zweiten Tag ein solches bei der artigen Frau
eines _Officier payeur_ namens Delongé, der bei der Armee in Deutschland
stand und seine trauernde Gattin nur selten mit Nachrichten von sich
erfreute. Ich mietete sogleich auf einen ganzen Monat für achtzehn
Franken, ohne zu handeln, ein paar Zimmer. Die junge Dame war aus
Bordeaux gebürtig, wo ihr Vater, früher ein reicher Kaufmann, falliert
hatte, und der nun eine untergeordnete Stelle in Perpignan bekleidete.
Die französischen Sitten und selbst die Sprache, das languedoquer
Patois, die von den italienischen so sehr abwichen, kamen mir jetzt fast
sonderbar vor. Der zweijährige Aufenthalt in Italien hatte mich
denselben ganz entfremdet. Der Abstand ist so groß, als läge das
Weltmeer zwischen beiden Ländern. Doch fand ich mich schnell wieder in
das französische Wesen.

Meine artige Hauswirtin bat ich, mir den Mittagstisch bei ihr, versteht
sich gegen gehörige Vergütung, zu geben, wozu sie sich aber nicht
verstehen wollte und überhaupt gegen die Gewohnheit der militärischen
und auch anderer Strohwitwen sehr spröde tat, kaum daß sie mir die Hand
zum Kuß erlaubte, und wenn ich ihr dieselbe drücken wollte, gleich mit
einem: »_Fi donc, vous me faites mal_« bei der Hand war. Drei Tage
wohnte ich schon bei ihr, hatte es aber noch nicht weiter als bis zum
Handkuß beim Willkomm und beim Abschied bringen können. Den vierten
wurde plötzlich bei der Parade der Befehl bekannt gemacht, daß wir in
zweimal vierundzwanzig Stunden nach Bayonne abmarschieren würden. Ich
teilte diese Nachricht sogleich der Madame Delongé bei meiner
Nachhausekunft mit, worüber sie ganz erstaunt zusammenfuhr und zu
erschrecken schien und endlich mit einem »_Vous plaisantez_« herausfuhr.
»_Point du tout, c'est très serieux_,« erwiderte ich, und mich stellend,
als setze ich dies Erschrecken auf Rechnung der Miete, fügte ich hinzu:
»Aber seien Sie ganz ruhig, die Miete werde ich doch für den ganzen
Monat berichtigen.« Errötend ließ sie nochmals ein: »_Fi donc_, halten
Sie mich für so interessiert?« fallen. -- »Also ist es wirklich an dem,
daß Ihr Bataillon schon übermorgen Perpignan verläßt?« -- »Leider nur zu
wahr,« seufzte ich, ihr die Hand wieder küssend und drückend, und
diesmal erfolgte kein >_Fi donc_<, sondern man ließ das niedliche
Pätschchen in der meinigen ruhen. Ich zog es nun näher an mich, drückte
es, ohne Widerstand zu finden, an mein Herz und bald darauf einen Kuß
auf die sich rötenden Wangen der Dame. -- »Sehen Sie,« sagte ich ihr
jetzt, »was wir für eine kostbare Zeit vertändelt haben; daran ist
allein Ihre unzeitige Sprödigkeit schuld.« -- »Ja, wer hätte auch denken
können, daß ...« Hier blieb sie, sich besinnend, plötzlich stecken. --
»Fahren Sie doch fort, meine Schöne: daß wir uns so schnell trennen
müssen? Ist es nicht das, was Sie sagen wollten?« -- »Das nicht, aber
--« »Aber es ist doch so,« ergänzte ich nochmals, zog die immer röter
werdende Madame Delongé an mich, und bald lag sie umschlungen in meinen
Armen, Brust an Brust. -- »Sehen Sie, so geht es, wenn man die Grausame
zur Unzeit spielen will.« Es kam nun zu einem allerliebsten
Schäferstündchen, nach dem mir die Dame offen gestand, daß, da die
Herren vom Militär in der Regel so sehr _volage_ seien, sie geglaubt
habe, mich besser zu fesseln, wenn sie mich lüsterner nach der
verbotenen Frucht mache; »denn,« setzte sie hinzu, »gar bald wird man
vernachlässigt, wenn man sich so schnell ergibt.« -- »So, also haben Sie
schon die Erfahrung gemacht,« versetzte ich lachend. -- »Das eben nicht,
aber so habe ich immer gehört.« -- »Ah, das ist etwas anderes; aber
lassen Sie uns die kurze Zeit, die uns noch übrig bleibt, wohl nutzen.«
Dies taten wir denn auch, und so wohl, daß ich die zwei Nächte, die wir
noch in Perpignan blieben, fast kein Auge zu schließen vermochte. Auch
hatte ich nun die Ehre, ihr Tischgenosse mittags und abends zu sein,
wofür ich Antoinetten, so durfte ich sie jetzt nur noch nennen, ein
schönes goldenes Armband mit drei Pensées und dem eingegrabenen Datum,
aber ohne Namenszug, vor der Abreise zum ewigen Andenken verehrte. Auch
das sie bedienende Mädchen, das in einem Kämmerchen neben der Herrin
schlief und nur durch eine dünne Bretterwand von derselben geschieden
war, bedachte ich großmütig, damit sie reinen Mund halte und die Blinde,
Taube und Stumme spielen möchte, wenn sie mich allenfalls in den bloßen
Strümpfen in das gastfreundliche Seitengemach schlüpfen sah oder hörte;
doch glaube ich nicht mit Unrecht, daß sie die sehr Vertraute ihrer Dame
war. Eben schlummerte ich ein wenig, als am Morgen nach der zweiten
Nacht die Tambours das unerbittliche Rappellieren hören ließen. Ich nahm
noch einmal Abschied, warf mich in die Uniform, schnallte den Degen um
und riß mich nach einem letzten Kuß aus Liebchens heißen Armen. Eine
Stunde darauf befand ich mich mit dem Bataillon auf dem Marsch nach
Salces, von wo es über Narbonne nach Carcasonne, der Hauptstadt des
Departements Aude, die am Fluß dieses Namens und an dem Kanal Du Midi
liegt, ging.

Von hier führte uns der Weg über Villepinte nach Villefranche, einem
kleinen Städtchen im Departement Haute-Garonne, und von da nach
Toulouse, wo mir ein Sejour gestattete, diese alte berühmte Stadt
wenigstens oberflächlich kennen zu lernen.

Toulouse liegt an der Garonne, die sie in zwei Teile teilt, von denen
der kleinere St. Cyprien heißt; beide sind durch eine sehr schöne Brücke
verbunden, zu der ein Triumphbogen führt, der im siebzehnten Jahrhundert
erbaut wurde. Wälle und alte Mauern befestigen die Stadt, die breite,
gutgepflasterte Straßen, zum Teil schöne Häuser, einige große Plätze und
sehr schöne Promenaden hat, wozu man die herrliche Esplanade zählen muß.
Auch ist hier eine gute Kanonengießerei. Die Zahl der Einwohner mag an
achtzigtausend betragen. Die Lage und die Umgebungen der Stadt sind
himmlisch. In dieser Stadt wurde 1762 der unglückliche und unschuldige
Calas als ein Opfer des scheußlichen Ungeheuers, religiöser Fanatismus
genannt, hingerichtet.

Von Tarbes kamen wir nach dem Geburtsort Heinrich IV., Pau, der
ehemaligen Hauptstadt von Bearn, jetzt die der Basses-Pyrenées.
Bernadotte, der nachmalige König von Schweden (Karl XIV.), wurde hier
geboren. Sie liegt am rechten Ufer der Gave de Pau, hat ziemlich breite
und gut gebaute Straßen und an neuntausend Einwohner. In den Mauern des
alten, einer großen Burg ähnlichen Schlosses, das dereinst die Residenz
der Könige von Navarra war, hat Heinrich IV. das Licht der Welt
erblickt. Zur Zeit der französischen Revolution wurde es sehr
mitgenommen und dann zum Staatsgefängnis gemacht; aber der Park, in
welchem Heinrich so oft der Jagdlust pflegte, ist noch vorhanden, ebenso
der Cours Bayard, der eine der besuchtesten Promenaden ist, deren es
hier sehr schöne gibt. Von der Brücke, die über den Gave de Pau führt,
hat man eine großartige Aussicht auf die sich riesenmäßig
amphitheatralisch erhebenden Pyrenäen. Der Aufenthalt in Pau ist wegen
seiner reinen und gesunden Luft sehr gesucht, und das ganze Jahr
hindurch halten sich viele Fremde hier auf; auch ist das Leben angenehm
und wohlfeil, die Einwohner sind leutselig und gefällig. Die Umgegend
ist entzückend und sehr malerisch.

In Pau sollten wir bis auf weitere Order liegen bleiben; die ganze
Umgegend, besonders nach Bayonne zu, wimmelte von Truppen jeder
Waffengattung, die zum Teil auf Wagen herbeigefahren waren, was uns
nicht so gut geworden. Niemand konnte noch mit einiger Gewißheit sagen,
was diese abermalige Versammlung eines Heeres in dieser Gegend bezwecke,
obgleich jedermann der Meinung war, daß es auf Spanien abgesehen sein
müsse und wir dem Marschall Jünot folgen würden, da schon Truppen vom
zweiten sogenannten Observationskorps in Spanien eingerückt waren.

Die Weihnachten und das Neujahr 1808 hatten wir diesmal auf dem Marsch
zugebracht, ohne an irgendeine Feier zu denken. Jetzt erhielt das
Bataillon Befehl, gegen Bayonne aufzubrechen, in dessen Nähe es verlegt
werden sollte. Zu der nach Spanien bestimmten Armee hatte man besonders
neu formierte Korps gebildet, welche die Benennung _Legions de reserve_
für die Infanterie und _Regiments provisoirs_ für die Kavallerie,
Dragoner, Kürassiere, Chasseurs _à cheval_ und so weiter erhielten. Die
Mannschaft dazu hatte man teils aus den Depots anderer Regimenter, teils
aus der antizipierten Konskription von dem Jahre 1808 genommen. Schon
längst hatte ich eine Versetzung in ein französisches Regiment und das
Regiment Y. zu verlassen gewünscht, aber bis jetzt vergeblich darnach
getrachtet, und am liebsten wäre ich zur leichten Kavallerie, namentlich
den Husaren oder Chasseurs _à cheval_ gegangen. Jetzt schien mir die
Formierung des nach Spanien bestimmten Heeres eine passende Gelegenheit,
dieses Projekt auszuführen und die Versetzung zu einem anderen Regiment
durchsetzen zu können, obgleich ich aller Protektion dazu entbehrte.
Meine Dienstzertifikate hatte ich mir vor unserer Abreise nach Neapel
ausfertigen lassen. Ich lag mit meiner Kompagnie in einem ungefähr
anderthalb Stunden von Bayonne entfernten Weiler, besuchte aber oft
diese Stadt, in welcher sich jetzt ein sehr glänzender und zahlreicher
Generalstab befand. Hier war das große Depot für alle nach Spanien
bestimmten Truppen, wo es beständig von Offizieren und Soldaten aller
Waffengattungen wimmelte. So machte ich in einem Kaffeehause die
Bekanntschaft eines Stabsoffiziers vom zweiten Regiment _garde de
Paris_, das dem zweiten Observationskorps der Gironde zugeteilt war,
welches der General Düpont _en_ Chef kommandierte. Durch diesen
Offizier, einen Bataillonschef namens Bardin, erfuhr ich, daß unser
ehemaliger Oberst, Fürst Y..., ganz kürzlich als Brigadegeneral bei der
ersten Division des vom Marschall Moncey befehligten Observationskorps
stand. Bardin hatte den Fürsten öfters in Paris gesehen und fragte mich
nach dessen Verhältnissen in Deutschland; wir waren beide bald darin
einverstanden, daß sich derselbe niemals als ein großer Kriegsheld im
Feld hervortun würde, auch riet mir Bardin, alles anzuwenden, um in ein
anderes Regiment zu kommen, da das Regiment Y... sowie Latour d'Auvergne
in einem schlimmen Ruf in der Armee stünde wegen der Desertionen und
Exzesse, welcher sich Soldaten und Offiziere desselben schuldig machten.
Ich erwiderte ihm, daß der Rat wohl gut und dies schon längst mein
Wunsch sei, aber es mir durchaus an Bekanntschaften fehle, um ihn in
Erfüllung zu bringen, und dies um so schwerer sei, weil ich kein
geborener Franzose, sondern jetzt ein Untertan des Großherzogs von
Frankfurt sei. Bardin erkundigte sich nach meinen bisherigen
Dienstverhältnissen, nach den Kampagnen, die ich bereits gemacht, und
ersuchte mich, ihm meine _Etats de services_ den nächsten Tag
mitzubringen, er könne vielleicht Mittel und Wege finden, mir in dieser
Angelegenheit behilflich zu sein. Mit Freuden tat ich, was er verlangte,
und brachte ihm schon den nächsten Morgen die gewünschten Papiere in
sein Quartier. Nachdem er sie durchgesehen, versprach er mir, sich bei
dem General Legendre, den er persönlich kenne und der Chef vom
Etat-Major bei dem vom General Düpont befehligten Armeekorps von
fünfundzwanzigtausend Mann sei, für mich zu verwenden und mich ihm
bestens zu empfehlen. Bald versicherte er mir, daß meine Angelegenheit
recht gut stünde und ich nächstens Neues erfahren werde; in der Tat
wurde ich schon zehn Tage später auf Befehl des Marschall Moncey
provisorisch der dritten Legion der Reserve zugeteilt und bald darauf
vom Kriegsminister definitiv bei derselben angestellt.

Von Bayonne wurde ich nach Bordeaux beordert, wo noch eine Abteilung der
Legion, bei der ich jetzt stand, lag. Ich fuhr mit der Post dahin und
ließ meine beiden Pferde -- ein zweites sehr gutes hatte ich in Pau
gekauft -- durch meinen Reitknecht nachbringen. Ohne mich irgendwo
aufzuhalten, erreichte ich diese berühmte Handelsstadt Frankreichs und
meldete mich bei dem das zweite Bataillon kommandierenden
Bataillonschef, der mir die dritte Kompagnie seines Bataillons übergab.
Diese Legionen hatten weder Grenadier-, Karabinier- noch
Voltigeurkompagnien. Herr Marlot, so hieß mein Chef, nahm mich recht
freundlich auf und teilte mir mit, daß er jeden Tag den Befehl zum
Abmarsch nach Bayonne erwarte, da die vier letzten Kompagnien schon
völlig organisiert und marschfertig seien. Ich ließ mir schnell die bei
meiner Legion notwendige neue Uniform machen und gab meinen neuen
Kameraden, die sämtlich aus verschiedenen französischen Regimentern zu
derselben versetzt worden waren, ein kleines Fest, nämlich ein Dejeuner,
bei dem die Bayonner Schinken und die besten Bordeauxweine die
Hauptbestandteile ausmachten und in Überfluß serviert wurden. Denselben
Abend besuchten wir das große schöne Theater, unstreitig das schönste in
Frankreich, das 1781 erbaut wurde und ein Meisterstück des Architekten
Louis sowie der Baukunst überhaupt ist. Seine prächtige Fassade ist mit
zwölf korinthischen Säulen verziert, und zwölf mit den Säulen
korrespondierende Statuen schmücken die Balustrade. Das Vestibül und die
Prachttreppe sind majestätisch. Außer der großen Bühne, die zum Teil
außerordentlich schöne Dekorationen, wirkliche Meisterstücke der
Dekorationsmalerei aufzuweisen hat, sind noch viele Säle, wie der für
Konzerte, der prächtige Foyer, der Malersaal und so weiter, alle der
Pracht des Gebäudes entsprechend, in demselben.

Den sechsten Tag nach meiner Ankunft zu Bordeaux erhielten wir Befehl
zum schleunigen Abmarsch, den wir den folgenden in aller Frühe antraten.
Durch verschiedene unbedeutende Orte kamen wir nach Bayonne, wurden aber
vorerst nach Hasparren, einem Kantonsstädtchen in der Nähe von Bayonne,
verlegt, wo wir jedoch nur zwei Tage blieben. Es war jetzt die ganze
Gegend so sehr mit Truppen aller Art angefüllt, daß nicht selten
Stabsoffiziere in den elendesten Baracken einquartiert waren. Ich selbst
hatte noch ein ziemlich leidliches Quartier mit noch einigen Offizieren
bei einem Viehhändler.

Die Vereinigung einer solchen Truppenmasse auf diesem Punkt und der
Zweck derselben war, wie gesagt, noch immer ein halbes Rätsel. Daß es
Spanien gelten solle und wir den schon daselbst befindlichen Truppen
folgen würden, war ein großes Geheimnis, das noch niemand zu enthüllen
vermochte. Aber was dort tun, da ja Frankreich im tiefsten Frieden mit
diesem Lande lebte und sein Herrscher der beste Freund Karls IV. schien.
Daß das kleine Portugal eine solche Heeresmasse notwendig mache, wollte
niemand einleuchten; aber niemand fiel es auch nur im Traum ein, daß es
auf Spanien abgesehen sei, und keiner von uns hielt damals den Kaiser
Napoleon solcher heillosen Intrigen fähig, wie er sie bald darauf
anspann. Diese große Beutelschneiderei, denn wie soll man es anders
nennen, durch welche er Spanien an sein Haus bringen wollte, war eine
ebenso dumme wie unpolitische Büberei, ein Schurkenstreich, der bittere
Früchte tragen mußte und der, als er bekannt wurde und offenbar am Tag
lag, auch die eifrigsten Verehrer und Anbeter seines Urhebers tief
betrübte und verletzte; dabei wurde alles so linkisch angesponnen und
angegriffen, daß es kaum zu begreifen war, wo Napoleon seinen Kopf
hatte; denn hätte er sich nur öffentlich gegen den mit Recht verhaßten
und verachteten Friedensfürsten Godoy erklärt und dann dem spanischen
Volk einige Monate Zeit gelassen, seinen angebeteten Götzen Ferdinand
VII. näher kennen zu lernen, so hätte er das leichteste Spiel von der
Welt und die ganze spanische Nation für sich gehabt, so wie seine
erbärmliche Hinterlist und dummtückischen Streiche ihm dieselbe
notwendig zum erbittertsten Feind machen mußten. -- Diese verblendete
Einsichtslosigkeit und Schlechtigkeit mußte Napoleon schwer büßen.

Der geheime Vertrag, der im Oktober 1807 zwischen beiden Kronen
abgeschlossen war, besagte, daß ein Korps von vierundzwanzigtausend Mann
französischer Truppen sich im November bei Bayonne versammeln und bereit
halten sollte, in Spanien einzurücken, um nach Portugal zu marschieren
und den Engländern, welche dieses Land unaufhörlich bedrohten,
zuvorzukommen. Diesen Heerhaufen hatte man das erste Observationskorps
der Gironde genannt, und es rückte schnell in Spanien vor. Hierauf wurde
sogleich ein zweites, ebenso starkes formiert und nach Bayonne und die
Umgegend verlegt, zu dem wir gehörten; auch dieses sollte nun schnell in
Spanien einrücken, aber immer als Verbündete des Herrschers dieses
Landes. Schon anfangs Dezember war ein Teil desselben dem ersten Korps
nach Spanien gefolgt, und unsere Legion erhielt noch in der ersten
Hälfte des Monats Januar denselben Befehl. -- St. Jean de Lüz, ein
großer Hafen im Golf der Gascogne, eine Grenzfestung gegen Spanien mit
ungefähr viertausend Einwohnern, war das letzte französische
Nachtquartier vor unserem Einmarsch in Spanien. Hier war es, wo Ludwig
XIV. nach dem mit diesem Land geschlossenen Frieden 1660 seine
Vermählung mit der Infantin Maria Theresia, der Tochter Philipps IV.,
feierte. 1793 hatte daselbst ein Gefecht zwischen den Spaniern und den
Franzosen stattgefunden. -- Es war den 13. Januar 1808, als wir über die
Bidassoa gingen, die Spanien von Frankreich trennt, und so die Grenze
überschritten. Auch dieser Fluß war ein verhängnisvoller Rubikon für
Napoleon.



                                  IX.

    Einmarsch in Spanien. -- Die baskischen Provinzen. -- Miranda de
    Ebro. -- Der Engpaß Garganta Pancorbo. -- Briviesca. -- Burgos.
   -- Quintana de la Puente. -- Valladolid. -- Ein Autodafé. -- Eine
    schöne Andalusierin. -- Ungewißheit und Gerüchte über Napoleons
   Absichten hinsichtlich Spaniens. -- Marsch nach Segovia. -- Biwak
   bei Segovia. -- San Lorenzo. -- El Pardo. -- Glänzender Einmarsch
                               in Madrid.


Unser erstes Nachtquartier auf spanischem Boden war Irun, ein sehr altes
Nest, das schon zur Zeit der Römer stand und jetzt kaum zweitausend
Einwohner zählen mochte, die größtenteils von den Passanten leben, die
sich von Frankreich nach Spanien und umgekehrt begeben. Diese Stadt mit
ihren schmutzigen, schlecht gebauten Straßen gab uns eben keinen guten
Vorgeschmack von dem, was uns in Spanien erwartete. Hier begann in einer
Hinsicht so ziemlich wieder das italienische Leben, das heißt, die Leute
wurden nicht einquartiert, sondern in Kasernen oder andere große Gebäude
gelegt und später auch wieder in Kirchen und Klöster; sie bekamen ihre
Rationen Fleisch, Brot, Wein, Zugemüse und so weiter und mußten sich
alles selbst kochen und zubereiten; dies ist zwar auch der Fall in
Frankreich, aber außer dem, daß der Soldat bei dem Bürger einquartiert
ist, der ihm auch Holz und Licht geben muß, geschieht es nicht selten,
daß letzterer noch einen Extrabraten und allerlei Zutaten in die Küche
seiner Einquartierung liefert, wenn er nicht zu den Schmutzfilzen
gehört. Die gelieferten Rationen waren in Spanien im Durchschnitt noch
weit schlechter als in Italien, besonders das Ziegenfleisch von keiner
guten Qualität. -- Wenn man die auf gemeinschaftliche Kosten Spaniens
und Frankreichs erbaute und unterhaltene Brücke der Bidassoa passiert
hat, befindet man sich in der Guipuzcoa, die nebst Biscaya und Alava die
baskischen Provinzen bildet. Hier erinnert auch nichts mehr an das eben
verlassene Frankreich; Charakter, Sitten, Gebräuche und selbst die
Bauart und die Wohnungen sind so himmelweit verschieden, daß man glauben
sollte, beide Länder wären durch viele hundert Meilen getrennt, und man
sei durch einen Zauberflug von dem einen in das andere versetzt worden.
Das Hauptquartier unseres Armeekorps war in Valladolid, und die Legionen
und Regimenter kantonnierten längs dem Duero. Die vier ersten Kompagnien
unserer Legion wurden in die Gegend von Burgos verlegt, wohin vorerst
unsere Bestimmung lautete. Von Irun marschierten wir über Hernani nach
Tolosa. Der Weg ging durch ein fruchtbares und gut angebautes, lachendes
Tal, in dem Hernani, ein großer von Bergen umgebener Flecken, der
blendend weiße Häuser und schöne Baumgruppen hat, liegt. Tolosa ist kein
unfreundliches Städtchen am Oria und Araxes, über den letzteren führt
eine hübsche Brücke mit einem Turm. Die Stadt konnte ungefähr
fünftausend Einwohner haben. Jeder Einwohner, jeder Bauer dieser Provinz
behauptet, er sei von Adel, und wer kann ihm diese Behauptung streitig
machen, als etwa ein hirnverrückter Stammbaumfabrikant?

Noch zeigten sich die Bewohner der baskischen Provinzen nicht feindselig
gegen uns, obgleich manche dieser verbrannten Gesichter allerdings schon
Mißtrauen ausdrückten und uns mit zweideutigen Blicken ansahen. Die
Frauen und Mädchen dieser Gegend sind niedliche Geschöpfe, und die
Landmädchen, welche ihre Haare in langen, mit Bändern geschmückten
Flechten, die ihnen über die Schultern herabfallen, tragen, sind äußerst
lebhaft und munter; auf dem Kopf haben sie dünne Musselinschleier, die
um die Achseln fliegen, geheftet. Die es nur irgend aufbringen können,
tragen goldene Ohrringe, mitunter auch Perlen und Halsketten von
Korallen. Ihr Anzug ist sehr nett, und da sie in der Regel gut gewachsen
sind, so stehen ihnen ihre Leibchen und Jäckchen allerliebst. Was mich
hier am meisten ärgerte, war, daß ich mich mit den Einwohnern und also
auch mit den Frauen weder verständigen noch unterhalten und deshalb an
keine galanten Abenteuer denken konnte. Ich hatte geglaubt, mir mit dem
Italienischen helfen zu können, wenn ich an das Ende der Wörter nur ein
_s_ oder _os_ hinge; aber dies ging nicht, namentlich in den baskischen
Provinzen, wo die Sprache eine ganz verschiedene ist; aber auch in einem
großen Teil des übrigen Spaniens konnte ich mir nicht wohl damit
forthelfen, da, wenn auch die Worte oft ganz ähnlich, ja sogar ganz
dieselben, Aussprache und Akzent jedoch himmelweit verschieden sind und
man sich erst an diese gewöhnen muß, namentlich in den Provinzen, wo das
Spanische schlecht oder verdorben gesprochen wird. Ich nahm mir zwar
vor, jetzt die spanische Sprache zu studieren, aber hierzu ließen mir
die Kriegsbegebenheiten und Unruhen wenig Zeit, und ich konnte es nicht
weiter bringen, als mich notdürftig im Spanischen auszudrücken, auch
kamen wir, einige Fälle ausgenommen, zu wenig in nähere Berührung mit
den Einwohnern; doch konnte ich bald den Cervantes, Calderon, Lope de
Vega und andere spanische Autoren im Original lesen, namentlich
amüsierte und erheiterte mich Don Quixote nicht wenig.

Von Tolosa war unser nächster Marsch nach Villa Real, einem Flecken, der
eben nichts Königliches aufzuweisen hatte; ein paar Kompagnien mußten in
dem nahen Dorf Zummaraya übernachten; von hier kamen wir über das
Städtchen Bergara an der Deva nach Mondragon, einem Ort, der nicht
unbedeutende Waffenfabriken hat. Der Weg von Bergara bis Vittoria ist
fortwährend mit freundlichen Dörfern und vielen Landhäusern besät, die
fast ununterbrochen zusammenhängen; überhaupt sind die baskischen
Provinzen sehr bevölkert und trefflich angebaut, was sie von dem übrigen
Spanien sehr zu ihrem Vorteil unterscheidet und was sie ihrer viel
freieren Verfassung zu danken haben, welche die Betriebsamkeit und den
Handel ihrer Bewohner anspornte. Auf diesem Wege hatten wir fast
beständig den im Tale wogenden Fluß Zadorra vor Augen, der dessen
reizendste Partien in Krümmungen durchschneidet. Alles kündigte hier
einen gewissen Wohlstand an, die Landleute, Männer wie Frauen, waren
reinlich und gut gekleidet. Von Mondragon stiegen wir auf den Berg, auf
dem der Flecken Salinas liegt, von dem man noch eine Strecke über diesen
Teil der Pyrenäen kommt, dann aber geht es fast beständig bergab bis
Vittoria, das man nun bald vor sich liegen sieht.

Über Puebla marschierend, kamen wir durch eine sehr enge Passage in das
Tal des Ebro und an eine Marmorsäule, deren Inschrift besagte, daß hier
die Grenze zwischen Alava und Altkastilien sei. Diesen Weg, den zu ebnen
und über die Gebirge praktikabel zu machen große Anstrengungen
erforderte, da sich ungewöhnliche Schwierigkeiten zeigten, haben die
baskischen Provinzen in Gemeinschaft angelegt. Besonders muß es
außerordentliche Mühe gekostet haben, die jähen Abhänge wegsam zu
machen, Abgründe zu umgehen und Felsenriffe wegzuräumen. Nach sechs
Stunden eines mühsamen Marsches kamen wir bei Miranda de Ebro an,
welches an diesem Fluß liegt, über den hier eine acht Bogen lange Brücke
führt. Noch bevor wir Alava verließen, begegneten wir einem seltsamen
Leichenbegängnis; man begrub nämlich in einem Dorfe ein kleines,
weißgekleidetes Kind, dessen Köpfchen mit einem weißen Rosenkranz
geschmückt war und das offen in der Bahre lag; das Sonderbarste aber
war, daß dieser kleinen Leiche eine Musikbande voranzog, welche lustige
und muntere Melodien spielte und hinter der ein Kind, ein Kreuz tragend,
fröhlich einherhüpfte. Man sagte mir, daß die Kinder in den baskischen
Provinzen alle auf ähnliche Weise begraben würden, weil man sie
glücklich preist, zu sterben, bevor sie noch des Lebens Mühen,
Beschwerden und Drangsale kennen lernten, und die Eltern trösten sich
mit einem: »Es war Gottes Wille.«

Miranda ist ein kleines, nahe an den Bergen liegendes Städtchen; auf
einer Höhe sieht man noch die Trümmer eines Schlosses und mehrere Türme
desselben. Aus dem Felsen, auf dem diese Ruinen liegen, entspringt eine
sehr reichhaltige Quelle, die mehrere Mühlen in Bewegung setzt. Das
Städtchen mochte etwa zweitausend Einwohner zählen. Von hier
marschierten wir über Pancorbo nach Briviesca. Miranda verlassend, hat
man über eine Stunde fortwährend eine hohe Felsenwand vor Augen, von der
man keinen Ausweg erblickt und die, gleich einer ungeheueren Mauer an
der Welt Ende, alle Passage zu versperren scheint. Erst wenn man dicht
vor dem Felsen angekommen ist, eröffnet sich eine enge Schlucht, durch
welche man nach Pancorbo gelangt; dieser Engpaß führt durch zwei
ungeheuer hohe Felsenmassen, deren Spitzen sich gegeneinander zu neigen
scheinen und die kaum durch einen zehn Schuh weiten Raum getrennt sind.
Dieser Hohlweg ist beinahe eine Viertelstunde lang. Die Felsen wölben
sich so über dem Haupte des Durchgehenden, daß man fürchtet, sie jeden
Augenblick herabstürzen zu sehen und von ihnen zermalmt zu werden.
Dieser Engpaß heißt Garganta de Pancorbo und ist, gehörig verteidigt,
uneinnehmbar; es ist eine wahre Höllenschlucht, eine Kompagnie kann hier
das größte Heer aufhalten. Hat man ihn passiert, so erblickt man das
Städtchen Pancorbo, das am Eingange eines Tals liegt; durch einige
elende Dörfer kommt man dann nach Briviesca, welches merkwürdig ist
durch die Versammlung der Cortes, die Johann I. im Jahre 1388 hierher
berief und die dem Kronprinzen von Kastilien für ewige Zeiten den Titel
eines Prinzen von Asturien beilegte, bis -- es weder Kronprinzen noch
Könige von Kastilien mehr gab, wie es mit allen menschlichen Ewigkeiten
zu gehen pflegt. Die Stadt liegt an der Oca, ist mit Mauern umgeben und
hat vier Tore, in ihrer Nähe sind zwei tiefe mineralische Teiche, der
Pozzo negro und Pozzo blanco genannt.

Von Briviesca führte uns der Weg über Monasterio, Quintanapalla durch
ein noch ziemlich gut angebautes, mit vielen Pappeln und Weiden
bepflanztes Tal, immer bergauf bis Monasterio, nach Burgos.

Die nächsten Umgebungen von Burgos besuchte ich zu Pferd und ritt nach
dem anderthalb Stunden entfernten Monasterium von Cardena, um das Grab
des Cid und seiner Gattin Ximene zu sehen, auf dem sein Wappenschild,
von einer Kette umgeben, das zwei sich kreuzende Schwerter hat, über
denen sich wieder ein Kreuz erhebt, sowie das Ximenens, einen dicken,
von einer Kette umgebenen Turm darstellend, befindlich ist. Später, als
in diesem Krieg das Kloster von Cardena zerstört und verwüstet wurde,
ließ der französische Gouverneur von Burgos die Reste des Helden und
seiner Gattin in die Stadt bringen, um sie vor gänzlicher Vernichtung zu
bewahren, und beiden ein Monument auf einer kleinen Insel setzen.

Der Tag unseres Abmarsches war herangekommen, und wir verließen Burgos
in dem Augenblick, als ich im Begriff war, eine Intrige mit einer seiner
schönen Bewohnerinnen anzuspinnen; dies machte, daß ich den Marsch über
Caleda Villazopegue, wo zwei Kompagnien übernachteten -- die zwei
anderen blieben in Villadriga (zwei unbedeutenden Dörfern) --, nach
Torrequemada etwas übelgelaunt antrat. Von Burgos bis zum Dorf
Villadriga verliert man den Fluß Arlanzon fast nicht aus den Augen, auch
sieht man noch viel gut angebautes Feld und ziemlich viel Ortschaften.
Ehe man Torrequemada erreicht, kommt man durch das kleine Städtchen
Quintana de la Puente, das an der Pizuerga liegt, über die eine schöne
steinerne, achtzehn Bogen lange Brücke führt. Torrequemada selbst liegt
an dem nämlichen Fluß, den man hier über eine sechsundzwanzig Bogen
lange Brücke passiert. Dieses Städtchen hat eine hübsche gotische
Kirche. Der Weg hierher ging über eine ziemlich kahle Ebene, in der man
fast gar keine Bäume und nur selten einiges niedrige Gesträuch sah. Hier
lagen nur zwei Kompagnien unseres Bataillons, die anderen in Palencia.
Wir erfuhren nun, daß wir nach einem Ruhetage nach Valladolid
abmarschieren sollten, wozu der Befehl soeben von dem Hauptquartier
eingetroffen sei und wo die Legion zusammentreffen würde. Torrequemada
ist ein trauriger Aufenthalt, ebenso die Umgegend, und der Holzmangel so
groß, daß die Einwohner meistens gedörrten Mist brennen und dabei
kochen. Ist es kalt, so wärmt man sich an den Glorias, eine Art
Trockenöfen in den spanischen Küchen, um welche herum Bänke zum Sitzen
angebracht sind. Von hier marschierten wir noch einige Zeit durch die
langweilige Ebene und das Dorf Magaz; zu unserer Linken sahen wir bald
das große Benediktinerkloster San Isidoro in einiger Entfernung liegen,
und in dem an einem Rebenhügel liegenden Dorfe Duenas kam das ganze
Bataillon wieder zusammen und setzte den Marsch in Gemeinschaft fort.
Man behauptet, daß das elende Dorf Duenas das Eldana des Ptolomäus sei,
wenigstens auf derselben Stelle liege. Hier bewahren die Einwohner den
Wein in Gruben auf, die sie zu diesem Zweck in die Erde graben und in
denen er sich sehr gut und frisch erhält. Von hier aus marschierten wir
noch immer abwärts über ein sandiges und steiniges Terrain durch den
Flecken Cablezon, in dessen Umgebung ein angenehmer, lieblicher, roter
Wein wächst und von wo man nur noch zwei gute Stunden nach Valladolid
hat. Alle unsere Märsche waren ungewöhnlich stark, fast keiner unter
acht bis neun, manche wohl zehn Stunden lang. Erst wenn man ganz in der
Nähe von Valladolid ist, nimmt der langweilige Weg ein Ende, auf welchem
das Feld schlecht und oft gar nicht angebaut war; dies war schon oft der
Fall, seitdem wir die baskischen Provinzen verlassen hatten, aber im
Königreich Leon weit häufiger.

Es war anfangs März, als wir zu Valladolid ankamen, wo sowie in der
Umgegend zahlreiche französische Truppenkorps von allen Waffengattungen
lagen. Die verschiedenen Armeekorps, die in Portugal und Spanien
einmarschiert waren, hatten jedes seinen besonderen Chef und seinen
Generalstab; Mürat, damals Großherzog von Berg, hatte den Oberbefehl
über das Ganze und den Titel eines Leutnants des Kaisers Napoleon. Wir
erfuhren, daß derselbe bereits in Burgos angekommen sei und mit ihm ein
Heer von Employés, Kriegskommissäre, Ordonnateure und Offiziere aller
Grade, wohl über ein halbes Tausend Individuen, von denen viele schon in
Ruhestand versetzt gewesen und fast gegen ihren Willen wieder in
Aktivität gesetzt worden waren, andere aber hofften jetzt in Spanien
schnell Fortüne zu machen. Nichts war den Ländern und den Heeren selbst
verderblicher, als dieses Kommissarien- und Lieferanten-Geschmeiß und
was daran hing, wahre Blutsauger der Völker wie der Truppen, von denen
der wackere Kaiser Joseph II., der diese Kanaillen durch und durch
kannte, schon mit vollem Recht sagte: »Man kann einen jeden
dieser Burschen« (wenn ich mich nicht irre, so meinte er die
Proviant-Kommissäre damit) »hängen lassen, ohne sich zu fürchten, eine
Sünde oder einen Fehlgriff begangen zu haben.« Auch Napoleon wußte aus
seinen italienischen Feldzügen, welch ein Diebsgesindel dies Geschmeiß
ist, und dennoch hat es zu keiner Zeit und bei keinen Heeren ärger
gehaust und gestohlen, als in den napoleonischen, wo von den
General-Kommissären bis zu den Furieren in den Kompagnien herab alles,
was mit Proviant, Verköstigung oder Lieferungen in Berührung kam, den
Soldaten sowohl wie den Bürger bestahl und beraubte. Aber in Spanien
bekam es den Herren doch oft schlecht, und ein wohlverdienter Lohn, den
ihnen die Vorsehung bereitete, blieb selten aus.

Noch immer wußten wir nicht, was eigentlich bezweckt wurde, wir
erschöpften uns in tausend Mutmaßungen, von denen keine den rechten
Fleck traf, indem die meisten darauf hinausgingen, daß es, wenn auch
indirekt, auf England abgesehen sei. Die Instruktionen, die uns
fortwährend erteilt wurden, waren von der Art, daß man auf einen
bevorstehenden Krieg schließen und sich auf alle Ereignisse gefaßt
machen mußte; aber wo war der Feind? -- Napoleon selbst wurde erwartet,
und das Gerücht war unter sämtlichen Truppen verbreitet, daß er sich an
deren Spitze stellen würde; ein großer Teil der Einwohner Spaniens aber
betrachtete uns mit immer größer werdendem Mißtrauen, während andere
hofften, daß wir sie von dem unerträglichen Joch des ihnen so verhaßten
Friedensfürsten Godoï befreien würden, den sie sämtlich als den
alleinigen Urheber aller dieser Übel betrachteten und verfluchten. Von
seiten der Kommandierenden wurden sie auch in dieser Richtung bestärkt.
Es ist unmöglich, sich einen Begriff von der Verachtung und dem Haß zu
machen, den die ganze Nation gegen den freilich ganz verdienstlosen
Günstling bei der spanischen Majestät und der Königin insbesondere
nährte. Ohne alle Scheu sprach man davon, daß man diesen schändlichen
Bösewicht hängen, köpfen, spießen, rädern, vierteilen und Gott weiß was
alles müsse; man wollte ihn samt der Königin lebendig verbrennen und den
König, die gehörnte Schlafhaube, dazu, meinten noch andere; die
Gemäßigtsten aber forderten, daß man ihn einer strengen Justiz übergebe.
Der Unglückliche selbst schlief schon lange nicht mehr auf Rosen und
träumte nur von Galgen und Schafott, zitterte unaufhörlich für sein
kostbares Leben und war nicht imstande, irgendeinen festen Entschluß zu
fassen, sich zu helfen oder in Sicherheit zu bringen. Nicht leicht hat
ein Sterblicher so sonderbare Schicksale gehabt; vom gemeinen Gardisten
zum Günstling der Königin von Spanien und den höchsten Würden den
Reiches wie in einem Zaubermärchen erhoben, dabei durch die Heirat mit
einer nahen Verwandten des königlichen Hauses, wozu er seine königliche
Geliebte zu bereden gewußt hatte, die, trotzdem er sich noch Mätressen
hielt, was sie wußte, ihm dennoch unwandelbar ergeben blieb; so war der
König selbst nur noch der gehorsame Vollstrecker der Gebote des
Geliebten seiner Frau. Wer über dieses seltsame Verhältnis nähere
Auskunft wünscht, muß Llorents _Memorial para la historia de la
revolucion espanola recogydas y compiladas por don Juan Nellerto_ lesen.

Valladolid, das Pintia der Alten, war die zweite Stadt Altkastiliens,
aber jetzt der Hauptort der Intendanz gleichen Namens in dem Königreich
Leon. Der Fluß Esgueva durchströmt sie, und der Pizuerga fließt an ihren
Mauern vorbei; sie liegt in einer großen, von Hügeln mit Plattformen
umgebenen Ebene. Die Stadt ist nicht so übel gebaut, aber ihre Straßen
sind schlecht gepflastert und unreinlich, auch lagen manche ihrer
Gebäude in Ruinen. Unter ihren sehr großen Plätzen sind der Campo-Grande
und Plaza-Mayor die ansehnlichsten. Ersterer hat einen ungeheuren
Umfang, und unter den ihn umgebenden Gebäuden sind nicht weniger als
dreizehn Kirchen. Die von Philipp II. erbaute Kathedrale ist kaum zur
Hälfte fertig, hat aber einen schönen Turm. In der Paulskirche sind
unter vielen Monumenten von sehr verschiedenem Kunstwert zwei schöne
Bildsäulen des Herzogs und der Herzogin von Lerma; in dieser Kirche, die
den Dominikanern gehört, sieht man auch eine Erscheinung Christi bei
einer Nonne dieses Ordens abgebildet; dieser Christus war wahrscheinlich
ein verschmitzter Mönch. Auch noch andere, zum Teil sehr komische
Heiligenbilder findet man hier. Das Colleg, welches sich zunächst dieser
Kirche befindet, ebenfalls den Dominikanern gehört und von Don Alonzo
von Burgos, Bischof von Palencia, im fünfzehnten Jahrhundert gestiftet
wurde, ist wegen seiner sonderbaren Bauart merkwürdig; seine Fassade
stellt nämlich ein Gehölz vor, dessen Zweige die Wölbung des Portals
bilden, auf beiden Seiten sieht man zwei Wilde, die mit wolligen Fellen
bedeckt sind und Gürtel von Laub haben; jeder hat ein Wappenschild. Über
der Eingangstür ist ein Granatbaum, dessen Äste sich weithin ausbreiten;
dieser soll eine Anspielung auf die Eroberung von Granada durch die
katholischen Majestäten Ferdinand und Isabella, Beschützer der Kirche,
sein. In diesem Colleg befindet sich auch das sehr schöne Monument des
Gründers desselben, Alonzo von Burgos, Bischof von Palencia, der selbst
in weißem Marmor und, wie behauptet wird, sehr ähnlich auf demselben
abgebildet ist. Das Gebäude wurde im fünfzehnten Jahrhundert erbaut.

Valladolid, das noch zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts weit über
hunderttausend Einwohner hatte -- 1516 stellte die Stadt dreißigtausend
Mann unter die Waffen, um sich den Absichten der Regierung zu
widersetzen --, zählte jetzt keine vierundzwanzigtausend, die noch einen
nicht unbedeutenden Handel treiben, zu dem der Ort auf das
vorteilhafteste gelegen ist; auch wächst in ihrer Umgegend ein
vortrefflicher Wein. In der Stadt selbst befinden sich schöne
Promenaden, wie der Prado de la Magdalena, der an dem Esgueva liegt, mit
schönen Bäumen bepflanzt ist und bequeme Ruhebänke hat, die Spaziergänge
Espolejo Viejo und Espolejo Nuevo, die nahe an dem Ufer des Pizuerga
liegen, werden mehr von Reitern und Equipagen besucht.

In historischer Hinsicht ist Valladolid außerordentlich merkwürdig und
in Spaniens Annalen berühmt. Es soll nach mehreren Geschichtsschreibern
auf den Ruinen des alten Pintia erbaut sein und war später die Seele des
Handels zwischen Kastilien, den Königreichen Leon und Portugal. Hier kam
Philipp II. traurigen Andenkens zur Welt und hielt öfters seinen Hof
daselbst, und der Entdecker Amerikas, Christoph Kolumbus, starb hier.
Wegen des sehr fühlbaren Holzmangels, der dadurch entstand, daß man die
Dummheit beging, die Waldungen auf den umliegenden Hügeln völlig
auszurotten, verlegte Philipp III. für immer seinen Hof von hier nach
Madrid. Als Residenz des Herrn zweier Welten war der Hof und das Leben
in Valladolid sehr prächtig, üppig und glänzend. Unter Philipp II. fand
ein äußerst tragisch-merkwürdiges Autodafé im Oktober des Jahres 1559
hier statt. Es begann mit einer Prozession der Dominikanermönche, denen
eine weiße Fahne vorangetragen wurde, ihnen folgten die Familiares,
Kommissarien und andere Diener der heiligen Inquisition, hinter diesen
wurde wieder eine achtzehn Schuh hohe Fahne von buntem Damast getragen;
auf der einen Seite derselben sah man das Bild des heiligen Dominikus
gestickt und auf der anderen das des heiligen Petrus Märtyrer. Hieran
kam die heilige (?) Hermandad und andere bei dem heiligen (?) Officium
angestellte Personen, von denen eine das Kreuz der Inquisition trug, das
mit einem schwarzen Schleier bedeckt war. Bewaffnete schlossen den Zug,
der sich auf die Plaza-Mayor begab. Hier angekommen, wurde das
Inquisitionskreuz auf einen in dessen Mitte errichteten Altar gestellt,
und man zündete grüngestrichene Kerzen um dasselbe herum an; Bewaffnete,
einige Mönche und Familiares blieben zu dessen Bewachung zurück. Um
Mitternacht begann man Messen für die Bekehrung der Seelen derjenigen zu
lesen, die verbrannt werden sollten, was bis zu Sonnenaufgang dauerte.
Mit Tagesanbruch versammelte sich eine unzählige Menge Volks auf diesem
Platz, weit über dreißigtausend Menschen. Hieran erschienen in gehöriger
Rangordnung die Granden Spaniens, die hohe Geistlichkeit, Bischöfe und
Kardinäle, die höchsten Zivil- und Militärbehörden sowie die Gesandten
der verschiedenen Mächte und nahmen Platz auf den für sie bestimmten
Sitzen. Gegen acht Uhr brachte man aus dem Inquisitionsgebäude das
gleichfalls in schwarzen Trauerflor gehüllte Kreuz des Kirchsprengels,
dem alle Kaplane in Chorhemden folgten, dann kamen wieder Familiares und
Bewaffnete und endlich die unglücklichen Verurteilten in folgender
Ordnung: zuerst die Bereuenden oder Büßenden mit entblößten Häuptern,
eine geweihte Kerze in der Hand, unter ihnen war eine Franziskanernonne,
die zum Auspeitschen an dem folgenden Tage zur Ehre Christi verurteilt
war; dann folgten die Versöhnten mit dem San Benito (das Sterbekleid der
Glaubensgerichte) bekleidet, das aus einem gelben Sack mit einem darauf
gehefteten Andreaskreuz besteht; auf dem Kopf trugen sie Mützen von
Pappe, die mit bunten Kreuzen bemalt waren und Corosa genannt werden.
Unter diesen befanden sich Isabella und Catharina von Kastilien, beide
zu ewigem Gefängnis, der Konfiskation ihrer Güter und dem Tragen des San
Benito verurteilt. Hinter ihnen trug man ein Reliquienkästchen mit
Knochen und zwei Figuren, die ebenfalls mit dem San Benito und der
Corosa bekleidet waren, auf der jedoch statt der Kreuze Teufel,
Schlangen, Blindschleichen, Kröten, Unken und so weiter, in Flammen
zischend, abgemalt waren. Jetzt kamen dreizehn sogenannte rückfällige
Ketzer, die sämtlich zum Feuertod verurteilt waren. Auch sie trugen das
San Benito und die Corosa, mit Teufeln, Flammen und so weiter bemalt.
Drei von ihnen waren Geistliche und noch mit dem geistlichen Leibrock
bekleidet. Zuletzt kam endlich Don Carlos von Sesa, dem man sogar den
Mund verknebelt hatte, um ihn am Sprechen zu hindern, weil er nicht
aufhörte, die christliche Religion zu lästern und als ein Werk des
Teufels und der Verrücktheit zu bezeichnen. -- Hatte er etwa unrecht,
wenn er die Religion, wie sie von diesen Pfaffen zugeschnitzt wurde,
damit meinte? -- Auf der Mitte des Platzes angekommen, wurden sämtliche
armen Sünder um die Stufen des Altars postiert, wo man ihnen nochmals
ihre Verbrechen vorhielt, welche meistens darin bestanden, daß sie sich
den neuen Lehren und dem abscheulichen Luthertum geneigt gezeigt oder
dasselbe wohl gar gerühmt und empfohlen hatten, weshalb man es für hohe
Zeit hielt, ein recht abschreckendes Beispiel zu geben, um die weitere
Verbreitung dieses Ketzertums zu verhindern.[6] Die Mitglieder und
Richter der Inquisition nahmen ihre Plätze auf erhöhten Sitzen, über
allen aber thronte der Großinquisitor hoch erhaben. Nun erschien Philipp
II., von seinem ganzen Hof gefolgt. Sobald derselbe Platz genommen
hatte, hielt der Bischof von Cuenca eine erbauliche Predigt über die
Unfehlbarkeit, Reinheit und Göttlichkeit der katholischen Religion, eine
wahre Satyre auf Gott selbst; dieser folgte eine zweite Predigt, welche
der Großinquisitor, Erzbischof von Sevilla, ganz im Sinne seines
Vorgängers herbrüllte, nur daß die Satire unwillkürlich noch beißender
war. Hierauf mußte der König in dessen Hand einen schweren Eid ablegen,
daß er die Inquisition beschützen und ihr alles entdecken wolle, was zu
seiner Kenntnis komme und gegen diese und den Glauben sei, es möge auch
herkommen von wem immer, ohne irgendeine Rücksicht auf Verwandtschaft
oder Stand zu nehmen. Nachdem Philipp II. diesen Eid abgelegt, mußte er
ihn noch durch seine Unterschrift bekräftigen, und er wurde nochmals vor
der ganzen Versammlung laut abgelesen. Hierauf wurden die drei
rückfälligen Priester durch zwei Bischöfe, den von Zamora und den von
Palencia, förmlich degradiert und ihnen die geistliche Kleidung vom
Körper herabgerissen. Einer war ein Pfarrer in Pedrosa, der zweite ein
Priester aus Villa-Onediana und der dritte ein Dominikanermönch gewesen.
Sie hatten eigentlich nur gegen den Verkauf des Ablasses für schnödes
Geld, also gegen einen der schändlichsten Mißbräuche der katholischen
Religion, als einen der Kirche unwürdigen Schacher gesprochen. Auch sie
wurden nun mit dem San Benito und der Corosa bekleidet, ihnen das Urteil
nochmals verkündet und hierauf alle zum Tode Verurteilten vor die Stadt
auf einen freien Platz geführt, wo man einen ungeheuren Scheiterhaufen
auf einem vier Schuh hohen Fußgestell errichtet hatte; eine Prozession
mit einem weißen Kreuz und das Volk folgte ihnen. Ein Henker und ein
Beichtvater führten sie zum Scheiterhaufen, wo sie nochmals ermahnt
wurden, zu bereuen; in diesem Fall versprach man ihnen, bevor sie dem
Feuer übergeben würden, sie durch den Henker erwürgen zu lassen. Elf von
ihnen, durch dieses Versprechen verführt, willigten ein, zu beichten,
aber Johann Sanchese und Don Carlos von Selo ließen sich lieber lebendig
verbrennen, als daß sie bereuten.

[Fußnote 6: Das Luthertum stand noch zur Zeit, als wir uns in Spanien
befanden, in einem so furchtbaren Geruch, daß, als ich einmal im
Gespräch mit einer hübschen Frau, der ich den Hof zu machen begann,
sagte, ich sei ein Lutheraner, diese mir halb lachend erwiderte: ich
möge doch keinen so gottlosen Scherz machen, und als ich das Gesagte
ernstlich behauptete, versetzte: »O gehen Sie doch, Sie haben ja weder
Hörner noch Klauen noch einen Schwanz!« -- So stellte man sich zu jener
Zeit noch einen Lutheraner in Spanien vor, dank den Pfaffen, welche sie
als so begabt schilderten.]

In meiner Wohnung zu Valladolid befand sich die junge Frau eines
spanischen Stabsoffiziers, der bei der Leibgarde zu Madrid stand und
dessen Gattin hier bei Verwandten ihres Mannes zu Besuch war. Die Senora
war eine geborene Andalusierin, und zwar aus Sevilla, von guter Familie.
Ihre schwarzen Feueraugen harmonierten mit dem etwas bräunlichen Teint
und den glutroten Wangen trefflich; dabei trug sie das andalusische
Nationalkostüm, das reizendste, das man sich denken kann, besonders für
eine Spanierin. Die ersten Tage nach meiner Ankunft hatte ich nur
Gelegenheit gehabt, sie ein paarmal zu sehen und im Vorübergehen mit
einem Sennorita zu begrüßen; ich kannte kaum erst die gebräuchlichsten
spanischen Begrüßungsformeln und Phrasen, aber glücklicherweise sprach
die Senora etwas italienisch, und dies war vollkommen hinreichend, uns
zu verständigen, was auch schnell der Fall war, denn in
Liebesangelegenheiten rückt man in Spanien rasch voran, noch weit
schneller als in Italien, nur muß man die Gelegenheit haben, mit diesen
Senoras in Berührung zu kommen, was uns später, als das ganze Land gegen
uns aufgestanden war und wir den Spanierinnen von den Pfaffen, ihren
Beichtvätern, Vätern, Ehemännern und Brüdern als wahre Ungeheuer
geschildert wurden, deren Berührung allein die ewige Verdammnis nach
sich ziehe, sehr schwer, ja fast unmöglich wurde. -- Ich war mit meiner
schönen Isabella Andeya, ohne daß es mir viel Mühe und Beteuerungen
gekostet hätte, bald so weit, daß ich sie ganz mein nennen durfte und
die wenigen Tage, die wir noch in Valladolid zubrachten, keine Nacht
mehr allein schlief, da mir die Mitternachtsstunde jedesmal einen holden
feurigen Geist zuführte, der nicht einmal verfehlte, um diese Zeit in
meinem Gemach zu spuken und dann das Bett mit mir zu teilen.

Ungefähr vierzehn Tage mochten wir in Valladolid und der Umgegend
liegen, als der größte Teil der Truppen und mit ihnen unsere Legion
Order zum Aufbruch erhielten. Mürat war bereits von Burgos abgegangen
und hatte seine Richtung mit einem Teil der napoleonischen Garden und
dem vom Marschall Moncey befehligten Korps nebst einer zahlreichen
Artillerie gegen den Somasierra, der einen Teil des Gebirges Guadarrama
ausmacht, genommen; die zweite Infanteriedivision nahm ihren Weg nach
Segovia, während General Düpont mit der Reiterei und der ersten
Division, zu der unsere Legion gehörte, die Direktion gen Guadarrama
nahm. Die dritte Division blieb vorerst noch in Valladolid und der
Umgegend zurück. Wir waren alle der Meinung, und man hatte sie
absichtlich verbreitet, daß wir direkt nach Gibraltar marschieren
würden, um diese Stadt zu belagern und womöglich den Engländern
abzunehmen; diese Meinung teilten auch die Einwohner aller Orte, wo wir
durchkamen, und während sich die verschiedenen Armeekorps Madrid von
allen Seiten näherten, war das Gerücht von einer bevorstehenden
Belagerung Gibraltars so allgemein verbreitet, daß der Herzog von Kent,
Statthalter dieser Festung, seinen Vater bat, er möge ihm gestatten,
sich schnell, bevor noch die Belagerung beginne, auf seinen Posten zu
begeben. Alle Verbindung dieser Stadt mit Spanien war in der Tat schon
abgebrochen, und man hatte sogar in Cadix eine große Anzahl Zelte für
die französischen Truppen, die bei dieser Belagerung verwendet werden
sollten, zu verfertigen geboten, so weit trieb man die Intrige, um die
spanische Nation über die wahren Absichten Napoleons zu täuschen. Auch
meine Isabella hatte zwei Tage vor unserem Abmarsch ein Schreiben von
ihrem Mann erhalten, worin ihr dieser meldete, daß die königlich
spanischen Garden, bei denen er stand, vor Gibraltar marschieren würden.
-- Die letzte Nacht vor unserem Ausmarsch erschien mir mein
andalusischer Geist vom Kopf bis zu den Füßen in einen schwarzen
Schleier gehüllt -- in den vorhergehenden Nächten kam er jedesmal weiß
verschleiert -- und war in der Tat eine majestätische, verführerische
spanische Schönheit. Mit einem langen Feuerkuß und einem _a rivedersi_
nahm ich mit dem Grauen des Tages, als die Tambours schon wirbelten,
Abschied von ihr und schwang mich auf mein Pferd.

Die Vorfälle, die unterdessen zu Madrid und Aranjuez stattgefunden,
wurden jetzt allgemein bekannt; namentlich machte die Entsagung Karl IV.
zugunsten des Prinzen von Asturien, der noch kurz vorher auf Anstiften
Godoïs verhaftet und in Escurial wohlbewacht in den düsteren Gemächern,
in denen auch der unglückliche Don Carlos vor seinem Tod geschmachtet
hatte, gefangen gehalten wurde, weil er ohne Wissen seiner Eltern eine
Gemahlin von Napoleon begehrt hatte, wodurch aber der Friedensfürst samt
seinem königlichen Beschützer in große Gefahr geraten und ersterer
beinahe ein Opfer der Volkswut geworden wäre, außerordentliches
Aufsehen. Unser Marsch gegen Madrid wurde deshalb beschleunigt und war
nun kein Geheimnis mehr; da sich aber die Franzosen unter der Zeit der
Zitadelle von Pampeluna und Barcelona teils mit List, teils mit Gewalt
bemächtigt hatten, so erfüllte diese Art Gaunerei die Spanier jetzt mit
gerechtem Unwillen und Argwohn und steigerte das Mißtrauen gegen
Napoleon auf das höchste. -- Von Valladolid aus marschierten wir auch
schon mit all der Vorsicht und den Maßregeln, die man in Feindesland für
nötig erachtet. Wir führten Lebensmittel auf Wochen lang mit uns,
biwakierten des Nachts, Vorposten und Vedetten ausstellend, und sandten
auf dem Marsch beständig starke Seitenpatrouillen ab, wo es das Terrain
nötig machte und gestattete. Dabei hatten die kommandierenden Generale
geheime Instruktionen erhalten, die ihnen geboten, die spanischen
Kuriere zu verhindern, ihre Wege fortzusetzen, wobei man oft zu den
nichtigsten und einfältigsten Vorwänden seine Zuflucht nahm, und jede
weitere Bewegung der spanischen Truppen, der sie begegnen würden, zu
hindern.

Mürat befand sich noch zu Buytrago, als er Bericht über das, was sich in
Aranjuez zugetragen hatte, erhielt, und beeilte sich, nun nach Madrid zu
kommen. Wir marschierten fast unaufhaltsam von Valladolid über Olmedo,
das auf einer Anhöhe in einer unermeßlichen Ebene liegt und bei kaum
zweitausend Einwohnern sieben Kirchen und eine gleiche Zahl Klöster hat,
kamen dann durch verschiedene unbedeutende Orte, durch steinige, oft
ganz brachliegende Gegenden und Fichtenwälder, selten sah man ein
Gersten- oder Kornfeld. Nur als wir den Fluß Almarza erreichten, dessen
Ufer mit Bäumen, meist Ulmen und Pappeln, bewachsen waren, sahen wir
wieder mehr Getreide- und Ackerfeld. Wir passierten den Strom auf einer
schönen steinernen Brücke und gelangten dann in eine ziemlich große
Hochebene, in der wir einige freundliche Dörfer trafen, dann aber wurde
die Gegend, je mehr wir uns dem Gebirge Guadarrama näherten, welches
Alt- von Neukastilien scheidet, wieder außerordentlich öde und
verlassen. Ein sehr steiler und oft gefährlicher Weg führte uns zu dem
Dorf Espinar, das auf einem Gipfel dieses Gebirges liegt. Von dieser
Höhe aus kann man auf eine große Strecke weit die beiden Kastilien
übersehen und hat eine herrliche Aussicht, die sich in das Unendliche zu
verlieren scheint. Wir biwakierten hier in der Umgegend von Espinar,
Villacassin, einem Städtchen, und Venta Guadarrama, wo man Ferdinand VI.
wegen der Straße, die er über dieses Gebirge machen ließ, das früher gar
nicht zu passieren war, ein Monument, einen marmornen Löwen auf einer
Säule darstellend, mit der Jahreszahl 1749, errichtet hat, und einigen
anderen Dörfern. Nach einem mehr als vierzigstündigen Biwak erhielten
wir Order, nach Segovia aufzubrechen. Der Marsch dahin führte uns über
San Ildefonso und La Granja, einem schönen königlichen Lustschloß mit
einer Villa, dem Lieblingsaufenthalt Philipp V., der auch dieses Schloß
erbaut hat und in dessen Kapelle begraben liegt; es hat einen prächtigen
Park mit vielen Wasserkünsten.

Von hier hatten wir nur noch zwei Stunden bis Segovia; der Weg führte
über eine Brücke des Flüßchens Valsin an mehreren Dörfern und Gebäuden
vorüber; letztere waren ausschließlich zur Schafschur bestimmt. Endlich
kamen wir durch zwei tiefliegende Täler, worauf wir bald Segovia
erreichten, in dessen Nähe wir abermals ein Biwak schlagen mußten und
dann inspiziert wurden, besonders, um zu sehen, ob wir auch hinlänglich
mit Munition versehen seien; es sollte jeder Mann mindestens fünfzig
scharfe Patronen besitzen. Fünf Tage lang währte dieses Biwak, während
welchem ich Zeit hatte, die Stadt mehrmals zu besuchen. Das
Merkwürdigste in Segovia ist seine zweitausend Jahre alte Wasserleitung,
die also schon seit über zweihundert Jahre vor Christi Geburt die Stadt
unaufhörlich mit Wasser versieht und hoch über einem Teil der Häuser
hinläuft. Vier Stunden von Segovia, an der Quelle Rio Frio in dem
Gebirge Fonfria, beginnt dieser merkwürdige Bau, welcher die Stadt so
reichlich mit diesem unentbehrlichen Element versorgt, daß es von dem
Platz vor der Sebastianskirche durch unterirdische Kanäle weitergeleitet
werden muß. Über neunhundert Bogen zählt dieser ehrwürdige Aquadukt und
ist an manchen Stellen über zweihundert Fuß hoch, dann aber sind die
Bogen doppelt, das heißt, zwei stehen übereinander. Unbekümmert, wer
dessen Herren waren, ob Heiden, Mauren, Osmanen, Araber oder orthodoxe
Katholiken, spendete dieses Kunstwerk mit gleicher Freigebigkeit seinen
Überfluß allen. Die Mönche des Klosters del Paral mußten unter der
Regierung Isabellas über dreißig Bogen, die zu verfallen begannen, neu
aufführen lassen. Der ganze Bau ist von grauem Granit, ohne Speis noch
Mörtel, aber die Steine sind mit großem Kunstaufwand ineinander gepaßt
und ebenso die Fundamente. Was mögen die Knochen derjenigen, die sie
legten, jetzt sein? -- Früher war dieser ganze Bau mit Bildsäulen
geschmückt, und noch sieht man die Stellen, wo sie gestanden.
Verschiedene spanische Geschichtschreiber behaupten, daß dieses
Riesenwerk ein gleiches Alter mit den Pyramiden Ägyptens und mit dem
Serapistempel habe, aber aller Wahrscheinlichkeit nach stammt es aus den
Zeiten der Römer.

Ehedem waren der Handel Segovias sowie seine Wollenmanufakturen und
Tuchfabriken von großer Bedeutung, die zur Zeit ihrer Blüte mehr als
fünfzigtausend Zentner Wolle jährlich verarbeiteten und über
vierzigtausend Arbeiter beschäftigten. Im Jahre 1570 gab diese Stadt der
Königin Anna von Österreich ein so prächtiges Fest, daß ganz Europa
davon widerhallte und das einen ungeheuren, in die Millionen laufenden
Kostenaufwand verursachte, ein Beweis, wie Künste und Handel hier
floriert haben müssen. Die Einwohner formierten dabei die prächtigsten
Quadrillen nach ihren Gewerben, unter denen sich vorzüglich die
Juweliere und Goldarbeiter, die Tuchmacher, die Gold- und Silbersticker,
die Bildhauer, die Bordenmacher und so weiter durch den Reichtum und die
Pracht ihrer Kostüme auszeichneten. Mit dem Beginn des siebzehnten
Jahrhunderts kam die Stadt, ihr Handel und ihre Fabriken aus
verschiedenen Ursachen, unter denen auch religiöse Dummheit und
Intoleranz, in Verfall und nahmen so schnell ab, daß sie über dreißig
Jahre lang fast jedes Jahr für ein paar Millionen Dukaten weniger Tuch
fabrizierte und absetzte; zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts waren
kaum noch zweihundert Webstühle im Gang.

Den sechsten Tag brach unsere Legion auf, um ein Biwak in der Gegend von
Los Molinos zu beziehen. Hier, so nahe bei Escurial, konnte ich
unmöglich der Versuchung widerstehen, dieses weltberühmte Monument von
Philipp II. Furcht und Hochmut zu besuchen. Es liegt in einer wilden,
unangebauten, felsigen Gegend, auf dem Rücken einer Gebirgskette der
Guadarrama. Der finstere König hatte es infolge eines Gelübdes, das er
am Tage der Schlacht bei St. Quentin, in welcher 1557 die Franzosen von
den Spaniern besiegt wurden, getan, erbauen lassen. Es imponiert durch
seine Größe und heißt eigentlich San Lorenzo (Escurial ist der Name des
dabeiliegenden Dörfchens), weil es Philipp diesem Heiligen, an dessen
Fest gerade die Schlacht geliefert wurde, weihte, auch ist es in der
Form eines großen Rostes angelegt, da bekanntlich dieser Heilige seinen
Tod auf einem solchen fand. An Türen und Fenstern fehlt es nicht, es hat
deren viele Tausende, auch über zwanzig zum Teil sehr geräumige Höfe.
Ich war mit mehreren Kameraden vom Bataillon hierher geritten, dieses
achte Wunderwerk der Welt, wie es die Spanier zu nennen belieben, zu
sehen; unsere Pferde hatten wir in dem Dorf Escurial gelassen und gingen
dann, nachdem wir eine gute Olla Potrida bei der Rückkehr für uns in
Bereitschaft zu halten befohlen, zu Fuß nach diesem Hieronymiterkloster,
denn dies ist es eigentlich, in welchem ein paar hundert Mönche ganz
bequem wohnen können und auch gemästet werden; außerdem ist aber noch
Raum genug, um den König von Spanien samt seinem ganzen Hof in den
hierzu bestimmten Prunkgemächern aufzunehmen, der auch früher gewöhnlich
einen Teil des Herbstes dort zubrachte.

Nachdem wir alle die Herrlichkeiten gehörig bewundert und ziemlich
oberflächlich gesehen hatten, denn die Zeit war uns karg zugemessen,
kehrten wir nach Escurial zurück, wohin auch aus dem Kloster ein
unterirdischer Gang, la mina genannt, führt. Hier nahmen wir unsere
bestellte Olla Potrida, die uns trefflich schmeckte, denn wir hatten aus
Palast, Kirche und Kloster einen tüchtigen Hunger mitgebracht. Dieses
Gericht wird aus Hammelfleisch, Öl, spanischem Pfeffer, Tomaten,
Knoblauch, Garbanzos (eine besondere Gattung Erbsen), kleinen Zwiebeln
und so weiter zubereitet und ist so übel nicht, wiegt auf jeden Fall die
italienische Polenta und Makkaroni sowie das deutsche Sauerkraut auf.
Ich aß es besonders gern, wenn es reichlich mit Zitronensaft gesäuert
war, den ich selbst hinzutat.

Nach eingenommenem Mahl, wobei mehrere den Wunsch äußerten, es möge doch
dem Himmel gefallen, uns die reichen, in San Lorenzo tot liegenden
Schätze in die Hände zu liefern, traten wir den Rückweg zu unserem Biwak
an, wo wir bereits eine Order zum Aufbruch für den kommenden Tag
vorfanden. Mit der anbrechenden Dämmerung machten wir uns marschfertig
und kamen noch an diesem Tag bis in die Gegend von El Pardo, einem alten
königlichen Jagdschloß, das ungefähr noch dritthalb Stunden von Madrid
entfernt liegt und bei dem sich ein großer Wald befindet; es ist ein
viereckiges, von vier Türmen flankiertes Gebäude. Hier schlugen wir
abermals ein Biwak auf, indessen erwartete man jeden Augenblick den
Befehl, nach Madrid aufzubrechen, wohin wir uns alle wie nach einem
Eldorado sehnten; viele aber glaubten noch immer, daß wir diese Stadt
gar nicht berühren, sondern um dieselbe herum nach Gibraltar marschieren
würden, andere aber, und zu denen gehörte ich, waren nicht der Meinung,
denn unser jetzt so langsames Vorrücken und die Stellungen, die wir
einnahmen, schienen auf etwas ganz anderes als einen Marsch nach
Gibraltar zu deuten; daß wir recht hatten, zeigte sich bald.

Den 23. März in aller Frühe wurden wir noch einmal inspiziert und
setzten uns dann sofort auf dem Wege, der gerade nach Madrid führt, in
Marsch. Vor den Toren dieser Hauptstadt trafen wir einen Teil von
Napoleons Garden, die noch ihre Toilette machten. Unsere Division folgte
diesem Beispiel, ebenso die reitende Artillerie und zwei
Kürassierregimenter, die auch eingetroffen waren. Bald darauf erschien
der Großherzog von Berg, Mürat, in einer prächtigen Generalsuniform und
von einem zahlreichen glänzenden Generalstab umgeben, musterte noch
einmal die Truppen, und unter dem Zusammenlauf unzähligen Volks, das uns
mit neugierigen Blicken, aber lautlos anstarrte, marschierten wir in der
schönsten Ordnung mit klingendem Spiel in Madrid ein, das trotz seiner
vielen Kuppeln und Glockentürme doch kein sehr imponierendes Ansehen
hat. Nur wenn man durch das Tor Alcala kommt, das einem Triumphbogen
ähnlich sieht, zur Linken prächtige Gärten, zur Rechten eine lange, fast
gleichgebaute Häuserreihe, dann den Prado erblickt und sich bald darauf
das Auge in der endlosen Straße Alcala verliert, erhält man eine
günstigere Meinung von der Stadt, zu der jedoch die meisten Zugänge die
Residenz eines großen Monarchen ahnen lassen.



                                   X.

     Ferdinand VII. Einzug in Madrid. -- Der Friedensfürst. -- Der
       Aufstand zu Aranjuez und Madrid. -- Karl IV. Abdankung. --
    Napoleon zu Madrid erwartet. -- Ferdinand vom Volk angebetet und
     von Savary nach Bayonne gelockt. -- Karl IV. protestiert gegen
   seine Abdankung. -- Donna Calvanillas und Rosa Maria. -- Theater.
    -- Cortesanos, Majos und Muchachas. -- Sitten der Einwohner. --
        Der Fandango vor Gericht. -- Wohnungen. -- Der Adel. --
             Autodafés. -- Die Erstürmung von Amors Schloß.


Fast bis zur einbrechenden Nacht mußten die Truppen in den Straßen und
auf den Plätzen Madrids biwakieren, bevor ihnen Quartiere in
verschiedenen großen Gebäuden und Kasernen angewiesen wurden, ein Teil
derselben aber lag mit den noch ankommenden Bataillonen in der Umgegend
der Stadt. -- Für Napoleons Leutnant, Mürat, hatte man den alten Palast
von Buon Retiro eingeräumt, den er aber nicht bezog, sondern sich in das
Hotel des Friedensfürsten einquartierte. Den Tag nach unserem Einrücken
hielt Ferdinand als König seinen Einzug; unzähliges Volk aus allen
Ständen, von jedem Alter und Geschlecht, empfing ihn mit einem
ungeheuren Jubelgeschrei, alle drängten und drückten sich, den geliebten
jungen König zu sehen, den sie gleich einem heiligen Märtyrer verehrten.
Mehr als hunderttausend Landleute waren aus der Umgegend herbeigekommen,
um das Glück zu haben, den neuen Herrscher bewillkommnen zu können, und
drei langer Stunden bedurfte es, bis der angebetete Fürst durch die
dichten Haufen zu seinem Palast gelangen konnte. Ein großer Teil dieser
Freudenergüsse mochte wohl auf Rechnung des Hasses und der Verachtung
kommen, die man dem Friedensfürsten zollte, den man dadurch demütigen
wollte; denn Ferdinands Persönlichkeit und seine Taten -- man wußte
wenig mehr von ihm, als daß er eine sehr schlechte Erziehung gehabt, die
eher dazu gemacht war, seine allenfallsigen geistigen Anlagen zu
unterdrücken, als zu entwickeln -- konnten einen solchen Empfang nicht
rechtfertigen. Durch diese vernachlässigte Erziehung und eine sklavische
Etikette hatte der argwöhnische Godoï beabsichtigt, ein willenloses
Werkzeug seiner Absichten aus diesem Prinzen zu machen. Man erwartete
jetzt von dem jungen Monarchen, daß er die Schändlichkeiten der
bisherigen Favoritenregierung gut machen, die Nation rächen würde und
glaubte deshalb einen Erlöser in ihm zu finden, aber man betrog sich.

Daß Mürat den Palast des so verhaßten Godoï bezogen hatte, war den
Spaniern eine schlimme Vorbedeutung; sie schlossen daraus, daß er den
Günstling der alten Königin in Schutz nehmen wolle, und von diesem
Augenblick nahm das Volk eine fast drohende Stellung an. Mürat, dem dies
nicht entging, ließ nun eine bedeutende Truppenmasse nebst zahlreicher
Artillerie auf die Höhen von Casa del Campo, dem königlichen Palast
gegenüber, Posto fassen, alle Divisionen, die bereits die Gebirge
überschritten hatten, in Madrid einrücken und dieselben öfters und mit
großer Ostentation die Musterung auf dem Prado passieren, um dem Volk zu
imponieren. Die noch in der Stadt befindlichen spanischen Truppen mußten
gemeinschaftlich mit uns den Dienst versehen, um Ruhe und Ordnung zu
erhalten. General Grouchy wurde zum Kommandanten der Truppen ernannt.
Bald bemerkte man, daß Mürat und die ganze französische Generalität
wenig Notiz von dem jungen König nahmen, ja ihm nicht einmal einen
Besuch machten, offenbar ein Beweis, daß man ihn von französischer Seite
nicht als Souverän anerkannte. Um den Gang der Ereignisse besser zu
verstehen, muß ich mit wenigen Worten hier anführen, was unserem
Einmarsch in Madrid sowie zu Aranjuez vorangegangen war.

Die ebenso unerhörten als unverdienten Gunstbezeugungen, deren sich
Godoï von dem königlichen Paar zu erfreuen gehabt und die er auf das
empörendste mißbrauchte, hatten ihm schon längst den tödlichsten Haß des
Volkes zugezogen. Dieser Emporkömmling, nachdem sein eigener Bruder, der
vor ihm die Gunst der Königin genossen, in Ungnade gefallen und nach
Badajoz verwiesen worden, hatte schnell alle Grade überstiegen, war
hierauf zuerst Finanzminister geworden, hatte seine Schwester als
Kammerdame bei der Königin placiert, verheiratete sie sodann an den
Vizekönig von Mexiko, den Marchese Branciforte und wurde nun selbst
Grande von Spanien mit dem Titel eines Herzogs von Alcadia und Ritter
des goldenen Fließes, das der schwache König dem Geliebten seines Weibes
selbst umhing. Dieser ernannte ihn auf der Königin Verlangen auch zu
ihrem besonderen Hof- und Ehrenkavalier sowie zum Chef aller spanischen
Garden, dann zum allmächtigen Premierminister und Generalkapitän aller
spanischen Truppen, und nach dem Baseler Frieden erteilte er ihm noch
den Titel eines _Principe de la Paz_. Aber auch mit zeitlichen Gütern
wurde dieser unerhörte Glückspilz von seinen hohen Gönnern reichlich
versorgt, und man schenkte ihm Herrschaften, die Hunderttausende von
Piastern eintrugen, wozu noch die großen Gehälter aller seiner Stellen
kamen. Nachdem er durch die Heirat mit der Tochter des Infanten Anton
ein Mitglied der königlichen Familie geworden war, wurde er auch noch
Großadmiral aller Flotten Spaniens, ja man schuf noch eine eigene Stelle
für ihn, nämlich die eines Generalissimus der ganzen spanischen Land-
und Seemacht und eines Reichskonsulators. Jedoch schien es, als habe das
Schicksal oder vielmehr die Königin noch nicht das ganze Füllhorn ihrer
Gunst an diesen Menschen verschwendet. Denn es befahl nun eine
Verordnung, daß man dem Friedensfürsten ganz gleiche Ehrenbezeugungen
wie dem König selbst zu erweisen habe; sein Hochmut hatte jetzt keine
Grenzen und wurde unerträglich. Dabei übte er einen solchen Nepotismus
zugunsten seiner Verwandten aus, daß diese bis in den zehnten
Verwandtschaftsgrad die einträglichsten Stellen des Reichs, ohne alle
Rücksicht auf Fähigkeiten und Verdienst, erhielten. Daß ein solches
Verfahren den Adel sowie das Volk aufs höchste empören mußte und viele
Versuche gemacht wurden, des unwürdigen Günstlings Gewalt zu beschränken
und seiner Allmacht ein Ende zu machen, war sehr natürlich, aber die
Urheber solcher Versuche mußten sie durch Verbannung, Kerker und Galeere
büßen. Es kam endlich so weit, daß der ebenfalls von dem hochmütigen
Favoriten mißhandelte Prinz von Asturien, Ferdinand selbst, nicht nur
einer Verschwörung gegen denselben beitrat, sondern sich sogar an die
Spitze der Verschworenen stellte. Godoï entdeckte aber die Sache, noch
ehe sie zum Ausbruch kam, und hatte die Frechheit, den Thronerben bei
dessen Eltern des Hochverrats anzuklagen und auf dessen strenge
Bestrafung zu dringen. Der Kronprinz wurde verhaftet und mußte seine
Eltern und deren Favoriten um Verzeihung und Gnade bitten. Es wurde ihm
zwar verziehen, aber diese Verzeihung öffentlich und zwar auf eine
schonungslose Weise und in harten Ausdrücken bekannt gemacht, zugleich
wurden auch die Umgebungen des Prinzen und sogar dessen Erzieher, der
Kanonikus Escoiquitz und der Herzog von Infantado, auf fünfzig Meilen
von Madrid verbannt. Als nun durch den Einmarsch der Franzosen in
Spanien die Gemüter aufs neue angeregt wurden, glaubte Ferdinand, der
die erlittenen Kränkungen nicht vergessen hatte, und sein Anhang den
rechten Zeitpunkt gekommen, den verhaßten Günstling samt seinen
Beschützern zu stürzen und wurde bei diesem Versuch vom gesamten Volk
unterstützt. Nur mit unsäglicher Mühe war es den Garden gelungen, der
königlichen Familie nach Aranjuez folgen zu können, da sich die
Volkshaufen diesem Vorhaben mutig widersetzt hatten. Auch wurden sie auf
ihrem nächtlichen Marsch dahin mehrmals angegriffen, ohne daß man
herausbringen konnte, von wem diese kühnen Angriffe eigentlich geleitet
wurden, und kaum konnten sich die Königin und ihr Günstling über ein
solches Attentat beruhigen, als einige Tage darauf, den 19. März, eine
Masse Volk und Bauern nach Aranjuez strömte, um da ein Seitenstück zu
der Geschichte vom 5. und 6. Oktober 1789 in Versailles zu liefern. Sie
begrüßten die Königin laut mit dem Titel: »Hure eines infamen Nickels«
und forderten Godoïs Kopf. Die Garden, die sie schützen sollten, traten
nun auf einmal und ganz unerwartet auf die Seite des Volks über und
prügelten sogar ihren Obersten, einen Bruder Godoïs. Jetzt flüchtete der
sich in Todesängsten befindende Friedensfürst, so feige als
niederträchtig seine königlichen Beschützer im Stich lassend, nur noch
darauf bedacht, das eigene kostbare Leben zu retten, in seinen Palast
und verkroch sich in den verborgensten und geheimsten Winkel desselben.

Der König erließ, nachdem er eine projektierte Flucht über das Meer und
nach Amerika hatte aufgeben müssen, eine Proklamation an seine
vielgeliebten und getreuen Untertanen, in der er sie zu trösten suchte
und versicherte, daß es durchaus nicht seine Absicht gewesen sei, Madrid
oder Aranjuez zu verlassen, sondern daß er in der Mitte seines teuren
Volkes verweilen wolle, und versprach in kurzem mit Hilfe seiner
getreuen Alliierten dem Land den Frieden wiederzugeben. Diese Worte
mußten um so weniger Glauben finden, als die gemachten Anstalten einer
Abreise der königlichen Familie durchaus noch nicht kontremandiert
worden waren, auch ging das Gerücht, daß schon ganze Wagen voll
Silbergeräte nach Andalusien abgegangen seien. Godoïs Mätresse, eine
gewisse Donna Pepe Tudo, die Tochter eines spanischen Offiziers, die
erst kürzlich zu einer Gräfin von Castillo Fiel gestempelt worden war
und von der er zwei Kinder hatte, war mit Diamanten beladen entwischt.
Das Volk brach nun in des verhaßten Favoriten Wohnung ein, schlug alle
Türen, Fenster und Mobilien entzwei und wurde wütend, als es den
Gegenstand seines Hasses nicht finden konnte; doch respektierte es
dessen Gattin als eine Prinzessin von königlichem Geblüt und führte sie
auf das Schloß des Königs. Um die aufgebrachte Menge einigermaßen
zufrieden zu stellen, entsetzte der Monarch den Friedensfürsten seiner
Stelle als Großadmiral und Generalissimus und erklärte, selbst den
Oberbefehl über die Land- und Seemacht nehmen zu wollen; auch hatte er
versichert, daß sich die Truppen seines teuren Verbündeten, des Kaisers
Napoleon, nur in freundlichen Absichten näherten, um das beabsichtigte
Ausschiffen des gemeinschaftlichen Feindes zu hintertreiben. Als man in
Madrid die Vorgänge von Aranjuez erfahren, erscholl auch hier der Ruf:
»_Meur e Godoï._« Die Szenen von Aranjuez wiederholten sich, das Volk
drang auch dort in den Palast des Favoriten sowie in die Wohnungen
seiner Mutter, seiner Geschwister und seiner bekanntesten Anhänger,
zertrümmerte daselbst ebenfalls Fenster und Möbel und zündete mit den
letzteren ein Freudenfeuer in den Straßen an, plünderte mehrere Hotels,
auch das des Finanzministers, und bei diesem Tumult und all diesen
Unordnungen blieben die Schweizerregimenter in spanischem Sold ruhige
Zuschauer, allerdings das beste, was sie tun konnten; denn das Übel wäre
sonst nur ärger geworden, und es hätte ihnen leicht ergehen können wie
ihren Landsleuten am 10. August 1792 in Paris.

Ferdinand hatte sich unterdessen zu Aranjuez an die Spitze des
Aufstandes gestellt, sein Vater, Karl IV., hatte zu seinen Gunsten der
Krone entsagt und sich dabei feierlich und auf das dringende Ersuchen
der Königin als einzige Bedingung die Lebensrettung des teuren
Friedensfürsten vorbehalten, der noch immer im Palast Villa Vicciosa zu
Aranjuez schon seit sechsunddreißig Stunden in Todesangst und ohne
irgend Speise noch Trank zu sich nehmen zu können, unter Matten
versteckt lag. Nur ein einziger ihm treu gebliebener Diener wußte sein
Versteck, wurde aber, als er für seinen halbverhungerten Herrn einige
Lebensmittel holen wollte, vom Volk erkannt und angehalten, dem er, um
sein Leben zu retten, den Aufenthalt Godoïs entdecken mußte. Man fand
diesen auf einem Boden unter den Matten, zerrte ihn hervor, überhäufte
ihn mit Schimpfworten und Schlägen, und nur durch die größten
Anstrengungen gelang es den herbeieilenden Garden, ihn der Wut des
erbitterten Volkes zu entreißen und ihm das Leben zu retten, während man
fortfuhr, Steine gegen ihn zu schleudern. Um ihn in Sicherheit zu
bringen, mußte man ihn schnell in einen Stall werfen und in demselben
mit Stroh zudecken. Das Volk drang indessen ungestüm auf seine
Auslieferung, und man war im Begriff, diesem Begehren zu willfahren, als
zum Glück Godoïs der Prinz von Asturien, Ferdinand, hinzukam, jetzt wohl
der einzige Mensch, der ihn zu retten imstande war. Schon bluttriefend,
stürzte sich der Elende zu den Füßen desjenigen, dem er Krone und Leben
hatte rauben wollen, redete ihn mit »Eure Majestät« an und bat in den
jämmerlichsten Tönen flehend um Gnade. Ferdinand hatte seinem Vater
dessen Erhaltung versprochen; er beruhigte das Volk, indem er demselben
versprach, es solle die strengste Gerechtigkeit gegen Godoï geübt
werden, den er sodann mit einer starken Bedeckung gefangen abführen
ließ. Er wurde auch sofort in ein Gefängnis gebracht, vor welchem sich
große Volkshaufen sammelten und unaufhörlich Schmähungen und
Verwünschungen ausstießen. Als jetzt des alten Königs Abdankung
zugunsten seines Sohnes bekannt wurde, besänftigte sich das Volk
endlich, und die Ruhe kehrte zurück.

Ferdinand erließ nun ein Dekret an den Rat von Kastilien, wodurch alle
Güter, Mobilien und Effekten des sogenannten Friedensfürsten konfisziert
werden sollten, wo sie sich auch immer vorfinden würden, kündigte dem
Volk an, daß er sich nach Madrid begebe, um Ruhe und Ordnung
herzustellen, und daß es seinen Verordnungen gegen Godoï volles
Vertrauen schenken möge. Den Herzog von Infantado ernannte er zum
Obersten der Garden und rief alle seine verbannten Anhänger zurück.

Unglaublich ist es, welche Freude die Nachricht von dem Sturz Godoïs in
ganz Spanien hervorbrachte; wir sahen die Leute wie toll umherspringen,
ausgelassen auf den Straßen jubeln und laut aufschreien. In mehreren
Städten wurde sogar ein Tedeum deshalb angestimmt, und man veranstaltete
öffentliche Feste. Die Büste oder das Bild des Verhaßten wurden beinahe
an alle Galgen genagelt oder auf die Schindanger geworfen, Freudenfeuer
loderten auf allen öffentlichen Plätzen, und man sprang und tanzte um
dieselben. Unter den tausend Gerüchten, die jetzt zu seinem Nachteil in
Umlauf gesetzt wurden, verbreitete man auch eines, welches besagte, er
habe die Franzosen ins Land gerufen, um sich mit deren Hilfe selbst zum
König von Spanien zu machen. Ferdinand hatte sich noch am Tage der
Abdankung seines Vaters als König proklamieren lassen und hoffte und
erwartete jetzt, von Mürat beschützt zu werden, wiegte sich deshalb in
einer gefährlichen Sicherheit, welche die meisten seiner Räte teilten,
da sie glaubten, Napoleons Politik heische es sogar, den jungen König
anzuerkennen und in Schutz zu nehmen, der jetzt wiederholt um eine
Gemahlin aus Napoleons Händen und von dessen Verwandtschaft bat. So
hinsichtlich der Absichten des französischen Herrschers vollkommen
ruhig, nahm Ferdinand auch nicht die mindesten Vorsichtsmaßregeln, ja
die spanischen Truppen wurden zum Teil noch zur Disposition Jünots
gestellt, und drei spanische Granden, die Herzoge von Medina Cöli, von
Frias und der Graf Fernandes Nunez, wurden Napoleon, den man in Spanien
erwartete, entgegengesandt, ihn zu bewillkommnen und ihm zugleich
Ferdinands Thronbesteigung anzukündigen.

So standen ungefähr die Sachen, als wir in Madrid ankamen und den Tag
darauf der junge König in der Hauptstadt einrückte. Jetzt aber nahm
schnell alles eine andere und fast jedermann unerwartete Wendung.

Mürat, der Augenzeuge der Anhänglichkeit des Volkes an Ferdinand gewesen
war und eine neue Gärung befürchtete, ließ immer mehr Truppen nach
Madrid und in die Umgegend kommen. Die Begebenheiten zu Aranjuez und
ihre Folgen hatten Napoleon einen großen Strich durch die Rechnung und
alle seine Kombinationen zu nichte gemacht, so daß er genötigt war,
seine Pläne zu ändern und ganz andere Anordnungen zu treffen. Am
erwünschtesten wäre ihm eine Flucht der königlichen Familie nach Amerika
gewesen, zu der er gerne die Hände geboten hätte, weil ihm alsdann, so
glaubte er wenigstens, das verwaiste Spanien, das er zuerst seinem
Bruder Lucian zugedacht hatte, von selbst zugefallen wäre. Als er die
Begebenheiten erfuhr, die seine Projekte so durchkreuzten, ging all sein
Trachten dahin, den durch die Anhänglichkeit des Volkes und der Truppen
auf den spanischen Thron erhobenen Prinzen möglichst bald wieder
herabzustürzen; daher auch das zweideutige Benehmen Mürats und der
französischen Generale zu Madrid. Um das beabsichtigte Bubenstück
vollbringen zu können, suchte Napoleon Karl IV. und dessen Sohn vor
seinen Richterstuhl zu ziehen, indem er sich selbst zum obersten
Schiedsrichter der Vorfälle in Aranjuez aufwarf, was bei der großen
französischen Heeresmacht, die bereits auf spanischem Boden stand, wohl
zu bewerkstelligen war. Wir sowohl als die Spanier erwarteten den Kaiser
jeden Tag in Madrid, aber vergeblich; er hielt es für ratsamer, und es
war allerdings seinen Zwecken weit dienlicher, die ganze königliche
Familie nach Bayonne zu locken, wo er sein Urteil zu fällen beschlossen
hatte. Hätte Ferdinand damals die französischen Journale gelesen, die
ihn als einen ungehorsamen und verbrecherischen Sohn schilderten und nur
Karl IV. als König von Spanien anerkannten, so würde er schwerlich so
leicht in die gestellte Falle gegangen sein, doch ist es kaum zu
begreifen, wie ihm Mürats Benehmen zu Madrid nicht die Augen geöffnet,
denn er hatte ja Karl IV. und seine Gattin durch einen hohen Offizier zu
Aranjuez noch als Souverän Spaniens bekomplimentieren lassen, worauf sie
sich nach San Lorenzo begaben. Zugleich hatte sich ein Briefwechsel
zwischen Mürat und den alten Majestäten entsponnen, dessen Zweck war,
Godoï dem Wohlwollen Napoleons und dessen Leutnant zu empfehlen. Man
begehrte sogar französische Garden zu dessen Schutz, die sofort
bewilligt wurden, auch verhinderte Mürat die Abführung des alten Königs
nach Badajoz, wohin ihn die neue Regierung samt seiner Gemahlin
verwiesen hatte. Mürat benahm sich indessen so, daß niemand das
Schicksal, das dem jungen König zugedacht war, vermuten konnte, sondern
jedermann deshalb in Zweifel war. Die Königin von Hetrurien, die damals
auch in Madrid war, wollte dieser Ungewißheit _à tout prix_ ein Ende
machen und veranstaltete zu dem Zweck, daß sich Ferdinand und Mürat bei
ihr persönlich trafen, eine Assemblee. Beide hatten die Einladung
angenommen. Der Großherzog von Berg mochte etwa schon eine Viertelstunde
anwesend sein, als man mit einem Male den jungen König von Spanien
meldete. Mürat, der sich damals noch mit der Hoffnung trug, daß sein
kaiserlicher Schwager den Thron von Spanien ihm bestimmt habe -- ein
Thron war ihm jedenfalls versprochen --, nahm fast gar keine Notiz von
dem eintretenden Fürsten, der es nun auch nicht wagte, ihn anzureden,
oder vielleicht glaubte, sich dadurch etwas zu vergeben. Ihre ganze
Begleitung hatte sich in Seitengemächer verloren, und beide fanden sich
plötzlich in einem Salon allein mit der Königin von Hetrurien, die, um
sie zu nötigen, miteinander zu sprechen, ebenfalls in ein Nebenzimmer
trat und daselbst an einem Klavier phantasierte; aber Ferdinand, in der
größten Verlegenheit, eilte, seiner Schwester zu folgen, und Mürat, dem
das Geklimper wenig Vergnügen zu machen schien, entfernte sich bald
darauf, ohne daß beide ein Wort miteinander gewechselt hatten. So
erzählte man sich diese sonderbare Zusammenkunft damals in Madrid, und
so hörte ich sie von dem Adjutant-Kommandanten Monthiou bestätigen.

Ferdinand fuhr indessen fort, sich dem Volk täglich mehrmals zu zeigen,
und ritt oder fuhr fast ohne Begleitung durch die Straßen von Madrid, wo
er immer mit Vivatgeschrei empfangen wurde. Er tat alles, um sich
Napoleon und den Franzosen angenehm zu machen; wir wurden fast im
Überfluß mit Lebensmitteln versehen, den französischen Offizieren wies
man in der Oper und anderen Theatern besonders ausgezeichnete Plätze an,
und da Mürat geäußert hatte, daß der Kaiser den Degen Franz I., der seit
der Schlacht von Pavia in der _Armeria real_ aufbewahrt wurde, gerne
hätte, ließ ihn Ferdinand sogleich durch den Grafen Altemira an Mürat
mit den Worten übergeben, daß er sich in keinen Händen besser als in
denen des Helden des Jahrhunderts befinden könne. Der Großherzog von
Berg, der unterdessen von seinem Schwager weitere Instruktionen bekommen
hatte, gab nun dem jungen König zu verstehen, daß es der Kaiser gerne
sehen würde, wenn ihm der Infant Don Carlos, Ferdinands Bruder, bis an
die Grenzen des Reichs entgegenkäme. Als er dazu seine Einwilligung gab,
ließ ihn Mürat bald darauf durch den französischen Gesandten Beauharnais
wissen, daß, wenn sich der König Ferdinand entschlösse, Napoleon in
eigener Person entgegen zu kommen, dies derselbe sehr hoch aufnehmen und
es von dem größten Nutzen für Ferdinands Sache sein würde. Mürat
bestätigte selbst die Versicherungen des Gesandten, und der junge König,
noch ohne Antwort auf das Schreiben, durch welches er Napoleon seine
Thronbesteigung angezeigt hatte, was ihn doch etwas beunruhigen mochte,
schwankte noch zwischen Tun und Lassen, als der General Savary,
Napoleons Adjutant, mit dem geheimen Auftrag zu Madrid ankam, Ferdinand
zu der Reise nach Bayonne zu bewegen. Savary spielte den Fuchs und
verbarg unter einer scheinbaren militärischen Offenherzigkeit den
eigentlichen Zweck seiner Sendung, indem er sich stellte, als sei er nur
gekommen, um den neuen König zu beglückwünschen, und machte diesen
glauben, daß seine Gesinnungen gegen seine Eltern ganz mit denen des
Kaisers übereinstimmten, daß derselbe die Vorfälle in Aranjuez insgeheim
genehmige und ihn sicher als König von Spanien anerkennen werde. Dies
alles ließ Savary nur so wie von ungefähr fallen. Er hatte nicht einmal
ein Beglaubigungsschreiben aufzuweisen, dabei versicherte er, daß sein
Herr bald zu Bayonne eintreffen würde, um sich von da nach Madrid zu
begeben. Mürat und Beauharnais stimmten in Savarys Ton ein, ohne noch zu
wissen, was Napoleon eigentlich beabsichtige. Um diesen Aussagen noch
mehr Wahrscheinlichkeit zu geben, ließ man schon Wagen mit Effekten des
Kaisers über die Grenze gehen, auf allen Poststationen Relais bestellen
und reitende Garden zu seiner Bedeckung auf denselben verteilen. Es war
sogar schon ein kaiserlicher Furier zu Madrid angekommen, der die
Wohnung, die in dem königlichen Palast für seinen Herrn bestimmt wurde,
besah, sogar die Badeanstalten in demselben anordnete, so daß nun
niemand mehr die demnächstige Ankunft Napoleons bezweifelte. Savary
fand, daß es jetzt Zeit sei, dem König die Zumutung, seinem Kaiser
entgegenzureisen, zu wiederholen, da derselbe bereits von Paris
abgegangen sei, was auch wirklich der Fall war, und wenn sich Ferdinand
eile, so müsse er in Burgos mit ihm zusammentreffen. Nachdem dieser noch
eine Unterredung deshalb mit Beauharnais gehabt, der natürlich mit
Savary in ein Horn blies, entschloß er sich zur Abreise, obgleich er
wußte, daß Mürat noch fortwährend mit seinen Eltern im Briefwechsel
stand. Wir alle wunderten uns nicht wenig über diesen Entschluß, da
selbst mehrere französische Generäle sich geäußert hatten: »Der wird
schwerlich zurückkehren.« Aber Ferdinands Räte schienen blind, wie ihr
Herr, und fürchteten die Rückkehr des alten Königs und Godoïs, weshalb
sie sich nur unter Napoleons Schutz sicher glaubten, und äußerten, es
sei eine Beleidigung, einen so großen Helden eines heimtückischen
Schurkenstreichs fähig zu halten.

In Begleitung Savarys und seiner vertrautesten Ratgeber reiste Ferdinand
den 10. April von Madrid ab. Auf der ganzen Route erwiesen ihm die
französischen Truppen die militärischen Ehrenbezeugungen. In Burgos
angelangt, wußte man noch nichts von Napoleons baldigem Ankommen; man
ging nun nach Vittoria ab, wo es ebenso war. Hier aber übergab Savary,
der unterdessen vorausgeeilt und wieder zurückgekommen war, dem hohen
Reisenden ein Schreiben seines Herrn, in welchem ihm jedoch der Titel
Majestät nicht gegeben wurde. Es enthielt sogar Verweise wegen der
Vorfälle in Aranjuez, und Napoleon sprach sich bestimmt als
Schiedsrichter über die Angelegenheiten der königlichen Familie aus.
Trotz aller Versuche, die man zu Vittoria machte, dem Prinzen endlich
die Augen zu öffnen und ihn zu bewegen, nicht weiter zu gehen, und trotz
aller Warnungen, die ihm jetzt von mehr als zwanzig Seiten zukamen,
indem man ihm sogar das Anerbieten machte, ihn durch einige tausend
spanische Zollwachen mit Gewalt aus den Händen der Franzosen zu
befreien, im Fall dies nötig sein würde, oder ihn als Maultiertreiber
verkleidet in Sicherheit zu bringen, erklärte er dennoch weiter reisen
zu wollen, und zwar bis auf französisches Gebiet. Das Volk, besser
beraten, wollte ihn nicht fortlassen, schnitt die Stränge an seinem
Wagen ab, und es fehlte wenig, so wäre es zum Handgemenge mit den
französischen Truppen gekommen, die unter dem Gewehr standen. Trotz
alledem ging Ferdinand über die Bidassoa und nach Bayonne, wo sein
Bruder schon angekommen war, seine Eltern bald eintrafen, und wo man ihm
anfänglich das Königreich Hetrurien für die Krone von Spanien bot.

Zu Madrid hatte unterdessen Mürat die Freilassung Godoïs von der
daselbst seit Ferdinands Abreise eingesetzten Junta durch Drohungen
ertrotzt, und er wurde den Franzosen übergeben, die auch ihn nach
Bayonne sandten. Nun protestierte der alte König gegen seine Abdankung,
als durch Aufruhr erzwungen, und Mürat schickte ihn vier Tage später mit
der Königin Marie Louise ebenfalls nach Bayonne.

Wir waren indessen in Madrid nicht auf Rosen gebettet, wenigstens waren
diese dornig und stachlich genug. Ich hatte mir jedoch, nachdem ich
zweimal gewechselt, eine ziemlich angenehme Wohnung zu verschaffen
gewußt, in der sich nicht weniger als fünf junge und hübsche
Frauenzimmer befanden, von denen noch drei ledig und zwei ausgezeichnete
spanische Schönheiten waren. Leider blieb mir gar zu wenig Zeit übrig,
denselben gehörig zu huldigen; aber dennoch und trotz des sich schon
allenthalben äußernden Franzosenhasses gelang es mir, in nähere
Berührung mit zwei Schwestern zu kommen, von denen die eine, Donna
Calvanillas, verheiratet, die andere aber, Señora Rosa Maria, noch ledig
war. Beide besuchten jeden Tag die ehemalige Jesuitenkirche St. Isidor,
die sich in der Nähe ihrer Wohnung befand. Wenn es mir möglich war,
begab ich mich zur selben Stunde in diesen Tempel, wo ich weit mehr als
im Haus selbst Gelegenheit hatte, mit den Damen bekannter zu werden.
Meine Aufmerksamkeit wurde bemerkt und, wie es mir schien,
nicht mit ungünstigen Augen. Ich schrieb nun mit Hilfe eines
spanisch-französischen Wörterbuchs und einer solchen Sprachlehre ein
Billettchen in spanischer Sprache, in welchem ich es versuchte, so
lebhaft als möglich den Eindruck zu schildern, den diese kastilischen
Schönheiten auf mein Gemüt gemacht. Während sie knieten und ihre Gebete
herplapperten, stellte ich mich seitwärts und vor die frommen
Schwestern, so daß ich sie im Auge hatte, und als ich sah, daß sie mich
bemerkten und manchmal zu mir herüberschielten, hielt ich das Briefchen
zwischen den Fingern der rechten Hand, so daß sie es gut sehen konnten,
beobachtete auch, wie die eine die andere anstieß und beide dann leise
miteinander sprachen. Ich suchte ihnen jetzt durch Zeichen zu verstehen
zu geben, daß das Briefchen für sie bestimmt sei; an ihrem Erröten
erkannte ich, daß sie mich wohl verstanden haben mußten, und beide
hüllten sich tiefer in ihre Mantillas, was ihre Reize noch erhöhte. Als
sie die Kirche verließen, kam ich ihnen schnell zuvor und stellte mich
an den Eingang derselben, ihnen beim Heraustreten das Billettchen
hinhaltend, beide glitten jedoch an mir vorüber, ohne Notiz davon zu
nehmen, aber meinen Gruß erwidernd; sie schritten langsam voran, eifrig
miteinander sprechend. Ich folgte ihnen in geringer Entfernung, hustete
mehrmals, plötzlich drehte sich die eine der Damen um, ging mir ein paar
Schritte entgegen, nahm mir mit zur Erde gesenkten Blicken das Billett
schnell ab und eilte zu ihrer Schwester zurück. Im Hause sah ich sie
diesen Tag nicht wieder, obgleich ich mir alle Mühe deshalb gab, aber
den anderen Morgen traf ich sie in der Kirche und kniete hinter ihnen an
einem Seitenaltar, sie bittend, mich mit einer Antwort zu beglücken.
Ohne mich anzusehen, wurde mir erwidert, ich möge ihnen bei dem Ausgang
folgen. In Spanien und namentlich in Madrid dienen die Kirchen noch weit
mehr als in Italien zu verliebten Rendezvous, ja die Heiligkeit des
Ortes hindert nicht, daß man sich nicht selten, an den Altarstufen
kniend, küßt.

Als die Donnas nach kurzem Gebet aufstanden und sich entfernten, gab mir
die, welche mir das Billett abgenommen, nochmals ein Zeichen, ihnen zu
folgen. Sie gingen nun durch verschiedene Kreuz- und Querwege, durch
enge und abgelegene Straßen in eine Calle (Gasse) unweit des Plazuela de
la Costanillas, wo sie in ein kleines Haus traten, an dessen Tür sie ein
wenig warteten, bis auch ich um die Ecke der Gasse gekommen war und
sehen konnte, wo sie eintraten. Man gab mir nochmals einen Wink mit der
Hand und verschwand. Ich folgte; eine alte Sybille empfing mich an der
Haustür und führte mich durch ein kleines Vorzimmer in ein zweites, wo
ich meine beiden Schönen traf. Ich war etwas verlegen, welcher von
beiden ich ewige Liebe und Treue schwören sollte, denn das Billett, in
dem ich am Schluß auf das dringendste um eine baldige Zusammenkunft
gebeten hatte, da ich nicht wissen könne, wieviel Stunden ich noch in
Madrid zubringen würde, hatte keine Aufschrift gehabt, Donna Calvanillas
aber war es, die es mir abgenommen hatte. Ich war wirklich in einer
seltsamen Lage, nicht wissend, welcher ich jetzt eine Liebeserklärung
machen sollte. Rosa Maria wäre mir als Mädchen allerdings die liebste
gewesen, aber mit der Verheirateten war schneller zum Ziel zu kommen,
wenigstens war dies meine Meinung, und es war die richtige. Die Damen
schienen meine Unentschlossenheit zu bemerken, und nachdem ich einige
spanische Artigkeiten, so gut ich es vermochte, mit italienischen
vermischt, gesagt, ging Rosa Maria an ein Fenster des Vorzimmers, die
Straße oder den Himmel beschauend und mich mit der Schwester ungestört
allein, aber doch die Tür offen lassend. Die Unterhaltung mit der
Zurückgebliebenen war an Worten karg und einsilbig, denn wir hatten zu
große Mühe, uns zu verständigen, dagegen war sie desto beredter durch
Blicke und Mienen, und bald lag die Donna in meinen Armen. Ich bemerkte
indessen, daß sich das schwarze Köpfchen der Schwester einigemal an der
offen gebliebenen Tür des Vorzimmers zeigte, wohin die Senora auf den
Zehen geschlichen war, und neugierige Blicke auf uns warf. Dies hielt
mich jedoch nicht ab, an die in den Armen habende Donna die zärtlichsten
Liebkosungen zu verschwenden und sie endlich einzuladen, sich mit mir
auf die nicht sehr schwellenden Polster einer Art Sofa niederzulassen,
wo wir eine halbe Stunde, im Entzücken schwelgend, hinbrachten. Jetzt
rief meine Donna auch Rosa Maria wieder ins Zimmer. Nun hatte ich bald
eine Schwester in jedem Arm, und der Schäfereien und Tändeleien wurden
mancherlei getrieben. Nachdem man sich endlich satt und matt geküßt und
die liebenswürdigen Schönen wohl hundertmal »_Corazon! Corazon!_«, den
Lieblingsruf der entzückten Spanierinnen, hatten hören lassen, den ich
immer mit einem: »_Carissima, bellissima!_« beantwortete, denn an eine
zusammenhängende Unterhaltung war nicht zu denken, da ich nicht den
zehnten Teil von dem verstand, was mir die lieben Kinder vorschwatzten,
so machten wir endlich Anstalt, uns zu entfernen. Nur soviel hatte ich
herausgebracht, daß das Haus, in dem wir waren, einer alten Amme der
beiden Senoras gehörte, und daß ich mich hüten müsse, sie ferner in
unserer Wohnung, auf der Straße oder auch in der Kirche anzusprechen,
indem der _Cortejo_ (ungefähr das, was ein Cecisbeo in Italien ist) der
Donna Calvanillas, ein ältlicher geistlicher Herr, sie sorgsam bewache.
Dagegen könnten wir uns jede Woche einigemal ohne alle Gefahr in der
Wohnung der alten Amme sprechen, vielleicht auch bei einer _Refrescos_
oder _Tartulia_ (ersteres sind Nachmittagsgesellschaften, bei denen
farbiges Eiswasser, Schokolade, Sorbetti, Gefrorenes, Konfitüren und
allerlei Zuckerwerk in großer Profusion gereicht und geplaudert wird,
die _Tartulia_ aber sind Abendgesellschaften, die recht munter und
unterhaltend sind, zu denen man gerne Fremde einladet und mit
zuvorkommender Artigkeit behandelt), die ihre Verwandten bisweilen in
ihrer Wohnung veranstalten, sie manchmal sehen, indem sie zu veranlassen
hofften, daß ich eingeladen würde. Nach einem zärtlichen Abschied
trennten wir uns in der Hoffnung, uns bald wieder hier zu treffen, was
aber nur noch einigemal der Fall und zuletzt mit Gefahr verbunden war.

Wenig Zeit blieb mir auch übrig, die Merkwürdigkeiten Madrids kennen zu
lernen, denn es verging jetzt beinahe kein Tag mehr, an dem es nicht
Alarm gegeben hätte.

Auch die Theater besuchte ich nur wenig, kaum ein halbes dutzendmal, da
mir der Dienst dies nicht öfter gestattete und ich mich auch langweilte,
indem ich die Sprache zu wenig verstand und meist nur _Tonadillas_ und
_Sayanetes_ gegeben wurden, in denen es sehr frei und ungeniert auf der
Bühne zuging und wollüstige Stellungen und sehr unanständiges Küssen
häufig vorkamen, was nicht hinderte, daß sich Geistliche und Kutten
jeder Farbe in Parterre und Logen blicken ließen und sichtbar ergötzten.
Auch die italienische Oper besuchte ich, fand mich aber wenig
befriedigt, da sie kaum mit den mittelmäßigsten Italiens konkurrieren
konnte. Die Theater waren nicht sehr besetzt; bei einem Stiergefecht
drängen sich die Spanier ganz anders hinzu.

Der Prado ist so ziemlich der einzige Spaziergang innerhalb der Stadt,
wozu man noch die Straße Alcala und Puerta del Sol rechnen kann, da auch
diese zum Spazierengehen benützt werden. Er ist aber der
unterhaltendste, den man sich denken kann, vielleicht der angenehmste
der Welt, und historisch merkwürdig. Er war von jeher auch ein
Rendezvous für verliebte Intrigen und Abenteuer, und die Romanschreiber
und Dichter Spaniens haben ihn weltberühmt gemacht. Bald waren es die
greulichsten Mordszenen, bald politische Komplotte, Verschwörung und
Verrat, die zu seiner Berühmtheit beitrugen. Er hat wenigstens
siebentausend Fuß im Umfang, eine breite Allee mit vielen Seitengängen
durchzieht seine ganze Länge, die Wagen fahren in der Mitte, die Seiten
sind für die Fußgänger bestimmt. Diese Promenade beginnt am Tor
Ricoletos, geht über die Straße Alcala, bis an das Tor Atocha, ein Weg
von beinahe einer Stunde. Der Zulauf ist hier außerordentlich. Die Damen
der höheren Stände besuchen ihn nur in Wagen, die zu Fuß Gehenden sind
meistens aus dem niederen Bürgerstande, schwarz gekleidet und mit der
beliebten Mantilla versehen, die nur eine Spanierin zu tragen versteht.

Kaffeehäuser gibt es zwar in großer Zahl zu Madrid, aber sie sind mit
denen in Frankreich und Italien nicht zu vergleichen, oft wahre
Spelunken, in denen man sehr schlecht bedient wird. Nicht viel besser
sind die Gasthöfe. -- Nirgends sind wohl die Nymphen der Freude so
verführerisch wie in Madrid. Man teilt sie in _Cortesanos_, _Majos_ und
_Muchachas_, von denen die ersten die vornehmsten, meist unterhaltene
Mädchen sind, die aber noch ihre Extraliebhaber nebenher haben. Die
_Majos_, wie die Loretten in Paris, wählen noch, die letzten aber sind
völliges Gemeingut. Sobald die Göttin der Nacht ihren Schleier
auszubreiten und die Dämmerung beginnt, schwärmen sie gleich Bienen und
Fledermäusen aus allen Gassen hervor, wobei sie Rosenknospen ähnliche
Mäulchen machen und ihr meist rabenschwarzes Seidenhaar zum Teil sehen
lassen. Öffnen sie den Mund, so zeigen sie zwei Reihen der schönsten
Perlenzähne. Ihr Wuchs ist in der Regel ätherisch schlank. Sie haben
immer ein recht frisches Aussehen und meist die verführerischesten
kleinen Füße, dabei eine wohltönende, melodisch-lockende Sirenenstimme.
Dennoch ließ ich mich nicht verlocken, obgleich ich mir die Ohren nicht
mit Baumwolle verstopft und scharfsehende Augen hatte. Die Geistlichkeit
und Mönche sind ihre besten Kunden, zahlen aber oft nur mit Absolution,
büßen aber nicht selten dafür durch abscheuliche Krankheiten.

Die Einwohner Madrids sind ein sehr lebenslustiges Volk. Besonders
heiter ist man des Abends und bis tief in die Nacht hinein, wo alle
Spaziergänge und öffentliche Orte mit Menschen angefüllt sind und man
sich auch im Freien zu Tartulias versammelt, sehr munter ist, und wo es
oft toll genug zugeht. Die Frauen sieht man selten ohne ihre Mantilla,
unter welcher sie die Basquina, ein langes schwarzseidenes Kleid tragen.
Namentlich sind in den Kirchen alle so gekleidet, und diese Tracht steht
denen, die schön gewachsen, was die meisten sind, bezaubernd. Auch haben
sie die schönsten Augen von der Welt, mit denen sie wahrhaft
durchbohrende Blicke zu schleudern verstehen. Der _Cortejo_ (Cicisbeo
oder Courmacher) der Damen ist meistens ein Kanonikus oder Geistlicher,
bisweilen auch ein Offizier, ein Verwandter des Mannes. Die ersteren
sind in der Regel schon bei Jahren, betrügen dennoch aber die Ehemänner,
die sie anstellen, nicht selten. Die machen gar oft den Bock zum
Gärtner, und je älter der Bock, desto steifer das Horn, heißt es bei
diesen gezwungenen Hagestolzen der Kutte. Die spanischen Damen haben
auch eine ganz besondere Liebhaberei an Papageien, Kakadus, Affen und
ähnlichen Tieren, die man an den Fenstern fast eines jeden nur
mittelmäßigen Hauses sieht. In den Nächten hört man, bis die
Mitternachtsstunde vorüber, Gitarren und Mandolinen auf allen Straßen
vor den Balkonen der Schönen erklingen, ein Gebrauch, den, wie diese
Instrumente selbst, die Mauren nach Spanien brachten. Der Fandango
ertönt allerorten und ist, von den reizenden üppigen Spanierinnen
aufgeführt, ein Tanz, der den Zuschauern alles Blut in Wallung treibt
und selbst in Wollust getaucht scheint. Der heilige Antonius selbst
würde, und wenn er auch zehn Jahre lang nichts als Wurzeln und Kräuter
gegessen und nur noch Haut und Knochen gewesen, diesem Versucher
schwerlich widerstanden sein. Ja der frömmste Büßer muß seine Buße zu
allen Teufeln wünschen, wenn eine junge, vollbusige, schlanke
Andalusierin diesen, alle Sinne verwirrenden Tanz mit ihrer
unwiderstehlichen, fast überirdischen Anmut aufführt.

Man erzählt sich, daß, als man einst von Rom, wo ein gichtbrüchiger
Papst auf Petri Stuhl saß, den Fandango bei Strafe des Kirchenbannes
verbieten wollte, ein vernünftiger Kardinal dem heiligen Vater die
richtige Bemerkung machte, man solle niemand, ohne gehört oder gesehen,
verdammen. Man ließ nun den verführerischen Tanz vor einer zu Richtern
über denselben bestimmten Versammlung von Kardinälen durch reizende
Spanierinnen aufführen. Aber kaum entfalteten die schönen Tänzerinnen
die Anmut ihrer Bewegungen, so verschwanden auch schon alle Falten der
gerunzelten Stirnen der alten Eminenzen, sie fingen mit Händen und Füßen
zu zappeln an, schlugen den Takt dazu, und die heilige Jury sprach den
Fandango einstimmig frei.

Aber das Vergnügen, welches der Fremde bei diesem Tanz empfindet, wird
zur Abscheu, wenn er einer Hauptergötzlichkeit der Spanier, einem
Stiergefecht beiwohnt, auf welches, _horribile dictu_, die Damen am
ärgsten versessen sind. Sie würden kein Opfer scheuen, selbst nicht das
ihrer höchsten Gunst, um einem solchen beiwohnen zu können. Das letzte
Hemd wird verkauft oder versetzt, um dieses Gelüst zu befriedigen, und
dann fährt man mit Grandezza auf den Plaza mayor.

In der Regel lebt man in Madrid ziemlich billig; aber teurer als
gewöhnlich war es während unseres Aufenthalts daselbst. Das Fleisch, mit
Ausnahme der Schweine, war nicht sonderlich, nur die Toledaner Hammel
sind nicht schlecht. Das Geflügel aber ist sehr gut und in großem
Überfluß. Früchte und Gemüse sind ebenfalls gut, werden aber
abscheulich, für Fremde oft ungenießbar zubereitet. Das Brot, pan
candial, ist ein wahres Kuchenbrot; aber die Feuerweine, wie Alikant,
Xeres, Canaries, _Vinos generos_, _Val de pennos_, _la Mancha_, müssen
einen Eisklumpen noch beleben, haben aber auch schon manchem
ungenügsamen Fremden das Grab geöffnet.

Die Spanierinnen haben fast alle sehr melodische Stimmen, so daß schon
ihre Rede fast wie lieblicher Gesang tönt. Ihre Sprache ist ein
glühender Liebeshauch, ihre Augen und Blicke unter den nie fehlenden
Schleiern erschüttern Mark und Bein und sind herzdurchbohrend. Dabei
sind sie galant und verliebt bis über die Ohren. Sie sehen die Fremden
sehr gerne, und wären die Franzosen als Freunde geblieben, so hätten sie
Spanien durch die Frauen und Mädchen erobert und gefesselt. Aber die
unglücklichen Ereignisse machten, daß später das französische Militär
fast in gar keine freundliche Berührung mehr mit den Einwohnern kam.
Freilich besitzt der Spanier wenig Liebenswürdigkeit, ist hochmütig,
gebieterisch und herrisch gegen das schöne Geschlecht, verrichtet dabei
aber alle Frauendienste, ein ungeheurer Abstand gegen den galanten
Franzosen, und dabei selten ein schöner Mann; in der Regel eher häßlich
zu nennen. Selbst sein Organ ist rauh und unangenehm und seine
Aussprache hart. Von der Mäßigkeit der Spanier im Essen und Trinken kann
man sich kaum einen Begriff machen: eine Familie von zehn Personen hat
oft genug an dem, was mancher Süddeutsche oder Schweizer allein zu sich
nimmt. Eine gesalzene Sardelle, ein Stückchen Knoblauch und trockenes
Brot, oder ein Ei und etwas Obst ist oft das ganze Mittagmahl. Eine
Wassersuppe mit Öl, ein Dutzend Schnecken, Schwämme und so weiter sind
schon Leckerbissen in den Dörfern.

Eine sehr große Rolle spielte zu jener Zeit noch der Aberglaube in ganz
Spanien und unter allen Ständen. Wahrsager, Schwarz- und Weißkünstler,
Hexenmeister gab es in jedem Dorf, und ganze Banden solchen Gesindels
streiften in dem Land umher, sich von der Dummheit der Einwohner
mästend. Die Barbiere sind ein entsetzlich geschwätziges Volk, höchst
zudringlich und auch bei galanten Abenteuern nützlich, aber ein Figaro
ist mir doch nicht unter ihnen begegnet, dagegen Gil-Blas und Sancho
Pansas genug.

In der Regel sind die Wohnungen der Spanier im Innern sehr kahl, haben
meistens eine schlechte Einrichtung. Große düstere Zimmer mit alten
Heiligenbildern verziert, zerlumpte Vorhänge, ebensolche Tapeten, einige
alte Sessel, einige Tische und Stühle, altmodische Spiegel, das war das
ganze Mobiliar eines selbst bemittelten Mannes. -- Der spanische Adel
ist auf sein Herkommen und seinen Stammbaum ebenso eingebildet und
dummstolz, als mancher hannoversche oder sächsische Kraut- und
Landjunker. Ein jeder _Hidalgos_, wenn er auch in Lumpen gehüllt ist und
kein ganzes Hemd mehr auf dem Leibe hat, besitzt doch gewiß seinen
wurmstichigen Stammbaum in seiner Dachkammer, oft der einzige Zierat,
oder besser der Unrat seiner hohen Wohnung. Dabei sind sie gegenseitig
so komisch komplimentenreich, daß man in Versuchung kommt, sie für
Policinellos zu halten. Die Don Ranudo de Colibrados sind noch lange
nicht ausgestorben und blühen in Spanien noch wie in Deutschland und
Italien. Seltener ist diese Schmarotzerpflanze in Frankreich, wo sie die
Lächerlichkeit nicht aufkommen läßt. Fast die Mehrzahl der Spanier liebt
das Zölibat, dagegen haben sie Mätressen zu halben Dutzenden, wenn es
ihre Umstände erlauben.

Der Ursprung Madrids ist gänzlich unbekannt. Aber ein großer Teil seiner
Bewohner behauptet in allem Ernst, daß die alten Griechen die Stadt
gegründet hätten, andere sagen, es sei das alte _Mantua Carpetanorum_.
Die ersten, einigermaßen zuverlässigen geschichtlichen Nachrichten hat
man aus den Zeiten, wo die Könige von Kastilien hier ein Schloß hatten,
das schon erwähnte, welches an der Stelle des heutigen neuen königlichen
Palastes stand. Philipp II. verlegte zuerst seine Residenz und seinen
Hof für immer hierher, nachdem sein Vater Karl I. (V.) schon einen
großen Teil seiner Zeit daselbst zugebracht hatte. Jetzt wurde die Stadt
immer bedeutender, kam schnell empor, wozu religiöse Feste, Autodafés
und Stiergefechte nicht wenig beitrugen. Die Autodafés waren eine
bittere und blutige Satire auf die christliche Religion und ihren
Stifter, und wurden oft nur gehalten, um dem Volk eine Unterhaltung zu
gewähren, die es zugleich mit Furcht und Schrecken erfüllen sollte. Da
wurden, um Fruchtbarkeit und gutes Wetter vom Himmel zu erlangen,
Ketzer, Zauberer und Hexen unter dem Jubel des unzähligen Pöbels aus
allen Ständen verbrannt. Den armen Sündern wurde vorher das Urteil in
den Kirchen verkündigt und ihnen noch eine recht erbauliche Bußpredigt
gehalten. Dann wurden sie auf den Plaza mayor geführt, wo man noch eine
Messe an einem Altar las, und sie hierauf in die hellodernden Flammen
des neben dem Altar errichteten Scheiterhaufens warf. Nun wurden noch
allerhand heilige Schnurrpfeifereien vorgenommen, das Volk mit
schmutzigem Weihwasser bespritzt, man kniete, betete, bekreuzigte sich
und streute zu guter Letzt die Asche der Verbrannten in alle Winde. Die
heilige Hermandad, ihre Henkersknechte -- die Inquisitionsrichter -- und
tausende von Pfaffen entfernten sich dann heulend und brüllend in
Prozession, und das erbaute Volk verlief sich nach allen Seiten. In fast
allen Kirchen Spaniens sieht man Abbildungen solcher, zur Ehre der
Dreieinigkeit und zur Schande der Menschen und ihrer Religion gehaltenen
Autodafés. Gewöhnlich sind sie am Hochaltar angebracht und recht
gräßlich gemalt. Da werfen die Schindersknechte einen zitternden Greis,
dort ein altes Weib, hier ein schönes Mädchen in die Flammen. Ihre Namen
liest man unter dem Gemälde. Noch in den achtziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts wurde eine hübsche junge Frau aus Sevilla verbrannt, weil
sie ein Verhältnis mit dem Teufel unterhalten, der ihr die Gabe der
Weissagung verliehen hatte. Trotzdem aber konnte sie ihr eigenes
Schicksal keinen Tag voraussehen. Noch später wurde ein Schneider, der
sich der Magie ergeben hatte, aus ganz besonderer Gnade zwar nur im
Bilde verbrannt, aber während dieser Operation in Natura blutig
ausgepeitscht, bis er selbst fast seinen Geist aufgab.

Bis zu den Zeiten Philipp V. hielt man noch Turniere, Ringelreiten und
dergleichen in Madrid und feierte namentlich ein Fest, >Die Belagerung
von Amors Schloß< genannt, im Wonnemonat jeden Jahres mit großem Pomp.
Der Plaza mayor war ebenfalls die Schaubühne desselben. Man erbaute auf
demselben eine große hölzerne, mit Festons geschmückte Burg, auf deren
Mauern allerlei Allegorien gemalt waren. Die schönsten Frauen und
Mädchen bildeten als Ritter und Knappen die Besatzung dieser Burg und
zeigten sich mit Kränzen und Blumen bewaffnet auf den Mauern, während
vor derselben von den Belagerern Quadrillen zu Pferd und zu Fuß
aufgeführt wurden. Hierauf gab eine sanfte Musik das Zeichen zur
Erstürmung der Feste, deren Verteidiger dieselbe nur durch das
Herabwerfen ganzer Körbe voll Blumen zu schützen versuchten. Die
Stürmenden aber ließen sich dadurch nicht abhalten, mutig
hinanzuklimmen, und wurden als Sieger mit Küssen und Kokarden von den
Schönen empfangen. Jetzt wurde ein Triumphzug zu Roß und zu Wagen durch
alle Hauptstraßen der Stadt, in denen Triumphbogen von Blumen errichtet
waren, gehalten, und von allen Balkonen bewarf man die Vorüberziehenden
ebenfalls mit Blumen. Musik, Gesang und Tanz währten die ganze Nacht
hindurch, in welcher die Stadt durchaus bis zum Anbruche des Tages
erleuchtet war.

Daß an einem Amorfest die Frauen den größten Anteil nehmen, ist sehr
natürlich. Aber daß sie es auch sind, die mit der größten Gier den
Stiergefechten nachlaufen, sich an dem Verbluten der gemarterten Tiere
ergötzen, mit Vergnügen die Wunden des gehetzten Tieres zählen, und
bedauern, daß es durch zu frühes Hinscheiden seine Leiden endet, und
dessen Mörder und Hetzhunde mit Beifall überschütten, ihnen, mit Händen
und Füßen tobend, zujauchzen, während der arme edle Stier mit dem
Wutschaum vor dem Maul niederstürzt und ein letztes, durch Mark und Bein
dringendes Schmerzgebrüll ausstößt, sich qualvoll in seinem Blute wälzt,
ist höchst unnatürlich. Die schönsten Opfer dieser Grausamkeit liefern
die andalusischen Wildnisse, in denen man die Stiere mit Hilfe
abgerichteter Kühe fängt und dann zu diesem Marterspiel aufbewahrt.
Selbst die sonst in Spanien so hoch, ja göttlich verehrten Päpste waren
so wenig wie die Könige des Landes imstande, diesem Greuel ein Ende zu
machen. Sobald von Abschaffung der Stierkämpfe die Rede war, drohte
jedesmal die ganze Nation sich zu empören, und man war genötigt, dem
guten Volk schnell wieder einige Hundert dieser Tiere zu opfern, um es
zu beruhigen und zu überzeugen, daß man ihm dieses Vergnügen nicht
rauben wolle.



                                  XI.

   Drohende Stimmung der Einwohner zu Madrid. -- Aufstand zu Toledo. --
       Der blutige Aufstand am 2. Mai zu Madrid. -- Wegnahme des
     Artillerieparks. -- Ich rette einem Insurgenten das Leben und
       werde dabei verwundet. -- Ein Renkontre mit Murat. -- Eine
    gefährliche Zusammenkunft. -- Abmarsch nach Toledo. -- Abmarsch
      über Madrid nach Aragonien. -- Unterwürfigkeit der Madrider
     Behörden und des Inquisitionsgerichts gegen die Franzosen. --
     Fast ganz Spanien im Aufstand. -- Die Junta zu Sevilla und die
    Provinzialjuntas erklären Frankreich den Krieg. -- Wir stoßen zu
                   dem Belagerungsheer vor Saragossa.


Seit Ferdinands Abreise von Madrid schienen alle spanischen Gesichter
ein ganz anderes Aussehen zu haben. Man blickte uns mit auffallend
finsteren Augen an, um so mehr, da man wußte, daß wir jetzt ganz auf
Spaniens Unkosten lebten und unterhalten wurden. Das Benehmen der
Krieger der großen Nation war im Gefühl ihrer bisherigen Siege ziemlich
arrogant, was zu öfteren Händeln Veranlassung gab, die zwischen den
Einwohnern und Soldaten vorfielen, in die sich aber das spanische
Militär durchaus nicht mischte, sondern ganz neutral verhielt. Auch
verschwand hier und da mancher französische Soldat, ohne daß man
herausbringen konnte, was aus ihm geworden war. Murat fuhr fort, Truppen
nach Madrid zu ziehen. Dupont wurde mit seinem Stab und einem Teil
seiner Division nach Aranjuez und die Umgegend verlegt. Der Rest hatte
unter dem Befehl Vedets Besitz von Eskurial genommen. Die dritte
Division lag noch bei Segovia und viele Bataillone biwakierten in
geringerer oder größerer Entfernung von der Hauptstadt. Das Gerücht, daß
Napoleon Ferdinand VII. nicht anerkenne, fand bald allgemeinen Glauben,
man erfuhr, daß in Toledo schon ein Volksauflauf stattgefunden habe, bei
dem sich die Anhänger des alten Königs und Godoïs flüchten mußten. Man
hatte dabei Ferdinands Bild im Triumph herumgetragen. Wer ihm begegnete,
mußte seine Knie vor demselben beugen und ihm ein Vivat bringen, wollte
er nicht von dem mit Säbeln, Spießen und Gewehren bewaffneten Volk
mißhandelt oder gar ermordet werden. Fünf Tage darauf marschierte Dupont
schon nach Toledo ab, wohin er sein Hauptquartier verlegte. Er fand
keinen Widerstand bei seinem Einzug, wie er gefürchtet und weshalb er in
Schlachtordnung vorgerückt war, sondern der Erzbischof, ein Bruder der
Gattin Godoïs, kam ihm mit dieser und einer Zahl Geistlichen entgegen.
Aber das Volk maß die Ankömmlinge mit finsteren, vielsagenden Blicken.

Wir standen jetzt in Madrid wie auf einem Vulkan, von dem alle Anzeichen
einen nahen Ausbruch verkündeten. Nur mit großer Mühe hatte man bei
Godoïs Freilassung einen Aufstand unterdrückt. Als man aber die
Gewißheit bekam, daß Ferdinand Spaniens Grenze überschritten und dessen
Vater gegen seine erzwungene Abdankung protestiert habe, da wurde die
Erbitterung allgemein und furchtbar. Die böse Stimmung der Gemüter war
nicht mehr zu verkennen und stieg aufs höchste, als sich übertriebene
Gerüchte hinsichtlich der Mißhandlung, die der vergötterte Ferdinand in
Bayonne erlitten haben sollte, in Madrid verbreiteten. Den ganzen Tag
standen Tausende um das Postgebäude, die von Frankreich kommenden
Kuriere und Briefe erwartend. Man teilte sich auf der Puerta del Sol,
dem Prado und an allen öffentlichen Orten und Plätzen Briefe mit, welche
die Vorfälle zu Bayonne mit den schwärzesten Farben schilderten. Wut und
Ingrimm machten sich auf den braunen spanischen Gesichtern bemerkbar,
und nur noch mit Mühe unterdrückten die Leute den Ausbruch ihres Zornes.

Es wurden nun allerlei Maßregeln von unserer Seite ergriffen, den
bevorstehenden Sturm zu beschwören und das Verbreiten schlimmer oder
falscher Nachrichten zu verhindern, aber vergeblich. Auch fing man die
Sache verkehrt an. Umsonst ritt Murat täglich zu verschiedenen Stunden
mit großem Prunk und glänzendem Gefolge durch die Straßen der
Hauptstadt, um sich dem Volke zu zeigen und es zu besänftigen. Diese
Ostentation hatte gerade die entgegengesetzte Wirkung. Das Volk hielt
sie für Hohn und glaubte, man spotte seiner. Man murrte laut, und nicht
selten ließ sich ein gellendes Pfeifen hören, wenn der Zug vorüberritt.
Murat war durch die ertrotzte Befreiung und Abführung Godoïs jetzt
ebenso verhaßt wie dieser geworden. In der peinlichsten Lage befand sich
jedoch die hohe Junta, welcher Ferdinand die Zügel der Regierung bei
seiner Abreise übergeben hatte, und die nicht mehr wußte, wer Koch oder
Kellner war, daher in dieser Verwirrung keinen Leitfaden finden konnte,
der ihr den rechten Weg gezeigt hätte. Auch wollte sie es mit keiner
Partei verderben. Die wenigen spanischen Truppen, die noch in Madrid
lagen, es waren kaum zweitausend Mann, wurden in den Kasernen
konsigniert, als die Gärung auf das höchste gestiegen war. Es gab jetzt
schon blutige Raufereien zwischen den Einwohnern und unseren Truppen.
Unsere Artillerie war sehr zahlreich in Buen Retiro aufgestellt, um im
Falle der Not jeden Augenblick bereit zu sein. In Madrid selbst stand
die kaiserliche Garde zu Fuß und zu Pferd, eine Division von der Linie,
eine Brigade Reiterei und so weiter. In Aranjuez und der Umgegend lagen
noch an dreißigtausend Mann. Als das Unwetter drohte, erhielten wir
Order, im Prado zu biwakieren. Das Kloster des heiligen Bernhard war mit
Soldaten angefüllt, die nicht aus den Kleidern kamen und Tag und Nacht
unter Gewehr standen, auf das geringste Alarmzeichen passend. -- Als
Murat nun dem noch in Madrid anwesenden Infanten Don Antonio mitteilte,
daß er von Karl IV. den Auftrag erhalten habe, die Königin von Hetrurien
mit ihrem dreizehnjährigen Sohne auch nach Bayonne zu schicken, da
erklärte die Junta, daß sie den letzteren nicht ohne den ausdrücklichen
Befehl des König Ferdinand abreisen lassen würde. Murat entgegnete, daß
er alle Verantwortung deshalb auf sich nehme, und bestimmte den 2. Mai
(1808) zum Tag der Abreise der Königin und ihres Kindes. Als dies in der
Hauptstadt bekannt wurde, setzten deren Einwohner alle noch bis jetzt
beobachteten Rücksichten beiseite und riefen laut in den Straßen die
infamierendsten Schmähungen gegen den Kaiser der Franzosen, aus dem sie
einen _picaro, un cobarde ladron_ machten. Da auch seit einigen Tagen
die Nachrichten aus Bayonne ausblieben, so vermutete man, daß daselbst
das Ärgste vorgefallen sein müsse, und sprach von Ermordung und
Vergiftung der beiden Prinzen, Don Ferdinand und Don Carlos, durch
Godoïs Einfluß. Auch die Weiber wurden nun wütend, und wo man eine
französische Uniform sah, murmelte man: _perro francés_. So war die
Stimmung am 2. Mai, und die ungeheure pulverschwangere Mine erwartete
nur den zündenden Funken, um alles zertrümmernd in die Luft zu sprengen.
Dieser Funke war die Abreise der Königin von Hetrurien. Die
vorhergehende Nacht stand die ganze Garnison unter dem Gewehr und starke
Patrouillen kreuzten in allen Richtungen. Dies hinderte nicht, daß sich
schon mit Tagesanbruch eine unermeßliche Menge Volk vor dem Palast
versammelte, den die Königin bewohnte. Unter diesen Haufen war eine
Menge Weiber aus den untersten Klassen und alle hatten drohende
Gesichter. Die Vorbereitungen zur Abreise wurden auf das schleunigste
betrieben, und es gelang, daß die Königin mit ihren Kindern noch vor
neun Uhr abfuhr. Noch waren die Wagen ihres Gefolges zurück, welche das
versammelte Volk für den Infanten Don Francisko bestimmt glaubte, der,
wie man versicherte, sich weigere, abzureisen, und in Verzweiflung sei.
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich dieses Gerücht unter den Massen,
worauf die Weiber laut zu heulen und zu schreien, die Männer aber zu
fluchen und zu schimpfen begannen und alle Verwünschungen gegen die
Franzosen ausstießen. Gerade in dem Augenblick, als die Erbitterung auf
das höchste gestiegen war, kam Murats Adjutant Lagrange aus dem Palast,
und eine Stimme rief laut: »Das ist der _picaro_, der den Infanten mit
Gewalt fortschleppen will!« Man umringt sogleich den Offizier, schimpft
und stößt ihn, er zieht den Degen, war aber am Unterliegen, als sich
eine Grenadierpatrouille bis zu ihm Platz macht und ihn dem
unvermeidlichen Tod entreißt. Dies war das Zeichen zum allgemeinen
Aufstand der ganzen Bevölkerung Madrids. In wenigen Augenblicken sind
alle Straßen mit bewaffneten Bürgern und Bauern angefüllt, die Piken,
Dolche, Gewehre, Hellebarden und so weiter handhaben. Die Trompeten
schmettern, die Trommeln wirbeln den Generalmarsch und die Sturmglocken
heulen durch die Lüfte. An den noch nicht abgegangenen Wagen zerhaut das
Volk die Stränge, ohne daß es das herbeieilende Pikett-Bataillon, das
bei Murat die Wache hat, verhindern kann. Wir alle glaubten, daß dies
der Ausbruch einer tiefangelegten Verschwörung, alle Franzosen zu
morden, sei. Aber es war nur die natürliche Folge des allgemeinen
Unwillens, den der empörte Nationalstolz hervorbrachte. Die wütenden
Bürger rennen jetzt mit Eisenstöcken, Knütteln, Spießen, alten
Schwertern, Büchsen und so weiter durch alle Straßen und schlagen alle
Franzosen, denen sie einzeln oder in geringer Zahl begegnen, gleich
tollen Hunden tot. Nicht besser ergeht es jenen, die sich noch hier und
da in den Häusern befinden, wie Kommissäre, Offiziersbediente und so
weiter. Adjutanten und Offiziere, welche Orders an Korpskommandanten zu
überbringen haben, werden von den Pferden herabgerissen, gesteinigt und
tödlich verwundet. Aus vielen Fenstern wird auf alle vorbeieilenden
Franzosen geschossen oder siedendes Wasser und Öl auf sie herabgegossen,
und jetzt entspinnt sich an hundert Orten zugleich der wütendste,
blutigste Kampf. Unser Bataillon, das noch in der Nähe des Tores von
Segovia unter den Waffen stand, erhielt Order, sich auf die Höhen vor
dem Tor Sankt Vinzenz zu begeben, wohin mehrere Truppen ihre Richtung
nahmen, wo Murat seinen Standpunkt gewählt hatte und von wo aus er seine
Befehle nach allen Richtungen sandte. Reitende Ordonnanzen gingen
_ventre à terre_ ab, den in der Umgebung kampierenden Truppen die
Befehle zu überbringen, auf das schleunigste gegen die Hauptstadt zu
marschieren. Hierauf wurden die Kolonnen gegen verschiedene Straßen und
Plätze der Stadt in Marsch gesetzt. Die breite Straße Alcala wurde mit
Kartätschen gesäubert, die Kavallerie der Garde und die Lanciers hieben
und stachen auf die Massen ein. Unser Bataillon sowie ein großer Teil
der Infanterie lief, in Peletons abgeteilt, durch die Straßen und drang
in Häuser, aus denen man geschossen hatte. In einem Hause der Calle San
Bernardo hatte ich die größte Mühe, drei Frauen und einen Knaben der Wut
der erbitterten Soldaten zu entziehen, um ihnen das Leben zu retten,
konnte aber nicht verhindern, daß zwei der ersteren dennoch geschändet
wurden. Immer mehr Truppen kamen jetzt in die Stadt, aber von der
anderen Seite auch Tausende von bewaffneten Landleuten aus der Umgegend,
die den Bürgern zu Hilfe eilten, und Geistliche und Mönche, mit dem
Kruzifix in der Hand, stellten sich an die Spitze der Volkshaufen und
ermutigten sie zum verzweifelten Kampf. Um elf Uhr vormittags hatte das
wütendste Gefecht schon auf allen Punkten begonnen und nahm mit jedem
Moment zu. Das spanische Militär war noch immer in seinen Kasernen
konsigniert und hatte Befehl, die strengste Neutralität zu beobachten.
Ein Haufen Volk eilte hin, diese Truppen aufzufordern, sich mit ihm zu
vereinigen; aber vergeblich. Die Kommandeurs hielten sie zurück, und nur
einigen gelang es, sich unter das Volk zu mischen. Dieses war so
wutentbrannt, daß es sich oft blindlings mit Dolchen oder Stöcken in
unsere Reihen stürzte und sich sterbend glücklich pries, wenn es ihm
gelungen war, einen der Unsrigen zu verwunden. Mitten unter diesen,
gleich Löwen fechtenden Haufen standen Weiber mit fliegenden Haaren,
flatternden Mantillen, welche die Männer zum Ausharren im Kampf
aufmunterten, ja selbst vor der im Galopp heransprengenden Reiterei
nicht zurückwichen. Als einige den Ruf: »Nach dem Park, holt Waffen!«
hören ließen, rannte das Volk dahin, um sich der daselbst vorhandenen
Kanonen und vieler tausend Gewehre zu bemächtigen. Aber der dort die
Wache habende Offizier, ein spanischer Artillerieleutnant, weigerte
sich, dieselben auszuliefern. Als man noch deshalb hin und her stritt,
kam ein anderer Offizier namens Ruez mit einer Abteilung von fünfzig
Mann, die den Park schützen sollten. Aber statt dessen ließ er das Volk
gewähren, öffnete ihm sogar die Türen, und es bemächtigte sich schnell
der vorhandenen Gewehre, wohl über zehntausend, sowie der Munition. Auch
die sich in dem Park befindenden Kanoniere nahmen Partei für das Volk,
zogen Kanonen heraus und pflanzten sie in verschiedenen Straßen, wo sie
glaubten, daß die Franzosen herkommen würden, auf. In diesem Augenblick
rückten unsere Kolonnen in der Straße San Bernardo vor, denn wir hatten
Befehl, uns des Parkes um jeden Preis zu bemächtigen. Als uns das Volk
gewahr wurde und heranlaufen sah, feuerte es die Kanonen ab, und der
Kommandant unserer Kolonne stürzte mit noch mehreren anderen Soldaten an
der Spitze derselben tot nieder, während andere schwer verwundet wurden.
Dies veranlaßte, daß die Kolonne zurückwich; hierdurch entstand
Unordnung, und mehrere der Unsrigen fielen in die Hände des wütenden
Volkes. Doch brachte der jetzt befehlende Bataillonschef Carlier die
Truppen bald wieder zum Stehen, und ein spanischer Kapitän, den die
Regierungs-Junta als Parlamentär abgesandt hatte, stellte sich, mit
einem weißen Tuch winkend, an unsere Spitze, seinen Landsleuten
zurufend, sie möchten mit dem Feuern einhalten, wir seien von der Junta
abgeschickt, den Park nur zu schützen. Das Volk hörte zwar auf diesen
Befehl, als wir aber weiter vorrücken wollten, rief man uns zu: um zu
beweisen, daß wir als Freunde kämen, sollten wir die Waffen ablegen; und
da wir, wie natürlich, dies nicht taten, feuerten sie aufs neue. Jetzt
begann ein äußerst hartnäckiges Gefecht, das damit endigte, daß wir die
Kanonen mit bedeutendem Verlust im Sturm nahmen und so Herren des Parkes
wurden. Aber der größte Teil der Waffen und des Pulvers waren schon
weggenommen.

Der Kampf hatte sich nun in fast alle Gegenden und Straßen Madrids
verbreitet, obgleich sich mehrere Mitglieder der Junta die unsäglichste
Mühe gaben, dem Blutvergießen Einhalt zu tun, und mit Lebensgefahr durch
die Gassen ritten, weiße Tücher schwingend. Immer mehr gestaltete sich
die Schlacht, denn das war sie, und zwar mitten in einer Stadt, zu
unserem Vorteil. Aber jetzt waren auch die Unsrigen bis zur Wut
entflammt, da sie allenthalben auf die entsetzlich verstümmelten Leichen
ihrer Kameraden stießen; besonders waren viele Mameluken von der Garde,
welche die Orders zu überbringen hatten, gefallen. Sie verübten deshalb
barbarische Grausamkeit gegen die ihnen in die Hände geratenen Spanier
und machten unter anderen ohne Unterschied alles nieder, was sich in
eine Kirche geflüchtet hatte. Bis nach drei Uhr nachmittags währte
dieses schreckliche Gemetzel und der Kampf. Ich habe nie ähnliche Blut-
und Mordszenen, weder vor noch nach diesem Tage mehr gesehen, und lange
verfolgte mich die Erinnerung an dieselben. Als das Volk endlich sah,
daß es überall den kürzeren zog, suchten die in die Stadt gekommenen
Landleute zu entfliehen. Sie wurden aber größtenteils von der Kavallerie
eingeholt und niedergehauen. Einem solchen armen Teufel, einem schon
ziemlich bejahrten Bauern, rettete ich das Leben, indem ich mit meinem
Degen den fallenden Hieb des Kavalleristen parierte, der ihm den Kopf
gespalten haben würde. Dagegen erhielt ich den etwas gelähmten Hieb in
den rechten Arm, so daß er durch das Fleisch bis auf den Knochen ging,
der jedoch nicht lädiert wurde. Dennoch brachte ich über vierzehn Tage
an der Heilung dieser Wunde zu, die mich von allen, die ich erhalten, am
meisten freute, wenn ich mich an den armen Teufel erinnerte, der die
blanke Klinge, die ihm den Tod bringen sollte, schon über seinem Haupte
blitzen sah, sich zusammenkauerte, und unerwartete Rettung fand. Der
Dragoner, dem ich zuredete, doch menschlicher zu sein, dankte mir
zuletzt noch, ihn an der Tötung des alten Mannes verhindert zu haben,
und verband mir die Wunde vorläufig.

Wieviel Tote das Volk an diesem schrecklichen Tage hatte, konnte nicht
genau ermittelt werden. Während einige mehr als tausend zählen wollten,
behaupteten andere, es seien kaum hundert gewesen. Keines von beiden mag
richtig sein; wir hatten jedoch an dreihundert Tote und über tausend
Verwundete.

Noch denselben Abend wurde ein Teil der mit den Waffen in der Hand
Gefangenen von einer Militärkommission zum Tode verurteilt und sogleich
in der Nähe des Prado erschossen. Ebenso erging es allen, welche die
Patrouillen unterwegs auffingen und bei denen man auch nur ein Messer
oder sonst ein schneidendes Instrument fand. Es wurde ihnen weder zu
beichten noch die Tröstungen eines Priesters gestattet. Sie mußten ohne
Absolution aus dem Leben gehen, was ihnen ärger als der Tod selbst war.
Diese Exekutionen dauerten auch noch den anderen Tag fort und machten
Murats Namen, sowie alle Franzosen in ganz Spanien schrecklich verhaßt.
Jetzt hatten Pfaffen und Mönche gutes Spiel, und jeder Spanier suchte
bald einen Franzosenmord auf dem Gewissen zu haben, um direkt in den
Himmel zu kommen.

Eine Proklamation, die Murat am 3. Mai erließ, verkündete, daß jeder
Spanier, der mit irgendeiner Waffe gefunden, auf der Stelle erschossen,
daß jeder Ort, in welchem ein Franzose getötet, niedergebrannt würde,
und die Väter für ihre Söhne, die Meister für ihre Gesellen, die Äbte
für ihre Mönche und so weiter haften müßten. Dies empörte die Gemüter
nur noch mehr, während das fortdauernde Erschießen in den nächsten
vierundzwanzig Stunden alle spanischen Herzen racheglühend machte.
General Grouchy war der Präsident der Militärkommission, die diese
blutigen Urteile sprach, und nicht weniger als dreihundert Unglückliche,
sowie alle in der Infanteriekaserne gefangen sitzenden Insurgenten
kommandomäßig erschießen ließ. Viele wurden auch des Nachts aus ihren
Wohnungen und Betten geholt und zum Richtplatz geschleppt. Den 4. Mai
löste Murat dieses gräßliche Blutgericht wieder auf, nachdem ihm auch
die Junta die dringendsten Vorstellungen deshalb gemacht, und es wurde
nun eine Amnestie verkündet, aber bei Todesstrafe geboten, alle Waffen
abzuliefern. Dennoch töteten die Mameluken noch mehrere Spanier im
Augenblick der Amnestie, und viele hundert Einwohner Madrids entflohen,
derselben nicht trauend, in die Provinzen, wohin sie die schreckliche
Neuigkeit des Blutbades in der Hauptstadt mit den schwärzesten Farben
und mit Blitzesschnelle verbreiteten. Die Geistlichkeit vergrößerte
diese, ohnehin schon entsetzlichen Vorfälle noch hundertmal durch ihre
geheimen Kanäle, und bald war kein Winkel mehr in ganz Spanien, der
nicht vor Rache glühte. Am 3. Mai mußte nun auch noch der
zurückgebliebene Infant Don Francisko nach Frankreich abreisen, und den
4. Mai folgte ihm der Infant Don Antonio. Jetzt waren alle Mitglieder
der königlichen Familie aus dem Land.

Grabesstille war plötzlich in Madrid eingetreten. Murat stellte sich als
Präsident der Junta an die Spitze derselben und wurde kurz darauf von
Karl IV. von Bayonne aus zum Generalleutnant des Reiches ernannt.

Meine Wunde verhinderte mich weder am Ausgehen noch an den
Dienstverrichtungen. Ich trug nur den Arm in einer Binde. Fünf oder
sechs Tage später, als ich _du jour_ war und ausritt, Wachen zu
inspizieren, begegnete ich in der Straße de Atocha Murat mit seiner
ganzen Suite zu Pferde. Nachdem ich ihm salutiert, fragte er mich, wo
ich die Wunde erhalten, und als ich getreuen Bericht erstattet, sagte
er: »Das war wohl auch der Mühe wert, blessiert zu werden, um so einem
Briganten das Leben zu retten; indessen zeigt es von Großmut, und die
ist nie ohne Mut. Wie heißen Sie?« -- Ich sagte ihm meinen Namen, und
als er weiter fragte: »Woher?« und ich ihm: »Aus Frankfurt am Main«
erwiderte, versetzte er: »Also ein Deutscher, und aus Frankfurt. Dort
ist auch ein böses Volk; das hat zu Custines Zeiten die Franzosen in den
Straßen ermordet. Wie kamen Sie in unsere Dienste?« -- Mit wenig Worten
teilte ich dies dem Großherzog mit, der davonsprengend mir noch zurief:
»Es ist gut, ich werde mich Ihrer erinnern.« Dies wäre wohl schwerlich
geschehen, hätte mich der Zufall nicht später wieder in seine Nähe
gebracht und ihm bemerkbar gemacht.

Nach den Vorfällen des 2. Mai hatte ich noch einmal eine Zusammenkunft
mit meiner schönen Donna, deren Wohnung ich infolge dieser Ereignisse
verlassen, veranstaltet, bei der sie mir ganz ohne Hehl erklärte, daß,
so sehr sie mich auch liebe, sie wohl imstande wäre, mich zu vergiften
oder zu erdolchen, und mir das Messer im Herzen umzudrehen, wenn es die
Madonna so wolle, und ich, wie fast alle Franzosen, ein Ketzer, ein
Feind Christi und des heiligen Vaters zu Rom sei, wie sie ihr
Beichtvater versichert, auch ihre Landsleute habe morden helfen. Dabei
sprühten ihre Augen Feuer, aber es war nicht das der Liebesglut, sondern
es waren Funken des Zornes, und alle ihre schönen Adern schwollen auf.
Als ich die hübsche Senora sich so gebärden und entstellen sah,
fürchtete ich, daß sie eine Art Wahnsinn befallen habe und suchte
mitleidsvoll sie zu beruhigen, was mir nicht ohne die größte Mühe
gelang, nachdem ich sie versichert, daß, weit entfernt, ihre Landsleute
zu töten, ich deren sogar gerettet habe, folglich der beste Christ sei,
den die Sonne bescheine und ebenso gut an Gott glaube wie sie. -- »Aber
auch an die Madonna?« -- »Gewiß, da sie wohl so schön wie du selbst
ist.« Bei diesen Worten küßte ich den kleinen Satan auf die Stirne. Ich
erfuhr noch von ihr, daß die Geistlichen versicherten, daß alle Frauen,
die irgend einen Kommerz mit einem französischen Ketzer hätten, mit
diesem zum ewigen Schmoren im Höllenpfuhl verdammt seien. Ich suchte ihr
diese Possen bestmöglichst auszureden, und riet ihr, es so zu machen wie
meine schöne Kalabreserin zu Monteleone, nämlich, wenn sie denn doch
ihre Sünden beichten müsse, nicht zu sagen, mit wem sie gesündigt habe.
Dann würde sie ja doch Absolution erhalten, die immer vollgültig wäre
und ihr niemand bestreiten könne. Mehrere, anfänglich halb erzwungene
Küsse machten, daß sie bald wieder von einem anderen Feuer als dem des
Zornes glühte. Es gelang mir, sie zu überzeugen, daß ich wahr
gesprochen; der Friede zwischen uns wurde aufs neue geschlossen und
besiegelt. Als sie vertrauensvoll in meine Arme sank und sich an mich
schmiegte, fühlte ich den Druck eines harten Gegenstandes an ihrer
linken Seite. Ich griff mit den Händen darnach und faßte einen ziemlich
langen Dolch in einer mit Silber beschlagenen Scheide. -- »Aber, mein
Engel, zu was diese mörderische Waffe?« -- »Sie war dir bestimmt, um
meine Seele zu retten, wenn ich einen Ketzer in dir gefunden hätte.« --
»Aber weißt du denn nicht, daß Todesstrafe und augenblickliches
Erschießen darauf steht, wer auch nur eine Schere bei sich trägt?« sagte
ich lachend zu ihr und entriß ihr das Mordinstrument. Sie sprang nun an
mir herauf, um es mir zu entwinden. -- »Mit nichten, mein holder Engel,«
sagte ich, den Dolch festhaltend, »den behalte ich zum ewigen Andenken
an dich und diese Stunde.« Ich wollte sie jetzt verlassen, allein sie
warf sich zwischen mich und die Türe und fragte mich in allem Ernst, ob
ich Lust habe, sie anzugeben, und auf den Knien rutschend bat sie mich
um der Madonna und aller Heiligen willen, sie doch nicht zu verraten.
Ich hob sie auf, küßte ihr die Tränen von den Wangen, und sie
beruhigend, bat ich sie, mir mit dem Dolch ein Geschenk zu machen, wozu
ich sie nur durch vieles Bitten bewegen konnte. Bevor ich mich
entfernte, sagte ich ihr noch: »Wie, und wenn ich nun doch ein Ketzer
wäre?« -- »Unmöglich,« rief sie aus, mir um den Hals fallend, »unmöglich
kannst du mich so unglücklich machen wollen.« Wir trennten uns mit dem
beiderseitigen Versprechen, uns bald wiederzusehen, und sie gab mir den
letzten Feuerkuß. -- Es war wirklich der letzte, denn ehe ich wieder ein
Rendezvous mit ihr haben konnte, bekam das Bataillon Befehl, nach
Toledo, wo Dupont noch stand, auszumarschieren, und ich sah Donna
Calvanillas nicht und Madrid nur im Fluge wieder.

Zu dem Toledotor hinaus, über die schöne Toledobrücke, welche über den
Manzanares führt und schon unter Philipp II. erbaut wurde, aber mit
komischen Zieraten überladen ist, marschierten wir durch das Städtchen
Getafe nach Illescas, wo wir eine Nacht blieben, und dann über Olias den
dritten Tag in Toledo ankamen. Der Weg war kahl und öde und wurde erst
von Olias aus etwas baum- und pflanzenreicher. Die Dörfer, durch die wir
kamen, waren meist wie ausgestorben und auch in den Städten herrschte
eine Grabessruhe, viele Häuser waren gänzlich geschlossen. Wir kamen
noch ziemlich früh am Tage in Toledo an, wo wir durch das Tor Visagra
einrückten, und zuerst in einem Kloster und seinen Kreuz- und Quergängen
einquartiert, zwei Tage darauf aber in die Umgegend verlegt wurden.

Diese alte berühmte Stadt wurde im sechsten Jahrhundert der Sitz der
Könige des gotischen Reiches, denen es im achten Jahrhundert die Mauren
abnahmen, welche dem Kalifen von Bagdad gehorchten. Im Jahre 1027 wurde
Toledo die Hauptstadt eines besonderen Maurenreiches, bis 1085 Alphons
VI., mit dem Beinamen der Mutige, König von Castilien und Leon, diese
Stadt eroberte. Beinahe vierhundert Jahre (711-1085) war sie im Besitz
der Araber geblieben. Die Mauren konnten lange diesen Verlust nicht
verschmerzen und belagerten 1109 die Stadt unter dem Befehl ihres
Fürsten Hali, aber nachdem sie die ganze Umgegend sowie Madrid und
Talavera mit Feuer und Schwert verheert hatten, mußten sie die
Belagerung aufgeben. Vier Jahre darauf begannen sie eine zweite ebenso
vergeblich, da der tapfere Nuñez die bedrängte Stadt rettete, die
dreizehn Jahre darauf zum drittenmal, aber ebenso fruchtlos von ihnen
bestürmt wurde. Später hatte sie gewaltig durch ihre innerlichen Kriege
zu leiden, ihre Mauern wurden zerstört, ihre schönsten Gebäude in Asche
gelegt, ihre Bürger ermordet. Und 1461 floß unter Heinrich dem
Ohnmächtigen das Bürgerblut in allen Straßen in Strömen, sogar in den
Kirchen. An fünfzig Orten loderten die Flammen zugleich empor. 1641
hatte sie ein ähnliches Schicksal. Ehedem war Toledo sehr blühend und
bevölkert, an hunderttausend Arbeiter wurden in ihren Manufakturen
beschäftigt, und die Zahl ihrer Einwohner war über zweihunderttausend.
Jetzt zählte sie kaum einige zwanzigtausend. Die Cortes hatten sich hier
öfters versammelt, zum erstenmal 589. Zwanzig Konzilien wurden dort
gehalten, von denen das letzte 860 unter der Herrschaft der Mauren.
Allenthalben stößt man auf Überreste ihrer ehemaligen Größe. Noch
bezeichnen niedriges Mauerwerk, Stein- und Erdhaufen deren früheren
Umfang. Ihre Straßen sind enge und oft sehr steil, schlecht gepflastert
und ebenso unterhalten. Man muß fast immer bergauf und bergab steigen,
in den meisten können sich keine zwei Wagen ausweichen. Sie enthält
jedoch mit die merkwürdigsten Baumonumente ganz Spaniens, an deren
Spitze füglich der Alcazar, das alte maurische Schloß, steht, der im
höchsten Teil der Stadt liegt. Alphons X. hat ihn wieder ganz herstellen
lassen und Karl I. abermals ausgebessert. Im Erbfolgekrieg begingen die
Portugiesen den Vandalismus, bevor sie sich zurückzogen und nachdem der
Friede schon geschlossen war, dieses Gebäude anzuzünden, wodurch es zum
Teil sehr beschädigt wurde. An dem Eingangstor desselben sind zwei der
berühmtesten Gotenkönige, die in Spanien regierten, Recesscinto und
Recaredo, beide herrschten im siebenten Jahrhundert, in Stein
abgebildet. Die Fassade des Alcazar ist über hundertfünfzig Fuß hoch,
von majestätischem Ansehen und einfacher Erhabenheit. In seinen
unermeßlichen unterirdischen Gewölben haben Tausende Raum. Auch seine
Kirche oder Kapelle verdient gesehen zu werden.

Wir lagen indessen in recht elenden Dörfern oder in deren Nähe und
biwakierten größtenteils. Die Hitze wurde mit jedem Tag größer und
unerträglicher, und oft mangelte es uns an allem, sogar an frischem
Wasser. Dabei wurden die aus ganz Spanien einlaufenden Nachrichten immer
bedenklicher. Allenthalben hatte man die Standarte der Rebellion, wenn
man die rechtmäßige Erhebung eines Volkes gegen einen fremden Räuber so
nennen darf, aufgepflanzt. Die Flammen eines das ganze Reich umfassenden
Brandes loderten an allen Orten zum Himmel empor, wozu die von Bayonne
eingehenden Berichte, welche die Verzichtleistung Ferdinands und der
Infanten Don Carlos und Don Antonios auf den spanischen Thron
verkündeten -- die ganze königlich spanische Familie war jetzt in den
Klauen Napoleons --, am meisten beitrugen. Aber was den allgemeinen Zorn
wie durch einen Blitz entzündete, war die Bekanntmachung, daß die Junta
zu Madrid sich einen neuen König vom Kaiser der Franzosen erbat, wozu
sie durch Murat veranlaßt oder besser gezwungen war.

Ungefähr drei Wochen mochten wir in der Umgegend von Toledo, aber nicht
auf Rosen, kampiert haben, als wir Order erhielten, nach Madrid
zurückzukehren, was wir auf demselben Weg, den wir gekommen,
bewerkstelligten. Daselbst erfuhren wir, daß Napoleon auf den 15. Juni
eine spanische Junta nach Bayonne berufen habe. Auch wurde Tag und Nacht
an der Befestigung der Anhöhen von Retiro gearbeitet, wodurch man die
Hauptstadt im Zaume zu halten hoffte. Das Seltsamste aber war, daß das
sonst so gefürchtete allerhöchste Inquisitionsgericht in seinem
Unterwerfungseifer gegen Murat und Napoleon noch viel weiter als die
gehorsame Junta und andere Behörden, die jetzt völlig unter
französischem Einfluß standen, ging, und die Priester und Pfaffen
aufforderte, den Unwillen des Volkes auf die Urheber der Exzesse und des
Aufstandes vom 2. Mai zu lenken, woran sich aber die Geistlichkeit wenig
kehrte. Freilich war die Sache so doppelsinnig wie ein delphischer
Orakelspruch, denn wer waren die eigentlichen Urheber? -- Am
unterwürfigsten aber hatte sich doch der Erzbischof von Toledo, der
Primat von Spanien, gezeigt.

Nur ein Ruhetag wurde uns in Madrid gestattet, worauf wir den Marsch
nach Aragonien antreten mußten. Die verschiedenen französischen
Armeekorps in Spanien waren jetzt in Navarra, Katalonien, Leon, Alt- und
Neukastilien verteilt und mochten wohl über achtzigtausend Mann stark
sein. Aber es waren nur wenig gediente Soldaten dabei, die Mehrzahl
bestand aus jungen Konskribierten. Wir verließen Madrid durch das Tor
Alcala, auf dem Wege nach Aragonien zu marschierend, kamen über
verschiedene unbedeutende Dörfer und biwakierten die erste Nacht in der
Umgegend von Torrejon de Ardos, einem ziemlich großen Flecken, der links
von der Straße lag. Den folgenden Tag kamen wir nach Alcala de Henarez,
wo wir aber nur wenige Stunden kampierten und daselbst die Nachricht von
den Aufständen in Cartagena und Valencia erhielten, die mit den
grellsten Farben ausgemalt wurden. Unsere Soldaten durften nicht in die
Stadt; dies wurde ausnahmsweise nur einigen Offizieren, unter denen auch
ich, erlaubt. Der Ort ist mit Mauern umgeben und hat eine im sechzehnten
Jahrhundert von dem berühmten Kardinal Ximenes gestiftete Universität.
Was aber Alcala de Henarez vor allem berühmt macht, ist, daß der
unsterbliche Cervantes hier geboren wurde. Ganz nahe bei der Stadt lag
das _Complutum_ der Römer, von dem man auf einem ziemlich steilen Hügel
jenseits des Flusses Henarez noch die Ruinen eines Kastells sieht. Im
achten Jahrhundert fiel auch diese Stadt in die Hände der Mauren und
wurde ihnen erst 1118 durch den Mönch Bernhard, später Erzbischof von
Toledo, wieder entrissen, aber bei dieser Gelegenheit schrecklich
verheert.

Wir brachen nach kaum vier Stunden Rast wieder auf und passierten fast
trockenen Fußes den Henarez -- die über denselben führende Brücke war
schon seit fünfzig Jahren verfallen --, in der Nähe von Guadalaxara. Der
Weg von Alcala ging meistens durch große und schöne Ebenen, war auf der
einen Seite von Bergen begrenzt, während wir auf der anderen fast immer
den Henarez im Angesicht hatten. In einem Kloster von Guadalaxara
übernachteten wir. Diese Stadt hatte ziemlich ein gleiches Schicksal mit
der vorhergehenden. Alvar Fanez, ein Vetter des berühmten Cid, entriß
sie 1081 den Mauren. Sie liegt in einer Ebene nahe am Henarez und mag an
zwölftausend Einwohner haben. Der Palast der Herzöge de l'Infantado und
die große Franziskanerkirche mit der Familiengruft dieses Hauses sind
ihre sehenswürdigsten Gebäude. Hier bestätigten sich nicht nur die
erhaltenen Nachrichten von den Aufständen, sondern man erhielt neue, die
verkündeten, daß bereits der größte Teil von Spanien in vollem Aufruhr
und französisches Blut schon in Strömen geflossen sei, sowie daß jeder
dem Volk verdächtige Spanier, namentlich alle Anhänger Godoïs oder der
Franzosen, ermordet würden. Auch wir begegneten überall nur finsteren,
nichts Gutes prophezeienden Gesichtern. Wir setzten indessen unseren
Marsch nach Aragonien noch unangefochten fort und schlugen den dritten
Tag unser Biwak bei dem Dorf Grajanejos, nachdem wir durch die
verfallene Stadt Torrijo marschiert waren, auf, und den vierten
kampierten wir bei den Dörfern Torremocha und Algora. In der Kirche des
letzteren befindet sich ein ganz vergoldeter Hochaltar, dessen
Vergoldung über fünfzigtausend Realen kostete und erst 1788 gemacht
wurde. Unser nächstes Biwak war bei dem Weiler Torre. Auf dem Marsch
dahin kamen wir durch eine so enge Schlucht, daß man die Felsen auf
beiden Seiten manchmal zugleich mit den Händen ergreifen konnte. Wir
wurden nun in der Umgegend von Siguenza und zum Teil in die Stadt selbst
verlegt, die auf einem Hügel am Henarez liegt. Hier weilten wir mehrere
Tage und erhielten die uns alle in Erstaunen setzende Nachricht, daß
Napoleons Bruder Joseph, der bisherige König von Neapel, zum Herrscher
von Spanien ernannt sei, aber zugleich auch die, daß ihn ganz Spanien
zurückstoße und sich zu Sevilla schon eine Regierungsjunta gebildet
habe, welche das Reich in Abwesenheit der rechtmäßigen Monarchen
regieren wolle, die gegen die Franzosen äußerst feindselig gesinnt sei,
und man überall: »Es lebe Ferdinand, Tod den Franzosen!« rufe. Bald
darauf kam die Nachricht, daß diese Junta Frankreich förmlich den Krieg
erklärt habe. Auch in Altkastilien hatten die Einwohner schon zu den
Waffen gegriffen, Ferdinand VII. zum König ausgerufen und Murats
Proklamationen dem Feuer übergeben. In Navarra, Biscaya, Aragonien,
Valencia, Tortosa, Andalusien, Murcia, zu Lerida, Badajoz und so weiter
loderten die Flammen des Aufstandes, und die spanischen Garden, welche
Ferdinand bis an die Grenzen des Reiches eskortiert hatten und nun zu
Tolosa und Hernani standen, forderten laut ihren König zurück, allen
Franzosen mit dem Tode drohend. Das gesamte Volk, von den Pfaffen
gehetzt, atmete nur noch Blut und Rache. In allen Städten, wo wir nicht
die Oberhand hatten, bildeten sich schnell Provinzial-Junten, welche das
unter die Waffen gerufene Volk in Korps organisierten. Vom siebzehnten
bis zum vierzigsten Jahre traten alle männlichen Einwohner unter das
Gewehr, und die Franzosen, welche schon längere Zeit Spanien als
Privatleute oder ein Gewerbe treibend bewohnten, konnten oft dem Tod nur
dadurch entgehen, daß die Behörden sie ins Gefängnis setzten. Eine der
wütendsten Proklamationen war die der Junta von Valladolid, die auch
ihren Zweck, die Ermordung der Franzosen anempfehlend, nur zu sehr
erreichte. Dabei fehlte es nicht an Wundern, die allenthalben, den
Untergang der Franzosen vorhersagend, geschahen. Madonnenbilder ließen
dicke Schweißtropfen fallen oder schwitzten sogar Blut. Auf
Heiligengräbern hörte man unterirdisches Waffengetöse, der Blitz schlug
in französische Kirchen und verschonte nur Madonnen- und Heiligenbilder
und so weiter. Das Niedermetzeln der Spanier vom höchsten Rang, die man
den Franzosen günstig glaubte, sowie die Vorgänge zu Cadix bewiesen,
welchen Grad die Wut der Geistlichkeit und des Volkes erreicht hatte.
Die Junta zu Sevilla erklärte nun auf das feierlichste, daß Spanien
nicht eher die Waffen niederlegen würde, als bis Ferdinand wieder auf
dem Thron säße und die Franzosen alle getötet oder zum Lande
hinausgejagt seien, und sie hielt Wort. Dies waren die Folgen der so
arglistigen als dumm gesponnenen Intrigen Napoleons und seiner
kurzsichtigen Politik. In ganz Spanien erhob sich ein Freudengeschrei,
als die Nachricht, daß die französische Flotte zu Cadix, bei der fünf
Linienschiffe waren, habe kapitulieren müssen, und daß die Bemannung,
ganz gegen den Vertrag der Kapitulation, in abscheuliche Gefängnisse
gesteckt und mißhandelt wurde. Denn, »wer braucht einem so
niederträchtigen Schurken, wie der Kaiser der Franzosen ist, der Treu'
und Glauben nicht kennt, Wort zu halten?« sagten die Spanier.

Noch standen wir in der Gegend von Siguenza, häufig die Biwaks
wechselnd, aber nur des Nachts marschierend, während wir am Tage in der
Sonnenhitze brieten, und es immer unheimlicher um uns herum zu werden
begann. Eine Zeit lang wußten wir gar nicht, woran wir waren, da wir
weder weitere Orders noch irgendeine bestimmte Nachricht erhielten. Bald
hieß es, Napoleon sei selbst in Madrid eingerückt, dann wieder, alle
Franzosen seien daselbst ermordet worden, man habe die Stadt an
vierundzwanzig Stellen zumal angezündet und so weiter. So trieben wir
uns unstät in der Provinz Guadalaxara herum, wo alles ebenfalls einen
nahen Aufstand zu verkünden schien, und unsere Patrouillen schon
mehrmals von Bauernhaufen, die von einem Mönch oder Geistlichen
angeführt waren, angegriffen wurden. Wir erfuhren zwar, daß Napoleon den
15. Juni die Junta in Bayonne eröffnet habe, daß Dupont in Andalusien
Cordua erstürmt habe und Moncey vor Valencia stünde, im Begriff, diese
Stadt einzunehmen, aber bald darauf, daß sich beide wieder hätten
zurückziehen müssen. Endlich kam uns die Order, zu dem Korps zu stoßen,
das bereits unter Verdier auf dem Marsch nach Aragonien begriffen sei,
um das Belagerungsheer von Saragossa zu verstärken. Wir machten nun
nächtliche Eilmärsche, am Tage biwakierend, zum Teil durch ziemlich
waldreiche Gebirge. An der Grenze, die Kastilien von Aragonien scheidet,
stand ein alter Turm, den wir besetzten, aber beim Aufbruch des Biwaks
den Posten wieder an uns zogen. Nachdem wir das Dorf Sisamon passiert
hatten, wurden die Gebirgswege immer waldiger, und gar leicht hätten wir
überfallen werden und es uns gehen können wie den Römern in den
kaudinischen Engpässen, denn wir marschierten ziemlich unvorsichtig
voran, konnten auch keine Seitenpatrouillen absenden, und mußten Vor-
und Nachhut fast immer im Gesichte behalten. So gelangten wir nach
Techa, einem großen Dorf, durch welches der Xalon fließt, über den eine
steinerne Brücke führt. Hier befand sich ein Turm, der auf der einen
Seite so eingesunken war, daß man jeden Augenblick dessen Einsturz hätte
vermuten sollen, und doch war er schon Jahrhunderte in diesem Zustande.
Von hier kamen wir wieder über Gebirge, durch bald engere, bald weitere
Täler, vom Xalon bewässert. Durch mehrere elende Ortschaften
marschierten wir nach Calatayud, einer Stadt, die im achten Jahrhundert
ein maurischer Feldherr namens Ajub nächst den Trümmern des alten
Bibilis gründete. Hier hatte noch kurz vor unserer Ankunft Palafox
einige Tage verweilt, die durch den General Lefebvre-Denouette
versprengten Flüchtlinge sammelnd, um sie bei der Verteidigung von
Saragossa zu verwenden. Die hier befindlichen Spanier verließen die
Stadt, ohne unsere Ankunft abzuwarten. Wir fanden aber nicht für gut, in
dieselbe einzurücken, sondern requirierten nur Lebensmittel und Wein
gegen Bezahlung, erhielten aber dennoch schlechte Ware. Alphons I. hatte
1118 die Stadt den Mauren im Sturm abgenommen und alle Araber in
derselben niedersäbeln lassen. Sie hat eine angenehme Lage auf dem
rechten Ufer des Xalon, am Einfluß des Xiloca, in einem fruchtbaren Tal
und soll über zehntausend Einwohner haben. Nachdem wir gehörig
rekognosziert hatten, brachen wir mit der Nacht, aber jetzt sehr
vorsichtig marschierend, durch erbärmliche Nester, aber an Wein und
Oliven reiche Gegenden, gegen die enge Passage Puerto del Fresno auf,
die wir zu unserem größten Erstaunen unbesetzt fanden. Hierauf mußten
wir über das Gebirge Murato del Conde, durch eine enge Schlucht, deren
gänzliche Freilassung uns wieder ein Rätsel war, da wir wußten, daß sich
ganz Aragonien im Aufstand befand, und kamen endlich in das Städtchen
Almunia, das in einer lachenden Gegend, mitten zwischen fruchtbaren
Feldern, Weingärten und Obstbäumen liegt. Hier requirierten wir abermals
Lebensmittel, marschierten weiter, biwakierten dann bis gegen
Mitternacht, erreichten gegen Morgen das elende Dorf La Muela und kamen
um zehn Uhr, nochmals über Berge, durch Ebenen und Schluchten
marschierend, bei dem Belagerungsheer von Saragossa an, wo Verdier schon
seit mehreren Tagen mit seiner Division stand und den Oberbefehl über
dasselbe hatte.



                                  XII.

    Erste Belagerung von Saragossa. -- Palafox. -- Außerordentliche
       Verteidigungsanstalten der Aragonier. -- Vorgänge bis zur
         Belagerung. -- Überblick der Geschichte Saragossas. --
    Heldenmütige Verteidigung dieser Stadt durch ihre Einwohner. --
      Eine Heroine. -- Ein seltsames Stiergefecht. -- Furchtbarer
    Straßen- und Häuserkampf. -- Die gefangenen Nonnen. -- Aufhebung
      der Belagerung. -- Marsch nach Barcelona. -- Ich werde stark
     verwundet und krank. -- Aufenthalt zu Barcelona. -- Spanische
    Sitten, Tänze, Theater usw. -- Abreise zur See nach Frankreich.


Als die Vorfälle vom 2. Mai zu Madrid in Aragonien bekannt wurden,
erregten sie daselbst wie in dem übrigen Spanien den höchsten Unwillen
und erfüllten das Volk mit tödlichen Haß gegen die Franzosen. Die Folge
war, daß man auch hier die allgemeine Bewaffnung der Einwohner
organisieren wollte, was aber der Generalkapitän Don Jorge de Guillelmi
aus Furcht vor den Franzosen, und um abzuwarten, welche Wendung die
Dinge nehmen würden, zu verhindern suchte, sogar dem Palafox, dessen
ungestümen Mut und feurigen Patriotismus er fürchtete, den Befehl gab,
Saragossa zu verlassen. Dieser zögerte jedoch unter allerlei Vorwänden,
zu gehorchen. Dies mag wohl mit die Ursache gewesen sein, daß wir die so
leicht zu verteidigenden Zugänge bis hierher unbesetzt gefunden hatten.
Als aber die Nachricht von den Begebenheiten zu Bayonne und von
Ferdinands erzwungener Abdankung in Saragossa bekannt wurde, da
vermochte nichts mehr das unter der Asche glimmende Feuer zu dämpfen,
und die Bürger zwangen den Generalkapitän, ihnen das Arsenal zu
überliefern. Als dies geschehen, zogen sie durch die Straßen, alle
männlichen Einwohner auffordernd, sich zur Verteidigung des gemeinsamen
Vaterlandes in der Aljaferia (dem Arsenal) mit Waffen zu versehen, was
sie mit dem Rufe: »_Viva Espana!_« taten. Jedermann versah sich mit
Gewehren, Pistolen, Schwertern und so weiter und die vorhandenen Kanonen
und Mörser wurden in möglichst besten Zustand versetzt. Palafox, der
Brigadier und Offizier der Leibwache war, achtundzwanzig Jahre zählte
und sich in einem Landhaus bei der Stadt aufhielt, wurde von bewaffneten
Haufen abgeholt, die ihm auf sein Begehren strengen Gehorsam zusagten.
Das Volk empfing ihn bei seinem Eintritt in die Stadt mit großem
Jubelgeschrei, als den Retter des Vaterlandes, erwählte ihn zu seinem
unumschränkten Anführer, zwang die Behörden, ihn als Generalkapitän von
Aragonien anzuerkennen, und führte ihn im Triumph in der Stadt herum. Er
erließ nun sofort einen Aufruf an alle Aragonier, sich für die Sache des
Vaterlandes zu bewaffnen, machte der heiligen Jungfrau del Pilar
öffentlich einen Besuch, küßte ihr vor allem Volk demütig die Hand, sie
als seine Souveränin anerkennend, und schwur mit lauter Stimme, Gut und
Blut dem Vaterlande zu weihen. Den in Saragossa ansässigen Franzosen
rettete er nicht ohne Gefahr das Leben, indem er sie in das Kastell und
von da nach Amporta in Sicherheit bringen ließ. Durch ein anderes Dekret
machte er Napoleon, dessen ganze Familie, sowie jeden französischen
Offizier und Soldaten, für jedes Haar verantwortlich, welches dem König
Ferdinand oder den Infanten, die man auf eine so heimtückisch
hinterlistige Weise nach Frankreich gelockt habe, gekrümmt würde, und
erklärte ferner alles, was in Madrid und Bayonne unter fremdem Einfluß
verhandelt werde, für null und nichtig, sowie, daß im Falle des Todes
der Infanten von Spanien, er den Erzherzog Karl, als den Enkel Karl
III., zu seinem König erwähle, auch keinem Franzosen Pardon geben würde,
wenn sich dieselben fernere Exzesse in Spanien erlaubten. Hieran
veranstaltete er eine große Prozession, ließ feierliche Messen lesen,
die Kirchen außerordentlich illuminieren, die Geistlichkeit auf das
freigebigste Absolution erteilen, sowie direkten Einlaß in den Himmel
für diejenigen, die im Kampf für die gerechte Sache fallen würden. Er
berief jetzt alle schon verabschiedeten Soldaten und Offiziere, die sich
in Aragonien befanden, zu den Fahnen, bildete aus ihnen und der jungen
Mannschaft Tercios, das heißt Regimenter, die in zehn Kompagnien
eingeteilt wurden, wie dies früher in Spanien der Fall war, und noch ehe
die Belagerung begann, hatten sich so viele Streiter eingefunden, daß
man nicht Waffen genug für sie herbeischaffen konnte. Einige Ortschaften
hatten ganze Kompagnien und einige Bezirke ganze Tercios gesandt, so daß
Palafox die Familienväter wieder beurlaubte und doch noch über
zehntausend Streiter behielt. Um auch die von Napoleon und der Junta zu
Bayonne einlaufenden Berichte zu paralysieren, berief Palafox
altspanische Cortes nach Saragossa, die am 9. Juni daselbst
zusammenkamen, Ferdinand VII. nochmals feierlich als König von Spanien
proklamierten, das ganze Volk zu den Waffen riefen, Palafox als
Generalkapitän bestätigten und dann eine _Junta de Gobierno_ ernannten.
Die Nachrichten, welche von der Schilderhebung Spaniens aus allen
Provinzen einliefen, trugen dazu bei, das Volk von Saragossa und Aragon
in Aufregung und Enthusiasmus zu erhalten. Eine Aufforderung der
Bayonner Junta, durch welche dem spanischen Volk die Waffen
niederzulegen und ihr zu gehorchen befohlen wurde, ließ Palafox sogar
drucken und in Masse verteilen. Er wußte wohl, daß dies das Volk noch
mehr begeistern und die entgegengesetzte der beabsichtigten Wirkung
hervorbringen würde. Nach der Niederlage der Spanier bei Mallen war
Palafox den anrückenden Franzosen bis nach dem drei Stunden von
Saragossa liegenden Alayon entgegengegangen, mußte sich aber, um nicht
abgeschnitten zu werden, zurückziehen. Viele Aragonier wurden nun in
Alayon von den Franzosen niedergemacht. Den 16. Juni stand
Lefebvre-Denouette mit seinem neuntausend Mann starken Korps, unter dem
auch das erste und zweite Weichselregiment und die polnischen Ulanen
waren, vor den Toren von Saragossa, wo sich ein Gefecht unter den
Olivenbäumen entspann, bei dem die Spanier in Unordnung in die Stadt
zurückgetrieben wurden. Was die Aragonier am meisten fürchteten, waren
die Ulanen, da sie sich gegen die Lanzen derselben, eine furchtbare
Waffe, die ihren Mann schon auf zehn bis fünfzehn Schritte erreicht,
nicht zu verteidigen verstanden. Die Spanier wurden, wie gesagt, in
Unordnung in die Stadt zurückgedrängt, aber ein französisches Bataillon,
das ihnen auf den Fersen folgte und fast mit ihnen zugleich
eindrang, mußte sich schnell wieder zurückziehen, als es die
Verteidigungsanstalten in den Straßen sah und einen Hinterhalt
fürchtete. Unerklärlich war es, warum an diesem Morgen Lefebvre den
Fliehenden nicht mit dem Gros seines Heeres in die Stadt folgte, die er
in der ersten Bestürzung mit geringem Verlust erobert haben würde. Der
Rückzug des kaum eingedrungenen Bataillons gab den Einwohnern und
Landleuten neuen Mut, und sie setzten die Stadt nun mit unermüdlichem
Eifer in den besten Verteidigungszustand. In den folgenden
vierundzwanzig Stunden hatte außer den Kindern niemand ein Auge
geschlossen, und Greise, Weiber und Mädchen aus allen Ständen machten
die Handlanger bei den Arbeiten.

Saragossa liegt in einer großen, ziemlich fruchtbaren und gut angebauten
Ebene, auf der rechten Seite des Ebro, auf dessen linker sich eine
Vorstadt befindet, welche durch eine steinerne Brücke mit der Stadt
verbunden ist. In ihren nächsten Umgebungen sind viel Oliven- und andere
Obstbäume, Gärten und Landhäuser. Das Flüßchen Huerba, eigentlich nur
ein Bach, ergießt sich ganz in der Nähe in den Ebro, zwei Brücken führen
über dasselbe. Saragossa beherrscht gewissermaßen die ganze Ebene,
welche vom Huerba, dem Xalon, dem Gatego und dem Kanal von Aragonien
bewässert wird. Die Stadt steht auf der Stelle, wo das alte, von den
Karthagern gegründete Salduba lag, aus dem Augustus bei seiner
Anwesenheit in Spanien eine römische Kolonie machte, der er den Namen
Cäsarea Augusta beilegte. Erst unter den Sueven wurde sie der römischen
Herrschaft entrissen. Als aber deren König Riciar durch Theodorich
besiegt wurde, fiel sie den Goten anheim, die sie bis zum Jahre 712
behaupteten, denen sie die ganz Spanien überströmenden Sarazenen unter
einem ihrer Anführer namens Tarce, der schon Murcia und Sevilla erobert
hatte, wieder abnahmen. Sie blieb nun unter der Herrschaft dieser
Ungläubigen, bis einer ihrer Statthalter, Ben-Alarabe, der sich der
Oberherrschaft des Kalifen entziehen wollte, Karl dem Großen dieselbe
unter der Bedingung antrug, daß er Gouverneur daselbst bleibe. Der
Kaiser nahm den Vorschlag an und Besitz von Saragossa, nachdem er schon
Pampeluna genommen. Nichtsdestoweniger fuhr sie fort, den Arabern zu
gehören und hatte ihre eigenen, sich von Statthaltern zu Königen
aufgeschwungenen Herrscher. Im Jahre 1118 eroberte Alphons der Streiter
nach heftigem Widerstand Saragossa, machte es zur Hauptstadt des
Königreiches Aragonien und sich zum König. Im sechzehnten Jahrhundert
wurde es durch die Vermählung Ferdinand des Katholischen mit Isabella,
Erbin der Reiche Leon und Kastilien, mit der spanischen Monarchie
vereinigt. Der Umfang der Stadt mochte etwa drei Viertelstunden
betragen. Sie hatte zum Teil ziemlich hohe Gartenmauern, namentlich an
dem Augustiner- und anderen Klöstern, welche die Stadt umgaben. In
früheren Zeiten war sie regelmäßig befestigt, aber aus ihren Werken
waren längst Straßen geworden, und nur hier und da sah man noch einen
alten Turm aus jenen Zeiten. Die Mauern, welche jetzt die Stadt umgaben
und mit den Garten- und Klostermauern zusammenhingen, hatten nirgends
über dreizehn Fuß Höhe bei drei bis Vier Fuß Dicke und waren von
Backsteinen, die Vorstadt hatte gar keine Einfriedigung. Die Zahl ihrer
beständigen Einwohner war ungefähr fünfzigtausend, und die ihrer Kirchen
und Klöster ein halbes Hundert. Von den letzteren waren einige, wie zum
Beispiel das von San Joseph, das auf der rechten Seite des Huerba lag,
kleine Festen oder Burgen. Die Anhöhe Monte Torrero, welche ungefähr
viertausend Schritte von diesem Kloster entfernt liegt und an der der
Kanal von Aragonien vorbeifließt, beherrscht die nächste Umgebung. Die
Aljaferia, ein viereckiges Schloß mit bombenfesten Gewölben und kleinen
Türmen, liegt nahe an der Westseite der Stadt, vor dem Sortillo-Tor, ist
mit einem tiefen Graben versehen und hat einige Bastionen. Dieses Schloß
war früher ein Palast der maurischen Könige und später der der Könige
von Aragonien, bis ihn die Regenten Spaniens der Inquisition überließen,
die ihren Sitz in demselben aufschlug und ihre Schlachtopfer in den
fürchterlichen unterirdischen Gefängnissen desselben verwahrte. Erst
Philipp V. machte im achtzehnten Jahrhundert auch eine Festung aus
demselben.

Unter den vielen Kirchen dieser Stadt sind sehr prächtige, die, sowie
die Klöster, besonders das der Dominikaner und der Inquisitionspalast in
der Stadt, große Schätze und Sehenswürdigkeiten besitzen. Diese Stadt
hat auch einen sehr schief gebauten überhängenden Turm, gleich denen zu
Bologna und Pisa, der sehr hoch ist und mitten auf einem freien Platz
steht. Die berühmteste Kirche ist die Unserer lieben Frauen del Pilar,
ein sehr prachtvolles, reiches Gebäude, das wir aber nur, sowie die
meisten anderen, aus gehöriger Ferne bewundern konnten. Die Spaziergänge
an den schönen Ufern des Ebro und des Huerba sind reizend und zum Teil
mit Torres (Landhäusern) und Alleen versehen. Die um die Stadt
herumliegenden Gärten, Huertas, sind meistens groß, hübsch und mit
Geschmack angelegt. Die vielen Klöster, welche zum Teil in der Nähe der
Tore liegen und aus Backsteinen erbaut sind, kann man gewissermaßen als
diese verteidigende Bastionen betrachten. Die mit gelblackierten
glitzernden Steinen bedeckte Kuppel der Kirche der Madonna _del Pilar_
und andere, sehen von ferne goldenen Dächern gleich.

In der Nähe von Saragossa fand am 20. August 1710 die berühmte Schlacht
statt, in welcher die Truppen Philipp V. von denen Karls von Österreich,
die sich um das Erbe Karl II. stritten, auf das Haupt geschlagen wurden.

Die Einwohner Saragossas, namentlich der niederen Klassen, sind ein sehr
kräftiger, starker Menschenschlag, und gegen Witterung und Entbehrungen
aller Art abgehärtet. Viele derselben kennen ein Bett nur dem Namen nach
oder besteigen ein solches zum erstenmal, wenn sie sich verheiraten.

Es war ein Kartätschenschuß, der zuerst unter die Reihen der in
Saragossa wie zu einer Parade einmarschierenden französischen Kolonne
fuhr, die vordersten Glieder derselben blutig niederwarf und die Truppen
zum schleunigen Rückzug aus der Stadt bewog. Lefebvre-Denouette hatte
statt eines feindlichen Angriffes und der Kanonenschüsse eine
bewillkommende Deputation erwartet. Er ließ zwar kurze Zeit darauf
Angriffskolonnen formieren, um die Westseite der Stadt zu stürmen, auch
war das Karmelitertor bald eingeschossen und genommen worden, aber dem
weiteren Vorrücken standen die todbringenden Feuerschlünde entgegen, die
des zu engen Raumes wegen nicht zu nehmen waren. Dabei wurde auch
unausgesetzt aus den Häusern auf die Truppen gefeuert. Eine Abteilung
von mehreren hundert Mann war zwar bis auf den Platz de la Misericordia
über einen Teil der Stadtmauern vorgedrungen und wollte dem Feind in den
Rücken fallen. Aber dieser Versuch fiel schlecht aus. Von der Übermacht
umringt, fielen die meisten unter den Streichen der Spanier, nur wenigen
gelang es, dem Tode für den Augenblick zu entrinnen, indem sie sich in
eine Kaserne retirierten, aus der sie jedoch ebenfalls bald wieder
flüchten mußten, da diese von den durch das Dach eindringenden
Landleuten in Brand gesteckt wurde. Jetzt führte man einen allgemeinen
Angriff, die Fahnen und Adler an der Spitze der Regimenter, gegen die
Stadt aus und stürmte unter dem Ruf: »_Vive l'Empereur!_« gegen die
Tore. Die Kavallerie sprengte voran, wurde aber durch das Kanonenfeuer
niedergeschmettert und zurückgetrieben. Nicht besser erging es der
nachrückenden Infanterie, welche dem Kartätschenhagel in den Straßen und
dem Kugelregen aus den Häusern ebenfalls weichen mußte. Als es den
Spaniern an Kugeln und Blei zu mangeln begann, holten Weiber und Kinder
solches aus den Magazinen herbei und brachten sie ihren Gatten, Vätern
und Brüdern, sogar alte Knöpfe, Nägel, Eisenblech und altes Eisen
schleppten sie hinzu, damit das Kartätschenfeuer unterhalten werden
konnte; ebenso Wein, Brot, Käse und Wasser zur Erfrischung der
Kämpfenden, denen sie oft die Bissen in den Mund steckten, während diese
luden und abfeuerten, und dabei schrieen sie unaufhörlich: »Es lebe
Maria _del Pilar_!« In die meist dreistöckigen, von Backsteinen erbauten
Häuser trugen sie schwere Steine, Balken, Eisen und so weiter, um es den
andringenden Truppen auf die Köpfe zu werfen. Eine Fahne, die ein
tödlich getroffener Unteroffizier vom zweiten Weichselregiment hatte
fallen lassen, holte ein zehnjähriger Knabe, unter den Kämpfenden
hinkriechend, und lief mit seiner Beute jubelnd davon. Schon lagen ganze
Haufen von Toten an den Toren und noch hatten die Franzosen wenig oder
gar kein Terrain gewonnen. Ein abermaliger allgemeiner, im Sturmschritt
stattfindender Angriff hatte keinen besseren Erfolg und wurde mit großem
Verlust zurückgeschlagen. Über dreitausend Mann, sechs Kanonen und
mehrere Fahnen hatte man schon vor Saragossa, einer nicht befestigten
Stadt, verloren, und die Aragonier schmückten sich mit den Waffen und
Kleidern der in der Stadt gefallenen Feinde. Nach der letzten Waffentat
wurde die folgende Nacht ganz Saragossa, gleichsam zum Hohn des Feindes,
illuminiert, und man brachte sie betend in den Kirchen zu. Während die
Franzosen den anderen Tag Streifzüge in die umliegenden Dörfer machten,
diese plünderten und Subsistenzmittel requirierten, warfen die Einwohner
neue Verschanzungen auf und setzten ihre Stadt in den besten
Verteidigungszustand, Batterien errichtend und alle Mauern und Gebäude
an derselben mit Schießscharten versehend. Sie hieben zugleich alle in
der Nähe befindlichen Bäume um und machten Verhaue an allen Eingängen
der Stadt, um der Reiterei das Vordringen unmöglich zu machen.
Angetragene Kapitulationen wurden stolz zurückgewiesen und durch
racheatmende Manifeste beantwortet, in denen es hieß: daß man alle
französischen Gefangenen niedermachen würde und so weiter. Die Mönche,
Geistlichen und Gerichtsspersonen machten Sicherheitsronden und
Patrouillen, man tat sogar Ausfälle auf die Belagerer und nahm ihnen
einige Kanonen weg. Indessen war Palafox, der einen nächtlichen Marsch
nach Epila mit siebentausend Mann, bei denen auch das neuorganisierte
Regiment Ferdinand VII. war, unternommen, zurückgeworfen worden und
hatte dabei mehrere Kanonen verloren. Wenige Tage darauf kam Verdier mit
seiner Division, nebst Belagerungsgeschütz von Pampeluna und auch unser
Bataillon vor Saragossa an. Verdier übernahm nun den Oberbefehl
sämtlicher Belagerungstruppen, die Belagerten erhielten aber auch von
Zeit zu Zeit Sukkurs. Kurz nach unserer Ankunft fand eine furchtbare,
die Erde erschütternde Explosion in der Stadt selbst statt. Das zu einem
Pulvermagazin umgeschaffene Seminarium, in welches man das Pulver von
Monte Torrero gebracht hatte, wurde durch Unvorsichtigkeit in die Luft
gesprengt. Die Wirkung war schrecklich. Es schien, als wanke der ganze
Erdboden, alle Häuser zitterten, und außer dem Seminarium lagen noch
einige zwanzig Gebäude in Trümmern und ihre Bewohner unter denselben
begraben. Nachdem die erschrockenen Einwohner aus den Häusern gestürzt,
und erfahren hatten, was die Ursache dieser entsetzlichen Erschütterung
gewesen, war ihre erste Sorge, neues Pulver anzuschaffen. Gewiß ist es,
daß, wenn wir die erste Bestürzung, in die dieses Ereignis die ganze
Stadt versetzt, benutzt und einen allgemeinen Sturm unternommen hätten,
wir leicht Herr derselben geworden wären. So aber ließ man beinahe
vierundzwanzig Stunden verstreichen, ehe man einen solchen Angriff
begann. Die Einwohner hatten Zeit gehabt, sich zu sammeln und zu
beruhigen, da sich noch hinlänglich Munition vorfand, und die Attacke
wurde auf allen Seiten abgeschlagen. Doch nahmen wir bald darauf den von
Bürgern und Bauern besetzten Monte Torrero, der die Stadt von der
Südseite dominiert, nach kurzem Widerstand, da er nicht besonders gut
verschanzt war. Der spanische Offizier, der daselbst kommandiert hatte,
Oberst Falio, wurde auf Befehl der Junta vor ein Kriegsgericht gestellt,
zum Tode verurteilt und erschossen. Auf dieser Höhe wurden nun Batterien
gegen die Stadt errichtet und dieselbe von hier aus heftig bombardiert.
Die meisten Bomben fielen in die Mitte der Stadt und richteten manchen
Schaden an, ebenso die Batterien von San Bernardo, und das Sturmläuten
von den Türmen währte nun Tag und Nacht ununterbrochen fort. Bei der
Nacht bildeten die Bomben und glühenden Kugeln feurige Bogen in der
Luft, ein furchtbar-schönes Schauspiel! Einige fielen in die Kirche
Madonna _del Pilar_, viele auch zischend in die Fluten des Ebro, und der
Schaden war nicht so groß als wir glaubten, obgleich schon weit über
tausend Bomben geworfen waren. Die in die Kirchen gefallenen Kugeln
hatten fast gar kein Unheil gestiftet, und die Priester machten das Volk
glauben, daß man es der Madonna zu danken habe, daß so viele feurige
Kugeln in den Fluß fielen. Unser Bataillon wurde zu einem Angriff gegen
das Portillo-Tor verwendet, und als wir nahe daran waren, die daselbst
errichteten Batterien, deren Kommandant schon gefallen war, zu nehmen,
stürzten sich ganze Haufen bewaffneter Bürger auf dieselben, machten sie
uns von neuem streitig und die Wegnahme unmöglich. Bei dieser
Gelegenheit zeichnete sich ein kaum neunzehnjähriges hübsches Mädchen,
das Augusta geheißen haben soll, durch einen selbst bei Männern seltenen
Heroismus aus. Sie hatte nämlich ihrem Geliebten, der daselbst kämpfte,
das Essen gebracht. Aber in dem Augenblick, als sie ankam, stürzte
dieser tödlich getroffen nieder. Das Mädchen warf das Essen zu Boden und
sich auf den geliebten Gegenstand, den sie fest umklammerte. Dann rafft
sie sich aber wieder schnell und gefaßt auf, ihre Blicke verraten
Schmerz, Zorn und Wut zugleich. Noch hält der Sterbende die brennende
Lunte, mit welcher er die geladene Kanone auf uns abfeuern wollte,
krampfhaft zuckend in der Hand. Sie entreißt ihm dieselbe, entzündet das
Geschütz, auf das wir im Begriff waren, einzudringen, und mehr als ein
halbes Dutzend der Unsrigen sinken tödlich getroffen nieder. Das Mädchen
war schön, hatte besonders einen herrlichen Wuchs, ihre zornglühenden
Wangen, ihre feuersprühenden Augen gaben ihr das Ansehen einer Pallas.
Durch das Beispiel dieser Heroine angefeuert, eilen die erst vor Staunen
starren Spanier ihr zu Hilfe. Es erhebt sich ein mörderischer Kampf um
die Kanonen, und wir müssen zuletzt mit bedeutendem Verlust vor den sich
immer mehrenden Haufen, in deren Mitte die neue Johanna d'Arc anfeuernd
kämpft, zurückweichen, die Kanone im Stiche lassend, die nun aufs neue
den Tod in unsere Reihen sendet. Das Mädchen war in der Tat sehr schön
und erschien uns hier als ein höheres, wunderbares Wesen. Alles hätte
ich darum gegeben, sie lebendig fangen zu können, und lange schwebte mir
dieses Bild vor Augen. Auch ich hatte einen Streifschuß am linken
Oberarm erhalten und zwei Kugeln waren mir durch den Hut gegangen. Hiebe
und Stiche hatte ich unzählige pariert. Die Spanier erlangten nun
verschiedene Vorteile und entrissen uns mehrere schon besetzte Punkte,
namentlich auch ein Kloster, das wir schon genommen hatten. Erst als wir
wieder unter den Oliven angekommen waren, ließ ich meine leichte Wunde
verbinden. Nachdem wir uns wieder mit frischer Munition versehen hatten,
die zum Teil von Calatayud geholt werden mußte, machten wir uns zu neuen
Angriffen bereit. Palafox schien ein wahrer Überall und Nirgends zu
sein. Bald war er in der belagerten Stadt, bald hieß es: er sei hinter
unserem Rücken mit einem bedeutenden Hilfskorps im Anzuge. Bald spukte
er auf dem rechten, bald auf dem linken Ufer des Ebro und so weiter, und
wohin er kam, belebte er alles mit neuem Mut. Eine der größten
Schwierigkeiten war, die nötigen Lebensmittel für unser Armeekorps
herbeizuschaffen. Bei diesem Geschäft wurden die zunächst liegenden
Städte und Orte beständig in Requisition gesetzt, die aber alle,
besonders die _cinco Villas_ (fünf verbundene Städte in der Umgegend),
sehr patriotisch und sehr feindlich gegen uns gesinnt waren, und kleine
Detachements bisweilen zu Gefangenen machten. Ein seltsames
Verteidigungsmittel hatte eine derselben, die Stadt Exea, ersonnen, als
sie mit Gewalt Lebensmittel und andere Dinge liefern sollte. Zwei
Kompagnien waren dahin abgeschickt worden, um die Requisition
beizutreiben. Sie marschierten auch ohne den mindesten Widerstand bis in
die Mitte der Stadt. Kaum aber hatten sie auf einem Platz derselben das
Gewehr bei Fuß genommen, als sich plötzlich die großen Tore eines langen
Gebäudes öffneten und einige zwanzig wütender Stiere heraus und auf sie
lossprangen. Zu gleicher Zeit wurde aus allen Fenstern der umstehenden
Häuser auf die Mannschaft gefeuert, die genug zu tun hatte, den
unbändigen gehörnten Feind abzuwehren. Der größte Teil dieses aus
hundertsechzig Mann bestehenden Detachements wurde getötet oder
gefangen, und nur einer kleinen Zahl gelang es, das Belagerungsheer zu
erreichen und den seltsamen Überfall und Kampf zu berichten. Dies war
gewiß ein ganz eigenes Stiergefecht. Diese Stadt, deren Namen
Exea-de-Los-Caballeros ist, und die zwölftausend Einwohner hat, liefert
die vorzüglichsten Stiere zu den gewöhnlichen Stiergefechten.

Der Kampf in und um Saragossa währte ununterbrochen fort. Ein Bataillon
aragonischer Freiwilliger, das kürzlich unter dem Schall der Musik
einmarschiert war, machte einige glückliche Ausfälle, wobei es sogar
einige unserer Batterien demolierte. Außerdem wurden wir auf unseren
Flanken und im Rücken fast unaufhörlich von Guerillas beunruhigt, die
sich jetzt zu zeigen begannen und die wir nur mit Mühe abwehren konnten.
Bomben und Granaten wurden nur noch spärlich in die Stadt geworfen, der
wir durch die Arbeiten der Ingenieure immer näher zu kommen suchten.
Endlich gelang es, eine Brücke über den Ebro unterhalb Saragossa zu
schlagen, und so auch auf dem linken Ufer dieses Flusses Posto zu
fassen, durch welchen die Kavallerie, da er sehr seicht war, ritt. Wir
suchten nun auch die Vorstadt einzuschließen und so der Stadt alle
Kommunikation mit der Umgegend abzuschneiden, verbrannten die Mühlen,
wodurch die Belagerten gezwungen waren, Pferdemühlen in der Stadt
einzurichten, um Mehl zu haben, ebenso die Fabrikation des Pulvers
innerhalb ihrer Mauern vorzunehmen, dessen sie täglich einige Zentner
verfertigten. Die Mönche füllten die Bomben und machten die Patronen.
Bei all dem konnten wir sie doch nicht so gänzlich einschließen, daß es
ihnen unmöglich gewesen wäre, von Zeit zu Zeit Zufuhren und
Verstärkungen einzulassen. Unterdessen machten unsere polnischen Truppen
einen Angriff auf das Kloster Sankt Joseph, das mit vielen
Schießscharten versehen war, wurden aber bei der ersten Attacke
zurückgeworfen. Bei einer zweiten gelang es ihnen, dasselbe mit
bedeutendem Verlust zu nehmen, wobei sie alles niedermachten, was ihnen
in die Hände fiel. Noch hartnäckiger war der Kampf um das
Kapuzinerkloster, wo man sich mit der größten Erbitterung von Zelle zu
Zelle, bis in die Kreuzgänge, die Kirche und an den Chor um den
Hochaltar herumschlug, und endlich wurde das Kloster von seinen
Verteidigern, als sie sahen, daß sie es nicht behaupten konnten, in
Brand gesteckt. Wir waren nun der Stadt von allen Seiten bis auf
Büchsenschußweite näher gerückt. Das Schloß Aljaferia zu nehmen war uns
jedoch trotz der größten Anstrengungen nicht geglückt, obgleich die
Batterien bald Bresche gemacht hatten. Aber es fehlte uns hauptsächlich
an den nötigen Sturmleitern. Noch mehrmals wurden Stürme auf
verschiedene Tore vergeblich versucht, und bei dem Kloster der Barfüßer
verloren wir viele Leute, ohne es nehmen zu können. Von dem
Josephskloster aus, das jetzt in unseren Händen war, hatten wir indessen
die Stadt so eingeschlossen, daß von dieser Seite alle Verbindung nach
außen unmöglich war. Wütende Ausfälle, welche die Belagerten machten, um
diese Kommunikation wiederherzustellen, sowie stürmische Angriffe auf
die über den Ebro geschlagene Brücke wurden siegreich und mit großem
Verlust von seiten der Spanier, denen die Reiterei viele Leute tötete,
zurückgeschlagen.

Napoleon, der beinahe vor Ungeduld vergehen wollte, weil das
unbefestigte Saragossa so lange nicht bezwungen werden konnte, hatte
seinen Adjutanten, den Ingenieuroberst Lacoste, abgesandt, die
Belagerung zu leiten, der nun alle Angriffe anordnete. In der belagerten
Stadt sah es indessen auch nicht zum besten aus, die Munition fing an zu
fehlen, die Toten lagen in vielen Gassen unbegraben, die Lebensmittel
wurden immer teurer, seltener und schlechter; dennoch verloren die
Einwohner den Mut nicht, die Frauen teilten sich sogar in Kompagnien
ein, um den Dienst oder die Pflege der Verwundeten zu besorgen; eine
Gräfin Burista war Kommandeur dieses seltsamen Regiments. Einen Ausfall,
den die Spanier aus der Vorstadt auf dem linken Ufer des Ebro
unternahmen, glückte ihnen so, daß sie sich, trotz der heftigsten
Gegenwehr, eines Postens bemächtigten, ihn behaupteten, auch mehrere
Gefangene machten, die sie im Triumph unter dem Jubelgeschrei des Volkes
durch die Straßen führten. Hierbei hatte sich das von Palafox
neuformierte Ulanenregiment besonders ausgezeichnet. Lacoste ließ nun
Wurfbatterien errichten und von denselben unaufhörlich Bomben in die
Stadt schleudern, ebenso Breschbatterien, von denen eine mit zehn
Haubitzen vom größten Kaliber besetzt war; nichtsdestoweniger wütete der
Kampf unter Mauern und Toren fort. Wir hatten die Nachricht erhalten,
daß König Joseph, der Spanien mit einer neuen Konstitution beschenkte,
in Madrid eingezogen sei, und Verdier hoffte, daß sich auf diese
Nachricht Saragossa ergeben würde; aber Palafox beantwortete diese mit
der Neuigkeit der Schlacht von Baylen und der, daß Dupont mit seinem
fünfzehntausend Mann starken Korps kapituliert und das Gewehr gestreckt
habe, was Napoleon wütend machte. Palafox wollte weniger als je von
einer Übergabe reden hören. Man sprach auch viel von dem schönen
Empfang, der Joseph bei seinem Einzug in Madrid geworden, erzählte sich
sogar, daß er mit Steinwürfen begrüßt sei. Jetzt wurde von unserer Seite
alles getan, die Stadt bald zu erobern, alle Mörser und Kanonen versah
man sofort mit einem Bedarf für vierhundert Schüsse, und den 4. August
spielten mit dem Grauen des Tages die Geschütze aller Batterien, welche
meistens auf Kirchen und Klöster gerichtet waren, auf die jetzt ein
Bomben- und Kugelregen fiel. Mönche und Nonnen verließen ihre Zellen,
sich in Privathäuser flüchtend, Kranke und Wahnsinnige aus dem großen
Hospital Nuestra Senora de gracia, in deren Gemächer Bomben gefallen
waren, hatten sich von ihren Ketten befreit, und durch den Schrecken
noch wütender gemacht, rannten sie mit tollen Geschrei durch die
Straßen. Alle Reliquien, Monstranzen und andere heilige Kostbarkeiten
wurden eiligst in feuerfeste Gewölbe geschafft. Aus den nahen Laufgräben
unterhielten wir zu gleicher Zeit ein rollendes Gewehrfeuer auf alle,
die sich blicken ließen. Als endlich mehrere Breschen durch das
Kanonenfeuer praktikabel gemacht waren, rückten wir im Sturmschritt von
zwei Seiten auf die Stadt los, und nun kam es auf den Trümmern der
Mauern und Gebäude zum wütendsten Handgemenge. Die Kolonne, zu der wir
gehörten, nahm gegen elf Uhr das Kloster Santa Ingracia, bald darauf
wurde auch die Puerta del Carmen genommen, und über die Leichen ihrer
Verteidiger schreitend, breiteten wir uns in den nächsten Straßen aus.
Den eindringenden Truppen hatte man den Coso, die größte mitten in der
Stadt gelegene Straße als Vereinigungspunkt angegeben. Wir marschierten
jetzt durch die Ingracia-Straße im Sturmschritt nach diesem Punkt, wo
wir Befehl erhielten, uns nach verschiedenen Richtungen zu verbreiten,
um den stärksten Posten in der Stadt in den Rücken zu fallen; aber es
war unmöglich, sich Bahn durch die alten, sehr engen Gassen zu brechen,
welche Haufen verzweifelter Wütender, die meistens von einem Priester im
Ornat, ein Kruzifix schwingend und eine geweihte Hostie in der Hand,
angefeuert, sich gleich gereizten Löwen verteidigten, und dabei regnete
es Steine, siedendes Wasser und Öl auf uns herab. Unser Bataillon
erreichte dennoch den Magdalenenplatz, wurde aber daselbst mit
Kartätschenfeuer empfangen, und wir mußten uns, wollten, wir nicht
abgeschnitten werden, da aus allen Straßen bewaffnetes Volk
herbeiströmte, wieder gegen die Mitte des Coso zurückziehen. Hier griff
uns ein wütender Haufen, von einem Priester, der eine Kirchenfahne
schwang, angeführt, ganz unvermutet an, und der Anführer unserer Kolonne
wurde von einem rasenden Mönch niedergestochen. Ich übernahm jetzt das
Kommando derselben und zog mich fechtend auf das Kloster Santa Fé
zurück, von wo aus ich die Feinde mit Vorteil angriff und mich dann in
der Kaserne Minones, die neben dem Kloster lag, festsetzte. -- Wir
glaubten nun endlich die Stadt genommen und daß die Einwohner zu Kreuz
kriechen würden. Dies würde sicher auch der Fall gewesen sein, wenn sich
unsere Leute nicht so früh der Plünderungswut überlassen hätten und in
die Häuser gedrungen wären, ohne daß es möglich gewesen, sie davon
abzuhalten; die wenigsten kamen wieder lebendig heraus, sondern fanden
den Tod in denselben. Ich hatte zuletzt kaum mehr zweihundert von der an
tausend Mann starken Kolonne beisammen; so wie die Offiziere den Rücken
drehten, liefen zehn und zwanzig in ein Haus. In einer Kirche, durch die
wir bei dieser Gelegenheit zogen, erinnere ich mich ein Gemälde im
Vorübergehen gesehen zu haben, das einen Heiligen darstellt, der in
einer vierspännigen Galakutsche in den Himmel einfährt!

Den Moment für günstig haltend, bot Verdier, der sein Hauptquartier in
dem Kloster Santa Ingracia aufgeschlagen hatte, nochmals eine
Kapitulation an, auf die mit den Worten: »Krieg bis in den Tod!« durch
Palafox geantwortet wurde. Zugleich ließ er auf den schiefen Turm der
Stadt zwei Fahnen pflanzen, die eine blutrot und die andere weiß mit
einem roten Kreuz, um den Spaniern in der Vorstadt und der Umgegend zu
beweisen, daß er noch Herr der Stadt sei. Bald rückten auch neue
Verstärkungen ihren Landsleuten zu Hilfe an und über die Brücke in die
Stadt, aus deren Häusern man jetzt die getöteten oder noch halb lebenden
Soldaten von den höchsten Stockwerken hinabwarf, wobei die Weiber, auch
Kinder hilfreiche Hand leisteten, und mehr als einer dieser
Unglücklichen war durch den Dolchstich einer schönen Saragosserin
gefallen, mit der er den Tod umarmt und so den Moment der Ausschweifung
mit dem Leben bezahlt hatte. Der Kampf in den Straßen wurde noch
heftiger, und aufgetürmte Leichen bildeten nicht selten eine Brustwehr.
Die Kompagnie eines Weichselregiments hatte sich hinter lauter getöteten
Kapuzinern und Karmelitern verschanzt, andere machten sich Bollwerke aus
in Häusern weggenommenen Matratzen. Bald sah ich ein, daß ich mich nicht
lange mehr in Santa Fé würde halten können, suchte mich daher kämpfend
dem Coso zu nähern und mußte dabei über ganze Haufen von Toten steigen.
Hier hatten wir noch das Franziskanerkloster und dessen Kirche inne und
verschanzt. -- Das Bombardement währte beständig fort sowie das Sengen,
Brennen und Morden, und die klaffenden Wunden der Leichen gingen bei der
großen Hitze schnell in Fäulnis über und verpesteten die Luft. -- Nach
diesem furchtbaren Tag brachten wir auch noch die von den Flammen der
brennenden Gebäude hellgelichtete Nacht unter den Waffen und zum Teil
fechtend zu. Mit Tagesanbruch erhielten die Spanier abermals bedeutende
Verstärkungen, welche durch die Vorstadt, die wir nie ganz hatten
einschließen können, gedrungen waren, und die reichliche Munition für
die Belagerten brachten. Dies machte, daß wir uns außerstande befanden,
die Stadtteile länger zu behaupten, in deren Besitz wir waren, besonders
da die Feinde die hinteren Mauern der Häuser, in denen sich unsere Leute
befanden, einschlugen, in dieselben drangen und so ein Haus nach dem
anderen kämpfend und mit großem Verlust geräumt werden mußte. Zugleich
wurde ein furchtbares Feuer von allen Dächern und aus allen Fenstern auf
die aus den Häusern flüchtenden sowie überhaupt auf alle in den Straßen
sich befindenden Truppen unterhalten. Mehrere Stunden währte dieser
mörderische Häuserkampf fort. Noch waren wir im Besitz des Franziskaner-
und des San Diegoklosters sowie von Santa Ingracia. Jetzt erhielt
Verdier die Nachricht, daß Palafox, der während der Nacht die Stadt
verlassen, mit sechstausend wohlbewaffneten Aragoniern im Anzug sei. Wir
mußten eiligst alle unsere auf dem linken Ufer stehenden Truppen
zurückziehen und stellten eine starke Reserve auf dem Monte Torrero auf.
Dies gab Veranlassung zu einer komischen und galanten Episode dieses
Wettkampfes. Um unsere Kommunikation mit den noch von uns besetzten
Teilen der Stadt zu unterhalten, mußten wir ein Nonnenkloster wegnehmen,
dessen wir zu diesem Zweck bedurften; hier fanden wir ungefähr dreißig
Schwestern nebst einer Äbtissin, die gefangen abgeführt wurden und unter
denen sich zwei sehr artige Novizen und ein halbes Dutzend noch ganz
junger und hübscher Nönnchen befanden. Mir wurde der Auftrag zuteil, die
frommen Kinder in Sicherheit zu bringen. Nachdem ich die
verzweiflungsvollen Schönen so gut als möglich zu beruhigen gesucht,
eskortierte ich sie selbst, und zwar nicht ohne Gefahr, daß eine oder
die andere verwundet oder gar getötet würde, denn die Kugeln hörten
nicht auf zu sausen, nach dem Monte Torrero; aber trotz meiner
kräftigsten Versicherungen, daß ihnen nichts zuleide geschehen solle,
weinten sie dennoch unaufhörlich und schienen trostlos. Nichts half es
anfänglich, daß alle Offiziere, die mit ihnen in nähere Berührung kamen,
ihnen ein Gleiches versicherten. Als sie aber sahen, daß man fortfuhr,
sich so artig und galant gegen sie zu benehmen und ihnen alle mögliche
Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit erwies, fingen sie endlich an, sich
in ihr Schicksal zu ergeben, ihre Tränen zu trocknen und nahmen etwas
Speise und Trank zu sich. Man räumte ihnen die besten Erdhütten ein,
welche die Soldaten noch besonders bequem für sie einrichteten und
verwahrten, und nach zweimal vierundzwanzig Stunden waren sie schon
ziemlich dieses Kampagneleben gewöhnt, besonders die Jüngeren. Sie
fingen an, mit uns zu lächeln, wohl auch zu schäkern und ließen sich
bald halb gezwungen, halb freiwillig ein Küßchen rauben; die meisten
waren aus angesehenen spanischen Familien. Da sie sahen, daß wir keine
Eisenfresser waren, und da die spanischen Nonnen überhaupt noch
unendlich mehr Freiheit haben als die italienischen, auch Liebesintrigen
derselben eben nicht zu den Seltenheiten gehören, so wurden sie immer
vertrauter mit uns. Eine der Novizen, kaum fünfzehn Jahre alt, ein
wahres Madonnengesicht, schön wie eine Verklärte, fand ich für gut, mit
noch zwei jüngeren Schwestern unter meine besondere Protektion zu nehmen
und ihnen ein eigenes Lokal einzuräumen; sie hatten alle getrennt und zu
zwei und drei in unsere Baracken einquartiert werden müssen. Ich ließ
auch Matratzen für sie herbeischaffen, die ich aus noch von uns
besetzten Häusern nahm, sorgte dafür, daß ihnen immer mit den
delikatesten Speisen, die zu haben waren, aufgewartet wurde, ließ sie
durch meinen Burschen bedienen und übergab sie der Sorgfalt eines
zurückbleibenden Unteroffiziers, wenn ich sie verlassen mußte, um an dem
Kampf teilzunehmen; zum Abschied erlaubte ich mir, sie zu küssen. Den
heiligen Mädchen standen die Tränen in den Augen, so oft ich sie
verließ; sie baten mich, ja recht bald wiederzukommen. Da wir den
dritten Tag nach der Wegnahme dieses Klosters alle Saragossa räumen
mußten, um wieder Posto vor der Stadt zu nehmen, so konnte ich mich
gegen zehn Uhr in der Nacht bei meinen Schützlingen wieder einfinden,
die vergnügt waren, mich wiederzusehen. Die Nonnen schienen mit der
Behandlung, die ihnen bis jetzt geworden, alle sehr zufrieden, und
selbst die schon betagte Äbtissin schickte sich darein. Ich beredete
meine drei liebenswürdigen Gäste noch zu einem Spaziergang unter die
nahen Oliven, wo wir unter freiem Himmel in der schönsten spanischen
Sommernacht das gestirnte Firmament bewunderten, ich aber, da alle drei
hübsch und jung waren und um keinen Neid bei den anderen zu erregen, sie
alle liebkoste und küßte, doch die Novize mit großer Vorliebe. So saßen
oder lagen wir vielmehr alle vier recht traulich unter den Bäumen, als
wir in einiger Entfernung mehrere schwarze Gestalten auf uns zuschreiten
sahen, in denen wir, als sie näher kamen, noch drei Offiziere und zwei
Nonnen erkannten, die ebenfalls im nächtlichen Promenieren begriffen
waren; ich trat eine der meinigen einem Kameraden ab, und wir spazierten
nun, ich mit der Novize und einer Schwester am Arm, unter den Oliven.
Bald verloren sich die verschiedenen Paare aus dem Gesicht, und ich
hatte mich mit meinen beiden Schönen wieder an einem etwas entfernteren
Orte niedergelassen, wo wir uns ganz vortrefflich unterhielten,
vergnügten und auf das freundschaftlichste miteinander fertig wurden. --
Ob die guten Kinder wohl alles, was zwischen uns vorfiel, gebeichtet
haben mögen? -- Ich möchte es sehr bezweifeln. -- Seit Madrid hatte ich,
obgleich ich kein Keuschheitsgelübde getan, doch diese gewiß strenger
beobachtet als Franziskaner und Kapuziner, und zwar aus dem triftigen
Grund, weil sich keine Gelegenheit gefunden, sie zu brechen. Nachdem wir
uns in einem Wonnemeer von Vergnügen satt geschwelgt hatten, führte ich
die guten Schwestern wieder in ihr Gemach zurück, wo die dritte in
Gesellschaft ihres Begleiters sie schon erwartete. Nur ein paar Tage
dauerte noch der Umgang mit den liebenswürdigen Kindern, welche auf
höheren Befehl alle, samt der Äbtissin, jetzt in das Kloster eines
benachbarten Städtchens gebracht wurden. Dieser Befehl kam ein wenig
spät, läßt sich aber durch die weit wichtigeren Dinge, mit denen sich
die kommandierenden Generäle vor allem zu befassen hatten, wohl
entschuldigen. Ich gab den lieben Kindern noch das Geleit, nahm
zeitlichen Abschied von ihnen, selbst der Frau Äbtissin die alte Hand
küssend.

Nachdem Palafox mit seiner Verstärkung in Saragossa eingerückt war,
beschränkten wir uns fast nur noch darauf, die Stadt zu bombardieren.
Verdier, der selbst verwundet worden und das Kommando deshalb wieder
momentan an Lefebvre abgetreten, hatte nochmals, und zwar durch
gefangene Mönche, eine Kapitulation angetragen, die gleich den früheren
zurückgewiesen wurde, mit dem Bedeuten, man würde sich, wenn es nötig
sei, von Haus zu Haus bis zum letzten schlagen und unter dessen Trümmern
begraben. Dazu kam es nicht; man murmelte seit vierundzwanzig Stunden,
und die Generäle wußten es gewiß und hatten geheime Instruktionen
erhalten, daß Joseph Madrid bereits wieder verlassen habe, weshalb jetzt
Vorbereitungen zur Aufhebung der Belagerung gemacht wurden. Den 12.
August kam endlich in der Nacht vom Hauptquartier zu Burgos der
bestimmte Befehl an, die Stadt zu räumen, wenn wir schon im Besitz
derselben seien, und wenn dies nicht, die Belagerung sofort aufzuheben.

Um unsern bevorstehenden Rückzug zu decken und zu verbergen, wurden
jetzt noch einmal mit großer Ostentation alle Anstalten zu einem
allgemeinen Angriff gemacht und die Stadt heftig bombardiert. Die
Magazine, Gebäude auf dem Monte Torrero und anderen Orten, die wir inne
hatten, wurden sodann angezündet. Auch das Kloster Santa Ingracia wurde
mit all den Leichen seiner heiligen Märtyrer vor unserem Abzug in die
Luft gesprengt, und zwar ging in der Mitternachtsstunde die furchtbare
Explosion vor sich. Das mit so großer Mühe herbeigeschaffte
Belagerungsgeschütz wurde in die Wellen des Ebro und die Wasser des
Kanals geworfen, da wir nur das Feldgeschütz mitnehmen konnten. Auch den
gefangenen Nonnen und Mönchen gab man ihre völlige Freiheit, wobei es
mit den ersteren etwas bunt hergegangen sein soll. Durch einen Offizier,
der die zweite, noch furchtbarere und grausamere Belagerung von
Saragossa mitgemacht hatte, erfuhr ich später, daß sich manche der
frommen Christusbräute in der Hoffnung befunden, aber nicht bestraft
wurden, da sie Gewalttätigkeit vorgeschützt, und unter französischem
Schutz niedergekommen seien.

Unser Abzug wurde nicht im mindesten durch die Belagerten beunruhigt,
die sich aber des ins Wasser geworfenen Geschützes, ein halbes Hundert
Kanonen, Mörser, Haubitzen, Feldschlangen und so weiter bemächtigten,
das ihnen bei der zweiten Belagerung gute Dienste tat.

Was unseren Abzug so sehr beschleunigt hatte, erfuhren wir erst auf dem
Marsch; es war nämlich ein spanisches Armeekorps, vierzehntausend Mann
stark, zur Entsetzung Saragossas im Anmarsch und schon bei Muela
angekommen. -- Wir hatten wenigstens achttausend Mann bei dieser
vergeblichen Belagerung eingebüßt, die Spanier vielleicht noch mehr,
denn durch das Einstürzen und Sprengen der Gebäude verloren unzählige
Menschen, auch Frauen und Kinder das Leben. Unser Abmarsch wurde in der
Stadt sogleich durch eine große Prozession und ein Dankfest gefeiert,
wobei man besonders die Jungfrau del Pilar und Palafox hochleben ließ.

Die Belagerung von Saragossa hatte gezeigt, was die Bevölkerung einer
Stadt vermag, wenn es ihr Ernst ist, dieselbe zu verteidigen; jetzt erst
fing ich an, die fast fabelhafte Verteidigung mancher Städte des
Altertums zu glauben. Hätte sich Magdeburg und andere preußische
Festungen in dem unglücklichen Krieg von 1807 nur zum hundertsten Teil
gleich der Hauptstadt Aragoniens, wie zum Beispiel Kolberg, verteidigt,
so hätte Napoleon schwerlich Berlin und noch weniger Königsberg gesehen;
doch die herbe und derbe Lektion mußte sein, sollte es in Preußen gut
werden. Schon vierundzwanzig Stunden nach unserem Abmarsch kam das
Entsatzungskorps in Saragossa an.

Der größte Teil des Belagerungsheeres schlug den Marsch über Alayon nach
Tudela ein, um sich später mit der französischen Hauptarmee, die sich an
den Ufern des Ebro zusammenzog, zu vereinigen. Ein kleiner Teil, bei dem
auch unsere sehr zusammengeschmolzene Legion war, erhielt Befehl, den
Weg nach Barcelona zu nehmen, um sich mit dem in Katalonien stehenden
Armeekorps zu vereinigen, welches das Beobachtungskorps der östlichen
Pyrenäen formierte und bei dem viel italienische Truppen standen. Bei
der furchtbaren Stimmung und dem eingefleischten unversöhnlichen Haß der
Katalonier gegen die Franzosen, der schon aus früheren Zeiten datierte,
war es höchst notwendig, auch dieses Korps zu verstärken, das ebenfalls
schon sehr vermindert war und namentlich bei der Belagerung von Gerona
sehr gelitten hatte. Unser Marsch war wieder höchst beschwerlich und
ermüdend. Wir vermieden sogar alle bedeutenden Orte, da die Bataillone
meist keine dreihundert Mann mehr stark, um so mehr den Angriffen der
Feinde ausgesetzt war und in ganz Katalonien nur noch Barcelona und das
Fort von Figuieras in den Händen der Franzosen waren. Miquelets, in
Bataillone zu zehn Kompagnien, jede hundert Mann stark, eingeteilte und
wohlbewaffnete Katalonier, schwärmten zu Tausenden umher. Sie trugen
runde Jacken und Federhüte, katalonische Nationaltracht. Katalonien
hatte einige vierzig solcher Bataillone, Tercios de Miquelets genannt,
gestellt und bewaffnet. Außerdem gab es noch eine Art Landsturm,
Somatenes genannt, die sich augenblicklich, wo es not tat, zu vielen
Tausenden bewaffnet erhoben, deren Einrichtung schon Jahrhunderte
bestand und zu der alle Katalonier vom sechzehnten bis zum fünfzigsten
Jahre gehören, sobald das Vaterland in Gefahr ist.

Alle größeren Städte, und namentlich Lerida, in welchem die Junta von
Katalonien ihren Sitz aufgeschlagen hatte, vermeidend, machten wir sehr
ermüdende und gefährliche Nachtmärsche. In kleineren Orten requirierten
wir Lebensmittel, was, so lange wir in Aragonien waren, sich noch
ziemlich gefahrlos tun ließ; als wir aber einmal über Fraga, eine Stadt,
die am Cinca liegt und über viertausend Einwohner zählt, hinaus waren,
wurde es immer schwieriger, sich Nahrungsmittel zu verschaffen. Das Dorf
Alcaraz war der erste Ort, den wir in Katalonien betraten; es liegt nur
in geringer Entfernung von Lerida. Unser nächstes Biwak hielten wir bei
dem Dorf Molleruza, von wo wir noch unangefochten, aber oft auf
abscheulichen Seitenwegen bis in die Gegend von Cervera marschierten,
das auf einer ansehnlichen Höhe in einer großen fruchtbaren Ebene liegt,
mit Mauern umgeben und durch seine Lage ziemlich fest ist. Im spanischen
Erbfolgekrieg wurde diese Stadt vergeblich von den Deutschen und
Kataloniern belagert, auch wagten wir uns nicht an dieselbe, da wir von
den guten Gesinnungen der Einwohner gegen uns, sowie daß ein Bataillon
Miquelets und viele Somatenes in derselben lagen, unterrichtet waren.
Wir marschierten nach gehöriger Rekognoszierung in das Dorf
Hostalfranes, wo wir alles mitgehen ließen, was wir als verdauungsfähig
erkannten. Die Stadt Ignalada, die über zehntausend Einwohner zählte und
nicht besser gesinnt war, umgingen wir gleichfalls, uns fortwährend mit
dem Nötigsten in den Dörfern versehend. Oft bestand unsere Nahrung auf
einen ganzen Tag in einer Zwiebel oder etwas Knoblauch mit einem Stück
Brot, und dabei die strapaziösesten Märsche in kahlen Gegenden. Bayern
oder Österreicher würden schlecht dabei gefahren sein. Im Grunde war es
ein Unsinn, uns in so geringen Abteilungen nach Katalonien, das in
vollem Aufstand war, zu senden, aber der General Duhesme, der daselbst
kommandierte, hatte auf das dringendste Verstärkung verlangt, da was ihm
von Perpignan zukam, nicht hinlänglich war. Nach mancherlei Strapazen,
großen Entbehrungen und das Fußwerk im schlechten Zustand, kamen wir
endlich bei dem Städtchen Martorell an, wo wir über die Noya gingen und
dann den nur noch drei Stunden entfernten berühmten Berg Montserrat
erblickten, den zu besteigen und seine merkwürdige Einsiedelei zu
besuchen, jetzt niemand Lust verspürte. Von weitem sieht er aus wie eine
ungeheure Burgruine. Schon so nahe bei Barcelona, hielten wir uns jetzt
sicher genug, um uns nach Martorell wagen zu können, wo wir uns seit
zehn Tagen zum erstenmal wieder satt essen konnten; aber kaum war dies
geschehen, als wir Nachricht erhielten, daß sich ein großer Haufen
Somatenes in geringer Entfernung zeige. Wir griffen eiligst zu den
Waffen und verließen die Stadt. Hier sahen wir einen Haufen bewaffneter
Bauern, etwa zwölf- bis fünfzehnhundert Mann stark, die sich jedoch
nicht an uns zu wagen schienen und uns ruhig ziehen ließen. Bald hatten
wir sie auch aus den Augen verloren. Als wir aber bei San Feliu, einem
ziemlich bevölkerten Ort, der nur noch zwei Stunden von Barcelona liegt,
ankamen, zeigten sich auf einmal die Somatenes wieder, mit einem halben
Tercios Miquelets verstärkt, und machten Miene, uns den Weg zu sperren,
indem sie sich vor dem Eingang von San Feliu aufstellten. Es blieb uns
nichts anderes übrig, als ihn zu erzwingen und zu versuchen, uns
durchzuschlagen. Die Miquelets fochten wie Verzweifelte, und selbst
nachdem wir ihre Reihen durchbrochen hatten, mußten wir fortwährend
kämpfend weiterziehen, da sich immer neue Haufen entgegenwarfen, die
kleine, uns bekannte Umwege im Lauf machten und sich dann wieder vor uns
aufstellten. Endlich waren wir mit einem Verlust von einigen dreißig
Mann jenseits des Ortes auf der nach Barcelona führenden Straße
angekommen, als sich abermals ein großer Trupp Somatenes zeigte, Feuer
auf uns gab und dann davoneilte. Ich ritt gerade an der Spitze des
zweiten Bataillons, als ich einen Büchsenschuß in den rechten Schenkel
erhielt, den ich im ersten Augenblick gar nicht spürte, der mir aber
bald unter großem Blutverlust heftige Schmerzen verursachte, so daß ich
vom Pferd steigen und mich bis Barcelona auf Stangen tragen lassen
mußte, die im nächsten Dorf nebst acht Bauern dazu requiriert wurden,
nachdem ein Aide-Major einen provisorischen Verband auf die Wunde gelegt
hatte. An den Toren von Barcelona angekommen, wurde sogleich eine Sänfte
herbeigeschafft, in der man mich ins Lazarett brachte, wo die Wunde
untersucht und die Kugel herausgezogen wurde; sie lag nicht sehr tief
und war schon ziemlich matt, als sie den Weg in mein Fleisch fand, denn
die Bauern hatten aus großer Entfernung geschossen; dennoch bekam ich
ein heftiges Wundfieber. Vom Lazarett, wo ich nicht bleiben wollte,
wurde ich in ein Gemach in der Zitadelle gebracht. Da ich indessen sehr
gute Säfte hatte, was bei Wunden eine Hauptsache ist, denn bei
verdorbenen Säften oder wenn venerisches Gift im Körper ist, wird die
geringste Wunde oft tödlich oder bringt jahrelanges Leiden, so ging
meine Heilung schnell vor sich, und ich konnte nach wenigen Tagen schon
wieder mit Hilfe einer Handkrücke herumhinken. Aber mein fatales
dreitägiges Fieber stellte sich nun auch wieder recht hartnäckig ein und
machte mir viel zu schaffen, da es in ein schleichendes und zehrendes
auszuarten drohte. Während ich so mit Wunde und Krankheit zu tun hatte,
war der Rest der Legion schon wieder mit anderen Truppen ausgerückt, um
gegen die immer kühner werdenden Miquelets zu kämpfen, fiel aber in
einen Hinterhalt und wurde größtenteils niedergemacht oder gefangen, so
daß kaum fünfzig Mann und ein einziger Offizier zurückkamen. Wären wir
nicht im Besitz der Zitadelle von Barcelona gewesen, der sich Duhesme
gleich bei seinem Einmarsch in Spanien durch Arglist und Gewalt
bemächtigt hatte, so wäre es uns sicher schlimm ergangen. Barcelona ist
auch auf der Landseite wohl befestigt und auf beiden Flanken durch die
Zitadelle und das Fort Montjuic gedeckt; auch von der Seeseite ist es
fast unangreifbar. Die Engländer kreuzten aber im Verein mit den
spanischen Schiffen unaufhörlich vor dem Hafen, fast alle Kommunikation
zu Wasser abschneidend. Wäre der spanische Generalkapitän von
Katalonien, Palacios, ein zweiter Palafox gewesen, so hätte er uns viel
zu schaffen machen können, da Duhesme sehr oft mit der Elite der
Garnison in den Gebirgen umherstreifte, um gegen die Miquelets, die
Palacios mit noch anderen Truppen befehligte, zu streiten und während
seiner Abwesenheit Stadt und Zitadelle nur schwach besetzt ließ. Auch
waren die Einwohner sehr aufgebracht, da sich der italienische General
Lecchi, der in Duhesmes Abwesenheit dann kommandierte, alle möglichen
Vexationen gegen sie erlaubte und die Stadt außer den zu liefernden
Lebensmitteln, Montierungsstücken in großen Massen, fünfzigtausend
Zentner Holz, viele Schuhe und noch zwanzigtausend spanische Piaster
(über einhundertzehntausend Franken) wöchentlich bezahlen mußte.
Freilich waren die angesehensten Einwohner als Geiseln in der Zitadelle
eingesperrt.

Strapazen, Wunde und Fieber hatten mich indessen tüchtig
zusammengerüttelt, so daß ich bald nur noch einem Schatten glich, doch
versuchte ich abends, wenn die größte Hitze vorüber war, kleine
Promenaden in der Stadt zu machen, besuchte Kirchen und so weiter.

Diese Hauptstadt Kataloniens ist mit die beträchtlichste Spaniens und
hat nahe an hundertfünfzigtausend Einwohner; sie wurde von den
Karthaginiensern gegründet, die ihr den Namen eines ihrer Generäle,
Hamilcar Barca, beilegten. Nachher kam sie unter römische, später unter
gotische und maurische Herrschaft; endlich hatte sie ihre eigenen
Souveräne, die den Titel Grafen von Barcelona führten und Katalonien mit
der Krone von Aragonien vereinigten, bis beide im sechzehnten
Jahrhundert der spanischen Monarchie einverleibt wurden. Die Stadt hat
einen großen Umfang, ist aber schlecht gebaut und hat mit wenigen
Ausnahmen sehr enge und krumme Straßen, namentlich die Altstadt, auch
ihre Plätze sind klein. Die Häuser sind sehr hoch, meist fünf
Stockwerke, und haben große Balkone. Paläste sind wenige hier; unter
ihnen ist der des Herzogs von Medina Cöli der schönste. Sehr viele
Häuser sind bunt bemalt, Kirchen und Klöster zählt man wohl anderthalb
hundert. Noch sind einige Altertümer aus den Römerzeiten vorhanden. Die
Kathedrale ist ein großes schönes Gebäude, dessen Fassade aber noch
nicht ausgebaut ist, obgleich schon seit dreihundert Jahren von allen,
die sich daselbst verheiraten, eine kleine Abgabe zu diesem Zweck
erhoben wird und schon weit mehr Geld als erforderlich dazu vorhanden
ist. Der alte Palast der Grafen von Barcelona diente zum
Teil Klarissinnen zur Wohnung, während im anderen Teil das
Inquisitionstribunal seinen Sitz und seine Kerker hatte; er hat ein
ungeheures Mauerwerk, furchtbare Gewölbe und ist nur durch eine enge
Straße von der Kathedrale getrennt. Das Schauspielhaus ist ein schönes
und geräumiges Gebäude, das an einer Promenade liegt. Noch ist auch ein
alter merkwürdiger Palast des Hauses Alba vorhanden. Von den Promenaden
innerhalb der Stadt -- die außerhalb liegenden konnte ich nicht besuchen
-- ist die Esplanade zwischen Zitadelle und Stadt die größte; sie hat
drei Reihen Alleen, wird aber wenig besucht. Die Rambla ist ein auf
ehemaligen Festungswerken angelegter Spaziergang mitten in der Stadt,
die sie gewissermaßen in zwei Teile trennt.

Barcelonetta ist ein kleines Städtchen, das eigentlich eine Vorstadt von
Barcelona bildet und zwischen dem Hafen und dem Molo liegt, wird aber
fast nur von Schiffern und Matrosen bewohnt; seine Entstehung datiert
erst aus dem achtzehnten Jahrhundert. Die Zitadelle an der Nordostseite
der Stadt wurde ebenfalls erst im achtzehnten Jahrhundert und auf Befehl
Philipp V. erbaut; sie ist groß, und ihre bedeutenden Werke waren noch
im besten Zustand. Der Hafen, der unter ihr und zwischen der Stadt und
Barcelonetta liegt, ist im Grunde nur ein großes Bassin, dessen Einfahrt
ziemlich schwierig ist; er ist schön und sehr besucht. Der Montjuic ist
ein Berg auf der Südwestseite der Stadt, mit einem Fort gekrönt, der
weit besser Stadt, Hafen und Umgegend beherrscht als die Zitadelle und
selbst diese noch dominiert.

Barcelona, das großen Handel treibt, hat sehr reiche Kaufleute, sein
Adel aber gehört mit wenigen Ausnahmen meistens zur Familie der Don
Ranudo de Colibrados. Die Frauen sind zum Teil reizende und pikante
Schönheiten, die mich trotz meinem gespensterhaften Aussehen nicht wenig
interessierten; ich konnte sie aber nur in Kirchen und auf Promenaden
bewundern. Gewöhnlich ist diese Stadt voller Leben, und die Vergnügungen
aller Art, wie Gesellschaften, Tänze, Schauspiele, Maskeraden,
italienische Oper, Kirchenfeste, Prozessionen, Landpartien und so weiter
drängen sich, jetzt aber war von dem allen wenig zu sehen, man hätte
sich vielmehr in La Trappe glauben können, und sah nur finstere oder
sorgenvolle Gesichter; nur in den Kirchen war einiges Leben, wenn auch
ein sehr ernstes. In manchen derselben werden bei großen Festen oft
dreitausend Kerzen zumal angezündet. Nächtliche Prozessionen mit
Fackeln, bei denen es oft bunt genug zugeht, sind hier sehr beliebt; man
hat berechnet, daß allein bei den Prozessionen, die während der heiligen
Woche stattfinden, über dreißigtausend Wachsfackeln verbrannt werden,
von denen eine jede fünf bis sechs Pfund wiegt; Riesen, Teufel,
Ungeheuer und so weiter spielen dabei eine große Rolle. Durch die vielen
bürgerlichen Kriege der letzten drei Jahrhunderte und nicht weniger als
fünf Belagerungen, die es in einem Zeitraum von sechzig Jahren
bestanden, war Barcelona so herabgekommen, daß es nach der Belagerung
von 1714 keine vierzigtausend Einwohner mehr zählte, sich aber so
unglaublich schnell erholte, daß es zu Ende desselben Jahrhunderts schon
wieder hundertundvierzigtausend und über zehntausend Häuser hatte.

Kaum acht Monate hatte ich in Spanien zugebracht und unter
Verhältnissen, die es nicht zuließen, in nähere Berührung mit dessen
Einwohnern zu kommen und sie genauer kennen zu lernen, doch machte ich
im allgemeinen auf unseren Märschen und in unseren Quartieren folgende
Bemerkungen. Die Damen haben sich bei den Spaniern, trotz dem herrischen
Wesen der Männer, noch immer einer Verehrung zu erfreuen, die fast an
Abgötterei grenzt und die noch von jener in ihren ritterlichen Romanen
und Romanzen so oft besungenen heroischen Liebe zeigt. Die Männer suchen
beinahe eine Ehre darin und sind stolz darauf, sich der Frauen Knechte
zu nennen, was sie auch sind, und reden sie oft mit den Worten an:
»_Señora, beso a vos los pies_«, auch besorgen sie Frauen-, Stuben- und
Küchendienste, machen die Betten, kaufen die Lebensmittel ein, kochen,
kleiden sogar die Kinder an und so weiter. Dies macht, daß selbst die
spanischen Frauen niederer Klassen halbe Prinzessinnen sind, deren Winke
rasch auszuführenden Befehlen gleichen. Dagegen sind sie aber auch über
alle Beschreibung schön und anmutig, namentlich die Andalusierinnen,
deren ich mehrere in Madrid und Barcelona sah, heroisch-majestätische
Schönheiten. Der Ausdruck ihrer Mienen, ihr Anstand, ihre Anmut, ihre
Feuer blitzenden Augen sind unvergleichlich, selbst Bettelmädchen und
Dirnen der Freude wissen unter ihrer Mantille noch zu imponieren, und
die halbwilden Hirtentöchter der Gebirge kommt man in Versuchung, für
Bergnymphen zu halten. Unter diesen Gebirgsbewohnern gibt es Menschen,
die gar kein Geld kennen, und wenn man ihnen für einen Dienst, für eine
Erfrischung ein Stück gemünztes Silber geben will, weisen sie es mit
Verachtung zurück, sprechend: »Wir bedürfen solchen Plunders nicht, wer
dessen bedarf, mag ihn behalten.« Im Sommer ist das hohe Himmelsgewölbe
ihr Dach und im Winter Erdhütten oder Höhlen ihre Schlafstätte,
Schaffelle ihre Bedeckung, Milch, Kräuter und Baumfrüchte ihre Nahrung.
Namentlich leben so die Gebirgsbewohner Kataloniens, die kein Feind in
ihren Bergen erreichen kann und die ein wildes, kriegerisches Volk sind,
das seine Engpässe gut zu verteidigen weiß und fast mit nichts lebt;
diese genügsamen Menschen haben immer Überfluß.

Musik und Tanz ist selbst in den elendesten Dörfern Spaniens das
Hauptvergnügen seiner Bewohner. Von diesen Tänzen hat, wer sie nicht
gesehen, keinen Begriff. Den feurig wollüstigen Fandango, den
anmutsvollen Bolero, den Zorongo, die waghalsige Jota von graziösen
Spanierinnen aufgeführt zu sehen, läßt Eindrücke zurück, welche für die
Lebenszeit dauern. Vor den Kirchplätzen der armseligsten Dörfer ertönt
der Klang der Zither, und die Bauerndirnen bringen durch ihre
graziös-wollüstigen Bewegungen auch das Blut der kältesten Zuschauer in
Wallung und Glut. In Kastilien sah ich einst den Guaracha tanzen, den
eine Person, die sich selbst mit der Gitarre begleitete, mit
gravitätischem Ernst aufführte, und dennoch wurde ich von diesem
Charaktertanz hingerissen. Fast jede Provinz hat ihre eigenen Tänze, so
werden in einer Gegend Kataloniens, Ampurda genannt, zwei ganz
eigentümliche Tänze aufgeführt, die man sonst nirgends kennt und die
eine magische Wirkung haben. Dagegen sind der Fandango und Bolero
überall die Haupttänze, für die jeder Spanier leidenschaftlich
eingenommen ist. Der erste wird sehr passend eine harmonische Verzückung
des Körpers genannt, der Bolero ist eigentlich nur ein gemäßigter
Fandango. Schon die Musik dieser Tänze elektrisiert jeden Spanier und
bringt alle seine Glieder in Aufregung, sein Blick folgt jeder Bewegung
der Tanzenden, seine Hände, Füße, Mienen und Gebärden schlagen den Takt.
Selbst ein phlegmatischer Sohn Albions sagte von dem Fandango: »Ich bin
überzeugt, daß, wenn man diesen Tanz unerwartet und plötzlich in einer
Kirche oder vor einem Gerichtshof ertönen ließ, Priester und Richter,
Andächtige und Advokaten, Volk und Verbrecher ohne Unterschied, wie
durch Oberons Chöre bezaubert, zu hüpfen und springen beginnen würden.«
Der Fandango wird in der Regel mit Gitarrenklang und Kastagnettenschlag
begleitet, von zwei Personen, Mann und Frau, aufgeführt. -- Bekannt ist
die Geschichte der wunderschönen Tänzerin Dolores, oder Dolorita
genannt, die zuerst als Nonne vor dem Hochaltar ihrer Klosterkirche zu
Huelgas zu Ehren der Madonna und der Heiligen tanzte, aber bald den
Nonnenschleier mit der Mantille vertauschte, ihre Zelle mit einem
Boudoir, eine weltliche Tänzerin ward und statt in der Kirche auf den
Brettern der Haupttheater Spaniens und Madrids auftrat, alle Welt
bezauberte, von den Granden angebetet und selbst vom König, der ihr
Gelübde durch einen Machtspruch gelöst, geküßt wurde. Einen Edelmann
namens El-Curo, der in Salamanka studierte, behexte sie so, daß er seine
Studien im Stich ließ, ihr gleich einer anderen Preziosa folgte und auch
ein Tänzer wurde. Da er hoffte, sich als Toreador noch mehr auszeichnen
zu können, vertauschte er die Kastagnetten mit den Banderolas und dem
Scharlachmantel und wurde endlich von den Hörnern eines wütenden Stiers
durchbohrt.

Die spanischen Theater, von denen ich nur wenige frequentieren konnte,
geben oft Vorstellungen, wie man sie in keinem anderen Lande Europas
mehr zu sehen bekommt, namentlich wenn sie ihre sogenannten heiligen
Komödien aufführen, wo Profanes, Heiliges und Absurdes auf das
seltsamste vermengt wird. Da sieht man Engel und Teufel, Priester und
Heilige, alle Laster und Tugenden und nicht selten Gott selbst
personifiziert. Die Handlungen der Frommen und die Abscheulichkeiten
Satans durchkreuzen sich, und das Ganze ist oft ein wahrer Skandal für
Religion und Sitten. Luzifer erscheint mit Hörnern und Schwanz und
unterhält sich unbefangen mit Heiligen und mit Gott. Wunder aller Art
geschehen, Märtyrer werden verbrannt, und was die tollste Phantasie
erfinden kann, geht in buntem Gewirre vor den Augen der Zuschauer
vorüber. Maschinerie und Dekorationen sind dabei oft in höchster
Vollkommenheit. Man sieht bald das Innere des Himmels, bald die Hölle,
bald beides zugleich, über- oder nebeneinander. Das himmlische Paradies,
das Fegfeuer mit den brennenden Seelen, ein Konklave und so weiter,
alles wird dem bewundernden Auditorium vorgeführt. Namentlich wurden
diese Komödien am schönsten und tollsten in Barcelona gegeben, wo man
den Teufel sogar zwingt, in einer Franziskanerkutte, aus der die Hörner
hervorragen, auf einer Kanzel die christliche Moral zu predigen!!! Man
sieht auch Stücke, deren Handlungen durch zwei Jahrhunderte in einem
Abend spielen. --

Die Theater haben im Innern in der Regel ein Patio (Parterre) und
mehrere Reihen Logen, _palcos_ oder _aposentos_ genannt. Das Parterre
ist meistens in drei verschiedene Abteilungen geteilt, von denen die
vorderste Lehnstühle, die mittlere, das eigentliche Patio, Bänke, die
hinterste Gradas, das heißt amphitheatralisch geordnete Sitze hat, doch
ist dies nur in den größeren Theatern der Fall. Die Logen sind fast wie
in Italien beschaffen. Die meisten Theater haben, der Bühne gegenüber,
in jedem Rang eine große Loge, die man Cazuela nennt. Diese ist nur
allein für Frauen bestimmt, die sich daselbst, in die Mantillen gehüllt,
aus allen Ständen und von jedem Alter einfinden; auch die vornehmsten
Damen, die keine Toilette machen wollen oder sonst eine Ursache dazu
haben, besuchen oft die Cazuela, durch ihre Schleier unkenntlich
gemacht. Die Liebe ist bei den Spanierinnen die Hauptangelegenheit ihres
Lebens, und schon manche Donna hat ihren Geliebten, als Frau verkleidet,
mit in eine Cazuela genommen. Sie lieben höchst leidenschaftlich und
sollen dabei sehr beständig sein, dagegen aber fordern sie die
unbedingteste Ergebung und große Aufmerksamkeit von dem Geliebten und
sind nicht selten dessen schrecklichster Tyrann, während sie oft die
Sklavinnen ihrer Eheherren sind. Ihr Wille muß ihm das strengste Gesetz
sein, gegen das keine Appellation stattfindet, dabei besitzen sie eine
große Energie und trotzen jeder Gefahr, besonders die Kastilianerinnen,
welche die zärtlichsten wie die Andalusierinnen die verführerischesten
Frauen sind. Sitten, Gebräuche, Kleidung und sogar die Sprache sind in
jeder Provinz verschieden, und in keinem Land ist eine so große Mischung
von verschiedenen Nationen, wie in Spanien, wo neben dem Element der
Urbewohner, das der Karthager, der Römer, der Celtiberier, der Germanen
und namentlich der Goten und Mauren, das glühende Orientalische neben
dem ernsten Nordischen sich kundgibt und in vielen Charakterzügen zeigt,
sowie ihre wunderbaren Märchen von verbannten und verwünschten
Jungfrauen und Rittern, verborgenen Schätzen, verwünschten Schlössern,
verzauberten Gärten, Palästen, ritterlichen Kämpfen mit Riesen und
Ungeheuern, unterirdischen Bewohnern und Geistern und so weiter, bald
die glühende Phantasie der Orientalen, bald die romantische des Nordens
atmen. Das ganze Land mit seinen römischen und maurischen Ruinen, seinen
Bergen, Wäldern, Schlössern, Palästen, Kirchen, Klöstern, Kapellen,
Einsiedeleien und Gärten erscheint fast wie eine verzauberte Gegend.

Gerne hätte ich den so naheliegenden Montserrat mit seinem berühmten
Kloster und seinen merkwürdigen Einsiedeleien besucht, aber mein
krankhafter Zustand machte es mir unmöglich, mein Fieber wollte gar
nicht nachlassen und jetzt keinem Mittel weichen, obgleich die Wunde
fast ganz zugeheilt war. Die Ärzte schrieben meinen Zustand der feuchten
Luft Barcelonas zu, sie hielten für das beste, meinen Aufenthalt zu
wechseln und mit dem südlichen Frankreich zu vertauschen, etwas, das
aber nicht so leicht zu bewerkstelligen, da zu Land und zu Wasser die
Kommunikation mit Frankreich sehr schwierig war. Unter den jetzigen
Umständen allein oder selbst in Gesellschaft mehrerer über die Pyrenäen
zu kommen, daran konnte man nicht denken, und vor dem Hafen kreuzten
englische Fregatten und spanische Kriegsschiffe. Ich sprach deshalb mit
dem kommandierenden General Lecchi, der mir mitteilte, daß er dieser
Tage ein kleines Küstenfahrzeug nach Frankreich absenden müsse und, wenn
ich es wagen wolle, ich mit diesem, dessen Kapitän ein Franzose aus Agde
sei, gehen könne; das Schiff sei erst vor wenigen Tagen, den Engländern
eine Nase drehend, in den Hafen eingelaufen. Ich suchte den Kapitän
selbst auf, der mir zuredete, mich ihm anzuvertrauen, und sagte, er
stehe dafür ein, mich glücklich an die französischen Küsten zu bringen.
Ich fürchtete nichts mehr, als in englische Gefangenschaft zu geraten,
aber auf sein Zureden entschloß ich mich, das Wagnis zu bestehen, ließ
mir die nötigen Papiere und Zertifikate ausfertigen und schiffte mich in
einer dunklen Nacht, den 12. September nach zehn Uhr abends, ein. Wir
verließen den Hafen mit sehr günstigem Westwind, segelten, von den
feindlichen Schiffen unbemerkt, längs der Küste hin und hatten, als der
Tag anbrach, schon die Höhen von Rosas passiert. Die Fahrt wurde mit
gleichem Glück bis zu den Küsten Frankreichs fortgesetzt, an Perpignan
und Narbonne vorüber, und den dritten Tag erreichten wir glücklich den
Hafen von Agde. --



                                 XIII.

    Ankunft zu Montpellier. -- Ich werde zum 29. Regiment versetzt.
        -- Murat, König von Neapel. -- Ermordung einer Kompagnie
     Voltigeurs. -- Der neue König macht sich beim Volk beliebt. --
      Einnahme der Insel Capri. -- Ich werde dekoriert. -- Helenes
   Hochzeitsfeier. -- Castellamare. -- Dritter Feldzug in Kalabrien. --
      Rückkehr nach Neapel, wo ich das Ehrenkreuz erhalte. -- Ich
      werde nach Nola detachiert und daselbst beinahe erschossen.
       -- Neue Bekanntschaften. -- Eine durch eine beabsichtigte
     Leichenberaubung entdeckte Verschwörung. -- Murats Politik und
              Reformen. -- Abmarsch nach dem Kirchenstaat.


Die kleine Seereise war mir trotz mancher Unbequemlichkeiten und
schlechter Lagerstätte doch ziemlich gut bekommen. Von Agde, einem
kleinen Seehafen im Departement Herault, durch ein Konzilium, das hier
gehalten wurde, bekannt, fuhr ich sogleich über Frontignan, wegen seines
trefflichen Muskatweins berühmt, nach Montpellier ab, wo ich in einem
guten Gasthof abstieg, dann den Herren Michel und Gayral meine Ankunft
meldete, die mich mit allem, dessen ich bedürftig war, bestens versahen.
Nachdem ich mich bei dem jetzt hier kommandierenden General Sissé
gemeldet, teilte mich derselbe einstweilen dem hier liegenden Depot
eines Infanterieregiments bis zu meiner völligen Genesung zu, und das
gesunde Klima von Montpellier stellte mich bald wieder her. Ich schrieb
an den Kriegsminister und bat den General, bei dem ich öfters zu Tische
war, um dessen Verwendung, damit ich möglichst bald wieder in Aktivität
kommen möge. Die Legion, bei der ich gestanden, war so gut wie
vernichtet und aufgelöst. Ich wünschte sehr, wieder in Italien verwendet
zu werden; Spanien hatte mich, trotz seiner wunderbaren Schönheiten und
seiner romantisch-heroischen Berühmtheit, nicht besonders angesprochen;
wir standen den Einwohnern viel zu schroff gegenüber, als daß man an ein
nur leidliches Verhältnis mit denselben denken konnte. Mein Begehren
wurde mir gewährt und ich zum 29. Infanterieregiment versetzt, das im
Königreich Neapel stand. Die Marschroute dahin erhielt ich ausgefertigt,
fand Gelegenheit, mich in Cette auf einer nach Civita-Vecchia bestimmten
Kanonierschaluppe einzuschiffen und kam ohne Unfall nach sieben Tagen,
immer längs den Küsten fahrend, glücklich in diesem Hafen an, von wo ich
sogleich nach Rom abging. Nachdem ich Torlonia und Gertrude besucht, die
auf einer nahen Villa wohnte, setzte ich mit einem Vetturino die Reise
nach Neapel fort, wo ich gegen Ende September, denselben Tag, an welchem
auch die neue Königin von Neapel, Murats Gattin und Napoleons Schwester,
die schöne Karoline, ihren Einzug in die Hauptstadt hielt, ankam. Murat
hatte Spanien schon früher verlassen, da ihn sein Schwager zum König von
Neapel dekretiert, um ihn für das Nichtbesteigen des spanischen Thrones
zu entschädigen. In den ersten Tagen des September hatte er mit
ungeheurem Pomp, unter dem Zulauf des staunenden Volks Besitz von seiner
Hauptstadt genommen.

Das Regiment, dem ich jetzt angehörte, lag zum Teil in Neapel, zum Teil
in Cosenza und der Umgegend und war eines von denen, welche die meiste
Erbitterung gegen die Neapolitaner und besonders gegen die Kalabresen
hegten, denn man hatte vor einiger Zeit eine Voltigeurkompagnie
desselben auf das hinterlistigste gemordet. Dieselbe hatte durch den
Silawald marschieren müssen, um sich von Catanzaro nach Cosenza zu
begeben, sich aber auf dem Marsch verirrt und kam in die Nähe eines
Dorfes, Gli Parenti genannt, das ein Hauptschlupfwinkel der Briganten
und namentlich derer, die zu der Bande des Francatrippa gehörten, war.
Die Einwohner, die im besten Einverständnis mit den Räubern standen,
steckten ihnen sogleich das Verirren dieser Truppen und beschlossen,
denselben eine Falle zu legen, in welcher sich der die Kompagnie
kommandierende Kapitän auch nur zu leicht fangen ließ. Als sich die
Truppen dem Dorf näherten, kam ihnen Francatrippa, der sich nicht
getraute, im offenen Kampf sich mit dem Feind einzulassen, entgegen, gab
sich für den Kommandanten der Guardia Civica oder Nationalgarde aus und
lud den Kapitän, seine Offiziere und sämtliche Mannschaften ein, einige
Erfrischungen in dem Ort zu nehmen. Ohne alles Mißtrauen wurde das
Anerbieten dankbar angenommen, und die Offiziere ließen sich, durch die
anscheinende Gastfreundlichkeit der Kalabresen verführt, unvorsichtig in
ein ansehnliches Haus nötigen, um die vorgestellten Speisen einzunehmen.
Der Kapitän ließ seine Leute die Gewehre in Pyramiden vor das Haus
stellen, und man brachte nun den Soldaten reichlich Wein, Brot und Käse,
sie freundschaftlichst ermunternd, zuzusprechen. Als es sich nun alle
recht sorglos wohlschmecken ließen und die gastfreien Bewohner des Ortes
rühmten, da fällt plötzlich ein Schuß aus einem Fenster, und in
demselben Augenblick werden auch die drei Offiziere in dem Zimmer, in
dem sie sich befinden, ermordet; zu gleicher Zeit wird aus allen
Fenstern und Türen der umliegenden Häuser auf die entwaffneten Truppen
geschossen, und es regnet eine solche Masse von trefflich gezielten
Kugeln, daß die meisten Soldaten tödlich getroffen niederstürzen, noch
ehe sie nur Zeit gehabt, zu ihren Gewehren zu greifen. Alle bis auf
sieben wurden niedergemacht; diese entkamen glücklich nach Cosenza, wo
sie Bericht über die Greueltat abstatteten. -- Die Sorglosigkeit des
Kapitäns in einem so feindlich gesinnten Land, das von Insurgenten
wimmelte, war unverzeihlich; mir wäre dies wenigstens nicht passiert,
denn ich hätte jedenfalls Vorsichtsmaßregeln genommen, die eine solche
Überrumpelung unmöglich gemacht hätten. -- Sobald diese Tat in Cosenza
bekannt war, wurden sogleich vierhundert Mann nach Gli-Parenti
abgeschickt, mit dem Befehl, das Dorf niederzubrennen und alle Einwohner
über die Klinge springen zu lassen; aber man fand auch keine lebende
Seele in dem Ort, die Einwohner hatten sich vor Annäherung der Truppen
in die unzugänglichsten Wildnisse geflüchtet; ihre Wohnungen wurden in
Asche gelegt. Wären die sieben Soldaten nicht entkommen, so wäre diese
Kompagnie spurlos verschwunden, ohne daß man je erfahren, was aus ihr
geworden.

Mir war bei dem Regiment das Kommando der Karabinierkompagnie des
zweiten Bataillons geworden, deren Kapitän vor kurzem an den in
Kalabrien erhaltenen Wunden gestorben war, bald darauf wurde ich aber
zum ersten Bataillon versetzt, weil auch die Musik des Regiments wieder
unter meinen Befehl gestellt wurde. Von dem Regiment Y., bei dem ich
früher stand, war das erste Bataillon nebst dem Stab noch immer in
Castellamare, das zweite aber, bei dem Herr von Gasqui, Caguenec und so
weiter standen, nach Tarent abmarschiert und daselbst eingeschifft
worden, um nach der Insel Korfu gebracht zu werden, wo es auch mit
_Armes et bagages_ und seinen Frauen glücklich ankam. Auch ich sollte
später die Insel kennen lernen. -- Helene Cramer war noch mit ihren
Eltern in Castellamare, aber die Braut eines neapolitanischen
Bataillonschefs. Das Liebhabertheater in Giesù nuovo war durch das
Abgehen der Madame Gasqui, die nach Korfu, der hübschen Oberstin, die
nach Paris gereist, und anderer gesprengt, auch hätte es durch die
Veränderung des Regenten und des Hofes für den Augenblick das frühere
Interesse nicht mehr gehabt.

Murat beschäftigte sich in der ersten Zeit seiner Regierung fast
ausschließlich mit den inneren Angelegenheiten seines Königreichs. Unter
dem Namen Joachim I. hatte er den Thron von Neapel bestiegen. Als die
Nachricht von seiner Ernennung zum König dieses Reichs bekannt wurde,
erfüllte dies die Gemüter der Bewohner mit Furcht und Schrecken, denn es
ging ihm von Spanien, besonders wegen den Vorfällen zu Madrid vom 2. und
3. Mai, ein entsetzlicher Ruf voraus, so daß man sich ein blutdürstiges
Ungeheuer unter ihm vorstellte, was er nicht war. Übrigens war man mit
Josephs Regierung, den man spottweise Don Pepe nannte, so allgemein
unzufrieden gewesen, daß man sich damit tröstete, daß es nicht leicht
schlimmer werden könne. Napoleons älterer Bruder hatte sich nur seinem
Hang zum Vergnügen hingegeben, ließ in seinem Namen die Minister und
andere schalten und walten und unseren Herrgott einen guten Mann sein.
Daß man sich den Freuden der Liebe hingibt und in den Armen schöner und
liebenswürdiger Frauen den Hochgenuß des Lebens sucht, dies zu tadeln
wäre ich wohl der letzte, denn ohne dies wäre das Leben doch gar zu
schal, aber nie darf diese Leidenschaft in eine solche Schwäche
ausarten, daß man darüber seine höheren Pflichten vernachlässigt, selbst
zum Weibe wird oder sich gar von Mätressen beherrschen läßt. Dies ist
eines Mannes und besonders eines Regenten unwürdig, jämmerlich klein und
zeugt von schwachem Verstand und Charakterlosigkeit. -- Sind die
Schäferstunden vorüber, muß der Mann wieder ganz Mann und Herr über das
Weib sein, von dem er dann nur um so mehr geliebt, geachtet und
vergöttert wird. Dies spreche ich aus vielfacher Erfahrung -- freilich
war ich nie ein schmachtender Seladon, Siegwart oder Werther. --

Ein Dutzend Damen und deren Anhang, diejenigen Personen ausgenommen, die
unter Josephs Deckmantel rauben und sich bereichern durften, wurde
dessen Abgang aus Neapel von niemand, weder vom Zivil noch vom Militär
bedauert. -- Auf die törichtste Weise hatte er, gleich seinem Bruder
Hieronymus in Kassel, die Staatsgelder vergeudet, während das Heer ein
ganzes Jahr im Rückstand mit seinem Sold war. Murat dagegen war
wenigstens von den Franzosen, die ihn als einen tapferen General
schätzten, geachtet und geliebt, und gerne verziehen sie ihm seine Liebe
zu Prunk und auffallender Kleidung. -- Die ersten Handlungen seines
Regierungsantritts waren geeignet, ihm auch die Herzen der Neapolitaner
zuzuwenden. Er zeigte sich überaus leutselig und liebenswürdig, auf den
Rat Salicettis, der zugleich Kriegs- und Polizeiminister war, hob er die
sehr verhaßten Militärgerichte, die die Leute so schnell in die andere
Welt expedierten, auf, allen Deserteurs wurde ein Generalpardon
verkündet, wodurch mancher Neapolitaner seiner Familie wiedergegeben
ward, und es wurden Maßregeln ergriffen, den verwirrten und höchst
traurigen Zustand der Finanzen zu verbessern. Einigen hundert
Individuen, die bloß als verdächtig oder gefährlich in die Kerker
geworfen worden waren, gab er die Freiheit wieder und rief Verbannte
zurück. Dies machte, daß, als die liebenswürdige Karoline, Napoleons
Schwester, ihren Einzug in die Hauptstadt hielt, sie von den
Neapolitanern mit großen Freudensbezeigungen empfangen wurde. Murat
zeigte sich täglich dem Volk, und selbst seine phantastische Pracht und
Kleidung schien diesem zu gefallen.

Der neue König glaubte nun auch seinen Regierungsantritt mit einer
glänzenden Waffentat bezeichnen zu müssen und wählte dazu die am Eingang
des Golfs von Neapel liegende Insel Capri, welche die Engländer schon
seit drei Jahren im Besitz und so befestigt hatten, daß sie sie
Klein-Malta nannten. -- Diese Insel ist ringsum von sehr hohen und
steilen Felsen umgeben und hat nur einen einzigen Zugang. Zwischen zwei
großen Felsen liegt ein sehr fruchtbares, malerisch schönes Tal, welches
vortrefflichen Wein liefert und ein sehr gesunder Aufenthalt ist.
Augustus ließ dieses zu einem Erholungsort für sich einrichten, und
Tiberius brachte hier die letzten Jahre seines lasterhaften Lebens zu;
noch zeigt man die Ruinen seines Palastes. Capri, das ungefähr
fünftausend Einwohner zählt, ist gewissermaßen der Schlüssel Neapels zur
Seeseite, und so lange es in feindlichen Händen ist, ist die Einfahrt in
den Hafen unsicher und gefährlich. -- Die Insel diente schon seit dem
Einmarsch der Franzosen allen Unzufriedenen, Übeltätern, Unruhestiftern
zum Zufluchtsort, von wo aus sie neue Komplotte unter englischem Schutz
schmiedeten und ausführten. -- Hudson Lowe war Kommandant derselben. --

Es war den 3. Oktober (1808) gegen Abend, als man die Karabiniers und
Voltigeurs der Garnison von Neapel in den verschiedenen Forts unter das
Gewehr treten ließ, wobei auch meine Kompagnie war. Nach sieben Uhr
marschierten wir an den Hafen, wo sämtliche zu dieser Expedition
bestimmte Truppen sich versammelten. Hier fanden wir etwa fünfzig kleine
Transportschiffe vor, deren Vorderteile mit Brustwehren von zwei Schuh
dicken Matratzen versehen waren und zwölf bis zwanzig Ruderer hatten.
Wir schifften uns ein, und eine Fregatte, ein paar Korvetten und eine
ziemliche Zahl Kanonierschaluppen, auf denen ebenfalls ein Teil der
Truppen sich befand, machten die Bedeckung aus. Der Divisionsgeneral
Lamarque kommandierte die Expedition, und unter ihm die Brigadegeneräle
Prinz Pignatelli, Montferras und Detrées; wir mochten etwa zweitausend
Mann in allem stark sein.

Murat, der bei dem Einschiffen zugegen war, sah mich scharf an, als ich
mit meiner Kompagnie ein Boot besteigen wollte, und sagte: »Kapitän,
mich däucht, ich habe Sie schon irgendwo gesehen?«

»Sire, es sind noch nicht fünf Monate, daß ich die Ehre hatte, von Eurer
Majestät in der Straße zu Madrid angeredet zu werden; ich war damals
verwundet.«

»Ah ja, ich entsinne mich, Sie waren der Offizier, der einem Insurgenten
das Leben rettete.«

Er fragte mich nun, wie ich nach Neapel gekommen, was ich ihm in wenigen
Worten mitteilte, worauf er mir sagte: »Wohlan, Sie haben hier eine
treffliche Gelegenheit, sich auszuzeichnen.«

»Sire, was an mir liegt, wird geschehen.« --

Es war neun Uhr vorüber, als wir so geräuschlos wie möglich abfuhren; in
Capri konnte man keine Ahnung von dieser Expedition haben. Auf der See
stießen noch sechshundert Mann, die von Salerno kamen, zu uns, bei denen
die als treffliche Schützen bekannten korsischen Jäger waren. Die
Überfahrt ging schnell und glücklich vonstatten, gegen drei Uhr nach
Mitternacht waren sämtliche Schiffe unter den Felsen und Batterien der
Insel angekommen; der Angriff sollte auf der südöstlichen Seite
stattfinden, gerade wo er wegen der steilen Ufer am gefährlichsten war,
aber deshalb auch vom Feinde am wenigsten erwartet wurde. Die Landung
mußte mit Sturmleitern, von denen mehrere aneinander gebunden wurden,
weil sie nicht hoch genug waren, unter dem fortwährenden Feuern einer
Batterie bewerkstelligt werden, auch waren schnell einige Kompagnien
Engländer und Sizilianer auf den Felsenhöhen, die wir erklimmen mußten,
versammelt und stießen die zuerst Ankommenden wieder hinab, so daß sie
an den Klippen zerschmetterten und dann in die Boote oder in die See
fielen. Der Bataillonschef Livron, später General in Diensten des
Vizekönigs von Ägypten, war der erste, der festen Fuß faßte. Jetzt
wurden Leitern von allen Seiten angestellt, die zum Teil auf dem Rand
der Schiffe ruhten und mithin einem immerwährenden Schwanken unterworfen
waren. Die Karabiniers von der Garde, mehrere andere Kompagnien
Grenadiere und Voltigeurs, wobei auch die meinige nebst den korsischen
Jägern, stürmten jetzt unter dem Pas de Charge der Trommeln und Hörner
und dem Kugel- und Steinregen der Feinde. Einige Leitern brachen oder
stürzten um und mit ihnen die Mannschaft, die sich auf denselben befand,
wobei die meisten ertranken oder an den Klippen zerschmetterten; ein
solches Schicksal hatte die Leiter, die der, auf welcher ich mich
befand, zunächst stand, doch fielen die meisten in eine
Kanonierschaluppe und kamen mit leichteren oder schwereren Verletzungen
davon. Ich war ungefähr der sechste Mann auf unserer Leiter und der
dritte, der die Höhe erreichte. Mit dem linken Arm hielt ich mich an den
Sprossen fest, meinen Säbel hatte ich zwischen den Zähnen, und mit dem
rechten parierte ich die von oben herabstürzenden Soldaten, da ich
bemerkt hatte, daß, sobald einer fiel, er gewöhnlich auch zwei bis drei
andere mit sich herabriß. Als ich eben auf die Krone des Felsens
springen wollte, legte ein englischer Soldat auf mich an, ich ergriff
jedoch hastig das Bajonett, das ich mir dabei ziemlich tief in den
Daumen stieß, aber ich hatte so die Richtung des Gewehrs, das auf meine
Brust zielte, verrückt, und der Schuß ging mir unter dem rechten Arm
durch, ohne mich zu verwunden. Nun packte ich aber das Gewehr, welches
der Soldat nicht losließ, fest, schwang mich mit dessen Hilfe auf den
Felsen, auf dem ich Fuß faßte, der nach mir folgende Karabinier schoß
meinen Gegner nieder, und ich machte mir nun mit meinem Säbel Platz und
Luft. Jetzt kamen immer mehr der Unsrigen oben an, und bald war der
Feind in die Flucht gejagt; wir hatten sehr viel Leute verloren. Kaum
hatten wir uns gesammelt, so wurde Befehl erteilt, auf Anacapri
loszurücken, dessen Anhöhen wir ebenfalls unter dem hartnäckigsten
Widerstand und dem unausgesetzten feindlichen Musketen- und
Kartätschenfeuer ersteigen mußten. Aber auch diese die ganze Insel
beherrschende Anhöhe wurde endlich gestürmt, und die Engländer zogen
sich in die befestigten Posten Sankt Michel, Sankt Constanz und die
anderen Forts zurück, um daselbst Sukkurs abzuwarten, der ihnen von der
See kommen sollte. Jetzt aber wurden alle anderen Teile der Insel, durch
die der Feind hätte Hilfe erhalten können, besetzt, bei welcher
Gelegenheit wir in dunkler Nacht eine in Felsen gehauene, aus mehr denn
sechshundert schmalen Stufen bestehende Treppe Mann für Mann, ebenfalls
unter fürchterlichem Kartätschenfeuer und Werfen von Leuchtkugeln
hinabsteigen mußten. Noch nicht lange hatten wir diesen Posten und die
anderen Teile der Insel eingenommen, als der feindliche, sehr bedeutende
Sukkurs, aus vier Fregatten, einigen Briggs, Bombardiergallioten,
Kanonierschaluppen, Kuttern und so weiter bestehend, sich zeigte. Bald
wurde die ganze Insel von diesen Schiffen umringt. Murat, der vom
Vorgebirge Campanella aus, in geringer Entfernung Capri gerade
gegenüber, nebst vielen tausend Zuschauern alles beobachtet hatte, gab
sogleich den Befehl, daß alle noch im Hafen von Neapel sich befindlichen
Kriegsfahrzeuge und Kanonierschaluppen unter Segel gehen und den Feind
angreifen sollten. -- Da ein außerordentlich starker Landwind wehte, so
mußten die großen englischen Schiffe bald die hohe See suchen, und die
kleineren ergriffen die Flucht, als sie die Flottille von Neapel kommen
sahen, der sie nicht gewachsen waren. Einige zwanzig Transportschiffe
brachten uns im Angesicht des Feindes zu rechter Zeit frischen Proviant.
-- Unterdessen hatten wir auf der Insel selbst die Breschbatterien
zustande gebracht, und den 16. Oktober kapitulierte der englische
Kommandant Hudson Lowe. -- Wer hätte wohl damals vermutet, daß sieben
Jahre später Napoleon dessen Gefangener auf der Insel Sankt Helena sein
würde? -- Einen Narren würde man den genannt haben, der so etwas nur im
Traum hätte sehen wollen.

Die Kapitulation enthielt die Bedingung, daß die Garnison zwar nach
England gehen, aber weder gegen Napoleon noch gegen dessen Alliierte bis
zum Frieden dienen dürfe. Höchst wichtig war die Eroberung Capris für
Neapel, sowohl wegen der Ruhe des Staates, als für den Handel. Die Insel
war bis jetzt eine lästige Fliege auf unserer Nase gewesen. --

Murat bedachte bei dieser Gelegenheit den heiligen Januarius sehr
reichlich und verehrte ihm unter anderen Kostbarkeiten einen
brillantenen Heiligenschein.

Nach unserer Rückkehr wurden vorerst einige dreißig Kreuze des Ordens
beider Sizilien an diejenigen Offiziere und Soldaten verteilt, welche
sich am meisten ausgezeichnet hatten, wobei auch mir eines zuteil ward,
worüber ich eine große Freude hatte. Damals hielt ich solche Spielereien
noch für was Rechtes! -- Die Dekoration bestand aus einem goldenen Stern
von fünf Spitzen mit rubinrotem Email, über welchem ein goldener Adler
an einem himmelblauen Bändchen hing. Auf der Vorderseite war das Wappen
mit der Inschrift: _Renovata patria_, auf der anderen Seite: _Joseph
Siciliarum rex instituit_. Er brachte jährlich fünfzig Ducati ein. Der
Eid, den man als Ritter desselben ablegen mußte, besagte, daß man sein
Leben der Verteidigung des Staates und der Krone weihe. -- Nach Murats
Sturz wurde auch dieser Orden wieder aufgehoben.

Einige Tage nach unserer Rückkehr von Capri sollte die Hochzeit Helenens
mit ihrem neapolitanischen Bräutigam, dem Bataillonschef Ritucci,
gefeiert werden. Ich besuchte Cramers zu Castellamare und fand Helene
eben nicht sehr erfreut darüber. -- Das Mädchen hatte keine Neigung zu
dem Mann, der schon ein Vierziger war und auch durchaus nichts besaß,
was ein junges hübsches Mädchen zu fesseln vermag; die Mutter, die das
Mädchen gerne _à tout prix_ unter die Haube bringen wollte, hatte diese
Heirat betrieben, und als die Tochter äußerte, daß sie keine Neigung zu
dem Mann habe, erwiderte sie ihr: »Dumme Gans, wenn er dir nicht gefällt
und du bist einmal verheiratet, so hast du ja die Wahl unter Dutzenden.«
Echte Grundsätze verheirateter Militärfrauen. -- Auch ich suchte das
hübsche Mädchen bestens zu trösten, ihr Mut einsprechend; wir erinnerten
uns mit Vergnügen an die Partie nach Pestum und gaben uns dem süßen
Andenken an dieselbe hin. -- Schon als Knabe hatte ich Helene in
Offenbach gekannt und fast täglich gesehen, da ihre Eltern der Pension
des Hofrats Scherer gegenüber wohnten und sie oft herüber kam, ihre
jungen Freundinnen zu besuchen. Ich stand nun auf dem vertrautesten Fuß
mit der schönen Braut, mit der ich mich manche Stunde auf das
angenehmste unter vier Augen unterhielt, da die Mutter die Gefälligkeit
hatte, uns öfter allein zu lassen und der Bräutigam nur wöchentlich ein-
oder zweimal von Neapel kam. -- Der Hochzeitstag war bereits
festgesetzt, und ich hatte von dem lieben Mädchen das Versprechen
erhalten, daß sie mich an diesem Tag ganz glücklich machen wolle und ich
das _droit du seigneur_ haben solle, wenn es irgend möglich zu machen
sei, aber auch nicht früher, denn kein Mensch könne für noch nicht
geschehene Dinge einstehen. Das Wohlwollen der Mama hatte ich mir durch
das Versprechen eines schönen Hochzeitsgeschenkes erworben. Am
bestimmten Tage fand ich mich schon vor Sonnenaufgang, während der
Bräutigam noch fest in Neapel schlief, ein. Die Braut empfing mich, wie
wir verabredet hatten, in dem an ihrer Wohnung sich befindenden
Gärtchen, in einem reizenden schneeweißen Morgenanzug. Hier brachten wir
eine Stunde zu, welche ihr den reinsten Vorgeschmack von dem, was ihrer
in der Hochzeitsnacht bevorstand, geben mußte. Wir schwammen diese
Stunde im seligsten Entzücken, worauf sie wieder so unbemerkt, als sie
es verlassen, in ihr Kämmerchen schlüpfte. -- Ich hatte es nicht gemacht
wie jener Gimpel in Lafontaines Fabel; wahr ist's, daß die Braut auch
noch nicht in ihrem Hochzeitsschmuck prangte, aber auch dies würde mich
nicht abgehalten haben. Die Trauung, zu der ich als Zeuge geladen war,
ging mit aller Formalität um die Mittagsstunde vor sich und nach
derselben das Hochzeitsmahl, nach welchem das junge Ehepaar gegen Abend
nach Neapel fuhr, wohin ich es nebst noch einigen anderen Offizieren
reitend eskortierte. Ich war mit Helene übereingekommem daß wir uns
öfters bei ihren Eltern in Castellamare sehen würden, wo sie dieselben
bisweilen besuchen wollte, und nahm Urlaub, so oft ich sie daselbst
wußte und es der Dienst zuließ. Hier hatten wir dann die beste
Gelegenheit, uns so recht con amore der beseligendsten Liebe und ihren
Wonnegenüssen in der Einsamkeit dortiger Villen hinzugeben.

Castellamare ist eine kleine Seestadt, die eine reizende Lage und die
herrlichsten Umgebungen hat; sie ist zugleich auch ein Kurort mit
mehreren Mineralquellen und zählt an zehntausend Einwohner. Die
königliche Villa ist so schön, daß die Einwohner sagen: »_Qui si sana
per forza._« Herrliche Kastanienalleen führen durch dieselbe und
romantische einsame Fußpfade in die nahen Gehölze, die wir heimsuchten.
Der Ort und seine Umgegend ist so reizend, daß Murat, als er ihn zum
erstenmal sah, ausrief: »_Et tout cela m'appartiendra!_« -- Der Wein,
der hier wächst, hat einen sehr lieblichen Geschmack. Ein altes in
Trümmern liegendes Kastell, das noch aus den Zeiten der Normänner
herrührt, erhöht das Pittoreske der Umgegend nicht wenig. Oft machte ich
den Weg hierher zu Wasser, man legt ihn dann in einer gutrudernden Barke
in weniger als drei Stunden, ja wohl in zwei zurück; fährt man mit
mehreren Personen, so bezahlt man nur eine Carlini. Der Weg zu Lande ist
weit länger und umständlicher, auch benützte ich ihn selten.

Wir befanden uns beide recht wohl bei unserem Einverständnis und waren
noch im Taumel der Flitterwochen der Liebe, als uns das Verhängnis, das
auch kein noch so inniges Verhältnis berücksichtigt, plötzlich trennte.
Das Bataillon, bei dem ich stand, erhielt unerwartet Marschorder nach
Cosenza. Ich nahm in Neapel Abschied von Helene und ihrem Mann. Erstere
konnte kaum ihre Betrübnis und der andere kaum seine Freude deshalb
verbergen; denn obgleich weit entfernt zu ahnen, wie ich mit seiner Frau
stand, war ihm deren Bekanntschaft mit mir doch nicht sehr angenehm, und
es schien, als fürchtete er, was schon nicht mehr zu fürchten war.

Wir traten den mir schon bekannten Weg nach Kalabrien an und kamen ohne
allen Unfall und bei noch ziemlich günstigem Wetter nach Cosenza.

Noch immer war der Brigantenkrieg mit all seinen Abscheulichkeiten in
vollem Gang, und es war besonders darauf abgesehen, die Bewohner des
Kantons Longo-Bucco, die in fast unzugänglichen Waldgebirgen hausten und
Abgaben zu zahlen sich weigerten, den Steuererheber getötet und sich
empört hatten, zu züchtigen, nachdem alle Versuche, sie in Güte zur
Räson zu bringen, gescheitert waren. Unser Bataillon marschierte in
aller Stille nach dem aufrührerischen Kanton ab, während ein anderes
sich zu gleicher Zeit von Rosano aus dahin begab. Mit Hilfe sicherer und
reichlich bezahlter Führer gelangten die Truppen durch große Umwege
durch nur von Herden Hirschen und Rehen bewohnte Wildnisse und Wälder
ziemlich unbemerkt in die Gegend, in der die widerspenstigen Dörfer
lagen. Als aber endlich einem derselben unsere Annäherung bekannt ward,
wurde dort sogleich die Sturmglocke gezogen, um den Alarm in der
Umgegend zu verbreiten und Briganten und Bauern herbeizuläuten. Das
Läuten wiederholte sich nun von Dorf zu Dorf, und schnell fand sich eine
große Menge bewaffneter Insurgenten auf den höchsten Gipfeln des
Waldgebirges versammelt. Unsere Kolonnen rückten nun _Tambour battant_
im Sturmschritt und mit gefälltem Bajonett, lautem Hallo und _en avant_
gegen die Briganten, die aber nicht für gut fanden, den Angriff
abzuwarten, sondern die Flucht ergriffen. -- Mit dem sinkenden Tag kamen
wir bei dem Städtchen Longo-Bucco an, das in einem tiefen und
schauerlichen Waldtal an dem zwischen gigantischen Felsenmassen
dahinbrausenden Trionto liegt und der eigentliche Feuerherd der
Insurgenten war. Der Ort, der etwa vier- bis fünftausend Einwohner
zählt, hat eine Lage, die sich vortrefflich zu einer Raub- und Mordhöhle
qualifiziert und ist von Felsenmassen und waldigen wildverwachsenen
Anhöhen umgeben. Die Bewohner desselben sind meistens Kohlenbrenner,
Nagelschmiede und dergleichen, die durch ihr rußiges Aussehen ohnehin
schon Höllenbewohnern gleichen. Wir fanden für gut, nicht in diesen Ort
hinabzusteigen, sondern schlugen auf den Höhen rings um denselben ein
Biwak auf und zündeten während der Nacht ein paar hundert Wachtfeuer an.
Dieses versetzte die Einwohner in große Angst, sie fürchteten, uns jeden
Augenblick herabsteigen und ihre Stadt mit Feuer und Schwert vertilgen
zu sehen. Wir hörten fortwährend ein Schreien, Tumultieren in des Tales
Tiefen; die Leute suchten ihr Hab und Gut und ihre Person in Sicherheit
zu bringen. Erst mit Tagesanbruch wurden zwei Kompagnien hinabgesendet,
sie fanden aber den Ort bis auf wenige Greise, ein paar alte Weiber und
einen Pfarrer gänzlich verlassen. Letzterer bat fußfällig um Gnade und
Schonung, die ihm unter der Bedingung versprochen wurde, daß die
Bewohner zurückkehren und ihre sämtlichen Waffen ausliefern, im
entgegengesetzten Fall wir aber mit der gänzlichen Zerstörung der Stadt
beginnen und fortfahren würden, bis kein Stein mehr auf dem andern wäre.
Der Pfarrer beteuerte, sein Möglichstes tun zu wollen, unserem Begehren
zu entsprechen; in der Tat kamen auch bald darauf viele Einwohner zurück
und legten ihre Waffen nieder; die Rädelsführer aber hatten sich mit
anderen Haufen tiefer in das Waldgebirge zurückgezogen, wollten von
keiner Unterwerfung etwas wissen und hatten ein auf einem der steilsten
Felsengipfel gelegenes, noch obendrein mit einer ziemlich hohen Mauer
umgebenes Dorf besetzt, in dem sie anzugreifen wir nun Anstalt machten.
Ein halbes Bataillon stark, bei dem auch meine Kompagnie, setzten wir
uns gegen Abend in der Richtung von Bocchigliero in Marsch; nachdem wir
den größten Teil des Wegs zurückgelegt und die Nacht völlig
hereingebrochen war, machten wir mit einem Male eine Wendung und
marschierten in aller Stille auf das Dorf zu, in dem sich die
Insurgenten befanden, die glücklicherweise keine Kunde von unserer
Annäherung erhalten hatten. Mit Tagesanbruch standen wir ganz unerwartet
vor ihnen und forderten sie auf, sich zu ergeben, die Aufforderung wurde
aber mit Gewehrschüssen beantwortet. -- Der Ort schien uns anfänglich
unangreifbar, denn er hing gleich einem Adlernest an dem Abhang der
Felsenmasse; nach näherer Untersuchung entdeckte ich aber, daß er von
der anderen Seite, wo er sich am Felsen anlehnte, zugänglicher war. Die
Voltigeurs erkletterten nun diesen Felsen, und so gelang es ihnen bald,
vorzudringen; als wir dieses inne waren, wurde sogleich ein Sturm
angeordnet, und trotz des heftigen Gegenfeuers, das die Insurgenten von
der Mauer herab unterhielten, wobei viele der Unsrigen stürzten, drangen
wir bis an das Tor, das wir einschlugen, und sofort in das Dorf vor, wo
alles niedergemacht wurde, was uns in den Weg kam. Beinahe alle
männlichen Bewohner und Insurgenten verloren das Leben, der Ort wurde
den Flammen übergeben und in demselben gehaust, wie es in durch Sturm
eroberten Orten zu gehen pflegt und die Kriegsgesetze gestatten. Aber
auch mehr als ein Soldat wurde während der Umarmung eines Mädchens oder
einer Frau von deren Vater, Bruder oder Gatten noch niedergestochen, ja
wohl gar von seinem Opfer selbst erdolcht. Viele Weiber hatten sich
nebst Kindern und einigen Greisen in die Kirche geflüchtet, wo es den
Offizieren nur mit Mühe gelang, sie vor der Wut der Soldaten zu
schützen. Die Gassen des Orts lagen voll Leichen, mehrere der
Insurgenten, die hier über dreihundert Mann verloren, hatten sich den
Felsen hinab in die grauenvollsten Abgründe gestürzt, in denen ihre
Körper zerschmettert wurden, einige der Anführer waren aber mit einem
Teil ihrer Leute entkommen und hatten sich nach Bocchigliero geflüchtet,
wo sie Schrecken und Bestürzung verbreiteten, da sich die Einwohner
dieses ziemlich bedeutenden Fleckens nicht schuldlos wußten. Um das sie
bedrohende Unwetter abzuwenden, sandten sie den anrückenden Truppen eine
Deputation entgegen, die um Gnade und Barmherzigkeit flehte. Wir
behielten diese, welche aus den angesehensten Einwohnern des Orts
bestand, als Geiseln zurück und forderten vor allem die Auslieferung der
Waffen und der Rädelsführer. Erstere lagen, ehe eine Stunde verging, in
einem großen Haufen, aus Gewehren, Karabinern, Säbeln, Pistolen, Dolchen
und so weiter bestehend, vor uns, die anderen aber waren schon wieder
weiter entflohen. Die Steuern wurden nun nebst einer starken
Brandschatzung erhoben, und bis dies geschehen, blieben in all den
Ortschaften starke Militärabteilungen liegen. Wir marschierten jetzt
nach Cosenza zurück, wo sich schon wieder ein Befehl des Kriegsministers
vorfand, der unser erstes Bataillon nach Neapel zurückbeorderte.
Daselbst angekommen, ward mir eine Überraschung zuteil, die mir zu jener
Zeit viel Freude machte: Oberst Billiard übergab mir nämlich, als ich
mich bei ihm meldete, das Kreuz der Ehrenlegion, das für mehrere der
sich bei der Einnahme von Capri hervorragend beteiligten Militärs von
Paris angekommen war.

Mein erster Besuch in Neapel war bei Helene, wo ich es so gut traf, daß
sich ihr Mann gerade im Dienst abwesend, zu Gaëta befand. In ihrer
Begleitung besuchte ich ihre Eltern in Castellamare, wohin wir eine
angenehme Wasserfahrt machten, obgleich das Meer etwas stürmisch war und
wir tüchtig geschaukelt wurden. -- Ritucci kam erst nach zehn Tagen
zurück, die wir gut zu benützen wußten. -- Ich wurde gleich darauf mit
achtzig Mann in das nahe Städtchen Nola detachiert, wo sich die
Einwohner gleichfalls weigerten, die ihnen auferlegte Kriegssteuer zu
bezahlen, und ich so lange weilen sollte, bis dies geschehen. Jeder Mann
sollte, so lange dieser Aufenthalt währte, zwei, die Sergeanten vier
Carlini, der Offizier, der noch bei mir war, zwei und ich vier Ducati
täglich erhalten, außerdem mußten die Soldaten bei den widerspenstigen
Einwohnern einquartiert werden.

Nola ist ein kleines, ungefähr fünf Stunden von Neapel entferntes, am
Fuß einer bis zum Vesuv reichenden Hügelreihe liegendes Städtchen, das
an siebentausend Einwohner zählen mag, schon in der hetrurischen und
römischen Geschichte eine nicht unbedeutende Rolle spielte und von den
Hetruskern achthundert Jahre vor Christi Geburt gegründet wurde.
Hannibal belagerte sie, als eine bedeutende Stadt, im zweiten punischen
Kriege, wurde aber zweimal von Marcellus vor ihren Mauern geschlagen.
Augustus starb daselbst im fünfzehnten Jahre nach unserer Zeitrechnung.
-- Hier wurden auch die Glocken erfunden.

Ich kam gegen Abend zu Nola an. Die Leute wurden einquartiert, ich ließ
eine Wache von einem Korporal und sechs Mann aufziehen und begab mich,
nachdem ich alles gehörig angeordnet hatte, in das mir in einem
entlegenen Teil der Stadt und ziemlich weit von der Wache angewiesene
Quartier, einem kleinen Häuschen, das nur eine dürftig möblierte
Parterrewohnung hatte und in dem ich mich ganz allein mit meinem
Burschen befand. Nachdem ich etwas zu Nacht gegessen, setzte ich mich in
eine Ecke auf einen hölzernen Stuhl und las in Dantes >_Comedia
divina_<, die ich mitgebracht hatte, während mein Bursche noch in
demselben Zimmer mit der Reinigung einiger Effekten beschäftigt war. Es
mochte ungefähr fünf Uhr in der Nacht (etwas nach zehn) sein, als
plötzlich ein Schuß fiel, der ganz in der Nähe losgegangen sein mußte.
Mein Bursche sprang schnell auf, riß Fenster und Laden auf und schrie:
»_Qu'est ce que cela veut dire?_« Aber in demselben Augenblick fielen
noch drei bis vier Schüsse, beinahe zu gleicher Zeit, deren Kugeln durch
das geöffnete Fenster in die Stubenwände drangen, ohne daß weder Louis
noch ich verwundet wurden. Ich hatte aber durch das Blitzen des Feuers
ziemlich deutlich bemerken können, daß sie aus dem Fenster eines
gegenüberliegenden Hauses gekommen waren. Der Bursche schlug nun
krachend Laden und Fenster zu, und ich sprang nach meinen Pistolen und
meinem auf dem Tische liegenden Säbel und beschloß, wenn es, wie ich
befürchtete, auf eine allgemeine Metzelei des Detachements abgesehen
wäre, mein Leben teuer zu verkaufen. Ich dachte an das Schicksal des
Kapitäns zu Gli Parenti und seiner Leute, hatte aber in einer so nahe
bei Neapel liegenden, sonst ziemlich friedlichen Stadt so etwas am
wenigsten vermutet. -- Mich vor das Haus bei dunkler Nacht ohne die
mindeste Lokalkenntnis zu wagen, war nicht rätlich, denn ich konnte, die
Tür verlassend, niedergemetzelt werden, ohne im mindesten dem
Detachement nützlich zu sein. Ich setzte mich unter diesen Umständen mit
dem Rücken gegen den Pfeiler, der die beiden Fenster meiner Stube
trennte, und legte meine scharf geladenen Pistolen und den blanken Säbel
auf den vor mir stehenden Tisch, während Louis sich mit seinem geladenen
Gewehr in die Ecke setzte, die der Tür und den Fenstern gegenüber sich
befand, damit er bei etwaigem Einbrechen gleich losschießen könne; die
Haustür verbarrikadierten wir außerdem mit Stühlen und was wir
vorfanden. So brachten wir wachend die ganze Nacht bis zum Grauen des
Tages zu, ohne daß sich weiter das mindeste regte. Die Nacht schien uns
gar kein Ende nehmen zu wollen. Glücklicherweise hatte Louis sich mit
ein paar Pokalen Wein versehen, den wir allmählich tranken; bei jedem
Zug, den wir taten, schien uns unsere Lage minder gefährlich, und als
der letzte Tropfen geleert war, schien das erste Tageslicht durch die
Fenster. Ich öffnete das eine, sah mich auf dem Platz vor dem Haus um
und erblickte keine Seele. Jetzt verließ ich meine Wohnung und suchte
die von derselben sehr entfernt liegende Wache auf, die ich im besten
Zustand antraf und deren Kommandant mir rapportierte, daß sie zwar in
ziemlicher Entfernung hätten mehrere Schüsse fallen hören, worauf sie
aber, da nachher alles wieder ruhig und still geblieben, nicht weiter
geachtet hätten. Ich ließ nun einen Tambour holen und sogleich
Generalmarsch schlagen. Eine halbe Stunde darauf war das ganze
Detachement mit Sack und Pack versammelt, auch nicht ein Mann fehlte bei
dem Appell, zu meiner großen Beruhigung, denn ich hatte mich des
Gedankens, daß es auf eine kleine sizilianische Vesper abgesehen
gewesen, die ganze Nacht nicht erwehren können; es war aber, wie es
schien, nur auf mich, als den Kommandanten der zur Exekution bestimmten
Truppen, und also auf eine dumme, zu nichts führende Rache abgesehen. --
Ich machte meinen Bericht, requirierte einen Wagen und sandte einen
Sergeanten mit demselben an die Kommandantur nach Neapel ab, ließ sodann
den Sindico holen, dem ich das Vorgefallene mitteilte, sowie daß ich
einstweilen, bis ich neue Verhaltungsbefehle aus der Hauptstadt habe,
mit meinen Leuten das Rathaus in Besitz nehme, was ich auch sofort
vollzog. Der Mann zog die Achseln, mit einem »_Non so niente_,« und als
ich ihm das Haus bezeichnete, aus dem, wie ich glaubte, die Schüsse
gefallen seien, meinte er: »_Impossibile, son bravissimi gente._« --
Noch denselben Tag kam ein Offizier mit sechzig Mann Verstärkung von
Neapel an und brachte mir eine Instruktion, nach welcher ich so ziemlich
_carte blanche_ hatte und die auferlegten Tagegelder für die Offiziere
und Truppen nun verdoppelt wurden, mir auch an die Hand gegeben wurde,
daß es mir frei stehe, bei den Zivilbehörden fünfzig bis hundert Mann
mehr anzugeben, als ich wirklich habe. Ich ließ nun den alten gräflichen
Palazzo sogleich zu einer Kaserne einrichten, requirierte Betten und
Gerät für die Mannschaft und zeigte dem Sindico an, daß jeden Tag, so
lange wir hier seien, für zweihundert Mann Brot, Fleisch, Wein, Gemüse
und so weiter durch einen Fournisseur zu liefern seien, sowie die durch
das Generalkommando bestimmten Tagegelder. Ich hatte nur
einhundertvierzig Mann und ließ mir die Lebensmittel für die nicht
vorhandenen sechzig vom Fournisseur bar zu einen Franken per Mann
bezahlen; ich hätte hundert mehr rechnen dürfen, so daß ich mit dem Geld
nun eine bare Einnahme von mehr als zweihundert Franken täglich hatte,
von denen ich jedoch die Hälfte meinen beiden Offizieren überließ. --
Die Täter, welche geschossen hatten, waren nicht zu ermitteln, mit
völliger Bestimmtheit konnte ich auch das Haus nicht angeben, denn es
war Nacht gewesen, und ich konnte mich irren. Die von der Stadt zu
zahlende Kontribution wurde jetzt verdoppelt. Aber nicht bloß mit guten
Lebensmitteln mußte uns der Fournisseur versehen, sondern auch mit
anderen Dingen, und namentlich hübsche Landmädchen mußte er den
Offizieren zuführen, was er auch zu unserer vollkommensten Zufriedenheit
besorgte, damit uns die Langeweile nicht plagte. Mich hatte er mit einem
recht artigen Bürgermädchen, das sich Chiaretta nannte, versehen, die
während unseres Aufenthalts Wohnung und Tisch mit mir teilte. --

Nach vierzehn Tagen hatte die Stadt den größten Teil der Kontribution
und auferlegten Strafgelder entrichtet und brachte es dahin, daß sie die
ungebetenen und teuren Gäste los ward. Wir beschenkten bei unserem
Abmarsch reichlich unsere bisherigen Gesellschafterinnen und entließen
sie in Gnaden; sie fanden uns weit liebenswürdiger als ihre
neapolitanischen Galans und wären gerne mit uns gegangen. Ich brachte
für meinen Teil über tausend Ducati von dem Kontributionsgelde mit nach
Neapel, wo wir kurz vor Weihnachten eintrafen. Ich machte nun in fast
allen Kirchen die Runde, um die Vorbereitungen zu diesem hier sehr
hehren Fest zu sehen, wo man in jedem Tempel die Geburt Christi auf
verschiedene Weise darstellt; die meiste Zeit hielt ich mich aber in der
großen Karmeliterkirche auf, um die Schönen Neapels auf der Treppe zu
dem wunderbaren Kruzifix mit den immer wiederwachsenden Haaren vor mir
defilieren zu lassen. In der Nachmittagsstunde des ersten Feiertags
kamen zwei reizende Gestalten in der schwarzseidenen Nationaltracht, ich
möchte fast sagen auf den Stufen herangeschwebt, denn nie sah ich
niedlichere Füßchen mit Zephirtritten über die Erde gleiten, die zu dem
Wunderbild führten. Ich hatte mich oben in einiger Entfernung von dem
Kruzifix postiert, von welchem mir ein ehrbarer Priester versichert
hatte, daß die Stadt einmal -- der Mann wußte selbst nicht recht, wann,
vielleicht schon vor Christi Geburt[7] -- von den Türken beschossen
worden wäre, wobei eine Kanonenkugel gerade auf das Haupt des Kruzifixes
gefallen sei, welches aber dieselbe dem Feinde auf der Stelle
zurücksandte und ihm mit dieser einzigen Kugel über fünftausend Mann
tötete, wodurch er zum Rückzug und eiliger Flucht genötigt und die Stadt
befreit ward. (Von diesem wichtigen Ereignis weiß aber kein
Geschichtschreiber etwas.) Seitdem wachsen diesem Kruzifix die vier
Schuh langen Haare alljährlich wieder. Auf meine freilich etwas
naseweise Frage, warum denn der Heiland, wenn er doch einmal Wunder tun
wolle, es nicht vor jedermanns Augen tue und die Haare sogleich wieder
wachsen lasse, antwortete mir der Pfaffe mit schlauem Gesicht: »_Chi puo
approfondare le raggione di Dio._« Und damit war ich, wie sich's
gebührt, abgefertigt. Bei dieser Ausstellung wurde dem Volk mit
vielsagender Bedeutsamkeit verkündet, daß das Kruzifix unfehlbar recht
bald wieder ein neues Wunder vollbringen würde. Die Erbitterung des
Volkes war trotz Murats Reformen und dank den sizilianischen Umtrieben
auf das höchste gestiegen, auch war man in den letzten sechs Monaten
nicht weniger als einem halben Dutzend mehr oder minder ausgedehnten
Verschwörungen auf die Spur gekommen.

[Fußnote 7: Ein alter Karmelitermönch hatte in der Tat einem
französischen Offizier einmal ernstlich versichert, daß dies noch vor
Christi Geburt geschehen sei, was bei der bekannten großen Unwissenheit
dieser Herren Fratres eben nicht zu bewundern ist.]

Meine beiden ätherischen Schönen waren indessen herangekommen, und das
Gesicht der einen entsprach ganz ihrem graziösen Wuchs; es war eine
_Beltà rarissima_, auch die andere war so übel nicht. Ich ließ die
beiden Signorinnen nicht mehr aus den Augen. Als sie ihr Gebet
verrichtet und ihr Opfer gebracht hatten, eilte ich ihnen voran die
Stufen hinab, um ihnen das Weihwasser zu reichen, das sie freundlichst
von mir annahmen. Ich folgte beiden durch viele Kreuz- und Querstraßen;
sie hatten es bemerkt, und an einem nicht sehr ansehnlichen Haus in der
Vorstadt, die nach Capua zu liegt, angekommen, sahen sie sich noch
einmal um und verschwanden in der Haustür. Ich ging nun noch einigemal
vor demselben auf und nieder, bemerkte bald die Schönen hinter einem
Fenster und machte den kommenden Tag Fensterparade zu Pferde, Kapriolen
und Lançaden vor deren Wohnung und wurde ebenfalls bemerkt. Bald hatte
ich durch eine alte dienstfertige Ruffiana, der ich einen Piaster
spendete, herausgebracht, daß die beiden Damen zwei Schwägerinnen seien
und die eine die Gattin eines _nobile caduto_, der ein kleines Amt
bekleide und Carfori heiße, die andere aber die schöne Isaura Carabelli
sei, deren Mann, als der Regierung verdächtig, sich schon seit einiger
Zeit geflüchtet und sich wahrscheinlich in Sizilien aufhalte. Mit Hilfe
der Alten erhielt ich schnell Zutritt bei den Damen, denen ich anfangs
beiden den Hof machte, ohne mich bestimmter für die eine oder die andere
zu erklären, aber damit endete, mich an die schöne Isaura zu halten,
ohne jedoch ihre geistreichere Schwägerin ganz aufzugeben, deren Gatte
gegen meine Bekanntschaft nichts einwendete, da er glaubte, meine
Besuche gelten einzig der anderen Dame. Ich führte sie nun auf die
Promenade, in die Theater, wir klimperten des Abends Gitarre zusammen,
sangen Canzonetti, und der herannahende Karneval versprach der
Vergnügungen gar mancherlei, doch vernachlässigte ich auch Helene nicht
und besuchte sie von Zeit zu Zeit. -- Murat begann nun auch seinen Hof
zu organisieren und zog die ersten Schönheiten des Adels an denselben,
der bald äußerst glänzend wurde und an dem die neue Königin Karoline
wohl nebst der Herzogin von Atri und der Marchesa Cravagante die ersten
Schönheitssterne waren.

Ich führte, den noch immer beschwerlichen Dienst abgerechnet, ein
ziemlich angenehmes Schlaraffenleben, besuchte mit meinen Schönen die
prächtigen Festini der großen Theater und traf bei dieser Gelegenheit
auch einmal auf meine hübsche Apothekersfrau, was ein maskiertes
Rendezvous zwischen uns veranlaßte, dem noch mehrere folgten. Ich war zu
dieser Zeit wieder in dem Torrione del Carmine kaserniert, wo auch vier
Kompagnien vom ersten Bataillon des Regiments Y... lagen. Vor wenigen
Tagen war ein Neapolitaner von einer angesehenen Familie, die ihr
Familienbegräbnis in der kleinen Kapelle in dem Hof der Karmeliterburg
hatte, daselbst begraben worden, und wie es hier Sitte, war der mit
einigen Kleinodien geschmückte Leichnam eine kurze Zeit im offenen Sarg
zur Schau ausgestellt worden. Einige Tage darauf verbreitete sich das
Gerücht unter den Soldaten im Fort, es spuke in der Kapelle und man höre
gegen Mitternacht ein Getöse, welches einem entfernten Klopfen auf
Steine gleiche. Niemand achtete anfänglich darauf, man hielt die Sache
für ein gewöhnliches Soldatenmärchen, bis sich ein paar Offiziere durch
die wiederholte Beteuerung der Schildwachen von der Wahrheit dieses
Getöses überzeugten; so auch ich, der über die Sache gelacht hatte. Wir
berichteten dem Kommandanten des Forts darüber, dem zugleich rapportiert
worden war, daß der Kirchendiener eines Morgens einen großen Grabstein
aus seinen Fugen gehoben und mehrere Fensterscheiben eingeschlagen
gefunden habe. Man hielt die Sache vorerst möglichst geheim, und in der
kommenden Nacht begab sich der Kommandant mit mehreren Offizieren in die
Kapelle. Wir vernahmen, das Ohr gegen den Boden haltend, bald ein
entferntes dumpfes Getöse und glaubten sogar ein verworrenes Gemurmel
von Männerstimmen zu hören. Erst geraume Zeit nach Mitternacht wurde es
wieder stille. Der Kommandant ließ nun ohne Ausnahme sämtliche Truppen
in dem Fort konsignieren.

Nach der Wachtparade wurden Sappeurs beordert, das Gewölbe in der
Kapelle zu öffnen, worauf der Kommandant mit mehreren Offizieren und mit
Laternen tragenden Unteroffizieren hinabstieg. Ein widriger Moder- und
Leichengeruch kam uns entgegen, und beim weiteren Vordringen erlöschten
bald die Lichter in den Laternen, so daß wir zum Rückzug genötigt waren.
Es wurden nun Kohlenpfannen, Weinessig und Pechfackeln herbeigeholt, mit
Essigdampf gehörig geräuchert, und wir stiegen dann zum zweitenmal unter
hellem Fackelschein in die Gruft hinab, aber dennoch nasse Tücher vor
den Mund haltend, um uns gegen den noch immer starken pestartigen Geruch
zu verwahren. Unten angekommen, schritten wir über verweste Körper und
Haufen von Menschenknochen. Die Fackeln voran, sahen wir nur ein durch
Mauern beschränktes, nicht sehr großes Gewölbe; schon machten wir
Anstalt, uns wieder zu entfernen, als einer der Sappeurs hinter einem
dicken Mauerpfeiler eine über zwei Schuh breite Öffnung entdeckte, die
erst ganz frisch in die Mauer gebrochen zu sein schien. Dicht an dieser
Öffnung fanden wir ein kleines Fäßchen, das wir bei näherer Untersuchung
zu unserem großen Erstaunen mit Pulver gefüllt fanden. Jetzt traten wir
einer nach dem anderen durch die Öffnung und befanden uns in einem sehr
geräumigen, von vielen Pfeilern gestützten Souterrain, das sich in allen
Richtungen hin unter dem Karmeliterfort ausdehnte, und fast bei jedem
Pfeiler stand ein solches Fäßchen. Nachdem wir uns in diesem Gewölbe
umgesehen, entdeckten wir abermals eine größere bogenförmige
Durchbrechung in der Mauer, die in der Richtung des Karmeliterklosters
lag, und durch diese gehend, befanden wir uns in den Grüften und
Gewölben der großen Klosterkirche, wo wir sehr viele Leichen
verstorbener Mönche fanden. Daß hier ein gräßliches Vorhaben ausgeführt
werden sollte, war klar. Der Kommandant stellte sogleich in diesem
unterirdischen Labyrinth Wachen aus, mit dem Befehl, sobald sich jemand
sehen ließe, ihn festzuhalten. Da, wo wir eine Treppe und an deren Höhe
eine eiserne Falltür wahrnahmen, die ohne Zweifel von dem Kloster aus in
diese Gruft führte, wurden rechts und links zwanzig Mann mit
scharfgeladenen Gewehren postiert. Ein Offizier erhielt die Aufsicht
über das Ganze. Wir kehrten nun zur Oberwelt zurück, auf den Ausgang
dieser mysteriösen Sache höchst begierig. Der Kommandant meldete die
gemachte Entdeckung sogleich höheren Orts, es wurde augenblicklich ein
Ministerkonzil zusammenberufen, in dem man übereinkam, die Eingänge des
Karmeliterklosters und der Kirche durch verkleidete französische
Militärs und ergebene Polizeiagenten gehörig bewachen zu lassen, ohne
vorerst Lärm zu machen, und noch eine halbe Kompagnie in die Souterrains
zu beordern, welche der kommandierende General nebst dem Kriegs- und
Polizeiminister selbst ganz insgeheim untersuchten; sie ließen die
Pulverfässer sogleich wegschaffen. Gegen Abend wurden alle Posten in der
Stadt verdoppelt und die Truppen in den Kasernen zum Ausrücken bereit
gehalten. Man hoffte einige der Rädelsführer oder doch in das Geheimnis
eingeweihte Individuen, die, wie es schien, ihre Arbeiten nur in der
Nacht verrichteten, in den Gewölben zu fangen, um so der Sache auf die
rechte Spur zu kommen und die nötigen Vorkehrungen treffen zu können.
Hätte man sogleich mit der Besitznahme des Klosters und der
Verhaftnehmung der Mönche begonnen, so hätten leicht die Hauptanführer
der Verschwörung, deren Verzweigung man nicht kannte, entwischen oder
gar einen allgemeinen Aufstand veranlassen können, was man um jeden
Preis verhüten mußte.

Es mochte etwa eine Stunde vor Mitternacht sein, als die an der Treppe
postierte Mannschaft die äußeren Riegel der Falltür zurückschieben und
den Schlüssel in einem Schlosse umdrehen hörte. Sogleich wurden die
Blendlaternen, welche die Wachtmannschaften bei sich hatten,
geschlossen, und die Leute versteckten sich unter den Bogen der
gewölbten Treppe und hinter den Pfeilern. Jetzt drehte sich knarrend die
eiserne Pforte in ihren Angeln, und mehrere Mönche, denen eine Anzahl
Arbeiter folgte, mit ein paar verkleideten Männern an der Spitze,
stiegen vorsichtig die Treppe herab. Sobald der letzte unten war, traten
die hinter der Treppe versteckten Grenadiere sowie die übrigen aus ihren
Schlupfwinkeln hervor und umzingelten den ganzen Haufen. Man kann sich
die Bestürzung und das Erschrecken der Verschworenen denken, von denen
sich sogleich einer einen Dolch in die Brust stieß und tot niederfiel;
die übrigen wurden festgehalten und gebunden in die Kasernengefängnisse
gebracht. Unter ihnen befand sich ein Duca und ein Marchese. Das Kloster
wurde nun auch mit Wachen umgeben, niemand weder hinein- noch
herausgelassen und mehrere verdächtige Personen, die sich am anderen
Morgen in dasselbe begeben wollten, sofort verhaftet. Alle Gefangenen
wurden den kommenden Tag nach der Vicaria unter starker Bedeckung in
verschlossenen Wagen abgeführt. Viele Personen, die in dieser sehr
ausgedehnten Verschwörung verwickelt waren, flüchteten, als sie dieselbe
durch die Maßregeln, die man bei den Karmelitern genommen, für entdeckt
hielten.

In der kommenden Nacht, wenn ich nicht irre vom 30. auf den 31. Januar,
wurde plötzlich Generalmarsch geschlagen, alles eilte zu den Waffen, und
ganz Neapel kam in gewaltigen Alarm, alle Einwohner zeigten sich an den
Fenstern und auf den Terrassen, durch alle Straßen ritten
Kavallerieabteilungen, und reitende Artillerie kreuzte jagend nach allen
Richtungen; es war ein Lärm, als sollte das jüngste Gericht beginnen.
Eine ungeheuer donnernde, die halbe Stadt erschütternde Explosion hatte
die Veranlassung gegeben, der Palazzo des Kriegsministers Salicetti war
in die Luft gesprengt worden, des Ministers hochschwangere Tochter wurde
samt ihrem Gatten nebst dem Minister selbst wie durch ein Wunder
unversehrt unter den Trümmern hervorgezogen, während fast alle anderen
Hausgenossen durch die Steinmassen erschlagen worden waren. Die Hälfte
des Zimmers, in dem des Ministers Tochter schlief, war mit deren Bett
stehen geblieben. Bald hatte man herausgebracht, daß der Sohn des
Apothekers Viscardi, Onoffrio, dessen Haus an das des Kriegsministers
Salicetti grenzte, dasselbe in die Luft gesprengt, der von Palermo eine
eigens zu diesem Zweck verfertigte Maschine mitgebracht. Alle Viscardi
wurden bis auf einen, der Mittel gefunden hatte, sich nach Sizilien zu
flüchten, eingezogen und hingerichtet. Der Minister selbst starb noch in
demselben Jahre an Gift.

Höchst sonderbar war es aber, daß das Ministerium die Untersuchung gegen
die in den Souterrains des Karmeliterklosters Gefangenen, von denen man
nie erfuhr, was aus ihnen geworden, sehr geheim betrieb und bald ganz
niederschlug. Ein Gerücht war damals im Umlauf, welches besagte, die
Salicetti hätten selbst um die beabsichtigte Sprengung des Torrione del
Carmine gewußt, wären aber von den Verschworenen nur als Werkzeuge
gebraucht worden, damit diese um so sicherer ihre Pläne hätten
durchsetzen können, und würden dennoch beim Ausbruch den Minister, der
wegen seiner Gewaltstreiche und Erpressungen allgemein verhaßt war, mit
seinen Anhängern in die Luft gesprengt haben. Nun bleibt mir noch
mitzuteilen übrig, durch welche sonderbaren Umstände man zuerst auf die
Spur der beabsichtigten Sprengung des Forts gekommen war.

In einer Kompagnie des Regiments Y..., die im Carmine lag, befanden sich
zwei Ungarn, die dem Versenken der obenerwähnten Leiche in der kleinen
Kirche mit beigewohnt und bemerkt hatten, daß der Verstorbene mehrere
Ringe von Wert und ein mit Steinen besetztes Kreuz mit in die Gruft
nahm. Nach ihrer Meinung waren diese Dinge den Lebenden weit nützlicher
als den Toten, sie beschlossen demnach, sich dieselben zuzueignen, und
ließen sich deshalb eines Abends, in der Kapelle hinter einem
Beichtstuhl versteckt, von dem halbblinden Kirchendiener einschließen.
Als alles ganz ruhig war, begannen sie gegen Mitternacht einen
Gruftstein, durch den man die Leiche hinabgesenkt, mit eisernen Stangen,
die sie mitgebracht, zu lüften, bald aber vernahmen sie das
unterirdische Getöse, und in dem Glauben, die Toten stünden auf, ihre
Kostbarkeiten zu verteidigen, ließen sie schnell den Stein wieder fallen
und machten sich durch die Kirchenfenster, von denen sie einige Scheiben
eingedrückt, davon. Durch sie wurde zuerst das Gerücht von dem
unterirdischen Spuk in der Kaserne verbreitet, und man erfuhr durch
sorgfältige Nachforschungen dessen Ursprung. Für diesmal sah man den
beiden Soldaten in bezug auf das vorgehabte und nicht vollführte
Verbrechen, wegen der daraus entstandenen Rettung der ganzen Garnison
und vielleicht des Königreichs selbst, durch die Finger.

Trotzdem Murat sehr den Pomp, Feste und Vergnügungen liebte, versäumte
er doch nichts, was nach seiner Meinung dazu beitragen konnte, die
Regierung seines Reiches zu befestigen und sich beliebt zu machen. Er
führte den _Code Napoléon_ ein, was nicht sehr politisch war, da dieses
Gesetzbuch nicht wie das Zeug zu einem Kleid einem jeden Individuum,
jedem Volk angepaßt werden kann und große Mängel bei manchem Guten hat,
am allerwenigsten aber für Neapel oder Spanien paßte, Nationen, die noch
so weit in der Kultur zurück waren. Er suchte auch das Unterrichtswesen
zu verbessern, errichtete eine Nationalbank, tat manches für Kunst und
Wissenschaften, ohne selbst viel davon zu verstehen, gab der
Nationalgarde eine neue Organisation und so weiter. Die Küsten ließ er
jetzt fast ausschließlich durch französische Truppen, von denen noch
etwa zwanzigtausend Mann in seinem Reich lagen, besetzen. Die
neapolitanischen Truppen, die er in einem erbärmlichen Zustand antraf,
suchte er bestmöglichst zu disziplinieren, er vermehrte seine Garde mit
zwei Regimentern und ließ viele französische Offiziere mit erhöhten
Graden in neapolitanische Dienste übertreten, um einen besseren Geist in
das eingeborene Militär zu bringen und dasselbe an bessere Ordnung zu
gewöhnen. Ich verspürte indessen keine Lust, mich dazu zu melden, da das
neapolitanische Militär zu wenig geachtet war, auch galt diese Erhöhung,
die selbst eine Zurücksetzung für die Neapolitaner war, nur
Subalternoffizieren bis zum Grad eines Kapitäns, diese wurden aber nicht
zu Stabsoffizieren im Fall eines Übertritts ernannt, sondern mit
gleichem Grad bei der Garde angestellt. Der höhere Grad, sehr glänzende
Uniformen verlockten manchen zum Übertritt. Gioachimo, wie ihn die
Neapolitaner nannten, errichtete auch eine besondere Ehrengarde, welche
aus den Söhnen der vornehmsten und reichsten Familien vom Adel, der
Gutsbesitzer, Angestellten und Kaufleute formiert wurde. Alle Wochen
hielt er mit viel Prunk und Ostentation Musterungen der verschiedenen
Truppenkorps, wobei ihn ein sehr reich gekleideter Stab und großes
Gefolge umgaben. Aber die Franzosen in Neapel, die sich sehr viel von
seinem Regierungsantritt versprochen hatten, waren keineswegs mit ihm
zufrieden und fanden sich in ihren freilich sehr sanguinischen und nicht
wohl zu erfüllenden Hoffnungen getäuscht.

Murat ließ jetzt eine Zählung der Bevölkerung seines Reiches vornehmen,
und es fanden sich ungefähr fünf Millionen Seelen. Regnier, den er zum
Kriegs- und Marineminister ernannte, führte eine Konskription ein, durch
welche von tausend Einwohnern zwei militärdienstpflichtig waren. Es
wurden neue Regimenter errichtet und die Fahnenweihe derselben mit
großer Feierlichkeit in der Villa Reale vorgenommen. Zu diesem Zweck war
ein Thron daselbst unter freiem Himmel aufgeschlagen worden, von welchem
der König die Zeremonien mit ansah; der Erzbischof weihte die Fahnen.
Die ganze Garnison, über zwanzigtausend Mann, stand bei dieser
Gelegenheit unter den Waffen; unter dem Donner der von allen Forts
abgefeuerten Kanonen wurde ein Tedeum gesungen, worauf die Truppen vor
dem zufrieden lächelnden Herrscher defilierten. Hierauf setzten sich die
aus französischen und neapolitanischen Regimentern erwählten
Abgeordneten und Legionisten an eine mit dreitausend Gedecken belegte
Tafel, an der sie bei diesem Fest gespeist wurden, nieder, wo man sie,
während dreihundert kriegerische Instrumente spielten, trefflich auf
Kosten der Munizipalität bewirtete. Das Ganze konnte einen Begriff von
einer altrömischen Volksspeisung geben. Die Gäste ließen unter Sang und
Klang und dem Akkompagnement von Artilleriesalven Napoleon und Murat und
ihre splendiden Wirte hochleben. An tausend Legionisten traten noch
denselben Tag in wirkliche Kriegsdienste.

Murat hatte außer der öffentlichen Huldigung, die er dem heiligen
Januarius besonders wegen Capri dargebracht, auch noch die hohen Diener
des Heiligen und die Prälaten der Schatzkapelle, welche schwere goldene
Medaillen erhielten, bedacht. Sogar nach Loretto hatte der fromme
Monarch einen goldenen, mit Brillanten und Rubinen besetzten Pokal der
Madonna verehrt, nachdem derselbe vorher dem Volk von Neapel zur Schau
ausgestellt worden war, damit es erkennen möge, welch gut katholischen
Christen es zum gnädigen Herrscher habe! Dies war nicht schlecht
kalkuliert.

Noch eine andere Gelegenheit benützte Gioachimo I., seine geliebten
Untertanen durch Festivitäten zu erfreuen. Als nämlich die Brücke
beendigt war, welche die Hauptstraße des Landes, die ein tiefes Tal
zerschnitt, vereinigte, ließ er sie Napoleonsbrücke taufen und mit
großer Pracht und viel Zeremonien einweihen, auch stattete er an seinem
Geburtstag (25. März) hundert heiratslustige und -fähige Ragazze (junge
Mädchen) aus, die er sodann auf großen vierspännigen Wagen, auf denen
Napoleons mit Lorbeeren gekrönte Büste war, im Hochzeitsschmuck und mit
Musik durch die Hauptstraßen Neapels unter dem großen Jubel des Volks
fahren ließ. Bald darauf zog er aber viele der reichsten Klöster ein,
verbot das fernere Begraben der Toten in den Kirchen der Stadt,
bestimmte vermittelst eines Dekrets den öffentlichen Begräbnisplatz an
der Grotte von Puzzuoli, wodurch er sich Pfaffen, Mönche und viele
Fromme unter dem Volk, das jenen weit mehr anhing, als er glaubte, zu
heimlichen Feinden machte.

Auf der anderen Seite machte er auch das französische Militär mißmutig,
indem er Reklamationen und Klagen gegen dasselbe oft mit fast
parteiischer Vorliebe anhörte, um sich, wie er vermeinte, dadurch um so
beliebter bei den Einheimischen zu machen. Die ihn umgebenden
Neapolitaner, seiner Eigenliebe schmeichelnd, machten ihn glauben, daß
die Aufregung in den Provinzen hauptsächlich daher rühre, weil man
französische Militärkommandanten in dieselben gesetzt, die mit großer
Willkür und sehr despotisch handelten, was zum Teil auch an dem war. Er
nahm nun denselben diese Kommandos ab und besetzte sie mit
Einheimischen, sowie auch andere Stellen; dies brachte die Franzosen
auf, welche jetzt ihren Dienst oft vernachlässigten, was Ursache war,
daß die Insurgenten bald ihr Haupt neuerdings und drohender erhoben.
Hierzu kam noch, daß das Desertieren der Unteroffiziere und Soldaten
französischer Regimenter, um bei den neugebildeten neapolitanischen
Truppen angestellt zu werden, von oben begünstigt wurde, so daß in
kurzem mehr als viertausend Mann, über dreihundert von unserem Regiment,
die französischen Adler verließen, um die weit schönere neapolitanische
Uniform anzuziehen. Alle Beschwerden der Obersten deshalb blieben
fruchtlos, und als Murat und seine Minister erfuhren, daß sich die
Kolonels deshalb an den Kriegsminister nach Paris wandten, wurden sogar
deren Depeschen auf der Post geöffnet und, wenn sie solche Beschwerden
enthielten, zurückbehalten, weshalb die Obersten nun ihre Briefe auf
Umwegen über die Grenze von Neapel auf römische Posten schickten.
Napoleon selbst schien über dieses Treiben seines Schwagers sehr
ungehalten zu werden, der aber jetzt, da er König war, auch die Idee
hatte, als selbständiger Regent herrschen und sich der Obervormundschaft
des Kaisers entziehen zu wollen. Gern hätte er alle französischen
Truppen und Generäle aus dem Land geschickt, wenn er es hätte möglich
machen können.

Ich hatte die Karnevalszeit diesmal recht froh und lustig in Neapel
zugebracht und allerlei Intrigen angesponnen, die ich auch in der
stillen Fastenzeit noch fortzusetzen für unterhaltend fand, als unser
Bataillon plötzlich den Befehl erhielt, nach dem Kirchenstaat
aufzubrechen, wohin wir den wohlbekannten Weg über Capua, Fondi,
Terracina und so weiter bis Velettri zurücklegten.



                                  XIV.

   Besitznahme des Kirchenstaates. -- Ende der weltlichen Herrschaft
    des Papstes. -- Die Kommandantur zu Velettri. -- Der Bischof und
       der Fournisseur. -- Gewaltsame Entführung Pius VII. -- Ich
       gehe als Kurier nach Wien. -- Ich übergebe Napoleon meine
    Depeschen. -- Kurze Unterredung mit demselben. -- Schönbrunn. --
        Parade daselbst. -- Wien. -- Volksstimmung daselbst. --
        Das Napoleonsfest in Österreichs Hauptstadt gefeiert. --
    Quartierfreuden. -- Liebenswürdige Wirtinnen. -- Rückreise nach
      Italien. -- Klagenfurt. -- Udine. -- Treviso. -- Mestre. --
                          Ankunft zu Venedig.


Als wir in dem Kirchenstaat angekommen waren (gegen Ende April 1809),
wurden viele Kompagnien in verschiedene Städte detachiert, wie nach
Piperno, Porto d'Asturo, Ardea und so weiter, deren Hauptleute
Platzkommandanten daselbst wurden. Ich erhielt mit der meinigen das
Kommando zu Velettri, während der Rest des Bataillons nach Albano,
Corneta und so weiter verlegt wurde. Daß hier wieder etwas
Ungewöhnliches ausgeführt werden sollte, ging aus allen Anstalten, die
gemacht wurden, hervor. Rom selbst war schon seit länger als einem Jahre
durch den General Miollis besetzt worden, ungefähr zur Zeit, als wir in
Spanien einrückten. Der Vorwand dazu war mit den Haaren herbeigezogen.
Nämlich, weil Pius VII. nicht den _Code Napoléon_ in seinen Staaten
einführen, und England nicht förmlich den Krieg erklären wollte. Der
Papst hatte auf diese Zumutungen erklärt, daß das französische
Gesetzbuch Ehescheidungen gestatte, was gegen die Dogmen der
katholischen Religion, und daß er ein Mann des Friedens sei, dem die
Engländer nichts zuleide getan hätten. Ende Januar 1808 war eine starke
Truppenabteilung jeder Waffengattung aus dem Toskanischen in Eilmärschen
in den Kirchenstaat eingerückt, die in der Ebene von Baccano
vierundzwanzig Stunden biwakiert hatte und um Mitternacht weiter
aufbrach, den 2. Februar im Sturmschritt, die trabende Artillerie mit
brennenden Lunten an der Spitze, in Rom einzog und mit gefälltem
Bajonett auf Monte Cavallo stürmte, dort die Wachen besetzte, während
Pius VII. in der Kapelle des Quirinalpalastes mit den Kardinälen Messe
las. Die päpstlichen Truppen waren bei der Ankunft der Franzosen in
aller Stille, nachdem sie sich hatten friedfertig ablösen lassen,
abgezogen. Drei geschlossene Kolonnen waren in Rom eingerückt und hatten
allmählich alle Posten in Besitz genommen, die ihnen, wie es schien, die
Soldaten Seiner Heiligkeit nicht schnell genug übergeben konnten. Der
Papst selbst, der sich als Märtyrer betrachtete, beschloß, alles auf das
äußerste ankommen zu lassen, sich in sein Schicksal zu ergeben, aber
doch nur der Gewalt weichen zu wollen. Er hatte zwar einen Aufruf an die
modernen Römer im Stil und nach dem Muster der alten Weltbeherrscher
erlassen, denselben gedruckt verteilen und an die Straßenecken
anschlagen lassen, aber auf Befehl des französischen Gesandten mußte das
Haupt der Sbirren denselben eigenhändig wieder abreißen, und von dem
zitierten altrömischen Geiste hatte sich keine Spur vorgefunden. Auch
Wunder, die hier und da ein Madonnenbild verrichtete, das Blut
geschwitzt oder Tränen vergossen haben sollte, wie die Pfaffen
versicherten, halfen nichts, und die Römer lachten wohl selbst darüber.
Ein einziger Mönch war kühn genug gewesen, in einer Predigt eine
Anspielung auf die Makkabäer zu machen, die alle ihre Feinde erschlugen,
und dabei zu sagen: »_Anche noi siamo in tempo de Maccabei!_« Wurde aber
dafür sogleich in die von den Franzosen schon besetzte Engelsburg
gesperrt. Die Römer trösteten sich damit, daß alles eine Schickung
Gottes sei, der den Napoleon zu seiner Zuchtrute für die sündhafte
Menschheit erwählt habe, und Pius selbst nannte es: die unerforschlichen
Gerichte des Allmächtigen. Er hatte sich nun in seinen Palast
eingeschlossen und seine täglichen Spazierfahrten eingestellt, auch die
Erlaubnis zur Feier des bevorstehenden Karnevals verweigert, mit dem
Bemerken, daß es jetzt nicht an der Zeit sei, an irdische Vergnügungen
zu denken. Der Gouverneur, General Miollis, gab jedoch Bälle in dem
Palast Doria, denen manche der vornehmsten Römer beiwohnten. Das Volk
aber war mit der Unterlassung seines Hauptvergnügens nicht zufrieden,
murrte, und ließ sich einstweilen die Gallinacci (gemästete Puter, die
in Herden zu Tausenden um diese Zeit in die Stadt getrieben und von
ihren Hütern mit langen Schilfrohren zusammengehalten werden), seine
Favoritspeise, trefflich schmecken. Miollis erließ eine Order nach der
anderen, Ruhe und polizeiliche Ordnung in der Stadt einzuführen. Niemand
durfte sich mehr zur Nachtzeit ohne Laterne in den Straßen blicken
lassen. Alle Kutschen mußten mit solchen versehen sein, was besonders
die Eminenzen und die höhere Geistlichkeit vexierte, die jetzt ihre
Mätressen nicht mehr unerkannt abholen konnten. Die Stadttore wurden von
Mitternacht bis zum anbrechenden Tag geschlossen, und nachdem noch
mehrere Messerstiche ausgeteilt und Mordtaten begangen waren, wurde bei
Strafe des sofortigen Erschießens das Tragen jeder Art von Waffe,
Dolche, Stilette oder auch nur Messer verboten. Alle bisherigen
Freistätten für Mörder, wozu außer den Kirchen ganze Distrikte, wie das
Quartier, wo das Inquisitionsgericht seinen Sitz hatte, der spanische
Platz und so weiter gehörten, wurden für aufgehoben und als nicht mehr
schützend erklärt. Nachdem mehrere Individuen, die trotz dem Verbot noch
ein Messer bei sich getragen, in den nächsten vierundzwanzig Stunden
kriegsrechtlich öffentlich erschossen worden waren, fand man für tausend
Zechinen kein Messer mehr bei den Leuten und das Morden hörte auf.
Früher erhielt man für einen halben Scudi die Erlaubnis, jede beliebige
Waffe zu tragen, und fast jede Woche fiel ein Dutzend Mordtaten vor,
nach denen sich die Täter in eine Kirche oder in ein sogenanntes
Freiquartier flüchteten, wo sie so lange in Sicherheit waren, bis ihnen
Verwandte oder gute Freunde durchhalfen oder hohe Protektoren Gnade
auswirkten. Indessen hatte man doch bald eine Verschwörung entdeckt, an
deren Spitze der Principe Altieri und der Duca Bracchi, beide Anführer
der päpstlichen Nobelgarde, standen. Miollis ließ diese Garde sogleich
entwaffnen, und kaum hatten die Rädelsführer noch Zeit gehabt, sich
durch die Flucht der Verhaftung zu entziehen. Miollis erließ auch einen
Befehl an die Kardinäle, Rom binnen dreimal vierundzwanzig Stunden zu
verlassen, aber der Papst verbot ihnen, diesem Befehl zu gehorchen und
befahl, nur der Gewalt nachzugeben, damit die Welt wisse, daß sie nur
rohe Übermacht von dem päpstlichen Busen losgerissen habe. Dennoch
mußten die Kardinäle fort. Die beiden Doria begaben sich nach Genua, in
ihre Vaterstadt, und von Paris kam ein Befehl, daß sich alle Eminenzen
in diejenigen Staaten zu begeben hätten, deren geborene Untertanen sie
seien. Pius VII. rief nun auch seinen Gesandten zu Paris, den Kardinal
Caprara, zurück, was Napoleon als eine Kriegserklärung auslegte, die
ohnehin schon dadurch geschehen, weil sich Rom nicht, gleich den übrigen
italienischen Staaten, gegen den allgemeinen Feind, England, habe
verbünden wollen. Die Provinzen Urbino, Ancona, Macerato und Camerino
wurden unwiderruflich auf ewige Zeiten (diese Ewigkeit währte fünf
Jahre) durch ein Dekret dem Königreich Italien einverleibt. Auch wurde
allen Kardinälen und römischen Beamten aus diesen Provinzen bei Strafe
der Konfiskation ihres Vermögens geboten, sich in ihre Heimat zu
verfügen, so daß dem Papst außer dem Gebiet der Stadt Rom wenig mehr
blieb. Trotz all dem beschäftigte sich jetzt Pius noch mit der
Heiligsprechung der Königin Klothilde von Frankreich. Was die Römer am
meisten schmerzte, war das Ausbleiben der Fremden, besonders der
Engländer, wodurch ihnen ein bedeutender Verdienst entging.

Napoleon hatte indessen beschlossen, der weltlichen Herrschaft des
Papstes ein Ende zu machen und Rom selbst seinem großen Reich
einzuverleiben. Daher die abermaligen Truppenmärsche im April und Mai
1809 in den Kirchenstaat. Ein großer Staatsstreich sollte ausgeführt
werden, während er sich in dem von ihm eroberten Wien befand. Er
dekretierte vier Tage vor der Schlacht von Aspern, den 17. Mai 1809, das
Ende der päpstlichen Herrschaft, und daß, da sein großer Vorfahr, Karl
der Große, den römischen Bischöfen verschiedene Distrikte nur als Lehen
überlassen habe, er, um der päpstlichen Halsstarrigkeit den Hals zu
brechen, dieselben wieder einziehe, den Kirchenstaat mit seinem Reich
vereinige und Rom zu einer freien (?!) kaiserlichen Stadt erkläre und so
weiter. Miollis nahm den 1. Juni feierlich Besitz von Rom, und die neu
errichtete Consulta, deren Präsident er war, erließ eine Proklamation,
die mit folgenden hochtrabenden Worten begann:

»Römer! Der Wille des größten der Helden (_risum teneatis amici_)
vereinigt Euch mit dem größten der Reiche« und so weiter. In derselben
wurde auch gesagt, daß das Elend und die Ungesundheit der römischen
Städte nun der Glückseligkeit Platz machen müsse, die ihnen zuteil
würde, und daß Rom fortdauernd der Sitz des sichtbaren Oberhauptes der
Kirche bleiben solle, wo dasselbe nun über alle irdischen Interessen und
Betrachtungen erhaben, der Welt das Schauspiel der reinsten Religion im
höchsten Glanz geben würde und so weiter.

Von dieser Proklamation wurden mir einige tausend Exemplare nach
Velettri geschickt, um sie daselbst und in der Umgegend zu verbreiten,
was ich pflichtschuldigst, damals ein ebenso verblendeter Narr wie die
anderen, tat, und den Rest auf der Jagd in den Pontinischen Sümpfen
verpuffte. Es wurden nun allenthalben die päpstlichen Wappen abgerissen
und durch die napoleonischen Adler ersetzt, alle Urkunden im Namen des
Kaisers ausgestellt und so weiter.

Ich hatte einstweilen in Velettri ein sehr friedliches und behagliches
Leben geführt und außer einigen Intrigen mit ein paar hübschen
Vilanellen, die hier wie in Albano ein sehr malerisches Kostüm haben,
auch einem kleinen Renkontre mit einem Prälaten keine Fata von einiger
Erheblichkeit gehabt. Die Einwohner, bei denen Caguenecs tolle Streiche
noch in frischem Angedenken, waren mit mir zufrieden. Jener hatte sich
unter anderem von seinen Soldaten, nachdem er mit denselben in der Stadt
herumgezogen, um guten Wein zu requirieren, und sie betrunken gemacht,
auf russische Weise auf dem Marktplatz der Stadt prellen lassen. Das
heißt, die Russen in seiner Kompagnie wollten ihrem Kapitän eine Ehre in
russischer Manier antun, legten ihn auf große wollene Decken und
schleuderten ihn dann in die Luft, fingen ihn wieder auf, was sie ein
halbes hundertmal wiederholten, dabei ein großes Feuer auf dem Platz
anzündeten, so daß den Einwohnern angst und bange wurde. Dabei tanzten
die Soldaten um die Flammen und schrieen aus vollem Halse: »Hurra unser
braver Kapitän!« Zuletzt hatte er gar eine Kontribution von mehreren
tausend Scudi auf seine Faust ausgeschrieben, meinend, was Marschälle
und Napoleon im Großen tun, dürfe er ihnen wohl im Kleinen nachmachen,
nicht bedenkend, daß man große Diebe laufen läßt und die kleinen hängt.
Ablösung, scharfer Festungsarrest, noch bevor die Kontribution erhoben
war, gegen die man in Rom Beschwerde führte, waren die Folgen davon.
Meine Affäre mit dem Prälaten, einem Bischof, war indessen nicht so ganz
unbedeutend, und hätte leicht eine ähnliche Geschichte wie die in Albano
werden können, wenn mich jetzt die Erfahrung nicht besonnener gemacht
hätte. Dem Fournisseur, der die Lebensmittel für uns lieferte, einem
jungen und rechtlichen Mann, eine Seltenheit bei einem Lieferanten,
wollte der Prälat ein junges Mädchen, das von dem heiligen Mann so
fruchtbar überschattet worden war, daß sich die Spuren davon auf das
unwiderlegbarste zeigten und sie die beste Hoffnung hatte, einen kleinen
Bischof zu bekommen, als eheliches Gespons aufhängen. Bianconi, so hieß
der Fournisseur, anfänglich die wahren Umstände nicht kennend, war in
die Falle gegangen, die man ihm schlau gelegt. Aber hinter den
Zusammenhang der sauberen Geschichte kommend und einsehend, daß er einen
bischöflichen Deckmantel abgeben sollte, zog er sich zurück, verweigerte
dem Mädchen, das übrigens recht hübsch war, seine Hand, und wurde nun
auf deren Anklage vorerst ins Gefängnis gesteckt, um ihn so zu zwingen,
sich in Hymens Fesseln schmieden zu lassen. Ich erfuhr die Sache durch
meinen Furier, ließ das Mädchen zu mir kommen und brachte bald durch
Drohungen die Wahrheit und das Geständnis von ihr heraus, daß der
hochwürdige Herr der Papa des zu hoffenden Kindes sei. Ich behielt das
Mädchen in meiner Wohnung, begab mich zuerst in das Gefängnis, um auch
den jungen Mann zu vernehmen, und von diesem zum Prälaten, der mich sehr
artig empfing, mich fragte, in was er mir dienen könne, worauf ich mir
die augenblickliche Freilassung des Gefangenen, ebenfalls sehr artig
erbat. Der fromme Mann wollte mich anfangs gar nicht verstehen, sich auf
nichts einlassen, beteuerte seine Unschuld, schrie über abscheuliche
Verleumdung, bis ich ihm nun in sehr ernstem Tone andeutete, daß, da die
Sache unseren Lieferanten betreffe, ich genötigt sein würde, sie an das
Generalkommando nach Rom zu berichten. Jetzt spannte der hochwürdige
Herr andere Saiten auf, versicherte mir, daß er ganz allein aus Achtung
für meine Person den Mann freigeben und die Sache näher untersuchen
wolle. Ich aber klopfte ihm vertraulich auf die Schulter, und sagte ihm
mit lächelnder Miene: »Lassen wir unter uns alles Komödienspiel
beiseite, wir sind ja beide Männer und arme Sünder, geben Sie der Dirne
eine kleine Aussteuer, und sie wird dann schnell einen gutmütigen
Deckmantel finden, wodurch aller Skandal verhütet wird.« Der geistliche
Herr endigte damit, meinen Rat vortrefflich zu finden, bat mich um
Bewahrung des Geheimnisses und ein gutes Glas Wein mit ihm zu leeren.
Ich gestand beides zu, und wir schieden als die besten Freunde. Mit dem
Befehl zur Freilassung des armen Teufels in der Tasche ließ ich den
Bianconi sogleich aus seinem Kerker holen.

Anfangs Juli bekam ich in aller Frühe Befehl, sogleich mit meiner
Kompagnie nach Albano abzumarschieren, wo sich eine bedeutende
Truppenmasse versammelte. Nachdem wir zwei Tage daselbst zugebracht,
ohne zu erfahren, auf was es eigentlich abgesehen sei, erhielten alle
hier und in der Umgegend liegenden Truppen den 5. Juli gegen Abend
Order, sich marschfertig zu halten, und wurden vor dem nach Rom
führenden Tor versammelt. Die leichte Infanterie bildete die Avantgarde,
dann kam die Linie und Reiterei, und Artillerie machte den Beschluß. In
dieser Ordnung marschierten wir nach Rom ab. Vor dem Tor San Giovanni
angekommen, wurde Halt gemacht und scharf geladen. Es mochte ungefähr
eine gute Stunde vor Mitternacht sein, als wir in der größten Stille in
Rom einmarschierten. Selbst die Hufe der Pferde und die Räder der
Kanonen hatte man mit Stroh umwickelt, daß sie keinen Lärm machten. So
marschierten wir gegen Monte Cavallo, in den Straßen auf starke
Patrouillen der französischen Garnison stoßend. Daselbst angekommen,
wurde ein Teil der Infanterie und die Kavallerie in die zum Quirinal
führenden Straßen verteilt, und die Kanonen, welche die entgegengesetzte
Richtung vom päpstlichen Palast erhielten, mit brennenden Lunten zur
Seite aufgepflanzt. Die Patrouillen bedeuteten den Einwohnern, die hier
und da die Fenster öffneten oder sich an der Tür blicken ließen, sich
sofort zurückzuziehen, widrigenfalls man Feuer auf sie geben würde. Es
herrschte nun eine feierliche Stille, und wir waren alle in einer
seltsamen Spannung, was wohl geschehen würde. Ich stand mit meiner
Kompagnie noch auf dem Campo Vaccino, als mir eine Ordonnanz die Order
überbrachte, mich mit zwanzig auserwählten Grenadieren sogleich zum
General Miollis zu verfügen. Bei diesem, der sich zu Fuß mit mehreren
Generalen und Chefs, unter denen auch der Gendarmeriegeneral Radet, am
Piedestal der Kolosse auf dem Monte Cavallo befand, angekommen, nahm
mich Radet, dem ich von meinem Oberst besonders empfohlen worden war,
beiseite, und eröffnete mir, daß diese Anstalten getroffen seien, um im
Fall sich der Papst weigern würde, die Entsagungsakte über alle
weltliche Herrschaft, Macht und Ansprüche auf den Kirchenstaat zu
unterzeichnen, seine Gefangennehmung zu bewerkstelligen, die in diesem
Falle vom Kaiser dekretiert und auch von Murat befohlen sei. Er habe
mich auf Empfehlung meines Obersten erwählt, tätigen Anteil an dieser
Expedition zu nehmen, die er sogleich anführen werde und wozu er noch
einige Offiziere und erlesene Mannschaft erwarte. Ich gestehe, daß mir
diese Eröffnung nicht gerade die angenehmste war, da ich Pius VII. als
einen würdigen und achtungswerten Mann und Souverän kennen gelernt und
durch meine frühere Audienz ihn persönlich lieb gewonnen hatte. Aber
hier befahl der Dienst und war keine Einwendung zu machen. Es währte nur
noch wenige Minuten, bis die zu dieser Expedition erlesene Mannschaft
beisammen war; etwa acht bis zehn Offiziere, hundertzwanzig Mann aus
Elitekompagnien und ein halbes Dutzend Sappeurs. Radet führte das
Kommando an. Wir mußten mit Leitern über die hohen Gartenmauern steigen,
da der Papst schon früher die Eingänge des Palastes hatte vermauern
lassen, und derselbe sozusagen zu einer kleinen Festung umgeschaffen
war. Aber auch die inneren, in den Garten gehenden Türen mußten die
Sappeurs erbrechen. Wir stießen zuerst auf die einige vierzig Mann
starke Schweizergarde, die sich nicht zur Wehr setzte, sondern auf die
an sie ergangene Aufforderung die Hellebarden streckte. Wir durcheilten
mehrere Gänge und Säle, Radet erwischte einen Kammerdiener des heiligen
Vaters, den er zwang, uns in die Gemächer des Papstes zu führen und uns
das Zimmer zu öffnen, in welchem sich Pius VII. befand. Wir traten ein.
Der wirklich ehrwürdige Oberpriester saß noch völlig angekleidet, die
Stola umhabend, an einem Tisch und war mit Schreiben beschäftigt. Radet
näherte sich ihm, redete ihn französisch an, das Pius geläufig sprach,
und machte ihn mit seinem Auftrag bekannt, wobei er ihm die zu
unterschreibenden Akte mit der Erklärung überreichte, daß er im
Weigerungsfall strenge Order habe, Seine Heiligkeit gefangen abzuführen.
Des Papstes Antwort war: »_Mi taglierete piu tosto in mille pezzi!_« Da
Radet sah, daß alles Zureden vergeblich war, ließ er die Sappeurs
eintreten, ein auf die Straße gehendes Fenster einschlagen, hieß sodann
den Papst und den Kardinal Pacca auf zwei Armstühle setzen, sie fest auf
denselben anbinden und beide durch das Fenster auf die Straße
hinablassen. Der General selbst aber eilte schnell auf dem Weg, den er
gekommen war, mit uns hinab, empfing den Papst und den Kardinal unten
und nötigte beide, sich in einen mit vier Pferden bespannten Wagen zu
setzen, auf dessen Bock er stieg, und jagte so mit einer starken
Reitereskorte umgeben, im gestreckten Galopp davon, durch die nächsten
Straßen, zur Porta Salara hinaus, um die Stadtmauern herum bis an die
Porta Popolo und von da auf der Straße nach Florenz weiter. Die
Truppenabteilungen, welche zu der Garnison Roms gehörten, verfügten sich
in ihre Quartiere, die aber von Neapel gekommen waren, marschierten
gegen Morgen nach Albano zurück und erfuhren erst nach einigen Tagen,
was eigentlich vorgegangen war. Roms Bewohner waren nicht wenig
bestürzt, als sie am anderen Tag erfuhren, daß ihr Souverän abgereist
sei. Aber es blieb alles ruhig, und man redete sich nur mit einem: »_Il
Papa è via!_« an. Es wurden einige Proklamationen erlassen, während Pius
den Weg nach Frankreich gezwungen machen mußte. Noch denselben Morgen
wurde ich zu dem General Miollis beordert, wo mir dieser mitteilte, daß
auf Empfehlung meiner Oberen und Radets er mich dazu bestimmt habe, dem
Kaiser die Depeschen, welche die Berichte über das Vorgefallene
enthielten, nach Wien in der Eigenschaft eines Kuriers zu überbringen,
eine Mission, die ich mit großer Freude annahm. Was den General noch
mehr dazu bewogen hatte, mich mit diesem Auftrag zu beehren, war, daß
ich der deutschen Sprache mächtig, worauf man besonders deshalb Gewicht
legte, weil das Gerücht ging, daß die österreichischen deutschen Länder
und namentlich Tirol in vollem Aufstand seien, und ich wohl im Falle der
Not als reisender Privatmann noch ungehindert durchkommen könne, weshalb
man mich auch mit dem Paß eines deutschen Barons, der von Rom nach Wien
reise, versah. In einem ziemlich bequemen Wagen fuhr ich in wenigen
Stunden nach der Abreise des Papstes mit unaufhaltsamer Eile, meistens
vier Postpferde vorgespannt, über Florenz, Bologna, Rovigo, wo ich die
Nachricht von dem zu Wien abgeschlossenen Waffenstillstand zuerst
erfuhr, Padua, Mestre (Flecken ganz nahe bei Venedig, von wo man auf
einer Barke dahin fährt), Treviso, Udina, Villach, Klagenfurt, Friesach,
Judenburg, Leoben, Wiener-Neustadt, Gumpendorf und nach Wien, wo ich
trotzdem, daß ich mir kaum ein paar Stunden zum Essen gegönnt, erst den
siebenten Tag nach meiner Abreise von Rom, des Morgens um vier Uhr,
eintraf. Im Flug hatte ich die ganze Strecke, wohl über zweihundert
Meilen, zurückgelegt und den Wagen nur zur höchsten Notdurft verlassen,
fast alle Mahlzeiten in demselben zu mir genommen, und da, wo die Wege
schwierig waren, oft sechs Pferde vorspannen lassen. Ich hatte zwar die
Reise in Zivilkleidern zurückgelegt, aber durchaus keine
Unannehmlichkeiten gehabt, und war nirgends angehalten worden, wobei mir
allerdings das Deutsche gut zu statten kam. So ermüdet ich auch war, so
erlaubte ich mir doch keine Stunde Ruhe, sondern machte sogleich nach
meiner Ankunft Toilette, rasierte mich, steckte mich in meine große
Uniform, und eilte, mich bei dem General Andreossy, damals französischer
Kommandant zu Wien, zu melden, dem ich den Zweck meiner Reise mitteilte
und der mich sofort, von einem Adjutanten begleitet, nach Schönbrunn zur
Übergabe meiner Depeschen absandte. Es war noch nicht acht Uhr, als wir
daselbst ankamen und bei dem Kaiser gemeldet wurden. Nach einer kleinen
Viertelstunde wurden wir vorgelassen, und als wir in das kaiserliche
Gemach traten, stand Napoleon von seinem Arbeitstisch auf, auf dem
mehrere Papiere und Karten lagen, tat ein paar Schritte vorwärts und
redete mich mit den Worten an: »_Vous m'apportez des nouvelles de
Rome?_« -- »_Oui Sire._« -- Ich hatte die Depeschen in der Hand und
wollte sie ihm überreichen, als er hastig selbst darnach griff, sie
öffnete, und öfters, das Gesicht verfinsternd, las, während ich alle
Zeit hatte, ihn genau zu beobachten. Endlich legte er sie wieder
zusammen, warf sie auf den Tisch und befragte mich nach verschiedenen
näheren Umständen und dem Hergang der Verhaftung. Ich mußte in die
kleinsten Details eingehen, wurde mehrmals von ihm durch Fragen
unterbrochen, wobei sich seine Stirne umwölkte, wenn ihm die Antwort
nicht sehr angenehm schien. Namentlich erkundigte er sich
angelegentlich, wie sich das Volk in Rom verhalten habe und wie dessen
Stimmung sei. Ich gab ihm, soweit ich es imstande war, die gewünschte
Auskunft, mit dem Bemerken, daß ich wenige Stunden nach der Begebenheit
Rom verlassen habe. Nachdem ich dies alles abgemacht und der Kaiser sich
herabgelassen hatte, sich nach meiner werten Person und nach meinen
Dienstverhältnissen zu erkundigen, und nachdem ich ihm auch hierauf mit
wenig Worten geantwortet hatte, fragte er mich noch, ob ich als
Deutscher mit meinem Dienst zufrieden sei, was ich bejahte, und zugleich
dachte: Jetzt stehst du vor der Schmiede, du mußt es benutzen. Mein
innigster Wunsch war nämlich damals, zu der Garde Napoleons versetzt zu
werden, und ich ließ ihn Sr. Majestät blicken, wurde aber sofort mit
einem: »_C'est bon, nous verrons_« allergnädigst entlassen.

Ich ging nun in dem Park von Schönbrunn spazieren, die Parade, die um
zehn Uhr sein sollte, abwartend. Den Platz vor dem Schlosse hatte man so
eingerichtet, daß die Truppen daselbst kampieren konnten. Der Garten war
noch auf holländische oder französische Art angelegt. Schönbrunn, das
nur eine halbe Stunde von Wien entfernt ist, war früher ein Jagdhaus,
bei dem sich ein Tiergarten befand, aber 1685 bei der Belagerung durch
die Türken ganz zerstört worden. Leopold I. ließ 1696 wieder ein Schloß
daselbst erbauen und einen Lustgarten anlegen, der 1700 fertig wurde.
Maria Theresia wählte diesen Ort zu ihrem Sommeraufenthalt. Aus dem
vorhandenen Schlößchen machte sie ein schönes Lustschloß, sie erweiterte
die Gärten, legte den holländischen Garten und eine Menagerie an, und
traf Vorkehrungen, daß das hier vorbeiströmende Flüßchen Wien keinen so
großen Schaden mehr durch Überschwemmungen anrichten konnte. Später
wurden noch viele Statuen, die sogenannte Gloriette, die Neptunsgrotte
und so weiter angebracht, und Joseph II. verwendete besonders viel
Aufmerksamkeit auf den botanischen Garten. In dem großen Hof, in dem
sich zwei Springbrunnen mit Gruppen von allegorischen Figuren befinden,
können über siebentausend Mann paradieren. Das Innere des Schlosses hat
einige schöne Säle, namentlich ist der Audienzsaal prächtig, auch sind
in einigen Gemächern hübsche Malereien angebracht. Es hat eine Kirche,
ein Theater, eine Apotheke und eine Manege. Was mich bei meinem
Umherstreifen im Garten am meisten wunderte, war, die Statue eines
Scävola und selbst die eines Brutus daselbst zu finden. Doch diese alten
Herren sind bei den gutmütigen Wienern nicht gefährlich. An Teichen,
Springbrunnen, Alleen und so weiter fehlte es auch nicht. Besonders
sprach mich eine alte hochgewölbte Lindenallee an. Von der Platte der
Gloriette, einer runden, auf Säulen ruhenden Glasgalerie, mit Trophäen
und so weiter geschmückt, hat man eine schöne Aussicht über Wien hin bis
zu dem Kahlenberg, und auf der entgegengesetzten Seite nach Baden zu.
Die Königin Karoline von Neapel ließ im Jahre 1806 hier ein Denkmal, aus
einer Granitsäule bestehend, setzen, dessen Inschrift besagt: daß es aus
Liebe für Maria Theresia geschehen sei. Napoleon soll geäußert haben,
man könne es mit geringer Abänderung zu einer Schandsäule jenes bösen
Weibes, Karoline, machen. Dies ließe sich wohl noch auf gar manches
andere Denkmal und namentlich auf die Napoleons selbst sehr gut
anwenden. In der geräumigen Orangerie gab Joseph 1784 glänzende Feste
und Bälle zu Ehren des Großfürsten Paul. Von den vierfüßigen Bewohnern
der Menagerie, die ein Rondell bildet, in dessen Mitte sich ein Saal
befindet, dessen Fenster auf die Behälter der Tiere gehen, und über
welchen wilde Tiere abgemalt sind, hatten viele die Reise nach Paris
machen müssen.

Punkt neun Uhr kam Napoleon mit seinen Marschällen, Generalen und einem
glänzenden Gefolge die Stufen der Schloßtreppe herab, die Musterung zu
passieren. Sich hier und da bei einem der Soldaten aufhaltend, dessen
Gewehr und Tornister nachsehend, ließ er dann die Truppen nach einigen
Handgriffen defilieren, und sprach mehrmals mit dem General Rapp. Als
die Parade vorüber war, ging ich nach Wien zurück, wo ich bei der
Kommandantur Erlaubnis eines längeren Aufenthaltes auswirkte, um mich
von den gehabten Strapazen gehörig ausruhen zu können. Man hatte mir ein
Quartier bei einem ziemlich wohlhabenden Bürger in einer entlegenen
Gasse der Vorstadt Gumpendorf gegeben, das ich aber schon den zweiten
Tag mit einem anderen in der Josephsstadt bei einer hochadeligen älteren
Dame, einer geborenen ungarischen Gräfin, deren Mann, ein Graf C..., mit
dem österreichischen Hof, bei dem er eine Stelle bekleidete, geflüchtet
war, vertauschte. Hier befand ich mich nicht nur sehr wohl, sondern fand
auch bald die angenehmste Unterhaltung und Zerstreuung. Die Dame hatte
zwei schöne Töchter, von denen die eine neunzehn Jahre zählte und an
einen Rittmeister, Grafen D..., der mit seinem Regiment bei der
österreichischen Armee stand, verheiratet, die andere, noch ledig, kaum
siebzehn Jahre zählend, aber die Braut eines österreichischen
Stabsoffiziers war, der sich auch auf flüchtigem Fuß befand. Besser
konnte ich es unmöglich treffen. Die beiden jungen Komtessen waren
musikalisch, sangen recht artig, und die alte Gräfin war vergnügt,
wenigstens einen Deutschen im Quartier zu haben. Zuerst hatte man mir
das Essen auf die Stube geschickt, nach zwei Tagen aber hatte ich schon
die Ehre, der Tischgenosse der Damen zu sein. Diese hatten außerdem noch
zwei der artigsten Exemplare der berühmten Wiener Stubenmädchen, die
diesem Korps in jeder Hinsicht alle Ehre machten, zu ihrer Bedienung.

Die ersten Tage brachte ich damit zu, die sich damals durch die
feindliche Besitznahme in sehr peinlichen Umständen befindende
Hauptstadt Österreichs zu besichtigen. Namentlich die Burg, Sankt
Stephan, die Borromäuskirche, den Prater, den Augarten und so weiter.
Die innere eigentliche Stadt ist winkelig gebaut und hat enge und krumme
Gassen, deren Häuser sie düster machen. Schön sind der Burgplatz und der
Graben mit der eben nicht sonderlichen Dreifaltigkeitssäule. Der Platz,
»Am Hof« genannt, einer der größten, hat eine Säule zu Ehren der
unbefleckten Empfängnis Marias! Die neue Reiterstatue Joseph II. auf dem
Platz, der den Namen dieses Kaisers führt, ist ein desselben würdiges
Denkmal, das erst zwei Jahre früher in Erz hier aufgerichtet wurde, und
dem Künstler, der es verfertigte, Zeuner, alle Ehre macht.

Wiens Vorstädte sind bei weitem freundlicher als die Stadt selbst. Es
sind deren, wenn ich nicht irre, an oder gar über dreißig, von denen die
Leopoldstadt die größte und durch einen Arm der Donau von der inneren
Stadt getrennt ist. Rechts von ihr liegt der Prater, in dem besonders an
Sonn- und Feiertagen das Getümmel sehr groß ist. Die große Mittelallee
ist der Haupttummelplatz. Für die Befriedigung des Gaumens und Magens
ist hier, sowie überhaupt an allen Vergnügungsorten Wiens hinlänglich
und oft derb genug gesorgt. In Friedenszeiten, und wenn der Hof in Wien
ist, soll der Zug der Equipagen und Reiter, die sich hier zeigen, oft
sehr glänzend und prächtig sein. Dabei sollen sich die kaiserlichen
Equipagen durch große Einfachheit auszeichnen, während die des reichen
Adels an Pracht wetteifern und sich überbieten. Auf der linken Seite der
Leopoldstadt liegt der Augarten, der manche hübsche Partien hat und für
nobler als der Prater gilt. An diesen stößt die Brigittenau, mit
hübschen Promenaden und der Aussicht auf die Donau. Wien liegt am
südlichen Ufer der Donau, in einer trefflich angebauten Gegend. Das
Flüßchen Wien, welches anderthalb Stunden von der Stadt in dem
Wienerwald entspringt, ergießt sich in derselben in die Donau. -- Die
Theater der österreichischen Hauptstadt, selbst das durch seine
abenteuerlichen Spektakelstücke so berühmte >an der Wien< können, wenn
man die Prachtbauten dieser Art in Italien gesehen hat, keinen
besonderen Eindruck mehr machen. Dagegen sieht man ungeheure Kasernen.
Auch die fast noch rauchenden Schlachtfelder von Aspern, Eßlingen und
Wagram besuchte ich zu Pferde.

Die Franzosen, die kein Deutsch verstanden, hielten während ihres
damaligen Aufenthalts das Wiener Volk für sehr aufgebracht gegen sich
und fürchteten ähnliche Auftritte wie in Madrid. Ich mußte über diese
Befürchtungen lächeln. Die guten Wiener dachten an nichts weniger als an
Aufstände, sondern gingen, besonders seitdem der Waffenstillstand
geschlossen war, wieder in aller Harmlosigkeit ihren gewöhnlichen
Vergnügungen nach. Die Stimmung vieler Einwohner war im Gegenteil der
damaligen Regierung Österreichs eher feindlich gesinnt. Sie
beschuldigten dieselbe laut der drückendsten Willkür, sowie sie ihr
durch ihre Mißgriffe und Dummheiten das jetzige Unglück Wiens und des
Staates zuschrieben, und die Bürger sagten laut: wir zweifeln, daß
selbst diese derbe Lektion unsere Regierung bessern wird, unser guter
Kaiser ist blind gegen die Urheber seines Unglücks, und wenn die
Franzosen wieder fort sind, ist's halt wieder die alte Leier. Dabei ließ
man sich aber nichts abgehen, und ich hatte allenthalben Gelegenheit,
die berühmte Eß- und Trinklust der Wiener zu bewundern. Als nach dem 18.
Juli der Zugang in die Gärten zu Schönbrunn, den Prater, den Augarten
und so weiter wieder erlaubt war, eilte halb Wien in den Prater, und
nach Verlauf von einer Stunde war in den Garküchen und Buden daselbst
auch für Gold kein Stückchen Brot mehr zu haben.

Der Waffenstillstand sollte anfänglich nur einen Monat, mit
vierzehntägiger Aufkündigung dauern. Durch die hinausgezogenen
Friedensunterhandlungen verlängerte er sich aber über drei Monate. Den
31. Juli hatte Erzherzog Karl, der einzige österreichische Feldherr von
Bedeutung, mit dem Benehmen der Regierung und des Hofes höchst
unzufrieden, das Kommando der Armee, als deren Generalissimus,
niedergelegt, das nun Kaiser Franz selbst, eigentlich Fürst
Lichtenstein, übernahm.

Wien mußte unterdessen ungeheure Lieferungen in Naturalien an die
Franzosen machen, worunter über zweihunderttausend Ellen Tuch, noch mehr
Leinwand, an vierhundert Zentner Leder, ungeheure Quantitäten Fourage,
Stroh, Holz und so weiter, sowie zehn Millionen bares Geld Kriegssteuer
bezahlen. Dabei waren die sonst so barschen und durch ihre gemeinen
Grobheiten berühmten österreichischen Unterbeamten, die sie sich gegen
jeden nicht in höherem Amt und Würden Stehenden erlauben, so geschmeidig
und niederträchtig kriechend gegen das französische Militär und die
Employés, daß es wahrhaft ekelerregend war. Was die Wiener am meisten
freute, war, daß jetzt in den Theatern auf Veranlassung mehrerer
Offiziere alle die Stücke aufgeführt wurden, die unter dem
österreichischen Gouvernement verboten waren, sowie mehrmals in den
Zeitungen bekannt gemacht wurde, daß alle durch eine engherzige und
beschränkte Zensur verbotenen Bücher zu haben seien, indem die Zeit
erschienen, in welcher man den Geist nicht mehr in Fesseln schlagen
dürfe! -- Und doch war Napoleon derjenige, der ihn, wie nie ein Tyrann
vor ihm, in Fesseln zu schlagen versuchte. Eines der verboten gewesenen
Stücke, das am meisten Beifall fand, waren Kotzebues >Kreuzfahrer<, die
man >an der Wien< aufführte. Die ganze Stadt wollte das Einmauern einer
Nonne, Kloster, Kirche und Nonnen auf dem Theater sehen, und das Haus
hatte nicht Raum genug für die drängenden Massen. Auch Stücke, die
bisher, durch eine erbärmliche Zensur auf das unsinnigste beschnitten,
gräßlich verstümmelt gegeben worden waren, wurden nun unbeschnitten und
wie sie der Autor geschrieben, wie zum Beispiel >Wilhelm Tell<, unter
großem Jubel aufgeführt, und man lachte über die literarischen
Henkersknechte, die sie ihrer besten Stellen beraubt hatten. Aber aus
den Archiven, Bibliotheken, Kunstsammlungen wurde das Beste und
Seltenste nach Paris geschafft.

In dem eigentlichen Hof- oder Burgtheater, das man auch Nationaltheater,
eine wahre Satire, nannte, wurden während meiner Anwesenheit
französische Stücke aufgeführt, und ich sah >_Adolphe et Clara_<, >_Le
Secret_<, >_La banqueroute du Savetier_< und so weiter daselbst geben.
Am Kärtnertor wurden manchmal italienische Opern >_Il Matrimonio
segreto_<, >_Sargino_<, >_La molinara_< und so weiter gegeben. Im
Theater zu Schönbrunn wurden meistens italienische Opern und Ballette
aufgeführt. An deutschen Stücken sah ich zum erstenmal: >Die
Schweizerfamilie<, >Ostade<, den >Wald bei Hermannsstadt< und so weiter.
Einer Vorstellung des >Don Carlos< wohnte ich bei, die eben nicht zu den
ausgezeichnetsten gehörte.

Den 15. August wurde das Napoleonsfest in Österreichs Hauptstadt mit
großem Pomp gefeiert, alle Schiffe auf der Donau waren bunt beflaggt und
bewimpelt, der Donner der Kanonen kündigte nach allen Weltgegenden hin
das hohe Fest des Diktators des europäischen Festlandes an. In
Schönbrunn war große Parade, das Schießen und Glockengeläute schien gar
kein Ende nehmen zu wollen. In Sankt Stephan, wohin sich die ganze
Generalität, den Vizekönig Eugen an ihrer Spitze, begab, wurde ein
feierliches Hochamt gehalten und das Tedeum gesungen. Die Bürger mußten
Spaliere mit den Truppen bilden, bei dem Gouverneur war großes Diner.
Mit einbrechender Nacht wurde ganz Wien mit allen seinen Vorstädten
beleuchtet, und ein prächtiges Feuerwerk prasselte in die Lüfte. Unter
den vielen, selbst von Wiener Bürgern illuminierten und passend
angebrachten Transparenten las man auf einem derselben: >_Zur Weihe An
Napoleons Geburtstag!_< War man aber nicht ganz in der Nähe, so las man:
>__ZWANG!__<, weil die anderen Buchstaben so klein waren, daß sie schon
in einer geringen Entfernung verschwanden. Ohne sich eine starke Blöße
zu geben und sich zu blamieren, konnte man nicht wohl dem Mann, der so
illuminierte, etwas anhaben.

Berthier, Massena und Davoust erhielten an diesem Tag die fürstliche
Würde, mehrere tausend Kreuze der Ehrenlegion wurden ausgeteilt, und die
Errichtung eines neuen Ordens, des der drei goldenen Vließe, verkündet.

Napoleon kam indessen nur wenig, meistens im strengsten Inkognito und
bei Nacht, in Zivil gekleidet, gewöhnlich von Duroc und Berthier
begleitet, nach Wien, und so besah er auch die ihm zu Ehren gemachte
Illumination. Zeigte er sich am Tage zu Pferde oder wurde man ihn
gewahr, so war er schnell von einer ungeheuren Volksmasse umringt. Auch
der Wiener Adel suchte in seine Nähe zu kommen und gab sich unsägliche
Mühe, ihm vorgestellt zu werden oder wenigstens den theatralischen
Vorstellungen zu Schönbrunn beiwohnen zu dürfen, zu denen der Zutritt
nicht jedermann gestattet war.

Trotz den Friedensunterhandlungen benutzte Napoleon die Zeit des
Waffenstillstandes auf das beste und ließ Wien und seine nächsten
Umgebungen in einen furchtbaren Verteidigungszustand setzen. Namentlich
waren es die Werke am Spitz, welche ihn beschäftigten, und zu deren
Gunsten man die schönsten Häuser demoliert hatte. Vor dem Brückenkopf
wurden sechs große Redouten angelegt, die gewissermaßen ein verschanztes
Lager bildeten. Am Spitz und am Tabor wurden Magazine für Pulver und
Lebensmittel gebaut, sowie ein Artilleriepark mit achtundvierzig
Geschützen versehen. Auch Minen, Lünetten, Tambours, Blockhäuser und so
weiter fehlten nicht, wo man sie für nötig erachtete, und in dem Lager
an dem Spitz hatte man Baracken aus den Balken, Brettern, Türen und
Fenstern niedergerissener Häuser, Ställe und Scheunen erbaut.

Unterdessen war ich in meinem angenehmen Quartier recht heimisch
geworden und fand meine Wiener Damen für den Sinnengenuß sehr
empfänglich. Zu der Mama der beiden Komtessen war ich, des Sprichwortes
eingedenk: >Wer die Töchter haben will, muß der Mutter den Hof machen<,
recht artig und gefällig, lebte jetzt in dem Haus wie der Vogel im
Hanfsamen, war der Hahn im Korb bei fünf Hühnern, die alte Henne und die
zwei hübschen Kammerkätzchen inbegriffen, die alle vergnügt waren, daß
ich deutsch sprach, da die Mädchen gar nicht und die Komtessen nur ein
sehr schlechtes gebrochenes Französisch sprachen, obgleich sie mehrere
Jahre die französische Sprache studiert hatten. Allerdings mit Hilfe der
durch ihren geistreichen Inhalt berühmten Meidingerschen Grammatik, die
damals noch weit fehlerhafter und abgeschmackter war als später, nachdem
Debonal den großen Meidinger wegen seiner Fehler und Absurditäten
gegeißelt hatte. Die Mama hatte den Kindern und dem Gesinde empfohlen,
ja recht artig gegen mich zu sein, damit es keine Unannehmlichkeiten mit
der Einquartierung absetze, und dieser weise Rat ward von den gehorsamen
Töchtern und Mädchen bestens befolgt. Während die jüngere Tochter,
Komtessa Elisa, mit der Mama morgens die Kirche besuchte, musizierte ich
mit der älteren, Gräfin Eleonora, studierte italienische Duettini mit
ihr ein, und sang den zweiten oder dritten Morgen das Duett aus Winters
>Unterbrochenem Opferfest<: >Wenn mir dein Auge strahlet< mit ihr, wobei
ich aber den Text meiner Partie aus dem Stegreif veränderte, so daß aus
dem phlegmatischen kalten englischen Eisblock Murney ein feuriger, sich
Myrrhas Wünschen hingebender Liebhaber wurde. Eleonore fragte nun
errötend: »Aber was machen Sie denn da, Sie singen ja ganz andere Worte,
als da stehen.« -- »Um Vergebung, meine Gnädige, ich sang gerade, wie es
mir meine Gefühle eingaben, die mich unwiderstehlich hinrissen.« --
»Aber nein, Sie müssen halt so singen, wie es da g'schrieben steht.« --
Diese Worte waren, wenn auch im österreichischen Dialekt, der in dem
Mund hübscher Frauen ebenso angenehm, als in dem der Männer
unausstehlich widerlich klingt, in einem solchen Ton und mit so lieblich
lächelnder Miene gesprochen, daß ich wohl sah, wie wenig es ihr Ernst
damit war. Ich erwiderte nun, daß ich mein möglichstes tun wolle, so wie
sie es verlange, zu singen, affektierte aber, als koste es mich
unsägliche Mühe, den richtigen Text herauszubringen, und sang dabei ohne
allen Ausdruck. -- »Aber nehmen Sie es mir nicht übel,« fiel mir die
Komtesse jetzt wieder ein, »Sie sangen soeben weit besser.« -- »Ja,
meine Gnädige, so geht es, wenn man etwas _contre coeur_ tut. Wenn ich
singen möchte: >Ach wahre dieses Feuer, die Liebe ist mir Pflicht!<
statt >Ach dämpfe dieses Feuer, uns trennet meine Pflicht!<, so kann
ich, da dies ganz gegen meine Gefühle ist, auch nur kalt und gefühllos
singen.« Ich veränderte nun dennoch manchmal den Text, indem ich trotz
dem Verbot alle Augenblicke etwas improvisierte, und die Gräfin
lächelte. Als das oft unterbrochene Duett zu Ende war, sagte sie: »Gott
sei Dank, lassen Sie uns jetzt etwas anderes singen.« -- »Mit Vergnügen,
meine Gnädigste, etwa das kleine Duett aus dem >Don JuanDon Juan< nicht.« -- »Aber ich.« -- »Sie erlauben einen
Augenblick,« und husch war ich zur Türe hinaus und in wenig Sekunden mit
meinem Klavierauszug zurück. -- »Wollen's nit auch den Text verändern,
Herr von Fröhlich?« (in Wien nennen sie alles >von<) wurde ich nun
schalkhaft gefragt. -- »Behüte der Himmel, meine Gnädige, der ist
vortrefflich.« -- »Nun so werd' ich's halt tun.« -- »Bitte, ja nicht.«
-- Wir sangen, und Eleonore versuchte wirklich, zu improvisieren. Aber
es wollte ihr durchaus nicht gelingen, denn sie konnte das zur Musik
passende Silbenmaß nicht treffen. -- »Sehen Sie, meine Gnädige, es will
nicht gehen, Mozarts Musik verträgt keine Worte, die nicht zu ihr
passen. Singen wir das Duett, wie es da steht.« -- »Aber nicht bis an
das Ende, wo sich Zerline ergibt.« -- »O doch, meine Gnädige, dies ist
ja gerade der schönste Moment. Wenn nur das Unglück keine störende
Elvira herbeiführt.« -- Ich schlug ihr nun vor, mit Aktion zu singen. --
»Wie meinen Sie das?« -- »Je nun, meine Gnädige, die Handlung, welche
der Text besagt, durch Mienen und Bewegungen auszudrücken.« -- »Ah so,
Komödie spielen! Bewahre der Himmel, in allem Ernst.« -- »Seien Sie
ruhig, wir wollen singen.« -- Ich sang nun: »Reich mir die Hand, mein
Leben,« und wagte es, meinen Arm um ihre schlanke Taille zu schlingen,
erst ganz leise und dann _crescendo_ bis zum _fortissimo_. -- »Aber,
mein Gott, was machen's?« -- »Ich singe mit Aktion, da geht es besser.«
-- »Aber wie kann ich so spielen?« (sie akkompagnierte). Sie fuhr
indessen zu spielen fort, und als wir an das Allegro kamen und die
Worte: >So laß uns ohne Weilen der Lust entgegen eilen< sangen, drückte
ich sie innig an mich und küßte ihre schöne Stirne. -- Jetzt sprang sie
vom Klavier auf, aber ich faßte sie, küßte sie auf den Rosenmund und
wollte trotz Sträuben und Ach mit ihr ins Seitengemach. Da ging
plötzlich die Stubentüre auf und herein trat ihr allerliebstes
Kammerkätzchen Therese. Als ich jedoch den Druck der Klinke hörte, hatte
ich mich schnell aus den Armen der Gräfin gerissen und stand
kerzengerade wie ein Grenadier in ehrerbietiger Stellung vor der Dame,
da das Mädchen die Türe geöffnet hatte, das um ein Kommodeschlüsselchen
bat. Ihre Herrin fuhr sie aber mit den Worten an: »Dummes Ding, weißt
nit, daß es auf meiner Toilette liegt?« -- »Verzeihen's, Ihr Gnaden, ih
hab's do halt nit finden können.« -- »So suche wo anders, hab's nit.« --
Und so war die Zofe abgefertigt; kaum zur Türe hinaus, sagte die Dame:
»Was wird das Mädel denken?« -- »Nichts, meine Gnädige,« erwiderte ich,
die Hand küssend, »als sie hereinkam, stand ich schon drei Schritte von
Ihnen entfernt.« -- Ich drückte nun die niedliche Hand an meine Brust,
schloß die Besitzerin derselben halb mit Gewalt in meine Arme und
bedeckte ihren Mund mit Küssen. Röter und röter färbte sich die Glut
ihrer Wangen, da rollte ein Wagen vor, und die gnädige Mama, mit der
jüngeren Tochter aus der Kirche kommend, trat bald darauf ins Zimmer, wo
sie uns beide so emsig am Klavier musizierend fand, daß sie ihre Freude
daran hatte. Komtesse Elise stellte sich neben uns, zuhörend. Wir
spielten und sangen nun noch eine Weile und kamen dann überein, daß ich
die Damen diesen Abend in das Theater in Zivilkleidern begleiten dürfe,
wo die >Kreuzfahrer< wiederholt wurden. Ich ging auf mein Zimmer,
schrieb ein Billettchen an die Gräfin Leonore, in welchem ich ihr die
Glut meiner unendlichen, ewigen Liebe mit den feurigsten Worten
schilderte, und sie am Schluß um Erhörung und eine ungestörte
Zusammenkunft bat. Das Billett ließ ich ihr beim Dessert -- ich saß
immer zwischen ihr und der gnädigen Mama -- unvermerkt auf den Schoß
fallen, sie dabei mit den Knien anstoßend. Sie deckte es mit der
Serviette zu, und wußte es dann ebenso unvermerkt in den Busen zu
bringen. Bald nach Tisch entfernte ich mich unter einem Vorwand, um ihr
Zeit und Gelegenheit zu geben, es zu lesen, und kam in einer Stunde
zurück, die Damen zu einer Spazierfahrt einladend. Als wir heimkamen und
ich mich auf mein Zimmer begab, begegnete ich Theresen auf dem Gang vor
demselben, die mich lächelnd grüßte. Ich fragte, warum sie lache. -- »O
das werden Euer Gnaden halt schon g'merkt haben.« -- Ich nahm sie bei
der Hand, und ihr diese drückend, sagte ich: »Du bist ein Schelm, aber
sei hübsch verschwiegen, dann soll es dein Schaden nicht sein,« und
küßte sie dabei. -- »Ihr Gnaden sind's halt doch än loser Vogel,« meinte
sie. -- Ich drückte ihr nun ein paar Gulden in die Hand, sie nochmals
küssend, ihr Stillschweigen empfehlend, und sie bittend, mir bei ihrer
Herrschaft das Wort ein wenig reden zu wollen. -- »O das ist gar nit
notwendig,« platzte sie jetzt heraus, »Ihr Gnaden haben meiner
Herrschaft gleich g'fallen, und wie Sie den ersten Tag z'uns ins
Quartier kommen sind, hat d'gnädig Frau g'sagt: >'s doch ein ganz ander
Ding, so a französ'scher Offizier, als uns're steifen Holzblöcke, mit
denen gar nix anz'fangen is, so aner draht sich halt zehnmal rum, bis
unser einer den Fuß nur lupft, 's is halt ka Wunder, wenn's so von ihnen
klopft werd'n<; und dann fragt's mi in am weg, was Sie schaffen tun,
ob's z'Haus sind un so mehr.« --

Ich küßte nun das liebe Mädchen noch ein paarmal, ging dann auf mein
Zimmer und nach Verlauf von ein paar Stunden wieder zu meinen
gastfreundlichen Wirtinnen hinab, bei denen ich noch einige andere
Wiener Damen vom hohen Adel traf, die sich, als sie hörten, daß ich ein
Deutscher, und zwar aus dem Reiche wäre, wie sie alle deutschen, nicht
zu Österreich gehörenden Länder nannten, bitter beschwerten, daß die
deutschen Truppen, namentlich die Bayern, weit ärger als die Franzosen
selbst in den kaiserlichen Erblanden hausten; an den letzteren aber
hatten sie hauptsächlich auszusetzen, daß sie sogar keinen Unterschied
zwischen dem hohen Adel und dem Bürgerpack machten, es ihnen gleich sei,
ob sie eine hübsche Bürgersfrau oder eine Gräfin aus uraltem Haus vor
sich hätten, und das Schlimmste sei, daß, wenn sie lange in Österreich
blieben, das Volk am Ende auch von solchen verruchten Grundsätzen
angesteckt würde. Schon merke man, daß die Wiener nicht mehr wie früher
mit derselben ehrfurchtsvollen Untertänigkeit den hohen Herrschaften
begegnen. Dies sei ein abscheulicher Jakobinismus und so weiter. --
»Halten zu Gnaden, meine Gnädigen,« sagte ich endlich, »wir sind aber
doch am Ende alle aus demselben Teig geknetet.« -- »Das sind sehr
schlimme Grundsätze,« meinte eine der Damen, »die noch allen Respekt
über den Haufen werfen werden.« -- Gräfin Leonore suchte nun der
Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, lenkte die Sprache auf die
Musik, und wir sangen den Damen etwas vor. Unter dem Gesang fragte ich
sie, ob sie mir keine Antwort auf mein Briefchen zu geben habe, konnte
aber nur ein »Stille!« von ihr herausbringen. Die Zeit zu dem Theater
war herangekommen, die fremden Damen entfernten sich und wir fuhren in
die >Kreuzfahrer<. Das Haus war zum Erdrücken voll, meine Wirtinnen
fanden großen Gefallen an der Vorstellung, doch meinte die Mama, es sei
sündhaft, Kirche, Klöster und Nonnen in der Komödie nachzumachen. Bei
der Heimfahrt saß ich Leonoren _en face_ und machte gehörigen Gebrauch
vom Kutschenrecht, ihr die Knie zusammendrückend, während ich meiner
Nachbarin zur Linken, der Komtesse Elise, das zarte Händchen drückte.
Beim Souper war fast von nichts anderem als der schönen Emma von
Falkenstein, ihrem Kreuzritter Balduin und den beide rettenden
Ungläubigen die Rede. Mama meinte: »Ich ließe mir das Stück noch
gefallen, wenn es nur keine Türken wären, welche die Nonne vom Einmauern
befreien und eine christliche Kirche so entweihen. Hätte sie denn der
Kotzebue nicht lieber durch deutsche Ordensherren befreien lassen
können? Aber das ist doch auch so ein halber Jakobiner, dem Gott seine
Sünden verzeihen möge, solche Skandalstücke, wie: >Das Kind der Liebe<
und >Don Ranudo de Colibrados< gemacht zu haben, wo er den hohen Adel
dem Spott und Gelächter des gemeinen Pöbels preisgibt.« -- Als ich um
zehn Uhr den Damen eine gute Nacht gewünscht, um mich auf mein Zimmer zu
begeben, begegnete ich Theresen abermals auf dem Gange. Ich küßte sie
wieder, zog sie trotz ihres scheinbaren Widerstrebens durch meine
Stubentüre und ließ die hübsche Soubrette kaum zu Worte kommen. Endlich
aber sagte sie: »Ihr Gnaden, nur jetzt nit, lassen's mi aus, die gnäd'ge
Gräfin kann ja jeden Augenblick rufen oder gar selbst kommen, dann gäb's
än schönen Spektakel, und Sie haben nix davon.« -- »Gut, ich will dich
jetzt lassen, aber ich besuche dich heute nacht, wo ist deine Kammer?«
-- »Aber i schlaf ja nit allein, die Toni (das Kammermädchen der alten
Gräfin) schlaft ja mit mir in der nämlichen Stube.« -- »So komme du zu
mir.« -- »Wenn's aber die Toni merkt?« -- »Sie wird nichts merken, wenn
du es klug anfängst.« -- »Na, so lassen's mi nur jetzt aus, wann ich's
halt machen kann, so komm i, die Hand drauf.« -- Sie gab mir die Hand,
ich küßte sie nochmals, und husch war sie zur Türe hinaus. Noch zwei
gute Stunden blieb ich, den dienstbaren Geist, in meinem Zimmer
vergeblich wartend, auf, als aber die Geisterstunde geschlagen hatte und
er dennoch nicht erschien, da warf ich mich, über die getäuschte
Erwartung mißmutig, in mein Bett.

Den andern Morgen begab ich mich zur Parade abermals nach Schönbrunn.
Zurückgekehrt, fand ich Eleonore wieder allein, und begann damit, ihr
den guten Morgen durch eine Umarmung wünschend, ihr ihre Grausamkeit,
die mich zur Verzweiflung bringen müsse, vorzuhalten, woran ich sie bat,
doch Mitleid mit meinem Zustand zu haben, wenn sie nicht wolle, daß ich
vor Gram und Kummer vergehen solle. Nach noch einigem Zieren drückte sie
mir endlich ihr Mitleid durch Erwiderung meiner Küsse aus, und ich bat
nun um Erhörung meiner heißesten Wünsche, womit ich jedoch noch ganze
vierundzwanzig Stunden hingehalten wurde. Mutter und Schwester kehrten
zurück, ehe wir uns noch an das Instrument gesetzt hatten, auch
musizierten wir diesen Morgen nicht. Als ich vor Tisch auf mein Zimmer
ging, fand ich Therese wieder am Ende des Korridors, die mir mit der
Hand winkte, ich aber stellte mich, als wollte ich es nicht merken. Sie
näherte sich nun und nickte dabei so freundlich mit dem Köpfchen, daß
ich unmöglich widerstehen konnte und mich ihr mit den Worten näherte:
»Daß du mich gestern abend so lange vergeblich warten ließest, verzeihe
ich dir nimmermehr, du bist eine Erzschelmin.« -- »Schauen's, Ihr
Gnaden,« flüsterte sie mir zu, »es tut's halt nit, daß ich auf Ihre
Stuben komme, dann die gnäd'ge Mama und die jüngste Komtesse schlafen
ganz in der Nähe, und hören, wenn sich ein Mäusel rührt; 's wird halt
doch besser sein, Sie kommen zu mir.« -- »Aber Toni?« -- »Tut nix, die
schläft wie än Ratz, wenn ich's Licht ausblase, sie verrät nix, sie waß
schon warum; aber kommen's nit vor Mitternacht.« -- Ein Kuß bekräftigte
den Vertrag und husch war das lose Mädchen verschwunden. Nach Tisch fuhr
ich mit der Komtesse allein im Prater spazieren, und hier gelang es mir,
die Erlaubnis, in der kommenden Nacht einen Besuch abstatten zu dürfen,
auszuwirken. Denselben Abend verließ ich unter dem Vorwand von Kopfweh
die Damen bald nach Tisch, und auf meinem Zimmer ungeduldig die
übereingekommene Stunde abwartend, war ich unschlüssig, ob ich erst die
Komtesse oder Therese besuchen solle. Doch entschied ich mich bald für
die Dame. Die Zofe, dachte ich, bleibt dir immer, und dann hat sie dich
ja in der vergangenen Nacht auch vergeblich warten lassen. -- Kurz vor
Mitternacht, als im ganzen Haus alles still geworden war, schlich ich
mich an der Gräfin Stubentüre, fand sie offen, und die Dame bei einer
Nachtlampe in dem verführerischsten Nachtgewande, wie es schien,
schlafend, und zwar sehr fest, denn ich hatte Mühe, sie wach zu machen,
was erst der Fall war, nachdem ich schon ziemlich handgreiflich wurde.
Es war gegen Morgen, als ich das hochgräfliche Zimmer verließ. Den
anderen Tag sahen wir uns fast nur bei Tische, denn wir waren beide
ziemlich müde. Ich machte es ärger als es war, und klagte über starkes
Kopfweh, denn ich wollte die kommende Nacht mit der niedlichen Zofe
zubringen. Diese traf ich nach Tische wieder auf dem Korridor vor meinem
Zimmer, wo sie mich boshaft lächelnd fragte: »Nun, wie haben denn Euer
Gnaden die Nacht zugebracht?« -- »Sehr ruhig, denn ich war sehr unwohl.«
-- »So,« versetzte sie keck, »glauben's, Sie können mich so anplauschen?
Was denken's? Ih weiß recht schön, wo Sie g'weß't sind. Schauen's, mir
können's nix vormachen. Ih merk' alles, bei der Herrschaft sind's
gewesen, und wann ih's nit schon so g'wußt hätt, so hätt' ih's doch
bei'm Bettmachen gemerkt. Ih bin nit von heut.« -- Und dabei lachte die
Spitzbübin recht schelmisch, und fuhr fort: »Aber Sie brauchen's si halt
gar nit vor mir zu schenieren, wir können deshalb doch gute Freunde
bleiben. Ih werd' niemand was davon sagen, nit ämol der Toni.« -- Ich
drückte nun dem schnippigen Mädchen einen Dukaten in die Hand, küßte das
vorlaute Mäulchen, und sagte: »Aber heut Abend darf ich doch kommen,
nicht wahr?« -- »Ja, wenn's wollen, aber was wird meine Herrschaft
sagen?« -- »Ich habe Kopfweh.« -- »Aber wenn's mi wieder anführen!« --
»Gewiß nicht, du bist selbst schuld daran gewesen, wärst du das erstemal
gekommen, so ...« -- »O gehen's aus, S' wären doch zur Komtesse
gegangen. Aber Sie haben recht, Sie brauchen sich nit zu schenieren.« --
Sie wollte noch weiter ihr Mäulchen spazieren lassen. Ich stopfte es ihr
aber mit Küssen, ihr versichernd, daß ich heute nacht unfehlbar kommen
würde und sie sich darauf so sicher als auf ihren dereinstigen Tod
verlassen könne. -- »Sein's still vom Tod, davon will nix hören.« --

Diesen Abend machte ich mich unter dem Vorwand der Kopfschmerzen wieder
bei Zeit vom Tische auf und schlich um Mitternacht auf den Zehen zur
Kammer der Zofen, die ich leise öffnete und in der es stockfinster war.
Nachdem ich mich einige Augenblicke mäuschenstill verhalten hatte, aber
nicht einmal atmen hörte, hüstelte ich eins, zwei- und dreimal, und
hörte endlich ein Gekicher auf der linken Seite, dem ich nachging und so
im Dunkeln tappend an ein Bett kam, wo ich flüsterte: »Therese, bist
du's?« -- Da ertönte ein Lachen von der entgegengesetzten Seite, wohin
ich nun so schnell, als es mir die Finsternis gestattete, eilte. Hier
erwischte ich einen Kopf, an dessen Hals ich hinabglitt und sagte:
»Jetzt sollst du mir nicht mehr entgehen.« -- »Ach, ich bin ja nicht die
Therese, ich bin Toni,« und hinter der Rednerin kicherte es wieder --
»Was, zum Henker, ihr liegt in einem Bett?« -- »Freilich, wir fürchten
uns beide, allein zu sein.« -- »Doch nicht vor mir?« -- »Vor wem denn
sonst?« -- »Wartet, das soll euch schlecht bekommen.« -- Husch war ich
bei den Mädchen im Bett, bald rechts, bald links schäkernd. -- Den
andern Morgen kam ich, was ich noch nie getan, erst zum Mittagessen zu
den Damen hinab, noch immer über Kopfweh klagend, was auch mein Aussehen
nicht Lügen strafte. -- >Bei Weibern, Lieb' und Wein und Kuß lebt' ich
nun recht in Floribus< in der sich in ewigem Sinnentaumel befindenden
Kaiserstadt, und knüpfte zuletzt auch noch ein zärtliches Verhältnis mit
der schönen Braut, der Komtesse Elise, an, wohinter die nicht minder wie
ihre Kameradin schelmische Toni kam, die mir dann, so oft sie mich sah,
ein österreichisches Volksliedchen, das mit den Worten:

   Es sind bereits schon hundert Jahr,
   Trallalililirallala,
   Daß in Wien ein Fräulein war,
   Trallalililirallala,
   Ein allerliebstes schönes Kind,
   Wie unsre Fräulein alle sind usw.

begann, vordudelte.

Mein Schlaraffenleben in Wien, während die anderen französischen Truppen
daselbst bei Tag und Nacht keine Ruhe und den beschwerlichen Dienst
hatten, konnte aber nicht ewig dauern, und es war hohe Zeit, daß ich an
die Rückkehr nach Italien dachte; um so mehr, da ich auch noch eine
kurze Zeit in Venedig, das ich nicht gesehen, und einigen anderen
Städten, wie Ravenna, Ferrara und so weiter verweilen wollte. Einige
Versuche und Schritte, die ich bei Duroc, Ney und ein paar anderen
Generalen, um eine Versetzung zur Garde zu bewirken, machte, waren
vergeblich gewesen. Ich ermannte mich nun, riß mich aus den Armen meiner
Schönen, ließ Postpferde bestellen, und befand mich bald wieder auf dem
Weg nach Italien.

Als ich von Wien abreiste, sprach man schon viel von dem nahen
Friedensabschluß, gegen den sich manche Schwierigkeiten erhoben, und der
erst im Oktober zustande kam. Ich wollte anfänglich über Linz, Salzburg,
Innsbruck und so weiter gehen. Da mir aber auch dieses noch zu viel Zeit
geraubt haben würde, so reiste ich auf dem Weg, den ich gekommen war,
zurück. In Klagenfurt hielt ich mich ein paar Stunden auf und sah das
Schloß und das Landhaus daselbst. Die Stadt hatte starke Mauern, die
aber noch in demselben Jahre niedergerissen wurden. Von hier fuhr ich
über das Städtchen Villach, ohne mich aufzuhalten, bis Ponteva, dem
letzten Ort, der der weiland durchlauchtigsten Republik Venedig gehörte,
und gewissermaßen das Eingangstor nach Italien von Kärnten aus bildete,
da es in einer engen Schlucht liegt. Auch hörte hier mit einemmal die
deutsche Sprache auf, und man findet sich nach Italien versetzt. Als ich
eben abfahren wollte, brach mir eine Wagenachse, die ich vermittelst
eines starken Bandes doch noch bis Udine haltbar machte, wo ich beinahe
einen halben Tag verweilen mußte, bis der Schaden wieder repariert war.
-- Udine ist eine ziemlich lebhafte Stadt, die an den Ufern des
Tagliamento und des Isonzo in einer weiten fruchtbaren Ebene liegt und
mehrere schöne Kirchen mit guten Gemälden hat. In ihrer Nähe ist das
durch den Friedensschluß von 1797 berühmt gewordene Campo Formio, dem zu
Ehren man eine Statue des Friedens auf dem großen Platz zu Udine
errichtet hat. Auch die Ruinen des berühmten alten _Forum Julii_
befinden sich in der Umgegend. Nachdem die neue Achse gemacht war,
setzte ich meine Reise fort. Je mehr man sich der Mark von Trevisa
nähert, desto mehr scheinen Fruchtbarkeit und Wohlhabenheit zuzunehmen.
Diesen Landstrich nannte man den Garten Venedigs. Trevisa selbst, das
alte Tarvisium, liegt mitten in demselben, hat hübsche Plätze und eine
schöne Kathedrale. Der Weg von hier nach Mestre führt durch Gärten und
Weinberge an schönen Villen vorüber. Mestre ist ein wohlhabender
Marktflecken, dessen Einwohner meistens Schiffer und Fischer sind. Hier
schiffte ich mich samt meinem Gepäck auf einer Barke nach Venedig ein,
denn ich hatte mir vorgenommen, in dieser seltsamen, merkwürdigen Stadt
auf meiner Rückreise einige Tage zu verweilen.



                                  XV.

   Venedig. -- Sankt Markus-Kirche und Turm. -- Der Dogenpalast. -- Die
     Pozzi und Piombi. -- Die Rialtobrücke. -- Das Arsenal. -- Die
    Vermählungszeremonie mit dem Adriatischen Meer. -- Venedigs Flor
    und Verfall. -- Der St. Markusplatz. -- Die Venezianerinnen. --
    General Menou. -- Dessen religiöse Ansichten. -- Ein Mordanfall.
    -- Abreise von Venedig. -- Padua. -- Ferrara. -- Ravenna. -- Der
   Domgeist daselbst. -- Eine schöne Reisegefährtin. -- Velettri. --
        Jagd in den Pontinischen Sümpfen. -- Abreise nach Paris.


Es war gegen Abend, als ich durch die Lagunen wogte, die feurigen
Strahlen der untergehenden Sonne beleuchteten die aus den Fluten
majestätisch hervorragende Beherrscherin der Meere, die alte Dogenstadt
und den Sankt Markusturm. Je mehr ich mich näherte, desto wundersamer
wurde ich von ihrem Anblick ergriffen. Erst kürzlich hatte ich ihre
seltsame und außerordentliche Geschichte wieder gelesen, und all diese
grausen und abenteuerlichen Begebenheiten schwebten mir während der
kurzen Überfahrt vor Augen. Einst so mächtig, frei und reich, machte sie
mehr als einmal den von aller Welt gefürchteten Halbmond zittern, und
jetzt beugte sie sklavisch ihr Haupt unter dem Joch des eisernen
Szepters des Korsen. -- Was ist aus ihren Schätzen, ihrer Macht, ihren
Siegen geworden? -- Die Namen Byzanz, Candia, Morea sind nur noch ein
hohlklingender Schall. Jenes Venedig, vor dem sich ein Kaiser
gedemütigt, in dem selbst die Macht der gefürchtetsten Päpste nur ein
Schatten war, das, der Blitze des Vatikans spottend, die Jesuiten in
vierundzwanzig Stunden zum Tempel hinausjagte, das Monarchen zu seinen
Prunkfesten einlud, ihnen nach Gutdünken die Ehre, in seinem goldenen
Buche zu stehen, erzeigte oder verweigerte, jenes Venedig war längst
nicht mehr, und die jetzige Meerstadt schien nur noch das prächtige
Grabmonument der verblichenen. Wer weiß, wie lange es dauert, so ist
auch dieses ungeheure Prachtmonument der Marmorpaläste in den Fluten
versunken, aus denen es emporstieg. Denn verödet waren seine Gebäude, in
noch halbvergoldeten Marmorsälen hockte jetzt in einem Winkel oft ein
halbverhungerter Schuhflicker, mühsam einige Gazette (ein paar Pfennige)
zu verdienen. Nicht mehr öffneten sich die Fluten des Adriatischen
Meeres, den bräutlichen Ring des herzoglichen Gatten zu empfangen. Hier
und da sah man noch einen halb verstümmelten geflügelten Löwen, der
gleichsam wie ein Warnungszeichen das Buch des unerbittlichen Schicksals
in der Tatze hielt, und die Trümmer des Bucentaurus gingen ihrer
völligen Auflösung entgegen. Die vielen schwarzen Gondeln erschienen mir
beinahe wie ebensoviel schwimmende Särge.

Ich fuhr bei der Dogana vor, und nachdem ich mich gehörig legitimiert
hatte, in die Stadt, wo ich in einem Albergo abstieg. Für diesen Abend
war es zu spät, mich noch bei der Kommandantur zu melden und so ein
Quartier zu erhalten. Aber kaum installiert, begab ich mich auf den
nicht sehr entfernt liegenden Markusplatz, wo ich den ersten Abend
promenierend oder an einem Kaffeehaus sitzend zubrachte und mir Sortis
Beschreibung samt dem Plan von Venedig kaufte, um mich gehörig und
baldigst zu orientieren.

So war ich denn endlich in der Stadt, so berühmt und gefürchtet durch
ihre furchtbare Staatsinquisition, durch das mysteriöse und
geheimnisvolle Verschwinden ihrer Individuen, wie durch ihre Banditen,
ihre Folterkammern, Bleidächer, Pozzi, Verbrechen und durch die galanten
Abenteuer ihrer schönen Frauen. Schon als Kind hatte ich mir immer
gewünscht, einmal die Stadt zu sehen, in der Zschokkes Abällino und
Flodoardo ihr abenteuerliches Unternehmen getrieben, und hielt diese für
historische Personen, was ich nun zu ergründen mir fest vornahm.

Den andern Morgen meldete ich mich in aller Frühe und machte auch dem
Gouverneur, General Menou, meine Aufwartung, der mich nicht nur äußerst
freundlich aufnahm, sondern mir selbst, zuredete, meinen Aufenthalt auf
vierzehn Tage auszudehnen, da ich ja nichts zu versäumen habe und mir
die Kommandantur von Velettri nicht entgehe. Von diesem ging ich zu
den Gebrüdern Heinzelmann, deutschen Bankiers, an die ich
Empfehlungsschreiben von Haus hatte und für eine kleine Summe
akkreditiert war. Die ersten Tage meines Aufenthaltes brachte ich fast
nur damit zu, die seltsame Stadt kennen zu lernen. Seltsam ist der
richtige Ausdruck, denn alles ist sonderbar, ja einzig in ihr. Ihre
Lage, ihre Geschichte, ihre Bewohner, ihre Sitten und so weiter, alles
hat einen ganz eigenartigen Charakter. Man trifft dies nicht zum zweiten
Male in der Welt an. Hundertfünfzig Inseln, die durch Kanäle getrennt
und durch dreihundert Brücken wieder miteinander verbunden sind, scheint
die große Stadt ein auf dem Meer schwimmendes Labyrinth, mit vielen
krummen Gäßchen, in denen man sich ohne Führer gar leicht verirrt. Der
große Kanal in Form eines schlecht geschriebenen Zweiers, teilt sie in
zwei ungleiche Hauptteile. Die vielen schwarzen Gondeln, die man
unaufhörlich in allen Richtungen fahren und kreuzen sieht, geben der
Stadt ein düster bewegtes Leben, und die verödeten Marmorpaläste, welche
eine längst vergangene Herrlichkeit andeuten, machen einen schwermütigen
Eindruck auf das an diese Gegenstände nicht gewöhnte Auge. Anders jedoch
gestaltete sich Venedig in früheren Zeiten, wo es beständig von Larven
wimmelte, und namentlich im Karneval, wo die buntesten und barocksten
Masken mit den schwarzen und scharlachnen Mantelträgern wechselten, wo
die schwarze Nationaltracht der reizendsten fein- und weißhäutigsten
Frauen entzückte. Ich habe nirgends geistreichere und ausdrucksvollere
Frauenphisiognomien gesehen als in Venedig, deren feine Züge und etwas
blasses Aussehen sie zu wahrhaft transparenten Schönheiten machen, wenn
ich mich so ausdrücken darf. Gerade diese Blässe bei einer fast
durchsichtigen Haut, welche den Damen der höheren Stände eigen ist, und
ihr schwarzes Feuerauge macht sie zu fast ganz geistigen, ätherischen
Schönheiten, denen zwar das Majestätische der Römerinnen, das Frische
der Toskanerinnen, der durchbohrende Blick der Genueserinnen abgeht, was
aber ihr nymphenartiges Wesen hinreichend ersetzt, wenn es auch die
Sinne vielleicht weniger aufregt. Zu diesem bunten Gewühl der Vorzeit
denke man sich noch die unzähligen Pfaffen und Mönche aller Farben und
Kutten, die hier, sowie die Nonnen, ein sehr freies, ja ausschweifendes
Leben ganz ungestört führen konnten, so lange sie sich nicht in
politische Intrigen einließen. Soldaten und Sbirren der Republik, aus
allen Nationen geworben und in den wunderlichsten Trachten, Griechen,
Armenier, Muselmänner, Bravi und Buli, Banditen eigener Art, dazu der
Doge, die Signoria, der furchtbare Rat der Zehn, aus dem die noch
schrecklicheren Drei hervorgingen, dies alles gestaltet ein so
phantastisches Bild, wie es auch die ausschweifendste Einbildungskraft
nicht bunter schaffen kann. Den ersten Tag fuhr ich in einer Gondel den
Canal grande, der auf beiden Seiten mit den schönsten Palästen, oft
Meisterstücken der Architektur, geschmückt ist, von einem Ende zum
anderen, hin und zurück. Dann längs der Riva degli Schiavoni der
Piazetta, wo die ehemals so verhängnisvollen Säulen stehen, an dem
Palazzo Ducale, an den Schauergefängnissen und so weiter vorüber in den
Kanal San Marco, dann durch den der Giudecca, durch einige kleinere
Kanäle und endlich wieder in die Nähe des Sankt Markusplatzes, wo ich
ans Ufer stieg. Dieser Platz, der einzige in Venedig, dem man diesen
Namen beilegen kann, ist ringsum von Arkaden umgeben, unter denen sich
Kaffeehäuser, Kasinos und so weiter befinden. Der kleinere Teil
desselben, der an dem Meer liegt, wird die Piazetta genannt. Seine
schönste Zierde ist die Sankt Markuskirche, ein Gebäude, das seiner
sonderbaren Bauart halber mit den übrigen Sonderbarkeiten dieser Stadt
harmoniert. Der seltenste und ausgesuchteste orientalische Marmor ist
bei der Konstruktion dieses Tempels, der die kostbarsten Mosaikarbeiten
aufzuweisen hat, verschwendet worden. Zwei Bürger Venedigs, die den
Leichnam des heiligen Markus von Alexandrien zu Anfang des neunten
Jahrhunderts hierherbrachten, den jedoch auch das Kloster Reichenau als
einzig echt zu besitzen behauptete, waren die Veranlassung zum Bau
dieser Kirche, zu welcher der Doge Partecipazio, dem toten Heiligen oder
heiligen Toten zu Ehren, den Grundstein legte. Sein Bruder Giovanni,
zugleich sein Nachfolger, vollendete das fromme Werk, ließ den Leichnam
in einen kostbaren metallenen Sarg legen und in einem verborgenen Winkel
der Kirche begraben. Als aber 976 das gute Volk gegen den bösen Dogen
Candian aufstand und dessen Palast in Brand steckte, da ergriffen die
nicht mehr zu bändigenden Flammen auch diese Kirche und verzehrten noch
ein halbes Tausend anderer Gebäude. Der Nachfolger Candians war der
fromme Orseolo, der den Markustempel größtenteils auf seine Kosten
wieder prächtiger aufbauen ließ. Sein Nachfolger setzte das begonnene
Werk fort, und nach einem Jahrhundert stand die Kirche in der Form da,
wie man sie jetzt noch sieht. Die Mosaikarbeiten ließ größtenteils der
Doge Selvo verfertigen und sie sind zum Teil so schön, daß man sie für
vorzügliche Gemälde hält. Die Markuskirche ist sehr massiv und dauerhaft
gebaut. Ihre Vorhallen bestehen aus fünf Bogen, über denen sich noch
fünf andere Bogen, die durch eine Galerie von den ersten getrennt und
sehr reich verziert sind, befinden. Diese mit unzähligen Säulen von
Porphyr, afrikanischen, paphischen und anderen kostbaren Marmorarten
versehenen Bogen bilden das Portal der Kirche mit fünf Eingängen, deren
Türen von Bronze sind. Über dem mittleren, weit höheren Bogen standen
die vier berühmten vergoldeten Sonnenpferde, die aber jetzt in Paris
gastierten, und unter der Spitze desselben der große geflügelte Löwe,
ebenfalls von vergoldeter Bronze, mit einer Tatze das goldene Buch
festhaltend. Darüber befindet sich noch eine zweibeinige Statue des
heiligen Markus, welche die vierbeinige in ihren Schutz zu nehmen
scheint. Die vielen runden Kuppeln, welche über der Fassade der Kirche
hervorragen, geben derselben ein sehr orientalisches Ansehen. Es sind
deren fünf, in Kreuzform geordnet, alle sowie das ganze Dach mit Blei
gedeckt und haben vergoldete Kreuze. Zwischen den oberen Bögen und auf
beiden Seiten der Kirche sind viele gotische Spitztürmchen angebracht,
die allerlei heiligem Gesindel von Stein zum Schutz dienen. Das Innere
dieser Kirche entspricht dem Äußeren und soll der Sophienkirche ähnlich
sein. Es ist aber mit Zieraten außerordentlich überladen. Der Hochaltar
steht unter einem Baldachin von Serpentinstein, den vier weiße
Marmorsäulen tragen. Das Tabernakel ist reich mit Diamanten, Rubinen,
Smaragden, Perlen geschmückt. Hinter dem Hochaltar steht ein zweiter,
der des Sakraments, der zwei Säulen von orientalischem Alabaster hat.
Das Chor ist durch eine Säulenreihe von Porphyr von der übrigen Kirche
getrennt, auf deren Gesimse steht Maria in Gesellschaft des heiligen
Markus und der zwölf Apostel, alle in Lebensgröße aus Marmor gehauen.
Auch der übrige Teil hat keinen Mangel an Statuen, Basreliefs,
Monumenten und so weiter. Das ganze ist eine seltsame Mischung
arabischer, griechischer, gotischer und orientalischer Architektur.

Der zu dieser Kirche gehörige, aber von ihr getrennt stehende Markusturm
ist höher als der Münster zu Straßburg und also wohl der höchste Turm in
Europa; auf ihm stellte Galilei seine astronomischen Betrachtungen an.
Ich bestieg ihn, um das zu seinen Füßen liegende Venedig mit einem Male
überschauen zu können, und wurde für die kleine Mühe reichlich belohnt.
Man denke sich eine Ansicht von einer schwindelnden Höhe herab auf
unzählige kleine, mit Häusern, Kirchen und Palästen bedeckte Inselchen,
die mitten in der grünen Meeresflut eine große Stadt bilden, in deren
Wasserstraßen Tausende von kleinen Schiffchen sich bewegen, und dann die
Aussicht auf die weiter liegenden grünen Inseln, Klostergärten, bis auf
das feste Land und in die endlose See, ein Panorama einzig in seiner
Art. Der Bau dieses Turms ist ebenso wunderbar; er steht schon bald
tausend Jahre auf seichtem und schlammigem Boden, ohne sich im mindesten
gesenkt zu haben. Von dem Boden bis zum Glockengehäuse hat er eine
doppelte Mauer, zwischen beiden führt eine ziemlich breite Wendeltreppe,
die sich an allen vier Seiten allmählich hinaufwindet. Der Türmer dieses
Gebäudes hat ein Gehalt von hundertundfünfzig venetianischen Zechinen,
ohne die Akzidenzien, die in manchem Jahr das Fünffache betragen, da
auch jedes Geläut für Privatpersonen besonders bezahlt wurde. Dieser
Turm hat sechs Glocken, von denen eine nur bei Vollziehung einer
öffentlichen Hinrichtung geläutet wurde; die anderen hatten ebenfalls
ihre besonderen Bestimmungen: eine lud die Senatoren zur Versammlung
ein, diese hieß die Drionona, eine andere kündigte die vierundzwanzigste
Stunde oder den Sonnenuntergang an; um ein Uhr des Nachts (eine Stunde
nach Sonnenuntergang) gab die sogenannte Nona den Wachen das Zeichen,
sich auf ihre Posten zu begeben, und um Mitternacht avertierte sie die
Patrouillen, ihre Streifereien zu beginnen. Die Trottiera gab schon am
Abend das Zeichen zur Versammlung der Signoria für den folgenden Tag.
Auch den Gerichten ward das Zeichen mit einer dieser Glocken gegeben, um
im Palazzo zusammen zu kommen, ebenso den Kaufleuten für die Börse.
Schon mehrmals hat der Blitz in diesen Turm geschlagen, 1401 kam sein
oberer Teil durch ein Feuerwerk, das man bei Gelegenheit der Krönung
eines Dogen veranstaltete, in Brand, wobei alles Holzwerk von den
Flammen verzehrt wurde. Den 23. April 1745, als man gerade mit den
Glocken das Sankt Markusfest für den folgenden Tag einläutete, schlug
der Blitz zum zwanzigstenmal in den Turm, bis in die Fundamente
desselben, und tötete drei Menschen.

Der Markus- oder Dogenpalast ist ein ebenso wunderliches Gebäude in
seiner Art, wie die Markuskirche, von sehr gemischter Architektur; ich
möchte ihn ein Phantasiestück, eine Veste, wie man sie in Märchen
beschreibt, nennen. Sein Umfang ist an zweitausend Fuß. Hier zeigt man
die Säle, in welchen die Zehnmänner, die furchtbare Staatsinquisition,
und die geheimen Gerichte der Republik ihren Sitz hatten und ihre
nächtlichen Verdammungsurteile sprachen, von denen nur die Leichen
zeugten, welche den anderen Morgen verkehrt an Pfählen hingen oder die
Lagunen manchmal zu Hunderten bedeckten, wie zum Beispiel bei der
Verschwörung von 1618, über die man nie ganz ins reine gekommen ist.
Hier ist auch die schauerliche Seufzerbrücke, die hoch in der Luft aus
dem Palast über einen Kanal zu den fürchterlichsten Gefängnissen, den
berüchtigten Bleikammern führte, in welchen man, wie die Venetianer
sagten, aus den Gefangenen im Sommer Braten und im Winter Gefrorenes
machte. Diese Brücke wurde die _dei sospiri_ genannt, weil man über sie
oder vielmehr durch sie, denn es ist ein über dem Wasser zwischen hohen
Mauern geführter, bedeckter Gang, von dem man fast nie den Rückweg aus
diesen fürchterlichen Gefängnissen fand, ging. In den zum Teil
prachtvollen Sälen dieses Palastes sieht man viele sich auf die
wichtigsten Begebenheiten der venetianischen Geschichte beziehende
Gemälde. An diesem unheimlichen Palast waren auch die Löwen, die ihre
schrecklichen Rachen aufsperrten, nicht um Menschen zu zerreißen,
sondern geheime Anklagen aufzufangen, wodurch die Staatsinquisitoren von
wahren und falschen, durch Verleumdung und Rache eingegebenen Anklagen,
von den Absichten unterrichtet wurden, welche Individuen gegen die Ruhe
des Staates im Schilde führen sollten, die oft die unschuldigsten
Schlachtopfer der abscheulichsten Bosheit und zu Tode gefoltert und
gemartert wurden, so daß sie unendlich glücklicher zu preisen gewesen,
wenn sie eine Beute der Löwen in der Wildnis geworden wären. Acht Tore
führen zu diesem Palast, von denen vier auf den Kanal gehen, eines auf
den großen Platz, zwei in die Kirche und das letzte auf die Piazetta.
Durch das Tor am großen Platz kommt man in den großen Hof, in dem sich
zwei große eherne Brunnen befinden und der mit antiken Marmorstatuen,
unter denen ein Marc Aurel und Cicero ist, und anderen Verzierungen
geschmückt ist. An der sogenannten Riesentreppe halten unten Adam und
Eva und oben -- Mars und Neptun Wache! Hier wurden die Dogen gekrönt,
und von dieser Treppe rollte das greise Haupt des mehr als
achtzigjährigen Dogen Marino Falieri, durch das Schwert vom Rumpf
getrennt, blutig hinab. In den Galerien dieses Schreckenspalastes findet
man Meisterwerke eines Titian, Tintoretto, Paul Veronese und anderer. Im
Untergeschoß sind die abscheulichen unterirdischen Kerker, Pozzi
(Brunnen) geheißen, noch schrecklicher als die Piombi (Bleikammern). Es
sind tiefe Löcher, die in den dicken Mauern der Fundamente angebracht
sind und die dazu dienten, die Unglücklichen, die eines
Staatsverbrechens angeklagt waren, einstweilen hinter doppelten
Eisentüren hier zu verwahren, in einer verpesteten Luft, kaum durch
einen matten Schimmer des Tages beleuchtet, der durch eine enge, viele
Schuh lange Öffnung in der Mauer drang. Von hier wurden sie in die
Folterkammern und dann gewöhnlich zum nächtlichen Tod geführt. In den
Gemächern der Staatsinquisition sah ich noch die Winden, mit welchen man
den Elenden die Arme rückwärts in die Höhe wand, um sie mit aller
Bequemlichkeit foltern zu können. Die Bleikammern fand ich weniger
schrecklich als ihren Ruf, und ich habe andere Gefängnisse gesehen, in
denen Hitze und Frost dieselbe Wirkung und noch größere haben mußten.

Ein freundlicherer Anblick ist die Rialtobrücke, die aus weißem Marmor
und einem einzigen, siebzig Fuß langen und über vierzig Fuß breiten
Bogen besteht, auf beiden Seiten mit Buden besetzt ist und so ziemlich
in der Mitte der Stadt über den großen Kanal führt. Sie ist immer sehr
frequentiert, und da in ihrer Nähe die Schiffe anfahren, welche
Lebensmittel herbeiführen, so ist der Verkehr hier sehr groß. Von hier
aus kann man auch fast nach allen Teilen der Stadt vermittelst schmaler
Gäßchen und vieler kleiner Brücken zu Fuß kommen.

Das außerordentliche, große und sehr merkwürdige Arsenal (es hat beinahe
drei Miglien im Umfang) ist ganz von Wasser und starken Mauern mit zwölf
Türmen umgeben; es liegt am äußersten Ende der Stadt; vier Löwen
bewachen den Haupteingang, Morosini genannt. Der Peloponnesier brachte
sie aus Griechenland hierher; zwei davon sind Meisterwerke der
Bildhauerkunst, einer ist ein geheiligter Löwe aus Athen, wie eine
Inschrift an demselben besagt, den man dem Denkmal der Schlacht bei
Marathon entnommen glaubt und der also ein Alter von mehr als
zweitausenddreihundert Jahren hatte; ein zweiter hat aber einen modernen
Kopf. Canova erkannte sie für altgriechische Arbeit. Über denselben ist
noch der geflügelte Löwe des Sankt Markus. Durch dieses Tor kommt man
zuerst auf das Campo del Arsenale, ein anderes großes, durch welches die
Schiffe aus- und einfahren, geht auf das Meer. In diesem Arsenal
arbeiteten unter den Venezianern ganze Regimenter, die man Arsenaloten
nannte. Seine Unterhaltung kostete der Regierung jährlich eine halbe
Million Markustaler (anderthalb Millionen Gulden). Es enthielt wie das
zu Toulon alle möglichen Werkstätten und Magazine für die
Schiffsbaukunst und Ausrüstung der Flotten, und mit seinen
Waffenvorräten konnte man an hunderttausend Mann bewaffnen. Alles, was
hier verfertigt wurde, war mit dem Stempel des Sankt Markus bezeichnet,
sogar die Nägel trugen ihn, und wehe dem, der etwas davon entwendete.
Die venetianischen Schiffe waren zu ihrer Zeit wegen ihrer Dauer und
ihrer Leichtigkeit berühmt. Das dazu verwendete Holz lieferten die
Wälder Istriens und Dalmatiens, man ließ es aber zehn bis zwölf Jahre im
Wasser liegen und dann an der Luft trocknen, bevor man es verarbeitete,
wodurch es eine erstaunliche Härte erlangte. Die Arbeiter waren meist
sehr geschickte Leute, die man gut bezahlte und die vom Vater auf den
Sohn immer dieselbe Beschäftigung trieben. Dieses merkwürdige Arsenal
war gewissermaßen eine Stadt in der Stadt, ja ein Staat im Staat, der
von drei Nobili besonders regiert wurde, die alle drei Jahre
Rechenschaft ablegen mußten. Das Oberhaupt der Arbeiter führte den Titel
eines Admirals und war zugleich der Pilot des Bucentauren bei der
seltsamen Zeremonie der Dogenvermählung mit dem Meer. Diese hatte
folgenden Ursprung: Papst Alexander III. hatte sich vor dem deutschen
Kaiser Friedrich I., der, gegen die Guelphen wütend, in Italien
eingefallen war, inkognito und unter einem fremden Namen nach Venedig
geflüchtet; der Kaiser hatte ihn für einen Antichrist und Feind des
Reichs erklärt, dennoch wurden ihm, als man ihn zu Venedig erkannte, von
dem Dogen Zioni und der ganzen Signoria alle seinem Rang gebührenden
Ehrenbezeigungen erwiesen. Als dies Friedrich I. erfuhr, verlangte er
dessen gewaltsame Entfernung oder Auslieferung von der Republik, die
dies verweigerte, in einem Seegefecht die Gibellinen schlug und sogar
den Sohn des Kaisers, Otto, gefangen nahm. Als der Doge so siegreich
nach Venedig zurückkehrte, umarmte ihn der Papst vor allem Volk und
schenkte ihm einen geweihten Ring, zu ihm sprechend: »Bedienet Euch
desselben, um das Meer für immer an Venedigs Herrschaft zu ketten, und
daß sie sich jedes Jahr aufs neue mit demselben vermähle.« Dies geschah
sogleich, indem der Doge den geweihten Ring ins Meer warf, und Alexander
III. sprach den Segen über diese Vermählung. Von jetzt an wurde diese
Zeremonie jedes Jahr mit großem Pomp und Feierlichkeit wiederholt, und
ein Prachtschiff, der Bucentauro, das nur allein an diesem Tag gebraucht
wurde, eigens dazu erbaut. Ehe aber diese Trauung vor sich ging, mußte
der Admiral des Arsenals, der selbst das Schiff dirigierte, jedesmal
einen Eid schwören, daß sich die große Wasserbraut, das Meer, während
der Zeremonie ruhig verhalten würde. Drei Reihen vergoldeter Statuen,
die eine doppelte Galerie bildeten, trugen das Verdeck, unter dem die
Ruderer sich befanden. Der Doge saß auf einer Art Thron, der auf dem
Hinterteil des Schiffes angebracht war, neben ihm der päpstliche Nuntius
und der französische Gesandte auf der einen und seine Räte auf der
anderen Seite; über ihm wehte die Standarte des geflügelten Sankt Markus
in Löwengestalt. Das ganze Schiff war überaus reich mit genuesischem
purpurrotem Thronsammet und goldenen Stickereien und Fransen drapiert.
Die Senatoren durften dieser Zeremonie nicht beiwohnen, aus Furcht, daß
durch eine Verschwörung hier auf einmal die ganze Aristokratie Venedigs
vernichtet werden könnte. Feierlich langsam fuhr das Schiff majestätisch
unter dem Donner der Kanonen und in Begleitung unzähliger Barken und
Gondeln, welche die Lagunen bedeckten, von der Piazetta ab. Sobald es im
adriatischen offenen Meer war, erhob sich der Doge und empfing den
geweihten Ring aus den Händen des Patriarchen, der die Worte Alexander
III. wiederholte, worauf er den Ring in das Meer warf, und die
Vermählung war vollzogen, der Bräutigam hütete sich aber wohl, das nasse
Brautbett zu besteigen. Blumen und Kränze wurden in großer Menge in den
Schoß der Braut geworfen, die aber dem Gatten nicht treu und hold blieb,
sondern bald mit Spanien und Portugal, mit Holland und Frankreich und in
der neueren Zeit besonders mit Albion buhlte, dem sie auch nicht ewig
treu bleiben wird, denn schon beginnt sie mit Nordamerika zu schmunzeln.

Die Rüst- und Waffensäle des Arsenals enthalten sehr merkwürdige und
seltene Waffensammlungen, Rüstungen, Schilder und so weiter aus allen
Zeiten und besonders viele osmanische Trophäen; auch Attilas Helm wird
hier aufbewahrt.

Unter den vielen Kirchen Venedigs, von denen ich nur die merkwürdigsten
sah, ist Maria della Salute eine der prächtigsten. Sie verdankt ihre
Entstehung der schrecklichen Pest, die 1630 Venedig heimsuchte, bei
welcher Gelegenheit der geängstigte Senat das Gelübde tat, der die
Gesundheit beschützenden Maria eine schöne Kirche zu bauen. Dies ging in
Erfüllung, und der schöne Tempel mit seinen drei herrlichen Fassaden, zu
denen viele Marmorstufen führen, wurde erbaut. Die Johannes- und
Paulskirche ist wegen ihrer vielen Monumente von Dogen und Dogaressen,
ihrem kostbaren Hochaltar und ihren großen Reichtümern berühmt; sie
enthält auch mehrere Statuen ausgezeichneter Feldherren, die sich um die
Republik verdient gemacht haben. Der Raum, auf dem diese Kirche steht,
war eine sumpfige Insel, die der Doge Tripolo dreizehn Jahre nach dem
Tode des heiligen Dominikus dessen geistlichen Kindern schenkte, die
zuerst ein sehr einfaches Bethaus hier errichteten; als aber diese
Dominikaner durch große Erbschaften und Almosen selbst sehr reich
wurden, bauten sie nebst einem großen bequemen Kloster auch diese
Kirche, mit die prächtigste Venedigs.

Allem Anschein nach verdankt Venedig seine Entstehung armen Fischern;
seinen Namen soll es von dem Volk der Veneter, das im nördlichen Italien
wohnte, haben, von dem sich ein Teil, als die Goten das Land
überschwemmten, auf die Inseln flüchtete, auf denen jetzt Venedig steht,
und daselbst anbaute. Als im Jahre 452 Attila Aquileja zerstört hatte,
flüchteten dessen Einwohner ebenfalls hierher, sowie 595 viele Bewohner
Oberitaliens, um der Verfolgung des Lombardenkönigs Alboin zu entgehen.
Die zuerst bewohnte Insel hieß Rialto, und diesen Namen führte die
Inselstadt längere Zeit, bis sie später den Namen Venezia annahm. Jetzt
wurde nach und nach eine Insel nach der anderen angebaut, bewohnt und
bevölkert, die Stadt endlich einer der bedeutendsten Handelsplätze
Europas, und je größer sie sich aus den Fluten emporhob, desto mehr
stieg auch ihr Reichtum, ihre Pracht und ihre Macht, und bald wurde sie
die mächtige Meerbeherrscherin. Zwölfhundert Jahre bestand sie als
selbständige Republik, ihre höchste Glanzperiode war im dreizehnten,
vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert. Erst im siebten hatte sie, um
den immerwährenden inneren Unruhen zu steuern, einen Dogen (_Duca_)
erwählt, sich aber dabei ihren Anteil an der Regierung vorbehalten; als
jedoch im zwölften Jahrhundert mehrere Dogen, und namentlich Vitali
Michieli, Versuche zu einer Willkürherrschaft machten, da ermordete das
Volk den letzteren und übergab die höchste Gewalt einer Versammlung von
Adeligen. Noch schlimmer erging es dem Dogen Marino Falieri, der von
einem jungen Nobile an seiner Ehre schwer gekränkt, keine hinlängliche
Genugtuung erhalten konnte, die Aristokratie mit Hilfe des Volkes hatte
stürzen wollen und dafür von ersterer, schon über achtzig Jahre alt,
enthauptet wurde. Die Republik hatte allmählich immer mehr Fuß auf dem
festen Land, namentlich in Istrien, Dalmatien, der Lombardei gefaßt und
dehnte ihre Macht besonders während der Kreuzzüge auch sogar in Syrien
aus. Im dreizehnten Jahrhundert eroberte sie Candia und fast alle Inseln
im Archipelagus, wodurch sie den ostindischen Handel ganz in ihre Gewalt
bekam. Auch gegen Ungarn war sie siegreich, riß Friaul an sich, nahm den
Neapolitanern viel Land und Städte weg, wurde Herr von Cypern und den
Ionischen Inseln und hatte mit ihrer mächtigen Nebenbuhlerin, der
Republik Genua, einen gefährlichen und blutigen Krieg endlich glücklich
beendigt. Aber von dem Augenblick an, als Vasco da Gama den Weg um das
Kap nach Ostindien ausfindig gemacht hatte, sank auch Venedigs Handel
und Flor. Sehr unglücklich für die Republik war die Ligue von Cambray
(1508), durch welche sie ihre Besitzungen im Kirchenstaat und dem
Neapolitanischen einbüßte und die sie nicht weniger als fünf Millionen
Zechinen (an dreißig Millionen Gulden), zu jener Zeit eine ungeheure
Summe, kostete. Die Osmanen nahmen ihr sodann Cypern und später nach
einem vierundzwanzigjährigen Krieg auch Candia wieder ab. _Venezia
dominante_, wie es sich damals nannte, verlor immer mehr an seiner
Herrschaft, 1715 büßte es auch noch Dalmatien ein. Venedigs Bürger, die
unter der eisernen Rute der despotischsten und grausamsten Regierung von
der Welt lebten, hielten sich dennoch für freie Leute, weil sie Dinge,
welche die Regierung nicht direkt berührten, Ausschweifungen und
Liederlichkeiten aller Art straflos begehen durften, und bedauerten die
Knechtschaft, in welcher nach ihrer Meinung die Untertanen in Monarchien
schmachteten, während ihnen selbst kein freies Wort aus dem Mund
entwischen durfte, ohne Gefahr, alle persönliche Freiheit, ja wohl Gut
und Leben einzubüßen, an einem Schandpfahl zu hängen oder den Fischen
der Lagunen zur Speise zu dienen. Sie waren darin den Bürgern mancher
deutschen Republik nicht unähnlich, die es wagen dürfen, den oft
heilsamen und zweckmäßigen polizeilichen Verordnungen ungestraft zu
widerstehen und die mit der Ausführung derselben beauftragten Diener mit
Grobheiten heimzuschicken, während man sie hinsichtlich ihrer
wichtigsten und heiligsten Interessen, Verwaltung und Justiz, bei der
Nase herumführt. Nie hat ein Monarch, auch nicht der ausgeartetste
Tyrann, eine ähnliche willkürliche Macht und Tyrannei ausgeübt, als
Venedigs Staatsinquisition, die ohne alle Verantwortlichkeit mit dem
Leben, Gut und Blut der Bürger nach Lust und Gefallen schaltete.
Mißtrauen und Furcht waren die gewaltigen Triebfedern der Herrscher
Venedigs und das Spionenwesen und die Angeberei in einem Grad der
Vollkommenheit organisiert, der zu keinen Zeiten in einem anderen Land
erreicht wurde. Beispiellos ist es in der Weltgeschichte, daß ein Volk
oder ein Staat dreien seiner Bürger über Tod und Leben, Habe, Gut und
Blut all ihrer Mitbürger eine so unumschränkte, rechenschaftslose Gewalt
erteilt hätte, wie dieses schreckliche Tribunal unter dem Aushängeschild
Staatsinquisition übte. Napoleon machte 1797 diesem freilich damals
schon in den letzten Zügen liegenden Ungeheuer ein schnelles Ende,
vernichtete das geflügelte Untier, Sankt Markus genannt, und mit ihm die
scheußlichste Tyrannei, die je eine Aristokratie oder Oligarchie
ausgeübt; dennoch waren, und vielleicht gerade deshalb, die
furchtbarsten Verschwörungen gegen dieselbe in Venedig an der
Tagesordnung. Der Hochmut, die Arroganz und die Unverschämtheit der
Nobili überstieg allen Glauben, sie zahlten den Bürgern für erkaufte
Waren was und wenn sie wollten, oft nur mit Grobheiten und
Mißhandlungen, und wehe dem, der sich dagegen verteidigte, ja nur zu
schützen suchte; Stockschläge, Degen- und Dolchstiche waren ihm gewiß
und kein Recht dagegen zu erlangen. Je mehr die Armut des venetianischen
Adels während des Verfalls der Republik zunahm, desto größer wurde die
Arroganz und Beutelschneiderei desselben. Ihre Schurkenstreiche hatten
keine Grenzen, und die meisten lebten nur noch von Prellereien und dem
Verkauf ihrer Wahlstimmen, ihrem hauptsächlichsten Privilegium. In der
letzten Zeit der Republik waren all diese Illustrissimen und Exzellenzen
-- so mußte sie der Bürger titulieren -- so bettelarm, daß die meisten
in Dachkammern wohnten, für sich selbst kochten, wenn sie etwas zu
kochen hatten, und in ihrer Kleidung schmutzigen Bettlern vollkommen
glichen. Um sich gegen ihre Zudringlichkeit jeder Art zu sichern,
suchten die Bürger und Kaufleute, wenn sie ein Fest feierten oder einen
Schmaus hatten, den Livreebedienten irgendeines Gesandten zu gewinnen,
der sich an ihre Haustür stellen mußte, die hochadeligen Hungerleider
abzuhalten, indem nach einem streng beobachteten Gesetz sich kein
Senator da treffen lassen durfte, wo ein fremder Gesandter nur zu
vermuten war, und sie dann an einem solchen Haus wie der vom Hund
verscheuchte Marder scheu vorüberzogen. Desselben Mittels bedienten sich
auch alle Kaffee- und andere Wirte, um diese viel verzehrenden und
nichts bezahlenden Nobili und Senatoren vom Besuch ihrer Häuser
abzuhalten. Für die Pfaffen und Mönche war aber Venedig ein wahres
Paradies, nirgends bekümmerte sich die Geistlichkeit weniger um den
Papst; die Herren maskierten sich, lagerten in allen liederlichen
Häusern, deren beste Kunden sie waren, hielten sich Mätressen, trieben
allen möglichen Unfug, und an eine Kirchendisziplin war nicht zu denken;
beim Volk war ihr Ansehen daher auch sehr gering, was aber gerade Wasser
auf das Mühlrad der Regierung war, die deshalb den Kuttenträgern auch
gerne durch die Finger sah. Gott und der Papst galten in Venedig wenig
oder nichts, nur der geflügelte Heilige in der Löwenhaut war der
angebetete Götze. Die allgemeine Tracht in den Straßen war für jeden,
der es nur möglich machen konnte, ein roter Mantel, in den man sich tief
hüllte; die meiste Zeit ging man maskiert, nur was zur Signoria gehörte,
trug eine Art schwarzen Chorrock, wenn man sich auszeichnen wollte,
sonst aber auch den beliebten Mantel, was nebst der Maske sehr bequem
war, wenn man unerkannt sein und auf Abenteuer ausgehen wollte. Die
Banditen und Bravi fanden hier mehr als in irgendeiner anderen Stadt
Italiens zu tun und standen zum Teil in lebenslänglichem Sold reicher
Nobili, denen sie blutige Dienste und zugleich Schutz leisten mußten.
Ihr gräßliches Handwerk war auch hier weit leichter als irgendwo zu
treiben, denn dem tötenden Dolchstoß folgte ein zweiter mit der Faust,
der den Unglücklichen und die Tat in einem Kanal begrub.

Nachdem ich mit meinem Storti in der Hand durch die bedeutendsten Kanäle
gefahren war, ging ich auch zu Fuß durch einen Teil der Stadt und kam
durch so enge und finstere Gäßchen, daß sich zwei Personen oft nur mit
großer Mühe ausweichen konnten und die himmelhohen Häuser kaum ein
Dämmerlicht durchdringen ließen. Das Ende meiner Streifereien war immer
der Sankt Markusplatz, der einzige Ort in Venedig, wo man längere Zeit
weilen kann. Es ist aber auch einer der schönsten Plätze Europas und
immer voll Leben. Die vielen Kaffeehäuser und Botteghen sind beständig
mit Leuten angefüllt. Das Treiben beginnt mit Tagesanbruch und endigt
erst lange nach Mitternacht. Noch wehten hier die Trophäen der
vergangenen Herrlichkeit auf drei hohen Mastbäumen, nämlich die
Siegesstandarten von Morea, Candia und Cypern. Was den Platz so schön
macht, sind seine herrlichen Gebäude mit den ihn umgebenden
Säulengängen. An der Seite des Turms schließen ihn neun Paläste, die
aber nur einen einzigen zu bilden scheinen und eine marmorne Fassade und
drei Säulenreihen, eine dorische, jonische und korinthische übereinander
haben. Diese Paläste werden die Procuratie nuove genannt, zur Zeit der
Republik waren sie von den Prokuratoren derselben bewohnt. Ihnen
gegenüber liegen die Procuratie vecchie, von fünfundfünfzig Pilastern
und Säulen toskanischer Ordnung getragen. Den Hintergrund dieser
prächtigen Schaubühne bildet die pittoreske Fassade des Markustempels,
den hohen Glockenturm zur Rechten. Was diesen Platz äußerst unterhaltend
macht, ist, daß er beinahe der einzige Spaziergang der Bewohner Venedigs
und aller Fremden ist, auf dem sich das ganze öffentliche Leben dieser
Stadt konzentriert. Hier sieht man alle möglichen Trachten und hört die
Sprachen aller Nationen. Advokaten und Charlatane, Staatsbeamte und
Schiffsknechte, Marionettenspieler und Soldaten, Improvisatoren und
Saltimbanchi, Stiefelwichser und Obsthöker, Pfaffen, Histrionen und
Taschenspieler, alles treibt sich hier im buntesten Gewühl durcheinander
herum, besonders ist dies am Abend und in der Nacht der Fall, wo er
durch Tausende von Lichtern der Kaffeehäuser, Botteghen und Kasinos
erleuchtet ist, was das Gewirre und Getümmel um so abenteuerlicher
erscheinen läßt. Vor den Kaffeehäusern sind Zelttücher oder Baldachins
aufgespannt, unter denen man sitzt, um den Turm herum haben Notare und
Advokaten ihre Sitze aufgeschlagen, die jede Art Schriften,
Bittschriften, Klagen und so weiter um wenige Gazette oder Soldi
abfassen, andere Schreiber befassen sich mit Bettel- oder Liebesbriefen
und so weiter. Nur Frauen und Mädchen aus den höheren Ständen sucht man,
den Karneval ausgenommen, vergeblich hier, da es nicht Sitte in Venedig
ist, daß Damen die Kaffeehäuser besuchen; man kann sie nur in den
Kirchen, den Theatern und den Abendgesellschaften sehen; der Zutritt zu
den letzteren ist aber für Fremde, wenn sie nicht ganz besonders einer
Familie empfohlen sind, nicht so leicht wie an anderen Orten Italiens.
In den Kasinos findet man leichter Eingang, wenn man nur ein Mitglied
derselben kennt. Eine der angenehmsten Zeitvertreibe ist eine
Spazierfahrt längs der Riva de Schiavoni bis an die Punta di Sankt
Antonio, bei Sonnenuntergang in einer Gondel, die man hier gewöhnlich
nur Barche nennt; man steigt rückwärts in dieselbe, weil man sich in dem
niedrigen Hüttchen nicht gut umdrehen kann. Diese Schiffchen sind alle
ganz schwarz und von einer Form; ihr düsteres Aussehen macht sie
Leichenschiffchen ähnlich, und sie gleichen in der Tat unseren alten
Leichenwagen. Ehedem waren sie bunt, schön verziert, von beliebiger
Farbe, oft prächtig und kostbar ausgeschmückt, so daß sie große Summen
kosteten, denn die Reichen suchten sich dabei im Aufwand zu überbieten,
wie anderswo im Luxus der Equipagen, und bedeckten sie mit Scharlach und
Gold, weshalb die Regierung, um diese Verschwendung zu zügeln, ein
Gesetz erließ, welches sie alle uniform verordnete, und jede Gondel, die
nicht ganz so, wie es vorgeschrieben, eingerichtet war, sogleich
zertrümmern und den Wellen übergeben ließ. Im Innern haben sie
gepolsterte bequeme Sitze. Angenehmer als in den Kanälen fährt man in
den Lagunen, besonders nach dem Lido hin.

Die venetianischen Damen, die, wenn sie einmal _donne maritate_ sind,
sich einer fast zügellosen Freiheit erfreuen, sind in ganz Italien wegen
ihres höchst einnehmenden und verführerischen Wesens berühmt und haben
die Kunst einer fast unwiderstehlichen Koketterie bis zur höchsten
Vollendung gebracht. Obgleich den meisten, selbst in den höchsten
Ständen, gründliche wissenschaftliche Bildung abgeht, so ist doch ihre
Unterhaltung nicht nur äußerst angenehm, sondern in der Regel auch sehr
geistreich, lebhaft und ungezwungen, und der venetianische Dialekt
verleiht ihrer Sprache etwas überaus Liebliches. An verliebten Intrigen
fehlt es hier weniger als in irgendeiner anderen Stadt, und das
Cicisbeat war hier noch in vollem Gang.

Von den Theatern besuchte ich hauptsächlich Fenice, das erst 1791 durch
eine Assoziation von Aktionären erbaut wurde. Es hat besonders gute
Löschanstalten; im Fall ein Feuer entsteht, kann augenblicklich von zwei
Türmen hinlänglich Wasser in dicken Strömen auf dasselbe geleitet
werden. Hier treten die berühmtesten Sänger und Sängerinnen Italiens
auf, und ich habe die vollendetste Vokalmusik in demselben gehört. San
Benedetto, hauptsächlich der Opera Seria gewidmet, war geschlossen,
sowie mehrere der kleineren Bühnen. Ein sehr schönes Marionettentheater,
wo man nur im venezianischen Dialekt spricht, besuchte ich einigemal. In
das Parterre geht hier niemand als Leute aus den untersten Volksklassen,
Fischer, Gondoliere und so weiter. Die Freudenmädchen haben in Venedig
wenig Raum zu ihren Umtrieben und suchen daher die Männer und Fremden
meistens in den Kirchen an sich zu locken, ihre Adressen austeilend; man
zählte damals nahe an hundert Bordelle.

Zwei Tage nach meiner Ankunft bezog ich eine Privatwohnung, die ich mir
durch die Vermittelung eines dienstwilligen _barbiere-parrucchiere_
verschafft hatte. »_Illustrissimo eccellenza_ finden daselbst _Donne
giovine belle e oneste_,« sagte mein Figaro, »eine honnette
Bürgersfamilie, durch Unglück herabgekommene Kaufleute, deren Haupt
jetzt den Makler macht. Es sind zwei junge Frauen in dem Haus, die eine
ist die Gattin des Signor Ludolli und die andere die Frau eines Signor
Odellino, der sich aber schon seit Monaten in Geschäften abwesend in
Triest befindet; auch ein paar blutjunge Ragazze von dreizehn und
vierzehn Jahren, Anverwandte des Odellino, wohnen bei diesen.
Illustrissimo werden sehr gut daselbst aufgehoben sein!« -- »Und auch
geprellt?« sagte ich, das Faktotum forschend ansehend. -- »Behüte der
Himmel, _gente onestissime_.« -- »Gut, bringe mich hin.« -- Wir
bestiegen eine Gondel und waren in wenigen Minuten an dem Palazzo, das
war das Haus wirklich, allein einer von jenen verlassenen, öden, mit
verwischten Vergoldungen. Die Damen empfingen mich als einen Signor
_Uffiziale francese_ mit zuvorkommender Freundlichkeit; es waren echt
venezianische Gesichtchen, und man wies mir eine freilich nicht sehr
elegant, dagegen sehr ökonomisch möblierte Wohnung, aus fünf Zimmern und
einem großen Salon bestehend, an, deren Fußböden alle von rotem Terrazzo
waren, wie es hier Gebrauch, für den Spottpreis von vier venezianischen
Talern, etwas über zehn Gulden, den Monat. Ohne zu handeln, erlegte ich
das Geld antizipando, und da mir die Frauen gefielen, fragte ich auch,
ob sie mir den Tisch geben könnten. -- »Oh, wir leben gar zu einfach,«
wurde mir bescheiden erwidert, »Illustrissimo würden sich nicht mit
unserer Kost begnügen; die meiste Zeit essen wir nur Fische, Muscheln,
Austern oder Frittole« (in Öl gebackene Polenta). -- »_Signore mie_, ich
bin die Genügsamkeit selbst, und freundliche Gesichter bei der Tafel
sind mir lieber als die größten Leckerbissen.« -- Auch darüber waren wir
bald einig, indem die Damen sagten, ich möchte das Essen erst versuchen,
und dann könne ich selbst den Preis machen. Ich war es zufrieden, mein
Figaro hatte ja den Damen versichert, ich sei _un uomo generosissimo_.

Den dritten Tag nach meiner Ankunft erhielt ich eine Einladung zu Tisch
von dem Gouverneur, General Menou, dem ich von den Begebenheiten zu Rom
und Wien viel erzählen mußte. Er schien mit meiner Unterhaltung so
zufrieden, daß mir die Ehre, an seiner Tafel zu speisen, sehr oft zuteil
ward. Menou war ein Mann, der schon hoch in den Sechzigern stand und
eine eigene seltsame Karriere gemacht hatte. Aus einer alten Familie der
Touraine, hatte er es bei dem Ausbruch der Revolution schon zu dem Grad
eines _Maréchal de Camp_ gebracht. 1789 wurde er von dem Adel der
Touraine zum Deputierten bei den Generalstaaten erwählt; hier vereinigte
er sich mit dem dritten Stand, trug viel zu energischen Maßregeln zur
Verteidigung des Vaterlandes bei und bewirkte hauptsächlich die
Vereinigung Avignons mit Frankreich. Nach dem Schluß der Sitzungen
befehligte er _en second_ in dem Lager, das man bei Paris gebildet
hatte, und wurde dann in die Vendée gesandt, wo er sich sehr gemäßigt
benahm. Den 2. Prairial 1793 war er es, der gegen die aufgestandene
Vorstadt Sankt Antoine marschierte und so den Konvent rettete. Er war
bei der Expedition von Ägypten und wurde nach Klebers Tod Obergeneral
des französischen Heeres daselbst. Aus Politik wurde er jetzt ein
Muselmann, nahm den Turban, nannte sich nun Abdallah und heiratete ein
hübsches türkisches Mädchen aus Rosette; dies hinderte nicht, daß er bei
Alexandrien von dem englischen General Abercromby den 2. Mai 1801
geschlagen wurde. Napoleon hatte ihn später zum Statthalter von Piemont
und dann zum Gouverneur von Venedig ernannt.

Nachdem wir gut getafelt und ziemlich viel Cypernwein zum Dessert
getrunken, brachte einer der Gäste, ein Bataillonschef, die Sprache auf
den Islamismus und äußerte dabei, es sei doch eine recht einfältige
Religion, man müsse von Sinnen sein, so tolles Zeug zu glauben, wie sie
lehre, und ihr Prophet Mohammed sei ein recht pfiffiger Gaudieb gewesen,
der den Leuten die Köpfe zu berücken gut verstanden habe. Menou, der
nicht zu viel getrunken hatte, sondern nüchtern war, erwiderte
demselben: »Nicht so sehr, als Sie glauben, mein Herr!« Seine Stimme
etwas erhebend, fuhr er sodann fort: »Ich weiß recht gut, daß in der
Armee und in Frankreich gar viel über meinen Übertritt zum Islamismus
räsonniert, geklatscht und gespöttelt worden ist, ich mache nicht das
geringste Hehl, daß diese Handlung durchaus nur die Politik zum Grunde
hatte, indem ich hoffte, dadurch Ägypten Frankreich zu erhalten, eine
fehlgeschlagene Hoffnung, wie so manche andere; aber aufrichtig, meine
Herren, was müssen andere Völker und auch die Osmanen, über deren
Religion wir uns so oft lustig machen, weil sie an Mohammeds wunderbare
Himmelsreisen und ähnliche Dinge glauben, von uns denken, daß wir einen
Gott verehren, den die Juden kreuzigten, eine Mutter Gottes, die ein
Kind bekam und dennoch Jungfrau blieb, eine Dreieinigkeit, Gott Vater
und Sohn in einer Person, eine Legion von Heiligen, die alle mehr oder
weniger komische, unglaubliche und lächerliche Wunder verrichteten, daß
wir Reliquien verehren, für deren ganzen Plunder ein Trödeljude kaum ein
paar Taler geben würde, wahre Fetische. Was müssen sie von einem Gott
halten, der kein anderes Mittel weiß und kennt, die sündigen Menschen zu
bessern und zu erlösen, als seinen Sohn Mensch werden und ihn kreuzigen
zu lassen, was von dem Gott der Bibel, der ein rach- und zornsüchtiges,
leidenschaftliches Wesen ist, das bis ins vierte Glied an Unschuldigen
die Sünden der Väter heimsucht, bestraft, der den Juden zehnmal verzeiht
und dann, kurzsichtiger als ein mit gesunder Vernunft begabtes
Menschenkind, nicht einmal soviel Voraussicht besitzt, um einzusehen,
daß die Juden wieder zehnmal in denselben Fehler verfallen werden; was
von Gott und seinen Heiligen denken, welche die Hilfe ohnmächtiger
Menschen bedürfen, ihre Anbetung und Erkennung in der Welt zu
verbreiten! Das erste, was gewöhnlich die zu einer anderen Religion sich
bekennenden Individuen, die wir die Sucht bekehren zu wollen haben,
antworten, wenn wir sie mit den Grundlagen der unsrigen bekannt machen,
ist: aber wie konnte man einen Gott kreuzigen? Wie kann ein Mädchen
Mutter werden und doch eine Jungfrau bleiben? Wie sind drei Dinge eines
und doch drei? -- Und was erwidern wir ihnen? -- Ja, das sind
unerforschliche Geheimnisse der Gottheit, die großen Mysterien der
christlichen Religion, über die man weder denken noch viel weniger sie
einer Kritik unterwerfen darf. Dies allein wäre schon eine Sünde! -- Wir
sind von der zartesten Kindheit auf gewöhnt, solche Dinge zu hören,
wachsen dann mit dem Glauben an dieselben auf, und selbst den
Vernünftigeren unter uns fallen sie wenigstens nicht mehr so sehr auf;
aber Sie werden mir zugeben, meine Herren, daß wer zum erstenmal
dergleichen erzählen und behaupten hört, sie allerdings für absurd, für
eine Blasphemie, eine Satire auf die Gottheit selbst halten muß; sie
erscheinen ihm ebenso toll als uns das Tier Al-borak mit seinen
hundertvierzig Flügeln, das, ein Mittelding zwischen einem Esel und
einem Maulesel, das Angesicht eines Menschen mit den Backen eines
Pferdes gehabt hat und auf göttlichen Befehl den Propheten Mohammed mit
Blitzesschnelle allenthalben hinbrachte, oder der Hahn, dessen Kopf
durch alle sieben Himmel bis zum Thron Gottes reichte. Sie lächeln, und
mit Recht, dennoch findet sich im ganzen Alkoran keine einzige Stelle,
die aus dem Weltenschöpfer ein so leidenschaftliches, zorniges,
rachsüchtiges, selbst inkonsequentes und wankelmütiges Wesen macht, als
unsere sogenannte heilige Schrift, der widerlichen Obszönitäten, welche
dieselbe enthält, gar nicht zu gedenken, wie die saubere Geschichte von
Loths Töchtern und so weiter. Und dies ist das Grundbuch der
christlichen Religion! -- Und unser Gott fand kein anderes Mittel, als
einen Sohn zu zeugen, durch eines alten Zimmermanns Frau gebären zu
lassen, die doch Jungfrau blieb, um seine Welt zu erlösen und glücklich
zu machen!! Und dabei ist doch der ganze Zweck, nämlich des
Glücklichmachens, verfehlt. Ich habe in meiner Jugend einen alten Mann,
einen fleißigen Bibelleser gekannt, der, als einmal die Rede von der
schlechten Welt war, erwiderte: >Ja, ist denn das ein Wunder? Gott hat
sie in sechs Tagen gemacht, was kann man in sechs Tagen Großes machen;
hätte er sich wenigstens sechs Jahre oder sechs Jahrhunderte Zeit dazu
genommen, so wäre sie vielleicht leidlich geworden, so hat er sich
offenbar übereilt.<«

Wir alle lachten.

»Ja sehen Sie, meine Herren,« fuhr der General fort, »zu solchen
Bemerkungen veranlaßt die Bibel. Von der Hölle, dem Fegfeuer und anderen
Alfansereien der Art will ich gar keine Erwähnung machen, sie sind zu
abgeschmackt; indessen wäre das Neue Testament doch ein gutes Buch ohne
seine Wunder und Taschenspielerkünste, wie die Umwandlung des Wassers in
Wein und so weiter. Von den drei Religionen, der christlichen, der
mohammedanischen und der jüdischen, ist die letzte noch die
vernünftigste, trotz all ihrer lächerlichen Gebräuche. Viele Fürsten und
Regierungen und auch unser Kaiser Napoleon haben den Köhlerglauben, die
Völker seien nur durch eine, die Sinne aufregende Religion in Zucht und
Ordnung zu erhalten und zu beherrschen, und in diesem Glauben suchen sie
die Pfaffen, des eigenen Interesses willen, zu erhalten und zu
bestärken. Ich bin nicht der Meinung und glaube, daß dies nur eine gute
und weise Gesetzgebung, mit einer humanen Behandlung vereint, imstande
ist. Ein reiner Deismus, der da mit wenigen Worten lehrt: Es gibt und
muß ein allmächtiges Wesen geben, das alles, was da ist, erschaffen hat,
welches das Gute belohnt und das Böse unfehlbar bestraft, wie wir schon
hienieden täglich wahrzunehmen Gelegenheit haben, das wir also lieben,
verehren und fürchten sollen; diese Lehre, mit guten Gesetzen und reine
Moral lehrenden Schulen und Erziehungsanstalten verbunden, würde
vollkommen ausreichen, und man bedürfte dann all der Schnurrpfeifereien
und Nebendinge nicht und hätte noch weniger von Atheismus zu fürchten,
der überhaupt gar nicht vorhanden ist und sein kann, denn ein wirklicher
Gottes- oder Schöpferleugner kann nur ein Narr oder ein ausgemachter
Dummkopf sein; fragt man solche, wer denn alles Vorhandene erschaffen,
so erwidern sie: die Natur oder ähnliches; was ist und kann diese Natur
denn anders sein als ein allmächtiger Schöpfer, gebt ihm einen Namen,
welchen ihr wollt, es ist und bleibt immer ein und dieselbe Sache, und
wenn wir selbst annehmen wollten, wie es schon mehrere Narren gab, daß
außer unserem werten Ich alles andere nur ein Blendwerk, ein
Nebelgebilde sei, so müßte auch selbst dieses noch einen Urheber haben.
Das Vernünftigste, was der tolle Robespierre getan, war, die Verehrung
eines allmächtigen Wesens anzuordnen, nur fehlte er in der Art und
Weise, wollte auch dadurch nur und durch Charlatanismus seine Tyrannei
befestigen und wurde deshalb gestürzt.«

»Gut, mein General,« sagte ich nun, als Menou seine Rede, der alle mit
Erstaunen und Verwunderung zugehört, beendigt hatte, »aber wie steht es
mit der Unsterblichkeit unserer armen Seele, was ist der Zweck unseres
Daseins?«

»Ach, Kapitän,« versetzte er, »das ist eine andere Frage, die genügend
aufzulösen kein Sterblicher je imstande sein wird. Nur über die Substanz
unseres Körpers, über alles Materielle bin ich vollkommen im reinen.
Alles, was wir genießen, Speise und Trank, die Leckerbissen, die Sie
sich heute an meiner Tafel so wohl schmecken lassen, dies alles ist
schon durch Milliarden menschlicher und tierischer Leiber gewandert und
wird es, solange die Welt steht. Von unseren Zähnen, so lange wir deren
haben,« -- hier warf der General einen etwas malitiösen Seitenblick auf
einige ältere Damen, die gegenwärtig waren -- »zermalmt, von unseren
Mägen verdaut, wird es wieder zur Erde gebracht, um sich über kurz oder
lang aufs neue in Gras, Kraut, Gemüse, Früchte, Futter für Tiere und
Menschen zu verwandeln und dann als Nahrungs- und Zeugungsstoff abermals
in Blut und Milch überzugehen. Zu Staub werden die größten und reichsten
Städte der Erde, die massivsten Marmor- und Goldpaläste, die
prächtigsten Denkmäler und Monumente, gleich den schlechtesten
Lehmhütten und hölzernen Gräberkreuzen der Armen. Ob tausend Jahre
früher oder später, was zählt dies in der Ewigkeit? Und alle menschliche
Philosophie läßt sich füglich in den zwei Worten >verwandelter Staub<
zusammenfassen, wenigstens ist der Inbegriff alles Körperlichen und
Irdischen in ihnen enthalten. Was aber das Geistige, das Seelenleben des
Jenseits, die Gottheit betrifft, so wird uns dies hienieden ein ewiges
Rätsel bleiben, das der hoch- und tiefgelehrteste Philosoph, der
unterrichtetste und klügste Mensch ebensowenig wie der roheste und
unwissendste Wilde zu lösen vermag, und die Quintessenz aller sublimen
Gedanken eines Plato, Descartes, Bacon, Leibniz und so weiter bringt uns
um kein Haarbreit weiter, als die Untersuchungen der Narren, die mit
Hilfe eines Mikroskops den Sitz der Seele im Gehirn oder Gott weiß sonst
wo entdecken wollen. Überhaupt halte ich alle spekulative Philosophie,
alle metaphysischen Forschungen für unnütze Zeitverschwendung, für
verlorene Mühe, in Summa für Narrheit. Nur auf die eigentliche
Lebensphilosophie gebe ich etwas, wenigstens kann sie uns das oft so
kümmerliche Dasein und dessen Beschwerden leichter ertragen helfen und
leidlicher machen. Und dann, -- wer kann wissen, ob nicht jene
unsichtbare, fruchtbare, alles leitende Allmacht, deren erbärmliche
Drahtpuppen und Hanswurste wir am Ende doch alle nur sind, der Mann im
Kaisermantel wie der Lumpensammler, ob sie nicht den einen und sein
Bewußtsein wieder hervorzurufen für gut findet, während sie es nicht der
Mühe wert hält, den Anderen nochmals aufleben zu lassen, sondern auch
dessen ewige geistige Vernichtung beschlossen hat. Wenigstens wird mir
niemand bestreiten können, daß dies in ihrer Macht liegt. Es ist eine
Idee wie jede andere. Doch genug davon, ich glaube in dem, was ich
gesagt, alles, was spekulative Philosophie vermag, erschöpft zu haben,
lassen Sie uns nun auf die Gesundheit unseres heiligen Napoleon
trinken.«

Bei diesen Worten hob der General ein Glas Champagner hoch und rief ein
»_Vive l'Empereur!_«, in das die ganze Tischgesellschaft mit einstimmte.
Man gab nun der Unterhaltung eine andere Wendung. Es war vom entführten
Papst, vom Krieg und Frieden mit Österreich, von den schönen
Venetianerinnen, die man auch hochleben ließ, und so weiter die Rede.
Mit zum Teil schweren Köpfen trennte man sich bei schon ziemlich
vorgerückter Nacht, verlor sich in die Theater, Kasinos und so weiter.
Ich ließ mich in meine Wohnung gondolieren, wo ich die Damen musizierend
und venetianische Lieder singend antraf und ihnen bis Mitternacht noch
Gesellschaft leistete. Auch Signor Ludolli war gegenwärtig und benahm
sich sehr freundlich, nur damit war er nicht ganz einverstanden, daß mir
die Damen auch die Kost zugesagt hatten. Ich suchte ihn deshalb zu
beruhigen, indem ich ihm versicherte, daß ich nur äußerst selten
Gebrauch von diesem Zugeständnis machen würde.

Bald hatte ich herausgebracht, daß die Signora Odellino, deren Mann
wirklich als Buchhalter in einem Triesterhaus konditionierte, eine
_Donna mantenuta_ war, die ein noch ziemlich wohlhabender Nobile, ein
gewisser Contarino, unterhielt, der sich rühmte, Dogen unter seinen
Vorfahren gehabt zu haben. Ich kam selten oder nie nach Haus, ohne den
Damen einige Geschenke, meist in _dolce_ und Konfetti bestehend,
mitzubringen, was mir dieselben hoch anrechneten; zum Mittagessen fand
ich mich nur selten ein, desto mehr zur Cena, wo es dann immer munter
herging. Eines Tages, es war der vierte oder fünfte, daß ich in dem Haus
wohnte, kam der Patron della Casa zu einer ungewöhnlichen Stunde in
großer Unruhe heim und rief seiner Frau beim Eintreten zu: »Nun, da
haben wir die Bescherung, ich hab' es voraussgesehen, soeben hat mich
Contarino auf dem San Marco angepackt und mir den Handel mit der Gatte
(der Odellino Taufname) gekündigt, wenn der _maledetto francese_ nicht
schnell ausziehe.« Ich zahlte gut, hatte erst diesen Morgen einen Korb
mit Cyprier der Dame in die Küche geschickt, war freigebig und stand
also in hoher Gnade bei derselben; sie nahm auch sogleich meine Partei
und antwortete ihrem Mann: »Es ist der Mühe wert, daß der filzige
Contarino einen solchen Lärm um nichts macht, er gibt uns kaum fünf
Zechinen monatlich, davon kann die Gatte nicht leben, hol ihn der
Henker, und überdies denkt der Franzose gar nicht an sie, die Mädchen
stecken ihm eher im Kopf, wenn er ja auf eine von uns reflektiert; der
Offizier bezahlt uns allein für ein altes Cembalo, das wir ihm gestern
verschafft haben und uns drei Lire kostet, zwanzig; vom Ausquartieren
kann gar keine Rede sein, denn er hat einen Monat antizipando bezahlt.«
Der Mann versetzte nun: »Das wird eine saubere Geschichte werden; der
Franzos kann sich in Obacht nehmen, der Contarino ist wütend und läßt
gar nicht vernünftig mit sich reden.« Die Signora antwortete mit einem
»_Cosa fa_, man wird ihm was vormachen, du weißt dir auch gar nicht zu
helfen, lieber Mann.« Eine halbe Stunde darauf erfuhr ich die ganze
Unterredung von dem ältesten hübschen Mädchen, Karoline, einer Cugina
der Odellino, und als ich diese fragte, woher es käme, daß sich
Contarino nie im Hause sehen lasse, erzählte mir das Mädchen naiv:
»_Fanno l'amore nel suo casino_, doch kommt er auch manchmal des Nachts
zu meiner Muhme, aber nur verstohlen, denn er ist _un uomo maritato, ho
paura di lui_.« Das _ho paura_ wiederholte mir das Mädchen wohl zehnmal;
ich suchte ihr diese Paura zu benehmen, sie auf die Stirn küssend, und
es schien mir zu gelingen, als die Signora Ludolli ins Zimmer trat, mir
ebenfalls ihre Verlegenheit wegen dem Contarino mitteilte und meinte, es
könne sogar gefährlich werden. Scherzend suchte ich ihr dies auszureden
und lud sie, ihre Schwester und die Mädchen zu einer Spazierfahrt auf
den Lagunen ein, wozu sie aber nicht zu bewegen war, denn dann würde es
erst ein rechtes Donnerwetter geben, meinte sie. Ich ging nun auf den
Markusplatz, wo ich meinen Wirt in einem sehr heftigen Wortwechsel mit
einem anderen Venetianer sah, aber nicht von ihm bemerkt wurde; bald
erfuhr ich, daß es der gefürchtete Contarino war, mit dem er so gewaltig
haderte. Ich ließ sie nun nicht mehr aus den Augen, bis sie auf die
Piazetta gingen und sich daselbst einschifften. Erst in der Dämmerung
begab ich mich wieder heim, um mich für das Theater umzukleiden, das ich
in Uniform besuchen wollte. Ich traf niemand als Signora Ludolli, die
meine Frage ängstlich zu beantworten schien, was ich auf Rechnung ihrer
Furcht vor Contarino schrieb. Ich ging längs den Fundamenti (so werden
hier die sehr schmalen, längs den Häusern hinlaufenden Gänge genannt)
hin, das Haus verlassend. Es war schon völlig Nacht. Jetzt wollte ich
die erste sich vorfindende Gondel besteigen, als ich bemerkte, daß mich
zwei in Mäntel gehüllte Gestalten verfolgten, die ihren Gang mit jeder
Sekunde mehr beflügelten. Als sie nur noch wenige Schritte von mir
entfernt waren, machte ich ein rasches rechtsum Kehrt, ging ihnen festen
Tritts entgegen, und da ich an sie herankam, drückten sie sich an die
Mauern eines Hauses und ließen mich ganz friedlich vorüber; ich wandte
mich nochmals um und ging wieder an ihnen vorbei. Es kam mir vor, als
sei einer von ihnen mein Hauswirt, und ich bemerkte, daß sie leise aber
eifrig miteinander sprachen. Bald sah ich, daß sie mich von neuem
verfolgten, ich ließ sie abermals herankommen, wandte mich wieder gegen
sie um, und als ich im Begriff war, sie zu fragen, was sie von mir
wollten, streckte der eine schnell seine Hand gegen mich aus, um mich
bei der Brust zu packen, indem er zugleich ein Stilett blinken ließ. Ich
wich einen Schritt zurück, zog schnell den Degen und rief ihm zu: »_Ah
birbante, adesso tocca a me!_« Klirrend schlug ich ihm das Stilett aus
der Hand, sprang auf beide zu; einer stand hinter dem anderen, denn der
Gang am Kanal war keine drei Schuh breit, und den ersten packend, den
anderen aber für meinen Wirt erkennend, sagte ich zu demselben: »Wie,
Sie sind so ein Patron?« Beide waren aber nicht vom Mestiero, sondern so
verblüfft, daß sie regungslos dastanden. Der hintere stieß endlich ein
»_Ajuto!_« aus, ich sagte ihm aber, er möge sich um Himmelswillen ganz
ruhig verhalten und keinen Lärm machen, weil ich sonst genötigt sein
würde, sie beide zum Platzkommandanten bringen zu lassen; meinem
Hauspatron versicherte ich zugleich, daß ihm nichts geschehen sollte,
wenn er ruhig bleibe. Ich fragte sie nochmals, was sie eigentlich von
mir wollten und weshalb sie mir auf eine so unerhörte Weise
nachstellten, und da sie noch immer stumm blieben, sagte ich: »Den ich
hier festhalte, ist wahrscheinlich der saubere Contarino,« und als mein
Wirt dies bejahte, fuhr ich fort: »Ich bedauere nur, daß Sie sich wegen
Hirngespinsten zu solchen Schurkenstreichen verleiten lassen und in
Gefahr begeben; längst glaubte ich, daß mit der Republik auch solche
Banditenstreiche aus Venedig verbannt seien. Ihre Eifersucht ist ebenso
lächerlich als grundlos; ich habe noch keine zwei Worte mit Ihrer
Geliebten gewechselt und werde sie Ihnen sicher nicht abspenstig machen;
denn Venedig hat schöne Frauen genug, daß nicht ein jeder sein Liebchen
finden sollte. -- Wenn Sie der Treue Ihrer Geliebten nicht versichert
sind, so tun Sie dieselbe an einen anderen Ort, solange ich mich in
Venedig befinde, statt sich in meuchelmörderische Wagnisse einzulassen,
die Ihnen leicht den Hals kosten können, denn es hängt jetzt doch nur
von mir ab, Sie in die andere Welt oder auf die Galeere zu befördern;
ich will indessen weder das eine noch das andere, ich verzeihe Ihrer
blinden Leidenschaft. Folgen Sie meinem Rat und nehmen Sie Ihre Geliebte
einstweilen aus dem Haus, das ich nicht verlassen werde, solange ich
noch hier verweile.« -- Contarino bat mich nun recht demütig wegen
seines unbegründeten Argwohns um Vergebung, nannte mich ein Mal über das
andere einen _generosissimo Signore_ wobei Ludolli einfiel: »Ich habe es
Ihnen ja immer gesagt, allein Sie wollten meinen Worten keinen Glauben
schenken.«

Contarino äußerte, Eifersucht habe ihn verblendet, beteuerte, daß er
alles Vertrauen in mich und seine Gatte setze, die nirgends besser als
bei Ludollis aufgehoben sein könne, und bat mich auf das inständigste,
ihm zu erlauben, daß er die Ehre haben dürfe, mich in sein Haus
einzuführen. Ich willigte ein, und er bestand darauf, mich schon den
nächsten Tag selbst abzuholen, indem er mir zugleich seine Aufwartung
machen werde. Wir schieden nun als gute Freunde. Ich begab mich nach
Fenice, und als ich nach beendigtem Theater nach Haus ging, kamen mir
die Damen mit einem _Benvenuto_ entgegen. Sie waren schon von allem
unterrichtet, gaben mir indessen doch zu verstehen, daß ich nur durch
ein halbes Wunder dem Bad im Kanal entgangen sei. Wir soupierten und
blieben bis nach Mitternacht bei einem Glas Punsch beisammen; die Frauen
dankten Gott, daß alles so abgegangen sei; Ludolli versicherte mir wohl
zehnmal, daß sonst der Contarino doch ein _galantissimo uomo_ sei. Wir
trennten uns endlich vergnügt mit einer _felicissima notte_, wobei mir
vergönnt war, die sämtlichen Damen zu küssen, die mir Glück gewünscht
hatten, Zutritt in Contarinos Haus zu erhalten, wo man sich sehr gut
unterhalte, dessen junge Frau eine der liebenswürdigsten und hübschesten
Damen Venedigs sei, und mich warnten, ihr nicht zu tief in die Augen zu
sehen.

Den kommenden Morgen hatte ich noch nicht lange das Bett verlassen, als
mir Contarino angemeldet wurde, den Ludolli sofort bei mir einführte; es
war ein Mann von einigen dreißig Jahren und ziemlich untersetzter
Statur. Nochmals entschuldigte er sich tausendmal wegen des
Vorgefallenen; ich suchte ihn völlig zu beruhigen, worauf er mich bat,
mich noch diesen Vormittag seiner Frau vorstellen und in das Kasino
einführen zu dürfen, von dem er Mitglied sei. Ich nahm beides an, wir
verließen meine Wohnung gegen Mittag, nahmen Schokolade in einem Café
des San Marko und fuhren dann nach dem Palazzo des Signor Conte, wo ich
seine Gattin, eine Dame, welche meine Erwartungen noch übertraf, kennen
lernte. Sie war noch nicht volle neunzehn Jahre alt, hatte ein
wunderliebliches Gesicht, die feinsten und geistreichsten Züge, einen
blendend weißen Teint, eine fast transparente Haut, unter welcher die
blauen Äderchen hervorschimmerten, den zierlichsten Wuchs und die
schlankeste Taille, genug, es war eine ganz venetianische Schönheit, die
von Geburt der Familie Mocenigo angehörte. -- Der Graf bat sie, mich als
seinen besten Freund zu betrachten und zu jeder Zeit, wenn ich ihr die
Ehre meines Besuchs schenken wolle, freundlich anzunehmen. Die Signora
sagte aufs Verbindlichste, daß sie sich eine Pflicht daraus mache, ihrem
Mann zu gehorchen, und so stand mir eines der ersten Häuser Venedigs
offen, in dem ich bald Gelegenheit hatte, den reichen venetianischen
Adel, wie die Mocenigo, Dandolo, Falieri und so weiter kennen zu lernen.
Ich wunderte mich, daß der Graf bei einer so hübschen Gattin eine
Odelino vorziehen mochte, aber bekanntlich ist ja die Ehe das Grab der
Liebe, und es kann nicht anders sein. In dem Kasino, in dem er mich
einführte, langweilte ich mich; außer dem Spiel war wenig oder gar keine
Unterhaltung daselbst anzutreffen. Contarino veranstaltete nun selbst
öfters Wasserpartien mit den Frauen und Mädchen, wo ich wohnte; wir
besuchten entferntere Kirchen und Klöster auf den Giudecca-Inseln le
Grazie, San Giorgio, San Helena, San Clemente, fuhren nach Murano und so
weiter, wobei ich absichtlich der jungen Karolina recht eifrig den Hof
machte, damit die Eifersucht des Nobile nicht wieder erwachen möge; das
Mädchen war auch hübsch genug, daß ich das in allem Ernste tun konnte.
Contarino zeigte sich außerordentlich gefällig und dienstwillig, und als
ich ihm einst von Zschokkes Abällino erzählte, in dem sogar ein
Namensvetter von ihm eine Rolle spiele, und den Wunsch äußerte, ich
möchte doch gerne wissen, ob der Verfasser aus einer historischen Quelle
geschöpft oder das Sujet bloß ein Produkt seiner Phantasie sei, suchte
er mehrmals halbe Tage lang mit mir in den Archiven, die uns auf Menous
Gebot geöffnet wurden, alle Aktenstücke und Dokumente, die sich auf die
Regierung des Dogen Andreas Gritti bezogen, durch, aber unsere
Bemühungen waren vergeblich, wir konnten nichts auf diesen Gegenstand
Bezügliches entdecken.

Indessen hatte ich in der Tat doch der Signora Lucietta, so hieß
Contarinos Gattin mit ihrem Taufnamen, zu tief in das Auge gesehen und
fühlte etwas mehr als bloßes Wohlwollen für die Schöne. Diese hatte aber
einen alten Abbate zu ihrem _Cavaliere servente_, der den ihm
anvertrauten Schatz wie ein Argus bewachte und dem mein Erscheinen in
der Familie eben keine sonderliche Freude zu machen schien; schwerlich
wäre ich mit der Dame je in eine nähere Berührung gekommen, hätte mich
nicht der Zufall, dieser mächtige Gehilfe des Schicksals, begünstigt und
den Herrn Abbate auf das Krankenlager geworfen. Jetzt traf ich Signora
Lucietta fast immer allein, koste, musizierte und küßte bald mit ihr.
Der Signor Marito bekümmerte sich weit weniger um seine reizende
Gemahlin als um die Mätresse, und ich suchte erstere deshalb nach besten
Kräften zu trösten, was mir um so eher gelang, als sie bereits Wind von
dem Verhältnis mit der Donna mantenuta hatte. Ich teilte ihr nun unter
dem Siegel der größten Verschwiegenheit mit, was wegen derselben
zwischen ihrem Gatten und mir vorgefallen war, worauf sie weiter nichts
als ein unwilliges: »_È una gran bestia, il mio marito!_« ausstieß, dann
lachte und sagte: »Nun, ich will's ihm vergelten.« -- Jetzt waren wir
bald nur eine Seele, und ich bedauerte nichts, als Venedig, wo ich mir
immer mehr gefiel, sobald wieder verlassen zu müssen. _En passant_
machte ich auch noch einer hübschen Seconda Donna vom Theater Fenice den
Hof und brachte ein paar joviale Abende mit ihr zu, scherzte dabei recht
artig mit Karolinchen und hielt hinsichtlich der Odelino streng mein
Wort bis -- zur Nacht vor meiner Abreise, wo ich mich gegen Morgen in
ihr Schlafgemach stahl und sie zur Untreue gegen ihren Protektor
verführte. -- Ich entwand mich dann mit einem langen Abschiedskuß aus
ihren Armen, und sie entließ mich mit einem matten Addio und »Ach, warum
nicht früher?« ... Bei Lucietta hatte ich schon den Tag und von Karolina
den Abend vorher Abschied genommen.

Der Tag meiner festgesetzten Abreise war angebrochen, ich hatte über
drei Wochen in der Dogenstadt verweilt, und mit dem frühen Morgen fuhr
ich noch einmal durch einen Teil des Canal grande, zum letztenmal die
öden Marmorpaläste bewundernd, deren Fenster manchmal sogar mit Dielen
verwahrt sind und die unfehlbar in Ruinen zerfallen werden, da ihre
Eigentümer nicht die Mittel haben, sie zu unterhalten, und dieselben
eine Last für sie sind.

Auf Contarinos Rat fuhr ich in einer Barke nach Fusine, wohin ich meinen
Wagen kommen ließ, um von da weiter nach Padua zu fahren. Diese
Überfahrt ist angenehmer als die von Mestre. Durch die Lagunen wogend,
entfernte ich mich allmählich von dem prächtig-traurigen, dem Meer
entwachsenen Venedig; seine Kuppeln und Türme, die sich in einiger
Entfernung auf der See majestätisch und zauberhaft ausnehmen, schwanden
mehr und mehr, dabei hatte ich das nahe Ufer des festen Landes im Auge,
dessen schöne Landhäuser, Gärten und gut angebaute Felder eine nicht
minder reizende Fernsicht gewähren. Ehe ich die Küste erreichte, warf
ich noch einen letzten scheidenden Blick auf die alte entthronte
Meereskönigin, ihr ein ewiges Lebewohl sagend. Auch auf dieser Überfahrt
hatte ich wieder jene wehmütige Empfindung, die mich allemal befällt,
wenn ich einen Ort verlassen muß, an dem mir es wohl ging und wo ich der
Freuden viele genoß. Zu Fusine nahm ich Postpferde und fuhr längs der
herrlichen, wegen ihrer Fruchtbarkeit, Schönheit und Mannigfaltigkeit --
Klöster, Dörfer, Villen, Gärten und Lustwäldchen -- berühmten
unabsehbaren Ebene hin. Überall herrscht reges Leben, und die Fluten
sind noch mit Barken, Gondeln und anderen Schiffen bedeckt. Ich kam über
Dolo, wo ich einige Prachtgebäude bemerkte, und sah bei dem ganz nahen
Stra die Schiffe aus der Brenta in den Kanal Piovego, der gerade nach
Padua führt, fahren. Man kann den Weg von Venedig bis dahin auch zu
Wasser machen, der noch angenehmer sein mag, aber auch länger ist.
Obgleich von ganz anderer Art als die Ufer des Rheins, des Ebro und der
Donau, sind die der Brenta doch nicht minder unterhaltend und
abwechselnd. Verlassene und oft schon halb verfallene Villen ersetzen
hier die Ritterburgen des Rheins und sind die trauernden Überbleibsel
und Denkmäler der gesunkenen Größe der Inselstadt, deren Bewohnern die
meisten gehörten, andere aber den Einwohnern von Padua. Noch vor Mittag
kam ich in dieser Stadt an, wo ich ein paar Stunden verweilte. Sie liegt
unfern der Brenta, an der Bachiglione, und ist von so freundlichen,
lachenden angebauten Hügeln umgeben, daß sie manche Reisende ein
irdisches Paradies genannt haben.

Mit einbrechender Nacht setzte ich meine Reise fort, kam in der Nähe von
Arqua vorüber, wo Petrarchs irdische Reste ruhen und man sein Haus,
seinen Stuhl und das Skelett seiner Katze zeigt, dann durch das durch
seinen Vipernfang berühmte Monselice, passierte die Adige (Etsch) bei
dem Flecken Boara, fuhr durch Rovigo und, ohne mich weiter aufzuhalten,
bis Ferrara. Eine leichte Unpäßlichkeit war die Veranlassung, daß ich
hier ein paar Tage verweilen mußte. Die Stadt, die in der Nähe eines
Armes des Po liegt, war sehr öde und zählte kaum achtzehntausend
Einwohner mehr, die sich in ihren großen weitläufigen Straßen, in denen
das Gras hoch und das Unkraut dicht stand, verlieren. Sie hat eine gute,
regelmäßige und feste Zitadelle. Das Schloß der alten Herzoge von
Ferrara liegt mitten in der Stadt und ist ringsum mit Wasser umgeben und
von vier dicken Türmen flankiert, sein Anblick ist nichts weniger als
erfreulich. In seiner Nähe befindet sich der sogenannte adelige Palazzo,
vor dem zwei hohe Säulen mit den ehernen Statuen alter Herzoge stehen.
Unter den Plätzen war der Napoleonsplatz der bedeutendste. Die
Kathedrale ist ein schönes Gebäude, in der Benediktinerkirche befindet
sich das Grab eines der phantasiereichsten Dichter, die je gelebt, des
Autors des rasenden Roland, Ariosts, zu dessen Zeiten die Stadt noch
eine der reichsten, blühendsten und bevölkertsten Italiens war. Die
ungesunde Luft, welche die naheliegenden Moräste verursachen, und die
häufigen Überschwemmungen, denen die Umgegend ausgesetzt ist, mögen viel
zu ihrer Entvölkerung beigetragen haben. Das hiesige Theater ist groß
und schön, die Paläste Este, Bevilacqua und andere sind prächtig. Das
Hospital der heiligen Anna ist berühmt, weil der arme Tasso von dem
undankbaren Herzog Alphons hier so lange in einem engen Gemach unter dem
Vorwand einer Gemütskrankheit eingesperrt wurde. Krank war er
allerdings, denn er war wirklich verliebt, und zu bedauern sind die mit
dieser Krankheit Befallenen, für die man ebensowenig kann, wie für jede
andere. Wer wüßte etwas von diesem Herzog, wenn ihn nicht der
unsterbliche Dichter in seinem herrlichsten Werk den großmütigen Alphons
genannt hätte! In der großen Bibliothek Ferraras sind Handschriften von
Ariost, Tasso, Guarini und so weiter vorhanden, von ersterem auch noch
das Tintenfaß und ein Stuhl.

Von hier reiste ich, wieder hergestellt, nach Ravenna ab, denn ich
wünschte die alte berühmte Hauptstadt der Ostgoten kennen zu lernen. Der
Weg dahin, den ich meistenteils in der Nacht zurücklegte, war
unangenehm, und bei Argenta, in der Nähe der Sümpfe oder Valli von
Comachio, warf mich der Postillon um, wodurch mir das Degengefäß so
heftig in die linke Seite gestoßen wurde, daß ich eine bedeutende
Quetschung davontrug, die mich nun gegen meinen Willen in Ravenna
zurückhielt. Da es noch finstere Nacht war, so kostete es viele Mühe,
bis der Postillon, mein Bedienter und ich, der arge Schmerzen hatte, den
Wagen wieder aufrichteten, und es verging fast eine Stunde, bevor ich
weiterfahren konnte. In Ravenna angekommen, schickte ich sogleich nach
einem Militärarzt, der mir etwas zum Einreiben verordnete und auflegte.
Sechsunddreißig Stunden mußte ich nun im Bette zubringen, was mir sehr
ungelegen war. Von Venedig hatte ich ein paar Empfehlungen von Contarino
für hier, die ich durch meinen Bedienten abgeben ließ und hierauf
mehrere Besuche erhielt.

Das uralte Ravenna lag einst an den Ufern des Adriatischen Meeres und
war einer der besten Häfen desselben, jetzt ist es an zwei Stunden von
der Küste entfernt. Nach Strabo haben Thessalonier diese Stadt
gegründet, Sabiner aber waren ihre ältesten bekannten Einwohner, später
bemächtigten sich ihrer die Gallier, welche sich an den Ufern des Po
niederließen. Paulus Aemilius verjagte sie, und die Römer verschönerten
die Stadt außerordentlich, namentlich unter den Kaisern, und ließen ihre
Flotten in ihrem Hafen überwintern. Unter den gotischen Königen und
Exarchen im siebten Jahrhundert war sie eine der bedeutendsten und
blühendsten Städte Europas. Dadurch, daß sie durch das Zurücktreten des
Meeres ihren Hafen verlor, kam auch sie zurück. Im Mittelalter, wie alle
Städte Italiens, durch Unruhen und Parteikämpfe zerrissen, mußte sie
außerordentlich leiden, und zur Zeit, als sie die Venezianer, in deren
Hände sie gefallen war, an die Päpste abtraten, war sie schon sehr
herabgekommen; unter der Herrschaft des heiligen Stuhls sank sie noch
vollends, so daß sie kaum fünfzehntausend Einwohner mehr zählte und noch
weit verlassener als Ferrara war. Die alte Hauptstadt von Theodorichs
Reich bot jetzt nur noch Überreste und trauernde Denkmäler ihrer
früheren Größe den Blicken des Reisenden dar, ihre öden und
menschenleeren Straßen waren mit falbem, dürrem Gras bewachsen, ihre zum
Teil halbverfallenen Häuser und Paläste, meistens mit Moos und Gesträuch
bedeckt, schienen ohne Besitzer, die mehr schleichenden als gehenden
Einwohner hatten ein düsteres, schwermütiges und mutloses Aussehen, das
eher Mitleid erregend als abschreckend war, im ganzen hatte sie das
Ansehen einer verwünschten Stadt, in der nur lebensmüde Schatten einsam
und tiefsinnig herumwandelten.

Nach vier Tagen des Bett- und Zimmerhütens war mir das Ausgehen wieder
gestattet. Mein erster Gang war nach der im neueren Geschmack
restaurierten Hauptkirche, in der ich eine Zeitlang umherwandelte und
endlich vor den herrlichen Freskomalereien Guidos in einer Kapelle
stehen blieb, die auch das schöne Gemälde enthält, welches Moses
darstellt, wie er Manna vom Himmel regnen läßt. Noch war ich im
Anschauen desselben vertieft, als ich hinter mir ein Damengewand
rauschen hörte; ich sah mich rasch um und erblickte einen in schwarze
Seide und Flor gehüllten blendend weißen Engel, der eben einen seine
unwiderstehlichen Reize verhüllenden Schleier zurückschlug, sich zum
Beten niederkniete und zwei Feueraugen zeigte. Dies bezaubernd lebendige
Gemälde hatte das tote sogleich aus meinen Augen und Sinnen verdrängt,
ich trat einige Schritte zurück, kniete ebenfalls nieder, und zwar so,
daß ich die schöne Betende immer im Auge hatte. Auch sie hatte mir einen
Blick geschenkt, der mich in eine erschütternde Vibration versetzte.
Nach einer halben Stunde, die mir, obgleich kniend, kaum eine Minute
dünkte, erhob sich die schöne Gestalt, verneigte sich tief und entfernte
sich, mich im Vorübergehen noch eines Blickes würdigend. Ich hatte die
Absicht, ihr zuvorzukommen, um ihr das Weihwasser zu bieten, erreichte
aber meinen Zweck nicht. Ein sie begleitendes Mädchen, das hinter ihr
gekniet, tat dies vor mir. Durch wenige aber lange und einsame Straßen
führte ihr Weg, nur einmal sah sie sich um und schlüpfte dann durch die
Pforten eines alten, nicht sehr ansehnlichen Hauses, dessen untere
Fenster alle vergittert waren. Schon lange hatte sich die Tür hinter der
wunderbaren Schönen geschlossen, und noch stand ich, die toten bemoosten
Mauern und das rußig-braune Tor anstarrend, hinter dem sie verschwunden
war. Ein vorübergehender Kapuziner weckte mich endlich aus meinen
Träumereien, ich merkte mir Straße und Haus und kehrte vorerst heim. Als
die Nacht herankam, durchstreifte ich mehrmals jene Straße, in welcher
das mir merkwürdig gewordene Haus lag, aber an keinem Fenster desselben
war auch nur ein Schimmer von Licht zu erblicken und alles so einsam und
still, als wäre die Welt ausgestorben. Nachdem ich lange vergeblich auf
irgendeine Entdeckung des mir so werten Gegenstandes gehofft hatte,
entfernte ich mich, fest entschlossen, die näheren Verhältnisse meiner
schönen Unbekannten _à tout prix_ kennen zu lernen. Den anderen Tag
erfuhr ich durch einen dienstbaren Geist, dem ich Straße und Haus
bezeichnet hatte, daß die Dame die durch ihre Schönheit berühmte Signora
Lucilla Manichetto aus Pesaro sei, die erst kürzlich, durch ihre
Verwandten gezwungen, einem schon ziemlich bejahrten Richter ihre Hand
gereicht, der sie strenge überwache, keinen Cicisbeo dulde und ihr nur
das Kirchengehen morgens und abends in Begleitung eines Dienstmädchens
gestatte. Also auch eine Lucilla, mir um so teurer, da sie mich an die
kaum verlassene venezianische erinnerte. Daß ich nun immer in der
Stunde, in welcher die Dame die Kirche besuchte, auch in derselben
anzutreffen war, wird man mir ohne Beteuerung glauben. Ich richtete es
jetzt so ein, ihr das _Aqua benita_ zu reichen, und es gelang mir bald,
ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Durch dieses öftere Besuchen der Kirche
wurde ich auch mit dem Sakristan derselben bekannt. Eines Abends, als
ich längere Zeit auf meine Schöne wartete, begab ich mich in die
Sakristei, wo ein dunkelgrüner Vorhang ein Gemälde in einem abgelegenen
Winkel verhüllte. Ich befragte meinen neuen Bekannten, was es damit für
eine Bewandtnis habe. Er erwiderte mir, daß es eigentlich streng
verboten sei, dasselbe jemandem zu zeigen, indessen wollte er bei mir
eine Ausnahme machen, wofür ich mich erkenntlich zeigte. Er zog nun an
einer Schnur den Vorhang weg, und ich erblickte die Abbildung des Innern
einer Kirche, in der ein Wüterich den Leichnam einer wunderschönen
Frauengestalt mit einer Streitaxt in Stücke hieb und zerfleischte. Diese
Darstellung erschütterte mich unangenehm, ich verließ die Sakristei
wieder, und der Sakristan zeigte mir nun ein anderes Bild, das in der
Kirche an einem Pfeiler hing und dem Anschein nach eine
Geisterbeschwörung vorstellte. Mein Begleiter erzählte mir jetzt, sich
bekreuzigend, daß dies Gemälde mit jenem in der Sakristei in engster
Berührung stehe und der nämlichen Ursache seine Entstehung zu verdanken
habe, obgleich es über zwölfhundert Jahre später gemalt worden sei. Ich
bat ihn, mir den Zusammenhang und die Geschichte der beiden Bilder
mitzuteilen, worauf er mir erwiderte, daß dies lange Zeit fordere und er
außerdem die Geschichte des verhüllten Bildes nicht kenne, von dem
anderen aber habe ihm sein Vorgänger, ein Greis von neunzig Jahren,
erzählt, daß es die Verbannung eines bösen Geistes, der über tausend
Jahre sein Unwesen jede Nacht in der Domkirche getrieben habe,
vorstelle, und der nie ein Licht oder irgendeine Beleuchtung nach
Mitternacht in dem Gottestempel mehr geduldet habe, sondern daß, sobald
diese Stunde schlug, ein Windschauer alle Lichter, sogar in den
wohlverwahrtesten Laternen, gelöscht habe, die dann niemand mehr
anzuzünden imstande gewesen sei. Man habe alsdann ein schreckliches
Getöse und Gepolter in den Gewölben und Hallen der Kirche vernommen und
sich um diese Zeit kein Mensch mehr in dieselbe gewagt; seit
undenklichen Zeiten hatte man die berühmtesten Geister- und Hexenbanner
verschrieben sowie alle erdenkliche heilige Mittel angewendet, den Geist
zur Ruhe zu verweisen, aber alles sei vergeblich gewesen, bis endlich
einmal ein sehr sonderbar gekleideter, langbärtiger Mann aus einem
unbekannten Land gekommen sei, dessen sich der Greis, der damals kaum
zwanzig Jahre alt gewesen, noch gut zu entsinnen gewußt. Jener habe sich
erboten, dem Spuk ein Ende zu machen, und eine ganze Nacht allein in der
Kirche einschließen lassen. Mit Tagesanbruch habe er die Kirche von
innen geöffnet, dem Priester, der die erste Messe lesen sollte, eine
versiegelte Rolle übergeben und ihm geboten, dieselbe unter Schloß und
Riegel wohl zu verwahren und niemandem als dem Bischof zu gestatten, die
Siegel zu lösen. Sodann solle man das grause Bild aus der Kirche
wegnehmen und verhüllt in einem Winkel der Sakristei aufbewahren und ein
anderes, das man an einem gewissen Tag überbringen werde, dafür in die
Kirche hängen. Hierauf verschwand der seltsame Mensch, von dem man nie
wieder etwas gehört. Viele waren der Meinung, es sei der ewige Jude
gewesen. Der Priester befolgte genau, was ihm befohlen war, der Spuk in
der Kirche hörte von dieser Stunde an auf, der Bischof entsiegelte und
las die ihm übergebenen Papiere, die hierauf in einer wohlverschlossenen
Kassette in der Sakristei aufbewahrt wurden, wo sie sich noch befinden.
Meine Neugierde hinsichtlich des Inhalts dieser Papiere war durch diesen
Bericht rege gemacht. Der Sakristan gestand mir, daß er den Schlüssel zu
dem Wandschrank habe, in dem sich die Kassette befinde, die sie
enthalte, sowie daß er selbst schon einigemal in Versuchung gekommen,
sie zu öffnen, aber eine Art Schauer habe ihn jedesmal überfallen, wenn
er die Versuchung gehabt, und so sei er bis jetzt derselben
widerstanden. Ich, der ich von diesem Schauer nichts empfand, bewog ihn
durch Geschenke und Versprechungen, mir die Kassette auf eine Nacht
anzuvertrauen, und wir öffneten dieselbe in meiner Wohnung mit Hilfe
einiger krummer Nägel und starker Eisendrähte, aber auch der Deckel
hielt so fest, wie wenn er angekittet wäre. Wir rissen ihn endlich auf,
indem der eine an der Kassette, der andere am Deckel zog; nebst der
Papierrolle fielen uns drei silberne und eine goldene Spange und ein
Ring von demselben Metall in die Hände. Die Rolle enthielt ein in
lateinischer Sprache mit gotischen Lettern geschriebenes Manuskript, das
wir nicht ohne Mühe ins Italienische übertrugen und wir lasen eine
gräßliche, von dem König Theobald in der Domkirche an seiner Gemahlin
Rosaura verübte Mordgeschichte.[8] Noch eine zweite Rolle befand sich in
der Kassette, die Spuk- und Erlösungsgeschichte des armen Geistes, ein
von Mönchen mit lächerlichen Wundern ausgeschmücktes Machwerk.

Indessen hatte ich eben nicht mehr viel Zeit in Ravenna zu verlieren,
denn ich wurde auf meinem Posten zu Velettri erwartet, doch wollte ich
die Stadt nicht verlassen, ohne wenigstens einen Versuch gemacht zu
haben, mit der Signora Manichetto eine Bekanntschaft anzuknüpfen; ich
mußte also auf Mittel denken, rasch zum Ziel oder wenigstens zu einem Ja
oder Nein zu kommen. Ich kaufte einige Kleinigkeiten von
Galanteriewaren, die ich zu einem Geschenk für die begleitende Duenna
bestimmte und die ich ihr am nächsten Morgen, als sie mit ihrer
Begleiterin die Kirche verließ, nebst einem Billettchen einhändigte. In
dem letzteren hatte ich meine Liebe zu der schönen Signora mit den
lebhaftesten Farben geschildert und gebeten, mir doch einen Ort zu
bestimmen, wo ich mit ihr, dem Mädchen, das Weitere besprechen könne;
auf meine Erkenntlichkeit könne sie zählen. Noch denselben Tag erfuhr
ich von der Duenna, daß, soviel sie gemerkt, ihre Gebieterin mir nicht
abgeneigt sei, aber da sie mich gar nicht kenne, doch einiges Mißtrauen
hege; außerdem verreise sie in ein paar Tagen, um sich nach Pesaro,
ihrem Geburtsort, auf einige Zeit zu ihren Eltern zu begeben. -- Ich
sagte nun dem Mädchen, daß ich ein zu seinem Vergnügen reisender
Partikulier sei, meinen eigenen Wagen bei mir habe und es mir ein großes
Vergnügen machen würde, mit ihrer Herrin nach Pesaro zu fahren. -- »Wo
denken Sie hin,« erwiderte das Kammerkätzchen, »_il Signor Patrone_ hat
schon einen Vetturino gedungen, der uns wohlverwahrt dahin bringen muß;
aber auf der Reise dahin könnte sich wohl eine Gelegenheit finden, sich
zu treffen.« -- »Scharmant, mein liebes Kind! Sieh, wenn du dies
veranstalten kannst, dann sollst du noch ein schönes Geschenk von mir
erhalten; da, nimm einstweilen auf Abschlag.« -- Ich drückte ihr eine
Zechine in die Hand. -- »Wissen Sie was,« sagte sie mir noch
freundlicher, »kommen Sie nach der Abendkirche an unsere Wohnung, dann
werde ich imstande sein, Ihnen das Nähere mitzuteilen.« -- Drei Stunden
nach Sonnenuntergang spazierte ich mit ihr Arm in Arm in der öden
Straße, in der die Wohnung ihres Herrn war, und sie teilte mir mit, daß
sie mit ihrer Frau übermorgen abreise, ich möge mich nur denselben Tag
auf den Weg machen und es einrichten, daß ich in Forli mit ihnen
zusammentreffe, dann würde sich das übrige finden. Über diese Nachricht
erfreut, gab ich dem dienstbaren Geist noch eine Zechine und fragte, ob
sie sich wohl mit einem Billettchen an ihre Dame befassen wolle. »_Date
pure_,« war die Antwort. Den anderen Tag sah ich Lucilla wieder in der
Kirche und konnte aus ihren freundlichen Blicken lesen, daß was ich ihr
geschrieben, keinen schlimmen Eindruck gemacht. Die wenige Zeit, die mir
noch in Ravenna übrig blieb, verwendete ich darauf, Dantes schönes
Grabmal in der Nähe des Franziskanerklosters zu besuchen sowie das dem
König Theodorich von seiner berühmten Tochter Amalasonte außerhalb der
Stadt errichtete Mausoleum, jetzt Santa Maria Rotonda getauft, dessen
breite, über hundert Fuß umfassende Kuppel aus einem einzigen Steinblock
gehauen ist und einen hohen Begriff von der Geschicklichkeit der Goten
in der Architektur gibt. Ich besah auch noch mehrere andere Kirchen und
Gebäude; es ist unglaublich, welchen Reichtum an kostbarem Marmor
Ravenna enthält; es rivalisiert in dieser Hinsicht mit Rom, Venedig und
Konstantinopel. Der große Tempel des heiligen Apollinarius in einer
Vorstadt wird von vierundzwanzig ungeheuren Säulen von griechischem
Marmor getragen, die von Konstantinopel hierher gebracht wurden. Die
Kathedrale wurde schon im vierten Jahrhundert erbaut, seitdem freilich
öfters restauriert.

[Fußnote 8: Diese Geschichte, die zu voluminös ist, um sie hier
ausführlich mitteilen zu können, ist schon unter dem Titel: »_Rosaura
oder der Domgeist zu Ravenna_«, von dem toten Verfasser dieses Werkes in
der fünfundsiebzigsten und deren folgenden Nummern der Zeitschrift des
Phönix Jahrgang 1825, vollständig mitgeteilt worden.]

Noch einmal sprach ich Marietta, so hieß die gefällige Dienerin, den
Abend vor unserer Abreise und gab ihr Rendezvous in Forli; am anderen
Morgen verließ ich Ravenna vor Sonnenaufgang, kam bald durch den gut und
übel berüchtigten Pinienwald und durch die sich bis zu den Apenninen
ausbreitenden Sümpfe, den kleinen Fluß Savio passierend, nach dem mitten
in den Morästen liegenden Ort Cervia. Hier blieb ich in einer Locande,
um einstweilen frühstückend den nachkommenden Vetturino abzuwarten, der
mir jedoch die Zeit ziemlich lang machte, so daß ich schon vermutete, es
habe irgendein Hindernis die Abreise der Dame verschoben; endlich, als
ich eben überlegte, ob ich weiter fahren oder noch warten solle, vernahm
ich das dumpfe Rollen eines herannahenden Wagens, der den von mir
ersehnten Inhalt richtig brachte. Ehrerbietig grüßte ich die
aussteigenden Frauen und war ihnen behilflich, aus dem Wagen zu kommen.
Der Vetturino fütterte hier. Sie ließen sich sogleich ein Zimmer geben,
und nach einigen Minuten trat Marietta wieder heraus und lispelte mir
zu: »_Entrate pure._« Daß ich mir dies nicht zweimal sagen ließ,
versteht sich von selbst, nach ein paar Sekunden küßte ich Lucillas
niedliche Hand, und nach einigen Minuten Stirne, Wangen, Rosenlippen und
so weiter der schönen Signora, welche die eintretende Zofe in meinen
Armen fand und dazu lächelte. Wir brachten hier eine gute Stunde zu,
während welcher die schalkhafte Marietta ab- und zuging und aufpaßte,
damit unser Tête-à-tête nicht gestört werden konnte; einig und
unverstanden waren wir bald, und als die Zofe endlich meldete, daß der
Vetturino abzufahren bereit sei, aber der Weg über Cesenatico nach
Rimini zu schlecht sei, es darum auch zu spät würde, weshalb er
vorziehe, in Cesena zu übernachten, waren wir dies ganz zufrieden und
brachten in der letzteren Stadt eine hochvergnügte Nacht zu. Zum
zweitenmal passierte ich den anderen Tag den Pisatello (Rubikon), um
nach Rimini zu fahren; ich war mit Lucilla übereingekommen, daß sie,
Unwohlsein vorschützend, dort einen Tag verweilen sollte, was ihr
angegriffenes Aussehen auch glaubhaft machte. In Rimini blieben wir
statt einen zwei Tage, ohne das Albergo nur zu verlassen, und löschten
die Flammen der durch süße Weine immer wieder angefeuerten Liebesglut
zur Genüge, so daß wir den dritten Tag mit ziemlich gedämpftem Feuer den
Weg nach Pesaro antraten, wo Lucilla auf das wohlwollendste von ihren
Eltern empfangen und wegen ihres Unwohlseins auf das teilnehmendste
bedauert wurde. In Rimini verweilte ich noch zwei Tage, nahm dann
herzlichen Abschied in meinem Quartier von meiner liebenswürdigen
Reisegefährtin und setzte meinen Weg, ohne mich ferner irgendwo
aufzuhalten, nach Rom fort, wo ich wohlbehalten ankam, mich bei dem
General Miollis meldete, Torlonia besuchte und erfuhr, daß die längst
getröstete Cesarini noch immer auf dem Land lebe. Von Rom begab ich mich
nach einigen Tagen zu meiner Kompagnie nach Velletri, wo ich die
Kommandantur des Platzes wieder antrat und, um mich zu zerstreuen, mit
einigen Einwohnern fast täglich auf die Jagd ging, die hier
außerordentlich ergiebig ist.

Velletri ist an und für sich ein häßliches Nest, das auf einer Anhöhe am
Abhang des Albaner Berges liegt. Es war die alte Hauptstadt der Volsker;
schon unter ihrem vierten König, Ankus Martius, sollen es die Römer
erobert, aber nicht behauptet haben, bis es der achtzigjährige Camillus,
nachdem er die Gallier verjagt, abermals eroberte. Die jetzige Stadt ist
schlecht, eng und abhängig gebaut, hat ein paar ansehnliche Paläste,
namentlich den Palazzo Ginetti, durch seine schöne Fassade, seine
prächtige Treppe und seine Gärten berühmt; was die Stadt am
merkwürdigsten macht, ist, daß Augustus hier geboren wurde. Hier und in
der Umgegend findet man noch viele altrömische Ruinen von Tempeln,
Villen und so weiter. Ich hatte meine Residenz in dem Palast
aufgeschlagen, der dem Kardinal Borgia gehört hatte. Auf dem ziemlich
großen Marktplatz steht die Bildsäule Urban VIII. Öfters machte ich auch
kleine Ausflüge nach Porto d'Anzio, Piperno und so weiter, um dort
Kameraden zu besuchen, sowie Jagdpartien in die Pontinischen Sümpfe, in
denen es von Geflügelwild wimmelte, namentlich wilden Enten und
Wasserhühnern, so daß, wenn man einen Schuß in die Schilfrohre tat, sich
eine schwarze Wolke von Vögeln erhob. Auf einer solchen Jagd hatte ein
paar Jahre früher ein Leutnant vom Regiment Y., namens Erny aus
Darmstadt, das Leben eingebüßt, indem er in einem überwachsenen Sumpf
ertrank oder vielmehr erstickte. Man fand seinen Leichnam nur mit Hilfe
seines zu ihm führenden treuen winselnden Hundes. Von Velletri aus hat
man die Gegend der Pontinischen Sümpfe immer im Angesicht; sie beginnen
noch vor Treponti und erstrecken sich bis Terracina. Es gibt Plätze in
denselben, wo die Luft so giftig ist, daß sie in wenigen Tagen töten
kann. Diese _aria cativissima_ ist wahrscheinlich durch die vielen
Überschwemmungen entstanden, welchen diese Gegend so häufig ausgesetzt
ist. Cäsar, Trajan, Antonius Pius und andere alte Römer sowie die Päpste
Bonifacius VIII., Martin V., Leo X. und besonders Pius VI. haben sich
unsägliche Mühe mit der Austrocknung dieser Moräste gegeben, ohne ihren
Zweck vollkommen erreichen zu können; die Überschwemmungen zerstörten
immer wieder teilweise die gemachten Arbeiten. Das einzige Vieh, das
hier gut gedeiht, sind die Büffel, von denen man großen, wohlgemästeten
Herden in Masse begegnet. Diesem Vieh scheint überhaupt nur im Morast,
Unrat und Schlamm ganz wohl zu sein, diese Erfahrung hatte ich schon in
meiner Heimat gemacht. Durch diese Sümpfe ging auch die berühmte
Appische Straße, die man unter Pius VI. wieder auffand und die in
gerader Linie bis Terracina führt. Die neue Straße, welche Pius VI. 1778
anlegen ließ, geht ihrer ganzen Länge nach, etwa zehn Stunden, durch
diese Sümpfe. Rechts von derselben befindet sich noch der Kanal, den
Augustus graben ließ, um die Wasser abzuführen und den Horaz auf seiner
Reise nach Brindisi beschiffte. Der erwähnte Papst ließ ihn wieder
instand setzen. Dieser Weg ist auf beiden Seiten mit hohen Ulmen und
Gebüsch begrenzt, in gehöriger Entfernung liegen Posthäuser mit
geräumigen Stallungen, die Pferde sind aber meistens halb wild, schwer
zu zügeln und gehen gerne durch. Die hier lebenden Individuen sehen
hohläugigen, blaßgelben Gespenstern ähnlich. Plinius berichtet, daß in
dieser Gegend ehedem dreiundzwanzig blühende Städte gestanden, von denen
aber keine Spur mehr vorhanden ist; selbst ihre Namen sind bis auf den
der Stadt Pometia, welche den ihrigen den Sümpfen, in deren Mitte sie
lag, verlieh, verschwunden. Das Austreten der Flüsse und Bäche, deren
Wasser in die Ebene hinabströmte, hat diese Moräste gebildet. Napoleon
hatte die Absicht, diese Gegend austrocknen zu lassen, geäußert, aber es
unterblieb, wie so manche seiner Projekte. Auf die Einwohner von
Velletri selbst und dessen nächste Umgebung scheint jedoch diese _aria
cattiva_ wenig Einfluß zu haben, denn die Männer haben ein gutes
Aussehen und sind von ziemlich kräftiger Natur, und Mädchen und junge
Frauen haben blühende Gesichter; unter ihnen waren recht hübsche
Brünetten und nicht ohne Feuer, wie ich mich während meines Aufenthaltes
zu Velletri zu überzeugen hinlänglich Gelegenheit hatte. Sie haben
ungefähr dasselbe reizende, kokette und verführerische Kostüm, wie die
Frauen zu Albano.

Da so ziemlich mit dem Anfang des Novembers die fatale Regenzeit eintrat
und was sich aus Rom hier aufhielt, nun dahin zurückkehrte, so fing ich
an, mich bei meiner obgleich ziemlich einträglichen Kommandantur doch
gewaltig zu langweilen. Ich erbat mir deshalb öfters Urlaub nach Rom,
wohin ich wegen der größeren Entfernung nicht wie von Albano aus
tägliche Abstecher machen konnte. Das Haus, welches ich daselbst am
meisten frequentierte, war immer wieder Torlonia, wo ich auch in der
Regel den General Miollis traf, mit dem ich dort näher bekannt wurde.
Von der Cesarini erfuhr ich, daß sie schon längst einen vornehmen Römer
zum erhörten Anbeter habe. Eines Abends äußerte Miollis, dem mein
musikalisches Talent, das in diesen Soireen wieder in Anspruch genommen
wurde, gefiel, gegen Torlonia, daß er eine Mission nach Paris habe, zu
der er einen gewandten und zuverlässigen Offizier gebrauche. Torlonia
meinte, in mir würde er wohl finden, was er suche, und er eröffnete mir
die Äußerung des Gouverneurs. Ich griff sogleich diese Sache mit dem
größten Eifer auf, denn schon längst war es mein sehnlichster und
heißester Wunsch gewesen, Frankreichs berühmte Hauptstadt, von der alle
Teufeleien, Moden und die Welt erschütternde Befehle ausgingen, kennen
zu lernen, und ich bat Torlonia, seinen ganzen Einfluß aufzubieten, es
bei dem General dahin zu bringen, mich zu dieser Sendung zu verwenden,
wobei ich auch noch Gelegenheit zu finden hoffte, zur kaiserlichen Garde
versetzt zu werden, ein anderer nicht minder eifriger Wunsch, den ich
längst in meiner Brust nährte. Torlonia versprach sein Bestes in dieser
Angelegenheit zu tun, und schon den nächsten Tag erfuhr ich zu meiner
Freude von ihm, daß sich Miollis durchaus nicht abgeneigt gezeigt habe,
mich zu dieser Mission zu gebrauchen, durch die er, wie es scheine, auch
die Erreichung einiger Privatzwecke beabsichtige, wozu er mich für ganz
geeignet halte; der Aufenthalt in Paris dürfte aber mehrere Monate
währen. »Je länger, desto besser,« erwiderte ich vergnügt. Noch
denselben Tag wurde ich zum Gouverneur beordert, der mit mir über diese
Angelegenheit sprach und damit begann, mir mitzuteilen, daß sie weit
schwierigerer Art als die Sendung nach Wien sei, wo ich nur Depeschen
abzugeben gehabt und so weiter. Er lud mich zur Tafel, und ich hatte
mich so gut bei ihm zu insinuieren gewußt, daß eine zweite Unterredung,
die er auf den anderen Morgen festsetzte, damit schloß, daß er mir
sagte, ich möchte mich bereit halten, gegen die Mitte des Dezember
abzureisen. Ich aß nun noch öfters beim General, brachte auch manchen
Abend mit ihm zu und hatte bald heraus, daß meine offizielle Mission,
Überbringung von Depeschen und Lieferungsangelegenheiten von
Montierungsstücken für das im Kirchenstaat stehende Armeekorps,
eigentlich nur Vorwand war und gewisse Privatangelegenheiten Miollis,
die zu besorgen er mich für tüchtig hielt und ich betreiben sollte, die
Hauptsache ausmachten, weshalb ich auch außerdem noch mit den besten
Empfehlungsschreiben an die einflußreichsten Personen zu Paris und den
Kriegsminister vor meiner Abreise versehen wurde. Den 10. Dezember
verließ ich Rom, schiffte mich in Civita-Vecchia auf einer
Kanonierschaluppe ein und landete trotz Stürmen und den kreuzenden
Engländern doch schon den neunten Tag zu Marseille, von wo ich nach
einer kurzen Quarantäne über Aix, Avignon Lyon und so weiter, ohne mich
irgendwo aufzuhalten, nach Paris fuhr, wo ich noch vor Neujahr glücklich
eintraf. Es war aber schon beinahe Nacht, als ich die letzte Station vor
Paris verließ und so den ersten Anblick der großen Hauptstadt des damals
so mächtigen Kaiserreichs entbehren mußte. Ich stieg in einem _Hôtel
garni_ der Straße Richelieu ab, wo ich für diese Nacht nichts weiter als
ein bequemes Bett verlangte, denn seit Marseille hatte ich keines mehr
zu Gesicht bekommen und war an allen Gliedern wie gerädert; dies hatte
die Eile und der Wunsch, Paris baldmöglichst zu sehen, gemacht, denn ich
hatte mir keinen Moment Rast gegönnt.



                                  XVI.

       Paris im Jahre 1810. -- Das Palais Royal. -- Unvermutetes
    Zusammentreffen mit dem Fürsten Y... -- Der Konkordienplatz. --
       Notre Dame. -- Das Hotel de Dieu. -- Der Justizpalast. --
    Meinungen über Napoleons Ehescheidung. -- Unerwartete Begegnung
   einer früheren Bekannten. -- Eine Interimsehe. -- Die Spielhöllen
   im Palais Royal. -- Eine Wache wirft einen jungen Menschen in die
      Seine. -- Der Pariser Karneval. -- Die Ochsenprozession. --
      Stimmung des französischen Volkes bei der Nachricht von der
      bevorstehenden Vermählung Napoleons mit Marie Louise. -- Ein
     verfänglicher Calembourg _aux français_. -- Das Totenmahl beim
                              Fürsten Y...


Hoch war es am Tag, als ich am anderen Morgen in der ungeheuren Stadt
erwachte, von der jetzt alle Blitze, furchtbarer als die des Vatikans,
und nicht zu widerstehende Vollstreckungsbefehle über fast ganz Europa
ausgingen, und in der der Gebieter des Tages mit eisernem Willen und
Szepter thronte. Fast kam es mir wie ein Traum vor, mich in dem
Zentralpunkt zu finden, von dem seit zwanzig Jahren so viel Teufeleien
und welterschütternde Umwälzungen ausgingen, die der ganzen Erde eine
andere Gestalt zu verleihen schienen, und doch:

   »Wir sind nun in der Stadt Paris,
   Wo man den König köpfen ließ,
   Wo man die Welt so lang gedreht,
   Bis auf dem alten Fleck sie steht!«

sagt das bekannte Guckkastenlied. Napoleon sprach aus eigener Erfahrung:
»Es ist nur ein Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen!« und hierin
hatte er vollkommen recht. Obgleich an allen Gliedern noch wie gerädert,
machte ich mich doch bald nach dem Erwachen aus dem Bett, nahm mein
Frühstück ein, steckte mich dann _en grande tenue_, und da es noch etwas
zu früh war, eilte ich zuerst in das ganz nahe gelegene weltberüchtigte
Palais Royal, das mich eben in kein so großes Erstaunen versetzte,
obgleich es gewissermaßen eine kleine Stadt für sich bildet. Selbst das
öffentliche Leben und Treiben in Paris, das Gewühl auf den Boulevards
und in den Straßen war außerordentlich, schien mir jedoch nicht
ungewöhnlich, da es zu Neapel ebenso und in der Straße Toledo beinahe
noch größer ist, als in der Straße Saint Honoré und anderen. Ich begab
mich in das damals so berühmte _Café des mille colonnes_, das wegen der
sich in seinen Trumeaux tausendfach wiederspiegelnden Säulen so genannt
wurde, und in dem eine etwas korpulente Schönheit, eine cidevant
limonadière, als Dame _du Comptoir_ am Zahltisch thronte und mit
Brillanten überladen war. Von hier fuhr ich zum Kriegsminister, _Duc de
Feltre_ (Clarke), an den ich Briefe und Depeschen von General Miollis
nebst einem Empfehlungsschreiben hatte. Ich bekam ihn aber vorerst nicht
zu sehen, sondern hinterließ meine Adresse. Dann fuhr ich noch zu
verschiedenen anderen hohen Militärpersonen und im Zivil Angestellten,
an die ich ebenfalls Briefe und Empfehlungen abzugeben hatte. Hierauf
nahm ich einen Fiaker _à l'heure_ und ließ mich, um rasch mit den
Lokalitäten bekannt zu werden, über alle Boulevards, dann an dem Louvre,
den Tuilerien vorbei, in die elysäischen Felder fahren, kehrte über den
Konkordienplatz, auf dem so lange die Zwietracht ihr scheußliches Haupt
geschüttelt hatte, zurück, fuhr über die Brücke, die damals auch diesen
satirischen Namen führte, nach dem Invalidenhotel, von da nach dem
Luxemburg und dem Pantheon, an dem _Jardin des plantes_, dem Quai Saint
Bernhard wieder herauf, in die Cité, an Notre-Dame und dem Justizpalast
vorbei, und von da wieder in mein Hotel, von wo ich mich, nachdem ich
etwas ausgeruht, wieder in das Palais Royal begab und ein lukullisches
Mittagmahl mit der eingebrochenen Nacht bei den _frères provençaux_
einnahm, dessen Hauptsubstanzen _Pâtes de perigord_, _perdrix aux
truffles_, Ortolanen, Ananas zum Dessert und Kapwein waren. Auch war
meine _Carte payante_ einige vierzig Franken stark. Jetzt gefiel mir das
Palais Royal weit besser als am Tage. Es war fast magisch erleuchtet,
seine reichen Buden mit ihrem zum Teil sehr kostbaren Inhalt werfen
einen blendenden Glanz von sich, und die Tausende der Töchter der
Freude, von denen es wimmelte, alle in prächtiger, wenn auch oft
burlesker Toilette, gaben ihm einen eigenen Reiz und machten es
wenigstens für den Beobachter sehr unterhaltend. Besonders, wenn man die
Künste wahrnahm, welche sie anwandten, um die Gimpel aus den Provinzen
und der Fremde, den unerfahrenen Neuling in ihre Netze zu locken und zu
fangen. Nachdem ich diesem Treiben eine Weile mit Vergnügen zugesehen,
und à mon tour, einige dieser leichtfertigen Schönen zum besten gehabt,
indem ich ihnen gerade entwischte, wenn sie ihren Fang recht fest zu
halten glaubten, ging ich in das an das Palais Royal grenzende
französische Theater, wo ich zum erstenmal die Mars und zugleich ihre
Rivalin, die Leverd, spielen sah und von der unwiderstehlich reizenden
Persönlichkeit der ersteren entzückt wurde. So hatte ich meinen ersten
Tag in Paris hingebracht. Den folgenden nahm ich nochmals einen Fiaker
und fuhr über den Bastillenplatz durch die Vorstadt Saint Antoine zur
Barriere de Vincennes hinaus und um die äußeren Boulevards. Ich hatte
mich nun wenigstens oberflächlich in der unermeßlichen Stadt orientiert
und nahm mir vor, später alle Merkwürdigkeiten einzeln zu besuchen, was
ich auch nach und nach vollbrachte, und namentlich die Schätze des
Louvre, welches damals die aus ganz Europa zusammengeraubten
Meisterwerke der ersten Künstler enthielt, sowie andere Museen, die
Kirchen, die Tuilerien, das Pantheon, den Pflanzengarten, den noch
stehenden Temple, die Conciergerie, in der Maria Antoinette ihre letzten
Kummertage zugebracht, sowie alle historisch merkwürdigen Orte besuchte.
Eine Beschreibung von Paris und seinen Monumenten, die Bände füllen
würde, wäre hier um so weniger an ihrem Platz, als diese tausendmal
beschriebenen Gegenstände so ziemlich von jedermann gekannt sind und
jeder weiß, daß das Palais Royal, vom Kardinal Richelieu erbaut, der
Sammelplatz und das Rendezvous der Individuen aller Nationen ist, daß
die Kaffeesäle und Restaurationen prächtig sind, man in Silber serviert
wird, die Leckerbissen aller fünf Weltteile hier zu haben sind, daß,
wenn man in dessen Spielhöllen sein Geld verloren, man seinen Schmerz in
der anstoßenden Restauration nach Belieben in Tokaier, Kapwein oder
Lacrimae Christi ertränken, sich dann in der unter derselben
befindlichen Waffenbude ein paar Pistolen kaufen und mit einem Druck all
seinen irdischen Leiden ein Ende machen konnte, wie dies öfters
vorgekommen, und so weiter. Während der Revolution war das Palais Royal,
_Palais Egalité_ genannt, der Tummelplatz der größten Unruhestifter.
Hier hatte man zuerst die dreifarbige Kokarde aufgesteckt, den Papst im
Bilde verbrannt, d'Espremenil im Bassin des Gartens ersäuft, und Camille
Desmoulins forderte hier vor dem _Café Foy_ das Volk zum Aufstand gegen
den Hof auf. Es war und ist beständig der Sammelplatz aller
Pflastertreter, Glücksritter, Taschendiebe, Gaukler, politischen
Kannegießer, Neuigkeitskrämer, Freudendirnen, Modedamen und so weiter.
Ein Sündennest, in dem sich alle Laster und Verbrechen zu einer
Quintessenz konzentrieren.

Als ich den dritten oder vierten Tag mich zum Frühstück in das Palais
Royal begab, begegnete ich zu meinem großen Erstaunen Sr. Durchlaucht
dem Fürsten Y., und zwar in Generalsuniform, daselbst. Ich hatte ihn,
seitdem er das Regiment zu Montpellier verlassen, nicht wieder gesehen.
Er war zum Brigadegeneral avanciert. Ich grüßte ehrerbietig und wollte
mich an ihm vorüberdrücken. Er hatte mich aber erkannt und die Gnade,
mich deutsch mit den Worten: »Mein Gott, Fröhlich, wie kommen Sie
hierher?« anzusprechen. -- Ich mußte ihm nicht nur dieses, sondern meine
ganze seit jener Zeit durchlaufene Karriere mit wenig Worten mitteilen.
Er war nun so gnädig, mich fast mit Gewalt in das _Café Foy_ zu nötigen
und daselbst mit dem feinsten Likör zu regalieren, erzählte mir, daß er
bestimmt gewesen, in Spanien bei dem Armeekorps des Marschall Moncey zu
agieren und dessen erste Division zu kommandieren, daß ihn aber das sich
jetzt immer häufiger einstellende abscheuliche Podagra verhindert habe,
Beweise von seinem militärischen Genie und seiner Tapferkeit abzulegen.
Der Geschichte zu Montpellier wurde mit keiner Silbe erwähnt, aber ich
erlaubte mir, Sr. Durchlaucht im Laufe des Gespräches einige Bemerkungen
über die Zusammensetzung und Administration des Regimentes Y. submissest
zu machen, namentlich daß so mancher Schofel dabei angestellt gewesen.
_Son Altesse_ geruhten die Achsel zu zucken, tranken ein Gläschen _Crême
de Mocca_ mehr, luden mich ein, sie den kommenden Morgen in ihrer
Wohnung in der Rue Saint George zu besuchen, und während meines
Aufenthaltes zu Paris ihr Haus wie das meinige zu betrachten. Ja der
Fürst bot mir sogar ein Zimmer in seiner Wohnung an, wofür ich jedoch
herzlich dankte, dagegen den Besuch versprach. Als wir den Kaffeesaal
endlich verließen und ich mich zu Gnaden empfehlen wollte, lud er mich
ein, noch einen Spaziergang mit ihm nach den elysäischen Feldern zu
machen. Als wir über den Konkordienplatz kamen, stand er still und sagte
seufzend: »Dies ist der schönste Platz in Paris, aber auch ein
fürchterlich merkwürdiger Platz!« -- »Jawohl, Ihro Durchlaucht,«
erwiderte ich, »denn hier fielen die Häupter des unglücklichsten
Königspaares unter dem Beil des Henkers. Dieser Platz ist es, auf dem
bei den Vermählungsfeierlichkeiten Ludwig XVI. und Maria Antoinettens
über hundertfünfzig Menschen das Leben verloren und an tausend mehr oder
minder beschädigt und verstümmelt wurden -- ein schreckliches Fest! --
Hier wurde 1792 die Bildsäule des stupiden Wüstlings Ludwig XV., der
frisiert, mit Lorbeern gekrönt und in römischer Tracht dargestellt war,
umgestürzt. Hier fielen während der Schreckenszeit unzählige freisinnige
und rechtliche Bürger als Opfer der blutigsten republikanischen
Tyrannei, und da, wo wir stehen, war der Boden von dem vergossenen Blut
schon so durchtränkt und schlüpfrig, daß man nicht mehr darauf gehen
konnte, ohne auszuglitschen, und die Guillotine mußte weiter gebracht
werden.« -- »Lassen Sie auch uns weiter gehen,« sagte Fürst Y. etwas
kleinlaut, und wir eilten nach den elysäischen Feldern, wo ich äußerte,
daß ich gerne nach Notre-Dame, da ich diese Kirche noch nicht besucht,
gehen möchte. -- »Ich will Sie dahin begleiten,« sagte der Fürst, und
wir fuhren zusammen in einem Fiaker nach der großen Seine-Insel, die für
sich eine sehr bedeutende Stadt bildet. Bei Notre-Dame angekommen,
stiegen wir aus. Auf der Stelle, wo diese ungeheure Steinmasse steht,
war vor Jahrtausenden ein heidnischer Götzenaltar. Als die Pariser
Heiden christliche Menschen wurden, stürzten sie diesen, wie in unseren
Tagen ihre Könige, und errichteten dem heiligen Stephan eine Kirche auf
diesem Platz. Childebert I. ließ eine größere Kirche dahin bauen, die er
der Jungfrau widmete. 1010 legte aber Robert der Fromme, ein Sohn Hugo
Capets, den Grundstein zu dem jetzt noch stehenden Riesentempel, an dem
über drei Jahrhunderte gebaut wurde. Zweitausend Bleitafeln decken ihn
und seine Seitenkapellen. Auf dem Platz vor der Kirche, Parvis genannt,
hatten die Bischöfe von Paris ihre eigene Gerichtsbarkeit, was durch
eine daselbst aufgehängte Galgenleiter angedeutet war. 1789 fand die
feierliche Fahnenweihe der Nationalgarden unter Lafayette in dieser
Kirche statt. Während der Schreckenszeit wurde sie ihrer schönsten
Zierden beraubt, zahllose Figuren, Obelisken, Pyramiden, Mausoleen
wurden zertrümmert. Die stupiden Blutmenschen wühlten sogar die Gräber
auf und beraubten sie der Knochen und Lumpen, die sie enthielten.
Unsinnige Kannibalen, wütende Ungeheuer, die sich, ein beißender Spott,
Freiheitsmänner nannten, weil sie selbst auf eine kurze Zeit die
Freiheit hatten, alle Freiheit mit Füßen zu treten, hielten jetzt ihre
Versammlungen in den geweihten Mauern, sangen ekelhaft-schmutzige
Zotengesänge in den hochgewölbten Hallen und brüllten gleich wütenden
Bestien klassische Dummheiten und Nichtswürdigkeiten von der Kanzel
herab, sich dabei Philosophen nennend. Als endlich 1802 die Freiheit des
Gottesdienstes wieder proklamiert wurde, erhielt die Kirche ihre frühere
friedliche Bestimmung wieder, und war nicht mehr der Tummelplatz der
abgeschmacktesten Unwissenheit. Den 3. Dezember ließ sich Napoleon von
Pius VII., den er jetzt gefangen hielt, hier krönen. Die große Glocke
des einen Turmes, die Ludwig XIV. aufhängen ließ, wiegt weit über
dreihundert Zentner. Gleich bei dieser Kirche befindet sich das große
Hotel de Dieu, dessen Stiftung man einem heiligen Landry zuschreibt, der
der achte Bischof von Paris gewesen. Aber der eigentliche Gründer war
der heilige Ludwig. Hier werden die Kranken aller Nationen, ohne
Unterschied des Geschlechtes, der Religion, des Standes, aufgenommen,
gut gepflegt und von mehr als zweihundert frommen Schwestern und einem
halben Hundert Ober- und Unterchirurgen bedient. Nur Pestkranke,
Venerische und Unheilbare nimmt man nicht an. Die Säle enthalten über
viertausend Betten. Hier findet man die lebendigsten Gemälde alles
menschlichen Elends und Jammers. 1737 legte eine vier Tage lang wütende
Feuersbrunst das ganze Gebäude in Asche. Noch furchtbarer war die von
1772, bei welcher viele Hunderte von Kranken den Tod in den Flammen
fanden. Der auf derselben Insel liegende Justizpalast ist ein wahres
Labyrinth der Gerechtigkeit, zu welchem nur die in alle Schikanen der
heiligen Justitia Eingeweihten den leitenden Faden haben. Es war ehedem
die Residenz der Herrscher Frankreichs, bis es Karl III. dem Parlament
abtrat. In dem ungeheuren Saal der _Pas perdus_ finden sich alle
zusammen, die hier etwas zu suchen oder zu verlieren haben. Auch ist er
das allgemeine Entree zu den verschiedenen Tribunalen. Unter diesem Saal
befinden sich die Archive, in denen Berge von Prozeßakten aufbewahrt
werden, worunter manche von hohem Interesse sind, wie zum Beispiel die,
welche die Johanna d'Arc betreffen. Die heilige Kapelle, die an diesen
Palast stößt, ist die uralte Kirche der ersten christlichen Rasse der
Könige von Frankreich, die auch diesen Palast erbaute. Sie ist ein
schönes Monument jener Zeiten.

Fürst Y. hatte die Güte, bei Besichtigung dieser Merkwürdigkeiten mein
Cicerone zu sein. Er lud mich, als wir uns trennten, nochmals dringend
ein, ihn doch ja den nächsten Morgen zu besuchen, und zum Dejeuner um
Mittag bei ihm zu sein. Ich versprach, mich zur bestimmten Zeit
einzufinden, und hielt Wort, wurde äußerst freundlich empfangen und
brachte wieder ein paar Stunden mit ihm hin. Aber das böse Zipperlein
plagte ihn so gewaltig, daß er, auf einer Ottomane ausgestreckt, nach
Römersitte das Frühstück zu sich nahm. Noch denselben Tag mietete ich
mir eine Wohnung von ein paar möblierten Zimmern in der Straße Choiseul,
streifte noch immer in der großen Stadt umher, um sie genauer kennen zu
lernen, und machte hier und da einige nicht uninteressante
Bekanntschaften unter den Offizieren in Restaurationen und
Kaffeehäusern. Damals war ganz Paris voll von Napoleons Ehescheidung von
Josephinen. Dieser Gegenstand gab fortwährend den Hauptstoff der
Unterhaltung an öffentlichen Orten und in Privathäusern; und wie groß
auch das Spionenwesen zu jener Zeit in Frankreich und Paris sein mochte,
so daß jedes nur zweideutige Wort von der geheimen Polizei aufgefangen
wurde, so nahm man dennoch bei dieser Veranlassung kein Blatt vor den
Mund, besprach diese Scheidung öffentlich und tadelnd, nannte sie ebenso
unpolitisch und unklug als lieblos. Ebenso rücksichtslos sprach man sich
über den Kaiser hinsichtlich des spanischen Krieges, ja über das
Spioniersystem selbst aus. Freilich hätte man ganz Paris und halb
Frankreich einstecken oder stumm machen müssen, wenn man alle
Individuen, welche sich dies herausnahmen, hätte bestrafen wollen. Ein
Beweis, daß auch der gewaltigste Despotismus die Zungen nicht in Fesseln
zu legen vermag, wie viel weniger die Gedanken. Was die Köpfe aber jetzt
am meisten beschäftigte, war die Wahl, die Napoleon treffen würde, um
sich eine zweite Gemahlin zu geben. Die meisten Franzosen waren der
Meinung, daß es eine Französin aus einer guten Familie sein werde. Ist
er klug, sagten viele, so nimmt er sich eine liebenswürdige Frau aus
einer honetten Bürgerfamilie, um seine Nachfolge zu sichern. Dadurch
wird er die Nation durch ein Band mehr an sich knüpfen und zeigen, daß
er über die alten Vorurteile und Schnurrpfeifereien erhaben ist. Aber so
klug war er nicht. Die kaiserliche Krone war zu schwer für ihn und
lastete drückend auf seinem Gehirn, denn seit er sie sich auf den Kopf
gesetzt, sah er nicht mehr klar und befolgte in jeder Hinsicht eine
jämmerliche, kindische und kleinliche Politik, die ihn notwendigerweise
ins Verderben stürzen mußte, wie er überhaupt als Politiker noch tief
unter der Mittelmäßigkeit stand. Wenig Personen glaubten, daß er sich
eine auswärtige Prinzessin, und am allerwenigsten, daß er sich eine
österreichische zulegen würde. Über die Ehescheidung selbst waren die
Meinungen sehr verschieden. Denn so sehr auch Josephine im allgemeinen
beliebt war, so sagte man sich doch, daß es zum Wohle Frankreichs nötig
sei, daß Napoleon Leibeserben erhalte, und entschuldigte ihn deshalb,
sowie wegen seiner meist sehr flüchtigen Nebenamouretten, da Josephine
während seiner Abwesenheit in Italien, wo er als Oberfeldherr des
dortigen Heeres weilte, und wenn sie Bäder besuchte, sich ebenfalls
keiner allzu großen ehelichen Treue rühmen konnte.

Als ich eines Tages, nachdem ich mehrere Aufträge für das im
Kirchenstaat stehende Armeekorps besorgt und Lieferungskontrakte
abgeschlossen, etwa zehn Tage nach meiner Ankunft zu Paris, heimkehrte,
fand ich eine Order vom Kriegsminister vor, die mich auf den nächsten
Morgen zu demselben beschied. Mich zu ihm verfügend, wurde ich sogleich
in sein Kabinett eingeführt und sehr artig von ihm empfangen. Er fragte
mich besonders viel über die römischen Zustände, erkundigte sich nach
den Einzelheiten bei der Verhaftung des Papstes und was bis zu meiner
Abreise noch in Rom besonders vorgefallen und so weiter. Nach dem, was
mich Miollis hatte merken lassen, schien es, als suche er eine
Versetzung nach Paris und in Napoleons Nähe, nach Clarkes Äußerungen
aber war es der Marschallstab, der ihm im Kopf steckte, und jetzt ging
mir erst ein Licht auf, warum er mir Empfehlungen an verschiedene
Personen mitgegeben hatte, die in näherer Berührung mit der an den
Prinzen Borghese vermählten Schwester Napoleons, der schönen Pauline
standen, und von der er sich einbildete, daß sie eine große Gewalt über
ihren Bruder habe. Bei mir hatte er sich geäußert, daß, wenn man ein
Anliegen beim Kaiser habe, es durch diesen Kanal am besten vorgebracht
werde. Auch ich müßte suchen, diese Gelegenheit zu benützen, um mich in
die Gunst dieser Dame zu setzen und so eine recht brillante Karriere zu
machen, dabei aber auch seine Angelegenheit nicht vergessen. Da aber
Pauline noch gar nicht in Paris anwesend war, so konnte für den
Augenblick nicht operiert werden. Clarke eröffnete mir, daß, so lange
meine Anwesenheit währe, ich täglich vierundzwanzig Franken Diäten
erhalten werde. Meine Reisekosten wurden mir natürlich ohnehin reichlich
vergütet. Dazu kam noch, daß ich von den Kaufleuten und Fabrikanten, mit
denen ich Lieferungskontrakte abschloß, nicht unbedeutende Geschenke
erhielt. Dagegen aber bekam ich fortwährend so viel Aufträge von
Offizieren meines Regimentes und anderer, die im Römischen standen,
silberne und goldene Epauletten, Hüte, Federbüsche, Handschuhe, Tücher,
Stiefeln und Gott weiß was alles zu kaufen und zu schicken, daß oft kaum
meine Kasse hinreichte, all diese Kommissionen zu besorgen. Auch erhielt
ich später kaum ein Dritteil meiner Auslagen wieder, da viele der
Offiziere blieben oder starben, bevor sie mich bezahlten, andere nicht
daran dachten, dies zu tun. Indessen stand ich mich dennoch im ganzen in
finanzieller Hinsicht sehr gut in Paris und erhielt sogar noch einiges
Geld von Haus. Fürst Y., der mich jetzt, ich weiß nicht warum, in ganz
besondere Affektion genommen hatte, und dem ich bisweilen aus
französischen oder deutschen Werken, wenn ihn das böse Zipperlein
plagte, vorlas, bestand darauf, daß ich wenigstens den Tisch bei ihm
nehmen müsse und stellte sogar eine Equipage und ein Reitpferd zu meiner
Verfügung, wofür ich ihm sehr erkenntlich war, da dies in Paris nicht zu
verwerfen und keine Kleinigkeit ist. Ich machte besonders Gebrauch von
letzterem, indem ich fast täglich über die Boulevards und in die
elysäischen Felder ritt, den Wagen aber nur selten benützte und mich
lieber in einen Fiaker setzte. Nach und nach hatte ich auch sämtliche
Theater, es waren damals nur acht im Gange, besucht. Früher hatte man
deren an zwanzig gezählt, Napoleon hatte aber, ich weiß nicht warum, ein
Dutzend aus eigener Machtvollkommenheit schließen lassen.

Der Neujahrstag war diesmal (1810) ganz besonders glänzend und feierlich
in Paris begangen worden, die Gratulationsdeputationen nahmen kein Ende.
Zu seinem Leidwesen konnte Fürst Y. sich nicht seiner Schuldigkeit in
dieser Hinsicht entledigen, da ihn das Podagra den ganzen Tag an das
Faulbett fesselte, was ihn sehr mißmutig machte. Die Buden in dem Palais
Royal, auf den Boulevards, der Straße Saint Honoré und so weiter waren
überaus reich und prächtig, wie es um diese Zeit immer geschieht, mit
den kostbarsten Waren jeder Gattung ausgestattet; besonders aber waren
es die Bijouterie-, Gold- und Silber-, Mode- und Konditorläden. So
geschmackvoll mit den kostbarsten Gegenständen versehen, hatte ich sie
noch nirgends bemerkt. Diese Tage sind hauptsächlich für die sich
auszeichnenden Pariser Theaterprinzessinnen ergiebig, die mit Geschenken
überschüttet werden. Auch Se. Durchlaucht hatten sich reich mit
dergleichen versehen, wenigstens für zwanzig- bis fünfundzwanzigtausend
Franken an Wert, die sie einigen Theaterhoheiten zum Geschenk machte. Da
Fürst Y. über acht Tage das Zimmer hüten mußte, so beauftragte er mich
mit der Überbringung mehrerer derselben in seinem Namen. Namentlich
erhielt Demoiselle Mars und die schöne Tänzerin Gardel eine jede ein
Paar Brillantohrringe von mindestens viertausend Franken an Wert, die
mit großer Freundlichkeit dankbar angenommen wurden. Man bat mich auf
das höflichste, Seiner Durchlaucht ihre wohlwollenden Gesinnungen zu
versichern und auch meine Besuche zu wiederholen, was ich nicht
verschmähte. -- »_Mais soyez sage_,« hatte mir Fürst Y. nachgerufen, als
ich ihn verließ. -- »_Monseigneur, ça va sans dire_,« hatte ich
geantwortet und wenigstens diesmal Wort gehalten.

Als ich bald nach Neujahr eines Nachmittags durch die Tuilerien ging,
begegnete ich im Garten derselben einer weiblichen weißverschleierten,
hübsch gewachsenen Figur, deren Gesicht, so viel ich durch den Schleier
sehen konnte, mir sehr bekannt vorkam. Die Dame hatte mich aber nicht
bemerkt, sondern war mit zu Boden gesenktem Blick an mir
vorübergeglitten. Ich drehte mich um, musterte die zierliche schlanke
Gestalt, deren Anzug jedoch gerade nicht nach dem neuesten Schnitt und
ziemlich ärmlich war, sowie die ganze Haltung keine Pariserin, sondern
etwas Fremdartiges verriet. Meine Neugier war rege geworden, ich folgte
ihr in einiger Entfernung, überholte sie dann, um sie noch einmal ins
Auge zu fassen. Am großen Bassin angekommen, drehte ich mich um und ging
ihr mit langsamen Schritten gerade entgegen, blieb aber noch im Zweifel,
wer sie sei, da mich der faltenschlagende Schleier die Züge wieder nicht
genau erkennen ließ. So viel war mir jedoch klar, daß ich sie kennen
mußte. Ich wollte schlechterdings Gewißheit haben, überflügelte sie zum
zweiten Male, und ihr zum dritten Male begegnend, grüßte ich sie so, daß
sie es wahrnehmen mußte. Jetzt ertönte ein: »_Oh dio mio!_« aus ihrem
Munde, sie blieb vor mir stehen, und da sie bemerkte, daß ich noch
ungewiß über ihre Person sei, schlug sie den Schleier zurück und sagte:
»_Ma Signore, non mi conoscete?_« und jetzt erkannte ich -- die zu Rom
entführte Nonne in ihr und rief aus: »Ach, Madame Bonnier.« -- »Die bin
ich.« -- »Und Ihr Gatte, Signora?« -- »Steht bei der Armee in Spanien.«
-- Ich begleitete nun die Dame, die über dies Zusammentreffen ebenso
erfreut schien, wie ich selbst, lud sie zu einem Spaziergang in die
elysäischen Felder ein und bat sie, mich von dem, was ihr seit ihrer
Abreise von Rom begegnete, zu unterrichten. Um uns so ungestörter
unterhalten zu können, nahm ich einen Fiaker, mit dem wir vor die
Barriere von Neuilly fuhren. Sie teilte mir nun mit, daß noch große
Schwierigkeiten zu überwinden gewesen, bis sie Bonniers rechtmäßige
Gattin geworden, und sie noch vor der Trauung schon einigemal bereut,
diesen Schritt getan zu haben, später aber weit mehr. Sie habe sich
schon oft wieder in das ruhige friedliche Stilleben des Klosters
zurückgesehnt, wo man von dem Treiben und den Kabalen der bösartigen
Welt nichts wisse und nicht von ihr beunruhigt werde, und wogegen die
kleinen klösterlichen Trakasserien Kindereien seien. In Frankreich und
Paris gefalle es ihr gar nicht. Sie habe noch mit keiner einzigen
Familie ein vertrauliches Verhältnis anknüpfen können und mit ihrer
eigenen sei sie zerfallen, ihr Mann schon bald ein Jahr von ihr
getrennt, und so stehe sie einsam und verlassen in der großen Stadt, wo
sie außer ein paar italienischen Offiziersdamen, deren Männer
gleichfalls bei der Armee in Spanien stünden, und die ungefähr in
demselben Verhältnis wie sie sich befänden, keine Seele kenne. Bei
dieser, im Ton des Schmerzes gemachten Erzählung kamen ihr öfters die
Tränen in die Augen und sie flößte mir die größte Teilnahme ein.
Obgleich leidend und etwas abgehärmt, war Angelika doch noch sehr schön,
ja verführerisch-reizend. Ich suchte ihr allen möglichen Mut
einzusprechen, und da sie sich hauptsächlich deshalb beklagte, daß ihr
Mann ihr so selten Nachricht von sich gebe, stellte ich ihr vor, daß
dies von Spanien aus jetzt nicht anders sein könne, da die
Kommunikationen oft so schwierig, ja nicht selten ganz abgeschnitten
seien. Es waren bereits über fünf Monate, daß er ihr zum letztenmal, und
zwar von der portugiesischen Grenze aus, geschrieben hatte. Was sie am
meisten zu quälen schien, war, ob ihr Bonnier auch wohl treu geblieben
und nicht andere Liebeshändel gehabt, denn, wie sie gehört, seien die
Spanierinnen den Männern sehr gefährlich. Ich lächelte über die Naivität
der guten Exnonne und versicherte ihr, daß dies bei mir nicht der Fall
gewesen wäre, für andere aber könne ich freilich nicht stehen. -- »Ach,
die Männer, und noch obendrein die Offiziere taugen alle nicht viel.« --
»Wie, haben Sie schon solche Erfahrungen gemacht?« -- »Ach, man hört es
ja jeden Tag von den Herren selbst. Mein Mann hat mir genug davon
erzählt.« -- Ich bat sie jetzt, mir zu erlauben, sie heimbegleiten und
bisweilen besuchen zu dürfen. Etwas verlegen suchte sie das erste
abzulehnen und das zweite hinauszuschieben. -- »Aber Sie werden mir doch
das Vergnügen machen, eine Suppe in einer Restauration mit mir zu
nehmen?« -- Dies akzeptierte sie nach einigen Komplimenten und wir
fuhren nach dem Palais Royal zu den _frères provençaux_, wo ich ein
vollständiges und sehr leckeres Diner nebst den feinsten Weinen
servieren ließ. Madame Bonnier wurde nun munterer, aufgeweckter und
zutraulicher, und als ich sie nochmals bat, sie nach Hause bringen zu
dürfen, gestand sie mir offenherzig, daß sie sich schäme, mich in ihrer
Wohnung zu empfangen, weil diese gar zu schlecht sei, und offenbarte,
daß nur daher ihre Weigerung gerührt habe. Sie habe nur ein kleines
Dachkämmerchen, zur höchsten Not möbliert, nebst einem Alkoven zum
Schlafen, und zwar im ersten Stock eines Hauses, wenn man vom Himmel
herabsteige. Diese Bedenklichkeit wußte ich bald zu beseitigen, und
nachdem wir getafelt und den Kaffee eingenommen, fuhren wir in die
damals noch sehr entlegene und wenig bewohnte Straße Lazare, wo wir an
einem unansehnlichen Hause ab- und fünf Treppen hinaufstiegen. Die Dame
öffnete ein schlecht verschlossenes Mansardenzimmer, das allerdings auch
nicht den mindesten Anschein von Wohlhabenheit, sondern Dürftigkeit und
Mangel verriet. Zwei wackelnde Stühle, ein Tisch in demselben Zustand,
ein Stück von einem Spiegel, ein alter Koffer machten das ganze
Ameublement aus. Errötend sagte Madame Bonnier eintretend: »Hatte ich es
Ihnen nicht gesagt, daß ich eigentlich keinen honetten Menschen hier
empfangen kann?« -- »Jedes Gemach, das Sie bewohnen, wird zum
Prachtsaal,« antwortete ich ihr, »Ihre Gegenwart würde selbst die Hölle
zum Himmel umschaffen.« Dabei erlaubte ich mir, sie auf die Stirne zu
küssen. Die Nahrung und das übrige Leben der armen Frau war ganz im
Einklang mit ihrer Wohnung. Doch war mehr Mangel an Einrichtung,
Erfahrung und Weltkenntnis als Mangel an Subsistenzmitteln schuld, denn
ihr Mann ließ ihr monatlich neunzig Franken von seinem Gehalt zurück,
die ihr in Paris ausgezahlt wurden; und wenn man keine großen Sprünge
damit machen konnte, so war es doch hinlänglich für eine Person, die
sich einzurichten verstand, um auszukommen, ohne Not zu leiden,
besonders wenn man eine so wohlfeile Wohnung hatte. Aber die Dame wurde
von allen, mit denen sie zu tun hatte, bestohlen und betrogen. Kaum daß
sie zur Not den Wert des Geldes kannte. Sie hatte eine sogenannte _femme
de menage_, die sich jeden Morgen einfand, ihre kleine Aufwartung und
Kommissionen besorgte, sie aber alles doppelt und dreifach bezahlen ließ
und ihr dazu noch die schlechtesten Viktualien lieferte, nur Ausschuß,
und außerdem ein Teufel von einem alten Weibe war, die sich nicht das
Geringste sagen ließ, sondern die arme Frau, die sich nicht zu helfen
wußte, mißhandelte und beschimpfte, wenn sie es wagte, ihr irgendeine
Bemerkung zu machen. Dies alles sah ich bald ein und tat Madame Bonnier
den Vorschlag, vor allem eine andere Wohnung zu suchen. Da sie mir
einwandte, daß dies ihre Mittel nicht erlaubten, erwiderte ich: »Lassen
Sie mich dafür sorgen.« Sodann riet ich ihr, sich des alten Drachen, der
sie so schlecht bediene und betrüge, zu entledigen. Aber sie fürchtete
sich vor dem Weibe und wagte es nicht, ihr zu kündigen. Dies nahm ich
auch auf mich, und als die böse Sieben wieder schlechte Ware zu hohem
Preis gebracht und noch obendrein Händel anfing, ging ich ihr derb zu
Leibe, ihr das schändliche Benehmen gegen Madame Bonnier vorhaltend. Sie
entschuldigte sich damit, daß ihr Charakter einmal so sei. Ich versetzte
darauf: »Jedermann hat seinen eigenen Charakter, der meinige ist, daß
ich solche Kanaillen zur Türe hinauswerfe,« und damit machte ich die
Türe auf und hieß sie sich packen. -- »Ich habe noch einen Monat zu
bleiben und eher gehe ich nicht.« -- »Das wird sich gleich finden, was
hast du noch zu fordern?« -- Madame Bonnier sagte: »Sie erhält fünfzehn
Franken monatlich von mir.« -- Ich warf sie ihr hin. -- »Ich habe auch
noch siebenundzwanzig Franken für Auslagen zu fordern.« -- Auch diese
gab ich ihr, hieß sie nun sich trollen und verbot ihr das Wiederkommen.
Aber noch wollte sie nicht gehen und schimpfte. Nun riß mir die Geduld.
Ich packte sie beim Arm, warf sie zur Türe hinaus und die Treppe hinab.
Sie schimpfte noch bis auf die Straße und wollte klagen; indessen hörte
ich nichts weiter von ihr. Ich beurlaubte mich von der Dame mit einem
Abschiedskuß, den sie mir dankend erwiderte, und mietete in der nahen
Straße Montblanc eine ziemlich geräumige möblierte Wohnung mit zwei
Schlafzimmern und einem hübschen Salon in der Mitte, nebst einem _Salle
à manger_. Alles für hundertsechsundzwanzig Franken monatlich. Nachdem
dies geschehen, holte ich Madame Bonnier ab, welche, als sie das Logis
sah, ausrief: »_Ma é troppo bello!_« Ich zeigte ihr alle Piecen und
fragte sie: ob sie mir wohl erlauben wolle, das eine Schlafzimmer zu
beziehen. -- Errötend antwortete sie mir: »_Ma ella é il Padrone._« --
»Und dann trennt uns ja der Salon,« versetzte ich lächelnd. Ich ließ nun
gleich ihre wenigen Sachen hierherbringen, sorgte auch für ein Pianino
und eine Gitarre, und in den nächsten vierundzwanzig Stunden waren wir
beide in der neuen Wohnung installiert, in der wir auch bald wie Mann
und Frau lebten. Ich ließ eine Conturière, eine Modistin und eine
Lingère kommen und bat sie, ohne Umstände das zu bestellen, was sie am
nötigsten bedürfe, indem wir später schon abrechnen würden. Nur mit der
größten Bescheidenheit machte sie von diesem Anerbieten Gebrauch, so daß
ich genötigt war, selbst dafür zu sorgen, daß sie an Kleidern, Putz und
Wäsche wenigstens das Unentbehrlichste erhielt, wobei sie jeden
Augenblick ausrief: »_Ma é troppo, Signore!_« Wir führten jetzt eine
artige Haushaltung zusammen, das Essen ließ ich von einem Restaurateur
bringen oder wir aßen auch bei einem solchen, und verlebten die
Flitterwochen recht vergnügt, da ich mit meiner Interims-Gattin die
Promenaden, die Theater, Konzerte und sonstigen Vergnügungsorte
besuchte, der nun auch das Pariser Leben besser zu gefallen begann.
Eines Tages erhielt ich eine Einladung zur Tafel vom Kriegsminister, die
ich mit großem Vergnügen annahm, hoffend, daß mir dieses Gelegenheit
geben würde, mein Privatanliegen, die Versetzung zur Garde, zur Sprache
bringen zu können. Dies war aber nicht der Fall; es waren viele Generäle
und Stabsoffiziere bei Tische, ich konnte kaum ein paar Worte mit Clarke
wechseln, welche Miollis betrafen, und mußte unaufhörlich Fragen
beantworten, die man hinsichtlich der Verhaftung und Entführung des
Papstes an mich tat. -- Ich hatte Madame Bonnier vorgeschlagen, den
Versuch zu machen, sie einigermaßen mit ihrer Familie wieder
auszusöhnen. Sie aber meinte, das würde sehr schwer sein. Ich schrieb
nun in dieser Angelegenheit an Miollis, meldete ihm zugleich den Erfolg
meiner bisherigen Bemühungen und meine Hoffnung für die Zukunft und bat
ihn, sich doch nachdrücklich bei der Familie der Madame Bonnier zu
Pesaro für diese unglückliche Dame verwenden zu wollen. Dies hatte einen
so günstigen Erfolg, daß sie auch bald nachher einen Wechsel von
tausendfünfhundert Franken und das Versprechen von ihren Verwandten
erhielt, daß man ihr von Zeit zu Zeit kleine Unterstützungen zukommen
lassen wolle. Angelika war nun außerordentlich vergnügt, und schien
ihren Mann, der vielleicht in den Armen einer hübschen Andalusierin oder
Kastilianerin schwelgte, in den meinigen ganz zu vergessen. Sie nannte
mich: »_Il suo caro marito_«, und ich sie: »_Ma petite femme_«, und die
ehemalige Braut Christi wurde ein ganzes Weltkind. Was ihr hauptsächlich
viel Vergnügen gewährte, war der Besuch der großen Oper und der
Ballette, die mit einem unerhörten Prachtaufwand gegeben wurden und zum
Teil wahrhaft bezaubernd waren, wie zum Beispiel >_La fête de Mars_<,
>Amor und Psyche<, >Das Urteil des Paris<, >Venus und Adonis< und so
weiter, und Künstler, wie Gardels, die Saulnier, Clotilde, Marelie,
Bigottini, Vestris, Beaupré und so weiter, tanzten alle wie Götter, die
sie repräsentierten. Da die Karnevalszeit nahte, so wurde das Leben
immer lustiger und namentlich machten auch die Maskenbälle der großen
Oper meiner jungen Frau großes Vergnügen. Die italienischen Opern, die
im Theater _de l'Impératrice_ (Odeon) gegeben wurden, versäumten wir
nie, da sie Angelika großes Vergnügen zu bereiten schienen. Seltener
besuchten wir das französische Theater, bisweilen die Komödie und die
Vaudevilles. Die Akademie _impériale de musique_ in der Straße Richelieu
hatte zu jener Zeit einen hohen Grad der Vollkommenheit erreicht. Die
ausgezeichnetsten musikalischen Talente nicht nur Frankreichs, sondern
von ganz Europa waren hier konzentriert und vereinten alles, was
Gesicht, Gehör und Gefühl zu entzücken vermag. Pracht und Pomp waren mit
Geschmack und Kunst verbunden. Dekorationen, Kostüme, Maschinerie war
erstaunenswert. Kompositeurs, Maler, Musiker, Sänger und Tänzer, alles
harmonierte und wetteiferte miteinander, die allgemeine Bewunderung zu
erregen. Armidas Zaubergärten, Psyches Feenpalast, Agamemnons Lager und
so weiter waren magische Täuschungen, und die Lainez, Laforet, Derivis,
Nourrit (Vater) und so weiter bildeten ein Ensemble der Vokalmusik, wie
man es an diesem Theater seitdem nicht wieder sah. _Aux français_
glänzten damals Talma, Lafond, Saint Prix, Fleury, die Leverd, Mars,
Duchenois, Volnais und so weiter. Es bedarf wohl nur dieser Namen, um
sich eine Vorstellung von dem machen zu können, was hier geleistet
wurde, namentlich von dem einzig unerreichbaren Talma und der Mars. Die
Werke Racines, Corneilles, Crébillons, Voltaires, Molières wurden in der
höchsten Vollendung und in der reinsten Sprache gegeben, die man nur
hier hörte. Ein Hochgenuß war es, >Phädra<, >Britannikus<, >Zaïre<,
>Tartüffe< aufführen zu sehen. Im Theater der Kaiserin, dem zweiten
französischen, war es bei weitem nicht mehr das, doch war das Lustspiel
gut, und ich sah Kotzebuesche Stücke hier allerliebst aufführen, so auch
>_Misanthropie et repentir_<, von dem jedoch ein französischer Kritiker
sagte: daß, nachdem man sich während fünf Akten gelangweilt, man endlich
eine Szene lang weinen müsse. Nichtsdestoweniger war das Haus überfüllt,
so oft das Stück gegeben wurde. Angelika, die wenig davon verstand,
wollte jede Szene von mir erklärt haben. Ich hütete mich aber, ihr die
ganze Wahrheit zu sagen, fürchtend, daß ich auch bei ihr eine Reue
erwecken könnte. Die komische Oper und das Vaudeville, _la Gaïté_ und
das _Ambigu comique_, die wir bisweilen besuchten, waren alle gut
besetzt. Großen Gefallen fand meine junge Frau an den Darstellungen
Franconis und seiner zwei- und vierbeinigen Akteurs. Ich zeigte ihr auch
die Kunstschätze des Louvre, die man nicht oft genug sehen konnte, und
das Fenster, aus dem Karl IX. verruchten Andenkens in der
Bartholomäusnacht auf die fliehenden Protestanten schoß. Seine Mutter,
die Megäre Katharina von Medicis, hatte das Morden eine Stunde früher
als zur verabredeten Zeit beginnen lassen, aus Furcht, ihr Sohn möchte
anderen Sinnes werden. Aber er zeigte sich ihr vollkommen würdig.
Vierzigtausend Menschen büßten ihr Leben bei der Pariser Bluthochzeit
ein, und Karl schrie unaufhörlich: »_Tue, tue, mordieu, ils
s'enfuient!_« -- Das Höllenfest würdig zu feiern, schrieb der Papst
sogar ein Jubeljahr aus! -- Jetzt waren alle Meisterwerke der Kunst aus
ganz Italien und was noch aus Griechenland stammend vorhanden war, neben
den französischen und anderen in den Sälen des Louvre ausgestellt. Nie
hatten Malerei und Bildhauerkunst so viel unsterbliche Werke in einem
Tempel vereint gesehen. Unter ihnen war die weltberühmte Laokoonsgruppe,
der Apoll von Belvedere, die mediceische Venus und so weiter neben dem
Herrlichsten, was Raphael, Titian, Rubens, Michel Angelo und so weiter
geschaffen. In wenig Jahren mußten alle diese Gäste die Rückreise nach
der Heimat wieder antreten. Die wilden Bestien im _Jardin des plantes_
besuchten wir auch einigemale und bewunderten dort die Zedern vom
Libanon, machten auch nach und nach die Wanderung durch fast alle
Kirchen der Hauptstadt. In dem Karusselhof vor den Tuilerien malte ich
Angelika die Schreckensszenen vom 20. Juni und 10. August, die Ludwig
XVI. Thron und Leben kosteten, nachdem er sich noch jede Art Demütigung
hatte müssen gefallen lassen, recht lebendig aus.

Während der Flitterwochen meiner Interimsehe war ich nur wenig zum
Fürsten Y. gekommen und mußte daher manche, gerade nicht unfreundliche
Vorwürfe deshalb von ihm hören, da er sehr oft unwohl war und Gicht und
Podagra ihm die meiste Zeit Stubenarrest gaben. Nach den ersten vierzehn
Tagen meiner Vermählung fing ich jedoch an, ihm und anderen Dingen etwas
mehr Zeit zu widmen. Ich ritt auch wieder mehr aus und entsprach den
Wünschen Sr. Durchlaucht, indem ich ihm einige Stunden vorlas und öfters
kleine Soupers fins arrangierte, zu denen ich die ausgezeichnetsten
Künstler und Künstlerinnen von der Oper und des français einlud, und die
daher äußerst unterhaltend und vergnügt waren, aber auch viel Geld
kosteten, woran dem Fürsten jedoch nichts lag. Eines Tages nahm ich
Madame Bonnier mit zu einem solchen Abendessen, indem ich sie, wie ich
mit ihr verabredet hatte, für eine italienische Sängerin ausgab, die
hier Engagement suche. Der Fürst war ganz entzückt von ihr und
verlangte, daß ich sie öfters einladen solle. Ich wich dem Gesuch jedoch
aus, indem ich Seiner Durchlaucht sagte, daß die Künstlerin bereits
wieder nach Italien abgereist sei, indem sie hier ihren Zweck nicht habe
erreichen können. -- »O das ist jammerschade!« exklamierte Fürst Y. --

Wenn Seine Durchlaucht wohl waren, geruhten sie bisweilen die Spielsäle
im Palais Royal zu besuchen. Ich ging auch manchmal allein dahin, um das
interessante Treiben zu beobachten und pointierte hier und da einmal.
Eines Abends, als ich aus dem französischen Theater kam, trat ich im
Vorbeigehen noch in einen Spielsaal und warf, nachdem ich einige Male
rouge oder noir besetzt hatte, einen doppelten Napoleon auf eine Nummer
des Rouletts. Es war Fünfunddreißig; sie kam heraus und ich erhielt
sechsunddreißigmal den Satz. Ich rollte das Gold zusammen und sagte, es
auf der nämlichen Nummer stehen lassend: »_Aut Caesar aut nihil!_« und
die rollende Kugel fiel abermals in dieselbe Nummer! Jetzt erhielt ich
die Summe von einundfünfzigtausendachthundertvierzig Franken in Gold! --
Statt mich klüglich mit diesem Kapital zu entfernen, fuhr ich fort, _à
tort et à travers_, Nummern, _rouge et noir_, _pair et impair_, Kolonnen
und so weiter zu besetzen, und noch ehe eine Stunde vergangen, war mein
ganzer Reichtum wieder zu Wasser geworden, und kaum einige zwanzig
Franken in der Tasche, verließ ich lange nach Mitternacht das Palais
Royal. Ich tröstete mich leicht über den Verlust des Gewinstes. Das Geld
hatte zu jener Zeit keinen oder wenig Wert für mich, und wer weiß, zu
was es gut war, denn ungefähr um diese Zeit, einige Wochen später, fiel
eine greuliche Geschichte vor, welche ein ähnlicher Spielgewinst
hervorgerufen hatte. Ein junger Mensch hatte eines Abends über
dreißigtausend Franken in Gold gewonnen und entfernte sich darauf nach
ein Uhr in der Nacht aus dem Spielsaal. Er war der Sohn eines nicht
unbemittelten Mannes, der jenseits der Seine, in der Gegend des
Pantheons wohnte. Das Palais Royal verlassend, glaubte er bald darauf
sich von ein paar verdächtigen Kerls verfolgt zu sehen. Es war schon
sehr einsam in den Straßen und er beeilte sich, die Pont-neuf zu
erreichen, was ihm auch glücklich gelang. Hier war zu jener Zeit ein
kleiner Wachtposten von einem Korporal und drei Mann aufgestellt. Bei
diesem angekommen, ging er in die Wachtstube und bat den Korporal, er
möge ihm doch einen Mann zur Bedeckung mitgeben, da er viel Geld bei
sich habe und sich von ein paar verdächtigen Individuen verfolgt glaube.
Er wolle die Eskorte gut belohnen. Der Wachtkommandant schien erst
einige Schwierigkeiten zu machen, indem er vorwandte, daß seine
Mannschaft zu gering sei, als daß er einen Mann entbehren könne, besann
sich jedoch bald eines anderen, hieß den jungen Menschen einen
Augenblick warten, und verließ dann das Wachtzimmer, vorgebend, daß er
sich mit der Schildwache noch besprechen wolle. Er rief dann noch einen
der beiden anderen Soldaten heraus, mit dem er einige Zeit darauf
zurückkam, und nach diesem auch den dritten Mann, der dem Fremden
unterdessen Gesellschaft geleistet hatte. Mit diesem kehrte er nach
mehreren Minuten ebenfalls in das Zimmer zurück, und alle drei fielen
nun auf ein von dem Korporal gegebenes Zeichen über den jungen Menschen
her, verstopften ihm schnell den Mund und knebelten ihn, so daß er
keinen Laut von sich geben konnte, nahmen ihm dann das Geld ab und
stürzten ihn über die hohe Brücke in die Fluten der Seine hinab, da, wo
das Wasser gerade am reißendsten unter den Bogen rauscht und am tiefsten
ist. Der junge Mann war aber ein guter Schwimmer, erreichte glücklich
das nahe Ufer und lief jetzt auf den nächsten größeren, von einem
Offizier kommandierten Posten, dem er, was ihm soeben geschehen war,
erzählte. Dieser sandte sogleich eine starke Patrouille unter dem
Kommando eines Sergeanten ab, der die Wache samt der Schildwache
umzingelte, das saubere Kleeblatt mit der Teilung des Goldes beschäftigt
fand und es verhaftete. Alle passierten das Kriegsgericht, der Korporal
wurde erschossen und die Soldaten lebenslänglich auf die Galeere
geschmiedet. Der Vorfall gab ganz Paris auf vierundzwanzig Stunden Stoff
zur Unterhaltung.

Der unterdessen herangekommene Karneval gewährte uns manche
Unterhaltung. Ich besuchte teils in Gesellschaft Angelikas, teils mit
dem Fürsten Y. inkognito verschiedene Belustigungsorte. Die Masken, die
sich auf den Boulevards zeigten, vom Temple bis zur Madeleine, waren
aber nicht sehr elegant, ja zum Teil sehr lumpig, und konnten sich denen
zu Rom und anderen Städten Italiens nicht an die Seite stellen, sowie
auch das hiesige Karnevalstreiben ein ganz anderes wie das in Italien
ist. Die gemeinen Franzosen machen wohl manche witzige Späße, arten aber
nur zu oft in Plattitüden und rohe Gemeinheiten aus, während die
Italiener, auch die der untersten Klassen, noch immer eine gewisse
Dezenz bei dieser Gelegenheit beobachten. Der _Boeuf gras_ ist der
Kulminationspunkt des ganzen Festes. Ein kolossaler, bis zum Zerplatzen
fettgemästeter Ochse, der Mühe hat, seine ungeheure Fleischmasse
fortzubewegen, wird von einem Kinde, den Fleischerkönig darstellend,
geritten und von der ausgelassensten und sonderbarsten Eskorte
begleitet, die aus nachgeahmten Deputationen aus allen Weltgegenden,
allen Zeiten und allen Ständen bestehen, unter denen die Bewohner des
Landes auf Stelzen einherschreiten, Wilde und Chinesen, Mamelucken und
Kalmücken, Mexikaner und Peruaner, Kosaken und Slovaken, Panduren und
Heiducken, Mohren und Mulatten, Pierrots und Harlekins und Völker, deren
Wohnsitze auf Erden gar nicht bekannt sind, sich befinden und das
Kortege bilden. Gelehrte Franzosen behaupten, daß sich der Ursprung
dieser grotesken Zeremonie noch von den Galliern herschreibt, die einem
Stier göttliche Verehrung zollten. Während der Revolution war diese
Fette-Ochsen-Prozession unterblieben, erst unter dem Kaiserreich wurde
sie wieder hervorgeholt. Als im Jahre 1739 der Ochsenzug, wie es der
Gebrauch, sich dem König und seiner Familie vorgestellt hatte, dann nach
dem Hotel des ersten Parlamentspräsidenten begab und diesen nicht daheim
fand, nahm er seine Richtung gerade nach dem Justizpalast und stieg samt
dem Ochsen und den ihn begleitenden Reitern die breiten Treppen am
Palais hinauf, präsentierte sich dem Herrn Präsidenten im Gerichtssaal,
schritt durch alle Säle und verließ den Themistempel, die Treppe, die
auf den Dauphinsplatz führt, hinabsteigend. Während dem Karneval waren
alle Kneipen und Schenken zu Paris und vor den Barrieren mit Masken und
seltsam kostümierten Individuen beiderlei Geschlechts angefüllt, die ein
wildes tolles Treiben vollführten. Diese in die barocksten Anzüge
gehüllten Menschen, die unaufhörlich durcheinander schreien und brüllen,
pfeifen, mit Gläsern und Flaschen klirren, die Fäuste aufschlagen und
mit Füßen stampfen, daß Wände und Tische zittern, unter dem
ohrenzerreißenden Gekratze von Bierfiedlern oder dem Spielen falscher
Orgeln und Heulen der Dudelsäcke, haben kaum noch durch ihre Gestalt
etwas Menschliches an sich, und man ist geneigt, sie eher für eine
Gattung wilder Bestien zu halten. Hier thront eine Hallendame als Venus,
mit Zinnober ziegelrot das Gesicht bemalt, in einem Schlendrian aus den
Zeiten Ludwig XV., dort ist ein fünfzigjähriger rußiger Schlossergeselle
als Amor mit kurzen Hosen, nackten Armen und Beinen, einen halben
Faßreif mit einem Strick umgehängt, einen Bogen vorstellend, nebst einer
Kufe voll Gänsekiele statt der Pfeile. Apollo und ein paar Musen spielen
und saufen einen giftig gebrauten Wein hinter einem Tisch, vor ihnen
steht ein Trupp Amazonen, mit Hackbeilen bewaffnet, mit denen in Kampf
sich einzulassen wohl nicht rätlich wäre. Eine keusche, bis über die
Knie aufgeschürzte Diana ist mit einem sechs Schuh langen halben Mond
versehen und beschenkt taumelnd ihren neben ihr sitzenden Endymion
verschwenderisch mit den saftigsten Küssen. Jetzt tritt ein Haufen
Ritter, die Götter mögen wissen, von welcher Gestalt, mit einem Trupp
Kobolde ein, alle haben scheußliche Larven vor. Türken in zerlumpten
alten Schlafröcken mit papiernen Turbanen und so weiter. Dies sind die
Charaktermasken und Kostüme des Pariser Karnevals, denen man in den
Straßen begegnet und die man in allen Guinguetten findet. Es wäre der
Mühe wert, diese Physiognomien zu studieren. Eine Ronde um diese Zeit
durch die Bastringues und Tanzlokale von Paris zu machen, ist wohl
ergiebig und mag dem Menschenfreund wie dem Menschenkenner manches zu
denken geben. Die Bälle des Tivoli _d'hiver_, der Eremitage, des Prado,
Retiro und so weiter bis auf die lebensgefährlichen Sauf-, Raub- und
Mordhöhlen vor den Barrieren durchstöberte ich, um das Volkstreiben der
berühmten verrufenen Hauptstadt ganz kennen zu lernen. Da führt ein
Lumpenmann (Chiffonier) eine Herzogin der guten alten Zeit, _dame de
haut parage_, am Arm, und läßt sie von Zeit zu Zeit einen Schluck aus
seiner Branntweinflasche tun, dort verliert sich ein Großsultan mit
einer Grobwäscherin, der er das Schnupftuch zugeworfen, in irgendein
heimliches Gemach. Die Gavotten, Kontertänze, Farandolen, alles wird
durcheinander gerast. Plötzlich erscheint ein vierschrötiger Kerl im
Matrosen- oder Lazzaronikostüm oder ein fast ganz nackter Wilder, der
die _partie honteuse_ kaum mit einigen Blättern, die zerfetzt an ihm
herabhängen, bedeckt, und kündigt schreiend einen Solotanz an, den er
unter dem infernalischsten Getöse und Gebrüll ausführt. Auf den
Boulevards reiten die tollsten Masken auf Eseln, Schindmähren, sitzen
auf der Imperiale der Fiaker, deren Kutscher ebenfalls maskiert sind.
Sogar Hunde laufen mit Masken umher. Dies waren die Lustbarkeiten des
Pariser Karnevals, die auch der Fürst Y., durch meine Berichte neugierig
gemacht, ein paarmal mit mir inkognito besuchte. Während der Republik
war es noch viel ärger, da sah man unter anderen Nonnen auf Eseln
reiten, an deren Schwanz Priester im Ornat, das Meßbuch in der Hand,
gebunden waren.

Mit Angelika besuchte ich zu dieser Zeit nur die Theater, besonders die
französische und italienische Oper, wo wir die Meisterstücke der ersten
Komponisten in hoher Vollendung aufführen sahen, namentlich auch Mozarts
>_Nozze di Figaro_<, >_La Molinara_<, Paesiellos >_Barbiero di
Seviglia_< und so weiter.

Unterdessen hatte sich einige Zeit nach der Scheidung Napoleons von
Josephinen plötzlich das Gerücht verbreitet, ersterer würde eine
österreichische Prinzessin heiraten, dem man aber anfänglich wenig
Glauben schenken wollte; ja viele Franzosen betrachteten es als
unmöglich. Da aber das Gerücht bald zur unleugbaren Gewißheit wurde,
machte diese Neuigkeit einen unbeschreiblichen Eindruck in ganz
Frankreich und dessen Hauptstadt. Im ersten Augenblick war man vor
Überraschung stumm. Als aber der erste Eindruck und die Bestürzung
vorüber waren, machte sich die fast allgemeine Mißbilligung hinsichtlich
dieser Ehe in den ungemessensten und unvorsichtigsten Ausdrücken Luft.
»Wie,« hieß es, »und darum von der besten und liebenswürdigsten Frau
geschieden, um eine österreichische ... zu heiraten. Hat die Erfahrung
nicht gelehrt, was die Österreicherinnen, die auf dem französischen
Thron saßen, für namenloses Unglück über Frankreich gebracht? -- Sind
wir denn in Frankreich so arm an edlen Jungfrauen, die würdig wären, den
französischen Kaiserthron zu zieren und der Nation Regenten zu schenken?
Einer Französin hätte hundertmal eher diese Ehre gebührt, als dieser
autrichienne, die Napoleons und unser Unglück machen wird.« Unglaublich
ist es, welche Stimmung diese Neuigkeit unter allen Ständen
hervorbrachte und selbst beim Heer. »_Une autrichienne! -- est -- il
possible au monde!_« war der ewige Refrain, den einer dem anderen
zurief; »eher würde ich eine französische Magd geheiratet haben.« Dabei
war nichts Komischeres als die Verblendung des österreichischen
Gesandtschaftspersonals zu Paris, das sich einbildete, die Franzosen
fühlten sich überaus glücklich und hochgeehrt durch die Wahl des
Kaisers, und die Herren trugen jetzt die Nasen um einige Zoll höher.
Niemand von Napoleons Umgebung getraute sich jedoch, ihn mit dieser
Stimmung des Volkes bekanntzumachen und ihn aus der beglückenden
Unwissenheit deshalb zu reißen. Hätte er sie genau gekannt, so würde er
schwerlich die Ehe mit Maria Louise vollzogen haben. Selbst der gemeine
Soldat und der Taglöhner sprachen nur wegwerfend und verächtlich von
dieser Verbindung, und als seine Mitteilung an den Senat dieserhalb
bekannt wurde, in der es unter anderem hieß: »_Nos peuples aimeront
cette princesse pour l'amour de nous, jusqu'à ce que témoins de toutes
les vertus qui l'ont placée si haut dans notre pensée, ils l'aiment pour
elle même_,« gab dies zu den bittersten Satiren, zu beißendem Spott
Anlaß, der sich sogar in heimlich gedruckten Spottliedern Luft machte.
Die Dankadresse des Senats, die Absendung Neufchatelles, die Trauung per
procura zu Wien und so weiter, dies alles mußte Stoff zu Satire,
Spöttereien und gehässigen Anmerkungen geben, die der sonst so wachsame
Fouché wenn nicht gar zu nähren, doch zu ignorieren für gut fand. Ich
muß gestehen, daß auch mir, der ich diese Stimmung genau kannte, nicht
ganz wohl zumute bei der Sache war. Mit Josephinen schien auch Napoleons
Glückstern von ihm gewichen.

Damals geschah es, daß man _aux français_ eine Orange mit einem
Zettelchen auf die Bühne warf, in die Orange selbst aber hatte man einen
Louisdor mit dem Gepräge Louis XVI. gesteckt. Das Publikum forderte die
auf der Bühne befindlichen Akteurs zum Lesen des Billetts auf. Da diese
aber Anstand nahmen, dem Begehren Folge zu leisten, so gab es einen
bedeutenden Lärm und großen Tumult, der immer ärger wurde und erst
endigte, als einer der Schauspieler mit dem Billett an die Rampe trat
und andeutete, daß er zum Lesen bereit sei. Jetzt wurde alles stille und
er las: »_Gardez le Louis et jettez l'écorce!_« Es lautete aber auch
wie: »_Gardez le Louis et jettez le Corse!_« Von mehreren Seiten wurde
Beifall geklatscht, der jedoch schnell verstummte und wahrscheinlich nur
in aller Unschuld von Personen gezollt wurde, welche den Calembourg gar
nicht verstanden hatten, oder nur aus Gewohnheit, weil man bei solcher
Veranlassung immer zu klatschen pflegt, klatschten. Die Sache machte
großes Aufsehen in Paris, und der Akteur, der ebenfalls in aller
Unschuld das Billett gelesen hatte, erhielt einen tüchtigen Wischer und
wurde entlassen.

Unterdessen dachte auch ich jetzt an eine Scheidung von meiner
liebenswürdigen Angelika, der ich zwar immer sehr wohl wollte, aber die
Flitterwochen waren vorüber, der Reiz der Neuheit verschwunden, und dies
Zusammenleben fing an, mir lästig zu werden. Wenn man so ewig umeinander
ist, bleibt die Langeweile nicht aus, und obgleich Madame Bonnier einen
lebhaften Geist hatte, so machte auf der anderen Seite die
Klostererziehung, wenig Welterfahrung und Mangel an wissenschaftlicher
Bildung, daß ihre Unterhaltung nur dürftig und einseitig war. Als ich
ihr unsere bevorstehende Trennung unter dem Vorwand, daß es der Dienst
heische und ich doch vielleicht Paris bald verlassen müsse, ankündigte,
war sie darüber ebenso untröstlich, als es Josephine gewesen sein soll,
da ihr Napoleon eine ähnliche Eröffnung machte; auch mich hatte es
einige Überwindung gekostet, der guten Frau diese Mitteilung zu machen.
Ich suchte ihren Schmerz möglichst zu mildern, indem ich ihr versprach,
so lange ich noch in Paris verweile, sie täglich zu besuchen, daß mir
aber das fernere Beisammenwohnen große Unannehmlichkeiten und Nachteile
von seiten Napoleons zuziehen würde, der mir selbst den Befehl zum
Ausziehen gegeben habe. Mit meinen Verhältnissen und dem Leben überhaupt
so ganz unbekannt, schenkte die gute Angelika diesen Worten vollkommen
Glauben. Die Wohnung bezahlte ich drei Monate voraus und mietete mir
eine andere in der Nähe des Palais Royal, besuchte aber meine
Geschiedene noch oft, bis ich nach und nach seltener wurde und sie sich
mehr und mehr wieder an das Alleinsein gewöhnte, doch führte ich sie
bisweilen noch in die Theater und an andere öffentliche Orte und sorgte
auch sonst auf das beste für sie.

Häufiger fand ich mich nun wieder bei dem Fürsten Y... ein, der mich
fast in allen Dingen um Rat fragte und immer mehr Geschmack an den
_Soupers fins_ fand, da er nicht oft imstande war, auszugehen, daher
gerne die Theaterschönheiten bei sich figurieren und intrigieren sah und
soviel als möglich mitagierte. An Präsenten ließ er es nicht fehlen, und
so kam man gerne, und da die Damen wußten, daß ich dabei zu Rate gezogen
wurde, so machten sie mir sogar den Hof. Monseigneur neigte sich zur
Chevigny und zur Clotilde, mich aber bezauberte mehr die Mars und die
Gardel, weshalb ich auch diese bei den Preisausteilungen vorzüglich
begünstigte. Letztere erhielt sogar einmal einen prächtigen Wagen des
Fürsten, dessen Eleganz sie sehr gerühmt und der über sechstausend
Franken gekostet, zum Geschenk. Dennoch fand sie _son Altesse
insupportable_ und wußte ihr immer zu echappieren, während ich sie und
die Mars zu Partien in die Umgebungen von Paris einlud und ohne
Vorwissen Seiner Durchlaucht in der fürstlichen Equipage abholte.
Besonders gerne wählte ich das Wäldchen von Romainville, _les prés de
Saint Gervais_ und Neuilly zu dem Schauplatz der galanten Abenteuer mit
den Theaterfürstinnen, und dann sangen wir:

   Que l'on est heureux, joyeux,
   Tranquille à Romainville,
   Ce bois charmant
   Pour les amants
   Offre mille agrémens etc.

Eines Tages kam während eines solchen Soupers beim Fürsten Y. die
Sprache auf die famose Halsbandgeschichte, auf Cagliostro, dessen
Zitationen der Toten und so weiter. Der Fürst äußerte, daß er ganz
außerordentliche Dinge von Personen, die ihnen beigewohnt, davon gehört
habe, und durch den Champagner schon ziemlich heiter gestimmt, rief er
aus: »Ich wäre begierig, doch auch einmal dergleichen zu sehen.« --
»Wenn Eure Durchlaucht die Kosten bestreiten wollen,« versetzte ich, »so
mache ich mich anheischig, Derselben ein ganzes Regiment Toter aus allen
Zeiten erscheinen zu lassen.« -- »Ich halte Sie beim Wort,« versetzte
der Fürst, der eben einen Wald seines deutschen Fürstentums an einen
Pariser Juwelier für eine bedeutende Summe und für diversen Schmuck, der
in die Hände der Theaterprinzessinnen fiel, verkauft hatte und daher bei
Kasse war.[9]

[Fußnote 9: Als dieser Juwelier nach Offenbach reiste, um Besitz von
seinem Wald zu nehmen, erklärte ihm aber der Premierminister des
Fürsten, ein gewisser Geheimrat Goldner, daß Se. Durchlaucht nicht
berechtigt seien, diesen Wald, der Staatsdomäne sei, zu verhandeln; der
Mann geriet über diese Entdeckung zur Verzweiflung und erschoß sich.]

»Wohlan, Durchlaucht,« sagte ich nun, »um die Sache recht feierlich zu
machen, werde ich ein prächtiges Nachtmahl veranstalten, bei dem all die
Toten erscheinen sollen, die Sie zu sehen und mit denen Sie zu speisen
wünschen.«

»Gut, wir wollen die Liste der Gäste anfertigen, es müssen ein paar
Dutzend großer Toten sein, die geladen werden sollen.« In einer
Gesellschaft, bei der diesmal auch Talma nebst der Mars und anderen
zugegen war, kamen wir mit der Genehmigung des Fürsten überein, folgende
Personen zu zitieren: den König Salomon, die Königin Saba, Alexander den
Großen, Noah, den Patriarchen Abraham, die Rachel, Moses, Semiramis,
Kleopatra, Aspasia, Cäsar, Alcibiades, Helena, die keusche Susanna, Karl
den Großen, Diana von Poitier, Johanne d'Arc, Ludwig XI., Luther, Sixtus
V., Ludwig XIV., Maria Stuart, Elisabeth von England, Heinrich IV.,
Papst Alexander VI., Lucretia Borgia, die römische Lucretia samt dem
älteren Brutus, Friedrich den Großen, Maria Antoinette und endlich den
Cagliostro selbst. Dies waren die Toten, welche die Ehre haben sollten,
an dem mitternächtlichen Mahl des Fürsten Y. teilzunehmen. Die meisten
davon hatte ich in Vorschlag gebracht und erteilte mir selbst das Amt
eines Zeremonienmeisters bei diesem Fest, dabei machte ich zur
Bedingung, daß mir die Anordnung des Ganzen überlassen bleibe und sich
durchaus niemand, selbst Seine Durchlaucht nicht einmischen dürfe,
sondern nur die später einlaufenden Rechnungen zu berichtigen habe. Ich
bat mir acht Tage Zeit zu den Vorbereitungen aus, die mir auch bewilligt
wurden, rekrutierte nun meine Toten aus dem Personal verschiedener
Theater, namentlich unter den Künstlern der großen Oper, des Balletts
und des französischen Theaters, und Talma, die Duchenois, die Mars, die
Gardel, Klotilde, Leverd, Lainez, Beaupré, Saulnier, Vestris, Nourrit,
Maillard, Laforet und andere waren mit von der Partie und hatten sich
auf meine Einladung dazu verstanden, jeder eine Totenrolle zu übernehmen
und dem seltsamen Fest beizuwohnen. Nach Übereinkunft mußte sich ein
jeder gegen billige Vergütung, der übernommenen Rolle gemäß, möglichst
historisch treu kostümieren. Haut und Gesicht mußten eine Totenfarbe
haben. Ich ließ den großen Salon in der Wohnung des Fürsten Y. ganz mit
schwarzem Tuch drapieren, sogar Decke und Fußboden mit solchem belegen,
die Wände wurden mit aus weißem Tuch geschnittenen Totenköpfen und
Totenknochen verziert, die ganze Beleuchtung wurde durch blaues
spirituöses Licht veranstaltet. Die Tafel wurde ganz schwarz gedeckt,
jede Stelle, auf welche Schüsseln oder Teller placiert werden sollten,
war durch einen Kranz von Totenknochen bezeichnet. In der Mitte des
Tisches stand ein hoher Tafelaufsatz, aus Totenköpfen und Knochen von
Zucker sehr künstlich nachgebildet, bestehend. Alle Servietten waren von
schwarzem Seidenzeug und hatten in der Mitte einen bekränzten Totenkopf
und ins Kreuz gelegte Knochen an den vier Ecken, von Silberborden
zierlich ausgeschnitten und aufgenäht. Vierundzwanzig schwarze
Kandelaber mit silbernen Verzierungen standen ringsherum an den Wänden,
auf denen blaue Spiritusflammen brannten, ebensoviel versilberte Lampen
hingen von der Decke herab. Alle Armstühle waren schwarz überzogen, und
an dem Rücken eines jeden war nach Umständen ein bekrönter oder
behelmter Totenkopf angebracht, auf den für die Päpste bestimmten
prangte die dreifache Krone über und Petris Schlüssel unter dem Kopf,
alles in Silber. Außerdem war der Saal längs der Decke ringsherum mit
schwarzen Wolken drapiert, deren Fransen Totenknochen und deren Quasten
Totenköpfe vorstellten, ebenso waren die Fenstergardinen drapiert. Für
die Tafel selbst hatte ich die ausgesuchtesten Leckerbissen bei den
_frères provençaux_ bestellt zu fünfzig Franken per Kopf ohne Wein. Der
Tischwein war Ai und Rosé, und zu Dessertweinen Tokaier, Kapwein,
Schiras und Johannisberger. Ein Kaiserpunsch machte den Beschluß dieses
schwelgerischen Totenmahles. Vierundzwanzig in Leichentücher gehüllte
dienende Geister besorgten die Aufwartung, und eine gleiche Zahl
gleichkostümierter Musikanten, welche nur Trauer- und Totenmärsche
spielen sollten, machten Tafelmusik, auf einem Castrum Doloris sitzend.
Das aus Zuckerwerk bestehende Dessert stellte alle möglichen Embleme des
Todes vor, unter anderen eine sehr künstlich gearbeitete Gruppe
tanzender Skelette. Alle Schüsseln, Teller, Flaschen und Becher waren
schwarz angelaufen, und die Gläser hatten schwarze Ränder. Fürst Y., der
als Sesostris dem Mahl beiwohnen sollte, hatte einen eigenen
schwarzsamtnen Thronsessel, mit silbernen Sternen gesät, und ein
gekrönter versilberter Totenkopf war auf der Spitze des Rückrandes
angebracht.

Eine halbe Stunde vor Mitternacht an dem bestimmten Abend wurden
sämtliche Gäste in den zu diesem Feste gemieteten Leichenkutschen
abgeholt und versammelten sich in dem ebenfalls schwarz behangenen und
düster beleuchteten Vorzimmer des Fürsten Y. Als die Glocke Mitternacht
anzeigte, ertönten zwölf dumpfe Hammerschläge auf einem ehernen Schild,
und mit dem letzten Schlag öffneten sich die Flügeltüren des
Speisesaals, aus dem Wolken wohlriechenden Rauches drangen, welche die
Eintretenden einhüllten. Die doch etwas überraschten Gäste traten
paarweise ein, wo ich sie als Zeremonienmeister in schwarzem
altspanischem Kostüm empfing, dem Fürsten Y.-Sesostris vorführte, dann
jedem seinen Platz anwies, doch alles nur vermittelst Zeichen und
Gebärden. Die Kostüme der sämtlichen Repräsentanten der berühmten Toten
waren überaus prächtig, aber alle hatten ein schauerliches, bleiches,
totenähnliches Ansehen. Bei ihrem Eintreten ertönte ein feierlicher
Totenmarsch, den ich schon früher noch für das Regiment Y. komponiert
hatte; auch die Musik war in Rauchwolken, die aus silbernen Kohlpfannen
aufstiegen, gehüllt. Man nahm, immer ein tiefes Schweigen beobachtend,
Platz an der Tafel, die mit indischer Vogelnester-, Schildkrötensuppe
und Kaviar und Austern eröffnet wurde, wobei man sich nur beinerner
Löffel und Gabeln bediente. Die servierenden Geister kredenzten
reichlich Ai und Rosé; Y.-Sesostris brach endlich das Schweigen, mehrere
der Toten über manche Dinge und Umstände aus ihrem Leben befragend,
wobei er bisweilen höchst seltsame und komische Aufschlüsse erhielt; so
wollte unter anderen Kleopatra durchaus eine Zeitgenossin des Kolumbus
und die Helena bei der Pariser Bluthochzeit gegenwärtig gewesen sein.
Man wurde jetzt gesprächiger, und als das Dessert herangekommen und der
brennende Kaiserpunsch erschienen war, gab mir Sesostris ein Zeichen,
und die Musik stellte ihre Trauer- und Totenharmonien ein und ließ nun
bacchantische Lieder und fröhliche Tänze unter Pauken und Trompeten
erschallen. Es wurden muntere Lieder angestimmt, man tanzte, und die
männlichen und weiblichen Toten machten sich zum Teil recht artig den
Hof; Y.-Sesostris hielt sich an Diana Poitiers-Leverd und ich an die
Mars-Lucretia. Bis zum Grauen des Tages währte das wunderliche Fest, wo
sich nacheinander sämtliche Toten zu einer zeitlichen Ruhe begaben und
ich meine keusche Lucretia heimbegleitete. Die Geschichte machte
indessen so großes Aufsehen in Paris und wurde mit solchen
Übertreibungen und Zusätzen erzählt, daß selbst Napoleon Notiz davon
nahm. Als ich ein paar Tage darauf mit Talma und einigen Offizieren im
Palais Royal frühstückte, sagte ersterer, es solle ihn wundern, wenn der
Kaiser den Fürsten Y. nicht wegen dieses Totenfestes zur Rede stelle.
Denselben Tag hinterbrachte ich dem letzteren diese Äußerung des großen
Künstlers, der immer Zutritt bei Seiner Majestät hatte. Der Fürst lachte
darüber, aber kaum waren wir vom Tisch aufgestanden, als eine Order kam,
die ihn für den kommenden Morgen vor dem furchtbaren Napoleon zu
erscheinen befahl. Den anderen Tag fuhr er zu der beorderten Zeit in die
Tuilerien, kam nach einer guten Stunde ganz außer sich zurück und rief,
ins Zimmer tretend, wo er mich, ihn erwartend, fand, aus: »Das ist eine
infame Geschichte, der Teufel hat mich geritten, so etwas zuzugeben.«
Als die Durchlaucht etwas ruhiger geworden war, teilte sie mir mit
abgerissenen Worten und fragmentarisch mit, was zwischen ihm und dem
Kaiser vorgefallen war. Dieser hatte ihm unter anderem in einem sehr
aufgebrachten und strengen Ton gesagt: »Unter dem Vorwand der Gicht
bleiben Sie in Paris, statt dem Armeekorps, dem Sie zugeteilt sind, nach
Spanien zu folgen, machen hier Streiche, die meine ganze Hauptstadt in
Alarm setzen und alle Frommen in Aufruhr bringen. -- Päpste in vollem
Ornat haben Katzensprünge und Purzelbäume und Gott weiß was alles, und
zwar in der Fastenzeit, bei Ihnen gemacht. Ich hoffe, daß Sie in der
kürzesten Frist imstande sein werden, sich zu Ihrem Armeekorps zu
verfügen.« Hierzu hatte nun Seine Durchlaucht nicht die geringste Lust,
ja er hätte lieber seinen Abschied genommen, wenn dies ohne die höchste
Ungnade und vielleicht gar sein Land zu verlieren, angegangen wäre. Ich
suchte ihn zu beruhigen und sagte ihm, man müsse nur den ersten Zorn des
Kaisers vorübergehen lassen, dann würde man schon Mittel finden, ihn zu
besänftigen. -- »Sie haben gut reden und können dazu lachen, denn
obgleich Sie den ganzen Teufelsspuk veranstaltet haben, so ...« -- »Doch
nur auf Befehl, Eure Durchlaucht!« -- »... so gehen Sie doch leer aus.«
Ich riet nun dem Fürsten, Talma zu einem Frühstück einzuladen, da dieser
von der Partie gewesen, vortrefflich mit Napoleon stünde und gewiß der
Mann wäre, der die Sache wieder ins Gleise bringen könne. Dies leuchtete
der trostlosen Durchlaucht ein, die mich mit der Einladung des berühmten
Schauspielers beauftragte. Ich fuhr zu diesem, unterrichtete ihn von dem
Vorgefallenen und dem Anliegen des Fürsten, er schlug aber das Frühstück
mit den Worten aus: »Ich habe keine Zeit dazu, aber das tut nichts,
lassen Sie mich nur machen, ich werde die Sache arrangieren. Der Kaiser
und ich, wir sind ja doch nur zwei große Komödianten, wenn auch jeder
auf einer anderen Bühne, das gilt gleich, wir verstehen uns doch. --
Sagen Sie Ihrem Fürsten, er möge nur ruhig sein, ich würde dieser Tage
die Ehre haben, ihm aufzuwarten.« -- Ich hinterbrachte diese Unterredung
dem Fürsten, die ihn jedoch nicht sehr befriedigte. Aber Talma hielt
Wort, schon den anderen Tag fuhr er bei Seiner Durchlaucht vor und
rapportierte derselben, daß er den Kaiser von allem der Wahrheit gemäß
in Kenntnis gesetzt habe, ihm klar gemacht, daß es Lügen und
Übertreibungen seien, was man sich im Publikum hinsichtlich dieses
Festes erzählte, und es so weit gebracht, daß Napoleon endlich selbst
darüber gelächelt und ihn mit einem kleinen Wischer und dem Auftrag, den
Fürsten Y. zu beruhigen und ihm zu sagen, er möge nur seiner Gesundheit
pflegen, entlassen habe. Der große Kaiser hatte seine Gründe, mit dem
großen Mimiker, der ihm in früheren schlimmen Zeiten gar manchmal ein
Mittagessen bezahlte, glimpflich umzugehen. Wer war froher als Fürst Y.
und ich mit, denn leicht hätte es mir im Garten wachsen können, daß auch
ich, wenn die Sache näher untersucht worden wäre, _stante pede_ aus
Paris fortgemußt hätte. Der Spaß hatte übrigens Seiner Durchlaucht über
fünfzehntausend Franken gekostet.



                             Namenregister.
                             Zweiter Band.


   Abercromby, General 389
   Andreossy, General 350
   Altieri, Principe 343
   Anton, Infant 237, 260, 267, 271
   Atri, Herzogin von 331
   Beauharnais 244, 245
   Benincasa, Bandenchef 182 f., 192
   Berthier 357, 358
   Billiard, Oberst 325
   Bracchi, Duca 343
   Branciforte, Marchese 236
   Burista, Gräfin 290
   Canova 66
   Caprara, Kardinal 343
   Carlos, Infant 261, 271
   Cesarini, Principessa 41 f., 72, 97, 101 f., 163, 202, 414
   Clarke, Kriegsminister 417, 424
   Contarino 395
   Cravagante, Marchesa 331
   Davoust 357
   Detrées, General 316
   Duhesme, General 300, 302
   Dupont, General 210, 228, 258, 259, 269, 276, 291
   Düret, Bataillonschef 38, 39
   Duroc 358
   Escoiquitz, Kanonikus 237
   Falio, Oberst 286
   Ferdinand VII. von Spanien 212, 235, 237, 238 f., 246, 258 f., 271, 274
   Festa, Primadonna 45
   Francatrippa, Bandit 180 f., 312
   Francisko, Infant 261, 267
   Frias, Herzog von 241
   Gardel, Tänzerin 426, 443, 444
   Godoï 212, 221, 228, 235, 236 f., 243, 245 f., 258 f., 273
   Grouchy, General 236, 266
   Guillelmi, Jorge de, Generalkapitän 278
   Hessen-Philippsthal, Prinz von 179
   Infantado, Herzog von 237
   Joseph Bonaparte 28, 32, 174 f. 274, 291, 314
   Joseph II. 220
   Josephine 423 f.
   Julie, Königin, Gattin Joseph Bonapartes 174 f., 178, 201
   Jünot, Marschall 209
   Karl IV. von Spanien 212, 221, 228, 236 f., 245 f., 258, 260, 267
   Karl, Erzherzog 355
   Karoline Bonaparte 311, 315, 331
   Kaufmann, Angelika 44
   Klinger 2
   Lacoste, Ingenieuroberst 290 f.
   Lamarque, General 316
   Lecchi, General 302, 309
   Lefebvre-Denouette, General 277, 280 f., 284, 297
   Leverd, Schauspielerin 418
   Livron, General 317
   Lowe, Hudson 316, 319
   Lucian Bonaparte 242
   Marlot, Bataillonschef 211
   Mars, Schauspielerin 418, 426, 433, 443, 444
   Massena, 357
   Massimiliano, Bildhauer 67
   Matuccio, Kastrat 12
   Medina, Herzog von 241
   Menou, General 371, 389
   Miollis, General 340, 342 f., 414, 417, 424
   Moncey, Marschall 210, 227, 276
   Montchoisy, General 139, 148
   Montferras, General 316
   Mouret, General 139
   Murat 220, 227, 229, 234, 235, 236, 241 f., 258 f., 266 f., 274, 313,
      314 f., 330 f., 336 f.
   Napoleon 39, 212, 220, 239, 241 f., 258, 261 f., 271 f., 275 f., 280,
      290, 339, 343 f., 350 f., 392, 413, 423 f., 447
   Neapel, Ferdinand IV. von 34
   Nunez, Graf Fernandes 241
   Omeara, Oberst 152, 165, 179, 201
   Pacca, Kardinal 349
   Palacios, Generalkapitän 302
   Palafox 277, 278 f., 285, 288, 291 f.
   Pauline Bonaparte 424
   Pignatelli, Prinz, General 316
   Pius VI. 40
   Pius VII. 39, 40, 340 f.
   Radet, General 347 f.
   Rapp, General 353
   Regnier, General 179, 337
   Salicetti 315, 335
   Savary, General 244 f.
   Sissé, General 311
   Talma 444, 447 f.
   Torlonia, Bankier 40, 42, 98, 311, 414
   Vasi, Antiquar 65
   Vedet, General 258
   Verdier, General 277, 285 f., 291 f.


                     Anmerkungen zur Transkription

Diese Ausgabe von 1916 wurde gegenüber der Erstausgabe von 1848/49 »um
Weitschweifigkeiten und Wiederholungen verkürzt«, wie der Herausgeber im
Nachwort konstatiert (Band 3). Die Kürzungen im Text wurden in
der 1916'er Ausgabe folgerichtig in den Rubriken sowohl im
Inhaltsverzeichnis am Anfang des Buches als auch am Beginn der
jeweiligen Kapitel reflektiert. Wo dies versehentlich zu Diskrepanzen
zwischen den beiden jeweiligen Rubriken geführt hatte, wurden in dieser
eBook-Ausgabe nach eingehendem Vergleich mit der Erstausgabe die jeweils
überzähligen Rubriken entfernt. Darüber hinaus wurde jedoch kein
weitergehender Versuch unternommen, die generelle Übereinstimmung von
Kürzungen im Text und im Inhaltsverzeichnis zu überprüfen.

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere
Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

   [S. 5]:
   ... und ihrer Männer gestört worden waren. Besonders ...
   ... und ihrer Männer gestört worden wären. Besonders ...

   [S. 19]:
   ... »Corpo die Bacco,« fiel er ein, »das waren meine Mädchen! ...
   ... »Corpo di Bacco,« fiel er ein, »das waren meine Mädchen! ...

   [S. 48]:
   ... sich morgen vormittag zu San Sebastian fuori le mure ein, ...
   ... sich morgen vormittag zu San Sebastian fuori le mura ein, ...

   [S. 74]:
   ... ich, und dies ist schon viel, sehr viel. Du kannst mir
       vermittelst ...
   ... ist, und dies ist schon viel, sehr viel. Du kannst mir
       vermittelst ...

   [S. 163]:
   ... bestimmt, vereitelt wurde. Ich stieg in einer Albergha an ...
   ... bestimmt, vereitelt wurde. Ich stieg in einem Albergo an ...

   [S. 196]:
   ... die Unterhändlerin zwischen der Signora Bergelli und mir ...
   ... die Unterhändlerin zwischen der Signora Bergella und mir ...

   [S. 300]:
   ... wir alles mitgehen hießen, was wir als verdauungsfähig ...
   ... wir alles mitgehen ließen, was wir als verdauungsfähig ...

   [S. 398]:
   ... der Contarino doch ein galantissimo nuomo sei. Wir trennten ...
   ... der Contarino doch ein galantissimo uomo sei. Wir trennten ...

   [S. 403]:
   ... die Paläste Este, Bevilaqna und andere sind prächtig. Das ...
   ... die Paläste Este, Bevilacqua und andere sind prächtig. Das ...





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 2 - Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers" ***

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