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Title: Mensch und Erde - Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden
Author: Kirchhoff, Alfred
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Mensch und Erde - Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden" ***

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  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

    Der vorliegende Text wurde anhand der 1901 erschienenen Buchausgabe
    so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
    Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
    altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
    unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.

    Im Original finden sich Teile der Buchwerbung für die Reihe ‚Aus
    Natur und Geisteswelt‘ sowohl am Anfang als auch am Ende des
    Buches. In der vorliegenden Fassung wurden vom Bearbeiter beide
    Teile vereinigt und an das Ende des Texts gestellt.

    Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden
    Sonderzeichen gekennzeichnet:

        kursiv:    _Unterstriche_
        Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
        gesperrt:  +Pluszeichen+
        Antiqua:   ~Tilden~

  ####################################################################



                      Aus Natur und Geisteswelt.

                               Sammlung

          wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen
                    aus allen Gebieten des Wissens.

                             31. Bändchen.


                           Mensch und Erde.

          Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden.

                                  Von

                           Alfred Kirchhoff.

                            [Illustration]

                               Leipzig,

                  Druck und Verlag von B. G. Teubner.

                                 1901.



   Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechts, vorbehalten.



                            Otto Jonassohn

                        in treuer Freundschaft
                               gewidmet.



Vorwort.


Vorliegende Skizzen waren ursprünglich gar nicht für den Druck
bestimmt. Ich hatte sie vielmehr als Unterlagen zu Vorträgen vor einem
weiteren Hörerkreis ausgearbeitet. Einer der Vorträge, gehalten im März
d. J. am Institut für Meereskunde zu Berlin, ist bereits in Hettners
Geographischer Zeitschrift veröffentlicht worden; alle übrigen wurden
im Auftrag des Hamburger Senats im Oktober 1899 vor der Hamburger
Bürgerschaft gehalten und erscheinen hier zum erstenmal im Druck.

Indem ich nun, um mehrseitigen Wünschen nachzukommen, diese
anspruchslosen Skizzen der Öffentlichkeit übergebe, kann ich ihnen
nur den einen Wunsch mit auf den Weg geben, daß sie ebenso freundlich
teilnehmende Leser finden mögen wie sie sich aufmerksamer Hörer zu
erfreuen hatten.

    +Halle a. S.+, im Juli 1901.

                                                      =Der Verfasser.=



Inhalt.


                                                                   Seite


    I. Das Antlitz der Erde in seinem Einfluß auf die
       Kulturverbreitung und die tellurische Auslese seitens
       der einzelnen Länder                                            1

   II. Das Meer im Leben der Völker                                   15

  III. Steppen- und Wüstenvölker                                      33

   IV. Der Mensch als Schöpfer der Kulturlandschaft                   55

    V. Geographische Motive in der Entwicklung der Nationen           73

   VI. China und die Chinesen                                         95

  VII. Deutschland und sein Volk                                     111



I.

Das Antlitz der Erde in seinem Einfluß auf die Kulturverbreitung und
die tellurische Auslese seitens der einzelnen Länder.


Schon aus dem griechischen Altertum erklingt der Streit über die
Vormacht zwischen Erde und Menschheit. Die neuere Erdkunde hat ihn
unparteiisch geschlichtet. Plato, zufolge der idealistischen Richtung
seiner gesamten Weltanschauung in dieser Streitsache entschieden
Parteimann, fällt das Urteil: Nicht das Land hat sein Volk zu eigen,
sondern das Volk sein Land. Gründlichere Betrachtung enthüllt uns
jedoch überall ein stetes Wechselverhältnis von Land und Volk,
Menschheit und Erde. So gewiß die Menschheit zu keiner Zeit in allen
ihren Zuständen, in allen ihren Thaten unmittelbar abhängig war von
der Mutter Erde, so vermag sie sich doch nie und nimmermehr aus deren
Banden zu lösen.

Und wer könnte heutzutage bezweifeln, daß die Gewalt unseres Planeten
über unser Geschlecht größer sei als diejenige des letzteren über
jenen? Wohl trifft gegenwärtig mehr denn je der Sophokleische
Triumphgesang zu: „Nichts ist gewaltiger als der Mensch“, indessen
doch nur im Vergleich mit den übrigen Geschöpfen, unter denen er sich
kraft seiner Geistesentfaltung die Oberhand gewann. Mit den niedersten
Organismen des Tier- wie Pflanzenreiches teilt der Mensch so zu
sagen die Rangliste im Weltall: er ist ein Geschöpf, eine Geburt des
Erdplaneten. Er bleibt wie alle die anderen Lebewesen dieses kleinen
Weltkörpers an bestimmte Oberflächenteile desselben gekettet; schon
in mäßiger Tiefe unter unseren Sohlen läßt uns die Gluthitze des
Erdinneren nicht leben, und selbst vorübergehend als Luftschiffer
vermag der Mensch nur wenige Kilometer ins Luftmeer sich zu erheben,
weil ihn furchtbare Kälte nebst Sauerstoffmangel aus den ätherischen
Höhen zurückscheucht. Ja, dies räumlich so eingeschränkte Dasein der
Menschen auf Erden ist nicht einmal von Ewigkeit zu Ewigkeit; nein, es
fügt sich auch zeitlich in enge Schranken, wie sie von der Erdnatur
bestimmt werden. Wie gern träumen wir davon, die Erde sei nur für uns
erschaffen! Aber wir wissen doch jetzt, daß der Erdball einstmals
Millionen von Jahren durch den Weltenraum in kreisähnlichen Bahnen
dahinsauste, ohne irgend welches organische Leben zu beherbergen;
endlich, nachdem sich seine Lavaschmelzglut durch Ausstrahlung gekühlt,
der Ozean aus der Atmosphäre auf die nun erstarrte Steinkugel des
Erdpanzers niedergeregnet war, tauchten Geschöpfe auf, als Spätling
auch der Mensch. Indessen er wird gleich allen Mitgeschöpfen sein Leben
nur so lange fristen, als die unentbehrlichsten Lebensbedingungen
nicht versiegen, vor allem das nötige Maß von Wärme und das Wasser.
Seit kurzem erst kennen wir die gänzliche Unbeständigkeit jeglicher
Ortstemperatur; wir wissen, daß in größeren Zeiträumen Eiszeiten mit
wärmeren Perioden wechseln und das polare Eis schon einmal z. B. den
nordamerikanischen Boden bis in süditalienische Breiten gänzlich
überzog. Wie, wenn diese Wärmeschwankungen dereinst das Eis des Nord-
und Südpols im äquatorialen Gürtel sich zur Vernichtung alles Lebens
zusammenschließen lassen? Oder wie, wenn schon vorher die Erkaltung
des Erdinneren das Wasser, jetzt noch untief im Untergrund durch
Dampfspannung gehalten, daß es Quellen bilden, Meeresbecken füllen
kann, in den Abgrund des Erdinneren versinkt, wie auf solche Weise
offenbar der Mond, als kleinere Kugel rascher erkaltet, das Wasser
von seiner Oberfläche verloren hat? In dem einen Fall ist eisige
Polarlandschaft, im anderen fahle Wüste der Schauplatz des Hinsterbens
der letzten unseres Geschlechts. Aber, als sei gar nichts verändert,
wird dann die Erde gleichwie vormals weiterrollen in ihrer Bahn ohne
Leben, ohne Menschenherzen.

In dieser flüchtigen Phase des Menschendaseins auf Erden nun spendet
uns der irdische Wohnraum Nahrung, Wohnung, Kleidung und giebt
unserem Thun die Richtung. Schon darum, weil alle jene Darbietungen
nicht ins Ungemessene wachsen können, ist das Grundmaß aller
Menschenleistung, die Gesamtzahl der Menschheit, an die Flächengröße
des Landraums der Erdaußenseite notwendig gebunden. Und wie viel der
Menschheitsschicksale läßt sich aus der Verteilung, aus der Bauweise
der Landmasse herauslesen, was man mit Eduard Sueß’ geflügeltem Wort
„das Antlitz der Erde“ zu nennen pflegt! In drei großen Weltinseln
ragt das Festland aus dem alles umspannenden Ozean, als Ostfeste,
Westfeste und Australkontinent. Auf darwinistischer Grundlage beruht
die gesicherte Einsicht, daß die weitaus größte der drei Weltinseln,
die unsrige, als Ursprungsstätte des Menschen betrachtet werden muß.
In so entlegener Urzeit jedoch, allem Anschein nach vor Ausbildung
der artikulierten Sprache, ist der Mensch nach den beiden anderen
Erdfesten hinübergezogen, daß im Lauf ungezählter Jahrtausende nach
dem Gesetz des Variierens organischer Formen zumal beim Ausschluß der
Vermischung mit der unveränderten Form drei Hauptgruppen von Völkern
und von Sprachen sich herausbildeten nach Maßgabe des Küstenzugs der
drei Weltinseln. Was man auch beibringen mag von vermeintlichen Zügen
näherer Verwandtschaft zwischen den Mongolen Asiens und den Indianern,
zwischen den Negern Afrikas und den Australiern, jedenfalls befaßte
Amerika bis 1492, Australien bis 1788 eine körperlich, noch weit mehr
sprachlich und sittenkundlich geschlossene Sondergruppe der Menschheit
im Gegensatz zur Ostfeste, deren Größe und vielfache Trennung durch
Meere, Wüsten, gewaltige Bodenerhebungen zwar gleichfalls zur
Dissoziierung der ursprünglich völlig gleichartigen Menschheit in
Völker, ja in Rassen führte, nur ohne diese hermetisch voneinander
abzusondern.

Vornehmlich kulturell ist die Trennung in die drei Erdfesten aufs
schärfste umgeprägt worden auf die Menschheit. Einzig unsere Ostfeste
erfand die Kunst der Tierzüchtung behufs Melkerei und entdeckte das
Geheimnis, das nützlichste aller Metalle, das Eisen, aus seinen Erzen
darzustellen. Dermaßen wirkungsreich erwies sich der Verschluß der
Festen durch das Meer, bis der Wagemut europäischer Schiffahrt die
fliegenden Brücken über alle Ozeane schlug, daß nicht einmal über die
Beringsenge Eisenverhüttung oder Züchten von Melktieren aus Nordasien
in die neue Welt eindrang. So hoch die Gesittung der Altamerikaner in
Mejiko und Peru gediehen, nie hat man dort Stahl und Eisen gekannt vor
Hinkunft der Spanier; und dasselbe Renntier, das von Lappland bis nach
Ostsibirien seit alters gemolken wurde, haben Eskimo wie Indianer immer
nur gejagt.

Der nördlichen Halbkugel gehört das meiste Land, darum war sie von
jeher die hauptsächlichste Heimstätte der Menschheit. Besonders
umfangreich ist ihr Anteil an dem gemäßigten Erdgürtel, dieser
glücklichen Zone, in der des Menschen Leibes- und Willenskraft
gestählt wird, ohne wie im arktischen Raum aufzugehen im Kampf gegen
die Unbilden der polaren Natur; nach Süden pflegen die Erdteile in
zipfelförmige Halbinseln oder in kompakte Keilgestalten auszulaufen,
so daß nur verschmälerte Teile von Südafrika und Südamerika in die
südliche gemäßigte Zone tiefer hineinragen. Somit kann sich unsere
Erdhälfte des Doppelvorzugs rühmen, zugleich die meisten und die
thatkräftigsten Bewohner zu besitzen. Auch in Südamerika rafft sich
zur Zeit der an Chile und Argentinien aufgeteilte außertropische
Süden zu kraftvollerer Haltung auf. Wie viel gewaltiger jedoch stehen
in wirtschaftlicher, staatlicher, geistiger Größe innerhalb des
Nordgürtels menschlicher Schaffungskraft Europa, China, Japan, die
Vereinigten Staaten!

Wüsten und Polarlande werden ihre Bewohner nie zu höheren
Verdichtungsgraden gelangen lassen. Zwischengelagert zwischen Landen
fruchtbareren Klimas bilden wüsten- oder steppenhafte Trockenräume
dauernde Schranken für Kulturausbreitung und Völkermischung, weil
sie den Verkehr nur von Oase zu Oase, im günstigsten Fall längs
eines Flußlaufs, immer also bloß auf beschränkten Linien zulassen.
So hielt die Sahara durch die Jahrtausende unsere Rasse von der
Negerrasse getrennt, bildete mit der arabischen Wüste zusammen die nie
überschrittene Äquatorialgrenze des Römerreichs. Der centralasiatische
Trockenraum, dessen Unwegsamkeit durch den massigen Hochlandcharakter,
durch die höchsten Gebirge noch wesentlich gesteigert wird, sperrte
von jeher die indische Welt ab von der sibirischen, die chinesische
von der des Abendlandes. Umgekehrt begrüßen wir in schiffbaren Strömen
wertvolle Leitlinien der Erschließung und Gesittung der Länder. In
wenigen Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts drangen die Europäer auf dem
Orinoko, dem Amazonenstrom, dem Parana ins Herz von Südamerika ein;
Jahrtausende hingegen währte es, bis man in Afrika mit seinen von
Stromschnellen verriegelten Flußstraßen ebenso weit kam. Nicht voll
vierzig Jahre brauchte die kleine Kosakenschar, Sibirien für den Zaren
zu erobern, indem sie die feine wurzelartige Stromverflechtung im
Süden des Landes benutzte, um die unermeßlichen Nadelholzwälder bis
zum ochotskischen Busen zu durchmessen; und genau längs diesen Strömen
hat danach die russische Kolonisation sich ostwärts vorgeschoben, den
nur von zwei Meereslücken unterbrochenen Ring der Europäisierung des
Nordens unserer Erde bei Wladiwostok schließend.

Das Gesicht der Erde zeigt weit größere Verschiedenartigkeit als das
des Mondes. Neben den eintönigen Flächen Afrikas, vollends Australiens
erblicken wir scharfe Ländergliederung, vor allem im breiten Norden der
Ostfeste; gröbere auf weiterem Raum in Asien, feinere, gleichsam in
Miniatur gearbeitet, in Europa. Daher stammen die großen Gegensätze von
asiatischen Völkerindividualitäten, zu denen die beiden Riesenvölker
der Erde, das Vorderindiens und das Chinas gehören, neben der
reizvollen Vielheit europäischer Nationen in so viel engeren Grenzen.
Dem Umriß nach nichts als eine größere, vom Uralgebirge aus westwärts
vorgestreckte Halbinsel Asiens, bekam dies Europa eben dadurch das
Gepräge eines selbständigen Erdteils, daß es in seiner unvergleichlich
zierlichen Ausgliederung, seiner Fülle von Meerbusen und Sunden, seiner
teilweisen Auflösung zu Halbinseln sowie Inseln, seiner Durchzogenheit
mit Gebirgen, die den Halbinseln stärkeren Abschluß gegenüber dem Rumpf
verleihen und auch diesen wieder in sich zergliedern, ein ganzes System
von Ländern vorstellt. Dieses System europäischer Länder deckt sich
mit dem der Hauptvölker Europas. Auch das bestimmt einen gleichartigen
Charakterzug zwischen beiden, daß die Einheit in der Mannigfaltigkeit
künstlerisch gewahrt blieb. So viel gleichmäßiger Bodennatur, Klima,
Pflanzen- und Tierwelt das kleine Europa einigen im Gegensatz zu Asien,
so viel winzigere Meeresspiegel sich in seine Zackengestalt einfügen,
so viel leichter überschreitbare Gebirge die Lande scheiden, so giebt
es auch eine gesamteuropäische Kultur, keine gesamtasiatische.

Daß so oft Wohnflächen von Völkern mit natürlich geschlossenen
Landräumen zusammenfallen, ist ein wissenschaftlich noch wenig
untersuchtes Problem. Nur Stumpfsinn kann es für selbstverständlich
erachten, in Portugal lauter Portugiesen zu finden, aber auch nur
dort echte Portugiesen, in der Apenninenhalbinsel bloß Italiener,
in Frankreich bloß Franzosen, auf den britischen Inseln wesentlich
nur Briten. Das alles sind doch nicht von Urbeginn her gegebene,
sondern geschichtlich gewordene Thatsachen. Rein geschichtliche
Zufälligkeiten sind es indessen auch nicht gewesen, die in Gestalt
von Völkerwanderungen, Eroberungen, Staatsschöpfungen jene Länder mit
ihrem Volk erfüllten. Dazu half die Ländernatur selbst mit, teils
durch die Bestimmtheit ihrer Grenzumhegung, teils durch gewisse
Beeinflussung der in diesem Grenzgehege dauernd Angesiedelten. Es giebt
Wahlverwandtschaften zwischen dem Volk und seiner Heimat. Sie können
sich natürlich erst an Ort und Stelle entfaltet haben, und gleichwohl
greifen sie so tief ins Wesen der Volkstümlichkeit ein, daß wir sie gar
nicht mehr vom Volksgenius zu trennen vermögen. Das Russenvolk wäre uns
z. B. undenkbar auf englischem Boden, das britische auf russischem.
Der russische Bauer, der seit unvordenklichen Zeiten sich an das in
Sommerhitze und Winterkälte schwankende Klima Osteuropas, ohne es zu
wissen, immer von neuem angepaßt, indem er sich in seinem Dampfbad
krebsrot erhitzt und danach unbekleidet in arg durchkältetem Schnee
wälzt, ist ein natursinniges Kind der centralrussischen Waldung; bei
lange Jahrhunderte hindurch einsamem Weilen in kleinen Walddörfern
wurde er Zimmermann, Wagner, Kunstschnitzer in einer Person, gewann
Geschicklichkeit auch für allerlei anderes Handwerk, da er meist für
allen Bedarf allein zu sorgen hatte, und ward im endlos erscheinenden
Raum abenteuerlustiger Wanderer; im Winter nutzte er Frost und
Schnee, selbst pfadlose Moräste zu Fuß oder im Schlitten weithin zu
durchziehen, im Sommer war er wagehalsiger Flößer und Flußschiffer,
nur das Meer kannte er von Haus aus gar nicht. So wurde er der rechte
Festlandkolonist, dessen praktischer Sinn sich nach Maßgabe der
Ausdehnung des Zarenreichs bis ans japanische Meer an immer größeren
Aufgaben erfolgreich bethätigte. Wie anders der Brite, dem auf seiner
für Weltschiffahrt wie geschaffenen Insel der Seemannsberuf nun im Blut
steckt und der jene von diesem Beruf großgezogenen Charaktervorzüge
scharfen Ausspähens, zäher Ausdauer, mutigen Unternehmungsgeistes
einsetzte zur Begründung seiner Seemacht, seiner durch alle Erdteile
verzweigten Handels- und Kolonialstellung!

In einigen Fällen läßt sich schon heute der Nachweis erbringen, wie
die Landesnatur eine förmliche Musterung unter den Einzüglern hält,
um nur den für sie Geeigneten das Bürgerrecht zu erteilen. Eine
solche „tellurische Auslese“, wie ich es nennen möchte, scheint mir
vorzuliegen in der höchst merkwürdigen Beobachtung, daß der größte
Brustumfang, also die umfangreichste Ausbildung der Lunge, allein
diejenigen Völker auszeichnet, die die drei höchsten Hochländer
bewohnen: Tibet, Mejiko und Hochperu. Beim Verweilen in größeren
Seehöhen muß der Mensch naturgemäß mehr Luft einatmen, weil dort die
dünnere Atmosphäre in gleichen Raumteilen weniger Sauerstoff enthält
als auf niedrigeren Höhenstufen. Selbst auf deutschen Mittelgebirgen
ist daher das Atmen der Bewohner tiefer als bei denjenigen am
Gebirgsfuß, wie die betreffenden Messungen der Stellungspflichtigen
ergeben. Der Mensch vermag sich auch bei plötzlichem Versetztwerden
auf Bergeshöhen außer durch tiefere durch häufigere Atemzüge, als
Begleiterscheinungen rascheren Blutumtriebes, unbewußt dem Höhenklima
anzuschmiegen; so bemerkte der französische Naturforscher Vallot,
als er sein Montblanc-Observatorium bezogen hatte, bereits nach
wenigen Tagen an sich eine größere Zahl von Pulsschlägen in der
Minute als er vorher in Genf gezählt. Daß es sich nun aber bei den
in Rede stehenden drei Hochlandvölkern nicht um eine durch bloße
Atmungsgymnastik erzielte Lungenvergrößerung handelt, das lehrt der
anatomische Befund: ihre Lungenflügel bestehen aus einer größeren
Anzahl von obendrein umfänglicheren Lungenbläschen. Welche andere
Deutung also wäre für diesen anziehenden Kongruenzfall von Hochlage
des Wohnraums und abnormer Brustweite zu ersinnen als „tellurische
Auslese“? Verscheucht durch Bedränger oder etwa als streifende Jäger
auf jene tibetanischen, bezüglich amerikanischen Höhen gelangt, waren
die Vorfahren von deren heutigen Bewohnern nur dann ohne Beschwerde zum
Fortleben in der sauerstoffarmen Luft befähigt, wenn der glückliche
Zufall es fügte, daß ihnen der erwähnte reichere Ausbau der Lunge eigen
war. Solchen allein mochte Gesundheit und längeres Leben beschieden
sein; von ihnen werden die Nachkommen den Vorzug geerbt haben, und von
Geschlecht zu Geschlecht wird sodann fortgesetzt natürliche Auslese die
entscheidend bedeutungsvolle Eigenart der Lunge stetig erhalten haben.
Diese Erklärungsweise hat neuerdings eine gewissermaßen experimentelle
Bestätigung erfahren. Als nämlich im Osten von Hochperu, wo der
Amazonas bereits im Tiefland strömt, Goldwäschen am Stromufer eröffnet
wurden, lockte der gute Verdienst auch die breitbrüstigen Aimara,
Nachkommen der alten Inkaperuaner, von ihren alpinen Höhen dorthin.
Bald jedoch erlagen sie dem Klima: die Niederungsluft war ihnen zu
dicht. Nur einige wenige Aimarafamilien erhielten sich am Leben, ja
sie arbeiteten schon in der zweiten Generation auf den Goldwäschen,
als der englische Arzt ~Dr.~ Forbes sie besuchte. Und was fand er?
Aimaras von durchweg schmalerem Brustbau, deren Lungen mithin kein
Übermaß von Sauerstoff zur Verarbeitung aufgebürdet bekamen! Man sieht
demnach: tellurische Auslese hatte sich sofort ans Werk gemacht, die
nicht in den neuen Wohnraum Passenden unerbittlich ausgemerzt, hingegen
die zufällig von der Stammart Abweichenden, für diese Örtlichkeit
Lebensfähigen in züchterische Pflege genommen.

Westindien liefert uns ein anderes Beispiel solcher von der Landesnatur
geübten Auslese. Dem auf dieser herrlichen Inselflur beständig
umschleichenden gelben Fieber erliegen die Eingebornen viel weniger
als Neuankömmlinge. Wie haben nun jene ihre größere Widerstandskraft
gegen das schlimme Krankheitsgift erworben, da sie doch alle, Weiße wie
Neger, von Voreltern stammen, die gar nicht hier zu Hause, sondern im
Lauf der letztvergangenen 400 Jahre eingewandert waren? Das Geheimnis
entschleiert sich, sobald wir den unter unseren Augen noch gleichmäßig
andauernden Auslesevorgang beobachten. Die Erfahrung nämlich lehrt, daß
Zuwanderer aus Klimaten mit strengerer Winterkälte dem Gelbfiebermiasma
Westindiens schlechter widerstehen; es wählt sich somit dieser
Archipel einen größeren Prozentsatz von afrikanischen Negern aus
dem Einzüglerangebot als von Europäern, innerhalb letzterer wieder
einen größeren von Südeuropäern als von Franzosen, einen größeren
von Franzosen als von Deutschen oder gar Osteuropäern; die übrigen
werden den Friedhöfen überlassen. Gemäß der auch unter Angehörigen
derselben Nation vorhandenen individuell verschieden hohen Immunität
gegen das gefährliche Fieber werden z. B. selbst Andalusier in Kuba
oder Portoriko von ihm befallen, jedoch sie kommen leichter durch
als solche aus Gegenden mit Schneewinter, und bei allen Neulingen
auf westindischem Boden bestätigt es sich, daß jede Periode einer
heftigeren Gelbfieberepidemie den Organismus gegen das Miasma immer
besser feit, selbst wenn er vom innerlichen Kampf seiner Säfte gegen
dieses nichts verspürte, also gar nicht aufs Krankenlager gestreckt
wurde. Ganz analog stehen ja auch in den Burenstaaten Südafrikas
diejenigen Pferde, die ausnahmsweise das jährlich wiederkehrende
„Pferdesterben“ überstanden haben, als sogenannte „gesalzene“ d. h.
nun immun gewordene viel höher im Preis, obwohl sie gleichzeitig mit
dem sieghaften Kampf gegen jenes tückische Leiden ein eigentümlich
blödes Wesen annehmen. Auch von uns pflegt ja gegen Masern- und
Scharlachinfektion sich widerstandskräftiger zu bewähren, wer die
Masern- oder Scharlachansteckung schon einmal siegreich überstand. Die
Europäer haben indessen ihre stärkere Festigkeit gegen diese unter
Naturvölkern bei der leisesten Ansteckung so gräßlich verheerend
auftretenden Krankheitsgifte gleichfalls erst errungen und behaupten
sie nur durch unerbittliche Ausmerzung der Untüchtigen. Bei uns,
den Hartgesottenen, merkt man diesen fort und fort anhaltenden
Ausleseakt bloß an etwas erhöhter Kindersterblichkeit während einer
Scharlach- oder Masernepidemie; grausig dagegen offenbart sich der
nämliche Vorgang, wenn er ein erstes Mal einsetzt in einem vorher
von dem Miasma noch unberührt gewesenen Volk. So raffte unmittelbar
nach Besitzergreifung der Fidschi-Inseln seitens der Engländer 1874
Ansteckung durch ein so mäßiges Maserngift, daß es die übertragenden
Briten an sich selbst gar nicht merkten, nicht weniger als 60000 der
braunen Insulaner dahin, Alt und Jung.

Der hohe Norden Amerikas hat in den Eskimo ein wahres Idealvolk von
Anpassung an die harten Lebensbedingungen der Arktis groß gezogen. Kein
Schwächling wurde an den kärglich mit Speise beschickten Tisch der
Eskimolande zugelassen. In Kleidungs- und Wohnweise erklügelte sekulare
Erfahrung ein unübertreffliches System von Gegenwehr gegen eine so
häufig bis unter den Quecksilberfrostpunkt erniedrigte Temperatur;
die Dänen, die sich an Grönlands Westküste häuslich niedergelassen
haben, können dort ihr Dasein nur fristen, indem sie sich genau so
wie die Eingebornen in eng anschließende Pelzkleidung hüllen mit
der ruhenden Luftschicht zwischen Pelz und Oberhaut als trefflichem
Warmhalter nach dem Prinzip der Doppelfenster. Ausschließlich an der
Seeküste zu wohnen gestattet dem Eskimo seine Heimat, weil nur hier
auch im Winter Seehunde zu erlegen sind. Robbenschlag, weiß der Eskimo,
ist für ihn das alleinige Mittel, durch alle Jahreszeiten hindurch
sich zu beköstigen. Wie bei uns der junge Jurist zumeist erst sein
Assessorexamen bestanden haben muß, ehe er die Verlobungskarten drucken
lassen darf, so ist es darum dem Eskimojüngling durchaus erst nach
dem Fang seines ersten Seehundes gestattet, seiner etwas thranigen
Geliebten die Hand zum Ehebund zu reichen.

Doch welch scheinbar unbegreiflicher Gegensatz! Unter diesem
Gorgonengesicht eisiger Polarnatur mit ihrem grauenhaften Winter,
der auf Monate den belebenden Sonnenstrahl der Erde mißgönnt, -- da
erfreuen sich die Eskimo habituellen Frohsinns! Eben hierin offenbart
sich uns eine psychische Naturauslese. Besonders der andauernde
Lichtmangel stimmt die Lebensgeister der Menschen herab und untergräbt
bei dem tief innerlichen Zusammenhang zwischen Leib und Seele gar
bald auch die körperliche Gesundheit. Das veranlaßte ja Julius Payer
nur aus den lustigsten Quarneroli die Mannschaft seines Tegetthoff zu
wählen, und wie viel Kurzweil mußte er trotzdem aufbieten, letztere vor
stumpfer Verzweiflung zu retten, als das Schiff, vom Eis gepackt, ziel-
und willenlos in die anscheinend ewige Polarnacht hinaustrieb! So geht
denn unser Schluß kurz dahin: nur ganz besonders mit Gemütsheiterkeit
begnadete Menschen blieben bei gelegentlichem Eindringen in jene
nördlichsten Breiten, wie sie allein die Westfeste erreicht, am Leben;
gemäß der bekannten Erblichkeit gerade auch der Temperamentsstimmung
vererbten sie diese durch nichts zu beugende Fröhlichkeit auf fernere
Geschlechter, denen dies kostbare Gut, obschon bloß in wenigen
Tausenden von Herzen, dadurch behütet bleibt, daß jedem zufällig zu
Trübsinn Ausartenden von der Natur das Todesurteil gesprochen wird.

Eine andere beneidenswerte Charaktertugend dieser „Letzten Menschen“
gen Norden, ihre Friedfertigkeit, wurde erst recht ersichtlich
tellurisch gezüchtet. Denn ohne Feuerungsstoff zu besitzen mußten sich
die Eskimo durch Abgabe der eigenen Körperwärme vor dem Erfrieren unter
ihrem Obdach wechselseitig bewahren. Der wenn auch deshalb eng und
niedrig gehaltene Innenraum ihrer Hütte ließ sich aber doch nur auf
den erforderlichen Wärmegrad bringen, wenn er durch Halbverschläge zum
Wohnen einer Vielzahl von Familien verwendet wurde. Da hieß es denn:
Vertragt euch hübsch oder erfriert! Die Eskimo zogen verständig genug
das erstere vor und wurden somit trotz ihres vielmehr cholerischen als
phlegmatischen Wesens eine so verträgliche Menschenvarietät, daß sie
selbst Rechts- und Ehrenhändel satirisch-lyrisch ausfechten, indem
beide Parteien vor versammelter Gemeinde mit den unblutigen Waffen
recitativer Spottlieder aufeinander eindringen und derjenige als Sieger
aus dem Streit hervorgeht, der den lachenden Beifall der Genossen
schließlich auf seiner Seite hat.

So erkennen wir beim unbefangenen Verfolgen ursächlicher Zusammenhänge
überall den Menschen, ob unmittelbar oder in weiterer Vermittlung, bis
zu seines Herzens Tiefen als echtes Kind seiner Heimat.



II.

Das Meer im Leben der Völker.


Die einzige absolute Großmacht auf Erden ist das Meer. Aus dem
Meeresschoß erst ist das Land geboren worden, das noch heute in
insularer Zerstückelung bloß hie und da den allumfassenden Ozean
unterbricht. Nur das Meer bildet zwischen der Lufthülle und dem
Gesteinspanzer der Erde ein Ganzes, und der Hauptsache nach ist
die Erde immer noch ein vom Ozean umwogter Planet. Auch den
geheimnisreichen Ursprung des organischen Lebens werden wir uns als
ein folgenschweres Begebnis innerhalb der Meeresflut aus jener Zeit zu
denken haben, da es noch kein Land gab und unzertrennt ein einziger
Ozean den Erdball umgab als koncentrische Hohlkugel gleich der ihn
selbst einschließenden der Atmosphäre. Ist aber die Weiterentfaltung
des irdischen Lebens einheitlich erfolgt, so entstammen selbst die
landbewohnenden Gewächs- und Tierformen bis hinan zum Menschen marinen
Verfahren.

Durch äonenlange Anpassung an die Daseinsbedingungen außerhalb des
Meeres hat sich indessen eine tiefe Kluft herausgebildet zwischen
land- und meerbewohnenden Geschöpfen. Zwar Flüsse und Seen, durch ihre
Wassernatur dem Meer wahlverwandte Elemente des Landes, verwischen in
Ausnahmefällen die sonst so streng eingehaltene Grenze des ozeanischen
Faunareichs; manche Fische sind wie Aale und Lachse geradezu
Doppelwohner in Salz- wie Süßwasser, andere Seefische gewöhnen sich
allmählich an das minder salzige Gewässer der Flußmündungen, bis ihre
Nachkommen, die Stromadern hinaufschwimmend, schließlich für die Dauer
im Süßwasser verbleiben, gleichwie der kleine Keulenpolyp in jüngster
Zeit erst aus der Nordsee durch das Brackwasser der Elbmündung in die
Elbe und Saale, ja bis in den Süßen See bei Eisleben eindrang. Wale
gebären am Land, flugkräftige Fischräuber, so der Fregattvogel, der
Albatros bewegen sich mit ihren mächtigen Schwingen tagelang über hoher
See, Tausende von Kilometern entfernt von der Küste. Trotzdem bleibt
der Küstenzug die durchgreifendste Scheidelinie in der Verbreitung
der Lebewesen auf Erden. Und der Mensch, dessen ganze Organisation
darauf hinweist, daß seine Ahnen im Tertiäralter früchteverzehrende
Waldinsassen gewesen, war selbstverständlich von Anfang an
ausschließlicher Landbewohner. Der Küstenring der Ostfeste darf als
weitgesteckte Außenmauer des Heimatshauses der Urmenschheit gelten.

Das Meer kann auf den Menschen, als er es zuerst erblickte,
nur abschreckend gewirkt haben mit seiner Ungastlichkeit, mit
den jähen Gefahren, durch die es den nährenden Mutterboden des
Festlandes bedrohte in der Gestalt von hoch aufspringender Brandung,
überschwemmenden Fluten, furchtbarem Sturmwetter. Dem weit überlegenen,
mit elementarer Gewalt andrängenden Feind gegenüber sah sich der
wehrlose Mensch zuvörderst in die Verteidigungsstellung gedrängt, zumal
an Flachküsten, wo das Steigen und Fallen des Meeresspiegels bei Flut
und Ebbe Gezeitenströmungen erzeugt, die weit über die Küstenniederung
daherfegen. Plinius hat uns ein dramatisches Bild dieses an Urzeiten
gemahnenden Kampfes mit dem Ozean vom deutschen Nordseegestade
überliefert, als dieses zur römischen Kaiserzeit des schirmenden
Deichbaus noch entbehrte. Alltäglich, berichtet Plinius, setzte der
Flutstrom dies Land der germanischen Chauken unter Wasser, daß die
Bewohner, in ihre Hütten geflüchtet, Seefahrern glichen, bis dann der
Ebbestrom einsetzte und die Leute wie Schiffbrüchige aus ihren engen
Behausungen lockte, um Fische aus dem zurückweichenden Meerwasser zu
fangen oder ausgeworfenen Seetorf vom feuchten Wattengrund aufzulesen.
Wir sehen hier den Daseinsstreit des Menschen mit dem Meer schon mit
vervollkommneten Hilfsmitteln geführt; die Chauken hatten sich bereits
auf selbst aufgeführten Hügeln, auf „Wurten“, einen festen Baugrund
für ihre Hütten geschaffen, wie noch heute die Halligleute auf den
kleinen, darum uneingedeichten Marschlandinseln vor Schleswigs
Westküste solche benutzen. Es brauchte nur noch der „goldene Reif“ des
Deichwalles längs der Küste gezogen zu werden, um den amphibischen
Gürtel des Wechselspiels der Gezeiten als weide- und weizenreichen
schweren Marschboden dauernd dem deutschen Festland zu gewinnen. Man
weiß es aus der Geschichte, wie viel Segen dieser Triumph unseren
und den niederländischen Küstenbewohnern eingetragen hat, seitdem
der Friese nach dem letzten Spatenstich stolz dem in feste Schranken
zurückgewiesenen „blanken Hans“ d. h. dem Meer das Siegeswort zurief:
„Trutz nun, blank Hans!“ und es heißen durfte: ~Deus mare, Batavus
litora fecit.~ Der über den sonst so allmächtigen Gegner erzielte
Erfolg steifte den freiheitsstolzen Nacken und je unablässiger der
Deichbau gemeinsame Arbeit forderte für seine fernere Instandhaltung,
wie er nur zu gründen gewesen durch thatkräftiges, entsagungsvolles
Zusammenwirken vieler, desto zählebiger entfaltete sich hinter dieser
Festungsmauer gegen den Tyrannen Okeanos der den selbstsüchtigen
Einzelwillen bändigende ehrenfeste Gemeinschaftsgeist, der alle
staatliche Ordnung trägt, ganz ähnlich wie Jahrtausende früher hinter
den Damm- und Kanalbauten am unteren Huangho, in Babylonien oder am
ägyptischen Nil.

Ungleich wichtiger jedoch erscheint jener entscheidungsvolle Schritt,
den der Mensch in entlegener Vorzeit that, als er, das Grauen vor
dem Unbekannten bezwingend, sich kühn dem feindlichen Element selbst
anvertraute, um die wogende, endlos vor ihm liegende See zu befahren
auf gebrechlichem Floß, im ausgehöhlten Baumstamm oder im roh aus
Hölzern gezimmerten Boot. Mehr als einmal mag unser Geschlecht, durch
ausgedehnte Wanderungen längst zerspalten in variierte Horden, die
einander nicht kannten, angelangt an der Küste des Meeres, diesen
gewichtigen Fortschritt vollzogen haben, der den Keim zur Herrschaft
des Menschen über die Erde in sich barg. Wo Ströme ins Meer mündeten,
konnte man den Versuch wagen, auf Flußbooten die hohe See zu erreichen,
anderwärts erzeugte der Trieb, auf dem Rücken des Meeres sich dauernder
als bloß schwimmend zu bewegen, unmittelbar jene nachmals so
staunenswert hoch entwickelte Kunst des Baues wie der Führung mariner
Fahrzeuge, durch die der Mensch, unter allen Geschöpfen allein, die
Schranke der Küstenlinie nach allen Seiten und in die weitesten Fernen
zu durchbrechen vermochte.

Was in aller Welt trieb ihn denn aber zu dem tollkühnen ozeanischen
Wagnis? Recht oft wohl der Hunger, dieser finstre, allgewaltige
Erzieher der Menschheit, wie uns schon die nach Fischbeute im Ebbestrom
ausspähenden Chauken ahnen lassen; oft auch mag die Flucht von einem
überlegenen feindlichen Stamm in Todesangst erfinderisch gemacht haben,
um die trügerische See als zeitweiligen Zufluchtsraum dem sicheren Ende
vorzuziehen. Schlug dann aber ein Volksstamm seinen Wohnsitz für die
Dauer am Meeresstrand auf, so vermochte zweierlei ihn zu allmählicher
Vertrautheit mit dem anfangs gefürchteten Element zu erziehen: der
Schatz des Küstenmeeres an verwertbaren Seetieren und winkende
Gegenküsten oder beides zusammen. Der Nahrungsmangel der Polarlande
hätte die Eskimo wohl nie bis gegen und über den 80. Parallelkreis
vordringen lassen; das erwirkte vielmehr allein die Nahrungsspende
des tierreichen arktischen Meeres; wesentlich der Seehundsfang war
es, der diese beherzten Polarmenschen über die eisigen Sunde Amerikas
bis in den höchsten jemals von Menschen bewohnten Norden geleitete
und sie zu so unübertrefflichen Meistern im Kajakfahren heranbildete,
daß ein geschickter, ausdauernder Eskimo die Strecke von Rügen nach
Kopenhagen im Einmannsboot an einem Tage zurücklegen könnte. Die
Kolonisation der Hellenen rückte, den Thunfischzügen entgegengehend,
vom ägäischen Meer längs dem pontischen Strand Kleinasiens vor, wie
diejenige ihrer nautischen Lehrmeister, der Phönizier, durch das
Vorkommen der für ihre Färberei unentbehrlichen Purpurschnecke an den
verschiedensten Uferstrecken des Mittelmeers beeinflußt worden war.
Wo auch außerhalb der Polarwelt das Binnenland durch Felsenwildnis,
Moor und Walddickicht den Menschen zurückscheucht, das Meer dagegen
durch Fische, Muscheltiere und Krebse eine gut beschickte Tafel ihm
aufthut, da begegnen wir Völkern, die gleich Seevögeln sogar fast
ausschließlich von Seekost leben, am Land nur wohnen; so am äußersten
Südende der bewohnten Erde den Feuerländern, in dem ganz skandinavisch
von Fjorden zerschnittenen, zu Küsteninseln zerrissenen Südosten
Alaskas den Tlinkit-Indianern, die dermaßen mit ihren trefflich
gebauten schlanken Fahrzeugen verwachsen sind, daß sie nur ungern und
ungeschickt zu Fuß sich bewegen. Bei uns in Europa hat sich gleichfalls
ein ganz überwiegend der Küste angehöriges Schiffervolk aus den Dänen
herausgebildet, seitdem ein Teil derselben an Norwegens Strand unter
dem treffenden Namen der Wikinger d. h. der Fjordenleute Siedelungen
gründete zwischen einem überaus fischreichen Meer und den öden Fjelden.
Die Normannengeschichte entrollt uns dazu ein eindrucksvolles Bild,
wie kühne Seefahrer immerdar auch leicht Seeräuber wurden; als solche
verlegten die Normannen ihre Raubzüge bald vom heimischen Strand in
ferne Lande, wozu die freie Weite des Meeres den Mutigen einlud, fuhren
die ostenglischen Flüsse, die Seine, die Elbe, den Rhein hinauf, um
Köln zu brandschatzen, betraten erobernd den Boden Siziliens. Gleichwie
in den Wüsten gilt auf dem Meer der Satz, daß verführerisch reiche
Beute den Wagehals zum Überfall lockt, zumal wenn Ortskunde und ein
sicherer Bergeplatz des Raubes Erfolg verheißt. Die dalmatinische
Küste, die in der ganzen Flanke der adriatischen Schiffskurse eine
solche Fülle günstiger Ausfallsthore wie Schlupfwinkel durch ihre
versteckten Felsbuchten und engen Seegassen darbietet, war deshalb
schon im Altertum ein ständiger Sitz der Piraterie; und wenn die
illyrische Königin Teuta den Sendboten Roms auf deren Forderung,
das Raubhandwerk einzustellen, stolz erwiderte, das gehe Rom nichts
an, es sei einmal bei ihrem Volk so Brauch, hatte das eine gewisse
geographische Berechtigung. Gelegenheit macht nicht nur Diebe, sondern
erzieht auch Räubervölker.

Daß Buchten- und Inselfülle der Küstenmeere die Bewohner nautisch
anregt, ist neuerdings etwas überkritisch angezweifelt worden. Hinter
den glatt verlaufenden, inselleeren Küsten des australischen und
afrikanischen Festlandes wohnten die Eingeborenen seit Alters ohne
jede Fühlung mit dem Meer. Man sage doch nicht, der Neger zeige keine
Anlage zum Seemannsberuf! Wie mancher schwarze Afrikaner hat schon
wackre Matrosendienste am Bord unserer Schiffe geleistet! Der ganze
Küstenstamm der Kruneger bei Kap Palmas ist sogar dadurch weltbekannt,
daß aus ihm die besten Schiffsknechte der westafrikanischen
Kauffahrtei stammen, allerdings erst seit diese „Kruboys“ in neuerer
Zeit von vorüberfahrenden Schiffen der Europäer zu solcher Arbeit
gedungen wurden. Bedeutsam jedoch dünkt es, daß die Papelneger
Portugiesisch-Westafrikas südlich von Senegambien, dieses einzige
selbständig Schiffahrt treibende Negervolk, eben dort sich entwickelt
hat, wo der Bissagos-Archipel der Schlauchmündung des Rio Geba dicht
vorlagert. Am insel- wie halbinselarmen Küstensaum Südamerikas trafen
die europäischen Entdecker nichts als Floßfahrt, abgesehen von den
Rindenkähnen der Feuerländer; wo dagegen unfern der Orinokomündung
die westindische Inselreihe an das Festland ansetzt, hatten die
Kariben bereits seetüchtige Schiffe, die sie mit Steuerruder lenkten
und unter Baumwollsegeln dahingleiten ließen; sie waren gefürchtete
Seeräuber und hatten die Eroberung der Antillen begonnen. An der
Westseite Nordamerikas grenzte wiederum Seeunkunde der Indianerstämme
und hochgesteigerte Seetüchtigkeit genau da aneinander, wo mit der de
Fuca-Straße der Fjordencharakter der Küste anhebt. Asien wie Europa
zeigen uns erst recht die Hauptgebiete ihrer nautischen Entfaltung an
ihren am reichsten gegliederten Außenseiten. Unter den asiatischen
Seefahrervölkern von Arabien bis Japan stehen diejenigen des
umfangreichsten Tropenarchipels in der Mitte dieses Länderzugs schon
frühzeitig den übrigen insofern voran, als wir hier bei den Malaien
den Ursprung zu suchen haben für einen ausgezeichneten Bootsbau und
den Ausgangspunkt für die ungeheure Verbreitung der Malaienrasse über
die zahllosen Inseln der Südsee. Seit vorchristlichen Zeitfernen hat
diese allmählich vollzogene Völkerwanderung über den größten aller
Ozeane den nämlichen Typus des schlanken, oft mit Ausleger gegen
das Kentern geschützten Bootes mit dem scharfen Kiel verbreitet,
dessen Ruderkraft durch Mattensegel verstärkt wird und das die plumpe
Walzenform des Einbaums hier nirgends hat aufkommen lassen. Erstanden
aber ist dabei die polynesische Abart der lichtbraunen Rasse, die
von allen Zweigen unseres Geschlechts am allseitigsten und tiefsten
verknüpft ist mit dem Weltmeer, im materiellen wie im geistigen
Leben bis hinan zu Dichtung und Mythus; ewig die balsamische Seeluft
atmend, früher schwimmen lernend als gehen, indem sie als Säuglinge
schon auf dem Mutterarm durch den Gischt der Brandung geführt werden,
leben diese Menschen auf ihren schmalen Koralleneilanden ein ganz
amphibisches Dasein, fast wie auf festgeankerten Schiffen in hoher See.
Blicken wir auf den indisch-arabischen Südwesten Asiens, so offenbart
uns das ewige Wechselspiel der Monsune die großartige Förderung des
Schiffsverkehrs über den indischen Ozean; weil immer zur Winterzeit
der nördlichen Erdhälfte die Segler so ständig vom Monsun nach Afrikas
Ostküste getrieben wurden, wie dann im Sommerhalbjahr wieder heimwärts
nach dem indischen oder arabischen Hafen, vollzog sich in diesem Raum
früher als irgendwo sonst ein befruchtender Völkerverkehr zwischen
zwei Erdteilen und ganz verschiedenen Rassen über landferne See.
Von ihm stammt der Armschmuck der indischen Braut aus afrikanischem
Elfenbein, die Ausdehnung des indischen Reisbaus durch arabische
Sklavenhändler bis zum Kongo, das Kisuaheli als arabisch durchsetzte
Bantunegersprache, der noch heute regen Handelsverkehr zwischen
Deutsch-Ostafrika und Bombay, das ständige Wohnen kapitalkräftiger
indischer Händler an unserer Schutzküste. Endlich welch eine glänzende
Reihe nautischer Thaten tritt uns im Wandel der Zeiten vor die Seele,
wenn wir hinüberblicken nach Griechenland, Italien, der iberischen
Halbinsel und nach den atlantischen Gestadeländern Westeuropas! Die
Mittelmeerschiffahrt ward früher erweckt, indessen die atlantische
wuchs schon im Altertum höher, denn sie hatte zu ringen mit einem
ungleich gefährlicheren Meer. Mit den soliden Keltenschiffen der
Veneter in der heutigen Bretagne aus dicken Eichenplanken mit eisernen
Ankerketten und Ledersegeln konnten griechische oder römische
Kauffahrer nicht wetteifern. Die Jahrhunderte hindurch fortgesetzten
Überfahrten der Normannen in ihren großen Ruderkähnen, den schwarz
geteerten „Seerappen“, von Norwegen nach Grönland und zurück sind
mannhaftere Leistungen gewesen als die freilich geschichtlich
folgenreichere Fahrt der Kolumbus-Karavelen im ruhigeren Südmeer mit
dem Kompaß als Leiter. Den großen Vorzug der Lage am verkehrsreichsten
aller Ozeane nutzten indessen erst in der Neuzeit für Welthandel und
Gründung überseeischen Besitzes die vier mittelständigen Lande voll
aus: Frankreich, die Niederlande, England, Deutschland. Für diesen
gewaltigsten Aufschwung des Seewesens mußte vor allem erst Amerika als
weckendes Ziel den Blicken Europas entschleiert werden. Und wenn sich
sodann auch innerhalb der neuen Welt die moderne Größe von Schiffsbau
und Seeverkehr dort entfaltete, wo unendliche Waldungen prächtiges
Schiffsbauholz lieferten, namentlich aber eine feine Küstengliederung
Buchten und Sunde, bergende Flußmündungshäfen nebst weit ins Land
hinein für mäßige Seeschiffe befahrbaren Strömen darbot, also in Kanada
und im Nordosten der Vereinigten Staaten, so wird man hier ebenfalls
der ursächlichen Verknüpfung inne, die zumeist besteht zwischen
Naturbegabung der Küstenlande und seemännischer Bethätigung ihrer
Bewohner.

Allerdings wäre es geistlos pseudogeographischer Fanatismus, wollte man
dieses Verhältnis wie einen naturgesetzlichen Zwang deuten. Der Mensch
ist kein willenloser Automat; er verhält sich zu Naturanregungen seiner
Heimat bald wie ein gelehriger, bald wie ein teilnahmloser Schüler. Das
Wasser des heutigen Welthafens von New-York diente einst den Indianern
bloß zum Sammeln eßbarer Muscheln; an derselben Schärenküste, die die
Norweger zu so kühnen Schiffern erzog, leben die Lappen weiter als
armselige Fischer. Die Angelsachsen vertieften sich nach der Landung
in Britannien so ganz in die Kämpfe mit den dortigen Kelten, danach in
Landbau und Viehzucht, daß sie der See völlig den Rücken zukehrten,
Alfred der Große seine Schiffe auf deutschen Werften bauen lassen
mußte. Die meisten Insulaner auf den Kykladen denken heutzutage nicht
an Seefahrt, sondern bauen Weizen, pflegen die Rebe oder weiden ihre
Ziegen. Seit die Holländer wohlhabend wurden, vernachlässigten sie
die von ihren Vorfahren im härteren Daseinskampf so viel energischer
betriebene Schiffahrt, ja in den belgischen Nachbarprovinzen
Brabant und Flandern überließ der Niederländer den auch dort recht
beträchtlichen Seeverkehr seit Alters vorzugsweise Ausländern, da
ihn auf seinem fruchtbaren Boden Ackerbau, Gewerbe, Landhandel weit
bequemer nährte.

Wagt es aber der Mensch, seine Kraft zu messen mit der elementaren
Übergewalt des Meeres, erwählt er als Seemann dieses Ringen mit Sturm
und Wogenschwall sogar zu seinem Beruf, dann gilt von ihm vollauf
das Dichterwort: „Es wächst der Mensch mit seinen höhern Zielen.“
Das Seemannshandwerk stählt Muskel und Nerv, übt Sinnesschärfe,
Geistesgegenwart, steigert mit jedem neuen Triumph menschlicher
Klugheit über rohe Naturkraft den Mut überlegten, furchtlosen Handelns.
Wie scharf beobachtend späht ganz habituell das verwetterte Antlitz
unserer Matrosen unter dem Südwester in die Ferne, wie wortkarg, aber
tüchtig und thatbereit ist ihr ganzes Wesen; dem scheinbaren Phlegma
im Ruhezustand entspricht vom Augenblick der Auslösung der bisher
latent zusammengehaltenen Kraft die Energie und die erstaunliche
Ausdauer der Leistung. Wenn der Seemannsberuf wie in Norwegen oder
Großbritannien sehr weite Bevölkerungskreise umschließt, wenn er dazu
als ein Grundpfeiler der gesamten Volkswirtschaft hohe Achtung genießt
und bei geringem Abstand der Küste selbst vom innersten Binnenlandkern
allen Leuten in seiner klar ausgeprägten Eigenart vorschwebt, so
zünden die Charaktervorzüge des Seemanns auch innerhalb der nicht
seemännischen Bevölkerung durch Nachahmung. Ergreift dann, wie bei
größeren Kulturnationen so oft, im Gefolge wachsender Vertrautheit
mit dem Ozean, mit dem Erdganzen überhaupt, Seehandel, überseeische
Kolonisation immer ausgedehntere Kreise, so teilt sich gar viel von
dem frischen Unternehmungsgeist, dem Wagemut, dem durch Berührung
mit Fremden erweiterten geistigen Horizont dem gesamten Volk mit.
Typisch hierfür leuchtet uns aus dem Altertum der Gegensatz auf
zwischen dem braven, jedoch engherzigen Spartaner, der, durch sein im
Ausland nicht kursfähiges Geld der Eisenstifte vom Überseeverkehr auch
künstlich abgeschrankt, zwischen den Gebirgsmauern seines Eurotasthals
konservativ fortlebte, und andrerseits dem ionischen, fortschrittlichen
Schifferstamm, den in ägäischer Seeluft gebadeten Athenern voll
fröhlichster, in schrankenlose Weite strebender Thatenlust.

Der Urmensch wird das Weltmeer kaum gekannt haben; späteren
Geschlechtern war es ein Gegenstand von Furcht und Schrecken. Als man
jedoch nachmals für die Dauer an seinem Ufer wohnte, seine Schätze
ausschöpfte, seinen breiten Rücken sich dienstbar machte, um nach
Herzenslust die fernsten Küsten anzufahren, da trat man ihm näher und
näher, freilich ohne ihm jemals Sklavenfesseln anlegen zu können. Als
schöpferische Gottheit begann man es zu verehren. Die bezaubernde
Schönheit des Meeres, wenn es bei stiller Luft friedlich die Segler
dahin gleiten läßt über seinen Spiegel, aus dem des Tages freundlich
der Sonnenglanz, nachts der Sternenhimmel silbern widerscheint, oder
wenn im Gewittersturm die Wogen aufgepeitscht werden, flammende Blitze
das Düster von Seegewölk und Wasser durchzucken, -- der Anprall der
Wogen gegen die Steilküste, der Kampf des Schiffes mit dem Sturm, dann
die verklärte Natur, nachdem das rasende Wetter sich verzogen, das
stets wechselnde Farbenspiel in einer Harmonie von Himmel und Wasser,
wie sie dem Land in solcher Vollkommenheit mangelt, -- das alles hat
die dichterische Naturschilderung nicht bloß in Homers und Ossians
Gesängen begeistert, nein, selbst aus schlichten Stegreifliedern von
Naturvölkern des Strandes klingt das naturfrisch uns entgegen, und die
Maler aller in der Kunst höher gestiegenen Seefahrernationen haben uns
in herrlichen Bildern die Andacht des Menschen im Anblick ozeanischer
Größe verewigt.

Wissen und technisches Können wurde schon dadurch beim Umgang mit
dem Meer mächtig angeregt, weil dieser zum Bau des nötigen Fahrzeugs
sowie zu dessen immer höherer Vollendung hintrieb. Und wie vielseitig
wurde Wissenschaft und Technik für den Schiffsbau vollends in
Anspruch genommen, seitdem das 19. Jahrhundert die Dampfer schuf, um
selbst gegen Wind und Strömung die Ozeane zu durchkreuzen! Mittelbar
hat ferner die Sicherung der Schiffsführung eine Mehrzahl von
Wissensgebieten segensvoll beeinflußt. Noch leben auf karolinischen
Eilanden einige greise Glieder jener merkwürdigen Gilde, in der sich
genaue Kenntnis der Fixsternlage zum Sommer- und Winterhorizont für
Verwertung bei der Bootssteuerung vererbt und zugleich eine so genaue
Bekanntschaft mit der Ortslage der Inseln in weitestem Umkreis, wie sie
die zeitgenössische Geographie der Kulturvölker lange noch nicht besaß.

Italienischen Nautikern danken wir die Einführung des Kompasses
in unseren Schiffsdienst auf grund der zuerst in China erkannten
Richtungskraft der Magnetnadel. Er hat nicht bloß zahllosen Tausenden
von Schiffen, denen in Nacht und Nebel kein Gestirn schimmerte, den
rechten Weg gewiesen, sondern ohne die am Kompaß durch alle Zonen
von den Schiffern gemachten Massenbeobachtungen hätte auch kein Gauß
erfolgreich am Problem des Erdmagnetismus zu arbeiten vermocht. Und
wenn schon vor Jahrhunderten die Markscheider im Klausthaler Bergwerk
ihre unterirdischen Gänge zielsicher ausbauten, beim Grubenlicht den
Kompaß befragend, so klingt selbst in diese wahrlich seeferne Arbeit
ein verhallendes kulturgeschichtliches Echo vom Wogengetümmel.

Zum Größten jedoch führte das Weltmeer den Menschen hinan, indem es
ihm die einzige Möglichkeit erschloß, die Erde als Ganzes auf dem Weg
der Entschleierung des irdischen Antlitzes kennen zu lernen, durch den
Welthandel die Wirtschaft der einzelnen Völkerkreise zur Weltwirtschaft
zu verknüpfen, endlich durch dieses Mittel allseitigen Verkehrs, wie
ihn allein der alle Lande umschlingende Ozean zu schaffen vermag, die
urzeitliche Trennung der Menschenstämme nach den einzelnen Kontinenten
zu überwinden, auch eine geistige Verbindung der gesamten Menschheit
anzubahnen. Daß der Welthandel hierbei die Führung übernahm, versteht
sich aus der nicht bloß bösen Macht der Gewinnsucht. Rief doch schon
Strabo aus, da er im entsetzlichen Tanz der Wellen die Seeleute ihr
Leben einsetzen sah, um die nach Rom bestimmten Waren auf hoher See
vor der schon damals zu seichten Tiber aus dem Kauffahrer in die
Leichterboote überzuladen: „Ja, die Sucht nach Erwerb besiegt alles!“
Das Meer öffnete von jeher die freisten und, was sehr schwer wiegt,
die billigsten Wege um den Erdball. Wir werden bald aus den unfernen
Schantungwerken billigere Steinkohlen nach Tsingtau liefern, als man
von England dort feilbieten könnte; dagegen schon Mailand, geschweige
denn die italienische Küste liegt uns zu fern, um dort die englische
Kohle auszustechen, weil diese fast schon vom Förderungsplatz bis nach
Italien den Seeweg vor unserer deutschen Binnenlandkohle voraus hat.
Apfelsinen aus Italien werden in Hamburg billiger feilgeboten als in
München oder in Wien, weil die Seefracht von Sizilien nach Hamburg
nicht einmal ganz so teuer zu stehen kommt wie z. B. die Landfracht
von Hamburg nach Berlin. So wirft allerwegen der Seehandel wegen
wohlfeilster Fracht den meisten Verdienst ab; um die billige Seestraße
nicht um ein Kilometer unnütz zu verkürzen, sind ja die größten
Seehandelsplätze eben in den innersten Nischen von Meereseinschnitten
ins Land erblüht; und der Millionenverdienst des Welthandels wirft
genug ab, um die Unsummen herzuliefern, die der Schiffsbau verschlingt,
und um jene Millionengarde wackerer Schiffsbemannung zu lohnen, auf daß
sie fern der süßen Heimat harte und mit steter Lebensgefahr bedrohte
Arbeit leiste, selbst den Taifunen trotzend.

„Unfruchtbar“ nannte Homer die See, und doch wie viel Güter
beschert sie den Menschen, aus eigenem, nimmer versiegenden Schatz,
mehr noch dadurch, daß sie die Schätze der ganzen Erde über ihre
spiegelnde Fläche geleitet mit denkbar geringster Beeinträchtigung
ihrer Marktfähigkeit. Über die Gestadeländer des Meeres, zumal der
am intensivsten arbeitenden gemäßigten Zonen, schauen wir einen
Abglanz dessen sich ausbreiten: die verkehrsreichsten Städte, die
dem Welthandel als Hafenorte dienen, Werfte, Industriestätten, die
überseeisch erzeugte Rohstoffe aus erster Hand haben wollen, um sie in
Kunstprodukte umzusetzen, vereinigen sich an den Küstenstreifen mit
einer Fülle kleinerer Siedelungen, teils auch vom Seehandel oder von
Küstenfahrt und Fischerei lebend, umgeben von meist wohlbestellten
Fluren, über denen der milde Seehauch befruchtend waltet. Der leichter
zu erringende Wohlstand ist es, was die Menschen an die Küste zieht.
Darum zeichnen sich Inseln so oft vor dem benachbarten Festland,
kleinere Inseln unter sonst gleichen Verhältnissen vor größeren
aus durch stärkere Volksverdichtung zufolge ihres relativ größeren
Küstenanteils. Wo Land und Meer einander berühren, da zeigt sich mithin
naturgemäß am offenkundigsten des Meeres Segen für die Menschheit.

Werfen wir zum Schluß noch einen raschen Blick auf die Bedeutung
des Meeres für den Staat, so versteht es sich aus dem eben Gesagten
zunächst von selbst, daß jeder Staat, falls er sich der Vorteile des
Seewesens für seine Angehörigen bewußt wird, nach Ausdehnung seines
Gebiets bis zum Meer streben wird, und wäre es auch bloß um einen
so winzigen Küstenstreifen zu erwerben wie neuerdings Montenegro an
der Adria erhielt. Denn wer einen Fuß am Strande hat, kann seine
Schiffe um die ganze Erde senden. Welche Machtfülle in Seehandel,
Seeherrschaft und Kolonisation bis an die entlegensten pontischen
Gestade hat im Altertum Milet, im Mittelalter Genua von einem einzigen
Hafen aus entfaltet! Die Schweiz steht uns als einziger Wunderbau
eines Staates vor Augen, der, auf den Alpenzinnen inmitten Europas
gegründet, durch den rüstigen Industrietrieb seiner Bewohner Handel
über die ganze Welt hin treibt, ohne je eine Küsteneroberung hoffen
zu dürfen. Aber wie peinlich abhängig fühlt sich darum auch die
Schweiz für Warenabsatz nebst Warenfracht von den Zolleinrichtungen,
den Tarifsätzen der Eisenbahnen seitens der vier Großstaaten, die sie
umklammern! Rußland hingegen bietet uns das weltgeschichtlich größte
Beispiel eines ursprünglich rein binnenländischen Staates, der in
zielbewußten Vorstößen die Küsten seiner sämtlichen Umgebungsmeere
sich angliederte, daß nun sein Banner weht von der Ostsee bis zum
Huanghai.

Aber dem Staat als solchem verleiht das Meer drei der besten, ja der
unentbehrlichsten Gaben: Unabhängigkeit, Einheit und Machtfülle.
Das Meer ist das schlechthin Unbewohnbare, betont mit Recht Ratzel,
somit die allersicherste Schutzmauer für einen Staat. Wie viel minder
gewährleistet erschiene des größten Freistaats Freiheit, hätte die
Union zum atlantischen Littoral nicht auch das pazifische errungen!
Ein allseitig meerumschlungenes Staatsgebiet wie das britische, das
japanische und nun auch Australien, der neue Weltinselstaat, kann nie
anders als punktweise, nämlich allein durch Flottenangriff berannt
werden. Frankreich erscheint durch Überwiegen der Seegrenze besser
gedeckt als Deutschland. Weil gleichfalls der friedliche Verkehr nur
stichweise zu Schiff über die Küste ins Innere eines Staates zu dringen
vermag, haben die vom Meer gebildeten Staatsgrenzen auch ethnisch
etwas schärfer Umrissenes vor den verschwommeren Landgrenzen voraus:
sie helfen besser die Vereinheitlichung nationaler Volksmischung zu
fördern und zu erhalten. Im römischen Weltreich bewährte sich umgekehrt
ein einzigesmal in der Geschichte das Mittelmeer als die von innen her
den gewaltigen Staat zusammenhaltende Kraft. Unablässig jedoch bringt
das Weltmeer von außen allen Staaten, an deren Saum es brandet, und
die seinen Weckruf verstehen, Einheit und Macht. Griechenland, die
Apenninen-Halbinsel verlegen bei ihrem gebirgigen Inneren einen guten
Teil ihres Gesamtverkehrs auf die Küstenfahrt, die Tag für Tag Bewohner
und Güter von Nord und Süd zusammenführt, die Interessengemeinschaft
steigernd und immer von neuem den Blick auch weiter lenkend auf die
hohe See jenseits des heimatlichen Strandes.

Seehandel wie jede über See drängende Thätigkeit, sei das
Großindustrie, technische Bethätigung über See oder Kolonisation, führt
mehr als irgend etwas sonst zur Verflechtung einer Nation mit der
weiten Welt, schweißt aber zugleich die binnenländischen Staatsteile
aufs festeste zusammen mit der Küste, über die allein der lebendige
Austausch zwischen daheim und draußen geschehen kann, schmiedet
folglich mit den Hammerschlägen des Begreifens der Zusammengehörigkeit
die Teile zum Ganzen. Das fühlen wir Deutsche kräftiger denn jemals
in der Gegenwart. Kein Hohenstaufe kehrt mehr den deutschen Küsten
gleichgültig den Rücken, um Romzüge über die Alpen zu führen; keine
Hanse streicht mehr unmutig die Flagge, weil es ihren ruhmwürdigen
Thaten an Sicherung durch Reichsschutz gebricht. Eine wachsende
Panzerwehr unter deutscher Reichsflagge schirmt unsere Handelsschiffe
auf allen Meeren, leiht jeder redlichen Unternehmung deutscher
Reichsbürger in und außer unseren Schutzgebieten ihren schützenden Arm
bis zum fernsten Strand. So strömen, vor feindseligen Unbilden bewahrt,
die von deutscher Betriebsamkeit verdienten Güter der Welt über die
Schwelle des Meeres in alle Gaue unseres Vaterlands, steigernd den
Wohlstand unseres Volkes zu vordem nie erreichter Höhe, segensvoll
erweiternd seinen geistigen Gesichtskreis, nährend die staatliche
Macht. Auch unseres Reiches Herrlichkeit liegt stark verankert im
Weltmeer.



III.

Steppen- und Wüstenvölker.


Es wäre sehr unkritisch, jedwede Harmonie zwischen dem Wesen
eines Volkes und seiner Naturumgebung durch letztere verursacht
zu denken. Leichtgläubig pflegt man den Satz hinzunehmen, die
lachende, sonnenbestrahlte Landschaft Südeuropas habe „natürlich“ die
lachende Heiterkeit der Hellenen, der Süditaliener und Südspanier
hervorgebracht. Aber obschon die Leichtigkeit des Erwerbes des Wenigen,
was in diesem Süden zum Leben nötig ist, von dem mild subtropischen
Klima mitbedingt wird, und ein vollends etwa schon ursprünglich zu
frohsinniger Lebensanschauung geneigtes Volk unter einem solchen
Himmelsstrich dieser Neigung, unbedrückt durch materielle Sorgen, sich
hingeben, bei nur einigermaßen künstlerischer Anlage gewiß auch durch
die farbenglänzende Pracht von Himmel, Land und Meer bei holder Muße
sich zu Kunstschöpfungen anregen lassen wird, so muß uns doch schon ein
einziges klassisches Beispiel aus der neuen Welt von dem voreiligen
Schluß abschrecken, die Gemütsstimmung der Völker sei ein unmittelbares
Spiegelbild seiner Umgebung: die Nachkommen des erlauchten Kulturvolkes
der Azteken haben unter dem Azurblau des strahlenden Firmaments
von Mejiko in einer Landschaft, die bis hinan zu den herrlichen
Riesenvulkanen mit ihren Schneezinnen ungleich reizvoller ausschaut als
die Gegend am Fuß des Vesuv oder des Etna, die Schwermut bewahrt, die
ihnen wie den meisten Indianerstämmen als ein Rassenerbe auf die Stirn
geprägt ist.

Schiffervölker müssen ihre Kunst einbüßen, sobald sie in wasserlose
Binnenräume versetzt werden, Temperamente dagegen können den
Ortswechsel überdauern. Zum vertrauenswürdigen Nachweis eines
ursächlichen Zusammenhangs zwischen Landes- und Volksart kann uns
erst eine vorsichtige Anwendung vergleichender Methode führen. Wir
müssen untersuchen, ob Landschaftsarten, die in möglichst scharfer
Individualisierung an den verschiedensten Stellen der Erdoberfläche
wiederkehren, auf Bewohner der mannigfachsten Herkunft, also
wahrscheinlich auch der mannigfaltigsten Begabung von Haus aus gleiche
oder doch ähnliche Wirkung geäußert haben. Solche scharf ausgeprägte
Eigenart der Landschaft bei günstigster Verteilung über sämtliche
Erdteile finden wir nun vor allen in den Trockengebieten, d. h. in den
nur zeitweilig, doch alljährlich benetzten Landstrichen, die wir nach
dem russischen Ausdruck ~stjep~ für Grasflur Steppen nennen, und in den
so gut wie niederschlagslosen, den Wüsten.

Steppen, mehr noch Wüsten, haben zunächst dadurch das Völkerleben
immerdar mächtig beeinflußt, daß sie durch Spärlichkeit von
Trinkwasservorrat und die daher rührende Seltenheit, teilweise sogar
völlige Abwesenheit menschlicher Ansiedlungen in ihnen den Verkehr
erschwerten, deshalb ganze Völkerkreise, die von entgegengesetzten
Seiten sie berührten, dauernder auseinanderhielten als Ozeane das zu
thun pflegen. Wie lebhaft verkehren Europa und Amerika miteinander,
seitdem die Seeschiffahrt zwischen beiden die Brücke schlug, während
zwischen den afrikanischen Gestadeländern des Mittelmeers und dem
Negerland, dem Sudan, die große Wüste heute wie vor Jahrtausenden
eine Trennung bewirkt, die der schleppende Gang der Kamelkarawane
nicht aufhebt. Die antike Kultur, das römische Weltreich fand an der
Wasserarmut der Sahara wie der arabischen Wüste die von der Natur
gesetzte Äquatorialgrenze. Der mit der Sahara an Größe vergleichbare
Trockenraum Centralasiens, der freilich zugleich die allerhöchsten
Gebirge zwischen dem Süden und Norden des Erdteils aufrichtet, hat
nicht allein die indischen und die sibirischen Völker von jeder
wechselseitigen Berührung abgehalten, sondern auch in westöstlicher
Richtung, wo Bodenerhebungen viel weniger hemmten, Turan von China
geschieden, daß äußerst selten erobernde Chinesenheere zum Sir und
Amu herabstiegen; selbst das Tarimbecken Ostturkistans erscheint
in der Geschichte zumeist nur als eine lose angegliederte, gern
zum Abfall neigende auswärtige Provinz des chinesischen Reiches.
Kaliforniens Küste lag infolge der Quellenarmut des „fernen Westens“
dem Osten der Vereinigten Staaten bis zur Eröffnung der ersten
pazifischen Eisenbahn so fern, als gehörte das Land einem fremden
Weltteil an. Die durchglühten, wasser- und schattenarmen Wüsten oder
Halbwüsten Australiens durchmißt noch gegenwärtig keine einzige andere
Verkehrslinie von Küste zu Küste als die des elektrischen Telegraphen.

Daß aber Steppen und Wüsten neben der trennenden Wirkung, die sie
überall auf ihre Umgebung äußern, ihre Bewohner selbst vielseitig
beeinflussen, lehrt schon der flüchtigste Blick auf ihre Pflanzen-
und Tierwelt. Diese ist durchweg vor allem der Dürre der Luft und der
Seltenheit oder doch der allzu einseitigen Verteilung der Niederschläge
auf die Jahreszeiten angepaßt. In solcher Anpassung beobachten wir
die saftarmen Holzgewächse Australiens mit ihren schmalen, gegen
Verdorrung durch dicke Oberhaut geschützten Blättern, ihrem erstaunlich
tiefdringenden Wurzelwerk, das noch Bodenfeuchtigkeit ergattert, wenn
bereits Monate hindurch kein Tropfen Regen fiel; so die wunderbaren,
blattlosen Saxaulbäume, die wie große, umgekehrte Reiserbesen aus
den sonst so kahlen Flächen Turans hervorragen; so die Dattelpalme,
die wie der Araber naturwahr sagt, „den Fuß im Wasser, das Haupt
im Feuer“ haben will, d. h. den Regen geradezu scheut, nur von der
Bodenfeuchtigkeit sich nährend; so den riesenhohen Säulenkaktus in der
düsteren Mohavewüste, ferner die Fülle der über den Boden rankenden
Kürbis- und Gurkenarten, die durch ihr saftstrotzendes Fruchtfleisch
die Samen vor dem Eintrocknen bewahren. Auch die Harzausschwitzung so
vieler Holzgewächse der Trockenräume dient ihnen als Schutz gegen den
Verschmachtungstod, nicht minder die Dufthülle, die viele Kräuter durch
Verdunsten aromatischer Öle aus winzigen Drüsen ihrer Oberhaut sich
schaffen gleich unserem Salbei oder der Krauseminze; das Experiment hat
nämlich erwiesen, wie sehr diese Dufthülle die stetig sich vollziehende
Abgabe der Säftemasse aus dem Pflanzenkörper in Gasform an die Luft
einschränkt.

Und welch ein genügsames, feinsinniges und flinkes Heer
verschiedenartigen Getiers haben sich diese Trockenlande erzogen.
Grabende Nager bevölkern zu Tausenden alle Steppen, begnügen sich
zur Kost mit den unterirdischen Teilen, den Knollen, Zwiebeln oder
Wurzelstöcken der dort wachsenden Pflanzen, wenn die brennende Sonne
der Trockenzeit das Grün der Gräser samt der bunten Blumenschar
vergilbt, ja in Zunder verwandelt hat. Dem niedlichen Bobak, einem
Verwandten des Murmeltiers in den südrussischen Steppen, dient oft
Monate lang der Morgentau an den Grasblättern als einzige Labe. Im
prachtvoll durchsichtigen, weil dunstfreien Luftmeer zieht der Geier
seine weiten Kreise und erspäht auf unvergleichlich ausgedehntem
Gesichtsfeld am Boden seine Beute mit einer Scharfsichtigkeit, daß man
sein Auge mit einem Teleskop vergleichen darf. Die Fennekfüchschen
der Sahara erlauschen mit ihren breitdreieckigen Ohren, die das
Spitzköpfchen so hoch überragen, das fernste Geräusch und sind gleich
den wild lebenden Kamelen des Tarimbeckens bis zur Unerkennbarkeit
ihrer Bodenumgebung gleichfarbig, hier graugelb, dort mehr rötlich.
Kamele, Pferde, Antilopen und Strauße zeigen sich vor allem dadurch
ans Trockenklima angeschmiegt, daß sie schnellfüßig die gänzlich
wasserleeren Strecken durcheilen und teilweise wunderbar lange Zeit des
Wassers völlig entbehren können. Hält doch das zweihöckrige Kamel das
Tragen zentnerschwerer Theelasten durch die Gobi im härtesten Winter
aus, selbst wenn es bis zum zehnten Tag kein Futter erhält und nur auf
gelegentliches Schneelecken angewiesen ist, um den Durst zu löschen.
Das einhöckrige Kamel hält selbst in der Wüstenglut Arabiens den
Karawanenmarsch bis zum fünften Tag ohne Wasser aus, im Frühjahr, wenn
warme Regen ihm genug „Haschisch“ (Grünfutter) ersprießen lassen, sogar
mehr als drei Wochen.

Wie sollte da der Mensch als Bewohner des Trockenraums nicht
gleichfalls dessen Gepräge tragen! Lenken wir den Blick zuerst nach
dem Morgenland. Der eigentliche Orient, also was, etwa von Rom aus
betrachtet, den Ostrand des geographischen Gesichtskreises der Alten
ausmachte, von Palästina bis zum indischen Fünfstromland, und was
ihm in Arabien, sowie in Nordafrika gleichartig sich anschließt,
fällt in jenen gewaltigsten Steppen- und Wüstengürtel der ganzen
Erde, der am atlantischen Meer mit der Sahara beginnt und erst
mit der Kirgisenheimat und an der centralasiatischen Grenze gegen
Sibirien, die Mandschurei und China endet. In der Regel führt man die
bekannten Charakterzüge orientalischen Lebens auf den Islam zurück,
als wenn die Lebensregeln des Koran nicht selbst erst zum guten Teil
der arabischen Wüste entsprossen wären. Oder wenn man sich darauf
besinnt, daß ja dies orientalische Wesen vor Mohammed zurückreicht,
mindestens bis in Abrahams Zeit, so macht man gern die den Orientalen
nun einmal angeborene Sinnesrichtung dafür verantwortlich. Das
dünkt zwar recht bequem. Aber so gewiß die Gewohnheit bei den
Völkersitten eine sehr große Rolle spielt, so handelt es sich für
die Wissenschaft doch eben um Aufdecken des Ursprungs der habituell
gewordenen Gewohnheiten. Da nun Syrer wie Perser, Araber wie Türken,
mithin Sprossen ganz verschiedener Verwandtschaftsgruppen, der
semitischen, indogermanischen, mongolischen, innerhalb des Orients die
Eigenart ihres Lebens in den Grundzügen gemein haben, so ist nichts
wahrscheinlicher von vorn herein, als daß sie eben erst in diesem
Trockenraum und durch ihn sich in ihrem Sittenschatz verähnlichten.
Diese Wahrscheinlichkeit erhebt sich überall da zur Gewißheit, wo
wir die nämlichen Lebenszüge bei Australiern und Prärieindianern,
Patagoniern und Hottentotten gewahren, die nie mit Orientalen
Sittenaustausch zu üben vermochten, wohl aber wie sie in waldleeren,
offenen Fluren mit trockenem Klima wohnen.

Was zuvörderst die Körpereigenschaften betrifft, so hat die trockene
Luft etwas Zehrendes. Die in ihr lebenden Menschen bekommen deshalb, je
mehr sie sich ihr aussetzen, straffe Muskeln, setzen aber wenig Fett
an. Durchweg sind somit Steppen- und Wüstenbewohner hager und sehnig;
bei den Kalmücken spricht eine berühmte Ausnahme für die Regel: ihre
Priester, die Gällunge, weil sie unthätig den ganzen Tag im Zelt zu
sitzen pflegen, sind Ausbunde von Fettleibigkeit. Ferner bräunt das
grelle Licht der schattenarmen, dunstfreien Luft die Haut; das beweisen
die ungarischen Pußtenhirten, die Hirten der pontisch-kaspischen
Steppe Südrußlands, die Gauchos der Pampas. Die Haut wird durch ihre
Trockenheit der Luft leicht rissig; gegen dies schmerzhafte Aufspringen
der Haut salbten sich die alten Griechen bei minder umfänglicher
Gewandung mit Olivenöl, der Pußtenhirt reibt sich mit Speck ein und
hängt seinen zottigen Schafpelz über den Hirtenstab nach der Windseite,
der Buschmann ringelt sich schlangenhaft zur Abendrast in die flache
Erdgrube, in der er ein glücklich erbeutetes Häslein mit Haut und Haar
vorher geschmort hat, um des andern Morgens mit der fettdurchtränkten
Aschenkruste als einziger Bekleidung weiterzuwandern. Buschmänner und
Hottentotten zeichnen sich ganz besonders durch eine zur Runzelung
neigende, fettarme Haut aus; darum erhält ihr Gesicht schon in der
Jugend ein faltiges, sauertöpfisches Aussehen, weil sie zum Schutz
gegen die blendende Lichtfülle ihrer Umgebung bestrebt sind die Augen
zusammenzukneifen wie wir, wenn wir aus dem Dunkeln plötzlich ins Helle
treten. Welch bezeichnender Gegensatz, diese schlitzartig verengten
Augen des Kalacharimannes gegenüber dem weit geöffneten Phäakenauge des
Negers!

Durch eudiometrische Untersuchung von Luftproben aus der libyschen
Wüste wissen wir, zu einem wie hohen Grad der Ozongehalt der Luft
in Trockengebieten sich steigern kann. Vermutlich beruht auf der
Vernichtung der krankheitserregenden Mikroben, insonderheit der
Tuberkelbazillen durch das Ozon die gesundende Kraft des Trockenklimas,
wohl auch das Belebende, was z. B. die Saharaluft auf den europäischen
Wanderer ausübt. So lange die Bewohner von Steppen und Wüsten ihre
ozonreiche, freie Luft einatmen, kennen sie den Würgengel der
Schwindsucht nicht; er hielt in die nordamerikanischen Prärien erst mit
der Stadtsiedelung seinen traurigen Einzug.

So beneidenswert wie die Gesundheit ist die Sinnesschärfe unserer
Völker. Sie wurde tellurisch gezüchtet, weil zum Erspähen der Jagd-
oder Räuberbeute, zum lebenrettenden Heimfinden zu den Seinen in diesen
menschenöden Landen alle Sinne im alltäglichen Daseinskampf zur
entscheidenden Mitwirkung berufen waren.

Das Gehör spürt noch die leisesten Schallwellen, von denen unser Ohr
nicht das Geringste empfindet. In Australien unterhalten sich einander
begegnende Schwarze, wenn sie längst in entgegengesetzter Richtung
fortwandern, und der begleitende Europäer einen Monolog zu hören meint.
Ungefähr ein halbes Kilometer nennt der Kalmücke eine Hörweite, denn
auf solche Entfernung ist ihm menschliche Rede ohne Stimmverstärkung
verständlich. Wie seltsam doch die Sitte kirgisischer Mütter, den
Kleinen die Ohrmuscheln auszuweiten, damit sie dereinst durch besseres
Auffangen der Schallwellen besser ins Leben passen! Am Geruch erkennen
die Leute menschliche wie tierische Fährte, wenn sie auf unbewachsenem
Felsboden keinen Eindruck zurückließ, mitunter noch nach Tagen.
Aimara-Indianer finden sich in finsterer Nacht zum Lagerplatz zurück
durch den Geruch der Fluren, von dem der stumpfsinnigere Weiße gar
nichts spürt. Der Australschwarze wird gern in die austral-englische
Polizei eingestellt wegen seines äußerst feinen Witterungsvermögens,
das ihn Menschen- wie Tierfährten weithin auf hartem, keinerlei
Eindruck verratenden Felsboden verfolgen läßt, selbst wenn etwa der
Schafdieb bereits tags vorher über ihn fortgeeilt ist. Wie südrussische
Steppenrinder Tränkplätze auf weite Ferne wittern, so tritt wohl auch
im Osten der großen Wüste der Araber voll Sehnsucht nach dem Abschluß
seines Karawanenzugs auf eine Hügelspitze, schlürft, das Antlitz gen
Osten, gierig die Luft ein und kündet frohlockend: „Ich rieche den
Nil!“ Er hat den Strom entdeckt, ohne ihn zu erblicken. Doch freilich
die Schärfe des Gesichtssinns erweckt noch mehr unser Staunen.
Des Menschen Auge ist ja ein Organ steter Anpassung, hochgradiger
Fernblick kann sich mithin nur entwickeln innerhalb dunstfreier,
weiter Horizonte, so beim Gemsjäger, beim Steppen- und Wüstenmenschen.
Letzterer aber lernte im unablässigen Daseinskampf diesen weitesten
Horizont aufs vollkommenste beherrschen mit seinem Falkenauge, und
dieser wunderbare Späherblick vererbte, verfeinerte sich von Geschlecht
zu Geschlecht. So sind Trockenräume die Gebiete der größten Sehschärfe
durch alle Kontinente. Der Buschmannknabe in Liechtensteins Begleitung
auf der Rückfahrt vom Kap erkannte noch ziegengroße Antilopen an der
afrikanischen Küste auf Stundenferne, was Liechtenstein nur mit dem
Fernrohr zu kontrollieren vermochte. Der Targi der Westsahara zählt
bereits die Kamele einer eben in den Horizont eingetretenen Karawane,
wenn der Weiße neben ihm ohne Fernglas noch gar nichts von ihr sieht.
Der Australschwarze verfolgt die kleine Biene seiner Heimat, nicht
größer wie unsere Stubenfliege, bis auf 18 ~m~ Höhe ins Dunkel
eines Baumwipfels, um den wilden Honig zu ergattern. Die größte uns
bekannte Späherleistung möchte indessen von jenem rosseweidenden
Kalmücken auf der ciskaukasischen Steppe erzielt worden sein, der die
Russen vor einem Überfall bewahrte, indem er den aufwirbelnden Staub
eines heranziehenden feindlichen Heerhaufes auf 30 ~km~ Ferne
erkannte, d. i. die Entfernung Potsdams vom Ostende Berlins.

Die urälteste Form des Menschenlebens, der Nomadismus, hat sich bis
zur Gegenwart in den Steppen und Wüsten erhalten, weil hier der Mensch
unter der Bedingung heroischer Marschausdauer, beherzter Waffenführung,
genügsamer Kost, auch gelegentlichen Hungerns und Durstens der uralten
Wonne unseres Geschlechts sich weiterfreuen durfte: der goldenen
Freiheit, ohne als Arbeitsknecht Hacke oder Pflug führen zu müssen.
Stets haben diese Freischweifenden mit der Verachtung des kühnen
Recken auf die Seßhaften herabgesehen, so die Beduinen d. h. die
Wüstensöhne auf die feisteren Bauern des arabischen Küstenrandes, die
ihnen nur zum Brandschatzen, wenn nicht zu dauernder Knechtung da zu
sein schienen, ebenso die Kurden der armenischen Alpmatten auf die
Armenier, die drunten im Thal Feld und Garten berieseln mußten im
Schweiß ihres Angesichts; bis zur russischen Besitzergreifung auch
die freiheitsstolzen, türkischen Ösbegen Turans, die, wenn sie als
Herren der persischen Siedler der Flußchanate ihr Heim in diesen selbst
aufschlugen, doch lieber ihre Filzjurte im viereckigen Freihof des
Wohnhauses aufschlugen als wie Feiglinge in den Lehmmauern eines Hauses
zu wohnen.

Australiens eingeborene schwarzbraune Rasse hält noch gegenwärtig an
ihrer uralten frei schweifenden Lebensweise fest, wie sie dereinst
bedingt war durch das nahezu gänzliche Fehlen anbaulohnender Gewächse
und die Spärlichkeit jagdbaren Getiers in den wasserarmen Ödungen des
Landes neben völliger Abwesenheit melkbarer Tiere. Auch nachdem nun
die europäischen Ansiedler mit bestem Erfolg unsere Kulturgewächse und
Haustiere nach Australien gebracht haben, verbleibt der Australschwarze
lieber der alten Freiheit treu, so sehr sie mit dem Jammer des bloßen
Sammelns von kümmerlichen Brosamen am Tisch der Wildnis naturnotwendig
verknüpft ist. Die Männer des Stammes schweifen auf der täglichen
Wanderung weiter aus, etwa eine Känguruherde aufzutreiben, einen Vogel
mit dem Bumerang herabzuholen, die Erdhügelnester des Tallagallahuhns
auszunehmen; die Weiber ziehen auf kürzerer Linie, mit dem armseligen
Hausrat und den kleinen Kindern bepackt, nach eßbaren Wurzeln
grabend, wilden Honig, Baumharz, kaum genießbares Gewürm zur Stillung
des nagenden Hungers auflesend, einem noch nicht ganz erschöpften
Wasserloch zu, an dem sie abends das Feuer entfachen vermittelst des
brennend unter der Glut des Tagesgestirns mitgeschleppten Holzscheites,
auf daß der gestrenge Gatte nicht zürne über zu langen Aufschub, wenn
erst durch Aneinanderreiben von Hölzern das Feuer entzündet werden
müßte, und jener dann unsanft den langen Wanderstab auf den Kopf der
Gattin niedersausen ließe.

In dem wildreicheren Afrika ist selbst der Buschmann nicht bloß
Nahrungssammler, sondern Jäger, ein gewandter Bogenschütze. Doch kein
Land der Welt ist ein solches Jägereldorado, daß der Mensch anders
als hin- und herziehend von seiner Jagdwaffe den Unterhalt erzielen
könnte. Auch der Hirt ist in Steppen mit gar zu kärglicher Benetzung,
also schlechten Futterwuchses, oder in Gegenden, wo ein anhaltender
Schneewinter die Gebirgsweide nimmt, folglich die Herde in benachbarten
Niederungen zu überwintern zwingt, ein Nomade. Hingegen führen Oasen
und die Trockenräume durchströmenden Flüsse -- man denke nur an den
nubisch-ägyptischen Nil, diesen einzigen Strom, der die Sahara in
ihrer ganzen Breite durchzieht -- zu fester Siedelung, weil hier
das Quell- oder Flußwasser Garten- und Ackerbau mittels künstlicher
Bewässerung zu treiben gestattet auch an Orten oder zu Zeiten, wo kein
Tropfen Regen fällt. Darum war ja Zoroasters Lehre eine solche Wohlthat
für Irans und Turans dürstende Gelände, weil sie die Berieselungswerke
heilig sprach, unter deren Segen der sonst gar nichts tragende Boden
tausendfältig Feld- und Baumfrucht spendete.

Wo vollends Steppen regenreich genug sind, um auch ohne Bewässerung
Feldbau zu gestatten, da sind sie teilweise schon vor Alters,
in weitem Umfang vollends in neuerer Zeit vielfach ins Gebiet
seßhaften Völkerlebens einbezogen worden, indem gewöhnlich von
außen ackerbautreibende Stämme hereinzogen, sei es, daß der Boden
unbewohnt angetroffen wurde, sei es, daß er ihnen zufiel nach dem
gerechten Schiedsspruch tellurischer Auslese: jedes Land gehört dem,
der es am besten zu verwerten, am tapfersten zu verteidigen weiß.
Die englischen Weizenbauer und Schafzüchter dringen immer tiefer
ins Innere Australiens ein; die Buren verdrängten Hottentotten wie
Kaffern; die Prärien, wo noch vor kurzem die Rothäute die zahllosen
Büffel jagten, wogen gleich den argentinischen Pampas von unabsehbaren
Getreidefeldern. Dort, wo im Altertum skythische Skoloten und
Sauromaten mit ihren Herden Südosteuropas Steppen durchzogen, führt
jetzt der russische Ansiedler den Pflug. Und eben da, dicht am
südlichen Uralgebirge, vollzieht sich jüngst ein lehrreicher Vorgang
des Obsiegens der Seßhaften über die Schweifenden. Die Baschkiren
nämlich mögen nur ungern ihr freies Wanderleben in der Steppe aufgeben;
eingeengt jedoch durch die Uralwälder im Osten, die wüstenhafte
kaspische Salzsteppe im Süden, das leise Vorrücken der russischen
Bauern in West und Nord, fühlen sie sich außer stande allein durch
Vermittlung ihrer Herden vom Steppengras zu leben, darum verpachten
sie gegen Kornzins einen Teil ihrer Länderei an russische Bauern und
erkaufen sich damit noch auf eine Galgenfrist die Adelsfreiheit des
Nomaden. Aber ihr Schicksal ist besiegelt, denn um von Weidewirtschaft
in der Baschkirensteppe zu leben braucht man für den Kopf 120 Morgen,
bei Landbau nur 20-30. Derselbe Flächenraum, der einem einzigen
Baschkiren genügend Milch und Fleisch liefert, ernährt also vier bis
sechs Russen.

Allerwegen indes, wo das alte Hin- und Herziehen verblieb, erhielt sich
auch Sitte und Brauch fast unverändert. In den echten Wüsten führt
erst ganz neuerdings der Eisenbahnbau einen gänzlichen Umschwung des
Verkehrs hier und da herbei. Sonst zieht dort noch wie vor Alters der
Mensch von einer Wasserstelle zur andern, als Hirt, falls zu günstiger
Jahreszeit flüchtiges Grün den Boden überzieht, als Karawanenführer,
als Weidmann oder als lauernder Räuber. Wüsten züchten Räubervölker,
denn sie sind von Natur immer arm, es sei denn, daß sie stellenweise
Steinsalz bergen oder Salpeter wie die Atacama; oft liegen nun
beiderseits reiche Landstriche, wie die Mittelmeerküste Afrikas und
der Sudan, die einander ihre Güter durch Frachtzüge quer durch die
Wüste zusenden, und dauernd locken Quell- oder Flußoasen mit winkenden
Dattelhainen, mit Fruchtfeldern aller Art; Obst- wie Mehlzukost wünscht
sich aber der Steppen- und Wüstenmensch gar sehr zu seinem ewigen
Einerlei animalischer Nahrung. Was Wunder also, daß letzterer bei
seiner überlegenen Ortskunde, die Angriff wie Rückzug deckt, seiner
körperlichen Kraft, seiner fliegenden Eile zu Roß oder Kamel gern
wenigstens nebenbei das Räuberhandwerk treibt, weshalb jeder Oasenort
sich mit Lehmmauer umgürtet?

Das stete Wanderleben auf dürrer Fläche erzeugt eine Fülle von
Gewohnheiten, die gänzlich abweichen von denen seßhafter Menschen, und
sich darum weit weniger wandeln, weil hier eine Natur von unbeugsamer
Starrheit gebietet. In der syrisch-arabischen Wüste fühlt man sich
noch heute in die Tage der Erzväter Israels versetzt. Der Reichtum
besteht wie zu Abrahams Zeit in Vieh und Silbergeschmeide, in Waffen
und Teppichen. Außer dem unentbehrlichen Zelt, dessen Gestänge nebst
härenen Tüchern die Lasttiere auf dem Marsch zu schleppen haben,
muß die sonstige fahrende Habe aufs sparsamste bemessen werden. Man
darf sich nicht Tisch, Stuhl oder Bettstatt gönnen. Man hockt und
schläft auf platter Erde; auf den hingebreiteten Teppich wird die
große Schüssel mit dem einfachen Mahl gesetzt, in die greifen die
Herumhockenden mit den Fingern wie Christus und seine Jünger, denn
die Israeliten behielten gar manche Sitten des alten Nomadenlebens
bei, auch als sie in Palästina seßhaft geworden, nannten sie doch
für immer ihr Heim ~ohel~ d. h. Zelt. Die Geräte müssen dauerhaft
sein, weil man sie nicht so oft beim Händler erneuern kann; aus
hölzernen, womöglich mit Metallreifen geschützten Schalen trinkt der
Mongole seinen gemüseartig gekochten Thee mit reichlicher Zuthat von
Hammeltalg. Geringer geschätzt als der Mann ist das Weib; es verrichtet
niedere Dienste, bleibt ausgeschlossen vom Mahl der Männer. Sobald
abends das Zelt aufgeschlagen, begiebt sich Frau oder Tochter zum
Wasserholen, und damit sie den oft nicht so kurzen Weg nicht mehrmals
zurücklege, muß der thönerne Wasserkrug recht umfangreich sein, darum
wieder läßt er sich nur auf der Schulter oder auf dem Kopf tragen,
was zu straff aufrechter Haltung des Körpers viel beiträgt. Das Bild
der Rebekka am Brunnen kehrt allabendlich im Orient hundertfältig
wieder. Es fesselt stets durch die Verbindung von Anmut und Kraftübung;
wie spielend hebt die Wasserträgerin den schweren Krug empor und
trägt ihn elastischen Schritts von dannen. Mitten in der syrischen
Wüste begegnete unser Wetzstein einer wassertragenden Beduinenfrau,
die unterwegs geboren hatte in menschenleerer Öde, und nun rüstig
dahinschritt, den Wasserkrug auf dem Haupt, das Neugeborene im Arm.
Auch die Prärie-Indianerin wird zuweilen wohl auf dem Ritt durch die
meerähnliche totenstille Grasflur von ihrer schweren Stunde überrascht;
sie bindet dann ihr Pferd etwa an einen einsamen Baumstamm und schwingt
sich nach ein paar Stunden Rast heldenhaft mit dem Säugling auf ihr Roß.

Körperliche Ausdauer und Rüstigkeit sind diesen Nomaden in
jahrtausendelangem Daseinskampf anerzogen worden. Die Patagonier,
allerdings wohl die langbeinigsten aller Menschen, unternehmen
Erholungsspaziergänge von mehr als 60 ~km~. Der Tubu legt seine
heroischen Wüstenmärsche mit der notdürftigsten Tagesration weniger
Datteln zurück; im äußersten Fall öffnet er dem Kamel eine Ader an der
Schläfe, formt sich aus den zerstoßenen Knochen am Weg bleichender
Skelette von verschmachteten Menschen, häufiger von gefallenen Kamelen
und aus den paar Tropfen Kamelblut eine Paste zur Fristung seines
Lebens; Wasser kann er, falls er tagsüber regungslos im Schatten ruht
und nur nachts mit seinem treuen Tier weiterzieht, vier Tage lang
entbehren, dann erst bindet er sich todesmatt auf das Kamel, seine
Rettung dem unvergleichlich scharfen Spürsinn desselben überlassend.
Der Kalmücke vermag auf Karawanenreisen wenigstens drei Tage lang zu
hungern und zu dursten; findet er dann noch kein Trinkwasser, so rupft
er Haare aus der Mähne des Pferdes und kaut daran.

Langes Fastenkönnen und erstaunliche Gefräßigkeit entspricht vollkommen
dem auf Mangel an Speise oft folgenden Überfluß des Jägers, der
entbehrungsvollen Wanderung und späten Abendrast des Hirten-Nomaden.
Der Mongole kann mehrere Tage ohne Speise bleiben, jedoch einen viertel
Hammel sieht er als gewöhnliche Tagesration des Mannes an, ja er
vertilgt bei festlichem Gelage einen Hammel mittlerer Größe an einem
einzigen Tage für sich allein. Zu starkes Essen gilt übrigens bei
diesen Völkern oft als des Mannes unwürdig. Auf Fehdezügen läßt sich
der Kalmücke an ein paar Bissen Fleisch genügen oder er kaut geröstete
Tierhaut; am Tage der Schlacht pflegt er nur die Brühe vom Fleisch
zu trinken. Nordamerikanische Steppenindianer vermeiden selbst bei
reichlichen Vorräten übermäßiges Essen (das sie nur Weibern, Kindern
und Hunden nicht verargen), um sich straff zu halten für Mannesthaten
bei Waffenspiel oder ernster Gegenwehr.

Zum Spiel ist dem Nomaden viel Zeit übrig, und er liebt auch im
Spiel Körperkraft nebst Gewandtheit zu zeigen. Zum Bogenschießen
oder Ballspiel lockt die baumleere Weite; letzteres erfreut den
Teke-Turkmenen wie den Dakota und Tehueltschen. Im Zelt wird
leidenschaftlich gewürfelt; der Gaucho schlägt die Faulheitsstunden
mit Kartenspiel tot, während der Araber lieber in lauer Abendluft,
nachdem im Purpur des westlichen Himmels die Sonne niedergesunken,
dem Märchenerzähler oder dem Sänger der Ruhmesthaten seines Stammes
lauscht. Nicht von ungefähr trägt das Schachspiel einen persischen
Namen. Herrlich gelingen den Männern überall die Reiterkunststücke und
das Wettrennen; im Morgenland befeuern die zuschauenden Frauen durch
ihren Zuruf, jauchzen den Siegern zu, wehklagen über das Zurückbleiben
der Ihren. Es sind das segensreiche Volksfeste, in denen unentbehrliche
Tugenden durch den Sporn des Ehrgeizes ihre Pflege finden. Aus den
südrussischen Grasfluren kamen die wagehalsigen Bereiterstückchen
in die Kosakenregimenter der russischen Reiterei; Baschkiren, in
Ostturkistan selbst würdige Priester vergnügen sich daran, im rasenden
Galopp einen Stein vom Boden aufzuheben, ohne den Bügel loszulassen;
die Turkmenen rennen auf 160 ~km~ um die Wette und stiften dem ersten
Sieger den ansehnlichen Preis von zwölf Kamelen. Das malerischeste
Schauspiel bietet aber ein Renntag in der syrisch-arabischen Wüste oder
eine Falkenbeize, sei es auf Reiher, sei es auf Gazellen am Hauran. Da
bricht die Jagd- und Reitlust der Beduinen am feurigsten aus; wie toll
stürmen sie ins Weite, und wenn dann die silberweißen Jagdfalken im
blauen Äther mit den Reihern im Knäuel sich verschlingen, da schauern
sie wild empor, und jede Fiber zuckt den bronzefarbenen Männern, die
trotz aller Nervenstählung hochgradig nervös sind, wie so oft die
Menschen, die dauernd in elektrisch gespannter, trockener Luft leben.

Manche Eigentümlichkeiten treffen wir in diesen Landen, die nicht aus
ihrer Eigenart hervorgegangen, sondern hier nur besonders treu erhalten
sind, weil eben der Zeiger auf dem Zifferblatt der Kulturgeschichte
dort so viel langsamer vorrückt als bei uns. Dahin zählt u. a. der
vielfach noch nicht eingebürgerte Gebrauch des Kochsalzes. Man
könnte zwar meinen, Fleisch und Blut der Wüstentiere sei durch deren
salzreiches Futter schon salzig genug; in der That schmeckt trocknes
Kamelfleisch wie gesalzen. Die Sträucher und Kräuter des so selten
benetzten Bodens, in dessen Kruste die verdunstenden Tropfen von Tau
oder Regen ausgelaugte Salzteile aufspeichern, sind oft nicht minder
salzhaltig, folglich genießt z. B. der Namahottentotte, wenn er sich
Knollen oder Zwiebeln zur bescheidenen Kost ausgegraben, schon etwas
salzreichere Nahrung als wir, wenn wir Brot oder Kartoffeln verzehren.
Indessen so viele von der Berührung mit unserer Kulturentfaltung bisher
ausgeschlossen gebliebene Völker, darunter auch unsere Schutzbefohlenen
auf Neuguinea und den Karolinen, wissen nichts vom Salzen der Speisen,
daß wir gleichfalls bei den uns beschäftigenden Völkern hierin nur
einen Nachhall der Urzeit erblicken möchten, in der unser Geschlecht
sein stets vorhandenes, aber recht mäßiges Salzbedürfnis mit dem
geringen Salzgehalt seiner Nahrung im ungesalzenen Zustand befriedigte,
hingegen Zugabe von überflüssigem Salz als bloßem Gewürz zur Speise, an
die wir uns nun als an eine Notwendigkeit so gewöhnt haben, noch nicht
kannte.

Andere Einzelzüge haben jedoch die Bewohner der Trockenräume offenbar
erst diesen in näherer oder weiterer Vermittlung entlehnt. So zeigen
sie gern ihre Waffen, um feindlichen Angriff schon durch die Furcht
vor diesen womöglich im Keim zu ersticken. Meist in offener Ebene
dahinziehend, führen sie daher in weite Ferne drohende Waffen, mit
Vorliebe Lanzen, die Kurden z. B. 8 bis 10 ~m~ lange Bambuslanzen, die
Beduinen die längsten Flinten der Welt, während die Tuareg bei Speer
und altertümlichem Schwert mit Kreuzgriff verharren, die Schußwaffe
mit Pulver und Blei als Schutzmittel des Feigen von sich weisend.
Die Waldlosigkeit ladet sonst gerade zur Verwendung weit tragender
Schußwaffen ein. Mit der Sicherheit ihrer Pfeilschüsse bei jagendem
Ritt machten sich Hunnen, Awaren, Magyaren unseren Vorfahren furchtbar,
als sie aus den Steppen des Ostens nach Deutschland einfielen. Der Tubu
bringt mit seinem wagerecht geworfenen zackigen Wurfeisen dem Gegner
gleichwie mit einer Zackensense am Riesenstiel gefährliche Wunden bei.
Die Schleuder spielt seit alters in den Trockengebieten der alten Welt
eine ähnlich große Rolle wie Lasso und Bolas in denen der neuen.

Eine glückliche Sondererfindung der Saharavölker ist der sogenannte
Gesichtsschleier oder Litham, ein blaubaumwollener Shawl, der so um
den Kopf gewunden wird, daß er nur einen schmalen Schlitz für die
Augen frei läßt. Wie wir uns im Winter mittels des ~cache-nez~ durch
die eigene Atmung wieder Wärme zuführen, ebenso erwirken Tuareg wie
Tubu durch ihren Litham, daß die schmachtend trockene Wüstenluft durch
die selbstausgeatmete Feuchtigkeit, die sich im Litham verfängt,
durchfeuchtet wird, ehe sie sie einatmen. Die Araber scheinen einen
gleichen Schutz nicht zu kennen, pflegen aber bei Smum wohl nicht bloß
gegen den Wüstensand, sondern zu dem nämlichen Zweck einen Zipfel ihres
Mantels vor Mund und Nase zu ziehen.

Den Kopf tragen viele der Völker zum Schirm gegen die schroffen
Temperaturwechsel, oft auch gegen den Regen, bedeckt: die Kirgisen
mit einem buntgestickten Käppchen, die Iranier mit der hohen,
schwarzen Lammfellmütze, andere Morgenländer mit turbanartigem
Kopftuch oder Fez, die Hottentottin mit der Fellhaube. Letztere
abzulegen öffentlich gilt bei den Hottentotten als schamlos, wie auch
der Morgenländer vor dem Höherstehenden oder gar im Gotteshaus nie
die Kopfbedeckung abthut, wohl aber der Schuhe oder Sandalen sich
entledigt. Christus stets barhäuptig abzubilden ist ganz unhistorisch.
Der dicke Burnus des nordafrikanischen Kabilen sowie des Beduinen ist
als schlechter Wärmeleiter gegen Tageshitze ein ebenso guter Schutz
wie gegen Nachtkälte. Beinkleider treffen wir nur, wo Steppen und
Wüsten von kalten Wintern heimgesucht werden, so in den Prärien, in
Patagonien und Innerasien; der Mongole legt sie sogar nur im Winter
an. Hohe Stiefel sind eine beliebte Zuthat zu den Beinkleidern bei
Reitervölkern; manchen Völkern sind Hosen nebst hohen Stiefeln bei
beiden Geschlechtern eigen; daher reiten auch Frauen und Mädchen, z.
B. bei den Ostturkistanern, den Tanguten am Kuku-Nor, rittlings nach
Männerart. Die Tehueltschen ziehen über ihre hohen Reitstiefel noch
Überschuhe, um den Fuß auch im Schmelzwasser des Schnees trocken zu
halten. Auf dem bis über 70° ~C~ erglühenden Fels- und Sandboden der
Sahara zieht die nackte Fußsohle leicht Brandblasen, daher das dortige
Bedürfnis, Fellschuhe oder Sandalen aus Kamelleder zu tragen, obwohl
der sparsame Tubumann, wo es irgend geht, seine Sandalen an die Spitze
des über der Schulter getragenen Speers knüpft, mit dem er leichtfüßig
über den glühenden Boden dahinschreitet, ohne daß seine nackten,
freilich hornüberzogenen Sohlen auf dem scharfen Gestein zerschnitten
werden, während die Stiefel des Europäers auf demselben in Fetzen
zerreißen.

Die allgemeine Seltenheit des Wassers hat die Neigungen der Völker
geradezu gegensätzlich beeinflußt. Dem Araber ist der Anblick großer
Massen von Süßwasser eine ersehnte Augenweide, das Plätschern eines
Springquells die liebste Musik; die Fontäne gehört deshalb als
Hauptstück in den Mittelpunkt seines gartenartig ausgeschmückten
Innenhofs, ohne Baumesschatten und rauschende Quellen kann er sich das
Paradies nicht denken. In Centralasien hat dagegen die Seltenheit des
Anblicks von fließendem Wasser eine völlige Idiosynkrasie gegen alles
kalte Wasser herbeigeführt. Der Mongole schlägt seine Jurte niemals
dicht bei der Wasserstelle auf, so nötig er für sich und seine Tiere
das Wasser braucht; er trinkt nur gekochtes Wasser, und es wird ihm
übel, wenn er den Fremden etwa eine Wildente verspeisen sieht, weil
diese zum Wassergeflügel gehört. Die Chinesen sind wahrscheinlich
aus der Takla-Makan Innerasiens erst nach China eingewandert. Daraus
wird es sich erklären, daß sie nur abgekochtes Wasser zu sich nehmen.
So wurden sie die Erfinder des Theetrinkens, und man darf schon die
Behauptung wagen: Wir trinken Thee, weil die Chinesen aus Centralasien
stammen.

Wo das Wasser so kostbar, wird es nicht leicht zum Waschen benutzt.
Daher starren die Menschen oft von Schmutz. Herodots Ausspruch über die
Skoloten „Sie waschen sich nie“ gilt auch von den heutigen Mongolen,
die sich sogar stolz hierauf ~kara hunn~, d. h. schwarze Menschen,
nennen. Die Sitte der Skolotinnen, die, um zu gefallen, sich nachts
über eine aus zerriebenen wohlriechenden Hölzern hergestellte Paste
auflegten, so daß sie des Morgens als duftige Huldinnen erschienen,
ausnahmsweise auch ohne Schmutzkruste im Gesicht, erinnert uns an
eine bisher ganz übersehene Geschmacksrichtung, die unseren Völkern
offenbar durch ihre Heimat zu teil ward. In allen Trockenlanden
nämlich walten, wie wir schon bemerkten, aromatische Gewächse zufolge
natürlicher Züchtung auffallend viel mehr vor als anderwärts; ist doch
Arabien, zu deutsch das Wüstenland, von jeher durch seine Aromata
berühmt gewesen. Dieser Umstand machte die also stets von solchen
Wohlgerüchen umhauchten Steppen- und Wüstenvölker zu leidenschaftlichen
Freunden derselben; auch ihren Göttern schrieben sie natürlich diese
Vorliebe zu. Aus dem Morgenland empfingen wir selbst die Sitte des
Parfümierens; Mohammed trug stets ein Etui mit Wohlgerüchen bei sich,
wir könnten sagen ein Schnupftabaksdöschen; wenn die braune Nubierin
das Entzücken ihres Gatten sein will, nimmt sie ein förmliches Rauchbad
aus lauter aromatischen Stoffen. Mit nichts wurde im salomonischen
Tempel so viel Geld verpraßt, als um Jahve die köstlichsten Spenden
von Myrrhen und Weihrauch zum Himmel empor zu senden; ganz ebenso
zündeten die mittelalterlichen Tataren Asiens ihrem Gott duftige Opfer
und bringen noch immer die Indianer der Prärie ihrem „großen Geist“
Salbeiopfer. Der Weihrauchduft der christlichen Kirchen ist mithin ein
echt geographischer Hinweis auf den Orient als Ursprungsstätte des
Christentums.

Ein gewisser schwermütiger Zug geht durch diese Völker; er entspricht
wohl dem vereinsamten Weilen in einer einförmigen, schweigenden
Natur. Bis zu finsterster Stimmung steigert sich der freudlose Ernst,
wenn der karge Boden wie im Tubuland Tibesti selbst an Quellorten
nur wenige Datteln und kaum weich zu klopfende Dumpalmenfrüchte
trägt. Da macht der nagende Hunger die Herzen hart wie die Steine
der Wüste. Sonst jedoch verklärt ein freundlichstes Erbe uralter
Vorzeit auch das dürftigste Nomadenzelt: die sogar vom Räuber in Ehren
gehaltene selbstlose Gastfreiheit. Handel und Wandel, Verführung durch
Kulturgenüsse hat Biederkeit und ritterlichen Sinn meist noch nicht
angetastet. „Griechische Treue“ ist Satire, „türkische Ehrlichkeit“
hingegen Wahrheit. Dazu stählt Nüchternheit Leib und Seele; sie nicht
zum letzten führte die Khalifenheere wie die Osmanen von Sieg zu
Sieg. Trockenräume geben aus ihrem Gewächsreich wenig Zuckerstoff zur
Herstellung berauschender Getränke; das bewahrte ihre Söhne vor dem
Trunklaster, impfte ihnen Verachtung ein gegen die Weichlinge, die
sich nicht genügen lassen am ältesten und gesundesten Getränk der
Menschheit, Wasser und Milch, oder dem heißen Labetrunk von Kaffee oder
Thee, die sich berauschen wie die verachteten Knechte der Ackerarbeit.
„In ein Haus, unter dessen Dach ein Pflug steht, kehrt der Engel Gottes
nicht ein“ heißt es nomadenstolz im Koran. Mohammed, dieser Lykurg der
Wüste, hat die Abscheu gegen Trunksucht nicht erst eingeführt, nein er
fand sie vor und weihte sie nur wie so viele andere uralte Wüstensitten
als aus Allahs heiligem Willen geboren.

Wald- und Seevölker pflegen Polytheisten zu sein, Steppen- und
Wüstenvölker neigen vielmehr zum Monotheismus. Vom Sinai, aus Palästina
und Arabien empfing die Welt die drei wirkungsreichsten Lehren vom
+einen+ Gott. Dschingiskhan gebot, als wäre er ein Prophet des alten
Bundes: „Du sollst glauben an den alleinigen Gott, der Himmel und Erde
geschaffen hat, den Herrn über Leben und Tod.“ Nicht anders denkt
der Mandan-Indianer der Prärie von dem „großen Geiste, der im Himmel
wohnt“. Wir alle suchen die Einsamkeit, wenn wir unsere Gedanken
sammeln wollen. Das nämliche Streben trieb Johannes den Täufer und
Christus in die Stille der Jordanwüste, Mohammed in die Wüstenklippen
abseits von Mekka. Nur wenige, aber gewaltige Eindrücke sind es,
mit denen die Wüste in feierlichem Schweigen das sinnende Gemüt des
Menschen erfüllt. Über der starren Gesteinsfläche schaut das Auge
nur eine, aber eine stetige, ruhig gleichmäßige Bewegung: die der
Gestirne. Nicht Menschenhand lenkt sie, es muß eine übermenschliche,
jedoch einheitliche Macht sein, die das erwirkt; und was der Forschung
das Naturgesetz der Gravitation, ist dem kindlichen Sinn der einige
Gott, „der die Sterne lenket am Himmelszelt“, der die ganze Welt
regiert, zürnend daher fahrend im Gewittersturm, vernichtende Blitze
schleudernd, dann aber mild lächelnd seine Sonne wieder scheinen
lassend über Gerechte und Ungerechte.

Die Freude der Orientalen, gedankenvoller Rede zu lauschen, nicht bloß
bei abendlicher Rast im Nomadenzelt, nein auch am hellen Tag, etwa auf
der grünen Matte am See Genezareth gelagert, wie bei der Bergpredigt,
das war der rechte Boden, solche erhabene Lehren volkstümlich werden zu
lassen, aus ihnen menschenbeglückende Religionen zu gestalten.



IV.

Der Mensch als Schöpfer der Kulturlandschaft.


Die Entwicklung der Erdkunde während der letzten drei Jahrzehnte,
wo sie bei uns in Deutschland nach so langem Harren endlich überall
unter die Universitätswissenschaften Aufnahme fand und somit auf
ihre Methode und ihre Abgrenzung gegen andere Gebiete des Wissens
gründlicher geprüft wurde, lief einmal wirklich Gefahr auf einen
Abweg zu geraten. Hatte Karl Ritter in seinem monumentalen Werk „Die
Erdkunde im Verhältnis zur Natur und zur Geschichte des Menschen“,
wie schon diese Titelworte verkünden, das physisch-historische
Doppelantlitz der Wissenschaft von der Erde von neuem enthüllt, wie
es im engeren Umkreis antiker Länderkenntnis 18 Jahrhunderte vor ihm
bereits Strabo gethan, hatten manche Jünger der Ritterschen Schule in
dem Interregnum der deutschen Erdkunde, wie es 1859, mit Humboldts und
Ritters Tod, einsetzte, das historische Element dieser Wissenschaft
sogar überwuchern lassen, so erreichte die naturgemäß folgende Reaktion
eines umgekehrt etwas einseitig naturwissenschaftlichen Betriebs
der Geographie ihren Gipfelpunkt, als Georg Gerland in Straßburg
die Losung ausgab: die Erdkunde ist reine Naturwissenschaft, die
Werke des Menschen darf man nicht in sie hineinziehen, denn sie sind
Sondergegenstand der historischen Disziplinen.

Es darf wohl ein Glück genannt werden, daß dieser revolutionäre
Weckruf, der für den ersten Augenblick viel Bestrickendes hat und
ernsthaft methodologischer Erwägung entstammt, keine allgemeinere
Nachachtung in Deutschland und, dürfen wir stolz dazufügen, somit
auch in der übrigen Welt erfuhr. Selbst unser führender Geograph, F.
v. Richthofen, unter dessen Banner die Geologie die ihr gebührende
Stellung gewann, der Erdkunde als Fundament zu dienen, erklärte sich
rückhaltlos gegen Ausschluß des Menschen aus der Geographie.

Gerland hatte freilich vollkommen Recht mit seinem mahnenden Hinweis
darauf, daß die Erdkunde gleichsam ihre methodische Sauberkeit,
bloß mit Naturkräften und Naturgesetzen zu rechnen, preisgebe,
sobald sie den Menschen in ihr Bereich ziehe, denn unrettbar tritt
dann sogleich menschliche Willkür in die Betrachtung ein, man muß
dann bald mit den Methoden des Naturforschers, bald mit denen des
Historikers oder des Volkswirtschaftlers operieren. Aber liegt das
nicht eben in der eigenartigen Natur der Erdkunde begründet? Nicht
von ungefähr hat ihr der Altmeister Ritter die centrale Stellung
zugewiesen mitten inne zwischen den naturwissenschaftlichen und
den geschichtlichen Fächern. Wäre die Erde nichts weiter als ein
Naturkörper, so wäre selbstverständlich die Erdkunde thatsächlich reine
Naturwissenschaft; weil wir uns jedoch namentlich das landerfüllte
Viertel der Erdoberfläche gar nicht vorstellen können ohne die ihm tief
eingeprägten menschlichen Züge, so wird es wohl bei dem Schiedsspruch
verbleiben: die Erdkunde ist eine wesentlich naturwissenschaftliche
Disziplin, indessen mit integrierenden historischen Elementen.

Auch die Meere sind jetzt sämtlich eingesponnen in das Thun und Treiben
der Menschheit. Nähme der Mensch seine Hand von ihnen, so wären sie
nicht mehr, was sie sind, nicht mehr lebenerfüllte Räume, auf denen
die Flaggen aller seefahrenden Nationen sich entfalten, damit das
Adersystem, wie es erst seit kurzem die Wirtschaftsthätigkeit unseres
Geschlechts zu einem Ganzen zusammenschließt, unablässig seinen
Segensdienst leiste. Ohne den Menschen würden die Ozeane wieder
rückfällig werden in jenen Zustand, da Ichthyosauren und Plesiosauren
zur Jurazeit ihr Wesen in ihnen trieben, sie würden wieder wüstenhafte
Ödungen, auf denen an Stelle von Schiffen nur noch Eisberge ihre kalten
Pfade zögen.

Freilich hinter dem Kiel selbst der mächtigsten Kauffahrer, der
gewaltigsten Panzer verwischen die zusammenschlagenden Wogen stets
wieder die Spur der Wasserstraße. So allgemein fühlbar die Wirkungen
des Verkehrs in jenem Geäder der großen Seestraßen auch sind, in
dem die Schiffe gewissermaßen die Blutkörperchen vertreten, --
diese Straßen selbst bleiben unsichtbar, nur der Kartograph zieht
sie in Liniengestalten auf seinen Weltbildern aus. Anders das Netz
der Landverkehrswege! Wie zeigt es uns in seinen engeren oder
weiteren Maschen, in der Güte des Straßenbaus, im Vorhandensein von
Eisenbahnen neben glatten Kanallinien den Maßstab für Beurteilung der
Gesittungshöhe des bewohnenden Volkes! Welch ein Abstand zwischen
solchen Bildern des wimmelnden Menschen- und Güterverkehrs auf den
nach einem Punkt zusammenstrahlenden Land- und Wasserwegen, wie sie
sich um unsere Handels- und Industrie-Metropolen alltäglich darbieten,
gegenüber den bloß vom Menschenfuß ausgetretenen zitterigen Wegen
durch die unabsehbaren Grasfluren des tropischen Afrika, auf denen die
schwarzen Träger in langem Karawanenzug nur einzeln hintereinander
ihre armseligen Warenbündel dahinschleppen, oder gar gegenüber den
Urwaldgründen im Gebiet des Amazonenstroms, wo sich noch heute wie seit
grauer Vorzeit der braune Jäger seinen Weg immer von neuem mühsam durch
das Dickicht bricht!

Je mehr sich die wirtschaftliche Kultur eines Volkes hebt und je
mehr sich dessen Zahl steigert, desto vielseitiger spiegelt das von
ihm bewohnte Land seine Thätigkeit wieder, indem zuletzt wenig mehr
übrig bleibt von dessen ursprünglichem Antlitz als das Relief des
Bodens. Das großartigste Schauspiel fast urplötzlicher Umwandlung von
Wildland in Kulturland haben uns im Laufe der Neuzeit Nordamerika und
Australien geboten. Während noch im vorigen Jahrhundert das große
Viereck der Vereinigten Staaten von heute im Ostdrittel bis über den
Mississippi hinaus von prachtvollen, bunt gemischten Wäldern rauschte,
im ebenen Mitteldrittel, das allmählich zum hochgelegenen Fuß des
Felsengebirges ansteigt, ein Gräsermeer sich ausbreitete, das nur
dem Wild zu statten kam, donnerartig durchdröhnt vom tausendfältigen
Hufschlag der Büffel, und dann die kahle Hochlandwüste, die Stätte der
ungehobenen Gold- und Silberschätze, folgte, bis an das pazifische
Küstengebirge mit seinen riesigen Mamutbäumen und der noch völlig
toten herrlichen Hafenbai am Goldenen Thor, -- da ist jetzt der
Wald ungefähr wie bei uns in Deutschland auf etwa ein Viertel der
Gesamtfläche eingeschränkt worden. Goldene Weizenfelder wogen an Stelle
der Steppengräser, die größten Mais- und Baumwollenernten der Welt
spendet der nämliche Boden, der vordem öde Wildnis war; aus zahllosen
Gruben fördert man Eisenerz und Kohlen samt Erdöl an den Alleghanies,
in deren Umgebung wahre Wälder von rauchenden Schornsteinen die
Industriebezirke kennzeichnen; der centrale Riesenstrom ist gebändigt,
daß er bis zum Meer die größten Flußdampfer gehorsam auf seinem Rücken
dahingleiten läßt, das großartigste Netz von Eisenbahn- und Kanallinien
verflicht das Mississippithal mit der atlantischen Küste wie mit den
kanadischen Seen, wo Chicago als ein Seehafen mit Weltverkehr mitten
im Kontinent zu einer Millionenstadt erwuchs; selbst durch die vorher
in Todesschweigen liegenden Jagdgründe der Indianer des fernen Westens
zieht das Dampfroß schrillen Pfiffs seine transkontinentale Eisenstraße
zum wirtschaftlichen Zusammenschmieden der früher kaum sich kennenden
atlantischen und Südseefront; die weiße Kalkwüste am blauen Salzsee
von Utah ist durch künstliche Bewässerung in ein grünes Gartengefilde
verwandelt, Nevada nebst Kalifornien schütten ihre Milliarden aus, wo
vorher kaum ein paar streifende Horden von Rothäuten ein kümmerliches
Dasein fristeten; San Francisco erstand in 50 Jahren aus dem Nichts
zur stolzen Königin der Westküste, ein strahlendes Gegenüber zu New
York, der merkantilen Beherrscherin des Ostens, dieser volkreichsten
Stadt der Welt nächst London, wo vormals an der Hudsonmündung die
Wigwams eines Indianerdörfchens standen. Noch rascher, erst seit 1788,
ist Australien aus einer gottvergessenen Armutsstätte des Hungers und
Durstes, ohne einen Getreidehalm, ohne Fruchtbäume und Melktiere, ja
bis auf die spärlichen Känguruherden fast auch ohne jagdbares Wild,
durch englische Thatkraft umgestaltet worden zu einer beneidenswerten
Schatzgrube von Reichtümern aller drei Naturreiche. Klassisch wurde
daselbst die graue Theorie, der zufolge die Geschöpfe vom Schöpfer
selbst überall da heimisch gemacht seien, wo sie fortzukommen
vermöchten, durch die frische That der Versuchs widerlegt. Alle unsere
Getreide- und Obstarten wie unsere Nutztiere gedeihen vortrefflich
unter dem australischen Himmel; an Stellen, die dem Australschwarzen
nicht mit einem Tropfen Wasser die Zunge lechzten, hat Moseskunst
Quellen angeschlagen oder sammeln tief ausgebrochene Felscisternen
die Regenwasser umgebender Höhen, um jene ungeheuern Schafherden
zu tränken, deren Vließ im Trockenklima Australiens so seidenweich
auswächst, daß die Squatter bereits heute dort vom Schafesrücken
eine größere, vor allem aber eine ungleich dauerndere Einnahme sich
gesichert haben als Goldwäscher und Goldgräber. Dieser einzige Erdteil,
der bis vor etwa 113 Jahren keine Stadt, ja kein Dorf trug, ist nun
mit blühenden Ortschaften übersät, ja sein Melbourne ist analog, aber
noch schneller und höher emporgekommen wie San Francisco, denn diese
vornehme Kapitale der Südhemisphäre gleicht Rom an Bewohnerzahl und
wird Dank seiner unvergleichlichen Hafenbai die Haupthandelspforte
Australiens bleiben, wenn längst auch die letzte Goldader Viktorias
ausgebeutet worden.

Hatte der europäische Ansiedler dem amerikanischen Boden vieles von
daheim mitgebracht, vornehmlich den Weizen und das Pferd, dazu Rind,
Schaf, Schwein, Esel, Ziege, aus Asien den Kaffeebaum, so bekam also
Australien überhaupt erst durch die Kolonisten sein Kulturgewand
angethan, und zwar ein so gut wie ganz europäisches. Doch auch
unsere Ostfeste hat nicht ganz unähnliche Verwandlungswunder in
seiner Kulturscenerie erlebt. Javas Bedeutung für den Welthandel
beruht fast allein auf dem Massenertrag an ursprünglich ihm fremden
Erzeugnissen; der immergrüne Pflanzenteppich seines Kulturlandes,
wie er sich über die Niederungen zu Füßen seiner alpenhohen Vulkane
und über die Unterstufe seiner Gebirge ausbreitet, besteht neben dem
seit alters einheimischen Reis aus Zuckerrohr vom indischen Festland,
aus Tabakstauden von der Habana, aus dem Theestrauch Ostasiens, dem
ursprünglich nur afrikanischen Kaffeebaum und den herrlichen Cinchonen
Perus, die uns in ihrer Rinde das fieberbannende Chinin schenken.
Die nächst Java ertragreichste Tropeninsel Asiens, Ceylon, büßte
unter der Hand seiner englischen Herren das prächtige Urwaldkleid
seines Südgebirges großenteils ein, um in unseren Tagen sogar zweimal
umgekleidet zu werden: zuerst überzog man den gerodeten Waldboden
mit lauter Kaffeepflanzungen und nun aus Furcht vor dem verheerenden
Blattpilz mit lauter Theepflanzungen. Wer könnte sich die Sahara
heute ohne das Kamel denken? Gleichwohl ist dieses für die große
Wüste wie geschaffene Tier erst durch den Menschen dorthin eingeführt
worden; man erblickt es nirgends unter den mannigfaltigen Tierbildern
Ägyptens aus der Pharaonenzeit, es scheint vielmehr den Ägyptern
bis zur Ptolemäerzeit ganz fremd geblieben zu sein und hat seinen
das Verkehrswesen Nordafrikas umgestaltenden Einzug in die ganze
Sahara und darüber hinaus sicher erst im Gefolge der Ausbreitung des
Islam bis in den Sudan gehalten. Religionen sind auch sonst bei der
Metamorphose des landschaftlichen Kulturbildes mehrfach mit beteiligt
gewesen, nicht allein durch bauliche Anlagen wie Moscheen mit schlanken
Minarts, Pagoden und Buddhistenklöstern, die geradeso wie christliche
Wallfahrtskirchen und Klöster aus einem tief im Menschenherzen
begründeten Zug die Berggipfel suchen, wo sie dann landschaftlich um
so bedeutender wirken; und was wäre uns die Ebene am Niederrhein ohne
den Kölner Dom, die oberrheinische Ebene ohne Straßburgs Münster? Um
uns aber bewußt zu werden, wie Religionen z. B. unmittelbar eingriffen
in die vegetativen Landschaftstypen, brauchen wir nur dessen zu
gedenken, daß die Weinpflanzungen überall zurückwichen, wo Mohammeds
puritanisches Nüchternheitsgebot erschallte, selbst in dem einst so
weinreichen Kleinasien, das Christentum hingegen den Anbau der Rebe
nach Möglichkeit förderte, schon um den Weihekelch des Abendmahls
rituell zu füllen. Mit dem Athenakultus war der der Göttin heilige
Ölbaum untrennbar verbunden; mit dem Apollodienst wanderte der
Lorbeerbaum um das Mittelmeer. Die Verdienste gewisser Mönchsorden um
den Wandel des finstern Waldes in lichtes, fruchttragendes Gefilde
während des Mittelalters sind hoch zu preisen. Ja wir haben geradezu
den urkundlichen Beleg eines solchen Wandels immer vor uns, sobald
uns nur bezeugt wird, daß zu bestimmter Zeit an dem betreffenden
Ort ein Cistercienserkloster gegründet sei; denn das durfte nach
der Ordensregel gar nicht wo anders geschehen als da, wo noch bare
Wildnis den Anblick der Urzeit bot, damit alsbald dort mit Rodung,
Entsumpfung, Anbau begonnen werde. Wo jetzt die Thüringer Eisenbahn uns
so gemächlich durch die grünen Fluren des Saalthals an Weingeländen
und hochragenden Burgruinen bei Schulpforta vorbei dem inneren
Thüringen zuführt, kann beispielsweise im 12. Jahrhundert nur eine
versumpfte Thalsperre bestanden haben, die zu umgehen die Fahrstraßen
auf benachbarten Höhenrücken hinzogen, denn -- die ~Porta Coeli~ ward
damals als Cistercienserabtei angelegt. Gerade von ihr ist uns kürzlich
durch einen hübschen geschichtlichen Fund die gärtnerische Bedeutung
der alten Mönche in helles Licht gerückt werden; man verstand früher
nie, warum in Frankreich der auch dort weit und breit geschätzte
Borsdorfer Apfel ~pomme de porte~ heißt, -- nun wissen wir den Grund:
die fleißigen Mönche von Pforta hatten auf ihrem Klostergut Borsdorf
unweit von Kamburg an der Saale eine neue feine Geschmacksvarietät
einer kleineren Apfelsorte entdeckt und verteilten alsbald Pfropfreiser
derselben an ihre Ordensbrüder weit über Deutschland hinaus, und nur
die Franzosen bewahren zufällig durch den ihnen selbst nun unklar
gewordenen Herkunftsnamen pomme de porte die Erinnerung daran, daß die
rotbäckigen Borsdorfer alle Nachkommen sind von Stammeltern, die in
einem stillen Klostergarten an der thüringischen Saale gewachsen.

Ganz Europa ähnelt einem Versuchsfeld, auf dem nützliche Gewächs- und
Tierarten gezüchtet wurden, um sie dann mit dem alle übrigen Erdteile
durchflutenden europäischen Kolonistenstrom nach systematischer Auslese
auch dort einzubürgern, wo es die geologische Entwicklung nicht hatte
geschehen lassen. Nicht +ein+ Erdteil wird vermißt unter den
Darleihern von Zuchttieren, Nutz- oder Ziergewächsen an Europa. Am
schwächsten ist Afrika vertreten, nämlich bloß mit Schmuckpflanzen wie
Calla und Pelargonien; Australien schenkte uns in seinem Eucalyptus
einen kostbaren raschwüchsigen Baum, der durch die energische
Saugthätigkeit seines mächtig ausgreifenden Wurzelwerks u. a. in den
pontinischen Sümpfen Wunder thut zur Austrocknung des Bodens, zur
Vernichtung des Fiebermiasmas; Amerika verdanken wir den Truthahn,
die Tabakpflanze, den Mais, vor allem aber die Kartoffel, ferner
die eigenartig fremdländische Staffage der Mittelmeerländer: Agave
nebst Opuntie; am meisten jedoch spendete uns Asien, mit dem Europa
zufolge seines breiten Landanschlusses im Osten sowie der bequemen
Schiffahrt über das Mittelmeer stets im engsten Bunde gestanden hat
durch Wanderungen der Völker und durch Warenaustausch. Jeder Hühnerhof
stellt eine asiatische Geflügelkolonie dar, innerhalb deren nicht
selten der Pfau eine echt indische Farbenpracht entfaltet. In vor- oder
doch frühgeschichtliche Zeitfernen reicht die Einführung des Weizens
und der Gerste aus Asien, noch während des Altertums folgten Walnuß
und Kastanie, Mandel, Pfirsiche und Aprikose, erst durch Lucullus
die Kirsche. Oberitalien, vormals ein sumpfiges Urwaldgebiet rein
europäischer Baumformen, ward zu einem prangenden Fruchtgefilde, wo
hier asiatischer Reis, dort amerikanischer Mais blüht und aus China
gekommene Seidenzucht tausend emsige Hände beschäftigt; nur die
Weinrebe, die im Poland so reizend sich von Ulme zu Ulme schlingt,
darf als alteuropäisches Eigengut gelten. Der Büffel, so heimisch
er sich jetzt in den Donausümpfen Rumäniens wie in den Morästen
am tyrrhenischen Gestade Italiens fühlt, ist doch erst im frühen
Mittelalter durch Nomadenstämme aus Westasien zu uns gelangt. Das
Land, „wo die Citronen blühn, im dunkeln Laub die Goldorangen glühn“,
ist Italien noch in Cäsars Tagen nicht gewesen, ja die Apfelsine,
die schon durch ihren Namen „Apfel von Sina“ ihre chinesische Heimat
verrät, wurde sogar erst durch die portugiesische Kauffahrtei des 16.
Jahrhunderts über Südeuropa ausgebreitet.

Allein, um den Landschaftswandel durch Menschenhand zu gewahren,
brauchen wir uns gar nicht im Geist ans blaue Mittelmeer zu versetzen,
etwa nach Sizilien, dieser Lieblingsstätte der Ceres, wo man nun nicht
mehr bloß Weizen, Wein und Oliven wie vor Alters erntet, sondern ganze
Schiffsladungen von Hesperidenäpfeln von Palermo nach Nordamerika und
halb Europa verfrachtet, den Opuntienkaktus die Etnalava in fruchtbaren
Humusboden verwandeln und gleichzeitig dem armen Volk eine billige,
labende Frucht schaffen läßt, -- nein, unser eigenes Vaterland
offenbart uns das eindringlich genug.

Als Tacitus seine Germania verfaßte, gab es zwar im römischen
Provinzialgebiet links vom Rhein, an Donau und Inn, auch im Zehntland
zwischen Donau und süddeutschem Rhein schon mannigfachen Anbau; auf den
Schieferfelsen längs der Mosel und des norddeutschen Rheins pflegte man
bereits die Rebe, auf Donau und Inn schwammen Getreideschiffe, wenn
auch der Bodenanbau sich mehr an die Thalweitungen der Ströme hielt,
sonst meist nur eine lichte Oase im Dunkel des Waldes bildete, etwa um
ein einsames Römergehöft, angeschmiegt an einen sonnigen Thalhang mit
Auslage gen Süden. Dort im Donausüden und im rheinischen Westen bewegte
sich schon reger Verkehr auf den für den festen Tritt der Legionen
solid gebauten Römerstraßen; auf dem Markt der vindelicischen Augusta,
des heutigen Augsburg, trafen sich die verschiedensten Volksstämme,
man redete in germanischer, keltischer, römischer Sprache; Mainz war
ein wichtiger Waffenplatz, im freundlich mit Weingärten und Obsthainen
umschmückten Thalkessel von Trier schlugen gelegentlich römische Kaiser
ihren Sitz auf, um von wohlgeschirmter Stelle aus die Rheingrenze gegen
Freigermanien zu überwachen. Aber eben dies Land der freien Germanen
lag noch überwiegend im Waldesschatten, der nur von weiten Moorflächen
und wohl auch stellenweise von offenem Wiesenland unterbrochen wurde,
wo leicht austrocknender Lößboden den Waldwuchs weniger begünstigte als
den von Gras und Kraut. Städte sah man gar keine, kaum geschlossene
Dorfschaften, gewöhnlich bloß verstreute Blockhäuser, um sie her
wohl etwas Feld, grasende Kühe, Schafe oder Ziegen, ein grunzendes
Schwein, von Eichelmast genährt, aber keinen Baumgarten. Holzäpfel
und Holzbirnen brach man sich aus dem nahen Wald, der in malerischem
Durcheinander Laub- mit Nadelholz mischte; die schöne Eibe war an ihrem
dunkelgrünen Wipfel schon von weitem erkennbar neben dem helleren Grün
der Fichte oder der Kiefer; Eichen und Buchen walteten unter den nur
sommergrünen Waldbäumen vor, aber auch Lindenbestände mengten sich
ein, auf den Gebirgshöhen turmhohe Edeltannen. Bär und Luchs lauerten
im Dickicht, in dem die wilde Taube gurrte und über dem krächzende
Raubvögel ihre Kreise zogen; der Wolf ging auf Beute aus, fiel auch
wohl weidende Wildpferde an; Wildschweine durchwühlten das Erdreich,
neben Hirsch und Reh sah man das Elen mit seinem Schaufelgeweih das
Geäst der Bäume und das Gestrüpp des Unterholzes geräuschvoll zur
Seite drängen, um sich Bahn zu schaffen; in kleinen Gruppen durchzog
das Geschwister des amerikanischen Bison, der Wisent, Niederungs- wie
Bergwald, in größeren Herden weideten Renntiere die grauen Flechten
des Waldbodens ab; an den morastigen Flußufern führten Biber ihre
Wasserbauten auf im Schatten von Erlen, Eschen und Zitterpappeln.

Heute würde Tacitus sein Germanenland kaum wiedererkennen. Der
Deutsche ist nicht mehr bloß Jäger und Viehzüchter mit nebensächlichem
Feldbau, seine weit intensiver gewordene Arbeit gehört dem Ackerbau
und der innig mit ihm verknüpften Viehhaltung, dem Gewerbe bis zur
Großindustrie, dem Bergwerksbetrieb, dem Handel und der Schiffahrt. Das
kündet Deutschlands Antlitz mit der nahezu die Hälfte der Bodenfläche
einnehmenden Feldflur, den zur menschlichen Nutzung regulierten
Flüssen, der Fülle von Städten, den Fabrikschornsteinen und Hochöfen,
den See- und Stromhäfen, den Leuchttürmen und Deichbauten längs der
Küstenlinie, dem umfassendsten Eisenbahnnetz in ganz Europa. Nur
annäherungsweise haben sich Reste altgermanischer Landschaft noch
erhalten auf den höchsten Zinnen unserer Gebirge und in den Mooren,
soweit diese noch nicht der Brandkultur unterworfen wurden, oder durch
Abtragen des Torfes bis zum festen Untergrund einer am Kanalgezweig
in sie eindringenden Fehnkolonie den Platz räumten. Der Urwald ist,
wo man ihn nicht durch Feuer oder Axt zerstörte, zum Forst geworden,
also zum Kunstwald, der in eintönig gleichmäßigen Beständen solche
Holzarten enthält, die rasch wachsen und gut bezahlt werden. Darum hat
besonders auf unseren Gebirgen die Fichte die Vorherrschaft erlangt,
die hauptsächlich unser Bauholz liefert; selbst die stolzen Edeltannen,
von denen einige Patriarchen am obersten Schwarzathal noch aus der
Stauferzeit stammen mögen, finden wegen ihres langsamen Aufwuchses
keine Gnade bei der Forstverwaltung. Die Eibe treffen wir sogar meist
nur noch als seltenes Relikt der Vorzeit an schwerer zugänglichen
Stellen, so an der jähen Granitwand des Harzes, die vom Hexentanzplatz
zur Bode abfällt; sie wächst erst recht langsam nach und erlag daher,
allzu viel geschlagen wegen ihres für Schnitzerei trefflich geeigneten
Holzes, bei uns wie in Skandinavien frühzeitig allmählicher Ausrottung.
Renntier und Wisent verschwanden aus Deutschland schon während des
Mittelalters, das Elen hält sich nur noch in ein paar preußischen
Forsten unseres äußersten Nordostens, das mäßig große Wildpferd wird
zuletzt in der Reformationszeit am Thüringerwald erwähnt, Wolf und
Bär wurden in den Folgejahrhunderten ausgerottet, vom Biber führt ein
kleines Häuflein an der untersten Mulde und in dem benachbarten Stück
des Elbthals oberhalb Magdeburg ein beschauliches Dasein, anderwärts
sind dem merkwürdigen Nager unsere Gewässer durch Befahrung und
industrielle Anlagen zu unruhig geworden.

Unsere flüchtige Überschau hat ergeben, daß sich der umgestaltende
Eingriff des Menschen in die Naturwildnis teils richtet auf Veränderung
der Pflanzen- und Tierwelt je nach dem Bedarf seiner vornehmlichen
Beschäftigung, teils auf Ausführen von Wege-, Wasser- und Hochbauten.
In beiden Richtungen stellt sich die Wasser- und die Waldfrage in den
Vordergrund. Bei beiden wollen wir noch einen Augenblick verweilen.

In der Wüste schafft sich der Mensch Kulturboden, indem er den in
lichtloser Tiefe schlummernden Wasservorrat durch artesische Bohrung
an die Oberfläche herauffördert, um bald im Schatten von Dattelhainen
zu wandeln, wo sonst der Verschmachtungstod drohte. Im amphibischen
Sumpfgelände gilt es im Gegenteil des Übermaßes von Wasser sich zu
entledigen, um dann mitunter den allerfruchtbarsten Boden zu gewinnen.
Letzteres war der Fall in Ägypten; in der Deltaflur des Nil war nicht
zu leben als Fischer, Jäger oder Hirt, nur als seßhafter Ackerbauer,
dann aber auch in hohem Wohlstand und wachsendem Volksgewimmel, das zur
Arbeitsteilung, folglich zu hoher Kultursteigerung führte. So zogen
die Altägypter den Kulturboden durch Entwässerung und Dammbauten aus
dem Nilschlamm empor und schufen die eine Hauptwurzel der nachmals in
Europa ausgestalteten Weltkultur. Die andere Hauptwurzel leitet weiter
hinaus in das Mündungsland des Euphrat und Tigris. Hier ward in ganz
ähnlicher Weise Kulturboden als Grundlage erstaunlich früh gesteigerter
Menschheitsgesittung dem Sumpfdelta der beiden Zwillingsströme
enthoben. Aber der ältere, darum höher an den Flüssen hinauf gelegene
Deltaboden lag doch schon zu hoch über dem Stromspiegel, er wurde
deshalb nicht mehr vom Hochwasser erreicht wie der am ägyptischen Nil,
man mußte das Wasser durch Schöpfwerke emporheben und in zahlreiche
Kanäle leiten, die zugleich der Schifffahrt wie der Felderbefruchtung
dienten. Das war es, was das uralte Sumeriervolk und seine Nachfolger
in diesem Deltaland, die Chaldäer, zu weit mühevollerer Leistung
stachelte als die Ägypter. Indessen eben weil dieser Kulturboden von
keinem Nil alljährlich von selbst getränkt und gedüngt wird, verlor
er seine Erzeugungskraft, als der gedankenöde, die Thatkraft lähmende
Kismetglaube des Islams das Leichentuch über das Land breitete.
Babylonien versank in den Wüstenzustand; trauernd blickt der Birs
Nimrud, der einzige turmartige Trümmerrest Babels, dieser größten
Stadt des Altertums, auf eine sonnendurchglühte Ebene, der nun das
Wasser fehlt, das einst die Heidenvölker so schaffensfroh heraufholten.
Hier also harrt eine seit mehr denn tausend Jahren erstorbene
Kulturlandschaft ihrer Auferstehung, sobald nur das rechte Volk kommt.
Glorreicher erscheint darum die Bezeugung menschlicher Macht über
rohe Naturgewalt in den Niederlanden, weil da noch zur Stunde das
Siegeswort Wahrheit spricht: „Gott schuf das Meer, der Bataver aber den
festen Wall der Küste.“ Wo einst die nordwestlichsten Deutschen, die
Chauken, ein kaum menschenwürdiges Dasein fristeten, täglich zweimal
zur Flutzeit vom einbrechenden Meer umgarnt, daß sie wie Schiffbrüchige
in ihren auf künstlichen Hügeln erbauten Hütten als Flüchtlinge lebten,
da hat der goldene Reif des Deichbaus, den ihre Nachkommen aufführten,
fette Wiesen, besten Ackerboden in dessen Schutz gewinnen lassen, und
Hunderte von Kanälen durchziehen wie weiland Babylonien zur Be- und
Entwässerung das gesegnete Gefilde, aus dem man künstlich das Wasser
zum Meer geleiten muß, denn reichlich ein Viertel der Niederlande,
der ganze Raum von der Südersee bis zur Schelde, liegt tiefer als
der Meeresspiegel. Dies ganze Land ist mithin echtester Kulturboden
sogar seinem Ursprung nach, ihn hat der Mensch nicht meliorierend
umgeschaffen, sondern erschaffen, dem Meere abgerungen.

Schulter an Schulter mit den Niederländern haben wir auch auf deutschem
Boden den Deichbau zur Wehr gegen die anstürmende Nordsee ausgeführt,
am Dollart unterseeische Polder erworben und innere Landeroberungen
durch Urbarmachen der Moore, Trockenlegung von Sumpfstrecken erzielt;
ja Friedrichs des Großen Trockenlegung des Oderbruchs steht auf
ähnlicher Höhe wie diejenige des Haarlemer Meeres, die neuerdings
18000 Hektar ausgezeichneten Fruchtbodens lieferte, die Heimstätte
von zur Zeit 14000 zu ansehnlichem Wohlstand gelangten Holländern. In
den deutschen Mittelgebirgen, deren Begehung vielfach durch Torfmoore
erschwert wurde, hat der Abstich letzterer freilich die Wasserkraft der
aus ihnen gespeisten Bäche beeinträchtigt, denn jene gaben vorzügliche
Reservoire ab für den Niederschlag: Regen- wie Schmelzwasser speicherte
sich in ihnen wie in einem Schwamm auf und erhielt die Gewässer selbst
bei Trockenheit und Hitze stark. Mancher unserer Gebirgsbäche, der
jetzt zur Sommerzeit nur als dünner Wasserfaden durch sein Felsenthal
niederrieselt, hat noch vor wenigen Jahrhunderten selbst unweit seines
Ursprungs rastlos die Räder von Sägemühlen getrieben.

Eben in dieser Wasserökonomie haben wir nun auch die Hauptbedeutung
des Waldes zu erkennen. Daß Entwaldung stets zum Niedergang eines
Landes führen müsse, kann man allerdings nicht zugeben. Das hängt ja
ganz von seiner Naturbegabung ab. Die britischen Inseln sind durch
ihre Bewohner zum waldärmsten Glied des europäischen Körpers geworden
und trotzdem eins der regenreichsten geblieben, weil ihnen der Südwest
vom Golfstrom her Regenwolken in Fülle zutreibt, gleichviel ob diese
Wälder antreffen, oder irische Viehtriften, englische Feldflur und
Parklandschaft. Waldrodung ist in jedem Waldland die unerläßliche
erste Kulturthat des Ansiedlers, denn er braucht geklärten Boden zu
Hausbau wie Aussaat. Indessen wehe dem Volk, das ohne Verständnis für
die Eigenart seiner Heimat vermessen antastet dessen Waldmitgift!
Wie wir jetzt in Deutsch-Südwestafrika dazu schreiten, das Beispiel
der Australengländer zu befolgen, den bisher nutzlos verlaufenden
Wasserschatz sommerlicher Platzregen vorsorglich zu sammeln in
Cisternen oder Stauteichen, daß er der Viehzucht wie dem Landbau zu
gute komme, so beschirmt die Mutter Natur in glücklicher ausgestatteten
Erdräumen das als Regen oder Schnee vom Himmel bescheerte Wasser durch
das grüne Dach des lieben Waldes gegen zu rasche Verdunstung, gegen
verheerenden Ablauf zumal im Gebirge. Frankreich, noch weit schlimmer
die südlicheren Länder ums Mittelmeer, bezeugen, was geschieht, wenn
zufolge fahrlässiger Waldverwüstung das Naß nicht mehr im schattigen
Wald niedertropft auf moosigen Boden, um entlang den Baumwurzeln wie
in tausend Kanälchen ins Erdreich zu sickern, Quellen nährend. Wo sind
sie hin die schiffbaren Flüsse der Apenninen-Halbinsel zur Römerzeit?
Im Süden vielfach zu tobsüchtigen Fiumaren geworden, liegen sie in
der regenarmen Sommerzeit trocken, reißen dagegen bei winterlichen
Gewittergüssen wie mit den Krallen eines Ungeheuers immer neue,
immer tiefere Risse in die nackten Felswände, von denen die für den
Pflanzenwuchs so nötige Verwitterungskruste krumiger Erde durch
das nämliche Unwetter hastig in ihr Bett entführt wird, bloß zur
Versumpfung der Niederung, zur Verstopfung der Flußmündung. So ist aus
dem Land, da Milch und Honig floß, das skelettartig kahle Palästina
geworden; das Fett des Bodens, besonders die kostbare Roterde, die
aus der oberflächlichen Auflösung des palästinensischen Kreidekalks
durch den Regen zurückblieb und in der Terrassenkultur der Israeliten
sparsamst bewahrt blieb, mußte beim Verfall pflegsamer Bodenbehandlung,
beim Abhieb der immergrünen Eichenhaine, von denen die Bücher des alten
Bundes melden, der bleichen Steinwüste weichen.

Stets sind die Länder das, was ihre Völker aus ihnen machen. Das
Aussehen jener verkündet untrüglich den Grad der Werkthätigkeit dieser.
Immer höher klimmt der Mensch empor, die Natur seiner Umgebung in
seinen Dienst zu zwingen und seine Herrschaft ums ganze Erdenrund
auszudehnen. Boden wie Wasser sind beide längst die Schemel seiner
Macht, und sie werden es von Tag zu Tag mehr. Aus der mechanischen
Kraft des Flußgefälles holen wir uns elektrisches Licht, Triebkraft
für unsere Maschinen und übertragen sie vom Gebirge in die Niederung.
Hier versetzen wir gewissermaßen Gebirge, dort tunnelieren wir sie; wir
durchstechen Landengen und lassen im künstlich erschlossenen Wasserweg
Meere sich verbinden, wo es unser Verkehrsbedürfnis erheischt. Ja wir
lassen auf Schienen- wie Dampferlinien die irdischen Fernen in der
Praxis mehr und mehr sich kürzen, wir heben sie völlig auf in der
Telegraphie.

Aber es ist nicht wahr, daß der Fortschritt der Kultur den Menschen
loslöst von der mütterlichen Erde; nein, sie verknüpft ihn nur immer
inniger und umfassender mit ihr. Wir fühlen uns immer heimischer auf
dieser Erde, immer glücklicher in der Verwertung ihrer Güter, ihrer
Kräfte, stets jedoch bleibt sie das Grundmaß menschlichen Schaffens.



V.

Geographische Motive in der Entwicklung der Nationen.


Wir gebrauchen das romanische Lehnwort „Nation“ nicht gleichbedeutend
mit dem viel allgemeineren Ausdruck „Volk“. Volk bedeutet uns keinen
recht bestimmten Begriff: „Viel Volks“ brauchen wir in dem nämlichen
Sinn wie „eine Menge Menschen“. Die Bewohner jeder Thalung, jeder
Insel, jeder Stadt und jedes Staates dürfen wir im zusammenfassenden
Sinn „Volk“ nennen, selbst wenn sie von ihren Nachbarn nicht oder kaum
verschieden sind. Auch Nationen sind Völker, indessen nicht jedes Volk
ist uns eine Nation. Es giebt keine hamburgische, württembergische,
sächsische oder preußische Nation, wohl aber eine deutsche,
französische, russische; etwa auch eine belgische und niederländische,
eine schweizerische oder österreichische?

Schon bei dieser Frage stutzt man. Die Österreicher wird nicht
leicht jemand eine Nation nennen; den meisten wird das auch schwer
ankommen bei den ihrer Abkunft und Sprache nach ganz und gar deutschen
Holländern, vollends bei den Belgiern und Schweizern mit ihrer teils
deutschen, teils romanischen Muttersprache. Wir ertappen uns auf
großer Unsicherheit, wenn wir die Frage beantworten sollen: machen die
Bewohner der Vereinigten Staaten von Amerika eine Nation aus? Viele
werden das verneinen mit dem Hinweis darauf, daß diese Nordamerikaner
doch nur ein Gemisch aus den verschiedensten Völkern Europas und
Afrikas darstellen. Können indessen nicht aus der Verschmelzung von
recht unverwandten Völkern Nationen geboren werden? Ist nicht die
chinesische hervorgegangen aus der Vermischung der aus Innerasien
vormals an den Huangho hinabgezogenen Urchinesen mit einer Menge ihnen
von Haus aus fremder Vorbewohner Nordchinas und vollends Südchinas, wo
noch bis zur Zeit des zweiten punischen Krieges keine Chinesen hausten
und wo bis zur Stunde Reste unchinesischer Stämme zu Hunderttausenden
von Köpfen weiterleben? Zeigt uns die russische Nation nicht noch in
der Gegenwart ganz den nämlichen Umschmelzungsvorgang durch Aufgehen
finnischer wie türkischer Völker im alles aufschlürfenden Russentum?
Ist nicht geradezu jede Nation ohne Ausnahme ein Mischungserzeugnis?

Keiner braucht sich zu schämen, wenn er bekennen muß, über solche
Skrupel sich noch nicht recht klar geworden zu sein. Beweisen doch zwei
unserer größten Geister aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts, wie völlig
gegensätzlich sogar man damals noch über den Sinn des Wortes Nation bei
uns dachte. +Schiller+ ruft in einem Distichon aus:

    „Zur Nation euch zu bilden,
    Ihr hofft es, Deutsche, vergebens!“

Und gleich nachher, als Deutschland dem korsischen Sieger zu Füßen lag,
hielt +Fichte+ unter dem Trommelgetöse einer französischen Besatzung zu
Berlin unter den Linden seine Flammenreden „an die Deutsche Nation“!

Schiller meinte unter Nation offenbar eine im National+staat+ geeinte
Volksschar, Fichte dagegen hatte den Mut, selbst im zeitweilig
niedergetretenen, staatlich völlig zersplitterten Deutschtum
die nationale Kraft der Gemeinsamkeit anzurufen in prophetisch
zuversichtlichen Worten, als hätte ihn die stolze Ahnung erfüllt, daß
eben in mannhafter Gegenwehr gegen den französischen Erbfeind das
deutsche Volk sich dermaleinst den nationalen Staat erkämpfen werde!

Aber es dünkt doch sehr an der Zeit zu sein, daß wir den Begriff
„Nation“ in befriedigender Klarheit erfassen, weil er eine so mächtige
Rolle im täglichen Leben spielt und bei seiner ursprünglichen
Mehrdeutigkeit leicht als bestrickende Parteiparole von den
verschiedensten Seiten mißbraucht werden kann. Man denke nur an die
antisemitische Bewegung, an die mörderischen Kriege, die unter dem
Vorwand der Nationeneinung im vorigen Jahrhundert geführt wurden!

Kein Zweifel freilich, daß das lateinische Wort ~natio~ einen
Volksstamm bezeichnet, der zufolge gemeinsamer Abkunft seiner Glieder
sich gleich zeigt in Aussehen und Sprache, in Brauch und Sitte. Jedoch
die Geschichte lehrt, daß keine Nation eine solche natio, eine solche
genealogische Einheit darstellt. Jede im Gegenteil gleicht einem
Strom, der aus um so zahlreicheren Quellen sein Gewässer mischt,
je gewaltiger er im Lauf zum Meere hin anwächst. Gleich +sein+ von
jeher dichten nur oberflächliche Beurteiler den Nationen an; gleich
+werden+ aber ist allerdings ihr unablässig betriebenes Werk. Eben weil
Nationen sich in stets lebendigem Fluß befinden, ist es so verkehrt,
doktrinär aprioristisch von einer starren Definition für den in Rede
stehenden Begriff auszugehen und nachher schulmeisterlich zu Gericht
zu sitzen, um alle diejenigen Völker als Nichtnationen abzuweisen,
die dem im voraus festgestellten Begriff sich nicht fügen. Das ist
regelmäßig der Fehler einseitig urteilender Historiker, Sprachforscher,
Anthropologen oder Staatsrechtslehrer. Da sagen die einen: die
Stammeseinheit macht die Nation. Nun dann wären Engländer und Deutsche
nicht zwei Nationen, sondern nur eine, denn die Angelsachsen waren
rein deutsch und mischten sich auf britischem Boden nicht viel mehr
mit Kelten als unsere Vorfahren auf süddeutschem Boden, den doch bis
zum Beginn unserer Zeitrechnung ausschließlich Kelten inne hatten,
was noch heute daran ersichtlich wird, daß die Süddeutschen weit
häufiger dunkel von Auge und Haar sind als die Norddeutschen. Andere
behaupten: die Sprachgleichheit sei der richtige Ausweis nationaler
Zusammengehörigkeit. Aber dann gehörten ja Engländer und Nordamerikaner
zu einer und derselben Nation, ebenso Dänen und Norweger, die ja
nach Sprache wie Abkunft völlig eins sind. Endlich heißt es: der
+Staat+ erst macht ein großes Volk zu einer rechten Nation. Das hat
gewiß mehr für sich, denn Niederländer wie Portugiesen, Schweizer
wie Nordamerikaner haben sich erst durch Gründen eigener Staaten zu
nationaler Selbständigkeit erhoben, ja sogar losgelöst von ihren
stammes- und sprachverwandten Brüdern außerhalb der von ihnen gezogenen
Staatsgrenze.

Die Niederländer sind reinblütigere Deutsche als die Reichsdeutschen
selbst, ihr Holländisch ist eine niederdeutsche Mundart so gut wie
das Platt der Gegend von Düsseldorf oder Köln. Nichts deutete bis
gegen Ausgang des Mittelalters auf nationale Abkehr dieser für uns so
wichtigen Rheindeltaflur vom deutschen Mutterland. Da bricht der Krieg
aus gegen die spanische Zwingherrschaft. Wir lassen die Holländer
in diesem echt deutschen Kampf um Nacken- wie um Glaubensfreiheit
thöricht genug im Stich und -- fertig steht ein niederländischer Staat
von vollgültiger nationaler Leistungsfähigkeit auf allen Gebieten des
schaffenden Lebens. Ein Aufschwung ergreift das Volk, ähnlich dem der
Hellenen nach ihrem Obsiegen über den Koloß der Persermacht. Aus den
friedlichen Bauern und Heringsfischern geht eine kühne Seefahrernation
hervor, die eine Zeit lang die Hegemonie auf dem Weltmeer inne hat;
man gewinnt in überseeischem Handel und Kolonialbesitz eine wahre
Großmachtstellung, schafft in der nun zum Adel einer Schriftsprache
erhobenen heimischen Mundart eine hochansehnliche Litteratur, eigene
Kunstschulen und ein Gemeinwesen, das auch heute noch sein wieder
zu friedlicher Arbeit in engerem Kreise zurückgelenktes Volk sich
eines beneidenswert gleichmäßig verteilten Wohlstandes erfreuen läßt,
durchaus nicht gewillt, die seiner Eigenart angepaßte Verfassung durch
Eintreten in den deutschen Reichsverband preiszugeben. Ganz ähnlich
Portugal! Auch hier regte sich durchaus kein Streben nach Loslösung
aus dem so fest in sich geschlossenen iberischen Halbinselkörper bis
ins 11. Jahrhundert; der lusitanische Wohnraum deckte sich gar nicht
mit dem heutigen Portugal; ethnisch wie sprachlich war die Absenkung
Hispaniens zur heute portugiesischen Westküste vom Kernland der Mitte
nicht tiefer unterschieden wie dieses vom Ebroland oder vom fröhlichen
Andalusien. Portugiesisch war von jeher bloß eine spanische Mundart,
die man übrigens auch heute noch im spanischen Galicien spricht. Der
Staat Portugal erst brachte den Umschwung. Begründet dadurch, daß
König Alfons VI. seinem Eidam, dem ritterlichen Heinrich von Burgund,
das Küstenland zwischen Minho und Doiro als selbständige Grafschaft
überweist, wächst Portugal, Schulter an Schulter mit Kastilien, im
siegreichen Kampf gegen die Mauren südwärts aus, bis ihm an der Küste
Algarves das Meer eine natürliche Grenze setzt. Seit 1256 hat kein
anderes Königreich so fest seine Grenze eingehalten wie Portugal, ein
Beweis naturgemäßer Umgrenzung. Die nur auf portugiesischem Boden,
nicht ins spanische Hinterland schiffbaren Flußstrecken bilden samt
der Küstensee treffliche Verkehrsstraßen zu innigerem Zusammenschluß
des seiner ganzen Natur nach Kastilien entgegengesetzten, weit hinaus
ins Weltmeer blickenden Landes. Das gab dem Volk sein eigentümliches
Gepräge und schied es samt seiner auch hier zur vornehmen
Litteratursprache entwickelten Mundart national von Spanien.

Doch wir blicken in die Frühepoche europäischer Gesittung zurück und
vernehmen zwei merkwürdige Wahrsprüche der Geschichte über die gar
nicht immer gleichmäßige Beziehung zwischen Staat und Nation. Die alten
Griechen waren eine echte Nation in der wesentlichen Gleichartigkeit
des Typus, der Sprache, der Sitte und Gottesverehrung, in ihrem stolzen
Sichabsondern von allen übrigen Völkern, der Welt der „Barbaren“, im
ruhmreichen Kampf zur Verteidigung ihrer nationalen Freiheit gegen
den persischen Großkönig, indessen -- nie brachten sie es zu einem
nationalen +Staat+. Die Römer hingegen erweiterten Schritt für Schritt
ihre festgefügte Staatseinheit vom römischen Weichbild auf Latium,
auf Italien, auf die ganze Länderkette rings um das Mittelmeer, und
gleichwohl hinterließ dieser Römerstaat, als er in Trümmer sank,
keine einige Nation, sondern bloß vereinzelte Ansätze zu abgesondert
voneinander sich entfaltenden Nationalitäten.

Ist somit doch nicht immer der Staat Grundlage oder Endziel nationaler
Ausgestaltung, so führt uns wohl am sichersten ein Wink des berühmten
Franzosen Ernst Renan der Lösung des Rätsels entgegen. In einem
glänzenden Vortrag, den Renan in der Pariser Sorbonne am 11. März 1882
über das Thema hielt: „~Qu’est ce qu’une nation?~“ -- der Vortrag liegt
längst auch gedruckt vor, blieb jedoch in Deutschland fast unbeachtet
-- weist derselbe alle bisherigen Versuche, den Begriff Nation zu
erklären, mit meist durchschlagenden Gründen zurück und überrascht
zum Schluß mit der ganz neuen Deutung: „Eine Nation ist eine große
Gemeinschaft, die sich gründet auf das Bewußtsein opferwillig für die
Gesamtheit vollbrachter Thaten und auf das Einverständnis, auch künftig
in dieser aufopfernden Gemeinsamkeit weiterzuleben.“ Er ruft aus: „Die
Existenz einer Nation ist ein Tag für Tag fortgesetztes Plebiscit.“

Das kennzeichnet richtig die Nation als etwas in steter Entwicklung
Begriffenes und legt das Schwergewicht mit Recht auf das thatkräftige
Wollen. Thaten sind uns geradezu Berechtigungsnachweis dafür, daß
eine Volksschar eine Nation ausmacht; eine herdenhafte Menschenmasse
von Millionen und aber Millionen Köpfen, dabei so gleichartig, als
stelle sie eine einzige Familie dar, wäre uns doch keine Nation, wenn
sie thatenlos dahin vegetierte. Unklar bleibt nur bei Renan, worauf
eigentlich dieser Wille der Zusammengehörigkeit beruht, aus dem die
großen Thaten fließen. Vortrefflich eröffnet Renans Nationalbegriff
die Perspektive auf die im gesunden Fortgang des nationalen
Zusammenschlusses begründete Vollendung des letzteren, die Aufrichtung
des nationalen Staates; denn nichts vermag besser den Willen der
Absonderung von den Nichtgenossen zu verwirklichen als Abstecken einer
möglichst gesicherten Staatsgrenze, nichts vermag andererseits den
Willen des festen Zusammenstehens gründlicher in die That umzusetzen
als das gesetzmäßig ausgebildete Pflichtensystem staatlicher
Einrichtungen. Doch wenn wir fragen nach dem Urquell eben dieses
Wunsches zusammenzuhalten, zu bethätigen das „alle für einen, einer für
alle“, so läßt uns der geistvolle Franzose im Dunkeln. Er hellt dieses
Dunkel auch nicht auf mit der Redewendung: „Eine Nation ist eine Seele,
ein geistiges Prinzip.“

Nein, das Wünschen und Wollen im bloßen Sinn subjektiven Beliebens
führt gewiß nicht zu dauerndem nationalen Zusammenschluß. Es handelt
sich um den objektiven Grund des Wollens, und ich denke, wir entdecken
ihn, wenn wir den Renanschen Satz geographisch vertiefen.

Ist es an dem, daß vor allem der ausdauernde feste Wille des
Zusammenhaltens in bewußtvoller Abkehr von den übrigen ein Volk zur
Nation stempelt, so bilden z. B. die Schweizer entschieden eine
Nation. „Wir +wollen+ sein ein einig Volk von Brüdern,“ so läßt der
Dichter die Schweizer auf der Rütliwiese ihren Bund besiegeln. Ja,
sie +wollen+ eins sein auch die Schweizer der Gegenwart, sie +wollen+
wie Brüder zusammenstehen, so deutlich auch die welsche Zunge im
Südwesten und Süden, die deutsche Zunge im übrigen größeren Raum
ihrer Eidgenossenschaft laut es künden, daß sie nicht von gleicher
Herkunft sind. Und +warum+ wollen sie es? Weil sie ein und dasselbe
Haus bewohnen, dies einzig schöne Haus von den Juraketten bis zu den
firngekrönten Alpenhöhen, vom grünen Bodensee zum blauen See von Genf.
Gar verschieden hat die Natur das Land ausgestattet. Wo im Südost
die Alpen ragen, da thront naturgemäß die Sennerei; mit den Erträgen
seiner Rinderzucht ist der Alpenschweizer auf das Hügelgelände des
Nordwestens, auf die Molasseschweiz zwischen Jura und Alpen gewiesen,
wo man Getreide und Obst baut, wo man Wein keltert. Schon damals, als
die Melkbauern um den Vierwaldstättersee den urältesten, noch so eng
umschränkten Eidgenossenbund gründeten, nahmen sie Luzern in ihn auf
als ihren Marktort am Austritt der Reuß ins schweizerische Kornland. So
klar erkannten sie, daß einem Dauer verheißenden Bund die materielle
Wirtschaftsgrundlage nicht fehlen dürfe. Und dieser reale Grund,
daß Alpen- und Molasseschweiz bei ihrer entgegengesetzten Begabung
aufeinander angewiesen sind zu wechselseitiger Ergänzung, leitete den
ferneren Ausbau der Eidgenossenschaft und hat bis zur Stunde diese
Schweizer zusammengehalten. Das Bewußtsein solcher Zusammengehörigkeit
aber erfuhr eine mächtige Steigerung durch äußere Widersacher: durch
die habsburgischen Versuche, die alte Bauernfreiheit zu verkümmern,
durch die blutigen Angriffe des eroberungslustigen Karl von Burgund,
durch die Teilnahmlosigkeit des Deutschen Reichs in jenen schweren
Tagen der Gefahr. So lernten die Schweizer, daß, wenn sie Herr in ihrem
hehren Hause bleiben wollten, sie treu zusammenstehen müßten ohne
Unterschied der Abkunft, der Sprache, des Glaubens. Sie erwuchsen zu
einer Nation und schufen sich zur Wahrung ihrer nationalen Güter den
immerdar festesten Hort, den nationalen +Staat+.

Das Beispiel der Schweiz ist ein Typus für Nationalentwicklung
überhaupt. Wie in einem klaren Spiegel schauen wir es da, daß leibliche
Verwandtschaft und daher stammende Sprachgemeinschaft durchaus nicht
unerläßlich sind zum Entfalten einer Nation, so gewiß sie imstande sind
das machtvoll zu fördern, ferner daß der eherne Panzer der staatlichen
Einheit gar sehr benötigt wird, ja unter Umständen unentbehrlich ist,
den Körper der Nation zu schirmen; vornehmlich aber erkennen wir an
dem Muster der Schweiz die bisher allzu sehr übersehene Bedeutung der
wirtschaftlichen Faktoren in ihrer Bedingtheit durch die Landesnatur.

In der Verkennung der leitenden Kraft dieser geographischen
Einwirkungen liegt die Hauptschwäche der Renanschen Ausführungen.
Er giebt zu, daß „die Geographie“ (er will sagen: die tellurische
Beeinflussung) ihren gewichtigen Anteil habe an der Trennung von
Nationen, indessen, nachdem er von der scheidenden Kraft der Gebirge,
der verknüpfenden der Flüsse geredet hat (ohne des Meeres auch nur
mit einem Wort gedacht zu haben), verkündet er: „Die Erde liefert
doch nur die Unterlage, das Kampffeld für den Wettbewerb mit den
Waffen oder in friedlicher Arbeit; der Mensch liefert die Seele.“ Und
dann verflüchtigt er alsbald wieder den eben eingeräumten Einfluß
geographischer Bedingnisse, indem er erklärt: „Eine Nation ist ein
geistiges Prinzip, hervorgewachsen aus tiefen Komplikationen der
Geschichte, eine geistige Familie, keineswegs eine durch den Bodenbau
bestimmte Gruppierung.“

Das letztere hat auch wohl noch niemals jemand behauptet. Staaten wie
Nationen sind keine Naturerzeugnisse, sondern jedesmal Schöpfungen der
Menschen. Es wäre jedoch eine Verkennung thatsächlicher Verhältnisse,
wollte man den Menschen so unumschränkt in seinen Neigungen und
Willensäußerungen sich denken, daß er hierin von seiner irdischen
Heimat gar nicht abhinge. Im Gegenteil, so gewiß im Pulsschlag des
Lebens einer Nation Blutsverwandtschaft, Gleichheit von Sprache
und Sitte, Glaubensgemeinschaft sehr wohl fühlbar sein kann, -- am
dauerndsten wie am allgemeinsten ruht doch die Vereinigung zu diesen
umfassenden Volksgenossenschaften in dem Bewußtsein, daß man neben
geistigen auch materielle Interessen gemein habe, die man darum mit
geeinter Kraft zu vertreten habe. Und eben weil materielle Interessen
am Boden zu haften pflegen, ist ein unlösbares Band geschlungen
zwischen einer Nation und ihrem Wohnraum. Geschichtliche Strömungen
mögen bald diese, bald jene Länder national verknüpfen, aber vom
Boden losgelöste Nationen hat es nie gegeben. Mag eine Nation ihre
Stätte wechseln, oder mag sie wie die russische in Sibirien ihren
Wirkungsraum auf benachbarte, ganz neue Lande ausdehnen, stets wird
sie sich dem neugewonnenen Boden innig vermählen, geistig ebenso wie
durch Anbau, Handel und Gewerbe, Verkehrs- und Staatseinrichtungen.
Das militärische Schutzbedürfnis kann sogar Hauptgrund werden für eine
Nation, etwa ein zeitweilig außerhalb ihrer Staatsgrenze gelegenes
Gebiet zu besetzen. Wir Deutsche haben „aus nationalem Interesse“ das
Elsaß nebst Deutsch-Lothringen für uns reklamiert, nicht weil dort uns
abtrünnig gemachte Volksgenossen wohnten oder weil diese Territorien
einst dem verflossenen Deutschen Reich angehörten, sondern weil uns
Metz als Sperrfeste des zum Rheinstrom ausmündenden Moselthals, vor
allem aber die Wasgaumauer hocherwünscht sein mußte zur Deckung
unserer Westgrenze. Mit freilich nicht ausgesprochener Bezugnahme auf
diese vermeintliche Gewaltthat bemerkt Renan, eine Nation habe nicht
mehr Recht als ein König zu einer Provinz zu sagen: „Du gehörst mir,
ich nehme dich.“ Denn, heißt es weiter: „Niemals besitzt eine Nation
ein wirkliches Interesse, ein Land gegen dessen eigenen Willen sich
anzugliedern oder für sich zu behalten. Der Wille der Nationen ist
schließlich das einzige gesetzliche Schiedsgericht, auf das man dabei
immer zurückzukommen hat.“ Das soll also heißen: Man lasse sich die
Bewohner von Elsaß und Deutsch-Lothringen frei äußern, ob sie lieber
zu Frankreich oder zu Deutschland gehören wollen, und regele nach
solcher Entscheidung die Karte Europas! Machen denn aber die teils
französischen, teils deutschen Insassen unseres heutigen Reichslandes
jenseit des Rheins, denen niemals die zu nationaler Sonderbethätigung
notwendige Selbstständigkeit zu eigen sein konnte, eine „Nation“ aus?
Das wollte doch gewiß auch Renan nicht behaupten. Hörten wir aber nicht
eben erst sein Urteil, eine Nation beruhe auf einem stetigen Plebiscit
der Zusammengehörigkeit? Nun, dann gilt bei dieser lediglich zwischen
Deutschland und Frankreich schwebenden Streitfrage der Wahrspruch
deutscher Nation: Wir brauchen diese unsere zurückeroberte Reichsmark,
um im Frieden sicher zu leben! Und Renan, der begeisterte französische
Patriot, muß nach obigem sogar selbst die Zuständigkeit eines solchen
Schiedsgerichtes als des „einzigen gesetzlichen“ anerkennen!

Derartige Beispiele, wie der Besitz eines verhältnismäßig schmalen
Landstreifens sogar für die Existenzfrage einer Nation von hohem Belang
sein kann, zeigen deutlich genug, daß die Landesnatur doch nicht
als bloße Äußerlichkeit betrachtet werden darf, wenn man sich über
das Werden von Nationen klar werden will. Wahrhafte Nationalstaaten
benutzen ihr Gebiet niemals als bloße Schaustätte ihrer Thaten. Der
glücklichste Wurf zu einer nationalen (d. h. hohen Sonderaufgaben eines
Volkes gerecht werdenden) Staatsgründung wird stets der sein, der den
richtig erkannten Zielen des Volkes das rechte Werkzeug in die Hand
giebt, sie zu erreichen, vor allem also das rechte Staatsgebiet in der
national zweckgemäßesten Umgrenzung.

Das Römerreich war ein Weltreich, verbunden außer durch den eisernen
Herrscherwillen der Römer allein durch die herrliche Verkehrsbrücke
des Mittelmeers. Doch so verschieden wie die Natur Italiens und
Syriens, Ägyptens und Galliens, ebenso verschieden gestaltete sich das
Völkerleben in diesen Provinzen des Reichs, so daß nimmermehr, auch bei
noch weit längerer Reichsdauer von einer nationalen Vereinheitlichung
hätte die Rede sein können. Noch machtloser hierzu erwiesen sich so
gewaltsame Staatsschöpfungen wie die der mongolischen Großkhane des
Mittelalters oder die Napoleons I., bei denen zur Unvereinbarkeit der
Länder und Völker sich auch die Kürze der zwangvollen Vereinigung
gesellte. Wenn dagegen wie in den Vereinigten Staaten die Natur große
Einheitszüge aufweist, und der Mensch die vorhandenen Gegensätze wie
dort zwischen dem wohlbenetzten, an den nützlichsten Fossilschätzen
reichen Osten und dem dürren edelmetallreichen Hochlandwesten samt
den riesigen Entfernungen von atlantischer bis pacifischer Küste,
samt dem argen Verkehrshemmnis der Felsengebirge, der Nevadakette
durch Eisenbahnen zu überwinden versteht, dann mag in jenes gewaltige
Viereck unter dem Sternenbanner ein Schwall verschiedenartigsten Volkes
einströmen, -- es kann die nationale Einung doch nicht ausbleiben.
Dem durch die englische Besiedlung früherer Jahrhunderte begründeten
Stamm der Neusiedler schmiegten sich in Sprache und Lebensgewohnheiten
so gut wie alle späteren Nachzügler aus Europa an nach dem Gesetz
der Ausgleichung an der Hand des täglichen Verkehrs; das Leben auf
demselben Boden, in derselben Luft wirkte nicht minder ausgleichend auf
körperliche Ausbildung und Temperament, Eheschließungen verwischten
ethnische Gegensätze, namentlich aber flößte das gemeinsame Wirken
auf der gleichen Grundlage der Bodenmitgift nach den gleichen Zielen
in Ackerbau, Gewerbe, Handel den Wunsch ein nach gleichartiger
Regelung der wirtschaftlichen Einrichtungen durch den nationalen
Staat, unabhängig von Fremden, und seien sie auch die daheim in
England gebliebenen Väter oder Brüder. Der weltgeschichtliche Abfall
der Kolonien an der atlantischen Seite Nordamerikas von England war
nur der Ausdruck des frisch erwachten nationalen Sonderinteresses
der englischen Amerikaner auf dem den Indianern und der Wildnis auf
eigene Faust entrissenen Neuland. Man faßte den Willen der Loslösung
einerseits, des selbständigen Zusammenhaltens der Kolonisten
andererseits, d. h. man fühlte sich als Nation.

Wenn der erste Kanzler des Deutschen Reichs einmal im Reichstag
äußerte, „ein Deutscher, der sein Vaterland abstreift wie einen
alten Rock, ist für mich kein Deutscher mehr, ich habe kein
landsmannschaftliches Interesse mehr für ihn“, so atmet dieser
nur scheinbar herzlose Ausspruch die ganze Schärfe Bismarckscher
Realpolitik, die auf der Überzeugung ruht: das Vaterland bestimmt die
Nation, weist ihr die ganze Lebensrichtung, giebt einem jeden das
Pfund, mit dem er wuchern soll, verleiht ihm dafür indessen auch nur so
lange Schutz, als sein Wirken ihm zu gute kommt.

Was wir hier zu erweisen suchen, daß eine Nation gar nicht auf
wirklicher Blutsverwandtschaft aller ihrer Angehörigen von Uranfang
beruht, so gewiß dauerndes Beisammenwohnen infolge von unvermeidlicher
Blutmischung schließlich sogar nach Millionen zählende Nationen
familiär vereinheitlicht, wird kaum jemals die Überzeugung der Masse,
des gemeinen Mannes werden. Der wird sich nach wie vor, schon unter
Einwirkung des trügerischen Namenschalles, unter einer Nation die
naturgegebene große Familie denken, die von einem Adam und einer Eva
herstammt, wenn man auch deren Eintragung in das Standesamtsregister
nicht mehr vorzuweisen vermag, ebenso wenig wie den ordnungsmäßig bis
zur Gegenwart fortgeführten Stammbaum. Unsere eigenen Vorfahren, die
sich erst seit der Regierungszeit Ludwigs des Deutschen den Gesamtnamen
„Deutsche“ beilegten, müssen ihren Verwandtschaftszusammenhang doch
schon lange vor jeder staatlichen Vereinigung erkannt haben, denn sie
hielten sich für eine weit ausgezweigte Germanenfamilie, und ihrem
Kausalitätsbedürfnis genügte die kindliche Vorstellung, es sei zur
Gründung dieser Familie gar kein Ehepaar erforderlich gewesen, sondern
allein der „Urmann“ (~mannus~, wie Tacitus sagt), der, aus der Erde
hervorgesprossen, das blonde Germanengeschlecht aus sich erzeugt
habe. Viel mag auch in unseren Schulen der Unterricht in biblischer
Geschichte dazu thun, daß man sich in früher Jugend bereits unter dem
Eindruck der schlicht klassischen Erzählungen von den Erzvätern das
Entstehen von Völkern vollkommen so geschehen denkt wie das einer
Einzelfamilie, ohne zu ahnen, daß die angeblichen Abrahamsöhne
schon in der Periode, da sie mit ihren Herden im Land Kanaan hin
und her zogen, sicherlich nicht reinblütig d. h. nicht von völlig
gleicher Abstammung waren, geschweige denn in der Folgezeit, als
sie seit dem Einzug in das ihnen „verheißene“ Land den langwierigen
Verschmelzungsvorgang durchmachten, der aus ihnen und all den
Vorbewohnern des eroberten Landes zu beiden Seiten des Jordan, mithin
aus einer nicht mehr analysierbaren Mischung von semitischen wie
nichtsemitischen Elementen die jüdische Nation hervorbrachte.

So wird wohl in den Köpfen weiter spuken der Wahn von der
Familiennation, eben weil er für so selbstverständlich wahr hingenommen
wird, obwohl er eine Fülle irriger, gar nicht ungefährlicher
Schlußfolgerungen mit sich führt ähnlich wie der schöne Satz: „Der
Mensch besteht aus Leib und Seele“, woraus ganz harmlos das Gleichnis
von Hülle und Inhalt herauswächst, dieser vom gräßlichsten Aberglauben
übervoll wuchernde Boden des Wähnens einer Trennbarkeit der Seele von
ihrem „Wohnhaus“. Man wird sich auch fernerhin eine Nation zumeist
wie die eigene Familie entfaltet denken, von der sie sich eigentlich
gar nicht wesentlich, sondern nur in der ungeheuer viel größeren
Kopfzahl unterscheide. Man wird demzufolge auch gern geneigt sein,
sentimentale Erwägungen anzustellen über Bruderpflichten, die man
habe selbst gegen späte Nachkommen von Nationalgenossen, die einst in
wer weiß wie weite Fernen dahingezogen sind. Wer möchte spotten über
echten Brudersinn? Wurzelt er doch in der edeln Selbstlosigkeit der
Nächstenliebe, ist ja nur eine ganz naturgemäße Steigerung letzterer.
Ein solches geistiges Band aufrichtig familienhafter Zuneigung wird
gerade die Besten der Nation auch mit den Auszüglern verbinden, so
lange sie ihre Nationalität bewahren (unter „Nationalität“, diesem
noch nicht genügend begrifflich gefestigten Wort, hier die Summe
der Eigenschaften verstanden, die vom Wesen der Nation bei jedem
einzelnen wiederkehren, besonders Sprache, Charakter, Denkart und
Sitte). Wenn die aus unserer Mitte nach Nordamerika Gezogenen und
dort in dem gewaltigsten Freistaat der Welt zu hohem Wohlstand
Gelangten ihre milde Hand aufthun, um den von arger Überschwemmung
heimgesuchten Bewohnern der oberrheinischen Niederung einen Teil ihres
Vermögensverlustes hochherzig zu ersetzen, oder wenn sie edelsinnig
von ihrem Reichtum spenden zur Unterstützung der Hinterbliebenen
jener tapfern Streiter, die uns das neue Reich erkämpften, so findet
solche Handlungsweise einen dankbaren Widerhall in unser aller Herzen.
Unzweifelhaft fühlen wir uns auch zu Gegenleistung verpflichtet. Mit
freudigem Stolz verfolgen wir die Laufbahn der Unsrigen, die dort
drüben deutsche Art zu hohen Ehren gebracht haben wie Karl Schurz
auf dem Gebiet des Staatswesens, Joh. Aug. Röbling, der Erbauer der
Eastriverbrücke, und so viele andere auf den Feldern der Technik und
der Wissenschaft. Vollends eint uns noch ein lebendiges Band gleichen
Strebens insbesondere bei wissenschaftlichem oder künstlerischem
Schaffen dermaßen innig mit unseren Volksgenossen in der deutschen
Schweiz, in Österreich-Ungarn, als gehörten sie noch heute der
deutschen Nation an. Viele unter uns werden da in feuriger Erregtheit
einwenden: „Noch immer gehören sie ihr an!“ Jedoch eben hier klafft
der Zwiespalt zwischen der am Wort haftenden traditionellen Auffassung
vom Begriff Nation und der hier vertretenen. Manche bringen es
freilich fertig, begeisterungsvoll von der „nun im Deutschen Reich
vereinten Nation“ zu reden, und gleichzeitig den Angehörigen „deutscher
Nation“ in Österreich Jubelgrüße hinüberzusenden. Indessen da liegt
doch der innere Widerspruch klar zu Tage. Gewiß wird man im Anschluß
an die eben erst hier versuchte Deutung dessen, was man etwa unter
„Nationalität“ verstehen dürfte, ohne chauvinistischen Beigeschmack die
Deutschen in Österreich, die wackern Sachsen in Siebenbürgen deutscher
Nationalität zuzählen, man wird auch nicht vergessen, daß sie aus
unserem alten Reich hervorgesproßt sind, die Deutsch-Österreicher als
ruhmwürdige Kämpfer im Grenzbereich unserer alten bayrischen Mark,
die Sachsen auf der ungarischen Akropolis des fernen Südostens als
unsere weitaus treueste Kolonie noch aus dem staufischen Zeitalter.
Ob aber hinausgezogen über unsere ehemalige Volksgrenze nach Osten,
wie es ja auch die Ahnen der Deutschen in Rußlands Ostseeprovinzen
gethan, oder ob auf dem Boden der Väter sitzen geblieben wie die
Deutschen der Schweiz, Nordbelgiens, der Niederlande, -- sie sind im
Lauf der Geschichte in eigenartige Staatsgebilde, folglich in uns
fremde Interessenkreise einbezogen worden, sie zählen also in diesem
realpolitischen Sinn entschieden nicht mit zur deutschen Nation. Wenn
jeder von uns sagt, ein Werk wie der Nord-Ostsee-Kanal sei eins „von
hoher nationaler Bedeutung“, wenn niemand unter uns den oben von uns
gebrauchten Ausdruck bemängeln wird, wir hätten der Erwerbung des
Elsasses samt Deutsch-Lothringen „aus nationalem Interesse“ benötigt,
-- so ist hiermit stillschweigend eingeräumt, daß sich bei solcher
moderner Abklärung des Begriffes „national“ gar nichts verschwommen
Genealogisches mehr in ihm findet, sondern der deutlich geographisch
umrissene vaterländische Gedanke ihm innewohnt. Bismarck war gewiß
urdeutsch bis ins Mark hinein, indessen seine klare Realpolitik hätte
nie das Schwert Germaniens aus der Scheide lockern lassen zum Schutz
der Deutschen in Siebenbürgen oder in Rußland, in Südbrasilien oder
Südaustralien.

Aber wie? Hängen denn die englischen Koloniallande im kanadischen
Amerika, in Südafrika, in Australien nicht eng mit dem britischen
Mutterland zusammen? Ja, dieser nationale Verband ist in der That
erhalten geblieben, aber nur dadurch, daß infolge der ununterbrochen
thätigen Dampfer- und Seglerverbindung diese Tochterländer in einem
regen Wechselverkehr mit dem Mutterhaus Britannien verharren, ihm ihre
Roherzeugnisse liefernd, von ihm ihre Fabrikwaren empfangend und, in
Erinnerung an den schweren Fehler, den England vor mehr denn hundert
Jahren mit dem Versuch einer Besteuerung seiner nordamerikanischen
Kolonien machte, frei geblieben sind in der Verwaltung der eigenen
Angelegenheiten. Nicht einen Penny unmittelbarer Abgabe liefern sie
in den Staatsschatz nach London und bilden doch eine Hauptgrundlage
britischer Größe durch den gewaltigen Umsatz von Milliarden im
Familienkreis dieses „~Greater Britain~“, dieses Nationalkörpers von
noch nie vordem dagewesener Lagerung über den Erdball durch alle vier
bewohnten Zonen, mit dem Herzen in Europa, den Gliedern in sämtlichen
Weltteilen, dem Adersystem interkontinentaler Schiffahrtslinien.

Wohl gemahnt dieses britische Reich an das Weltreich der Römer im
Altertum; was diesem das Mittelmeer war, ist jenem der Ozean. Der
tiefgreifende Unterschied jedoch liegt darin, daß die Römer fremde
Nationen von großenteils älterer, ureigener Kultur unter ihr Joch
zwangen, die Engländer dagegen ihre Koloniallande, abgesehen von
Indien, mit dem eigenen Blut erfüllten, im stetigen Blutaustausch mit
ihnen blieben und sie paritätisch behandeln.

Das Britenreich lehrt uns also, wie bei weiser Schonung materieller
Sonderinteressen eine stark ausgeprägte Volksindividualität selbst
bei Überwanderung über das Weltmeer bis in die fernsten Lande den
nationalen Zusammenhang bewahren kann an der Hand des Schnellverkehrs,
der die Entfernungen kürzt. Der Deutsche hingegen zerschneidet in der
Regel als Auswanderer seinen Zusammenhang mit der Heimat; er findet
nirgends überseeische Länder für deutsche Massenansiedelung unter
deutschem Banner, er geht im fremden Volk auf, zumal im englisch
redenden. Wie viele Millionen der Unsrigen sind hinübergezogen nach den
Vereinigten Staaten, aber so wenig haben sie als Deutsche dem Absatz
deutscher Waren dort drüben Bahn gebrochen, daß nächst der englischen
Zufuhr nach dem vereinsstaatlichen Gebiet die französische die
bedeutendste blieb, obwohl doch die französische Einwanderung daselbst
ganz untergeordnet erscheint. Jüngst zwar hat Deutschland auch auf
diesem Feld Frankreich überflügelt, jedoch offenbar nicht darum, weil
seine Einwanderer dort auf einmal nationaler sich bethätigen, sondern
weil seine industrielle Machtstellung sich schon vor dem glorreichen
Triumph von Chicago der französischen überlegen zeigte.

Ein trübes Gegensatzbild zum britischen Weltreich, wo nationale Kraft
bis auf einen gewissen Grad trotz der verschiedenen Landesnatur,
trotz der riesigen Entfernungen sich einheitlich und dadurch stark
erhält, bietet Österreich-Ungarn. Eine mächtige Schlagader für
die Einheit seines Wirtschaftslebens ist ihm durch den Donaustrom
beschieden; an ihm liegen seine beiden prächtigen Großstädte, nach
ihm gravitiert der Hauptverkehr, selbst der böhmische, denn offen
liegen die Wege von Böhmen nach der mährischen Donauprovinz, somit
nach Wien, wogegen nach Norddeutschland bloß der eine Engpaß des
Elbthals als natürliche Verbindungsstraße führte, bis in den Beginn
des 19. Jahrhunderts obendrein wenig benutzt. Indessen es stoßen hier
unversöhnte Völkergegensätze in engem Gehege aufeinander. Ungarn haben
wir so gut wie unabhängig werden sehen, und die Magyaren sind rüstig
dabei, ziemlich schonungslos ihren Staat national auszubauen bis zum
trefflich grenzenden Mauerbogen der Karpaten. In Österreich aber
tobt der Unfriede zwischen Deutschen, Tschechen, Polen, Slowenen und
Italienern weiter; die wie zum Spott sogenannte Versöhnungspolitik des
verflossenen Ministeriums Taaffe hat einen wechselseitigen Völkerhaß
dort ins Kraut schießen lassen, der die jetzt erhoffte Verknüpfung der
Reichsteile auf der Grundlage realer, vornehmlich wirtschaftlicher
Interessengemeinschaft recht fern rückt; und wie lose sind in der That
an diesen Donaustaat angeschlossen Länder wie Galizien und Dalmatien!

Doch man behaupte ja nicht: da sieht man, wie Nationen wesentlich doch
aus Blutsverwandtschaft hervorgehen! Nein: Österreich beweist nur,
daß thörichte innere Politik und andere unglückliche Umstände, vor
allem auch eine ungeographisch am grünen Tisch zurechtgeschmiedete
Zusammenschweißung von Ländern die Verschmelzung verschiedenartigen
Volkes hemmt, zumal wenn die Gemeinsamkeit der Wirtschaftsinteressen
bei peripherischen Gliedern eine so geringe ist wie beim adriatischen
Litoral und dem galizisch-bukowinischen Außenrand der Karpaten. Rußland
war ethnisch noch viel buntscheckiger als das heutige Österreich, bis
Peter der Große und Katharina II. dem ursprünglich nur im Centrum
der großen osteuropäischen Niederung wohnenden Großrussenvolk die
Herrschaft über die ringsum gelagerten Völker, die Küsten der Ostsee
und des Schwarzen Meeres gewann, so daß nun der umfangreichste aller
Nationalstaaten der östlichen Erdfeste sich ausgestalten konnte,
alles Nichtrussische allmählich russifizierend, unterstützt durch
die Österreich fehlende Bodenform des weiten Tieflands ohne jede
Gebirgsscheide, was sich für Ausgleichen volkstümlicher Gegensätze,
für Aufrichtung straffer Staatseinheit zufolge schrankenlosen Verkehrs
stets so günstig erweist.

Wollen wir schlagende Beweise, daß nicht Blutsverwandtschaft,
sondern Eigenart des Wohnraums in erster Linie nationaler Ausbildung
die Wege weist, so brauchen wir gar nicht über Europas Grenzen
hinauszublicken. Wie schwer würde es fallen, Siebenbürgen mit dem
rumänischen Nachbarland unter einen Hut zu bringen, trotzdem doch
beide Lande so gut wie allein von Rumänen bewohnt werden! Ganz wie
von selbst haben wir es dagegen geschehen sehen, daß die Moldau und
Walachei als linksseitiges Uferland der unteren Donau sich staatlich
einten, während Siebenbürgen beim karpatischen Donaureich Ungarn
verblieb. Portugal löste sich aus dem spanischen Nationalverband
heraus wie die Niederlande aus dem deutschen einzig und allein auf
der Grundlage litoraler Sonderinteressen; so wurden die Portugiesen
eine eigene Nation, erhoben ihre spanische Mundart zur Schriftsprache,
wurden früher seegewaltig als ihr spanisches Hinterland; und ganz dem
entsprechend die Niederländer, deren Kolonialbesitz 280 Jahre älter
ist als der deutsche. Die englische Nation entstand, wie jeder weiß,
dadurch, daß deutsche Angeln, Sachsen und Friesen nach Britannien
hinüberzogen, die norwegische dadurch, daß die dänischen Normannen an
der ozeanischen Fjordenküste Skandinaviens heimisch wurden.

Frankreichs wie Italiens nationale Einheit beruht mitnichten auf
ursprünglicher Blutsverwandtschaft, sondern auf dem natürlichen
Zusammenschluß jedes der beiden Länder, ihrem Abschluß nach außen durch
Meer und Gebirge. Die Völkergruppe der Kelten, aus der die Franzosen
hervorgingen, breitete sich auch über Hispanien, die britischen Inseln,
West- und Süddeutschland, ja über Oberitalien aus; nur ein Teil
dieser Völker hatte Frankreich inne und verschmolz daselbst mit ganz
fremden Völkerschaften: Iberern und Ligurern, Römern und Griechen,
Franken und Burgundern. Nicht anders wuchs die Nation Italiens aus den
verschiedensten Bevölkerungselementen, auch deutschen, hellenischen
und arabischen hervor; zweimal hat sie uns das fesselnde Schauspiel
gewährt, daß sie genau innerhalb des nämlichen Raums von den Alpen
bis nach Sizilien sich ausgestaltete: einmal im Altertum bis unter
Augustus, dann wieder nach der Zerstörung durch die Stürme der
Völkerwanderung.

So gleichen natürlich geschlossene Landräume Hohlformen, in welche
die bildsame Masse verschiedenster Volksart sich einschmiegt, um zur
nationalen Einheitsform zu verschmelzen. Die Masse kann wechseln, die
Form bleibt. Flußthäler, die Schiffahrt längs den Küsten, offene Ebene,
bequem überschreitbare Gebirge erzeugen in dem nämlichen Landraum
immer wieder die nämlichen Verkehrs- und Handelslinien; größere
Meeresflächen, höhere Gebirge schranken von der Fremde ab. Handel und
Verkehr aber sind die einflußreichen Bildner der Völker; sie greifen
nicht so geräuschvoll ein wie Naturkatastrophen oder Völkerschlachten,
dafür sind sie alltäglich bei ihrem Werk, kleine Ursachen in
milliardenhafter Summierung zu großen Wirkungen hinanführend.

Ernste Pflicht dünkt es uns, der Störung des Völkerfriedens
entgegenzutreten, die da heuchlerisch einherschreitet unter der
Lügenmaske eines Napoleon III. vom „Nationalitätsprincip“, nach dem
die Staaten Europas sollten zurecht geschnitten werden. Der schlaue
~empereur~ zog mit dieser klangvollen Fanfare nach Italien, nur um
Österreich zu demütigen und sich mit der Abtretung von Savoyen nebst
Nizza ein gutes Trinkgeld von Italien zu holen, das französische
~prestige~ mit etwas neuer gloire zu vergolden. Am liebsten bekanntlich
hätte er uns die linke Rheinseite nach der unendlich fadenscheinigen
Anwendung des Nationalitätsgrundsatzes abgenommen, weil, wie er in
seiner ~Vie de Jules César~ laut betont, die französischen Gallier
einstmals bis an den deutschen Rhein heranreichten. Wenn dergleichen
Weisheit genügen soll, den Länderbestand anzutasten, dann mag man der
italienischen Irredenta nur gleich Südtirol ausantworten und Triest
dazu. Mehr aber als die Thatsache, daß man in Triest italienisch
redet, gilt doch das historische Recht, die Erinnerung daran, daß
Triest, um im Wettbewerb gegen Venedig Hilfe zu erlangen, im 14.
Jahrhundert freiwillig unter Habsburgs Schutz trat und alles, was es
heute ist, Österreich verdankt; noch schwerer aber wiegt es, daß wohl
Italien, jedoch nicht Österreich Triest entbehren kann, diese seine
Weltmeerpforte, das österreichische Hamburg.

Es muß der Überzeugung Raum geschaffen werden, daß gesunde Staaten
reale Interessengemeinschaft vertreten und in diesem Sinn, aber nicht
im ethnologischen Nationalstaaten darstellen. Wahr also bleibt der Satz
des verdienstvollen französischen Anthropologen Quatrefages: ~Toute
repartition politique, fondée sur ethnologie, est absurde.~ Auch unser
neues Reich ist zuerst als ein engerer Verkehrs- und Handelsbezirk
aus dem alten Deutschland herausgetreten, denn es erscheint 1834 als
Zollvereinsgebiet fast schon genau in seinen heutigen Grenzen. Ohne
Blut und Eisen vermochte es freilich nicht seine Losgliederung von
dem in ganz andere Interessenkreise hineingezogenen Österreich zu
erringen und zuletzt im gerechtesten und herrlichsten aller Kriege die
Kaiserkrone zu erwerben. Dafür steht es nun auch um so geachteter da,
ein treuer Schutz und Schirm des echtesten Deutschtums, ein eherner
Verband zwischen Nord und Süd, vom Fels der Alpen bis zum Meer, ein
wohlbewahrtes Haus für friedliche Bewohner, die sich zusammenthaten,
weil’s ihrer Arbeit frommte und weil sie auch zumeist sich rühmen
können als Söhne und Töchter Germanias verschwistert zu sein, ja
allesamt sich eins fühlen, da sie seit Jahrtausenden schon Freud und
Leid miteinander geteilt haben. Doch vergessen wir es nicht: weder
Blutsgenossenschaft noch geistiges Verwandtschaftsgefühl allein
gewährleistet uns das Glück unserer Zukunft, einzig der thatenfeste
Wille, die Brüderlichkeit fest und ehrlich zu wahren, erhält eine
Nation.



VI.

China und die Chinesen.


Das Land China, früher den verhaßten Fremden so fest verschlossen, ist
jüngst das Ziel des Wettlaufs europäischer Großmächte geworden, von
denen eine jede möglichst großen Anteil erstrebt an dem materiellen
Aufschwung, wie er sich dort durch den endlich begonnenen Eisenbahnbau
vorbereitet. Denn dieser Aufschluß Chinas für den Verkehr muß zu einer
gewaltigen Steigerung seines Außenhandels führen, und was bedeutet das
bei einer Bevölkerung, die sicher an Zahl diejenige von Afrika und
Amerika zusammengenommen weit übertrifft! Was für Summen sind allein
schon durch den Bau und Betrieb von Eisenbahnen, durch die rationelle
Ausbeutung der ungeheuern Steinkohlenlager in diesem Menschengewimmel
von China zu verdienen! Auch uns Deutschen winkt ein guter Gewinnanteil
hieran seit unserer rechtzeitigen Besitzergreifung von Kiautschou,
dieser trefflich gelegenen marinen Eingangspforte ins Innere von
Nordchina.

Jedoch ganz abgesehen von seiner wirtschaftlichen Bedeutung schon für
die allernächste Zukunft, ist China auch rein geographisch eins der
interessantesten Länder der Welt.

Zuvörderst imponiert das Land China, das zugleich im wesentlichen
den Staat China bildet, da die Außenbesitzungen in der Mandschurei,
Mongolei, im Tarimbecken und Tibet ihm doch nur lose anhängen, durch
seine Raumerfüllung. Es giebt nur wenige Länder auf Erden, die China
an Größe übertreffen, drei in Amerika, in Afrika die Sahara, in
Asien Sibirien, in Europa Rußland. Indessen bloß einige Randstücke
des europäischen Rußlands würden hervorragen, könnten wir China auf
Osteuropa decken. China kommt von sämtlichen kontinentalen Ländern
der Kreisgestalt am nächsten, die insofern für einen Staat am
günstigsten erscheint, als nach Ausweis der Geometrie diese Gestalt
die im Vergleich zur eingenommenen Fläche kleinste Umrißlinie besitzt,
kreisförmige Staaten mithin die kleinstmögliche Angriffslinie bieten.
Chinas Grenze ist dabei ziemlich gleich verteilt auf Land und Meer: die
Nordwesthälfte der Grenze zieht von der noch zum eigentlichen China
gehörigen Provinz Schöngking im Liaugebiet der südlichen Mandschurei in
etwas willkürlichen Zacken und Einbuchtungen durch die Übergangszone,
in der die Natur des abflußlosen Centralasien anhebt, durchweg vor
Länderräumen hin, die wie China von Völkern der mongolischen Rasse
bewohnt werden und der Macht der chinesischen Regierung unterstehen;
die Südostküste wölbt sich als selten gestörter Halbkreisbogen hinaus
in das stille Weltmeer. Die ungefähre Mitte des chinesischen Kreises
liegt da, wo der Jangtsekiang aus der großen Westprovinz, dem roten
Becken von Sötschuan, übertritt in die Provinz Hupe. Von hier aus läßt
sich ein Kreis mit einem Halbmesser von 1130 ~km~ beschreiben, über den
nur das nordöstliche Tschili (jenseit Peking) nebst Schöngking weiter
herausragt, falls wir die neuerdings zu den 18 alten Provinzen des
Kaiserreichs geschlagene ostturkestanische Mulde des Tarim, wie wir
geographisch müssen, bei Centralasien belassen. Und jener Halbmesser
gleicht der Entfernung des äußersten Südwestens Deutschlands von
der Nogatmündung ins frische Haff oder dem Abstand Hamburgs von Kap
Landsend an der Westspitze Südenglands.

China bildet ein uraltes Bestandstück des asiatischen Festlandes,
das seit der Juraperiode nie wieder vom Ozean überflutet wurde. Sein
Felsgerüst besteht aus altkrystallinischen Gesteinen, aus paläozoischen
Schiefern, Kalk- oder Sandsteinlagen und älteren mesozoischen
Schichten; dagegen fehlen Kreideformation und marines Tertiär gänzlich,
nirgends blinken weiße Kreideklippen hervor wie bei uns in Rügen,
nirgends schaut man die schluchtigen Thäler und mit Plattenform
gipfelnden Kreidesandsteingebirge wie bei uns in der sächsischen
Schweiz; ebenso wenig erblicken wir jüngst erloschene Vulkane neben
noch thätigen wie in dem großen Gürtel fortgesetzter vulkanischer
Thätigkeit, der sich vom Malaien-Archipel über Formosa und Japan bis
zum Beringsmeer hinzieht.

Eine weite Tiefebene besitzt China bloß im Nordosten; das ist die gelbe
Lößniederung, aus der die gebirgige Schantung-Halbinsel spornartig
hervorragt. Im übrigen ist China überwiegend gebirgig; und zwar bedingt
sein Gebirgscharakter eine strenge Scheidung des Landes in eine Nord-
und eine Südhälfte. Als eigentlichen Reichsteiler hat uns Richthofen
eine Fortsetzung des uralten Kuenlun, dieses echten Rückgratgebirges
von ganz Asien, kennen gelehrt. Es ist der Tsin-ling-schan, der,
die Hauptrichtung des Kuenlun, Ost zu Süd, aus Innerasien nach
China übertragend, mit nur geringer Unterbrechung quer durch Chinas
Mitte bis gegen Nanking reicht. Dieser Reichsteiler scheidet nun
nicht allein die Gebiete der zwei Riesenströme, die China aus dem
fernen Quellenschoß Centralasiens mit östlichem Abfluß empfängt, den
Huangho und den Jangtsekiang, sondern er trennt auch zwei wesentlich
verschiedene Gebirgssysteme voneinander ab. Nordchina stellt ein
verschüttetes Gebirgland dar; hier haben in entlegener Vorzeit trockne
Winde feinkrumige, lehmige Verwitterungsmassen, sogenannten Lößlehm, in
gelben Wolken über Berg und Thal gebreitet, und Graswuchs hat jede neu
aufgewehte Lößdecke durch das Wurzelwerk in sich wie mit der älteren
Unterlage verfestigt, so daß gewöhnlich nur die Kämme der Gebirge mit
ihren festen Felsmassen anstehenden Gesteins aus der bis auf Tausende
von Metern aufgeschütteten braungelben Lößumhüllung aufragen wie
Dachfirsten eines deutschen Gebirgsdorfes, wenn es zur Winterzeit
in tiefem Schnee begraben worden. Trotzdem ist die nordchinesische
Gebirgslandschaft keineswegs bloß aus abgerundeten Gebirgskämmen mit
dazwischen gelagerten flachen Hochlandmulden ungeschichteten Lößes
zusammengesetzt; vielmehr haben die fließenden Gewässer ein äußerst
vieladriges System schluchtiger Thalwege in den weichen Lößschutt
eingearbeitet, dessen senkrecht verlaufende Haarröhrchen, herstammend
von längst abgestorbenen Graswurzeln, die geradezu groteske Ausbildung
immer ganz steiler Thalwände bedingen. Von diesen nackten Gehängen der
Lößschluchten heben noch gegenwärtig bei trockener Witterung die Winde
gelben Staub empor, daß die Sonne dann bleich durch eine fahlfarbene
Atmosphäre schimmert, Fußgänger wie Fuhrleute samt ihrem Geschirr, die
unten im Lößthal ihres Weges ziehen, über und über lößgelb werden.
Natürlich tragen die Flüsse den von ihnen so leicht abgenagten oder in
sie hineingewehten Löß seewärts; von seiner deshalb stets lehmfarbigen
Wassermasse führt der Huangho d. h. der gelbe Fluß seinen Namen, er
schüttete die gelbe Deltaflur des Nordostens auf, in der er bald süd-,
bald nordwärts der Schantung-Halbinsel seine Mündung suchte, wie ein
ungebärdiges Ungetüm sich in seinem Bett hin und her wälzend, die ihn
einengenden Schutzwälle von Menschenhand durchbrechend, und stiftete
dem seine trüben Fluten aufnehmenden Innengolf des ostchinesischen
Meeres den Namen Huanghai d. h. gelbes Meer.

Anders in Südchina! Hier halten die Gebirgszüge noch weit allgemeiner
als in Nordchina sinische Streichung ein, also die Richtung Südwest zu
Nordost; in langen Parallelreihen ziehen sie so gegen jene chinesische
Fortsetzung des Kuenlun, gegen den Tsin-ling-schan hin, in dessen Nähe
sie ostwärts umbiegen, da ihre Auffaltung an dem bereits vorhandenen
alten Querriegel offenbar ein Hemmnis fand; und, was die Hauptsache
ist, sie sind ohne Lößverschüttung geblieben. Unverhüllt recken
sie mithin ihre Gipfelzinnen gen Himmel, keine Lößwehen haben die
Böschungen ihrer Gehänge verkümmert, in hurtigem Schuß eilen von ihren
Höhen die Gewässer hernieder und verbinden sich zu klaren, unvertrübten
Strömen. Allen voran steht der Ta-kiang, der „große Strom“, den
wir Jangtsekiang zu nennen pflegen; nachdem er, der hochgeborene
Tibetaner, innerhalb des Sötschuan-Beckens durch Aufnahme ansehnlicher
Seitenflüsse vollkräftig geworden, durchtost er gegen die Landesmitte
hin, in eine wundervolle Thalschlucht eingeengt, zwischen hochragenden
Felswänden noch eine ganze Staffelreihe von Stromschnellen, um sodann,
majestätisch ruhig seinen Vorzug, der schiffbarste Strom Chinas
zu sein, zur vollen Geltung zu bringen, bis er in dem seenreichen
Delta mündet, das im Norden der tumultuarische Huangho Jahrhunderte
lang mit ihm bauen half, ehe er sich 1852 launisch von ihm abwandte.
Der schönste Schmuck wird Südchina verliehen durch seine immergrüne
Pflanzenwelt. Während der Löß Nordchinas wie der in anderen Ländern dem
Waldwuchs sich abhold zeigt, durch die außerordentliche Fruchtbarkeit
seines fein aufgeschlossenen, völlig steinfreien Bodens hingegen Feld
an Feld reiht von dem Niveau der Niederung bis zu St. Gotthardshöhe,
hält sich der Bodenanbau Südchinas mehr an die Thalsohlen und die
unteren Gehängestufen, darüber aber prangt noch eine ursprüngliche
Vegetation immergrüner Strauch- und Baumarten mit einer für China
überhaupt bezeichnenden Fülle von Holzgewächsen, unter denen die
Kamelien, die Verwandten des Theestrauchs, eine tonangebende Rolle
spielen.

Wenn der Wintermonsun aus Nordwest die furchtbar kalte Luft
Ostsibiriens und der Mongolei über China breitet, so erwärmt sich
dieser Luftstrom nur langsam beim Vorrücken in diesem Land, das doch
mit Italien und Nordafrika die Breitenlage teilt. Selbst in Kanton,
obwohl es bereits innerhalb des Wendekreises liegt, giebt es noch
gelegentlich Schneefälle. Immerhin hat Südchina noch verhältnismäßig
milde Winter; in seinem Tropenanteil erinnern Palmen und Elefanten
an Indien, es gedeihen auch noch weiterhin Orangen und Zuckerrohr,
Theebau findet überall seine Stätte. In Nordchina wird dieser durch den
anhaltenden Frost ausgeschlossen; Peking, trotzdem es südlicher liegt
als Neapel, hat einen Winter wie Petersburg, Mukden in Schöng-king,
die große Stadt der Kaisergräber, genau unter Roms Breite, erduldet im
Januar weit härtere Kälte als Moskau. Dreht sich dann aber im Frühjahr
der Wind in die entgegengesetzte Richtung, setzt der ebenso anhaltende
Sommermonsun aus Südost ein, so lagert sich eine aus dem Tropengürtel
kommende heiße Luft über ganz China, und befruchtende Regen ergießen
sich über seine Reis- und Baumwollenfelder, am reichlichsten
naturgemäß über Südchina. Der thermische Gegensatz zwischen Süd und
Nord, wie er im Winter bestand, ist dann ganz ausgetilgt; man spürt
kaum einen meßbaren Wärmeunterschied zwischen Kanton, Schanghai
und Peking, denn die Wärme nimmt während des Hochsommers in China
überhaupt nicht von Norden nach Süden zu, sondern vielmehr gegen das
Glutgebiet des südasiatischen Inneren hin, also gen Westen. Schon von
Hankau, der wichtigen Handelsstadt in Hupe, wo die große nordsüdliche
Verkehrsstraße den Jangtsekiang kreuzt, heißt es: „Wenn der Teufel
dort eine Zeit lang im Sommer verweilte und dann wieder in seine
Hölle zurück käme, so würde er seinen Überzieher brauchen.“ Nur noch
einmal begegnet auf Erden ein Land, das unter einem ähnlichen Einfluß
jahreszeitlicher oder Monsunwinde schwankt zwischen arktischer Kälte
und tropischer Hitze, begleitet von tropenhaften Regengüssen vom
nahen Meer her. Das sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Während
indessen hier die Segensgaben des heißfeuchten Sommerwindes fast
ausschließlich dem östlichen Landesdrittel beschert werden, erfährt
China in seiner Gesamtheit den Wechsel erfrischender Winter und
tropischer Sommer im regelmäßigen Wandel der Horen, mithin die Gunst
der gemäßigten und der heißen Zone in seltenster Verknüpfung.

Jahrtausende hindurch sind nun die Chinesen den Einwirkungen der Natur
dieser ihrer endgültigen Heimat ausgesetzt gewesen. Mögen sie also auch
manchen Zug ihres Wesens schon von ihrem früheren, wie man vermutet,
ostturkestanischen Wohnsitz mitgebracht haben, es verlohnt sich gewiß
zu prüfen, inwiefern China seine Chinesen auf dem Wege tellurischer
Züchtung ausbilden half. Ja man hat hier sogar den nirgends sonst
wiederkehrenden Fall vor Augen, daß ein nach Hunderten von Millionen
zählendes Volk so lange Zeit immer den nämlichen Natureinflüssen
unterstanden hat. Ein wahres Massenexperiment, wie es sich der Geograph
nicht besser wünschen kann!

Da drängt sich uns zuerst im Anschluß an das kurz vorher Erörterte die
Schlußfolgerung auf, daß der alljährlich von den wechselnden Monsunen
gebrachte Gegensatz zwischen polarer Winterkälte und tropischer
Sommerhitze keinerlei Menschen in diesem Reich der Mitte duldete,
die allzu zärtlich nur mäßige Temperaturschwankungen vertrugen, daß
mithin auf diesem Boden nur diejenigen sich lebensfähig erwiesen,
die der Kälte gleiche Widerstandskraft entgegensetzen wie der Hitze,
gewissermaßen also in dieser Hinsicht die Körperleistung von Jakuten
oder Tschuktschen verbinden mit der des Negers. Thatsächlich bewähren
das auf Erden einzig und allein die Chinesen. Darum sind sie die
einzigen Menschen, die beim Hinauszug in die Fremde, läge sie unter
hohen oder ganz niederen Breiten, so gut wie niemals dem Klima zum
Opfer fallen. Der Chinese trotzt in der Mandschurei und Ostsibirien
einer Kälte, bei der das Quecksilber erstarrt, und arbeitet ebenso
frohgemut unter der scheitelrechten Sonne Javas, Singapores oder in
der siedeheißen Luft am Kessel der Rohrzuckerfabriken Kubas. Bringt
er es doch daheim fertig in der Julihitze von 30-40° ~C~ von früh
bis abend ein schweres Boot stromaufwärts zu rudern, höchstens mit
dem Fächer dem glühenden Kopf dann und wann etwas Kühlung zuführend,
und nach Halbjahrsfrist mit der nämlichen Ausdauer noch größere
Lasten auf dem Eisspiegel desselben Stroms bei schneidender Kälte im
Schlitten zu befördern. Emin Paschas Idee, Chinesen als Kolonisten
ins tropische Afrika einzuführen, war physiologisch wohlberechtigt,
denn auffallenderweise erliegen die Chinesen nächst den Negern auch am
wenigsten dem Malariafieber, wie sich beim Bau der Panama-Eisenbahn
gezeigt hat.

Was nun aber die psychischen Eigenschaften dieses ältesten Kulturvolks
der Gegenwart betrifft, so möchten diese wohl zum guten Teil auf die
Thatsache der seit unvordenklicher Zeit hohen Volksverdichtung in
China zurückführbar sein, und diese selbst müssen wir ableiten von
zwei ständig zusammenarbeitenden Faktoren: einem in der Landesnatur
begründeten und einem religiösen. Chinas Nordhälfte, so lehrt die
Geschichte, war die Ursprungsstätte der chinesischen Gesittung, des
chinesischen Staatswesens. Nordchina, sahen wir, ist das lößbedeckte
China, wo die außerordentliche Fruchtbarkeit dieser gelben Erde für
den Anbau von Getreide zusammentrifft mit den beiden Segensspenden
des chinesischen Sommers, der hochgradigen Wärme und den mit nie
aussetzender Regelmäßigkeit diese begleitenden Monsunregen. Hier
war auf unabsehbaren Flächen von der Natur die Möglichkeit also
gegeben, daß ein kopfreiches Ackerbauvolk unter dem Schutz staatlicher
Ordnung sich entfaltete, zuerst in der Lößmulde des zum Huangho
fließenden Weiho sowie in den übrigen Gebirgs- und Thalgauen des
Binnenlandes, nachmals auch in der für Anhäufung von Massenbevölkerung
noch besser geeigneten Niederung, die sich im Nordosten zum Gelben
Meer abdacht, aber als jüngst geborene Deltaflur der Entsumpfung
bedurfte, die ihr als die älteste Kulturthat chinesischen Geistes
und chinesischer Thatkraft zuteil ward, deren Glanz in den Annalen
des Reichs der Mitte noch heute unverblichen strahlt. Daß nun die
von der Natur gebotene Möglichkeit, auf so günstigem Boden, unter
einem so gütigen Himmel ein großes Volk im Schweiß des Ackermanns
erwachsen zu lassen, der Verwirklichung zugeführt werde, dafür sorgte
ein seit Alters den Chinesen tief eingeprägtes Pietätsgefühl gegen
ihre Vorfahren. Kongfutse, der große Weise, der zur Zeit, als Cyrus
das Perserreich gründete, die Sittenlehre seiner Nation zu jenem
wirkungsvollen System ausgestaltete, das bis zur Stunde Millionen
als heilsame Richtschnur dient, fand diese Ehrfurcht vor den Ahnen
schon als längst bestehend vor. Sie geht auf den Totenkultus zurück,
der so zahllosen Völkern eigen war und vielen immer noch eigen ist.
So nüchtern realistisch der Zopfmann sich sonst überall zeigt, er
ist angeerbter Maßen durchschauert von dunkeln Ahnungen über ein
mystisches Weiterleben in einem Jenseits nach seinem irdischen Ableben;
ihn bangt vor den Strafen, die seiner harren nach Überschreiten der
düsteren Grabesschwelle, doch ihn tröstet die allgemeine Zuversicht,
selige Ruhe im Jenseits zu finden, wenn nur die hierfür unerläßliche
Bedingung erfüllt wird, daß ihm bei jeder Wiederkehr des Jahrestages
seines Todes die Totenopfer dargebracht werden. Diese aber darf nach
altgeheiligter Vorschrift niemand erbringen als der leibliche Sohn oder
dessen männliche Sprossen. Daher die heiße Sehnsucht der Chinesen, in
die Ehe zu treten, um Söhne zu erzeugen und diese sobald wie möglich
wieder zu vermählen. Nur die allergräßlichste Armut vermag einen
Chinesen von der Heirat abzuhalten. Junggesellen giebt es deshalb in
China fast gar nicht, Großväter von 34-36 Jahren dagegen nicht selten.
Die Geburt eines Knaben wird in der dürftigsten Chinesenhütte mit
hellem Jubel begrüßt, die Geburt einer Tochter selbst im Hause des
Reichen mißliebig, fast wie ein Trauerfall angesehen. Die Ehefrau, die
Jahr um Jahr keinem Sohn das Leben schenkt, muß sich ohne zu murren
es gefallen lassen, daß ihr Gatte neben ihr eine zweite Frau ehelicht
oder Konkubinen sich zugesellt; nie vermißt sich dort eine Sarah zu
der Forderung, eine Hagar mit ihrem Sohne zu verstoßen, nein, sie
muß demütig die Hagar auszeichnen und ehren, weil sie es ist, die
ihrem Gemahl zur Erfüllung des höchsten Lebenswunsches verholfen hat.
Ziehen wir dazu den Umstand in Betracht, daß es eine überseeische
Auswanderung von Chinesen, so sehr sich eine solche bis nach Amerika
und Australien neuerdings fühlbar gemacht hat, fast nur in den beiden
Südostprovinzen Fokien und Kuangtung giebt, chinesische Auswanderer
noch dazu stets bestrebt sind nach Aufbesserung ihrer Vermögenslage
heimzukehren, weil es ihrer leidenschaftlichen Anhänglichkeit an den
vaterländischen Boden entsetzlich dünkt in fremder Erde bestattet
zu werden, so kann es uns nicht Wunder nehmen, daß China immerdar
der Raum der stärksten Volksanhäufung auf Erden gewesen ist. Bis zum
kürzlichen Emporkommen von Philadelphia und Chicago war China das
einzige Land mit einer Mehrzahl von Millionenstädten; an großen, mit
viereckiger Backsteinmauer wie das alte Babel umgebenen Städten zählt
es rund 1500, manche mit einer Mauerlänge von 20 bis 30 ~km~ und dazu
noch mit menschenwimmelnden Vorstädten außerhalb der Thore. Und welch
ein Hin- und Herströmen des Landvolkes nach und von diesen Städten
begiebt sich alltäglich, wenn sich ihre Thore bei Sonnenaufgang
unter Kanonenschüssen, Gong- oder Glockenschlag aufthun, desgleichen
bei Einbruch der Abenddämmerung schließen! Sowohl im Menschengewoge
der städtischen Straßen als in den stadtgroßen Dörfern tritt uns die
beträchtliche Kinderzahl der chinesischen Familien leibhaftig vor
Augen, noch überraschender die große Zahl im Greisenalter stehender
Männer, denn das Chinesenvolk ist bei aller Vielheit von Krankheiten,
die es plagen, bei all seiner jämmerlichen Quacksalberei dank seiner
staunenswerten Seuchenfestigkeit eins der langlebigsten.

Nun ist zwar China nicht ganz so dicht bevölkert wie das Deutsche
Reich, denn es wohnen dort wohl kaum über 80 Menschen auf 1
~qkm~, bei uns 103. Aber man bedenke, daß China erst jetzt seinem
großindustriellen Aufschwung entgegengeht, wenn, wie sicher zu
erwarten, dem Beginn seiner Eisenbahnära die Einführung der
Dampfmaschine und der elektrischen Triebkraft in seine Industrie auf
dem Fuß folgen wird. Bisher lebten die Chinesen wie wir im Mittelalter
überwiegend vom Ackerbau, vom Handwerk und Kleinhandel. Und hierfür
war seine Volksdichte, die sich z. B. in Kiangsu, der an Reis und
Seide ertragreichsten Provinz zu beiden Seiten der Mündung des
Jangtsekiang, mindestens aufs Doppelte des mittleren Wertes steigert,
eine verhältnismäßig sehr hohe.

Wir sollten China ob seines patriotischen Stolzes nicht verlachen,
selbst wenn er sich in Verachtung der Fremden äußert. Sein Staatswesen
hat wie kein anderes Bestand gehabt von der Pharaonenzeit bis
heute; Religionen erwuchsen, Religionen verschwanden um das Reich
der Mitte her, aber Kongfutses Lehre blieb in Vollkraft durch die
Jahrtausende. China genügte sich auch wirtschaftlich selbst; wie es,
allen Nachbarreichen überlegen, seine sieghaften Waffen unter dem
Drachenbanner mehrmals bis zum Kaspischen Meer trug, das ungeheure
Innerasien fast stets in ganzem Umfang zu seinen Füßen sah, -- so
bedurfte es nichts von den Fremden weder für seine Ernährung noch für
seine Kleidung; stolz wies es selbst die Waren der rothaarigen Teufel,
die unter europäischen und amerikanischen Flaggen an ihrer Küste
landeten, von der Hand, daß sich die Engländer durch Anstacheln des
Opiumlasters eine schnöde Einfuhr ersinnen mußten, um Thee und Seide
nicht bloß mit Silber bezahlen zu müssen.

So bestand bis in die jüngste Vergangenheit das chinesische
Wirtschaftsleben wie das keines zweiten Kulturstaats in einem steten
Versuch das Gleichgewicht zu halten zwischen einer zu grenzenloser
Vermehrung drängenden Volkszahl und einer durchaus nicht ins
unendliche vermehrungsfähigen Summe ausschließlich heimischer
Landeserzeugnisse. Das brachte den großartigsten Kampf ums Dasein
hervor, den je eine Nation gekämpft hat. Er ist es, der die größten
Vorzüge des Chinesentums erschuf und fortdauernd vervollkommnete:
den unvergleichlichen Arbeitsfleiß, die geduldigste Ausdauer und die
bescheidenste Einschränkung der Ansprüche an die Genüsse des Lebens.

In China allein ist es ermöglicht worden, die uralte Lust unseres
Geschlechts am ungebundenen, müßigen Dahinleben in ihr Gegenteil
zu verkehren. In diesem riesigen Arbeitshaus China, wo man keine
Sonntagsrast kennt und nichts vom Evangelium des Achtstundentages
weiß, weil man sonst verhungern müßte, ist der Trieb zum emsigen
Schaffen den Menschen zur anderen Natur geworden. Selbst dem gründlich
gehaßten Herrn in San Francisko, bei dem der Chinese etwa Dienerstelle
angenommen, leistet er unbeaufsichtigt pflichtmäßige Arbeit, einfach
weil ihm leben arbeiten heißt. Und trotz aller Rastlosigkeit, trotz
aller staunenswerten Geschicklichkeit bei der Arbeit, wie sie sich bei
Benutzung einfachsten Geräts in so vielen Zweigen auch der Kunsttechnik
staunenswert zu erkennen giebt, bringt es der Chinese daheim unter
der Masse des Angebots von Arbeitskraft und Arbeitsleistung doch nach
unseren Begriffen durchschnittlich nur zu einem Hungerlohn. Es klingt
uns wie ein Märchen, daß ein erwachsener Chinese den Tag über mit
acht Pfennig für seine Kost auskommt, ja in Zeiten durch Hungersnot
gebotener Einschränkung sogar mit sechs Pfennig. Damit bestreitet
er seinen Bedarf an Reis, Gemüse, Fisch und Thee, behält auch noch
eine Kleinigkeit für Tabak übrig. Das erklärt sich einerseits aus der
großen Billigkeit der Lebensmittel, andererseits aus der trefflichen
Kochkunst, die schlechte, fast ungenießbare Ware genießbar und gut
verdaulich macht, dabei nicht das mindeste fortwirft, freilich außerdem
auch aus der Genügsamkeit des Chinesen und seiner Freiheit von Ekel,
die ihm Hunde-, Katzen- und Rattenbraten, ja das Fleisch an Seuchen
verstorbener Pferde oder Esel als willkommenste Zukost erscheinen läßt.

Die Tugend der Sparsamkeit übt kein Volk in so hohem Maße wie das
chinesische; sie ist neben Arbeitsamkeit und Genügsamkeit die
Hauptwaffe in seinem Ringen um Leben und Gründung eines eigenen
Herdes. Der nordchinesische Bauer wühlt sich wie ein Murmeltier ein
unterirdisches Obdach unter seinem Hirsen- oder Weizenfeld in die
steile Lößwand an dessen Abhang, damit er seine Ernte nicht durch
den Hüttenbau auf der Oberfläche um den Ertrag einiger Quadratmeter
alljährlich verkürze. Ein rührendes Beispiel echt chinesischer
Sparsamkeit und zugleich über das Grab hinausschauenden ehrenwerten
Familiensinns teilte vor kurzem aus eigener, in China gemachter
Erfahrung ein amerikanischer Missionar mit. Er sah eine hochbetagte,
blutarme Frau, die sich kaum fortzuschleppen vermochte, mühsam an
den Hauswänden einer Straße sich hintasten: sie befand sich auf dem
letzten Ausgang, sie wollte, den Tod vor Augen, ihre einzige Verwandte
aufsuchen, um von deren Haus beerdigt zu werden, damit die Sargträger
nicht so viel forderten wie bei dem weiteren Weg von ihrer eigenen
Behausung.

Wenn ein Volk, das über ein Fünftel der Menschheit ausmacht, in so
eintönig freudlosem Schaffen vom ersten Tagesgrauen bis zum späten
Abend, ja vielfach bei nächtlicher Weile, den Schlaf scheuchend, sich
um so kümmerlichen Verdienst abmüht, so beschleicht uns bei Betrachtung
dessen wohl ein wehes Mitgefühl. Ist nicht die goldene Freiheit des
Wilden beneidenswerter als dieses Arbeitselend des Kulturmenschen? Hat
unser Geschlecht nicht eben durch Übernahme des Arbeitsjoches, wie
es höhere Gesittung unweigerlich mit sich bringt, an Lebensfreude
eingebüßt? Indessen da messen wir unbedachtsam nach unserem Maß!
Wir täuschen uns in der Annahme, der Chinese müsse bei seinem
ewigen Hasten fast um nichts stumpfsinniger Trübsal verfallen. Weit
gefehlt! So mannigfaltig Temperamente und Talente nebst körperlichem
Aussehen wechseln durch die 18 Provinzen, von den gelben, etwas zu
Fettleibigkeit neigenden Südländern bis zu den braunen, schlanken und
höher gewachsenen Nordchinesen, -- ein harmloser Frohsinn, eine selbst
durch harte Schicksalsschläge nicht leicht zu beugende stillvergnügte
Heiterkeit ist dem Volk fast allerwegen eigen. Auch darin dürfen wir
eine Spur tellurischer Auslese erkennen. Wie die Winternacht der
Polarlande nur die unverwüstlich Fröhlichen bei sich aufnahm, so
brachte der chinesische Daseinskampf nicht nur die Faulen und Üppigen
ums Leben, nein, von den Helden des Fleißes und Darbens auch alle die,
denen ein solches Heldentum Lebensüberdruß bereitete. Und so sehen wir
eine uralt vererbte Munterkeit dem darbenden Arbeitsernst der Chinesen
wie ein versöhnender Engel zur Seite stehen.

Allerdings hat das Streben, so zahlreiche Mitbewerber um den kärglichen
Verdienst auszustechen, auch unlautere Seiten beim Chinesen entwickelt.
Mit der von allen Kennern gerühmten Tüchtigkeit im Handels- und
Bankierfach, in Gewerbe und Landbau geht Arglist, Lug und Trug Hand in
Hand. Enges Zusammenwohnen in schlecht gelüfteten Räumen hat neben weit
verbreiteter Armut eine widerliche Gleichgültigkeit gegen Reinhaltung
von Körper und Kleidung verursacht. Das Erpichtsein auf materiellen
Verdienst im Nährstand oder in Beamtenstellung, welche letztere wieder
nur durch eifriges Studium der chinesischen Klassiker zu erzielen, ließ
höhere als im Dienst der Technik stehende Künste, wahre d. h. nach dem
inneren Zusammenhang der Dinge forschende Wissenschaft nicht aufkommen.
Die Musen und Grazien waren nie in China heimisch.

Einseitige Größe ist die Signatur chinesischer Nationalentwicklung. Es
gab eben bisher zweierlei Kulturmenschheiten, eine mit europäischem
Kulturgepräge und eine chinesische. Die innigere Berührung zwischen
beiden wird eins der folgenschwersten Ereignisse des zwanzigsten
Jahrhunderts bilden. Die Schranke, die Europa und China trennte,
schwindet; an ihre Stelle tritt die ungeheure Brücke der ersten
pazifischen Eisenbahn der Ostfeste, der südsibirischen. Wie wird sich
die Lohnfrage stellen, wenn die gelbe Rasse auf dem Arbeitsmarkt
Europas auftritt? Welcher Umschwung wird im Welthandel eintreten, wenn
China mit seinen Steinkohlenschätzen, seinem billigen Arbeitslohn
zur Großindustrie übergeht? Harmonischer mag sich das Chinesentum
ausgestalten, manche Schattenseite seiner bisher starr selbständigen
Kultur freundlich durchlichten unter Befruchtung durch den Genius
des Abendlandes. Aber weiterdauern wird der demantne Kitt seiner
Gesellschaft, der ehrenfeste Familiensinn, weiterleben seine
nervenstarke Ausdauer in allen Klimaten und die schier unerschöpfliche
Arbeitskraft, vervielfacht durch Übernahme unserer Methoden in die
Technik seines Wirtschaftsgetriebes. Eine große Zukunft steht dieser
Nation zweifellos bevor. Denn auch von ganzen Völkern gilt das
Dichterwort: In deiner Brust steh’n deines Schicksals Sterne.



VII.

Deutschland und sein Volk.


Zwischen Dänemark und Italien, Frankreich im Westen, Rußland und
Ungarn im Osten liegt das Herzland Europas. Man könnte diesen ungefähr
quadratischen Raum noch heute Deutschland nennen, denn deutsch ist die
Hauptmasse seiner Bevölkerung, aus dem Schoß des mittelalterlichen
Deutschen Reichs sind seine Staaten herausgewachsen. Weil aber seit
1871 dem jüngsten dieser Staaten, unserem neuen Deutschen Reich, schon
durch seine Verfassungsurkunde der traulicher, geographischer klingende
Name „Deutschland“ als gleichbedeutender zweiter Name beigelegt wurde,
so empfiehlt es sich wohl, jenes Herzland unseres Erdteils nur als
Mitteleuropa zu bezeichnen.

Nicht die geometrische, aber die morphologische Mitte Europas ist es
ganz und gar. Jedes andere Glied des europäischen Körpers könnten wir
wegdenken, es bliebe immer noch ein verstümmeltes Europa übrig. Stoßen
wir dagegen Mitteleuropa aus dem Reigen der europäischen Länder aus, so
haben wir bloß noch peripherische Glieder ohne Zusammenhang vor uns.
Auch darin offenbart sich die Centrumsnatur Mitteleuropas, daß allein
hier die drei Hauptvölkergruppen unseres Erdteils sich berühren, die
germanische, slawische und romanische.

Physisch-geographisch dürfen wir Mitteleuropa kennzeichnen als die
Abdachung vom westöstlich verlaufenden Hauptwall der Alpen zur Nord-
und Ostsee, als ein Gebiet, dem Europas Adelszüge, Einheit in der
Mannigfaltigkeit und Maßhalten ganz besonders zuteil geworden sind.
Alle Bodenformen vereinigen sich hier in zonenweiser Lagerung: wir
steigen von den firnbedeckten Zackenkämmen der Alpen hernieder auf
die Hochflächen des Alpenvorlands, wo die Gewässer wie in den Alpen im
Westen schon dem Rhonegebiet, im Osten dem der Donau angehören, treten
dann ein in die vielgestaltige Welt der Mittelgebirgslandschaften
mit Wasserabfluß nach allen Seiten, indessen doch zusammengehalten
durch Zubehör ihres ganzen Flußnetzes allein zur Nord- und Ostsee,
schließlich durchmessen wir das weite Tiefland mit seinen schiffbaren
Strömen, unter denen der aus Gletscherwassern sich entspinnende Rhein
der einzige ist, der alle vier Zonenstreifen miteinander verklammert,
dem Westen Mitteleuropas eine ungleich bessere Verknüpfung spendend,
als sie dem Osten nachgerühmt werden kann, wo außer der schmalen
Elbpforte kein Strom Bresche gelegt hat in den Gebirgszug vom
Fichtelgebirge bis zu den Karpaten, die Donau aber den geschichtlich so
verhängnisvoll gewordenen Weg gen Osten weist.

Die Abstufung des Bodens in der Richtung von den Alpen zur Küste
gleicht die Temperatur von Süd und Nord aus; München z. B. hat eine
Juliwärme gleich der von Königsberg. Im allgemeinen nimmt die Wärme
wie in Europa überhaupt vielmehr von Südwest nach Nordost ab. Die
europäische Frostlinie des Januar zieht aus der Gegend der Elbmündung
im Bogenlauf quer über den Main und die süddeutsche Donau nach Bosnien.
Nur im Osten dieser Grenzscheide hat man also anhaltenden Winterfrost,
bleibende Schneedecke auch außerhalb der Gebirge. Am längsten und
meisten wird der Boden in der Südwesthälfte Mitteleuropas erwärmt;
dort finden wir neben Weizen- und Spelt- schon Maisbau; Schwalben
und Störche treffen zuerst durch die burgundische Pforte in der
oberrheinischen Tiefebene ein; an Rhein und Neckar, Mosel und Main
sehen wir unsere besten Weinlagen verteilt. In Ostpreußen verkürzt
sich dagegen die warme Jahreszeit bereits so sehr, daß die Rotbuche
wie aus dem nämlichen Grund in Rußland nicht mehr fortkommt. Glücklich
beschirmt durch das südliche Hochgebirge gegen die nordafrikanisch
heißtrockenen Sommer des Mittelmeerbeckens, wohnen wir auch den
atlantischen Hauptquellen des europäischen Regens fern genug, um nicht
eine Überfülle von Niederschlag zu empfangen wie die Westseite der
britischen Inseln, und doch auch jenen wiederum nahe genug, um frei
zu sein von der Steppendürre Südosteuropas. Mitteleuropa entrollt
uns somit auch landschaftlich wie in seinem Wirtschaftsleben echt
europäische Mannigfaltigkeit in seinen grünen Bergen und Thälern, auf
seinen ebenen Fluren voll saftiger Weiden, fruchtbarer oder wenigstens
den Bauernfleiß zur Genüge lohnender Felder, umfangreicher Laub- und
Nadelholzwaldung. An Ertrag vom Getreidebau wie von der Viehzucht wird
Europas Mittelland innerhalb unseres Erdteils allein durch Rußland
ob seiner Raumgröße übertroffen, in Wein- und Obstsegen nähert es
sich Frankreich und den sonnigen Südlanden, in seiner industriellen
Bethätigung steht es bloß noch hinter England zurück, seitdem es im
19. Jahrhundert mit immer gesteigerter Energie den Vorzug gründlicher
ausbeuten lernte, daß es bei Anteilschaft an allen geologischen
Formationen verfügt über gewaltige Rohstoffmassen an Metall, Kohlen und
Salzen; seine Küstenlinie mit trefflichen Häfen, namentlich den fast
gänzlich eisfreien Nordseehäfen, sichert ihm die Osteuropa versagten
ununterbrochenen Welthandelsbeziehungen durch Schiffahrt auf allen
Ozeanen bis zu den fernsten Erdenwinkeln.

Als ostfränkisches Reich löste sich Mitteleuropa staatlich aus dem
Verband der Monarchie Karls des Großen heraus, die es so eng mit
Frankreich verknüpft hatte. Seine Osthälfte war freilich nach der
Völkerwanderung an die nachrückenden Slawen verloren gegangen, wurde
jedoch nachmals durch Zurückfluten des Deutschtums nach Osten zum
größten Teil wiedergewonnen. Einem losen Bund der das westliche
Mitteleuropa bewohnenden deutschen Stämme glich unser altes Reich,
da es vom Sachsenherzog Heinrich nach dem Aussterben der Karolinger
aus den ostfränkischen Trümmern organisiert ward. Es gliederte sich
durchaus ethnographisch: dem niedersächsischen Kernstamm im Norden
schlossen sich an die Thüringer und Hessen, die im Herzogtum Lothringen
vereinigten Franken des nördlichen Rhein- und des Scheldegebiets, also
die Bewohner der heutigen Rheinprovinz, Luxemburgs, Belgiens und der
Niederlande, ferner die Mainfranken samt den wesentlich fränkischen
Pfälzern, die Schwaben und die Bayern.

Aber es ist eine bisher zu wenig beachtete Thatsache, daß die
staatliche Weiterentwicklung sich nicht im Rahmen dieser Stammesgebiete
vollzogen hat, sondern je länger je mehr hierbei Leitmotive zu
Tage traten, die dem Zusammenwohnen in physisch geschlossenen
Verkehrsprovinzen erwuchsen. Das geographische Moment erwies sich
mithin machtvoller als die Stämmegliederung. Das Stammland der Sachsen
blieb zwar bis zum territorialen Zerfall des spätmittelalterlichen
Deutschland überhaupt noch längere Zeit eine politische Einheit,
befaßte es doch bis auf den ins rheinische Schiefergebirge reichenden
Südzipfel, den heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, das gut geeinte
Stück Tiefebene von Holstein bis gegen den Niederrhein. Ihm schlossen
sich die wahlverwandten ostelbischen Slawenlande zum guten Teil an, die
durch ihr Plattdeutsch noch zur Stunde die Macht der niedersächsischen
Kolonisation verkünden. Auch Hessen und Thüringen gaben in der so
ungeographischen, meist rein dynastisch bedingten Herausschälung
kleiner und kleinster Sondergebiete ihre Landeseinheit noch
einigermaßen zu erkennen. Indessen der im Bodenbau gar nicht wurzelnde
Grenzzug des lothringischen Herzogtums verschwand gar bald, auch die
Pfalz schied sich von Mainfranken, das Schwabenland zertrennte sich in
seine geographischen Elemente, die fast ausschließlich von den Bayern
besiedelten deutsch-österreichischen Lande, die darum ursprünglich
nur Marken unter der Oberhoheit des bayrischen Stammesherzogtums
ausmachten, verselbständigten sich als alpine Wohnräume dieses Stammes,
nur durch den Donaustrom verknüpft mit dem nunmehr auf das Alpenvorland
nebst den ihm durch Isar und Iller angeschlossenen Randgliedern der
nördlichen Kalkalpen beschränkten Herzogtum, dem fortan allein der
Bayernname verblieb.

Die Entfaltung des mitteleuropäischen Staatensystems unserer Tage hat
gar nichts gemein mit der Grenzabsonderung der Teilstämme unserer
Nation. Bruchstückweise sind letztere an die fünf Staaten aufgeteilt.
In den Niederlanden, Flämisch-Belgien und Luxemburg wohnen außer den
friesischen Strandleuten Niedersachsen und Franken, in der Schweiz,
mit Romanen unter einem Dach, Schwaben, in Österreich mit Slawen in
friedloser Ehe Bayern. Nur die innerdeutschen Stämme der Thüringer
und Hessen sind dem im neuen Deutschland zusammengefaßten Hauptrest
Mitteleuropas ganz treu geblieben. Unser heutiges Deutsches Reich
ist der Inbegriff sämtlicher Stämme unserer Nation, soweit sie nicht
ausgerankt sind in die peripherisch abgegliederten mitteleuropäischen
Staaten oder hinausgezogen nach Großbritannien, Siebenbürgen, Rußland
und in transozeanische Fernen.

Wohl haben einstmals Stammesinteressen der politischen Einung unseres
Volkes widerstrebt, als es noch keine mitteleuropäische Pentarchie gab.
Der Sachsenstamm trägt noch immer seinen Widukind im Herzen, der ihm
Freiheit und Glauben gegen den mächtigen Frankenkönig verteidigen half.
Im Süden waren es die Bayern, die besonders gern der Centralgewalt
des Reichs Widerpart leisteten, ja bis ins achtzehnte Jahrhundert
traten bayrische Sympathien mit dem stammes- und glaubensverwandten
habsburgischen Nachbarstaat so stark hervor, daß ein Anfall Bayerns an
Österreich nicht ganz ausgeschlossen schien. In letzter Stunde siegten
aber doch die realen Interessen, wie sie schon vor der Gründung des
neuen Reichs im preußischen Zollverein, 1866 in der Zollvereinigung
des norddeutschen Bundes mit den süddeutschen Staaten zum Ausdruck
kam. Ganz deutlich verrät sich die Bedeutung von natürlich gegebenen
Verkehrsbezirken für Vereinheitlichung der gesamten Lebensziele ihrer
Bewohner, folglich für die allergesundeste Anbahnung staatlichen
Zusammenschlusses darin, daß die beiden großen Verkehrshälften
Mitteleuropas, die wir im antiquierten großdeutschen Sinn die
norddeutsche und die süddeutsche nennen mögen, sich abspiegeln in
der Staatengeschichte durch alle Jahrhunderte von Armins und Marbods
Tagen her. Die für die Staatenkarte der Gegenwart entscheidende
Losgliederung der Niederlande und Belgiens einerseits, der Schweiz
und Deutsch-Österreichs andererseits vollzog sich eben deshalb als
eine rein norddeutsche, bezüglich rein süddeutsche, weil es überhaupt
bei Ausbildung der Teilstaaten Mitteleuropas nie eine dauernde
Überschreitung der nord-süddeutschen Wende gegeben hat, die sich längs
der Sudeten und des Erzgebirges zur Mainquelle hinzieht, um dann
auf der Wasserscheide zwischen Main- und Wesergebiet sich dem Rhein
zu nähern, die Pfalz Süddeutschland zuzuweisen. Auch der in unserem
Reich am meisten fühlbare Gegensatz ist der zwischen der nord- und
süddeutschen Staatengruppe.

Zum Glück ist er nicht so wesentlich verursacht durch die leise an
Rassenhaß gemahnende wechselseitige Abneigung verschieden begabter
Stämme, wie fast allgemein geglaubt wird. Zwar sind Schwaben und Bayern
fast ausnahmslos nur in Süddeutschland heimisch, Franken dagegen
wohnen vom preußischen Rheinland bis in die Pfalz, ja sie siedeln
seit mehr als tausend Jahren sowohl an der lothringischen Mosel
wie im gesegneten Mainland. Nein, der Abstand unseres Deutschtums
in Süd und Nord wurzelt wahrlich nicht in Blutsfeindschaft. Sind
doch die Germanen der Südhälfte Mitteleuropas allesamt erst aus
Norddeutschland als echte Brüder der blondhaarigen Norddeutschen
eingewandert! Mit einer Menge kleiner Absonderlichkeiten in Mundart
und Gebräuchen hat sich allerdings auch ein gewisser Antagonismus
gegen norddeutsches Wesen dort im Süden allmählich festgewurzelt;
im näheren Verkehr mit Schwaben und Bayern als mit Norddeutschen
sind auch die Mainfranken, so zweifellos sie ihrer Herkunft nach
dem norddeutschen Frankenstamm angehören, zu Süddeutschen geworden.
Aber ist es nicht ein bedeutungsvoller Zug im Leben unserer Nation,
daß am meisten längs den Ufern des Rheinstroms die Grenze süd- und
norddeutscher Volkstümlichkeit sich verwischt? Süddeutsches „le“ für
die Verkleinerungssilbe „chen“ hört man ebenso gut am norddeutschen
Rhein, „nit“ statt „nicht“ weit über Köln hinaus. Der Rhein bildet das
wertvollste Einheitsband für den Westen unseres Reichs, ja er ist
dessen eigentliches Rückgrat. Indem der Vater Rhein so leibhaftig uns
alle Tage vor Augen hält, was der Verkehr auf seinen grünen Fluten, auf
den Schienenwegen zu seinen beiden Seiten für den Austausch von Süd und
Nord leistet, erbringt er uns den besten Beweis, daß die Einheitskraft
unseres Reiches um so sicherer partikularistische Strebungen besiegen
wird, je mehr die Schranken der alten Zeit mit ihrem schläfrigen
Verkehr, meist nur im engen Bezirk, fallen, je mehr Güter- und
Personenbewegung den Gesichtskreis der Deutschen über ganz Deutschland
erweitert und sie alle begreifen lehrt, daß die Stärkung der gesamten
Reichskraft jedem, auch dem kleinsten Teil des Reichskörpers zu gute
kommt, während die Insassen eines solchen in seiner Vereinzelung höchst
ohnmächtig ihre Freiheitshymnen singen würden.

Sein Vaterland kennen lernen ist unerläßliche Vorbedingung dafür, es
richtig zu würdigen. Es fällt indessen bei Deutschland und seinem Volk
nicht eben leicht, jene Vorbedingung zu erfüllen, da uns von Gau zu
Gau stark individuelles Gepräge aufstößt. Versuchen wir in flüchtiger
Wanderskizze zu zeigen, wie vielfach dieser reizvolle Wechsel von
Landschaft und Volkstum auf der gegenseitigen Beeinflussung beider
beruht.

Im Allgäu an den Quellbächen der Iller und weiter östlich in den
bayrischen Alpen erhebt sich der Boden unseres Reichs wie nirgends
sonst bis über die Schneegrenze. Hier allein jagt man die Gemse,
wohnen halbnomadisch die Sennhirten in wettergebräuntem Blockhaus nur
sommersüber auf der grünen Alpmatte, die sich einschaltet zwischen die
schneebedeckten Zinnen des Hochgebirgsgrates und die tannendunkle Zone
der unteren Gehängestufe. Auch letztere wird häufig unterbrochen vom
lichteren Grün der Weideländerei, während Feldfluren ganz zurücktreten
im Landschaftsbild, beschränkt gewöhnlich auf die Thalsohle in der
Umgebung der Dorfschaften. Tiefer Naturfrieden lagert über dem Ganzen.
Rinderzucht nebst Waldwirtschaft ernährt eine spärliche Anzahl
genügsamer Menschen. Gleichviel ob Schwaben im Westen, Bayern im Osten,
-- die Alpennatur drückt den Bewohnern ganz gleichartigen Stempel auf.
Gesundheit und Kraft spricht ihnen aus dem Antlitz, aus dem rüstigen
Gang selbst auf schwindelndem Pfad an jäher Felswand. Stets von Gefahr
bedroht durch übermenschliche Mächte, ist der Älpler ein aufrichtig
frommer Mensch, nur kein Kopfhänger. Das erhebende Bewußtsein des
Gelingens, der Überwindung von Gefahren ist hier mehr als anderwärts
in Deutschland mit den einfachsten Arbeiten verbunden, mit dem
Niederbringen einer Kötze Heu, dem Holzflößen, dem Botenweg. Das stimmt
zur Fröhlichkeit, die sich im Echo weckenden Juchzer und Jodler Luft
macht, genährt von der körperlichen Frische in dieser herrlichen,
Gesundheit spendenden Natur.

Noch eine Strecke weit erfreuen uns ins nicht mehr hochgebirgige
Vorgelände hinaus, soweit es noch wesentlich von alpenhaftem Klima
beherrscht wird, die dem letzteren angepaßten Lebensformen: die
Zerstreutheit der Einzelgehöfte in noch vorwiegend für Viehhaltung
verwendeter Flur, ihr Holzbau mit dem weitvorspringenden, gegen den
Sturm steinbeschwerten Dach, unter dem auf zierlicher Holzgallerie
die vom Regen so oft benetzten Kleidungsstücke trocknen, der Tiroler
Kremphut bei beiden Geschlechtern, das Lodenwams, der kurze, das
Ausschreiten nicht hemmende Frauenrock, der feste Bergschuh. Dann aber
wird die Landschaft eben, das Klima minder niederschlagsreich, je
mehr wir uns längs den rauschenden Alpenflüssen Iller, Lech und Inn
der Donau nähern. Da wohnt ein ackerbauendes, bierbrauendes Volk in
geschlossenen Siedelungen. Inmitten ihrer Felderflur liegen ansehnliche
Dörfer mit hohen roten Ziegeldächern, und manche altberühmte Stadt
mit ehrwürdigen, hochragenden Gotteshäusern erinnert an eine große
Vergangenheit. Regensburg und Augsburg erzählen schon durch ihren
Namensklang, wie hier der Germane einst römische Städte nach seiner
Weise ausbaute. Die Blüte von Augsburg und dem münstergekrönten Ulm
wurzelte in der vormaligen Bedeutung der süddeutschen Donauhochfläche
für den Handel zwischen den Mittelmeerhäfen und dem viel früher als
Ostdeutschland kulturmächtigen rheinischen Westen. Augsburg verrät
durch den modernen Aufschwung seiner Webeindustrie den regeren Sinn für
gewerblichen Fortschritt, der die Schwaben vom Lech westwärts überhaupt
vor den behäbigeren Bayern auszeichnet.

Über alle Städte des Alpenvorlands aber kam München empor, dieses
glänzende Zyklopenauge auf der breiten Stirnfläche unseres Südens,
das lebensvolle Verkehrscentrum dieser Ebene, die stets berufen
war zwischen Nord und Süd, Ost und West zu vermitteln, der große
Getreidemarkt für die getreidearmen Alpengaue, die erste Bierbraustadt
der Welt.

Bloß das Donauthal über Passau hinaus verbindet die süddeutsche
Hochfläche mit Österreich, eine Vielzahl bequemer Thalwege hingegen,
die durch den Jura führen, verklammern mit dem übrigen Deutschland.
Sie führen uns ins südwestdeutsche Becken, ganz eingesponnen ins
süddeutsche Rheinsystem, mit dem Rheinstrom von Basel bis Mainz in
seiner tiefsten Rinne. Im Maingebiet wohnen die nach ihm benannten
südöstlichsten Franken. Sie haben auf dem mageren Keupersandboden
inmitten des Regnitzlandes unter dem Schutz der noch heute die
Stadt auf steilem Felsen überragenden alten Kaiserburg ihr Nürnberg
gegründet, die einzige Stadt des Reichs, die durch das erfindungsreiche
Schaffen ihrer Bürger die Blüte seiner mannigfachen, durchaus nicht
bodenständigen Gewerbe seit dem Mittelalter bis zur Gegenwart bewahrt
hat. Sonst ist der Mainfranke werkthätiger im Anbau seines fruchtbaren
Triasbodens. In der Bamberger Gegend bis gegen Schweinfurt hin bilden
Hopfenberge eine Landschaftszierde, im wärmeren Unterland, so um die
alte Bischofsstadt Würzburg, Weinberge. Im lieblichen Neckarland haben
die Nachkommen schwäbischer Juthungen ihre Heimat zu einer Stätte
harmonischer Durchdringung von Anbau und Gewerbefleiß umgeschaffen.
Der Ackersegen der Felder, der glänzende Obst- und Weinertrag der
Bodenabstufung bis zu den Thalsohlen des Neckargeflechts ist es nicht
allein, was die Menschenfülle des Ländchens ernährt; überall sehen
wir das starke Flußgefälle zu industriellen Anlagen verwertet und die
Steinkohlen vom norddeutschen Rheinland auf Schienen- wie Wasserweg
heranfahren zum maschinellen Großbetrieb.

Mehr gesondert nach den Bodenformen erweist sich Anbau und Gewerbe
auf der süddeutschen Rheinebene gegenüber ihren beiderseitigen
Einschlußgebirgen. Jene hat sich von jeher den Namen „Deutschlands
Garten“ verdient bei ihrem ertragreichen Boden, ihrem milden Klima. Bis
zur Pfalz hin hält der hier noch für Bootfahrt etwas zu ungestüme Rhein
die Uferlande im Ost und West auseinander; deshalb waren sie trotz
gleichartiger Wirtschaftsweise ihrer Bewohner staatlich immer getrennt,
erst die Pfalz vermählt auch politisch die beiden Uferseiten.

Getrennt entfaltete sich die wie immer von so vielen
Zufälligkeiten abhängige Geschichte des Gewerbes in den schön
bewaldeten Umrahmungsgebirgen: der Schwarzwald wählte sich die
Holzschnitzerei, aus der sich dann Uhrenmanufaktur und Herstellung
von Musikinstrumenten, selbst kostbarer Orchestrien entwickelte, der
Wasgau die Baumwollweberei, deren Hauptsitz jedoch Mülhausen blieb,
wo das Vorbild der Textilindustrie der Schweiz, der Mülhausen früher
angehörte, noch heute nachwirkt.

Die von Saarbrücken und Aachen bis nach Sachsen und Oberschlesien
verbreiteten Steinkohlenlager bewirkten es aber, daß die moderne
Großindustrie Deutschlands doch eine ganz vorwiegend norddeutsche
wurde. Süddeutschland ist auch hierin dem Norden nur dort mehr
angeglichen, wo der Kohlenbezug aus dem norddeutschen Rheinbezirk,
zumal aus dem für den Wasservertrieb so günstig gelegenen
Ruhrkohlenbecken nicht zu teuer ist. Darum sind im südwestdeutschen
Becken so jugendliche Städte wie Mannheim, Ludwigshafen norddeutsch
rasch gewachsen, Landstädtchen des Donaugebiets wie Straubing oder
Amberg in der Oberpfalz dörflich klein geblieben.

Krupps weltberühmte Gußstahlwerke in Essen holen sich ihr Eisen aus
Nähe und Ferne, selbst aus Spanien, jedoch durch ihren Kohlenbedarf
sind sie an die Ruhrgegend gefesselt; verschlingen doch die Kruppschen
Maschinenöfen jährlich 1¼ Millionen Tonnen Steinkohle. Älterer
Bedeutung für gewerbliche Anregung der Bewohner unseres rheinischen
Schiefergebirges sind allerdings die Erzvorkommen gewesen. Die
Schwertfegerei von Solingen ist so alt wie die Bleicherei und Weberei
an der Wupper, aus der jene gewaltige Industrie der Doppelstadt
Elberfeld-Barmen mit dreimal Hunderttausend Einwohnern hervorging.
Überhaupt haben die drei Faktoren, Kohlenreichtum, großer Vorrat
an Eisen-, Zink- und Bleierz nebst angeerbter Neigung des Volks zu
gewerblichem Verdienst, dort am Nordsaum des Schiefergebirges und ins
bergisch-märkische Land hinein an der Hand der Großindustrie die größte
Massenverdichtung der Deutschen gezeitigt.

Das gefeiertste Stück des Rheinthals von Bonn aufwärts bis Bingen
entrollt uns das lebensvolle Bild der verjüngten Schaffensthätigkeit
unseres Volkes auf fast allen Gebieten. Eng aneinander reihen sich um
den verkehrsreichen Strom die schiefergedeckten Städte und Dörfer,
letztere oft nur in einer einzigen Häuserzeile eingeklemmt zwischen
dem grünen Rhein und den nicht hohen, aber steilen Felsen seines
gewundenen Thales, deren düsteres Grau von Rebengrün und stellenweise
von Eichenwald verhüllt wird. Alles atmet Frohsinn und fortschreitenden
Wohlstand; hier und da schaut noch ein römischer Wachtturm ins frisch
pulsierende Leben der Gegenwart, neben Bergruinen aus dem Mittelalter
grüßen vornehme Landsitze, schmucke Schlösser von den Höhen. Es
ist das rechte Heim des weinfröhlichen Franken, der hier seit zwei
Jahrtausenden haust und seinerseits dieser gottgesegneten Thalung
den Stempel seiner energischen Schaffenslust aufgeprägt hat. Doch
dieselben Rheinfranken wohnen doch auch auf den plattigen Flächen
zur Seite von Rhein, Mosel und Lahn; indessen wie zurückgeblieben,
wie weltabgeschieden und arm, wo der naßkalte Fels- oder Thonboden
der Eifel, des Hunsrücks, des Westerwalds, über den der Nordwest
Regenschauer und Schneewehen treibt, die Aussaat so kümmerlich lohnt!

Ostwärts folgt das hessische Bergland, das seit alters ein fleißiges,
tapferes Bauernvolk ernährt, ohne Steinkohlen- und Erzschätze im
grellen Gegensatz zum Rheinland bis ins 13. Jahrhundert völlig der
Städte entbehrte, auf seinen anmutigen, aussichtsreichen Basaltkuppen,
wie dem Petersberg bei Fulda, der Milseburg, dem Kreuzberg der Rhön,
aber alte Andachtsstätten besitzt zum Beleg des nur scheinbar barocken
Satzes „Basalt macht fromm“.

Wo in den noch weiter östlichen Gliedern unseres Mittelgebirgsraumes,
dem thüringischen, dem sächsischen, dem schlesischen, für den Ackerbau
gut geeigneter Niederungsboden rauheren Höhen benachbart liegt, da
meldet meistens schon das Fichtengrün der letzteren und die falbe
Flur mit den langgezogenen Rechtecken der Äcker zu ihren Füßen, wie
die Bodenerhebung die Beschäftigung der Menschen regelt. Besonders
schön aber kann man eben dort bei den Bergbewohnern die Wahrheit des
Satzes kennen lernen: „Not ist die Mutter der Künste!“ Läge da fetteres
Erdreich, das die Waldrodung zum Feldbau lohnte, und wäre der Winter
dort nicht zu lang und zu rauh, so würden die armen Leute auf dem Harz,
dem Erzgebirge nicht so emsig in den lichtlosen Erdenschoß eingedrungen
sein, um mit Lebensgefahr Metalladern anzuschlagen in immer höher
gesteigerter Kunst, wodurch diese Gebirge zu Musterschulen des Berg-
und Hüttenwesens für die ganze Welt geworden sind; es würde ebenso
wenig jene großartige Fülle hausgewerblicher Industriezweige erwachsen
sein, die Kunst der Glasfabrikation eine so hohe Vervollkommnung
erreicht haben wie es der Fall ist vom Thüringerwald bis in die
Waldgründe der Sudeten. Die Regel, daß die Volkszahl nach den höheren
Gebirgsstufen sich mindert, ist durch den Bienenfleiß und die mit
Kunstsinn gepaarte hochgradige Geschicklichkeit dieser Gebirgsbewohner
mehrfach ins Gegenteil verkehrt worden. So leben die Erzgebirgler
auf der fast keine Feldfrucht neben der Kartoffel tragenden Kammhöhe
ihres Gebirges in dichteren Scharen, volkreicheren Dörfern als
unten die Bauern auf dem fruchtbaren Löß des ebenen Vorlandes an
der Pleiße, Mulde und Elbe. Ihre Vorfahren kamen als Bergleute auf
die luftigen Höhen; als dann die Erzschätze allzubald versiegten,
blieben die Nachgeborenen mit leidenschaftlicher Heimatsliebe auf der
armen Gneisscholle, suchten und fanden Verdienst durch Schnitzerei,
Tischlerei, Spitzenklöppeln und Feinstickerei, so daß sie mit fast
chinesischer Anspruchslosigkeit bei Kartoffelkost und Blümchenkaffee
ein zahlreiches, auskömmlich lebendes, sangeslustig fröhliches Völkchen
wurden.

Großartiger freilich offenbart uns zu guterletzt das norddeutsche
Tiefland den Sieg unserer Nation über eine von Haus aus kargende Natur.
Wie hat es der Deutsche verstanden, selbst dem dürftigsten Diluvialsand
in steigenden Mengen Nahrungsmittel abzugewinnen, sogar in den Mooren
sich ein sauber wohnliches Obdach, ja Wohlstand zu schaffen. Eben
bei der harten Arbeit, die sich Jahr um Jahr erneuert, wenn hier der
Landmann sich und den Seinen das Dasein fristen will, ist der harte
Menschenschlag groß geworden, der in Treue und Tüchtigkeit, Ausdauer
und Kraft den Kern des preußischen Staates ausgestalten, mithin
die Grundlage unseres Reiches legen half. Die Wegsamkeit der Ebene
schon als solcher, die Schiffbarkeit ihrer Ströme, die Zwischenlage
zwischen den Gebirgen mit ihren der Niederung versagten Kohlen und
Metallen auf der einen, dem Meer auf der andern Seite erzeugte eine
Entfaltung von Handel und Industrie, die im Zeitalter des Dampfer-
und Eisenbahnverkehrs eine vordem ungeahnte Höhe erklomm. „Arbeit
schafft Wohlstand und Macht“, das lehrt uns das Emporkommen gerade
dieses Nordens unseres Vaterlandes aus den früheren ärmlichen Zuständen
besonders vernehmlich. Dem Wirtschaftsfortschritt dieses Raumes vor
allem, gar nicht bloß der politischen Vorrangstellung Preußens ist
es beizumessen, daß das Schwergewicht des neudeutschen Reiches im
Nordosten liegt. Bis tief ins Mittelalter koncentrierte sich das
geistige Leben, das Aufblühen größerer Gemeinwesen hauptsächlich auf
den Südwesten Deutschlands. Nunmehr ist die Pflege von Kunst und
Wissenschaft bis in unsere östlichsten Grenzmarken vorgedrungen, und
große wie mittlere Städte sind über unser ganzes Tiefland verteilt.
Sie ordnen sich namentlich in drei Reihen. Eine verfolgen wir von
Aachen über Leipzig bis ins Vorland der Sudeten; sie hält sich in der
Nähe des Gebirgsfußes, wo der Boden der Niederung thonhaltiger, deshalb
fruchtbarer ist, und nutzt den Marktvorteil aus, wie er sich überall
darbietet durch den Erzeugungsgegensatz zwischen Gebirge und Ebene.
Eine zweite fällt in die große mittlere Verkehrsaxe, die zugleich
ein Stück der gesamteuropäischen von Paris über Moskau ausmacht: sie
besteht vorzugsweise aus Brückenorten wie das steinalte, doch ewig
jugendfrische Köln, Hannover, Magdeburg, das natürliche Hauptcentrum
des Verkehrs der Nordostniederung Berlin, ferner Frankfurt a. O.,
Posen. Die dritte befaßt die Küstenstädte, die erst durch den Kaiser
Wilhelm-Kanal an einen einheitlichen, rein deutschen Schiffahrtsweg
gelangten. Sie waren zum guten Teil schon zur Hansezeit Deutschlands
Stolz als Organe seines Überseehandels nach England, Skandinavien,
Rußland. Bei vorzugsweiser Richtung dieses Seeverkehrs über das
baltische Meer mußte Lübeck das Venedig des Hansebundes werden. Nun
schaut unser weltumspannend gewordener Handel naturgemäß zumeist gen
Nordwest, wo in der innersten Nische des einzigen Weltmeergolfes mit
deutschem Küstenanteil das deutsche London durch seine thatkräftige
Bürgerschaft zum ersten Handelshafen des europäischen Festlandes
entwickelt ward. Was wäre Deutschland ohne Hamburg! Aber wir dürfen
hinzufügen: Was wäre Hamburg ohne Deutschland mit seiner riesenhaften
Arbeitsleistung, mit seinem machtvollen Reichsschutz!

Wir Deutsche im Reich gehören eben zusammen nicht bloß durch uralte
oder erst auf diesem Boden geknüpfte Verwandtschaftsbande und eine
mehr denn tausendjährige gemeinsame Geschichte, nein vor allem durch
unser Vaterland. Das haben wir zu Nutz und Frommen friedlichen
Schaffens gemeinsam zu schirmen durch unser starkes Heer, und an der
allertreusten unserer Grenzen, an der Küste, durch unsere endlich
erlangte, der Kauffahrerflotte unter schwarz-weiß-roter Flagge auf
allen Meeren der Welt als Schild dienende herrliche Kriegsflotte.
Aber dies Vaterland fordert nicht bloß unser einmütiges Zusammenhalten
als die nötige Schutzfeste unseres Daseins. Es heischt auch unsere
Dankbarkeit. Ihm danken wir über alle kleinen Stammessonderungen
hinaus die ernste Zucht zu Arbeit, Sparsamkeit und guter Sitte, den
gemeinsamen Pulsschlag eines treuen Herzens.



Aus Natur und Geisteswelt.

Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen aus allen
Gebieten des Wissens.

12 monatlich erscheinende Bändchen

von 130-160 Seiten in farbigem Umschlag zu je 1 Mark, geschmackvoll
gebunden zu je 1 Mark 25 Pf.

Geschmackvolle Einbanddecken werden zum Preise von 20 Pf. geliefert.

Jedes Bändchen ist in sich abgeschlossen und einzeln käuflich.

    Die Verlagsbuchhandlung sah sich infolge der erhöhten
    Herstellungskosten leider genötigt, den Preis für das Bändchen
    um den geringfügigen Betrag von 10 Pfennig zu erhöhen. Sie wird
    dafür, wie es bei den letzten Bändchen bereits geschehen ist, die
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Vermag zu einem besseren Verständnis unserer Umgebung, unserer Freunde
in Haus und Hof, in Feld und Wald zu führen.


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    +O. Weise+. Reich illustr. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._
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Verfolgt durch mehr als vier Jahrtausende Schrift-, Brief- und
Zeitungswesen, Buchhandel und Bibliotheken.


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Ein Bild nicht nur des Landes selbst, sondern auch alles dessen, was
aus ihm hervor- oder über es hingegangen ist im Laufe der Jahrhunderte.


    =Luft, Wasser, Licht und Wärme.= Acht Vorträge aus der
    Experimental-Chemie. Von Prof. ~Dr.~ +R. Blochmann+. Mit 103
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Führt unter besonderer Berücksichtigung der alltäglichen Erscheinungen
des praktischen Lebens in das Verständnis der chemischen Erscheinungen
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    =Deutsche Baukunst im Mittelalter.= Von Prof. ~Dr.~ +A. Matthaei+.
    Mit zahlr. Abb. i. T. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._ 1.25.

Will mit der Darstellung der Entwicklung der deutschen Baukunst des
Mittelalters zugleich über das Wesen der Baukunst als Kunst aufklären.


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    Volksgesanges. Von Privatdozent ~Dr.~ +J. W. Bruinier+. Geh. _M._
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Einer der wichtigsten Erscheinungen deutschen Volkslebens gewidmet,
nicht zu steifer akademischer Erörterung, sondern zu herzlich warmer
Schilderung.

    =Neuere Fortschritte auf dem Gebiete der Elektrizität.= Von Prof.
    ~Dr.~ +Richarz+. Mit 94 Abbildungen im Text. Geh. _M._ 1.--,
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Behandelt leicht verständlich, zugleich aber für jeden Fachmann
interessant, die neuesten vielbesprochenen Fortschritte auf
elektrischem Gebiete.


    =Unsere wichtigsten Kulturpflanzen.= Von Privatdozent ~Dr.~
    +Giesenhagen+ in München. Mit zahlreichen Abbildungen im Text. Geh.
    _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25.

Vermittelt durch die Schilderung der wichtigsten Kultur der
Getreidepflanzen zugleich in anschaulicher Form allgemeine botanische
Kenntnisse.


    =Das deutsche Handwerk in seiner kulturgeschichtlichen
    Entwicklung.= Von ~Dr.~ +Ed. Otto+. Mit 27 Abbildungen auf 8
    Tafeln. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25.

Eine Darstellung der historischen Entwicklung und der
kulturgeschichtlichen Bedeutung des deutschen Handwerks von den
ältesten Zeiten bis zur Gegenwart.


    =Das Theater.= Von Privatdozent ~Dr.~ +Borinski+ in München.
    Mit 8 Bildnissen großer dramatischer Dichter. Geh. _M._ 1.--,
    geschmackvoll geb. _M._ 1.25.

Läßt bei der Vorführung der dramatischen Gattungen die dramatischen
Muster der Völker und Zeiten thunlichst selbst reden.


    =Die Leibesübungen und ihre Bedeutung für die Gesundheit.= Von
    Prof. ~Dr.~ +R. Zander+. Mit 19 Abbildungen im Text und auf 2
    Tafeln. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25.

Will darüber aufklären, weshalb und unter welchen Umständen die
Leibesübungen segensreich wirken, indem es ihr Wesen, andererseits die
in Betracht kommenden Organe bespricht.


    =Verkehrsentwicklung in Deutschland. 1800-1900.= Sechs
    volkstümliche Vorträge über Deutschlands Eisenbahnen und
    Binnenwasserstraßen, ihre Entwicklung und Verwaltung, sowie ihre
    Bedeutung für die heutige Volkswirtschaft von Prof. ~Dr.~ +Walther
    Lotz+. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25.

Erörtert nach einer Geschichte des Eisenbahnwesens insbesondere
Tarifwesen, Binnenwasserstraßen und Wirkungen der modernen
Verkehrsmittel.


    =Die deutschen Volksstämme und Landschaften.= Von Prof. ~Dr.~ +O.
    Weise+. Mit 26 Abbildungen. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._
    1.25.

Schildert, durch eine gute Auswahl von Städte-, Landschafts- und
anderen Bildern unterstützt, die Eigenart der deutschen Gaue und Stämme.


    =Ernährung und Volksnahrungsmittel.= Sechs Vorträge gehalten von
    Prof. ~Dr.~ +Johannes Frentzel+. Mit 6 Abbildungen im Text und 2
    Tafeln. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25.

Behandelt die Ernährungslehre, den Verdauungsapparat und die
Zubereitung der Nahrungsmittel, die einzeln ausführliche Besprechung
erfahren.


    =Aufgaben und Ziele des Menschenlebens.= Von ~Dr.~ +J. Unold+ in
    München. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25.

Beantwortet die Frage: Giebt es keine bindenden Regeln des menschlichen
Handelns? in zuversichtlich bejahender, zugleich wohlbegründeter Weise.


    =Der Kampf zwischen Mensch und Tier.= Von Prof. ~Dr.~ +Karl
    Eckstein+. Mit 31 Abbild. i. T. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb.
    _M._ 1.25.

Der hohe wirtschaftliche Bedeutung beanspruchende Kampf erhält eine
eingehende, ebenso interessante wie lehrreiche Darstellung.


    =Am sausenden Webstuhl der Zeit.= Übersicht der Wirkungen
    der Entwicklung der Naturwissenschaften u. der Technik. Von
    +Launhardt+, Geh. Reg.-Rat, Prof. a. d. Techn. Hochschule zu
    Hannover. Mit vielen Abbild. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb.
    _M._ 1.25.

Heute, wo wir in den +Naturwissenschaften und der Technik+ einen alle
vergangenen Zeiten weit überragenden Standpunkt einnehmen, ist +ein
Rückblick auf ihre Entwicklung+, wie sie das vorliegende Bändchen in
geistreichen Ausführungen giebt, gewiß vielen willkommen. Indem er sie
den Weltwundern der Alten gegenüberstellt, weiß der Verfasser treffend
das Wesen +der Wunder unserer Zeit+ klar zu stellen. Vorbereitet
durch naturwissenschaftliche Entdeckungen, die +die Sinne verschärfen
und vervollkommnen+, haben diese Erfindungen unsere +Herrschaft über
den Raum+ in ungeahnter Weise ausgebreitet, die modernen Schußwaffen
wie die Fernrohre, die Eisenbahnen, die Dampfschiffe und die
Luftschiffe. Eine eingehende Darstellung erfährt insbesondere +die
Entwicklung des Eisenbahnwesens+. Im letzten der Vorträge werden die
meistens zu entgegengesetzten Erscheinungen führenden +Wirkungen der
Verkehrsvervollkommnung+ dargestellt.


    =Das Eisenhüttenwesen= erläutert in acht Vorträgen von Prof. ~Dr.~
    +H. Wedding+. Mit 12 Figuren im Text. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll
    geb. _M._ 1.25.

Das Eisen ist das +unentbehrlichste Metall+, ohne dessen Gebrauch
das gegenwärtige Leben gebildeter Völker nicht zu denken ist. Wie
von jedem gebildeten Menschen erwartet werden darf, daß er weiß, auf
welche Weise Brot hergestellt wird, so sollte auch von jedem +eine
wenigstens allgemeine Kenntnis der Vorgänge vorausgesetzt werden
dürfen, vermittelst derer Eisen erzeugt und in seine Gebrauchsformen
gebracht wird+. Das ist der Gegenstand der Eisenhüttenkunde.
In den vorliegenden acht Vorträgen wird das Eisenhüttenwesen in
gemeinfaßlicher Weise von einem der bedeutendsten Fachmänner erörtert.


    =Die ständischen und sozialen Kämpfe in der römischen Republik.=
    Von +Leo Bloch+. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._ 1.25.

Es giebt schwerlich einen gleich interessanten und gleich
bedeutungsvollen Vorgang in der Weltgeschichte wie die +Entwicklung
der römischen Weltmacht+. +Die sozialen Erscheinungen, die inneren+
Kämpfe der Stände, unter denen sich die Entwicklung vollzieht und die
in erster Linie +agrarischen+ Charakter tragen, haben aber für uns
heute besonderes Interesse, und so ist eine -- von allem philologischen
Detail absehende gemeinverständliche Darstellung dieser Kämpfe
wohlberechtigt, wie sie das vorliegende Bändchen giebt.


    =Einführung in die Theorie und den Bau der neueren
    Wärmekraftmaschinen.= Von Ingenieur +Richard Vater+. Mit
    zahlreichen Abbildungen. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._ 1.25.

Das Verständnis der immer wichtiger werdenden +neueren
Wärmekraftmaschinen, das heißt der Gas-, Petroleum- und
Benzinmaschinen+, will dies Bändchen einem weiteren Kreise zugänglich
machen, sowohl dem Nichtfachmanne, wie demjenigen, der mit geringerer
Vorbildung in engere oder losere Berührung mit den Maschinen gelangte,
Interesse und Verständnis für die Sache erwecken. Der Zweck des
Bändchens ist somit nicht ein rein technischer, sondern zugleich
ein allgemein bildender. Nach einer Gegenüberstellung der +älteren+
und +neueren Wärmekraftmaschinen+ wird zunächst die +Gasmaschine+
behandelt, dann die +Petroleum- und Benzinmaschinen+; zum Schlusse wird
auf die neueste Wärmekraftmaschine, auf die +Maschine von Diesel+,
etwas näher eingegangen.


    =Das Licht und die Farben.= Sechs Vorträge, gehalten im
    Volkshochschulverein München. Von Professor ~Dr.~ +L. Graetz+. Mit
    113 Abbildungen. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25.

Die Vorträge gehen von den im Druck durch die Abbildungen ersetzten
+wichtigsten optischen Erscheinungen+ aus, aus denen sie die
+Gesetze des Lichtes+ herauszuziehen und dadurch, schrittweise
vom Einfacheren zum Komplizierteren fortschreitend, immer tiefer in
das Wesen des Lichtes einzudringen suchen. Ausgehend zunächst von den
einfachsten Erscheinungen der scheinbar +geradlinigen Ausbreitung,
Zurückwerfung und Brechung des Lichtes+ wird dann das +Wesen der
Farben+ behandelt. Die Frage nach der Natur der Seifenblasenfarben
leitet zur Einführung in die +Wellennatur des Lichtes+. Danach
wendet sich die Darstellung der +Photographie+ zu. Die letzte
Vorlesung endlich macht die +Einsichten in die Natur des Lichtes
präziser+, indem sie das Licht als eine spezielle elektrische
Erscheinung anschließt an das große Gebiet der +Elektrizität+.


    =Der Bau des Weltalls.= Von Prof. ~Dr.~ +J. Scheiner+. Mit
    zahlreichen Abbildungen. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._ 1.25.

Dieses Bändchen beabsichtigt, in allgemeinverständlicher Darstellung
in das Hauptproblem der Astronomie, das auf lebhaftestes Interesse
bei einem jeden Menschen rechnen darf, +die Erkenntnis des Weltalls+,
einzuführen. Das erste Kapitel ist der Aufgabe gewidmet, den Leser
an die +wirklichen Verhältnisse von Raum und Zeit im Weltall+ zu
gewöhnen, ihm hierüber eine klare Anschauung zu ermöglichen, die
unbedingt zum Verständnis des Ganzen erforderlich ist. Das zweite
Kapitel lehrt, wie +das Weltall von der Erde aus erscheint+; die drei
folgenden Kapitel sind dem +inneren Bau des Weltalls+ gewidmet, d. h.
in ihnen ist die Struktur der +selbständigen Himmelskörper+ mit Hilfe
der Spektralanalyse auseinandergesetzt. Das letzte Kapitel giebt als
Schlußstein eine Lösung der Frage über die +äußere Konstitution+ der
Fixsternwelt.


    =Die Metalle.= Von Prof. ~Dr.~ +K. Scheid+. Reich illustriert. Geh.
    _M._ 1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25.

Das Bändchen will, ohne daß irgend welche Kenntnisse der Chemie
und Gesteinkunde vorausgesetzt werden, eine Erklärung geben, wie
die +Metalle in der Erde+ sich als Erze abgelagert haben mögen und
wie die Erze sich in +das reine Metall+ umwandeln lassen; wie die
Metalle auf den +Hüttenwerken+ dargestellt werden, ist unter Beigabe
von Abbildungen erklärt. In den letzten Abschnitten werden sodann
die Metalle hinsichtlich ihrer +Eigenschaften verglichen+ und das
+Allgemeine über Darstellung und Verarbeitung+ zusammenfassend erklärt.


    =Meeresforschung und Meeresleben.= Von ~Dr.~ +Janson+. Geh. _M._
    1.--, geschmackvoll geb. _M._ 1.25.

Gerade jetzt, zu einer Zeit, wo unser deutsches Volk seine Blicke
weit hinaus in die Ferne richtet, erschien eine den Absichten der
Sammlung entsprechend im engsten Rahmen gehaltene Zusammenfassung der
hauptsächlichen Erfolge und der zunächst ins Auge genommenen Ziele
der +modernen systematischen Meeresuntersuchung+. -- Einer kurzen
Darstellung der +Entwicklungsgeschichte+ der modernen Meeresforschung
und ihrer Ziele folgt eine Betrachtung der +Verteilung von Wasser
und Land+ auf der Erde, der +Tiefen des Meeres+, der +Erhebungen+
seines Bodens und der ihn bedeckenden +Ablagerungen+. Daran
schließt sich eine Behandlung der physikalischen und chemischen
Verhältnisse des +Meerwassers+ an. Den Schluß bildet eine kurze
Beschreibung der +wichtigsten Organismen des Meeres+, der Pflanzen
und Tiere, der Werkzeuge und Methoden ihres +Fanges+ und ihrer
+Anpassungserscheinungen+ an die so eigenartigen Lebensverhältnisse der
Ozeane.


    =Die moderne Heilwissenschaft.= Wesen und Grenzen des ärztlichen
    Wissens. Von ~Dr.~ +E. Biernacki+. Deutsch von ~Dr.~ +S. Ebel+,
    Badearzt in Gräfenberg. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._ 1.25.

Die Abhandlung bezweckt, in den Inhalt des ärztlichen Wissens
und Könnens von einem allgemeineren Standpunkte aus einzuführen.
Sie behandelt die +geschichtliche Entwicklung der medizinischen
Grundbegriffe, die Leistungsfähigkeit und die Fortschritte der
modernen Heilkunst, die Beziehungen zwischen der Diagnose und der
Behandlung der Krankheit, sowie die Grenzen der modernen Diagnostik in
allgemein verständlicher Weise+. Eine ausführliche Besprechung erfährt
insbesondere auch das kulturgeschichtlich so interessante +medizinische
Sektenwesen+ (Homöopathie, Volksmedizin u. Naturheilkunde u. s. w.).


    =Das Zeitalter der Entdeckungen.= Von Prof. ~Dr.~ +S. Günther+ in
    München. Mit einer Weltkarte. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb.
    _M._ 1.25.

Wenig Zeitalter dürfen heute, wo kühne Forschungsreisen unsere
Teilnahme und Bewunderung immer aufs neue erwecken, wir immer
lebhafteren Anteil an der Nutzbarmachung neuer Entdeckungen nehmen,
wohl in weiteren Kreisen auf so lebhaftes Interesse rechnen, wie das
Entdeckungszeitalter. Von einer +Übersicht über den geographischen
Wissensstand des Altertums und Mittelalters+ ausgehend, behandelt
der Verfasser dann das Entdeckungszeitalter im engeren Sinne, von
dem Auftreten +Heinrichs des Seefahrers+, des ersten zielbewußten
Organisators der Entdeckungsarbeit, bis zu den Bestrebungen der
germanischen Völker, um Asien oder Amerika herum einen neuen +Seeweg
nach Indien+ zu finden; die Auffindung des Weges um das +Kap der guten
Hoffnung+ und die Begründung der +portugiesischen Kolonialherrschaft+
in Asien, sodann die Fahrten des +Columbus+, die Erdumsegelung
von +Magalhaẽs+, die Entdeckungen und Eroberungen der +Spanier in
Süd-, Mittel- und Nordamerika+ und endlich das Hervortreten der
+französischen, britischen und holländischen Seefahrer+.


    =Schöpfungen der Ingenieurtechnik der Neuzeit.= Von Bauinspektor
    +Curt Merckel+. Mit zahlr. Abbild. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll
    geb. _M._ 1.25.

Die „Schöpfungen der Ingenieurtechnik der Neuzeit“ dürfen heute auf ein
weites Interesse rechnen. Das vorliegende Bändchen führt eine Reihe
von +hervorragenden Ingenieurbauten aus dem Gebiete des Verkehrs+
vor; die +Gebirgsbahnen+, die +Bergbahnen+, die +transkaspische und
transsibirische Eisenbahn+, sowie die +chinesischen Eisenbahnen+
gelangen zur Besprechung; die Vorläufer der Gebirgsbahnen, die
bedeutenden +Gebirgsstraßen der Schweiz und Tirols+, anderseits
die großen in +Asien+ bereits entstandenen oder in der Ausführung
begriffenen und projektierten +Eisenbahnverbindungen+ werden eingehend
geschildert, endlich in kurzen Zügen die +modernen Kanal- und
Hafenbauten+ mit den bereits zur Ausführung gekommenen Neuerungen oder
den im Entwicklungsstadium befindlichen Umgestaltungen behandelt.


    =Die fünf Sinne des Menschen.= Von ~Dr.~ +Jos. Clem. Kreibig+ in
    Wien. Mit 29 Abbild. im Text. Geh. _M._ 1.--, geschmackvoll geb.
    _M._ 1.25.

Der Verfasser sucht die Fragen über die +Bedeutung, Anzahl, Benennung
und Leistungen der Sinne+ in gemeinfaßlicher Weise zu beantworten. Nach
einer kurzen allgemeinen Charakteristik des einzelnen Sinnesgebietes
bringt er zunächst +das Organ und seine Funktionsweise+, dann die +als
Reiz wirkenden äußeren Ursachen+ und zuletzt den +Inhalt, die Stärke,
das räumliche und zeitliche Merkmal der Empfindungen+ zur Besprechung.
Am ausführlichsten behandelt er den +Gehör- und Gesichtssinn+,
insbesondere die Gebiete der +Töne und Farben+. Überall verwertet er
maßvoll und selbständig die +neuesten Ergebnisse der Wissenschaft+.


=Weitere Bändchen befinden sich in Vorbereitung.=





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Mensch und Erde - Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden" ***

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