Home
  By Author [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Title [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Language
all Classics books content using ISYS

Download this book: [ ASCII ]

Look for this book on Amazon


We have new books nearly every day.
If you would like a news letter once a week or once a month
fill out this form and we will give you a summary of the books for that week or month by email.

Title: Fritzchen - Die Geschichte einer Einsamen
Author: Diers, Marie
Language: German
As this book started as an ASCII text book there are no pictures available.
Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Fritzchen - Die Geschichte einer Einsamen" ***

This book is indexed by ISYS Web Indexing system to allow the reader find any word or number within the document.



made available by the HathiTrust Digital Library.)



  Fritzchen

  Die Geschichte einer Einsamen


  von

  Marie Diers


  [Illustration]

  Dresden 1907.

  Max Seyfert, Verlagsbuchhandlung.



Erstes Kapitel.


Aus dem Dorfe Hohen-Leucken, das seinen Namen seinem höher gelegenen
Herrschaftshause zu Ehren, sonst aber nur wie zum Spotte führte, kam der
Doktor das ganze Jahr nicht heraus. Zwischen Moor und sumpfigen Wiesen lag
es arglos eingebettet, und am Abend, wenn die Nebel stiegen, wogte
eine weiße Mauer bis an die Schwellen der niedrigen Häuser. Typhus,
Schwindsucht, epidemische Hals- und Rachenkrankheiten gehörten hier mit
zu dem gewohnten Lebensbilde der Leuckener Bewohner, man begrub hier
seine kleinen Kinder, man siechte selber, man starb, ohne sich viel um die
Ursachen zu bekümmern, oder gar ihnen den Krieg zu erklären. Der Doktor,
der viele Meilen über Land durch Lehmboden, durch Sand, über schwanken
Moorgrund herkutschierte, fluchte zwar jedesmal von neuem über den
Nebelring, der dieses Dorf umzog, aber er war selbst ein Kind dieses
Landes, in dem man zwar flucht, im übrigen aber alle Unbill ruhig beläßt,
wie sie nun einmal ist, und ihr höchstens mit einem kräftigen Bittren zu
Leibe geht.

Der baufällige Krug am Anfang des langgestreckten Dorfes wurde die ganzen
Abende nicht leer, sogar bei Tage bevölkerten ihn zweifelhafte Gestalten.
Das bißchen Bargeld, das sich der Tagelöhner und auch der Kossat
errackerte, wenn er zu Hofe ging, wurde hier wieder vertrunken. Es lag so
in der feuchten Luft und dem schlottrigen Gefühl, das man den ganzen Tag
in den Knochen hatte. Der Pastor konnte das nicht verstehen, er hatte ein
massives Haus und brauchte den ganzen Tag nicht aus seiner warmen Stube
heraus. Darin war der gnädige Herr besser, er begriff sehr gut, daß man
bisweilen »saufen« müßte, um sich aufrecht zu halten.

Übrigens kam es ihm auch gar nicht darauf an, selbst wenn es sich gerade so
machte, mit leuchtendem Beispiel voranzugehen.

Sonst hatte er es gerade nicht nötig, ins Herrenhaus krochen die Nebel
nicht herauf. Dies lag auf einem Hügel, der überdies noch künstlich erhöht
war, und war von den Vorfahren dieser Dörfflins, die sicherlich mehr
Geld gehabt hatten, als die jetzigen, außerordentlich solide und fest
aufgeführt. Ein breiter, chaussierter Fahrweg führte aus dem armseligen
Dorfe in sanfter, bequemer Steigung bis an das Tor, ein prachtvolles
Steinmonument vergangener Jahrhunderte, von dem noch verwitterte Ritter-
und Engelfiguren und noch mehr verwitterte fromme und auch trotzige Sprüche
die späten Enkel grüßten.

Von hier aus ging es in den steingepflasterten Hof und vor die niedrige
Einfahrtsrampe.

Was das stolze alte Tor versprach, wurde von dem Schlosse freilich nur
recht ungenügend gehalten. Es war ein nüchterner und kahler Bau, an dem
nur das Alter interessant war, sonstige Erinnerungen an verklungene
Ritterzeiten, die ohne Zweifel vorhanden gewesen waren, mußten
verschleudert worden oder sonstwie zu Grunde gegangen sein. Es ging
eine trübe und schändliche Sage um, daß der Großvater des jetzigen Herrn
v. Dörfflin aus einem zwar erklärlichen, aber wenig ehrwürdigen Grunde
einen schwungvollen Handel mit diesen alten, geheiligten Dingen getrieben
habe. Aber man redete nicht laut darüber.

Das Schloß war breit angelegt, dauerhaft, aber häßlich und unwohnlich.
Auf den breiten Treppen zog es beständig, und wer über die unendlichen
Bodenräume ging, mußte mitten im Sommer ein Frieren bekommen, wenn er daran
dachte, wie es sein müsse, hier zur Winterszeit in den unzähligen Kammern
zu tun zu haben.

Frau v. Dörfflin, ein verwöhntes und verzärteltes Großstadtpüppchen, hatte
diese Zustände vier bis fünf Jahre treulich durchgemacht und dann gründlich
darüber quittiert, indem sie die Augen zumachte und sich in ihr letztes
Bett tragen ließ. Sie war eine gute Seele und fand ihr Heil und ihre
Pflichterfüllung in unentwegten Krankenbesuchen im nebligen Dorf, auf denen
sie sich wie ein rührend unpraktisches liebes Kind benahm. Aber ihr zarter
Körper mußte den Luxus, den ihre Seele trieb, bezahlen. In all dem
Nebel, dem Zugwind und der Anstrengung ging sie ein wie ein Pflänzchen in
verkehrter Pflege und löschte aus, wie von jeher ihre Lichter ausgelöscht
waren, mit denen sie über die zugige Treppe in das obere Stockwerk hatte
gehen wollen.

Herr v. Dörfflin war ein ziemlich roher und ungebildeter Junker, der von
Pferden, Hunden, Jagd- und Landwirtschaft, auch vom Weinkeller zwar so
viel wußte, als er brauchte, aber von Frauen, Kindern und den feineren
Lebensfragen recht wenig. Er war trotzdem ein Mensch, den man lieb haben
konnte, gutmütig, ehrlich und ritterlich aus Gewohnheit. An Herzenskummer
starb seine Frau nicht, wenn auch vielleicht ein brillanterer Geist als der
ihres guten Ludwig sie in eine andere Bahn des Lebens, Wirkens und Heiles
geführt hätte als diese selbsterwählte, bei dem sie aus dem Husten und
Frösteln gar nicht herauskam und auf der sie zum Schluß doch kaum mehr
hinterließ als den halb mitleidigen Ruhm:

»Joa, se is gaud, uns' gnä Fru. Äwer äten kann ein' doch nich, wat se
koakt.«

Tot war sie, dahin, erloschen. Und um die Sache noch gründlicher zu machen,
zog sie sich ihren ältesten Jungen, ein schönes zartes Kind von fast vier
Jahren, noch in demselben Winter nach. Ludwig v. Dörfflin saß in seinem
kalten, ungemütlichen, einsamen Herrenhaus auf Hohen-Leucken, mochte nicht
mehr jagen, noch zechen, noch meilenweit zu Bekannten fahren und konnte nur
in die Hinterstube gehen und seinem kleinsten Mädchen, dem Fritzchen, dem
unruhigsten und wildesten aller Säuglinge, verzagt in den Wagen und in
das ewig schreiend aufgerissene Mäulchen gucken. Oder er konnte seine
Zweijährige, die artige blonde kleine Gisela, an das Händchen fassen, sich
krampfhaft besinnen, was man mit solchem Wurm spricht, der Bonne ein paar
dumme Regeln geben, die entweder falsch oder selbstverständlich waren, und
sich dann mit dem fatalen Gefühl seines Nichts wieder davon heben.

Mit der Zeit wuchs Gras über das stille Grab der stillen törichten kleinen
Frau, und Herr v. Dörfflin ließ das Gras auch wachsen. Er »ließ« überhaupt
meist alles, und nur seine Reitknechte wußten es (weil sie es fühlten), daß
er unter Umständen auch sehr aktiv und selbsttätig sein könne.

Wie es zog auf den Treppen und dem langen kahlen, in seinen Ecken finsteren
Boden! Es war jetzt auch immer schmutzig hier oben. Wer sollte reinmachen,
wenn keine Hausfrau da war, es zu befehlen? Das Zimmermädchen schob es auf
den Jakob, der die Stiefel putzte, der Jakob auf die Kartoffelschäl-Weiber,
und die wiederum fanden, daß das Zimmermädchen auch für den Boden nicht
zu feine Hände habe. So ging der Tanz immer fröhlich reihum, schlief auch
dazwischen monatelang ein, bis zum großen Frühjahrsreinemachen oder zu
Weihnachten auch wieder die Bodenfrage aktuell wurde. Die Wirtschafterin,
die hier eigentlich das Machtwort hätte sprechen müssen, hatte ein zartes
Verhältnis mit dem Inspektor, ein allzu zartes, das wie sie fürchtete,
mit ihrem Abgang reißen könnte. Deshalb wollte sie sich lieber mit den
Dienstboten nicht verfeinden, denn die vorige hatte gehen müssen, als eine
allgemeine Petition deswegen an Herrn v. Dörfflin erging.

So war der Boden staubig und wurde immer staubiger, und in den Kammern
häuften sich zerrissene und schadhafte Wäsche und Kleidungsstücke auf, die
man nur »aus der Hand« legte, um sie »nächstens« auszubessern.

Die feine kleine Gisela mit dem schmalen hochmütigen Gesicht nahm ihr
Kleidchen eng zusammen, wenn sie über den Boden ging, und ging dort auch
nur, wenn es durchaus nötig war. Fritzchen aber war hier zu Hause, und da
kümmerte sie weder der Staub, noch die Lumpen, noch all das zerbrochene
Hausgerät in den Ecken.

Fritzchen schloß Freundschaft hier oben mit den Balken, den Brettern, den
Sonnenstäubchen, selbst mit zerbrochenen Stühlen und alten Bettlaken. Wenn
man das kleine wilde Ding suchte, so brauchte man nur nach oben zu laufen.
Dann fand man sie in irgend einer tollen Maskerade und sich bewegend,
murmelnd oder auch ganz laut diskutierend, als sei sie in einer großen
Gesellschaft.

Der Bonne war es schon recht. Unten konnte man mit diesem Quirlchen doch
nichts anfangen. Da war sie ungebärdig, höchst unbequem zu haben, oder sie
langweilte sich und plärrte. Hier oben konnte man sie stundenlang allein
lassen, es geschah ihr ja auch nichts, nur mußte man ihr ein graues
Kittelchen anziehen, wenn man den Schmutz nicht sehen wollte, den sie sich
hier oben holte.

Bis dahin war alles sehr schön. Gisela zwar zog ein Mäulchen, wenn
Fritzchen mit glühenden Backen, die kurzgeschorenen braunen Härchen mit
Spinnweben umflort, ins Spielzimmer zurückkam. Sie hatte unterdes Perlen
aufgezogen, ihr Püppchen geputzt oder bei dem Fräulein in der Fibel
gelernt. Aber das störte Fritzchen nicht, das kannte sie nicht anders. Sie
kannte es auch nicht anders, als daß der Papa sich nicht im geringsten
um seine Kinder kümmerte. Oft sahen sie ihn tagelang nicht, denn auch
bei seinen Mahlzeiten durften sie noch nicht sein. Sie hatte ihre eigene
Ritter-, Feen- und Koboldwelt zwischen den dunklen Balken auf dem Boden.

                           *       *       *

Unterdessen, ganz für sich und unabhängig von den kleinen Kinderherzen und
Gesichterchen, machte der Papa seine Dummheiten. Er ging, sich zu verloben.

Er hatte aber auch einen Freund, noch aus seiner schönen, lustigen
Leutnantszeit her, den Freiherrn Fritz v. Zülchow. Der hatte sein Besitztum
auf Rummelshof, das ungefähr drei Meilen entfernt lag. Schon als Knaben
und dann als Jünglinge waren die beiden trotz großer Verschiedenheiten die
besten Kameraden gewesen. Später war das anders geworden. Die Frau, die
Herr v. Zülchow sich nahm, war ein stolzes, feines Geschöpf, das eine
Abneigung gegen den kleinen derben Ludwig v. Dörfflin hatte. Dadurch wurde
der Verkehr zu einer etwas peinlichen Sache und drohte, ganz auseinander zu
fallen. Nur hin und wieder auf Jagden, Gesellschaften oder bei den seltenen
Besuchen sah man sich. Aber man war sich von Herzen gut wie nur je zuvor.

Jetzt als Herr v. Dörfflin ein unverhülltes Interesse an einem etwas
zweifelhaften hereingeschneiten Frauenzimmer zu nehmen begann, wachte alle
alte Kameradschaft mit erneuter Stärke in Fritz v. Zülchow auf. »Sieh Dich
vor, Lutz!« drängte er. »Es ist nichts damit. Ein weißes Gesicht und ein
schwarzes Herz. Du wirst es bereuen.«

»Ach was, dummes Zeug«, sagte Ludwig v. Dörfflin.

Einmal war der Freiherr v. Zülchow wieder in Hohen-Leucken. Es war zur
Sommerszeit. Als er mit dem Freunde durch den verwilderten Garten ging, sah
er die Kinder hinten durch die Büsche laufen, er rief sie an. Gisela kam
gleich, Fritzchen versteckte sich. Der Freiherr war ein kräftiger, froher
und sehr wacher Mensch, der nicht, wie sein guter Lutz, auch im Gehen und
Stehen halb schlief. Er setzte dem scheuen, wilden Dingelchen nach, faßte
es, und während er es festhielt und sich mit ihm auf eine Bank setzte,
erzählte er ihm von seinen Hunden, Pferden und seinen zwei großen Jungen,
Gregor und Hans Henning, die reiten, schießen und schwimmen könnten wie die
Teufel. Dabei sah er Fritzchen unverwandt ins Gesicht und sah, wie sich der
scheue, trotzige Ausdruck des schmutzigen kleinen Gesichtes löste und ein
süßes, weiches und verlassenes kleines Kindergesicht zum Vorschein kam.

»Bring sie mal mit, die Jungens --«, sagte der kleine Mund.

»Ja, wenn ich wiederkomme«, sagte der Freiherr, und er nahm es von jeher
ernst mit dem, was er versprach.

Unterdes war der Vater des kleinen Mädels herangekommen. Der Fremde setzte
das Kind ab und behielt es an der Hand, als er sehr ernst, aber gedämpft
sagte:

»Ludwig, kannst Du Dir Fräulein Wurach hier als Stiefmutter vorstellen?«

In Herrn v. Dörfflins rundes rotes Junkergesicht kam ein ehrlich ratloser
Ausdruck.

»Ja nu -- ja nu --«, brummte er.

»Ich nicht«, sagte Herr v. Zülchow ziemlich hart.

»Ja nu -- was weißt Du denn von ihr? Sie ist -- ach, was geht's Dich an.
Lassen wir das. Sowas verträgt keine Einmischungen. Du verstehst mich,
Fritz, nimm's nicht übel.«

Als der Freiherr fort war, trank Ludwig Dörfflin die halbe Nacht durch in
Gesellschaft seines Försters, und mehr als ihm gut war. Er liebte seinen
Freund über alles, und nichts war ihm fataler, als den zu erzürnen.

Aber das sieht doch ein Kind ein, daß man sich in Liebessachen nichts
vorreden lassen kann. Was war das für eine Anstellerei, das Fritzchen aus
dem Gebüsch zu ziehen! Als ob die Anneliese Wurach ein Drache wäre. Pfui,
pfui, solchen Engel zu beleidigen.

Es war drei Uhr in der Nacht, er schlug auf den Tisch, daß die Gläser
tanzten.

»Märzmüller«, sagte er lärmend zu seinem Getreuen. »Sind Sie lieber ein
Packesel für andere Leute, oder nehmen Sie lieber selber den Gaul zwischen
die Schenkel?«

»Ich nehme lieber selber den Gaul zwischen die Schenkel«, sagte der grüne
Zechgenosse.

»He, so mach ich's auch! Was meinen Sie, ob ich wohl noch so 'ne Hecke
nehmen kann? So 'ne ganz hohe, wissen Sie?«

Er war noch nicht so betrunken, daß er den Untergebenen in seine Pläne
wirklich und deutlich eingeführt hätte. -- --

Ja, diese Pläne! Sie konnten den Leuten, die ihn oder sein Haus lieb
hatten, schon Sorgen machen. Anneliese Wurach, eine hübsche, sehr gewandte
Person, war seit einigen Wochen bei einem einfachen Gutspächter der Gegend
zu Besuch. Keinem Haus der höheren Kreise fiel es ein, sie heranzuziehen.
Aber Ludwig Dörfflin war in Liebessachen nicht so ganz zurechnungsfähig.
Daß er solche liebe kleine Frau gehabt hatte, war ein freundlicher Zufall,
ein bißchen hatte er auch an ihr das Robuste, die Fähigkeit, sich in
Szene zu setzen, vermißt. Auf dem Gutspächterhofe kam man ihm mit Handkuß
entgegen, und das war er in seinen Kreisen nicht gewöhnt. An Fräulein
Wurach lag es nicht, daß er die Werbung verzögerte, sondern nur an der
(unter diesen Umständen) lächerlichen Zaghaftigkeit und Hochachtung vor
seiner Erwählten.

Es war jetzt November geworden. Man mußte schon wissen, was der November
bedeutete auf dem Wege durch die Ebene zwischen Hohen-Leucken und dem
Rummelshofe, auf dem die Zülchows saßen. Die Winde hatten sich hier
festgesetzt in den Buschgräben und hinter den kleinen Maulwurfshügeln von
Anhöhen, an denen bergauf, bergab die Pflüger hinter dem Gespann gingen.
Die Pferde, die den offenen Rummelshöfer Herrenwagen zogen, legten sich
schief, um von dem gewalttätigen Blasius nicht aus dem Gleise gedrängt zu
werden. »Haltet die Mützen fest, Jungens!« Hui, da flog dem Hans Henning
seine schon über den Graben. »Spring nach, dummer Bengel, halt aber auch
Deine Nase fest!«

Schwer, dick, massig hingen die Wolken am düsteren Himmel, der Wind kam
ihnen kaum bei. »Wenn sich das ausschüttet, ist es Schnee«, sagte der
Freiherr. »Wie lange sind wir gefahren, Jochen?«

»Zwei und eine halbe Stunde, Herr Baron.«

»So. Macht auf Hin- und Rückfahrt fünf Stunden. Jungens, daß Ihr zu meinem
Patchen, dem kleinen Mädels-Fritz, gut seid! Sonst wäre es nicht fünf
Minuten Fahrt wert gewesen. Dir besonders, Gregor, sag ich's. Tu Du heute
nicht so ungeheuer zwölfjährig und untertertianerhaft, mein Sohn.«

Der Gregor, ein langer, feiner, blonder Junge, wollte wohl antworten, aber
der Wind riß ihm die Worte vom Munde ab und hätte beinahe auch noch die
Nase mitgenommen. Es war eine stolze Nase -- um die von Hans Henning wäre
es nicht so schade gewesen.

»Vater, das ist ein Wind!« prustete er nun bloß.

Ja, der Wind, der war schon etwas für deutsche Jungens, die sich von ihm
fünf Meilen lang im offenen Wagen um die Ohren pfeifen lassen.

»Da ist Hohen-Leucken.«

Das Herrenhaus sah vom Hügel herunter, grau unter dem schweren,
wetterdrohenden Himmel. Die Jungen sahen es aufmerksam und mit der
ungeheuer sachlichen Abschätzung an, auf die man sich in diesem Alter so
viel zugute tut. Aber die Hauptsache an dem alten häßlichen einsamen Hause
sahen sie doch nicht: ein braunes, sehnsüchtiges Struwwelköpfchen, das
schon seit geschlagenen zwei Stunden durch die eine der Dachluken auf den
Weg spähte, der übers Moor ging.

»Gisa, Gisa, sie kommen, sie kommen!«

Des Hauses jüngstes Kind poltert die Treppe hinunter, daß man es bis ins
entfernteste Zimmer hört, stolpert, fällt, poltert weiter, schreit: »Sie
kommen, sie kommen!«

Gisa war blutrot vor Ärger. »Dumme Jöre, man schreit nicht so! Was ist denn
dabei? Geh lieber und kämme Dich!«

Sie liebte solch kindisches Getue nicht. Sie genierte sich wegen des dummen
Fritzchen, die feine kleine Gisela im hellblauen Kleidchen.

Als es nun wirklich so weit war und Herr v. Zülchow mit seinen großen
Jungen in der Halle stand, steckte Fritzchen die Finger in den Mund und
hätte sich am liebsten verkrochen. Ach ja, sie war auch zu nichts zu
gebrauchen.

Gregor war auch ganz anders, wie sie sich gedacht hatte, viel größer und
stolzer. Er sah über ihre Köpfe fort und redete zum Papa, als wäre er ein
ganz Großer. Er wäre auch am liebsten nicht mit an den Kinderkaffeetisch
gegangen, aber das war nun mal so eingerichtet. Fritzchen steckte aus
lauter Verlegenheit ein so großes Stück Kuchen in ihre volle Tasse, daß
alles überplantschte. Gisa ärgerte sich wieder, aber Hans Henning lachte
darüber.

»Grad' wie ich's immer mach', Fritz. Kriegst Du dann auch immer Stripse auf
die Finger?«

»Nein.«

»Aber ich. Von Herrn Ritter. Weißt, wer das ist? Unser Hauslehrer. Weißt Du
auch, warum er immer so mager ist?«

»Nein.«

»Weil wir ihn immer ärgern. So sagt er. Wie findest Du das?«

»Ach!« Sie sah auf, ganz staunende Bewunderung. Dann leiser, mit ihren
winzigen Fingerchen verstohlen auf Gregor deutend: »Der auch?«

»Na! Und ob der nicht! Ich sage Dir, Fritz! Na, ich werd' Dir noch viel
erzählen.«

Er sah zu dem Bruder hinüber, daß der sich auch über das liebe kleine Ding
freue. Aber der saß da und sah sehr kühl aus, ungeheuer zwölfjährig.

Gisela machte die Wirtin. Sie hatte wunderfeine, geschickte Fingerchen
dabei. Sie war lange nicht so hübsch wie das Feuerfünkchen drüben, aber sie
sah viel aristokratischer, mädchenhafter und wohlerzogener aus. Als Gregor
trotz seiner Untertertianerwürde sechs Stücke Blechkuchen hinter sich
hatte, bequemte er sich, das kleine Fräulein anzureden, und fand ihre
Antworten und Bemerkungen über Haus, Garten und Viehstand hier, nach denen
er sich erkundigte, »gar nicht so dumm.«

Fritzchen war ein Querkopf. Sie hätte sich an der Freundschaft mit Hans
Henning genügen lassen sollen. Der Junge war reizend zu ihr, lief mit
ihr herum, selbst auf den Boden zu den alten Laken und den Spinneweben,
bequemte sich ihren verschrobenen kleinen Ideen an, schwatzte ihr
amüsierliches Zeug vor und versprach ihr tausend Wunder, wenn sie einmal
nach Rummelshof käme. Sie mochte ihn auch gern leiden, diesen lustigen,
rundköpfigen Jungen mit der aufgestülpten Nase, den Schelmaugen und der
Mischung von schlingelhafter Frechheit und treuherziger Zartheit. Aber
sowie sie konnte, schlüpfte sie immer wieder in die Richtung, in der
sie Gregor vermutete, und obwohl er sie kaum ansah und ihre täppischen
Bestrebungen, sich bemerklich zu machen, fast niemals wahrnahm, so lief sie
doch immer wieder hinter ihm drein und war froh, ihn nur zu sehen.

Jetzt wußte sie mit einem Male, wie die Ritter und stolzen Könige ihrer
Spielträume aussahen, und sie faßte eine stille und tiefe Verachtung für
die bunten Bilder aus ihren Büchern, die ihr bisher maßgebend gewesen
waren.

                           *       *       *

Herr v. Zülchow schob seine Kaffeetasse fort, ihm war nicht sehr zum
Trinken und zum Rauchen. Als er die Kinder durch die Halle und nach draußen
laufen hörte, verschärfte sich die unliebe Empfindung in ihm so stark, daß
sein Gesicht sich rötete.

»Ich bin hauptsächlich heute aus einem bestimmten Grunde gekommen, Ludwig«,
sagte er.

Die Einleitung war ungeschickt genug. Herr v. Dörfflin warf seine Zigarre
fort. »Wenn es Dir um meine inneren Angelegenheiten zu tun ist, so spare
den Versuch!« brauste er auf. »Ich lasse mich nicht bevormunden.«

»Ach Gott!« sagte Herr v. Zülchow tief ärgerlich. »Innere Angelegenheiten!
Lassen wir doch diese Redensarten. Du hast ja keine Ahnung, wer die Dame
ist, die Du Dir zur Frau und den Kindern zur Mutter geben willst.«

»Hast Du etwa die Ahnung?« höhnte der große Junge mit seinem
treuherzigsten, dümmsten und impertinentesten Gesicht. Er blickte so
impertinent, weil es ihm vor Unbehagen in allen Adern prickelte. Einen
Disput hatte er noch nie bestehen können.

»Ahnung, Ludwig? Die ganze Gegend schwatzt davon und lacht über Dich. Als
Fräulein Wurach im Sommer nach Lanzow kam, war sie mit einem Schreiber
verlobt. Dem hat sie jetzt abgeschrieben, weil es hübscher für sie ist,
Deine Gemahlin zu werden. Na ja, darauf kannst Du allerhand entgegnen, ich
weiß schon. Aber was meinst Du zu dem allerliebsten Geschichtchen, das die
Pastorin Barthold von ihr erzählt? Im vorigen Sommer war sie dort, da die
Tochter ihre Schulfreundin war, dort ist sie Hals über Kopf fortgekommen,
weil sie ihren ganzen Koffer voll gestohlener Zwiebäcke hatte! Nun, wenn
sie Deine Frau ist, gibt sich das vielleicht.«

Im Lampenschein sah Fritz Zülchow jetzt das Gesicht, es sah so
jammerwürdig verblüfft und hilflos aus. »Gib mir Beweise für diese albernen
Klatschereien«, bullerte Ludwig Dörfflin heraus.

Beweise? Ach lieber Gott, die waren nicht so schwer zu erlangen. Aber er
hatte so ein verdammtes Mitleid mit dem runden roten lieben Gesicht, das
in die freiesten und lustigsten Stunden seines Lebens hineingehörte wie die
Lichter an dem Christbaum.

Er schwieg; ihm selber, nun er das schwere Amt hinter sich hatte, da die
Komik verflogen war, stieg Schmerz und Traurigkeit bis in die Kehle. Es
soll ja schon manchmal vorgekommen sein, daß in solcher Stunde aus einer
alten Liebe ein tödlicher Haß geworden ist.

Ludwig Dörfflin sah auch eigentlich nicht darnach aus, als ob er solche
Lehre still in die Tasche stecken und in Tapferkeit und ehrlicher
Selbstüberwindung darüber fortkommen würde. Von solch einem Ding wie
Selbstüberwindung hatte dieser kleine trink- und hiebfeste Gutsherr sein
Lebtag noch nichts gehört, wenigstens war ihm das nur etwas für seinen
Reitknecht.

»Soll ich lieber jetzt die Jungen rufen und fahren?« fragte Herr
v. Zülchow.

»Ach was. Wozu? Bleibt nur ruhig!«

Das sprach die Wirtspflicht aus ihm, die gute Manier, die den armen Kauz
auch zu schlimmster Stunde nicht verließ. Nicht einmal der Gedanke kam ihm,
sich mit dem Beleidiger seiner Dame zu schlagen. Er hatte ja recht. Jedes
Pünktchen glaubte er. Er sah Fräulein Anneliese in der allerschlechtesten
Beleuchtung, die nur möglich war. -- Aber, was nun weiter?

Herr v. Zülchow wandte sich von dem kläglichen Bilde ab und ging hinaus,
durch eine Seitentür in den novemberkahlen Garten. Man hatte das letzte
Laub noch nicht weggeharkt, es rauschte unter seinen Füßen. Der lustige
Wind von da unten, der mit Hans Hennings Mütze über den Graben gesprungen
war, brach auch hier oben ein, über die Backsteinmauer mit ihren dürren
Efeuranken fort, durch die Stämme der alten Bäume. Er blies auch die letzte
schwere Stunde dem einsamen Wanderer vom heißen Kopfe fort.

Nun weiß er wenigstens Bescheid, dachte der. Mag sein, daß es zwischen uns
aus ist, aber eine schreckliche und jämmerliche Zukunft habe ich diesem
Hause und den kleinen Kindern, dem kleinen Fritzel, erspart.

Als er zurückkam, stand Ludwig Dörfflin mitten in der Stube und sah so
erhitzt und abgespannt aus, als habe er eben zu wohltätiger Körperübung
über alle Stühle gesetzt.

»Morgen fahre ich nach Lanzow und sage ihr alles!« rief er dem Freund zu.

Der dachte: man muß auf jeden Fall verhindern, daß er jetzt gleich mit ihr
spricht. Er ist zu unselbstständig in dieser Angelegenheit, und sie würde
ihn wieder bestricken. Ein großer Geist ist er ja nicht, aber so dumm doch
auch nicht, daß er in Wahrheit diesem Frauenzimmer mehr glauben sollte als
mir! Und auf dieses große schöne und berechtigte Vertrauen setzte er sich
so fest und solide nieder wie jetzt auf das breite braune Ledersofa, auf
dem er mit seinem Freunde schon mancher edlen Flasche den Hals gebrochen
hatte.

Es war am Ende dann nicht so schwierig, ihn zu bewegen, diese Angelegenheit
erst einmal schriftlich anzufassen. Mit Herrn v. Zülchows Hilfe entstand
ein Brief, der deutlich genug war, selbst von Fräulein Wurach verstanden
zu werden, und der doch Lutzens gequältem Herzen die Hoffnung ließ, eine
tröstliche und alle Verleumdungen zerschmetternde Antwort zu erhalten.

                           *       *       *

Aber die Zeit verging, eine Antwort traf nicht ein, und in der Gegend
erzählte man, daß Fräulein Wurach abgereist sei.

Herr v. Dörfflin war darnach eine lange Zeit blaß und schlottrig, und als
er sich wieder erholte, verfiel er aufs Trinken.

Das Schlimmste dabei war, daß er sich genierte, mit den alten Freunden
zusammen zu sein und lieber in die weit entfernte größere Stadt fuhr, wo er
in einen Trink- und Spielklub niederen Ranges geriet.

Sein Freund, Herr v. Zülchow, machte sich anfangs keine Gedanken hierüber.
Diese wüste Periode war vielleicht ein ganz begreiflicher Abschluß. Aber es
blieb dabei. Die schlechten Gesellen, die ihn ausbeutelten, wußten, was sie
an ihm hatten, wie Fräulein Wurach es gewußt hatte, und sie fesselten ihn
durch Schmeicheleien, auch wie sie.

Der Rummelshöfer versuchte schriftlich und mündlich sein Möglichstes.
Aber der von Hohen-Leucken war nicht mehr für ihn zu sprechen, er wurde
beleidigend in seinen Ausfällen. Er hatte schon Schule gemacht in seiner
neuen Umgebung und hatte Ausdrücke an sich, denen man nur aus dem Wege
gehen oder sie blutig rächen mußte.

Die große Stadt lag von Hohen-Leucken drei gute Stunden Wagenfahrt
entfernt. Die Leuckener Kutschpferde mußten sich schon an diesen Weg
gewöhnen. Oft, wenn Herr v. Dörfflin ungnädig und durch irgend etwas an
seinen Kumpanen geärgert war, konnten sie sogar ohne Rast wieder umkehren
und die drei Meilen wieder zurückjagen. Zu Hause aber mußten die Bonne und
die Mädchen nur bemüht sein, die Kinder aus der Nähe ihres Vaters fern zu
halten.



Zweites Kapitel.


Wenn in diesem Witwerhaus schon früher ein Besuch eine Seltenheit gewesen
war, so blieb er jetzt ganz aus. Das sehnsüchtige Struwwelköpfchen brauchte
nicht mehr stundenlang aus der Dachluke zu spähen, es kam doch kein Wagen
übers Moor, der so lustige und reizvolle Fracht trug wie der Rummelshöfer
am Novembertage.

»Warum kommen die Jungens gar nicht wieder?« fragte Fritzchen Tag für Tag
die Schwester. Die zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht.« Aber sie hatte
dabei einen scharfen, unkindlichen Zug um den Mund, der von aufgeschnapptem
Mägdeklatsch herrührte.

Fritzchen sehnte sich nur, aber Gisa litt an der Vereinsamung ihres Hauses
als unter einer Schande.

»Warum kommen die Jungens gar nicht wieder?« fragte Fritzchen ihre Bonne,
fragte sie ihr Mädchen, das sie zu Bett brachte.

»Sie werden schon wiederkommen«, war die eine Auskunft. Sie ging von der
Bonne aus, die es sich gern bequem machte.

»Herr v. Zülchow ist bös mit Papa«, war die andere Auskunft.

»Warum ist er bös?«

»Na -- Papa ist doch manchmal grob und schimpft.«

»Ich will ihm sagen, daß er mit Herrn v. Zülchow wieder gut sein soll.«

»Das tu Du nur«, sagte das Mädchen und lachte.

Fritzchen hatte eine unruhige Nacht voll wilder Träume, ein paarmal wachte
sie auf, in Schweiß gebadet. Sie hatte mit Ungeheuern gekämpft, aber das
Ungeheuer hatte plötzlich Papas Gesicht gehabt.

Früh stand sie auf und zog sich an, schnell, schnell und im Dunkeln.
Draußen schneite es, und der Wind klapperte mit den Läden.

Die Bonne lag noch im Bett und schlief. Plötzlich fuhr sie auf. »Fritzchen
-- was willst Du?«

»Nichts.« Damit raffte sie das Kleidchen, das sie noch nicht angezogen
hatte, zusammen und huschte hinaus, es im Korridor anzuziehen.

Wie seltsam das Haus aussah zu dieser Zeit. Alle Türen standen auf, der
Wind fuhr klappernd durch die Gänge. Die Mägde liefen mit Besen und Eimern
herum, in den Öfen bullerte das Feuer, aber überall war es noch bitterkalt.

»Fritzchen! Was willst Du denn?« rief Jakob, der eben die geputzten Stiefel
des Herrn in dessen Schlafstube bringen wollte.

»Wacht Papa schon?«

»Jawohl. Aber er liegt noch im Bett und trinkt Kaffee.«

»Jakob, nimm mich mit 'rein!«

»Du bist jawoll -- was würde er da für Augen machen!«

»Laß ihn doch. Aber geh Du nur, ich komme schon mit.«

»Na, mir kann's ja egal sein.«

Dicht an die Beine des stämmigen Burschen geschmiegt, wie ein Mäuschen, das
sich unversehens mit einschleicht, drang der kleine Abenteurer ungekämmt,
mit hinten offenstehendem Kleidchen in das Zimmer ein. Der Papa saß
aufrecht im Bett, neben sich das Kaffeegerät und las die Zeitung. Er sah
gar nicht auf, bis ein winziges Geschöpf an seinem Bettrande auftauchte.

»Na nu!«

Er ließ die Zeitung fallen. Sein Gesicht erschien in dem Rahmen der weißen
Kissen noch röter als zuvor. »Was fällt Dir ein? Was willst Du hier? Ist
jemand krank?«

»Papa -- warum kommen die Jungens gar nicht wieder?«

»Welche Jungens?«

»Gregor und Hans Henning.«

»Teufel!« Er nahm die Zeitung wieder auf. »Was geht's mich an? Geh' raus!
-- Was geht's mich an, sage ich!« Er ließ das Blatt wieder sinken und
schrie das blasse kleine Gesicht wütend an.

Das blieb wie es war, wich und wankte nicht. »Du sollst gut sein mit Herrn
v. Zülchow. Die Jungens sollen wiederkommen. Du sollst's machen!«

»Was ist denn das für eine Verrücktheit! Jakob, schaff das Mädel fort! Was
sind denn das für neue Moden!«

Jakob grinste innerlich und auch ein bißchen äußerlich. Als er die kleine
Hand anfaßte, geschah es sehr behutsam, er zupfte auch nur, ein wenig
mahnend, in der Gegend nach der Tür zu.

»Du sollst's machen!« rief Fritzchen laut. Ihre Augen loderten, das ganze
eben noch blasse kleine Gesicht war von Glut überzogen.

»Du sollst gut sein! Die Jungens sollen wiederkommen!«

Da hatte Jakob sie glücklich bis an die Tür. »Papa! Du sollst's
machen!« Sie hob sich noch einmal auf die Zehen -- dann verschwand das
feuersprühende kleine Bild.

»Nee, sowas -- nee, sowas --« murmelte Herr v. Dörfflin. Er saß noch ein
Weilchen, wie er saß, aber er las keine Zeile mehr, und auch sein Kaffee
blieb stehen.

»Jakob, zum Donner, so gib mir doch endlich die Stiefel! Was wollte denn
das Balg? Wie kam's hier herein?«

»Ich weiß nicht, gnädiger Herr.«

»Ist sie denn ganz -- --«

Unter beständigem Brummen und mancher unwirschen Frage an Jakob, die der
stets mit Unwissenheit ablehnte, zog Herr v. Dörfflin sich an. Es war noch
viel zu früh für seine Gewohnheit. In seiner Stube scheuchte er die Mädchen
heraus, schloß die Fenster, in die der Schnee wehte, und im Schein der
Küchenlampe, die das Mädchen hatte stehen lassen, schrieb er auf ein
Notizblatt:

  »Lieber Fritz, so komme doch endlich wieder und stelle Dich nicht an
  wie eine alte Jungfer.

    L. D.«

Dann steckte er den Brief in einen Umschlag, aber schickte keinen Boten
damit ab, sondern lauerte selber dem Briefträger auf, damit das alberne
Gesinde nicht mit ansähe, was er für ein weichherziger Narr war.

                           *       *       *

Hätte Fritz v. Zülchow das kleine mutige Ding im offenen Kleidchen und mit
seinem Struwwelköpfchen an des Vaters Bett gesehen, so hätte er wahrlich
nicht geschrieben, wie er schrieb.

  »Lieber Lutz! Du begreifst, daß Du durch Deine Auffassung von Deiner
  Würde und Deines Hauses Würde, die mich auf das schmerzlichste
  überrascht hat, einen so dicken Strich zwischen Dich und mich gezogen
  hast, daß er nicht so einfach, wie Du meinst, übersprungen werden kann.
  Es müßten andere Dinge geschehen, ehe ich wieder meinen Fuß über Deine
  Schwelle setzen könnte oder Dich bitten könnte, in mein Haus, in die
  Nähe meiner Frau zu kommen. Nimm die aufrichtige Versicherung meiner
  tiefen Betrübnis über diese Lage der Dinge.«

Herr v. Dörfflin wurde fahl, als er dies las. Er fiel in den Stuhl vor
seinem Schreibtisch nieder und starrte vor sich hin. Es wühlte, es wühlte
in ihm, daß er bebte.

Ja ja -- er hat schon recht. Es ist vielleicht so. Ich hätte es auch nicht
getan, früher --

Fritz -- so ist's mit uns geworden -- --

Er stand auf, schleppte sich durch die Wirtschaft. Die Knechte rissen die
Mützen ab, als er vorüberging, er sah (zum ersten Male beachtete er das)
einen heiligen Schrecken vor sich her fliegen. Das half ihm, das hob seinen
jämmerlichen Mut.

Pah, was geht's Euch alle an? Ich tue, was ich will. Noch schöner, mich in
meinen Jahren meistern zu lassen! Albernes Getue! Komm doch nicht, Kerl,
wenn Du nicht willst. Ich werde mich noch davon nicht umwerfen lassen!

Als er zurückkam, draußen vor der Einfahrt, zog Fritzchen einen kleinen
Schlitten. Sie hatte ein schäbiges Mützchen auf, aber es stand ihr gut. Sie
blieb stehen und sah den Vater an.

Da ging ihm eine heiße Welle übers Herz. »Fritzel --« sagte er unbeholfen
und streckte seine Hand aus. Sie ließ die Leine, an der sie den Schlitten
zog, fallen und kam zu ihm. Wie ihre großen ernsthaften Augen blickten!

»Fritzel -- ich wollte schon -- aber er will nicht -- Fritzel --«

»Hat er Dich abgeschlagen?« fragte sie, blaß vor Spannung.

»Ja ja -- er hat's -- er hat's -- ja Fritzchen --«

»Wein' doch nicht, Papa. Ich weine ja auch nicht. Guck!« Sie glühte vor
Trotz.

»Ich wein' doch nicht, dumme Jöre. Weinen! Noch schöner! Nee, nee, lassen
wir diese Leute laufen. Wer nicht will, der hat schon. -- Magst Du denn
diese Jungens -- wie heißen sie doch? -- so fürchterlich gern?«

»Das ist nun ganz egal!« sagte Fritzchen. Sie wandte sich um und lief ins
Haus. Sie wußte, daß sie nun zum zweiten Male ihre Ritter- und Königslisten
einer großen Umänderung unterwerfen müsse.

                           *       *       *

Wie einsam zogen die Tage und Jahre über das Hohen-Leuckener Herrenhaus!
Der Papa fuhr in die große Stadt, jahraus, jahrein. Er verlor seinen besten
Freund, und er verlor auch seine anderen Freunde, die ihm gleichwertig
waren.

Er hätte es wahrlich besser haben können, dieser traurige Ritter. Er hatte
Haus und Hof, gute Freunde und Nachbarn und zwei liebe kleine Mädel. Was
aber hatte er jetzt?

Sein kleines Fritzchen mit den großen Augen unter der schäbigen Mütze,
seine feine stolze kleine Gisa -- die zogen wie Nebelbilder an ihm vorüber.
Es war hier ein Quell für ihn aufgesprungen, am Schneemorgen vor der
Haustür, als sein Kind die Schlittenleine fallen ließ und zu ihm gelaufen
kam -- ein Quell, so heiß und tief und stark, wie er nur in einem
sehnsüchtigen, leidenschaftlichen Kinderherzen entspringen kann.

Vielleicht, wenn dieser Mensch, der sich selbst verlor, ein klein wenig
besser aufgepaßt hätte, sein Fritzchen bei Tisch oder beim Vorbeihuschen
ein ganz klein wenig sich angesehen, ihren Ausdruck, den Sinn ihrer
Bemerkungen hin und wieder mit offenen Ohren und Augen aufgenommen hätte
-- so hätte das für ihn die beste Erziehung werden können, die je das Leben
ihm anbot. Diese Zuversicht, diese Erwartung (wenn auch oft allzu hoch
gespannt), das lächerliche Vertrauen, das dies phantastische Kind auf ihn
setzte, das sollte ihm wohl Peitsche und Sporn sein. Aber was war dies
alles nütz, da er gar nicht einmal hinsah?

Es ist nicht wahrscheinlich, daß Gisa ihm viel geholfen hätte. Die hatte
nie diese reine und ungetrübte Kindlichkeit besessen, wie sie bei Fritzchen
fast zu sehr vertreten war. Sie konnte nichts dafür, daß sie so feine
Öhrchen hatte, daß sie das Piepen in den Ecken, unter den Dielen, durch die
Türritzen und Schlüssellöcher vernahm. Sie spann kein goldenes Gewebe
um den armseligen Papa, an dessen Maschen er sich hätte festhalten und
emporklettern können. Sie war die strenge Tugend, die den glimmenden Docht
vollends austritt. Denn sie war eine hochmütige kleine Person, und ihr
Stolz war verwundbarer als ihr Herz.

Darum darbte sie bitter alle die Kindheitsjahre über, während Fritzchen,
das verträumte Närrchen, neben ihr schwelgte. Aber wer versteht diese
Geheimnisse? Sand wird zu Gold, die Winde werden zu der wilden Jagd der
Geister, und Blumen sprossen am dürrsten Stab. Oder: Sand wird zu Schmutz,
die Winde löschen Deine Lichter aus und blasen Dir ins Gebein, und der
dürre Stab zerbricht Dir in der Hand. Wer versteht das und kann das deuten?

Die verdrossenen Mägde auf Hohen-Leucken? Oder die verbildete und verdorrte
Gouvernante, die im Laufe der Zeit die Bonne ablöste?

Jedermann trägt sein Erbteil mit sich, und wenn er auch nur erst ein
kleines, halbvernachlässigtes Fräulein im einsamen Gutshause ist. Gisela
versteinte, sie wurde immer vornehmer, immer feiner, immer klüger und immer
kälter. Fritzchen lebte immer stärker und weiter, aber sie verwilderte
dabei immer mehr, verstrickte sich immer hoffnungsloser in ihre Traumwelt.
Sie saß mit Gespenstern zu Tisch und lief mit leichten und seligen Geistern
über die Baumkronen dahin und bis in ihr Wolkenschloß hinauf. Sie wurde
blaß und ihre Augen immer größer. Wenn man die beiden Schwestern einmal in
der Stadt zu Besorgungen erblickte, sah sich alle Welt neugierig, mitleidig
und auch wohlwollend nach ihnen um.



Drittes Kapitel.


An einem heißen Junitage kam ein reitender Bote aus Rummelshof durch das
steinerne Tor der Hohen-Leuckener geritten. Herr v. Dörfflin stand zufällig
im Hofe. Wieviele Jahre waren vergangen, seit der Rummelshöfer und all sein
Zeug für ihn versunken war, und nun erkannte er auf den ersten Blick Mann,
Livree, ja das Reitpferd wieder! Ein Ruck fuhr ihm durch's Gebein, er blieb
stehen mit halboffenem Munde, atemlos. Der Knecht sah ihn, er sprang vom
Pferde und nestelte einen Brief aus der Rocktasche.

»An -- -- soll's an mich --?«

Ja, so stammelte er, der Fassungslose, der Ausgehungerte.

Es sollte an ihn, aber die Handschrift kannte er nicht. Seine dicken Finger
flogen, als er den Umschlag auseinander reißen wollte. Endlich gelang es.
Der Bote stand stumm zuschauend vor ihm.

»Es ist vom jungen Herrn Baron Gregor.«

»Gregor --?«

  »Sehr geehrter Herr v. Dörfflin! Vater ist sehr krank, und der Arzt
  gibt seit gestern wenig Hoffnung. Er wünscht Sie noch einmal zu sehen.
  Wir bitten Sie, zu eilen.

    Hochachtend Gregor v. Zülchow.«

»Zu eilen!« Als ihn Liebesstunden riefen, als ihn Jagdfreuden riefen, da
hatte er auch eilen können, aber so in den Stall gestürzt, so auf's Pferd
gekommen, so über das in Juniglut zitternde ausgetrocknete Moor gejagt wie
heute, das war er noch nie. Der Rummelshöfer Knecht bemühte sich vergebens,
Schritt zu halten, es ging nicht, er blieb zurück, immer weiter, am Rande
des nächsten Busches hatte er auf diesem Ritt Herrn v. Dörfflin zuletzt
gesehen.

Ein armer Kerl, ein Verwaister, Verirrter, Verlorener, so stand er an
seines Freundes Fritz Sterbebett. Der machte grimmigen Ernst mit seinem
Vorhaben. In Rummelshof herrschte der Typhus, die besten Männer gingen
daran ein; er, der wohl der allerbeste war, auch. Es ließ sich mit guten
Wünschen und heißem Jammer und starrer Hilflosigkeit nichts mehr dagegen
ausrichten.

Ach, es war ein grausames Elend! Frau und Söhne standen herum und konnten
zusehen, wie sie mit ihrem Schmerz fertig wurden. Das war gar nichts, fand
in seinem Jammer Ludwig Dörfflin. Das war ein Schicksalsschlag, wie er
jeden auf Erden trifft. Hatte er nicht vor einem Dutzend Jahren das Gleiche
erlebt? Das hockt man aus und trägt's, so gut es geht. -- Aber _er_, mit
_seiner_ Not! Jahre, Jahre, Jahre verloren, um solchen elenden Zankes
willen! Ihn wiedersehen, nach dem er immer gehungert hatte -- jetzt wußte
er es erst, seit er den Pferdekopf aus Rummelshof unter seinem Tor hatte
auftauchen sehen -- und ihn wie wiedersehen! Dasselbe Gesicht -- ach ja,
aber wie bleich und lebenslos, entstellt und fremd! Und doch und doch
dasselbe Gesicht!

Er fiel, ungeschickt und klotzig wie er war, vor diesem entsetzlichen
Sterbelager in die Knie.

»Fritz -- Fritze -- vergib mir das --«

»Ja -- aber tausendmal, mein alter Lutz --«

Was hilft's, was hilft's, er geht doch fort! Ihr, Frau v. Zülchow und Ihr
großen, langen Menschen, Ihr könnt' ihn wohl ruhig fahren lassen. Ihr habt
nichts mit ihm versäumt. Alle die Jahre, die Jahre! Wo sind sie nun? Nach
der Stadt hin -- zurück, hin -- zurück -- -- pfui, dies Lotterleben, wie
ist es mir verhaßt, wie ist es mir zuwider!

»Fritz! Fritz! Wenn's geht, bleib' doch noch!«

»Ich habe alle Tage an Dich gedacht, mein alter Junge. Im Grunde war ich
Dir nie böse. Siehst Du, ich wollte Dich nur zur Besinnung bringen. Es tut
mir leid, daß ich so hart war. Laß, heul doch nicht, alter Bursche! Wir
sind ja nie auseinander gewesen. Willst Du, wenn ich tot bin, meine
Jungens öfter bei Dir haben? Ist Dir das lieb? Du siehst doch, daß ich Dir
vertraue!«

»Ja, ja!« schluchzte der Gutsherr von Hohen-Leucken und trocknete sich mit
Herrn v. Zülchows Bettzipfel die Augen.

»Fritz, mir ist alles bis zum Halse hinauf zuwider! Gib mir die Hand. Hier
schwöre ich Dir, daß alles aus ist mit dem schlechten Leben. -- Ach, ich
möchte mit Dir tauschen. Du darfst doch noch nicht sterben, Du, so klug und
gut und groß. Was liegt an mir altem Sünder, altem Lumpen --?«

Am Ende stand Gregor auf, nahm ihn am Arm und führte ihn fort. Um Frau
v. Zülchows willen war das dringend nötig. Man konnte diesen fremden, etwas
verrufenen Menschen hier in den letzten Stunden nicht lärmen lassen, als
sei er der einzige Zugehörige.

Der arme Herr Ludwig ließ sich stumm fortziehen. Im Nebenzimmer sah er
scheu in des Jünglings eisiges Gesicht.

»Ich weiß«, sagte er bedrückt, »ich war wohl zu laut --?«

»Es geht bald zu Ende mit unserem Vater. Wir müssen ihn allein haben.
Wollen Sie jetzt fahren, Herr v. Dörfflin? Sie haben ja Abschied genommen.«

»Allein haben --. Ja, Ihr seid die Glücklichen --« murmelte der verstörte
Mensch. Aber das schmale kühle Gesicht vor ihm bewegte sich nicht.

»Herr Gregor, lassen Sie mich hier!« flehte er plötzlich außer sich. »Ich
geh nicht mehr hinein, ich mache auch keinen Lärm. Lassen Sie mich hier an
der Tür sitzen, ich werde mich nicht rühren. Und wenn, können Sie mich ja
noch immer fortschicken. Herr Gregor, ich habe Ihren Vater über alles
lieb gehabt, schon ehe ein Mensch an Sie dachte, und auch ehe er Ihre Frau
Mutter kannte, die nun den größten Platz und das größte Recht bei ihm hat.
Ich red' ja nichts davon, ich bin ja schuld, aber lassen Sie mich hier.
Sehen Sie, seinen Hund lassen Sie ja auch hier. Tell -- kennst Du mich
noch? Wahrhaftig, Herr Gregor, er kennt mich noch! Sehen Sie, ich bin hier
doch nicht so ganz ohne jedes Recht.«

»Wie Sie es wünschen, Herr v. Dörfflin«, sagte Gregor v. Zülchow, holte ihm
einen Stuhl, ging in das Nebenzimmer hinein und machte die Tür hinter sich
zu.

Der Mann und der Hund saßen miteinander noch sechzehn Stunden, ohne daß
sich jemand um die beiden kümmerte oder auch nur durch das Zimmer kam. Sie
saßen auf der Schwelle und hörten den harten Todeskampf des Mannes, der
ihnen beiden der Liebste war.

Am anderen Vormittag um neun war es vorüber. Unter den Dienstboten, die
hereingeführt wurden, war auch Herr v. Dörfflin. Aber er kehrte nach dem
ersten Blick auf das wachsbleiche Gesicht in der Tür schon wieder um,
liebkoste noch einmal den braunen Kopf von Tell, seinem Leidensgefährten
dieser Nacht, ging in den Stall, sattelte sich selbst sein Pferd und ritt
zurück, den einst so wohl vertrauten Weg.

Was er in dieser Nacht gewonnen hatte, war ein starker Ekel an den Lüsten
dieses Lebens und rechts und links am Kopfe ein Büschel grauer Haare.

                           *       *       *

Das kleine Fritzchen hat einst geweint, daß »die Jungens« nicht wieder
kamen. Nun sind sie plötzlich wieder da, aber es sind jetzt wohl keine
Jungens mehr.

Der junge Gregor hat vor einigen Wochen das Abiturium bestanden. Er
studiert jetzt, er ist Theologe. Fritzchen starrte ihn ungläubig an. _Der_
will Pastor werden? Ja, wie der alte freundliche und gemütliche Pastor
unten im Dorfe sieht er nicht aus. Kannst Du Dir Gregor v. Zülchow im
Schlafrock mit einer langen Pfeife denken? So müssen Pastoren doch immer
aussehen. Oder bei einer Taufe in der niedrigen Dorfstube?

Fritzchen sagt so etwas zu Gisela. Die sieht sehr verächtlich aus. »Gott,
was für 'ne Idee! Der wird doch natürlich Professor oder Hofprediger oder
so etwas.«

Gregor war damals noch siebzehn Jahre, und Fritzchen war eben zwölf
geworden. Sie spielte jetzt nur noch selten auf dem Boden herum
und brauchte auch gar keinen Boden. Sie hatte all das Gerümpel, die
Sonnenstäubchen, den Mummenschanz sicher genug auf ihrem ureigensten
Dachboden, unter ihrem rotbraunen Jungenshaar.

Ach Gregor! Welch ein Held war er doch!

Der Jüngling sah das kleine tolle Ding heute so wenig an, wie er sie vor
Jahren angesehen hatte. Was wollte er überhaupt in Hohen-Leucken? Er stand
mit seinen langen Beinen herum, sah aus wie ein Eiszapfen und guckte an
allen Menschen und Dingen vorbei, als wären sie Luft.

Herr v. Dörfflin -- na ja, aber mit dem redet man doch nicht. Vater hat's
so gewollt, da fährt man eben mal herüber, zeigt sich, steht ein Stündchen
hier herum, dann ist es aber auch übergenug.

»Hans, laß den Wagen wieder vorfahren, ja?«

Hans Henning, der Schlingel in der Kadettenuniform, wurde blutrot. Das
geschah ihm überhaupt leicht, schon weil er fast immer ein schlechtes
Gewissen hatte. »Ich habe Jochen gesagt, daß er ausspannen soll --«
stotterte er betreten.

Über Gregors weiße Stirn flog eine zornige Röte. Wenn schon einmal
ausgespannt war, mußte auch gefüttert werden. Da konnte man sich noch ein
gutes Stündchen hier um die Ohren schlagen.

»Tollpatsch!« Das ging direkt an Hans Hennings Adresse. Machte dem aber
nicht viel aus. Er war an kräftigere Dinge als an Benennungen gewöhnt und
hatte sich für solche Lagen ein wundervolles dickes Fell angezogen.

»Fritz, wollen wir mal zur Schaukel?«

Das mit dem Schaukeln war so: der, welcher schaukelte, und die,
welche geschaukelt wurde, kamen durch den Schwung der Bewegung und das
fortwährende Abreißen der Unterhaltung in eine amüsante Zwiesprache, die
selber leicht wie der Flug auf dem Schaukelbrett und kräftig wie der Stoß
von unten war.

»Vor sechs Jahren waren wir hier, Fritz, weißt Du noch? Damals warst Du ein
wilder Käfer im roten Kleidchen.«

»Du bist auch schrecklich gewachsen, Hans Henning.«

»Nu ja. Sechzehn Jahre. Gregor ist nun schon aus der Schule.«

»Du willst Offizier werden?«

»Na, natürlich. Aber nur ein paar Jahre, dann nehme ich das Gut.«

»Ach! Gregor ist wohl schrecklich klug?«

»Na, weißt Du, Fritz, der steckt bald alle Professoren in die Tasche. Der
wird nochmal ein Licht. Aber ich! -- Na, ich möcht' gar nicht so sein.«

Fritzchen war wieder oben im Blättergewirr.

»Möchtest Du fliegen können, Hans Henning?«

»Fliegen? Nein. Wozu?«

»Ich möchte. Über die Bäume. Hoch auf die Wolken. Bis an die Sterne! Nein,
bis in die Sonne. Ich möchte mal sehen, wie es da ist!«

»Da verbrennst Du ja. Oder nein -- Du kriegst keine Luft. So ist's. Aber
wenn Du fliegst, Fritz, muß ich auch fliegen. Man kann Dich doch nicht
allein zu den Trampeltieren da oben lassen.«

»Was für Trampeltiere?«

»Na, auf dem Mars. Aber zuerst kommst Du mal nach Rummelshof. Mama läßt es
heute sagen, ich soll's mit Deinem Papa verabreden.« -- --

Dichter Staub flog hinter dem Wagen her, der im raschen Trabe durch die
sandige Dorfstraße dem Moorweg zufuhr. Hans Hennings bunte Mütze leuchtete
noch ein paarmal durch die Staubwolken, auch Gregors Strohhut -- nun
fort -- --

»Du, Gisa -- wir sollen nach Rummelshof kommen!«

Gisa war wieder so hübsch und fein angezogen, daß man ihr Kleid jetzt bald
lieber ansah als ihr Gesicht. Es war auch so lang geworden.

»Ja, ja -- aber das ist ja doch nur alles Schein«, sagte sie bitter. Es
war beinahe, als kämpfe sie mit Tränen. Auch mit ihr hatte Gregor nur das
Alleroberflächlichste gesprochen wie ein gut erzogener Mensch, der seine
Verachtung zu verbergen weiß.

»Schein --?« sprach Fritzchen verständnislos nach. Nein, sie war noch zu
dumm, es ließ sich mit ihr nichts bereden, noch ganz kindisch. -- Aber wozu
auch bereden. Es war schon, wie es war.

Es wurde nun auch wirklich Weihnachten, bis die Hohen-Leuckener Kinderfuhre
nach Rummelshof abging. Die Blätter, in die das Fritzchen auf der Schaukel
hoch hineingeflogen war, waren gefallen, ein rauher, nebliger Herbst war um
das alte Herrenhaus gezogen. Es war hier immer rauher, nebliger, dunstiger
als sonstwo im Lande. Die Gouvernante hatte alle Tage Schnupfen und
Halsweh, sie lag in einem Hinterzimmer auf dem Sofa oder saß mürrisch und
reizbar den Kindern gegenüber am Tisch.

»Gott sei Dank, Ostern werde ich eingesegnet«, sagte Gisela. »Dann muß Papa
mich in eine Pension geben. Ich sag's ihm oder der Pastor sagt's ihm.«

»Ach --« staunte Fritzchen nur ganz verblüfft. Ja, das Fritzchen kann schon
hier bleiben, was versteht das dumme Kind von der großen Welt. Für die ist
es in Hohen-Leucken noch immer gut genug.

Grau, dunstig, wolkenschwer. Was die Wolken doch nur für seltsame Gebilde
sind! Fritzchen hatte ihren Arbeitstisch an dem einen Turmfenster, das aufs
Moor hinausging. Der alte klobige Turm enthielt vier Stübchen und unten den
großen runden Schulraum. Der war gut für die Geographie, aber schlecht für
Fräulein Millers Schnupfen. Es war hier aber alles so, wie es immer war, da
konnte der schönste Schnupfen nichts dagegen tun. -- Fritzchen wußte auch,
warum ihr alter, gelber, zerschnitzter und tintenbeklexter Schreibtisch
gerade an dem Südfenster stehen mußte. Hier ging der Weg übers Moor. Es
fuhren jetzt nur noch Feldgespanne darauf, aber es war doch einmal -- und
es würde wieder -- -- und wenn die Weihnachtsferien kamen und die Jungens
zu Hause waren, dann -- dann -- dann fuhr man dort selber entlang -- --

»Fritzchen, träum' nicht. Mach' Deine Arbeiten!«

»Ja -- ja!«

Siehst Du da hinten den Schornstein, den Fabrikschornstein. Der ist von der
Zuckerfabrik des Herrn August Schultze. Herr Schultze hat vor zehn Jahren
dem Baron Laue das Gut Böllingen abgenommen, der Baron hat fort müssen,
erzählten die Mädchen, er hatte so viel Schulden. Er soll Agent in Berlin
geworden sein, und seine Töchter arbeiten in Geschäften. Mit Herrn Schultze
verkehrt kein Mensch. »Das gehört sich so«, hat Fritzchen von klein auf
gehört. Es gehört sich auch wirklich so.

Weißt Du, wozu der Schornstein gut ist? Man sieht immer gleich, woher der
Wind kommt. Ach, was macht der Rauch manchmal für tolle Kapriolen! Er weiß
nicht, wohin, so fährt's von allen Seiten auf ihn los. Hast Du ihn wohl je
gerade in die Luft steigen sehen? Kaum, es ist hier immer Wind.

Aber die Wolken sind doch noch mächtiger und stolzer als der Rauch. Wie sie
lagern übereinander, man meint, sie wären aus blaugrauem Granit und sind
doch so leicht! Vorn schiffen ein paar hellere, fast weiße Massen, erst
waren sie zusammengeballt, aber der Wind läßt sie nicht, schon sind sie
auseinandergerissen, flattern, andere folgen nach.

Sieh, der Rauch schreibt eine schwarze wunderliche Schrift an die bleierne
Wand. Lies sie nur schnell, es sind schon wieder andere Formen. O dies
Fließende, Ziehende, Vergehende, ewig Neue!

Wie soll das Kind am Turmfenster nicht den Wind lieben? Er baut ihm ja
Märchen und Geschichten am Himmel auf, er spielt mit ihm so wunderbare
Spiele. Mit ihm allein, für es ganz allein, denn wer sieht sonst dahin? --

»Aber Fritzchen, Du träumst ja immer noch! Wie weit ist denn Dein Thème?
Was, noch keine Zeile weiter? Na warte, Du faules Kind, jetzt gebe ich Dir
die doppelte Arbeit auf!«

Ach, Fräulein Miller -- sehen _Sie_ denn die Wolken nicht? Freilich,
Fräulein Miller trägt einen Kneifer und hat schwache Augen. Armes Fräulein!

»Ja, jetzt will ich auch die doppelte Arbeit machen!«

Das Fritzchen hat sich so voller Farben und Wunder getrunken, daß es auch
die dreifache Arbeit leicht gemacht hätte.

Und zu Weihnachten geht's übers Moor!

»Weeste, der Weg übers Moor ist hundeschlecht, hat der Herr gesagt. Fahr'
Du man die Fräuleins um die Eiche 'rum, sonst steckt Ihr am End' noch alle
drin wie die Dummen.« Also sprach Jakob zu dem Kutscher, der mit der alten
Halbchaise vor der Rampe hielt.

Trostlos war das Wetter. Regen mit Schnee fuhr durch die Luft daher,
klatschte auf das Verdeckleder, schlug dem Kutscher in das verdrießliche
Gesicht.

»Auch noch!« fuhr er den Jakob an. »An dreiviertel Stunden Umweg. Du hast
schön predigen, kannst in der warmen Stube bleiben. Mir fällt's nicht ein,
mögen die Racker sich ins Zeug legen.«

Die Racker waren die beiden Kutschbraunen. Die hatten sich schon ein halbes
Jahr lang gewundert, daß sie nicht mehr die sechs Meilen Stadtfahrt zu
machen hatten. Durchs Moor brachten sie die alte Chaise wohl immer noch.
Der Jakob war ein Pessimist.

Fräulein Miller fuhr auch mit, das schickte sich so, und sie wollte doch
auch einmal einen Weihnachtsspaß haben. Aber der Papa blieb zu Hause in
seiner verräucherten Stube, er hatte nichts in Rummelshof zu suchen.

»Adieu, Papa!« Fein erzogen wurden diese Kinder nicht, aber Gisela hatte so
etwas im Gefühl. Fritzchen hatte auch etwas im Gefühl, aber etwas anderes:
es kam ihr so traurig vor, den Papa allein zu lassen, während sie in lauter
Lust und Seligkeit hinauskutschierte.

»Adieu, Kinder. Grüßt -- -- nein, laßt lieber. Bedankt Euch auch bei Frau
Baronin, wenn Ihr wegfahrt. Adieu, geh' doch, Fritzchen. Die Pferde dürfen
nicht so lange stehen.«

Fritzchen drehte sich in der Tür noch einmal um. Was macht er nun alle die
Stunden über? Er war doch eigentlich immer zuviel allein. Er kann doch
auch von hier die Wolken gar nicht ordentlich sehen, und lesen mag er auch
nicht.

»Papa, ich erzähl' Dir alles, wenn ich zurückkomme!«

»Ja ja, nun geh' doch. Die Pferde --«

»Fritzchen, kommst Du denn nun endlich?«

Was war das für eine Fahrt. Fräulein Miller wollte, daß man das Fensterchen
vom Verdeck herunterließe, um sich vor Regen und Schnee zu schützen, und
Gisa wollte es auch. Schade! Der Regen, der Wind, alles draußen war so wild
und lustig!

»Laßt mich auf dem Bock sitzen!«

»I Gott bewahre, Dein Kleid, Dein Haar! Auf keinen Fall. Sitze Du nur
still.«

Es ging Schritt für Schritt. Der Boden schwankte unter den Rädern. Fräulein
Miller ängstigte sich, klopfte ans Fenster und schrie. Sie stellte sich
jedesmal beim Fahren so an, weil sie ein Stadtkind war, der Kutscher
grinste auch nur und machte beruhigende Kopfbewegungen.

Fritzchen sah und hörte das alles nur halb. »Nun ist's so weit, nun ist's
so weit!«

»Du bist noch sehr kindisch!« sagte Gisa. Denn sie freute sich, halb
widerwillig, zwar auch, aber sie fand, man müsse sich solches nie merken
lassen, sobald man »erwachsen« sei. Ach, sie war ein rechter Herzenstrost
für Fräulein Miller.

»Jetzt brauchen Sie sich nicht mehr zu ängstigen, Fräulein Miller«, sagte
Fritzchen mit funkelnden Augen nach einer Schüttelei von fast drei Stunden.
»Da ist die Mauer -- da sind wir. O, nun machen wir aber das Fenster auf.«

Fräulein Miller erholte sich. »Gott sei Dank! Ja, ja! Aber nun in der Nacht
die Rückfahrt!«

»Wir haben Mondschein«, sagte Gisela.

Fritzchen aber dachte: Nacht und Rückfahrt! Wer denkt daran! Das sind ja
noch hundert Jahre hin!

Hans Henning und ein alter Diener standen auf der Steintreppe. Wer sollte
auch sonst noch da stehen! Was ging den Herrn Gregor die Hohen-Leuckener
Chaise mit ihrem Inhalt an?

Fritzchens kleines Herz fiel bei jedem Schritt in das vornehme weite Haus.
Hier war alles anders als zu Hause, ach, so groß und schön und fein!
Einen Augenblick herrschte das jähe, wilde Gefühl in ihr, auszureißen,
fortzulaufen, sich in die Kutsche zu verkriechen. Sie fürchtete den Schall
der eigenen Schritte.

»Gisa« --, sie wollte sich der an die Hand hängen, die schüttelte sie ab.
»Laß das!« Möglichst, als kenne sie das Fritzchen gar nicht, habe es nie
mit Augen gesehen, so tat sie.

Da stand eine große, feine, stolze Dame. Sie begrüßte Fräulein Miller,
die einen tiefen Knix machte, und reichte den Mädchen die Hand. Fritzchen
blickte auf und vergaß alle Verzagtheit. Sie sah aus wie Gregor.

»Wo ist Gregor?« fragte die schöne, stolze Frau.

»Oben in seiner Stube, Mama. Er wird wohl kommen.«

»Nun, Ihr kleinen Fräulein, so richtige Spielgefährten kann ich Euch hier
gar nicht geben. Aber Hans Henning hat sich schon sehr auf Euch gefreut, er
wird sich nach Kräften bemühen, Euch gut zu unterhalten.«

Und so weiter, was eine liebenswürdige Frau eben so hin sagt, wenn ein paar
kleine Mädel vor ihr stehen, die ihretwegen ebenso gut hätten fortbleiben
können. Aber es war ihres Fritz letzte Bestimmung, das Haus mit diesen
Dörfflins zu belasten. Was sie so hin sagte aber kam als lieblichste Musik
in Fritzchens Ohren an. Als ein Klingen und Tönen aus einer anderen Welt.
Lag nicht hier ein Hauch, ein Duft über allem? O -- so schön hatten doch
alle Träume ihr dieses hier nicht gezeigt.

Waren dies Tassen aus Porzellan? War dies Schokolade? War dies Kuchen, den
eine derbe Küchenfaust gerührt und geformt hatte? War dies ein Tisch aus
Holz? Ging man hier überhaupt, wie man anderswo geht? Klang, leuchtete,
stand und bewegte sich hier nicht alles unter ganz anderen als den
irdischen, gewöhnlichen Gesetzen?

Aber unter welchem Gesetz stand das Fritzchen, als es die überirdische
Schokolade auf die buntgestickte Decke schwippte? Nun -- das ging
keineswegs anders. Wie kann das Fritzchen unter einem solchen Ansturm der
Gefühle auch ihre Tasse gerade halten?

»Fritzchen!« Armes Fräulein Miller, arme Gisela! Es ist auch unangenehm,
immer an solchen Unband gekettet und für ihn verantwortlich zu sein.

»Was das wohl tut!« sagte Hans Henning ungeheuer verächtlich und warf mit
der Miene eines Großfürsten seine Serviette auf den Fleck. »Nun brauchst Du
es nicht mehr zu sehen, Fritz.« Im Grunde fand er es reizend, daß sie immer
noch ihre Tasse übergoß.

Der Glanz dieser, seiner Welt umfloß auch Hans Henning. Sein rotblondes
Haar, militärisch verschnitten, seine kurze aufgeworfene Nase, seine
unverschämt lustigen Augen -- alles war mit von dem Zauber umsponnen und
verklärt. Auch er war ein Held, aber natürlich einer niederen Grades.
Gregor und die Mutter -- die, ach die -- --

Es kam ein Schritt, vor dem zitterten zwei dumme kleine Mädchenherzen. Auch
Gisela wurde rot vor Erwartung und Bängnis. Ach sie war auch nur ein armes,
sehnsüchtiges Kind, mit der Last ihrer vertrauerten Jahre -- daran änderte
das feinste Kleid und der herbste junge Mund nichts.

Was hatte man von diesem Gregor? Er ging umher, warf ein paar Bemerkungen
hin, wie sie ihm gerade kamen, und ließ die kleinen Mädchen aus
Hohen-Leucken danach springen und damit zurecht kommen. Hatten wohl je
blaue Augen einen kälteren Blick? Und um diesen war man drei Stunden
gefahren und hatte lange Monate hindurch auf das Moor gesehen!

Was tut es? Er ist doch schön und gut!

Fritzchen, Du kleiner Affe, was tust Du da in der Ecke? -- Nein, das sagt
man nicht. Sie hat eben den Schatten ihres Helden, den er im Schein der
großen Stehlampe da hinten an die Wand geworfen hat, mit spitzem, übermütig
seligem Mündchen ganz flüchtig geküßt.

Hinten in einem großen Zimmer steht der Weihnachtsbaum, er ist nicht bunt
wie sonst. Nur Lichter, ein wenig glitzernde Schneewatte und Eiszapfen
schmücken ihn. Frau v. Zülchow mag ihn nicht gern sehen, aber sie hat
ihn doch für ihre Jungens, vornehmlich für den »noch so kindischen Hans«
zurecht gemacht. Gregor hätte wohl nicht so viel darnach gefragt. Gerade
in seiner ernsten Pracht wirkt nun der Baum um so stärker auf die beiden
Schwestern.

Was ist es nur für ein wunderbares Erleben, das jede neue Minute bringt!

Hans Henning zeigt ihnen allerhand Geschenke, die herumliegen und noch
nicht fortgenommen sind. Es gibt nichts Interessanteres als das. Jawohl,
es sind ja auch Schlipse, Krawattennadeln, Zigarren, große unverständliche
Bücher und lauter Dinge, die von Rechts wegen so ein Fritzchen angähnen
müßten. Aber alle sonstigen Berechnungen stimmen nicht mehr, wenn man schon
spitzbübisch den Schatten an der Wand küßt.

Das sollte der Gregor wissen! Fritzchen sah ihn von der Seite an, und
plötzlich, aus dem Verborgenen, fletschte sie ihm die Zähne entgegen. O
diese Lust, diese Lust, solchen Triumph über ihn zu haben! Sie suchte immer
wieder mit den Augen seinen Schatten, den alten Bekannten aus der Ecke. Ja,
ja, er glaubte, das wäre seiner, und er ahnte nicht, was der für Streiche
hinter seinem Rücken trieb!

Alle Abende war hier ein Familienstündchen Mode. Frau v. Zülchow saß im
Zimmer bei verhängter Lampe, ihre Jungens bei ihr (früher hatte ihr Fritz
nie gefehlt), und sie sprachen miteinander, wie sie es sonst im Treiben des
Tages nie konnten. Besuche unterbrachen dies Familienstündchen, aber die
Hohen-Leuckener Kinder und ihre Gouvernante galten kaum als Besuch, darum
konnten sie daran teilnehmen.

Das Zimmer der Baronin im gedämpften Licht des gelben Lampenschleiers
erschien Fritzchen wie ein Märchentraum. Es war ein lieber, wohnlicher
und auch gut ausgestatteter Raum, mit schönen hellen Möbeln, Pflanzen,
Kunstwerken und Teppichen, jedes gute Haus hat wohl seinesgleichen. Das
konnte das Fritzchen nicht wissen. Sie kauerte auf einem Schemel, sah die
Freifrau an, die an dem kleinen Kamin saß und von dem flackernden Feuer
magisch beleuchtet wurde, und sie glaubte, diese Stunde sei die schönste
und die stolzeste ihres Lebens, wenn auch ihr kleines Persönchen so viel
wie gar keine Geltung in dieser Stunde hatte.

Fräulein Miller unterstand sich auch nicht recht, etwas zu sagen, sie saß
irgendwo im Dunkeln. Für Gisela hatte Gregor ein Sesselchen an den Kamin
gerückt und stand daneben. Hans Henning lag wie ein junger Jagdhund seiner
Mutter zu Füßen.

Gregor redete viel kluges Zeug. Ach, er tat seinen stolzen Mund auf, und
das Fritzchen hörte von da an nur noch Töne -- kaum Worte. Aber auch das
war schön. Eines merkte auch ihr zerfahrener kleiner Kopf: die schöne,
feine Mutter dachte sehr hoch von Gregor, ihr Ton war ein ganz anderer,
als wenn sie zu Hans Henning sprach. Den tat sie oft ab, wie man eben einen
täppischen Hund abtut, den man im übrigen aber sehr gern hat.

»Ach -- Hans« darin war immer so ein bißchen liebevoller Spott. Was der
Junge doch immer für Unsinn treibt -- so ähnlich. Dagegen:

»Ja Gregor. Meinst Du nicht auch -- wie denkst Du darüber --«

Dann kamen große Fragen, die man sonst nur im Katechismus lernt. Ach ja, es
war ein gar wunderbares Gespräch!

Einmal sagte Gisela etwas. Mitten hinein! Ach, daß sie solchen Mut hatte!
Es war aber schön von ihr. Von der Notlüge, und daß die ihre Berechtigung
habe. Aber da sagte Gregor:

»Nein, Fräulein v. Dörfflin, sie hat niemals Berechtigung!« Und darnach
sprach er noch weiter und sehr viel in sehr hartem Ton. Frau v. Zülchow
wollte mildern, aber er widersprach auch ihr. Einmal bewegte er sich dabei,
so daß der Feuerschein auf sein Gesicht fiel, es sah aus wie aus Stein
gehauen.

Er sagte, jede Lüge sei ein Mangel an Stolz und Kraft, er würde sich vor
sich selber schämen, wenn er, sich aus seiner Not zu ziehen, zu solchem
feigen Mittel greifen würde.

»Aber um andere aus der Not zu ziehen?« fragte die Baronin sehr leise.

Ihr Sohn entgegnete ihr hart: »Auch um der Not anderer Leute willen lasse
ich mich nicht zerbrechen.«

Noch viel leiser sagte sie: »Gregor -- das tote Prinzip und das lebendige
Leben! Vielleicht -- nach zwanzig Jahren -- der Gang über diese Erde ist
weit und lang -- --«

Es klang so rührend und weh, wie sie sprach, es drang durchs Herz. Aber
Fritzchens Herz empörte sich und rief ihren Helden an: Gregor, steh' fest!
Was Du einmal gesagt hast, soll gelten! Laß Dich nicht rühren!

Freilich, Helden lassen sich auch nicht rühren. In diesem, in Fritzchens
Sinne, war Gregor auch wahrlich ein ganzer Held. Er stand fest, er ließ
nicht ab, er antwortete mit heller, klingender Härte.

Was -- darauf kam es für Fritzchen nicht mehr an. Sie glühte, sie bebte,
sie verschrieb sich diesem Stolzen, Harten, Eiseskalten mit Leben und Blut.

»Ich werde nie wieder lügen -- und ob mein Leben oder das Leben anderer
Menschen (sie dachte in diesem Moment an Gisa und Fräulein Miller) davon
abhängt.«

Diese beiden waren sehr ahnungslos, daß eben ein feuriges Gelöbnis abgelegt
wurde, das unter allerhand wunderbaren Umständen ihnen das Leben kosten
konnte! --

Dann ging auch dieser Abend zu Ende, und dann kam die lange, lange,
traumesheiße Rückfahrt, mit dem Mondschein auf den Wegen und auf der
leichten trügerischen Schneedecke des heimatlichen Moores.



Viertes Kapitel.


Gisela saß beim Pastor und sagte: »Bitte, reden Sie doch einmal mit Papa,
daß er mich Ostern in eine Pension gibt. Ich werde im April fünfzehn Jahre,
und Sie meinen doch auch, daß ich einmal fortmüsse.«

»Ja, ja, es wird Zeit, Gisela, Kind, es wird Zeit«, sagte der alte Mann
unruhig und ging in seiner engen, von hohen Bücherborden verstellten Stube
hin und her. Gisela nahm ihre Bücher zusammen, denn ihre Konfirmandenstunde
war beendigt, und folgte ihm mit den Augen.

Draußen war ein klarer Frosttag. Ging denn wirklich der Wind auch einmal
schlafen auf Hohen-Leucken? Wie die Sonne auf dem Schnee glitzerte! Wie
still die kahlen Bäume standen mit ihrer schweren weißen Last!

Pastor Baumann blieb stehen und sah hinaus auf die Tannen vor seiner
Haustür, auf die steinerne Gartenmauer mit ihren wunderlichen Kronen aus
Schnee. Ein Ackerwagen fuhr vorüber, der Dung drauf dampfte in weißen
Wolken, die Räder knirschten auf dem gefrorenen Boden.

»Ich will's schon für Dich besprechen, Kind«, sagte der alte Pastor. Er
nannte sie aus alter Gewohnheit noch immer Du. »Aber leicht wird's ihm
nicht werden, fürchte ich.«

»Ach!« sagte Gisela wegwerfend.

»Ich meine --« sagte er hastig -- »in anderer Hinsicht, meine ich. So ein
Pensionsleben ist teuer --«

»Ach so --!« Gisela zog ein äußerst hochmütiges Gesicht. »Nun, daran wird
es wohl nicht zu scheitern brauchen!«

»Nein, nein, gewiß nicht«, sagte der Pastor begütigend. Er sah wieder
hinaus und verfiel in Gedanken. Man mag es ja den armen Kindern nicht
sagen, was doch das ganze Land umher weiß. Wieviel Hypotheken mag er jetzt
haben auf Hohen-Leucken? Ist denn das nur möglich, daß ein Mensch so seine
Ehre und Pflicht vergißt?

Als Gisela hinaus war, sah er ihr nach, dann tat er Schlafrock, Käppchen
und Pfeife ab und unternahm den sauren Gang. Wie selten gingen seine Füße
über den ansteigenden Steindamm und durch das alte Tor! Und es war doch
auch sein Beichtkind, das hier oben hauste. Freilich, das unhandlichste von
allen, aber auch vielleicht das bedürftigste! Ja, aber Patronatsherr und
Beichtkind in einer Person, das faßt sich oft schlecht zusammen. Herr
v. Dörfflin war seit langen Jahren -- seit den sechs verfluchten Jahren
-- weder für das eine noch für das andere zu sprechen. Mochte sein wegen
schlecht bestellten Gewissens!

Die Sonne schien gerade in sein Arbeitszimmer, als der Pastor eingelassen
wurde. (Arbeit? Drei Fragezeichen. -- Na ja!) Die Luft war voll
Zigarrenrauch und Weindunst.

»Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Pastor?« So formell wie möglich.

Das alte Männchen war hochfahrendes Wesen nicht gewöhnt. Er konnte es nicht
vertragen, er verstand es nicht. Er konnte nur zu den armen, kranken oder
sündhaften Leuten gehen, dort fühlte er sich sicher in der Kraft seines
Amtes. Sie liebten ihn dort, ehrten ihn und steckten willig seine
Strafreden ein. Die störrigsten Böcke hatte er schon zahm gekriegt. Aber
dies ist hier so anderes Holz, man weiß nicht, es anzufassen. Die Formen
der guten Gesellschaft haben so etwas Lähmendes für den alten Pastor, der
selbst ein Handwerkersohn war und sie nicht zu handhaben weiß. Sie kommen
ihm dadurch so ungeheuer und wichtig vor. Ja, das ist eine traurige
Geschichte. Herr v. Dörfflin, der Sünder, sitzt oben, und Pastor Baumann,
der Gerechte, sitzt unten.

Was das nun für ein elendes Gestöckere wird wegen Gisela! Verächtlich
schaut der Gutsherr drein. »Deshalb kommen Sie her, mein Herr Pastor? Aber
natürlich kommt das Mädchen fort. Nach Berlin wahrscheinlich. Wie kamen Sie
auf die Idee, daß ich sie hier behalten wollte? Übrigens danke ich Ihnen
für die Teilnahme. Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten?«

»Danke, Herr v. Dörfflin, ich vertrage so starke Zigarren nicht.«

»So? Schade. Na, also nochmals besten Dank.«

Das war die ganze Unterredung. Er geht wieder den Steindamm herab durch's
Tor, auf die Dorfstraße. -- Sie sind kurz, diese Wintertage! Sieh, welchen
Schatten schon wieder die Scheune wirft! Und da ist er ja auch wieder, der
kalte Blasius aus dem Böllinger Steinloch, der über die kahle Ebene kommt,
dem Pastor in die Rockärmel fährt und wie ein frecher Bube mit seinen
weißen Haaren spielt.

Ach, altes Herz, Du bist unwürdig Deines Amtes! Wie lange Jahre wird es nun
wieder dauern, daß Du Dich in Dein Häuschen verkriechst und nicht wieder in
die Region des Herrenhauses hinaufsteigst!

_Der_ Gedanke klopfte freilich in dem überbescheidenen, eingeschüchterten
alten Herrn nicht an, daß er seinem Patronatsherrn eine viel größere
Respektsperson sei, als er sich jemals träumen ließe. Daß sein Amt, sein
weißes Haar und sein reiner Wandel dem leichtfertigen Sünder da oben gar
mächtig imponierte und ihn sich sehr klein fühlen ließ -- und daß in diesem
speziellen Falle Gisela nie aus dem Hause gekommen wäre, wenn er nicht
diesen Gang unternommen hätte, der anscheinend so nutzlos wie möglich
war. -- --

Nun ging Gisela fort, nach Berlin, zu weitläufigen, reichen Verwandten,
aber man hörte auf Hohen-Leucken oft von ihr. Bald fehlte es an einem
Gesellschaftskleid, bald am Taschengeld, bald berichtete sie von
notwendigen Verpflichtungen und forderte schleunigst eine hohe Summe.

Diese Briefe blieben keine Geheimnisse. Herr v. Dörfflin riß sie auf, meist
morgens am Kaffeetisch, überflog sie, fluchte leise vor sich hin und ließ
sie dann offen liegen. Fritzchen las sie alle.

Da begriff sie plötzlich, was Geld eigentlich sei. Wie eine neue,
unheimliche Macht drängte das in ihr Leben. Geld! Soviel auf einmal!
Hundert Mark, zweihundert Mark wie für nichts. Und Papa war so bleich
geworden, biß an seinem Schnurrbart und hatte verstörte Augen.

Waren sie denn nicht reich? Sie hatten ja solch großes Haus, Hof und
Äcker, mehr als zwanzig Pferde und all das Rindvieh und die Schweine. Dazu
Kutschen, Knechte, Mägde und waren im ganzen Dorf als die Herren geehrt.
Für ein einziges Schwein bekam Papa mehrere hundert Mark, also was war
eigentlich dabei?

Aber der dunkle Geist war angerufen und drückte ihr auf der Brust, flog
an dem Turmfenster vorbei, wenn sie nach den Wolken sah, vergällte ihre
Träume.

Einmal sprang es aus ihr heraus. Papa las gerade die Zeitung, und ein
Brief von Gisa war gar nicht einmal in Sicht. Fritzchen saß vor ihrem
Kakaotäßchen, aber sie mochte nicht trinken.

»Papa!«

»Was gibt's?«

Es war mehr ein Anfahren als eine Frage, er war in letzter Zeit etwas
nervös geworden, dieser Herr. Sah er denn nicht, daß sein Kind mit ihm
reden wollte? Was hatte er von der Zeitung? Er war ja doch nur ein halb
verkommener alter Landjunker, was hatte er noch mit Politik zu tun oder
der Welt da draußen? Sie hatte ja mit ihm auch nichts zu tun. Aber sein
braunäugiges Kind, das wartete noch auf ihn.

Das junge Herz so einschüchtern, daß es nicht wieder kommt, das wäre
vielleicht für beide Teile das Beste.

»Was willst Du? Was stierst Du mich an?«

»Papa -- ich meine nur -- nicht wahr, wir haben doch sehr viel Geld?«

Famos! Das war die Frage, die ihm am besten passen konnte. Er wurde blutrot
über und über.

»Was geht's Dich an! Was fragst Du so dummes Zeug? Wer hat Dich aufgehetzt?
Was geht's Dich an? Verhungern wirst Du wohl nicht, Mamsell Naseweis. Wer
hat Dich aufgehetzt, wer hat Dir diese dumme Frage eingetrichtert?«

»Niemand. Ich frage aus mir selbst«, sagte Fritzchen.

»So schweige künftig aus Dir selbst!« brüllte er sie an. Damit versteckte
er sich wieder hinter seiner Zeitung, er hatte keine Lust, zu sehen, was
sie für ein Gesicht dazu machte. Aber seine Finger, die das Blatt hielten,
zuckten, und wie ein kurzer Pistolenschuß kam hin und wieder hinter dem
Papier ein grollendes Gemurr heraus.

»Solche Sache! Albernheit! Möcht' nur wissen, ob wir als Kinder -- Na ja,
überall neue Moden --«

Das Fritzchen war ganz still geworden, es sah unverwandt auf den Papa,
wenn es auch vor der Zeitungsmauer nicht mehr sehen konnte als die nervös
zuckenden dicken Finger und oben darüber einen Busch des struppigen Haares.

Es gibt Erlebnisse, die fliehen vorüber wie die Wolken draußen, wenn der
Wind sie jagt, sie huschen auch über den Kaffeetisch, springen aus
dem Knistern der Zeitung, fletschen koboldhaft aus den Spitzen des
struppigblonden Haarbusches, man kann sie nicht festhalten, sie sind da und
doch nicht da -- und sind doch mächtige Geister, die das Heute vom Gestern
scheiden. Ein zwölfjähriges Fritzchen hat gefragt, hat kindisch eine
ausfüllende Antwort verlangt -- und eine erwachende junge Menschenseele
schaut jählings in den aufgerissenen Abgrund von Schein und Sein, von Trug,
Jammer, Lebensangst und unlöslicher Wirrnis.

Der Wind jagt die Wolken vorüber, und es weiß keiner mehr, woher sie kamen
und wohin sie gegangen sind. Fräulein Miller kommt, das Kind in die
große Schulstube abzuholen mit den acht Turmfenstern. Es ist jetzt Sommer
geworden, aber Fräulein Miller hat noch immer den Schnupfen. »Wird es auch
wohl jemals so recht heißer, schöner Sommer auf Hohen-Leucken?« so lautet
eine immer wiederkehrende Passage in ihren Briefen an ihre Angehörigen. Das
ist übertrieben, aber unten im Dorf, im Banne des Nebelrings, ist auch die
Hitze nur dumpf, lastend und ermattend.

Fritzchen wurde plötzlich fleißiger. Sie sah nicht mehr nach den Wolken
aus, sie arbeitete wie noch nie. Fräulein Miller vergaß selbst ihren
Schnupfen. »Aber liebes Fritzchen, das geht mit einem Male alles! Willst Du
mir die liebe Gisa ersetzen?«

Fritzchen sah sie nur stumm an. Das Fräulein mußte gerade ihr Nastüchlein
brauchen, darum konnte sie diesen Blick nicht sehen. Er war klar und still,
aber dunkel.

Man will manchmal, wenn man noch zwölf Jahre alt ist und vor einer jähen
Kluft steht, mit eigenen Armen Steine tragen und die Kluft damit füllen.
Man hält das in allem Ernst für möglich. Man glaubt auch ohne weiteres, daß
französische Vokabeln, Dezimalaufgaben und ein paar Touren am Strickstrumpf
solche Steine wären.

Warum soll man es auch nicht glauben? Hilft es nicht, so schadet es
doch auch nicht. Es ist ein solch' jauchzendes, stolzes Ding um ein sich
spannendes Kraftgefühl!

Hin und wieder kam Gisela zum Besuch, erst zu Weihnachten, dann fand sie
auch dies Fest draußen schöner als hier. Sie wurde immer fremder und immer
feiner. Was sollte sie mit dem unwissenden, schlecht erzogenen kleinen
Struwwelkopf anfangen, der immer noch seinen zerschnitzten Arbeitstisch am
Turmfenster in der großen Schulstube hatte und am Ende sein höchstes Ideal
im Rummelshof und seinen Bewohnern sah?

Wenn sie wieder fortfuhr in ihrem neuen, schönen Reisekleid, kam es
Fritzchen doch manchmal als ein wunderliches, verkehrtes Ding vor, daß sie
dableiben müsse, und daß nun wieder der alte Tageslauf anging, von vorn an,
immer derselbe. Da wurde ihr heiß, und sie lief zum Papa.

»Ich möchte auch fort. Papa. Wie Gisa!«

»Ja doch. Wirst es wohl noch abwarten können. Nächstes Jahr.«

Das kam ein paarmal vor, dann stellte Fritzchen das Fragen ein. Das nächste
Jahr kam bald, aber es sah genau aus wie das vorige. Papa hatte das wohl
vorausgewußt und nur gelogen, um sie los zu werden.

Versprechungen nicht halten ist so gut wie lügen. -- Was hatte doch einmal
Gregor v. Zülchow über das Lügen gesagt?

Das ist schon lange her, aber seine Worte stehen mit Flammenschrift an
allen Wänden. Fritzchen kann nichts anderes tun, als das, das ihr allein
als Heiligtum geblieben ist, anzubeten und die von Phantasien überfüllte
Seele am starren Werkdienst aufzurichten. Es ist kein Mensch in
Hohen-Leucken, der dem Fritzchen v. Dörfflin die kleinste Lüge nachweisen
könnte.

Es lag freilich auch kaum ein Grund vor, um jemals zu lügen, leider. Es
gab keine großen Versuchungen. Fräulein Miller -- ach, um die hätte es sich
wohl kaum gelohnt, und der Papa --

War es wohl Tatsache, was die Leute sich erzählten, daß Herr v. Dörfflin
mit seiner Tochter oft in Wochen kaum zehn Worte wechselte? Die Leute
mußten es wohl wissen, er wußte es nicht und Fritzchen auch nicht. Trotzdem
waren sie jetzt viel zusammen. Das ergab sich immer so, wenn der Sommer
vorüber war, die Abende lang wurden und die Herbststürme um das Haus
heulten.

Fräulein Miller hatte sich das kleinste Stübchen, das zu finden war,
ausgesucht. Dort stand ein großmächtiger Kachelofen, und in dem bullerten
die dicken Buchenkloben. Da war ihr und ihren hageren Gliedmaßen wohl.
Da las sie Gedichte, Romane und schrieb an ihre Verwandten, daß in
Hohen-Leucken schlechtes Wetter wäre.

In diesem Stübchen war kein Aufenthalt für Fritzchen. Für sich allein
durfte sie auch kein Petroleum verbrennen, da zog sie mit ihren Büchern,
Schulheften und dem ganzen Krimskrams ihrer bunten Traumwelt in des Papas
nach Zigarren und Wein duftendes Zimmer.

Nein, sie sprachen nicht zusammen. Keins von beiden dachte daran. Sie
trieben jedes sein Werk, eines vielleicht so nützlich oder so unnützlich
wie das andere. Was der alternde, in Stumpfheit leise versinkende Mann für
sich im Rauch seiner Zigarre, im Wein, in den Jagd- und Pferdebüchern
und Zeitungen noch festhielt an Lebenswerten oder was er aus dem jungen,
feinen, trotzigen Gesichtchen für sich noch ablas und neu gewann -- das
waren dunkle Geschichten, die keiner enträtselte, weil keiner sich darum
bemühte, der, den sie am meisten angingen, vielleicht am wenigsten.

»Die Gisela hat es doch viel besser!« sagten die Leute. Jawohl, sie lebte
da draußen, sah viele Gesichter, hörte Musik, bekam neue Kleider -- und
das Fritzchen lebte hier mit dem alten mürrischen Papa, wurde von seinem
Zigarrenrauch eingesponnen, las ihre alten Märchen und baute sich selbst
neue und schönere --

Es ist ein wunderliches Ding um das »besser haben« in der Welt. Es scheint
oft so leicht zu berechnen und ist doch eines der schwierigsten Exempel,
die wir uns aufstellen können.

Der Papa sollte sich eigentlich über Fräulein Miller wundern, sie gab doch
dem Kinde unerhört viel Schreibereien auf. Manchmal schrieb Fritzchen den
ganzen langen Abend. Aber Fräulein Miller war nicht schuld daran.

Wenn Herr v. Dörfflin einmal seine Zeitung oder sonstige Lektüre fortgelegt
und über den Tisch sich das Schreibheft seines Mädchens gelangt hätte, so
hätte er so etwas wie ein kleines Wunder erlebt. Statt der Ausarbeitung
oder des Aufsatzes hätte er eine seltsame, phantastische Geschichte in
Händen gehalten, ein Märchen, wie er in seiner Kinderzeit es nie gehört
hatte, und er wäre unmittelbar in dem Land drinnen gewesen, in dem sein
Fritzchen lebte, webte und sich selber die ganze übrige Welt ersetzte, in
dem es sie schuf. Er hätte auch auf bekannte Gestalten getroffen, denen
nur ein Panzer oder ein Gewand flüchtig übergeworfen war: auf sich selbst
vielleicht, vor allem aber auf die Jungens vom Rummelshof und wieder
und wieder, von strahlendem Licht umleuchtet, auf Herrn Gregors kühle,
hochmütige Erscheinung.

Fritzchen aber war im Laufe der Wochen und Monate todsicher geworden,
daß die väterliche Hand niemals herübergreifen werde, und sie baute
ihre Märchen, spielte mit ihren Gestalten und schüttete in königlicher
Verschwendung den Farbenreichtum ihrer ganzen Seele in diese Gebilde aus.

Dadurch wurde aber auch ihres Vaters verqualmtes Zimmer ihr lieb und
unentbehrlich. Und dadurch wurde ihr gesenktes Köpfchen mit dem rotbraunen
Haar, dem trotzigen Mund, der herrisch verzogenen Stirn dem armen alten
Landjunker auch lieb und unentbehrlich. Es kam einmal vor, daß Fritzchen
Husten hatte und von Fräulein Miller zwei Tage lang ins Bett gesteckt
wurde. Da dünkte ihm seine Stube leer, und die beiden Abende waren lang und
langweilig ohne Ende. Er fühlte sich gequält und gejagt und wußte nicht,
wovon. Die Zigarre ging ihm beständig aus, und der Wein widerte ihn an.
Endlich stand er auf und tappte die dunkle, zugige Treppe hinan in das
obere Zimmer, in dem Fritzchen lag. Dort brannte eine verhängte Lampe,
am Bett stand ein Krug heißer, dampfender Milch und eine Selterflasche.
Fräulein Miller war nicht da, sie war wohl gelaufen, eine Tasse oder sonst
etwas zu holen. Fritzchen lag im fiebrigen Halbschlaf. Sie hob die Augen
nur ein wenig, als er herankam.

»Na -- Fritz? Fritzel -- was machst denn für Sachen?«

Er legte seine breite massige Hand auf ihr fieberheißes Händchen. Sie
fühlte die Berührung als etwas Gutes.

»Faß mir den Kopf an, Papa. Du bist so schön kühl.«

Er tat's und stand neben ihr, bis Schritte kamen. Da zog er die Hand
zurück, als fühle er sich auf einem Unrecht ertappt. »Du mußt bald wieder
nach unten kommen«, sagte er.

Fritzchen blinzelte der schwerfälligen Gestalt nach, die sich zur Tür
bewegte.

»Sieh' auch nach der Lampe unten, daß sie nicht blakt. Sie tut's immer.«

»Ja, ja, Fritzel, ich werd' schon.«

Am dritten Abend war sie wieder unten, und alles ging wie vorher. Nur war
es jetzt, als wenn ein Lichtschein in des verwüsteten Mannes verräucherten
Kopf gefallen wäre, nun, da es ihm bewußt geworden war, wieviel ihm daran
lag, daß sein kleiner Struwwelkopf ihm abends gegenüber saß. Fritzchen
selbst aber hatte gar keine Lust auf Giselas Bälle und Gesellschaften, wenn
sie jetzt wieder ihre Märchenabende hatte, an denen im ganzen Erdgeschoß
außer ein paar Wirtschaftsräumen nur des Vaters Stube erhellt war und die
schwarze Winternacht draußen wie ein Ungeheuer lag, das auf Beute lauerte
und von schimmernden Helden bekämpft wurde.

                           *       *       *

Ja -- ihr schimmernder Held -- wo blieb er?

Wenn sie ihn finden wollte, mußte sie zu ihren Märchengeschichten gehen,
denn in Wirklichkeit zeigte sich Gregor nicht auf Hohen-Leucken. Er war ja
dort gewesen, dem Willen seines Vaters gemäß; mehr zu tun dünkte ihm wohl
überflüssig. So kam nur Hans Henning hin und wieder, brachte viel Freude
und Lustigkeit mit und auch den Schimmer aus der anderen Welt, in der
Fritzchen so Großes vermutete und nach der sie sich sehnte.

Gregor aber hatte wahrlich andere Dinge, die ihn beschäftigten. Es tat sich
vor ihm das unermeßliche Seelenleben der Völker und Zeiten auf, das
Ringen um Gotteserkenntnis und eine objektive Wahrheit -- so alt wie die
Menschheit selbst. Das tödliche Ringen mit der Erkenntnis von der ewigen
Unzulänglichkeit und Unvollkommenheit. Licht und Finsternis untrennbar
verwoben. Das ewige Rätsel von dem Sein, in dem alle Rätsel von Woher und
Wohin, von Gut und Böse, von Werden und Vergehen zusammenlaufen.

Es saß ein kleines Mädchen und dichtete tolle Märchen von ihm. Aber er ging
in der Fülle des Lebens, trank von allen Bornen und zeigte keinem, auch den
Freunden nicht, auch Mutter und Bruder nicht, die Erschütterungen, die ihn
durchwühlten.

Einmal vor vielen Jahren, als die Jungens noch klein waren, hatte Herr
v. Zülchow unter dem Weihnachtsbaum zu seiner Frau gesagt: »Sieh' Dir doch
mal die beiden bei dem Schaukelpferd an! Hans der Schlingel, kann sich doch
freuen wie ein Wilder, aber Gregor bleibt immer gelassen. Wo hat nur der
Junge diesen Schuß Eiswasser im Blute her?«

Was tut nun der Junge mit dem Eiswasser im Blute, als er den heiligen
Weltgeheimnissen dicht gegenübersteht?

Wenn er, der Hohe und Stolze, von seinem kühnen Sattel einmal
herunterspränge und in das verqualmte Herrenzimmer in Hohen-Leucken überm
Moor zu dem armen kleinen törichten Fritzchen ginge und ihm sagte: Du
reiches, heißes, junges Kind, gib mir ein wenig von dem, was Du zu viel
hast! -- ja, dann könnte etwas Großes und Schönes sich vollziehen. Dann
könnten die tiefen und echten Erschütterungen, die dieses Menschen Wesen
ergreifen, den Frühlingsstürmen gleich sein. Dann könnte über dem ewigen
Menschheitsdrang ins Dunkle, Unerklärte hinein, die klar-eisige, kühle
Vornehmheit einer adligen Gesinnung, die ihre Grenzen kennt, wie ein
Königszepter stehen. Dann ist der Priester der Vermittler, der Sprecher
Gottes unter den Menschen, in seiner höchsten Idee erreicht.

Aber es ist ein weiter dunkler Gang, der über so ein Moor führt, und es
hängt vielleicht eine Lächerlichkeit an solch einer Art von Bittgang.
Gregor v. Zülchow kann viel, und die Menschen wissen es und staunen ihn an
-- aber etwas, das sehr dazu gehört, wenn man ein tüchtiger Mensch werden
will, das kann er nicht und wird es nie können: sich lächerlich machen, sei
es vor anderen, sei es vor sich selbst.

»Er hatte keine Gestalt nach Schöne«, wird nie von ihm gelten. _Er_ hatte
große Gestalt und Schöne! Ach ja, er war ein schimmernder Held.



Fünftes Kapitel.


Als Fritzchen siebzehn Jahre alt war, kam sie doch einmal für den Winter in
die Welt. Die reichen Verwandten, bei denen Gisela jetzt schon fünf Jahre
war, zogen ins Ausland und wollten zum Schluß, ehe sie auch Gisa wieder
abgaben, die beiden Schwestern einmal bei sich haben.

Fritzchen freute sich lange vorher wie toll auf diesen Winter. Sie träumte
sich die wunderbarsten Abenteuer zurecht, die ihr dort begegnen würden. Mit
ihrem Kopf, der an Märchen und Phantastereien gewöhnt war, malte sie sich
das kommende Leben aus, als sei es nur eine Fortsetzung ihrer eigenen
bunten Geschichte.

Das wurde nun anders. In den hellen, überhellen Räumen, unter den leichten,
lauten, eleganten Menschen stand das Kind aus dem öden, entlegenen
Moorwinkel wie verwirrt da. Man redete hier von Dingen, Büchern, Menschen,
Ereignissen, von denen sie nichts wußte. Man lachte über Scherze, die sie
nicht verstand. Man versuchte flüchtig, sie ins Gespräch zu ziehen und ließ
sie dann wieder beiseite liegen.

Mit Gisa war es die alte Geschichte wie vor Jahren, als sie noch Kinder
waren. Wenn Fritzchen sich bei ihr verkriechen oder sich an sie hängen
wollte, schüttelte die sie heftig ab und tat, als kenne sie sie nicht. Sie
war auch wie eine Fremde, beständig in lebhafter Unterhaltung mit Herren
und Damen, elegant, gewandt, und wie es dem armen Fritzchen erschien,
geistreich wie sie alle.

Auch die liebenswürdige Tante, bei der sie wohnten, schüttelte ein wenig
den Kopf über dies verirrte Kind. »Aber Frida --« so hieß Fritzchen
plötzlich -- »Du mußt Dir doch wohl eigentlich noch einige Fertigkeiten und
Kenntnisse aneignen.« Das entschlüpfte ihr eines Abends in der Kutsche, als
sie von einer kleinen Teegesellschaft heimkehrten.

»Ja, es ist wirklich unglaublich!« sagte Gisela.

Fritzchen wurde trotz des Dunkels blutrot. Sie fand jede Empörung, auch
die von Gisela, gerechtfertigt. Wie konnte sie nur so dumm und ungeschickt
sein!

Am anderen Morgen nahm die Tante sich das verstörte Kind vor, ihm wieder
Anweisungen zu geben. Aber wo war der Anfang zu finden? Die Tante war im
Gesellschaftsleben aufgewachsen, sie kam mit einem Menschenkinde, dem diese
äußeren Bedingungen fehlten, was es auch dafür einzusetzen haben mochte,
nicht zurecht. Die Unterrichtsstunde verlief in peinlicher Unsicherheit
auf beiden Seiten, sie brachte außer einigen ganz kleinen Erfolgen noch
Mißverständnisse hervor und wurde klüglich nicht wiederholt.

Von nun an galt Fritzchen als die Einfalt vom Lande, die zu dem Amüsement
der anderen berufen sei. Sie wußte das nicht, und durch die Schicht der
Höflichkeit fühlte sie das nicht hindurch. Dazu war sie in Wahrheit
noch allzu dumm auf diesem Felde. Aber das Gefühl endloser Fremdheit und
Verirrtheit blieb.

Allerlei an der Luftveränderung bekam ihr nicht. Sie fühlte sich matt und
fieberhaft und durfte mit ihrem Kopfweh ein paarmal zu Hause bleiben. Da
erfand es sich, daß dies wieder ihre schönsten Abende wurden. Sie saß in
einem traulichen kleinen Seitenzimmerchen und hatte das elektrische Licht
ausgedreht, so daß nur der Laternenschein von unten ins Gemach fiel.
Alle Gegenstände nahmen unbestimmte Formen an. Da kauerte sie sich voll
glückseliger Behaglichkeit zusammen, und hier im fremden, beängstigenden
Berlin, an fremder Stätte, wo ihr Herz trotz aller Mühe nicht warm werden
wollte, fing sie wieder an, ihre bunten Bilder zu weben und zu spinnen. Der
Abend verflog ihr unter den Händen, und sie erwachte wie aus einem schönen
Traum, als es draußen lebendig wurde und die Ausgeflogenen heimkehrten.

»Aber Frida! Da sitzt Du noch! Es ist ja Mitternacht vorbei, weißt Du das
nicht?«

Sie bekam freundliche Schelte, nur Gisela sah entrüstet aus. »Wäre sie mit
uns gewesen, Tante, so wäre sie schon längst müde geworden.«

Sie war in einen liebenswürdigen, lustigen und eleganten Kreis geraten, der
kleine Märchenfritz aus dem Wind- und Wolkenturm von Hohen-Leucken -- aber
sie hätte wohl noch in einen besseren geraten können. Es kamen hin und
wieder Leute in den ihren hinein, die sahen sich nach ihr um und konnten
sie danach eine ganze Zeitlang nicht vergessen. Und das nicht darum, weil
sie sie als die Einfalt vom Lande amüsierte.

Im ganzen spielte sie ja hier die unvorteilhafteste Rolle, die solch ein
unbehauener junger Menschenblock zwischen all den gehobelten, glatten und
strahlenden Figuren und Figürchen spielt. Es ist eine gar ehrliche Tragik
um diese Rolle.

Wo sollte sie nun hin? Wo paßte sie nun hin? Immer nur in ihr altes ödes
Heimatshaus, das hier so sichtlich verachtet wurde? Was jeder hier konnte:
glatt in dieser Gesellschaft aufgehen, das konnte nur sie nicht? Woran
konnte es nur liegen als an ihrer hoffnungslosen Dummheit, daß sie sich
hier stets zur Freude gewaltsam zwingen mußte und erst wieder los und ledig
fühlte, wenn sie allein mit sich war wie an den schönen Kopfwehabenden?

Der kleine Märchenfritz konnte es nicht wissen, daß er nur falsch gelaufen
war, daß es für ihn noch schöne und lustige Wege gab, auch außerhalb
des Nebelrings von Hohen-Leucken. Er kam im nächsten Frühjahr, ziemlich
zerbrochen in seinem Selbstgefühl und zerfallen mit sich und der ganzen
Welt ins Vaterhaus zurück.

                           *       *       *

Gisela war mitgekommen. Deren glänzendes Leben hatte jetzt vielleicht für
immer ein Ende. Das war eine harte Nuß für das verwöhnte Kind der Welt.

Drei Menschen sitzen im kalten, mürrischen Hause und warten, daß es Sommer
wird über dem Moor. Für Fritzchen freilich ist der Sommer im Grunde heute
schon da, trotz Schnee, Hagel, Aprilsturm und Nässe. Aber sie will es nicht
-- nichts will sie wissen, hören, fühlen. Sie will hier nicht glücklich
sein, weil es doch nur ein neues Zeugnis ihrer Dummheit ist. Aber was
hilft's, daß sie nicht will? Sie sieht das Moor und sieht die Wolken, sie
riecht Papas Zigarren und sieht sein rundes, rotes, brummiges Gesicht, sie
rennt durchs Haus und über die zugigen Treppen, es zieht und pfeift aus
allen Ecken, Jakob klappert mit dem Mittagsgeschirr, ihr alter Tisch steht
noch am Fenster -- alles ist, wie es war -- ach Fritz, Fritz, was tut man
mit all der Freude, und wenn man auch noch so klug sein möchte!

»Papa, was hast Du den ganzen Winter angefangen?«

Herr v. Dörfflin sieht nicht wohler aus seit dem Herbst, als Fritzchen
abreiste, auch durchaus nicht lustiger. Ja, was hat er angefangen?

»Nichts, Fritz.«

Nichts. Der Fritz wird langsam ernst und seine Blicke werden verwirrt. Was
weiß ein siebzehnjähriges Geblüt von dem Nichts, in das ein armseliges,
verloddertes Leben versinkt?

Fräulein Miller war nicht mehr da, ihr Amt in diesem Hause war beschlossen.
Sie war nie eine liebenswürdige, weitherzige Gefährtin gewesen, aber nun
fehlte sie Fritzchen doch. Sie sollte ja nun vollständig erwachsen sein.
Ach, dieser Wirrkopf hatte wohl noch manches Jahr vor sich, ehe man ihn für
erwachsen nehmen konnte.

Also sprach auch Fräulein Gisela. Sie hatte hier keine Freude an dem
klappernden Jakob, an Zigarrenrauch und Wolken. Sie nahm Anstoß an allem,
besonders auch an Fritzchen. Es verging kein Tag, an dem sie nicht um die
versunkene Herrlichkeit klagte.

Wie fein war sie geworden! Ja, sie hatte schon Grund, hier unzufrieden zu
sein. Ihre kühlen, schlanken Hände waren so weiß, ihr blondes schlichtes
Haar hatte durch sorgsame Pflege einen sanften Glanz erhalten, auch
verstand sie, sich prächtig zu frisieren. Alle ihre Kleider hatten einen
eleganten Sitz, ihre Bewegungen, ihre Sprechweise waren klar, vornehm und
ruhig. Was war dagegen der Struwwelkopf aus der Turmstube?

Fritzchen bewunderte dies feine, sichere Wesen. Ach, wer jemals so werden
könnte! Aber das zu wünschen, war wohl hoffnungslos. Der schlimme Winter
saß noch wie brennendes Gift im Blut. Aber nun kam der Sommer über das
Moor.

Wißt Ihr denn, wie der Sumpf blühen kann, Ihr Stadtmenschen, ihr
Lampenmenschen! Wie es sich da liegt, da hinten in der Lichtung hinter dem
alten Graben, wo man sich im Gras verstecken kann, so hoch steht es. Kennt
Ihr das Zirpen und Schwirren und tausendfache Leben um einen her, und die
Sonnenstrahlen flirrend durch die Zweige?

»Gisa, willst Du mit an den alten Graben?«

»Was willst Du da?«

»Im Gras liegen. Seerosen bring' ich auch mit.«

Die Frage war recht überflüssig. Gisa -- Gisa sollte in den durchlöcherten
Kahn steigen, der bei jeder Fahrt rapide Wasser zog, dann landen --
Fritzchen nannte das nämlich landen! -- an einer sumpfigen Stelle, wo man
nur von einer Baumwurzel zur anderen springend, schließlich auf eine
feste Grasfläche gelangen konnte -- und das alles, um schließlich ein paar
Stunden im Gras zu liegen mit krabbelnden Würmern und Ameisen im traulichen
Bunde. »Danke, liebe Frida. Fahre nur allein.«

Ja, Gisa, Prinzessin Unmut, wie soll denn das werden? Das sind doch
die höchsten Freuden, die Hohen-Leucken bieten kann! Fritzchen
grübelte angestrengt. Sie ehrte Giselas Unmut und fühlte sich brennend
verantwortlich, ihn zu zerstreuen.

»Gisa, soll ich Wilhelm sagen, daß er anspannt? Ich kutschiere Dich über
die Felder.«

»Bei diesem ewigen Wind? Und meine Haare? Und immer nur über die Felder?
Nein, Fritzchen, Du meinst es gut, aber das ist wirklich kein Vergnügen.«

»O, jetzt weiß ich etwas! Willst Du bei mir reiten lernen?«

Bei Fritzchen reiten lernen. Eine zweifelhafte Gunst. »Bei wem hast Du es
denn gelernt?«

»Bei mir selbst, natürlich.«

»So? Und welches Pferd hast Du dazu?«

»Ach, Möt. Eigentlich heißt es Erdmuthe. Papa hat sie mal als
zurückgesetztes Remontepferd gekauft, aber sie geht nicht an der Deichsel.
Wilhelm sagt, es ist nichts mit ihr zu machen, sie ist verdammelt. Da habe
ich voriges Jahr mit ihr losgelegt. Aber fein! Über den Graben hinter dem
Böllinger Kreuzweg setzt sie wie ein Pfeil. O, wenn Du mal mitkönntest. Du
nimmst vorläufig den Schecken vom zweiten Gespann. Der geht wie ein Lamm
und hat keine Mucken.«

»Ja, wenn ich einen richtigen Reitlehrer hier hätte! Aber auch dann! Es
muß doch schrecklich stuckern! Nein, laß mich nur. Das ist alles nichts für
mich. Aber da nun die Leute wissen, daß ich wieder hier bin, muß sich doch
am Ende wohl etwas Verkehr hier anfinden auf dem alten Räubernest.«

Fritzchen schlich sich zum Papa. »Papa, Gisa langweilt sich hier so. Kannst
Du es nicht machen, daß manchmal wieder Besuch herkommt?«

»Ja, wie soll ich das machen?«

»Wenn Du es nur willst, kannst Du es schon machen.«

Es war ein sonnenleuchtender Junitag. Vor dem Fenster im Hof blühten die
alten Linden und ihr Duft strömte in die beiden offenen Fenster herein.
Herr v. Dörfflin war in Joppe und Reitstiefeln, er wollte auf die Entenjagd
gehen. Was ist es für ein anderes Ding um solch ein Landjunkergesicht zur
Sommers- als zur Winterszeit! Heute sieht es frisch, gespannt, gebräunt,
unternehmend aus und hockt nicht in Dumpfheit und im Gefühl des Nichts.

»Ja, Fritz, das denkst Du Dir so.«

Am Abend kam er zurück, und beim Abendessen warf er hin, als mache er
eine Bemerkung über das Wetter: »Morgen kommt Hans Henning v. Zülchow. Die
Tannenwalder wollen nächste Woche auch einmal kommen.«

Die Tannenwalder waren im Grunde ziemlich langweilige und herkömmliche
Leute. Aber es war ein junger Sohn dabei, der Jura studiert hatte und sich
jetzt in das väterliche Gut einarbeitete, und eine Tochter, die gleich
Gisela mehrere Jahre in Berlin gewesen war. Das Ding legte sich also recht
vielversprechend an.

Fritzchen blieb der Mund offen stehen. »Wie hast Du das so schnell gemacht,
Papa?«

Diese Fragerei paßte ihm nicht. »Ich hab' gar nichts gemacht!« schnauzte
er sie an. »Wir haben uns getroffen, wo der alte Graben in den Tannenwalder
See geht. Der Zülchow war mit dem alten und dem jungen Euler da auf
Entenjagd.«

So weit ist er wegen der Enten gerudert? dachte Fritzchen, aber sie hütete
ihre Zunge. Nach dem Abendessen ging sie in die Küche, die Enten zu sehen,
die der Herr geschossen hatte.

»Er hat gar keine abgegeben, gnädiges Fräulein«, sagte die Mamsell.

                           *       *       *

Damit fing der Verkehr im Herrenhause von Hohen-Leucken wieder an.

Es war jetzt doch alles anders wie ehedem. Alte, unliebsame Geschichten
waren vergessen, Herr v. Dörfflin erschien als völlig unschädlich, und zwei
junge, aufblühende Töchter waren im Hause. Giselas Ruf als Weltdame machte
Karriere, sie hatte die Art, gleichzeitig zu imponieren und zu gefallen.
Trotz ihrer Sicherheit und Gewandtheit war sie auch für die plumpesten
Junker handlich, verstand auf die trivialsten Gegenstände mit entzückender
Leichtigkeit einzugehen und ihnen dadurch den Glanz von etwas ganz
Besonderem zu verleihen.

Es blieb nicht bei Hans Henning und den Eulers aus Tannenwalde. Es kamen
die Bärs, die Leisewitzens, die Winkels dazu, ja eines Tages hatten Herr
und Frau August Schultze mit dem Sohn und Erben Leopold, die drüben das
Böllinger Rittergut dem verschuldeten Baron Laue abgenommen hatten, Besuch
gemacht und waren nicht wieder los zu werden. Herrn v. Dörfflins Adelsstolz
entsetzte sich, er war geradezu schmählich ungezogen zu diesem Besuch.
Aber es war, als ob er mit aller Wucht seines Knüppels auf eine leere Haut
schlüge, statt auf den Esel, so unschuldig blickte Herr Schultze drein.
Nachher -- lange Auseinandersetzungen mit Gisela. Die hatte sich mit Herrn
Leopold sehr nett unterhalten, fühlte sich von seinen großen Reisen und
seinem flotten Weltleben angeheimelt und wünschte durchaus, diesen Verkehr
festzuhalten und: »lächerlich veraltete Vorurteile« beseitigt zu sehen.

Jawohl, es kam denn auch zu Tage, daß dieser Prozeß beseitigter Vorurteile
und demnach einer Aufnahme Herrn Schultzes in den Verkehrskreis bei den
Winkels, den Leisewitzens und verschiedenen anderen bereits längst in aller
Stille vor sich gegangen sei, und Herr v. Dörfflin hatte jetzt nicht
mehr Mark und Ausdauer genug, um eine so völlig isolierte Wut- und
Abwehrstellung festzuhalten. Herr August Schultze mit Familie gehörte
danach also auch zu den Besuchern von Hohen-Leucken.

Es kam noch bunter. Die beiden jungen Töchter wurden eingeladen, und
Gisela fand, obwohl es ihr selber Unbequemlichkeiten machte, daß eine
Gesellschaftsdame hier jetzt unumgänglich nötig sei. Herr v. Dörfflin
sagte: »Verdammter Unsinn, da wird nichts draus!« Fritzchen machte ganz
entsetzte Augen und rebellierte dagegen. Aber Gisela war die einzige, die
etwas von solchen Dingen verstand, die Dame wurde verschrieben, und im
nächsten Winter war sie da. Es war die Witwe eines Offiziers, von Adel
und außerordentlich mit den Formen der feinen Welt vertraut. Sie hieß Frau
v. Pohle, war energisch und trotz aller Weltförmigkeit voll tiefer, ruhiger
Güte. Ein stürmisches Leben hatte sie hart geschüttelt, so daß sie nicht
mit den Ansprüchen eines verwöhnten Herzens nach Hohen-Leucken kam. Das
nüchterne, häßliche Haus, der verbummelte Mensch, der hier Hausherr war,
die beiden verschieden gearteten und verschieden geleiteten Töchter, die
stumme, kahle Einsamkeit der Gegend, alles sprach ihr stark zum Herzen
und bewog sie, hier ihre beste Kraft und Liebe, ihren feinsten Takt
einzusetzen, um auf diesem verwilderten Felde doch noch eine gute Saat zu
ziehen.

Fritzchen begriff es schlecht, was für sie da kam. Sie hatte bisher auch
nur dürftige Erfahrungen mit den Gestalten ihrer Umgebung gemacht. Es war
ein zur Not mit ihnen Fertigwerden gewesen, sonst nichts. Wo war die Hand,
die sie behütet hatte, als sie ihren Träumen bis in die Wolken nachlief,
oder ihnen auf einem unerzogenen Pferde über Gräben und Brachen nachjagte
-- die ihr gegeben hätte, als sie hungrig und durstig war, die ihr den
wirren Kopf mit seinem tollen Phantastenkram gestreichelt hätte, die sie
geführt hätte, als die Wege sich verwirrten?

Immer sich selbst war dieser junge Vogel überlassen worden. Nun duckt er
sich, nun huscht er davon, als eine feine Hand ihn fangen möchte. Er haßt
die Käfige, die er vom vorigen Winter her kennt.



Sechstes Kapitel.


Gregor v. Zülchow trat aus Fritzchens Märchenbüchern heraus und stand in
Fleisch und Blut vor ihr da.

In der Stunde, da dies geschah, da sie ihn, der ihr schon fast zu einer
Sagengestalt verschollen war, in der Blüte seiner jungen Herrlichkeit
wiedersah, da fielen alle ihre selbsterdichteten Märchen und Träume wie
Schatten hin, wie Nebel, wenn der Morgen der leuchtenden Wirklichkeit
kommt. Und von dieser Stunde an bis zu den Jahren, die ganz, ganz anders
aussahen, dichtete sie kein Geschichtchen mehr.

Es war in Rummelshof zur Sommerszeit. Seit Frau v. Pohle im Hause war,
hatte sich in der Auffassung der Gegend viel verändert. Selbst die Freifrau
v. Zülchow, diese exklusiveste und empfindlichste aller Landedeldamen, fand
es jetzt ganz natürlich, mit den Dörfflins zu verkehren, und sie selber
betrat dieses Haus, das sie einst so tief mißachtet hatte, mit ihrem Sohn
Hans Henning, dem jungen Offizier.

Hans Henning war gerade wie Fritzchen seiner ersten Kinderliebe treu
geblieben, nur daß es bei ihm etwas weniger phantastisch zuging, aber nicht
sehr viel. Er war ein offener, liebenswürdiger und starker Junge, mit
der Einseitigkeit und dem Idealismus eines kräftig empfindenden, wenig
philosophisch angelegten Gemüts. Er liebte mit großer Hingabe und
stürmischer, vollkommen blinder Parteinahme alles, was ihm Natur und
Verhältnisse nahegebracht hatten: seinen Beruf, seine Mutter, den
Rummelshof und über alles seinen klugen, stolzen Bruder. Aber seine Liebe
war von der Art, daß sie denen, die ihre Bequemlichkeit lieben, manchmal
lästig fallen konnte. Er war zu gern in ihrem Dienst ein Raufbold. Es
war vorgekommen, daß er einem Jungen, der das theologische Studium seines
Bruders verspottet hatte, das Nasenbein eingeschlagen hatte. Seine Mutter
hatte eine Menge Unannehmlichkeiten, Ängste und Kosten davon. Seine Lehrer
klagten häufig über ihn, er war faul, wild und händelsüchtig.

Die Baronin Zülchow liebte solche Berührungen mit der Außenwelt nicht. Sie
bekam dadurch eine Gereiztheit gegen ihren tollen Hans. Daß er im Grunde
der weichherzigste Junge und der liebevollste Sohn war, konnte sie nicht
recht versöhnen. Ihr wäre es angenehmer gewesen, er hätte ihr seine Liebe
in Gehorsam und Wohlverhalten bewiesen, statt sie nur wie eine Sonne über
seine Untaten leuchten zu lassen.

Für Fritzchen war er immer der beste Herzenskamerad und Mitwisser all
ihrer Erlebnisse, Betrachtungen und Phantastereien. Nur um ihr schönstes
Märchenland, in dem Gregor regierte, hing sie einen dichten Schleier.

Da kam der Sommertag auf dem Rummelshof.

Es war eine große Gesellschaft dort. Zwischen den Bäumen des Gartens waren
Drähte gezogen, denn am Abend sollte Feuerwerk sein. Die Dienerschaft
war verstärkt, aus dem tiefsten Dunkel des Kellers kamen die ältesten
Weinflaschen ans Tageslicht. Die Baronin trug violette Seide, sie sah wie
eine Königsmutter aus.

Alles war zu Ehren ihres ältesten Sohnes Gregor, der vor einigen Monaten in
das Predigtamt in einer kleinen Residenz eingeführt war und heute zu seinem
ersten Besuch seit Jahresfrist kam.

Wie es so kommt, der erste Moment, als Fritzchen ihn wiedersah, war ein
Erstaunen: Ach -- so sieht er aus? Das ist er?

Es ist wie eine leise Enttäuschung, oder wie eine Erlösung, ein Abfinden
zwischen »war« und »ist«, zwischen Traum und Wirklichkeit. Es ist kein
Wunder, wenn das Alte, das so strahlend und herrschend war, sich wehrt,
zuckt, das Neue schlägt. Aber das Neue ist doch mächtiger. Es hat Klang und
Farbe und Raum. Du stutzest, du läßt die alten Fäden fahren und schaust nur
und schaust -- und dein Herz, nach einem kurzen leeren Stillstand, setzt
jählings mit einem Wirbel wieder ein. --

»Gnädiges Fräulein --«

Das war der junge Pfarrer, Gregor v. Zülchow, der im Gesellschaftsrock in
einem der Rummelshöfer Zimmer ihr seine Verbeugung machte. »Ich habe schon
die Ehre der Bekanntschaft aus früheren Jahren.«

»Ja gewiß --«, stammelte Fritzchen.

Sie schämte sich plötzlich zum Umfallen. Von diesem feinen, kühlen,
wildfremden Herrn hatte sie Märchen ohne Ende gedichtet und noch dazu
aufgeschrieben? O nein, o nein, das war ja ein ganz anderer!

Sie ging umher wie wirr unter all den Menschen. Vielleicht hatte sie in
ihrem Leben noch nicht so reizend ausgesehen. Sie trug ein weißes Kleid mit
Matrosenbluse, als sollte immer noch das Jungenshafte an ihr betont werden,
aber ihr rotbraunes Knabenhaar hatte man jetzt wachsen lassen und es war
in einen Knoten geschlungen. Nur zwei, drei rote Röschen aus dem Garten zu
Hause steckten ihr im Haar und vor der Brust. Im ganzen sah sie zwischen
all den sorgsam angezogenen Damen aus, als habe man sie eben in der Wiese
eingefangen und mit hergebracht.

Sie sah und hörte nichts von all den Leuten um sie her. Wenn man sie
ansprach, mußte sie sich erst besinnen, ehe sie eine Antwort zustande
brachte. Auch das stand ihr reizend, es gab ihr den Anflug einer süßen
Verträumtheit, der ihr ganzes Wesen dämpfte und reizvoll verschleierte.

Die wundersame Umwandlung der Traumwelt in die Wirklichkeit hatte sich
vollzogen. Alles Vergangene war versunken und verhallt. Er trug keinen
Panzer und keinen Helm, sondern einen schwarzen Theologenrock und einen
hohen weißen Kragen mit schwarzem Schlips. Er hatte ein kühnes, schmales,
bartloses Gesicht von niederländischem oder englischem Typus, und vor den
düster ernsten, durchdringenden Augen trug er eine goldene Brille.

Nachdem der erste Wirbel vorüber war, fühlte Fritzchen sich unter all den
Menschen so geborgen wie in einer lichten, goldnen Wolke. Sie schwatzte,
lachte, und wußte schon in nächster Minute nicht mehr, was sie gesagt
hatte. All ihr Tun war wie das Schwirren eines fröhlichen kleinen Vogels,
der eben fliegen lernt. Es lag ihr gar nichts daran, immer in Gregors Nähe
zu sein. Ja, sie spielte mit ihrem Glück, indem sie mit Hans Henning
oder sonst einem lustigen Menschen viertelstundenlang in den Garten lief,
Erdbeeren naschte oder in dem romantischen Parkteich herumruderte. Das
bloße Gefühl, daß er ja da war, daß sie ihn in jedem Augenblicke, wenn sie
nur wollte, sehen konnte, das krönte alles mit überirdischem Glanz.

Herr Pfarrer Gregor war ja auch der Mittelpunkt des ganzen Festes. Wie sehr
ihm alles huldigte, und wie wichtig er, der blutjunge Mensch, hier genommen
wurde, das erschien Fritzchen als die natürlichste Sache von der Welt.

Beim Abendessen wurden pompöse Toaste ausgebracht, alle auf den jungen
Pfarrer. Es war im Grunde eine ziemlich alberne Lobhudelei, die man teils
der Mutter, teils seiner allerdings stark verheißungsvollen Karriere wegen
in Szene setzte. Fritzchen hätte zu jedem Toast jauchzen mögen, nur war
ihr es immer noch nicht genug. Der Umschmeichelte dagegen sah unter
seiner tadellosen Maske der Höflichkeit ein wenig gelangweilt und
leicht angewidert aus. Er hatte ein Lächeln um den Mund, das nicht jeder
vierundzwanzigjährige Junge hat.

Nach dem Essen wurde das Feuerwerk abgebrannt. Das war für die junge Welt
ein großes Entzücken. Aber Gregor gehörte nicht zu der jungen Welt, er
stand und saß bei den Alten auf der Terrasse oder in den Zimmern. Hans
Henning sollte das Abbrennen besorgen, und Fritzchen, die für allen
Firlefanz des Lebens sehr veranlagt war, bewies sich als unentbehrlichste
Hilfskraft. Was hatte sie auch vom Zuschauen? Selber das Feuer wecken,
die Spiel-, Sprüh- und Lärmgeister des Feuers wecken, daß sie hoch in den
stillen Nachthimmel auffliegen, prasselnd niederstürzen, ihm, dem Herrn des
Tages zur Ehre!

Sie verbrannte sich ein paarmal die Fingerspitzen; was tat das? Bebend, mit
glühenden Wangen sah sie ihren Raketen, Leuchtkugeln und farbigen Garben
nach. »Heil Gregor!« rief ihr Herz. O, hätte sie es nur laut rufen dürfen.

»Seht die beiden Feuergeister!« wurde gerufen. Damit meinte man Hans
Henning und Fritzchen. Sie sehen auch wohl geisterhaft genug aus. Hans, der
selige Narr, strahlte. »Hören Sie das, Fräulein Fritz?«

Es stieg viel Torheit, Unsinn und Gaukelei mit diesen Leuchtkugeln und
Raketen auf. Man könnte sich wohl ebenso gut an eine Feuergarbe hängen,
um mit ihr in die Luft zu gehen, als sich von seiner Liebe und ihren
Verheißungen betören zu lassen. Aber die Beiden wollten nicht hören, was
ihr feuriges Spielzeug sie lehren möchte.

Aus, vorbei. Der letzte Effektknall verhallt, dunkle Nacht. Lachend und
tappend suchen die Gäste in den Steigen des großen Gartens sich den Weg,
um ins Haus zu kommen, oder auch nicht ins Haus zu kommen. Die Feuergeister
haben manch tollen Spuk geweckt. Herr Gregor, der junge Pfarrer, ist nun
doch nicht nur für alle der Mittelpunkt und der Zweck dieses Festes.

»Fräulein Fritz«, sagte Hans Henning. »Ich glaube gar, Sie haben sich die
Finger verbrannt.«

»Ja, das habe ich!« sagte sie mit der Verzückung eines Märtyrers.

»Ach! Tut es Ihnen weh?«

»Ja, fürchterlich!«

Er geriet gebührendermaßen außer sich. »Wir müssen sofort Öl anwenden!«
rief er.

»Nehmen Sie bitte meinen Arm, Fräulein Fritzchen. Sie stolpern sonst über
die eingeschlagenen Pflöcke. Ach, wie war ich ungeschickt, das zuzulassen!«

Sie ließ ihn jammern, und überlegte dabei, wie es anzustellen wäre, daß
Gregor ihre Verletzung sähe. Ihr Mut war jetzt so ungeheuer geschwellt,
daß sie seine Ansprache, sein Staunen, sein Bemitleiden gut hätte ertragen
können, ohne umzufallen. Ja, sie wünschte sich nichts heißer als das.

Aber als sie auf die erhellte Terrasse kamen, fing ihr Herz doch wieder
an zu klopfen. Da stand er, und gerade in der Glastür, durch die sie gehen
mußte!

»Fräulein v. Dörfflin hat sich beim Feuerwerk verbrannt«, sagte Hans in
aufgeregtem Ton zu ihm.

»Verbrannt«, rief Gregor. »Hans, wie konntest Du das zulassen? Darf ich
einmal sehen, gnädiges Fräulein? Da muß aber gleich für Hilfe gesorgt
werden.«

Fritzchen reichte ihm mit einem entzückten Lachen ihre Hände hin, die
Brandstellen waren in der Tat sichtbar. Aber sie wünschte sich, daß ihre
ganzen Hände verbrannt sein möchten, damit er doch auch etwas Rechtes zu
sehen bekomme. Doch es war schon vorbei, ein paar Damen hatten sich
sofort herangeschoben, sie wurde von mehreren Armen umschlungen, geküßt,
getröstet, bedauert bis zur Unerträglichkeit. Selbst Hans Henning
hatten sie von ihr fortgedrängt, und in dieser Kohorte gelangte sie
ins Schlafzimmer, Öl, Watte, Läppchen waren da, Frau v. Zülchow, die
Königin-Mutter, rauschte auch herein und verband sie sorglich mit eigener
Hand.

Solche Anstellerei um das bißchen Verbrennen! dachte Fritzchen entsetzt.

Ja, aber wer hatte sich denn angestellt da draußen im Garten und als man
die Terrasse heraufkam?

Na, es ist auch so ganz gut. Nun hat man zwei verbundene Hände, das sieht
entsetzlich großartig aus und muß unendliches Mitleid wecken!

Förmlich strahlend vor Prahlerei betrat das blessierte Fritzchen wieder den
hellen Bannkreis der Gesellschaft. Gregor kam zu ihr, bedauerte sie, daß
sie um seinetwillen leide, faßte ihre Hand und berührte mit den Lippen
die freie Stelle oberhalb der Verbandlappen. Da wurde das Glücksgefühl so
übermächtig in ihr, daß sie am liebsten die Arme ausgebreitet hätte und ihm
um den Hals geflogen wäre.

                           *       *       *

Eine lange Rückfahrt im stockdunklen Wagen durch die graue Sommernacht, die
eintönig auf den weiten Feldern lag, nur am Rande in dämmernden Strahlen
umspielte das Sonnenlicht, das um diese Jahreszeit nie ganz verlischt, den
Horizont.

Man hatte die große Kutsche genommen, weil Gisela bei der Fahrt durch den
Wind Haar und Toilette geschont haben wollte. Nun sah man nur durch
die Glasfenster die grauen Felder vorübergleiten. Fritzchen saß auf dem
Rücksitz; sie hätte ihren heißen Kopf gerne draußen in der kühlen Nachtluft
gebadet, aber auch daß sie dies nicht konnte, bedrückte sie heute nicht.
Sie nahm den Hut ab, lehnte den Kopf in die Ecke, und so zurückgezogen ins
Dunkel, hörte sie, was Frau v. Pohle und Gisa miteinander sprachen.

Frau v. Pohle sagte: »Welch ein eigentümlicher frühreifer Mensch dieser
älteste Sohn ist!«

Gisela fragte, ob er ihr gefiele. In der Betonung der Frage lag schon die
Annahme, daß jeder unbedingt Ja sagen müsse. Aber Frau v. Pohle zögerte.

»Gefallen? Liebe Gisela, ich möchte das kaum sagen. Es ist mir zu wenig
Einfachheit und Lebensfrische an diesem jungen Menschen. Er kommt mir vor,
wie ein künstliches, wunderschönes Gebäude aus Eis, das aber nur in einer
Eisatmosphäre existieren kann. Vor der Sonne müßte er schmelzen.«

Fritzchen fuhr auf, doch Gisela nahm ihr schon das Wort aus dem Munde.

»Aber Frau v. Pohle! Er hat doch so viel Sonne um sich. Seine Mutter, seine
Freunde --«

»Nein, mein Kind, das ist nichts, das durchdringt seine Atmosphäre nicht.
Es ist eine seltsame Tragik um diesen jungen Pfarrer, aber freilich fühlt
er sie selber wohl am wenigsten.«

»Tragik?« sagte Gisela lächelnd. Sie fühlte sich manchmal bewogen, über
Frau v. Pohle zu lächeln. »Die wäre doch wohl nur konstruiert. Haben Sie
gehört, daß die Möglichkeit vorliegt, daß er nächstens Hofprediger wird?«

»Hofprediger?«

»Ja, man sagte allgemein so. Das heißt, man flüsterte es sich zu. Die
jüngste Prinzessin, Maria, soll eine starke Vorliebe für ihn haben, und sie
vermag alles über ihren Vater. Sie hat Gregor Zülchow einige Male predigen
gehört und ihn auch zu sich befohlen. Sie soll ihm große Avancen machen,
man spricht in der ganzen Residenz davon.«

»Man spricht in der Residenz wohl so gern und viel wie überall«, sagte
die alte Dame leise mahnend. »Doch kann es ja so sein. Der Weg, den
Herr v. Zülchow geht, wird sicherlich nicht der gewöhnliche aller
Alltagsmenschen sein. Er wird viele Abenteuer haben, die ihn »interessant«
machen. Ach, meine lieben, jungen Freundinnen, es ist eine bange Sache um
einen Menschen, der sich also vermißt, mit dem Leben und seinen Gestalten
zu spielen, wie dieser Freiherr und Pfarrer! Denn im letzten Grunde läßt
das Leben doch nicht mit sich spielen!«

Fritzchens Gesicht glühte. Hatte sie es nicht gewußt? Prinzessinnen kamen
und suchten seine Gunst! Ja, wohl war sein Weg nicht der, den andere Leute
gingen. Frau v. Pohles sonstige Randglossen hörte sie nicht. In ihren Ohren
klang es wie süße, rauschende Musik.

»Der liebste aus diesem Rummelshöfer Hause ist mir der junge Leutnant«,
sagte Frau v. Pohle. »Da ist Frische und lebendige Kraft. Der stellt sich
des Lebens Dinge nicht wie Schachfiguren hin, damit beliebig nach rechts
oder links, vor- oder rückwärts zu ziehen. Der lebt seinen Tag als
frischer, unbekümmerter Junge. Der nimmt sich nicht selbst auseinander und
setzt sich wieder zusammen. Der ist aus einem Guß!«

»Ach -- Hans Henning«, sagte Gisela wegwerfend, in dem üblichen Ton, in dem
man gewöhnlich von ihm sprach, von der Mutter herab bis zu den Bekannten
des Hauses und den Reitknechten im Stall.

Frau v. Pohle lachte. »Das ist eine Geschichte zum Händeringen«, rief
sie aus. »Wißt Ihr wohl, woran es liegt? Diesem Jungen schadete die
Nachbarschaft seines glänzenden Bruders! Ihr alle habt, wenn Ihr ihn
ansaht, noch das Blenden im Auge von dem anderen. Ja -- Gregor! heißt es,
und dann ganz sanft und barmherzig: Ach, der Hans! Ich möchte Euch hier
wohl mal ein bißchen eine Predigt halten über Menschen und Menschenwert.
Ich sage Euch, meine Lieben, dieser Herr Gregor, so totenernst, würdevoll,
eisig und alt er aussieht, der versteht das Leben nicht und nimmt es im
Grunde nicht so ernst wie dieser lustige, prachtvolle Schlingel, der Hans.
Der wird seinerzeit verstehen, damit zu ringen und es sich untertan zu
machen. Was dieser künftige Hofprediger damit anfangen wird -- ach ja,
da wird das Zuschauen kein großes Vergnügen sein. Er wird sich daran
vorbeidrücken, denke ich.«

»So denken Sie?« rief Fritzchen mit ausbrechender Wildheit. Sie
zerknitterte ihren Hut, daß das arme Stroh laut krachte und knirschte.
»Ich denke anders! Alle denken anders! Herr Gregor wird sich nie an etwas
vorbeidrücken! Sie haben ihn einmal gesehen, ich kenne ihn, als er noch
Junge war. Er ist der bedeutendste und größte Mensch auf Erden! Ich lasse
kein Wort auf ihn kommen. Ich habe ihn lieber als Himmel und Erde!«

Da war's heraus! Was tat es? Die ganze Welt konnte es hören, daß sie hier
stand, bereit zu leben und zu sterben für ihn.

Sie hatte auch bei ihrem letzten Ruf aufrecht gestanden in der Kutsche,
aber das Rad fuhr über einen Stein, da fiel sie unrühmlich auf ihren Sitz.
Das machte nichts aus. Sie gab noch einen flammenden Satz dazu:

»Ich verlache jede Beschuldigung über ihn!«

»Aber Fritzchen! Wie ungezogen!« rief Gisela entsetzt. »Wie kannst Du so zu
Frau v. Pohle sprechen! Da sehen Sie wieder, wie sie ist!«

»Lassen Sie doch, Kind«, sprach Frau v. Pohle. »Liebes Fritzchen, ich habe
nicht gedacht, Ihr Herz zu kränken. Um Gott, Kind, nein. Sehen Sie einer
alten Frau solche Gedankenspielerei nach. Das Leben wird ja erst beweisen,
was richtig und was barer Unsinn an meinem Geschwätz war.«

»Aber wie kannst Du Deine Neigung so ausschreien!« rief Gisela, noch immer
aufgeregt vor Entrüstung. »Das tut man doch nicht. Du blamierst Dich ja
grenzenlos, Frida!«

»Was kümmert's mich!« entgegnete Fritzchen trotzig.

Frau v. Pohle dachte: Jawohl -- Dich, starkes, junges Herz, kümmert's in
der Tat nicht, ob Du Dich blamierst. Das ist das zweifelhafte Vorrecht
derer, die Dich tadeln. Glückauf, Du freie Menschenseele!

Aber sie sagte das nicht. Für alle ihre Predigten war ihre Zuhörerschaft in
der dunklen Kutsche doch noch nicht reif genug.

Behalte Du nur Deinen Gregor! dachte sie ohne Sorge, solange wie Dein Herz
dieses Bild tragen mag, Du schönes, wildes Kind. Ich traue: eines Tages
siehst Du Dich verwundert um, wo es geblieben ist.



Siebentes Kapitel.


Aber es ist ein undankbares Amt, Prophet zu sein.

Fritzchen schloß ihre Blumenblätter fester um sich zusammen. -- Hier war
eine Gelegenheit, so groß und stark, so weit und sonnig, eine Mutter zu
haben, eine edle Freundin, ein fröhliches und doch weises Herz, stets
aufmerksam und zur Stelle.

Nein, Fritzchen will das nicht. Sie geht in ihre Turmstube und spricht
mit den Wolken, die über das Moor gehen. Das sind ihre Freunde und
Gesellschafter.

Sie gehen massig, grauschwarz, mit hellen, blendenden Rändern. Unten sind
es nur noch ziehende Schneeberge. Sie ziehen vorüber, andere kommen und
ziehen auch. Schon wieder ist das Bild verändert. Die Sonne kämpft mit der
schwarzen Wand, sie kämpft umsonst, sie erlischt. Horch, wie der Wind in
Stößen kommt!

Dies Kind kennt die Wolken wie keines und den Wind ebenso. Ist es nicht mit
ihm um die Wette geritten über die bräunliche Ebene?

Vielleicht ist es Gregor v. Zülchows eigenes Leben, sein kräftigstes,
schönstes Leben, das da mit fliegendem Haar auf der schwarzen Möt über den
Graben setzt hinter dem Böllinger Kreuzweg! Halt fest! -- Oder läßt er es
vorbei?

Nun ja, der Hans muß ja auch etwas haben, wenn er Hofprediger wird!

Gregor steht am Graben neben dem Kreuzweg. Welcher Teufel oder welcher
Engel führte ihn hierher, da der Wind sauste und dies tolle, herrliche Bild
heranführte?

Er stand still, am Fußsteige neben einem Baum.

»Hussa, Möt!«

Er aber war nicht mehr als ein Baum am Wege. Herrin, Königin in diesem
Bilde war sie, die daher kam, sie, die Schwester und Braut des Sturmwinds!

Sie war vorüber, ohne ihn gesehen zu haben!

Wer sieht die Bäume an, wenn er mit den Wolken Haschen spielt? Er stand und
sah ihr nach, der Staub flog hinter ihr auf.

                           *       *       *

Hans Henning kam zu seiner Mutter, die mit Gregor auf der Veranda saß.
Morgen hieß es für beide Söhne wieder scheiden. Hans Henning mußte, Gregor
wollte, so war es schon manch liebes Mal gewesen.

Der Abend dämmerte. Der Himmel stand regendrohend über den Bäumen des
Gartens, sie raunten leise wie in bangem Vorgefühl. So bange war auch
der Baronin zu Mut. Ach, dies immer neue Scheideweh! Und wer hielt des
Scheidenden Herz, daß ihr wenigstens das blieb?

Ja, Gregor lieben, das hieß, täglich sterben. Liebte sie diesen Sohn am
höchsten auf der Welt, so litt sie auch um ihn am tiefsten. Er rächte
unbewußt den anderen, den Übersehenen, den immer matt und halb Geliebten.

Wie war dieses Jüngeren Herz jetzt voll! Stand es nicht auf seiner Stirn
geschrieben, auf seinem Mund, seinen Augen, seinen Händen, in jeder
Bewegung, die er tat? Aber man hatte keine Zeit, diese Ziffern zu lesen. Es
war ja nur Hans!

Die Mutter sprach mit Gregor. Sie tippte an etwas, das auch sie hatte von
fern nur läuten hören, ohne daß er ein Wort darüber verloren hatte: an
seine Hofprediger-Aussichten.

»Gregor -- ist etwas daran? Ist das möglich?«

Wie kalt und stolz blickten die blauen Augen! »Möglich? Ja, Mama. Aber
lassen wir das, Du erfährst jede Tatsache, sobald sie vollendet ist!«

Gewiß, gewiß, sie erfuhr jede vollendete Tatsache. Das war die Speise, die
ihr bester Sohn ihr gab, wenn ihr Mutterherz verhungern wollte.

Hans Henning aber brannte das Herz in der Brust. Ach, er wollte etwas
anderes geben, als eine vollendete Tatsache. Ihn riß es, vor der Mutter
hinzuknien, den Blondkopf in ihren Schoß zu legen. Mutter, bist Du
zufrieden und froh, wenn ich mir das Fritzchen hole?

Leg' mir Deine kühle, weiße Hand auf, Mutter. Ich will reiten, morgen früh,
ehe wir reisen, und das Fritzchen im Garten, oder in der Wiese oder in der
Turmstube suchen und es nach seinen verbrannten Fingerchen fragen. Und dann
auch noch nach etwas anderem. Gib mir einen Kuß, liebe Mutter, ich brauche
sehr viel Mut. Mein kleiner Fritz träumt und fabuliert noch gar soviel, der
merkt noch gar nichts von dem großen wilden Strom. Mutter, Du bist so klug,
sage mir doch, ob es schon Zeit ist, sie aufzuwecken, oder ob es noch zu
früh ist --.

»Lieber Gregor, wenn Du hin und wieder ein klein wenig mehr schreiben
könntest -- ich meine natürlich nur, wenn Du Zeit und Lust hast -- aber
manchmal ein bißchen ausführlicher, weißt Du. Ich kann mir oft so gar kein
Bild von Deinem Leben machen. Nur so manchmal erzählen: Ich war dort
oder dort, und wir haben dies und das gesprochen. Oder von dem, was Dich
innerlich beschäftigt, Gregor, daß ich ein ganz klein wenig teilnehmen
kann --«

Gregor lächelte. Es war ein flüchtiges, durchaus höfliches Lächeln, aber
seine Mutter fürchtete sich davor. Auch jetzt wieder stieg es ihr heiß in
die Wangen.

»So wird es sich schwer machen lassen, liebe Mama. Es fehlt die Zeit und
die Unbeschäftigtheit, auf Deine Ideen einzugehen. Aber ich will möglichst
daran denken.«

Er stand auf und sah über die Brüstung auf den umzogenen Himmel. In der
Ferne wetterleuchtete es. Er dachte an ein anderes fernes Wetterleuchten,
das an ihm vorbeigefahren war, heute am Kreuzweg, wo der breite Graben war.

Hans Henning sagte leise: »Mutter!«

Die fuhr aus schwerem Sinnen auf. »Ja, was willst Du?«

Der Ton der Frage war scharf und klar. Er klang nach einer Antwort wie die:
»Mir fehlt noch Geld, Mutter.« Oder: »Ich brauche noch dies und das, wenn
ich in die Garnison zurückkomme.« Aber nimmermehr nach einer so leisen,
unbeholfenen Bitte: »Mutter, gib mir Rat. Ich bin Dein dummer, kleiner
Junge und weiß nicht, wie ich mein Glück anfassen soll.«

Er war neben sie getreten, auch sie stand auf. Die Luft wehte kühler und
schärfer, sie zog fröstelnd ihr leichtes Tuch über den Schultern zusammen.
Sie war sehr groß, schlank und von stolzer Haltung wie ihr anderer Sohn.

Als Hans nicht gleich antwortete, sagte sie nervös: »Nun, was gibt's denn?
Sprich doch schnell.«

In dem großen Jungen stieg eine jähe Bitterkeit auf. Noch nie hatte er
empfunden wie heute, daß seine Mutter eigentlich niemals Zeit für ihn
hatte. »Sprich schnell!« Ja, so war es immer gewesen. Ihm war ja auch sonst
damit gedient, lang schleppende Auseinandersetzungen waren wahrlich nicht
sein Fach.

Heute abend hätten sie vielleicht doch gepaßt. Oder auch nicht. Vielleicht
hätten drei Worte es getan, aber davon konnte er im voraus nichts wissen.
Doch dazu muß man stillsitzen und Zeit haben. Aber wer hat für ihn Zeit, er
ist ja nur der Hans.

»Laß nur, Mama. Es war nichts.«

Sie sah schon wieder von ihm fort. »Kommst Du mit herein, Gregor?« bat sie.

Der kam von der Brüstung der Veranda, wo er in die Blitze gesehen hatte.

»Das Gewitter kommt nicht herauf«, sagte er in einem beruhigenden Tone.

Wen beruhigte er denn? Die Mutter und Hans hatten andere Dinge im Kopf, als
ein Gewitter, das kommen könnte. Ach ja, es ist ein wunderlich trauriges
Ding um solch einsames Nebeneinander, wo der eine Blitze sieht, der andere
aber in den Blitzen ein schönes wildes Kind, oder wo eine arme Seele stumm
ihr Leid anschaut, und es nicht verstehen kann. --

Hans Henning sah den beiden nach, wie sie durch die Glastüren gingen. Der
helle Schein der Zimmerlampen überströmte sie. Da ging die kurze Bitterkeit
in dem Jüngling unter.

Wem gab er denn Schuld, wenn er nur der dumme, lustige, beiseite geschobene
Hans war? Wollte er mit dem Bruder hadern, weil er größer war, oder mit der
Mutter, weil sie das fühlte und sah?

Such' Dir doch Deine Wege selber, Narr. Wer heißt Dich, noch an der Mutter
Schürzenband zu hängen?

Er blieb auf der dunklen Veranda allein. Die Bäume rauschten stärker,
Träume umfingen ihn. -- Morgen in der Frühe, Du, mein wilder kleiner Vogel,
werde ich Dich da fangen können? O, habe nicht Angst, ich will Dein feines
Gefieder nicht zerdrücken und verletzen. Wie wir gelacht und fabuliert
haben als Kinder, so wollen wir es weiter tun. Weißt Du noch die Schaukel
in Eurem Garten, Fritz? Du wolltest ja immer so gerne fliegen. O, Du mein
Prinzeßchen, ich könnte die Welt zerschlagen, um sie nach Deinem Gefallen
aufzubauen. Und weißt Du noch, wie wir gestern abend die Feuergeister
waren? Liebling, kleiner, Deine verbrannten Fingerchen möchte ich
wiedersehen!

Sieh mal die Blitze da hinten, wie sie den Himmel aufreißen. Wollen wir
hineingehen, Frida? Ach, wie ist das Glück so bange -- ich habe es nie
gewußt.

              --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

»Hans, sage mal, was treibst Du hier draußen! Mama ist schon zu Bett. Seit
einer Stunde sitzest Du hier!«

Hans Henning fuhr auf. »Seit seiner Stunde --?«

»Junge, fehlt Dir etwas? Wie Deine Hände heiß sind! Warum kamst Du nicht
mit herein?«

»Ich -- weiß nicht. Ich habe mich wohl hier verträumt.«

»Hans -- sag mir mal die Wahrheit. Du bist wohl verliebt?«

Sie standen jetzt beide beieinander. Es war zu dunkel, als daß sie ihre
Gesichter sehen konnten. Wie stark der Wind gewachsen war! Es war ein
Sausen und Brausen in den Bäumen des Gartens.

»Ich bin Dein Bruder, mein Junge«, sagte Gregor. »Du kannst Dich mir
vertrauen.«

»Ja!« rief Hans Henning aus. Es war ein Ton des lautersten Frohlockens.

»Gregor -- ich -- siehst Du --«

Nein, es ging doch nicht. Hans sah verzweifelt zur Seite. Wie macht man es
denn, daß man so etwas sagt?

»Es ist wohl Frida Dörfflin, um die es sich handelt«, sagte Gregor in
völliger Gelassenheit.

Hans Henning antwortete nicht, das Herz schlug ihm bis zum Halse. Wie hatte
die Nennung dieses Namens ihn durchschnitten! Wie konnte es nur so unsinnig
weh tun, den Namen so kühl wie geschäftsmäßig nennen zu hören.

Gregor genügte wohl diese stumme Antwort. Er schwieg einen Moment.

»Das Kind!« sagte er dann in wegwerfendem Ton.

Hans Henning schoß das Blut wild ins Gesicht.

»Was meinst Du damit? Ich lasse nicht an ihr rühren.«

»Wer tut denn das?« sagte Gregor nachlässig. »Meinst Du etwa, sie sei kein
Kind mehr? Verstehst Du Dich so wenig auf Menschenaugen? Bei diesem Mädchen
ist alles noch Klarheit, Harmlosigkeit und ein vollständiges Spielen dem
Leben gegenüber. Ich spreche das nicht als Tadel aus, sondern nenne es
einen Vorzug.«

»Ich habe das auch schon gedacht«, murmelte Hans. Da stand er ja mit einem
Male mitten in Frage und Antwort, Bitte und Rat, wie er es sich noch vorhin
so sehr gewünscht hatte. Nur daß es nicht die Mutter war. Aber vielleicht
wußte Gregor noch mehr von diesen Dingen.

»Ich dachte sonst -- ich wollte morgen, vor der Abreise --«, stotterte der
große Junge. »Ich will ja auch gar nichts an ihr zerstören, Gregor. Ich
will ihr gar nicht viel von Liebe vorschwatzen. Nur wissen -- ob sie mein
Kamerad sein will -- diese Ungewißheit, Gregor, die ist ja zu gräßlich --«

Gregor wandte sich ab und ging mit starken Schritten zweimal die Veranda
auf und nieder. Dann blieb er vor Hans stehen, und als er sprach, klang
seine Stimme wie geschliffener Stahl.

»Ihr seid beide noch Kinder. Durchbrich diesen Zustand nicht aus Übermut.
Du schadest ihr und Eurem ganzen Verhältnis, Du veranlassest sie, sich zu
verschenken, ehe sie sich kennt. Glaubst Du nicht, Hans, daß das eine Sünde
an ihrem Geist und Wesen ist? Lerne warten, mein Junge, überlaß diese Sache
der Zeit, bis die Blumen von selber aufbrechen.«

»Ist das so --?« stotterte Hans.

»Ja, Hans Henning, das ist so!« sagte Gregor.

Sein Ton legte sich wie eine eiskalte Hand dem Jüngling aufs Herz. -- Hatte
er vielleicht doch nur nach Hilfe verlangt, um die Antwort zu hören, die er
wünschte?

Oder ahnte sein erwachtes Herz das Schwert in des Bruders weisem und
wohlbegründetem Rat? Seine Lippen bebten, als er sagte: »Ich danke Dir. Ich
will jetzt schlafen gehen!«

Er ging. Die Sporen klirrten leise. In dem erleuchteten Zimmer sah er im
Spiegel sein Bild vorübergleiten. -- »Überlaß es der Zeit --«

Vielleicht hat er recht, und ich handle verrucht, seine Worte zu verachten.
Vielleicht bin ich ein Narr, wenn ich es nicht tue. Ich bin nicht weiter
als zuvor.

Überlaß es der Zeit!

Ja, Du kaltes Herz, Dir steht es wohl an, so zu sprechen. -- Aber hat ein
heißes Herz mehr Recht und weiteren Blick?

Das wird heute eine friedvolle Nacht!

Gregor stand noch draußen. Das Gewitter hatte sich verzogen oder war
landeinwärts niedergegangen. Es blitzte nicht mehr. Nur ein leichter Regen,
durch den Wind hin- und hergetrieben, sprühte durch die Bogenöffnung der
Veranda und tanzte oben auf dem Glasdach. Die Luft war stark abgekühlt.

Er stand eine kurze Weile und sah hinaus. Noch lagen seine eigenen
klingenden Worte ihm im Ohr. »Überlaß es der Zeit, bis die Blumen von
selber aufbrechen.«

              --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Als er nach oben kam, fand er die Verbindungstür nach Hans Hennings
Schlafzimmer geschlossen. Der Knabe grollt, dachte er, weil ich ihm sein
Spielzeug fortnahm. Aber es ist nun einmal so. Ich tat recht, den Fuß
darauf zu setzen. Das alles muß erst werden, und die Zeit ist mächtig.
Gute Nacht, mein trotziger Junge, es kann sein, daß wir uns noch einmal an
dieser Stelle treffen.

Vielleicht! Wer weiß es?

Er legte noch die letzte Hand an seinen Koffer. Den Rock, den er heute
getragen hatte, zog er aus und packte ihn dazu. Dabei nahm er seine
Brieftasche heraus und öffnete sie. Nur eine Kerze brannte auf dem Tische.
An die Fenster trieb der Regen und die seitwärts geschlossenen Läden
klapperten im Wind.

Gregor trat an das Licht und sah auf das Mädchenbild nieder, das er in
Händen hielt. Es war ein feines Gesicht mit nervösem Mund und großen Augen:
Prinzessin Maria, sie hatte es ihm selber geschenkt.

Nun beginnt das wieder! dachte der junge Pfarrer. Ja, die Erde ist weit,
und wir haben Zeit zu vielen Dingen. Aber sie sollen mir alle dem größesten
dienen!

                           *       *       *

Hans Henning hatte nicht aus Groll und Trotz die Verbindungstür zugemacht.
Aber er empfand ein unklares, quälendes Gefühl der Furcht dem Bruder
gegenüber, ein eisiges Widerstreben und Ablehnen, das er früher nie gekannt
hatte. Eine Art Mißtrauen, das er sich dennoch nicht erklären konnte.
Es wäre ihm fürchterlich gewesen, ihn heute noch sehen oder sprechen zu
müssen.

Aber was nun weiter? Er hat gesprochen wie einer, der die Menschen und
Dinge kennt. Ach ja, er wußte immer von jeher Bescheid.

Tue ab diesen miserablen Wust eigenen Wünschens und Parteinahme für Dich
selbst! sagte Hans Henning zu sich und drückte die heiße Stirn an die
beregnete Fensterscheibe. Mach's gefällig ein bißchen klar in Dir, oder Du
bist ein Hund! Es kommt hierbei doch auf das Wohl, das Glück und die Seele
meines kleinen Fritz an -- sonst auf nichts. Und warum wollte ich sie
fragen? Um mich zu beruhigen!

Also gut. Gregor hat recht. Gregor hat recht. Ganz egal, wie's mir eingeht
oder einleuchtet, Gregor und die Vernunft haben recht.

Ach ja. Man muß auch manchmal Steine auf der Brust haben, das wird wohl
nicht anders gehen.

Ich reite also morgen früh nicht. Nein -- nicht. Laß es doch brennen.

Nein, jetzt nicht wieder anders denken. Ruhe!! Ich reite nicht.

Aber eins kann ich doch noch.

Er ging an einen alten Sekretär, schloß ihn auf, und aus dem
hintersten Geheimfach, das wohl sonst schon Gott mochte wissen, welchen
Familiengeheimnissen gedient hatte, holte er ein altes, verblichenes
Kinderbildchen hervor. So hatte der Fritz ausgesehen, als er ihn zum ersten
Male sah.

Hans hatte das Bild in einer Rumpelkammer auf Hohen-Leucken gefunden und
ohne Gewissensbisse gestohlen. Wie zärtlich er es liebte! Es war sein
kostbarster Schatz.

Die Augen sahen etwas trotzig und düster drein. Es war dem kleinen Kopf wie
eine arge Zumutung erschienen, sich so dem Photographen hinzustellen.
Sogar der süße Kindermund schien leise zu zucken. Das Hälschen, die runden
kleinen Arme waren bloß, ein einfaches schottisches Kleidchen hing bis auf
die Knie nieder.

»Damals hast Du die Tasse auch schon übergeschwappt, Fritz!« sagte Hans
Henning.

Er küßte das liebe kleine Bild.

»Leb wohl, mein Liebling. Du mußt noch ein bißchen wachsen. Hörst Du,
Unband, wachse schnell. Sonst halte ich das Warten doch nicht aus.«

Tür an Tür waren sie miteinander, und jeder hielt ein Bild. Der Hans mit
seiner einzigen armen, starken jungen Liebe, dieser Hans, der nicht warten
konnte, der mit seiner wilden, herrlichen Ungeduld rang wie mit einem
durchgehenden Pferde -- und der andere, der durch Blumenbeete ging und zu
den Knospen sagte: Blüht nur erst auf, dann werden wir sehen. Es ist Zeit
da zu vielen Dingen -- --



Achtes Kapitel.


-- -- -- -- Fritzchen saß bei der schwarzen Hede Marusch im Dorf, die im
Bett lag und die Auszehrung hatte. Vor zehn Jahren und mehr hatte sie auf
dem Schlosse gedient, Fritzchens schmutzige Kleider gewaschen und den Boden
auch nicht reinmachen wollen. Sie war gerade so brav und nichtsnutzig,
geschäftig und faul gewesen, wie die anderen Mägde auf Hohen-Leucken auch.
Jetzt hatte sie einen Hofgänger geheiratet, hatte vier lebendige und
zwei tote Kinder, und ging mit eiligen Schritten, als könne sie es kaum
abwarten, dem Sterben zu. Sie hustete sich die arme Lunge heraus, und
Fritzchen hatte Gelegenheit, in ein Bild des Jammers zu sehen, das von
keinem freudigen Strahl erhellt wurde.

Sie kannte aus ihrem trübseligen Dorf diese Bilder von Jugend auf. Da
liefen diese Mädchen und Frauen herum, arbeiteten sich ab, fingen an zu
husten, und dann sahen sie mit heißen, starren, verzweifelten Augen aus
ihren bunten Federkissen heraus.

Solange noch Lebenshoffnung glimmte, waren sie untertänig und voll
schmeichelnder Dankbarkeit gegen ihr junges Fräulein, das sie zu besuchen
und ihnen Erfrischungen zu bringen kam. Alte Frauen erzählten ihr geläufig
von der Engelsgüte ihrer seligen Mutter. Aber wenn die Hoffnung erlosch,
hörte dies alles auf. Dann sah der nackte Menschheitsjammer, dem hoch und
niedrig zu leeren Lauten werden, ihr unverhüllt in das junge Gesicht.

»Wissen Sie noch, Fräulein«, sagte Hede Marusch, »als man mir meinen
lütten Auta begrub? Da habe ich immerfort gebarmt, ich wollt mit. Nee, nee,
Fräulein, man soll sich das nicht wünschen. Das Grab ist kalt, und all die
Leute, die hier schon unter die Erde gebracht sind, machen es nicht warm.
Und gucken Sie mal, die da --« sie wies auf zwei Kinder, die unten am Bett
standen. »Wenn's mir auch noch so warm wäre, davon will ich ja gar nichts
sagen -- aber darum kriegen sie doch eine Stiefmutter -- und es geht ihnen
so, wie der Mine Schulzen ihren Kindern -- --«

Sie brachte die Worte vor lautem Weinen kaum heraus.

Das Fritzchen war einer harten Wirklichkeit gegenüber aufgewachsen, in der
Krankheit, Tod, Verlassenheit, Stiefmutterschaft und alles Elend unserer
armen Erde in dichtgedrängter Fülle saß. Da verlernt man es, oder gewöhnt
es sich gar nicht erst an, schöne Worte zu machen. Man könnte sie ja billig
haben, wenn man sie wollte, und würde sich selbst wahrscheinlich recht
getröstet von dannen heben. Aber Fritzchen war dafür verloren. Sie kannte
hier die Leute, ihr Leben und ihre Leiden zu genau, um nicht zu wissen,
daß Hede Marusch, und ob sie ihr jetzt die süßesten Worte sagte, doch starr
daran festhalten würde, daß ihr Mann sich eine andere Frau nehme, und ihre
Kinder in der Armeleutshütte, in der das Elend die Menschen hart machte,
eine schlechte Stiefmutter und boshafte Stiefgeschwister bekommen würden.

»Arme Hede!« sagte sie. Sie kniete am Bett nieder und streichelte die
magere, weiß-gelbe Hand. »Du hast es schwer auf dieser Erde!«

»Ja, da haben gnädiges Fräulein wohl recht«, klagte die arme Person. »Was
ist's mit uns und unserm Leben? Arbeit und Schläge, wenn wir noch lütt
sind. Arbeit und Sorgen, wenn wir groß sind und Hunger und Krankheit noch
obendrein. Gnädiges Fräulein brauchen nicht weinen, die können wohl lachen.
Da oben im Schloß tanzen und lachen sie, und zu essen ist noch alle Tage
da, und dann haben sie auch nicht den Husten und die Beklemmung, und daß
die lütten Jören dableiben müssen, wenn's nu alle ist. O Gott, o Gott, wenn
ich nur einmal könnte aufstehen, ich wollte arbeiten wie nie! Aber sehen,
gnädiges Fräulein, wie's damit ist: Gebetet hab' ich Tag und Nacht zum
lieben Gott. Aber der hört nicht zu, der hört bloß auf die Reichen.«

Fritzchen kannte das alles: die Bitterkeit, die Anklage, die verstockte
Verzweiflung. Man schifft nicht immer auf Wolken, man kriecht auch ganz
unten und hört das Stöhnen der ärmsten Kreatur. Sie nahm Pastor Baumann
nicht sein Amt ab, Ergebung zu predigen, oder stand ihm dabei zur Seite.

Ergebung! Nein, danach stand ihr bei Gott nicht der Sinn. Es mochte wohl
ein weiches Kissen sein, auf das man sich hinlegt, und die Schmerzen und
Stöße und den Jammer um die eignen kleinen Kinder besser erträgt. Es mochte
wohl ein Helfer sein, der dies Kissen unterschob, der die wilden Klagen zu
bändigen verstand.

Dafür war der Pastor Baumann allezeit gut. Er war selber schon alt und
schwach, und wenn sein Leben auch arm an Ereignissen und großen Eindrücken
gewesen war, so hatte es ihn doch reich und reif gemacht. Da legt man der
armen Kreatur seine Hand auf und sagt: »Glaube nur und ergib Dich. Die
Liebe ist größer als alle Not.«

Für Fritzchen Dörfflin aber war diese erste und letzte Weisheit nichts. Der
alte Pastor war vor einer Stunde hier gewesen, er hatte anders geredet
und gehandelt als das törichte, wilde Kind. Ein Gefäß mit Balsam hatte er
stehen lassen, aber sie warf es mit trotziger Hand um.

»Ja, Hede Marusch, es ist ein verzweifelter Jammer um Dich und
Deinesgleichen! Ich will ja ein Auge auf die Kinder haben, wenn Du tot
bist, aber wieviel hilft das? Ich bin nicht allmächtig und allgegenwärtig,
und ich habe auch nicht viel Geld. Es ist ja auch noch viel andere Not im
Dorf, nicht Deine allein. Was ist das für eine Ordnung in dieser Welt.«

»O Gott, gnädiges Fräulein«, sagte die alte Maruschen, die herangehumpelt
kam. »Machen Sie doch man die Hede nicht wieder aufsätzig. Heute abend soll
sie noch das Abendmahl kriegen. Ach Gott, ach Gott, war haben's ja sauer,
aber wir sollen uns doch man ergeben. Was hilft das Murren? Und stirbt sie
unbußfertig, so fährt sie in die Hölle. Gnädiges Fräulein sind noch jung
und schön, aber wir Alten müssen das bedenken.«

»Das ist feige!« sagte das herrische, junge Menschenkind und richtete
sich mit blitzenden Augen auf. »Aus Angst sich vor dem Mächtigen ducken!
Maruschen, ich sag' Euch: Ich möchte lieber in die Hölle, als mich schlagen
lassen und noch dazu Demut heucheln!«

»O Gott, gnädiges Fräulein!«

»Jawohl, Mutter, Fräulein Fritzchen hat am End' wohl recht! Ich will auch
nicht heucheln und schön tun. Schick zum Pastor, bestell' ihn ab. Ich will
lieber zur Hölle, ich will's nicht gut haben, wenn Wilhelm und Mariek und
die beiden Lütten es schlecht kriegen --«

Sie saß hochauf, ihr fieberisches Gesicht stand in Flammen, die schwarzen
Haare hingen ihr wirr um Kopf und Schultern, die schwarzen Augen brannten.
Sie war von einer schauerlichen, jung-hexenhaften Schönheit. Fritzchen
stand und sah auf ihr Werk, ein Beben durchglitt sie. Sie sagte nichts.

Aber die Alte jammerte: »Hede! Hede!« und die beiden Kinder fingen laut zu
heulen an.

»Heult nicht!« sagte Frida v. Dörfflin mit starker Stimme.

Sie sah sich in dem niedrigen bedrückten Raum um, in dem einem das Atmen
verging, und in dem das Elend hauste. Es würde noch viel nackter hausen,
wenn der fiebernde Leib dort hinten an der Wand starr und kalt sein würde.

Gebt mir erst eine Auflösung zu diesen grausigen Rätseln, und ich will Euch
auch Ergebung predigen! dachte das trotzige Herz.

Sie hat recht, daß sie unter diesen Bedingungen nicht in den Himmel will!

Frida kam wieder dicht an das Bett. »Hede«, sagte sie, »ich habe Achtung
vor Dir, Du arme Seele! Andre Leute werden sagen, Du frevelst, aber ich
sage, Du hast einen großen Mut. Dicht vor dem Tode Rebellion zu machen,
das ist tapfer! Wie es Dir bezahlt werden wird, weiß ich nicht. Vielleicht
bekommst Du wieder Angst, das ist wohl nicht zu vermeiden. Aber das soll
nichts daran ändern, daß ich Dir hier die Hand gegeben habe, Hede.«

Die Kranke faßte mit beiden Händen nach der Mädchenhand, die sich ihr bot.
Ihr abgezehrtes Gesicht glühte unheimlich.

»Ich krieg' keine Angst, Fräulein Fritzchen. Nun ist alles gut. Ich glaub'
auch, daß nach dem Tod alles aus ist. Otto sagt's auch immer. Es wird mir
schon nichts passieren. Mir ist so leicht, daß ich nu nicht immer mehr
beten brauch', während die Lütten doch in Jammer geraten.«

»O Gott, Hede, Hede, besinn' Dich!« jammerte die alte Frau. »Es geht zu
Ende mit Dir! O Gott, gnädiges Fräulein, erbarmen Sie sich!«

»Ich kann mich nicht erbarmen«, sagte Fritzchen.

Draußen fuhr eine Kutsche vorüber, man erkannte sie nicht durch die
beschlagenen Scheiben. Ein regenschwerer Oktobertag war es. Sonst stürzte
alt und jung an die Fenster, wenn ein fremder Wagen vorüberfuhr, heute
wendete kaum das Jüngste der Kinder halb mechanisch das verweinte Gesicht.

»Fräulein Fritzchen, verlassen Sie mich nicht«, schrie Hede qualvoll auf,
als das Mädchen eine Bewegung machte. »Nee, nee, allein bleiben kann ich
nicht! Ich muß die Hand von Fräulein haben, sonst fall' ich. Nee, nee,
hierbleiben müssen Sie --«

Das waren ihre letzten bewußten Worte, von da ab verfiel sie ins Delirium.

Das Schloßkind vom Lande hatte schon vieles sterben sehen, Mensch und Tier,
und manches davon hatte sie sehr lieb gehabt. Keine sorgende Mutter hatte
hinter ihr gestanden, und sie von den schreckensvollen und traurigen
Bildern des Lebens ferngehalten. Aber noch nie hatte sie gesessen wie
heute, mit ihrem kindischen Trotz, mit ihrem tollen Wagemut, der gegen das
Ewige, Unerfaßliche anrennt, als einziger Halt und Hort der geängstigten
fliehenden Seele.

Die heißen feuchten Finger der Sterbenden krallten sich in ihre Hand. Wirre
Worte von Teufeln, Höllenfeuer, von Spuk und Entsetzen schwirrten durch
den Raum. Die Alte lag am Boden und betete, bald zu Gott, bald zu dem
Schloßfräulein.

»Ach, süßestes, gnädigstes Fräulein, helfen Sie ihr doch -- helfen Sie ihr
doch -- erbarmen Sie sich.«

Fritzchen legte der Irren die Hand auf die Stirn, sprach auf sie ein, aber
das Delirium ging weiter, die verkrallten, heißen Finger ließen sie los,
Hede Marusch wußte von ihrer Gegenwart nichts mehr.

Da stand Fritzchen auf. »Ich will Euch zum Trost den Pastor holen«,
sagte sie. »Er kann vielleicht auch der Hede noch helfen. Er hat ein paar
Beruhigungsmittel in seiner Apotheke.«

»Lebe wohl, meine arme Hede!«

Sie stolperte durch den halbdunklen, lehmgestampften Hausflur, in dem Kraut
und Kartoffeln lagen, und stand draußen. Es regnete jetzt nicht. Still,
tot und feuchtschwer war die Luft. Auf der Dorfstraße lag das letzte nasse
Laub.

Fritzchen trug einen kurzen Rock, in dem sie gewöhnlich zu Pferde saß, ein
rundes Mützchen und eine alte braune Jacke. Ihre Wangen glühten, ihr war,
als habe sie mit dem Gott da droben um eine arme Seele gerungen und habe
obgesiegt.

»Was nun aus ihr wird? Gleichviel. In den Himmel wäre sie sowieso nicht
gekommen mit ihrer elenden Heuchelei.«

Sie ging die öde Straße entlang zwischen den kleinen Häusern und bog um die
Gartenecke, hinter der das Pfarrhaus lag. Hier hörte der holprige Steindamm
auf. Im aufgeweichten Wege vor dem Gattertor hielt eine Kutsche. Sie mußte
erst zweimal hinsehen, ehe sie begriff: es war Rummelshöfer Livree, es
waren die Rummelshöfer Rappen.

Sie erblaßte vor Schreck. Wer war hier? Jetzt, zu dieser Jahreszeit, und
bei dem Pastor? -- Der Kutscher grüßte sie, sie brachte die Frage nicht
heraus, die ihr in der Kehle würgte. Einen Moment riß es an ihr, umzukehren
und davonzulaufen, sie fühlte sich plötzlich so unfähig, ein Gesicht
und vielleicht gar das eine, aus diesem Hause zu sehen. Ihre ganze am
Sterbebett gerüttelte und durchglühte Stimmung paßte jetzt nicht zu solchem
neuen Eindruck.

In einem Gefühl der Schwäche und Abwehr lehnte sie sich an die Gartenmauer.
Von den Zweigen fielen ein paar naßkalte Tropfen in ihr Gesicht. Sie dachte
an Hede Marusch. »Ich muß die Arznei holen«, sie straffte sich, öffnete das
Holzpförtchen, ging durch den kleinen zerzausten Vorgarten und ins Haus.

Seit einiger Zeit hatte Pastor Baumann die große Kuhschelle, die an der
Haustür hing und ohrenzerreißend gellte, sobald jemand die Schwelle betrat,
abnehmen lassen. Er war hinfälliger geworden und konnte den Lärm nicht mehr
vertragen. Fritzchen wußte das noch nicht. Als der Lärm ausblieb, wurde ihr
unheimlich, fast gespensterhaft zu Mute. Sie fürchtete sich vor dem Hall
der eigenen Schritte. Auf Fußspitzen schlich sie und klopfte an.

»Noch nicht«, sagte des Pastors Stimme drinnen. »Setz' Dich auf einen Stuhl
und warte ein Weilchen.« Er glaubte wohl, es sei ein Gemeindekind.

Aber dem Schloßfräulein kam diese Verwechslung recht. Sie setzte sich auf
einen Brettstuhl, unweit der Tür, strich das nasse, wirre Haar glatt und
wartete.

Drin klangen Stimmen. Die eine, das war die von Herrn Gregor.

Es berührte sie kaum. Ihr war, als habe sie das erwartet, als könne es
auf der Welt überhaupt nicht anders sein, als daß draußen die Rummelshöfer
Kutsche stände, sie hier auf dem Brettstuhl säße und drinnen Gregor sprach.

Wie lange? Ja, wer konnte das wissen. Frida Dörfflin wenigstens hatte jeden
Maßstab für die Zeit verloren. Es war ja das Schönste im ganzen Leben so:
still dazusitzen, müde, halb im Traum und dem Hall der Stimme zu lauschen,
die die herrlichste auf der ganzen Erde war. -- --

Irgendwo klappte eine Tür, des Pastors Mamsell stand plötzlich da. Eine
Frau hatte er schon längst nicht mehr. Sie blieb mit offenem Munde stehen,
als sie Frida sah.

»Herr Gott, das Fräulein vom Schloß! Und hier im Flur! Und so kalt!
Herrjeh, weiß denn der Pastor das?«

»Still, Reuter! Es ist jemand drin.«

»Und wenn auch! Und wenn auch der Kaiser! Das gnädige Fräulein darf hier
nicht so sitzen. Drüben ist man bloß nicht geheizt. Nee, das geht aber ganz
und gar nicht.«

Sie war schon an der Tür, mit Eisenfäusten schlug sie daran. »Herr Pastor!
Fräulein v. Dörfflin sitzt hier draußen und wartet. Im Flur! Machen Sie
doch man bloß auf!«

Fritzchen war empört zugesprungen, aber es war schon zu spät. Alles war
jetzt das Werk eines Augenblicks. Ein »Ach!« von innen, ein eilfertiges
Heranschlurfen, Aufriegeln, Aufstoßen der Tür. -- »Aber Fritzchen, daß Du
es bist, ahnte ich ja nicht --« Das Auftauchen eines Gesichts, eine Gestalt
im Hintergrund, vom Sofatisch her -- --

»Das ist die Schuld von der Reuter«, sagte Fritzchen in trotzigem Ton. »Ich
kann und will noch warten --«

»Meinetwegen auf keinen Fall«, sagte Gregor v. Zülchow und stand auf. »Wir
sind ohnedies fertig. Es tut mir außerordentlich leid, gnädiges Fräulein.«

»Komm herein, liebes Fritzchen«, sagte der alte Herr.

Es war eine seltsame Stimmung im Raum. Gregors Gesicht war bleich und hatte
einen finstern Ausdruck. Der Pastor sah rot und sehr erregt aus.

»Was wolltest Du von mir?« fragte er.

»Geben Sie mir beruhigende Tropfen für Hede Marusch mit«, sagte Fritzchen,
immer noch in demselben, etwas steifnackigen Ton, in dem sie angefangen
hatte, zu sprechen. »Sie ist jetzt ohne Besinnung und wird wohl sterben!«

»Ach, Kind, warst Du bei ihr? Das ist gut von Dir. So schnell geht es mit
ihr zu Ende? Ich wollte ihr heute noch das Abendmahl geben, dann will ich
doch lieber gleich --«

»Sie will es nicht mehr, selbst wenn sie bei Bewußtsein wäre«, sagte
Fritzchen mit klingender Stimme. »Vielleicht fordert sie es sich noch in
der Angst, aber was hat das für Wert! Was hat dies Ducken, Betteln und
Winseln überhaupt für Wert!«

»Frida!« rief der alte Herr in großer Bekümmernis. »Ich will nicht glauben,
daß Du so zu ihr gesprochen hast.«

»Doch!« rief das wilde Kind. Ihre roten Lippen zuckten vor Kriegslust.

»Das hast Du getan? Und gerade bei der? Meine ganze schwere Arbeit wieder
zerstört? O Kind, Gott vergebe Dir Deine Unwissenheit und Deinen Trotz
und Deine fürchterliche Vermessenheit. -- O sieh, mir fehlen die Worte für
Dich! Und das unglückliche Geschöpf, das Du in die Verdammnis getrieben
hast, und das Dich verklagen wird vor Gottes Richterstuhl --«

»So sagen Sie mir das eine!« rief Frida in ausbrechender Heftigkeit, »warum
Gott sich immer nur Sklaven wünscht und lieber eine geheuchelte Demut will
als eine gerade und offene Rebellion?«

Ihre Worte klangen und verhallten, dann wurde es seltsam stumm im Raum. Der
alte Pastor griff hinter sich an eine Stuhllehne, als müsse er sich halten,
und tappte sich mühsam bis zu dem Rohrsessel vor seinem alten gelben
Schreibtisch. Er kehrte sein Gesicht Herrn v. Zülchow zu, der stumm dem
wunderlichen Auftritte zugesehen hatte.

»Das ist es, was ich hinterlasse --«, sagte er in gebrochenem Ton. »Das
habe ich als Resultat meines ganzen Lebens erreicht. Jetzt seh' ich's:
ich war immer ein unnützer Knecht. Sie werden mehr erreichen mit Gottes
Hilfe --«

Er bedeckte das Gesicht mit der Hand, und es schien, als ob er schluchze.

Gregor v. Zülchow sah das Kind an, das den Jammer dieses Greises
verschuldet hatte. Wie es dastand, war es zugleich schön und wild, ein Bild
des rücksichtslosen Lebens.

»Seien Sie doch nicht betrübt«, sagte sie. »Sie haben hier das ganze Reich
erobert und Gott zu Füßen gelegt. Die Kirche ist immer voll, die Leute
beten und glauben Ihnen alles aufs Wort. Was tut da ein schwarzes Schaf!
Verdammen Sie es, aber seien Sie nicht plötzlich so verzweifelt. Herr
v. Zülchow, helfen Sie ihm!«

»Das ist das Ende. So ist das Ende --« murmelte Pastor Baumann.

»Seit wann wollen wir denn glänzende Früchte sehen?« sagte der junge
Hofprediger. Es war ein herber Ton in seinen Worten. »Kampf ist unser
Weg, und auch das Ende ist kein Friede. Wollte ich ein vollkommenes Erbe
antreten, ein geglättetes Reich? Legen Sie ruhig Ihr Handwerkszeug aus den
Händen, Sie haben getan, was Sie konnten, und ich werde tun, was ich kann.«

»Ja -- ja -- ich danke Ihnen --«, sagte der alte Pastor. Er strich sich
über Stirn und Augen, dann griff er in ein Fach zur linken Hand. »Hier,
Frida. Die alte Marusch soll der Hede davon jede Viertelstunde sechs
Tropfen geben. Jede Viertelstunde sechs Tropfen. Aber gib's nur ab, halte
Dich dort nicht mehr auf. Es ist nicht gut, ich verbiete es Dir. Ich will
mir nur Stiefel und den Talar anziehen, dann komme ich hin. Sag' den Leuten
das. Nun geh. -- Versprichst Du mir, so zu tun?«

»Ja.«

Er hielt ihre Hand fest, die sich nach dem Fläschchen streckte. »Lebe wohl,
Fritzchen. Armes Kind. Du hast keine Mutter gehabt. So wild aufgewachsen
wie ein Füllen, nicht wie eine kostbare Seele, die behütet werden muß. Lebe
wohl, ich kann Dir jetzt nichts mehr sein. Ein andrer wird mir diese Sorge
abnehmen. Nun geh. Die Zeit drängt, sie drängt, sie drängt --«

»Ich werde mitgehen«, sagte Gregor. »Für heute leben Sie wohl, Herr
Pfarrer, und vielen herzlichen Dank. Auf Wiedersehen, es ist ja noch
manches zu erledigen.«

»Auf Wiedersehen!« sagte der alte Mann.

Draußen im Vorgarten sagte Gregor: »Wollen wir hinauf fahren? Ich muß noch
zu Ihrem Herrn Vater. Oder gehen Sie lieber?«

»Ich gehe lieber«, sagte Fritzchen. »Ich muß Luft haben.«

»Wo wohnt die Kranke, von der Sie sprachen?«

»Bald um die Ecke herum, das fünfte Haus.«

»Tragen Sie öfter die Fackel der Empörung in die Sterbestuben?« fragte er
spöttisch.

»Es war das erste Mal, aber vielleicht nicht das letzte.«

Er blieb einen Augenblick stehen und sah sie an. Das rotbraune Haar hing
ihr schon wieder über die Schläfen und über die Ohren. Die Wangen blühten,
das ganze Bild in der braunen Jacke, dem kurzen Rock, den derben Stiefeln,
blühte.

Du bist bizarr und rebellisch, dachte er, aber Du bist voller Kraft und
Leben wie der Sturmvogel über dem toten Moor!

»Wenn es wieder geschieht, werden Sie einen anderen Feind finden, als den
guten alten Herrn da hinten im Schlafrock.«

»Wen denn?« fragte sie mit einer aufblitzenden Ahnung im Gesicht.

»Mich -- wenn Ihr Vater nicht nein dazu sagt.«

»Wie kann das geschehen?«

In der Stube des Pastors war es dämmerig gewesen, hier sah sie im fahlen
Tagesschein ihm zum ersten Male ins Gesicht. Es war verändert in den kurzen
Monaten seit dem Sommer, es sah schärfer und älter aus mit harten Linien.

»Was ist geschehen?« rief sie mit plötzlicher Angst.

Er lächelte flüchtig. Dir, Du wildes Kind, soll ich hier auf der Dorfstraße
erzählen, was mir geschehen ist? dachte er. -- Aber bei Gott, ich glaube,
ich erzähle es Dir früher als all den anderen Leuten, die mir mit dem
verbrieften Recht auf Vertrauen zu Leibe gehen.

»Hier wohnt die Hede Marusch«, sagte Fritzchen.

»Ich will Posten stehen, damit Sie gleich wieder herauskommen«, sagte er
lächelnd.

Im Hausflur hörte sie schon das wüste Schreien der armen Hede. Sie stand
in der Stubentür und sah einige Augenblicke den Todeskampf mit an. Wie eine
starke Woge stürzte sich alles über ihr Herz. Der Tod hier drinnen und das
Leben da draußen --

Sie kam wie schwindelnd heraus.

Der junge Geistliche bot ihr seinen Arm. »Wollen wir nicht lieber doch
fahren? Es geht ja nun gleich so stark bergan.«

»Nein, nicht in die Kutsche, das ist so eng.«

Ja, Du brauchst viel Raum, Du unbändiger Vogel! dachte er. -- Aber siehe,
ich brauche ihn auch und muß und kann ihn doch entbehren. --

So führte Gregor v. Zülchow das Fritzchen Dörfflin am Arm durch das
Steintor in ihres Vaters Hause.

                           *       *       *

Die Kutsche fuhr fort. Herr v. Dörfflin ging ins Wohnzimmer, fand dort
niemand, fragte nach Gisela und Fritzchen. Die eine sollte in ihrem Zimmer
sein, das nach dem Garten lag, die andere hatte man in die Turmstube gehen
sehen. »Holt sie her.« Gisela kam, Fritzchen nicht. »Warum nicht, Jakob?«
»Sie will nicht«, sagte Jakob. Er war immer für das Prägnante und alt
genug, sich das zu leisten.

»Was willst Du uns denn sagen, Papa?« drängte Gisela. Sie hatte in einem
ganz entlegenen Winkel des weitläufigen Hauses gesessen und von dem
aufregenden Besuch erst eben durch Jakob gehört.

»Nein, Fritzchen muß dabei sein«, beharrte Herr v. Dörfflin mit seinem
rötesten und eigensinnigsten Gesicht.

Herr Gott im Himmel! dachte Gisela, plötzlich wie entgeistert. Was kann das
sein -- hat Gregor Zülchow vielleicht wegen Fritzchen --

Ihr wich das Blut aus dem Gesicht.

»Na --«, sagte Herr v. Dörfflin mürrisch -- »dann will ich mal nach oben
klappern und dem dummen Balg meine Meinung sagen. Das sind mir ja neue
Moden! Kinder müssen gehorchen, und wenn's durch Feuer und Wasser geht. Na
-- ich werd's ihr schon einfüllen!«

Eine mühselige Steigerei über die enge krumme Treppe. Alle Augenblicke
blieb er stehen und pustete. Donner, und hier war er doch in früheren
Jahren wie ein Jagdhund auf und ab gerannt. Ja, ja, man wird immer älter
und dicker und jedes Jahr geht's schwerer und hat weniger Zweck.

Als er ganz oben war, war's gar zu Ende mit seinem Selbstgefühl. Er hatte
vergessen, daß er dem Fritzchen das vierte Gebot einpauken wollte.
Ach Gott, dies bißchen kümmerliche Leben! Wozu schleppt man nur diesen
ungefügen Ballen, der nicht einmal die Turmstiege hinauf kam, noch immer
durch die Welt?

Fritzchen hatte das Pusten und Poltern gehört, sie stand schon in der
offenen Tür ihres Schlafstübchens, zu dem noch eine weitere Stiege über die
Schulstube hinaus führte.

»Papa, Du kommst hier herauf?«

»Na, was soll ich denn sonst. Laß mich doch die Stiege steigen, denkst
wohl, ich kann's nicht mehr. Wollt Euch nur sagen -- puh --«

»Setz' Dich doch, Papa.«

»Ach was. Wollt Euch sagen, der Zülchow -- der war eben hier -- komische
Geschichte -- will hier -- hier im Dorf Pfarrer werden -- na meinetwegen
mag er, wenn Baumann einpacken will --«

»Papa!« Gisela war im Ernst besorgt um seinen Verstand. »Du machst doch nur
Spaß. Der Freiherr v. Zülchow ist Hofprediger -- Du weißt doch --«

»Was geht's mich an. Weiß der Kuckuck, was da für Geschichten brodeln. Er
will hier Hals über Kopf Pastor werden. Nee, nee, Gisela, ich bin nicht
verrückt, wenn Du mich auch so anguckst. Er mag's vielleicht sein. Na,
meinetwegen, ich geh doch nicht in die Kirche, ist mir zu feucht, hab'
ohnedies das Reißen. So -- das war's. Nun kann ich ja wieder 'runter.«



Neuntes Kapitel.


Die Kutsche fuhr in die Rummelshöfer Einfahrt. Der alte Brunswig, der
Diener, stand draußen. »Der Herr Baron möchten doch gleich zur Frau Baronin
kommen.«

»Ja, ja, ich weiß.«

Er war erst heute morgen nach nächtlicher Eisenbahnfahrt hier angekommen
und hatte sich dann gleich den Wagen nach Hohen-Leucken bestellt.

Nun kam wieder eine bittere Pille, die Aussprache mit der Mutter. Ihm
graute davor.

In ihrem Zimmer, das von hundert Erinnerungen und leisen Huldigungen für
ihren vergötterten Sohn voll war, erwartete sie ihn. Auf dem Schreibtisch
lag -- vielleicht absichtlich? -- noch die Depesche, in der er vor etwa
acht Wochen ihr seine Ernennung zum Hofprediger mitgeteilt hatte.

Unfähig, auf einem Sitz zu verharren, mit verkrampften Händen, nach Luft
ringend, ging Frau v. Zülchow auf und ab, ein entsetzlicher, elender
Anblick.

»Gregor! sitze da nicht wie ein Stein. Gib mir Auskunft, Du bist es mir
schuldig. Sage mir, warum dies alles, und wie es kam?«

»Laß es Dir von der Welt erzählen, Mutter. Sie weiß es vielleicht besser
als ich.«

Da blieb sie stehen, flammenden Gesichts. »O Du! Von der Welt erzählen!
Jawohl, an die hast Du mich oft genug verwiesen! Von der Welt und ihrem
Geschwätz mußte ich mir Kunde holen über Dich und Dein Leben. Gregor --
es war oft zum Wahnsinnigwerden, aber ich habe es getragen. Ich habe
meine Liebe nicht anfechten lassen von Bitterkeit und fortwährenden
Entsagungsschmerzen. Ich wußte Dich glücklich und nahm still das geringe
Teil, das Du für mich abfallen ließest. -- Aber das war zur Zeit Deines
Glücks und Hochgangs. Jetzt -- da plötzlich alles zusammenbricht, da
Du kommst und mir sagst: Mit dem Glanz ist es aus, ich werde Pfarrer im
Moordorf da drüben -- da selbst schiebst Du mich, Deine Mutter, beiseite.
Frage die Welt! Gregor, das ist empörend! Hier, ich, ich habe Dich geboren
und aufgezogen mit unendlicher Liebe, ich habe Dich auf Händen getragen,
verwöhnt, überschüttet -- ich habe --«

»Laß das, ich weiß es alles«, sagte Gregor und stand auf. Es war ein
gequälter Zug in seinem Gesicht. »Glaubst Du, ich habe nie gesehen, daß ich
Dein Schoßkind war? Wir, Deine Söhne, wir wissen es alle beide. Ob es recht
oder falsch war, kann und mag ich nicht untersuchen. Darauf kommt es jetzt
auch gar nicht an. Hast Du meine Zurückhaltung zu Zeiten meines Glückes
ertragen, so sollte doch der Wechsel der Tatsachen nichts daran ändern. Was
daran zu wissen ist, weiß alle Welt, wozu es noch erörtern, es macht mich
überdrüssig und krank. War in Deiner Liebe ein so fester Grund, daß Du mir
vertraust, auch hier meinen und unseren Namen reingehalten zu haben, so
wirst Du die guten und die schlechten Gerüchte von selber auseinander
halten können. Wenn nicht, so ist diese Liebe ein schwankender Grund und
keines Rühmens wert.«

Sonst hatte die Kälte seines Wesens sie bezaubert, trotz des Leidens, das
sie ihr auflud. Heute reizte sie sie nur.

»Genug der Worte!« rief sie außer sich. »Ich will keine Predigt von Dir,
wenigstens heute nicht. Du bist mir schuldig, mir Rede zu stehen. Bei
Deiner Kindespflicht und Mannesehre rufe ich Dich an. Ich stehe auch im
Namen Deines Vaters hier. Ja -- überdrüssig mag es Dir wohl sein, aber ich
kann Dir diesen Überdruß nicht ersparen, mein Sohn!«

Sie war so schön und hatte eine solche große, stolze Gestalt, daß auch
dieser Zorn- und Grollausbruch einen majestätischen Anflug hatte. Aber um
Gregors Mund ging ein leises, böses Zucken. Innerlich lachte er verächtlich
über das, was er als Komödie empfand, um eine mütterliche Neugier,
Eifersucht und Empfindlichkeit zu bemänteln.

Er lehnte sich an das Fensterbrett und kreuzte die Arme. »Gut, Mama, wenn
Du es so wichtig nimmst, will ich Dir antworten. Was wolltest Du erfahren?
Ohne Zweifel weißt Du schon das meiste.«

»Ich weiß nichts«, sagte sie und setzte sich in einen Lehnstuhl. Mit einem
Tüchlein trocknete sie das brennende Gesicht, kühlte die heißen Augen. »Es
handelt sich um die Prinzessin Maria, nicht wahr, Gregor?«

»Ich denke«, sagte er kühl.

»Ihr wart -- viel zusammen --? Ihr -- hattet miteinander ein -- ein -- eine
Verständigung?«

»Ich weiß nicht, was Du damit meinst. Sie ist ein kluges und feines
Mädchen, wir haben über des Lebens größeste Fragen miteinander gesprochen.
Dann kam auf ihrer Seite das Persönliche. Sie war ein verwöhntes Kind.«

Er schwieg wieder. Seine Mutter sah nicht, daß sie ihn quälte. Auch ihm war
unter diesen Trümmern ein Reich begraben worden, das wohl größer war, als
sie je ermessen konnte. Aber sie stieß und zerrte ihn weiter.

»Hast Du ihr -- Gregor -- hast Du ihr von Liebe gesprochen? Ging es
soweit?«

»Mutter --«, sagte er mit eiskalten Augen. »Dieses sind Fragen, deren
Beantwortung Du in besserer Stunde selbst verurteilen würdest. -- Verzeih
mir, aber ich würde Dich und mich erniedrigen, wenn ich über den Inhalt
jener Stunde plaudern könnte. Wenn Du noch weiteres willst, so ist es dies:
die Prinzessin hat ihrem Vater selber Mitteilung gemacht. Nicht als Buße,
sondern in einer törichten Hoffnung. Dann kam ein Sturm, der sehr kurz und
stark vorüberbrauste. -- -- Es haben oft in einem Konflikt alle recht, aber
einer muß die Zeche bezahlen. Das ist nun einmal so.«

»Und der eine mußtest Du sein!«

»Gewiß. Übrigens trägt hier doch jeder seinen Teil.«

»Und jetzt gehst Du als armseliger Dorfpastor unter das Patronat dieses
Dörfflin? Gregor, Du warst nie unüberlegt, aber dies ist unermeßlich
überstürzt. War es Dir so schnell um eine andere Stelle zu tun?«

»Ja!« sagte er.

Eine bange, schwere Pause trat ein, sie sah ihn an und erschauerte.

Du, mein Sohn -- dachte sie -- jetzt habe ich an Dir gerissen, wie nur
eine verzweifelte Mutter es vermag. Was hat es genützt? Tropfen hast Du in
meinen leeren Becher fallen lassen: Da stehst Du und siehst an mir vorbei
ins Leere. War es die Wahrheit, was Du sagtest? Oder ein Teil der Wahrheit
-- oder vielleicht nur ihr Schein?

Und muß ich mich hier vor Dir winden im irren Fragen, Forschen, Verzweifeln
und hoffnungslos in Dein Gesicht sehen?

Bin ich dazu Mutter geworden?

                           *       *       *

Die Dinge nahmen ihren schleunigen Lauf. Pastor Baumann verabschiedete
sich von seiner Gemeinde. »Es ist gut, Kinder, daß ich gehe. Einen zweiten
Winter auf Eurem windigen Kirchhof überstände ich wohl nicht mehr. Und ich
muß noch ein Weilchen leben bleiben mit meiner Pension und meinen Kindern
aushelfen. Es ist ganz gut so. Ihr kriegt einen vornehmen, gelehrten
Pfarrherrn. Nehmt Euch die Ehre nur recht zu Herzen und gebt ihm keinen
Anlaß zum Tadeln. Die arme Hede Marusch wird wohl die Letzte gewesen sein,
die ich unserem allbarmherzigen Vater in die Arme gelegt habe.«

Ihm zitterte die Stimme und das rauhstopplige Kinn nun aber doch, wenn er
von Haus zu Haus ging und Abschied nahm. Ein paarmal sah er sich um und
schüttelte den Kopf, wie einer, der nicht begreift. Durch diese niedrigen
Türen soll der gehen?

»O nee, o nee --« sagten die Leute, »dat ward jawoll nu all verkiehrt!« Sie
kamen sich vor wie verraten und verkauft. Mit tausend Tränen ward dem guten
alten Pastor, der schon die bejahrten Leute bei ihnen eingesegnet hatte und
jedes Leben ein- und ausgeleitet hatte, das Lebewohl gegeben.

Nun war das altvertraute Pfarrhaus unter den entblätterten Ahornen und
Lindenbäumen leer. All der klapprige liebe alte Hausrat war auf ein paar
Leiterwagen zum Dorf hinausgefahren. Herr v. Dörfflin schickte Maler,
Tapezierer, Glaser, viel beflissene Hände, die sich Pastor Baumann in
seiner langen Amtszeit auch wohl manch liebes Mal gewünscht hätte. Hier das
Loch in der Diele, über das man immer stolperte, dort das schadhafte Dach,
in das Regen und Schnee trieb, die abgerissenen Tapeten, die rauchenden
Öfen, die schiefe Gartentüre, das zerbrochene Fensterglas im Schlafzimmer,
alles ward gründlich repariert. Die verblichenen und abgetretenen Farben
wurden erneuert, es roch bis auf die Straße hinaus nach Lack, Terpentin und
vielen hoffnungsvollen Dingen. Bis in die tiefe Abenddunkelheit hinein
ging das Klopfen, Hämmern und all das vielfältige Geräusch neu aufbauenden
Lebens.

Dann kam das Fräulein vom Schloß, Fräulein Fritzchen, und ging durch alle
Stuben, in Boden und Keller. Sie trug den kurzen Reitrock, ihr rundes
Mützchen und ihre alte braune Jacke. Wie ein Feldherr ging sie von Raum zu
Raum, übersah, was noch mangelte, gab knappe Befehle, und alles an ihr war
Licht und Klang.

»Paß up!« sagte ein Maurer zum andern. Sie sahen ihr nach und blinzelten
sich zu.

-- -- Nun aber war es schon November geworden, und der erste Schnee war
gefallen. Es waren Gregors Möbel gekommen in einem großen geschlossenen
Möbelwagen aus der Residenz. Die ganze Dorfbewohnerschaft hatte
sie staunend umstanden. Dann war in der Kutsche die Baronin Zülchow
vorgefahren, hatte auf die respektvollen Grüße nicht gedankt, nicht
gelächelt, einen alten Diener hatte sie bei sich, dem sie in Eile angab,
wie sie die Möbel gestellt wünschte, er schrieb beständig auf, während
sie sprach. Dazwischen hatte sie sich stumm, mit verbissener Lippe in den
Räumen umgesehen. Dann war sie wieder gefahren, und die Aufstellung hatte
begonnen. Es war auch ein Dienstmädchen eingetroffen, eine ältere, tüchtige
Person, Frau v. Zülchows bestes »Stück.« Wenn es nach ihr gegangen wäre,
hätte sie ihrem Sohn einen ganzen Stab von Dienerschaft mitgegeben, aber es
ging nicht nach ihr.

Am Ende November, als der Abend fiel, kam der neue Pfarrherr im offenen
Wägelchen. Sein eigenes ehemaliges Reitpferd war davorgespannt. Die wenigen
Leute, die dies beobachteten (denn der dichte Schnee machte das Geräusch
der Räder fast unhörbar), dachten, er würde das Gespann behalten, es
war Stallung genug da von einer, früher mit der Pfarre verbundenen
Ackerwirtschaft her. Aber der Wagen kehrte gleich um und fuhr wieder
zurück.

Gregor stand auf der Schwelle der Gartentür, und mit einem langen
Blick umfaßte er das graugelbe Häuschen, den kahlen Garten, in dem eine
Schneedecke lag, die schweren Wolkenschichten, die sich darüber türmten.
Alle Fenster waren dunkel, kalt und unwirtlich sah ihn seine neue Heimat
an. Nur hinter der einen Scheibe zur rechten Hand glühte es, wie ein
kleiner Feuerschein im Innern.

Er stand lange still, obwohl ihn fröstelte. Dann schüttelte er die
Schultern, als schüttle er etwas ab, und trat ins Haus.

Dunkel und kalt. Er hatte es ja nicht anders gewollt, nicht einmal dem
Dienstmädchen seine Ankunft gemeldet. Nicht mit Pomp sollte dies neue Leben
wieder anfangen, davon war viel und zuviel dagewesen.

»Hier rechts die Amtsstube, sie wird erwärmt sein.« Er klinkte die Tür auf.
Im Ofen bullerte wirklich das Feuer, das Eisentürchen stand auf, eine junge
Gestalt im runden Mützchen kniete davor und stocherte in den Flammen.

»Justine, nun brennt's«, sagte sie. »In einer halben Stunde schrauben Sie
zu, dann wird es hier warm.«

»Ich danke Ihnen, Fräulein v. Dörfflin«, sagte der Pfarrer.

Sie fuhr herum. »Sie sind's? Ja, wie kommt denn das? Heute schon? Und alles
ist noch kalt!«

Sie war aufgesprungen. -- Das ist nun doch ein Willkommen geworden! dachte
er.

»Ich habe Sie auch gar nicht kommen hören«, sagte sie.

»Das macht der Schnee«, gab er zur Antwort.

»Ich begrüße Sie hier!« sagte sie mit einer schönen Feierlichkeit, und
reichte ihm die Hand, die noch ganz heiß vom Ofenfeuer war.

»Danke, Fräulein v. Dörfflin.« Er fühlte, wie das stürmische Leben bis in
die Fingerspitzen hinein in seiner kalten Hand glühte.

»Aber warum bemühen Sie sich um meinen Ofen?« fragte er in demselben herben
Ton, den sie schon einmal von ihm gehört hatte.

»Weil es mir Freude macht«, sagte sie einfach.

Du freies Seelchen! dachte er staunend.

»Jetzt soll Justine mit der Lampe kommen und den Tisch decken!« rief sie
voller Eifer. »Es ist noch nicht alles so, wie es müßte, aber es wird schon
gehen. Ich freue mich so, daß ich heute schon auf den Gedanken kam, zu
heizen, sonst wäre hier alles finster und eisig gewesen.«

»Ja, das hatte ich mir eigentlich so ausgesucht«, entgegnete er. »Aber es
geht auch so!«

Sie konnte seine Züge nicht mehr erkennen, aber in seiner Stimme lachte es,
das machte sie selig.

»Leben Sie wohl, Herr Pfarrer. Ich sage es im Vorbeigehen der Justine.«

Ihm schwebte es auf den Lippen, ihr zu sagen, ihm bei dem Abendessen
Gesellschaft zu leisten. Sie war ja doch der freie Vogel hier im Schloß und
Dorf -- sie war keine Prinzessin mit einem Krönchen im Haar, das ja
nicht verschoben werden durfte. Sie hatte ihm den Ofen geheizt und weder
gezittert, noch sich geschämt, als er sie ertappte.

Solch ein frischklares junges Kind, das tat gut nach all den wirren
schwülen Tagen.

Warum sollte sie nicht mit an seinem Tisch sitzen, dieses freie Herz?

Ja, der Vogel war wohl frei, aber der Jäger nicht.

Er ließ ihre Hand los. »Auf Wiedersehen und Dank.«

»Gute Nacht, Herr Pfarrer.«

Sie war schon in der Tür, da wandte sie sich noch einmal um. Ihr Gesicht
war jetzt ganz unkenntlich in der Dunkelheit, aber ihre Stimme klang
schwer.

»Es ist für Sie -- kein leichter Tausch. Ich weiß nicht, wie es Ihnen sein
wird. Sie müssen so viel vermissen, nicht nur im Hause, sondern auch in
der Gemeinde. Unsere Bauern sind sehr dumm, und sie sind durch alle die
Krankheiten auch sehr heruntergekommen. Und Sie waren immer so verwöhnt.
Ich kann das ja nicht durchsehen, aber es ist gewiß viel Stärke nötig --«

»Ich bin ein Diener der Kirche!« sagte er mit starker Stimme und mit
jener klingenden Kälte im Ton, die von jeher zu seinem Wesen gehörte. »Es
existiert für mich nicht die Frage nach bequem oder unbequem, sondern ganz
andere Gesichtspunkte kommen hier in Frage. Ich hatte Grund, diesen Weg zu
wählen. Glauben Sie mir das.«

»Ja«, sagte sie still und fest. »Ich habe es immer geglaubt. Muß man denn
immer wissen: Warum und wozu und woher und alles? Jeder hat doch seinen Weg
für sich, den er im Grunde nur allein kennt. Das ist ja so langweilig und
unnütz, wenn alle die anderen Leute daran herumzupfen und fragen und reden,
was gar nicht dazu paßt.«

»So ist es, mein guter Kamerad!« rief er froh.

Er kam zu ihr, und sie, in ihrem inneren Jubel, hob die Arme auf zu ihm. Da
nahm er erschüttert ihren heißen jungen Kopf in seine Hände und sah ihr in
die Augen.

»Jetzt sind wir verbündet, mein Kamerad!« rief er voller Übermut.

»Ja!! Auf Tod und Leben!« -- -- -- -- --

Dann wandte sie sich um, die Tür klappte, ihre Schritte klangen auf der
Steintreppe und verhallten im weichen stillen Schnee.

Nun hatte sie es doch vergessen, der Justine von Lampe und Abendbrot zu
sagen.

Es war schon recht. Er blieb allein in der dunklen Stube mit dem
Feuerschein, der auf die Diele fiel.

Das war ein Nachhausekommen! dachte er.

Eines Tages wird dieses herrliche Kind zu meinen Füßen sitzen, und
ich werde ihr meine Prinzessinnen-Liebe erzählen, all den flirrenden,
glitzernden Kram ihr zeigen, der die Augen blendet. Meine große Eitelkeit
und des Fürstenkindes arme Menschlichkeit. Mein kleiner junger Kamerad, der
soll das alles sehen und wissen. Er ist weiser als wir alle, weil er frei
und kühn ist. Seine dumme kleine Mädchenliebe will ich nicht, ich habe
genug von diesen Tränken. Aber ich will und liebe sein kluges Herz.

Er zog ein elektrisches Lämpchen aus der Tasche und beleuchtete den Raum,
in dem er stand. Da war der Schreibtisch, Stühle mit Lederpolster,
lichte Gardinen von schönem Fall. Vielleicht sah alles bei Tage hier
unharmonischer aus bei den kleinen Fenstern, der nicht sehr hohen Decke und
den niedrigen Türen. Hohe, leere Büchergestelle waren an der Wand, seine
Bücher hatte er nicht auspacken lassen. Ein breites Sofa, ein moderner
Eichentisch mit glatten Linien und allerhand Beiwerk füllte den Raum.

Alles sprach eine Sprache. Wie laut sie tönte in der tiefen Stille, von
rauschenden Tagen! Auf diesem Divan hatte das blasse Fürstenkind gesessen.
»Gregor, ich kann nicht ohne Dich leben. Nimm mich mit und sei es ins
ärmste Haus --«

Sein Mund verzog sich, noch immer hielt er das elektrische Lämpchen in die
Höhe. Durchlaucht, es ist besser so. --

Du blasses Gebilde, verzärteltes Herz, unter dies Dach will ich Dein weißes
Gesichtchen nicht haben. Hier will ich einen Strom von Sonne und Herbheit
und Kraft und Kälte. Alles, was die Glieder wieder stark macht nach dem
lauen Rosenwasser.

Kennst Du den Reiz der Askese, Durchlaucht Maria? Du nicht.

                           *       *       *

Die Dorfkirche war überfüllt, selbst in den Gängen standen die Leute. Auch
Herr v. Dörfflin war ehrenhalber heute erschienen. Es war ihm ein bißchen
komisch zu Mut, daß er der Patronatsherr sein sollte von dem ältesten Sohne
seines Fritz. Es gelang ihm auch nicht so recht, die Würde, die ihm zukam,
zu markieren. Er rückte nach rechts und links und machte beklommene Augen,
als sei er in seinem vergitterten Herrenstuhl derjenige, der heute eine
Probe abzulegen habe, und nicht der junge blonde Geistliche im Talar, mit
der goldenen Brille vor den blauen Augen.

Zu Hause bei ihm, im Eßzimmer, hatte es einen kleinen Strauß gegeben.
Gisela fand es nicht richtig, daß Fritzchen auch zur Kirche ginge. »Sonst
ist immer nur höchstens einer in unserem Stuhl, und heute tritt die ganze
Familie an. Das ist ja unerhört, das fällt ja rasend auf.«

Fritzchen sagte: »Aber Gisa, natürlich gehe ich zur Kirche. Wem von allen
Menschen soll ich es verbergen, daß ich Gregor Zülchow lieber anhöre als
den alten Baumann?«

»Aber so begreife doch!« schalt Gisa.

Frau v. Pohle half Fritzchen. Es sei doch ganz natürlich, daß bei einem
Amtswechsel sich das allgemeine Interesse zeige. Herr v. Dörfflin half
ihr auch. Wenn er schon gehen müßte, sollte Fritzchen auch, das war ihm
gemütlicher.

So saß alles in gespannter Erwartung.

Wie hell und kalt und gebieterisch die junge Stimme durch den Raum
schallte! Die Leute sahen sich an und schüttelten leise die Köpfe. Nein,
das war nichts, ihr alter Pastor war's nicht. Herr v. Dörfflin rutschte
von neuem hin und her, ihm kam vor, als sei jedes Wort der Liturgie und der
Vorlesung mahnend und tadelnd an ihn gerichtet und er sei dazu ausersehen,
heute eine Moralische zu kriegen.

Es war am 23. Sonntag nach Trinitatis.

-- -- -- »die Feinde des Kreuzes Christi, welcher Ende ist die Verdammnis,
welchen der Bauch ihr Gott ist, und ihre Ehre zu schanden wird, derer, die
irdisch gesinnt sind. Unser Wandel aber ist im Himmel --«

Er stand auf der Kanzel. Über ihm und zu seinen Seiten waren die
pausbackigen, graugewordenen Engel- und Apostelfratzen, die ein
längstvergangenes Jahrhundert hier geschaffen hatte. An den Fenstern trieb
ein wirres Schneegestöber. Es war kalt, und der Dampf flog vom Munde.

Er stand da oben, mit seiner goldenen Brille, mit seinem schmalen Gesicht,
kein Helfer und Tröster und liebevoll strenger Vater seiner armen Gemeinde
auf den harten Bänken da unten und in den steinkalten Gängen.

Er mochte wohl ein Führer sein, denn er wußte den Weg, aber er sah sich
nicht um nach denen, die ihm folgten. Ob sie mitkonnten, ob sie stolperten,
ob sie hilfsbedürftige Hände ausstreckten, was ging es ihn an. Er war
von herrlicher Gestalt und herrlichem Wort, aber die unbeholfenen Seelen
fürchteten sich vor ihm und krochen in sich zusammen.

Es war keine Strafrede, die heute von der Kanzel kam, wenigstens keine, wie
der alte Pastor sie hielt und wie sie den Leuten lieb und nützlich war.
Es seufzten keine Klagen über ihre Verderbtheit, es fielen keine groben
Vergleiche und plumpen Beschuldigungen. Alles war messerscharf,
voll wissenschaftlicher Klarheit, leuchtend und doch kalt, wie ein
beängstigendes Spiel mit blanken Schwertern.

Noch war es eine Predigt für den Hof und die Hofkreise, und einige halb
mitleidige, hingeworfene Erklärungen, die er seinen Auseinandersetzungen
anhing, um sie den Köpfen da unten verständlich zu machen, änderten nicht
viel.

Da empfand Fritzchen zum ersten Mal als schmerzend den Eishauch, der von
ihm ausging. Die Not ihres Völkchens, das da stand und harrte und nun
glänzende Steine statt einfachen, kräftigen Brots empfing, ging ihr zu
Herzen.

Wie hatte sie sich oft über den alten Baumann empört mit seinen
Himmelreichsversprechungen als Antwort auf die irdische Mühsal und mit
seinen Keulenschlägen! Hier war nichts von dem, sondern eine Fülle von
Geist und Studium spielend heruntergeworfen. Eine verblüffend glänzende
Form für den alten, ihr längst unscheinbar gewordenen Inhalt.

Es ging dem Mädchen wunderlich. Was hätte sie sich Schöneres wünschen
können? Ihre ganze kindischtolle Rebellion konnte hier ihre Antwort finden.
Alte, auswendig gelernte Worte erschienen plötzlich in neuer Beleuchtung,
wurden lebendig, traten dem Herzen greifbar nahe. Ach -- so ist es gemeint?
Ein Ahnen von dem ewig Gültigen in der alten Form, die von trotzigen Händen
als abgegriffen fortgeschoben ist, durchschauerte die junge lebensfremde
Seele.

Aber all das flog nur vorüber, vom Bewußtsein kaum aufgenommen, wie die
Flocken des Schneegestöbers draußen vor dem Fenster. Wirklichkeit blieb
das armselige Dorfvolk da unten, das ängstlich, leer und enttäuscht zu der
Kanzel aufsah.

Was sollte das werden an den Krankenbetten, bei Geburt und Tod, bei all den
tausendfältigen Nöten des Leibes und der Seele? Man mußte nur wissen, was
hier in den entlegenen Dörfern der Pastor bedeutete.

Immer war des alten Mannes Sorgen und Mühen für seine Gemeinde als
etwas Selbstverständliches hingenommen. Jetzt ging sein Geist durch die
dichtgedrängte atemlose Kirche.

Wird der da mit der Brille, zu meinem Lisching kommen, wenn es Krämpfe hat?
Wird er unserm Jochen den Kopf zurechtsetzen, wenn er Späne macht und nicht
arbeiten will? Wird der uns oll Mudder trösten in ihrem Husten? Wird der
bei unsern »Kinddöps« sitzen und lustige Toaste ausbringen?

Ich bin sein Kamerad und wir haben einen Bund gemacht! dachte Fritzchen.
Der Gedanke durchglühte sie wie edler Wein, sie gab ihn weiter als ein
stummes Versprechen an die Menge unten.

Ihr Herz hatte keine Furcht mehr vor dem fremden Manne.

                           *       *       *

An demselben Nachmittag kam er zu ihnen aufs Schloß. Er hatte noch über
Land in zwei Filialkirchen zu predigen gehabt, ein Wagen vom Gut hatte ihn
nach alter Überlieferung gefahren.

Er war das nicht gewöhnt, der Hofprediger, in Wetter und Wind, wirbelnden
Schnee ums Gesicht zwei Stunden weit auf schlechten Landwegen zu fahren,
um dann abermals in einer ungeheizten Kirche zu predigen. Ihn fror, und
der Kopf schmerzte ihn. Außerdem saß ihm ein fades Gefühl in der Brust.
Die Leute glaubten mit Unrecht, daß er zu hochmütig sei, um verständlich
zu reden, er hatte sich Mühe gegeben, sich ihnen anzupassen, aber Ton und
Äußeres für einen Landpfarrer war ihm nicht gegeben. Er sah die gespannten
Gesichter enttäuscht und leer werden. Er wußte auch: Heute sind die Kirchen
voll, bald werde ich vor leeren Bänken reden können.

Ich glaubte mit meinem Geschick schalten zu können, aber da stehe ich
unversehens an meiner Grenze.

Der Schulz im nächsten Dorf, ein auf seine Bildung stolzer Herr, sah
ihn mit unverhohlener und etwas frecher Neugier an. Es fielen ein paar
zudringliche Worte, ob dem Herrn Pastor die Luft in der Residenz nicht
zuträglich gewesen sei, man höre ja so oft von dumpfer Großstadtluft.
Der Schulz im dritten Dorf und der Förster waren bäurischer, aber um so
deutlicher. Sie fragten geradezu, wie der Herr Pastor solchen schlechten
Tausch machen könne.

In vornehmen Kreisen war Gregor bekannt für die außerordentlich feine
und kühle Art, in der er sich Zudringlichkeiten fern hielt. Bei diesen
Landbären verfing das nicht. Denen mußte man klobig kommen, wenn sie
verstehen sollten. In tiefer Verstimmung trat Gregor die Rückfahrt an.

-- -- -- Es laufen die Gerüchte durchs Land wie mit Spinnenbeinen. Überall,
wo er künftig hinkommen wird, sind sie schon längst vor ihm dagewesen. Im
öden Weg, wo die Wolken über den grauen Himmel jagen und die Schneewehen
über die Felder treiben, wo der Wind bis in die Knochen kältet und
einförmig die kämpfenden Pferdeköpfe da vorne nicken, da horcht man auf die
Stimmen, die raunen, schwatzen, lachen hinter Biertisch und Kaffeetassen.

»Gregor v. Zülchow hat wirklich die Hofpredigerstelle Hals über Kopf
niedergelegt.« »Ja, oder vielmehr, er mußte sie niederlegen.« »Wie lange
hat er sie denn gehabt?« »Sechs ganze Wochen.« »Nein, kaum fünf.« »Er soll
der Allerhöchsten Entschließung zuvorgekommen sein.« »Die Prinzessin Maria
soll ins Ausland geschickt sein, ist das wahr?« »Na, man konnte das
ja voraussehen.« »Der Vater ist außer sich, eine wilde Szene mit dem
Hofprediger hat stattgefunden.« »Ach, das ist Gerücht.« »Nicht mehr als
alles andere. Jeder weiß, wie die Prinzessin ihn vergöttert hat.«
»Dieser kühle Weltmann! Man sollte ihm mehr Takt oder wenigstens Vorsicht
zutrauen.« »Ja, das ist leicht gesagt --«

»Haben Sie gehört, daß er jetzt in Hohen-Leucken Pastor ist?« »Ist denn
Baumann pensioniert?« »Er muß doch wohl.« »Wie lächerlich! Warum gerade in
Hohen-Leucken?« »Ja, das ist unbegreiflich!«

So durchschüttelt, durchfroren, nervös unter dem Gefühl eines verfehlten
Entschlusses, kam Gregor in sein stilles Pfarrhaus. Justine hatte ihm gut
und sorglich gekocht, aber er achtete es nicht. Wein aus dem Rummelshöfer
Keller stand auf dem Tisch, der lockte ihn, aber in einer Art gewaltsamer
Askese schob er ihn ungekostet fort.

Keine Hilfsmittel! Aus mir selbst mich zurechtfinden.

Am liebsten wäre er in der jetzigen Verfassung auch nicht aufs Schloß
gegangen. Er wollte seinen jungen Kameraden heute nicht, gerade darum
nicht, weil er in seiner verquälten, hilflosen Stimmung sich nach ihm und
seinem klaren Gesicht sehnte. Er hätte gern mit seiner Schwäche verächtlich
gespielt und sie niedergetreten wie das Verlangen nach dem Wein. Aber er
hatte mit Herrn v. Dörfflin besprochen, daß er heute kommen werde, und nun
drehte sich die Geschichte herum, und ein nachträgliches Absagen wäre erst
recht Schwäche gewesen.

-- Im Wohnzimmer des Herrenhauses. Gisela hat das Wort. Herr Gott, wie
sie zu plaudern versteht. Das ist ein Ton aus verklungenen Welten für den
verschlagenen Landpfarrer. Man geht wie auf Fittigen über das Kraut- und
Rübenfeld dieser Erde. Man streift überall so ein weniges an die Spitzen
und Kronen. Man sagt alles und hat doch nichts gesagt. Man regt an und auf,
sprüht, gaukelt und berührt doch kein Ding so nah, daß es stechen könnte.

Famos. Man merkt jetzt erst, wie einem diese Art Unterhaltung gefehlt hat.
Ist denn das schon so lange her, daß man sie entbehrte? Jawohl, man ist ja
eben zehn Jahre über den wüsten Schneeweg gefahren.

Er war schon so nervös empfindlich geworden, daß er bestimmt erwartete,
wieder gestochen und verletzt zu werden. Da fuhr Giselas leichte
Unterhaltung wie ein lauer kosender Wind über seine wunde Haut. Er war drin
im Ton, ohne es zu merken.

Frau v. Pohle schloß sich an. Sie wußte, wie man in Gesellschaft spricht,
und erwartete zudem nichts anderes von dem Manne, den sie als Modeprediger
empfand und dessen Kommen aufs Dorf sie entweder für eine spielerische
Laune oder für irgend einen Verlegenheitscoup nahm. Sie hatte keine große
Sympathie für ihn und bestärkte ihn absichtlich in dem leichten Ton, um
Fritzchens willen.

Verdirb Dir nicht länger Deine hellen jungen Augen an diesem Trugbild der
Herrlichkeit! dachte sie bei sich im Herzen.

Herr v. Dörfflin spielte eine Null. Das war nicht gut für ihn, noch für
seinen Gutspfarrer. Diese Einführung war die allerschlechteste: Mit der
Weltdame des Hauses im Gesellschaftston verkehren und rechts und links jede
tiefere, kräftigere Saite unangeschlagen zu lassen.

Fritzchen aber saß in der tiefen Fensterecke, sprach gar nicht mit, sondern
sah nach ihren Freunden, den Wolken.

Es hatte aufgehört zu schneien. Eine dunstige gelbgraue Schicht umschloß
den Horizont. Darüber zogen wie ungeordnete Scharen, die sich eine neue
Heimat suchten, zerrissene und geballte, dünne und massige Wolkengebilde.

Seine Stimme klang im Raum, aber so, wie sie klang, hatte sie keine Macht
über dies unabhängige Herz. Es ging davon, zu den Wolken hinauf. Nicht
betrübt, nicht im Groll, aber in einer Träumerei, die vielleicht die
schlechteste Huldigung war, die jemals dem Freiherrn und Pfarrer Gregor
v. Zülchow dargebracht war.

Ein paarmal sah er zu ihr hin. Welch ein Kind sie doch noch war, sich
abseits zu setzen und aus dem Fenster zu gucken. Er lächelte. Er dachte an
den Wein, den er fortgeschoben hatte --

Gisela sprach von seiner Predigt. Sie hatte gut aufgemerkt und spielte
mit religiösen Schlagworten wie mit einer ganz besonders graziösen,
gesellschaftlichen Attraktion. Diese Handhabung war er gewöhnt. Ganz wie
etwas Selbstverständliches sprach sie es aus, daß er sich in die ländliche
Stille zurückgezogen habe, um ungestört für seine Professur zu arbeiten.

»Ich bewundere Ihren Scharfblick!« sagte er ernst mit einer Verbeugung.

In Wahrheit war ihm diese Lösung nicht fremd, er hatte sie schon vor
diesem Sonntag erwogen, und die heutige Erkenntnis, wie schlecht er für das
Predigtamt tauge, wenn er es nicht als glänzende Draperie für seine
Person gebrauchte, hatte ihm den Gedanken befestigt, diese neue und
aussichtsreiche Laufbahn einer Art Sühne vorzuziehen, die ihm in ihrer
herben und erlösenden Asketenhaftigkeit heute doch schon phantastisch
vorkam.

Es ist ein anderes Ding, nach ein paar rauschvollen Monaten, in denen man
sein heiliges Amt in Eitelkeit und Genußsucht entweihte, sich von der
Welt abzukehren und mit einem strengen Leben, das ohne Lohn nur dem Dienst
geweiht ist, die innere Ehre vor sich selber herzustellen -- oder: an
einem falschen Platz mit ungenügender Kraft und verzagendem Willen eine
aussichtslose Arbeit zu tun.

Gregor v. Zülchow -- der Sohn eines alten Herrenhauses unter alten,
rauschenden Bäumen am stillen See, der Sohn eines strengen, kräftigen
Vaters und einer feinen, phantastischen Mutter, Gregor, der Schüler der
Gottesweisheit, jung eingeführt in das Ringen, Sehnen und Suchen der
Kreatur, berufen, ein Führer zu sein aus dem sichtbaren, greifbaren
Tagesleben heraus -- der konnte wohl eine Entsühnung finden, die feurig,
phantastisch und töricht war, und die der fade, eisige, nüchterne Mensch in
ihm verneinen mußte, sobald es ging.

Darum hatte Gisela, das Weltkind, recht.

Aber es hatte doch noch jemand anders recht!

Ein Wort hatte Fritzchen geweckt. Sie kam mit einem jähen Ruck in die
Gegenwart, in das Zimmer, in dem die anderen saßen, zurück. Sie wandte sich
herum.

»Sie wollen hier nur für die Professur arbeiten?« rief sie.

»Ich kann heute noch keine Auskunft darüber geben«, sagte er kühl
ablehnend.

Da sprang sie auf, so daß die anderen erschraken. »Es ist nicht möglich,
daß Sie Ihr Amt hier nur als Übergang auffassen!« Sie stand schon vor
ihm, die beiden geballten Hände vor der Brust zusammengedrückt. Ihr ganzer
Anblick war eine stürmische Bitte: Laß es nicht möglich sein!

»Aber Fritzchen!« rief Gisela.

»Na nu, Fritz!« sagte Herr v. Dörfflin.

Frau v. Pohle dachte: Wieviel verlorene Liebesmüh'!

Gregors Lächeln war verflogen, er sah voll Ernst und Überraschung in das
ungestüme, ehrliche Gesicht. Wie seltsam dieser volle, starke Ton in das
halbe Gezwitscher klang, das bisher den Raum gefüllt hatte!

»Übergang ist alles, auch unser bestes«, sagte er, halb unbewußt die
Worte formend und doch mit einem tiefen Interesse und einer Gier auf ihre
Erwiderung.

Ihre Augen wurden ungeduldig. »Wir wissen es dann aber nicht, während wir
drin sind«, sagte sie zu ihm.

»Du verstehst einfach nichts davon, Frida!« sagte Gisela mißächtlich.
»Wie kannst Du abmessen, was für Herrn Baron v. Zülchow die entsprechende
Laufbahn ist!«

»Ich weiß aber, daß man sein Wort halten muß!« rief Fritzchen flammend.
»Und das haben Sie den Leuten hier im Dorf gegeben. Alle warten auf Sie,
Sie haben es getan!«

Er stand auf. Was war es, das ihn anrief? Sein eignes stärkeres, edleres,
freieres Herz! Halte auch Dir Dein Wort! Laß Dir genügen an der armen,
herben, unberühmten Arbeit. In dem Kind ruft Gott Dich an.

Unter dem Durcheinander von Stimmen, das sich jetzt erhob, da Gisela und
auch der Gutsherr und auch Frau v. Pohle alle etwas eilig und heftig zu
sagen hatten, auf das er nicht hörte und das er nicht verstand, sah er dem
jungen Geist in die Augen, mit dem er jählings eine Verwandtschaft entdeckt
hatte, von der er bisher nichts wußte.

»Es ist vielleicht nicht alles so, wie Sie denken«, sagte er zu ihr.
»Sie schlagen wohl manchmal das Fenster ein, wo Sie zur Tür hineingehen
könnten --«

Ihm war, als müsse er sich wehren gegen diese Überfülle von Leben und
Forderung, die hier auf ihn einstürmte.

-- Es geht ein Wanderer am Meeresstrande, da kommt der wilde Seewind und
fährt ihm in den Mantel, und der Wanderer wehrt sich verdrießlich und
wickelt den Mantel fester.

Es ist aber noch ein Stück Jungenstollheit in ihm, das hat plötzlich, er
weiß nicht wie, einen Bund mit dem Seewind gemacht. Das möchte am liebsten
den dummen, lästigen Mantel von sich werfen und mit dem Winde um die Wette
jagen und tollen. Aber schau: der Mantel ist wertvoll und sehr notwendig!

Gregor v. Zülchow machte ein kühles Gesicht. Mein Seewind, ich habe doch
wohl keine Zeit für Dich.

Er nahm Abschied. Da, wie er schon draußen war, ohne Besinnen, ohne Fragen,
ohne ein Tuch umzubinden, jagte das Fritzchen hinter ihm drein.

»Aber Frida, wohin willst Du? Bleib' hier!« schrie Gisela außer sich.

»So laß sie doch!« sagte Herr v. Dörfflin barsch, obwohl er nicht wußte,
was sie vorhatte und ob es etwas taugte, was sie vorhatte.

Am Ende ist Herr v. Dörfflin, der arme alte Junker, doch der einzige auf
der Welt, der den richtigen Instinkt in dieser Sache hat. »Laß sie doch«,
das ist heute noch das beste für solch windwildes Herz. Laß sie nur,
sie muß doch ihre eignen Wege laufen. Sie an Rockzipfeln festhalten, ist
verlorene Mühe. Laß sie hineinlaufen in ihr Glück und ihr Unheil, in ihr
Feuer und Wasser, in all ihr eigenstes, lebendigstes Leben!

Der Wind pfiff um die Hausecke und Vaters zwei große Jagdhunde fuhren mit
wildem Freudengeheul auf sie ein, daß sie sie beinahe umwarfen. Gregor
blieb erstarrt stehen.

Wollte es ihn doch nicht loslassen?

»Sie haben gesagt, ich wäre Ihr Kamerad!« sagte Fritzchen trotzig. Sie
hatte die Hand auf den Kopf der braunen Leda gelegt, der Wind riß an ihrem
Kleid und ihrem Haar, aber sie merkte es nicht, sie war mit dem Winde
aufgewachsen wie mit den Hunden.

Ja -- solche Kameradschaft, ist sie wirklich für Gregor v. Zülchow, den
Weltmann und Professor?

Durch die kahlen Bäume und durch das hallende Steintor fährt der Junker
Wind, er fährt dem Wanderer in sein Kleid. Vielleicht ist diesmal doch der
Mann noch kostbarer als der Mantel? --

»Du wildes Leben -- schöner Sturmvogel!« sagte Gregor laut.

Das war der Wind, der ihm die Worte gab, das war der Wind, der sie
weitertrug. Im verschneiten Herrenhof von Hohen-Leucken stand der junge
Pfarrer mit dem schmalen, kühnen Gesicht, und die Augen waren heiß geworden
hinter der goldenen Brille.

»Ja, wir wollen leben! Sehr, sehr viel leben!« sagte Fritzchen. Es war
keine Furcht an ihr, sie stand noch immer mit der Hand auf dem Kopf des
Hundes. Aber sie schien plötzlich wie gewachsen, ihr Blick weiter, die
Stirn edler, der Mund stolzer.

Sie näherte sich ihm nicht, und doch hatte dieser Mann noch nie ein
herrlicheres Bild der Selbstübergabe gesehen. Es war so herrlich, daß er
für einen Moment die Augen senkte wie vor einem allzu hellen Licht.

Dann gingen sie stumm auseinander. Der seltsame Bund war geschlossen.



Zehntes Kapitel.


Die kahlen Bäume standen still um den vereisten See. Hier und da hing noch
ein gelbbraunes Blatt, das bei dem großen Begräbnis übersehen wurde, in
den Ästen. Die Weidenbäume streckten ihre dürren Ruten gen Himmel, und der
Schnee lag wie ein weißes Tuch, von keinem Menschenfuß betreten.

Fritzchen ging am Ufer entlang mit Leda an der Seite. Es war der Montag
Vormittag, und die Sonne schien nach dem gestrigen Schneetreiben. Auch der
Wind war schlafen gegangen, es war fast warm im Sonnenschein.

Seit gestern hatte der junge Mund nicht viel gesprochen. Eine erhabene
Stille war auf ihr Herz gesunken. In ihr war ein Bangen, daß sie nun nicht
mehr allein war im Leben, und eine große Freude, so hell wie die Sonne am
Himmel. Aber beides so tief und still, daß kein Wort, kaum ein Gedanke es
berührte.

Leda war jetzt ihre Beste. Mit der ging sie seit dem frühen Morgen herum.
Sie hatte die rote Sonne über den Schneefeldern gesehen, sie hatten sich
durch angewehte Wälle hindurchgearbeitet, jetzt stand die Sonne hoch und
sie waren am klaren eisbezogenen See.

Alles war hier, wie es immer gewesen war, wie sie es kannte, seit sie
laufen konnte: jeder Baum, jedes Gebüsch, jeder Knick und Graben, der See,
der da hinten durch allerlei Gräben mit dem von Tannenwalde und Rummelshof
in Verbindung stand. Wieviel Schritte und Schrittchen von ihr lagen hier
am Ufer und querfeldein, rechts und links, über den Sandhügel weg, am Moor
entlang.

Aber Himmel und Erde haben sich verwandelt, wie sollte da Busch und See
noch derselbe sein und die alte Waschbank, die jetzt unter Eis steht und
auf der in wärmerer Zeit die Wäsche geklopft wird, daß der Schall von der
Waldwand zurückkommt? Selbst die Sonne ist neu, und das eigne Herz ist neu
geworden in dieser einen stillen, großen Nacht. --

Wohl ist es die schönste Brautfeier an der klaren, glitzernden Eisfläche,
Sonne und Schnee und die große Einsamkeit um sich her.

Der Hundekopf drängte sich an ihr Kleid, sie streichelte ihn. »Ja, Leda, Du
weißt.«

Es war noch keine Sehnsucht in ihr. Alles war still, weit und hell wie das
Winterbild um sie her.

              --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Auch er hatte die Nacht nicht geschlafen, erst als der Morgen kam, befiel
ihn eine schwere, wie tote Müdigkeit. Aber seine Nacht war nicht still und
hell gewesen, sondern voller Stürme und Unruhe.

Ich habe Dich lieb -- und ich habe Dich nicht lieb. Du bist mir alles --
und Du bist mir nichts. Ich will Dich -- und ich will Dich nicht!

Noch hielt er den Mantel fest. Ach ja, es ist ein atemloses Ding um den
Sturm, der über die Ebene kommt. Man ist nicht immer bereit, mit allen
seinen Registern zu leben und zu klingen.

Gregor! rief es in seinem Herzen: Hüte Dich! Um das Feuer einer Mußestunde
verleugne nicht die feinen und kühlen Instinkte Deiner Natur. Lade Dir
nicht den Wind vom Felde in Dein Haus. Du verstehst und liebst ihn, aber
seine Gemeinschaft müßtest Du vielleicht zu teuer bezahlen.

Ach -- ob ich ihn verstehe!

Ob ich je eine schönere Stunde hatte und beglückter fühlte, als einmal hier
in dunkler Stube, bei meinem Einzug, als das Feuer im Ofen knatterte -- als
gestern, auf dem verschneiten Hof, unter Wolken, im Wind.

Weißt Du noch, Herz, die beiden Hunde und das starke, junge Menschenkind?

Suchst Du noch etwas Stolzeres und Süßeres für Dich im Leben? Da -- Herz!
Wirf den Mantel weg!

Es kroch schon der erste graue Dezemberschein über die weißen Felder, als
der hin- und hergerissene Mensch in einen steinschweren Schlaf verfiel.

Wie weit ist das Fritzchen schon über die Felder gelaufen mit ihrer Leda,
ihrer Liebe und ihrer großen schönen Ruhe? Wie lang hat sie schon am Eis
gestanden, da ist der Pfarrer endlich aufgewacht.

Justine ist besorgt und glaubt, er hat sich gestern erkältet. Um Gottes
willen, das darf ihr nicht passieren! Was sollte die Frau Baronin sagen! Es
ist zu Hause immer viel Wesens gemacht um den Herrn Baron Gregor, da ist er
wohl von klein auf etwas verzärtelt, aber, das gehört sich auch so. Er ist
doch ein gar zu feiner Herr!

Nun schleicht sie sich ein bei ihm und heizt, ohne daß er es merkt. Wie ein
Dieb, so leise hantiert sie mit den ungefügen Buchenkloben.

Als er erwacht, ist die ganze Stube voll Sonne, und im Ofen brennt ein
helles Feuer. Er hat die Arme unter dem Kopf und sieht sich um. Wo war er
doch? Wie Schatten fliegen die wilden Gestalten der Nacht an ihm vorüber.
Ein leises Abwehren, ein Murren der Bequemlichkeit ist in ihm.

Hell ist das Leben und sein Tag, man überwindet auch seine Tiefgänge.
Verstricke Dich nicht in Unruhen und Wirren. Nimm des Lebens Süßigkeiten
nicht ernster, als Dir und ihnen taugt.

Er stand auf, badete sich ab, brauchte wie immer mehr als eine Stunde zur
Toilette, und ging dann in sein Eßzimmer, das nach hinten hinaus zum Garten
lag. Das Frühstück stand wie durch unsichtbare Geisterhände gebracht
auf dem zierlich gedeckten Tisch. Die Kakaokanne dampfte, Zwieback,
eigengebackenes Weißbrot, Butter, gebratenes Fleisch, Schweizerkäse,
alles stand bereit. Die Zeitung lag neben seinem Platz, auch ein Brief aus
Rummelshof und einige Geschäftssachen aus der Residenz.

Wie die Sonne draußen auf dem Schnee in tausend und abertausend glitzernden
Sternchen funkelte! Wie die Bäume feierlich standen, die Zweige gesenkt
unter der weichen, weißen Last. Durch die unberührte weiße Decke lief nur
eine winzige Spur von einem Kätzchen oder Hasen.

-- Ich will Dich doch! sagte der aufblühende, starke, lebendige Mensch in
ihm. Er ließ den Frühstückstisch, Briefe, Zeitungen stehen und liegen
und ging an das Fenster. Es rief die Sonne, es rief der weite, leuchtende
Schnee: Das Leben ist eine Feier, eine starke Tat! Du Narr, mit Deiner
Angst und Deinem Vorbeidrücken! Packe es an, da wo es am tollsten schäumt!

Danach kam einer seiner vielen überlichten Momente. Er sah sich selbst wie
eine Figur, an der er keinen anderen Teil hatte, als den des interessierten
Zuschauers. Er wußte, er konnte auch diese -- diese Sache auf die eine
Weise so gut wie auf die andre behandeln. Er konnte es tun oder lassen,
erfassen oder liegen lassen, alles war bei ihm möglich und begründet. Er
war der Mensch der bewußten Zwiespältigkeit, weil seine Intelligenz weit
über seinen Instinkt hinausgewachsen war. Dies machte ihn zu gleicher Zeit
klug und unschlüssig, fein und schwach, kalt und nervös. Es bedurfte bei
ihm nur des bewußten Anrufs an den Willen, um die eine oder die andre Seite
zur Geltung und Herrschaft zu bringen.

Er war nicht frei, insofern das Wissen ihn band. Aber er war mächtig, weil
das Wissen ihm den Schlüssel zu der Gewalt über sich, das Leben und seine
Dinge in die Hand gegeben hatte, und weil seine Instinkte ohnmächtig waren.

Er konnte nicht bezaubert werden, sobald er selbst es nicht wollte.

Das war fade, aber praktisch.

-- Nachdem er diesen Überblick über sich selbst wieder einmal
gewonnen hatte, drehte er sich vom Fenster ab und setzte sich an den
Frühstückstisch. Das blendende Schneelicht war ihm noch in den Augen, so
daß sich vor alle Gegenstände ein Flimmern zog, erst allmählich erkannte er
alles wieder richtig.

Er aß und trank von allem wenig, aber mit Verstand, wie seine Art war. Auch
dabei sah er sich selber heute zu.

Er hatte ein stolzes und doch trübes Gefühl in der Brust. Das Leben
beherrschen heißt meist, ihm entsagen und sich von ihm absondern, und die
Heiligen sind oft nur die Toten.

                           *       *       *

Gregor machte seinen ersten Krankenbesuch bei der Frau seines alten
Küsters, einem gebrechlichen Weibchen, das sonst hustend und flennend in
ihren buntkarierten Betten lag. Damit fing sein wunderliches Seelsorgeramt
an. Es war eine stickige Luft in der engen Kammer, die dem verwöhnten
Mann der Welt auf Lunge und Nerven fiel. Aber er bezwang sich, weil er mit
diesen Dingen nicht gleich sein Amt beginnen wollte.

Er saß am Bett, sah die alte Jammergestalt durch seine Brille an, sagte
Worte, die sehr schön und richtig waren, und an dieser Stelle höchst
nutzlos, und die Alte lag da in tausend Ängsten, verbiß sich vor lauter
Genieren ihren Husten und schwitzte am ganzen Leibe.

»Ja, Herr Pastor. Ja, Herr Pastor« -- das war alles, was sie überstürzt
hervorbrachte, um ihn nur ja nicht zu beleidigen. Der Küster hatte drüben
Schule abzuhalten, und wußte nichts von dem hohen Besuche. Es war am
Nachmittag gegen vier desselben Montags. Die Sonne war eben herunter
und damit aller Glanz. Graue Schatten krochen über den Schnee, und das
Tageslicht in dem niedrigen Raum nahm rapide ab.

Nebenan in der Küche polterte es. Die Alte horchte ein paarmal hin, wollte
wohl etwas sagen, aber getraute es sich dann doch immer nicht. Plötzlich
ein lauter, ungeduldiger, heller Ausruf:

»Solch verrückter alter Herd!«

Was für eine Stimme?

Gregors Gesicht sah wohl plötzlich wie eine einzige Frage aus, so daß die
Alte stotternd sagte: »Das ist -- das ist man bloß das Fräulein Fritzchen,
Herr Pastor, ich mein': das gnädige Fräulein. Ach Gott, wir sagen noch
immer so aus alter Gewohnheit, und weil wir sie kannten, als sie noch in
der Wiege lag, und ihre selige Frau Mutter --«

»Was tut denn das Fräulein hier?« rief er aus.

»Ach Gott, Herr Pastor, man bloß die Supp'. Sie macht mir die Supp' von
Mittag nochmal warm, weil ich vorher nicht essen mochte. Und der alte
dammlige Herd, Herr Pastor, der will oft nicht so, wer ihn nicht kennt.
Dann qualmt er bloß und kochen tut's nicht.«

Gregor war aufgestanden und stieß die wacklige Brettertür auf. Da war eine
große, niedrige Küche mit einem einzigen klimperkleinen Fensterchen über
dem Abwaschfaß. Auf dem Ziegelsteinboden, in lauter Qualm gehüllt, stand
-- -- wer war es?

Wollte er, der Spieler in dem großen Krieg der Erde, wieder fortschieben,
wieder umrütteln, was das lebendige Leben ihm zeigte, daß dies seine kleine
Braut war, die da stand, in der gräßlichen Küchenschürze der Frau Küstern,
mit rauchgeschwärzten Fingerchen und rotem, zornigem Gesicht!

Da stand er, so erfaßt und überschüttet von Glück, wie er noch nie gewesen
war.

Sie hob den Topf vom Feuer und sah ihn an. Flammen schlugen aus dem Herd
und beleuchteten ihr Gesicht. Da wußte sie nichts mehr von Qualm und
Ärgernis.

»Jetzt ist die Suppe fertig!« sagte sie, und weiter nichts. Sie goß sie in
eine irdene Schale und goß einiges vorbei. Die Schürze der Frau Küstern
war heute schwärzer geworden, als ihre Besitzerin sie sonst in einer Woche
machte.

Er kam zu ihr. Der junge, heiße, verantwortungslose Mensch, der in sich
drin sitzt und nicht nebenbei steht, ging mit ihm durch. Da faßte er das
Bild seines Glückes, das schönste, beste Bild, das es für ihn geben konnte,
um, drückte es an sich und küßte es auf den Mund.

»Mein Fritz -- mein süßes Leben!« murmelte er.

Sie hielt noch immer den rußigen Suppentopf. Die Flammen schlugen aus dem
Herd, das war ein heißes, jauchzendes Bild!

»O lieber, lieber Gregor --«, sagte sie.

Es war so weich, so hold und demütig. Mit ganz vorsichtigen Fingerchen
stellte sie den Topf auf die Steine neben das Feuerloch.

»Ich kann Dich nicht anrühren, ich bin überall schwarz.«

»So gib mir davon ab!« sagte er voller Übermut.

Er umschloß sie und drückte ihr heißes, tolles, geliebtes Köpfchen an seine
Schulter, küßte ihr Haar, ihre Stirn, und dachte: So ist es doch am besten!
Was soll alles andere!

Fritzchen sagte gar nichts zu alledem, sie lag eine Weile ganz still. Dann
hob sie ihr Köpfchen auf, legte es etwas hintenüber an seine Schulter und
küßte ihn von selbst auf den Mund.

»Lieber Gregor --«, sagte sie nur wieder ganz leise, aber was Himmel und
Erde umfassen kann, war darin.

-- -- »Ach, Du leiwer Gott, leiwer Gott«, stöhnte es aus der Kammer.

»Ich muß ihr ihre Suppe bringen«, sagte Fritzchen. »Gib mir, bitte, einen
Blechlöffel aus dem Schrankfach. Nein, rechts. Ja, da, danke.«

Sie hatte mit beiden Händen die heiße Schüssel zu halten. Als er den Löffel
hineinlegte, wuschelte sie für einen Moment ihren Kopf an seinen Arm und
küßte seinen Rockärmel.

»Nachher gießen wir das Feuer zusammen aus, ja?« bat sie.

Hatte er je auf Erden solche leuchtenden Augen gesehen?

»Ja, Frida! Komm bald zurück!«

Er blieb an der Feuerstelle allein. Über dem Herd war ein mächtiger
Rauchfang, unter dem stand er und sah in die Flammen. Er war nichts als der
selige Bursche, der am Herd hockt und auf seine kleine Dirn wartet.

Ach, was hat das Leben doch für süße Stunden!

Drinnen hörte er hin und wieder ihr Stimmchen, den goldenen Klang.

Es stand mitten in der Küche ein dicker, blaugetünchter Pfeiler, der die
Decke stützte. An ihm hingen allerlei Feuerhaken, Zangen und sonstige
Geräte. Der lange schwarze Schatten von Gregor, den er vor der Flamme
stehend, warf, fiel auf diesen Pfeiler. Das war's, was Fritzchen zuerst
sah, als sie zurückkam.

Da kam der tolle Übermut ihres Glückes über sie.

»Der da ist mein Bundesgenosse, viel länger schon als Du!« sagte sie.

»Wer?«

»Der da, der sich bewegt.«

»Mein Schatten?«

»Den hab' ich heimlich geküßt, in Rummelshof, als ich noch klein war.«

»Damals warst Du nicht Du und ich nicht ich«, sagte Gregor. Er war beinah
eifersüchtig auf den Schatten früherer Zeiten.

Draußen auf der Diele entstand ein Gepolter, die Schulkinder kamen
heraus. Als der Küster die Küche betrat, fand er den Herrn Pastor und
das Schloßfräulein einig und eifrig bemüht, das Feuer auf seinem Herde
auszugießen.

Er tat aufs äußerste erstaunt, aber er war ein alter, heller Kopf. Er
dachte: Hier gießt ihr es aus, und anderswo werdet ihr es euch anstecken.
Na, mög' es euch viel Glück bringen!



Elftes Kapitel.


Sie traten beide zusammen auf die Dorfstraße. Es war hier draußen noch
vollkommen hell. Hinten um eine Scheunenecke herum schneeballierten sich
die letzten der Schulkinder, unterm Arm ihren zerplieserten Katechismus und
ihre Rechenbücher.

»Kommst Du mit nach oben?« fragte Fritzchen.

Über den alten Kirchhof, der mitten im Dorf lag und nicht mehr benutzt
wurde, mit seinen eingefallenen Holzkreuzen, versunkenen Gräbern und
der bröckligen Mauer, auf der das junge Geschlecht Haschen und Anschlag
spielte, ging jetzt der Blick durch kahle Bäume auf den Hügel mit dem
Herrenhaus. Es lag still und grau unter seiner Schneekappe, trotzig und
häßlich in seiner nüchternen Einfachheit.

Da stand der Mensch, der große Gaben hatte und eine kleine Kraft, der
viele Kräfte hatte und eine matte Hand, und es packte ihn wieder sein alter
verfluchter Zweifel. Der Zauber der schummrigen Küche, des Feuers im Herd,
des Feuers im Herzen sank herab.

»Geh mit mir durchs Steintor und dann kehr um«, sagte Fritzchen. Sie wollte
noch nicht Papa und Gisela und tausenderlei Geschwätz da mit hinein haben,
aber sie wollte durchs Steintor mit ihm gehen, wie schon einmal.

Sie war in einem schottischen Kleid mit einem hellgrauen Tüchelchen um die
Schultern. So lief sie oft, wenn sie es eilig hatte, vom Schloß ins Dorf.
Ihr Gesicht war so schön in seiner Freiheit und Kühnheit wie je, ihr Mund
so weich, ihre Stimme so ganz voll von Klang -- aber es berückte ihn nicht
mehr. Er erschrak vor sich selbst, als er das leise pressende Gefühl von
Überlast und Abwehr in sich empfand.

Wenn er aber jetzt nicht wollte noch mochte wie sie, so war er ihr doch
kein ebenbürtiger Gegner. Was sollte er ihr sagen, daß er sie nicht ans
Steintor bringen wollte? Was sollte er ihr dafür anführen, daß sie ihn noch
nicht -- oder gar nicht -- Du nennen dürfe?

Es war schon einmal so, daß ich mich verspielte -- dachte er in dumpfer
Not. Bin ich denn ein Narr, so wollte ich lieber ein ganzer sein, dem seine
Narrheit süß bleibt bis ans Ende.

»So wollen wir gehen«, sagte er.

Fritzchen fühlte seine plötzliche Verstimmung, die sie sich nicht erklären
konnte. Sie wollte ihn fragen, aber es war ein eisiger und abweisender
Ausdruck in seinem Gesicht, der ihr jählings die ganze Furcht und Scheu
ihrer Kinderzeit zurückbrachte. Sie lachte selbst darüber. »Wie bin ich
dumm!« Leicht schüttelte sie das dunkle Grauen von sich ab und fing an, ihm
zu erzählen, wie sie heute früh über die weißen Schneefelder gelaufen war
und am See gestanden hatte, mit Leda.

Sie sagte nicht, daß dies ihre Brautfeier gewesen sei, aber er fühlte es.

Trotzdem -- denn das lächerliche Menschenherz hat immer neue Schutzmittel
für sich selbst und das liebe Wohl bereit -- empfand er dafür kein
quälendes Mitleid mit ihr, sondern eher eine Art Unwillen und Haß gegen
ihre frohe, stolze, klare Sicherheit.

Hinter ihnen knirschte der Schnee, an einem hervorspringenden Stein klang
es, das Schnauben eines Pferdes ertönte. Es war ein Reiter, der auf der
Mitte der Fahrstraße in raschem Tempo dahersetzte. Sie traten beiseite, ihn
vorüber zu lassen, da war er auch schon vom Pferde.

Hans Henning in Joppe und hohen Stiefeln, frisch und warm vom scharfen Ritt
in der Winterluft.

»Na, Junge, wo kommst Du her?«

»Ja, ja, für Weihnachten noch ein bißchen früh, was?« Er begrüßte Fritzchen
voller Freude. »Daß ich Sie aber auch gleich hier mit meinem Bruder treffen
muß! Ich wollte Dir nämlich unversehens ins Haus brechen, Gregor.«

»Aber wie kommt das?«

»Ach, ein kleines liebenswürdiges Malheur. Da, sieh, meine linke Hand ist
neulich beim Reiten verknaxelt. Habe dafür vier Wochen Urlaubszeit. Muß
alle Tage zum Doktor und massieren lassen. Scheußliche Geduldsprobe, aber
im übrigen bin ich gar nicht böse. Wo kommt Ihr denn her und wo wollt Ihr
hin?«

Sie gaben beide keine rechte Antwort. Fritzchen dachte: Ich will ihm alles
sagen! Sie öffnete schon den Mund, aber plötzlich durchfuhr sie ein neuer
seltsamer Gedanke.

Diese Sache gehörte nicht ihr allein. Gregor mußte es auch wollen. Und
Gregor --

Sie sah ihn an. Es war noch immer das wunderlich fremde Gesicht, das er
hatte, als ob er eine Maske trüge.

Eine Angst überfiel sie. Was war das mit ihm? Wo war er? Was dachte er?

Sie schloß den Mund wieder. Sie fror, und ein unbestimmtes Bangen
schüttelte sie.

»Wir waren bei der kranken Küsterfrau«, sagte Gregor endlich, als das
Schweigen anfing, auffallend zu werden. »Ich habe auch noch andere
Krankenbesuche vor. Willst Du auf mich warten, Hans. In einer guten halben
Stunde bin ich da.«

»Natürlich, gern. Unterdes begleite ich Fräulein v. Dörfflin, wenn ich
darf.«

So kam es nun. Gregor ging nun doch nicht mit bis zum Steintor. Er küßte
die kleine kalte Mädchenhand, die in der Kälte rot wurde und nicht einmal
einen Handschuh anhatte.

Hans Henning und das Pferd kamen mit.

»Tut Ihre Hand weh?« fragte Fritzchen. Aber ihre Stimme war so beschwert,
als könne sie den eigenen Klang nicht tragen. Nach all dem Jubel rang ihr
ein Weinen in der Brust.

»Nun ja, das geht an«, sagte der junge Mensch und sah mit schiefem Mund auf
das umwickelte Bündel, das er in einer schwarzen Binde trug. »Es ist nur
gut, daß Sie nicht sahen, wie plumpsackmäßig ich vom Pferde kam. Es
sollte schnell gehen, ehe Sie sich umkehrten, und wurde dafür ein schöner
Kladderadatsch!«

»Ja, ich erinnere mich, daß ich umsah, weil es so plumpste«, sagte
Fritzchen, aber in ihrem Lächeln war ein Schatten, der dem Hans auffiel,
wie ihm, seit er die beiden getroffen, eigentlich alles auffiel.

Es war zuviel, daß er sie gleich getroffen hatte. Nur ihr Haus zu sehen,
hatte er heute gedacht, oder, bei großem Glück, irgendwo einen Schimmer von
ihr. Nun war sie da und war sonderbar verändert. Ihm kam vor, als ob sie
noch gewachsen wäre, oder ihre Augen waren größer oder ihr Mund oder ihre
Stirn anders. Jedenfalls etwas war geschehen, etwas Großes und Starkes.

Im Dorfe sprachen sie gar nicht mehr miteinander, aber als sie den
ansteigenden Weg hinaufschritten, an einer ganz bestimmten Stelle, an
einem Heckbusch, den das Pferd streifte und der eine Last von Schnee leise
rutschend abgleiten ließ, überfiel ihn plötzlich ein Gedanke, so jäh und
leuchtend, daß ihm für einen Moment der Atem aussetzte und er stehen blieb.

Ein Sommerabend zog im Fluge an ihm vorbei. Da hatte er mit zentnerschwerem
Herzen sein Glücksköfferchen wieder eingepackt.

»Überlaß es der Zeit, bis die Blumen von selber aufbrechen --«

Sehen vielleicht so -- die aufgeblühten Rosen aus?

Warum noch dies ewige Zagen und Beben? Ein Kind geht nicht und blickt
nicht, wie sie es tut! Jetzt ab und los! Jetzt frage ich nicht mehr herum
bei Mutter und großen Brüdern. Hei, wie der Schnee voll Blumen steht! Seht
Ihr's nicht? Fitzliputzli, mein Brauner, mein braver Junge -- was? Das war
ein Reiten heut! Du weißt von den Blumen auf dem Schnee, ja?

Er hatte die Zügel durch den lahmen Arm gezogen. Mit der rechten Hand griff
er sich jetzt, weil er kaum wußte, wohin mit seinen Gliedern, so grundlos
und wildfroh an den Kopf, daß sich die Mütze ihm verschob und er ein
lächerlich lustiges und verwegenes Aussehen bekam.

»Fräulein Fritzchen, kennen Sie noch meinen Fitzliputzli?«

So fängt man gewöhnlich keine Liebeserklärungen an, aber es kommt manchmal
nicht auf den Anfang an, wenn der Schluß nur taugt. Aber hier war der
Schluß noch schlechter wie der Anfang.

»Ja«, sagte sie, »den kenn' ich natürlich noch. Er hat sich doch immer mit
Möt gebissen, als wir zusammen ritten.«

»Hat er das? Ja, richtig! Dann ist er ein ganz dummer Affe. Ein Pferd muß
seines Herrn Gefühle nachfühlen. Das vergeb' ich ihm nie. Ich werde von
nun an auf Frithjof reiten, den hat Gregor früher gehabt, der ist
feinfühliger.«

Warum ist sie so still geworden, das wilde Ding? dachte er.

»Wenn Sie wissen wollen, an was ich die ganze Zeit gedacht habe, als
ich fort war, auch als ich mir das Handgelenk verknaxte, auch wenn der
Schinderhannes, der Doktor, mich massiert -- dann will ich es Ihnen sagen.«

»An was denn?« fragte Fritzchen.

»An mein Liebstes auf der Welt, und ob mein Wunsch in Erfüllung geht!«
sagte der schöne, freie Junge. Er stand und sah sie an, so stolz und selig,
wie kein König seine Krone ansehen kann.

»An mich --?« sagte sie.

Er sah den Weg hinan, hinab, er lag leer und still in der fallenden
Dämmerung.

»Sie haben es geraten --«, sagte er leise.

Er hatte sie Du nennen wollen, und wagte es doch noch nicht.

Sie dünkte ihn so heilig wie lieb.

Sie aber stand und starrte. Vielleicht hätte sie ihn noch vor kurzem nicht
so schnell verstanden, wie sie nun tat.

»Was soll das?« rief sie aus. »Ich gehöre ja Gregor.«

»Gregor --?«

Er sprach es nach, noch ehe er es gefaßt hatte.

»Ja«, sagte sie.

An dieser Stelle des Weges begann rechts die Mauer des Herrengartens. Sie
hatte der Löcher und Lücken viel, dürres Gras hing aus den Ritzen, und wo
es nur irgend ging, hatte sich der Schnee eingenistet.

Fritzchen, wie im Traum, fuhr mit der Hand über die Mauer, spielte mit dem
Schnee, formte Kügelchen daraus und wußte dabei nicht, was sie tat.

Hans Henning fühlte plötzlich, als ob sich alles um ihn drehe. Damit er
einen Halt habe, lehnte er sich an das Pferd. Er sah es, und es brannte
sich in sein Herz ein, als das grausigste Bild seines Lebens: Fritzchen
an der Mauer stehend und die kleinen Schneebällchen formend, die sie dann
wieder an die Mauer zurückwarf. Er folgte jeder Bewegung und wußte schon
immer im voraus, wie jeder neue kleine Ball aussehen würde.

Dann kam jäh ein rasender Sturm über ihn. Blutrot färbte sich sein
Gesicht. Er stürzte vor, so ruckhaft, daß das Pferd, aufgeschreckt, einen
Seitensprung machte und an dem Zügel riß, der um den lahmen Arm geschlungen
war. Ein wilder körperlicher Schmerz raste durch das kranke Handgelenk,
aber er fühlte es nur so fernab, wie in der Narkose. Er packte Fritzchens
Hand, die wieder eine der verfluchten Schneekügelchen zwischen den
Fingern hatte, schüttelte sie so heftig, als käme es darauf an, den Schnee
herauszuschütteln, als sei der die Ursache des ganzen Entsetzens.

»Laß los! Laß los!«

»Laß Du los!« sagte Fritzchen in großem Zorn. Sie nannten sich Du, es kam
von selbst, wie sie sich früher genannt hatten. »Was willst Du von mir?«

Der Schnee war heraus -- was nun noch? Hans Henning gab ihre Hand nicht
frei.

»Das ist ja Unsinn, das ist ja Wahnsinn! Wie kommst Du zu Gregor? Was will
er von Dir? Er weiß es ja! Er weiß es ja!«

Sie sah sein entstelltes, wild gerötetes Gesicht, die Augen, den
knirschenden Mund, im nächsten Moment konnte der Tobende sie an die Mauer
werfen und erwürgen -- sie sah das ganz klar, aber sie hatte gar keine
Angst, keine Spur von Angst um ihr Leben.

Das war also damit gemeint! dachte sie klar und ganz überlegt.

Sie meinte damit ihr schönes, einsames Traumleben, ihr plötzliches Glück,
die Betrübnis heute und das Ende hier am Bergweg, an der Gartenmauer.
Es erschien ihr alles so außerordentlich folgerichtig und gut. Beinahe
verwunderlich, daß sie das nicht schon vorher gewußt hatte, daß so ihr Weg
und dessen Ende sein würde.

Aber es war dann doch die Täuschung einer über das Maß hinaus gespannten
Gehirnerregung. Der Wilde, in dessen Hand sie war, war kein Tier, das
Blut vergießt, um sich Erleichterung zu schaffen, es war nur ein gequälter
Mensch, dessen Herz in seiner Not wohl einen Moment lauter schrie, als
zur guten Manier gehört, der aber schließlich doch noch Du und ich
unterscheiden konnte.

Er ließ sie los. Es wäre für ihn schöner gewesen, jetzt einfach das Letzte
zu tun und mitsamt seinem lieben Mädchen hier am Weg rasch und wild zu
sterben. Er war ein allzu konzentrierter Junge. Es war für ihn jetzt nicht
mehr viel wert, was nun noch kommen konnte.

Er hatte auch das Fragen vergessen nach Wann, Warum und Wie. Es stand ja
auch nichts mehr in Frage, es war eine zu müde Sache, jetzt noch den Mund
aufzutun. Er ließ sie los, ordnete mechanisch etwas am Reitzeug, fühlte
wieder, etwas bewußter, wie in seinem Arm tobende Schmerzen wüteten,
schnallte den Zaum los, nahm ihn in die rechte Hand und ging gerade vor
sich den Weg hinab.

Das Pferd stieß an einen Stein, es gab einen klingenden Ton. Unten am Wege
stand wieder der Heckbusch, von dem vorhin der Schnee abgerutscht war. Hans
Henning faßte das Pferd kürzer, damit es nicht noch einmal daran streife,
denn es war noch einiger Schnee auf dem Busche, der auch noch hätte
abgleiten können. Das wäre schrecklich gewesen. Weiter wußte er nichts.

Unten ging er gerade vor sich hin weiter, wie er heruntergegangen war. Die
Dorfstraße entlang bis an den Pfarrgarten. Da wandte er sich rechts und
stand vor seines Bruders Hause.

                           *       *       *

Justine stand vor der Haustür und lugte aus, denn ihr guter Kaffee konnte
das Warten nicht vertragen. Da kam Hans Henning um die Ecke, den Arm in der
Binde, das Pferd zerrend wie ein abgeworfener, maroder Reiter.

»Herrjeh, der Herr Baron! Nein, aber so 'ne Überraschung! Der Herr Pastor
ist noch im Dorfe, aber er kommt gewiß sogleich.«

»Ich werde warten«, sagte Baron Hans.

»Ja, natürlich. O Gott, wird er sich freuen!«

Sie kam herunter, ihm das Pferd abzunehmen und ihn hereinzulassen. Aber sie
hatte seine Meinung nicht verstanden.

»Ich will hier warten«, sagte Hans Henning.

»Aber doch man nicht draußen, im Schnee.«

»Ja. Es ist gut, Justine, lassen Sie nur.«

Man sieht nicht gern das Trübe, wenn man selber froh gestimmt ist, darum
kostete es der Justine erst einen kleinen inneren Ruck, ehe sie sagen
konnte: »Aber, Herr Baron sehen so anders aus -- ist was passiert?« Jetzt
sah sie auch den verbundenen Arm.

Der Hans machte eine so wütend ungeduldige Schulterbewegung, daß ihr jedes
weitere Wort auf den Lippen erstarb. Sie öffnete zwar noch einmal den Mund,
sie wollte doch noch etwas sagen vom Arm und dem Pferde oder dem Kaffee
und sonst etwas Tüchtiges und Richtiges, aber sie war im Dienst alt genug
geworden, um Herrenlaunen zu kennen, sie klappte den Mund wieder zu und
schlich bedrückt hinein. Doch dann ging drinnen ein wildes Kaffeemahlen
los, an dem sie sich tröstete und erhob.

Hans Henning stand draußen und dachte nur das eine: Ich muß Gregor
sprechen. Aber danach war alles stumpf und dumpf in ihm. Nur sein Arm und
Gelenk wütete wie wahnsinnig.

Er streifte den Zügel über eine Zaunlatte an der hölzernen Pforte und
strich und drückte leise an dem Arm, um die Schmerzen etwas zu mäßigen. Es
half nicht viel, es schien sogar immer grimmiger zu werden. Er hatte eine
Anwandlung von Ohnmacht und lehnte sich gegen die Mauer.

Gregor kam, ihm war zu unruhig zumute, um lange in Krankenstuben
auszuhalten. Da fand er seinen jungen Bruder an der Gartenmauer, er regte
sich nicht, als er näher kam. Er hatte den Kopf etwas hintenüber angelehnt
wie ein halb Ohnmächtiger, und Gregor sah trotz der Dämmerung, daß das
Gesicht totenähnlich blaß war.

»Hans! Warum stehst Du hier draußen? Ist Dir schlecht, Junge?«

Hans Henning öffnete die Augen, mit einer großen Willensanstrengung
sammelte er sich. Das große Schmerzgefühl innen und außen verzog seinen
Mund, so daß er wunderlich fremd für den Bruder aussah.

»Hans, ist Deine Hand so schlimm? Komm herein!«

»Laß das!«

Mit einer Kraft, die in gar keinem Verhältnis zu der hilflosen Stellung
war, in der Gregor ihn gefunden hatte, stieß er mit der gesunden Faust den
Bruder zurück, der ihn anfassen wollte, um ihn zu geleiten.

»Denkst Du, ich gehe in Dein Haus?«

Er stand jetzt ganz aufrecht, und sein Gesicht fing an, wie im Fieber zu
glühen.

»Rühr' mich nicht an! Viel haben wir nicht mehr miteinander zu tun. Weißt
Du noch, im Sommer auf der Veranda? Herrgott, Mensch, da hast Du Dir wohl
selbst den Weg freihalten wollen? _So_ bist Du? _So_ bist Du? Und ich
Schaf, ich Esel, ich Narr! Natürlich -- wenn der Hofprediger kommt -- mehr
als ich hast Du ja immer gegolten. Meinetwegen, nehmt doch dem Hans seine
Blume weg, was braucht er eine Blume! -- Du! Weißt Du, was heute passiert
ist? Zwei Menschen hab' ich verloren, die mir die liebsten waren. Na, man
immer zu, was macht das auch aus --«

Er ging zur Seite, wo das Pferd stand. Der körperliche Schmerz ließ ihn
einen Augenblick taumeln, dann hielt er sich am Pferderücken und versuchte
aufzusteigen.

Gregor hatte wie erstarrt gestanden, jetzt stürzte er ihm nach. »Hans, Du
bist ja von Sinnen. Du darfst so nicht fort. Um Gotteswillen, Dir passiert
ein Unglück, mein Junge. Sei doch nicht so außer Dir, laß uns über die
Sache reden. Steige nicht auf, Hans, ich lasse Dich so nicht fort --«

»Du läßt mich nicht?« hohnlachte der andere. »Von jetzt ab wirst Du mir
wohl nichts mehr zu lassen oder nicht zu lassen haben. Das ist vorbei,
Bruder Pfaff!«

Die Wut spannte seine Sehnen. Er, der noch eben halb bewußtlos an der Mauer
gelehnt hatte, flog mit einem einzigen Schwung in den Sattel. Dabei hatte
er sich ohne Besinnen auf die linke Hand gestemmt. Ein wilder Fluch und
Aufschrei entfuhr ihm, er riß den Zügel so heftig von der Latte, daß das
Leder zerriß, das Pferd setzte in die Höhe und im Galopp flog es mit seinem
verzweifelten Reiter davon. Noch von fern, auf der Dorfstraße hörte man hin
und wieder einen kurzen, klingenden Ton vom Hufschlag.

Da stand der andere! Da stand er in seiner ganzen Herrlichkeit!

»Hans!« rief er noch einmal in die leere Luft.

Leer, still, tot. Tiefe, regungslose Winterstille hier, wo noch eben die
wilden Worte brausten. War das noch einmal ein Hufschlag? Vorbei -- --
jetzt mußte er schon zum Dorfe hinaus sein.

Der wahnsinnige Junge! Es muß ihn jemand aufhalten! Wie sah er denn aus?
Er stürzt ja. Aber wer will diesem Sturmritt nach? Nur für den Fall, daß er
gestürzt ist und irgendwo liegt --

»He, Michael Krauthammer!«

Da hinten, wo die Dorfstraße weiter läuft, guckt ein altes Bäuerlein über
den Zaun. Es ist taub und versteht nicht. Gregor winkt wie ein Rasender, da
klettert es über die Latten und kommt gelaufen, daß der lockere Schnee an
der Oberfläche in kleinen Ballen hinter ihm auffliegt.

»Michael, ist Dein Schimmel im Stalle?« Er muß mit voller Lunge schreien,
sonst kann er es sechzehnmal sagen.

»Jawohl, Herr Pastuhr. Jawohl, jawohl.«

»Willst Du mich fahren, in dieser Minute nach Rummelshof?«

»Nach Rummelshof? Jawohl. Morgen früh, Herr Pastuhr?«

»Rasender Unsinn! Jetzt! Sofort, auf die Minute. Jetzt!«

»Jetzt? Aber -- nun ja --«, er wiegt das graue Köpfchen. »Nu ja, Herr
Pastuhr, zu gern will ich das. Nur mein' Kaffig erst austrinken, der steht
in der Röhre.«

Ja ja, laß Deinen Führer nur erst seinen Kaffig noch austrinken. So
schnell, wie Dein wilder Bruder kommst Du doch nicht fort. Nur sachte,
kühler Gregor, es ziemt sich nicht für Dich, überzukochen. Fahr Du sachte
der wilden Spur nach, lies die zerbrochenen Leute auf, das ist ja ein
heiliges Amt. Oder ist das vielleicht noch heiliger, die Leute erst zu
zerbrechen?

Er stand im Stall, im Mist und legte selbst dem Schimmel das Geschirr auf.
Das Bäuerchen weinte beinahe, weil es so schnell fertig sein sollte. Aber
den Kaffig wenigstens, den ließ es sich doch nicht nehmen.

Wenn ich aufs Gut ginge, bekäme ich schneller ein Fuhrwerk, dachte Gregor.
Aber ich gehe nicht da hin, und mittlerweile ist's ja auch hier so weit.

Er saß auf dem Strohsacke des Leiterschlittens, und als eben das gemütliche
Getrotte losgehen sollte, riß er dem Alten die Leine fort. »Es handelt sich
um Tod und Leben!« schrie er ihn an, »hier heißt's Galopp.«

»O je, o je!« schluchzte das Männchen. »Dat end't jawoll nich gaud!«

Der Schimmel bekam die Peitsche, er dachte, das wäre ein Mißverständnis,
aber es war keins. Sie sauste wieder und wieder. Da wurde ihm so
himmelangst wie seinem alten Herrn, und der Schlitten flog durchs Dorf und
draußen über den höckrigen Weg.

Auf freiem Felde war es noch wieder ein Stückchen heller als im Dorfe.
Gregor spähte den flachen Weg entlang übers Moor. Jawohl, es flogen Krähen
auf, wenn er nach denen suchte. Da tanzten in der Luft auch schon wieder
Schneeflocken.

»Dat ward jawoll 'n Gestiewe«, klagte Michael Krauthammer besorgt. »Am End'
finden wir unsern Weg noaher nich wedder.«

Gregor antwortete nicht. Die freie Luft hier draußen auf der raschen Fahrt
tat ihm gut. Ihm wurde klarer im Kopfe.

Sie hat dem tollen Jungen unsere Sache verraten! dachte er voll wilden
Zornes. Was fällt ihr ein? Wer gab ihr das Recht? Ja, so ist sie: mit
dem Kopf durch alle Wände, unbekümmert, rücksichtslos. Was macht ihr mein
Wunsch und Wille aus? Was macht ihr das Unheil aus, das sie stiftet? Sollte
ich mein Lebelang mich mit dem Löschen abgeben, wo sie Feuer angelegt
hat? --

Eintönig klapperten ein paar klanglose Schellen am Sielengeschirr des
Schimmels. Hin und wieder flog der Schlitten über eine Unebenheit des Weges
heftig zur Seite, daß die Männer sich an dem Leitergerüst halten mußten.

»Wi smieten üm, Herr Pastuhr!« gellte das Männchen.

»Und wenn auch, das macht nicht viel aus«, sagte Gregor unwirsch.
»Höchstens hält's uns auf.«

Aber es war mit Sorgfalt nicht viel zu machen. Der Weg war so überweht vom
Schnee, daß man seine Tücken nicht sehen konnte. Dazu schneite es immer
heftiger und wurde rasch Nacht.

»Sind da nicht Tappen vom Pferd? Ja, da ist er geritten. Aber wer kann's
erkennen. Eine Laterne hast Du wohl natürlich nicht mit?«

»Wat sall ick hem?«

Schafskopf! dachte Gregor, aber er sagte es nicht laut, weil das nicht die
geistliche Amtssprache ist.

Je weiter der Weg und näher das Ziel, um so steinerner und kälter wurde das
Herz in ihm. Die rasch aufgefahrene Angst um den Bruder, die ihm wie
mit eisernen Händen das Herz gepackt hatte, ließ nach, je mehr die
Wahrscheinlichkeit eines Unglücksfalles sank. Er hörte auf, das Pferd zu
peitschen und zu jagen. Als er durch das Schneetreiben die Lichter von
Rummelshof sah, erwog er schon, ob er nicht umkehren solle. Was er
wollte, hatte er ja getan: dem Hans auf die Spuren gesehen, ob ihm nichts
zugestoßen sei.

Dennoch war die Beruhigung zu unsicher. Er konnte auf einem anderen Wege
übers Moor geritten sein. So fuhr er weiter.

Es war nicht tot zu machen, daß er vor einer Stunde mit einer wahnsinnigen
Angst im Herzen im Pferdestall des alten Krauthammer gestanden hatte.
Gregor v. Zülchow hatte nicht viele Stunden wie diese gehabt, sie zuckte
ihm noch im Blute.

Aber wer wenig Perlen hat, stellt sich um die, die er hat, auch ganz
besonders gefährlich an. Gregor setzte den wilden Herzschlag, die tolle
Fahrt, die Not dieser Stunde dem Bruder Hans dick unterstrichen aufs Konto.
Da! das zahle Du mir erst mal wieder heraus!

So klapperte er auf seinem Bauernschlitten auf den Hof seiner Väter ein.
Er fuhr auf den Laternenschein zu, der durch entlaubtes Gebüsch von den
Stallgebäuden her kam. Da stand ein Knecht und rieb Hans Hennings Pferd ab.

»Na also --«, sagte Gregor nur. Er tat keine weitere Frage und wandte den
Schlitten wieder um.

»Herr Pastuhr, Sei führen ja wedder rut!«

Laß das Bäuerchen schreien, so viel es will. Es hat hier wohl auf einen
heißen Grog gehofft.

»Da, Michel, nun kannst Du auch wieder fahren.«

»O je, o je -- nee, de Geschicht' begriep ick mien Läwdag nich --«

»Ich habe Dich nicht umgeschmissen, nun schmeiß Du mich auch nicht um«,
sagte Gregor. Er hatte nicht Lust, um diese Sache nun noch naß zu werden.

Wenn der dumme Junge zur Ruhe gekommen ist, wird sich schon alles
arrangieren, dachte er.

                           *       *       *

Danach kam der Dienstag Morgen. Die Sonne schien wieder, aber blaß aus
blassem, nichtssagendem Himmel. Der Ostwind strich scharf durch die kahlen
Bäume, in der Nacht war der Schnee von gestern abend festgefroren.

Gregor hatte einen schweren Kopf. Er saß am Schreibtisch, um eine
wissenschaftliche Arbeit für eines der theologischen Blätter zu beenden,
für die er hin und wieder schrieb. Aber er konnte heute nicht. Man räumt
auch erst bei sich zu Hause auf, ehe man anderen Leuten die Stühle und
Tische für dieses Lebens Gebrauch zurechtstellt.

Aber er hatte von dieser unpersönlichen Arbeit Klärung und Beruhigung
erwartet, die blieb nun völlig aus.

Daß ich mich mit dem Kinde nicht verbinden kann, ist mir jetzt ohne
Zweifel, dachte er. Es ist meine Schmach und Erniedrigung, daß ich dies
für ein paar tolle Viertelstunden vergaß. Ein boshaftes Geschick oder eine
absonderliche Schwäche meiner Nerven ließ mich zweimal in derselben Sache
einen so argen Fehlgriff tun. Bei der kleinen Durchlaucht war es vielleicht
schlechter, berechnender. Ich hätte schon ihr Gemahl werden wollen, was tat
mir ihr süßes Schmachten zu Leide? Bei diesem Kinde -- ach, da kann ich
nur bitten: Erscheine mir nicht! Bleib fern, damit ich so stark und kühl
bleibe, wie ich muß.

Die Sache ist nicht am Ende. O, wäre sie es! Was steht noch alles bevor!
Ich kann es nicht vermeiden, was nun kommt. Sie glaubt an mich. Sie kennt
keine Schwäche und keine Kälte. Sie ist in jeder Stunde das, was sie
wirklich ist, nicht nur ein abgeblitzter Funke ihrer selbst.

Was noch bevorsteht, ist dieses: Ich muß sie an die Hand nehmen -- ich
sie! und das ist mein Büßen -- und sie durch das dunkle Tal menschlicher
Kompliziertheiten führen, das sie noch nie gesehen hat. Ich muß das Grauen
und die Verachtung in ihren Augen wecken. Das muß ich tun. Sie muß mich
als Schwächling und Egoisten sehen. Wenn sie weniger unwissend, stark und
einfach wäre, könnte sie auch die feineren Fäden sehen. So wird sie es
nicht, und es ist nicht meine Sache, es sie zu lehren. Ich kann an ihrer
Verachtung und ihrem Grauen nichts ändern.

Hans Henning -- das ist Art von ihrer Art. -- Warum soll das nicht werden?

Er stand auf, ging durchs Zimmer und setzte sich wieder. Am blassen Himmel
war die Sonne fortgegangen, man sah kaum wohin, so gleichförmig fade und
weißgrau legten sich die Wolkenstreifen darüber.

Warum soll das nicht werden?

So laß sie beide doch -- und gib der Vernunft Raum und sei kein Narr, der
eine schlechte Tat auf die andere häuft.

Ja ja, so ist es gut. Keiner braucht sich dabei das Genick zu brechen.

Aber ich, der ich nur die Hand zu öffnen brauche, wo andere kämpfen und
ringen, ich soll als der einzig Hungrige vom Tische aufstehen? --

Ich _will_ es ja so! Ich _will_ den Wein nicht. Warum kann man ihn nicht
umstoßen, daß auch andere nicht zu trinken brauchen? Das Königlichste auf
Erden ist Verschwendung.

Was ist das? Bewegt sich da etwas in der Ofenecke hinter dem Schlot? Diener
der Kirche, kennst Du denn nicht die grinsende Fratze?

»Was wäre es gewesen, wenn jemand gestern vom Pferde gefallen wäre -- --?«

Weg Satanas! Du hast gesprochen, nicht ich!

Satanas -- ja kommst Du jetzt da herum? Bist licht und schön und frei von
Gang und hast ein rotbraunes Struwwelköpfchen?

Geist, zerrinne wieder! O Du mein liebes Gesicht -- erscheine mir nicht!
Erscheine mir nicht!

Die Gartenpforte klinkt. Der Schnee knirscht unter den Tritten.

Jag sie doch hinaus, wenn Du Angst hast!

Nein, nein. Die Entscheidung soll kommen.

Fritzchen, ja -- so etwas wagst Du wieder? Das tut keine sittsame Jungfrau,
Du wildes, unbedachtes Kind!

O Gregor, das starke Herz, das Männerherz! Reiße es rasch heraus, in den
Winkel damit, sonst -- -- rasch!

Da klopft es schon.

Da steht sie in der Tür. Wie ist sie blaß geworden in dieser einen
schlimmen Nacht!

»Gregor«, sagte sie leise, »ich suche Dich.« Es war ein krankes, bittendes
Lächeln um ihren Mund, das machte sie für ihn noch schöner, als sie je
zuvor in ihrer lachenden Kraft gewesen war.

Er stand ihr gegenüber -- ihr Sklave.

»Nein!! Es kommt die Reue!« rief er jählings so wild, daß sie
zusammenschrak. Er hatte es nur sich sagen wollen, nun hatte er es auch ihr
gesagt.

»Die Reue?« fragte sie zitternd und bange.

»Du bist ein Kind und weißt nichts von mir und Dir!« rief er in demselben
wilden, starken Tone. »Geh hinaus von hier, geh! Es kommt nichts wie
Unglück hierbei heraus. Ich weiß das, ich wußte das immer, aber ich hatte
es in einer törichten Stunde vergessen.«

Damit war sein hoher, starker Ton erschöpft. Er sah, wie sie fahl bleich
geworden war. Sie bot einen solchen Anblick, daß er glaubte, sie werde im
nächsten Moment umsinken. Er eilte herbei, ihr einen Stuhl zu geben.

»Nein, danke«, sagte sie, stützte sich aber doch auf die Lehne und sah ihn
mit den Augen an, die übergroß in dem blassen Gesichtchen standen.

»Du hast mich also nicht lieb?« fragte sie in einem seltsam hohen, wie
fragend klingenden Tonfall.

Er spielte jetzt wahrlich nicht. Es war eine Schmerzüberwindung, wie dieser
Mensch sie in seinem ganzen bisherigen Leben noch nicht vollbracht hatte.
Er gab der Wahrheit, die über Ja und Nein steht, die Ehre und sagte hart
und stark wie klingender Stahl:

»Nein.«

Ihre Blicke verwirrten sich einen Moment und wurden völlig leer, so daß
ihn ein kurzes Grausen und gleich darauf ein unendliches Mitleid faßte. Er
griff nach ihrer Hand und zog sie sanft an sich.

Die Versuchung für ihn war überwunden.

»Es war eine sehr süße und holde Täuschung«, sagte er. »Wir kommen beide
wohl darüber fort.«

Was hatte er ihr doch erklären wollen von der komplizierten Maschinerie
seines Seelenlebens? Ach, vor diesen Augen versagen noch ganz andere
und viel einfachere Erklärungen. Da steht der schlichte, große, starke
Menschenjammer vor dem ganzen Prunk der analytischen Erklärungskunst, und
die Kunst fällt zusammen und wird zum Häuflein Schmutz.

Das Leben aber wendet sich und geht hinaus.

»Adieu, Gregor.«

Sie geht hinaus. Es sind nur Minuten verstrichen, wieder klinkt das
Gartentor. Sie trägt den Kopf geneigt, wie ein freier Vogel, den man
angeschossen hat, sie schleppt ihre Füße.

Ach ja, das wird ein saurer Gang.

Er, der Pfarrer, steht in seinem Zimmer. Er ist nicht zum Sklaven und zum
Verräter der eigenen Kraft geworden. Er hat gebüßt, was zu büßen war.

Jetzt schließt er seinen ehrlichen Bund mit der Einsamkeit und mit der
Kälte.



Zwölftes Kapitel.


Was ist geschehen? Verstehst Du es, Herz? Verstehst Du es, Kopf?

Sie kommt in ihrem Schloßhof oben an. Da steht der alte klobige Turm mit
seinen vielen Fenstern.

Ein Entsetzen packt sie. Da hinein? Da sitzen wie gestern und alle Tage?
Einfach weiterleben hinter diesen Mauern?

Es zuckt ihr in den Füßen. Fort, ins Feld hinaus, weit weg. Nur nicht
wieder hier hinein!

Ins Feld? Ja, da ist Weg und Steg und jeder Stein noch wie er immer war.
Übers Moor? Oder an den See?

An den See? Weißt Du noch?

Mit einer wilden, hilflosen Bewegung drückt sie die beiden Fäuste vor die
Augen. Schwarz -- schwarz -- schwarz --

Ins Dunkle! Verkriechen! Das ist das beste!

Hinein.

Wie die Haustür knarrt mit dem altbekannten Ton! Da ist Jakob auf der
Treppe.

Jakob? Gibt es denn noch Menschen?

»Was gibt's heut' wohl zu Mittag, gnädiges Fräulein?« sagt Jakob, der alte
Schelm.

Sie steht in der Schulstube und weiß nicht, wie sie hereinkam. Es ist
eiskalt hier, sie graut sich vor den acht Fenstern.

Da bleibt sie stehen, mitten im Raum, und schreit laut auf. -- --

Das hat geholfen. Das starre, steife Entsetzen ist gelöst. Sie atmet
wieder.

Sie weiß plötzlich alles -- sie lächelt -- sie glaubt plötzlich nichts.
Welch ein Schreckbild hat sie geängstigt!

Sie geht an ihren alten zerschnitzten, staubigen Fenstertisch. Ein halb
zerrissener Zettel liegt herum, sie nimmt ihn und schreibt darauf mit
Bleistift.

»Ich habe Dich nicht verstanden. Meintest Du so, daß wir uns nichts mehr
angingen? Aber das gibt es ja nicht. Du kannst mich doch nicht den einen
Tag lieb haben und den anderen nicht? Bist Du mir über etwas böse, das ich
getan habe? Warum sagtest Du das nicht --«

Plötzlich hielt sie inne. Sie fühlte es im Nacken, es stand jemand in der
Tür. Mit einem Erbeben des Grauens kehrte sie sich um.

Da war er. -- Schwarz, stumm, mit demselben eiskalten Gesicht von gestern,
von der Dorfstraße her, mit einem geisterhaft schrecklichen Blick durch die
Brillengläser. Er rührte sich nicht, er öffnete nur langsam die Lippen --
er würde ihr antworten --

»Nein! Nein! Ich will nichts! Ich will nichts!« schrie sie wie von Sinnen.
Sie sprang auf, der Stuhl fiel um, sie stolperte über eins der Holzbeine,
die ganze Stube drehte sich, er mit, sie fühlte ein namenloses Entsetzen,
wie einen Fall in eine unendliche Leere --

»Geh fort! Geh fort --«

Dann wurde es Nacht und stumm.

-- -- -- Es stand niemand in der Tür. Nur die acht Fenster, von dem
einförmigen grauen Weiß des sonnenlosen Schneetages gefüllt, sahen auf das
bewußtlose Kind am Fußboden.

                           *       *       *

-- Aber es kamen Schritte. Frau v. Pohle suchte nach Fritzchen. Sie hatte
im Vorbeigehen Jakob gefragt, der kratzte sich im Kopf.

»Mit der ist wohl was los, gnädige Frau. Die guckte mich eben an, als ob
sie ihren Klug nicht hätte. Am End' ist sie krank, sie ist wohl zu Bett
gegangen.«

Im Bett war sie nicht. In der Schulstube war sie.

Ein brennender Schreck durchzuckte die Frau, im Moment war sie neben der
Gestalt, die wie zusammengeschossen mit dem Gesicht auf der Erde neben dem
umgestürzten Stuhle lag.

Sie kniete neben ihr. »Fritzchen!« Aber sie konnte den starken jungen
Körper nicht mit ihren schwachen Armen bewegen. Sie stand auf, um Hilfe zu
holen, da sah sie den Zettel auf dem Tische.

Sie nahm und las ihn und fühlte einen Moment, wie das Herz in ihr still
stand. Ihr Gesicht bedeckte sich mit brennender Röte der Not, der Scham,
um dies junge, herrliche Menschenbild, das hier in Schmach und Jammer vor
ihren Füßen lag.

Den Zettel steckte sie zu sich.

Auch das noch! Er hat auch mit ihr zu spielen gewagt! Ein kraftschönes
Leben zerrissen in Eitelkeit und Herzenskälte. O Gott, o Du Gott der
Gerechtigkeit, triff ihn! Höre mich! Mann und Kinder und all mein
Lebensglück hast Du mir genommen. Ich stehe in einer Wüste. Ich will nichts
für mich. Aber höre den Schrei nach Gerechtigkeit. Triff ihn! Vernichte
ihn, den Vernichter!!

                           *       *       *

Es kam über Nacht ein Westwind übers Land in großen, langen Stößen. Die
Temperatur stieg um mehrere Grade. Als wieder neuer Schnee zur Erde nieder
wollte, wurde er zu Regen. Es leckte von den Dächern und rutschte von den
Bäumen. Große häßliche löcherige Vertiefungen fraß das laue Naß in die
zarte weiße Schneedecke. Auf der Dorfstraße patschten die Pferdehufe,
schlammten die Räder.

Die Kalesche des Doktors fuhr durch das Dorf. Sie kam von draußen herein,
wo auf freiem Felde das Werk des Zertauens noch nicht so vorgeschritten
war, aber hier auf dem höckrigen Pflaster spritzte der Schmutz bis hoch an
das Verdeckleder hinan.

Überall steckten besorgte Gesichter aus den Türen und hinter dem
Fensterglas. Um das Fritzchen war der Doktor doch noch nie geholt.

»Was ist denn los?« »Fräulein Fritzchen ist krank.« »Na nu! Uns' Fräulein?
Aber nee!«

Es wußte es niemand, was in Wahrheit geschehen war, außer Frau v. Pohle --
und vielleicht noch einem, wenn man es dem zufällig im Dorfe erzählte. Aber
mit dem redet man doch nicht wie mit einem gewöhnlichen Menschen.

Frau v. Pohle sagte dem Doktor, daß Fritzchen gestern in Ohnmacht gefallen
sei, eine unruhige fieberische Nacht gehabt habe und heute sehr matt und
beängstigend teilnahmslos daläge. Sie sah auch den Doktor, dessen Assistent
sie manches Mal im Dorf gewesen war, leer und gleichgültig an, erwiderte
seine Begrüßung nicht und gab ihm keine Antwort.

»Laßt mich doch schlafen«, war das einzige, was sie in einer Art von müder
Verzweiflung sagte.

»Sie muß einen kolossalen Nervenschok gehabt haben«, sagte der Doktor. »Sie
haben keine Ahnung, gnädige Frau?«

»Nein, nein«, sagte Frau v. Pohle, aber so hastig, daß er ihr die Lüge von
der Stirn ablas.

»Mit Vater -- Schwester -- es ist nichts passiert?« fragte er.

»O, nicht im geringsten.«

»Es wird sich augenblicklich nicht viel tun lassen«, sagte er. -- »Sie muß
sich gesund schlafen. Aber sowie sie wieder auf ihren Füßen stehen kann,
muß sie eine Luftveränderung haben.«

»Jawohl, eine Luftveränderung!« rief Frau v. Pohle in lebhafter Zustimmung.

Na, da kann man sich's ja schon denken, Ihr Heimlichtuer! dachte der alte
Doktor bei sich. Lieber Gott, menschliche Sachen. Zwanzig Lenze zählt das
Wurm. Sowas geht vorüber.

»Und mal ein bißchen tanzen, Menschen sehen, Theater, Musik, all solch' ein
Kram. Sie verstehen mich, gnädige Frau, sorgen Sie dafür.«

»Soviel ich kann!« sagte Frau v. Pohle.

Im Fortfahren dachte der Doktor: Ob es nicht der hochnäsige Laffe im Talar
ist, der auch hier das Unheil angerichtet hat? Möge ihn der Teufel holen!

Der Fluch des kräftigen alten Doktors und das Gebet der feinen alten Dame
schloß eine seltsame Verbrüderung. Es haben schon andere Throne gewackelt,
als man sie niederbetete und niederfluchte. Denn auf Erden sind Mächte am
Werk, die mächtiger sind als der Westwind über den Schneemassen.

Der Westwind ging um das Pfarrhaus und rüttelte an der Haustür und den
Läden. Ein Reitpferd stand draußen angebunden, es war ungeduldig und
stampfte, daß der Schmutz hoch aufspritzte. Ein Mann kam aus dem Hause in
hohen Stiefeln, er ging durch den Garten, setzte sich zu Pferde und ritt
davon. Nur der Wind war noch in der Straße. Er trieb den Regen durch die
Luft und riß den letzten Schnee von den Bäumen.

Jawohl, es ist auch eine Lust, Schönheit zu zerstören! Der Wind löst die
weiße Decke auf und stößt die phantastischen Kronen von den Mauerköpfen.
Ihr habt genug bewundert! Hussa, merkt Ihr, wie es trieft, leckt, pfeift,
klappert, und wie alle Herrlichkeit zufließt?

Der Pfarrer steht im Zimmer und liest einen Brief. »Mein Gregor, denke
Dir, seit gestern ist Hans fort. Ich glaubte, er wäre zum Arzt geritten,
es hatte sich mit seiner Hand so außerordentlich verschlimmert. Ich wartete
ängstlich auf seine Rückkehr und schickte ihm dann einen Boten nach.
Sein Pferd hat er eingestellt und nur dem Wirt -- denk' Dir, Gregor, dem
Hotelwirt! -- den Bescheid für mich hinterlassen, daß er schreiben würde.
Er war schon vorher so seltsam, sonst würde ich mich ja nicht ängstigen.
Und dann der kranke Arm. Bei dem Arzt ist er gar nicht gewesen! Lieber
Gregor, wenn Du Zeit hast, komm herüber. Laß mir durch den Boten sagen, ob
ich Dir den Wagen schicken soll. Oder wenn Du Nachricht von Hans hast, gib
sie ihm gleich mit.«

»Der Wagen soll kommen!« hatte Gregor bestellt.

Er kannte seine Mutter, sie hatte nicht gewagt, den gleich mitzuschicken.
Was sollte er auch dort? Ihr sagen, daß er etwas mehr wisse, als sie -- und
daß auch er eine unbestimmte Angst in sich hege?

Aber er konnte drüben wohl noch Näheres erfahren, er konnte des wütenden
Jungen Spuren verfolgen. Das würde nicht allzu schwer sein. Er konnte ihn
in seinem sinnlosen Hinausstürmen aufhalten und ihm sagen: Du hast keinen
Schmerz und keine Bitterkeit nötig. Was Du für meine Rechte hieltest,
übergehe ich alles Dir. Und das Weitere besorge Du Dir selbst.

Wie ist solche närrische Verzweiflung doch noch voll Glück, Kraft,
klopfendem Leben. Um eines kleinen Mädchens willen sich Herz und Genick
zerbrechen, die Welt einschlagen und nichts sehen, hören, fühlen außerdem,
das ist wild und frisch wie Jagdlust und ein scharfes Reiten.

Sieh, wie ist der Schnee getaut seit gestern. Wo ist die leuchtende
Herrlichkeit hin? Der Wind pfeift und der Regen rinnt, es wird eine
schlimme Fahrt übers Moor.

Justine sagt, es ist Krankheit im Schloß. Es ist schon möglich, daß es hier
an zwei Enden auf Tod und Leben geht. Laß es gehen, laß es ziehen, rinnen
und vorüberpfeifen, wie der Westwind, der den Schnee zerschmilzt. Ich stehe
daneben!

Stolzer Mensch, der also sprechen kann! Tausendmal armer Mensch, der also
sprechen muß! Es gibt ein Königtum unter den Menschen, das ihre Fesseln
nicht trägt, nicht den Schutz ihres Daches und die Wärme ihres Herdes
teilt. Das selbst von dem Schmerz, der ihm Fessel sein könnte, unabhängig
ist.

Der Ärmste ist zugleich der Mächtigste. König Gregor, es beneiden Dich wohl
wenige um Deine Krone.



Dreizehntes Kapitel.


Damals war die Stunde noch nicht gekommen, daß Fritzchen ihre alte Heimat
verließ. Es ging nicht. So wie der Doktor und Frau v. Pohle sich das
zurecht gestellt hatten, ließen sich dieses Kindes Wege nicht ordnen.

Frau v. Pohle hatte heftige Szenen mit dem Papa wegen der
»Luftveränderung«. Der Papa wurde zum ersten Male ausfallend gegen die
feine alte Dame. Fritzchen kroch nicht an ihn heran, um Schutz zu suchen,
sie fühlte sich nicht von ihm beschützt. Sie stand blaß und still und kalt
und sagte: »Ich reise nicht fort.«

Als sie kaum aufgestanden war, ging sie nach oben, sie wußte, daß sie hier
einen Zettel geschrieben hatte. Er war fort.

Hatte Gregor wirklich in der Tür gestanden? Oder hatte sie Geister gesehen?

Sie fragte nicht. Ein kaltes Schauern ergriff sie. Nicht mehr daran denken!
Schon wieder kam das Gefühl des Entsetzens über sie, das mit diesem Raum
verbunden war. Da stürzte sie hinaus und zitterte an allen Gliedern. Es war
vorbei für sie mit der Turmstube auf immer.

-- Das Grausen verließ sie lange nicht. Sie konnte sich Gregor nicht anders
denken als mit dem toten kalten Angesicht und dem Gespensterblick
hinter den Brillengläsern. Sie zürnte ihm nicht, sie suchte nicht nach
Erklärungen, und niemals, zu keiner Stunde, hoffte sie auf ihn und die
Wiederkehr von Liebe und Glück.

Nichts -- nichts. Sie graute sich nur. Diese Trennung war in Wirklichkeit
auf Tod und Leben gegangen.

Aber sie wollte nicht fort. Nicht aus Liebe oder Hoffnung oder Kraft
geschah das, sondern aus der großen Lähmung heraus, die diesen freigebornen
und abgeschossenen Vogel befallen hatte.

Am Sonntag hörte sie die Kirchenglocken läuten. Gisela kam in Hut und
Mantel herein, heute war sie die einzige aus der Familie, die ging.

War das erst der vorige Sonntag, als sie alle dort gewesen waren? _Der_
Sonntag -- das war erst eine Woche her --?

Fritzchen saß im allgemeinen Wohnzimmer. Sie staunte nur und dabei fror
sie über und über trotz des warmen Raumes. Sie war in ein großes Tuch
gewickelt. Wenn sie unter den anderen war, dann graute ihr nicht, nur
allein mußte man sie nicht lassen.

Herr v. Dörfflin ging an ihr vorbei und streichelte ihr mit seiner breiten
Hand über den Kopf. »Fritz, was ist's mit Dir? Wo tut's Dir weh?«

»Weh? Gar nicht«, sagte Fritzchen, verwundert über diese Frage.

»Du wirst hier gesund, ja? Du läufst nicht fort?« brummelte er weiter.

»Nein, warum sollte ich fort? Ich bin ja hier ganz gut.«

Mehr wollte er gar nicht wissen, er ging zufrieden seines Weges.

Am Nachmittag kam Besuch. Leopold Schultze, der Sohn des Fabrikbesitzers
vom Laueschen Familiengut, und seine Schwester Melitta. Sie kamen wegen
Gisela, sonst aus keinem Grunde. Herr Schultze jun. hatte eine aufrichtige,
etwas weichliche Schwärmerei für sie, die zwar von seinem Vater, der
mißlichen Geldverhältnisse auf Hohen-Leucken wegen, nicht mit Entzücken
betrachtet, jedoch immerhin, aus Gründen einer Adelsverbindung durchaus
gutgeheißen wurde. Nur hatte Herr Leopold, der ein sehr guter Sohn und
ein weicher Mensch war, die strikte Weisung mitbekommen, nicht eher seine
Wünsche in voller Deutlichkeit zu zeigen, als bis Giselas Zustimmung eine
sichere Sache sei. Denn diese Familie war noch zu neu in dieser Gegend,
um nicht eine solche Einführung, an der ein Korb hing, durchaus scheuen zu
müssen.

Gisela hatte seit den letzten Wochen schon den Kopf voll von dieser Werbung
und der Aussicht, eine Frau Schultze zu werden. Daher war Fritzchens
wunderliche Erkrankung ziemlich spurlos an ihr vorbeigegangen. Eigentlich
stand ihr Sinn nach anderen Dingen. Sie hatte gedacht, die beiden
Rummelshöfer Söhne unter sich und ihre Schwester zu verteilen. Wie -- daran
war wohl kein Zweifel. Die verwandten Elemente zusammen, so daß nirgends
Feuer und Wasser sich zu gesellen brauchten.

Sie war ein gar kühles, weltförmiges Menschenkind, in dessen geschickten
Händen viel Unmögliches möglich wurde. Aber sie hatte auch ihre
Abhängigkeiten, die sie armselig, bedürftig und ohnmächtig machten. Gregor,
in seiner dörflichen Pfarre, von der Professur abgesehen, die ihr ziemlich
sicher schien, war ihr doch immer noch der Liebere und Interessantere und
Glänzendere, als Herr Schultze mit seinem Geld.

Wer zählt das Herzklopfen eines armen, auf Scheinbilder gestellten
Mädchens, das zwischen der Frage: ob Schultze -- ob Zülchow in grausamer
Schwebe hängt, während schon der Sperling in ihrer Hand pickt und droben
auf dem Dache die schimmernde, flüchtige Taube sitzt?

Auch der Sperling hat Flügel, er sitzt nicht ewig in Deiner Hand -- mahnte
das geängstigte Herz.

Wie sie dies Hohen-Leucken haßte in seiner kahlen Öde, wo man angewiesen
war auf zwei, drei junge Leute, wo kein reizvolles Spiel der Eifersucht,
kein keckes Wagen und Tändeln, kein prickelndes Wetterspiel von Gunst und
Ungunst stattfinden konnte! Hier saß nur ein braver, langweiliger Freier
in schwerfälligem Ernst: Nimmst Du mich -- oder nimmst Du mich nicht?
Und dahinten in Wirrnis und im unbekannten Land flackerte ein helles,
prächtiges, vielleicht trügerisches Licht.

Sie fing an, nervös zu werden. Nur nicht allein mit ihm! Nur Aufschub,
Aufschub! Es durfte nichts nach Ablehnung aussehen, und doch durfte auch
nichts zu sehr ermutigen und dadurch beschleunigen.

Ja -- das sind auch Kämpfe. Der eine hat es auf dieser Ecke, der andere
auf jener. Tränen und Blut haben sie alle beide, und der Schein ist am Ende
auch ein Sein.

Im ganzen war es eine brillante Unterhaltung, leicht, graziös, mit
geistreichem Geblitzel, wie immer, wenn Gisela regierte. Melitta Schultze
war klug und lustig, sie sekundierte vorzüglich. Gisela war gar nicht
hübsch, sie hatte ein langes kaltes Gesicht und einen verkniffenen Mund,
aber sie verstand es so pompös, etwas aus sich zu machen, daß viele Männer
schwuren, sie sei eine Schönheit.

Ein ganz klein bißchen feiner Klatsch lief zuweilen auch mit unter, aber
nur wie ein Körnchen Paprika. Gisela verpfefferte ihre Gerichte niemals.
Heute gab es eine wirkliche plumpe Neuigkeit.

»Der jüngste Zülchow ist verschwunden.«

»Ach! Was heißt das: Verschwunden?«

»Nein, in der Tat, mein gnädigstes Fräulein. Es sollen schon
Nachforschungen angestellt sein, der Bruder hat auch bei seinem Regiment
vergeblich angefragt.«

Man lachte darüber. Der eifrige Bericht klang so ein bißchen kindlich. Herr
Leopold war mit seiner Neuigkeit hereingefallen und schämte sich.

Fritzchen hörte das alles mit an. Sie saß bald am Ofen, bald am Fenster,
bald mit am Kaffeetisch. Sie sprach nicht mit, sie war blaß und ruhelos.
Melitta versuchte ein paarmal, mit ihr zu reden, aber sie gab kaum eine
Antwort, so traumhaft dumpf war ihr zu Mut. Die anderen beiden beachteten
sie nicht viel. Herr v. Dörfflin hatte über Kopfweh geklagt und war
fortgegangen.

»Was soll denn mit Hans Henning sein?« fragte sie plötzlich und blieb
hinter einem Stuhle stehen. Die Frage klang wie im Zorn gerufen.

Herr Schultze sah sie beinahe erschrocken an. »Ach, jedenfalls nichts. So
ein Streich, wie ein junger Mensch mal macht.«

Wie aus unendlicher Vergangenheit stieg das Bild des stürmischen Jungen vor
ihr auf. Sie mußte sich erst wieder zurechtfinden. Der erste Klang aus der
alten lebendigen Welt!

Hans Henning -- ja -- an der Gartenmauer --

»Er hatte eine verstauchte Hand --«, sagte sie langsam, wie suchend.

»Nun, das hindert nicht am Streichemachen«, sagte Gisela, und die drei
lachten.

Dem Mädchen wurde es plötzlich heiß in dem wollenen Tuch. Sie streifte es
von sich, ging hin und her, ging zum Fenster und zurück. So war sie schon
die ganze Zeit über gelaufen, aber in dumpfer Ruhelosigkeit. Jetzt bebte
und klopfte alles in ihr. Eine unklare Angst hatte sie überfallen, es war
nicht mehr das Grauen von vordem, sondern ein lebendiges, wildes Empfinden,
so, als müsse im nächsten Moment die Tür aufgehen und ein Bote des
Schreckens dort erscheinen.

Es geschieht etwas! Es geschieht etwas! hämmerte es in ihr.

Sie stand und starrte die Tür an: Jetzt muß es kommen!

Es kam etwas. Die Tür ging auf. Es war Jakob in seiner Sonntagslivree.
Leise, wie ein Schatten, die anderen sahen oder beachteten ihn gar nicht.
Seine und Fritzchens Augen trafen sich unmittelbar bei seinem Eintritt. Er
winkte ihr nur zu, sie verstand sofort. Es war gekommen!

Draußen in der Halle sagte er zu ihr: »Der gnädige Herr ist unwohl
geworden. Ich weiß nicht, was das ist, es sieht ganz doll aus.« Er war
selber bleich und schlotterte an den Gliedern.

»Wo ist er? Schnell --«

Sie war schon davon, aufs Geratewohl in der Richtung seines Zimmers, er
schoß ihr nach und hielt sie am Ärmel fest.

»Gnädiges Fräulein -- Fräulein Fritzchen, ich denke -- kriegen Fräulein
Fritzchen man keinen Schreck -- es ist am Ende wohl ein bißchen schlimm --«

»Ja, ja, ich weiß schon«, sagte Fritzchen.

Es war so schlimm, wie es sein konnte. Herr v. Dörfflin war vom Sofa
gefallen, auf das er sich wohl vorhin gelegt hatte. Er lag unten auf der
Erde. Jakob hatte den Knall gehört, war herbeigestürzt, hatte sich
die Sache angesehen, seinen Herrn ein bißchen herumgedreht und war
davongelaufen. Es war doch eine grauliche Sache!

Fritzchen kniete neben ihm.

»Sofort den Doktor holen, Jakob. Sag's draußen. Und dann faß mit an, wir
müssen Papa zu Bett bringen.«

Sie beugte sich tief über ihn. »Papa!«

Es kam keine Antwort zurück, nicht einmal ein Zucken. Sein Gesicht war
wunderlich entstellt. Aber er lebte noch.

Ehe der Mensch wiederkam, kauerte sie neben ihm, den Arm unter dem schweren
Kopf mit den blauroten, gedunsenen Zügen, mit der anderen Hand tastete sie
ihm nach dem Puls, befühlte die feuchtkalte Stirn.

»Papa, mein Papa --«, murmelte sie immer wieder auf das leblose Gesicht
nieder.

Es kam Leben in das Haus, die Kunde flog wie ein wilder Vogel durch
alle Räume. Es kam Hilfe, mehr als nötig war. Draußen wurde nach dem
Schultzeschen Wagen gerufen.

»Ein Schlaganfall --«, sagte Frau v. Pohle leise. »Ihr armen Kinder --«

Wer findet sich im Wirbel solcher Schreckensstunde zurecht? Alles geht im
Fluge, und doch kommt nichts von der Stelle. Man macht lauter Hantierungen,
die nichts nützen. Man versucht dies und das, man steht beiseite und graut
sich, oder man ringt die Hände und weint, was noch am wenigsten nützt. Da
läuft Gisela durch das grüne Zimmer, wo sie vorhin gesessen haben, um
aus Frau v. Pohles Stube Tropfen zu holen, sie sieht noch all das
Kaffeegeschirr, die halbgeleerten Tassen, sie steht schaudernd still, da
hört sie Herrn Schultzes Stimme einen ganzen wohllautenden Satz sagen. O
schrecklich, schrecklich.

Frau v. Pohle hatte in allem Schrecken und Wirrwarr eine stille Freude
am Fritzchen. Die hatte wohl vergessen, daß sie fror, und all das leere
Blicken war fort. Sie hatte warme, ruhige, treue Hände. Sie grauste sich
nicht und schüttelte sich nicht. Sie heulte auch nicht, wie das dumme
Mägdevolk in den Korridoren. Sie tat, was sie hierbei wußte und konnte
(viel war es ja nicht), und all ihr Empfinden war nur ein inbrünstiges
Bitten: »Papa, bleibe hier, lieber Papa!«

Es vergehen hier schon Stunden, ehe der Doktor kommen kann. Man kann
getrost über das Warten sterben, das ist nun einmal nicht anders.
Manch armer Schächer im Dorf hat das schon seinem gestrengen Gutsherrn
vorgemacht. Selbst der Förster, keiner von den Weichsten, hat ihm ein
paarmal vorgestellt: »Zum wenigsten eine Diakonissin müßte her, gnädiger
Herr.«

Jawohl! Wer soll das bezahlen? So ein Wesens um das bißchen Kranksein!

Er hatte schon recht. So ein Wesens um das bißchen Leben und Sterben. Was
nicht mehr halten will, das reißt eben. Er hat auch nie geflickte
Hemden tragen mögen. Nun behält er auch bis zum Schluß recht: die ganze
Anstellerei hätte sich ihm nicht rentiert. Eine Diakonissin hätte heute
auch nur daneben gestanden und zugeguckt, gerade wie es am Ende der Doktor
tat.

Endlich war er da, aber zu sagen hatte er auch nichts. »Na ja -- das ist
eben so. Hab's schon lang' erwartet. Wäre es heute nicht gekommen, so käm
es morgen, bei dieser Konstitution.«

Im Hof rannten die Leute, alle Ställe waren erleuchtet, keiner wußte warum.
Das war auch »man eben so.« Im eisigen Winde wehte der Lichtschein aus den
Wagenlaternen des Doktors.

»Er wird nicht mehr zur Besinnung kommen, es geht so hin«, sagte der
Doktor. »Ich komme im Frühesten noch einmal heran, bis Mittag hält er es
wohl noch aus.«

Man trug alle überflüssige Beleuchtung heraus, die letzte Nacht für diesen
armseligen Erdensohn brach an.

Es war Fritzchen, die am besten an dies Sterbebett paßte. Gisela nicht,
und die Frau, die in dieser Stunde doch eine Fremde war, auch nicht. Diese
verstand das am ehesten. »Wir wollen uns im Nebenzimmer setzen«, sagte sie
zu Gisela.

»Ja, ja, Frida war ja immer sein Liebling«, entgegnete Gisela mit etwas
sentimentaler Betonung. Aber die Sentimentalität war in diesem Moment ganz
ehrlich.

-- Noch gehen die Atemzüge. Noch stöhnt und gurgelt und grunzt es aus der
Kehle. Noch zuckt und arbeitet das Leben in dem Körper. Fritzchen sitzt auf
seiner Bettkante und hält seine Hände, streichelt sein Gesicht. Manchmal
ist es, als ob eine Beruhigungsmacht von ihr ausginge auf den umflorten
Geist.

Nur eine verhängte Lampe brennt.

Mein Vater -- was war denn unser Leben miteinander?

Wie leidenschaftlich wird das Fragen. Vater, Vater, ich hätte mehr mit Dir
sein müssen.

Sie beugt sich über das Gesicht, es zu küssen, er merkt es nicht mehr.
Die Abrechnung an Sterbebetten, das ist die bitterste, aber auch wohl die
häufigste. Wenn der alltägliche Mensch, den man am Alltag vernachlässigt
und nicht viel geachtet hat, plötzlich zur Erde stürzt und sein irdisch
Teil zerbricht und aufgibt, dann steigt er wie im Nu in seinem Wert und
Ansehen, dann sitzt der andere da und schlägt sich die leeren Hände vors
Gesicht: Was habe ich verloren! Was habe ich versäumt!

Das ist die alte, gewöhnliche Geschichte.

Die Nacht ist lang, es kommt auch niemand, zu stören. Laß das Kind mit dem
Vater allein einig werden. Es läuft am Ende doch nicht alles nur auf ein
Abrechnen hinaus. Es ist doch noch ein vollerer Ton, der erklingt, wenn von
zweien der eine gehen will. Viel Unbewußtes, das hier klar und hell wird,
viel leuchtende, starke Liebe, die solange schlief, viel Herzenskraft, die
niemand verlangte und niemand angerufen hat.

Eine kleine arme Handreichung, ein Helfen und Stützen, ein Trunk Wasser,
ein beruhigendes Streichen der Hand, das bloße Dabeisein -- das alles ist
in dieser Stunde das Wirkliche, das Starke, das Einigende für ewige Zeit
über die Kluft des Todes hinüber, das wiegt tausend Versäumnisse auf. So
groß und so klein das Leben -- so groß und so klein sind seine Formen.
Ewigkeit und Sekundenzeit untrennbar verwoben.

Nicht im Jammer der Reue soll das Kind sich vom Vater scheiden. Mit den
jungen, heißen, lebendigen Lippen küßte sie die zerfallende Form.

»Papa, lebe wohl, mein lieber Papa.«

Es kam schon jemand, aber der störte jetzt nicht mehr. Leben und Tod hatten
schon ihren großen Bund geschlossen und saßen friedlich Hand in Hand.

»Fritzchen --«, sagte leise die Eingetretene, Frau v. Pohle, »es ist Ihnen
vielleicht nicht recht, aber Gisela hat gehandelt, ohne mich zu fragen.
Sie meinte, es sei in der Ordnung, sie hat zu dem Pfarrer geschickt. Er ist
schon hier und wartet.«

Es war Morgen geworden, obwohl draußen noch Finsternis lag. Sie sah im
schwachen Lampenschein die dämmernden Züge. »Er versteht ja doch nichts
mehr, ich werde den Pfarrer zurückhalten.«

Fritzchen sah zu ihr auf, sie ließ die sterbenden Hände nicht los. Ihr
Gesicht hatte sich in diesem seltsamen Zusammensein verwandelt, es sah klar
und groß aus. »Der Pfarrer kann kommen«, sagte sie.

Frau v. Pohle ging und holte ihn herein. Sie war beklommen und bange wie
das Kind dort nicht war. Sie wußte auch nicht, ob sie recht oder unrecht
tat, sie konnte jetzt nichts als den großen, stillen Augen gehorchen und
ihren Willen tun.

Überall brannten Lampen, das ganze Herrenhaus war wie illuminiert. So hatte
Gregor es gefunden, als er in eisiger Morgenfrühe den nächtlich dunklen Weg
hinanging. Als ob es ihn zu einem hohen und strahlenden Feste grüßte.

Er wartete in Herrn v. Dörfflins Zimmer. Noch hing alter Zigarrenrauch im
Raum, eine halbgerauchte Zigarre lag im Aschbecher auf dem Sofatisch. Welch
eine Sprache dies alles führte!

Am Fenster stand Gisela und weinte. Seit er das Haus betreten hatte,
war die Erschütterung übermächtig über sie gekommen. Es war wohl keine
Spielerei, daß sie ihn gerufen hatte, wenn auch in ihrem tiefsten
Winkel, wo die dunklen Motive lagern, solch ein Spielmotivchen vielleicht
mitgefunden werden könnte. Aber sie hätte auch Pastor Baumann holen lassen.

Unselig Herz, das zwischen Ernst und Spiel sich selbst nicht mehr
zurechtfindet! Das sich immerdar so trefflich selber zu regieren wußte,
bis nichts mehr übrig blieb, regiert zu werden, als ein Häufchen
leichthandlicher und wechselbarer Wetterfähnchen.

Gregor dachte nicht an sie.

Er dachte an den Juni-Nachmittag, als er Herrn v. Dörfflin von dem
Sterbebette seines Vaters hinausgeführt hatte, weil er kein Recht besaß,
dort zu weilen.

Mit welchem Rechte nun ging er an dieses Mannes letztes Bett?

Er war im Talar. Jawohl, er kam in der Kraft seines Amtes, als Diener der
Kirche. Er war nur der Träger seines heiligen Rockes, der Vollzieher eines
Befehles.

Er wußte, wen er dort finden würde und bebte nicht.

Frau v. Pohle kam, ihn zu holen. Gisela schloß sich an. Da sah er das
Sterbebett und daneben den Engel auf der Wacht.

Er trat heran. Er sah, er konnte dem Bewußtlosen das Abendmahl nicht mehr
reichen, noch ihm etwas sagen. Einen Augenblick stand er stumm, er dachte
nun zu gehen.

Da kam der Geist über ihn. Er öffnete den Mund und sprach mit gedämpfter
Stimme in einem edlen, schönen Tonfall von dem Leben und seinem Wert, von
dem Tode und seiner Macht und von ihrer beider Bund. Er sprach von der
Fülle der Formen innerhalb des Lebenskreises, von der Unerschöpflichkeit
und Unzerstörbarkeit des Lebens, dem selbst der Tod nur eine Form, seine
Entwicklungsbedingung ist. Von der Unergründlichkeit des Werderätsels, das
das Weltall umfaßt und an die Gottheit rührt.

Es war keine Predigt, kühl abgewogen, auch keine Improvisation, bei
der plötzlich der Gegenstand mit dem Redner durchgeht. Es war ein Anruf
angesichts des Todes und seiner unabsehbaren Ufer. Gott! wo bist Du? Gott!
laß uns Dich schauen! Mensch -- wohin gehst Du? Warum warst Du? Warum bin
ich?

Er hörte es nicht mehr, der Ziehende. Aber er war es doch, der in seiner
dunklen Sterbestunde den vier Menschen, die ihn umstanden, eine große,
starke Gnade gab. Noch nie war in diesem Sohn der Kirche das Herz so heiß,
so voll und groß geworden, noch nie hatte es, den Eispanzer sprengend,
in so starken Tönen sein dumpfes Ringen und seine helle Erkenntnis, sein
dunkles Glauben und seine herrliche Anbetung so unbekümmert und ohne
Zurückhaltung verschwenderisch ausgeströmt.

Zum ersten Male in seinem Leben war er von sich selber frei.

Dies war die größte Stunde seines Lebens, zu der hinein keine Verleugnung,
von der hinaus keine Reue führte.

Um ihn herum aber stand das Leben wie mit angehaltenem Atem. Sie fühlten
alle, ob groß, ob gering, ob armselig, ob in der Fülle des eigenen
Reichtums erbebend, die Schauer der Ewigkeit.

Fritzchen war vom Bettrand hinunter leise, halb unbewußt, in die Knie
gesunken. Ihr Kopf lag auf der Bettdecke.

Ja -- wohl hielt ihr Leben den Atem an. Wo war er geblieben, ihr Spielgott,
ihr Katechismusgott, mit dem sie haderte und dem sie an den Fingern seine
Fehler herzählte? Gegen den sie ausschlug und andere arme Seelen zur
Rebellion anstachelte? Dieser Vertreter einer menschlichen Mächtigkeit, von
den Grenzen menschlicher Gesetze umzogen, der Verantwortung und Abrechnung
unterworfen?

Schauer der Ewigkeit. -- Gehen Dir die Augen auf, Kind der Erde?

»Tod, wo ist Dein Stachel? Hölle, wo ist Dein Sieg?«

Die Worte waren verklungen. Noch mischte sich kaum in das Schwarz vor den
Fenstern der graue Schein des Dezembermorgens. Still brannte die Lampe.
Still war das Leben hier im Raum.

Zu gleicher Zeit richteten sie sich beide auf und sahen einander an. Sie
waren keine armen Menschen mehr, keine wirren und heißen Kämpfer um Mein
und Dein, um Du und Ich, all die Angst und das Grauen und die schreckliche
Not lag hinter ihnen. Als zwei erlöste Geister grüßten sie sich.

Sie gaben sich die Hände und blickten sich lange an. Dann schieden sie.

Tod, wo ist Dein Stachel? Hölle -- Hölle, wo ist Dein Sieg?



Vierzehntes Kapitel.


Das Leben hatte in heiliger Stunde erschauernd angehalten, jetzt setzte es
mit starkem Takt, mit Gewirr, Getön und Geklapper wieder ein.

Ludwig v. Dörfflin war im Leben nicht viel gewesen. Nun er tot war, war
der Mittelpfeiler aus dem Hohen-Leuckener Dasein herausgezogen, und alles
drohte zusammenzufallen.

Was nun? Wohin mit allem? Was wurde aus der Wirtschaft? Wer befahl jetzt im
Hause? Wer gab Geld? Wer hatte Geld?

Kaum war der Gutsherr unter der Erde, da liefen beängstigende Schreiben
ein. Hypotheken, Ablösung, Kündigung, fällige Zinsen -- was schwirrte da
alles durcheinander. Es war noch acht Tage vor Weihnachten, da kam der
Inspektor und redete von rückständigem Gehalt. Wo waren die Papiere? Wo war
Geld? Wer schaffte Klarheit und Ordnung in diesem entsetzlichen Wirrwarr?

Von solchen Geschäften verstand Frau v. Pohle auch so gut wie gar nichts;
die beiden Kinder ahnten nicht einmal etwas. »Ja, ja, so geht's öfter
mit plötzlichen Todesfällen«, sagte Herr v. Leisewitz-Deechow, den Frau
v. Pohle in ihrer Angst am Begräbnistage um Rat anging. Er hatte wohl
nicht viel Lust, in diesen Kram die Hände zu stecken. »Nehmen Sie einen
gerichtlichen Verwalter für die Sache«, schlug er vor.

Ist ein Testament da? Ja, wo soll man suchen? In den Schränken liegen die
Papiere herum wie Waschzettel, wer findet sich da hindurch?

Jeder Briefträger bringt Rechnungen. Ein Zigarrenfabrikant schreibt einen
groben Brief. Es ist eine heillose Wirtschaft, wohin man auch blickt. Frau
v. Pohle schläft keine Nacht. Um Gott, die armen Kinder! Da kommt ja wohl
eine Zwangsversteigerung dabei heraus.

Gisela hat alle Farbe verloren und schleicht wie ein gescheuchtes Huhn
einher. Den Schmerz will sie schon tragen, aber die Schande kann sie nicht!

Aber es war noch nicht aller Tage Abend. Ein Ruck -- und die wirrtolle
Jagd bergab stand plötzlich still. Wer hat sie aufgehalten? Von wem kam der
kräftige Ruck?

Es war Herr August Schultze. Der war von anderem Holz als Herr
v. Leisewitz. Der stand mit seiner untersetzten, energischen Figur neben
Frau v. Pohle am Aktenschrank, nahm ihr mit seinen fleischigen und doch
festen Händen die häßlichen, schrecklichen Papiere fort und sagte in dem
Ton, den gutwillige Plebejer an sich haben, wenn sie helfen wollen und ihre
Unentbehrlichkeit durchaus nicht zu verschleiern sich bemühen:

»Das ist nichts für Sie, gnädige Frau. Da finden Sie sich doch nicht durch.
Wenn es Ihnen recht ist, nehme ich den Krempel mal ein bißchen zur Hand und
schaffe da erst Ordnung drein.«

Ach ja, es mußte ihr ja schon recht sein. Sie konnte sich hier die Helfer
nicht erst aus feinen Erziehungsinstituten verschreiben.

Gisela konnte aus ihrem Winkel herauskommen. Herr Schultze verstand sich
aufs Zaubern: von der Stunde seiner Ankunft an ging alles unhörbar und
sicher wie auf Rollen. Alle Angst und Unklarheit war wie fortgewischt.

Er hatte sich gleich zwei seiner Schreiber herüberkommen lassen und sich
mit denen ein paar Stunden eingeschlossen. Dann kam er, glänzend vor
Wohlwollen und Frische, mit dem vergnügten Händereiben des Mannes, der ein
Stück Arbeit hinter sich hat, in das Eßzimmer, wo man mit dem Kaffee auf
ihn wartete.

Er redete unablässig, während er es sich hier im Kreise der Damen wohl sein
ließ, aber nur von ganz außenliegenden Dingen. Von seinem Gut und
seiner Fabrik und auch mit angenehmer Offenheit von seinem arbeits- und
erfolgreichen Lebensgang, von seinen kleinen mühseligen Anfängen, die durch
seine jetzige Stellung verklärt und gekrönt erschienen.

Von nun an hielt er das Geschick der Kinder von Hohen-Leucken in seiner
Hand. Man hätte sich in diesem Falle keine bessere Hand wünschen können.
Keine Liebe und liebenswürdige Begeisterung, keine Weichheit und kein
Mitleid konnte so sicher, klar und einzig richtig die verfahrenen
Verhältnisse ordnen, als es dieser Mann mit dem geschäftsgewohnten Kopf und
dem kühlen Herzen tat. Er behandelte alle Dinge mit der sachlichsten Ruhe,
rettete der künftigen Braut seines Sohnes, was noch zu retten war, betrieb
den Verkauf des Gutes nicht als eine Angstsache, sondern als die durch den
Todesfall bedingte allernatürlichste Angelegenheit und band dabei durch all
sein Vorgehen Gisela an Händen und Füßen für seinen Leopold fest.

Frau v. Pohle merkte dies von der ersten Stunde an. Gisela wußte es auch.
Danach wurde es auch Fritzchen klar.

Es war am heiligen Abend. Kalt, still und dunkel war das ganze Haus. Kein
Christbaum, keine Lichter, nur die Dienstboten hatten sich Kuchen backen
dürfen. Herr Schultze hatte in seiner unzarten Manier gedrängt, den Abend
in seinem Hause mitzufeiern, aber Frau v. Pohle hatte für sich und die
beiden Kinder voll Bestimmtheit abgelehnt. Herr Schultze konnte es sich
jetzt schon gestatten, eine starke Verstimmung an den Tag zu legen.

»Gisa«, sagte Fritzchen, als sie beide allein im grünen Zimmer waren, »Du
wirst den Sohn von da drüben heiraten sollen.«

Gisela bedeckte ihre Augen mit der Hand. Sie fühlte alle diese Tage selbst
eine Qual und Empörung über den Zwang, der sie in etwas hineinreißen
wollte, was sie, als freie Gnade zu vollziehen, noch gar nicht entschlossen
gewesen war.

»Sollen?« erwiderte sie. »Man wirbt um mich, das ist gewiß.«

Ihre Art war erkünstelt, sie hätte gern Kälte und Hoheit gefühlt und
gezeigt. Aber sie fühlte nur die entsetzliche Frage: Wenn nicht -- was
dann?

»Tu es nicht!« rief Fritzchen.

Sie stand auf, setzte sich zu ihr auf das Sofa und schmiegte sich an sie.

»Gisa -- fort müssen wir ja nun beide. Hier ist's nun wohl aus. Wie es
wird, weiß ich nicht. Aber geh nicht zu den Schultzes!«

Matt -- nicht heftig und ohne sich von ihr loszumachen, entgegnete Gisela:
»Ach, Frida, Du verstehst ja nichts. Du siehst nur den Augenblick, nicht
das weite, lange Leben. Wenn alles geordnet sein wird, werden wir ein paar
arme Mädchen sein, Fritz.«

»Ja. Laß das doch. Was schadet es? Wir sind ja gesund. Andere Mädchen haben
auch kein Geld. Besser, als aus Not und Angst irgend einen reichen Mann zu
heiraten, ist das doch immer noch.«

»Du verstehst nichts!« sagte Gisela noch einmal. »Wir haben ja nichts
gelernt, willst Du Wirtschaftsstütze werden oder alten grilligen Damen
vorlesen oder als Kinderbonne Dich plagen? Und wer weiß, ob wir auch davon
etwas verstünden oder nur angenommen würden.«

»Gisa!« rief Fritzchen mit wachsender Angst, umklammerte sie mit beiden
Armen und rüttelte sie, als wolle sie sie aus einem schweren Schlaf
aufrütteln, »es ist nicht möglich, Du kannst nicht, Du kannst nicht das
wollen, aus bloßer Verzagtheit und Angst vor harten Stunden Dich selber
einem Manne schenken, den Du gar nicht einmal lieb hast! O Gisa, besinn
Dich doch nur, das ist ja grenzenlos schlecht und unwürdig! Du entehrst
Dich und ihn! Was soll das werden Euer ganzes Leben hindurch -- Gisa, ich
will für Dich mitarbeiten, Du sollst sehen, daß ich's kann! Ich habe Kräfte
und mir ist jede Arbeit gleich. Ein bißchen Geld bekommen wir doch auch
noch mit, wenn alles verkauft wird. Gisa, _das_ wäre die ärgste Rache,
die Du an Papa nehmen könntest! Das ist überhaupt das Niedrigste und
Schlechteste, was es auf Erden gibt --«

»Laß los! Frida! Was fällt Dir ein! Du drückst mich ja! Laß los! Was weißt
Du, Kind --«

»Du bist auch nur augenblicklich in Sorge, und alles ist so dunkel. O tu
nur das eine, Gisa, tu keinen übereilten Schritt. Laß Dir Zeit, dann wirst
Du selber sehen --«

»Gnädige Fräulein, da ist noch 'n Weihnachtsbesuch«, sagte Jakob in der
Tür. Man hatte das Knirschen von Rädern im Kies nicht gehört. Er hielt die
Tür auf als ein fühlender Sklave, der schon im voraus katzbuckelt, aus der
Fülle seiner Ahnungen heraus.

»Ach, Herr Schultze --«, sagte Gisela in grenzenloser Bestürzung und machte
sich aus der Umschlingung der Schwester los.

Es war der junge Herr, Leopold, und er kam als Freier. Das sah Jakob, das
sah Gisela, das sah Fritzchen. Die Stufen vor der Haustür hätten es sehen
müssen, so prangte es aus ihm heraus.

Es war heiliger Abend, bei ihm zu Hause brannte der Christbaum, nun holte
er sich nur noch die Braut dazu. Papa hatte es ihm geraten. So war alles in
schönster Ordnung.

»Ich erlaube mir, den Damen meine Weihnachtsgrüße --« Er kam ins Stottern,
es wehte doch wie ein frostiger Empfang von der erschreckten Gisela her.
Herr Leopold hatte schwache Instinkte, sonst hätte er gemerkt, daß jetzt
der unpassendste Moment war, den es geben konnte, er hätte Kehrt gemacht
und sich lieber der Blamage vor dem Papa ausgesetzt, als länger dazustehen
und den unwillkommenen Liebhaber abzugeben.

Da kam Frau v. Pohle herein. Sie hatte das Rädergeräusch gehört und nahm
an, daß ihre Gegenwart jetzt nützlich sei. Im übrigen war sie in dieser
Angelegenheit nicht leidenschaftlich und abwehrend wie Fritzchen. Sie fand:
Wenn Gisela diesen Bund eingehen wollte, so war weiter nichts verloren, was
man durch Hinderung ihres Vorhabens hätte retten können. Sie war eine kühle
alte Dame, die die Dinge nicht mehr wichtiger nimmt, als sie sind. Will ein
Mädchen lieber einen Geldsack heiraten, als arbeiten und Mühsal tragen,
so soll man sie um Gottes willen lassen. An einer unwilligen und verzagten
Mühsalträgerin gewinnt das Reich Gottes und das Menschenreich nicht viel.
Laßt sie doch heiraten, zur Puppe werden und kleine Puppen kriegen. Wir
sind auf Erden nicht so arm an guten, starken und blühenden Elementen,
daß wir uns um die Masse der Zweifelhaften, Halben und Matten die Arme
ausrenken müßten. »Wir« überhaupt! »Wir« können gar nichts. Gisela heiratet
doch -- Fritzchen reißt doch Himmel und Erde ein, um es sich selber neu
aufzubauen. -- »Wir« sind nur zum Zugucken da. Also ruhig Blut.

Sie übersah sogleich die Sachlage. Der Liebhaber als etwas unglückliche
Figur, Gisela betroffen und ein Bild der Unschlüssigkeit, Frida kriegerisch
bis zum äußersten.

Was ist es doch für eine treffliche Sache um die gute Erziehung! Man
braucht gar keine geistige, seelische oder moralische Anstrengung, um als
Frau von Welt solche Verlegenheitsbilder zurecht zu rücken. Frau v. Pohle
bat, zu Tisch zu kommen. Sie war etwas stark »erstaunt« über den Besuch
zu dieser Stunde, ließ ihn sanft und nachdrücklich fühlen, daß seine
ungenügende Kenntnis der guten Form ihm hier einen kleinen Streich gespielt
habe, begnadigte ihn dann aber immerhin wieder, indem sie ihn zu Tische
lud. Die allgemeine Schwüle war abgelenkt, aber die Tatsachen blieben alle,
wie sie waren.

Folgendes war das Bild dieses Abends.

Fritzchen, wie in Wehr und Waffen, bereit, jeden Augenblick loszuschießen,
sobald eines von beiden dem Kernpunkt näherrücken würde. Herr Leopold,
die Unglücksfigur des Abends, sich windend und würgend, als hätte er einen
schlechtsitzenden Kragen um. Gisela, allmählich aus der Verwirrung zu sich
kommend, ein Zwitter zwischen Trotz und Ergebung, und Frau v. Pohle, über
dem allen, die Oberfläche beständig glättend und sich um das Brodeln der
Tiefe kein Herzklopfen machend.

Sie sah mit einem innigen Lachen des Herzens auf ihren jungen Liebling am
Tisch. Ach, es ist so wonnig schön, wenn man noch nicht mit seiner Kraft
herumpufft, als hätte man einen Vorrat von Ewigkeit daran! Wenn man sich um
irgendeine wildfremde Sache, die man nicht kennt noch übersieht, mit seinem
ganzen Menschen ins Zeug legt und mit so prachtvoller Zuversicht an den
Sieg glaubt! Die Jahre des Lächelns und Müdewerdens und Stilleseins
kommen immer noch früh genug. Heil und Leben, wenn ihnen solche unsinnige,
gedankenlose Kraftverschwendung brausend erst voranging!

Schlage Du Dich auch nur mit Deinen Enttäuschungen herum, Du, mein schönes
Kind! Liege am Boden und schreie vor Wut, Empörung und Schmerz! Es gehört
alles mit dazu. Wir sollen Dich alle beneiden um die Kraft, mit der Du Dein
Leben lebst.

-- -- Und an dem Abend vollzog sich die Tatsache doch noch.

Leopold Schultze fühlte sich beständig von der Erwartung seines Papas
gejagt. Er hatte immer dessen Hand im Nacken, sonst wäre die Entscheidung
doch wohl noch verschoben worden. Aber das stärkte seine Schüchternheit
wie Alkohol, er rannte einfach, wie mit zugekniffenen Augen darauf los. Das
Fritzchen, vor dem er sich fürchtete, brauchte nur einmal aus der Tür zu
sein, Frau v. Pohle zur Seite zu gucken, da flüsterte er wie im Sturm seine
auswendig gelernte Werbung her. Gisela wurde wie mit Blut übergossen,
sie sagte nicht Ja, nicht Nein. Das war ja nun aber auch Nebensache, die
Hauptsache, die Erklärung, war geschehen.

So sicher ritt dieser schüchterne Jüngling auf seines Papas dickem Geldsack
einher!

Von nun an versank er in ein seliges, befriedigtes Schweigen. Nach Tische,
beim Durchschreiten eines dunklen Zimmers, faßte er sie um und küßte ihren
Mund. Sie wehrte sich, halb entsetzt, aber das ist ja immer so. »Süße
Gisela --«, flüsterte er.

Als sie in die Helle traten, strich sie sich mit einem tiefen Aufatmen über
das Gesicht.

Nun war es also doch so gekommen. Doch es konnte ja auch nicht anders sein.
Gut, daß die Entscheidung vorüber war.

»Noch nichts sagen!« bat sie ihn.

»Aber bald -- bald!« flehte er dagegen.

Frau v. Pohle sah sich nach ihnen um.

»Na ja!« dachte sie nur.



Fünfzehntes Kapitel.


Schloß Hohen-Leucken, das Dorf, das Moor, der See, die Pferde und Hunde,
die Leute, der alte klobige Turm -- das hat aufgehört zu existieren. Es ist
wie ein Bild, das im Nebel zergeht.

Es wird Sommer über dem Moor, das Gras steht hoch, die Käfer schwirren,
der alte Kahn zieht sich ganz voll Wasser und liegt auf dem Grunde -- kommt
denn das Fritzchen noch immer nicht, das hier zum Sommer gehört wie Gras
und Käfer?

Der alte wilde Garten ist neu angelegt, ein Tennisplatz ist darin
abgezäunt. Darin spielen weißbeschuhte Herren und junge Damen den halben
Tag. Es sind jetzt überall neue große Fensterscheiben eingesetzt, der Turm
dient zu Logierzwecken und hat elektrische Leitung.

Wie heißt die neue Herrschaft? Es kommt nicht darauf an, Schmidt oder
Schneider oder noch anders. Wenn sie sonst nur gut sind, aber die Leute im
Dorf merken nicht viel davon. Man kennt das nicht von der Stadt her, daß
man sich persönlich um die Leute kümmert. Früher ist es nichts großes
gewesen, wenn das Fräulein Fritzchen eine Suppe gebracht hat und selber
am Herde gestanden hat und gekocht. Jetzt reden sie davon, wie wenn sie
Märchen erzählen.

Der Jakob kann einem leid tun. Ein Höhenmensch war er ja gerade nicht, aber
doch ein alter braver Knecht. Er lief davon, wenn sein Herr vom Sofa fiel,
aber die Stiefel hielt er noch immer blank und war so zuverlässig, wie ein
alter Kettenhund. Der hatte sich auch wunders gedacht, was er war, und nun
war er nichts. Der neue Herr Schneider oder Schmidt oder Sonstwie wollte
ihn nicht haben, der hatte selber einen Diener, der anders fliegen konnte
als dies Klappergestell. Am Ende konnte der Jakob ins Dorf gehen und sich
von seiner alten Mutter füttern lassen, wenn er nicht auf Tagelohn gehen
wollte. So ging er eben auf Tagelohn mit dem Dorfpack zusammen. Das war
auch ein Trauerspiel aus unseres Herrgotts Druck und Verlag.

Rechts herum geht's zum Pfarrhaus. Die jungen kichernden Töchter gehen mit
ihren Freundinnen die Dorfstraße entlang und stoßen sich an.

»Da wohnt »er«!«

Das ist nämlich auch noch etwas, hier auf dem Lande, der interessante
Prediger, mit der Hof-Vergangenheit! In den Einladungsbriefen der
Backfische wird das besonders erwähnt.

Viel Dorfleute sind Sonntags nicht in der Kirche, aber die rosa und
hellblauen und weißen Backfische sind vollzählig. Ein paar junge Herrchen
aus Eifersuchtsgründen sind auch regelmäßig dabei. Das ist ein Zublinzeln
und verhaltenes Kittern, ein Augenverdrehen und Schmachten, daß die Leute
heraufsehen und sich wundern.

Das ist nun Herrn Gregors Arbeitsfeld!

Wenn ihm übel werden will und matt bis zum Tode, geht er stundenlang über
die Felder. Er kommt dann auch jedesmal über den Böllinger Kreuzweg, wo
Möt über den Graben setzte. Möt ist jetzt zahm geworden und geht im
Ackergeschirr.

Ist das auch das Ende aller unserer Weisheit nach den Stürmen und tollen
Sprüngen unserer schönen Zeit?

              --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Aber es ist viel untergegangen, doch nicht die Kraft und die Herrschaft.

Kennst Du den Rausch der Selbstüberwindung? Kennst Du den Triumph, der
höher ist als alle Kränze des Lebens, wenn der Mensch von sich selber frei
wird?

Königlich ist die Unabhängigkeit von den eigenen Wünschen. Sie ist
mächtiger als das Schwert in der Brust, und sie spottet der Dornen unter
den Füßen.

Die jungen Kinder eines hohlen Daseins schmachten ihn an und verdrehen sich
nach ihm die Hälse. Sie wissen nicht, wen sie verehren. Seine Welt
kennen sie nicht, und kennten sie sie, so würde ihnen grauen vor ihrer
übermenschlich stolzen, kalten Einsamkeit.

                           *       *       *

Doch eine einsame alternde Frau, die Mutter dieses Mannes, konnte ihm auf
dem schmalen Wege nicht folgen. Sie saß in ihrem leeren Hause und hielt nur
abgerissene Fäden in ihrer Hand.

Die beiden Söhne fort. Der eine, der nahe, den sie alle Tage sehen konnte,
wohl noch am weitesten. Worte sind nichts, sie sind wie ein Schrei,
ausgestoßen auf schwindelnder Bergeskuppe, verflatternd in der leeren,
unendlichen, stummen Weite. Tränen sind nichts. Ach, was fragte dieser Sohn
nach den Schmerzen der Zurückbleibenden da unten im Tal?

Es war eine Mutterqual, die sich durch dies ganze Leben gezogen hatte. Nun
war dies Leben müde davon. Es brachte kaum noch Angst und Erregung für den
zweiten der Söhne auf.

Hans Henning hatte geschrieben. Nach vielen Nachforschungen, Besorgnissen
und Ratlosigkeiten wirkte der Brief fast wie eine Ernüchterung auf sie.
Stempel Lissabon. Die Form kurz bis aufs äußerste. Er habe den Abschied
schriftlich genommen und sei jetzt auf einer Reise um die Erde. Nach
Jahresfrist oder etwas später werde er kommen und das Gut übernehmen.
Geldmittel habe er sich bei dem Freunde des Vaters, Herrn So und so,
verschafft, er bitte, sie ihm zurückzuerstatten. -- Weiter nichts.
Nicht einmal den Namen seines Dampfers hatte er genannt, keine Adressen
angegeben, jegliche Möglichkeit einer Verbindung bis zu seiner Rückkehr
total abgeschnitten.

Frau v. Zülchow fragte: »Gregor, hast Du einen Streit mit Hans gehabt?«

»Ja«, entgegnete er. »Aber es war ein Mißverständnis von ihm.«

Ein feines, brennendes Rot überzog ihr Gesicht, als sie mit großer
Überwindung, und doch getrieben von ihrer Begier, nicht außen zu stehen,
fragte: »Ist es -- Gregor, Du mußt diese Frage verstehen -- handelt es sich
um die jüngste Dörfflin hierbei?«

»Ja, Mama«, sagte Gregor ruhig.

Sie wollte noch Tausendfaches fragen, aber sie wußte nicht wie, und sie
blieb stumm. Das hatte sie jetzt gelernt in ihrer schweren Zeit.

Abgerissene Fäden hielt sie in der Hand. Auch der Hans, dessen Liebe und
fröhlicher Gegenwart sie so sicher, fast gleichgültig sicher gewesen war,
hatte den seinen abgerissen. Der Mann, ihr Gatte, der ihr ganz zugehört
hatte, war tot. Wo war all der Besitz hin, in dem man einst wie in einem
blühenden Ährenfeld stand?

Sehnsucht nach Hans -- das war jetzt wohl noch das einzige, was Sinn und
Lebenszweck hatte. Diese Tränen brannten wenigstens das Herz nicht aus. Sie
suchte die Erinnerungen an Hans zusammen, die Kinderbildchen und ähnlichen
Kram. Sie saß stundenlang und grübelte, um sich seine Worte, Handlungen,
Bewegungen ins Gedächtnis zurückzurufen und konnte es kaum fassen, wie
verschwenderisch sie früher gewesen war.

                           *       *       *

Gisela v. Dörfflin gab es nicht mehr. Dafür eine junge Frau Schultze auf
Gut Böllingen. Der Papa hatte seinem Sohn das Gut und auch die Zuckerfabrik
überlassen und war mit Frau und Tochter zu einem seiner anderen
Fabriketablissements übergesiedelt. Nun konnte das junge Paar nach einer
oberitalienischen Hochzeitsreise »in ungestörtem Zusammensein seine
Flitterwochen verleben.«

Süße Zeit. Gisela fand sie auch süß genug. Ach, man mag die Seele
aufspannen, wie man will, die sieben fetten Jahre nach den sieben mageren
Jahren sind doch nicht nur ein Tand, den man sich ohne Zucken vom Ärmel
schütteln kann. Fritzchen weiß so etwas noch nicht, es liegt auch zum
großen Teil an ihrer mangelnden Weltbildung.

Reisen -- reisen! wohin man will, immer in die besten Hotels, immer an
gebückten Kellnerhäuptern vorüber. Kunstschätze, Naturschätze sehen, ohne
auch nur an das Geld denken zu brauchen. Einkaufen nach Belieben und mehr
als man beliebt, so beflissen kommt Leopold jedem Wunsch zuvor. Die ganze
Welt in ihrer Schönheit steht plötzlich offen. Liebe Seele, es ist doch
noch eine große Frage, ob Dein Handel so schlecht war und ob der Einsatz
nicht reichlich den Gewinn lohnte!

Ja, Gisela Schultze muß ja am besten wissen, wie hoch ihr Einsatz
gilt. -- -- --

Insofern hatte Frau v. Pohle recht: solch ein Handel geht meistens richtig
auf, und der Verkäufer weiß schon so ungefähr, was seine Ware wert ist.

Mit diesem Knalleffekt konnte Frau v. Pohle abgehen, die Rolle in diesem
Hause, die sie so stark und mit ihrem ganzen Menschen gespielt hatte, war
aus. Sie mußte sich eine neue Stellung suchen, das war für sie wohl eine
leichtere Aufgabe als für ihr liebes Herzblatt, das Fritzchen, das jetzt in
der gleichen Lage war. Sie hatte Referenzen und Erfahrungen, und Fritzchen
hatte beides nicht.

Vielleicht konnte diese als arme Verwandte bei den Schultzes bleiben?
Inmitten ihres großen Schmerzes lachte Frau v. Pohle laut bei diesem
Gedanken. Ja, da kennt Ihr mein Fritzchen schlecht! Arbeit und Mühsal kann
sie viel ertragen und es wird denen, die sie lieb haben, weher tun als ihr,
aber ein weiches Bett sucht sie sich nicht.

Das war Frau v. Pohles Zuversicht und Stärkung in den schweren Tagen, als
der Abschied kam und die Zukunft sich dunkel und verworren auftat.

Herr v. Leisewitz-Deechow hatte in Berlin eine alte Cousine, die kränklich,
halbblind und hilfsbedürftig war. Mit ihrer letzten Gesellschafterin hatte
eben eine trubulöse Entzweiungs- und Verabschiedungsszene stattgefunden.
Herr v. Leisewitz war noch etwas von seinem Gewissen geplagt, als er Herrn
Schultzes rührige Helferschaft und den darauf eingeheimsten Heiratslohn
gesehen hatte. Nun wollte er sich wenigstens um Fritzchen bemühen und
verfiel als erstes Bestes auf diese Stellung bei seiner alten Cousine, die
ein sehr hohes Gehalt zahlte und dafür sehr starke Anforderungen stellte,
von denen er freilich nichts wußte. Sollte aber Fritzchen für ihre alten
Tage sichergestellt sein, so mußte sie jetzt schon einige Jahre zusehen, wo
sie Geld her bekam.

Es war damals auch der Wundermut und die Begeisterungskraft in ihr, die
oft aus der einfachen Gegensätzlichkeit entspringen. Daß Gisela solchen
unwürdigen, armseligen Entschluß gefaßt hatte, straffte _ihr_ das Herz.
Nun gerade! Sie hätte am liebsten Steine gekarrt in dieser brausewütigen
Wallung.

Aber der öde Werktag mit seiner unfruchtbaren Mühe hatte etwas
Niederziehendes. Wie oft nachher, erst im heißen Sommer, dann im kalten
Winter, wenn sie spät abends in ihrer schlechten, engen, fast unheizbaren
Stube saß, todmüde vom vielen Laufen, Treppensteigen, Besorgen, heiser vom
ewigen Vorlesen, dumpf vom leeren Geschwätz -- wollte ihr der Wundermut oft
elend zusammensinken. Aber der große Sturm, der sie wachgerüttelt hatte,
ließ sie auch hier, in der freudlosen Vereinsamung, nicht untergehen.

Erst, als sie noch ein Kind an der Seele gewesen war dem Unbegreiflichen
und Zermalmenden gegenüber, war das Grauen vor dem Tode über sie gefallen.
Aber in jener wunderbaren Nacht hatte das allmächtige Leben es besiegt.

Tod, wo ist Dein Stachel? Hölle, wo ist Dein Sieg?

Es ist keine Zeit da für andere Dinge. Unsere Wünsche, unsere Sehnsucht,
unsere Schmerzen verstummen alle vor dem großen klaren Gesicht des Lebens.

Das war die große Befreiung, die für diese arme Seele gekommen war. Nun
brauchte sie keine Erfüllung mehr, noch Schutz, noch Hilfe, noch Trost. Sie
hatte das Entsetzen verloren, nun sah sie in reinerem Licht unvergänglich
und unverlierbar den wieder, dem ihr Herz seine junge starke Liebe gegeben
hatte, jene stolze Liebe, die unabhängig ist vom Ja und Nein der Tatsachen,
vom Echo des eigenen Schalls.



Sechzehntes Kapitel.


Es ging mehr als ein Jahr herum.

Auch in der eisigklaren Region des Weltüberwinders, der in sich das Herz
erfrieren ließ, um der Schmerzen spotten zu können, gab es noch Stufen der
Entwicklung und Klärung.

Wohl ist die Askese stark wie süßer Wein, aber Rausch ist nicht
Wirklichkeit, und nur die Wirklichkeit befreit.

Pfarrer Gregor hörte auf, sein Leben hier auf dem Dorfe als seinen Zweck
und Abschluß anzusehen, wie man aufhört, Arznei zu trinken, wenn die
Gesundheit kommt.

Er war ein ungenügender Dorfprediger, das Volk verhungerte bei seiner
nutzlosen Mühe. Sein Weg im Leben lag wo anders, da wo er seine Gaben und
Kräfte in Wahrheit nutzbar machen konnte. Er arbeitete an einem Werk,
das ihm die Professur einbringen würde, wie er, gestützt durch seine
Verbindungen, ziemlich sicher annehmen konnte.

Es war ein kühles, frisches Arbeiten. Er war erlöst von der Zwiespältigkeit
in sich, von der Welt der Leidenschaften, von Liebe und Haß. Er stand,
abgelöst von der Welt, wie ein hoher Berg mit Schnee auf dem Gipfel. So
hatte er seines Wesens Art gefunden.

Da kam ein leuchtender Septembertag. Gregor hatte fast die ganze Nacht
gearbeitet, bis zum Morgen ein halb Fünf, als es schon hell zu werden
begann. Da war sein Werk fertig und vollendet!

Er hatte sich niedergelegt und zwei Stunden fest und tief geschlafen.

Er erwachte. Die Sonne schien ihm bis auf das Bett, ein hohes Glücksgefühl
war in ihm. Er kleidete sich an und ging hinaus.

Weit und klar dehnte sich der Horizont. Es war eine Frische über dem Lande,
die wie lauter Lebensodem in die Lungen drang. Er schritt durchs Dorf, er
sah die Menschen nicht, die ihn grüßten.

Und wieder kam er über den Böllinger Kreuzweg, aber er wußte nichts
mehr von Möt und von dem wildschönen Bilde, das einstmals hier an ihm
vorbeigebraust war.

In der Morgensonne, von Tau übersät, blinkte das Moor. Dahinten lief der
Fahrweg nach Rummelshof.

-- Rummelshof, Hohen-Leucken, die Mutter, Hans, Prinzeß Maria und Fritzchen
-- es sind alles zerflossene Bilder. Sie mußten zerfließen, damit das klare
reine Bild des abgelösten Lebens entstand.

Er ging lange umher, bewegt von seinem Siege, und doch schon zu frei,
um noch stolz zu sein. Schon war das Errungene, das Gewordene: Das
Selbstverständliche.

-- -- -- Was war es an der Zeit? Vielleicht schon gegen Mittag, er hatte
seine Uhr vergessen.

Da kam jemand über das Stoppelfeld daher, im Lauf. Wer läuft denn so? Vor
Jahren hat es so einen gegeben. Jawohl, der ist nun wieder zurück: Hans
Henning.

Er blieb stehen. Willst Du zu mir? Es ist jetzt nicht mehr viel zu holen,
von Bruder zu Bruder. Es ist mittlerweile der Frost übers Land gegangen.

»Steh still! Steh still!« rief der von weitem. Nun ja, er stand ja schon
lange still. »Laufe doch nicht so! Ich warte ja!«

Es stand ein alter Weidenbaum am Feldweg, der war von oben bis unten
aufgeschlissen, und die Hütekinder spielten darin Verstecken zur
Sommerszeit. Es war an diesem Weidenbaum, daß sich die Brüder trafen.

»So bist Du jetzt zurück, Hans?«

Hans Henning war rot im Gesicht wie gesotten und er mußte nach Atem ringen,
da er still stand. Er war sehr verändert, mager und verbrannt. Das Haar
war lang gewachsen, und um den Mund hatte er einen wunderlich wilden Zug.
Gregor sah auf die linke Hand, die so seltsam niederhing. »Hans, was ist
mit der?«

»Lahm geblieben von damals her. Rede nicht davon, ich habe andere Dinge
vor.«

»Hans, wir wollen uns doch erst begrüßen.«

»Jawohl!« rief der andere überlaut in einem unheimlichen Ton. »Ich will
Dich schon begrüßen, aber nicht mit Händedruck. Sage mir -- wo hast Du Dein
Weib?«

»Mein Weib?«

»Wo hast Du Dein Weib -- -- Schuft! Bin ich darum im Jammer in die Welt
gerannt als lächerlicher elender Liebhaber, dessen Schatz schon einem
andern gehörte, daß ich nun wiederkomme und finde sie als Dienstmagd
wieder, in einem Loch von Stube -- und der edle Herr, der sie geküßt hat
-- -- Gregor, mit welchem Recht hast Du sie geküßt?«

Gregor trat einen Schritt zurück, seine Augen wurden nach dem ersten
Aufleuchten wieder um einen Schein kälter. Was warf sich ihm hier von neuem
in seinen Weg?

»Ich brauche auch keine Antwort!« rief der andere mit wildem Lachen. »Ich
wollte Dich nur noch einmal wiedersehen -- Dich Teufel, der mein und meines
kleinen Fritz Leben zerstört hat --«

Er verstummte einen Augenblick, überwältigt von alten Gefühlen. »Ich suche
Dich schon lange --«, sagte er mit wankender Stimme. »Ich mußte Dir doch
erzählen, was aus ihr geworden ist, seit Du sie fortgeworfen hast wie
eine leere Nußschale. Gestern habe ich sie gesehen! Der Leisewitz von den
Dragonern, den ich traf, hat es mir erzählt, wo sie ist und -- was sie ist.
Willst Du's auch hören? Die Dienerin eines alten, grämlichen, kleinlichen
Weibes! Aber eine stolze Dienerin, bei Gott! Die arme Hilfe, die ich ihr
anbieten konnte -- na, lassen wir das. Ich konnte sie ihr ja auch nur mit
der einen Hand anbieten -- Aber wem erzähle ich das, Du kaltes Gesicht --!«

Gregors Ausdruck riß alles wieder um. Besinnungslos kam die Wut über
den Jungen. »Du Gesicht -- Du Gesicht -- ich will Dich lehren, zu
blicken -- --«

Er ballte die Faust und schlug blindrasend dem Bruder ins Gesicht. Der
taumelte zurück und schrie auf. Die Brille flog in Scherben nach allen
Seiten.

»Ei ja!« rief Hans Henning laut gellend. »Das kann ich doch noch mit der
einen Hand! Wird Dir jetzt bei Deiner Gottähnlichkeit bange?«

Dann warf er noch einen Blick auf ihn zurück, der wie ein Trunkener
taumelte und sich Stirn und Augen mit den Händen bedeckte.

»Jetzt habe ich genug --«, sagte Hans Henning mit veränderter, schwerer
Stimme. »Jetzt gehe ich nach Hause und arbeite und mache aus meinem
Leben das Anständigste, was ich noch kann. Lebwohl! Ich hasse nicht mehr.
Vielleicht kommt auch noch einmal ein Tag, an dem ich nicht mehr liebe.«

Er wandte sich ab und ging davon. Gregor nahm die Hände von der dröhnenden
Stirn, von den matten Augen, die der Gläser beraubt waren, und sah ihm
nach.

Er fühlte nicht Schmach oder Zorn. Noch einmal hatte sich mit seiner ganzen
Wucht das Leben über ihn geworfen, ehe es ging und ihn in der Eiswüste
zurückließ.

Bange vor der Gottähnlichkeit -- hatte Hans gesagt. O ja, dies Bangen
wird aufwachen, noch immer wieder, je und je, mitten wohl in seinen
Königsstunden -- eine niemals ganz verlöschende Erinnerung an das Leben,
das er verraten und verleugnet hat.

»Vielleicht hättest Du noch besser treffen sollen, mein wilder Hans!«
dachte er.

Dann wandte er sich und ging in entgegengesetzter Richtung davon.

                           *       *       *

Vor Zeiten gab es einmal eine verqualmte Herrenstube in einem
windverlorenen alten Haus. Da saß ein rotes, rundes, schläfriges Gesicht
und blinzelte verstohlen seine junge Gefährtin an. Jetzt ist kein Qualm
in der Stube, auch kein rotes Junkergesicht, und der wilde Wind kann hier
nicht herein. Aber Frida v. Dörfflin hört ihn doch, wie er über das Moor
pfeift, und weiß, was er ihr zu sagen hat.

O Du webende, wogende, wallende Phantasie! Bist Du noch dieselbe, die
in der Turmstube mit am Fenster stand, als die Wolken gingen? Zeige Dein
Gesicht!

Die Frage kommt zurück: Bist denn Du noch dieselbe, Du Ungestüm?

Das wird ein wunderbares Wiedersehen! Sie sind ja beide miteinander
gegangen, denselben, steilen, schaurigen, mächtigen Weg, ohne sich
anzusehen. Jetzt stehen sie staunend: Wie bist Du anders und doch so
bekannt!

Die Finger werden steif vor Kälte hier in der schlechten kleinen Stube, und
der Kopf tut weh vor Müdigkeit. Aber das kommt alles kaum zum Bewußtsein.
Ja, das hat sich der alte Junker auch wohl kaum gedacht, daß sein Fritzchen
so verfroren und müde vom Dienst über denselben wunderlichen Schreibereien
sitzen würde, die ihn einst ungerechterweise gegen Fräulein Miller
aufbrachten.

Als der Winter zu Ende ging, war es mit Fridas überlasteten Körperkräften
auch am Rande. Sie fiel am hellen Tage vor Erschöpfung fast in Ohnmacht.
Sie war mager geworden, und ihre Kopfschmerzen quälten sie. Schon die
letzten vierzehn Tage über hatte sie abends sogleich zu Bett gehen müssen,
ob es ihr gleich schwerer fiel als die sauerste Arbeit.

Frau v. Leisewitz war halbblind und hörte nur durch andere Leute, daß ihre
Gesellschafterin sehr elend aussähe. Das ärgerte sie. Es ärgerte sie auch,
daß Fritzchen vergeßlich und langsam geworden war, es ärgerte sie mit
Recht wegen des hohen Gehaltes. Sie ließ sich über diese Dinge aus in einem
bissigen Ton.

Da wachte der junge Menschengeist auf, der Winters über unter einem Bann
weltentrückter Träumerei gestanden hatte. Da sah er, wo er war und wo sein
Weg im Leben lief.

Er konnte nicht Frau v. Leisewitz dienen, und der großen stummen Macht
seiner Tage, der Königin Phantasie.

Fritzchen fühlte sanft und reuig gegen die wütige alte Dame. Die war
so hilflos und war so gründlich mit ihr hereingefallen! Als es an das
Gehaltauszahlen kam, erschrak sie fast über die Hunderte, die sich vor
ihr aufbauten. Sie wollte nicht so viel, das war ja wie ein Hohn auf ihre
verträumte Lässigkeit. Frau v. Leisewitz fand dies verspätete Sträuben
geschmacklos. Herr v. Leisewitz-Deechow bekam einen Brief seiner Cousine
und konnte sich zum zweiten Male in der Dörfflinschen Sache verlegen den
Kopf krauen.

Fritzchen blieb in Berlin, mietete sich eine kleine hochgelegene Stube,
packte ihre Sächelchen in die verquollene Kommode, die nie ganz zuging,
schlief sich aus und fand sich dann allein mit ihrer rätselhaften
Gefährtin.

                           *       *       *

Flatternde Vögel flogen aus der kleinen Schreibstube und setzten sich den
Leuten auf die Köpfe, auf die Hände und auf die Herzen. An manchem flogen
sie auch vorbei, ohne daß er sich umsah. Das waren die Träume, Gedanken
und Gestalten von Fritzchen v. Dörfflin, die unter Wolken und Winden
aufgewachsen und durch ein starkes Leben und ein starkes Sterben mitten
hindurchgegangen war.

Es waren gewißlich viele, an denen die Vögel vorbeiflogen und denen sich
das Umsehen danach nicht lohnte. Was lag ihnen an Wolken und Winden und dem
alten Sang von Tod und Auferstehung?

Aber es gab viele verlorene Wanderer im Erdenleben, die froh und bang ihre
Straße zogen, denen flog plötzlich so ein freier Vogel auf die Hand. Sie
sahen ihn an und sagten: »Dich kenne ich doch schon lange und wußte nur
nicht, wie Du heißest.«

Aus diesen Leuten kam allmählich Fritzchens neue Welt zusammen.

Eines Tages nahm sie ihre Sachen wieder aus der verquollenen Kommode heraus
und zog in ein anderes Haus, und als ein paar Jahre vorüber waren, wußten
es eine ganze Menge Leute, daß der kleine Märchenfritz ein heißes, stolzes
Künstlerblut in sich hatte.

Eine feine alte Dame, die wieder in einem verwaisten Haushalt das Zepter
führte, sagte bei Tisch, als man begeistert von Frida v. Dörfflin und ihren
Büchern sprach, ganz ruhig: »Das habe ich schon längst gewußt!« und bildete
sich so viel darauf ein wie alle Leute, die etwas, »schon längst« gewußt
haben. Am Ende aber kam es so weit, daß sie auch einen Umzug machen konnte
und zu ihrem Fritzchen als treue und parteiisch verblendete Mutter ging.

Sie nannte es Du, wie sie es seither in allen ihren Gedankengesprächen
genannt hatte, und sagte zu ihm: »Es ist hohe Zeit, daß jemand nach Dir
sieht!« Damit meinte sie noch etwas ganz Besonderes.

In der ersten Zeit versuchte sie es auch noch mit Predigen: »Du bist ein
phantastischer Narr! Steht Dir nicht die Welt, da sie am schönsten ist,
weit offen? Du hast starke und feine Menschen zu Freunden. Was kostet es
Dich, dies fließende, ziehende Leben voll schöner Bilder festzuhalten und
es zu einem einzigen mächtigen Bilde zu verdichten, indem es in den Rahmen
des Weibtums, des Muttertums eingeschlossen wird?«

Fritzchen sagte nicht viel dazu, führte keine Dispute, sich zu verteidigen
und andere Leute zu überzeugen. Sie sah nur aus so wundersam erstaunten
Augen auf diese Darlegungen. Da wurde plötzlich Frau v. Pohle ganz von
selbst nachdenklich. Es kam ihr ein Wort in den Sinn, das ließ sie nicht
los.

»Du hörest sein Sausen wohl, aber Du weißt nicht, von wannen er kommt und
wohin er fährt.«

Ihr wildes Fritzchen war am Ende auch so ein Bote Gottes über den Feldern.
Dem kann man wohl nicht die üblichen Straßen und Wege zeigen, der geht,
wie er gehen muß. Vielleicht war ihre arme junge Liebe, so traurig und
kümmerlich sie aussah, doch zu groß und stark und mächtig gewesen, als daß
ihre Kraft jemals sterben oder durch eine neue ersetzt werden konnte.

Ach ja, man soll nur aufhören, alle Leute mit einem Maß zu messen. Der
liebe Gott spricht doch zu einem jeden in einer besonderen Sprache.

Noch einmal in ihrem Leben sah Fritzchen die Felder von Hohen-Leucken
und das Moor wieder, und das hochgelegene Herrenhaus, das durch die Bäume
blickte. Sie kam von einem Besuch bei Gisela und ging allein über das Feld.

Ihr Bruder, der Wind, ging über die Stätte. Da breitete sie die Arme aus,
als wollte sie ihn umfangen.

»Der Friede Gottes, der höher ist, als alle Vernunft!«

Höher als alle Vernunft -- -- sang der Wind über dem Moor.

[Illustration]


Druck von Petzschke & Gretschel, Dresden-A. 27



[ Hinweise zur Transkription


Der Schmutztitel wurde entfernt.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Darstellung gesperrter Schrift: _gesperrt_.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
Ausnahmen,

  Seite 12:
  "Struwelköpfchen" geändert in "Struwwelköpfchen"
  (ein braunes, sehnsüchtiges Struwwelköpfchen)

  Seite 21:
  "Aukunft" geändert in "Auskunft"
  (war die andere Auskunft)

  Seite 33:
  "sie" geändert in "Sie"
  (Wollen Sie jetzt fahren, Herr v. Dörfflin?)

  Seite 73:
  "." eingefügt
  (mit krabbelnden Würmern und Ameisen im traulichen Bunde.)

  Seite 86:
  "selbst" geändert in "Selbst"
  (Selbst Hans Henning hatten sie von ihr fortgedrängt)

  Seite 93:
  "," entfernt hinter "Fritzchen"
  (Nein, Fritzchen will das nicht.)

  Seite 111:
  "einen" geändert in "einem"
  (in dem einem das Atmen verging)

  Seite 112:
  "kam" geändert in "kaum"
  (heute wendete kaum das Jüngste der Kinder)

  Seite 135:
  "Nachhausekommn" geändert in "Nachhausekommen"
  (Das war ein Nachhausekommen! dachte er.)

  Seite 145:
  "eine" geändert in "einer"
  (aussichtsreiche Laufbahn einer Art Sühne vorzuziehen)

  Seite 159:
  "russigen" geändert in "rußigen"
  (Sie hielt noch immer den rußigen Suppentopf.)

  Seite 164:
  "verkraxelt" geändert in "verknaxelt"
  (meine linke Hand ist neulich beim Reiten verknaxelt)

  Seite 178:
  "," geändert in "."
  (Aber es war mit Sorgfalt nicht viel zu machen.)

  Seite 203:
  "kam" geändert in "käm"
  (Wäre es heute nicht gekommen, so käm es morgen)

  Seite 223:
  "," eingefügt
  (»Gregor, hast Du einen Streit mit Hans gehabt?«) ]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Fritzchen - Die Geschichte einer Einsamen" ***

Doctrine Publishing Corporation provides digitized public domain materials.
Public domain books belong to the public and we are merely their custodians.
This effort is time consuming and expensive, so in order to keep providing
this resource, we have taken steps to prevent abuse by commercial parties,
including placing technical restrictions on automated querying.

We also ask that you:

+ Make non-commercial use of the files We designed Doctrine Publishing
Corporation's ISYS search for use by individuals, and we request that you
use these files for personal, non-commercial purposes.

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort
to Doctrine Publishing's system: If you are conducting research on machine
translation, optical character recognition or other areas where access to a
large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the use of
public domain materials for these purposes and may be able to help.

+ Keep it legal -  Whatever your use, remember that you are responsible for
ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just because
we believe a book is in the public domain for users in the United States,
that the work is also in the public domain for users in other countries.
Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we
can't offer guidance on whether any specific use of any specific book is
allowed. Please do not assume that a book's appearance in Doctrine Publishing
ISYS search  means it can be used in any manner anywhere in the world.
Copyright infringement liability can be quite severe.

About ISYS® Search Software
Established in 1988, ISYS Search Software is a global supplier of enterprise
search solutions for business and government.  The company's award-winning
software suite offers a broad range of search, navigation and discovery
solutions for desktop search, intranet search, SharePoint search and embedded
search applications.  ISYS has been deployed by thousands of organizations
operating in a variety of industries, including government, legal, law
enforcement, financial services, healthcare and recruitment.



Home