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Title: Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3)
Author: Dehmel, Richard
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3)" ***

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  ####################################################################
                     Anmerkungen zur Transkription

    Der vorliegende Text wurde anhand der 1913 erschienenen Buchausgabe
    so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
    Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
    altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
    unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert. Der
    Autor verwendet Elisionen, die vom nächsten Wort nicht durch ein
    Leerzeichen getrennt sind (z. B. ‚werd’ich‘, statt ‚werd’ ich‘).

    Das Inhaltsverzeichnis (‚Übersicht‘) wurde vom Bearbeiter an den
    Anfang des Buches verschoben.

    Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
    Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen
    gekennzeichnet:

        Unterstrichen: _Unterstriche_
        Fettdruck:     =Gleichheitszeichen=
        gesperrt:      +Pluszeichen+
        Antiqua:       ~Tilden~

  ####################################################################



[Illustration]



[Illustration: Dehmel.]



                            Richard Dehmel

                           Gesammelte Werke

                            in drei Bänden

                              Erster Band

                      S. Fischer, Verlag, Berlin



                         +22. bis 24. Tausend+

           Alle Rechte vorbehalten, auch das der Übersetzung
           Copyright 1913 by S. Fischer Verlag A.-G., Berlin



Übersicht

(Die mit * bezeichneten Stücke sind neu aufgenommen)

                                             Seite

    +Erlösungen+

    Denkzettel                                   7

    *Freudenruf                                  9

    *Deutsches Lied                              9

    An mein Volk                                10

    Auf den Weg                                 11

    *Antrieb                                    11

    Welt und Zeit                               11

    Bekenntnis                                  11

    Grundsatz                                   12

    Selbstzucht                                 12

    Wen’s trifft                                13

    Die geflügelte Fackel                       13

    *Die Glocke im Meer                         14

    Der Pirat                                   15

    An die Ersehnte                             19

    Im Fluge                                    19

    *Entzückung                                 20

    Durch die Blume                             20

    Entbietung                                  21

    Ihr Wunsch                                  21

    Die Umworbene                               22

    Der Rächer                                  23

    Die Tochter der Sonne                       25

    Wollust                                     28

    Ein Brandbrief                              29

    Die zwölf sittsamen Gastwirte               32

    Eine gantz neu Schelmweys                   34

    Novemberfahrt                               35

    Der brave Strubel                           36

    Frecher Bengel                              37

    Fräulein Leichtfuß                          38

    Zuspruch                                    38

    Epitaph                                     38

    Ermutigung                                  39

    Nächtliche Frage                            39

    Vorgefühl                                   39

    Mädchenfrühling                             40

    Leises Lied                                 40

    *Ständchen                                  41

    Überraschung                                41

    Herrliches Pärchen                          43

    Empfang                                     44

    Nicht doch                                  44

    Das alte Lied                               45

    Die Heimkehr                                46

    Zuflucht                                    47

    Sommerabend                                 48

    Morgenandacht                               48

    Im Regen                                    49

    Einkehr                                     50

    Lied Kaspar Hausers                         50

    Heimat                                      51


    Tief von fern                               52

    Der Herr der Liebe                          52

    Läuterung                                   53

    Pfingstlied                                 53

    Jetzt und immer                             54

    Allgegenwart                                54

    Waldseligkeit                               55

    Die Getrennten                              56

    In Sehnsucht                                56

    Deine Nähe                                  57

    Der Bräutigam                               58

    Ansturm                                     58

    Nachtgebet der Braut                        59

    Ballnacht                                   59

    Entweihung                                  60

    Landung                                     61

    Die Illusion                                62

    Gebet an die Geliebte                       62

    Der Wunschgeist                             63

    Dante guidante                              68

    Rückkehr                                    68

    Verheißung                                  69

    An meine Königin                            70

    Wahrspruch                                  71

    Lobgesang                                   71

    Blick ins Licht                             72

    Fernhin                                     73

    Erste Hoffnung                              73

    Am Storchsee                                74

    Wiegenlied für meinen Jungen                75

    Lied der Mutter                             76

    Indianischer Wiegengesang                   77

    Adlerschrei                                 80

    Eröffnung                                   81


    Weihspruch                                  82

    Nachruf an Nietzsche                        82

    Glockenklänge an Bismarck                   84

    Vor Sonnenaufgang                           87

    Humane Epistel auf deutsche Art             88

    *Kampfspruch                                90

    Werkspruch                                  90

    *Sprüche vom Glück                          90

    Menschenrecht                               90

    Machtsprüche                                91

    Das Spiel der Welt                          91

    In Summa                                    92

    Lohngesetz                                  93

    Ungleiche Schätzung                         93

    *Reinertrag                                 93

    *Ewiges Ziel                                93

    Zwecksprüche                                94

    Allerlei Menschliches                       94

    Quintessenz                                 95

    Heldentümliches                             95

    Humaner Konflikt                            96

    *Mann und Weib                              96

    Sprüche der Liebe                           96

    Spruch in die Ehe                           97

    *Sprüche der Treue                          97

    *Einziger Grund                             98

    *Die ewige Sehnsucht                        98

    Sprüche der Zeit                            98

    Sprüche zur Kunst                           99

    Inhalt der Kunst                            99

    Maßstäbe                                   100

    *Gesichtspunkte                            100

    Kunstgenuß                                 100

    Einem und jedem Schöpfer                   100

    *Den Empfänglichen                         101

    Den Querköpfen                             101

    *Den Auslegern                             101

    *Dichtersprache                            102

    *Dichterschicksal                          102

    *Der geduldige Dichter                     103

    Guter Rat                                  103

    *Den Kennern                               104

    Den Herren Kritikern                       104

    Kumpaney                                   104

    Laufbahn                                   105

    *Der Hahnenkampf                           105

    *Die neue Würde                            106

    Die verunglückte Göttin                    109

    *Der Feuergeist                            115

    Das erlösende Wort                         116


    +Aber die Liebe+

    Hieroglyphe                                118

    Der befreite Prometheus                    119

    Gethsemane                                 124

    Tragische Erscheinung                      127

    Einsamkeiten                               127

    Bergpsalm                                  129

    Lied an meinen Sohn                        131

    Ausschau bei Nacht                         132

    Weihnachtsglocken                          133

    Jesus der Künstler                         134

    Zu eng                                     137

    Vergißmeinnicht                            142

    Die Magd                                   143

    Die Armen                                  144

    Vierter Klasse                             145

    Auf einem Dorfweg                          150

    Der tote Hund                              151

    Ein Märtyrer                               151

    Anno Domini 1812                           154

    *Ballade vom Volk                          156

    Drohende Aussicht                          157

    Dichters Arbeitslied                       158

    Die stille Stadt                           158

    Der Arbeitsmann                            159

    Predigt ans Großstadtvolk                  160

    Ein Freiheitslied                          160

    *Märzlied                                  161

    Maifeierlied                               161

    *Bergarbeiterlied                          162

    Erntelied                                  163

    *Sturmbild                                 163

    *Die Hafenfeier                            164

    Drei Blicke                                170

    Ein Heine-Denkmal                          171

    Landstreichers Lobgesang                   176

    Hohes Lied                                 178

    *Ruf an die Kühnsten                       179

    *Vogel Greif                               181

    *Die Musik des Mont Blanc                  182

    *Gebet im Flugschiff                       189


    Jesus und Psyche                           190

    Bann                                       196

    Unsre Stunde                               196

    Ohnmacht                                   197

    Büßende Liebe                              198

    Stromüber                                  199

    Bitte                                      200

    Gastgeschenk                               200

    Gottes Wille                               200

    Übermacht                                  201

    Bestürmung                                 202

    Antwort                                    202

    Und dennoch                                203

    Nur                                        204

    Nächtliche Scheu                           205

    Menschliche Botschaft                      205

    Entführung                                 206

    Der Brand                                  207

    Abschied ohn End                           208

    Dann                                       209

    Bleiche Nacht                              209

    Trübes Lied                                211

    *Dahin                                     211

    Lebewohl                                   212

    Ein Stelldichein                           213

    Chinesisches Trinklied                     213

    Der Dritte im Bunde                        215

    Frühlingsrausch                            215

    Mein Trinklied                             216

    *Erklärung                                 218

    *Äonische Stunde                           218

    *Zechers Nachtfeier                        218

    Fromme Wünsche                             219

    Lied des vogelfreien Dichters              220

    Lied der Gehenkten                         221

    Rettung zu Gott                            222

    Mirakel                                    232

    *Stimme von oben                           233

    Bach’sche Fuge                             234

    Rembrandts Gebet                           234

    *Die Schöpferhand                          235

    *Der letzte Traum                          235

    Ruhe                                       236

    Ecce Poeta                                 237

    Die ferne Laute                            237

    Notturno                                   238

    Ein Ewiger                                 241

    Loke der Lästerer                          242

    Um Ibsens Schatten                         247

    *Götterhochzeit                            249

    *Schöpfungsfeier                           250


    +Die Verwandlungen der Venus+

    Das entschleierte Schwesternpaar           255

    Anfang der Verwandlungen                   272

    Venus Anadyomene                           274

      „   Primitiva                            276

      „   Pandemos                             278

      „   Socia                                282

      „   Excelsior                            283

      „   Creatrix                             285

      „   Urania                               287

      „   Religio                              291

      „   Madonna                              293

      „   Mater                                294

      „   Mamma                                295

      „   Natura                               296

      „   Bestia                               297

    Amor modernus domesticus                   301

    Venus Adultera                             304

      „   Maculata                             306

      „   Perversa                             307

      „   Mystica                              309

      „   Idealis                              311

      „   Metaphysica                          315

      „   Occulta                              323

      „   Vita                                 326

      „   Mors                                 328

      „   Homo                                 330

      „   Sapiens                              332

      „   Fantasia                             334

      „   Regina                               335

      „   Consolatrix                          343

      „   Universa                             346

      „   Heroica                              348

      „   Mea                                  350

    Schluß der Verwandlungen                   351



                              Erlösungen

                         Gedichte und Sprüche

                            Vierte Ausgabe



Denkzettel für den verehrten Leser


    Verehrter Leser! Mensch! ich beschwör dich:
    lies mich richtig, Mensch, oder scher dich!
    Nämlich das Lesen von Gedichten
    ist zwar sehr einfach zu verrichten,
    aber gerade die einfachen Sachen
    pflegt bekanntlich der Mensch sich schwer zu machen.
    Vor allem: such keinen „Grundgedanken“!
    sonst kommen deine paar Sinne ins Wanken.
    Will ich dir meine Gedanken reichen,
    schreib ich Sprüche, Aufsätze und dergleichen.
    Gedichte sind keine Abhandlungen;
    meine Gedichte sind Seelenwandlungen.
    Selbe vollziehen sich aus Gefühlen,
    die den ganzen Menschen aufwühlen.
    Solch ein Gefühl, das steigt dann zu Kopfe,
    sträubt mir manchmal die Haare vom Schopfe,
    setzt mir meine paar Sinne in Schrecken,
    daß sie plötzliche Luftbilder hecken;
    die greifen einander in buntem Lauf,
    jagen wohl auch Gedanken mit auf,
    die dann über dem Grunde schaukeln,
    etwa wie Schmetterlinge gaukeln
    um eine große glühende Blume
    über dem Brodem der Ackerkrume,
    und so fang ich sie auf im Nu,
    weiß wohl wie, weiß nicht wozu,
    ist eine planvoll zwecklose Geschichte,
    kurz -- ich erlebe meine Gedichte.
    Und, merk dirs, kein Erleben geschieht aus Gedanken;
    ach, die Gedanken sind nur Ranken,
    die wir arabeskenhaft flechten
    um Manifeste von grundlosen Mächten.
    Denn das Leben hat kein Gehirn,
    verwirrt dir höchstens Dein Gehirn,
    wird dir nur mit Schmerz oder Lust
    als ein beseelender Wille bewußt,
    der dich unsinnig treibt und lockt,
    und den zu verdauen, Mensch, unverstockt,
    mit unsern paar Sinnen, für Heid wie Christ
    die wahre Seelenseligkeit ist.
    Drum, verehrter Leser, Mensch, ich beschwör dich:
    verdau mich ebenso! sonst scher dich!
    Und verwirrt dich doch mal mein Gewühl,
    so schieb’s nur, bitte, aufs Grund+gefühl+!
    Wie ich auch hier nur, möglichst hold,
    einem törichten Ingrimm Luft machen wollt.



                           Erster Abschnitt


                                   *



Freudenruf


    O freu dich, Mensch: Deine Welt erschallt!
    Überall ist Frühling, wo dein Herz nachtigallt!
            Menschenlieder, ihr schwanken
            Meer- und Himmels-Gedanken,
            Berg-, Fluß-, Fluren-Träume,
            Wolken- und Wellen-Schäume,
            Waldversunkenheiten,
            Sternentrunkenheiten,
            Wein- und Blumen-Gelüste,
            schwellende Lippen und Brüste
            bis hinauf zur Sonne --
            ja: ihr wiegt uns in Wonne!



Deutsches Lied


    Mich drängt zu singen
    deutschen Geistes Kraft.
    Erde nimmt Himmelschwingen,
    wenn er dich, Volk, aufrafft.

    Über die Eichenkronen
    stürmt er zugvogeldreist
    in alle Zonen,
    wenns ihn zur Tat hinreißt.

    Welten schweben nieder,
    wenn er träumen will;
    Himmel nimmt Erdgefieder,
    heimatstill.

    Mag er zu schlafen scheinen,
    wenn er ruht:
    plötzlich durch all die Seinen
    zuckt Morgenglut.

    Mit einem Märchenlachen
    heller Verwegenheit
    hörst du, Volk, ihn erwachen.
    O Geist der Herrlichkeit!



An mein Volk


    Ich möchte wohl geliebt von Vielen sein,
    und auch geehrt; ich weiß es wohl.
    Aber niemals soll
    mein Stolz und Wert mir drum gemein
    mit hunderttausend Andern sein.

    Ich hab ein großes Vaterland:
    zehn Völkern schuldet meine Stirn
    ihr bißchen Hirn.
    Ich habe nie das Volk gekannt,
    aus dem mein reinster Wert entstand.

    In meiner Heimat steht ein Baum,
    den liebe ich, der steht sehr stolz
    mitten im Mittelholz.
    Da träumt ich manchen jungen Traum;
    er wurzelt tief, der hohe Baum.

    Da träumt ich, daß der Mensch allein
    dem hunderttausendfachen Bann
    entwachsen kann:
    bis auch die Völker sich befrein
    zum Volk! -- mein Volk, wann wirst du sein?



Auf den Weg


    Jugendsehnen, Jugendirren:
    ach, was mag sich draus entwirren!
    Nimmer ruht der Wünsche Spiel,
    jeder Tag entfernt das Ziel.



Antrieb


    Jüngling, du bist frei zum Flug;
    sei nur immer Manns genug!
    Spring aufs Glücksrad, rolle, rolle
    durch die Welt, die wettlauftolle;
    nimm als Lohn die eigne Bahn,
    aller Ruhm ist fremder Wahn.



Welt und Zeit


    Es klagt die Zeit: die Welt vergreist,
    wo ist der alte heilige Geist!
    Indeß liegt Seine Heiligkeit
    im Schooß der Jungfrau Sinnlichkeit,
    was zwar die Jungfernschaft befleckt,
    doch eine junge Welt ausheckt.
    Dann ruft die Zeit: Halleluja,
    der heilige Geist ist wieder da!



Bekenntnis


    Ich will ergründen alle Lust,
    so tief ich dürsten kann;
    ich will sie aus der ganzen Welt
    schöpfen, und stürb’ ich dran.

    Ich wills mit all der Schöpferwut,
    die in uns lechzt und brennt;
    ich +will+ nicht zähmen meiner Glut
    heißhungrig Element.

    Ward ich durch frommer Lippen Macht,
    durch zahmer Küsse Tausch?
    Ich ward erzeugt in wilder Nacht
    und großem Wollustrausch!

    Und will nun leben so der Lust,
    wie mich die Lust erschuf.
    Schreit nur den Himmel an um mich,
    ihr Beter von Beruf!



Grundsatz


    Nicht zum Guten, nicht vom Bösen
    wollen wir die Welt erlösen,
    nur zum Willen, der da schafft;
    Dichterkraft ist Gotteskraft.



Selbstzucht


    Mensch, du sollst dich selbst erziehen.
    Und das wird dir mancher deuten:
    Mensch, du mußt dir selbst entfliehen.
    Hüte dich vor diesen Leuten!

    Rechne ab mit den Gewalten
    in dir, um dich. Sie ergeben
    zweierlei: wirst Du das Leben,
    wird das Leben dich gestalten?

    Mancher hat sich selbst erzogen;
    hat er auch ein Selbst gezüchtet?
    Noch hat Keiner Gott erflogen,
    der vor Gottes Teufeln flüchtet.



Wen’s trifft


    Schicksal hämmert mit blinden Schlägen:
    Wachs bleibt Wachs, Gold läßt sich prägen,
    Eisen wird Stahl, Glas zerspringt --
    springt an hundert eiserne Türen,
    keine Klinke will sich rühren,
    die den Scherben Rettung bringt.



Die geflügelte Fackel


    Du wünschtest dir und deinem Haus ein Zeichen,
    das euch für alle Zeit ein Glücksbild sei;
    doch welches Gleichnis ist so reich und frei,
    so vieler Seelen Wünsche auszugleichen?

    Wir möchten alle gern das Glück erreichen,
    das endlich eint dies ewige Zweierlei;
    doch fass ich meins, geht deins vielleicht entzwei.
    So lag und sann ich über solch ein Zeichen.

    Da träumte mir: Gewappnet mit zwei Schwingen
    kam eine Fackel durch die Nacht geweht.
    Sie loderte; die Sterne alle hingen
    wie Mücken nach der Flamme hingedreht.
    Und ihr Emporflug trieb mich aufzuspringen:
    dies Zeichen gilt für Jeden, der’s versteht!



Die Glocke im Meer


    Ein Fischer hatte zwei kluge Jungen,
    hat ihnen oft ein Lied vorgesungen:
    Es treibt eine Wunderglocke im Meer,
    es freut ein gläubig Herze sehr,
      das Glockenspiel zu hören.

    Der eine sprach zu dem andern Sohn:
    Der alte Mann verkindet schon.
    Was singt er das dumme Lied immerfort;
    ich hab manchen Sturm gehört an Bord,
      noch nie eine Wunderglocke.

    Der andre sprach: Wir sind noch jung,
    er singt aus tiefer Erinnerung.
    Ich glaube, man muß viel Fahrten bestehn,
    um dem großen Meer auf den Grund zu sehn;
      dann hört man es auch wohl läuten.

    Und als der Vater gestorben war,
    fuhren sie weg mit braunblondem Haar.
    Und als sie sich grauhaarig wiedertrafen,
    dachten sie eines Abends im Hafen
      an die Wunderglocke.

    Der eine sprach, verdrossen und alt:
    Ich kenne das Meer und seine Gewalt.
    Ich hab mich zuschanden auf ihm geplagt,
    hab auch manchen Gewinn erjagt;
      läuten hört ich es niemals.

    Der andre sprach und lächelte jung:
    Ich gewann mir nichts als Erinnerung;
    es treibt eine Wunderglocke im Meer,
    es freut ein gläubig Herze sehr,
      das Glockenspiel zu hören.



Der Pirat

Nach José de Espronceda


    Mit zehn Kanonen, blank an Bord,
    mit vollen Segeln vor dem Wind,
    die flink wie Möwenflügel sind,
    streicht eine Barke durch die Flut:
    die Barke des Piratenherrn,
    auf allen Meeren ausgekannt
    von einem bis zum andern Strand,
    der „Hai“ getauft für seinen Mut.

    Im dunkeln Wasser hüpft der Mond,
    im Tauwerk rauft und pfeift der Wind;
    ein langer Silberstreifen rinnt
    breit durch die blaubewegte Flut.
    Und der Piratenkapitän
    sitzt singend hoch an Steuers Rand,
    links Asiens, rechts Europens Strand,
    und singt und singt und schwenkt den Hut:

    „Fliege, mein Segler, fliege,
    unverzagt;
    fliegst und segelst zum Siege!
    Spottest der Stürme, der Klippen und Riffe,
    der Himmelslaunen, der feindlichen Schiffe,
    weil dein Herr sein Leben wagt!
    Zwanzig Prisen
    haben wir gemacht,
    haben die Staatsmützen
    ausgelacht;
    hundert Nationen
    liegen und grüßen hier
    mit ihren Flaggen
    zu Füßen mir.
    Denn meine Barke ist mein Reichtum,
    denn mein Gesetz ist mein Begehr,
    mein Gott der Wind, mein Recht die Freiheit,
    mein einzig Vaterland das Meer.

    „Könige streiten da drüben
    in blinder Gier
    um ein paar Äcker Rüben.
    Seht, ich lache! Meine Gefilde
    reichen, soweit das weite wilde
    Meer entrollt sein frei Panier.
    Da ist kein Wimpel,
    wie er auch glänze,
    da keine Küste,
    wo sie auch grenze,
    die nicht Salut getan
    meinem Geschlecht,
    die nicht erkannten
    mein Hoheitsrecht.
    Denn meine Barke ist mein Reichtum,
    denn mein Gesetz ist mein Begehr,
    mein Gott der Wind, mein Recht die Freiheit,
    mein einzig Vaterland das Meer.

    „Kaum schrein vom Mars die Jungen:
    Schiff in Sicht!
    rennt’s schon mit vollen Lungen.
    Hoi, alle Segel breit, Fersengeldsegel,
    rennt es und rennt es; denn diese Flegel
    lieben den König der Meere nicht.
    Aber wie Brüder
    Ich und Ihr,
    meine Getreuen,
    teilen die Beute wir.
    Ein einzig Eigentum
    nehm ich für mich
    ohne Rivalen:
    dich, Schönheit, dich!
    Denn meine Barke ist mein Reichtum,
    denn mein Gesetz ist mein Begehr,
    mein Gott der Wind, mein Recht die Freiheit,
    mein einzig Vaterland das Meer.

    „Verdammt zum Höllenfeuer,
    zum Tod am Strick,
    sitz ich und lache euer!
    Hütet euch, Schufte: wen ich mir lange,
    den häng ich auf an der Segelstange,
    vielleicht von seiner eignen Brigg!
    Und wenn ich falle:
    was ist das Leben!
    Hab es schon damals
    verloren gegeben,
    als ich die Kette brach,
    als ich, ein Held,
    mir schuf mein eigen Recht,
    mir meine Welt.
    Denn meine Barke ist mein Reichtum,
    denn mein Gesetz ist mein Begehr,
    mein Gott der Wind, mein Recht die Freiheit,
    mein einzig Vaterland das Meer.

    „Melodieen wie brausend
    Orgelgewühl
    spielt mir im Nachtsturm, sausend,
    meiner geschüttelten Taue Gestöhne,
    meiner Kanonen Donnergedröhne
    und des schwarzen Meeres Gebrüll.
    Von ihren tobenden
    Liedern umschnoben,
    geh ich zur Ruhe,
    wogenumwoben,
    jubelnde Zungen
    rund um mich her,
    in Schlaf gesungen
    vom Meer, vom Meer.
    Denn meine Barke ist mein Reichtum,
    denn mein Gesetz ist mein Begehr,
    mein Gott der Wind, mein Reich die Freiheit,
    mein einzig Vaterland das Meer!“

    Im dunkeln Wasser hüpft der Mond,
    im Tauwerk rauft und pfeift der Wind;
    ein langer Silberstreifen rinnt
    breit durch die blaubewegte Flut.
    Und der Piratenkapitän
    lehnt schweigend hoch an Steuers Rand,
    links Asiens, rechts Europens Strand,
    tief in die Stirn gedrückt den Hut.

    Mit zehn Kanonen, blank an Bord,
    mit vollen Segeln vor dem Wind,
    die flink wie Möwenflügel sind,
    streicht seine Barke durch die Flut:
    die Barke des Piratenherrn,
    auf allen Meeren ausgekannt
    von einem bis zum andern Strand,
    der „Hai“ getauft für seinen Mut.



An die Ersehnte


    Ich habe dich Gerte getauft, weil du so schlank bist
    und weil mich Gott mit dir züchtigen will,
    und weil eine Sehnsucht in deinem Gang ist
    wie in schmächtigen Pappeln im April.

    Ich kenne dich nicht -- aber eines Tages
    wirst du im Sturm an meine Türe klopfen,
    und ich werde öffnen auf dies Klopfen,
    und meine zuchtlose Brust wird gleichen Schlages
    an Deine zuchtlosen Brüste klopfen.

    Denn ich kenne dich -- deine Augen glänzen wie Knospen,
    und du willst blühen, blühen, blühen!
    und deine jungen Gedanken sprühen
    wie gepeitschte Sträucher an Sturzbächen;
    und du möchtest wie ich den Stürmen Gottes trotzen
    oder zerbrechen!



Im Fluge


    Ganz in Eines flocht, o Gott, der Tanz
    unsre bang beseligten Gestalten;
    und ich sah, ihr schweres Haar war ganz
    von dem einen Silberpfeil gehalten.

    Und da hob sich schon ihr Mund und bog
    sich mir dar mit bittendem Gefühle;
    willenlos ein Blick, und im Gewühle
    blitzt der Pfeil auf, der zu Boden flog.

    Und sie senkte tief ihr heiß Genick,
    plötzlich ganz von ihrem Haar umflossen;
    und ich habe diesen Augenblick,
    den mir Gott gegeben hat, genossen.



Entzückung


    Hab ich schon mit dir gespielt,
    als wir Kinder waren,
    scheu um Nachbars Ecke geschielt
    nach deinen flirrenden Haaren?

    Wenn mich nur dein Atem streift,
    fühl ich uns durchs Haidekraut springen;
    wenn mich deine Hand ergreift,
    möcht ich mit dir ringen.

    Bist du doch so schlank und schmeid,
    daß ich Tag für Tag sinne:
    Spielst du mit mir Engelsmaid
    oder Frau Teufelinne?

    Denn in Nächten, da schwing ich dich
    flügeltraumwild um hohe Feuer:
    O, umschling, umschlinge mich,
    glühendes Abenteuer!



Durch die Blume


    Ich kann dir nicht die Blume nennen,
    der deine Seele gleicht.
    Sie müßte tief scharlachen brennen.
    Solche Blumen welken leicht.

    Und wen ihr roter Liebreiz bannt,
    der möchte sie verjüngen
    und muß tief herum den Sand
    mit seinem Blute düngen.



Entbietung


    Schmück dir das Haar mit wildem Mohn,
    die Nacht ist da,
    all ihre Sterne glühen schon.
    All ihre Sterne glühn heut Dir!
    du weißt es ja:
    all ihre Sterne glühn in mir!

    Dein Haar ist schwarz, dein Haar ist wild
    und knistert unter meiner Glut;
    und wenn die schwillt,
    jagt sie mit Macht
    die roten Blüten und dein Blut
    hoch in die höchste Mitternacht.

    In deinen Augen glimmt ein Licht,
    so grau in grün,
    wie dort die Nacht den Stern umflicht.
    Wann kommst du?! -- Meine Fackeln lohn!
    laß glühn, laß glühn!
    schmück mir dein Haar mit wildem Mohn!



Ihr Wunsch

Nach Pierre Louys


    Manche hüllt sich in weiße Wolle.
    Manche ziert sich mit Seide und Gold.
    Manche schmückt sich mit Blumen,
    mit grünen Blättern und Früchten.

    Ich, ich möchte nur nackt leben.
    Nimm mich, Geliebter, wie ich bin:
    ohne Kleid, ohne Schmuck, ohne Schuhe:
    sieh, hier stehe ich, ganz nur ich!

    Meine Haare sind schwarz von ihrem Schwarz.
    Meine Lippen sind rot von ihrem Rot.
    Meine Haut schimmert reizender
    als eine offne Muschel im Mondschein.

    Nimm mich, wie meine Mutter mich machte
    in einer fernen Liebesnacht.
    Und wenn ich dir gefalle so,
    dann vergiß nicht, es mir zu sagen!



Die Umworbene

Nach Pierre Louys


    Der Erste hat mir einen Schmuck geschenkt,
    einen Schmuck aus Perlen, der eine kleine Stadt wert ist,
    samt den Denkmälern und der Kirche,
    dem Rathaus und der Steuerkasse.

    Der Zweite hat mir Verse gemacht.
    Er hat gesagt, ich sei viel holder
    als eine Seerose im Morgenrot
    und scheuer als der Abendwind.

    Der Dritte war so schön,
    daß seine Schwester sich umgebracht hat,
    weil er sie nicht mehr küssen wollte.
    Ich hätt ihm nur zu winken brauchen.

    Du, du hast mir nichts gesagt.
    Du hast mir nichts geschenkt, denn du bist arm.
    Und bist nicht schön.
    Aber dich liebe ich.



Der Rächer


    Durch die schlafende Lagune
    zieht ein langer stiller Kahn
    seine Bahn;
    einsam zieht er durch das Dunkel,
    durch das sanfte Flutgefunkel,
    wie ein großer schwarzer Schwan.

    Aber nun: im Zelt der Gondel
    fallen Worte schwer voll Glut.
    Und die Flut
    ebnet sich in weiten Kreisen;
    drohend wird der Ton der leisen
    Laute, und das Ruder ruht.

    Donna Anna, deine Schwüre
    sind noch dunkler als die Nacht!
    Stolz verlacht
    hab ich Alle, die dich schalten,
    aber -- wenn sie Recht behalten:
    hüte dich! ein Rächer wacht!

    „Liebster, willst du mich betrüben?
    Sieh doch: hab ich denn von Lust
    je gewußt,
    eh du diesen Leib berührtest,
    dies gescholtne Herz verführtest?“
    sinkt sie ihm an Hals und Brust.

    Sag mir -- will er herrisch wehren,
    aber an ihm liegt sie dicht:
    „Fühlst du’s nicht?
    Wie der Vogel in die Weiten,
    sehn ich mich nach Seligkeiten!“
    hebt sie schmachtend ihr Gesicht.

    Und er sieht und fühlt bezwungen
    ihrer Augen dunkle Macht;
    schwer und sacht
    rauscht ihr Kleid im Ampelschimmer,
    rötlich schwankt das Gondelzimmer,
    Küsse stöhnen durch die Nacht.

    Und sie unterdrückt ein Lachen:
    wie er von ihr trunken ist,
    sich vergißt!
    Doch ihr Spott ist kaum verflogen:
    wütend über sie gebogen
    sieht er ihre Dirnenlist.

    Und ein Ringen. Und ein Keuchen.
    „Gott, Erbarmen“ -- bricht ein Schrei
    dumpf entzwei.
    Hohl ein Brodeln im Kanale.
    Stille wirds mit einem Male.
    Furchtsam flüstert er: Vorbei.

    Flüstert’s furchtsam wie im Traume,
    küßt im Traume ihren Mund
    weinend wund,
    hört sie um Erbarmen flehen,
    und als könnt er sie noch sehen,
    starrt er in den blauen Schlund.

    In der dunklen Wasserschale
    sieht er ruhn den weißen Mond,
    ruhn den Mond,
    sieht er winken die versunknen
    weißen Arme und die trunknen
    Lippen, oh so lieb gewohnt.

    Und nun öffnet sie die Augen,
    und von tiefer dunkler Macht
    schwer und sacht
    fühlt er sich hinabgezogen,
    sinkt er in die warmen Wogen,
    schließt sich über ihm die Nacht.

    Durch die schlafende Lagune
    wie ein großer schwarzer Schwan
    irrt ein Kahn.
    Willst du auf den Leuchtturm klimmen,
    siehst du fern ein Ruder schwimmen
    auf der glatten Wasserbahn.



Die Tochter der Sonne


    Noch war Polen nicht verloren,
    Warschau schwirrte von Maskenfesten.
    Die Kavaliere klirrten mit silbernen Sporen
    um die Gunst der Damen in den Palästen.
    Oder sie tranken den edlen Wein
    gegen die edle Herzenspein
    unter den goldgestickten Westen.
    Nur ganz leise die Greise beim Spiel der Karten
    sprachen von Wettern, die Polen umstarrten --
    da erschien die Tochter der Sonne.

    Es war nicht Maria Lubmirska; wohl war die schön,
    als Aurora frisiert mit Brillanten.
    Wohl kam die Potocka mit Hörnergetön
    als Diana, in Brüsseler Kanten.
    Auch die Fürstin Sapieha im Luna-Korsett
    tanzte wieder wunderbar Menuett
    mit den andern Beautés und Charmanten.
    Aber Franziska Krasinska war schöner als sie;
    frei von Locken umströmt bis an die Knie
    kam die Tochter der Sonne.

    Sie hatte geträumt von dem weißen Aar,
    der Polens Schild retten würde;
    und der Schild wies ihr Bild mit gekröntem Haar,
    und der Vogel trug leicht die Bürde.
    Sie trat in den Saal wie gen Himmel entrückt,
    nur mit flimmerndem Flor wie mit Strahlen geschmückt
    und mit ihrer Jungfraunwürde.
    Und Prinz Karl sah nur sie, tanzte nur mit ihr,
    dem armen Fräulein von Sandomir --
    O, du Tochter der Sonne!

    Wenn ich eine Krone begehre, so ist es nur,
    deine keusche Stirne damit zu schmücken!
    Und sie hörte scheu den artigen Schwur
    und floh in den Park vor Entzücken.
    Sie hörte ihn ewige Treue lallen,
    nur die Bäume waren Zeugen, die Nachtigallen,
    und am Weiher tanzten die Mücken.
    Sie hörte, sie wehrte, sie ließ nicht nach,
    bis Prinz Karl ein Held zu werden versprach;
    o! wie strahlte die Tochter der Sonne.

    Sie strahlte den ganzen Sommer lang,
    schon fegte den Park der Regen,
    da ward Seine Hoheit liebeskrank
    und bedräute sich selbst mit dem Degen.
    Durch Warschaus Gassen jagte der Schnee,
    da raste ein nächtliches Mietcoupé
    dem Tempel Hymens entgegen.
    In geheimer Kapelle, so kalt sie war,
    kniete prinzliche Hoheit am Traualtar,
    kniete die Tochter der Sonne.

    Wie glühte des Königssohnes Gesicht
    im fröstelnden Schein der Kerzen!
    wie glänzten in dem spärlichen Licht
    die geweihten wächsernen Herzen!
    Doch als er am dritten Morgen erwachte
    und als sie noch immer an Polen dachte,
    begann er gnädigst zu scherzen.
    Er steckte den Trauring ins Gilet
    und erhob sich gähnend vom Kanapee --
    da erblich die Tochter der Sonne.

    Sie dachte noch manch verhärmtes Jahr,
    daß er Polens Schild retten würde.
    Denn Prinz Karl blieb der Königssohn, der er war,
    und trug wahrlich leicht seine Bürde.
    Er ließ sie, mit seinem Kind an der Hand,
    polnisch betteln gehn von Land zu Land
    um ihre Frauenwürde.
    Von Kloster zu Kloster, von Hofe zu Hofe,
    wie eine entlohnte Kammerzofe,
    irrte die Tochter der Sonne.

    Dreißig Jahre schleppte sie Schmach und Schmerz,
    Warschau klirrte von russischen Sporen,
    da schien ihr endlich die Sonne aufs Herz:
    wohl war Polen, Polen verloren,
    doch ihr Bett umstanden Hofärzte zuhauf
    und schnitten die todkranke Brust ihr auf,
    und zwischen den Herrn Doktoren
    stand ihr hoher Gemahl zu Tränen erweicht:
    ~pauvre cœur, pauvre cœur~ -- sei die Erde dir leicht --
    oh, du Tochter der Sonne.



Wollust

Nach Shakespear


    In wüster Schmach Vergeudung heiliger Glut
    ist Wollust, wenn sie praßt; und eh sie praßt,
    roh, schamlos, tierisch, aller Welt zur Last,
    meineidig, tückisch, voller Gier nach Blut.

    Gesättigt kaum, von Ekel schon gehetzt;
    sinnlose Lüsternheit und, kaum verraucht,
    sinnlose Düsterkeit, in Wut getaucht,
    als hätt ein Tollwurm die Vernunft zerfetzt.

    Wahnwitz im Rausch, Wahnwitz in Wunsch und Wahl,
    maßlos im Taumel vor, nach, in der Brunst,
    erdürstet Überglück, genossen Dunst,
    verzückt vor Wonne, dann erdrückt von Qual --
    Ach! Jeder kennt und Jeder geht den Weg:
    zu dieser Hölle diesen Himmelssteg.



Ein Brandbrief


    „Schöne und geliebte Dame“ --
    wenn die Kühnheit uns erlaubt ist;
    oder, wenn sie nicht erlaubt ist,
    „Gnädiges, verehrtes Fräulein“ --
    hehre Schwester in Apoll!

    Höchst prosaisch, aber desto
    mehr gelesen ist das Prachtwerk,
    höchstens noch der Bildungs-Meyer
    ist in Deutschland mehrgelesner
    als dies Prachtwerk, drin wir eben
    mit dem großen Blick der Freude
    und mit kleinen Lettern Euer
    holdes Dichterheim entdeckten,
    nämlich im Adreßkalender:
    Numro dreizehn, Blühmkes Hof.

    Ach, der Eine von den beiden
    höflichst Endesunterschriebnen
    kann den Sonntag nicht vergessen,
    jenen Sonntag, Donna Agnes,
    als wir unter den Akazien
    auf dem schmalen tiefen Sandweg,
    neben dem Kartoffelacker
    mit den vielen rosaroten
    abendlich beglänzten Blümlein,
    von den kleinen Kindern schwärmten,
    ganz besonders von den dicken,
    die Sie gern anbeißen möchten,
    ach, und dann auch von den großen,
    aber leider ziemlich magern
    Kindern, jenen unverblümten
    Liebesdichtern, die Sie, glaub’ich,
    auch am liebsten beißen möchten,
    ach, und von dem -- Herrn Major.

    Nein, er wird es nie vergessen,
    nie und nimmer, dieser Eine.
    Und der Andre von den beiden
    höflichst Endesunterschriebnen
    hat vor Neid kaum essen können
    (achtzig Pfennig ~à la carte~) --
    als ich einmal übers andre
    mein Erlebnis mit geschwenkter
    Gabel in die Lüfte malend
    „unvergeßlich, unvergeßlich“
    schwurbereiten Mundes rief.
    Ach, der Ärmste, dieser Andre:
    melancholisch vor dem leeren
    Teller saß er, saß und knurrte
    durch den dicken, herbstlaubblonden,
    mittaglich bewegten Schnurrbart:
    „Teufel, war der Braten hart!“

    Aber ich, ein Arzt für Seelen,
    die sich selbst nicht helfen können,
    winkte mit geschwungnem Messer
    einem schwarzgeschwänzten Bückling:
    „Kellner, bitte, das Rezeptbuch,
    nein, pardon, Adreßbuch mein’ich“ --
    und so fand ich und verschrieb ich
    jenem Andern und mir selber:
    Numro dreizehn, Blühmkes Hof.

    Donna Agnes, zwei Verlassne,
    die sich selbst nicht helfen können:
    denn des einen Liebesdichters
    Leib-und-Seelen-Zuflucht hat sich
    in ein Ostseebad verflüchtigt,
    und der andre mit dem dicken
    blonden Schnurrbart hat gar keine:
    zwei von Weib und Welt Verlassne
    flehen hier mit zwanzig Fingern
    um ein hilfbereites Herz.

    Donna Agnes, Eures Namens
    keusche Schutzpatronin wird Euch
    mit viel tausend deutschen Lesern
    und noch deutschern Leserinnen
    einst zum Lohne benedeien:
    Donna Agnes, bitte, bitte,
    pumpen Sie uns hundert ℳ!

    Wir verpflichten uns auch gerne,
    sie uns selber abzuholen,
    sie und Sie, und anstandshalber
    auch die Sonne mitzubringen,
    echte goldne Sonntagssonne,
    die auch Wochentags kann scheinen,
    einen ganzen halben Tag lang,
    in ein paradiesisches Gärtchen,
    wo es einen himmlischen Sekt gibt,
    wo wir Abends mit den Blättern
    um die Wette schwärmen können,
    mit den Blättern der Akazien
    oder auch der Roßkastanien
    oder des Kartoffelackers,
    von den kleinen dicken Kindern,
    +von+ den Kindern +wie+ die Kinder,
    nur nicht von dem -- Herrn Major.

    Item: Eures Winks gewärtig,
    jedem Stephansboten fluchend,
    der nicht Botschaft von Agnesen,
    Botschaft und Entbietung bringt:
    liegen wir (Straubinger Straße,
    Numro fünfzehn, fünfte Treppe)
    Donna Agnes, hehre Schwester,
    ehrerbietigst hier auf unsern
    unverblümten Dichterknieen
    Dir zu Füßen:
    +Richard Dehmel+,
    +Detlev Freiherr Liliencron+.



Die zwölf sittsamen Gastwirte


    Ihr Alle kennt den Dichter Liliencron,
    den Freiherrn von Poggfred, den reichen armen Baron.
    Doch bevor er sein Luftschloß, sein ewiges, baute,
    war er Hardesvogt auf Pellworm und verdaute
    Akten auf dieser „vermaledeiten einsamen kleinen Insel“
    in der windigsten Gegend der Nordsee.

    Im Amtskreis des Hardesvogts Liliencron
    hatten dreizehn Gastwirte abwechselnd Tanzkonzession.
    Und er ließ die Leute tanzen, soviel sie wollten,
    mit der dollste, wenn sie nach Noten dollten;
    weshalb er noch heute dort der Tanzbaron genannt wird,
    wenn der Wind mal leise seinen Dichternamen hinträgt.

    Da erhielt der Hardesvogt Liliencron
    eines Morgens eine Denunziazion:
    Gastwirt Nielsen untergrabe die guten Sitten,
    er habe wiederholt den „Turnus“ überschritten.
    Und verfaßt war das Skriptum nicht etwa vom Herrn Pfarrer,
    sondern von den andern zwölf Gastwirten dieser
    „vermaledeiten einsamen kleinen Insel“.

    Der Herr Hardesvogt, der Dichterbaron,
    kannte seine lieben guten Sittenwächter schon.
    Und nächsten Nachmittag mußten die zwölf Tugendreinen
    beim Gastwirt Nielsen, ihrem Konkurrenten, amtlich „erscheinen“ --
    und der Hardesvogt sprach vor Vernehmung des Tatbestandes:
    Nu laat uns mal fix ierst ’n lütt Runn’ Grogk kriegn!

    Alsdann ließ leutselig der Herr Baron
    den Ersten sich äußern, ohn Ansehn der Person.
    Er ließ ihn weitschweifig immer weiter schweifen,
    er hörte wohl draußen die Möwen keifen,
    bis der nichts mehr wußte -- da sprach der Herr Hardesvogt:
    Denn laat uns man fix noch ’n lütt Runn’ Grogk kriegn!

    Und dann ließ der leutselige Herr Baron
    den Zweiten sich äußern, im nämlichen Ton.
    Er hörte wohl draußen über den Deichen
    die Schneegänse schnatternd durchs Abendrot streichen --
    bis er abermals sprach: Na denn, miene Herrn,
    denn laat uns man noch so’ne lütt Runn’ Grogk kriegn!

    Und dann lauschte dem dritten und vierten Sermon
    der Herr Hardesvogt, der Dichterbaron.
    Er hörte derweil wohl draußen im Grauen
    einen wilden Schwan sich Bahn durch den Nebel hauen --
    bis Gastwirt Nielsen Licht machte und höflich meinte:
    Schall’t denn woll noch so’ne lütt Runn’ Grogk sien?

    Und so hörte der Hardesvogt Liliencron
    alle zwölf Konkurrenten, ohn Ansehn der Person.
    Und als der zwölfte seinen Sermon geschlossen,
    da war die siebente Runde Grogk genossen,
    und das machte pro Mann eine Mark und fünfundsiebzig
    oder zusammen zweiundzwanzig Mark fünfundsiebzig.

    Da erhob sich der deutsche Dichterbaron
    und sprach im königlich preußischen Regierungston:
    Der p. p. Nielsen hat sich fraglos als sittenlos erwiesen,
    und somit tu ich hiermit demselben zu wissen:
    er zahlt eine Ordnungsstrafe im Betrag von drei Reichsmark --
    Adjüs, miene Herrn! --

    Da erhielt der Hardesvogt Liliencron
    nie wieder eine Denunziazion.
    Aber leider trat die hohe Regierung
    mit seinem Tanzbein in zarte Berührung;
    item ist er auf Poggfred, sein ewiges Luftschloß, gezogen,
    denn da tanzen wir alle nach seinem Fidelbogen.
    Alle! --



Eine gantz neu Schelmweys

Zu singen im Tone des weilandt Magistri Pfefferfraß


    Wir Schelmbe sind ein feinen hauff,
    da kann kein HErrgott wider auf;
    die Welt ist voll von Unsern Preiß,
    seit Adam stahl im Paradeys.
                  Hosianna!

    Uns bleibt kein geldt in vnsern sack,
    Wir synd ein fürnemb Lumpenpack,
    Wir han das Allergrößt gefolg,
    kein fuerst vnd Hertzog hat ein solch.
                  Hurrra!

    Zu nie keyn diensten taugen Wir
    als für dem Edlen Malwesier.
    Dem tun wir fröhnden, nimmer faul:
    ein jede Flaschen findt jr maul.
                  Hoppla!

    Wir han nit weib, wir han nit kindt,
    Wir sind die rechten Sausewind.
    Vnd läßt uns Eine Dirn nit ein,
    die ander wird so süsser seyn!
                  Eia!

    Wir schieren umb kein pfaff uns nit,
    Wir han unß Eignen segen mit.
    Vnd pfeiffen wir am letzten loch:
    der TEuffel nimbt in Gnad vns doch!
                  Sela!



Novemberfahrt


    Ja lacht nur, lacht, am Straßenrand
    ihr pelzvermummten Gaffer!
    Uns hat aus härterm Lehm gebrannt
    der Wein- und Weiber-Schaffer.
    Und wenn wir etwas zittrig sind
    und etwas rot die Nase,
    so meint nur nicht, das sei vom Wind:
    das Wetter steckt im Glase!

    Wir fahren in die Welt hinein,
    wenns Uns gefällt und gut scheint;
    wir fahren in dem Sonnenschein,
    der unter unserm Hut scheint.
    Und wenn die olle Sonne sieht
    so junge Dreistewichte,
    dann wird sie gleich vor Angst verliebt
    und macht ihr schönst Gesichte.

    Hurrah, Novembersonnentag,
    du Wunderwanderwetter,
    derweil am Herd das Zimperpack
    sich wärmt den Katterletter.
    Hurrah, so herb dein Reiz und Duft,
    so würzig und voll Schwere!
    Hurrah, ich schlürfe deine Luft,
    als ob es Rheinwein wäre!



Der brave Strubel


    Unser Hofhund, Strubel heißt er,
    ist gar lobesam;
    nur die Ruhestörer beißt er,
    denen ist er gram.

    Ach, er liefe gern den Katzen
    durch den Garten nach;
    bellt auch gerne nach den Spatzen
    auf dem Scheunendach.

    Doch er muß darauf verzichten,
    folgsam seinem Herrn;
    denn er ist ein Hund mit Pflichten
    und gehorcht wohl gern.

    Wenn dann Väterchen ihm schmeichelt
    „hast es brav gemacht“
    und das Kinn ihm gnädig streichelt,
    ists als ob er lacht.

    Und wie schön kann Strubel springen
    und kann aufrecht gehn,
    kann Verlornes wiederbringen
    und kann Schildwach stehn!

    Demut, Biedersinn und Treue
    sind in ihm vereint,
    und wir preisen stets aufs neue
    Strubel, unsern Freund.



Frecher Bengel


    Ich bin ein kleiner Junge,
    ich bin ein großer Lump.
    Ich habe eine Zunge
    und keinen Strump.

    Ihr braucht mir keinen schenken,
    dann reiß ich mir kein Loch.
    Ihr könnt euch ruhig denken:
    Jottedoch!

    Ich denk von euch dasselbe.
    Ich kuck euch durch den Lack.
    Ich spuck euch aufs Gewölbe.
    Pack!



Fräulein Leichtfuß


    Klein Fräulein Leichtfuß läßt sich gehn --

    Nur zu! Laß nur die Leute stehn,
    die fremd und finster dich besehn,
    und lach sie aus, die Lastkameele!

    Nur zu! Es kommt ein Tag, da blickst
    du fremd dich selbst an und erschrickst
    vor der Beladenheit der Menschenseele --

    Magst du den Anblick leicht bestehn!



Zuspruch


    Du rennst nach eignem Ziel und Sinn,
    da kommt das Leben angefahren
    und nimmt dich mit an Hirn und Haaren;
    o nimm es hin.

    Noch stürmt dein Herz: ich will, ich will!
    und wilder blutet deine Wunde.
    O laß. Vielleicht noch eine Stunde,
    dann steht es still.



Epitaph


    Eignes Leid und fremde Klage,
    einst ist alles schöne Sage.



Ermutigung


    Nimm dein Schicksal ganz als deines!
    Hinter Sorge, Gram und Grauen
    wirst du dann ein ungemeines
    Glück entdecken: Selbstvertrauen.



Nächtliche Frage


    Was bebt und bangt so wehe
    mein Herz empor,
    wenn ich dort oben sehe
    der Sterne Chor?

    Wie freie Seelen winken,
    so bannt den Blick
    ihr wandelbares Blinken:
    steig an zum Glück!

    Wie reine Geister glänzen,
    so mahnt ihr Licht:
    steig auf aus deinen Grenzen,
    sie wehren’s nicht!

    Und immer dann dies Beben,
    und immer mehr.
    O Stäubchen, Menschenleben,
    und doch zu schwer?



Vorgefühl


    Es ist ein Schnee gefallen,
    hat alles Graue zugedeckt,
    die Bäume nur gen Himmel nicht;
    bald trinkt den Schnee das Sonnenlicht,
    dann wird das alles blühen,
    was in der harten Krume jetzt
    kaum Wurzeln streckt.



Mädchenfrühling


    Aprilwind.
    Alle Knospen sind
    schon aufgesprossen;
    rings sprießt der Grund.
    Und +sein+ Mund
    bleibt verschlossen? --

    Maisonnenregen.
    Alle Blumen langen,
    heimlich aufgegangen,
    dem Licht entgegen,
    dem lieben Licht.
    +Fühlt+ ers nicht? --



Leises Lied


    In einem stillen Garten,
    an eines Brunnens Schacht,
    wie wollt ich gerne warten
    die lange graue Nacht.

    Viel helle Lilien blühen
    um des Brunnens Schlund;
    drin schwimmen golden die Sterne,
    drin badet sich der Mond.

    Und wie in den Brunnen schimmern
    die lieben Sterne hinein,
    glänzt mir im Herzen immer
    deiner lieben Augen Schein.

    Die Sterne doch am Himmel,
    die stehn uns all so fern;
    in deinem stillen Garten
    stünd ich jetzt so gern.



Ständchen


    Das Rosenstöcklein sieht in Flor;
    o Gärtnerin, wie blüht’s empor!
    Sie hat ihr Pförtlein zugemacht.
                Tiefe Nacht.

    Die schönste Rose in der Hand;
    ein Knösplein saß am Blütenrand.
    Es lugt sie an im Traum und lacht:
                Süße Nacht.

    Es lugt nach ihren Lippen hin;
    wie’s schwillt, wie’s schwillt, o Gärtnerin!
    Genieße doch die Blütenpracht!
                Gute Nacht!



Überraschung


    Über die grauen Dächer weg,
    hoch hier oben,
    durch die langen roten Nelken,
    die vor meinem offnen Fenster
    leise zwischen mir
    und dem blauen Abendhimmel schwanken,
    will mein Herzschlag
    mit meiner Seele
    hinaus, hinauf.

    Um die höchste goldene Kirchturmkugel,
    im letzten fernen Lichte,
    mit hellen Flügeln,
    zieht ein Taubenschwarm
    eilende Kreise
    über dem Hause
    meiner Geliebten.

    Aus dem blassen Westen
    dringt der erste Stern und überflimmert
    scheu den lauten Dunst und trüben Lärm
    der großen Stadt hier unten,
    wie der erste blinkernde Traumgedanke
    aus dem grauen Schwarm der Lebensfragen
    in der Seele des Müden taucht --
    da klopft es.

    Klopft und ist auch schon im Stübchen,
    sitzt mir auf dem Diwan gegenüber,
    sagt kein Wort, es zittert nur ihr Atem,
    nur das lose Ringelhaar,
    nur die Lippen und die rote Bluse
    auf dem jungen, warmen, raschen Busen;
    und ich sage auch nichts.

    Ihre bangen Augensterne wagen
    in der stummen Dämmerung des Stübchens
    hoch hier oben
    einen süß beredten Evablick
    nach den langen roten Nelken hin:
    o, ihr Augen -- --

    Und ich angle nach ihr mit den Beinen,
    diesen Perpendikeln meines Herzens:
    Kleine, merkst du,
    was die Uhr geschlagen hat? --



Herrliches Pärchen


    Nein, wie sind wir herrlich beide!
    ich mit meinem Räubersinn,
    du in deinem Jägerkleide!
    Sonntag gehn wir auf die Haide,
    süße Lüneburgerin!

    Zwanzigtausend Schafe schauen
    immer wieder nach dir hin.
    Huch! sie ließen gern sich krauen,
    und die Lerche juchzt im Blauen:
    süße Lüneburgerin!

    Bis sich Nacht und Nebel ballen;
    ach, dann senken wir das Kinn.
    Kaum ein Mäuschen rührt die Krallen;
    huh, dann wirst du überfallen,
    weil ich doch dein Räuber bin!

    Brav im Grabe schläft der Hüne;
    hussa, falln wir auf ihn hin.
    Denn du bist ja meine kühne
    süße Lüneburgerüne,
    meine wilde Jägerin!



Empfang


    Aber komm mir nicht im langen Kleid!
    komm gelaufen, daß die Funken stieben,
    beide Arme offen und bereit!
    Auf mein Schloß führt keine Galatreppe;
    über Berge gehts, reiß ab die Schleppe,
    nur mit kurzen Röcken kann man lieben!

    Stell dich nicht erst vor den Spiegel groß!
    Einsam ist die Nacht in meinem Walde,
    und am schönsten bist du blaß und bloß,
    nur beglänzt vom schwachen Licht der Sterne;
    trotzig bellt ein Rehbock in der Ferne,
    und ein Kuckuck lacht in meinem Walde.

    Wie dein Ohr brennt! wie dein Mieder drückt!
    rasch, reiß auf, du atmest mit Beschwerde;
    o, wie hüpft dein Herzchen nun beglückt!
    Komm, ich trage dich, du wildes Wunder:
    wie dich Gott gemacht hat! weg den Plunder!
    und dein Brautbett ist die ganze Erde.



Nicht doch


    Mädel, laß das Stricken, geh,
    tu den Strumpf bei Seite heute;
    das ist was für alte Leute,
    für die jungen blüht der Klee!
    Laß, mein Kind,
    komm, mein Schätzchen;
    siehst du nicht, der Abendwind
    schäkert mit den Weidenkätzchen! --

    Mädel liebes, sieh doch nicht
    immer so bei Seite heute;
    das ist was für alte Leute,
    junge sehn sich ins Gesicht!
    Komm, mein Kind,
    sieh doch, Schätzchen:
    über uns der Abendwind
    schäkert mit den Weidenkätzchen! --

    Siehst du, Mädel, wars nicht nett
    so an meiner Seite heute?
    Das ist was für junge Leute,
    alte gehn allein zu Bett.
    Was denn, Kind?
    weinen, Schätzchen?
    Nicht doch! sieh, der Abendwind
    schäkert mit den Weidenkätzchen! --



Das alte Lied


    Die Rosenknospe gab sie mir,
    ein weh Lebwohl klang nach;
    ich wollte lächeln, als ich ihr
    dafür ein Lied versprach.

    Ihr stand ein Tränchen im Gesicht,
    und lächeln wollte sie auch;
    doch lächelten wir beide nicht,
    das ist so Abschiedsbrauch.

    Jetzt lächel ich in einem fort,
    und ihr ist nicht mehr weh;
    die Rosenknospe ist verdorrt,
    das Lied ist aus -- juchhee!



Die Heimkehr

    Nach einem französischen Volkslied


    Der Seemann kommt vom Krieg zurück,
                so sacht;
    verbrannt so sehr, verstaubt so sehr --
    „Wo kommst du, armer Seemann, her?
            so sacht, so sacht?“

    Frau Wirtin, ich komme vom Krieg zurück,
                so sacht.
    Bringt Wein! vom weißen! Was bleibt Ihr stehn?
    Der Seemann muß bald weitergehn!
            so sacht, so sacht.

    Der wackre Seemann sitzt und trinkt,
                so sacht.
    Er sitzt und trinkt und schaut ins Glas;
    der Wirtin werden die Augen naß,
            so sacht, so sacht.

    Was habt Ihr, schöne Frau Wirtin, sagt!
                so sacht?
    Tut Euer weißer Wein Euch leid?
    Der Seemann ist zum Gehn bereit!
            so sacht, so sacht.

    „Mein weißer Wein tut mir nicht leid,
                so sacht;
    mein toter Mann kam mir in Sinn,
    Ihr ähnelt ihm an Mund und Kinn,
            so sacht, so sacht.“

    O sagt mir, schöne Frau Wirtin, sagt,
                so sacht:
    zwei Kinder, hört ich, hattet Ihr
    von Euerm Mann -- nun seh ich vier?!
            so sacht, so sacht?

    „Man hat mir manchen Brief geschickt,
                so sacht,
    und zeigte seinen Tod mir an,
    da nahm ich einen andern Mann,
            so sacht, so sacht.“

    Der wackre Seemann leert sein Glas,
                so sacht.
    Und ohne Dank, mit schwerem Blick,
    ging er zu seinem Schiff zurück,
            so sacht, so sacht.



Zuflucht


    Hinterm Elternhaus am kleinen Weiher,
    dicht umdunkelt rings von Weidenruten,
    breitet eine Pappel ihre schwanken
    Zweige nickend über Schilf und Fluten.

    Seltsam heimlich ists an diesem Orte;
    schon als Knabe hab ich hier gesessen
    und mich ausgeweint im Schutz der hohen
    Binsen und mein junges Leid vergessen.

    Wieder starr’ich in das schwarze Wasser,
    aber keine Träne will mir kommen;
    nur die schwanken Pappelzweige seh ich
    dort sich spiegeln, winkend, bleich, verschwommen.



Sommerabend


    Klar ruhn die Lüfte auf der weiten Flur;
    fern dampft der See, das hohe Röhricht flimmert,
    im Schilf verglüht die letzte Sonnenspur,
    ein blasses Wölkchen rötet sich und schimmert.

    Vom Wiesengrunde kommt ein Glockenton,
    der Hirte sammelt seine satte Herde;
    im stillen Walde steht die Dämmrung schon,
    ein Duft von Tau entweicht der warmen Erde.

    Im jungen Roggen rührt sich nicht ein Halm,
    die Glocke schweigt wie aus der Welt geschieden;
    nur noch die Grillen geigen ihren Psalm.
    So sei doch froh, mein Herz, in all dem Frieden!



Morgenandacht


    Sehnsucht hat mich früh geweckt;
    wo die alten Eichen rauschen,
    hier am Waldrand hingestreckt,
    will ich Dich, Natur, belauschen.

    Jeder Halm steht wie erwacht;
    grüner scheint das Feld zu leben,
    wenn im kühlen Tau der Nacht
    warm die ersten Strahlen beben.

    Wie die Fülle mich beengt!
    so viel Großes! so viel Kleines!
    wie es sich zusammendrängt
    in ein übermächtig Eines!

    Wie der Wind im Hafer surrt,
    tief im Gras die Grillen klingen,
    hoch im Holz die Taube gurrt,
    wie die Blätter schauernd schwingen,

    wie die Bienen taumelnd sammeln
    und die Käfer lautlos schlüpfen --
    O Natur! was soll mein Stammeln,
    seh ich alldas +Dich+ verknüpfen:

    wie es mir ins Innre dringt,
    all das Große, all das Kleine,
    wie’s mit mir zusammenklingt
    in das übermächtig Eine!



Im Regen


    Es stimmt zu mir, es ist ein sinnreich Wetter;
    mein Nacken trieft, denn Baum und Borke triefen.
    Die Tropfen klatschen durch die schlaffen Blätter;
    die nassen Vögel tun, als ob sie schliefen.

    Der Himmel brütet im verwaschnen Laube,
    als würde nie mehr Licht nach diesem Regen;
    nun kann er endlich, ungestört vom Staube,
    das Los der Erde gründlich überlegen.

    Die Welt fühlt grämlich ihres Alters Schwere:
    kein Fünkchen Freude, keine Spur von Trauer.
    Und immer steter schwemmt sie mich ins Leere:
    kein Staub, kein Licht mehr -- grau -- und immer grauer.



Einkehr

    Nach Verlaine


    Das Glöckchen überm Dache da
    tönt heut so weise.
    Das Bäumchen überm Dache da
    bewegt sich leise.

    Der Himmel überm Dache da
    steht klar und stille.
    Die Lerche überm Dache da
    singt: es gescheh dein Wille.

    Mein Gott, wie liegt das Dasein da:
    wie Ruhebetten.
    Und da, die ferne Unruh da
    kommt aus Werkstätten.

    O Du, o Mensch -- Du da, Du da
    mit deinen Klagen!
    was hast du angefangen, Mensch,
    mit deinen Jugendtagen?!



Lied Kaspar Hausers

    Nach Verlaine


    Ich kam so fromm, ein Waisenkind,
    das nichts als seine stillen Augen hat,
    zu den Leuten der großen Stadt;
    sie fanden mich zu blöd gesinnt.

    Mit zwanzig Jahren ward ich klug
    und fand die Frauen schön und gut;
    sie nennen das die Liebesglut.
    Ich war den Fraun nicht schön genug.

    Ohne Vaterland und Königshaus,
    und wohl auch kein sehr tapfrer Held,
    wollt ich den Tod im Ehrenfeld;
    der Hauptmann schickte mich nach Haus.

    Kam ich zu früh, kam ich zu spät
    in diese Welt? was soll ich hier!
    Ach Gott, ihr lieben Leute ihr,
    sprecht für den Kasper ein Gebet!



Heimat


    Und auch im alten Elternhause
    und noch am Abend keine Ruh?
    Sehnsüchtig hör ich dem Gebrause
    der hohen Pappeln draußen zu.

    Und höre sacht die Türe klinken,
    Mutter tritt mit der Lampe ein;
    und alle Sehnsüchte versinken,
    o Mutter, in dein Licht hinein.



                           Zweiter Abschnitt


                                   *



Tief von fern


    Aus des Abends weißen Wogen
    taucht ein Stern;
    tief von fern
    kommt der junge Mond gezogen.

    Tief von fern,
    aus des Morgens grauen Wogen,
    langt der große blasse Bogen
    nach dem Stern.



Der Herr der Liebe

    Nach Dante


    An Jeden, der mit edlem Geist dem Bunde
    der Himmelsmächte dient in Erdentalen
    und willig dartut, was sie anbefahlen,
    ergeht vom Geist der Liebe meine Kunde.

    Es war zur Nacht und schon die vierte Stunde,
    da sah ich plötzlich Alles um mich strahlen,
    und vor mir stand der Herr der Liebesqualen,
    sein Blick entsetzte mich bis tief zum Grunde.

    Erst schien er fröhlich. In der Hand, der einen,
    hielt er mein Herz; auf seinem Arm indessen
    schlief meine Herrin, blaß, in rotem Leinen.

    Er weckte sie, und ließ sie von dem kleinen
    und völlig glühenden Herzen schüchtern essen.
    Darauf entwich er mir mit lautem Weinen.



Läuterung


    Wie mit zauberischen Händen
    greifen Träume in mein Leben,
    will ein altes sich vollenden,
    will ein neues sich begeben.

    Eine Flamme sah ich lodern
    hoch und rein aus goldner Schale,
    und die Flamme schien zu fodern:
    wirf dein Leid in diese Schale!

    Und anbetend hingezwungen,
    fühlt ich Gluten mich umfangen;
    rauschend küßten ihre Zungen
    mir die Augen, Stirn und Wangen.

    Und ich fühlte hell vergehen
    all mein Leid mit einem Male,
    rauschend mich als Flamme wehen
    selber in der goldnen Schale.

    Wie mit zauberischen Händen
    greifen Träume in mein Leben.
    Will ein altes sich vollenden?
    will ein neues sich begeben?



Pfingstlied


    Die Akazien blühen jetzt
    wie gebenedeiete Jungfraun.
    Wieder hebt sich mein Gesicht
    ihrem reinen Geruche zu,
    ins Morgenlicht.

    Und auch Dich dort oben,
    weiße Taube du,
    die wie gestern
    zwischen ihren grauen Schwestern
    glänzt und kreist:
    Alles erfüllt
    mein heiliger Geist.



Jetzt und immer


    Seit wann du mein -- ich weiß es nicht;
    was weiß das Herz von Zeit und Raum!
    Mir ist, als wärs seit gestern erst,
    daß du erfülltest meinen Traum,

    mir ist, als wärs seit immer schon,
    so eigen bist du mir vertraut:
    so ewig lange schon mein Weib,
    so immer wieder meine Braut.



Allgegenwart


    Du gehst nie von mir,
    ich bleibe bei dir;
    denn du bist in mir
    fern wie nah.

    In jedem Herzschlag,
    der mich belebt,
    bist du’s, die mit mir
    durchs Leben strebt.

    Mit jedem Atemzug,
    der mir die Seele klärt,
    fühl ich, wie deine
    Seele mich nährt,

    die mir allinnerlich
    Seele der Welt ist,
    in Allem such ich dich,
    du Welt mit mir!

    In Allem find ich dich:
    dich in dem bangen
    Hinausverlangen
    des Winds im Wald,

    dich in dem Widerstreit
    der Blätter über mir,
    dich in der Innigkeit
    der Gräser hier,

    dich in der Wolke dort,
    aus der die Sonne quillt,
    wie du so lauter,
    so warm und mild,

    dich in der Träne,
    die jetzt von Herzen still
    aus meinen Augen
    zu dir will.



Waldseligkeit


    Der Wald beginnt zu rauschen,
    den Bäumen naht die Nacht;
    als ob sie selig lauschen,
    berühren sie sich sacht.

    Und unter ihren Zweigen,
    da bin ich ganz allein,
    da bin ich ganz mein eigen,
    ganz nur dein.



Die Getrennten


    Nie mehr bin ich allein,
    gleich bebt in mir deine Stimme:
    Du, wie ist dir ums Herz?
    Du, wie ist dir ums Herz?

    Wie dem Schwanenpaar damals,
    das wir beim Nestbau belauschten,
    Beide wie Ein Herz bewegt,
    Beide wie Ein Herz bewegt.

    Oh, jetzt bin ich allein,
    jetzt bebt in mir deine Stimme:
    Oh, wo bist du, mein Herz?
    Du, wo bist du, mein Herz!



In Sehnsucht


Jüngling:

    Möcht es hassen,
    dies Sehnen ohne Maßen.
    Weiß nicht, was ich tun will;
    weiß nicht, ob ich ruhn will.
    Jetzt alles tragen
    und stolz verzagen,
    jetzt alles wagen
    und zu ihr jagen.
    Ein träges Hasten
    selbst mein Gang,
    ein blödes Tasten
    von Drang zu Drang,
    ein Sehnen ohne Maßen.
    Möcht es hassen;
    ach, aber bin
    so glücklich drin.

Mädchen:

    Möcht ein Lied dem Liebsten singen,
    daß er tief ins Herz mir sieht.
    Doch es will mir nicht gelingen,
    alles in mir stockt und flieht.

    Ob ich nur das Wort verfehle?
    ob zu Ihm gleich alles flieht?
    Aber meine ganze Seele
    ist ein einzig Sehnsuchtslied.



Deine Nähe


    Zitternd bin ich aufgesprungen,
    glühend, mit dem Tageslichte,
    dir zu singen die Gedichte,
    die ich dir im Traum gesungen.

    Nie ertönte Innenklänge,
    zauberzarte, weiche, milde;
    nie vernommne, heiße, wilde,
    heilig brausende Gesänge.

    Und sie alle, alle rauschten
    Deinen, immer Deinen Namen,
    bis des Erdballs Völker kamen
    und auf deine Ankunft lauschten.

    Kamen aus den fernsten Landen,
    sprachen wohl in allen Zungen;
    doch von Dir, von Dir bezwungen,
    haben alle mich verstanden.

    Eines nur der tausend Lieder,
    eines nur noch einmal singen:
    ewig würd’es weiterklingen!
    Ach, ich finde keines wieder.

    Stumm im Herzen nur ein Schauern,
    nur ein brennendes Verzagen,
    ein Verlangen und ein Fragen:
    Komm! was läßt du mich so trauern?!



Der Bräutigam


    Mein tolles Herz,
    ich leg auf dich die Hände.
    Nun träum dich an ein sonnig fern Gelände,
    da deckt man dich mit stillen Blumen zu.
    Da lauscht eine Mutter
    dem Ruf der Morgenglocken
    und glättet einer Braut die wirren Locken
    und bittet dich: gib Ruh, gib Ruh.



Ansturm


    O zürne nicht, wenn mein Begehren
    brausend aus seinem Dunkel bricht.
    Soll es mich selber nicht verzehren,
    muß ich’s aussprühn! ans Licht, ans Licht!

    Fühlst ja, wie all mein Innres brandet.
    Und wenn herauf der Aufruhr bricht,
    jäh über deinen Frieden strandet,
    dann bebst du -- aber zürnst mir nicht.



Nachtgebet der Braut


    O mein Geliebter -- in die Kissen
    bet ich nach dir, ins Firmament!
    O könnt ich sagen, dürft er wissen,
    wie meine Einsamkeit mich brennt!

    O Welt, wann darf ich ihn umschlingen!
    O laß ihn mir im Traume nahn,
    mich wie die Erde um ihn schwingen
    und seinen Sonnenkuß empfahn

    und seine Flammenkräfte trinken,
    ihm Flammen, Flammen wiedersprühn,
    oh Welt, bis wir zusammensinken
    in überirdischem Erglühn!

    O Welt des Lichtes, Welt der Wonne!
    O Nacht der Sehnsucht, Welt der Qual!
    O Traum der Erde: Sonne, Sonne!
    O mein Geliebter -- mein Gemahl --



Ballnacht


            Prunkende Klänge,
            Tanz und Geflirre;
            stumm im Gedränge
            steh ich und irre.
    Steh ich und starre, suche nach dir,
    und weiß und weiß doch, du bist nicht hier.

            Alle die Blicke,
            was sie wohl plaudern,
            die Händedrücke,
            die Hast, das Zaudern.
    Immer verworrener, wie im Traum,
    fremder und fremder rauscht der Raum.

            Köpfe wiegen sich,
            Füße schweben,
            Arme biegen sich;
            sinnlos Leben.
    Sterbende Blumen, weh tuendes Licht,
    seltne Juwelen, nur Seelen nicht.

            Wie blaß die Sterne
            durchs Fenster blinken!
            O könnt ich ferne
            jetzt hinsinken
    mit ihren Strahlen zu Dir, zu Dir,
    die du im Traum noch fühlst mit mir!



Entweihung


    Wage selber kaum verstohlen
    deinen Namen mir zu stammeln;
    ist mir immer doch, die Menschen
    müßten sich zur Andacht sammeln.

    Und ich muß es höflich leiden,
    muß mich wie ein Fant betragen,
    wenn die fremdesten ihn nennen
    und mich schamlos nach dir fragen,

    mit denselben Lippen fragen,
    die vor jedem Knecht sich blähen,
    die um jeden Wicht scharwenzen,
    die auf jeden Echten schmähen.

    Fort! still fort -- ich will dein Dulden
    nicht mit meinem Ekel kränken;
    will zu meiner Mutter flüchten,
    ganz in Reinheit an dich denken.



Landung


    Mein weißer Schwan vor mir, noch ziehn wir leise
    auf dunkler Flut durch unser Morgengrauen,
    zur blassen Ferne, wo die Wellenkreise
    dem jungen Tage hoch entgegenblauen.

    So lassen wir uns tragen, weiter tragen,
    und golden wird der dunkle Wasserbogen,
    bis wir die seligen Inseln sehen ragen
    im Glanz der Frühe aus den stillen Wogen.

    Da wirst du losgeknüpft von meinen Zügeln,
    der Nachen säumt, wir sind am Heimatlande;
    da dehnst du dich mit ausgespannten Flügeln
    und steigst hinauf mit mir zum hellen Strande.

    Und von den Höhen wird ein Singen wehen,
    die Bahn zum Licht zu weisen auch den Brüdern,
    und durch die Tiefen wird ein Klingen gehen
    von großem Glück: aus meinen Schwanenliedern.



Die Illusion

    Nach José Zorrilla


    Was ist die Freude, das Glück, das Leben
    ohne den Traum von Hoffnung und von Ruhm!
    Eine Straße, endlos, öd, uneben:
    immer müder wird dein Pilgertum.

    Gieb mir Melodieen -- oh, nur eine:
    wiege das Herz in Träume, wenn es schreit!
    und dir wachsen ewige Marmorsteine
    aus der Asche der Vergangenheit.

    Hoffnung! Ruhm! was soll ich mich beklagen;
    ein Diadem zieht strahlend vor mir her.
    Was tuts, ein Leben wie ein Bettler tragen,
    wenn man stirbt wie Pindar und Homer!



Gebet an die Geliebte


    Meine Hoffnung du, nun hilf mir hoffen!
    Schleicht der Winter schon in unser Leben,
    das noch kaum ein Frühlingsstrahl getroffen?
    Sahn wir darum einen Himmel offen,
    nur um Grabesziele anzustreben?

    Hilf mir glauben! Nimm mir nicht den Segen,
    daß ich Ein Herz durch mich glücklich wisse!
    O, es geht sich schwer auf meinen Wegen:
    ewiges Eis starrt von den Höhn entgegen,
    und im Abgrund gähnen Finsternisse.

    Drum von Liebe still! Wer kann sie sagen.
    Laß mich fühlen, fühlen, daß die Gluten
    auch in Dir empor zu Flammen schlagen,
    in der Lohe uns gen Himmel tragen,
    und das Eis zerschmilzt in Lavafluten!



Der Wunschgeist


    Und wieder saß ich spät mit mir allein,
    im Lichtkreis meiner Lampe, Ausgeburten
    sehnsüchtiger Not durchs Hirn vom Herzen wälzend,
    und wußte nichts von mir; ein krasser Wust
    von Wünschen, schwirrt ich vor mir selbst im Kreis
    und sah die Wunschgespenster sich verknäueln,
    sich würgen und sich fressen und in Qual
    und zuckender Wollust mit einander paaren,
    um neue Ausgeburten zu gebären.
    Bis mir auf einmal, im verrückten Rausch
    des Mitgefühls, die Nägel meiner Finger
    in meine heißen Augenhöhlen fuhren,
    daß ich aufwankte aus der Schwelgerei.
    Und taumelnd fühlt ich mich zum Fenster hin,
    und stand und atmete die sanfte Nacht.

    Da dehnte sich im Dunstlicht um mich her
    Berlin -- mit seinen Dächern, seinen Türmen,
    Schornsteinen, Schloten, Kuppeln, Ruhmessäulen
    heraufgebaut ins fahle Blau, als langte
    aus ihrem Grabe scheintot eine Riesin
    und reckte alle Finger bettelnd hoch:
    nur leben will ich, leben, atmen, essen!

    Und wimmeln hört ich die Milliarden Wünsche,
    die ungestillten, unter allen Mauern,
    wie Würmer einer schattenvollen Gruft;
    hörte den Hunger, der mit dürren Knöcheln
    ins Grab sich trommelte auf nackter Diele,
    die Not, die schamlos durch die Straßen strich,
    das Elend, das im Flitterputz sich narrte.
    Und ich erschrak, wie winzig +meine+ Not;
    und ein Erbarmen, graunvoll, grenzenlos,
    trieb mich zurück in meine Einsamkeit.
    Und trübe saß und starrt ich in die Lampe,
    und trüber noch auf meinen Schatten, der
    verschwimmend an der Wand hing, schwankend, nickend,
    und starrte -- und entsetzte mich: der Schatten
    bewegte, drehte sich, und kam und schwebte,
    und neigte sich vor mir, und winkte mir,
    und eine Stimme tönte tief und hohl:
    „Komm. Wunsch ist Lust, Erfüllung Tod. Komm, schaue.“

    Wir wandelten. Ein bleicher Mittag lag
    schwül auf dem gelben Sand der weiten Wüste.
    Nichts rührte sich, nur mein vermummter Führer,
    der stumm und schwarz vor mir die Glut durchschritt;
    in seine Spuren trat ich wie gebannt,
    da klaffte jäh ein Abgrund vor uns auf.
    Ich fuhr zurück. Doch ruhig stand der Düstre
    und wies zur Rechten, wo ein riesenhafter
    verworrner Kuppelbau am Abhang hochwuchs,
    und aus der Maske scholl es schwer und dumpf:
    „der Tempel der Erfüllung“ -- daß ich bebte,
    von ungewissen Schauern angefaßt.

    Da tönte wieder die vermummte Stimme:
    „drei Wünsche darf ich dir gewähren, wähle!“
    und rasselnd sprang die Pforte oben auf.
    Und grübelnd starrt’ich in die dunkle Öffnung;
    mir war, als wogten die Milliarden Wünsche
    des Erdballs drin, die ungestillten alle.
    Von Scham und Zorn erglüht ich, strafen wollt ich
    den höhnischen Versucher, selig rief ich:
    So soll denn jeder höchste Wunsch auf Erden
    erfüllt sein jedem Einzigen! -- „Jedem Einzigen“,
    gleichgiltig sprach es der im Mantel nach.

    Und rückwärts deutete der Ungerührte
    dem Saum der Wüste zu; der regte sich,
    und aus dem Staub erhob sich ein Getümmel,
    als schwärmten ferne Geier um ein Aas.
    Und fort vom Horizont her schob sichs schwärzlich
    wie Wolkenklumpen, ballte sich und schwoll,
    schwoll, löste sich, erbrauste, schwoll, und wälzte
    und wickelte sich tosend auseinander
    und auf uns zu, die Ebne überströmend
    wie Qualmgebrodel, sturmgepeitscht; und näher
    und immer näher schwolls und schüttete
    sich aus vor uns zu Haufen, Schaaren, Zügen
    von Leibern gelb und weiß und schwarz und braun.
    Die Erde dröhnte, wie sie rasend rannten
    und keuchend ritten; und da schossen schon
    die Ersten uns vorbei, vom Wettlauf triefend,
    hinauf den Abhang und hinauf die steilen
    Stufen der Tempeltreppe, ihnen nach
    der Unzählbaren brausendes Gewühl.
    Und schaudernd sah ich ihrer Augen Gier;
    doch unbewegt stand neben mir mein Führer.

    Und nun, da kamen aus dem dunkeln Tor
    mit dem errafften Gut, dem höchst erstrebten,
    dem tiefst ersehnten, Einige schon zurück;
    und zitternd, freudezitternd späht’ich hin.
    O Wahn! -- o wie sie kindisch um die Säulen
    tanzten und johlten, in den Händen Tand!
    Doch Andre kamen -- fiebernd späht’ich hin.
    Da schleppte unter beiden Armen Einer
    verstaubte Folianten. Einer kroch fast,
    so war er goldbepackt. Behutsam trug
    ein Greis ein Blumentöpfchen. Eine Schöne
    liebäugelte mit ihrem Perlenschmuck.
    Und jetzt: Halt suchend griff ich in die Luft:
    wild jauchzend stürmte aus dem Tor ein Häuptling,
    die blutige Kopfhaut eines Feindes schwang er,
    und oben auf den Stufen rangen Zwei
    zum Mord verknotet um ein nacktes Weib.

    Mitfühlend bog sich, krümmte sich mein Arm.
    Da ließ der Krampf mich los: ein Ekel fuhr mir,
    ein Strom von Ingrimm durch Genick und Kehle.
    Gen Himmel stieß ich die geballten Fäuste:
    O Allmacht, rott es aus, dies Wurmgezücht!
    vertilgt sei, wer nicht liebt! es lebe nur,
    wer in der einen Sehnsucht sich verzehrt,
    die Alle glücklich macht! es lebe nur,
    wer Alle, Alle will vom Schmerz erlösen!

    „Erlösen“ -- tönte die vermummte Stimme;
    „der zweite Wunsch!“ wie Drohung scholl es nach.
    Und plötzlich: vor mir, neben, über mir,
    herab die Stufen, schollernd, schlotternd kams
    herab den Abhang, dröhnend wie Geröll,
    hinab zum Abgrund, Leiber über Leiber,
    verrenkt im Todeskampf, und drüber weg
    hinauf den Abhang, immer dröhnender,
    hinauf die Stufen und ins dunkle Tor
    der Unzählbaren brausendes Gewühl.
    Und immer dröhnender, hinein, heraus,
    herab die Stufen, schollernd, schlotternd quolls
    hinab, hinunter, Sterbende und Leichen,
    vor meinen Augen; und die Sonne sank
    und sank und sank, und immer neue Haufen
    Verröchelnder verschlang der Schlund vor mir.

    Aufschreien wollt ich, flehen, daß nur Einer,
    nur Einer spräche das geweihte Wort --
    der Laut erstickte mir im offnen Mund:
    mein liebster Freund, da schlug er hin, zermalmt,
    zermalmt die Brüder beide, beide Schwestern,
    mit angstumklammertem Brautkranz die Geliebte,
    und da, da -- „Mutter!“ -- da stand meine Mutter
    und hörte nicht mein Schrein und stieg hinan
    und bat zu Gott, oh Gott, für mich, für mich,
    für ihren Sohn blos bat sie Gott um Glück,
    und starb für ihr Gebet -- stier sah ichs an.

    Stumpf glotzt ich in die Runde, sinnlos lächelnd;
    irrsinnig schien ich mir, erstarrt mein Herz.
    Wohin ich sah, verglaste Augenpaare;
    und all die Augenpaare sahn mich an.
    Und sahn mich an wie meine eignen Augen,
    aus allen Augen sah ich selbst mich an,
    verglast, sinnlos, zum Lächeln -- da:
    aufschluchzend fiel ich hin und weinte laut.
    Und fühlte eine große Stille werden,
    ein dunkler Sammet streifte meine Schläfen,
    wie schwere Dämmrung legten sich die Falten
    um meine Schultern, und wie Nachtwind hohl
    traf mich die Frager „Und dein dritter Wunsch?
    dein letzter, eigenster?“ Aufrüttelnd fuhr
    ein eisiger Atem durch mein heißes Haar.

    Und stammeln wollt ich. Doch die Worte kreisten
    in mir wie Staub im Sturm. In meinen Ohren
    war wieder das Gedröhn. Und eine Angst
    vor meiner eignen armen Gier und Blindheit
    hielt mir die Kehle würgend zu: zerknirscht
    lag ich und lag, nicht wagt’ich mehr zu wünschen,
    und endlich, röchelnd, bettelnd, stöhnt ich: Gnade!
    und schlug die Augen auf. Da dehnte sich,
    nickend, verschwimmend, an der Wand mein Schatten;
    verflammend stand die Lampe, schwälte, losch,
    ich saß allein im kalten Licht der Sterne.



Dante guidante


    Wer sich durch eine Hölle hat gesungen,
    den fragt, welch Paradies ihm endlich tagte!
    Doch wer an seinem Leben nie verzagte,
    hat um das höchste Leben nie gerungen.



Rückkehr


    Ich seh in deine Augen wieder,
    in diesen Frieden tief und bang;
    da schweigen all die Aufruhrlieder,
    die schrill in mir mein Unhold sang.

    Du darfst den trüben Wahnsinn wissen,
    der gräßlich lacht in mir und schreit,
    daß ich vom Mutterleib gerissen
    zu graunvoll freudelosem Streit,

    daß mich Natur mit allen Trieben
    im Schooß der Wonne schon verdammt,
    daß die verflucht sind, die mich lieben,
    daß meine Glut nur Unheil flammt.

    Du, Du, die Eine, hast ergründet
    mein innerst Sündenangesicht,
    hast mich entsühnt, zu Glut entzündet
    in mir der Reinheit schwaches Licht.

    Von deinen heiligen Seelenblicken
    glänzt meiner Sinne dumpfe Flur;
    mir löst ein menschliches Entzücken
    die rohen Ketten der Natur.

    In Tränen stirbt mein irres Bangen,
    ob ich berufen sei zum Glück;
    sieh mein verröchelndes Verlangen,
    die Klarheit gabst du mir zurück.



Verheißung


    O weine nicht; die Wunden heilen bald,
    die dir mein Unmut schlug und dein Verzagen.
    Du wirst noch jubeln, daß dich mit Gewalt
    mein Mut aufstachelt aus den Alltagstagen.

    Denn sieh, dir ist ein Dornenkranz geweiht,
    herrlich genug, das schwächste Herz zu stählen;
    dran strahlt als Himmelsblume jedes Leid,
    mit dem uns Sehnsucht und Verlangen quälen.

    Schon hebt sich um mein Haupt das Morgenrot,
    das einst auch Deine Stirne wird bekränzen,
    wenn eine ferne Sage unsre Not,
    und wenn als Sterne deine Tränen glänzen.



An meine Königin


    Bin ich ein König? -- Als ich Knabe war,
    da träumte mir von einem goldnen Throne,
    von einem Volk in heller Jubelschaar,
    von einem Purpurmantel, einer Krone.

    Ich wurde Jüngling, und der irdne Glanz
    verblich im Geisterlicht des Ewig Schönen;
    da träumte mir von einem Strahlenkranz,
    mit dem ein andres Volk mich sollte krönen.

    Jetzt träum ich nicht mehr Kronen, nicht mehr Kränze,
    kein Ziel der Sehnsucht, das der Stolz gebar;
    mich lockt kein Volk, kein Reich mehr, keine Grenze,
    nur meiner Kraft glühn muß ich immerdar.

    Nur immer schweben, wie der Adler schweben,
    den es hinauf ins Unbegrenzte reißt;
    ich +kann+ nicht wie die Lerche mich bestreben,
    die flatternd ihre Ackerfurche preist.

    Ich +weiß+ kein Ziel. Gestalten aus dem Vollen
    erheben sich, zerreißen die Umhüllung.
    Nun ihnen nach, die nichts als Dasein wollen!
    Mein Sehnen ging durch Dich mir in Erfüllung.

    Du gabst mir solch ein Reich voll Glanz zu eigen,
    daß meine ganze Sprache mir zu wenig,
    all dieses Reichtums Herrlichkeit zu zeigen,
    und dankbar knie ich hin: -- ich +bin+ ein König.



Wahrspruch


    Ob wir verdienen, daß wir glücklich sind?
    Was zweifelst du? Verdienst du, gut zu sein?
    Durch Zweifel wird das wahrste Wesen Schein.
    Glück ist des Menschen schönste Tugend, Kind;
    wer glücklich ist, verdients zu sein.



Lobgesang


    Wie das Meer
    ist die Liebe:
    unerschöpflich,
    unergründlich,
    unermeßlich:
    Woge zu Woge
    stürzend gehoben,
    Woge in Woge
    wachsend verschlungen,
    sturm-und-wetter-geberdig nun,
    sonneselig nun,
    willig nun dem Mond
    die unaufhaltsame Fläche --
    doch in der Tiefe
    stetes Walten ewiger Ruhe,
    ungestört,
    undurchdringbar dem irdischen Blick,
    starr verdämmernd in gläsernes Dunkel --
    und in der Weite
    stetes Wirken ewiger Regung,
    ungestillt,
    unentwirrbar dem irdischen Blick,
    wild verschwimmend im Licht der Lüfte:
    Aufrausch der Unendlichkeit
    ist das Meer,
    ist die Liebe.



Blick ins Licht


    Still von Baum zu Bäumen schaukeln
    meinen Kahn die Uferwellen;
    märchenblütenblau umgaukeln
    meine Fahrt die Schilflibellen,
    Schatten küssen den Boden der Flut.

    Durch die dunkle Wölbung der Erlen
    -- welch ein funkelndes Verschwenden --
    streut die Sonne mit goldenen Händen
    silberne Perlen
    in die smaragdenen Wirbel der Flut.

    Durch die Flucht der Strahlen schweben
    bang nach oben meine Träume,
    wo die Bäume
    ihre krausen Häupter heben
    in des Himmels ruhige Flut.

    Und in leichtem, lichtem Kreise
    weht ein Blatt zu meinen Füßen
    nieder; und des Friedens leise
    weiße Taube seh ich grüßen,
    fernher grüßen
    meiner Seele dunkle Flut.



Fernhin


    Durch Traum und Morgen-Unruh
    und jetzt noch seh ich dich:
    die lange Nachtfahrt,
    im Duft des Blumenstraußes,
    den ich dir mitgab.

    Jetzt nahst du dem Garten
    um dein Vaterhaus,
    drin deine Mutter dir
    einst Blumen gab.

    Jetzt stehst du am Eingang still,
    im Sonnenduft,
    drin unser Kind vielleicht schon keimt.

    Jetzt beugst du dich fernhin
    über den Strauß.



Erste Hoffnung


    Mein Freund hat mir ein Bild gemalt:
    Maria weint vor Wonne
    und ist von lauter Sonne
    überstrahlt.
    Wer weiß die Melodie dazu?

    Mein Freund hat mir ein Wort gesagt;
    das klang so fern beglückend,
    mir schlug das Herz so drückend,
    so verzagt.
    Wer weiß die Melodie dazu?

    Mein Freund hat mir ein Lied gemacht;
    es ist ein Lied vom Leben,
    ich fühl es in mir beben
    Tag und Nacht.
    Wer weiß die Melodie dazu?



Am Storchsee


    O Leben! o Liebe! wie geht sie verändert,
    die seligen Augen von Schatten umrändert,
    und lacht kaum.
    Und ist doch mein Mädel, mein sonniges, flottes;
    nun will ich sie malen als Mutter Gottes
    am Storchsee.

    Die Hände über den Schooß gebreitet,
    die seligen Augen ins Land geweitet,
    und Frühling:
    so soll sie zwischen den Binsenspitzen
    am Ufer im Kahn unterm Weidenbusch sitzen
    und warten.

    Nackt flimmern die Zweige, die Knospen platzen;
    links oben im Bilde schnäbeln zwei Spatzen,
    wie damals.
    Und hinter ihr wölbt sich der blankblaue See;
    da stecken vier fünf Enten die Stietze in die Höh,
    wie immer.

    Zehn rudernde Beine in emsiger Runde;
    die Hälse, die suchen was unten im Grunde
    der Wellen --
    der Wellen, die wimmelnd wie lauter Pfeilspitzen
    aus eitel Silber zum Himmel aufblitzen,
    rechts oben.

    Denn links stand ein Ahorn, mit knallgelben Blüten.
    Nun, Mädel, mein braunes, mag Gott dich behüten
    am Storchsee!
    Wie werd’ich mich blos so als Vater betragen,
    Frau Störchin? und was wird das Publikum sagen,
    oh Mutter Gottes! --



Wiegenlied für meinen Jungen


    Schlaf, mein Küken; Racker, schlafe!
    Kuck: im Spiegel stehn zwei Schafe,
    bläkt ein großes, mäkt ein kleines,
    und das kleine, das ist meines!
    Bengel, Bengel, brülle nicht,
    du verdammter Strampelwicht.

    Still, mein süßes Engelsfüllen:
    morgen regnets Zuckerpillen,
    übermorgen blanke Dreier,
    nächste Woche goldne Eier,
    und der liebe Gott, der lacht,
    daß der ganze Himmel kracht.

    Und du kommst und nimmst die Spenden,
    säst sie aus mit Sonntagshänden,
    und die Erde blüht von Farben,
    und die Menschen tun’s in Garben --
    Herr, den Bengel kümmert nischt,
    was man auch für Lügen drischt!

    Warte nur, du Satansrachen:
    heute Nacht, du kleiner Drachen,
    durch den roten Höllenbogen
    kommt ein Schmetterling geflogen,
    huscht dir auf die Nase, huh,
    deckt dir beide Augen zu --

    deckt die Flügel sacht zusammen,
    daß du träumst von stillen Flammen,
    von zwei Flammen, die sich fanden,
    Hölle Himmel still verbanden -- --
    So, nun schläft er; es gelang;
    Himmel Hölle, Gott sei Dank!



Lied der Mutter


    Bienchen, Bienchen
    wiegt sich im Sonnenschein,
    spielt um mein Kindelein,
    summt dich in Schlummer ein,
    süßes Gesicht.

    Spinnchen, Spinnchen
    flimmert im Sonnenschein,
    schlummre, mein Kindelein,
    spinnt dich in Träume ein,
    rühre dich nicht.

    Tief-Edelinchen
    schlüpft aus dem Sonnenschein,
    träume, mein Kindelein,
    haucht dir ein Seelchen ein:
    Liebe zum Licht.



Indianischer Wiegengesang


    Auf dem Flusse Jukon
    streift der Wind;
    und mein Hausherr jagt das Renntier
    auf den Bergen Boojukon.
    Xami, Xami: schlaf, mein Kind,
    schlaf, mein Kleiner, schlafe.

    Der Herd ist kalt,
    das Brennholz all verbrannt;
    zerbrochen ist mein Beil,
    mit meinem Hausherrn wandert
    das andre durch den Wald.
    Ach, und die Wärme der Sonne schläft
    in der Höhle des Großen Bibers,
    wo sie auf den Frühling wartet.
    Xami, schlaf doch, schlaf, mein Kind;
    schlaf, mein Kleiner, schlafe.

    Suche keine Fische, Alte,
    lange ist der Kasten leer;
    selbst der Rabe kommt nicht mehr,
    der sonst jeden Tag drauf hockte.
    Ach, seit wieviel Nächten
    bin ich schon allein!
    In die Berge ging mein Hausherr;
    könnt ich bei ihm sein!
    Xami, Xami, schlafe;
    nein, ich geh nicht; schlaf, mein Kind.

    Wo ist Der in diesem Augenblick,
    den ich über alles liebe?
    Schläft vielleicht und stürzt vom Bergabhange!
    Warum bleibt er so sehr lange,
    warum kehrt er nicht zurück?!
    Wenn er heut nicht kommt,
    werd’ ich doch noch gehen,
    in die Berge gehen,
    meinen lieben Herrn mir suchen gehen!
    Schlaf, mein Kleiner, schlafe;
    Xami, schlaf, mein Kind.

    Hh --! da kommt der Rabe.
    Wie er krächzt! So hohl.
    Wie er lacht! So höhnisch.
    Warum lacht er wohl?
    Und sein Schnabel glänzt
    naß und rot von Blut,
    und sein böses Auge
    funkelt Haß und Wut.
    Warum lachst du, Rabe?
    Xami, schlaf, mein Kind.

    „Mich freut noch, Frau, der frische Fraß,
    das saftige Fleisch, das prächtige Stück,
    das mir dein Herr zu schmecken gab.
    Schlafend lag er sanft im Gras,
    da kam der Rab,
    da nahm der Rab;
    ja, ganz sanft im Grase lag er!“
    Schlafe, Xami; schlaf, mein Kind;
    schlaf, mein Kleiner, schlafe.

    „Ja, zwanzig Renntierzungen
    trug er auf seiner Schulter;
    blos Er hat keine Zunge mehr im Munde,
    den Namen seiner jungen Frau zu rufen.
    Raben, Krähen und Füchse
    zanken um seine Beute;
    ja, ganz sanft im Grase schläft er,
    sanfter als das Kind, Frau,
    das an deinem Herzen schläft!“
    Xami! Xami! Ach --

    „Raben, Krähen und Füchse
    zanken um einen Fetzen
    von dem Leichnam deines Herrn.
    Ja, ganz sanft im Grase liegt er,
    und sehr hart, sehr zähe
    war er doch im Leben;
    wohl viel härter, zäher
    als des Kindes Leben, Frau,
    das an deinem Herzen liegt!“
    Xami! schläfst du? Xami?!
    Ach, mein Kind; o schlaf, mein Kind.

    Ach -- -- o da! da kommt er,
    kommt mein Herr, mein geliebter!
    ganz mit Beute beladen,
    müde kommt er den Berg herab.
    Hui, nun hurtig, Alte,
    hole Holz zum Spalten,
    sieh, mein Müder lacht!
    Und der Rabe, der Lügner,
    was für Augen der macht!
    Xami, aufgewacht!
    auf, du kleiner Schläfer,
    komm, dein Vater lacht!

    Sieh, er bringt uns Renntierfelle,
    bringt das schöne süße Markfett,
    bringt uns frisches Wildpret mit.
    Und für dich, mein Liebling,
    hat er gar geschnitzt ein Spielzeug
    aus den glatten Renntierknochen.
    Matt und abgehetzt
    lag er fern am Bergabhange
    gestern. Aber jetzt:
    sieh nur, wie der Rabe bange
    sich vor seinem Pfeil versteckt!
    Ja, wach auf, du Schläfer,
    komm und lache mit mir!
    Auf, mein kleiner Wildfang,
    jauchze, dein Vater ist hier!



Adlerschrei


        Schwere Tage schwanden,
        seit ich zu dir stieß,
        all im Flug bestanden,
        von den Hügellanden
    her durch Stürme auf dies Bergverlies.

        Mit erprobten Schwingen
        hocken wir im Nest,
        sehn die Wolken ringen,
        fast zum Herzzerspringen
    warm an unsre junge Brut gepreßt.

        Und ich darf nicht fragen:
        ist dir das genug?
        darf nur Sehnsucht tragen
        nach den schweren Tagen:
    hin durch Stürme, Herz, zu kühnerem Flug!



Eröffnung


    Jetzt sing ich dir das letzte Liebeslied.
    Ich fühls bei jedem unsrer trauten Spiele,
    daß mich ein Geist in seinen Dienst beschied,
    der Geist der alten und der neuen Ziele.

    Der duldet nicht in seinem weiten Bann
    die allzu häuslich eingeengten Klänge;
    und manchmal wandelt eine Pein mich an,
    als ob ich fehl von unsern Freuden sänge.

    Denn Meine Sprache ist für Alle da.
    Doch was wir kaum in Seufzern uns gestehen,
    was rein in Blicken zwischen uns geschah,
    ist eine Sprache, die nur wir verstehen.



                           Dritter Abschnitt


                                   *



Weihspruch


    Klage und juble, Dichter,
    wie du willst;
    das wirkt Seele ins All,
    du bist Gott.
    Aber beklage nicht!
    bejuble nicht!
    nichts!
    Du bist Gottes Werk;
    brüste dich nicht!



Nachruf an Nietzsche


    Und es kam die Zeit,
    daß Zarathustra, auferstanden,
    aus seiner Höhle niederstieg vom Berge;
    und viel Volkes
    küßte seine Spuren.
    Der Jünger aber, der ihn liebte,
    stand von ferne,
    und der Meister kannte ihn nicht.
    Und der Jünger trat zu ihm und sprach:
    Meister, was soll ich tun,
    daß ich selig werde?
    Zarathustra aber wandte sich
    und schaute hinter sich,
    und seine Augen wurden fremd,
    und gab zur Antwort:
    folge mir nach!
    Da ward der Jünger sehend
    und verstand den Meister:
    folgte ihm
    +und verließ ihn+.

    Als er aber seines Weges wanderte,
    ging er in sich
    und sprach also zu seiner Sehnsucht:

    Wahrlich, Viele sind,
    deren Zunge trieft vom Namen Zarathustras,
    und im Herzen beten sie
    zum Gotte Tamtam;
    allzu früh erschien er diesem Volk.
    Seinen Adler sahen sie fliegen,
    der da heißt
    der Wille zur Macht
    über die Kleinen;
    und seine Schlange nährten sie an ihrer Brust,
    die Schlange Klugheit.
    Aber seiner Sonne ist ihr Auge blind,
    die da heißt
    der Wille zur Macht
    über den Einen: den Gott Ich.
    Wiedergeburten feiern sie
    und Wiedertaufen aller Götzen,
    aber Keiner wußte noch
    sich selber zu befruchten
    und seinem Samen jubelnd sich zu opfern.
    Der Du Deinen Opferwillen lehrtest,
    fahr denn wohl! gern hätt ich dir
    dein letztes Wort vom Mund geküßt,
    du lächelnder Priester des fruchtbaren Todes.
    +Aber wir leben+,

    und mancher Art sind
    die Sonnenpfeile und Blumengifte
    des fruchtbaren Todes.
    Ach, daß dein Jünger dir
    zu spät erschien! --



Glockenklänge an Bismarck

    Am Tage seiner Amtsenthebung 20. März 1890


    Glocken, Glocken, wir
    Mund der Macht,
    oft wehklagten wir dem Donner,
    oft frohlockten wir dem Flammensturm;
    heut, Volk, frohlocken,
    heut, Bismarck, klagen wir
    dumpf Euch! aber
    immer, Glocken,
    dröhnt aus unserm
    Mund die Macht.

    Immer hungrig,
    tief auf nach Opfern
    stöhnt der Mund der Macht.
    Doch auch immer
    öffnet weit zu hohen Jubellauten
    dann den Mund die dunkle Mutter;
    denn noch immer
    zeugt sich, zeugt sich Opfer dann
    unerschöpflich jung die Kraft der Macht.

    Nur ein Hauch,
    kommt und rührt der Lockruf
    der erhabnen Mutter
    die Erkornen.
    Und empor, sturmgleich,
    ihrem Schooß zu,
    folgen sie gebannt und wachsen
    zu den Wolken,
    folgen sie und wankend
    bebt der Boden;
    und sie fallen.

    +Einem+ Schooß entsprungen,
    +einem+ Muttergrunde,
    rollt der Strom und
    quoll der Glutblock,
    der erkaltend -- seht! -- den Stromlauf staut.
    Hingetürmt, schroff,
    stolz im Wege der empörten Flut,
    starr thront das Lavahaupt,
    lagert die gewaltige Sohle:
    seht! starrer immer,
    nur gewaltiger noch
    von der Wucht der Brandung
    eingebohrt dem Grund, der beide schuf.
    Aber aufgebäumt nun:
    wuchtiger prallt, wühlt, kocht der junge Strom,
    seht, wuchtiger immer,
    und es wankt die Sohle, wankt das starre
    alte Haupt,
    das zur Macht die Kraft der Stromflut
    stauend hob.

    Horcht! Dumpfhin krachen,
    hochauf rauschen
    jäh verworrne Jubelklagelaute.
    Horcht in Ehrfurcht:
    heut gefallen,
    weicht der Macht ein Opferzeuge.

    Ruhe, ruhe,
    Bismarck, graue Klippe du!
    rolle, rolle,
    Volk, du aufgewühlte junge Stromflut!
    bald versprüht
    eurer keuchenden Umarmung
    dumpfe Wut,
    ausgerungner Opferkampf.
    Denn auch Er, der heute
    übers alte Haupt dir, du Gestürzter,
    hoch hinweg im Zollern-Stolz geschäumt ist:
    ja, ein Schaum nur sprüht er,
    der die Stromflut,
    die empörte junge Stromflut krönt.

    Doch wohin, wohin nun -- fragst du schwer --
    stürzt die Flut, die jäh verworrne Flut?

    Lausche, du Erlauchter,
    der du selbst mit Kronen spieltest,
    selbst dem Lockruf der erhabnen Mutter folgtest,
    der du mit umwölkter Stirne
    nun im abendstummen Park die dunkeln
    Lebensbäume siehst
    vom schwachesten Lufthauch schwanken:
    lausche nur den fernen Glocken,
    Sohn der dunkeln,
    immer jungen,
    nimmer satten Mutter Du:
    der Macht! --



Vor Sonnenaufgang


    Propheten der Sonne, der Morgen graut!
    Was säumt ihr den Erdrand wie Nebelscheuchen
    und beklagt euch über die Nachtdünste?
    Hört doch die Hähne: sie krähn in die Wolkenröte,
    und ihre Flügel funkeln schon!
    Sie beschämen eure Menschengedanken,
    ihr Bettler um das ewige Licht;
    ich hasse eure Art Morgengrauen!

    Freilich, in einsamen Nächten,
    wenn der Gedanke ein Scherflein gilt
    und die schwärmende Seele Millionen verschenkt,
    wenn ich mit traumheißen Augen
    über die Dächer Berlins hin
    die tausend Schlote und Schlünde der dunkeln Stadt
    in die glitzernde Ewigkeit aufstaunen sehe,
    wenn ich ein schmelzendes Erz bin
    im glühenden Ausbruch der unentrinnbaren Inbrunst:
    ja, dann lieb’ich euch alle,
    möcht euch alle umarmen,
    helft ihr doch alle uns treiben,
    alle dem Licht entgegen drängen,
    dem immer lockenden Licht der Zukunft.

    Aber die Zukunft beginnt schon:
    mit jedem Tag, mit jedem Augenblick beginnt sie,
    und ist da, wenn ihr sie bringt!
    Propheten der Sonne, was säumt ihr? --



Humane Epistel auf deutsche Art


    Lieber Freund! ich sitze verstimmt bei Schillern und Goethen,
    plötzlich reicht mir die Magd deine Bescherung aus Rom.
    Nämlich die hellen Gemächer und glänzenden Säle der Beiden
    hatt ich verlassen und saß zwischen dem Küchengerät,
    wo’s drin dampfte und schmorte, der Xenien salziges Frühstück
    wider den schlechten Geschmack ihrer gepriesenen Zeit.
    Da empfahl ich mich gern, und Goethe lächelte nickend,
    denn er witterte wohl etwas Italisches gleich.
    Und nun steh ich entzückt und atme den Duft der Orangen,
    will mit süßestem Reim, klingendstem Dank dich erfreun,
    aber da sitzt mir der Küchengeruch von Goethen und Schillern
    zäh in Nase und Mund, klassisch dampft mein Gehirn.
    Ja, sie haben so manchen auf ihrem olympschen Gewissen,
    seit sie ihr deutsches Gericht füllten in griechisch Geschirr.
    Oder liegt es dem Deutschen im Blut, mit trotzigem Willen
    immer auf Staffeln zu stehn, die er der Fremde geraubt?
    Mißt er nicht Freiheit und Recht sich zu nach Römischer Elle,
    gab nicht zum Bau seines Staats Gallien das Winkelmaß her!
    Will er den Bau der Natur, Dasein und Werden ergründen,
    nimmt er den Grundriß vor, den ihm der Britte entwarf;
    oder er möchte sich selber erbaun, dann strebt er zum Himmel
    gar auf der Leiter hinauf, die ihm der Jude gebaut.
    Doch nun heb’ich den Blick: da versinkt der Bestrebungen Fülle,
    und es entschwebt dem Gewirr stark ein vereinender Geist.
    Zwar der Tragwind, ja, der kam aus fremden Bezirken;
    aber die Flugkraft, Freund, +die+ doch ist eigen, ist deutsch.
    Ruhig jetzt, fast träg, so schwebt er im Völkerzenithe,
    zu noch höherem Flug sammelt er heimliche Kraft:
    schon verspürt er die Höhn, wo Volk und Völker verschwinden,
    wo ihn, das ewige Haupt hebend, die Menschheit begrüßt.
    Nein, kein Gallier wars, kein Römer, kein Britte, kein Jude:
    Mensch war Jeder, mein Volk, der dich zum Aufstieg erzog.
    Und, mein römischer Freund, so stieg auch ich auf des Griechen
    klappriges Schaukelpferd, hopp! reit es auf eigene Faust.
    Lächeln wirst du vielleicht: dazu die erhabenen Worte,
    daß sich das winzige Ich etwas gehobener fühlt?
    Aber so gehts wohl stets: nimm irgend etwas, es deutet
    immer vom Ganzen auf Uns, immer aufs Ganze zurück.
    Hier dein Dutzend Orangen: ich lasse die rundeste rollen,
    und sie werden im Nu Bild des Planetensystems.
    Stets enteignet der Mensch sich selbst, je eigner sein Wille;
    was sein innerster Trieb, äußert sich lehrhaft als Zweck.
    Drum quält Mancher sich ab mit Einer Erlösung für Alle,
    +wo doch Jedem das All tausend Erlösungen gönnt;
    was den Menschen entzückt, entsetzt, empört, das erlöst ihn,
    weil’s ihn außer sich bringt, weil’s ihn mit Leben erfüllt+.
    Und so lernte mein Geist die Zweifel der Zwecksucht belächeln,
    ob man lebt für sich selbst oder dem Ganzen zur Pflicht.
    Denn kein Zweck gibt Kraft, allein der Antrieb begeistert;
    Arbeit, unterste Pflicht, macht er zum obersten Recht.
    Unabweisbar treibt Natur jed Wesen zum Wirken,
    aber im Menschen der Trieb kennt sich als Wille und Wahl.
    Und beim Jupiter, Freund: nie wieder wähl ich des Griechen
    klappriges Schaukelpferd, brrr! hopp, aus poetischem Trieb.
    Nur als Mensch, mein Freund, laß diesen Brief dir gefallen,
    und mein Abschiedswort gelte der Menschheit in uns:
    Treibe Jeder den Andern auf immer eignere Wahlstatt,
    mag er erliegen im Kampf, mag er als Sieger bestehn!
    Dann, wie immer du wählst, dann lebst du dem Ganzen zu Liebe,
    lebst dir selber zur Lust -- Alles in Allem: leb wohl!



Kampfspruch


    Siege oder Niederlagen:
    immer gilt es, neu zu wagen.



Werkspruch


    Mensch, was dir leicht fällt, das nimm schwer!
    Natur gibt viel; entnimm ihr mehr!



Sprüche vom Glück


I

    Schaffenslust, das ist die Quelle,
    die den eignen Grund zerspellt;
    einen Trunk von dieser Welle,
    und du schmeckst das Glück der Welt.


II

    Weltwille wirkte dich,
    du wirkst auf ihn zurück;
    tust du das williglich,
    so wird dein Werk dein Glück.


III

    Glück ist Gabe;
    rechte nicht um fremde Habe,
    Richter mit dem Bettelstabe!



Menschenrecht


    Dein Recht ist deine Kraft -- drum bläh dich nicht,
    du stehst mit deinem Recht vorm Weltgericht.
    „Was? Weltgericht? ein längst entkräftet Wort!“
    Doch setzt die Welt das Richten kräftig fort.
    „Und wenn mein Recht mit Macht dagegenrennt?“
    Kein Recht wird Macht, das seine Pflicht verkennt.
    „Und was ist meine Pflicht, o Weltgewalt?“
    Da siehe Du zu -- lacht das Scheusal kalt.



Machtsprüche


I

    Macht spornt den Wicht, Kraft den Braven;
    Kraft schuf den Herrn, Macht den Sklaven.


II

    Wohin du blickst, ist Krieg auf Erden.
    Wohin du blickst, kann Friede werden.


III

    Laßt uns gern einander lauschen,
    innerst grenzenlos gesellt,
    Sinn und Seele liebreich tauschen,
    so wird kleine große Welt.



Das Spiel der Welt

    Philosophisches Scherzo


1) Dialog

    Die Seele sprach zur Welt:
    Du machst dich viel zu wichtig.
    Dein Spiel ist ohne mich
    im Grunde null und nichtig.

    Zur Seele sprach die Welt:
    Das ist im Grunde richtig.
    Das Spiel machst du, nicht ich;
    drum ist es gründlich nichtig.


2) Moral

    Die Seele macht sich gern
    mit ihrer Welt zu wichtig;
    Weltseele muß man sein,
    dann macht man Alles richtig.


3) Kritik

    Das ist ein schlechter Spaß;
    du hältst die Welt zum Narren
    und rätst ihr obendrein
    zu deinem eignen Sparren.


4) Antikritik

    Das ist kein schlechter Spaß,
    ich hab gar gut erfahren:
    wo Weisheit ratlos steht,
    ist Narrheit flugs im Klaren.


5) Supermoral

    Die Seele mahnt sich stets:
    sei endlich ganz und tüchtig!
    So bleibt sie ewig halb
    weltsüchtig, halb weltflüchtig.



In Summa


    Bin Mensch, All, Nichts,
    nach Wahl des Lichts.



Lohngesetz


    Jeder will möglichst viel vom Leben
    und möglichst wenig dafür geben.
    Als bloßer Anblick scheint’s abscheulich,
    doch handle, Mensch, dann weicht der Schein;
    du wirst dir wert, das ist erfreulich,
    nun muß das Ganze wertvoll sein.
    Vergieb dir nichts, tu nichts vergebens,
    das ist das Lohngesetz des Lebens.



Ungleiche Schätzung


    Schlauheit erwägt das Schlechte,
    Klugheit das Rechte,
    Weisheit die Mächte.

    Schlauheit fristet sich hin,
    Klugheit bringt Gewinn,
    Weisheit schenkt dem Leben Sinn.



Reinertrag


    Was wir sammeln, was wir speichern,
    mag’s die Erben noch bereichern,
              einst vergeht’s.
    Nur der Schatz der Seelenspenden
    wächst, je mehr wir ihn verschwenden,
              jetzt und stets.



Ewiges Ziel


    Zum verschloßnen Schrein
    eilt dein Lebenslauf;
    schließt er Liebe ein,
    schließt ihn Liebe auf.



Zwecksprüche


I

    Lebe mit Zweck,
    wirf dich nicht weg,
    gib dich den Andern hin
    mit eignem Sinn!


II

    Wem Zweckbesinnung fehlt,
    den knechten seine Triebe;
    es sei denn, ihn beseelt
    die Herrscherin, die Liebe.


III

    Mit Lust und Liebe sein Werk anpacken,
    macht frei von allem Zweckzwickzwacken.



Allerlei Menschliches


I

    Verdammte Liebe! schimpft Hans Aff,
    dem seine Liebschaft schlecht bekam.
    Verfluchte Lust! stöhnt Christian Pfaff,
    der sich in Wollust übernahm.
    Herr, schenke diesen beiden Armen
    mit Lust und Liebe dein Erbarmen!


II

    Ein Spaß für Götter:
    Affen als Menschheitsretter.


III

    X schreit: der Mensch ward ungesund!
    U will den Übermenschen züchten.
    V wills mit Unzucht, W mit Züchten.
    Z schreit: ihr bringt ihn auf den Hund!
    Sie greifen schließlich noch zum Messer,
    die -- idealen Menschenfresser.



Quintessenz


    Was ist ein Ideal?
    Dem Weisen eine Not,
    dem Helden eine Qual,
    den Schwätzern Himmelsbrot.



Heldentümliches


I

    Die misera Plebs begreift es nie:
    wer für sie kämpft, ist wider sie.


II

    Ihr meint, ihr hättet euch ermannt,
    weil ihr euch hart wie Brutus stellt?
    Jesus kam mit weichster Hand
    und brachte Schwerter in die Welt.


III

    „Er hat als Gott sich aufgespielt!“
    Das sei mit Freuden ihm verziehn.
    Doch daß er +euch+ für Götter hielt,
    dafür, ihr Menschen, kreuzigt ihn!



Humaner Konflikt


    „Du bester Mensch, den’s giebt,
    willst von der Menschheit lassen?“
    Ach, wer die Menschheit liebt,
    der lernt die Menschen hassen.



Mann und Weib


I

    Du haß-und-liebestarker Mann,
    der auch sich selber hassen kann:
    steht nicht ein freudig Weib dir bei,
    martert dein Zwiespalt dich entzwei.


II

    Daß der Mann am Weib sich freut,
    daß die Freude Samen streut,
    das ists, was die Welt erneut.


III

    Ihr eifert gegen Frauenrechte?
    ihr feigsten aller Weiberknechte!
    Komm nur, du neue Eva du:
    der alte Adam weiß, wozu.



Sprüche der Liebe


I

    Wo im wirren Weltgebrause
    zwei versprengte Funken sprühn,
    die aus reiner Lust sich mühn,
    klar einander zu durchglühn:
    Liebe, da bist Du zuhause.


II

    Glut klärt,
    Glut verzehrt;
    hüte jeder seinen Herd!


III

    Schwur der Liebe: ob gegeben,
    ob empfangen -- welch Verschulden!
    Schwellend wühlt sich Leben in Leben:
    was wird wachsen? -- Herz, lern dulden!



Spruch in die Ehe


    Ehret einander,
    wehret einander!



Sprüche der Treue


I

    Wie läßt sich Alt und Neu,
    o Liebeslust, vereinen?
    Bleib dir nur selbst getreu,
    so bleibst du’s all den Deinen.


II

    Treue mit Reue
    ist Feiglings Untreue.


III

    Der Drache Leidenschaft
    speit Mut um sich wie Feuer;
    stählt dich nicht Liebeskraft,
    frißt dich das Ungeheuer.



Einziger Grund


    Es ist zum Lachen wie zum Weinen,
    wir mögen lieben oder hassen,
    es wurzelt Alles in dem Einen:
    das Herz +will+ sich erschüttern lassen.



Die ewige Sehnsucht


    Wir werden’s immer spüren
    und niemals weiterbringen:
    die Seele will sich rühren
    und dabei Ruh erringen.



Sprüche der Zeit


I

    Ich weiß ein Wort,
    das setzt mich über Alles fort,
    über Raum und Zeit
    und Traurigkeit:
    Ich und die Zukunft!


II

    Daß du über der Zukunft
    nur nicht ihr stetes Dasein vergißt!
    Es gibt eine Gegenwart,
    die ewig ist.


III

    Lern in der Zeit dein Urbild finden,
    Kunst geht dem Leben Hand in Hand,
    es gilt den Stoff zu überwinden,
    Tod ist des Lebens höchstes Unterpfand.



Sprüche zur Kunst


I

    Was in unser Leben fiel,
    schwer wird leichter, fremd wird eigen,
    rüstig will es wieder steigen,
    will zurück zum Lebensreigen,
    und so wird’s ein freudig Spiel.


II

    Das Leben läßt sich stets nur stückweis fassen,
    Kunst will ein Ganzes ahnen lassen.


III

    Nur ein bißchen Traum,
    und im dürrsten Blatt
    lebt dir der Baum,
    der’s geboren hat.



Inhalt der Kunst


I

    Suchst du im Bild nach allen Zügen
    des Lebens, wird dir keins genügen.
    Das eben ist es: weil’s nicht Leben,
    kann dein Gefühl ihm Leben geben.


II

    Gefühl treibt eins das andre fort;
    o gieb uns, Geist, das Fassungswort!


III

    Nimm, vernimm, und frag nicht viel,
    tiefster Ernst wird höchstes Spiel;
    sieh nur, mit dem Schmerz der Zeit
    spielt die ewige Seligkeit.



Maßstäbe


    Das Unermessne ist
    der Kunst so eingemessen,
    daß du vermessen bist,
    willst du’s allein ermessen.



Gesichtspunkte


    Manches Auge schwelgt im Grauen,
    manches wühlt sich bis zur Qual
    in ein Farbenbachanal,
    aber jedes will einmal
    hochgemut ins Blaue schauen.



Kunstgenuß


    Schönheit wird wie Glück empfangen:
    Freude krönt dein bang Genießen,
    und die Freude ein Verlangen,
    sich als Liebe zu erschließen.
    Denn der Schöpfung schöne Hülle
    hält ihr Wesen wohlverwahrt,
    ist von Reiz so spröd wie zart
    und erschließt des Glückes Fülle
    +Dem nur, dessen eigne Art
    die Art des Schöpfers offenbart+.



Einem und jedem Schöpfer


    Du hast uns mehr als Leben,
    du hast uns aus dem Geist,
    der das Leben speist,
    eine Welt gegeben.



Den Empfänglichen


    Ein Wörtlein Dank -- o schönster Schall:
    des Schöpferwortes Widerhall.
    Uns allen ahnt kein höher Glück:
    nun tönt die Welt zu Gott zurück.



Den Querköpfen


I

    Komm und laß dich ganz gewinnen:
    sieh, der Schöpferbecher kreist,
    voller Lebensglanz den Sinnen,
    Voller Liebeslicht dem Geist.


II

    Ich +bin+ dumm! sprach Hans Dummerjan
    und kuckte frech den Herrgott an.
    Da lachte Der
    und sprach: Ja, sehr!


III

    Sie möchten Kunst genießen, ach,
    und kauen Schönheitsregeln nach.
    Es ist das alte Leid, daß Gott erbarm:
    stark ist der Hunger, schwach ist der Darm.



Den Auslegern


    Man soll alles nehmen, wie es ist;
    das Licht legt wirklich Gold auf den Mist.
    Nimmt man es aber durch die Blume,
    dann natürlich bis in die Wurzelkrume!
    Da sitzt ein Kobold, der sich ins Fäustchen lacht
    und aus übeln Düften Wohlgeruch macht.



Dichtersprache


I

    Dichter kann man nicht ergründen;
    seid nur, Freunde, recht erhoben!
    Jede Flamme schlägt nach oben,
    jeder Geist wird weiterzünden.
    Durch den Rauch der Worte steigen
    alle auf ins blaue Schweigen.


II

    Ist nur feuerecht dein Wort,
    flammt’s durch fernste Nächte fort.
    Sprachgrenzen hindern nicht den Geist,
    der übers Volk zur Menschheit reist.


III

    Was sind Worte, was sind Töne,
    all dein Jubeln, all dein Klagen,
    all dies meereswogenschöne
    unstillbare laute Fragen --
    rauscht es nicht im Grunde leise,
    Seele, immer nur die Weise:
    still, o still, wer kann es sagen!



Dichterschicksal


    Eine heilige Dichtung vernahm ich:
    war einst ein Diener, der opferte willig
    sein Gut, sein Blut, sich selbst, seinen Sohn
    der herrischen Zucht eines Heldengeschlechtes,
    wie der Urwaldbaum sich samt all seinen Früchten
    dem Boden hingibt, dem er entsproß.
    Ach, aber wo lebt das Volk, das dich hört,
    von Ahnengeistern begeisterter Dichter?
    Und dennoch atmet die Klage Jubel:
    von jeher säte der Dichtergeist
    seine Früchte aus in scheintotes Land,
    des Daseins opferwilliger Diener,
    künftigen Lebens erhabener Ahnherr,
    volkstreuer Held wie der Urwaldbaum.



Der geduldige Dichter


I

    Der Dichter steht am Herd und schürt
    und wartet, daß sein Volk sich rührt.
    Das Holz liegt da, der Funken auch;
    wann springt die Flamme aus dem Rauch?


II

    Das Publikum hat gezischt und geklatscht,
    die Kritiker haben gequietscht und gequatscht.
    Der Dichter lächelt: Das verschallt,
    rings rauscht mein immergrüner Wald.


III

    Was soll mir euer Lorbeer, Freunde;
    an jedem Blatt zupfen hundert Feinde.
    Bringt Blumen, edle Früchte, Wein:
    die Kunst will sich des Lebens freun.
    Den Lorbeer legt mir aufs Totenkissen;
    da wird er nicht mehr heruntergerissen.



Guter Rat


    Nur kein törichtes Ereifern,
    wenn die Wichte dich begeifern.
    Diese Kautschukmännlein fliegen
    mannshoch, wenn sie Hiebe kriegen;
    laß sie lügen, laß sie liegen.



Den Kennern


    Selbst der rarste Diamant,
    dem Verächter ist er Tand.
    Ach, wie arm wär jede Spende,
    wenn sie keine Gnade fände!



Den Herren Kritikern


    Der Kritiker hat immer Recht,
    unfehlbar wie der Kletterspecht:
    die Eiche trotzt dem stärksten Sturm,
    der Specht entdeckt in ihr den Wurm.



Kumpaney


    Ein Herr Laus, ein Floh und eine Wanze
    setzten sich an meinen Tisch.
    Sprach der Floh: Brüderchen, tanze!
    hoppla! frisch!

    Sprach ich bald: Ich kann nicht tanzen
    so wie Sie, Herr Floh!
    Sprach das Fräulein von den Wanzen:
    Klettern Sie mal Stroh!

    Sprach ich gleich: Wer kann strohklettern
    so wie Sie!
    Sprach der Lauserich: Entblättern
    Sie mal Schinn, hihi!

    Sprach ich: Ihre Kunst! wer könnte
    die wohl ebenso!
    sprach ich. Und die dreu Talönte
    waren seelensfroh.



Laufbahn


    Als ich jung war, hab ich verwogen
    alle Zäune im Feld überflogen.
    Nun ich älter bin, will ich verwegen
    selber neue Felder einhegen.
    Und kommen, wenn ich alt bin, die Jungen
    auch auf die herübergesprungen,
    beflügel euch Gott, ihr wilden Fohlen!
    Aber könnt ihr nichts weiter vollbringen
    als dem alten Sturmfried dummdreist nachspringen,
    soll euch Kracken der Teufel holen!



Der Hahnenkampf

    Parabel


    Liebe Leute! ihr kennt den Baum der Erkenntnis.
    Mit seiner Frucht hats ’ne eigne Bewendnis:
    seit Adam hat niemand sie mehr gesehn,
    also wird er wohl ewig in Blüte stehn.
    Unter dieser Blüte nistet ein Geist,
    in Gestalt eines Gockels, der Gigenius heißt,
    ein gewaltiger Kampfhahn bei seinen Lebzeiten,
    um den sich noch heut alle Federviecher streiten.
    Er ist zwar tot; doch wie ihr hört,
    kräht er noch immer ungestört --
    ucke-ru-uh! --
    Aber jetzt erscheint da ein zweiter Geist,
    ein lebendiger, der Gigigenius heißt
    und sich vor keinem toten grault,
    der kräht: pfi, Gi, du riechst verfault --
    ücke-rü-üh! --
    Drob schwillt allen Geistern der Kamm mit Macht;
    man merkt, es gibt eine Hahnenschlacht.
    Man sieht, wie Hals und Brust sich bläht;
    wohl dem, der nicht dazwischen gerät!
    Sie balgen sich, daß keiner weiß,
    wo ist der Kopf, wo ist der Steiß;
    und über ihrer Kraftverschwendnis
    hängt still die Blüte der Erkenntnis.
    Zuletzt ist jeder arg verprügelt,
    aber alle krähn sie siegbeflügelt:
    ucke-rü-üh!
    ücke-ru-uh! --
    Drauf gehts mit würdigem Gestapf
    an den gemeinsamen Futternapf,
    aus dem auch schon Gigenius schluckte,
    als Gigigenius noch nicht muckte.
    Da stehn sie sämtlich ruhmbedeckt,
    und jeder nimmt sich, was ihm schmeckt.
    Moral: Erkenne, edler Christ,
    wie unermeßlich der Futternapf ist!
    Vielleicht hielt Adams Unverständnis
    ihn für die Frucht vom Baum der Erkenntnis.



Die neue Würde

    Parabel


    Ein Künstler war deutscher Professor geworden,
    mit der Aussicht auf weitere Ämter, Titel und Orden;
    und weil er von Natur ein Bildhauer war,
    erschien nun vor ihm die ganze Schaar
    von großen, größten und allergrößten Tieren,
    die er gewohnt war zu modellieren,
    um ihm huldvollst zu gratulieren.
    Ein Pavian schnarrte: Herr Professor,
    ich hoffe, Sie meißeln nun immer bessor!
    Ja, schrie ein Esel: man soll seine schweren Pflichten,
    Herr Professor, immer edler verrichten.
    Ein alter abgerackerter Gaul
    wieherte mit verzognem Maul:
    Li-ieber Herr Professor, es gilt des Daseins Leiden
    immer wahrer in Holz zu schneiden.
    Ein dressierter Hofhund maulte: Wau, wau --
    ein Kater jaulte dazwischen: au, au --
    Herr Professor, die Welt ist schon voller Grauen,
    man muß sie immer schöner aushauen.
    Pfui! grunzte ein Schwein: ich möchte bitten,
    Herr Professor, um immer reinere Sitten.
    Ein paar Kameele flehten demütigst:
    Werter Herr Professor, verzeihen Sie gütigst,
    wir empfehlen, des Lebens Malicen
    immer klarer in Bronce zu gießen.
    Ein Elefant blies in die Trompete:
    Hochgeehrter Herr Professor, ich vertrete
    die alte Weisheit der Brahmanen;
    lassen Sie immer Tieferes ahnen!
    I -- quiekte eins von zwei Karnickeln:
    wir wollen uns immer höher entwickeln!
    Vier vergnügte Hamster aber hockten im Kreise,
    die schnauften in ihrer verfutterten Weise:
    Teurer Herr Professor, die Not lehrt beten,
    lernen Sie immer zweckvoller kneten!
    Und -- mahnte ein Truthahn mit Gekoller:
    natürlich immer ordnungsvoller!
    Im Gegenteil! kreischte ein Lämmergeier:
    selbstverständlich immer freier!
    Ein Löwe brüllte: Professor, ich rate nur
    immer stolzere Positur!
    Ein spukhaft hopsendes Känguru
    walzte vorüber und pfiff dazu:
    Herr Professor, man will Sie blos vexieren,
    Sie müssen die Form immer feiner komplizieren.
    Ein kluger Storch hob sacht ein Bein
    und klapperte mit Bedacht: Nein, nein,
    bester Herr Professor, es gilt auf Erden
    nur immer einfältiger zu werden.
    So erteilten die Tiere, große und kleine,
    wilde und zahme im Vereine,
    dem Herrn Professor ihren huldvollen Rat,
    als plötzlich aus dem Gratulantenstaat
    eine goldschmucke Paradiesvogelhenne
    aufflog und gluckste: Wie ich dich kenne,
    Freund Künstler, wirst du dir nun vorspiegeln,
    du sollst unsre Göttin Natur verschniegeln,
    und wirst deiner neuen Würde grollen
    und immer rauhbeiniger werden wollen.
    Und der Herr Professor knurrte was in den Bart
    und sah wahrhaftig aus wie behaart
    und streckte verbiestert alle Viere.
    Da erschien zuletzt in seinem Quartiere
    das wildeste und zahmste der Tiere:
    ein Weib. Das sprach: Lieber Mann, deine Würde
    ist freilich eine künstliche Bürde.
    Aber wir Menschen treiben’s eigentlich nie
    so natürlich wie das übrige Vieh;
    selbst die nackte Braut trägt an der Hand
    ein Ringelein als züchtiges Pfand.
    Sieh, mit unsern Kleidern, Zierden und Ehrenzeichen
    will die alte Hexe Natur erschleichen,
    daß sich ihr irdisches Maskenfest
    nicht noch tierischer gehen läßt.
    Drum, Künstler, laß dich ruhig verhimmeln;
    und damit deine Anbeter nicht verlümmeln,
    lern dich als würdiges Vorbild geberden,
    denn der Mensch will -- immer noch menschlicher werden.
    Da hat der neue Herr Professor gelacht,
    hat seiner Frau einen himmlischen Bückling gemacht
    und sich sein göttliches Haupthaar geschoren.
    Seit der Zeit sind die Herren Professoren
    der deutschen Kunst-Akademien
    nicht mehr als Trampeltiere verschrien.



Die verunglückte Göttin

    Prolog zur Eröffnung der ersten Freien Volksbühne


    Es war im Mai, ein Mittag wolkenschwül.
    Am offnen Fenster saß ich, ins Gewühl
    der feuchten Dächer staunend, die gleich Schollen
    von Silberfelsen, fern ins stille Meer
    des Himmels hin, aus dumpfer Brandung schwollen:
    Berlin lag brausend um mich her.
    Am Horizont, im blassen Dunst, stand blendend
    auf ihrem Säulenklotz, wie Gold ausspendend,
    die Siegesgöttin. Um die steifen Glieder
    bog seltsam bauschig das Gewand sich nieder;
    zu flattern schien’s im lauen Wind.

    Die Sonne blinzelte, bald grell, bald blind.
    Ich wußte nicht: saß ich im Traum?
    Es war, als ob der blanke Saum
    am Fuß der Göttin immer mehr sich bauschte,
    als ob von fern ein ehern Klirren rauschte.
    Ich starrte: wahrlich, um die Spitze
    der Säule klirrten goldne Blitze:
    die Göttin schüttelte den Siegesspeer.
    Und plötzlich schleuderte sie weg die Wehr,
    zur Erde nieder schossen Strahlenstufen,
    sie schritt hinab, und hohl wie Glockentöne
    scholl durch die Stadt ein geisterhaftes Rufen:

    „Genug des eitlen Ruhms! Kommt her, ihr Söhne,
    ihr Töchter all des Volkes, kommt herbei!
    Ich will euch künden einen neuen Mai.
    Hin werf ich Heim und Waffen in den Kot;
    genug von Kampf und Schweiß! Aus reinern Sphären,
    vom Baum der Freiheit pflückt ich Himmelsbrot;
    mit Ätherhauch soll’s eure Seelen nähren.
    Die Frucht der Schönheit bring ich auf die Erde,
    die +Kunst+, die Seligkeit der Ewigkeiten;
    vergessen sollt ihr Mühsal und Beschwerde,
    wie Geister leicht ins Reich der Wahrheit gleiten.
    Ein trüber Traum nur ist des Daseins Not,
    ein Wahn der Schmerz, ein Augenblick der Tod;
    begeistert ob dem Dunst der Zeiten schweben,
    das ist die Wahrheit, das heißt Leben!“

    So stand sie preisend in der Sonne, winkte;
    hoch in der Rechten, weithin gleißend, blinkte
    die wundersame Frucht. Und ihr entgegen
    aus allen Toren stürmten Glückverlangende,
    auf allen Straßen drängten Sehnsuchtbangende,
    Millionen Augen dürsteten nach Segen.
    Und plötzlich keucht ich selber mit im Schwarm,
    mit immer drängender gestrecktem Arm;
    vorstürzend, stammelnd kniet ich in den Sand,
    umklammerte des Weibes Prachtgewand:
    „Gieb!“ fleht’ich ächzend -- „Gieb uns, gieb uns!“ ächzten
    die Abertausende, die mit mir lechzten.

    Doch hohl herab in unsre Nötigungen
    erscholl die Glockenstimme wie zersprungen:
    „Nicht dürft ihr nahn mit irdischer Begier,
    im Abglanz nur erscheint die Schönheit hier.“
    Und scheu verstummten Alle; auf dem Volke
    lag schwer das Wort wie Nebeldunst und Wolke.

    Auf einmal aber, leise, heiser, wild,
    begann ein Flüstern um das Glanzgebild:
    „Sie log uns! Wir verschmachten! Fort! Sie log!“
    Und, wie die Windsbraut durch den Forst, so flog
    das Murren weiter, laut und lauter schwellend:
    „sie log, log, log“ -- toll, immer toller gellend,
    wutschreiend, hohnlachend, und Flüche schallten,
    und Fäuste fuhren drohend in die Falten
    des blendenden Kleides, und -- ein Schreck -- ein Graun:
    die wimmelnden Reihen starrten wie erstickt:
    ein Bild des Stolzes hatte sie berückt,
    da stand’s, ein Bild der Ohnmacht anzuschaun:
    ein Krampf erschütterte den Riesenleib,
    es war als schrumpfte Zoll um Zoll das Weib,
    matt nieder knickten Hand und Arm,
    die Himmelsfrucht fiel prasselnd in den Schwarm,
    zu Moderqualm zerstob sie im Gedränge,
    zu Flitterspreu der Schale Goldgepränge.

    Und vom Gesicht wie abgeschürfte Blattern
    sah ich des Weibes Götterhaut zerflattern.
    Aus ihren Augen stierte trüb ein Schein
    wie schaler Bodenrest aus leeren Bechern,
    die Lippen knifften dürr und schief sich ein,
    und aus dem Zahngelücke klang es blechern:
    „Ach ja -- ach je -- die Kunst wird alt so sachte.
    Ihr habt schon Recht -- na, seid man still -- ich dachte:
    ihr könnt noch +glauben+ an die ewige Jugend.
    Na schön, denn nich. Seht, Kinder, ich bin ehrlich;
    und ist das schwache Rückgrat auch beschwerlich,
    man macht dann eben aus der Not ’ne Tugend.
    Ja, alles Dasein ist ein mürber Plunder,
    der Menschengeist verpufft sich selbst wie Zunder,
    der Mitmensch kommt und schluckt den schlimmen Rauch
    und krigt davon das Grimmen in den Bauch;
    ein Kunststück ist es, sich davor zu hüten.
    Drum will ich euch, als Gegengift, die Blüten
    aus diesem Giftsumpf säuberlich sezieren;
    ein schwaches Auge liebt das Mikroskop
    und nicht das Sonnenfernglas zu regieren,
    und Unkraut wächst ja massenhaft, gottlob.
    Die Decke von der Fäulnis abzuheben,
    +das+ ist die Wahrheit, +das+ heißt leben.“

    Und wieder rings ein scheu beklommnes Schweigen,
    ein Nicken, und verzagte Seufzer wehten,
    wie Herbstlaub rieselt von gesenkten Zweigen;
    dann -- sah ich manchen grinsend näher treten.
    Da wars, als wüchse wieder hoch die Alte,
    die hohle Stimme blähte sich und hallte:
    „Am Schönheitswahnsinn mögen Narren klauben,
    heut braucht man blos der -- Wissenschaft zu glauben!
    Und da ihr reif seid, Alles zu verstehn,
    sollt ihr die Kunst in ganzer Nacktheit sehn!“

    Und mit den Spinnenfingern krallte
    ins schlotternde Prunkgewand die Alte,
    schon sah man durch des Kleides Spalten
    des greisen Leibes schlaffe Falten,
    da --: tausendstimmig hub ein Toben an,
    ein Schrei des Ekels brach den dumpfen Bann,
    und wie die Brandung von der morschen Klippe
    zurück ins freie Meergewoge schäumt,
    so stürmten, stießen, stürzten zorngebäumt
    die Schaaren weg, weg von dem Spottgerippe
    und rissen’s um und lachten, und laut lachte
    ich mit, aus vollem Halse, und -- erwachte.

    Am offnen Fenster saß ich, ins Gewühl
    der Großstadt niederstaunend. Frisch und kühl,
    aus eines Hofes tristem Schattenloch,
    sproß zu mir auf ins schwüle Mittagsschweigen
    ein blühender Apfelbaum, als hinge noch
    schimmernd das Morgenrot an seinen Zweigen.
    Und wo er über die graue Mauer nickte,
    hockte ein Straßenkind und gab
    von seinem Brot einer Gespielin ab,
    die blaß aus einem Kellerfenster blickte.
    Das Brot war trocken, das Stück war klein,
    die Händchen schmutzig -- doch der Augen Leuchten
    so klar und lachend wie der Sonnenschein,
    der über ihnen rings die schwarzen feuchten
    Dächer der qualmenden Stadt blitzblank polierte
    und mit viel hundert Himmelsspiegeln zierte.

    Am Horizont verglomm jetzt in den Dünsten,
    fahl wie ein Irrlicht hinter Sumpfgespinsten,
    die plumpe Göttin. Aber an der Ecke
    dicht unter mir fiel hell der Frühlingsglanz
    auf eine andre Säule. Bunt Geflecke,
    grell, ein zerhackter Regenbogenkranz,
    so klebten prangend die Plakate dran.
    Und auf dem Pflaster drängte Mann an Mann;
    sie lauschten; einer las, gebückt und schief,
    ein rotes Blatt, das zur Versammlung rief.
    Verbissener Grimm sprach aus den knochigen Mienen,
    verschluckte Sorgen brüteten in ihnen;
    und als der Haufe aus einander wich
    und als sie sich die rußigen Hände drückten
    und kargen Gruß die storren Köpfe nickten,
    da, ja, da wußt ich wohl, dort schlich
    manch schlechter Wunsch aus haßgepreßter Kehle,
    doch aus den Blicken schimmerte echt und rein
    -- so sprüht der Funke aus dem harten Stein --
    die Kampfbegeisterung der wilden Seele.
    Und sprühte her zu mir mit jäher Wonne,
    und ward Gesang in mir, Gesang zur Sonne:

    Wir Alle, Sonne, sind von deinem Blut!
    Uns Alle, Volk, adelt ein Geist der Glut!
    Wie Er aus Licht und Dunkel Farben wirkt,
    im Schooß der Nacht die Saat des Tages birgt,
    wie Er vom kalten Ätherhauch umflossen
    sein Flammenblut hat in die Welt vergossen,
    das immer noch aus unsrer Staubgestalt
    vor Sonnenheimweh heiße Worte lallt:
    so kann ein Schattenspiel an leerer Wand,
    vom Flämmchen unsrer Sehnsucht hingebannt,
    uns samt der Zeit zur Ewigkeit erheben --
    und +Das+ ist Kunst, ist Schönheit, Wahrheit, Leben!



Der Feuergeist


    Ein Jüngling, wortgewandt, und sehr fürs Volkswohl glühend,
    oder galt seine Glut mehr seinem Rednerruhm?
    wer weiß -- denn eines Tags nach einer Wahlversammlung
    sprach er zu einem Freund: welch grenzenloses Glück,
    so ganz entbrannt zu sein, daß alles mitentbrennt,
    so Flamme durch und durch, daß sich der Geist vesuvisch
    am eignen Wort entflammt und jeden andern Geist
    rings um sich her verzehrt! -- der wurde selbigen Nachts
    von einer Feuersbrunst jäh aus dem Schlaf geweckt.
    Er sah, noch halb im Traum, durch die verkohlte Tür
    den Brand nach seinem Bett mit riesiger Zunge lecken,
    wollte um Hilfe schrein, sprang auf, sah rings die Wände
    Rauch spein, die Dielen sprühn, schrie Gnade, stotternd Gnade,
    sah nichts mehr, schrie nur, sah: alles verzehrend fraß
    der glühende Atem um sich, vesuvisch. Und -- o Gnade --
    was war das? Luft! Er sah sich zusammenbrechen, fühlte
    sich hochgerissen plötzlich, getragen, weggetragen,
    durch klirrende Fenster, Wolken, Nachtwolken, Luft -- o Glück --
    o grenzenloses Glück -- durch frische Luft getragen,
    von Fäusten, Retterfäusten, hinab. So kam er zu sich,
    stand unten, sah hinauf, sah rings das Volksgetümmel
    vom Feuer geisterhaft beleuchtet, wollte sprechen,
    Dank sagen, Dank, o Dank -- und sprach, sprach nicht, schrie,
       schrie nur,
    stotternd und lallend: Gnade! Gnade! -- Die Zunge war
    für immer ihm gelähmt.



Das erlösende Wort


    Er weinte, schwieg. Noch hör ich ihn stammeln,
    höre ihn leiden bei jedem Laut,
    und höre das Lied meiner Seele dazu,
    o selig Lied!

    „Ich b-b-b-bebe“ -- ich bebe mit,
    „wie kein M-M-Mensch sonst“ -- wie einst der Urmensch,
    „bei j-jedem W-Wort“ -- armer Sünder!

    „Jedes Wort“ -- einst Gestammel --
    „ist m-mir haha-heilig“ --
    ist Allen heiliger noch als dir;
    „sie aber lalala-lachen darüber!“
    sie lachen, und du leidest noch?

    „Ich k-kann nie s-sagen“ -- wer kann je sagen,
    „was meine S-Seele will“ -- Aller Seele!
    „ich b-bin so verlassen“ -- vom einigen Geist.

    „Nur m-manchmal, w-wenn ich mein Lalala-Leiden
    v-vergesse“ -- o lache, befreiter Geist --
    „dann glückt mir“ -- o Glück -- „das erlösende Wort“.
    Er weinte, schwieg.



                            Aber die Liebe

                         Zwei Folgen Gedichte

                            Dritte Ausgabe



Hieroglyphe


    In allen Tiefen
    mußt du dich prüfen,
    zu Deinen Zielen
    dich klarzufühlen.
    Aber die Liebe
    ist das Trübe.

    Jedweder Nachen,
    drin Sehnsucht singt,
    ist auch der Rachen,
    der sie verschlingt.
    Aber ob rings von Zähnen umgiert,
    das Leben sitzt und jubiliert:

            +Liebe!+ --



                              Erste Folge


                                   *



Der befreite Prometheus


    Vom Kaukasus hernieder schritt Prometheus;
    er war erlöst, Zeus gab ihn frei.
    Der Riese durfte endlich von dem Gletscher
    herunter, drauf er büßend lag;
    er durfte nun hinab auf seine Erde,
    +hin+ zu den Menschen, die er so geliebt,
    daß er, der eignen Seligkeit zum Trotz,
    das Feuer des Olympos für sie stahl.

    Nicht dauerte den Götterkönig
    der Himmelsgünstling, der abtrünnige.
    Warum auch lockte die Versuchung ihn,
    den Menschen Göttergut hinabzutragen;
    er hatte seinen Lohn dahin,
    den Heilandslohn,
    nach der Olympier unerbittlichem Gesetz.
    Verraucht nur endlich war der Zorn des Zeus,
    und Laune wars und Gnade, daß sein Blitz
    vom Leib des Märtyrers die Fesseln sprengte,
    die lavastarr gehärteten.

    O lange Qual! o Leib, zerfleischt, entstellt!
    Noch deckten Schwären die zerschundenen Knöchel;
    kaum konnten die verkrümmten knorrigen Finger
    das große Wundmal unterm Herzen schützen,
    das frisch noch glänzte von den Schnabelschlägen
    des Tag für Tag drin wühlenden Geierpaars.
    O Tage voller Wut und Ohnmacht!
    o Tag der Bitternis, da ihm die Hand,
    die einst mit Bergen wie mit Würfeln spielte,
    zum ersten Male
    erlahmte vor der Übermacht des Neides,
    des weltbeschattenden, der Götter all!
    o Tag, als in Verzweiflung starb sein Trotz!

    Doch nun war Alles überwunden.
    Erstickt die Kampfglut in den tiefen Augen.
    Erloschner Gram, verlohte Leidenschaft
    der einzige Ausdruck der zerfurchten Züge,
    als trüg’er in sich, wie ein Fremder kalt,
    nur die verbrannten Wurzeln seiner Kraft.
    Um seine schmerzgeübte Stirne zauste
    der eisige Wind des Haars ergraute Büschel.
    So schritt er abwärts, der gebeugte Riese.

    Nur ruhen wollt er, ausruhn bei den Menschen.
    Sie um sich sammeln, wie ein alter Vater seine Kinder.
    Ihr Glück genießen, das sie ihm ja dankten.
    Den Frieden sehn, der lichtfroh aufgegangen,
    seit er den Himmelsfunken ihnen schenkte,
    seit er den unstät Irrenden
    den ersten warmen festen Herd gebaut.
    Sich jetzt erfreun an den Geschöpfen,
    die tierisch wild in Hader, Haß und Habgier
    einst um das nackte Leben markteten,
    die seine Tat ja erst zu Menschen schuf.

    Und nieder kam er in die mildern Lüfte,
    ins ebne Land; da sah er blühende Triften,
    bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten,
    und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,
    und weither prangten Zinnen sichrer Städte.
    Da lachte seine Seele: Sieh doch, Zeus,
    war Das nicht wert der tausendjährigen Pein?
    Ja, meine Menschen will ich wiedersehn!

    Und in die Dörfer ging er, in die Städte,
    und sah die Menschen, sah sie leben, streben,
    und ging und ging, und suchte hin und her,
    und fand:
    weh, weh des Anblicks: alles wie zuvor!
    Haß, Hader, Habgier! Nichts war aufgegangen
    als andre Habgier, andrer Hader, andrer Haß.
    Nur Eines fand er auf der Erde neu: den Neid --
    den knechtischen, lichtscheuen Neid, o Ekel,
    den Neid der Menschen um Besitz --
    und war genug doch da, genug für Alle.
    In Hütten sah er, in die Burgen sah er;
    doch es war Alles Eines,
    war alles wie zuvor -- und schlimmer noch.

    Zuletzt und matt betrat er eines Priesters
    entlegnen Hof. Da wohnte ja der Friede,
    den er vergebens bei den Andern suchte;
    dort am geweihten Herd, wo hell des Dankes
    heiliges Sinnbild glomm, die ewige Lampe,
    wollt er noch Einmal unter Menschen rasten
    und dann auf immer in die Einsamkeit.
    Zum Hausherrn, der die Flamme schütte, sprach er:
    „Ich bin Prometheus, laß mich ein bei dir!“

    Der wandte sich erschrocken, blickte scheu
    dem großen Mann ins seltsame Gesicht,
    und schlich geduckt davon, und schloß sich ein,
    und durch die Tür quoll eine fette Stimme:
    „Ich brauch mein Bißchen selbst, verrückter Graubart!
    Prometheus, der ist tot -- und kommt nicht wieder.
    Ja, damals waren bessre Zeiten noch
    als heute!“
    Dann schlurften Schritte tiefer ins Gemach.

    Noch stand der Wandrer. Da: ein Wanken, und
    der Qualgewohnte, auf die heilige Schwelle
    schlug er lang hin, zum ersten Mal laut schluchzend,
    und wehklagte: „O Zeus! sehr furchtbar strafst du!
    so nicht, so brauchtest du dich nicht zu rächen!
    das war das Letzte! ich will sterben gehn!“
    Und jäh und gellend riß sich
    ein Lachen los aus der vernarbten Brust,
    und brüllend, rasend rannt er weg, der Riese:
    „Weg von den Menschen! weg! zum Meer! ins Meer!
    im Meer, da find’ich Ruhe! endlich Ruhe!“
    Nun stand er oben, starr, auf steiler Klippe.

    Und wieder sah er im Gelände unten
    die blühenden Fluren, die beglänzten Triften,
    bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten,
    und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,
    und weither prangten Zinnen sichrer Städte.
    Da überfiel ihn totgeglaubter Gram,
    da überfuhr ihn nie erlebter Grimm,
    brüllend vom Felsgrat brach er Stück auf Stück, und
    in rasender Blindheit Stück auf Stück anspeiend
    schmiß er’s hinab, spie, schmiß, und tobend
    flog übers Meer sein weinendes Gelächter:
    „O könnt ich so die ganze Brut zerschmeißen,
    die mir mein Gut, mein göttliches, +veraast+!
    Hha, meine Menschen, hahahah“ --

    Da horch, was scholl da? drang da nicht ein Schrei,
    ein Menschenschrei, ein Hilfeschrei herauf?
    Er stierte; dunkel rollend ging die See,
    von seinen Würfen sturmgleich aufgerührt,
    und aus dem Gischt trieb halbzerschellt ein Kahn,
    und in den Strudeln rang ein Mensch ums Leben.
    Doch jetzt: schon schäumte von der stillern Flut
    ein andres Boot heran, draus warf sich
    ein zweiter Fischer in die Brandung.

    Und oben auf der Klippe stand Prometheus
    und stierte, stierte, und erkannte sie:
    aus seiner Wandrung hatt’er sie gesehen,
    die ersten Menschen warens, die er traf:
    Todfeinde warens -- und jetzt kämpfte dort
    der Feind, dem Feind vereint, um Feindes Leben!
    Und endlich siegten sie den schweren Sieg,
    und schleppten sich zum Strand, und fielen keuchend,
    sprachlos vor Glück, Geretteter und Retter,
    einander in die Arme.

    Und oben auf der Klippe stand Prometheus,
    und sah ihr Hab und Gut im Meer versinken,
    und sah sie lachen -- und nun jauchzten sie.
    Da überfuhr ihn totgeglaubter Mut,
    da überfiel ihn nie erlebte Demut,
    und in die Kniee taumelte Prometheus
    und auf zum Himmel stammelte Prometheus:
    „O Zeus! ich danke dir! du armer Gott!
    Ich bin so reich, ich fühle wieder Liebe!
    O laß mich leben, laß mich leiden!
    Ich will noch einmal zu den Menschen hin!“



Gethsemane


    Lautlos steht der starre Hain der Palmen,
    tiefe Schatten schaun aus Busch und Halmen,
    ihre blauen Tränen weint die Nacht.
    Nur von Menschenlauten tief durchtrauert,
    steht der stumme Hain und bebt und schauert;
    einsam seinen Gott anrufend kauert
    auf den Knien ein Mann in Bettlertracht.

    „Höre, höre, Geist der Wahrheit,
    meinen Zwiespalt, meine dunkle Schuld:
    der ich wandelte in Kampf und Starrheit,
    Liebe lehrt ich und Geduld.
    Ach! ein Baum, der Licht gab, wollt ich leben,
    übermächtig der Natur;
    nur mein Glaube war mir Leben.
    Ach, sie sahn nicht auf mein Streben,
    sahn die Tat, des Baumes Schatten nur.

    Übermenschlich hab ich mich vermessen,
    und sie haben fromm gemeint:
    Ich, ich lebte selbstvergessen.
    Einer, Er nur -- Judas! Freund!
    warum willst du mich verraten?!
    O, zertrennte mich doch mein Gebet,
    daß ich zwiefach lebte Wort und Taten,
    Menschen menschlich irrend zu beraten,
    auch dem Zweifel ein Prophet!“

    Und zum Mond die Arme wild gebreitet,
    und die Augen in die Nacht geweitet,
    läßt er seine dunkeln Blicke irrn.
    Und er sieht die Schaaren seiner Qualen,
    durch das Dickicht brechen bleiche Strahlen
    und berühren wie mit fahlen
    Dolchen marternd seine glühende Stirn.

    „Wehe, wehe, Geist der Liebe,
    voller Reinheit schwebst du, klar und hoch;
    doch dein Pfad ist Nacht und kalt und trübe,
    und mich kettete die Erde doch!
    Schwerter stieß ich in die weichsten Herzen:
    Allen wollt ich liebend glühn,
    aber meiner Mutter mach ich Schmerzen
    und mit sehnsuchtwundem Herzen
    weint um mich die Magdalenerin.

    Nackt und bloß, und nur ein Menschensohn,
    wollt ich trösten all mein arm Geschlecht,
    doch im Mitleid glimmt die Rache schon;
    auch der Reichste hat auf Liebe Recht!
    Judas, Judas, kommst du mich zu richten?
    ist Entsagung, ist Gewalt mein Los?
    Muß denn diese Welt sich erst vernichten,
    um das Reich des Friedens aufzurichten?
    Freiheit, lebst du im Gewissen blos?“

    Und verzagt aufs Antlitz hingezwungen
    spürt er heftiger die Anfechtungen,
    seine zarte Stirne trieft von Schweiß.
    Und er fühlt sein Blut in großen Tropfen
    von den Schläfen in die Gräser tropfen;
    seine zuckenden Pulse klopfen
    an die Erde hart und laut und heiß.

    „Geist des Lebens: Klarheit, Klarheit!
    wird denn nur für Opfer Sieg gewährt?
    Sieh, es kommt der Jünger Meiner Wahrheit:
    wähle, Freund! hier Todeskelch, hier Schwert!
    Selig, meiner Inbrunst mich zu töten,
    eine Lebensleuchte wollt ich stehn,
    aber jetzt in Sterbensnöten
    sieh mich zittern, sieh mich beten:
    laß den Kelch an mir vorübergehn!

    Allzu willig war mein Fleisch dem Geist!
    weh: entbrächen meines Glaubens Gluten.
    Sollen Tausend um mich Einen bluten?
    Wer nach Meinem Wandel lebt, verwaist.
    Nein, ich fühl es: +nicht+ wie Ich will, Vater,
    Geist der Welt, der +alle+ Seelen speist,
    allen Fleisches Schöpfer und Berater,
    Du des Lebens, Du des Todes Vater,
    Deiner Hand befehl ich meinen Geist!“

    Und er horcht, er sieht die Nacht erglühen:
    starrer stehn die Bäume, Fackeln sprühen,
    wildverworrene Menschenlaute nahn.
    Und verzückt den Seherblick gehoben,
    steht und hört er seine Häscher toben,
    und ein Siegeslächeln schluchzt nach oben:
    „Judas, komm! ich schreite gern voran.“



Tragische Erscheinung


    In einer Wüste lagen viele Menschen,
    die fast verschmachteten; sie wimmerten.
    Ein schönes Mädchen nur,
    mit hilflos braunen Augen,
    litt stumm den Durst; denn gieriger als der Durst
    brannte ihr seliges Mitleid.
    Da trat, vom glühenden Horizont herwachsend,
    ein fremder Mann vor dieses Volk;
    der hob den Zeigefinger ihnen dar.
    Aus der gereckten zitternden Spitze quoll
    ein großer Tropfen Blut, quoll, hing, und fiel,
    fiel in den Sand;
    verwundert sah das Volk den fremden Mann.
    Der stand und stand, Tropfen auf Tropfen fiel
    aus seinem Finger in den Sand;
    und immer, wenn die rote Quelle troff,
    erbleichte schauernd Er, sie aber staunten,
    und einige ächzten: er verhöhnt uns.
    Da schrie er laut mit seiner letzten Glut:
    so kommt doch, trinkt! für Euch verblut ich mich!
    Doch jenes Mädchen sprach, indeß er hinlosch:
    sie brauchen Wasser ...



Einsamkeiten


    Nun still, mein Schritt, im stillen Nebelfeld;
    hier rührt kein Leben mehr an meine Ruhe,
    hier darf ich fühlen, daß ich einsam bin.
    Kein Laut, kein Hauch; der bleiche Abend hält
    im dichten Mantel schwer die Luft gefangen.
    So tut es wohl dem unbewegten Sinn.

    Mein Herz nur hör ich noch; doch kein Verlangen
    nach Leben ist dies Klopfen. Lust und Schmerz
    ruhn hinter mir versunken, gleich zwei Stürmen,
    die sich umarmen und im Wirbel sterben.
    Was störst du mich, mein allzu lautes Herz!

    Sie haben alle nie wie du gefühlt,
    wie du allein; nicht Freund, nicht Weib noch Kind;
    sie sind +auch+ einsam. Sieh: dort drüben
    müht sich ein grüner Schein im Nebelmeer,
    ein Bahnlicht -- sieh: so glimmst auch du im Trüben.
    Hinaus, hinaus, wo keine Menschen sind!

    Was wollt ihr noch? Weiter! auf jenen Hügel,
    der grau ins Dunkel schwillt. Gesichter, weicht!
    Sie folgen mir; o hätt ich Flügel! --
    Und aus dem bleichen Feld tauchen die Sträucher,
    koboldig, und der Hügel raucht,
    bis feucht von Schweiß sich dick und breit
    der Dunstalb an die Brust der Erde saugt.
    Gesichter, weicht! weicht! Wie sie keuchen!
    Sie folgen mir. O Qual der Einsamkeit!

    Am Bahndamm nieder wank’ich in den Sand,
    die glühende Stirne auf die nasse Schiene:
    o käme jetzt das Eisenrad gerannt!
    Kalt frißt sich mir das Stahlgefühl ins Mark,
    die Hände pressen wild den starren Reifen;
    ich kann nicht mehr. Da: horch: sei stark:
    heulend am Horizont ein hohles Pfeifen,
    zwei Augen quellen blendend aus dem matten
    Dunstdunkel, und -- was will der Schatten,
    was regt sich da der Erlenbusch?

    Er löst sich, kommt; es reißt mich hoch,
    der Schatten naht, ich wills begreifen,
    er nimmt Gestalt an -- Wahnsinn? -- Und
    den Nebel teilt ein schwarzer Streifen,
    mein wühlender Blick wird still und weit:
    ein Gruß -- stumm stockt in mir ein Schrei:
    Jubel, ein +Mensch+! -- O Herz -- o Einsamkeit --
    und knatternd stampft der Dampfzug mir vorbei.



Bergpsalm


    Der Sturm hat seine Schlangen losgelassen.
    In langen Windungen zischt Gras und Rohr
    und keucht der See ans Land; die silberblassen
    zerwühlten Weiden seufzen laut empor.
    Empor, empor! Dort, wo die Kiefern sausen,
    auf kahler Höhe will ich einsam stehn
    und meine ferne Heimat dämmern sehn
    und hören, was die dunkeln Wolken brausen.

    Ihr grauen Pilger über mir: wohin?!
    O könnt ich +mit+ euch, ziellos, ohne Stocken,
    dies dumpfe Sehnen ohne Maß und Sinn
    ausschütten in den Sturm wie Nebelflocken!
    O meine Heimat! Silbern grüßt der Fluß
    und glänzt zum Himmel aus dem Blau der Bäume,
    und aus dem Zauberwald der Kinderträume
    winkt klar der Mutter Blick und Kuß.

    Was weinst du, Sturm? -- Hinab, Erinnerungen!
    dort pulst im Dunst der Weltstadt zitternd Herz!
    Es grollt ein Aufschrei von Millionen Zungen
    nach Glück und Frieden: Wurm, was will dein Schmerz!
    Nicht sickert einsam mehr von Brust zu Brüsten
    wie einst die Sehnsucht, nur als stiller Quell;
    heut stöhnt ein +Volk+ nach Klarheit, wild und gell,
    und Du schwelgst noch in Wehmutslüsten?

    Siehst du den Qualm mit dicken Fäusten drohn
    dort überm Wald der Schlote und der Essen?
    Auf deine Reinheitsträume fällt der Hohn
    der Arbeit! fühl’s: sie ringt, von Schmutz zerfressen!
    Du hast mit deiner Sehnsucht blos gebuhlt,
    in trüber Glut dich selber nur genossen;
    schütte die Kraft aus, die dir zugeflossen,
    und du wirst frei vom Druck der Schuld!

    Und blutig glüht es um die zackigen Türme,
    ein Dornenkranz umflammt die Stirn der Stadt,
    ein goldner Fächer scheucht die Wolkenstürme,
    hernieder strahlt ein Sonnenpalmenblatt.
    O Herz der Weltstadt, du Millionenstimme,
    die gell nach Brot vor Seelenhunger schreit:
    still quillts wie Heilandsblut durch diese Zeit,
    die Liebe quillt aus deinem Grimme!

    Den Kelch des Schweißes seh ich geistverklärt,
    das Kreuz der Mühsal blütenlaubumflattert!
    Was lachst du, Sturm?! -- Im Rohr der Nebel gährt,
    die Kiefer knarrt und ächzt, mein Mantel knattert:
    Empor aus deinem Rausch! Mitleid, glüh ab!
    Laß dir die Kraft nicht von Gefühlen beugen!
    Hinab! laß deine Sehnsucht Taten zeugen!
    Empor, Gehirn! Hinab, Herz! Auf! hinab!



Lied an meinen Sohn


    Der Sturm behorcht mein Vaterhaus,
    mein Herz klopft in die Nacht hinaus,
    laut; so erwacht ich vom Gebraus
    des Forstes schon als Kind.
    Mein junger Sohn, hör zu, hör zu:
    in deine ferne Wiegenruh
    stöhnt meine Worte dir im Traum der Wind.

    Einst hab ich auch im Schlaf gelacht,
    mein Sohn, und bin nicht aufgewacht
    vom Sturm; bis eine graue Nacht
    wie heute kam.
    Dumpf brandet heut im Forst der Föhn,
    wie damals, als ich sein Getön
    vor Furcht wie meines Vaters Wort vernahm.

    Horch, wie der knospige Wipfelsaum
    sich sträubt, sich beugt, von Baum zu Baum;
    mein Sohn, in deinen Wiegentraum
    zornlacht der Sturm -- hör zu, hör zu!
    Er hat sich nie vor Furcht gebeugt!
    horch, wie er durch die Kronen keucht:
    sei +Du+! sei +Du+! --

    Und wenn dir einst von Sohnespflicht,
    mein Sohn, dein alter Vater spricht,
    gehorch ihm nicht, gehorch ihm nicht:
    horch, wie der Föhn im Forst den Frühling braut!
    Horch, er bestürmt mein Vaterhaus,
    mein Herz tönt in die Nacht hinaus,
    laut -- --



Ausschau bei Nacht


    Damals, Seele, ja: ich war ein Kind
    und das alte Forsthaus dumpf und eng.
    Und in hellen und in dunkeln Nächten,
    wenn ich bang am Kammerfenster stand
    und die düstern Eichen hoch erschauern hörte,
    wurde mir das Dach noch dumpfer.
    Denn immer sah ich,
    drüben, drüben fern,
    wo aus der Waldnacht um die Felder
    die eine hohe Kiefer in den Himmel horchte,
    immer ruhte dann darüber
    in den Wolken
    jener weitgewölbte Schimmerkreis.
    Und in bleichen Nächten
    war er blaß und flehend
    wie ein Heiligenschein,
    aber in den grauen
    tröstlich blau und schirmend
    wie der Glanz von einem klaren Stahlschild,
    oder mild und gelb wie Kronengold;
    und ich wollte König werden.
    Meine Mutter aber sagte mir’s:
    dort lag Berlin.

    Damals wußt ich nicht, warum mir bangte,
    als sie mir die Stirne küßte.
    Dort lag die Lichtstadt
    und strahlte! --

    Heute ist auch Nacht;
    der Mond stiert in mein Fenster,
    und ich sehe über tausend Dächer.
    Im schweren weichen Schnee
    ruhn und horchen mit verhaltnem Atem
    die Schatten der Stadt.
    Bis in den blauen Silberschein der Ferne
    schwillt in langen Falten
    weiß und zart die dichte Decke hin,
    wie über die Kissen
    eines Täuflings.
    Die aber, die darunter schlafen?
    und wachen?! --
    Schwarz und scharf
    stechen die Türme,
    Kirche neben Kirche,
    in den kühlen Himmel;
    stahlspitz flittert ein Glanz
    um die finsterhohe Kuppelkrone
    jenes Palastes,
    und über einem dicken Schlot
    stockt ein Schild von Qualm.
    Plötzlich:
    unten an der Ecke drüben,
    wo eine Gaslaterne
    trübgelb mit dem Mondlicht kämpft,
    schimpft ein frierender Schutzmann
    ein betrunknes Straßenmädchen aus.
    Seele, ja:
    da liegt Berlin.



Weihnachtsglocken


    Weihnachtsglocken. Wieder, wieder
    sänftigt und bestürmt ihr mich.
    Kommt, o kommt, ihr hohen Lieder,
    nehmt mich, überwältigt mich!

    Daß ich in die Kniee fallen,
    daß ich wieder Kind sein kann,
    wie als Kind Herr-Jesus lallen
    und die Hände falten kann.

    Denn ich fühl’s, die Liebe lebt, lebt,
    die mit Ihm geboren worden,
    ob sie gleich von Tod zu Tod schwebt,
    ob gleich Er gekreuzigt worden.

    Fühl’s, wie Alle Brüder werden,
    wenn wir hilflos, Mensch zu Menschen,
    stammeln: Friede sei auf Erden
    und ein Wohlgefalln am Menschen!



Jesus der Künstler

    Traum eines Armen


    So wars, so stand ich: dumpf, doch fühlend: stumm:
    im roten Saal, im Traum, in dunkler Ecke:
    stumm, starr und fühlend: schwer: Stein unter Steinen:
    bang: starr es fühlend ...
    Die schlanken Alabastersäulen leuchten.
    Vom Saum der hohen Purpurkuppel hängen
    und breiten weit ihr silbern Licht herab
    im Doppelkreis die großen weißen Ampeln.
    Die roten Nischen bergen zarte Schatten
    und spiegeln sich im blanken Pfeilerwerk.
    Es ist ganz still ...
    Und stumm gleich mir und unbewegt, von Nische
    zu Nische, stehn Gestalten: Mann und Weib.
    In weißer Nacktheit stehn sie schimmernd da.
    Die glatten Sockelblenden werfen Strahlen.
    Die roten Wände legen lebensweiche
    geheime Schmelze um den Rand der Glieder.
    Von Kraft und Ruhe träumt der reine Stein.
    So sind sie schön ...
    Ich aber hocke in der dunklen Ecke
    und fühle meines Leibes Magerkeit
    und meiner Stirne graue Sorgenfurchen
    und meiner Hände rauhe Häßlichkeit.
    In meinem Staub, in meinen Arbeitslumpen,
    mißfarben angetüncht, so hocke ich
    auf kahlem Postamente, dumpf und bang,
    vor ihrer Nacktheit mich der Kleider schämend,
    Stein unter Steinen ...
    Nur Einer atmet in der stillen Halle.
    Dort in der Mitte, auf dem mattgestreiften
    eisblassen Marmor, liegt im Dornenkranz,
    blutstropfenübersät die bleiche Stirn,
    ein Mensch und schläft. Sein weißer Mantel regt sich
    in langen Falten leise auf und nieder.
    Im Silberlicht der Ampeln glänzen rötlich
    der schmale Bart, das schwere weiche Haar.
    Hinauf zur Kuppel bebt der milde Mund,
    lautlos und schön ...
    Nun kommt ein Seufzen durch den stummen Glanz.
    Die stillen Lippen haben sich geöffnet.
    Im blanken Alabaster spiegelt sich
    des blutbesprengten Hauptes leise Regung.
    Klar, langsam tun zwei große blaue Augen
    empor zur Purpurwölbung weit sich auf,
    sanft auf; und alles Rot und Weiß des großen
    Gemaches überleuchten diese großen
    verklärten Augensterne durch ihr tiefes,
    unsäglich tiefes, dunkles, sanftes Blau.
    So steht er auf ...
    Da scheinen sich die Steine rings zu rühren,
    die weißen Glieder eigner sich zu röten,
    und nur von Sehnsucht starr; Er aber wandelt.
    Die Dornenkrone bebt; und wie er sacht
    von Postament zu Postamente schreitet,
    und wen er ansieht mit den blauen Augen,
    der lebt und steigt in Schönheit zu ihm nieder,
    der lebt! der lebt! --
    Und steigend, wandelnd, aus den Purpurzellen,
    in warmer Nacktheit leuchtend Leib an Leib,
    folgt Paar auf Paar ihm von den Marmorschwellen,
    stolz, selig stolz, umschlungen Mann und Weib.
    Von ihren Stirnen, von den lichtbetauten
    sorglosen Lippen weicht ein Bann und flieht,
    der weite Saal erklingt von Menschenlauten,
    es schwebt ein Lied.
    Es schwebt und klingt: „So wandeln wir in Klarheit
    und wissen aller Sehnsucht Sinn und Ziel;
    in Unsrer Schönheit haben wir die Wahrheit,
    zur Freude reif, und frei zum kühnen Spiel!“
    So schwebt das Lied ...
    Ich aber hocke in der dunklen Ecke,
    und fühle meiner Glieder Häßlichkeit
    und meiner Stirne graue Sorgenfurchen,
    und fühle neidisch ihre warme Nacktheit
    und frierend ihren Jubel -- ich ein Stein.
    Von Pfeiler hell zu Pfeiler tönt der Zug,
    des stillen Wandlers Dornenkrone bebt,
    ich aber bebe mit in meinen Lumpen
    und warte, warte auf die blauen Augen
    und will +auch+ leben, +auch+ ein Freier wandeln,
    +nicht+ Stein, +nicht+ Stein! --
    Und näher glänzt und klingt es um die Säulen;
    vom letzten Sockel folgt ein Mädchen ihm;
    er kommt! er kommt! --
    Und vor mir steht er. Da verstummt der Zug;
    ich fühle ihre stolzen Augen staunen,
    und fühle seine, seine Augen ruhn
    in meinen -- ruhn -- und will mich an ihn werfen
    und will vergessen meinen frierenden Neid
    und will ihm küssen seinen rührenden Mund,
    da brechen perlend seine Wunden auf,
    die bleiche Stirn, die Lippe zuckt, er spricht
    -- ihm schießen Tränen durch den blutigen Bart --
    spricht: „Deine Stunde ist noch nicht gekommen!“
    Und ich erwachte. Weinend lag ich nackt;
    nackt wie die Armut.



Zu eng

    Aus den Papieren eines Arztes


    Vier Treppen hoch, nach hinten hinaus;
    ein hundertfenstriges Vorstadthaus.
    Die Kammer schmal
    und niedrig und kahl;
    ein rissiger Spiegel, zerschlissen das Bette,
    ein Wassernapf, kein Stuhl, kein Tisch,
    und an den Wänden glänzte frisch
    der Armut schimmlige Tapete.
    Kaum konnt ich durch die Tür und kaum
    mich drinnen bewegen, so füllte den Raum
    ein plumper Sarg, schmucklos und roh,
    ein Armensarg. Und auf dem Stroh
    des Bettes saß ein magrer Mann,
    noch jung, aber mit jenen alten Zügen,
    mit denen Gram und Not die Zeit betrügen.

    Ich grüßte halb. Er sah mich an
    und nickte stumpf
    und seufzte dumpf,
    und stierte wieder vor sich hin,
    hohläugig, in den offnen Sarg.
    Noch kaum verändert lag sie drin,
    wie ich sie gestern mit ihm barg,
    die tote Kurbelstepperin:
    ins steife dürftige Leichenhemd
    einen Strauß Vergißmeinnicht geklemmt,
    ihr totes Kind im welken Arm.
    Mich peinigte sein starrer Harm;
    drum nahm ich ihn fast grob am Kragen
    und sprach ihm zu mit derber Geduld,
    er solle erzählen, mir alles sagen,
    nicht sitzen, als sei er selbst dran schuld.
    Bis er sich endlich zusammenrückte
    und langsam klagte, was ihn drückte.

    „Herr Doktor, da ist nicht viel zu erzählen;
    es war ein einziges langes Quälen.
    Es mag wohl bald zwei Jahr her sein,
    da zogen wir hier beide ein,
    das heißt, noch eh wir Bekanntschaft gemacht;
    Schlafstelle blos, in Aftermiete,
    ich für den Tag, sie für die Nacht.
    Sie steppte damals Trauerhüte
    in der Fabrik bis abends acht
    und kam erst gegen neun nach Haus;
    ich mußte auf den Droschkenbock
    für meinen Fuhrherrn nachts hinaus.

    So ging es wohl zwei Monat lang;
    wir sahn uns kaum. Da wurde sie krank.
    Herbst wars; in ihrem dünnen Rock
    und bei dem weiten nassen Gang
    -- sie war schon immer zart gewesen --
    da hat sie wohl was weggekrigt.
    Ja, Herr, da gabs kein Federlesen:
    Geld hatten wir alle beide nicht,
    ihr bißchen blos im Kassenbuch,
    fürs Krankenhaus war sie nicht krank genug,
    wir konnten kein ander Gelaß uns nehmen,
    wir mußten uns hier zusammen bequemen,
    bis sie wieder konnte auf Arbeit gehn.

    Ja, Herr, und da -- da ist es geschehn!
    Wir hieltens nicht aus so auf die Länge,
    so ledig; man ist ein Mensch doch blos,
    und unsre Sehnsucht war so groß.
    Wir wohnten zu eng zusammen, zu enge!

    Seitdem ist sie mit mir gegangen;
    hats auch zur Heirat nicht gelangt,
    wir haben unserm Schöpfer gedankt,
    daß wir uns so durchs Gröbste zwangen.
    Wir halfen einander mit unserm Lohn
    und legten noch zurück davon.
    So haben wir unsern Weg genommen,
    ganz gut -- bis ihre Zeit gekommen.

    Da kam auch die Not. Da half uns kein Beten.
    Sie konnte nicht mehr die Maschine treten;
    was andres hatte sie nicht gelernt,
    die Eltern hatten sie früh entfernt.
    Ich gab ihr, soviel ich konnte, ab;
    es war fast schon für mich zu knapp.
    Was half uns da nun unser Plagen,
    was half uns da nun unser Sparen:
    wir mußten die Sachen zum Juden tragen.
    Ich habe bei Tag und bei Nacht gefahren,
    ich hab mich vor keiner Mühe geschämt,
    ich habe mir keinen Schluck mehr bezähmt:
    sie wurde doch schwächer und schwächer im Nu,
    sie hat sich zuschanden gedarbt und gegrämt.

    Und dann, dann kam das Kind dazu:
    ich sah sie weinen, ich hörte es wimmern,
    ich sah sie Beide verschmachten, verkümmern:
    Herr, da wars aus mit meiner Ruh,
    da hab ich zum ersten Mal betrogen,
    den ersten Fahrgast beim Fahrgeld belogen,
    und +noch+ einmal, und +noch+ einmal,
    mir schnitt zu sehr ins Herz die Qual,
    und mancher tut’s jahrein jahraus,
    um’s beim Budiker zu versaufen,
    und ich, ich wollte Essen kaufen,
    und, Herr, bei mir -- bei mir kam’s raus!
    Mir wurde noch von Glück gesagt,
    daß mich mein Herr blos weggejagt.
    Ihr und dem Wurm da gab’s den Rest;
    nach Arbeit bin ich in Ost und West
    seit vierzehn Tagen herumgelungert,
    und dabei, scheint’s, sind sie verhungert.“

    Er nickte stumpf
    und seufzte dumpf
    und glotzte mich hohläugig an,
    mit einem Blick so müdgehetzt,
    so jeder andern Regung bar,
    daß mirs den Rücken niederrann.
    Ich hatte zum Trösten mich hingesetzt
    und sah, daß Trösten Hohn hier war,
    wo so das stumme Elend schrie.
    Ich drückt ihm blos das spitze Knie,
    den dünnen Arm, und nahm den Hut
    und sagte: Kommen Sie zu mir morgen,
    ich werde Arbeit für Sie besorgen.

    Er dankte. „Herr Doktor, Sie meinen’s gut.
    Ich will auch kommen und ehrlich mich schinden,
    und werde auch wohl weiterfinden;
    blos sie, sie wird davon nicht wach!
    Ja, Herr: blos einen kleinen Verschlag,
    blos noch so nebenan ein Loch,
    daß wir nicht immer uns mußten sehen:
    dann wäre alldas nicht geschehen,
    sie lebten alle Beide noch.
    Wir hätten gewartet, wir hätten gespart;
    wir waren, weiß Gott, geduldiger Art.
    Wir hätten uns selber ’ne Droschke geschafft,
    dann hatt ich ja Verdienst die Menge.
    So aber gings uns über die Kraft;
    wir wohnten zu eng zusammen, zu enge!“

    Und auf den Sarg hin stierte er wieder,
    da fuhr ein Zucken ihm durch die Lider:
    „O wenn ich doch wenigstens bei ihr wär,
    dadrin da in dem engen Kasten!
    Jetzt braucht sie ja nicht mehr zu fasten,
    und auch zu eng ists ihr nicht mehr!“
    Er stieß ihn heiser heraus, den Witz,
    er wollte lachen vor wühlendem Weh;
    da riß es ihn um, so stieg’s in die Höh,
    und niedertaumelnd von seinem Sitz
    schmiß er den kleinen Vergißmeinnichtstrauß
    mit wildem Fluch aus dem Sarg hinaus
    und warf sich weinend über die Leichen
    und küßte die Hälse, die magern, bleichen.

    Da bin ich stille weggegangen,
    mir graute vor der schmalen Kammer;
    und durch die Brust schlich mir ein Bangen,
    als sei ich +auch+ schuld an all dem Jammer.



Vergißmeinnicht


    Vergißmeinnicht in einer Waffenschmiede --
    was haben die hier zu tun?
    Sollte heimlich der Friede
    hinterm Hause am Bache ruhn?

    Laut hallen die Hämmer in hartem Takt:
    Angepackt, angepackt,
    die Arbeit muß zu Ende!
    Und das Eisen glüht, und das Wasser zischt;
    und wenn der Schwalch die Flamme auffrischt,
    glänzen die schwarzen Hände.

    Aber manchmal blickt ein rußig Gesicht
    still nach dem himmelblau blühenden Strauß.
    Dann scheints, eine Stimme singt hinterm Haus:
    vergiß mein nicht! --



Die Magd


    Maiblumen blühten überall;
    er sah mich an so trüb und müd.
    Im Faulbaum rief die Nachtigall:
    die Blüte flieht! die Blüte flieht!
    Von Düften war die Nacht so warm,
    wie Blut so warm, wie unser Blut;
    und wir so jung und freudenarm.
    Und über uns im Busch das Lied,
    das schluchzende Lied: die Glut verglüht!
    Und er so treu und mir so gut.

    In Knospen schoß der wilde Mohn,
    es sog die Sonne unsern Schweiß.
    Es wurden rot die Knospen schon,
    da wurden meine Wangen weiß.
    Ums liebe Brot, ums teure Brot
    floß doppelt heiß ins Korn sein Schweiß.
    Der wilde Mohn stand feuerrot;
    es war wohl fressendes Gift der Schweiß,
    auch seine Wangen wurden weiß,
    und die Sonne stach im Korn ihn tot.

    Die Astern schwankten blaß am Zaun
    im feuchten Wind; die Traube schwoll.
    Am Hoftor zischelten die Fraun;
    der Apfelbaum hing schwer und voll.
    Es war ein Tag so regensatt,
    wie einst sein Blick so trüb und matt;
    die Astern standen braun und naß,
    naß Strauch und Kraut, der Nebel troff,
    da stieß man sie voll Hohn und Haß,
    die sündige Magd, hinaus vom Hof.

    Nun blüht von Eis der kahle Hain,
    die Träne friert im schneidenden Wind.
    Aus flimmernden Scheiben glüht der Schein
    des Christbaums auf mein wimmernd Kind.
    Die hungernden Spatzen schrein und schrein,
    von Dach zu Dach; die Krähe krächzt.
    An meinen schlaffen Brüsten ächzt
    mein Kind, und Keiner läßt uns ein.
    Wie die Worte der Reichen so scharf und weh
    knirscht unter mir der harte Schnee.

    So weh, oh, bohrt es mir im Ohr:
    du Kind der Schmach! du Sündenlohn!
    Und dennoch beten sie empor
    zum Sohn der Magd, dem Jungfraunsohn?!
    Oh, brennt mein Blut. Was tat denn Ich?
    wars Sünde +nicht+, daß +sie+ gebar? --
    Mein Kind, mein Heiland, weine nicht:
    ein Bett für dich, dein Blut für mich,
    vom Himmel rieselt’s silberklar.
    Wie träumt es sich so süß im Schnee.
    Was tat ich denn? -- So süß. So weh.
    Wars Liebe nicht? -- Wars -- Liebe -- nicht --



Die Armen

    Nach Verhaeren


    Sie sind so, diese armen Herzen,
    ganz ausgehöhlt von stummen Schmerzen,
    blaß und wie Teiche voll Geweine:
    rings Leichensteine.

    Sie sind so, diese armen Rücken,
    verkrümmt vom Tragen und vom Bücken,
    krummer als auf den Dünenhütten
    die Dachschütten.

    Sie sind so, diese armen Hände,
    zittrig wie Gräser im Gelände,
    wie dürre Gräser, die zittern
    vor nahen Gewittern.

    Sie sind so, diese armen Augen,
    die nur zu Dienst und Demut taugen,
    trauervoller als die von Tieren,
    wenn sie nach Freiheit stieren.

    So sind sie, diese armen Leute;
    dem Elend fallen sie zur Beute
    mit lammgeduldiger Geberde,
    rings auf der freien Flur der Erde.



Vierter Klasse


    Es rollt und rüttelt und dröhnt und dampft
    und klirrt und rasselt und stürmt und stampft;
    an kreisenden Feldern vorüber im Flug
    durch Pommerns Ebne keucht der Zug.

    Ich schaue und horche und weiß es kaum;
    ich träume einen stolzen Traum,
    wie Form geworden der Menschengeist
    donnernd um Axe und Axe kreist ...

    Da schreit ein Kindchen neben mir
    und übertönt das Eisentier.
    Es klang so weh, mein Traum zerrinnt;
    so blaß, so mager ist das Kind.

    Im Wagen schwankt die Dämmerung,
    und Gaslicht schwankt und Schattensprung;
    aus rotgewürfeltem Bettzeug sticht
    so spitz heraus das kleine Gesicht.

    Von Kisten und Kasten eingezwängt,
    von Säcken und Päcken überdrängt,
    schaukelt die Mutter ihr Kind zur Ruh
    und summt ein Wiegenlied dazu.

    Und rund herum, bedrückt und schwer,
    verworrene Worte, hin und her;
    Gesichter, furchig, knochig, stumpf,
    und Menschendünste, dick und dumpf.

    Zusammengeduckt mit Hab und Gut,
    mit ihrem letzten bißchen Mut,
    aus Polen und Preußen sitzen sie da
    und wollen nach Amerika.

    Nur wenn das Wörtchen „drüben“ fällt,
    grünt eine ferne Hoffnungswelt;
    und Alle atmen tiefer dann,
    und Alle sehn sich nickend an.

    Und durch ihr Munkeln, ihr Geschwärm,
    durch Rädergepolter und Eisenlärm,
    wie Stimmen der Erlösung, ziehn
    der Mutter leise Melodien.

    O heiliger Stall von Bethlehem,
    dein Wunder ist noch heut zu sehn,
    wenn eine Wöchnerin beglückt
    ihr Kind in Armut an sich drückt!

    Nun schläft’s; nun hüllt sie’s ein recht warm
    und legt’s behutsam aus dem Arm,
    und lehnt sich müd an ihren Mann
    und sieht ihn bang und liebreich an.

    Und er versteht den Mutterblick
    voll Sorge, Furcht und Mißgeschick,
    und mit der breiten Schwielenhand
    zeigt er hinaus ins finstre Land:

    „Sei ruhig, Marie, du wirst schon sehn,
    da drüben wird alles anders gehn.
    Da schaff ich uns eigen Feld und Vieh,
    da wirst du wieder gesund, Marie.

    Du brauchst nicht leben wie ein Hund,
    ihr werdet beide wieder gesund.
    Und unser Kind hat, wenn es groß,
    im neuen Land ein besser Los!“

    Und Sorge, Furcht und Mißgeschick
    vergehen in dem einen Blick,
    mit dem sich diese Bauernseelen
    von ihrem Kinde stumm erzählen ...

    Es rollt und rüttelt und stampft und staucht
    und dröhnt und rasselt und keucht und faucht;
    durchs wirbelnde Dunkel in rasendem Flug
    stürmt weiter und weiter der eiserne Zug.

    Ich horche und horche und weiß es kaum;
    ich träume einen gläubigen Traum,
    wie Glück begehrend der Menschengeist
    empor zu neuen Formen kreist ...

    Im Wagen, schweigend, schwebt die Nacht,
    der Schlaf schwingt seine Spindel sacht;
    die Bäuerin ist eingenickt,
    aufs Knie des Mannes hingebückt.

    Der sitzt noch wach mit mir allein;
    wir gucken uns sacht in die Augen hinein,
    bis uns der Blick die Zunge lüpft,
    bis hin und her das Flüstern schlüpft.

    Und er erklärt mir, wie es kam,
    daß sie verkauften ihren Kram,
    und wie sie der Agent gedingt,
    der in den Urwald nun sie bringt.

    Es war kein neues Wort dabei;
    es war die alte Litanei
    von saurem Schweiß und Hungerlohn,
    an der nur neu des Jammers Ton.

    „Und wie dann gar noch Weib und Kind
    mir schwach und krank geworden sind,
    da haben wir endlich das Schwerste gewagt,
    dem Dörfchen Lebewohl gesagt.

    Und hat sie auch zuerst geweint,
    so hat sie doch zuletzt gemeint:
    fällts +uns+ auch schwer, wenn nur das Kind
    ein ander Los als wir gewinnt!“

    So schwinden Stationen im Fluge vorbei
    und Glockensignale und Kellnergeschrei,
    und bleicher tanzen die Lichter schon:
    der Morgen steigt auf seinen Thron.

    Und um uns her bewegt es sich
    und reckt und dehnt und regt es sich,
    und langsam werden Alle wach
    und blinzeln in den jungen Tag.

    Ein Tag von jenen, glanzgeküßt,
    an denen jeder Halm uns grüßt
    und jeder Sonnenstrahl das Herz
    zum Lachen zwingt trotz Not und Schmerz.

    Die Fenster auf! o Luft, o Licht!
    Und Alle drängen sich dicht bei dicht
    und zeigen hinaus, wo stromumblinkt
    mit Türmen und Masten Hamburg winkt.

    Die Mutter aber, still im Schwarm,
    nimmt sanft ihr Kindchen in den Arm
    und nimmt das Tuch ihm vom Gesicht
    und -- da --: was stiert sie und küßt es nicht?

    Was stiert und stiert sie, daß mir graut!
    Da löst sich ein erstickter Laut,
    da liegt’s im Schooß ihr starr und tot --
    der Vater stammelt: barmherziger Gott!

    Im Wagen, plötzlich, wird es stumm;
    die Bauern blicken scheu herum.
    Manch Auge zuckt. Die Mutter wimmert:
    mein Kind, mein Kind! Manch Auge flimmert ...

    Es kreischt die Maschine, es stockt ihr Lauf,
    die Schaffner reißen die Türen auf.
    Ich stehe im brausenden Bahnhofsraum;
    da stürmt das Leben, es gilt kein Traum.

    Es gilt, daß man sich ganz gesteh,
    wie unerschüttert von Glück und Weh,
    Zukunft formend der Menschengeist
    um seine ewige Axe kreist ...



Auf einem Dorfweg


    Auf einem Dorfweg, der mir lieb ist:
    verkrüppelte Birkchen stehn beschirmt von mächtigen Linden,
    im Juli glüht der ganze Ackerrand
    von hohen roten wilden Nelken:
    da stieß ein Junge
    ein kleines Mädchen hin und schlug es sehr,
    und als es weinte, lachte er.

    Das sah ein Bettler, der betrunken vor mir ging.
    Es war zu sehn, wie sich sein Herz empörte,
    sein Rücken war verkrümmter als die Birke neben ihm;
    die Kinder glühten wie die Nelken schlank,
    er hob den Stock mit schwankem Schritt,
    da lachte auch das Mädchen mit.

    Dem Krüppel schossen Tränen in die Augen.
    Er stöhnte laut: o Welt, o Welt!
    und mußte sich an eine Linde lehnen
    und taumelte
    und fiel ins Nelkenfeld.

    Die roten Blüten schlugen über ihm zusammen,
    die beiden Kinder tanzten wie zwei Flammen
    um sein wie blutbespritztes Bett,
    und eine Stimme sprach in mir:
    da liegt Jesus von Nazareth.



Der tote Hund

    Nach Nizami


    Der Herr Jesus, auf seiner Wanderschaft,
    betrat einen Markt, wurde sehr begafft.
    Nur ein toter Hund, schon halb verfault,
    wurde noch mehr begafft und bemault.
    Da lag er -- und rings um die üble Gestalt
    machten die Menschen wie Aasgeier Halt.
    Puh! sprach einer: mir wird ganz krank
    von dem entsetzlichen Gestank.
    Ein zweiter sprach: er stinkt zwar sehr,
    aber der Anblick entsetzt noch mehr.
    So gaffte jeder aus anderm Grund,
    doch alle schmähten den toten Hund.
    Da trat Jesus unter den Schwarm;
    hell hob sich über den Leichnam sein Arm.
    Seht! sprach er und stand voll Sonnenschein:
    seine Zähne sind wie Perlen rein!
    Und lächelte -- daß alle, die’s erlebten,
    durchglühten Schlacken gleich erbebten.



Ein Märtyrer


    Jetzt sollt ihr hören ein +rauhes+ Lied,
    von Frieden und Erbarmen +leer+!
    Der Winternachtsturm schreit im Ried
    und peitscht das Schilf wie Heu umher;
    vor seinem Schnauben erstarrt das Moor,
    zerknicken die Binsen, zerbricht das Rohr.

    Ein Häuschen umheult er am Haiderand
    und schüttelt die Pfosten der rissigen Wand
    und reißt an den Haspen und Sparren,
    daß sie kreischen vor Frost und knarren
    und drinnen am Ofen die Kinder erschauern
    und dichter zum Schooße der Mutter kauern.

    Die streckt, von Ängsten dumpf gerührt,
    zum Vater, der finster mit hastiger Faust
    Flugschriften zu Stößen und Ballen schnürt,
    die bittenden zitternden Hände:
    „Ach Mann, geh nicht durchs Moor! mir graust.“
    Doch Er, aus dem Ballen ein Blatt gezaust,
    weist ihr die Worte am Ende:

    Mensch preßte den Menschen in Schmach und Acht,
    weil jeder nur immer sich selber bedacht.
    So habt ihr euch selber zu Knechten gemacht.
    Drum schaart euch, ihr Schwachen, zusammen!
    Stützt Rücken an Rücken zum rettenden Heer,
    so schwellen die Wellen zum donnernden Meer,
    die Fünkchen zu sausenden Flammen!

    Die Backen zucken ihm, und er spricht:
    Drum bettle nicht! drum quäl mich nicht!
    ich habs den Genossen geschworen.
    Der Wahlruf muß heut noch hinüber ins Dorf,
    sonst geht der Sieg uns verloren.

    „Geh nicht, geh nicht! was schiert der Sieg
    dein Weib und die jammernden Kleinen!
    Geh nicht, geh nicht! Die zweite Nacht
    erst steht das Eis; o Gott, es kracht,
    es bricht! o sieh mich weinen!

    Es schreit zum Himmel! dein Leben ist +mein+!“
    Da braust er auf vor Zorn und Pein:
    schrei lieber zu Teufel und Hölle!
    und hebt mit grimmiger Wucht die Last
    und fragt, schon tritt er die Schwelle:

    Hat’s etwa dein Herrgott zu Dank dir gemacht,
    daß ich tagtäglich in den Schacht
    meine Knochen für’n Hungerlohn trage!
    und sollte mein Leben nicht Eine Nacht
    für Glück und Gerechtigkeit wagen?!

    Leb wohl! -- Ins Schloß die Klinke knallt.
    Die Windsbraut stöhnt und ächzt im Schlot.
    Vom fahlen Horizont her droht
    des Mondes Stirne blank und kalt.
    Der Bergmann glüht; er trieft von Schweiß.
    Der Mond legt übers dunkle Eis
    eine bleiche Straße.

    Der Bergmann glüht, der Bergmann keucht.
    Doch bald: dann hat er das Ufer erreicht,
    schon schimmern -- da knistert’s, da biegt es sich sacht.
    Ein Hilfegestammel. Da knirscht es und kracht
    und schollert; ein Aufschrei verbrodelt im Moor.
    Schrill winselt’s im Schilf, hohl röchelt’s im Rohr.
    Hui! zischt es und pfeift’s in den Binsen.

    O rauher, o rauher, mein rauhes Lied!
    kein Witwengewimmer! kein Waisengestöhn!
    nach Opfern schreit der Sturm im Ried.
    Doch bald: dann kommt der Frühlingsföhn,
    dann schießt in Halme die junge Saat,
    der Tag der Auferstehung naht!

    Dann schmilzt im Sturm das morsche Eis,
    dann wühlt er die Opfer empor vom Grund,
    die Helden alle, die niemand weiß;
    und jedes Toten vermoderter Mund
    wird klaffend nach Rache blecken
    und tausend Lebendige wecken!



Anno Domini 1812


    Über Rußlands Leichenwüstenei
    faltet hoch die Nacht die blassen Hände;
    funkeläugig durch die weiße, weite,
    kalte Stille starrt die Nacht und lauscht.
    Schrill kommt ein Geläute.

    Dumpf ein Stampfen von Hufen, fahl flatternder Reif;
    ein Schlitten knirscht, die Kufe pflügt
    stiebende Furchen, die Peitsche pfeift,
    es dampfen die Pferde, Atem fliegt,
    flimmernd zittern die Birken.

    „Du -- was hörtest du von Bonaparte“ --
    Und der Bauer horcht und wills nicht glauben,
    daß da hinter ihm der steinern starre
    Fremdling mit den harten Lippen
    Worte so voll Trauer sprach.

    Antwort sucht der Alte, sucht und stockt,
    stockt und staunt mit frommer Furchtgeberde:
    aus dem Wolkensaum der Erde,
    brandrot aus dem schwarzen Saum,
    taucht das Horn des Mondes hoch.

    Düster wie von Blutschnee glimmt die lange Straße,
    wie von Blutfrost perlt es in den Birken,
    wie von Blut umtropft sitzt Der im Schlitten.
    „Mensch, was +sagt+ man von dem großen Kaiser?“
    Düster schrillt das Geläute.

    Die Glocken rasseln; es klingt, es klagt;
    der Bauer horcht, hohl rauscht’s im Schnee.
    Und schwer nun, feiervoll und sacht,
    wie uralt Lied so stark und weh
    tönt sein Wort ins Öde:

    „Groß am Himmel stand die schwarze Wolke,
    fressen wollte sie den heiligen Mond;
    doch der heilige Mond steht noch am Himmel,
    und zerstoben ist die schwarze Wolke.
    Volk, was weinst du?

    Trieb ein stolzer kalter Sturm die Wolke,
    fressen sollte sie die stillen Sterne.
    Aber ewig blühn die stillen Sterne;
    nur die Wolke hat der Sturm zerrissen,
    und den Sturm verschlingt die Ferne.

    Und es war ein großes schwarzes Heer,
    und es war ein stolzer kalter Kaiser.
    Aber unser Mütterchen, das heilige Rußland,
    hat viel tausend tausend stille warme Herzen;
    ewig, ewig blüht das Volk.“

    Hohl verschluckt der Mund der Nacht die Laute,
    dumpfhin rauschen die Hufe, die Glocken wimmern;
    auf den kahlen Birken flimmert
    rot der Reif, der mondbetaute.
    Den Kaiser schauert.

    Durch die leere Ebne irrt sein Blick:
    über Rußlands Leichenwüstenei
    faltet hoch die Nacht die blassen Hände,
    glänzt der dunkelrot gekrümmte Mond,
    eine blutige Sichel Gottes.



Ballade vom Volk


    Bahnhofsgewühl;
    am Sperrgitter staut sich’s.
    Schutzleute brüllen;
    und rings glotzen tausend
    Tiergesichter,
    Hundegesichter,
    Fuchsgesichter, ein Wolfsgesicht,
    Schafsgesichter, Gänsegesichter,
    ein kollernder Truthahn,
    grunzende Schweine --
            Volk.

    Der Zug fährt ein, hält.
    Das Gewühl wird still,
    einen Augenblick still.
    Am Fenster erscheint
    Bismarck
    und grüßt;
    und rings jubeln tausend
    leuchtende, glühende,
    funkelnde, strahlende,
    erzengelhelle Menschengesichter --
            Volk.



Drohende Aussicht


    Der Himmel kreist, dir schwankt das Land,
    vom Schnellzug hin und her geschüttelt
    saust Ackerrand um Ackerrand,
    ein Frösteln hat dich wachgerüttelt:
        die Morgensonne kommt.

    Mühsam entstiebt dem Nebelzelt
    ein Krähnvolk, herbstlich abgemagert,
    indeß sich dick aufs Düngerfeld
    der Frührauch der Fabriken lagert;
        die Morgensonne kommt.

    Schwarz schiebt sich durch den grauen Flor
    ein langer Zug von Schlackenbergen,
    Schornstein an Schornstein schnellt empor,
    schreckhafte Hüter neben Särgen;
        die Morgensonne kommt.

    Vom Horizont her nahn mit Hast
    und einen sich zwei Straßendämme,
    von Apfelbäumen eingefaßt,
    schon blaß beglänzt die knorrigen Stämme;
        die Morgensonne kommt.

    Jach folgt zum andern Himmelssaum
    dein Blick den fruchtberaubten Zweigen,
    und plötzlich siehst du Baum an Baum
    sein brandrot glühendes Laub dir zeigen:
                der Tag ist da!



Dichters Arbeitslied


    Geh hin, mein Blick, über die grünen Bäume!
    Da huscht ein Vogel, der nimmt dich mit,
    Märchenvogel Edelschwarz.

    Bleib nicht zu lange im Reich der blauen Träume!
    Hier rasten Menschen am Straßenrand,
    ihre Hände sind vom Alltag schwarz.

    Bring ihnen her den Abglanz der freien Räume!
    Sie möchten alle gern in ein Märchenland,
    ihr Sonntagskleid ist edelschwarz.



Die stille Stadt


    Liegt eine Stadt im Tale,
    ein blasser Tag vergeht;
    es wird nicht lange dauern mehr,
    bis weder Mond noch Sterne,
    nur Nacht am Himmel steht.

    Von allen Bergen drücken
    Nebel auf die Stadt;
    es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus,
    kein Laut aus ihrem Rauch heraus,
    kaum Türme noch und Brücken.

    Doch als den Wandrer graute,
    da ging ein Lichtlein auf im Grund;
    und durch den Rauch und Nebel
    begann ein leiser Lobgesang,
    aus Kindermund.



Der Arbeitsmann


    Wir haben ein Bett, wir haben ein Kind,
                mein Weib!
    Wir haben auch Arbeit, und gar zu zweit,
    und haben die Sonne und Regen und Wind.
    Und uns fehlt nur eine Kleinigkeit,
    um so frei zu sein, wie die Vögel sind:
                Nur Zeit.

    Wenn wir Sonntags durch die Felder gehn,
                mein Kind,
    und über den Ähren weit und breit
    das blaue Schwalbenvolk blitzen sehn,
    oh, dann fehlt uns nicht das bißchen Kleid,
    um so schön zu sein, wie die Vögel sind:
                Nur Zeit.

    Nur Zeit! wir wittern Gewitterwind,
                wir Volk.
    Nur eine kleine Ewigkeit;
    uns fehlt ja nichts, mein Weib, mein Kind,
    als all das, was durch uns gedeiht,
    um so kühn zu sein, wie die Vögel sind.
                Nur Zeit!



Predigt ans Großstadtvolk


    Ja, die Großstadt macht klein.
    Ich sehe mit erstickter Sehnsucht
    durch tausend Menschendünste zur Sonne auf;
    und selbst mein Vater, der sich zwischen den Riesen
    seines Kiefern- und Eichen-Forstes
    wie ein Zaubermeister ausnimmt,
    ist zwischen diesen prahlenden Mauern
    nur ein verbauertes altes Männchen.
    O laßt euch rühren, ihr Tausende!
    Einst sah ich euch in sternklarer Winternacht
    zwischen den trüben Reihen der Gaslaternen
    wie einen ungeheuren Heerwurm
    den Ausweg aus eurer Drangsal suchen;
    dann aber krocht ihr in einen bezahlten Saal
    und hörtet Worte durch Rauch und Bierdunst schallen
    von Freiheit, Gleichheit und dergleichen.
    Geht doch hinaus und seht die Bäume wachsen:
    sie wurzeln fest und lassen sich züchten,
    und jeder bäumt sich anders zum Licht.
    Ihr freilich, ihr habt Füße und Fäuste,
    euch braucht kein Forstmann erst Raum zu schaffen,
    ihr steht und schafft euch Zuchthausmauern --
    so geht doch, schafft euch Land! Land! rührt euch!
    vorwärts! rückt aus! --



Ein Freiheitslied


    Es ist nun einmal so,
    seit wir geboren sind:
    die Blumen blühen wild und bunt,
    wir aber mauern Wände
    gegen den Wind.

    Es wird wohl einmal sein,
    wenn wir gestorben sind:
    dann blühen die Blumen noch immer so,
    und über unsre Mauern
    lacht der Wind.



Märzlied


              Im März,
    da gruneln die Dornen am Zaun.
              Im März,
    da fängt der Fuchs an zu rauhn.
              Im März,
    über Deutschlands Äckern und Aun,
    da fliegt durch Wolken und Licht und Sturm
    eine erste Schwalbe von Turm zu Turm:
            wird Frühling? --



Maifeierlied


    Es war wohl einst am ersten Mai,
    viel Kinder tanzten in Einer Reih,
    arme mit reichen,
    und hatten die gleichen
    vielen Stunden zur Freude frei.

    Es ist auch heute erster Mai,
    viel Männer schreiten in Einer Reih,
    dumpf schallt ihr Marschgestampf,
    heut hat man ohne Kampf
    keine Stunde zur Freude frei.

    Doch kommt wohl einst ein erster Mai,
    da tritt alles Volk in Eine Reih,
    mit Einem Schlage
    hat’s alle Tage
    ein paar Stunden zur Freude frei.



Bergarbeiterlied


    Wir tragen alle ein Licht durch die Nacht,
                  unter Tag.
    Wir träumen von unerschöpflicher Pracht,
                  über Tag.
    Wir helfen ein Werk tun, ist keins ihm gleich;
                  Glückauf!
    Wir machen das Erdreich zum Himmelreich;
                  Glückauf!

    Einst fiel alles Leben vom Himmel herab,
                  über Tag.
    Wir Bergleute schürfen’s aus dem Grab,
                  unter Tag.
    Wir fördern’s herauf, das tote Gestein;
                  Glückauf!
    Wir machen’s wieder zu Sonnenschein;
                  Glückauf!

    Auf Erden ist immerfort jüngstes Gericht,
                  unter Tag.
    Aus Schutt wird Feuer, wird Wärme, wird Licht,
                  über Tag.
    Wir schlagen aus jeglicher Schlacke noch Glut;
                  Glückauf!
    Wir ruhn erst, wenn Gottes Tagwerk ruht;
                  Glückauf!



Erntelied


    Es steht ein goldnes Garbenfeld,
    das geht bis an den Rand der Welt.
          Mahle, Mühle, mahle!

    Es stockt der Wind im weiten Land,
    viel Mühlen stehn am Himmelsrand.
          Mahle, Mühle, mahle!

    Es kommt ein dunkles Abendrot,
    viel arme Leute schrein nach Brot.
          Mahle, Mühle, mahle!

    Es hält die Nacht den Sturm im Schooß,
    und morgen geht die Arbeit +los+.
          Mahle, Mühle, mahle!

    Es fegt der Sturm die Felder rein,
    es wird kein Mensch mehr Hunger schrein.
          Mahle, Mühle, mahle!



Sturmbild

    Ferdinand Hodler zu Ehren


    Fergin im Sturm, kehr um! Weib, wie du wüst dich plackst!
    Du bist kein Mann! -- Sie hört nicht, sie stemmt sich langgestreckt
    gegens Gebrüll der Wellen, das übern Kahnrand bleckt;
    weiter und weiter stemmt sie, ruckt, rudert, ringt und rackst.

    Nach dem Holzfäller blickt sie, der mit geschwungener Axt
    jenseits des Stroms sich reckt, wieder und wieder reckt.
    Oder sieht sie ein Ziel gar, das ihr sein Aufgriff steckt,
    und fühlt nun hingerissen: Ich pack’s, da Du es packst!?

    So fragen sich im stillen mit hochgezognen Brauen
    in einem Ufergarten einige zarte Frauen
    von edlem Wuchs und edlerer Geberde.

    Sie denken an die Helden alter Zeiten
    und sinnen zwischen leichten Handarbeiten,
    wie das Gewaltsame -- gewaltig werde.



Die Hafenfeier


I

    Vom stillen Hafen singt manch kleines Lied;
    Hafen der Weltstadt, bist du jemals still?
    O großer Braus der Unruhe, wenn schrill
    werktags die Dampfbootschwärme, Fähren, Schlepper, Jollen
    Signale kreischend durchs Sprühwasser tollen,
    Rauchwolken durchs Gestarr der Maste rollen,
    durchs Möwengetümmel um Schlot und Spriet.

    Fremder, dann stehst du zuerst wie irr,
    spürst nicht das Werk, das da wachsen mag,
    nicht von den Werften herüber den Takt im Hammerschlag,
    nur das Gekrach und Gerassel, Geklirr, Geschwirr,
    und ziellos fragt dein Blick ins Gewirr:
    wird je auf Erden noch Feiertag?

    Bis du erschüttert vermeinst, daß eisenhart
    die ganze Menschheit im Arbeitskleid
    von allen Brückengeländern dir Antwort schreit;
    und vor dem starken Schall der Gegenwart
    verstummt dein Ruf nach ewiger Seligkeit.


II

    Sieh dort: der schlichte Mann in der Barkasse,
    die unscheinbar vom wimmelnden Kai abschwenkt,
    der ordnet dir die lärmende Masse.
    Ihm dankt im stillen jede Speichergasse;
    ein Schiffsherr ists, der viele Schiffe lenkt.

    Vorbei an Docks, Hellingen, Höften, Leichtern, Kranen,
    deren Getriebe seinem Antrieb entsprang,
    rechnet sein Kopf wohl grad an neuen Bahnen
    für unsre Herrschaft auf den Ozeanen,
    doch durch die Brust wogt ihm wie dir ein Ahnen,
    ein Drang, ein Klang, ein Urgesang:

    Unruhe braust, wo sich der Geist aufrafft,
    wo flügelfrei sich Mut und Wille verschwören,
    Herzen und Hirne zur Tat zu empören.
    Unruhe ists, was sich Beruhigung schafft,
    was Freiheit und Gewalt zur Ordnung strafft,
    um immer kühneren Flugs die Ruhe zu stören.
    Unruhe heißt die Schöpferkraft.


III

    Jetzt hüpft der emsige Herr von Bord; gewandt
    schlüpft er durch festschmuckbunte Zuschauerhaufen.
    Ein Riesenschiff soll heut von Stapel laufen.
    Flaggen und Wimpel flirrn; guirlandenumspannt
    harren zehntausendköpfig die Tribünen.
    Und über alldas ragt der Rumpf des Hünen
    wie vom exotischen Blick seines Gebieters gebannt.

    Der grüßt sich höflich durch, durch die Spaliere
    der Würdenträger, Damen, Kavaliere,
    Schutzleute, Kurtisanen p. p. -- und dann:
    ein Kaiser neigt sich vor dem jüdischen Mann,
    der dieses Völkerfriedenswerk ersann,
    es neigen sich die Herren Offiziere.

    Der Fürst begibt sich an die Kanzelstufe,
    besteigt sie, spricht: Ich tauf dich Imperator.
    Willig rollt der Koloß von seiner Kufe,
    und auf der Strombahn im Sturm der Jubelrufe
    wiegt sich ein Echo: Triumphator.


IV

    Was aber tönt noch immerfort wie Klagen?
    Was murrt und schluchzt, wenn die Anker tauchen?
    Was stöhnt, wenn die Frachtspillketten aufstauchen,
    während die Dampfersirenen wie brüllende Bestien fauchen,
    die Baggermaschinen ihr Hundegeheul anschlagen.

    Ist es der Grundton ewiger Grausamkeit,
    der qualvoll selbst aus unsern Werkzeugen ächzt?
    O Menschenkind, das nach Vergöttlichung lechzt,
    hör nur, wie deine Machtgier teuflisch gen Himmel krächzt,
    die dich und deinesgleichen im Namen der Menschlichkeit
    gesetzlich peinigt und sittlich maledeit!

    Dann starren die Häuserreihen rings um die Hafenbecken
    dich an wie Folterkammern, wo Angst, Wut, Jammer, Schrecken
    vom Keller bis zum Dachfirst gellt,
    wo jeder den andern martert, Verbrecher zugleich und Richter,
    höchstens daß mittendrunter einsam ein Denker, ein Dichter
    sich selbst abquält mit Allbeglückungszwecken;
    so büßt der Weltgeist seine Welt.


V

    Ja, das erschüttert, das macht die Seelen hungern,
    das läßt uns stets nach besserer Zukunft lungern;
    was ist denn unser Arbeitsertrag?
    Sieh nur, wie alle Augen, die finstern und die grellen,
    Herren wie Knechte, Meister wie Gesellen,
    sich die Verzweiflungsfrage stellen:
    war je auf Erden schon Feiertag?

    Was fördern all die Fäuste, die sich schinden
    an Hämmern, Hebeln, Kolben, Kurbeln, Gewinden,
    an Ketten, Drähten, Tauen, Trossen?
    Hier diese Panzerfregatte, sie wird verrosten, verwittern,
    dort der zementne Leuchtturm zerbersten und zersplittern,
    rascher dann, als er hochgeschossen.

    Was hemmt die abgehärteten Lohnsklavenschaaren,
    die ihren Blutschweiß täglich zu Markte fahren,
    endlich zu meutern gegen die Zwingherrngilde?
    Ists, weil sie schärfer als andre Narren gewahren,
    daß Wahn uns alle bannt? -- Ihr Herrn, seid milde! --


VI

    Gern sieht das Volk Machthaber über sich:
    herrliche Männer, liebliche Frauen.
    Ein Labsal bleibts dem Kärrner im Alltagsgrauen,
    ein lichtes Vorbild anzuschauen,
    sei’s königlich, sei’s bürgerlich.

    Die plumpesten Burschen, begrüßt sie eine Yacht,
    in der ein müßiges Mädchen wie eine Blume lacht,
    sie grüßen lachend wieder, Mann für Mann;
    sie fragen nicht, was solche Blumen nützen,
    sie schwenken ihre schweißgetränkten Mützen,
    sie freuen, freuen sich daran.

    Oder am Abend, wenn sie verrußt, verstaubt
    heimgehn vom Landungsplatz, wo rolandshoch
    des Staatsmanns Standbild sein felskahl Kuppelhaupt
    dem Strom zukehrt: jawohl, sie schaun dran hoch,
    als ob sein Schatten ihnen den Frieden raubt,
    ehrlich anknirschend gegen sein Kriegsrüstungsjoch,
    aber stolz auf ihn, stolz sind sie doch.


VII

    Und keiner blickt mehr nach den Kirchturmspitzen,
    die grünspanschimmrig hinter dem Mastenwald
    vom Sonnenuntergang bestrahlt
    über den rauchgeschwärzten Dächern sitzen,
    und unter denen im Altarkerzenschein
    menschenklein
    der Gottessohn die Finger am Marterkreuz krallt.

    Und wenn noch mancher, den Not und Kummer kränkt,
    Ihm und der Mutter aller Schmerzen
    ein paar Minuten echter Andacht schenkt,
    so tut ers nur, indem er denkt,
    daß er mit seinem abgehetzten Herzen
    zeitlebens selber am Kreuzpfahl hängt.

    Die Besten aber beklagen nicht ihr Los,
    sie träumen auch kein künftiges Glücksland her;
    sie wissen, Kraft ist Lust, die aufschluchzt vor Begehr,
    opfergroß
    sich hinzugeben, wie der Strom dem Meer.


VIII

    Denn über allen Wassern, die hier stranden,
    heller als alle Träume und Gesichte,
    die durch erhitzte Hirne im Glühdrahtlichte
    der schaukelnden Kajüten branden,
    glänzt eine Träne aus der Weltgeschichte.

    Die weinte Bismarck, als er, schon ein Greis,
    das größte Überseeschiff aus jenem Zeitwendkreis
    auf seinen Namen taufen sollte.
    Er hatte noch kein solches Schiff gesehn,
    nun sah er dies Gewaltwerk menschlicher Mühsal stehn,
    sah, wie’s auf seinen Wink ins schäumende Flutgrab rollte.

    Und sah im Geist sein Deutschland hinaus aufs Weltmeer rollen,
    sah Menschen, Helden, Sklaven, sturmschwalbenschaarendicht,
    hoch, niedrig, arm und reich, gleich sterblich, Schicht auf Schicht,
    wieder und wieder ihre hoffnungsvollen
    glückleeren Hände ruhlos nach neuem Schicksal strecken,
    und alldas sollte nun sein Name decken --
    da rann die Träne über sein Gesicht.


IX

    Es wird noch manche Opferträne rinnen,
    die leuchtender von Seele zu Seele brennt
    als der erlauchteste Stern am Firmament;
    doch immer wieder, wenn Sturm ein Wrack berennt,
    wird Kapitän wie Trimmer erschüttert sinnen,
    warum sie durch den quälenden Aufruhr treiben,
    warum sie nicht im stillen Hafen bleiben.

    Denn manchmal ist er still. Wenn mitternächtig
    kein Hochbahnzug mehr über die Brücken fährt,
    wenn sich, vom dunkeln Wasser kühl verklärt,
    das Bordlaternenheer sternbilderprächtig
    im Abgrund spiegelt, Funken tief bei Funken,
    dann scheint das Himmelreich herabgesunken.

    Dann winkt dir aus der todesstillen Flut
    der Feiertag, seit jeher prophezeit:
    da sinkt der Menschensohn vom Kreuz, da ruht
    auf dem erstorbnen Erdball weit und breit
    der Hauch der ewigen Seligkeit.



Drei Blicke


    Die Wolken rauchten immer dunkelroter,
    der Abendhimmel stand in Höllenfarben,
    und wenn die fernen Blitze lautlos zuckten,
    dann zuckte auch die lange Vorstadtstraße,
    durch die mein Herz der sinkenden Sonne zuzog,
    mit allen Fenstern hocherglühend mit,
    und jede Scheibe starrte dann noch toter.

    Und plötzlich schlug aus einem Trödelladen
    der Heiland seine Augen zu mir auf;
    er lag gekreuzigt mit ergebnem Blick
    in einem alten Rahmen zum Verkauf.
    Und neben ihm zwei neue Kinderpuppen;
    die lächelten so fühllos himmelauf,
    daß angesichts der drohenden Wolkenschwaden
    mein Herz erschrak vor diesem bunten Laden.

    Da zuckte wieder, und noch glasig trüber,
    durch den gebrochenen Heilandsblick die Röte,
    und an den Puppenaugen grell vorüber
    beleuchtete der Blitz im Hintergrunde
    ein Steingesicht mit stolzem Blick und Munde:
    +Goethe+ --
    O habe Dank, du Ewiger, jede Stunde:
    du hast uns Hoheit über Tod und Leben
    mit deiner selbstbewußten Stirn gegeben!



Ein Heine-Denkmal

    Standrede eines träumenden Herrschers


    Ich danke dir, Bildhauer, daß du dich
    für deinen Fürsten noch bemühn willst; bitte,
    nimm Platz! -- Du weißt, ich bin der Krone müde,
    zu Neujahr geb ich sie dem Volk zurück;
    es mag versuchen, selbst sich zu beherrschen,
    mir ist es teils zu reif und teils zu schlecht.
    Mein Hingang aber soll mein Volk und mich
    noch einmal in beglückter Ehrfurcht einen
    und unsern Enkeln eine Ehrfurcht bleiben
    durch ein Geschenk fürstlicher Menschenliebe;
    dazu entbot ich dich.

    Ich weiß, dich drängt dein großes Lebenswerk:
    „der deutsche Michel, aus dem Schlaf erwachend“ --
    ich danke dir, daß Mein Gesuch dir vorgeht.
    So höre, was ich ausgesonnen habe,
    du bist der Einzige, der es schaffen kann:
    ein Denkmal für Herrn Heinrich Heine.

    Erlaube, daß ich uns das Fenster öffne;
    der Märzgeruch der Großstadt tut mir wohl.
    Dort auf dem Platze vor der Kathedrale
    möcht ich das Denkmal aufgerichtet sehn,
    mitten im Kranz der Linden.

    Da soll er sitzen, wie er innerst war,
    der kranke Jude und der große Künstler,
    der unsre Muttersprache mächtiger sprach
    als alle deutschen Müllers oder Schulzens.
    Verziere reich mit Gold den Krankenstuhl,
    bunt soll das Denkmal sein, ein Schmaus den Sinnen!
    Fußdecke, Rock, Symbole, alles Beiwerk
    soll sich in dunklen Tönen unterhalten,
    von ungewissen Lichtern überlacht;
    aus dem gedämpften Rot und Grün der Broncen,
    aus Porphyr, Syenit, Basalt und Lava
    soll marmorklar nur sein Gesicht herleuchten
    und seine blassen Dichterhände.

    Und rück ihn nicht zu hoch vom Boden weg,
    nicht in die Luft, damit ihm Volk und Erde
    nah bleiben, wie es großen Künstlern lieb ist.
    Nur eine einzige Stufe von Granit,
    in mächtigem Geviert, gib ihm als Sockel,
    daß man sein Lächeln deutlich sehen kann,
    dies müde Lächeln des getauften Juden,
    mit dem er sich nach neuer Liebe sehnt,
    dies bittre Lächeln, das zu sagen scheint:
    O Moses, du gefällst mir nicht,
    du bist mir überflüssig,
    und dein vergrämtes Angesicht
    ist längst mir überdrüssig.

    Zu seinen Füßen aber laß -- nein, so:
    in seine Linke gib ihm einen Stock
    und eine himmelblaue Schellenkappe!
    Und links zu Füßen des getauften Juden,
    den Stock beschnüffelnd und beblinzelnd, hockt
    -- ich schlage vor: aus rheinischem Eisenquarz --
    ein fettes Schwein, das echte deutsche Hausschwein.
    Mach mir dies Schwein ja wahrhaft wahr und schön,
    wie’s dieser große Künstler wert ist; und
    vergiß mir auch die Borsten nicht!

    Doch rechts zu Füßen dieses großen Künstlers
    laß einen flügelstolzen Greifen liegen,
    mager, die Geiernase möglichst krumm,
    den edeln Pantherleib zum Sprung gereckt.
    Ich sehe, wie des Dichters blasse Rechte
    liebkosend nach dem stählern hochgeschwungnen,
    dem nordseegrauen Flügelpaar hintastet.
    Ich sehe seinen meerblau stillen Blick,
    die dunkeln Amethysten der Pupillen,
    in sich gekehrt, heimkehrend aus der Ferne;
    er träumt ein Lied.

    Über die finstern Furchen der Nordsee,
    über die fliehenden Schäume her,
    sieht er ihn kommen,
    seinen Ahnherrn Ahasver:
    er sucht den Messias.
    Der Wind jagt seinen Bart,
    morgendlich funkelt ein Strand;
    seit Jahrtausenden so, der arme Alte,
    sucht er den Tod.
    Plötzlich sprühn ihm alle Wellen Licht:
    fern am Strand steht Einer, der reckt sich,
    jünglingskeck, und blickt und lacht,
    lacht in die Sonne:
    der deutsche Michel, aus dem Schlaf erwacht.
    Und Ahasver schreit auf,
    daß sein Schrei die Möwen vor ihm herschreckt
    über das leuchtend spritzende Wasser,
    und ans Land stürzt er und bricht zusammen,
    und Jahrtausende schluchzen
    dem erstaunten Michel ins dumme Herz:
    Mein Heiland Du,
    mein heimlich erstandener
    Herr Israels!
    Hinten aber auf den Dünen sitzt
    mit verwunderten Mienen,
    den Sonnenaufgang nach der Uhr erwartend,
    das versammelte deutsche Publikum,
    Christen-und-Judenpöbel,
    und jemand sagt:
    Ja, Herr Geheimrat von Schultze,
    davon ahnten wir nichts! --

    So bilde mir, mein Freund, den Blick des Dichters.
    Laß, Meister, des Hellenen freie Kraft,
    laß auch des alten Inders freie Inbrunst,
    laß des Germanen freie Leidenschaft
    als sieche Sehnsucht drin entdeckbar sein,
    siech durch die lange Knechtschaft Israels.
    Und hinter seinen goldnen Krankenstuhl
    stell auf die rechte Seite einen Greis,
    ärmlich, ins Knie gesunken, arbeitskrüpplig,
    der einem Enkel eine Krone aufsetzt
    und seine marmorn blühende Nacktheit segnet;
    nimm Meine Krone als Modell!

    Links aber hinter seinen Krankenstuhl,
    das Schwein des Vordergrundes überragend,
    setz auf die Sockelstufe eine Jungfrau,
    im Myrtenkranz, im Silberschleier, bräutlich,
    so bräutlich, wie es nur der Deutsche träumt;
    die soll nachsichtig einem Affen wehren,
    der grinsend, mit unzüchtiger Geberde,
    dem Dichter in den Rücken glotzt.

    Mach mir den Affen ja schön wahr und schön,
    wie’s dieses großen Künstlers würdig ist!
    dann gib ihm braune Augen, wie dem Greise.
    Dem Knaben aber und der Jungfrau blaue,
    wie sie der große Künstler selber hatte,
    doch so von Dir, Bildhauer, deutsch verklärt,
    daß ich den kranken Dichter stammeln höre:

    O Venus, alte Frau Sünderin,
    verneige dich der Reinen!
    o könnt ich noch mit Kindersinn
    zu ihren Füßen weinen! --

    So, Freund und Herr, möcht ich das Denkmal haben.
    +So, Meister, bis ins Kleinste lebensgroß
    das Einzelne; das Ganze aber so,
    daß uns der Schauder ängstigt und beglückt
    vor unsrer menschlichen Tiergöttlichkeit.+
    Dann um das alles, wie um einen Friedhof,
    zieh mir ein schmiedeeisern Gitterwerk
    von hohen Lilien, deren Blütenköpfe
    ein Dornenkranzgewinde eint.

    Und eile dich mit deiner Arbeit, Freund!
    schon weil dein großes Lebenswerk dich drängt
    „der deutsche Michel, aus dem Schlaf erwachend“;
    sonst schilt mich noch das deutsche Publikum.
    Nimm dir Gehilfen nach Belieben! Horch,
    der Märzsturm braust vom Turm der Kathedrale;
    wenn der Dezemberreif die Linden schmückt,
    möcht ich das Werk vollendet sehn, ich will’s
    dem deutschen Volk zu Weihnachten bescheren.
    Leb wohl, mein Künstler! --



Landstreichers Lobgesang


    Jetzt bin ich endlich mit der Welt allein;
    sing, Seele, sing dich von der Menschheit rein!
    Sie klagt in einem fort, still oder schrill,
    daß keine Seele sein kann, was sie will;
                  das ist gemein.

    Ich will heut Nacht kein Bett noch Essen haben!
    ich will mich am Geruch des Frühlings laben!
    Die Knospen platzen all vor Trunkenheit;
    ihr in der Stadt, ihr platzt vor Futterneid.
                  Das tat mir leid.

    Ich ging von Haus zu Haus: Sing, Seele, sing:
    erbarm dich, Mensch, und sei kein Kümmerling!
    Geh in den Wald, da lacht der Sternenschein:
    sing, freie Seele, sing! was kannst du sein?
                  Herrin des Frühlings!

    Du kannst dir jeden Ast zum Szepter nehmen;
    der Tau beträufelt dich mit Diademen.
    Du trägst ein Schleppkleid von Milliarden Blüten;
    das brauchst du nicht vor Mottenfraß zu hüten,
                  sie welken bald.

    Sie welken, Seele, um dich zu erfreuen:
    du darfst dein Reich in alle Lüfte streuen!
    Wenn dir das nicht gefällt, dann komm, schlag drein!
    sing, Seele, sing! was kannst du sonst noch sein?
                  Magd des Sommers!

    Da darfst du Tag für Tag die Hippe zücken,
    siehst Schwad an Schwad vor dir zusammenknicken,
    stellst Korn in Garben, oder läßt es liegen,
    damit die Spatzen was zu fressen kriegen;
                  freut dich das nicht?

    Nachts hörst du dann die jungen Mäuse pfeifen;
    fühlst, Schatz, wohl auch was unterm Schnürleib reifen?
    Wenn nicht, so geh und hör die Hengste schrein!
    sing, Seele, sing! du kannst auch männlich sein!
                  sei Knecht des Herbstes!

    Geh in den Weinberg, pflück die vollen Trauben;
    kannst auch Kartoffeln aus dem Acker klauben.
    Kartoffeln geben Schnaps für arme Luder;
    Wein ist für Kenner, und die besten Fuder
                  schluckt die Nachwelt.

    Dann gleichst du selbst den ausgepreßten Träbern
    und nährst die Nasenwurzeln auf den Gräbern.
    Wird dir das lästig, so zerspreng den Stein!
    sing, Seele, sing! du kannst noch freier sein!
                  Herrgott des Winters!

    Herrgott, wie stärkst du da die schwachen Kräfte:
    da spannst und spornst du die erstarrten Säfte,
    bis dir die eisige Haut vom Körper birst,
    worauf du wieder Frühlingsgöttin wirst,
                  du freie Seele!

    So zog ich durch die Stadt und sang euch an,
    bei Tag und Nacht, ihr Menschen, Weib wie Mann.
    Bei Nacht, da brannte immer künstlich Licht,
    doch auch bei Tag verstandet ihr mich nicht;
                  euch rief die Pflicht.

    Mich ruft die Kraft; ich nahm den Stock und ging.
    O Menschheit, dich beschämt ein Schmetterling!
    Hier schwirrt er vor dir her im Sternenschein,
    erhabner Untertan der Welt allein;
                  sing, Seele, sing! --



Hohes Lied


    Fern dem Menschenschmerz,
    zwischen Eis und Stein:
    reines Herz, nun lausche,
    du bist nicht allein!
    Horch, die Gletscher-Adern rauschen,
    Quellen singen -- und ein Geist stimmt ein:

    Meine Kinder werden einst
    auf dem Regenbogen spielen.
    Folgt dem Vater denn, ihr vielen,
    bis ihr oben über den schwülen
    Schluchten der Berge, durch die er muß,
    schimmern dürft!

    In die Niederungen
    führ ich euch gezwungen,
    der ich mit dem Erdreich ringen muß.
    Seht, da giebt es Herzen,
    die das Reinste schwärzen;
    Gift und Geifer tropft in meinen Fluß.

    Aber weiter, weiter,
    Kinder, auf vom Grund!
    Seht, mein Herzschlag läutert
    jeden Tropfen -- und
    alle, alle werden einst
    oben auf dem Regenbogen spielen!



Ruf an die Kühnsten


    Du junger Bergsteiger,
    der in den Sturm deine Arme streckst,
    dir Fichtenwipfel als Flügel nehmen,
    Wolken und Sterne herabfegen möchtest
    und sie mit Schweiß und Blut,
    Deinem Schweiß und Blut,
    in eine neue Welt umkneten,
    wie auch ich einst, auch ich:
    lern Kraft sammeln!

    Ruhig am Meerufer sitz ich jetzt,
    seh dich auf halber Höhe keuchen,
    höre den Seegang aus drangvoller Weite
    unablässig heranrollen
    und rufe dir zu:
    Keine menschliche Maßlosigkeit
    faßt den unermeßlichen Weltplan.

    Oft stand ich auf schwindelnder Gletscherkante,
    nur geklammert an meinen Eispickstock,
    ohne Führerseil,
    über Wolkenmeeren,
    über den Berghäuptern allen rings,
    selbst den Morgenstern mir zu Füßen,
    selbst die Sonne,
    und --
    mußte dennoch mein Haupt senken,
    mußte hinab wieder steigen
    unter die Sonne,
    unter die Wolken,
    zwischen die Schatten der kleinsten Klippen.

    Denn kein Weltschöpfer ist der Mensch,
    nur der Erdgeschöpfe gewaltsamstes.
    Nicht ein Sternchen vermagst du
    aus seiner Achse zu reißen,
    nur in deinem Fernrohr kannst du es drehen.
    Einen Turm kannst du bauen auf jeder Höhe,
    wo du Werkleute hinzuführen vermagst;
    kannst ein Schiff steuern in jede Weite,
    ein Flugschiff sogar, das Helden mitträgt,
    soweit du dich samt deinem Werkzeug
    in den windigen Bann der Erdschwere fügst.
    Das kann Menschengewalt, du junger Steiger,
    du Flieger, ihr jungen Vorstürmer alle:
    Tatkräfte sammeln!



Vogel Greif


    Mein Flieger, mein kühner, wo gehts heut hin?
    „Hoch über die Wolken, schöne Gönnerin;
    höher als höchste Alpenspitzen
    soll mein Fahrzeug durchs Weltblau blitzen.“
      Vogel Greif heißt dein Fahrzeug? „Vogel Greif;
      heut soll er den Sieg mir greifen.“

    Du kühner, du stolzer, dann nimm mich mit!
    Und sie sprang in den Sitz mit straffem Schritt.
    Nur an ihrer Brust das Blumensträußchen
    zitterte wie ein gefangnes Mäuschen,
      als sie sich lachend den Wetterpelz
      um die schlanken Hüften legte.

    „Du kühne, du schöne, wirf weg den Strauß!
    leicht fliegt ein Blumenblättchen heraus;
    ein einziges Blättchen ins Flugwerk verschlagen
    kostet uns beiden Kopf und Kragen.“
      Und während der Vogel Greif knatternd stieg,
      kobolzte der Strauß in ein Kornfeld.

    Viertausend Meter stieg er und mehr,
    eisig kreiste das Weltblau um sie her;
    aus stürzenden Wolken in sausendem Bogen
    stiegen sie lachend, lachend, und flogen,
      bis die Erde ein fernes Fabelland war,
      Vogel Greif -- da stockte das Flugwerk.

    Da stockte das Lachen; nur’s Steuer noch klang,
    schrill das Steuer im Gleitflug-Sturmgesang.
    Durch sausende Wolken in stürzendem Bogen
    glitten sie keuchend, keuchend, und flogen,
      bis die Erde schon fast wieder Erde war:
      Vogel, greif! Da knackte das Steuer.

    Wie vor zwanzig Minuten der Blumenstrauß
    kobolzten sie aus dem Wrack hinaus,
    hinaus, umklammert in wirbelndem Kreise
    mit fliegenden Haaren zur letzten Reise;
      du kühner! du kühne! klangs geisterleise
      auf ins eisige Weltblau.

    Und als man sie fand, er atmete noch,
    im Todesfiebertraum sah er hoch,
    hoch über die Wolken und hauchte: siegen --
    morgen werden wir höher fliegen --
      morgen --
      höher -- --



Die Musik des Mont Blanc

    (Den Bergfreunden Charles Simon, René Koenig, Paul Montandon zur
    Erinnerung)

    Leitwort

    Ob wir reden, ob wir schweigen,
    aus den Tiefen klingt ein Raunen:
    Laßt uns auf die Höhen steigen
    und in alle Welten staunen!


Erster Satz

    Wenn du hoch im Flugschiff bei funkelnder Winternacht
    überm Schneefeld der Großstadtdächer hintreibst,
    untergetaucht ist alles unreine Stückwerk,
    in dem ruhevollen Lichtnetz der Straßenschluchten
    sind die Türme und Kuppeln nur flüchtige Knotenpunkte
    dir und deinen Gefährten zur Richtung,
    von eurer Brustwehr sinnt ihr mit Göttergefühlen
    auf die eingemauerte Menschheit hinab,
    das verkrochene Arbeitsgewürm,
    das sich müde plagte für eure Lustfahrt:
    wenn dann dennoch ein Anflug eisigen Schauders
    aus dem Hetzwutgeräusch der Treibschraubenflügel
    deinen Blick emporschnellt zwischen die stillen Sterne,
    weht ein Ton immer höheren Raumes dich an,
    und von Worten durchstürmt, die Gipfel und Abgründe bergen,
    ahnst du die Musik des Mont Blanc.

    Fliehst wohl gern die Stadt auch bei glühendem Sommertag,
    auch du arbeitsmüde, steigst aus dem Eilzug,
    schleppst deinen Dunst durch den Landstraßenstaub,
    findest ein dürftiges schattengrünes Fleckchen,
    wirfst dich matte Raupe ins Gras,
    schmachtest ins Blau nach einer Gewitterwolke,
    bis dir ein Schmetterling durch deine Schwermut taumelt,
    bis eine Schwalbe dich dem Taumel entreißt,
    bis du als Adler aus himmelgewiegter Weite
    auf dich herabträumst -- Da, o Erweckung:
    traf dich ein Anhauch immer leichterer Luft?
    schwebte ein Laut immer weiteren Raumes dir vor?
    da verwünschst du deine Versunkenheit,
    sehnst dich nach der Musik des Mont Blanc.

    Was will Sehnsucht? sich verlieren in Fernen!
    Was will Ahnung? sich der Tiefe entheben!
    Steig hinan, wo in eines Tages Spanne
    Sommer-und-Winterbrand deine Inbrunst entflammen,
    wo du vor herzhinreißender Mühsal
    am Seil der Gefährten dir selbst zum Spiel wirst!
    Und ob ihr im ewigen Schnee an blendender Wand hängt,
    durststumm, schweißblind, mit schwarzen Brillen,
    ob im Finstern um eure zusammengeschanzten
    froststarren Körperklumpen der Sturm heult,
    horch, ein Klang fernsten Raumes fliegt dir zu:
    nun beginnt die Musik des Mont Blanc.


Zweiter Satz

    Auf dem Nacken des Riesen schreitest du;
    seit Jahrtausenden hockt er im weißen Mantel.
    Mit den vergletscherten Armen umschlingt er
    die unzähligen schweren steilzackigen Kronen,
    die er aufs Haupt sich stülpen wollte.
    Höher konnt er sie nicht mehr heben;
    nun hält er sie starr umklammert und lauscht
    durch die wetterwilden Jahrtausende hin,
    lauscht den Geistern der unerreichten Bezirke,
    wie sie posaunend und harfend und pfeifend
    und manchmal singend seine geliebten Kronen
    ihm wegwinden möchten. Und staunend spürst du
    mit hohlem Schritt, wie er heimlich knirscht,
    bis in dein Herz, der gebannte Riese.
    Aber das Staunen ist nur Vorspiel.

    Tritt auf seinen Scheitel! der trotzt dem Bann.
    Sieh, unsre Spuren verwehen schon.
    Leise lechzt sein Atem herauf aus dem Eisschlund,
    wo wir uns Stufen hackten im Nebel
    ans grelle Licht her. Die dünne Luft schwirrt.
    Dein Herz will fliegen und kann nicht. Graust dir?
    Hier, wo kein Adler mehr kreist, hier wagten
    Menschen ein Sternwartchen herzurichten.
    Leise saugt’s der Gletscher in seinen Schlund;
    kaum noch ein Balken stiert aus dem Grabloch.
    Und mit lächerlich offnem Mund gewahrst du,
    daß auf dem Kampfplatz um die Erhabenheit
    auch das Grausen nur Vorspiel ist.

    An dein Herz hallt ein Dröhnen. Lachte der Riese?
    O, er jauchzt! Von seinem Panzermantel
    prallt ein Wetterstoß ab. Mit orgelndem Echo
    jauchzt er dem Blitz nach. Aus seinem Triumphblick,
    hell über Wolken und Schluchten, Stromland und See hin,
    bäumt sich ein Regenbogenpaar.
    Und mitjauchzend denkst du der Menschlein wieder,
    die unten beben, indeß hier oben
    unser entzückter Herzruf schallt,
    schallt, verhallt -- ohne Echo -- still, Freunde:
    auch das Entzücken ist Vorspiel nur.


Dritter Satz

    Ruhe aus, wilde Seele: Frieden herrscht
    auf gewaltigen Bergen im Mittagsglanz.
    Schmiegsam wie du wird der harte Schnee;
    es glüht ein Feuer im kalten Wind,
    dein trunknes Blut klingt hinan zur Sonne.
    Sternhell schwillt der Erdball mit dir ins Licht,
    dunkel rührt sich der Raum, er schwebt, er schwebt,
    ins Glockenblaue: nun fliegt dein Herz:
    ins Reine, ins Reine --
    du vernimmst die Melodie des Mont Blanc.

    Du träumst nicht, du wachst nicht, du bist nur da;
    ein Schimmer bist du im Brennpunkt der Welt.
    Da rauscht eine Stimme, Myriaden Stimmen:
    Wo seid ihr, Gefährten? Nicht jenseits, nicht diesseits,
    wir schimmern auf rauschendem Gipfel wie du.
    Du ruhst nicht einsam; du siehst, es ragen
    Myriaden Gipfel in gleicher Ruhe,
    ins Klare, ins Klare --
    du begreifst die Harmonie des Mont Blanc.

    Du richtest dich auf; wir richten uns auf.
    Du lächelst und schweigst; wir lächeln und schweigen.
    Es schweigt der leichenstarre Firn.
    Und wenn wir auf seiner zerfurchten Bahn uns
    von Abhang zu Abhang im Abendglanz
    heimsausen lassen, dann mögen die Berge
    einstürzen, du fliegst und fühlst wie wir:
    wohin wir auch fliegen, wir fliegen, fliegen,
    ins Freie, ins Freie --
    dich ergreift der Rhythmus des Mont Blanc.


Vierter Satz

    Halt! was trommelt uns nach? wer tanzt da oben?
    stürzen Murmeltiere vom Himmel ab?
    Achtung, Steinfall! Und Rucksack übern Kopf,
    in die Schneewand gebohrt mit Füßen und Fäusten,
    hören wir’s hüpfen mit Sammetpfoten,
    mit Klumpsohlen hopsen, galopp: rechts, links
    purzeln die Tode an uns vorbei
    und liegen unten. Und ein Stück Kohle,
    wer weiß von welchem sturmverschleppten Scheit Brennholz,
    trollt hinterdrein und trällert und summt:
    das ist nur ein scherzhaftes Zwischenspiel.

    Wißt ihr noch? kennt ihr die Stelle wieder?
    dort vorm Jahr: die Eisbrücke unter mir.
    Ich stand, sah zurück: durchs Gewirr der Spalten
    stieg Jemand uns nach, uns immerfort nach,
    mit verhülltem Gesicht, dunkeln Augenlöchern,
    mit vielen Leuten am Seil: wer ist es?
    was will der fremde vermummte Führer,
    wo Jeder Führer ist und Geführter,
    was tappt er blos nach? Ich hebe den Pickstock
    und warne, da kracht’s, noch erraff ich im Sprung
    den Rand -- damals scholl mirs wie Abgrundgelächter
    durchs innerste Mark, jetzt lacht die Erinnrung:
    Es war nur ein spaßhaftes Zwischenspiel.

    Es werden noch viele Brücken zerkrachen;
    er braucht’s, der Bauherr des weißen Friedhofs,
    das Riesenkronen-Bröckelwerk.
    Rings aus Trümmern die Türme, verjährte Lawinen
    zu smaragdenen Labyrinthen gefroren,
    die nächste Laue zerschellt sie wieder,
    hohl verrollt ihr Paukenwirbel: gebt Raum!
    Raum, ihr lockern Gesellen! auch ihr da, Granitpack,
    du Großer Gendarm mit dem wackligen Helm,
    ihr Englischen Fräuleins: noch besteigen
    nur Waghälse eure glatten Hüften,
    einst liegt ihr alle zerbröckelt im Bett,
    der nächste Neuschnee verdeckt den Schutt,
    und Brocken auf Brocken wird wieder Brücke,
    wird alles ein lachhaftes Zwischenspiel.


Fünfter Satz

    Wohl weint’s im Dunkeln, horch, Tropfen zu Tropfen,
    Milliarden Tropfen, die sich lautlos
    unter der aufgepreßten Last
    zusammenschlichen: o horch, nun auf einmal
    aus stahlblau dämmerndem Gletschertor
    durch den Schutt der Moräne, da sprudeln sie
    als milchheller Quell. Nun schöpfst du und trinkst
    von dem jubelnden Wasser, und schaust zurück,
    immer wieder zurück zu dem sternegekrönten Scheitel,
    wo kein Bleiben ist für dein staubhaftes Leben,
    und glaubst ihn immer noch rauschen zu hören,
    so entrückt dich die Musik des Mont Blanc.

    Dann zeigt sich ein Fleckchen, da sprießt wieder Gras.
    Dann erscheint eine Hütte, da stürzt Quell in Quell.
    Dann bäumt sich der Gießbach und springt dir voran
    durch blühende Wiesen ins nächtige Waldtal.
    Da hörst du im Schlaf rings die Haustierheerden
    geisterhaft läuten; und andern Tags
    bist du vielleicht schon fern, siehst die Bäche
    zum See gesammelt, der Schiffe trägt,
    klirrst mit schweren Schuhn durch die große Stadt,
    hörst den Menschenlärm brausen, hörst ihn nicht,
    hörst noch immer um deine hämmernden Schläfen
    mit unendlichen Flügeln von Schneefeld zu Schneefeld
    das Schweigen der Jahrtausende geistern,
    so verfolgt dich die Musik des Mont Blanc.

    Dann willst du wie sonst mit ergebenem Schritt
    an dein Tagwerk gehn, dein vergängliches Werk.
    Gehst wie sonst deinen Weg, gehst über die Brücke,
    wo du tausendmal wie Tausende gingst,
    blickst wie sonst hinab mit gesenkter Stirn,
    da wölbt sich ihr Bild, da spiegelt’s dich mit,
    spiegelt Tausende mit, da bäumt sich dein Herz,
    nicht wie sonst, nicht wie sonst: wie der Gießbach bäumt sich’s
    und kommt von der Höhe und will ins Weite
    und fühlt, wie Welle in Welle tief
    sich bindet, sich drängt, vieltausendwerkig
    voll Ahnung, voll Sehnsucht -- Das bleibt! das bleibt!
    das wird rauschender Strom und verrauscht ins Meer,
    in Stürme, in Wolken, ins Luftmeer, Lichtmeer,
    von Raum zu Räumen, ins Freie, ins Freie --
    so verschwebt, o Welt, die Musik des Mont Blanc.



Gebet im Flugschiff


    Schöpfer Geist, unbegreiflicher,
    der du Wesen ersinnst, die Gestalt annehmen,
    grausig gütiger du,
    denn jedes lebt vom Tod vieler andern,
    Götter wie Menschen,
    Tiere, Pflanzen,
    Kristalle, Gase, Ätherdämonen,
    kann jedes übergehn in jedes,
    ins Meer, ins Luftmeer, in fernste Gestirne,
    bauen einander, zerstören einander,
    begehren auf wider sich und dich,
    lassen sich Krallen wachsen vor Gier,
    Flügel,
    und selbst Maschinen, die Vögeln gleichen,
    ächzen aus ihren Nöten zu dir
    um das letzte Quentchen Vollendung:
    Jetzt: hier schweb’ich in deinem Licht,
    wie ein Wasserstäubchen im Regenbogen
    mitdurchhaucht von all deinen Farben,
    ohne Bitte,
    nur voller Dank
    deines beseelenden Odems teilhaftig,
    deiner Inbrunst,
    die sich staunend in Menschenmund nennt:
    Phantasie! --



                             Zweite Folge


                                   *



Jesus und Psyche

    Phantasie bei Klinger


    Der Raum ist groß wie ein Bankettsaal,
    ist ganz voll Licht.
    Da zeichnet er, da meißelt er, da malt er.
    Du fühlst, er braucht so großen Raum:
    +Klinger+.

    Und wenn das Glück dich wie ein Schreck befällt,
    daß du kein Wort weißt, das von Herzen kommt,
    so stand ich.
    Allein. Doch neben mir saß Zeus,
    ein neuer Zeus, von Antlitz und Gestalt
    +Beethoven+ gleich; und in den Abgrund
    der Welt und Menschheit starrt sein Schöpferblick
    herab vom Thron der Sünde und Erlösung,
    daß sich der Adler ihm zu Füßen sträubt,
    erwartungsvoll.

    Still! atme kaum! Dort drüben schimmert noch
    im Abendschein der +alte+ Göttergarten.
    Der Gipfel des Olympos flammt von Farben;
    buntsäulig ruht im Glanz der fernen Luft
    ein Tempelhaus. Es ruht zerfallen; aber
    die Pinien und die Lorbeern und die Palmen
    drängen sich immergrün wie einst zu Tal,
    am Strand des blauen Meeres glühn und duften
    des Südens große wilde Blumenbüsche,
    die Götter alle sind versammelt, und --
    unter sie tritt +Jesus+.

    Sie sahn ihn kommen; immer größer kam er,
    der hagre Mann, den Blick zu Boden, langsam,
    als ob sein Fuß den Wiesenrasen schonte,
    im gelben Seidenkleid, das goldgestickt
    wie eines priesterlichen Königs Kleid schien
    und Spuren wie von Blut zeigt -- warum kommt er
    nicht nackt zu ihnen, wie sie selber sind?!
    Und streng verhüllt gleich ihm, tragen drei Frauen
    ein schweres schwarzes Kreuz ihm nach.

    Jetzt senken sie’s, ihr schwesterlicher Schritt
    stockt: Jesus sieht die Götter an.

    Weh uns! Der wilde Amor weicht empört,
    entsetzt zurück vor diesen Augen: Psyche,
    weh, Psyche, flieh! Doch seine Psyche fällt
    mit seligem Schrei dem Eindringling entgegen,
    weh, kniet vor ihm -- Psyche, der Götterliebling,
    vor Ihm! -- umklammert ihm die Rechte, küßt sie,
    küßt diese grauenhaft blutstriemige Narbe
    der magern Hand, stammelnd und schluchzend: Mein,
    mein Herr und Heiland!

    Verwundert lauscht mit zuckenden Flügelchen
    der aufgescheuchte Schwarm der Amoretten
    aus einer Uferpalme. Hermes hat
    sich abgewandt und neigt den weißen Stab.
    Nymphen und Satyrn wälzen sich im Gras,
    daß jene Frauen fraulich-tief erröten,
    indessen abseits die Olympierinnen
    kaum wissen, was geschieht, so stehn sie da:
    Juno in hoher Selbstzufriedenheit,
    Athene, selbstbewußt in sich versunken,
    und Venus, in sich selbst verliebt,
    Jede im Wohlgefühle ihrer Nacktheit,
    schamlos und lieblos, herrlich.

    Die Sonne taucht ins Meer, die Götter schweigen.
    Und Jesus, Psyche überschattend, heftet
    den Blick auf Zeus. Der sitzt, zu Tode stumm,
    auf seiner Marmorbank. Die greisen Glieder
    versagen ihm den Zorn. Die alten Augen
    erstarren vor der Nacht im Auge Jenes.
    Er hört nicht, wie der Knabe Ganymed
    sich an ihn schmiegt und ängstlich flüstert: Vater,
    was will der fremde Zaubrer hier? -- Zeus stirbt.

    Und hinter ihm, indeß er umsinkt, schleppt
    Elemosyne, die mitleidige
    Verachtetste der Göttinnen, mühselig
    den kranken Mars her und will +auch+ zu Jesus,
    so sehr der Kriegsgott sich im Fieber wehrt.
    Und wieder hör ich Psyches Inbrunst stammeln:
    mein Herr und Heiland!
    und fühle ihren keuschen Schmerz, und fühle
    ihr nacktes Warten, wie sie kniet und weint
    und aufstehn möchte; und es wundert mich,
    daß man das Gras nicht sieht durch ihren Körper,
    so fast verzehrt von langer Sehnsucht ist er,
    so abgehärmt die blassen jungen Brüste --
    +sah+ das der tote Göttervater nicht?!

    Sie zittert. Psyche! Weib, wer bist du? Sprich!

    Ich horche auf: aus einer Rosenhecke
    antwortet mir Gelächter, übermütig
    tritt auf den Plan Bakchos-Dionysos,
    Blüten im Haar, sein Pantherfell in Fetzen,
    hoch in der Hand den hellen Tafelkelch
    voll dunklen Weines, drin der Widerschein
    des letzten Sonnenfunkens blutrot schwankt,
    und nickt mir zu und hält ihn mir entgegen:
    trink, Jesus, trink!

    Und langsam streckt sich meine Linke vor
    und will ihm wehren. Aber Psyche küßt
    noch brennender die Narbe meiner Rechten.
    Und langsam muß sich meine Linke wenden,
    und nickend nehm ich meinem Bruder Bachus
    nun ab den Kelch und setz ihn an die Lippen,
    und ziehe meine Psyche an mir hoch,
    und setze nun den Kelch an +ihre+ Lippen:
    trinke, das ist mein Blut! -- Und Psyche trinkt.

    O! wie sich ihre bleiche Stirne rötet,
    sich ihre Brüste mir entgegenheben!
    doch weinend reicht sie mir zurück den Kelch.
    Da pack ich ihre Hand und schüttle sie:
    hoch fliegt das leere Glas: in blitzendem Bogen
    zerklirrt’s zu Scherben an der Marmorbank
    des toten Zeus.

    Ich aber ziehe meine Psyche an mich
    und schlage meinen Königsmantel um sie
    und spreche: weine nicht, mein Liebling, komm!
    So steig’ich mit ihr auf den Sitz des Zeus
    und lege meine Dornenkrone ab:
    heut feiert Jesus seine Hochzeitsnacht!

    Auf, Bruder Bachus, schwinge deinen Thyrsos!
    Ihr Fraun, legt +hin+ das Kreuz! Olympierinnen,
    nehmt eure blassen Schwestern bei der Hand:
    du, Juno, die im blau verblichnen Kleid,
    die mit dem Glaubensblick! Athene, du
    verbindest dich der Grünverschleierten,
    die so voll Hoffnung blickt! und du, Frau Venus,
    fasse den Purpur jener Blassesten,
    jungfräulich Blickenden, sie heißt „Die Liebe“ --
    dann jauchzt: der Bräutigam ist da!

    Auf, ihr Unsterblichen, zum Hochzeitsreigen!
    Elemosyne soll mit Amor tanzen!
    seht, wie das dunkle Meer von Sternen hüpft!
    Mars, stehe auf und wandle, +und sei mein+! --
    Und lasset auch die Kindlein zu mir kommen:
    geh, Ganymed! heißa! die Amoretten
    warten auf dich! tanzt euern Ringelreihn!

    Du aber, Hermes, nimm den toten Zeus
    und trag ihn sanft hinüber vor den Thron
    des neuen Zeus, der hier errichtet steht,
    und neige deinen weißen Stab vor Diesem
    und bitte ihn:
    Spiel uns, du Göttlicher, dein Hohes Lied,
    das hohe Lied der Sünde und Erlösung,
    das hohe Freudenlied der Welt und Menschheit,
    das hohe Lied der Neunten Symphonie!

    Dann wird sein Adler rauschend sich erheben,
    still spannt er über uns die Fittiche
    und lauscht herab auf uns, wie wir erschauern,
    Du, meine Psyche, und dein Jesus, Ich,
    in unsrer hellgestirnten Hochzeitsnacht.
    Auf, ihr Unsterblichen, auf, tanzt und singt!
    singt mir das Lied vom Tode und vom Leben!
    morgen ist wieder Tag, die Sonne lebt noch!
    komm, Psyche, komm! --

    Doch schaudernd lehnt sich Psyche von mir weg
    und starrt mich an mit Augen, daß mich friert,
    so rätselhaft voll Furcht, voll Sehnsucht -- Psyche!
    Geliebte! Psyche! Du, wer +bist+ du?! -- „+Du+“
    sprach laut mein Mund die Antwort meines Herzens,
    ein Echo huschte durch den großen Raum;
    so stand ich.
    Allein. Mit meiner Seele in dem Meister,
    der solches in mir schuf.

    Endlich ermannt ich mich von seinem Werk
    und suchte wegzusehn; da fiel mein Blick
    auf einen großen, graugetrockneten
    Stranddistelstrauß, um den sich ein vergilbtes,
    einst brennend rotes Seidenband herabschlang,
    das einzige Stück Erinnrung in dem Raum,
    wo alles Übrige von Zukunft zeugte.
    Die Sonne schien darauf und ließ noch Spuren
    des zart blaugrünen Purpurschmelzes ahnen,
    der einst die frischen Stacheln schmückte: fast
    als hab ihn einst verfärbt zu schwacher Glaube,
    als hab ihn einst berührt zu scheue Hoffnung,
    als hüte blaß ihn noch die Liebe ... Still:
    die Tür ging: Er trat ein: der Maler, Zeichner
    und Bildner Unsrer Psyche -- +Klinger+ -- und
    da mußt ich denken: Welche Frau ihm wohl
    einst diesen Strauß geschenkt hat? Denn es +giebt+
    Frauen, die solche Sträuße schenken ...



Bann


    Wie aus dem Schilf die Wasserfee
    tauchtest du zaudernd aus der Schaar
    der Andern um uns zu mir her
    mit deinem langen schwarzen Haar
    und deinem grauen Augenpaar.

    Und standest nun und sahst mich an
    mit deinem blassen Übermut;
    und deiner Fragen perlende Flut
    und deiner Lippen springjunges Blut
    lachte mich an, lachte mich an.

    Nur in deinen Augen blieb so fern,
    so fern wie auf des Weihers Grund
    in schwimmender Nacht der schwanke Stern,
    ein Zittern und Leuchten stehen; und
    mir log dein Mund, dein kühler Mund.

    Denn in unsern Träumen -- o, ich weiß:
    auch Du, auch Du -- dann tauchen wir
    Hand in Hand hinunter: stumm und heiß
    sucht Mund den Mund: holen wir leis,
    vom grauen Grund, den Stern vom Grund.



Unsre Stunde


    Es dunkelt schon. Komm, geh nach Haus.
    Komm! das Kastanien-Blattgewühl
    streckt sich wie Krallen nach uns aus.
    Es ist zu einsam hier, zu schwül
    für uns.

    Denn sieh: die Linien deiner Hand
    laufen den meinen viel zu gleich.
    Du schienst mir plötzlich so verwandt,
    so vorbekannt;
    vielleicht aus einem andern Reich.

    Ich hatt ’ne Schwester, die ist tot.
    Sei nicht so stumm, als wärst du taub!
    Die Abendwolke dampft so rot
    durchs junge Laub,
    als ob sie uns Blutschande droht.

    Horch! Ja, so wild und unverwandt,
    wie jetzt die Nachtigall da schlug,
    zittert dein Herz in meiner Hand.
    Wir wissen es; das ist genug
    für uns.



Ohnmacht


    Doch als du dann gegangen,
    da hat sich mein Verlangen
    ganz aufgetan nach dir.
    Als sollt ich dich verlieren,
    schüttelte ich mit irren
    Fingern deine verschlossene Tür.

    Und durch die Nacht der Scheiben,
    ob du nicht würdest bleiben,
    bettelten meine Augen; und
    du gingst hinauf die Stufen
    und hast mich nicht gerufen,
    mich nicht zurück an deinen Mund.

    Vernahm nur noch mit stieren
    Sinnen dein Schlüsselklirren
    im schwarzen Flur, und dann
    stürzten auf mich die Schatten,
    die mir im Park schon nahten,
    als wir den Mond versinken sahn.



Büßende Liebe


    Aus deinen grauen Augen droht,
    mir so vertraut
    wie ein verhaltner Klagelaut,
    mit bleicher Flamme ein Verbot;
    ich weiß, ich fühls -- du warst einst Braut.

    Das hat in deinen Blick gebracht
    dies fahle Licht,
    das durch die schwarzen Wimpern bricht;
    vor Zeiten, Seele, eh die Nacht
    dich neu gebar ans Tageslicht.

    O komm und gieb mir deine Hand;
    in dein schwarz Haar
    nimm diese rote Lilie dar,
    und um dein dunkelblau Gewand
    dies goldne Gürtelschlangenpaar.

    So führe mich, indeß du weinst,
    den langen Pfad.
    So kommen wir der Nacht genaht
    und beichten Beide: Mutter! einst,
    du weißt, wir übten einst Verrat.

    Dann legt, indeß wir niederknien,
    dann legt die Nacht
    auf deines Haares schwere Pracht
    die Hand und flüstert: liebe ihn,
    der sich und Andre friedlos macht!

    Dann hören deine Tränen auf,
    dann kommt ein Stern.
    Der tagt wie künftiger Frieden fern;
    dein graues Auge schaut hinauf,
    dein Auge, Seele -- hilf uns, Stern!



Stromüber


    Der Abend war so dunkelschwer,
    und schwer durchs Dunkel schnitt der Kahn;
    die Andern lachten um uns her,
    als fühlten sie den Frühling nahn.

    Der weite Strom lag stumm und fahl,
    am Ufer floß ein schwankend Licht,
    die Weiden standen starr und kahl.
    Ich aber sah dir ins Gesicht

    und fühlte deinen Atem flehn
    und deine Augen nach mir schrein
    und -- eine Andre vor mir stehn
    und heiß aufschluchzen: Ich bin dein!

    Das Licht erglänzte nah und mild;
    im grauen Wasser, schwarz, verschwand
    der starren Weiden zitternd Bild.
    Und knirschend stieß der Kahn ans Land.



Bitte


    Nur sage „Du“ ... ich will ja nie,
    nie wieder deine Lippen küssen,
    nun wirs gefühlt, so Knie an Knie
    gefühlt, daß wir uns lieben müssen.

    Das Abendrot umarmte brennend
    der Eichen hohe Knospenkette;
    wir aber sahen nur, uns trennend,
    die schwarz aufragenden Skelette.

    Und nickten doch von vielen Bäumen
    schon Blüten unsrer Liebe zu,
    im keusch verträumten Grün; so träumen,
    so nicken Kinder ... sage „Du“.



Gastgeschenk


    Dies blaß in Flammen gelb-und-grüne Mannskraut,
    knabenüppig, und dies zarte
    Schneeglöckchen, eben aufgeblüht,
    ganz furchtsam weiß, im irdnen Topf:

    die beiden Kinder wuchsen so allein
    und hatten niemals einen Kuß genossen,
    da pflanzt’ich sie zusammen
    und brachte sie zu Dir.



Gottes Wille


    Du hungerst nach Glück, Eva,
    und fürchtest dich den Apfel zu pflücken,
    den dein Gott dir verboten hat
    vor dreitausend Jahren,
    du junges Geschöpf!

    Jeden Abend ahn’ich dich,
    wie du die magern Händchen
    in deinem einsamen Bette
    emporringst zu dem Gott der alten Leute:
    Gieb ihn, gieb ihn mir!

    Du arme Geduld!
    Er hat noch nie die Furchtsamen beglückt,
    der alte Gott.
    Er gab dir deinen Hunger, deine Hände:
    greif zu und iß -- dann dulde!



Übermacht


    Wenn du fliehn willst, flieh! du kannst es noch;
    bald ist es auch für dich zu spät.
    Denn siehst du: Ich, ich brenne nach dir
    mit einer Kraft, die mich schwach macht,
    ich +zittre+ nach dir.
    Wie du nach mir! ja, Du! o Du:
    du bist noch schwächer,
    wehre dich nicht!
    Über die grüne Wiese wolln wir rennen,
    in den Wald,
    Hand in Hand,
    nackt,
    unsre brennenden Stirnen bekränzt
    mit den flatternden Blüten des wilden Mohns,
    der glühenden Blume des Leichtsinns!



Bestürmung


    Was will in deinen Augen mir
    dies dunkelvolle, fremde Weh,
    so tief und sehr?
    so still und schwer
    wie Stürme, die Ruhe suchten
    im Schooß der grauen See.

    Versinken will, versinken mir
    in dieser Augen grauen Schooß
    mein Herz -- und will
    wie Du so still
    und schwer an Dein Herz schlagen,
    dann brechen die Stürme los!

    Und will dich wiegen so mit mir
    in rasender lachender Seligkeit
    auf freiem Meer!
    bis tief und sehr
    die Herzen wieder ruhen,
    ruhen von Sturm und Leid.



Antwort

    „Lieber kein Glück, nur lauter sein.
    Nur keinen Schritt abseits vom Recht.
    Nur keine Schuld, lieber kein Glück!
    O Gott, ich stürbe, würd’ich schlecht!“

    +Hedwig Lachmann.+


    Ich +will+ ein Glück! Kennst du den Funken,
    der seine hellsten Gluten wagt?
    Er glüht. Und ob er feuertrunken
    verglüht zu Asche über Nacht:
    er glüht! sein +Wesen+ ist sein Schein --
    „Lieber kein Glück, nur lauter sein“ --
                  nur lauter!

    Ich hab ein Recht! Kennst du die volle
    Woge, die zur Brandung schäumt?
    Kennst du den Sturmgeist, der die tolle
    springende Woge noch toller bäumt?
    Steil starrt die Klippe: brecht, Wogen, brecht --
    „Nur keinen Schritt abseits vom Recht“ --
                  keinen Schritt!

    In meine tiefste Seelenstille
    horcht mein erstauntes Ohr hinab;
    da ringt ein Trieb, da wächst ein Wille,
    den eine heilige Macht mir gab!
    Ich bin kein Frevler am Geschick --
    „Nur keine Schuld, lieber kein Glück“ --
                  nein: keine Schuld.

    Von Jugend auf droht uns im Rücken
    die flach erhobne Heuchlerhand;
    ich muß mich mit mir selbst beglücken,
    seit ich die Welt so feige fand!
    Du meine Inbrunst, du mein Recht --
    „O Gott, ich stürbe, würd’ich schlecht“ --
                  +auch+ schlecht.



Und dennoch


    Und du vom auserwählten Stamm,
    du liebst dein Volk und uralt Blut,
    und fast wie Haß ist deine Glut
    für deinen schwer gequälten Stamm;

    und träumst von euerm Sinai
    und der nur Euren Himmelsnäh,
    und stehst wie Mose vor Jahwäh
    und stehst und schwörst: ich wanke nie.

    Und dennoch kam in deinen Mund
    das Wort, das einst am Jordan klang;
    da rang ein Mensch mit sich -- und rang
    sich weinend los vom alten Bund

    und sprach, indeß sein liebreich Herz
    von Pein gehetzt gen Himmel stieg:
    Nur Selbstbewältigung ist Sieg,
    Sieg über allen Erdenschmerz.

    Wie kam es doch, dies Wort der Qual,
    erpreßt von heißer Opfernot,
    auf Deine Zunge als Gebot:
    „bezwinge deines Herzens Wahl!“

    und liebst ein auserwähltes Volk
    und fast wie Haß ist deine Glut?!
    Und um uns, Weib, rauscht laut Ein Blut:
    der Menschheit schwer gequältes Volk.



Nur


    Und der Abschied war kein Ende,
    und mein Blick bewegte dich;
    und es war, als legte sich
    still dein Herz in meine Hände.

    Aber wenn du wiederkehrst,
    will ich deine Hand nicht küssen;
    will es nur empfinden müssen,
    wie du deinem Herzen wehrst.



Nächtliche Scheu


    Zaghaft vom Gewölk ins Land
    fließt des Lichtes Flut
    aus des Mondes bleicher Hand,
    dämpft mir alle Glut.

    Ein verirrter Schimmer schwebt
    durch den Wald zum Fluß,
    und das dunkle Wasser bebt
    unter seinem Kuß.

    Hörst du, Herz? die Welle lallt:
    küsse, küsse mich!
    Und mit zaghafter Gewalt,
    Mädchen, küss ich dich.



Menschliche Botschaft


    Und doch, und doch, du stolzes Kind:
    viel stolzer fühlt mein kleines Lied,
    das kindlich vor dir niederkniet
    und fromm beginnt:
    Wärst du im Ehrenkleide
    der Hohen höchste Zier,
    ich fühlte doch trotz Seide
    und Hoheit und Geschmeide
    als deiner Ehren erste Zier
    die Gleichheit zwischen dir und mir.

    Und doch, und doch: noch stolzer schwebt,
    du stolzes Kind, mein kleines Lied,
    das nun auf dich herniedersieht
    und scheu erbebt:
    Wärst du in Schmach gefallen,
    du die Gemeinste hier,
    und Mein Herz rein vor Allen,
    ich dächte Dein vor Allen,
    weil meiner Reinheit reinste Zier
    die Gleichheit zwischen dir und mir.

    Und doch, und doch, du stolzes Kind:
    viel stolzer fühlte wohl mein Lied,
    das stolz vor Deinem Stolze flieht,
    wenn stumm und blind
    nun ein Erbangen käme,
    stumm zwischen dir und mir
    nun ein Verlangen käme,
    dich blind gefangen nähme,
    daß wir vergäßen -- fühlst du? +wir+ --
    die Gleichheit zwischen dir und mir.



Entführung


    Ach! aus Träumen fahr ich.
    In die graue Luft,
    in die kalte starr’ich.
    Ach, dein Samum war ich,
    du mein Ambraduft!

    Durch die helle Wüste
    glühtest du dahin,
    und dein Atem küßte
    und dein Kuß versüßte
    Seele mir und Sinn.

    Einsamkeiten hingen
    tief ins fliehende Land;
    sonnestill ein Ringen,
    und mit Allah-Schwingen
    hielt ich dich umspannt,

    riß ich dich nach oben,
    du mein Ambraduft,
    Glut in Glut verwoben,
    bist du mir zerstoben
    in die graue Luft.



Der Brand


    Nur Zufall? -- Bleiern lag Berlin
    im Abendzwielicht Dach an Dach;
    trüb sah sie in das Feuer,
    das drüben aus dem Giebel brach.
    Die Flammen zuckten.

    Im Rahmen meines Fensters,
    so stand sie schwarz und stumm vor mir;
    und im Nebenzimmer spielte
    eine blasse Frau Klavier.
    Drüben wühlte die Glut.

    Die blasse Frau war meine;
    und Jene stand so nah und hold.
    Flimmernd säumte der rote Schein
    die lieben Locken mit dunklem Gold
    und Funkengestiebe.

    Es zog mich hoch: ich mußte,
    ich wollte sie an mich ziehn.
    Eine große trübe Wolke Rauch
    kroch über ganz Berlin;
    die Flammen erstickten.

    Ich stand mit scheuen Händen,
    das Spiel dort klang so seelenklar;
    und oben über der Wolke glomm
    und zitterte wie in Gefahr
    ein blasser Stern.



Abschied ohn End


    Und so muß ich dich nun doch beschwören:
    flieh, o flieh mich -- mich!
    Ich -- o sieh mich: ich
    weiß, ich will und würde dich betören,
    und du darfst, du darfst mir nicht gehören.
    Flieh auch Dich!

    Kind mit deinen jetzt schon grauen Haaren,
    sehr lieb klingt es: „wir“ --
    sehr trüb klingt es mir.
    Deine Sehnsucht zählt noch nicht nach Jahren,
    aber Ich bin längst in mir erfahren
    und in dir.

    Alles will sich dir zu mir empören,
    dir! Du freilich, sieh,
    du glaubst heilig: nie!
    Und ich weiß, es würde dich zerstören,
    wenn wir diese Sehnsucht dann verlören.
    Flieh mich! Flieh!



Dann


    Wenn der Regen durch die Gosse tropft,
    bei Nacht, du liegst und horchst hinaus,
    kein Mensch kann ins Haus,
    du liegst allein,
    allein: o käm er doch! Da klopft
    es, klopft, laut -- hörst du? -- leise, schwach
    tönt’s im Uhrgehäuse nach;
    dann tritt Totenstille ein.



Bleiche Nacht


    Der Nebel staut sich,
    Hütten dunkeln,
    Dorfgiebel huschen über Lichtern hin,
    noch bleicher scheint die Nacht;
    die jagende Wagenkette,
    schwenkend, strafft sich,
    die Maschine heult Warnung,
    und vorbei.
    Ein entlaubter Kirchhof,
    und wieder kreisen
    um mein klirrendes Fenster
    die öden Wiesen,
    huschen Büsche,
    eilt der fahle Streifen Horizont
    auf den kriechenden Wäldern hin;
    mich fröstelt.

    Drei Monate:
    da war die Mondnacht anders hier.
    Wie auf Wolken
    trug der kleine Kahn des stummen Fischers
    uns den Fluß hinab;
    selbst die Schatten gaben Licht.
    An meiner Seite saß ein Freund,
    und ich sagte ihm
    all mein Herzensbangen für ihr Glück.
    Und über ihrem Giebel,
    unterm Baldachin der Königspappel,
    als wir durch die Brücke bogen,
    stand groß und strahlend
    wie in einem Tabernakel
    der goldne Mond
    und senkte flimmernd auf das Moos des Daches
    sein grünes Haar.
    Heute aber, als ich Abschied nahm,
    achselzuckt’ ich: mein Fräulein, Glück --??
    Und jener Freund
    dachte wohl schon damals:
    du Tropf und Schuft! --

    Mein Fenster schwitzt;
    das kühlt die Stirne;
    gleich und gleich gesellt sich gern.
    Wirbelnd rollt ein funkendurchwirkter Dampfknäul
    bleich ins bleiche Feld;
    ein Dornbusch zerreißt ihn.
    Jetzt: dort starrt,
    wie durch ein Gitter ein Wahnsinnskopf,
    der grelle Vollmond durch die kahlen Birken.
    Er springt durchs Astwerk;
    mit seinen langen blassen Füßen
    läuft er auf den blanken Schienen
    meinen rasenden Gedanken nach.



Trübes Lied


    „Schnuck-Schnecke, was machst du da?“
    Ich will einen schwarzen Schleier tragen.
    „Ach! du! wozu denn schwarz?“
    Ich hab zu klagen. Hab zu klagen.

    „Schnuck-Schnecke, was machst du da?“
    Ich breche Blumen zu Trauerkränzen.
    „Ach! du! warum denn trauern?“
    Ich kanns nicht sagen. Kanns nicht sagen.

    „Schnuck-Schnecke, was machst du da?“
    Ich richte Kerzen zur Totenfeier.
    „Ach! du! wer ist denn tot?“
    Wie kannst du fragen? Kannst du fragen?

    „Schnuck-Schnecke, was machst du da?“
    Ja -- er ist ins Meer gefallen --
    „Ach! du! ins Meer gefallen?“
    Von seinen weißen Wolken oben!
    Von seinen weißen Wolken.



Dahin


    Mit gesenkten Blicken
    durch die Menge hin,
    durch die fremde dunkle Menge,
    eine traumentstiegene Palme,
    kam die junge Priesterin.

    Mit geschlossenen Wimpern
    an den Altar hin,
    ruhig an den flammenden Altar,
    eine nachtgewiegte Zypresse,
    trat die junge Priesterin.

    Mit aufstrahlenden Augen
    in zwei andre Augen hin,
    Augen aus der Fremde,
    niegesehene Heimatsaugen,
    eine starre Mimose,
    stand die junge Priesterin.

    Mit hochzuckenden Händen
    vor die Flamme hin,
    vor die heilige Opferflamme,
    eine blitzgetroffene Zeder,
    sank die junge Priesterin.

    Mit weit offenen Armen
    in die Nacht dahin,
    wild hin in die fremde Nacht,
    eine sturmergriffne Liane,
    schwand die junge Priesterin.



Lebewohl


    Eine dicke Tigerschlange liegt
    müde um mein Herz geringelt,
    ihre satten Augen tun sich zu.
    Einmal züngelt
    ihre dünne Zunge noch im Schlaf --
    lebe wohl, mein blutend Täubchen du ...



Ein Stelldichein


    So wars auch damals schon. So lautlos
    verhing die dumpfe Luft das Land,
    und unterm Dach der Trauerbuche
    verfingen sich am Gartenrand
    die Blütendünste des Hollunders;
    stumm nahm sie meine schwüle Hand,
    stumm vor Glück.

    Es war wie Grabgeruch ... Ich bin nicht schuld!
    Du blasses Licht da drüben im Geschwele,
    was stehst du wie ein Geist im Leichentuch --
    lisch aus, du Mahnbild der gebrochnen Seele!
    Was starrst du mich so gottesäugig an?
    Ich brach sie nicht: sie tat es selbst! Was quäle
    ich mich mit fremdem Unglück ab ...

    Das Land wird grau; die Nacht bringt keinen Funken,
    die Weiden sehn im Nebel aus wie Rauch,
    der schwere Himmel scheint ins Korn gesunken.
    Still hängt das Laub am feuchten Strauch,
    als hätten alle Blätter Gift getrunken;
    so still liegt sie nun auch.
    Ich wünsche mir den Tod.



Chinesisches Trinklied

Nach Li-Tai-Pe


    Der Herr Wirt hier -- Kinder, der Wirt hat Wein!
    Aber laßt noch, stille noch, schenkt nicht ein:
    ich muß euch mein Lied vom Kummer erst singen!
    Wenn der Kummer kommt, wenn die Saiten klagen,
    wenn die graue Stunde beginnt zu schlagen,
    wo mein Mund sein Lied und sein Lachen vergißt,
    dann weiß Keiner, wie mir ums Herz dann ist,
    dann wolln wir die Kannen schwingen --
      die Stunde der Verzweiflung naht.

    Herr Wirt, dein Keller voll Wein ist dein,
    meine lange Laute, die ist mein,
    ich weiß zwei lustige Dinge:
    zwei Dinge, die sich gut vertragen:
    Wein trinken und die Laute schlagen!
    Eine Kanne Wein zu ihrer Zeit
    ist mehr wert als die Ewigkeit
    und tausend Silberlinge! --
      Die Stunde der Verzweiflung naht.

    Und wenn der Himmel auch ewig steht
    und die Erde noch lange nicht untergeht:
    wie lange, du, wirst Du’s machen?
    du mitsamt deinem Silber-und-Goldklingklange?
    kaum hundert Jahre! das ist schon lange!
    Ja, leben und dann mal sterben, wißt,
    ist Alles, was uns sicher ist;
    Mensch, ist es nicht zum Lachen?! --
      Die Stunde der Verzweiflung naht.

    Seht ihr ihn? seht doch, da sitzt er und weint!
    Seht ihr den Affen? da hockt er und greint
    im Tamarindenhain -- hört ihr ihn plärren?
    über den Gräbern, ganz alleine,
    den armen Affen im Mondenscheine? --
    Und jetzt, Herr Wirt, die Kanne zum Spund!
    jetzt ist es Zeit, sie bis zum Grund
    auf Einen Zug zu leeren --
      die Stunde der Verzweiflung naht.



Der Dritte im Bunde

Nach Li-Tai-Pe


    In der Blütenlaube sitz ich beim Wein,
    säße gern in guter Gesellen Mitte.
    Kommt der Mond, lädt sich leise ein,
    nimmt mein Gläschen in Augenschein,
    und mein Schatten tut, als wär er der Dritte;
    ist eine herrliche Tafelrunde!

    Bruder Mond kann nicht mit trinken;
    Schatten macht nur nach, was ich tu.
    Sei’s! Solange noch Tropfen blinken,
    will ich euch doch Willkommen winken,
    zechen, bis wir zu Boden sinken!
    Glas hoch, Freunde, auf Du und Du,
    noch schmeckts dem Munde, es lebe die Stunde!

    Noch! Wie lacht der Mond in mein Glas,
    wie tut mein Schatten tanzen und springen!
    Solang ich noch stehn kann, Freunde, was?
    so lange dauert der Freundschaftsspaß,
    Freut euch, Brüder, bald fall ich ins Gras!
    Dann ists aus! kein Lebwohl wird klingen,
    nur der Dritte im Bunde lacht im Grunde:
    wann feiern wir Wiedersehensrunde?!



Frühlingsrausch

Nach Li-Tai-Pe


    Wenn das Leben Traum ist, wie sie meinen,
    wozu dann ihre nüchterne Plage!
    Ich, ich berausche mich alle Tage;
    und wenn ich Nachts nichts mehr vertrage,
    leg ich mich schlafen auf den Pflastersteinen.

    Morgens erwach ich sehr bewußt;
    ein Vogel zwitschert zwischen blühenden Reben.
    Ich frage ihn, in welcher Zeit wir leben.
    Er sagt mir: in der Zeit der blühenden Reben!
    das ist die Zeit, in der die Frühlingslust
    die Vögel zwitschern lehrt und leben, leben!

    Ich bin erschüttert. Ich raff mich auf wie toll;
    wütende Seufzer pressen mir die Kehle.
    Und wieder gieß ich mir den Becher voll,
    bis in die Nacht, und pfeiff auf meine Fehle.
    Wenn dann mein Mund ausruht, ruht auch mein Groll,
    ruht Alles, was ich will und kann und soll,
    ruht rings die Welt -- o ruhte auch die Seele!

    Wer aber kann mit Wein den Gram verjagen?
    wer kann das Meer mit einem Schluck verschlingen?
    Der Mensch, in diesen Lebensrausch verschlagen,
    in dem sich Sehnsucht und Erfüllung jagen,
    kann nichts tun als in einen Nachen springen,
    mit flatterndem Haar im Wind die Mütze schwingen
    und, während ihn die Elemente tragen,
    sich ihrer Willkür stolz zum Opfer bringen!



Mein Trinklied


    Noch eine Stunde, dann ist Nacht;
    trinkt, bis die Seele überläuft,
              Wein her, trinkt!
    Seht doch, wie rot die Sonne lacht,
    die dort in ihrem Blut ersäuft;
              Glas hoch, singt!
    Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben,
    djagloni gleia glühlala!
    Klingklang, seht: schon welken die Reben.
    Aber sie haben uns Trauben gegeben!
                  Hei! --

    Noch eine Stunde, dann ist Nacht.
    Im blassen Stromfall ruckt und blinzt
              ein Geglüh:
    der rote Mond ist aufgewacht,
    da kuckt er übern Berg und grinst:
              Sonne, hüh!
    Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben:
    Mund auf, lacht! Das klingt zwar sündlich,
    klingklang, sündlich! Aber eben:
    trinken und lachen +kann+ man blos mündlich!
                  Hüh! --

    Noch eine Stunde, dann ist Nacht;
    wächst übern Strom ein Brückenjoch,
              hoch, o hoch.
    Ein Reiter kommt, die Brücke kracht;
    +saht+ ihr den schwarzen Reiter noch?
              Dreimal hoch!!!
    Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben,
    djagloni, Scherben, klirrlala!
    Klingklang: neues Glas! Trinkt, wir schweben
    +über+ dem Leben, an dem wir kleben!
                  +Hoch!+ --



Erklärung


    Ein Freund von mir, ein junger deutscher Dichter,
    keiner von dem schön lügenden Gelichter,
    bei seinem Wort sieht man in glühenden Schleiern
    die Wahrheit ihren nackten Liebreiz feiern --
    der schrieb einmal ein Trinklied, keins von Wasser:
    „vom Tode und vom Leben“ sagt der Herr Verfasser --
    drin jubiliert, um allen Sinn zu sammeln,
    ein halb berauschtes, halb bewußtes Stammeln --
    mir deucht, er meinte: über Tod und Leben
    bleibt alles Reden ein Gestammel eben.



Äonische Stunde

Alfred Mombert zu Ehren


    Du himmlischer Zecher!
    Noch einen Tropfen Schwermut in meinem Glase,
    noch eine Träne wild in meinem Herzen,
    glühte, glänzte,
    doch du sangst, du sangest --
    es rauschte ein Meer durch uferlose Weiten,
    in unsrer Nähe wogten gespiegelte Sterne,
    Geister tanzten über dem Erdball,
    hoch auf quoll der Tropfen in meinem Glase,
    eine Lichtflut --
    und hell in deine
    fiel die Träne aus meinem Herzen.



Zechers Nachtfeier

Auch das Weinblumenlied genannt


    Freunde, mein Glas ist leer.
    Nur noch ein goldner Tropfen am Grunde
    spiegelt schwank eure Tafelrunde,
    blank vom Glanz unsrer Feierstunde
    und vom Duft der Jahrhunderte schwer.

    Freunde, trinkt alle aus!
    Durch die Blume, o Wundernamen,
    schlagen die weißen Geisterflammen
    der edlen Züchter in uns zusammen;
    trinkt! ich habe noch rote im Haus!

    Freunde, schenkt ein, schenkt ein!
    Seelen von Huldinnen schlummern versunken
    in diesem Pfühl von rubinigen Funken;
    weckt sie, Lippen! und küßt euch trunken!
    trunken sein heißt seelenvoll sein!

    Freunde, stoßt mit mir an!
    Bald wird auch uns der Schlummer bezwingen,
    aber auch ihn soll ein Geist uns bringen:
    Freunde, ein Traumgeist, der knallen und springen
    und aus Eis Feuer speien kann!

    Ah, wie sein Hals sich bäumt!
    Schleppt ihn herbei, den gefesselten Wilden!
    Löst ihn, er sehnt sich nach Göttergefilden!
    Seht, wie er steigt und von Luftgebilden
    +überschäumt+! --



Fromme Wünsche

Nach Cecco Angiolieri


    Wär ich der Wind, ich risse die Welt in Fetzen.
    Wär ich das Feuer, zerfräß ich sie zu Funken.
    Wär ich das Meer, sie läge längst versunken.
    Wäre ich Gott: Spaß, gäb das ein Entsetzen!

    Wär ich der Papst, wie würd’es mich ergetzen,
    zu ärgern meine Christen, die Halunken!
    Wäre ich König, ließ ich wonnetrunken
    mein Volk mit Hunden an den Galgen hetzen!

    Wär ich der Tod, besucht ich auf der Stelle
    die lieben Eltern wieder mal; im Leben
    betret ich nun und nimmer ihre Schwelle!

    Wär ich der Cecco -- hm, der bin ich eben;
    drum wünsch ich Mir die schönsten Jungfernfelle
    und will die häßlichen gern Andern geben!



Lied des vogelfreien Dichters

Nach François Villon


    Ich sterbe dürstend an der vollen Quelle;
    ich, heiß wie Glut, mir zittert Zahn an Zahn.
    Frostklappernd sitz ich an der Feuerstelle,
    in meinem Vaterland ein fremder Mann.
    Nackt wie ein Wurm, geschmückt wie Tamerlan,
    lach ich in Tränen, hoffe voller Leid
    und schöpfe Trost aus meiner Traurigkeit,
    ein Mann voll Macht, ein Mann in Acht und Bann,
    und meine Not ist meine Seligkeit --
    ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann.

    Nichts ist mir sicher als das nie Gewisse,
    und dunkel nur, was allen Andern klar;
    und fraglich nichts als das für sie Gewisse,
    denn nur der Zufall meint es mit mir wahr.
    Gewinner stets, verspiel ich immerdar.
    Mein Frühgebet: Gott, mach den Abend gut!
    Im Liegen vor dem Fallen auf der Hut,
    bin reich ich, der ich nichts verlieren kann,
    und hoff auf Erbschaft, ich, ein rechtlos Blut --
    ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann.

    Nichts macht mir Sorge als mein bös Begehren
    nach Glück und Gut, doch pfeif ich drauf zumeist.
    Wer auf mich schimpft, tut mir die größten Ehren;
    der Wahrste ist, wer mich mit Lügen speist.
    Mein Freund ist, wer mir klipp und klar beweist:
    ein grauer Kater ist ein bunter Pfau.
    Und wer mir schadet, lehrt mich: Du, Dem trau!
    Wahrheit, Lug, Trug, mir Alles Eins fortan;
    begreif ich’s nicht, behalt ich’s doch genau --
    ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann.



Lied der Gehenkten

Villons Epitaph

als er nebst Etlichen zum Galgen verurteilt war


    O Mensch, o Bruder, machst du hier einst Rast,
    verhärte nicht dein Herz vor unsrer Pein;
    denn wenn du Mitleid mit uns Armen hast,
    wird Gott der Herr dir einst gewogen sein.
    Hier hängen wir, so Stücker acht bis neun;
    ach, unser Fleisch, einst unser liebst Ergetzen,
    jetzt ist es längst verfault und hängt in Fetzen,
    samt unsern Knochen fast zu Staub zerfallen.
    Doch wolle Keiner seinen Witz dran wetzen --
    nein: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen!

    Mißachte, Bruder, nicht dies unser Flehn;
    du weißt ja, der +du+ unser Bruder bist,
    obgleich uns nach Gesetz und Recht geschehn,
    daß nicht ein jeder Mensch vernünftig ist.
    Verwende dich von Herzen als ein Christ
    beim Sohn der Jungfrau, daß er seine Gnade,
    da wir nun tot sind, auch auf uns entlade
    und uns behüte vor des Satans Krallen.
    Die Seele, Bruder, stirbt nicht mit am Rade --
    ja: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen!

    Sturzregen haben unsern Leib zerspült,
    die Sonne uns geschwärzt und ausgedörrt,
    Krähn, Raben uns die Augen ausgewühlt,
    uns Bart und Brauen aus der Haut gezerrt.
    Niemals, kein Stündchen Ruh am warmen Herd;
    nur wipp und wapp, und immer wippwapp wieder,
    umschwärmt von Krähn, die Winde um die Glieder,
    zerhackt, zerlöcherter als Hosenschnallen!
    Ja: vor Uns Brüdern seid ihr sicher, Brüder --
    doch: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen!



Rettung zu Gott

Nach Verlaine


I

    Mein Gott hat mir gesagt:
                      „Sohn, man muß Mein sein! Mein!
    Sieh meine durchbohrte Brust,
                      mein strahlend, blutend Herz,
    und meine wunden Füße,
                      die Magdalenens Schmerz
    mit Tränen wusch; und siehst,
                      siehst die große Pein
    meiner Arm-und-Hände
                      durch deine Sündenschuld,
    siehst das Kreuz, die Nägel,
                      und spürst und fühlst und glühst,
    daß diese bittre Welt
                      des Fleisches nichts versüßt
    als Mein Fleisch und mein Blut,
                      mein Wort und meine Huld.

    War ich nicht Dein, mein Sohn,
                      dein bis in den Tod?
    mein Bruder du im Vater,
                      mein Kind, mein Sohn im Geist!
    Und hab ich nicht geduldet,
                      wie die Schrift verheißt?
    Hab ich nicht geschluchzt
                      für deine Angst und Not?
    Und war mein blutiger Schweiß nicht
                      der Schweiß deiner Nächte,
    mein Freund, mein armer Freund du,
                      der gern zu mir möchte!“


II

    Und ich --: Herr! du sagtest
                      meine ganze Seele.
    Ja, ich will zu dir, Herr,
                      suche und finde nicht.
    Du, dessen Liebe lodert
                      wie aller Sonnen Licht:
    ich Dein sein, Dein? ich Wurm
                      im Staub und voller Fehle!
    Du Friedensborn, den alle
                      Kreatur erlechzet,
    ach, Einen Blick nur träufle
                      in meinen Gram und Wahn!
    Darf ich denn wagen, Herr,
                      nur deinem Hauch zu nahn,
    ich, der auf eklen Knieen
                      hier vor dir kriecht und ächzet!

    Und dennoch such ich dich,
                      taste, tappe nach dir,
    daß auf mein Elend falle
                      nur deines Schattens Zier.
    Doch +Du+ bist +ohne+ Schatten,
                      Du, dessen Liebe +lodert+,
    du süßer Springquell, bitter
                      nur dem, deß Herz noch modert
    im Rausch der Sündenlust;
                      du Licht, ganz Licht, deß Glut
    und jäher Kuß den blöden
                      Menschenaugen wehe tut!


III

    „Man muß, muß Mein sein! Ja:
                      ich bin, bin der Kuß
    der Allbrunst, bin der Odem,
                      bin dieser Mund, du lieber
    Kranker, von dem du stammelst,
                      der glühende; und dies Fieber,
    das deine Nächte schüttelt,
                      bin Alles Ich! man muß
    nur +wagen+, mein zu sein!
                      Ja: meine Liebe, die
    zu Höhen lodert, wo
                      dein armes Ziegenseelchen
    nicht hinklimmt, wird dich, wie
                      der Adler ein Rotkehlchen,
    empor zu Himmeln tragen,
                      o Himmeln, die -- o sieh:

    sieh meine helle Nacht,
                      du weinend Auge du
    im Schimmer Meines Mondes!
                      sieh dieses Bett von Reinheit,
    all diese Unschuld sieh,
                      all diese Ruh! --
    Sei Mein! +die+ zwei Worte
                      sind meine höchste Einheit,
    denn dein allmächtiger Gott
                      vermag zu wollen -- nein:
    nur erst vermögen will ich dich:
                      sei, sei mein!“


IV

    -- Herr, Herr, zuviel! ich wag’s nicht.
                      Ich Dein? Wer? ich, und Dein?
    Nein, nein, nur zagen darf ich;
                      doch wagen -- nein! ich bebe!
    ich will nicht, ich bin unwert!
                      Ich Dein? Du Kelch und Rebe,
    du aller Heiligen Herz,
                      du liebreich Brot und Wein,
    du aller Gnadenwinde
                      ungeheure Rose,
    du Eifrer Israels,
                      du lichter Falter, dem
    nur die junge Blume
                      der Unschuld angenehm:
    und ich soll Dein zu sein
                      vermögen? ich lichtlose

    Schlacke, ich Frevler, Dein?
                      Herr, bist du rasend?! Ich
    Befleckter, dem die Sünde
                      Beruf ist, der -- o Fluch --
    in allen seinen Sinnen,
                      Gefühl, Geschmack, Geruch,
    Gehör, Gesicht, ja im
                      Gewissen selbst nicht Dich,
    in seiner Buße selbst
                      nur, ach, die Wollust fühlt,
    womit der alte Adam
                      nach neuen Lüsten in ihm wühlt!


V

    „Drum muß man Mein sein! Ich
                      bins, der in dir rast,
    bin der neue Adam,
                      der den alten frißt,
    dein Hunger und dein Mannah;
                      und meine Liebe ist
    so strömender, je näher
                      du der Quelle nahst.
    Ein strömend Feuer ist sie,
                      drin all dein lüstern Blut
    auf immer sich verzehrt
                      und wie ein Duft verdampft;
    und ist die Sintflut, deren
                      schwangere Wut zerstampft
    jedweden schlimmen Keim
                      und all die trübe Brut,

    die Ich gesät, daß einst
                      mein Kreuz so reiner strahle,
    und daß auch Du dereinst
                      durch ein furchtbar Mirakel
    der Gnade Mein sein müßtest,
                      entsühnt all deiner Makel.
    +Sei+ mein! empor! sei Mein!
                      Empor mit Einem Male
    aus deiner Nacht zu Mir,
                      Mir, du verlassner armer
    Schelm, dem nichts blieb als Ich,
                      dein ewiger Erbarmer!“


VI

    -- Herr! Herr! ich fürchte mich.
                      Mein Herz zittert und zagt.
    Ich seh, ich fühls: man muß,
                      +muß+ Dein sein. Aber wie,
    wie, Gott mein Gott, dein +werden+?
                      du Richter, dessen Knie
    selbst der Gerechte kaum
                      anzurühren wagt.
    Ja, wie? Denn sieh, es wankt
                      der Grund, darinnen hier
    mein Herz sein Grab sich grub,
                      und rings auf meiner Flucht
    fühl ich herniederstürzen
                      des Firmamentes Wucht
    und rufe: Herr, wo führt
                      ein Weg von Dir zu mir?!
    Reich mir die Hand, mein Leben,
                      daß dieses Fleisches Weh
    und dieser kranke Geist
                      nur fühle deine Spur!
    Denn jemals zu empfangen
                      und zu genießen je
    die himmlische Umarmung:
                      Herr, ist das möglich nur?
    dein zu sein dereinst?
                      selig in deinem Schooß
    wie Sankt Johannes, Herr, zu ruhn?
                      selig, sündelos?!


VII

    „So möglich wie gewiß.
                      O komm, o siehe, welch
    Entzücken deiner harrt!
                      Laß ab von deinem Harme
    und deinem Trotz! komm, sinke
                      in meine offnen Arme,
    gleichwie der Glühwurm in den
                      erblühten Lilienkelch.
    Komm und verdien es dir!
                      Komm an mein Ohr, schütt aus
    all deine Niedrigkeit
                      mit deinem höchsten Mute!
    sag Alles, Sohn: frei, schlicht
                      und ohne Stolz im Blute!
    reich mir der Reue blassen,
                      schmachtenden Blumenstrauß!

    Dann tritt an meinen Tisch,
                      einfältiglich! da soll
    ein köstlich Mahl, dem selbst
                      die Engel andachtvoll
    nur zusehn dürfen, dich
                      erquicken und entsühnen;
    da sollst den Wein du trinken,
                      den Wein des immergrünen
    Weinstocks, dessen Güte
                      und Kraft und Süßigkeit
    dein Blut befeuern werden
                      für die Unsterblichkeit.

                             *

    „Dann geh und glaube fein
                      demütig an das Urwort
    der Liebe, allwodurch ich
                      dein Leib-und-Seel ich bin!
    Und kehre ja, mein Sohn,
                      sehr oft von neuem in
    mein Haus ein, meinen Wein dort
                      zu kosten und den Schwur dort
    zu leisten auf mein Brot,
                      ohn welches all dein Streben
    nur ein Verrat vor mir!
                      Und bitte mich, wie Brauch,
    mich, Vater, Sohn und Geist,
                      und meine Mutter auch,
    daß du das Lämmlein werdest,
                      das stumm versprützt sein Leben,

    daß du das Kindlein werdest,
                      bekleidet mit dem Linnen
    der Unschuld, und dein eigen
                      armselig Sein und Sinnen
    vergessest, um einst Mir
                      ein wenig gleich zu werden,
    Mir, der zu Zeiten des
                      Pilatus und Herodes,
    des Petrus und des Judas
                      auch dir gleich ward auf Erden,
    für dich am Kreuz zu sterben
                      eines verruchten Todes.

                             *

    „Und um zu lohnen deinen
                      Eifer in diesen Pflichten,
    die also süß, daß ihre
                      Wonnen unsäglich sind,
    will ich dich schmecken lassen
                      schon auf Erden, Kind,
    den Vorschmack Meines Friedens:
                      meine dunkellichten
    geheimen Nächte, wo
                      der Geist sich meinen Söhnen
    auftut und vom vollen
                      Kelch der Verklärung trinkt,
    wo hoch am heiligen Himmel
                      der Mond verheißend blinkt
    und aus der rosigen Finsternis
                      die Engelchöre tönen,

    verkündend die Entrückung
                      empor zu Meinem Lichte,
    die ewigen Küsse meiner
                      Langmut und Erbarmung,
    die Psalmen meines Ruhms
                      und ewigen Traumgesichte,
    die ewige Weisheit und
                      die ewige Umarmung
    im Schauder deiner seligen
                      Schmerzen, die auch mein:
    den Aufrausch der Verzückung,
                      Mein zu sein!“


VIII

    -- Ach! Herr! wie wird mir! Sieh mich:
                      weinend vor Deine Füße
    stürz ich, schluchzend und jauchzend!
                      deine Stimme macht
    mir wohl und weh! mein Auge
                      weint, meine Seele lacht!
    und all das Weh, das Wohl
                      hat all die selbe Süße.
    Aus Tränen jubl’ich, Herr!
                      Aus meiner Inbrunst wecken
    mich Hörnerrufe; Waffen
                      winken auf klirrender Au,
    funkelnde Schilde, und drüber
                      Engel in Weiß und Blau,
    und dieser Hörnerruf
                      füllt mich mit Wut und Schrecken.

    Den Taumel fühl ich, fühle
                      das Graun der Auserwählten.
    Ja, ich bin unwert, aber:
                      Herr, Deine Gnad ist groß.
    Sieh: voller Dank, voll Demut:
                      hier, sieh mich Schweißgequälten,
    o sieh mich Glutbeglückten --
                      obgleich ein namenlos
    Erschauern, Herr, den Trost mir
                      deines Mundes schwächt,
    und zitternd geht mein Atem -- --


IX

    „So, altes Herz, so recht!“



Mirakel

Nach Verlaine


    Da kam ein stiller Reiter
                      mit Namen Unglück her;
    der stieß in mein alt Herz mir
                      seinen dunkeln Speer.

    Mein alt Herz gab gar einen
                      trüben Auswurf Blut;
    der ist auf der Haide vertrocknet
                      in der Sonnenglut.

    Mein Auge losch in Schatten,
                      ein Schrei ging aus mir aus,
    und mein alt Herz erstarb mir
                      in einem wilden Graus.

    Drauf hat der Reiter Unglück
                      seltsamlich gerastet,
    stieg vom Pferd hernieder sacht
                      und hat mich angetastet.

    Seine Handschuhhand von Eisen
                      fuhr in meine Wunde,
    indeß er einen Bannspruch sprach
                      mit seinem harten Munde.

    Und als mich also eisig
                      durchfuhr die Hand von Eisen,
    ward mir ein neues Herz geboren,
                      da will ich Gott für preisen.

    Ein Herz, gar jung, gar rein und gut,
                      das schlug wohl sonder Fehle,
    denn heller Gluten trunken
                      genas mein Blut und Seele.

    Aber schier geblendet
                      lag ich und glaubt es kaum;
    wie Einer, dem die Herrlichkeit
                      des Herrn erscheint im Traum

    Da stieg der stille Reiter
                      wieder auf sein Tier,
    und gab den Sporn, und jählings
                      hob er sein schwarz Visier

    und schrie, und jetzt noch fährt mirs
                      durch mein Ohr wie Stahl:
    Hüt dich! so gnädig komm ich
                      +nur Ein Mal+! --



Stimme von oben


    Willst du von Gott neue Wunderzeichen,
                    arbeite!
    Willst du alten Göttern wunderlos gleichen,
                    genieße!
    Willst du nichts Göttliches erreichen,
                    verzweifle!



Bach’sche Fuge


    Es steigt ein Geist vom Gnadenstuhl,
    tief unten raucht der Sündenpfuhl,
    und brodelts noch so lavaheiß,
    von oben nahts wie klares Eis,
    taucht strahlend in den Höllenschlund,
    bis der erstarrt zum Himmelsgrund,
    nun steigt auf Stufen von Kristall
    der Geist zurück ins blaue All,
    nun spiegelt sich im Sündenpfuhl
    wie lauter Licht sein Gnadenstuhl.



Rembrandts Gebet


    Seele des Lebens,
    Licht hüllt dich ein.
    Kommt, Schatten, helft! schlagt drein! schlagt drein!
    reißt mir aus Schein und Widerschein
    das Geheimnis!

    Was starrst du stahlblank,
    männlicher Panzerhut,
    Augäpfel an
    voll weiblicher Dämmerglut?
    Was späht im Blitzstrahl hinter der Wolkenwand
    über dem Volksaufstand
    jenes Geisterantlitz?

    Schrei nicht nach Klarheit, Mensch:
    Verklärung soll sein!
    Komm, Lichtschein, hilf! schlag in die Schatten drein!
    Geheimnis, pack ich dich?

    O heiliger Mummenschanz:
    nicht hell, nicht dunkel: ganz
    in Offenbarungsglanz
    hüllst du auch mich,
    Seele des Lebens.



Die Schöpferhand

August Rodin zu Ehren


    Chaos bedrängte dich, du Geist: Sturzwelt:
    roh Erz, plumpes Gestein, wüst stiebender Sand:
    empörte dich in alle Fibern zum Widerstand,
    und durch die störrische Masse
    ordnungsbrünstig
    drang deine Schöpferhand.
    Da ward der Denker, der mit brütender Wut
    das Kinn auf die geballte Rechte preßt,
    da ward die Schöne, deren nackte Glut
    sich von der stürmischen Woge tragen läßt,
    da ward der Dichter, dem die Weltschrecken
    das Haupt recken,
    und wird ein Turm, wo Menschenarbeit kündet,
    welch Himmelreich der Erdgeist gründet.



Der letzte Traum

Zum Gedenken an Detlev v. Liliencron


    Es war am sechsten Abend, und Gott sprach:
    Alles ist gut geworden. Alles. Nur
    der Mensch: was ist der Mensch? Er träumt wie Ich.
    Er möchte ewig leben, ewig träumen.
    Wenn ich nur schlafen könnte! endlich schlafen! --

    Es war am sechsten Abend, und ein Dichter
    sprach auf dem Sterbebett: Was ist der Mensch?
    Er hielt die Hand des liebsten Freunds umklammert,
    er wollt ihn ansehn mit den Schöpferaugen,
    sie irrten durch ihn hin wie Säuglingsaugen
    durch eine fremde, unerschöpflich fremde,
    traumvolle Welt -- er stammelte:

    Sechs Tage keinen Schlaf. Nur Träume. Hörst du?
    Alles war gut. Nur Ich -- was ist mit mir?
    Ich seh da immer Menschenschaaren ziehn --
    da an der Wand -- Heerschaaren -- Kriegerschaaren --
    von Land zu Land mit mir -- Erobrerschaaren --
    von Stern zu Stern -- zur Schlacht -- Schlachtopferschaaren --
    im Traum -- sie opfern sich für Gott hin -- hörst du?
    die ganze Welt hin -- sich hin -- mich hin -- Gott! --
    Wenn ich nur endlich schlafen könnte -- schlafen -- --



Ruhe

Nach Verlaine

Auf die Nachricht vom Tode des Dichters


    Ein großer schwarzer Traum
    legt sich auf mein Leben;
    Alles wird zu Raum,
    Alles will entschweben.

    Ich kann nichts mehr sehn,
    all das Gute, Schlimme;
    kann dich nicht verstehn,
    o du trübe Stimme.

    Eine dunkle Hand
    schaukelt meinen Willen,
    glättet mein Gewand,
    still im Stillen.



Ecce Poeta


    Doch hör ich noch der Tausende Entzücken
    und Ihn von seinen goldnen Sternen sprechen,
    und sehe noch ihn seine Rosen brechen
    und noch den Kranz das Haupt ihm blutig drücken.

    Sie lagen jubelnd an den Silberbächen
    und ließen sich mit seinen Blumen schmücken,
    und sahn ihn Blüte nur um Blüte pflücken
    und nicht die Dornen ihm die Stirn zerstechen.

    Sie waren alle jammernd hergekrochen,
    und Jeder sprach von Plagen ohne Zahl.
    Er hatte Allen alle weggesprochen;
    verschmachtet sank er hin am Bachesrande.
    Da starrten sie, da sahn sie seine Qual.
    So träumte mir in unserm Vaterlande.



Die ferne Laute


    Eines Abends hört ich im dunkeln Wind
    eine ferne Laute ins Herz mir singen.
    Und ich nahm die meine im dunkeln Wind,
    die sollte der andern Antwort bringen.
    Seitdem hören Nachts die Vögel im Wind
    manch Gespräch in ihrer Sprache erklingen.
    Ich bat auch die Menschen, sie möchten lauschen,
    aber die Menschen verstanden mich nicht.
    Da ließ ich mein Lied vom Himmel belauschen,
    und da saßen Nachts um mein Herzenslicht
    die Unsterblichen mit hellem Gesicht.
    Seitdem verstehn auch die Menschen zu lauschen
    und schweigen, wenn meine Laute spricht.



Notturno


    So müd hin schwand es in die Nacht,
    sein flehendes Lied, sein Bogenstrich,
    und seufzend bin ich aufgewacht.
    Wie hat er mich so klar gemacht,
    so sanft und klar,
    der Traum -- und war
    doch bis ins Trübste feierlich.

    Hoch hing der Mond, das Schneegefild
    lag bleich und öde um uns her,
    wie meine Seele grauenschwer.
    Denn neben mir, so starr und wild,
    so starr und kalt wie meine Not,
    von mir gerufen voll Begehr,
    saß stumm und wartete der Tod.

    Da kam es her: wie einst so mild,
    so müd und sacht,
    aus ferner Nacht,
    so kummerschwer
    kam einer Geige Hauch daher,
    kam dämmernd her des Freundes Bild.

    Der mich umflochten wie ein Band,
    daß meine Jugend nicht zerfiel,
    und daß mein Herz die Sehnsucht fand,
    die große Sehnsucht ohne Ziel:
    da stand er nun im öden Land,
    ein Schatten trüb und feierlich,
    und sah nicht auf noch grüßte mich.
    Nur seine Töne ließ er irrn
    und weinen durch die kalte Flur;
    und mir entgegen starrte nur
    aus seiner Stirn,
    als wärs ein Auge hohl und fahl,
    der tiefen Wunde dunkles Mal.

    Und trüber quoll das trübe Lied,
    und quoll so heiß, und wuchs, und schwoll,
    so heiß und voll
    wie Leben, das nach Liebe glüht,
    wie Liebe, die nach Leben schreit,
    nach ungenossener Seligkeit,
    so wehevoll,
    so wühlend quoll
    das strömende Lied und flutete;
    und leise, leise blutete
    und strömte mit
    ins öde Schneefeld, rot und fahl,
    der tiefen Wunde dunkles Mal.

    Und müder glitt die müde Hand,
    und vor mir stand
    ein bleicher Tag,
    ein ferner bleicher Jugendtag,
    da starr im Sand
    er selber ein Zerfallner lag,
    da seine Sehnsucht sich vergaß
    in ihrer Schwermut Übermaß
    und ihrer Traurigkeiten müd
    zum Ziele schritt;
    und laut auf schrie das weinende Lied,
    wie Todesschrei, und flutete,
    und seiner Saiten Klage schnitt
    und seine Stirne blutete
    und weinte mit
    in meine starre Seelennot,
    als sollt ich hören ein Gebot,
    als müßt ich jubeln, daß ich litt,
    als möcht er fühlen, was ich litt,
    mitfühlen alles Leidens Schuld
    und alles Lebens warme Huld --
    und weinend, blutend wandt er sich
    ins bleiche Dunkel, und verblich.

    Und bebend hört ich mir entgehn,
    entfliehn sein Lied. Und wie es zart
    und zarter ward,
    der langen Töne fernes Flehn,
    da fühlt ich kalt ein Rauschen wehn
    und grauenschwer
    die Luft sich rühren um mich her,
    und wollte bebend nun ihn sehn,
    ihn lauschen sehn,
    der wartend saß bei meiner Not,
    und wandte mich --: da lag es kahl,
    das bleiche Feld, und fern und fahl
    entwich ins Dunkel auch der Tod.
    Hoch hing der Mond, und mild und müd
    hin schwand es in die leere Nacht,
    das flehende Lied,
    und schwand und schied,
    des toten Freundes flehendes Lied;
    und dankbar bin ich aufgewacht.



Ein Ewiger


    Ich lag in einem dunkeln Taxushain
    und hatte Furcht.
    Im Schatten vor mir saß ein Mann,
    der war wie eine große
    nebelvolle Höhle,
    in der ein riesenhafter Dachs der Urzeit
    neue Welten träumte.
    Nur ab und zu
    schob er seine schweren Wühlerhände
    durch das Gitter,
    und mit grauen,
    grausam traurigen Augen
    griff er sich ein Menschenhirn zum Fraß.
    Und über ihn, im Hintergrund der Höhle,
    mit unendlich weichem,
    kleinem, stolzem Munde,
    lag eine schöne geistesirre Frau gebeugt,
    die weinte über den traurigen Dachs.

    Da hob der Mann
    die starre Gottesstirne zu mir her,
    darüber ihm die Haare
    seidenfein und blond
    in langen wirren Wellen lagen,
    als ob er eben aufgehört zu fliegen;
    und seine scheuen Frauenlippen zuckten.
    Ich aber sah hinauf,
    wo durch den dunklen Taxuswald
    der kalte blaue Himmel strahlte,
    klar, weit, hoch,
    und sah die Sonne um das Höhlengitter blitzen,
    und eine Freude wie im Winter
    zerbrannte meine Furcht zu Funken,
    die sprühten einen Namen in das Dunkel,
    sternhell:
    +Strindberg+.



Loke der Lästerer

Nach Strindberg


    Götter der Zeit, ich schmähte gestern,
    und schmähen will ich euch auch heut,
    Götter der Zeit, euch ewig lästern;
    hört mein lachendes Lästergeläut!

    Ihr führt die Macht, ich führe Klage,
    ich führe das Wort in meiner Macht.
    Dreizehn liegt ihr beim Gelage;
    das bedeutet Totenwacht,
    Unfall, Hinfall -- singt die Sage.
    Götter, nehmt euch gut in Acht:
    sehr schnell eilen die lustigen Tage,
    Götter, Götter, und Loke lacht!

    Ja, ich saß in jüngeren Stunden
    zu Gast in eurem Freudensaal:
    an dem Strick, den ihr gebunden,
    hingeschleift zu euerm Mahl.
    Darum: eure eiternden Wunden,
    Loke kennt, kennt ihre Zahl!

    Ekel fühlt ich vor den vollen Gefäßen,
    und euer Wein war ekler noch;
    euer Singsang verdarb mir das Essen,
    der fad wie dünne Brühe roch.
    Und das könnt ihr Loke nicht vergessen,
    daß er nicht lobkrähend vor euch kroch.

    Nein, ich will kein Loblied krähen,
    will nicht singen für euern Fraß;
    nein, ich will euch lieber schmähen
    mit meinem großen, schönen Haß!

    Meine Sehnen habt ihr mir zerstochen,
    mich geschmiedet auf dies Gletscherjoch,
    mir die Zähne ausgebrochen,
    aber meine Zunge lästert doch!

    Ja, ich habe eure Schmach verraten,
    Götter -- das war all mein Fehl;
    eure heiligen Greueltaten,
    eurer festen Schlösser Sündenhehl.

    Drum heißt Loke der Erste der Hasser,
    der Lästerer Erster in euerm Lied;
    ja, es ehrt, es ehrt ihn, daß er
    Verräter verriet!

    Wenn den Gewaltigen straft der Schwache,
    dann heißt die Strafe Rachewut.
    Sei’s! Ja, Götter: ich übte Rache,
    hört es, Rache -- und rächte gut!

    Habe erbrochen die Bundeslade,
    habe den Moder ans Licht gescharrt,
    euch abgerissen die Maskerade
    und eure Nacktheit offenbart.

    Habe euern Götzendienst verachtet,
    von euern Bildern den Flitter geklopft;
    habe das goldne Kalb geschlachtet,
    +sah+ das Stroh, womit es ausgestopft.

    Habe gerächt, du alte Götterhure,
    gerächt all meiner Jugend Weh,
    als ich knien gemußt zum eklen Schwure
    und dir Weihrauch streun, du Lügenfee!

    Ja: mein Wahrheitswort, das lachte
    ins Gesicht dem Götterpack,
    daß ihr Schloß und Tempel krachte --
    hah, wie rannte das Köterpack:

    die Göttervetteln, die Götterpinsel:
    Der knöpfte die Hosen fest, Die nahm
    die Unterröcke mit Gewinsel
    vor die kranke verschrumpfte Scham.

    Aber die Lüge ging zum Pfuhle
    und fischte Nattern im dumpfen Hain;
    die ließ die tückische Götterbuhle
    Gifte in Lokes Antlitz spein.

    Und dann schlugen sie Loke in Ketten,
    Hundert gegen Einen war die Tat;
    doch -- in ihren Götterlotterbetten
    schrein sie doch von Hochverrat.

    Ja, in Ketten liegt er auf der Klippe,
    aber seine Zunge ist noch frei,
    und die alten Göttergerippe
    zittern +noch+ von seinem Geschrei.

    In den langen Nächten seiner Qualen
    sitzt an seinem harten Bett sein Weib,
    schützt ihm liebreich mit kristallnen Schalen
    vor dem Nattern-Eiter seinen Leib.

    Wenn dann die tückischen Vipernrotten
    beißen wollen die treue Hand,
    dann hört Loke auf zu spotten:
    wie der Sturm dann bricht sein Zorn ins Land.

    Wenn er seine Ketten schüttelt,
    dröhnen die Berge und das Feld;
    in Hütten und Burgen, wachgerüttelt,
    ahnt man bebend das Ende der Welt.

    Da hört Loke auf zu lästern,
    sondern aus den düstern Augen drohn
    sengende Blitze den Götternestern,
    und er ruft nach seinem Sohn.

    Der Midgardsdrache, der Weltzerstörer,
    dann läßt er rasseln sein Schuppenfell
    und reckt den Schwanz, der Weltempörer,
    hinten am wilden Wolgaquell.

    Und es prasseln und knacken und splittern
    die Forsten im Wolkonskywald;
    und die Pyrenäen zittern,
    wo sein Bauch zuckend sich ballt.

    Und seine Brust zerpeitscht zu Schäumen
    des Seine-Stromes heilige Flut,
    dessen Ufer noch glühn und träumen
    von Erlösung und von Blut.

    Aber: wo der Drache das Haupt geborgen,
    fragen die feigen Götter und schrein.
    Ewig folgt auf heute morgen;
    mein Bescheid wird euer Gestern sein!

    Denn wenn Er sein Haupt erhebt zur Rache,
    Götter, +aus+ ist dann die Zeit!
    Wißt ihr: wenn erst zischt der Drache,
    wird euch +nie+ mehr Unheil prophezeit!

    Dann erliegt die Welt dem Brande,
    der verbrennt, was brennen soll,
    der das Gold befreit vom Schlackensande,
    der verschont, was lebensvoll.

    Und der alte dürre Norden,
    dann vom Feuer reingeglüht,
    fruchtbar Ascheland geworden,
    saamt sich neu, gebärt und blüht.

    Dann, in ewig grünen Hainen,
    neu geboren, lebt ein frei Geschlecht,
    nicht verkrümmt von heiligen Gängelleinen,
    Keiner mehr ein Götterknecht.

    Götter, wenn sich dann die Raben
    um eure Gräber tummeln auf der Flur,
    keine Träne wird dann Loke haben,
    seine ewig junge Hoffnung nur!

    Ja: sein Gelächter fiel gleich Steinen
    schwer in eure Götterruh,
    denn er glaubt an jenen seinen Einen,
    nicht an euer Blindekuh.

    Doch euren Gräbern lacht sein Geläute
    wie Freundesnachruf: Götter der Zeit,
    ruht in Frieden, Götter! Heute
    lebt die Gottheit der Ewigkeit.



Um Ibsens Schatten


    Als du, gewaltiger Schatten, noch des Körpers waltetest,
    der siebzigjährig beim Geburtstagsfestbankett
    uns jungen Männern unerschütterlich Bescheid tat,
    warf ich auf dich vom trotzig hochgeschwungenen Becherrand
    den trunknen Spruch:
    Skaal, Ibsen, Skaal,
    du Feind der Halbheit, Meister des Doppelsinns!
    ich schleudre dir ein Wort zu, das dich ganz beleuchtet:
    Skaal, du vom heiligen Geist Beschatteter! --

    Nun sitzen wir beim Todesfestbankett,
    trotzig auch heut, doch nicht von flüchtiger Trunkenheit,
    Jeder im Rücken seinen eigenen Schatten fühlend,
    ein Kranz von Schatten um den leeren Platz, Gewaltiger,
    der du im Lichtkreis über unsrer Tafel geisterhaft,
    noch unerschütterlicher als dein Körper einst,
    lastest.

    Warum entschwebst du nicht? willst du uns prüfen?
    O! mit noch höher geschwungenem Becherrand
    will ich dir dann Bescheid tun, schweigsamer Gast.
    Sieh, wie mein Schatten auffährt! und rings um mich
    an allen Wänden, allen Ecken des Saals empor
    heben sich Schatten-Arme, mitschwingende, heben
    Dich, Dich, du Unerschütterlicher, auch empor
    durchs düstre Flackerlicht des Trauerraums,
    durchs rauchgeschwärzte Schnitzwerk, Decke und Dach,
    empor durchs Sternenbildergewölb der Frühlingsnacht,
    bis dahin, wo kein irdisches Zwielicht mehr uns täuscht --
    nun schwebst du hoch genug für unsre Andacht.

    Da sehn wir dich im Strahlenschooß der Allmacht ruhn:
    tiefschwarz von Lichtquell zu Lichtquell dich dehnend
    schwebst du im Spiegel unsrer begeisterten Augen,
    schwebst, lebst, und waltest.

    Und so -- mit unsern begeisterten Augen -- siehst du,
    wie Männer kommen: einsam, einzelne nur,
    doch von Jahrhundert zu Jahrhundert kühnere,
    wortkarg wie Du, sinnstark wie Du:
    die kämpfen ihre Zweifel vor dir aus.
    Und Frauen siehst du kommen: mehr und mehr,
    und von Jahrtausend zu Jahrtausend stolzere,
    wortscheu wie Du, werktreu wie Du:
    die richten ihren Glauben an dir auf.

    Dann wird wohl Eine -- o! ich seh ihr Gesicht,
    braun ist’s von Sonne, so hart wie Erz kann’s scheinen
    und kann wie Honigwabenhaut so zart sein --
    wird dir in einer heilig strahlenden Nacht wie heut
    einst zulächeln:
    Dank, Ibsen, Dank,
    du Freund des Gradsinns, Seher des Widersinns!
    ich bring dir einen Blick dar, der dich voll beglänzt:
    Dank, du vom ewigen Licht bestärkter,
    gewaltiger, unerschütterlicher Schattengeist! --



Götterhochzeit

Ein Zwiegesang


    O ewig Gesuchte!
    „O endlich Gefundener!“
    Im Umsturz der Welten!
    „Am Quell der Gestirne!“
    Überm donnernden Absturz
    meiner verschütteten Geister.
    „Unterm sanften Aushauch
    unsrer verströmten Seelen.“
    Die Sphären weinen.
    „Der Äther lächelt.“
    Äonen waren.
    „Äonen werden sein“ --
    werden --
    „sein! --
    laß uns lachen, Geliebter!“
    Lachen?
    „Jubeln!“
    Geliebte, wem?
    „Äon dem Ungeborenen!“
    Äon dem Wiedergeborenen ...



Schöpfungsfeier

~Oratorium natale~


Chor der Ahnen:

    Welch ein Festtag! Wieder reihn sich Flammen,
    wieder neigen Blumen sich zusammen,
    Kind, weil Du am Leben bist.
    Kind, noch immer Kind, trotz deinen Jahren,
    horch, ein Vatergeist will heut erfahren,
    ob dein Herz dem Leben dankbar ist.

Der Vatergeist:

    Sieh, er fragt dich mit gebeugtem Rücken,
    den die Schatten seiner Taten drücken,
    doch mit ungebeugtem Sinn:
    Denkst du noch an meine Züchtigungen,
    harten Worte, strengen Forderungen?
    wozu nahmst du soviel Trübes hin?

    Und ich seh, du blickst auf deine Hände,
    auf dein Festgewand, auf Tisch und Wände,
    und du lächelst stolz und mild.
    Ja, du lerntest dich zum Schaffen zwingen,
    all das Wohlgefügte dir erringen,
    das dich heut entzückt als helles Bild.

    Aber dazu Jahre voller Plagen,
    um ein Augenblickchen zu erjagen,
    wo das Leben Glanz gewinnt?
    Aber schon ergreift mich dein Entzücken,
    dankbar hebt sich mein gebeugter Rücken:
    dieser Augenblick ist göttlich, Kind!

Chor:

    Dieser Augenblick ist selbst dem Bangen
    einer Mutterseele Dank genug.
    Heut erscheint sie dir von Glanz umfangen,
    die dich einst mit dunklem Lichtverlangen
    unter ihrem Herzen trug.

Die Mutterseele:

    Voll Entsetzen hörte sie dich wimmern,
    als man dir vom Körper wusch ihr Blut.
    Zaghaft sah sie in verhängten Zimmern
    dein klein Seelchen wie ein Flämmchen flimmern;
    heut ist’s eine große Glut.

    Saaten Lichtes treiben in dir Sprossen,
    überschwänglich flammt die Himmelsflur;
    Welten hält dein freier Blick umschlossen,
    strahlend zeigt er Freunden und Genossen
    unsers Daseins ewige Spur.

    Zwar im Nebel auf den irdischen Auen
    tönt bald fern bald nah des Todes Ruf.
    Doch Verklärung quillt aus seinem Grauen:
    unsern Kindern bleibt der Himmel blauen,
    den die Mutterseele schuf.

Ein paar Kinderstimmen:

    Deine Kinder sehn den Himmel gerne,
    auch bei Nacht sein hohes helles Sieb;
    aber mehr als Sonne, Mond und Sterne
    sind uns deine Augen lieb.

    Und so lieb und solche hellen Wunder
    sind auch unsre Augen dir;
    Sonne, Mond und Sterne sind nur Zunder
    zwischen dir und uns, das fühlen wir.

Die Mutterseele:

    Immer heller wird uns angezündet
    rings vom Vater Geist dies Flammenspiel.
    Jede Kerze flimmert ihm verbündet,
    jede Blume schimmert einbegründet
    in sein glanzverhülltes Ziel --

Chor:

    in sein glanzverhülltes Ziel.

Der Vatergeist:

    Immer wieder lockt es die Entzückten,
    bis die Mutter Seele den beglückten
    Schöpfungsaugenblick genießt.
    Weil wir’s nie und immerfort erreichen,
    tragen wir des Ringes heiliges Zeichen,
    das von Hand zu Hand die Welt umschließt --

Chor:

    das die weltenvolle Welt umschließt.



                      Die Verwandlungen der Venus

          Erotische Rhapsodie mit einer moralischen Ouvertüre

                            Zweite Ausgabe



Das entschleierte Schwesternpaar

Moralische Burleske

    Sie war geflochten aus besten Stricken,
    aus bleiverknoteten, festen, dicken,
    meine Geißel nämlich -- und der Stil
    so grad recht handlich zum Prügelspiel.
    Doch nein: es sollte ja ernst zugehn:
    ich wollte das Schandweib blutig karbatschen,
    diese alte Prüde mal zappeln sehn.
    Also rasch in den Frack! in die Ecke die Latschen,
    die Lackschuh an, Glacés, Chapeau,
    damit nicht etwa, käm ich so
    als Mensch blos, ohne den Affenschniepel,
    Verdacht entstünde: hinaus, du Rüpel!
    Ich las noch einmal die Adresse:
    Frau Geheime Komm.-Rat J. von Kohn
    etcetera -- die „Kommission“
    verschwieg man, schien’s, aus Delikatesse.
    Eine Krone drüber, riesengroß,
    ersetzte das „geborne“ Schwänzchen.
    Da war ich geladen zum Lesekränzchen.
    Denn, verehrter Leser, ich träumte blos.

    Hm! dacht ich: wie wird sie mich begrüßen?
    Wahrhaftig, sie hatte Karriere gemacht,
    hatte mich immer schon ausgelacht --
    na warte, Kröte, heut sollst du’s büßen!
    Ich übte Probe; verdammt, das zog,
    wie die Knute um Wade und Schienbein flog!
    Ich knöpfte sie zärtlich unter die Weste,
    ich übte den Handgriff, es ging aufs beste.
    Noch ein Blick in den Spiegel! famos, famos,
    das wird ein lustiges Lesekränzchen:
    erst Faust von Goethe, und dann mein Tänzchen!
    Faust?? -- Wie gesagt, ich träumte blos.

    Wo hatt ich sie eigentlich kennen gelernt?

    Seltsam! ich sann und sann und sinnte,
    meine Gedanken waren wie Stinte:
    kaum da, schon wieder weit entfernt.
    Ich lief und lief, durch Zeit und Raum,
    von Straße zu Straße, in meinem Traum:
    ich wußte genau, ich kannte sie
    seit je, die Dame +Prüderie+ --
    und doch: wer war sie? -- Das war ja rein
    zum rasendwerden mit dieser Fratze:
    Doch immer die selbe! dies Blinzeln! Nein,
    doch nicht! bald lüstern, fast wie’n Schwein,
    bald wie’ne Schlange, nein wie’ne Katze.
    Und dennoch -- Teufel, ich irr mich nicht:
    um diese vielfältigen Blicke immer
    das selbe zahme Kaninchengesicht,
    nein Affengesicht, nein Hühnchengesicht,
    das selbe süßlederne Frauenzimmer.

    Ah -- ja natürlich! klar wie Butter:
    erst war sie die Tochter von unserm Paster.
    Die warnte mich stets vor dem Pfad der Laster;
    dann wurde sie heimlich Fräulein Mutter.
    Das heißt, nicht etwa von meiner Seite,
    ich wußte noch nicht, was der Vogel gepfiffen,
    ich nahm die Worte noch für die Leute;
    ein Andrer, der hatte sie -- besser begriffen.

    Und dann: weiß Gott, das war sie ja +auch+:
    die Frau Patin mit dem verschämten Bauch.
    Ihr seliger Gatte war sehr verderbt,
    er hatte ihr einen Apoll vererbt
    mit nichts als einem Blatt zum Kleide;
    drum band sie ihm, so geht die Fabel,
    aus himmelblauer chinesischer Seide
    ein christliches Mäntelchen vor den Nabel.

    Nein! Himmel! es war ja ihr Fräulein Base:
    das ethisch-ästhetische Fräulein Lucinde,
    die mit der Entenschnabelnase
    und dem Traktätchen „Die Kunst der Sünde“.
    Sie hatte sich züchtig nach einem Mann
    in den vornehmsten Zeitungen umgetan,
    doch wollte keiner die Tugend belohnen;
    nun schrieb sie poetische Rezensionen.
    Ganz Deutschland pries ihren edlen Stil
    ob seiner fließenden Reinlichkeit;
    besonders Dehmeln besprach sie viel
    und beklagte seine Peinlichkeit.
    In Höherem Auftrag ließ sie auch,
    der Staat bewilligte die Mittel,
    ein Werk erscheinen mit dem Titel:
    „Das verbesserte Volkslied zum Schulgebrauch“.
    An den Anfang war als Motto gestellt:
    „Hähnchen von Tharau ists, das mir gefällt“.

    Und immer neue! Verdammte Hexe,
    kaum bist du Eine, so sind es sechse --
    Herrgott, nun ist sie gar ein Mann:
    der Herr Seelenforscher von nebenan,
    Privatdozent und Licentiat,
    der den wunderschönen Vollbart hat,
    er schwingt fürs Frauenwohl die Feder.
    In Schriften spricht er und vom Katheder
    über die höhere Sinnlichkeit
    aller wahrhaft sittlich Emanzipierten
    und die sexuelle Verworfenheit
    und perversen Affekte der Prostituierten;
    er will ein kirchliches Zuchthaus gründen
    zur Korrektur der natürlichen Sünden.
    Die Termini technici liebt er nämlich,
    so ein Fremdwort finden die Damen charmant;
    deutsch klingt gleich alles so beschämlich
    und zehnmal weniger intressant.
    Drum ist er, nur aus besagtem Grunde,
    bei einem Spezialarzt ständiger Kunde.

    Ah, da geht er ja wieder; Herr, warten Sie doch!
    was machen Sie denn so breite Beine?!
    Nein, er ists ja garnicht -- ah: Frau von Knoch
    mit ihrem Möpschen an der Leine,
    seine verehrte Gönnerin.
    Ach nein: Frau Konsistorialrat Klooß,
    mit dem würdevoll wackelnden Doppelkinn,
    die „Witwen- und Waisen-Beschützerin“
    und Fünfmillionenbesitzerin,
    geborene Freiin von -- Kronensproß.
    Ihr Neffe, der war ein deutscher Dichter,
    so einer von dem verruchten Gelichter,
    die alles beim rechten Namen nennen
    und gar keine moralischen Rücksichten kennen;
    dem hat sie natürlich ihr Haus verschlossen.
    Und da hat der Mensch die Frechheit besessen,
    angeblich aus Mangel an Kleidung und Essen,
    und hat sich ’ne Kugel durchs Hirn geschossen.

    Und immer neue! Mein Schädel brannte,
    während ich so durch die Straßen rannte;
    ich lief und lief wie spukgeschreckt.
    Aus allen Mienen, aus allen Blicken,
    als hätte ein Teufel die Welt beleckt,
    schien mir dies Weibsbild entgegenzunicken.
    Seitdem ich die Nase ins Leben gesteckt,
    war sie mir über den Weg gekrochen
    mit ihrem frommen Kaninchengesicht,
    nein Katzengesicht, nein Hühnchengesicht,
    mit ihren schlangengeschmeidigen Knochen.

    Sie hatte so’was in den Augen,
    das schien sich einem ums Herz zu stricken,
    alle Liebe drin zu ersticken
    und jede Männlichkeit auszusaugen.
    Und wo man hinkam, war sie zu treffen,
    sie schien die reine Gesellschaftsklette;
    sie ließen sich alle geduldig äffen
    von dieser verzuckerten glatten Kokette
    mit ihren ahnungslosen Mienen,
    die -- seltsam -- nimmer zu altern schienen
    und die ich auch niemals jung gesehn;
    ihr schien die Natur aus dem Wege zu gehn.
    Zwar: sie auch ihr! denn sonderbar:
    kein Haus, in dem dies Rackervieh
    nicht irgendmal zu finden war,
    blos in den Hütten des Volkes nie.

    Und immer, waren wir mal zu Zwein
    und ich wollte der Hexe die Wahrheit geigen,
    so ein Lächeln und Lispeln: „lassen Sie sein,
    geliebter Freund! wie süß dies Schweigen!“
    und ein Seufzen, ein schmachtendes Fächerwiegen:
    „ich weiß ja, alles ist natürlich!“
    und ein lüstern lauerndes Hüftenbiegen:
    „im Wort nur ist es ungebührlich!“
    Dann aber, wie bei Leckerein
    die Eßbegierden rasch verfliegen,
    fing plötzlich so ein glasiger Schein
    ihre schwülen Blicke an zu lähmen;
    ich konnte den Ekel kaum bezähmen,
    ich fluchte, um nicht auszuspein.
    Das brachte sie jedesmal zum Lachen:
    „Sie wollen die Welt wohl besser machen?“

    Nur manchmal, wenn sie wie in Schauern,
    als ob sich ihr Gefühl ertappte,
    die Lider über die Augen klappte,
    empfand ich was wie ein Bedauern:
    vielleicht steckt doch in all dem Schleim
    ein kleiner verschimmelter Edelkeim.
    Ich spürte dann immer so ein Jucken
    in allen fünf Fingern, ihr die Mucken
    mal mit der Karbatsche auszuplätten;
    man weiß ja, Prügel und dann ein Kuß
    ist verrückten Weibern ein Hochgenuß --
    Das war das Letzte, das konnte sie retten.

    Herrjee, das wars ja, das wollt ich ja eben!
    und siehe da: schon bin ich zur Stelle.
    Sie thronte, von ihrem Stab umgeben,
    der kleine Herr Gatte stand dick daneben,
    grad gegenüber der Zimmerschwelle.
    Die persischen Polster und Teppiche strahlten
    im weißen Schimmer der Glühlichtblüten,
    die Teelöffel klirrten, Brillanten sprühten,
    die Seidenroben rauschten und prahlten;
    auch sprach man schon. Ich legte die Rechte
    verbindlich an mein Westenlätzchen
    und -- fühlte nach meiner Knutenflechte;
    sie steckte sicher; na warte, Schätzchen!

    Laut: Gnä’je Frau, ich habe das Glück.
    Sie schien mich garnicht wiederzukennen.
    Ich nahm die Ehre, mich zu nennen.
    „Ah, der neue Herr Lektor. Ein’n Augenblick.“

    Natürlich! sie hatte jetzt höhere Ziele,
    die Geheime Komm.-Rat J. von Kohn,
    als ihre plebejischen Kinderspiele;
    sie war ja bei Hofe Vertrauensperson.
    Sonst schien sie aber nicht verändert,
    nur sozusagen zart konserviert,
    die verschleierten Augen pikant umrändert,
    und das Haar im „Jugendstil“ frisiert.
    Dem Herrn Geheimen schien, wie Allen,
    seine Geheime sehr zu gefallen.

    Nun fing man an von Kunst zu sprechen.
    Der Herr Geheime sprach: Verzeihn Se,
    wenn ich so frei bin aufzubrechen;
    ich habe Geschäfte beim Hofrat Heinse.
    „Oh“ -- „leider“ -- „bitte“ -- bedauerndes Lächeln,
    Verbeugen und Neigen und Wangenfächeln.
    „Ja, leider dringende Kommission,“
    verschwand mit Würde Herr J. von Kohn;
    nun ging es hoffentlich bald los.

    Ich sah mich um -- i, Gott soll schützen,
    da schienen ja lauter Bekannte zu sitzen!
    Da rechts: Frau Konsistorialrat Klooß,
    geborene Freiin von Kronensproß.
    Da: Fräulein Lucinde von Entenschnabel.
    Da die Patin mit dem verbundenen Nabel,
    und Frau von Knoch mit ihrem Begleiter,
    und die Pastertochter -- na, und so weiter:
    das ganze verehrliche Lesekränzchen,
    wie sie da saßen und standen, die Biedern,
    auf ihren unaussprechlichen Gliedern,
    germanische wie semitische Pflänzchen:
    o Boccaccio, göttlicher Schmetterling,
    dies Häufchen Gemüse in Einer Schüssel,
    das wär was gewesen für Deinen Rüssel,
    wenn nicht auch Dir der Spaß verging!
    Ja, die Frau Geheime war unbestritten
    in den weitesten Kreisen wohlgelitten.

    Gott sei getrommelt und gepfiffen:
    jetzt winkte sie. Die ganze Herde
    schien plötzlich ehrfurchtsvoll ergriffen,
    und mit entsprechender Geberde
    sprach die Geheime: „Lieben Freunde,
    ich bin entzückt und hingerissen,
    daß meine treue Kunstgemeinde
    so fest zusammenhält. Sie wissen,
    daß wir uns heute dem unendlich
    von uns verehrten wundervollen
    Genie von Weimar widmen wollen;
    das heißt, mit Auswahl selbstverständlich.
    Ich darf wohl bitten -- hier, mein Lieber,“
    das ging an meine Wenigkeit,
    sie reichte mir den Faust herüber --
    „die gestrichenen Stellen abzuachten;
    wenns dann gefällig, wir sind bereit.“

    Ich sah in das Buch; zwei Diener brachten
    mir Lesepult und Wasserglas;
    ich sah in das Buch. Ei Teufel -- Das,
    das ging wahrhaftig über den Spaß:
    da war ja +Alles+, schien’s, gestrichen.
    Na, ich nahm Platz, die Diener schlichen
    lautlos hinaus, ich machte tief
    mein Kompliment, mein Auge lief
    die Blätter durch -- aha! hier oben
    ein ganz besonders fetter Strich --
    Und salbungsvoll das Kinn gehoben,
    begann ich ernst und feierlich:

    „Ein Jeder lernt nur, was er lernen kann,
    „Vergebens daß ihr wissenschaftlich schweift;
    „Doch wer den Augenblick ergreift“ --
    man horchte auf -- „das ist der rechte Mann.
    „Ihr seid noch ziemlich wohlgebaut“,
    Fräulein Lucinde nickte zart;
    „An Kühnheit wirds euch auch nicht fehlen.
    „Und wenn ihr euch nur selbst vertraut“,
    ich griff mir schmachtend in den Bart,
    Fräulein Lucinde saß erstarrt,
    „Vertraun euch auch die andern Seelen.
    „Besonders lernt die Weiber führen“,
    der Pastertochter wurde schwach.
    „Es ist ihr ewig Weh und Ach“ --
    die Patin schien der Schlag zu rühren,
    „So tausendfach“ --
    Frau Klooß erkannte mit Gewimmer:
    Herr Gott, das wird ja immer schlimmer --
    „aus Einem Punkte zu kurieren.
    „Und wenn ihr halbweg ehrbar tut“,
    jetzt ging ein Ächzen durch das Zimmer,
    „Versteht das Pülslein wohl zu drücken“,
    die Frau Geheime schien zu sticken,
    „Habt ihr sie alle unterm Hut.
    „Und faßt ihr sie mit feurig schlauen Blicken“,
    schrie ich -- „verdammte Heuchlerbrut,
    „Wohl um die schlanke Hüfte frei,
    „Zu sehn, wie fest geschnürt sie sei“ --
    da platzte die Bombe: ein Jammergeschrei:
    die Frau Geheime lag auf dem Rücken.

    Und krach! auf die Diele das Wasserglas
    und den Lesetisch, und heraus die Knute:
    „Hoppla! Achtung, Frau Zimperschnute!
    Karline, jetzt kommt der Kontrabaß!
    jetzt will ich dir zeigen, wie man streicht!“
    und knautsch, da hatt ich sie beim Wickel.
    Ei, alle Wetter: dies dicke Karnickel,
    das war ja wie’ne Puppe leicht!
    Und plötzlich: Himmel, was war denn +Das+:
    Fräulein Lucinde sank fassungslos
    dem Herrn vom Frauenwohl in den Schooß,
    die Patin schnappte leichenblaß
    nach Luft: in meinen Fingern saß
    -- die Frau Geheime bibberte nur --
    ihre ganze Jugendstilfrisur.
    Und auf der grau strupphaarigen Platte
    -- mir schauderte -- ein Schurf und Schinn,
    ein Schund und Schmiericht, als klebte drin
    die ganze abgekratzte Pomade
    von zehn Jahrhunderten festgefilzt,
    so eingeschimmelt und verpilzt.

    Die ganze Bande lag in Krämpfen;
    na wart’t, Kanaljen, es kommt noch besser,
    ich will euch schon die Ohnmacht dämpfen!
    Und schnipp schnapp flitz: mein Taschenmesser:
    herrjee, wie wurden sie plötzlich munter!
    Frau Klooß, geborene Freiin, schrie:
    „Allmächtiger Vater, er mordet sie“ --
    und holterdipolter, stuhlüber stuhlunter,
    als ob ein Satan zwischen sie führe,
    das ganze verehrliche Lesekränzchen,
    germanische wie semitische Pflänzchen,
    klabotter klabatter hinaus zur Türe.

    „So, Schatz!“ ich nahm sie sacht beim Ränzchen,
    zum Glück hatt ich noch Handschuh an --
    „jetzt wollen wir mal, wie zwischen Mann
    und Weib das manchmal soll passieren,
    uns etwas näher inspizieren!“
    Und rietsch raatsch runter die Brüsseler Spitzen
    und Seidenfranjen und Sammetlitzen,
    und schlitz -- an knöpfen war nicht zu denken,
    so war die Kracke verschnürt und verschnallt --:
    das Taschenmesser! und --: brrr, schnitts kalt
    und heiß mir selber in allen Gelenken,
    wie da aus Flunker und Flitter und Flatter,
    aus Fetzengeknitter und Fadengeknatter,
    aus Watte und Wolle und Fischbeinzacken
    und Gummi-Busen und -Hinterbacken
    mit Winseln und Betteln und Strampeln und Schelten
    sich diese vermickerten Knickknochen pellten.

    Ich stand -- na, wie klein Hans beim Drecke.
    Zum Henker! um diese verschrumpelte Schrippe,
    dies Bastardklümpchen von Spinne und Schnecke,
    dies dürre, lahme Altjungferngerippe,
    da hatte ich Narr mich so geplagt?
    Zwar: Jungfer -- Das zu untersuchen
    bei diesem verbrutzelten Hutzelkuchen,
    das hätte wohl kaum ein Arzt gewagt.
    Ich konnte mich immer noch nicht fassen;
    blos heimlich wünscht ich, hätt ich ihr doch
    das Hemde wenigstens angelassen!
    Pfui Teufel, wie sie da vor mir kroch
    mit ihren Faltenschlitzen und Runzeln,
    mit ihren Zottelzitzen und Zunzeln,
    mit ihren ausgetrockneten Waden
    und eingetrockneten Hinterfladen --
    fast entsank die Geißel meinen Armen,
    mein Ekel stieg bis zum Erbarmen.

    Lern aber einer die Weiber kennen!
    Noch eben mitten in Zappeln und Flennen:
    kaum merkte sie meine Männerschwäche,
    ich merkt’es selber erst durch sie,
    es war die reine Telepathie:
    da grinst und äugelt mich die freche
    Vettel mit ihrer geschminkten Fratze
    so von unten über die Achsel an,
    daß mirs durch beide Nieren rann.
    Ich weiß nicht, ob die alte Katze
    mich etwa zu -- beglücken dachte,
    ob sie sich über mich lustig machte,
    ob diese abgetakelte Ratze
    in ihrer kahlen Scheußlichkeit
    meinte, sie sei dadurch gefeit:
    ich fühlte nur plötzlich eine Wut,
    mir schien das ganze erbärmliche Blut
    unsrer verjammerlappten Zeit
    in dieser Hexe zusammengebreit,
    und -- „So! nu zappel, verwünschte Pute,
    jetzt bin ich mit meiner Geduld zu Rand“,
    hol ich zum Hieb aus mit der Knute,
    da -- -- legt sich sanft um meine Hand
    und rührt mich bis ins weheste Mark
    wie junge Liebe so still und stark
    und warm, um meinen Hals gebogen,
    ein Arm. Und mild, voll Stolz und Huld,
    tönt eines Atems leises Wogen:
    „Laß ab! sie büßt an ihrer Schuld.“

    Und wie sich nun mein Nacken wendet,
    von Schauern mächtig überwallt,
    da steh ich scheu und fast geblendet
    vor einer schimmernden Gestalt.
    Im bleichen Kreis der Glühlichtglocken
    ist ihre Nacktheit heller Tag,
    es spielt ein Schein um Stirn und Locken
    wie Blütenschmelz im Frühlingshag.
    Zur Hüfte nieder um die Brüste
    fließt mantelschwer ihr offnes Haar
    und wogt und flimmert dämmerklar,
    als ob ein Morgenwind es küßte.
    Weiß leuchtet aus der schlanken Rechten,
    zum Gruß geneigt und zum Gebot,
    ein Lilienstab, den dunkelrot
    zwei volle Rosen hoch umflechten;
    so steht sie wehrend, wundersam
    beglänzt. Und ich -- mich überkam
    ein Ahnen wie Erinnerung,
    ein Sehnen, neu und kinderjung:
    ich hatte sie nie noch nirgendwo
    gesehn, und wie mir dennoch so
    ihr freudig Auge, seelenweit,
    und ihres Mundes Zärtlichkeit
    jedwedes Faserchen tief innen
    zu lauter Andacht ließ gerinnen:
    ach, wars denn nicht, als sähe wieder
    meine liebe Mutter zu mir nieder?

    Und wie nun fromm und ganz befangen
    mein Blick an ihr zu Boden wollte
    und doch in bangem Hinverlangen,
    da doch ihr Haar an Ohr und Wangen
    und Brüsten schmeichelnd sie umrollte,
    mein Herz nach ihrer Schönheit schrie,
    als müßtest Du mir, Du, mit weiten
    Armen aus ihr entgegenschreiten,
    du Eine, Einzige, die mir nie
    ein Wort noch Winkchen vorenthalten,
    nicht Seel noch Leibs geheimste Falten,
    seit endlich dein an mein Herz schlug --
    Und wie’s so immer inniger drängte
    und wie mich süß und süßer tränkte
    der dunklen Rosen Wohlgeruch:
    es riß mich nieder ihr zu Füßen
    und machte meine Arme breit:
    „wer bist du, Weib, mit deiner süßen,
    mit deiner milden, herben, süßen,
    unsagbar süßen Herrlichkeit?“

    Und aus der Rechten sacht zur Linken
    läßt sie das Blumenszepter sinken,
    dann spricht sie, über mich geneigt,
    nimmt mir die Geißel aus der Hand nun,
    nimmt eines Teppichs bunten Rand nun,
    indem sie ihn der Andern reicht,
    und winkt ihr mit der Lilie: „Geh!
    bedecke dich! es tut mir weh,
    in deiner Blöße dich zu sehn.“
    Und wieder über mich geneigt nun,
    indeß die Andre scheu entweicht nun,
    tönt ihres Atems leises Wehn:
    „Was wars doch, was in liebsten Lüsten,
    wenn Lippen sich und Seelen küßten,
    den trunknen Blick dir ganz benahm,
    was dich im reinsten Rausch der Wonnen,
    tief in ein Andres einversponnen,
    wie willige Blindheit überkam?
    Dann warst du Mein! ich bin die +Scham+.

    „Mußt dich aber nicht gleich, mein Bester,“
    senkte sie lächelnd die Lilienblüten,
    „so um alles in Eifer wüten.
    Die da, meine mißratene Schwester,“
    nickte sie neckisch nach der Tür hin,
    während sie mir den Scheitel zauste
    und ihre zierlichen Nüstern krauste,
    „Die da ist schon über Gebühr hin
    durch die eigene Ohnmacht gestraft:
    fehlt ihr zur rechten Freude die Kraft.
    Hat ja viele Seelen zu Sklaven,
    alle die Biedern, alle die Braven
    vom werten Orden der Gleißnerschaft,
    alle die zahmen, ewig alten,
    sinnelahmen Halben und Kalten,
    scheint ein gar gewaltiger Bund,
    ist aber doch nur -- nun eben Schund.
    Haben die Welt nie aufgehalten;
    und alles, was sie zu Stande brachten,
    und ihrer Weisheit letzter Grund
    ist -- ihr gegenseitig Verachten.
    Können sich nicht gesund betrachten,
    weil ihrem armen dünnen Blut
    jedes freie Lüftchen wehe tut,
    und machen drum aus ihrer Not
    ein Gebot.

    „Und, Lieber,“ streicht sie zart mein Haar,
    „der Heuchler meint die Lüge wahr,
    der Wahre muß ihn nur verstehn!
    Wenn Kraft und Schönheit nackend gehn,
    man würde sich nicht sehr beklagen;
    doch etwas schwerer zu vertragen
    ist Häßliches, bei Licht besehn.“

    Und während silbern noch im Ohr mir
    ihr fröhlich stolz Gelächter klingt,
    winkt mit den Rosen sie empor mir
    und spricht: „Ein schlechter Boden bringt
    aus echter Wurzel schlechte Blüte.
    Und wer mit schwächlichem Gemüte
    sich schämt, der ist zur Scham verdorben;
    doch ist sie drum nit ausgestorben.
    Wer Löwe ist, der gönnt der Katze
    den Mäusefang in seiner Welt;
    sie will +auch+ leben. +Jede Fratze
    zeugt für den Gott, den sie entstellt.+“

    So beugt sie sich mit gnädigem Kusse
    in heller Anmut zu mir hin,
    und ich, ich fühle ihrem Gruße
    mein ganz Gefühl entgegenglühn --
    glühn, bis mich’s schauernd übermannte,
    ich wieder an ihr niedersank,
    mein Mund auf ihren Brüsten brannte,
    ich ihre Lenden schon umspannte,
    ihr Haar mir um die Finger schlang,
    die Stirn geschmiegt in ihren Schooß --
    Sie aber, hold und mütterlich,
    zupft mich am Ohr: „Ich bitte dich,
    mein lieber Mensch! was willst? laß los!
    ermuntre dich! du -- träumst ja blos.“



Die Verwandlungen der Venus

Nachtwache eines Sehers der Liebe


    Niemals sah ich die Nacht beglänzter!
    Diamantisch reizen die Fernen.
    Durch mein staubiges Kellerfenster
    schielt der Schein der Gaslaternen,

    schielt auf meine frierenden Hände,
    und mich quälen Wollustbilder.
    Grau sind diese nackten Wände;
    doch sie flimmern. Und mein wilder

    irrender Wille kann sich nicht mehr täuschen:
    unsre Lüste wollen fruchtbar sein.
    Mit den Schatten meiner keuschen
    Kammer spielt ein schwüler Schein:

    an den hohen Häusern drüben glühen
    aus der Finsternis die Fenster,
    wo die Freudenmädchen blühen --
    niemals sah ich die Nacht beglänzter!

    Und die Sterne sind wie brennende Blicke;
    Welten sehnen sich nach mir!
    Ich verschmachte. Ich ersticke.
    Ja: ich frevelte an ihr --

    ihr, der ich entrinnen wollte
    und mich wie ein Mönch verkroch,
    der dem Licht der Sinne grollte,
    aber es entzückt ihn doch!

    Selbst in meiner kalten Zelle
    fühle ich das Leben toben,
    der ich wagte, dieses schnelle
    Herz zu dämpfen. Aber oben

    über meinem dunklen Tale,
    +Venus+, seh ich angebrannt
    Deine flammenden Fanale.
    Und den Blick hinaufgewandt,

    ruf ich aus dem tiefen Turme
    meiner Ängste zu dir hoch:
    Göttin, wandle dich zum Wurme,
    sei im Wurme Göttin noch!

    Sausend schaukelt eine Not mein Herz
    wie in erster süßer Knabenfrühe;
    ich verschmachte! ich verglühe!
    jeder Stern ist mir ein Schmerz!

    Ihre Strahlen sind wie stechende Ruten
    marternd, wenn du mich nicht kühlst,
    wenn nicht Du mit deinem gnädigen Blute
    meine dürstende Inbrunst stillst!

    Sieh, da lichtet sich ein neues Fenster,
    zuckt ein steiler Kerzenstreifen --
    niemals sah ich die Nacht beglänzter!
    Ja, entzünde dich dem Reifen,

    +Ewige, lächle! Deine Kerzen bleiben+;
    alle andern sind verblichen.
    Hinter jenen schwarzen Scheiben
    schlafen alle Ordentlichen --

    schlafen, wie sie immer schliefen,
    wenn die Gottheit Ordnung +schuf+,
    während mir aus magischen Tiefen
    auftaucht mit melodischem Ruf


Venus Anadyomene.

    Das ist die alte Stimme wieder,
    aus langen Träumen jung erwacht.
    Sie sang die allerersten Lieder,
    trunken und schüchtern. Sie singt und lacht:

    Über dem grünen Roggenmeere
    wiegte die Glut zwei Pfauenaugen.
    Blühend roch die brütende Leere.
    Tief im grünen Roggenmeere
    lag ein Knabe mit blauen Augen.

    Das war, als du noch Fehle hattest,
    noch alte Furcht und fremde Scham,
    als du noch keine Seele hattest,
    die nur aus +Deinem+ Blut dir kam.

    Aber du sahst die Falter leuchten,
    mit flackernden Flügeln bunt sich greifen;
    träumte dir von zwei dunkelfeuchten
    Augen, und die sahst du leuchten
    unter bunten flatternden Schleifen.

    Das war die Zeit des Schaums der Säfte,
    die Ähren stäubten gelben Seim;
    vieltausendjährige Sehnsuchtskräfte
    erregten schwellend einen Keim.

    Ahntest unterm andern Kleide
    andre nackte Glieder klopfen.
    Deine Hände flackerten beide.
    In die einsam heiße Haide
    quoll ein erster Samentropfen.

    Das tat die Sehnsucht dieser Erde,
    die opfernd um die Sonne schweift.
    Sie sprach das allererste Werde.
    Auf! Die Sprache der Mannheit reift.

                             *

    Habe Dank, du dunkle Geisterstimme!
    Ja, du hilfst mir meine Not begreifen.
    Auf! ich fühls, wie trüb ich glimme;
    laß uns nach Erleuchtung schweifen!

    Mühsam von Enttäuschung zu Enttäuschung
    hab ich mich hierher gewunden,
    um in eisiger Verkeuschung
    starr zum Gleichmut zu gesunden.

    O! noch Einmal war mir aufgegangen
    zweier Augen lockende Hoffnungsmacht:
    eines Sommerglückes Prangen
    mitten in der Winternacht.

    Als mein Herz am allerinnigsten bebte
    -- Wundertäterin, hoffst du +noch+? --
    schloß ich’s ein in dies verspinnewebte
    kahle Vorstadtkellerloch.

    Wie’s mich anhöhnt! Hinter mir, ihr Geister,
    schnarcht die Mitwelt meiner Zelle:
    mein schwerhöriger Schustermeister,
    und sein närrischer Altgeselle.

    Wochendurch hat dieser ledige
    Fleischfeind christlich mich zerrauft,
    Schmachtriemsweisheit mir gepredigt;
    +Tolstoi+ hab ich ihn getauft.

    Nacht für Nacht versucht von Träumen
    dehn ich mich auf meinem harten Lager,
    immer zuchtloser mich bäumend,
    immer gieriger, immer magrer.

    Wie mich hungert! Wie die roten
    Freudenfenster drüben blinken:
    Blut, von dem die scheinbar toten
    Geister meines Innern trinken.

    Trinkt! Beleuchtet mir die Pfade,
    die wir trunken einst geirrt,
    daß mir endlich, endlich doch die Gnade
    glutgeläuterter Erkenntnis wird!

    Steig empor, du übersehr verschönte
    Jünglingslust mit deiner üppigen Zierde!
    Ja, ich hör mich, wie ich nach dir stöhnte,
    ferne Göttin meiner ersten Begierde,


Venus Primitiva!

    O daß der Kuß doch ewig dauern möchte
    -- starr stand, wie Binsen starr, der Schwarm der Gäste --
    der Kuß doch ewig, den ich auf die Rechte,
    tanztaumelnd dir auf Hals und Brüste preßte!

    Nein, länger duld’ich nicht dies blöde Sehnen,
    ich +will+ nicht länger in verzücktem Harme
    die liebekranken Glieder Nächtens dehnen;
    o komm, du Weib! -- +Weib!+ betteln meine Arme.

    O komm! noch fühlt dich zitternd jeder Sinn,
    vom heißen Duft berauscht aus deinem Kleide;
    noch wogt um mich, du Flammenkönigin,
    und glüht im Aschenflor die Kupferseide.

    Gieß aus in mich die Schale deiner Glut!
    Befrei mich von der Sünde: von dem Grauen
    vor dieses Feuerregens wilder Brut,
    von diesen Wehn, die wühlend in mir brauen!

    Es schießt die Saat aus ihrem dunklen Schooß,
    die lange schmachtend lag in spröder Hülle;
    ich will mich lauter blühn, lauter und los
    aus dieser Brünstigkeit zu Frucht und Fülle!

    Ja, komm! satt bin ich meiner Knabenlust.
    Komm, komm, du Weib! Nimm auf in deine Schale
    die Furcht, die Sehnsucht dieser jungen Brust!
    Noch trank ich nie den Rausch eurer Pokale.

    Auf Nelkendüften kommt die Nacht gezogen;
    o kämst auch Du so süß und so verstohlen,
    so mondesweiß! O sieh: auf Sammetwogen,
    auf Purpurflaum, auf schwärzeste Violen

    will ich dich betten -- oh -- dich an mich betten,
    daß alle meine Mächte an des Weibes
    blendenden Göttlichkeiten sich entketten,
    hinschwellend in den Teppich deines Leibes.

    Wunderlich, wie dies Erinnern
    plötzlich mein Erschauern kühlt.
    Ach! der Glutpokal war zinnern
    und zerschmolz mir, kaum gefüllt.

    Dämpfe, die den Himmel schänden,
    seh ich aus den Schlacken kriechen,
    widerlich wie diese Wände,
    die nach Pech und Moder riechen.

    Aus den hohen Häusern drüben dringen
    durch die Schattenmassen Gespenster,
    die den Glanz der Nacht verschlingen;
    schon verdunkelt sich ein Fenster.

    Kommt! ich will die Stirn euch bieten,
    Schatten meiner verpraßten Stunden,
    der ich Tausenden gleich an dir gelitten,
    Weib mit deinen Lasterwunden,

    bis ich auffuhr voll Entsetzen
    vor dem Gift, das ich genossen,
    aus dem Duftbann deiner seidnen Fetzen,
    Weib der Gassen und der Gossen,


Venus Pandemos.

    Das war das letzte Mal. Im Nachtcafé
    der Vorstadt saß ich, müde vom Geruch
    der schwülen Sofapolster und des Punsches,
    der vor mir glühte, und vom Frauendunst
    der feuchten Winterkleider; müde, lüstern.

    Die Tabakswolken schwankten vom Gelächter
    und feilschenden Gekreisch der bunten Dirnen
    und derer, die drum warben. Das Gerassel
    der Alfenide-Löffel am Büffet
    ermunterte den Lärm des Liebesmarktes,
    ununterbrochen, wie ein Tamburin.
    Ich saß, den langen Mittelgang betrachtend,
    und lauschte, wie das Licht des Gaskronleuchters,
    der drüber hing, sich mühsam mit den Farben
    auf den Gesichtern um die Marmortische
    in seiner gelben Sprache unterhielt;
    wozu der schwarze Marmor blank auflachte.

    Ich war schon bei der Wahl -- da teilte sich
    die rote Türgardine neben mir:
    ein neues Paar trat ein. Ein kalter Zug
    schnitt durch den heißen Raum, und Einer fluchte;
    die Beiden schritten ruhig durch den Schwarm.
    Mir grade gegenüber, quer am Ende
    des Ganges, als beherrschten sie den Saal,
    nahmen sie Platz. Der bronzene Kronleuchter
    hing über ihnen wie ein schwerer alter
    Thronhimmel. Keiner schien das Paar zu kennen.
    Doch hört ich rechts von mir ein heisres Stimmchen:
    „Bejejent muß ik die woll schon wo sein.“

    Er saß ganz still. Das laute Grau der Luft
    schrak fast zurück vor seiner krassen Stirne,
    die wachsbleich an die schwachen Haare stieß.
    Die großen blassen Augenlider waren
    tief zugeklappt, auf beiden Seiten lag
    ihr Schatten um die eingeknickte Nase;
    der dürre Vollbart ließ die Haut durchscheinen.
    Nur wenn die üppig kleinere Gefährtin
    ihm kichernd einen Satz zuzischelte,
    sah man sein eines schwarzes Auge halb
    und drehte sich sein langer dünner Hals,
    langsam, und kroch der nackte Kehlkopf hoch,
    wie wenn ein Geier nach dem Aase ruckt.

    Es wurde immer stiller durch den Raum;
    sie blickten alle auf den stummen Mann
    und auf das sonderbar geduckte Weib.
    „Sie ist ganz jung“ -- war um mich her ein Flüstern;
    auch trank sie Milch, und gierig wie ein Kind.
    Doch schien sie mir fast alt, so oft die Zunge
    durch eine Lücke ihrer trüben Zähne
    spitz aus dem zischelnden Munde zuckte, während
    ihr grauer Blick den Saal belauerte;
    das Gaslicht gleißte drin wie giftiges Grün.

    Jetzt stand sie auf. Sein Glas war unberührt;
    ein großes Geldstück glänzte auf dem Marmor.
    Sie ging; er folgte automatisch nach.
    Die rote Türgardine tat sich zu,
    der kalte Zug schnitt wieder durch die Hitze,
    doch fluchte Keiner; und mir schauderte.

    Ich blieb für mich -- ich kannte sie auf einmal:
    es war die Wollustseuche und der Tod.

                             *

    Weicht, ihr Schatten! -- Wie sie zucken,
    wie die Fensterhöhlen drohn!
    Ja, ihr mögt manch Opfer schlucken;
    aber ich, ich sprech euch Hohn!

    Die Laternen flackern greller,
    jäh erlosch das letzte Fenster;
    jeder Stern erscheint noch heller --
    niemals sah ich die Nacht beglänzter!

    Ich! Denn ach --: ich kenne Einen,
    der sah nie zu gleicher Zeit
    Sterne, Fenster und Laternen scheinen --
    dieser Ärmste tut mir leid.

    Beim Geschmetter einer Blechkapelle
    kann er keine Nachtigall hören,
    ohne daß sich auf der Stelle
    seine zarten Ohren empören.

    Ich indessen -- o Mirakel --
    höre das Lied der Nachtigallen
    durch den ärgsten Höllenspektakel
    nur noch himmlischer erschallen.

    Ich Barbar! ich brauch mir meine
    Nerven nicht zu vergesundern;
    ich kann beim Laternenscheine
    manchen Stern erst recht bewundern.

    Mir wehrt keine Kunstscheuklappe
    meinen freien Blick durchs Fenster,
    weder Holz noch Blech noch Pappe --
    niemals sah ich die Nacht beglänzter!

    Leucht auch du mit deinem reinsten
    Licht, du Spürkraft meiner Seele,
    die mitfühlend im gemeinsten
    Wicht noch scheut die eignen Fehle!

    Denn ich weiß, wie Du mich Einsamen
    einst zum edelsten Trotz anschürtest,
    als ich dich, du Allgemeinsame,
    selbst im schmutzigsten Elend spürte,


Venus Socia.

    Da gabs Branntwein und Bier,
    im Spelunkenrevier,
    und ein Lied scholl rührend durch die Tür;
    und das sangen und spielten die traurigen Vier,
    ein Vater mit seinen drei Töchtern.
    Er stand am Ofen, die Geige am Kinn,
    schief neben ihm hockte die Harfnerin,
    und die Jüngste knixte und schloß ihr Lied,
    die Geige machte ti-flieti-fliet:
    „War Eine, die nur Einen lieben kunnt.“

    Die Dritte ging stumm
    mit dem Teller herum,
    ums polternde Biljard, blaß und krumm;
    und nun drehte der Alte die Fidel um
    und klappte darauf mit dem Bogen.
    Und auf einmal schwieg der Keller ganz,
    die Jüngste hob die Röcke zum Tanz;
    die Harfe machte ti-plinki-plunk,
    und die Jüngste war so kinderjung
    und sang zum Tanz ein wüstes Hurenlied.

    Sie sang’s mit Glut,
    das zarte Blut;
    und der schwarze zerknitterte Roßhaarhut
    stand zu der plumpen Harfe gut,
    mit den weißen papiernen Rosen.
    Laut schrillten die Saiten tiflieti-plunk,
    und Alle beklatschten den letzten Sprung,
    und vor mir stand die Tellermarie.
    „Spielt mir noch einmal“, bat ich sie,
    „War Eine, die nur +Einen+ lieben kunnt“! --

                             *

    All mein dumpfes Glückverlangen
    schien dies eine Wort zu klären;
    meine guten Geister sprangen
    auf, als sei’s Musik der Sphären.

    Am Altar der Seele traten
    sie zusammen, flugbereit:
    Zartsinn, Ehrfurcht, Großmut, Lust zu Taten,
    Sehnsucht nach Unsterblichkeit.

    Aber während sie die Herrin feiern,
    übermannt mein sterbliches Herz ein Schaudern:
    wird sich je mein Glück entschleiern?
    Und ich seh mich vor dir zaudern,


Venus Excelsior:

    Ich träume oft von einer bleichen Rose.
    Hell ragt ein Berg; sie blüht in seinem Schatten,
    zum fernen Licht aufschmachtend mit dem matten
    Traumblumenblick aus ihrem dunklen Loose.

    Dann bangt sie mich; tief stockt mein Schritt im Moose.
    Doch weiter muß ich, muß das Ziel erreichen,
    den Gipfel mit den immergrünen Eichen;
    so steh ich schwankend zwischen Berg und Rose.

    Denn wie sich auch mein Fuß bemüht zu kämpfen,
    ich kann die süße Sehnsucht nicht mehr dämpfen,
    aus ihrem Kelch den edlen Duft zu schlürfen.

    Da --: Flügel --: frei! -- und an der Brust die Blume!
    Schon naht der Hain mit seinem Heiligtume,
    wo auch die Rosen immergrünen dürfen.

                             *

    Aller Wunder wundersamstes,
    wie ergründ’ich dich, du Macht,
    die du uns den Lichtweg bahntest,
    Seelenwelt, gehüllt in Nacht!

    Du, o Du, welch Flehn, welch Stammeln
    doppelter Bewältigung:
    Seel in Seele stürzt zusammen,
    Dämmerung in Dämmerung.

    Seele, Seele, wie entbrannten
    angstvoll dein und mein Gesicht,
    bis wir ahnten und erkannten:
    aus der Dämmerwelt wird Licht!

    Fremde Seele, mir erzitternde,
    mir aus all der Seelen Schaar,
    Welt, die meine Welt erschütterte,
    mich verwandelnd ganz und gar,

    bis aus unserm bangen Bunde
    auch das letzte Staunen wich --
    ja, noch lebst du mir im Grunde,
    lauschend, wie dein Blutgeist mich

    aus dem Körperbann der Erde
    los und in ein Lichtreich rang,
    wo wir stammelten: es werde!
    wo auch +mein+ Blut in dich drang,


Venus Creatrix.

    O meine bleiche Braut! du blasse Wolke
    im Arm des Sturms! du bebend Haupt,
    an meine Brust geneigt aus deinen Schleiern:
    erbleichst, erbebst du +mir+?
    O nun erglühst du, heimlich Willige du,
    nun öffnest du die herzverklärten Augen!
    nun ringt sich von den Lippen dir mein Name,
    und inniger küss ich dich -- wir sind allein.

    Allein. O komm, das Licht der Ampel
    wirft Schatten; komm! heut soll kein Schatten sein,
    heut sollen alle, alle Lichter leuchten,
    in einer See von Licht sollst du mir schwimmen,
    du weiße Möwe meine! Flüchte nicht:
    sieh, selbst dem keuschen Himmel noch verwehr ich
    zu lauschen -- horch: der Vorhang rauscht, o komm!
    und jeden Spalt verschließ ich faltenschwer,
    daß nicht die Nacht, die silbern blauende,
    erröte, muß sie deine Schönheit dulden,
    daß nicht der Sterne reine Glut
    sich neidisch trübe, sehn sie Deine Reinheit.

    Tu ab die Myrtenkrone, den Gürtel, komm,
    du bist allein! Die jungen Rosen nur,
    schlaftrunken über unser Bett gebeugt,
    spinnen duftbange Träume
    von purpurner Entfaltung scheuer Knospen;
    die Rosen nur -- und ich.

    Und wie in Träumen, wie auf Düften leicht,
    von Licht zu Licht mit leuchtenden Händen gleit’ich
    und winke -- und du kommst.
    Da sinken und schwinden
    hell von uns weg die irdischen Hüllen alle:
    aus seidnen Wogen steigst du her zu mir,
    und Brust an Brust gedrängt von blendenden Schauern,
    von goldnen Dunkelheiten weit umwölkt,
    wiegen uns fernhintastende Schwingen
    Schooß an Schooß hinüber
    in die Gärten der Ewigkeit.

    Flammen der Sehnsucht wachsen da,
    glühende Bäche voller Erfüllung treiben
    da in Eins die einsam pulsenden Seelen,
    Puls in Puls in Glanz ergossen verbluten
    heimwehwild die zuckenden Wünsche,
    hoch auf strudelt todesselig der Wille,
    dürstend umsaust ihn der Odem der Allmacht,
    und den weltdurchfurchenden Fittig senkt die Inbrunst,
    auszuruhn vom Fluge am Herzen Gottes:
    still in matter Hand
    beut sie die flimmernden Tropfen
    seinem befruchtenden Anhauch dar: ich fühle
    -- fühlst du? Geliebte -- die Quellen des Lebens rinnen!
    Mund an Mund Ihm: trinke! Trunken
    stamml’ich nach
    das Schöpferwort.

                             *

    O Geheimnis der Empfängnis:
    einen Schleier wollt ich lüften,
    und Verhängnis hangend um Verhängnis
    schwillt aus Auferstehungsgrüften.

    Wie erfass ich euch, Gewalten:
    Welt, die schicksalvolle Nebel ballt,
    bis sich Hirngespinnste draus entfalten,
    Mummenschanz der Allgewalt!

    Helft mir, Sterne! Hüter ihr des Zwanges,
    den ich einst als Freiheit pries,
    feurige Führer meines Überschwanges,
    ja, ihr schürt das Paradies

    himmelstürmenden Schöpferwahns mir wieder,
    und mein Haupt wie damals reckend
    -- Blitze stürzten um mich nieder --
    fühl ich, wie ich mich am Schrecken

    meiner glutgeblendeten Braut berauschte
    und mich selbst als Gott besang,
    der mit keinem andern tauschte,
    weil ihn +Deine+ Glut bezwang,


Venus Urania.

Psalm an den alten Gott

    Der du in Gewittern hausest,
    kommst du, Grollender?
    Tief von unten,
    über Berge und Wolken her:
    suchst du Mich, im dunkeln Mantel Du,
    schwarzgekrönter Wetterherr,
    mit der bleiernen Stirne?

    Höher doch! näher! herauf zu mir,
    mir und meiner Sonne,
    die ich aus Abgrundnacht an meinen
    Himmel setzte mit kettendem Blick,
    die mich erleuchtet, von mir durchglüht,
    aufgegangen in eine große
    einige einzige Strahlenwelt!

    Ja, du suchst uns,
    willst uns segnen,
    Du mit deiner Donnerglockenstimme,
    willst empor zu +unserm+
    Strahlenherd, Strahlender du!
    Sehnst dich, hell in unser helles
    lichtfrohlockendes Glück zu blicken,
    du +auch+ ein Lichtsproß,
    Lucifer, Lichtschleudrer,
    weltbelebender Erschüttrer -- komm!

    Denn wir kennen dich:
    du bist mein Bruder!
    Komm und sieh: hell
    schaun auch Wir dir
    durch die nachtgraue Maske
    in dein glühend blutendes Herz, das gute:
    Du wirfst Kraft,
    Liebe aufs schmachtende Feld herab,
    wenn du mit wuchtender Faust
    krachend zersprengst
    die dumpf drückende Dunstlast.

    Tobe nur, Kommender! nimm,
    hebe die splitternde Axt!
    Hebe die düstern, schönen,
    schattenumhangenen Lider!
    Grüßt mich, sprüht, ihr jähen,
    Ewigkeit aufschließenden Blicke:
    ja! ich will mich satt sehn, satt
    an dieser funkelnden Unendlichkeit.
    Auf, ihr stürmischen Lippen auch:
    aus eurem rollenden Lobgesang dröhnt mir
    das machtvolle Wort vom Samen der Sehnsucht,
    vom Keim der Kämpfe, der Atem der Lust!

    Sonne, meine Sonne,
    sieh: er hört uns!
    Weh: Er: stählerne
    Ströme sein Blick!
    Über dir -- rette dich --
    Sonne, wo +bist+ du --
    hilf -- o Sonne --
    lieg’ich umklammert,
    liege von blendenden,
    wilden, sausenden Wonnen durchbohrt.

    Sonne, mein zitterndes Licht:
    lache! -- nur den Baum,
    sieh, den Felsen nur
    traf sein zischendes Beil.
    Hörst du ihn jauchzen?
    über der klaffenden Buche,
    über den talab polternden Trümmern,
    im flatternden Bart ihn
    jauchzen sein schmetterndes Lied:

    Wecke den Tod,
    Echo! hell loht
    von Stamm zu Stamm der Strahl der Kraft;
    einer stürzt, der tausend drückte.
    Stürzt der Ragende, wachsen die Ringenden;
    tausend wachsen, Einer ragt.
    Tod zeugt Leben -- stammelt die Menschheit unten;
    hochher schweigt dazu die Ewigkeit.

    Auf, mein knieendes Glück!
    Grolle nur, Donner! Blitz,
    greller noch! triff, zerbrich,
    was furchtsam zitternde Kronen trägt!
    Uns segnest du,
    uns prüftest du,
    Blut von Deinem Blut, mit heißen
    Fingern in deiner Flammentaufe.

    Wir, mein Zitterndes, auf!
    wir sind fromm und heilig:
    mit gefeitem Diademe krönte
    uns die Liebe,
    unsre lichtfrohlockende Liebe,
    zitternd von Andacht und Inbrunst! Und --
    ja -- und trifft auch Uns er,
    will ein Bruderopfer Seine Liebe:
    nimm uns, Lucifer! herrlich
    stürzen wir hin ins Licht auf,
    vermählt verglühend in deiner reinen,
    in unsrer eignen reinen Glut.

    Nein, wir fürchten dich nicht,
    rasend liebender Bruder!
    Wir sind Welt wie Du,
    Lucifer, Lichtbringer:
    Ich und meine Sonne,
    die wir Eins mit allem Licht der Welt sind,
    wir +lieben+ Alles,
    alle Welt muß +Uns+ lieben!

                             *

    Aber dann ward trunkne Stille;
    wars die Stille der Ermattung?
    Taumelnd stand mein junger Wille
    vor dem Zwiespalt der Begattung.

    Sollte nicht ein Sturm von Wonne
    aufsprühn, der zwei Welten einigte?
    Warum zagte meine Sonne
    vor dem Glutwind, der mich reinigte?

    Stumm vernimmt das längst entwichene
    Himmelreich mein wehes Fragen.
    O verzeih mir, du Verblichene!
    heut versteh ich dein Verzagen.

    Griechin solltest du mir werden,
    Jüdin bliebst du allerwärts;
    ach, mit Übermenschgeberden
    griff ich in dein menschlich Herz,


Venus Religio.

    Karfreitagsruhe. Fühlst du’s +auch+:
    dies bange Grün, und diesen Hauch,
    der drüber träumt?
    Und fühlst du’s, wie der Fliederstrauch
    von Knospen perlt und überschäumt?

    Und sehnen deine Brüste sich
    dem Auferstehungsmorgen zu,
    wie’s Magdalenen innerlich
    nicht ließ in Ruh,
    bis sie zum offnen Grabe schlich?

    Denn übermorgen graut der Tag
    ins Frühlingsfeld,
    da unterwarf sich Der die Welt,
    den einst dein Volk dafür gequält,
    daß eine Sehnsucht in ihm lag.

    Viel Glocken läuten zu mir her,
    wie Grufthauch schwer, wie Lufthauch leer;
    wem läuten sie?
    Das waren Deine Glocken nie
    und sind nicht Meine Glocken mehr.

    Im Flieder hängt ein altes Laub;
    du willst nun mein sein ganz und gar.
    Noch liegt der Hain voll Moderstaub;
    ist dir auch klar,
    daß mir dein Gott nie heilig war?!

    An seinem Grabe dürstet mich
    nach einer neuen Menschheit, Du!
    Fühlst du’s wie ich?
    Sag: sehnen deine Brüste sich
    dieser Auferstehung zu? --

                             *

    Ja, so spielt ich schier Gottvater,
    schwebend ob der Flucht der Zeiten.
    Barg mein Allgeist nicht das Riesentheater
    künftiger Menschenmöglichkeiten?

    Mit aufbrausendem Gefieder
    packt mich wie ein flammenbekränzter
    Phönix dieser Glaube wieder --
    niemals sah ich die Nacht beglänzter!

    Barg des Weibes Schooß nicht Schicksalsspiele,
    mehr als alle Himmelsräume?
    Herrisch rief ich sie zum Schöpferziele,
    die Erfüllerin meiner Träume:


Venus Madonna.

    Aus Mannesadel wächst des Weibes Tugend:
    Götter vermag sein Geist ihr zu gebären.
    Des Griechen Schönheitswille sah die Sphären
    beherrscht von Aphroditens Reiz und Jugend;

    dem Christen aber ward die Reinheit Wesen,
    selbst noch die Mutter will er sich verklären
    und beugt sich vor Marias Hochaltären,
    die keusch des Sohns, des keuscheren, genesen.

    Nun kommt die Zeit, daß Männer freier denken
    und ihren eignen Stamm von Gottessöhnen
    hell mit dem Huldbild ihrer Freiheit krönen,

    bis Alle Allen die Erleuchtung schenken,
    die Wir uns schenkten, Sonne meiner Wonne,
    du keusche Venus, reizende Madonne!

                             *

    Doch da saß mit seligem Händefalten,
    saß mit einem Lächeln stillen Wehrens,
    wie befremdet von den Traumgestalten
    meines übersinnlichen Begehrens,

    saß als Eine, die Gott siegen sieht,
    wie er siegte schon zu Evas Zeit,
    saß und sang ein frommes Wiegenlied,
    ganz erfüllt vom Glück der Wirklichkeit,


Venus Mater:

    Träume, träume, du mein süßes Leben,
    von dem Himmel, der die Blumen bringt;
    Blüten schimmern da, die beben
    von dem Lied, das deine Mutter singt.

    Träume, träume, Knospe meiner Sorgen,
    von dem Tage, da die Blume sproß;
    von dem hellen Blütenmorgen,
    da dein Seelchen sich der Welt erschloß.

    Träume, träume, Blüte meiner Liebe,
    von der stillen, von der heiligen Nacht,
    da die Blume Seiner Liebe
    diese Welt zum Himmel mir gemacht.

                             *

    Und gleich ihr in Demut hingegeben
    sollt ich stolz mich Vater nennen.
    Vor mir lag dies Klümpchen Leben,
    kaum als Menschlein zu erkennen:
    eine Laune meiner Lenden --
    daran sollt ich Gottgeist mich ergetzen?
    damit sollt ich Weltumwälzender enden?
    Ich erkannte mit Entsetzen


Venus Mamma.

    Aber nicht wieder! Nein, nie wieder!
    Ja, du wolltest mich beglücken:
    wie sie an dein Fleisch sich drücken,
    diese hilflos kleinen Glieder.
    Aber mir diese Lust beschauen,
    ist mir ein Grauen.

    Zu tief sah ich unsrer zahmen Katze
    in die mütterlichen Augen,
    sah die täppischen Jungen saugen
    unter der steifgezückten Tatze;
    und der zarten blinden Brut
    schmeckte das alte Raubtier gut.

    Decke die Brust zu, wenn die Lippen
    deines Sohnes dich berühren!
    laß ihn andere Wonnen spüren
    als den Blick der Ahnen und der Sippen!
    Nein, ich wollte dich nicht betrüben;
    nur -- nur anders laß uns lieben!

    Bebt’ich doch selber, als ich ihn küßte,
    und ich will die Wonnen der Ammen
    nicht verdammen;
    dunkel ist der Zweck der Lüste.
    Aber die Mütter -- nein, schweigen wir!
    wehe, der Mensch ist ein Säugetier.

                             *

    Einsamer als je begann ich
    meine Seele zu belauern.
    Wozu sehnte, wozu sann ich?
    Nur um unsern Wollustschauern

    heilige Masken vorzustecken?
    War dann nicht im Hochzeitskleide
    das Getier der Frühlingshecken
    gottbegnadeter als wir beide?

    Welch ein Jubel der Erhörung,
    dies Geschwirr, Gegirr, Geraune!
    Mit Bestürzung, mit Empörung
    lernt ich deine Macht anstaunen,


Venus Natura.

    Durch einen menschenleeren Garten irrend
    geriet ich an ein Pfauenpaar; der Pfau
    stand mit gespreiztem Rad vor seiner Frau,
    die Flügel tief gesträubt, von Lichtern flirrend.

    So stand er kreisend, sich die Henne kirrend,
    und bannte sie zu feierlicher Schau;
    starr federte das goldne Grün und Blau
    des steilen Schweifes, vor Erregung klirrend.

    Jetzt überfällt er sie, und seine Zier
    peitscht wild die Luft, die heiße; funkelnd spaltet
    der Radsaum seine Speichen, daß sich mir
    der Gartenkreis zum Paradies gestaltet --

    O Mensch, wie herrlich ist das Tier,
    wenn es sich ganz als Tier entfaltet! --

                             *

    Denn der Mensch: der eignen Notdurft Spötter,
    ja, so war seit je ein Halbgott er.
    Schob er seinen Ursprung +drum+ auf Götter:
    Mensch noch nicht, und Tier nicht mehr?!

    Wo ich hinsah, äfften sich Begierden,
    die sich ihrer nackten Herkunft schämten,
    Brünste, die mit schlangenhäutigen Zierden
    ihre tückische Unvernunft verbrämten.

    Eine ungeheure Tollsuchtwildnis
    dünkte mir der ganze Schöpfungsplan,
    mittendrin der Menschheit tönern Bildnis
    mit dem Stempel: reif zum Größenwahn.

    O vermöchte jene Zeit der Schrecken
    meinen Dünkel immerfort zu dämpfen!
    Wieviel Ekel mußt ich schmecken,
    wie verbissen mit dir kämpfen,


Venus Bestia!

    Ich und ein Freund, wir saßen einmal
    in einem menschenheißen Weinlokal;
    zwei Tisch weit neben uns saßen
    ein Herr und eine Dame, offenbar
    -- den Ringen nach -- ein jüngeres Ehepaar,
    deren Blicke sich manchmal vergaßen.
    Mein Freund sah weg, wir lächelten eigen,
    wir schwiegen unser bestes Schweigen.

    Der Gatte nahm grad die Speisekarte,
    den kleinen Finger gespreizt -- dran saß
    ein Nagel langgefeilt und leichenblaß,
    der spitz wie eine Kralle starrte;
    der Zeigefinger war stumpf beschnitten.
    Die Frau saß weich zurückgesunken;
    aus ihren Augenhöhlenschatten glühten
    wie zwei Kohlenfunken
    Blicke hinüber auf seine Finger,
    dunkle, gleißende Blicke hin.
    Ich weiß nicht, mir kam der Raubtierzwinger,
    der Zoologische Garten in Sinn;
    ja -- die Tigerin!

    So lag sie neulich hinter dem Gitter,
    glimmende Gier im schwarzen Blick,
    im gelben Fell ein leicht Gezitter,
    und wartete brütend auf das braune Stück
    Fleisch, das draußen der Wärter brachte,
    das tote Fleisch -- es roch so matt,
    nicht warm nach Blut -- sie lag so satt.
    Jetzt kam er; ihr purpurnes Auge lachte,
    es war doch Fleisch! Hoch griff sie zu,
    die triefenden Kiefer kniff sie zu;
    nun lag sie drüber mit brünstigen Pranken,
    die Zunge gekrümmt, die Zähne stier,
    sie konnte nicht fressen vor röchelnder Gier,
    flackernd leckte der Schweif die Flanken,
    im Blick ein Grün von hohlem Hasse.
    Wie dieser Tigerin klaffender Rachenschlund
    war mir das Auge der Frau da -- und
    da sagte mein Freund: Du, das Weib hat Rasse!

    Jetzt hob der Gatte das Genick;
    dem saß der gelbe Wolf im Blick.
    Zittrig über sein hart glatt Kinn
    strich sein Krallennagel hin;
    ein goldnes Münzenarmband hing
    ihm ums Handgelenk und machte kling.
    Seine breitroten Lippen glühten
    durch den magern Schnurrbart wie Dornstrauchblüten,
    die Backen schmeckten ein Gericht;
    dann senkte sich wieder sein Gesicht.
    Ich sah eine lautlos stürzende Meute,
    mit keuchenden Zungen, durch bleiche Nacht,
    steif die Ruten gesträubt, fern Schlittengeläute,
    die witternden Nüstern steil ins Weite,
    in wütender Jagd --
    und jeder aus der schäumenden Masse
    würde, den heißen Hunger zu kühlen,
    blind auch im Fleisch des eignen Geschlechtes wühlen --
    da bemerkte mein Freund: Du, auch der Kerl hat Rasse!

    Jetzt wurden sich die Beiden schlüssig,
    sie trafen sich mit ihren Augen;
    die schienen sich ineinander zu saugen,
    fast durstig und fast überdrüssig,
    ganz langsam. Und plötzlich stand mir klar
    das große nackte Schneckenpaar
    in dem nassen Fliegenpilz vor Augen,
    das ich gestern traf im feuchten Park;
    ich sah die beiden schwarzen Schleime
    in dem weißen Fleische, dem giftigen Mark
    des roten Pilzes schmausen und saugen
    wie in einem Honigseime --
    und sah dort drüben den Gattenblick.
    Ich mußte: ich schob den Stuhl zurück:
    Komm! stieß ich mit dem Freunde an.
    Er wunderte sich: Warum denn, Mann?
    Komm, sagt’ich, bitte, tu mir die Liebe! --
    Wir gingen. Wir traten auf die Straße,
    ins Wagengerassel, ins Menschengeschiebe,
    und immerfort hört ich: Rasse! Rasse! Rasse! --

                             *

    Immer fort -- selbst +sie+ bespähend,
    die Genossin meiner Wahl,
    o wie lieblos ihre Huld verschmähend
    unter meines Argwohns Qual:

    Bettle nicht vor mir mit deinen Brüsten,
    deinen Brüsten bin ich kalt!
    Tausend Jahre alt
    ist dein Blick mit seinen Lüsten.

    Sieh mich an, wie du als Braut getan:
    mit dem Blick des Grauens vor der Schlange!
    Viel zu lange
    war ich, Weib, dein Mann.

    Willst du Gift aus meinem Fruchtkern saugen?
    Unerreichbar ist er deinem Biß!
    Kaum erst keimt mein Paradies;
    such es! öffne deine Menschenaugen! --

    Und wir suchten. Aber auf dem Wege
    fanden wir uns seltsam aufgehalten,
    kam uns ein verirrter Geist entgegen,
    altbekannt, doch nicht der alte:


Amor modernus domesticus.

    Er ritt ein dunkelgraues Eselchen,
    zwei bunte Tiere liefen vor ihm her,
    wir konnten sie von ferne nicht erkennen.
    Wir gingen still durch eine stille Flur,
    ich und die Frau, die mir aus Liebe treu blieb,
    wir gingen langsam eine lange Straße.

    Die Pappeln zeigten schon vergilbte Blätter,
    ein Dornbusch setzte neue Blüten an,
    der Himmel schien auf abgemähte Wiesen
    und streute Schatten auf die bunten Tiere;
    Dorfkinder trabten um das Wunder mit.
    Als nun aus ihrem Schwarm das Ohrenschütteln
    des Eselchens allmählich mehr hervortrat,
    erkannten wir: die Tiere hatten Hörner
    und ihre Farben waren nicht Natur:
    vor einem blaugetünchten Ziegenbock
    lief eine schwarz und rot gefleckte Ziege.
    Der Reiter aber auf dem Eselchen
    war ein entzückend wilder schwarzer Krauskopf,
    und lächelte mit jungen roten Lippen,
    und seine blauen Augen rührten mich.

    Vor ihm und hinter ihm auf seinem Grauchen
    hing allerlei unnützer Tändelkram,
    wie Liebesleute sich zu schenken pflegen:
    und jedes Stück war grell in Rot und Blau
    und Schwarz mit einem Heiligenbild bemalt,
    ich dacht an Hölle, Himmel und den Tod.
    Der schöne Junge aber nickte hold
    und rief uns beiden zu: „kauft, liebe Leute!“
    und hob glückselig seine Waare hoch.

    Auf einmal kam das bunte Ziegenpaar
    mit kläglichem Gemecker angesprungen,
    daß sich der Kinderschwarm beiseite drückte,
    und ich erschrak bis in die Eingeweide:
    ich sah, der schöne Junge war verkrüppelt.
    Die Beine hörten mit den Knieen auf,
    die linke Hand war nur ein spitzer Stumpf,
    der rechten mangelte der Zeigefinger.
    So saß er zügellos auf seinem Grauchen
    und schüttelte den schwarzen wilden Krauskopf
    und hob glückselig seinen Kram noch höher
    und sah uns rührend und entzückend an.

    Und während ich noch stand und schauderte,
    durch welch ein Unheil so entstellt sein mochte
    die Lieblichkeit und Leiblichkeit des Lebens,
    sagte die Frau, die mir aus Liebe treu blieb:
    „Der arme Bursche! wie er sich verstellt!“
    Der schöne Krüppel aber lächelte
    und sprach: „So wenig wie mein Eselchen!
    nur meine beiden Ziegen tun mir leid.“
    Sie fragte: „Warum dann bemalst du sie?
    das muß dir doch sehr große Mühe machen;
    durch welch ein Unheil bist du so entstellt?“
    Da wurden seine roten Lippen traurig,
    er blickte scheu auf seine Heiligenbilder
    und sagte leise vor sich hin: „+Geschäftspflicht+“ --
    die blauen Augen winkten uns Lebwohl.

    Noch lange sahn wir in der langen Straße
    zwischen den Pappeln die Dorfkinder traben,
    und sahn sein dunkelgraues Eselchen
    und ab und zu sein buntes Ziegenpaar;
    der Himmel schien auf abgemähte Wiesen.

                             *

    „Pflicht“ -- o Schreckwort jeden Übermuts --
    spukhaft fuhr mir’s durch die Knochen.
    Stockte nicht vor lauter Pflicht mein Blut?
    Sollt ich selbst mich unterjochen?

    Treue -- ah! du Deckwort jeder Knechtschaft --
    wütend schlug ich’s in den Wind.
    Gab mir meine Qual nicht Rechenschaft,
    was für Übel alle Tugenden sind?!

    Noch auf meinem stillen Lager heute
    mahnt mich all mein reuiges Ringen
    an die Wüstheit jener Rittersleute,
    die vor Gottgier meist zum Teufel gingen.

    Wie entraff ich mich dem heiligen Greuel?
    Infernalisch wie ein blitzegeschwänzter
    Drache lockt mich meiner Zweifel Knäuel --
    niemals sah ich die Nacht beglänzter!

    Gleißner ich! mit was für Reizen
    hab ich stets mein Bestienpack bedacht,
    vor mir selber mich als Priester spreizend,
    der gewaltige Sündenböcke schlachtet!

    Wie empfand ich mich als Sittenrächer,
    der den Dämon seines Bluts befriedigte,
    während ich, ein simpler Ehebrecher,
    mich zu dir erniedrigte,


Venus Adultera.

    Komm, Schatz; komm, Katz; laß das Wimmern!
    Nein, das darf dich nicht bekümmern,
    daß ich nicht „treu“ bin; rück nur her!
    Komm, ich hab ein Dutzend Seelen;
    wer kann all die Kammern zählen,
    sechse stehn mir grade leer.

    Sieh nicht auf den Ring an meinem Finger!
    Hoh, mein Kind, ich bin viel jünger
    als mein narbigtes Gesicht.
    Weißt du, die Runzeln und die Hiebe
    tun erst die Würze zu Ehre und Liebe!
    Ja, das nannt ich als Student schon Pflicht:

    Viel geliebt! noch mehr getrunken!
    kuscht euch, Unken und Hallunken!
    heida, wie der Schläger pfiff!
    Soll das Leben dir was nützen,
    lerne brav dein Blut versprützen:
    nicht gezuckt! los! blick und triff! --

    Hast doch auch schon „Blut“ verspritzt,
    oft -- -- hui, wie dein Auge blitzt:
    zürnst wohl gar dem frechen Buben?
    Was denn: Tränen?? o nicht doch! oh!
    Herzchen, so’was lernt man so
    in der Luft der Ehestuben!

    Komm: sei gut, Kind! gib mir die Hand!
    Hast ja Mut, Kind -- und hast Verstand:
    nein, ich will dich nicht verführen.
    Aber gelt, du wärst gern Braut?
    Hier das Venushalsband deiner Haut
    läßt verhaltene Wünsche spüren.

    Sieh mich doch an, du: ich bin kein Dieb!
    habe das Halsband nur so lieb
    und deine dunkeln Augenringe.
    Sieh doch, mein Blick ist ein zündender Pfeil,
    sprühenden Fluges ein sausendes Seil:
    komm, durch Höllen und Himmel soll’s uns schwingen!

                             *

    Ja -- so wird aus Sehnsucht Sünde;
    Hölle, die den Himmel stürmt.
    Seele öffnet alle Schlünde,
    die der Geist rings mühsam übertürmte.

    Und Natur schürt wieder alle Gluten,
    die der Mensch beherrschte in Gedanken;
    lüstern lecken ihre Lavafluten
    an dem Erzgerüst der heiligen Schranken.

    Wie es hinschmilzt! Wer kanns kalt beschauen?
    Nur der Mond in seiner Leichenpracht.
    Und die Seele badet sich im Grauen,
    und der Geist buhlt mit der Nacht.

    Bis er Frevel heckt wie Don Juan,
    der nur lüstern war aus Qualengier,
    ein vom Teufelswahn verlockter Gottesmann,
    freudeloser als ein Tier.

    Nein, nicht Lust wars, du Jungfräuliche,
    als ich deine Opferfreude schmeckte;
    ich genoß nur das Abscheuliche,
    zu entweihn dich Unbefleckte,


Venus Maculata.

    Drum komm, o komm, noch einmal schweigt
    so voll ins Feld, so glanzbereit
    der Mond ins Feld; noch einmal zeigt
    die weite Nacht,
    die zweite Nacht,
    mir deine nackte Seligkeit.

    O komm, o komm, ich will dich sehn!
    rings rauscht der alte Eichenhain;
    die langen Wiesenhalme stehn
    so still, so weich
    am kleinen Teich,
    und schimmernd tauchen wir hinein.

    Und schimmernd, schimmernd heb’ich dich
    heraus ins dunkelgrüne Kraut;
    dein schwarzes Haar umrieselt mich,
    der Tau wird warm,
    und Arm um Arm
    erkennt den Bräutigam die Braut.

    Und dann -- o dann -- o flieh! -- denn dann:
    wir hatten Schooß in Schooß geruht:
    von einer weißen Blüte rann,
    du sahst es nicht,
    im bleichen Licht
    ein Tropfen Blut -- Dein Tropfen Blut ...

                             *

    Eitle Rührung, frech Bedauern,
    Räubermitleid nach dem Raube.
    Oder wars ein echt Erschauern?
    Narr, was fragst du -- glaube! glaube!

    Selbst der Reinste muß erleben,
    von Verführungen umtobt,
    daß der Geist sein wahres Streben
    an Verirrungen erprobt.

    Und da lass ich mich von schalen
    Skrupeln bis aufs Blut zerquälen?
    hier, wo hochher Sterne strahlen,
    die zu frischem Mut mich stählen!

    Nein, ich will mirs kühn bekennen:
    auch die Lüste, die wir schuldbewußt
    Unnatur und Unzucht nennen,
    sind Natur und neue Züchtungslust --

    ich, der selber einst tiefinnen
    nur empor nach freierer Menschheit ächzte,
    während meine tierischen Sinne
    doch nach Dir tyrannisch lechzten,


Venus Perversa.

    Dort sitz nieder! sieben Kreuze
    zwischen uns! und gönn mirs: sei nicht Tier!
    Sondern ich suche andere Reize:
    Dich: komm, liebe dich vor mir!

    Dich nur, Dich! nur deine verschmachtenden Blicke
    und deine zuckende Scham und deine scheuen
    Seufzer gönn mir -- ja, entzücke
    mich mit Deinen Rasereien!

    Oh du, wenn die Knospen deiner welken
    Brüste unter deinen tastenden Fingern
    wieder schwellen wie in jüngern
    Nächten -- oh, dies Schwelgen --

    gönn mir’s, gönn mir’s! Meine eigenen Freuden
    sind mir Schaum, der bitter ist --
    aber Du, wenn Du so stöhnst und glühst,
    will ich mich an Deiner Wildheit weiden:

    wie du gleich enttäuschten Bräuten
    deine einsame Sehnsucht stilltest,
    deine heimlichen Seligkeiten
    mit berauschten Händen fühltest --

    fühlst -- stillst -- -- Seele, bricht dein Blick?
    Oh du, laß mich diesen Blick genießen!
    dies Verröcheln von Lippen bis zu Füßen!
    recke dich nicht so starr zurück --

    Ekelt dich? -- Ah --: witterst du nun den reifen
    +Menschen+? bist du satt der Kuhnatur?! --
    Und wir schaudern: wir begreifen
    den Triumph der Unnatur.

                             *

    Wohin fliehn nach solchen Wonnen?
    Damals lernt ich die Ekstasen
    der entbehrungssüchtigen Nonnen
    würdigen, und das geistige Rasen

    derer, die vor lauter Brünsten
    nach der reinen Inbrunst schreien,
    während sie mit Marterkünsten
    bis zum Rausch ihr Fleisch kasteien.

    Wahrlich, wenn der Heiligen einer
    jetzt vor meinem Bett erschiene,
    brünstiger als ich rang keiner!
    Und mit eingeweihter Miene

    dürft ich ihm die Hände reichen:
    Komm, hier kannst du ruhig beten.
    Mußte doch selbst sie mir weichen,
    die Versucherin der Asketen,


Venus Mystica.

    „Ich möchte die Flamme umarmen!“
    Aus schwerem Schlaf
    in stiller Nacht
    weckte mich dies Wort;
    ich weiß nicht, wer es sprach;
    Stimme, wer bist du?

    Nackt, mit bettelnden Fingern,
    weiten Armen,
    mit Weibesbrüsten,
    ein irrer Mund,
    flehst du aus der Nacht
    die große strahlende Flamme an?
    Weg! sie brennt!

    Trunken naht ein grauer Blick,
    schwelt:
    um die klare Glut
    mit beiden Knieen
    schlingt sich heiß ein hitziger Schooß.
    Weib: so nicht!

    Kalt, aufrecht seh ich
    in dein rauchschwarz flackerndes Haar
    die lichte Lohe fassen,
    dich verzehrend.
    Rein und ruhig
    steigt die feurige Säule
    aus der kurzen Beschattung
    mit dir auf.
    Stimme, so, nun darfst du
    -- jauchze! -- die Flamme umarmen.

                             *

    Wohl, so hat mein Herz in Züchten
    mein unzüchtig Blut bekämpft,
    hat in Angst vor seinen Süchten
    seine Sehnsuchtsglut gedämpft,

    hat mir Sieg auf Sieg errungen,
    aber Frieden, Frieden -- nein!
    In gespenstischen Peinigungen
    lebt ich schreckhaft, bis selbst Dein

    reines Lichtgelüst mich reute,
    tief in einer trüben Nacht,
    die ich schlaflos so wie heute
    unter Geistern zugebracht,


Venus Idealis.

    Ich lag in Zweifeln schon die halbe Nacht:
    Mich treibt ein Geist, und folgen muß ich ihm,
    doch +darf+ ich folgen? ists ein Geist der Wahrheit?
    ists Eitelkeit? so rang ich mit der Nacht.
    Und furchtsam dacht ich an das unverstandne
    Gebet der Kindheit: nicht wie Ich will, Vater,
    in Deine Hand befehl ich meinen Geist!
    Und heftiger rang ich, wie einst Jesus rang.

    Da bannte mich der Geist in Traum. Ich stand
    an eines Weltmeers aufgewühlter Fläche.
    Sehr finster war’s. Doch finstrer ragte noch,
    zackig ins Himmelsdunkel hochgetürmt,
    ein starr Gebilde wie ein Felseneiland.
    Dumpf um es schnob und brodelte die Flut;
    und ich erkannte, eine Sintflut wars,
    die ein verwittertes Stück Welt zerfraß.

    Auf einmal wurde Licht; grell quoll der Mond
    durchs wechselnde Gewölk, die Brandung glänzte,
    und hoch im Gischt in grauenhafter Ohnmacht
    rangen zwei letzte Menschen, Mann und Weib.
    Ich sah sie sinken. Doch noch einmal tauchte
    das Weib krampfhaft aus Sturz und Strudel auf:
    der nackte Körper bäumte sich im Schaum,
    und schimmernd, während ihn der Schwall verschlang,
    entwand sich ihrem zuckenden Schooß ein Kind.

    Da wars, als käm ein Staunen in den Aufruhr;
    der Mond besänftigte die wüste Flut,
    die Wellen hüpften um das kleine Leben
    und wuschen es und wiegten es und trugen
    es langsam durch die Klippen an das Eiland.
    Und nun gewahrt ich auf dem schroffen Gipfel
    ein andres Weib. Schwarz, ganz und gar verhüllt,
    in riesenhafter Starrheit saß sie da;
    es war, als ob ihr Haupt die Wolken streifte,
    +ein+äugig starrte sie aufs Meer hinab,
    und bis ins Mark verwirrte mich der Blick.
    Doch furchtlos langte nach ihr auf das Kind.

    Und nieder zu ihm neigte sich die Hohe,
    und nahm es mit gelassner Hand ans Herz,
    und öffnete die Tücher ihrer Brust,
    und tränkte es, und küßte es, und schaute
    ihm traumhaft in die Augen; liebreich glomm
    ihr Blick hinüber in des Kindes Blick,
    als zündete sie drin das Seelchen an.

    Und in dem Arm der Riesin wuchs das Kind,
    und wuchs, und sprach das erste Wort, und wuchs.
    Da nahm es von der Brust die Rätselhafte
    und setzte mit gelassner Hand es wieder
    hinab ans Ufer, wo ein neues Land
    sich aus den Fluten hob, und hieß es gehen;
    ihr stummer Blick wies in die blasse Ferne,
    dann saß sie starr und dunkel wieder da.
    Auf stand der Knabe, Furcht befiel auch ihn,
    der erste Schmerz verstörte seine Stirne;
    und scheu gehorchte er, und ging, und wuchs,
    und immer wachsend ging er immer weiter,
    bis ich im Morgendunst des Horizonts
    ihn einem Schatten gleich verschwinden sah.

    Nicht achtete das Weib des Wandrers mehr;
    weitäugig starrte sie hinaus aufs Wasser,
    als müßten immer neue Menschlein kommen,
    sich Leben holen hoch an ihrer Brust.
    Da konnt ich ihren Blick nicht länger dulden:
    nur Einmal wollt ich in dies Auge sehn,
    dies Geisterauge, das dort oben über
    der grauen Flut aus seiner schroffen Höhe
    so groß und bleich im Mondlicht flimmerte.
    Und bittend, bettelnd hob ich meine Hände:
    O komm! komm her zu mir und sieh mich an,
    wie du den Säugling ansahst! Einmal nur
    tu mir das Wunder deines Wesens auf!
    Gib mir Erkenntnis! gib mir Ruhe, Ruhe! --

    Da stieg sie dröhnend von dem Felsgrat nieder.
    Vor ihren Schritten teilte sich die See.
    Und näher, immer näher kam sie dröhnend.
    Vor Schreck und Jubel sank ich in die Kniee.
    Selige Tränen übermannten mich.
    In strudelnden Farben floß ein Lichtmeer um mich.
    Da stand sie vor mir, beugte sich herab.
    Mit bleierner Faust umspannte sie mein Kinn
    und bog es hoch. Aus meinen Tränen mußt ich
    sie ansehn: Aug in Auge -- oh Erkenntnis:
    Stein war es! Stein! ein glotzender Opal! --
    Laut schrie ich in die Nacht, und wachte auf;
    da sah ich weinend in den grellen Mond.

                             *

    Ohnmacht, Scham, Verzweiflung, Selbstgefühl
    schrien mir zu: Spei deiner Qual ins Antlitz!
    Lachhaft, lachhaft ist dein Kampfgewühl,
    Gottnatur ist Menschenwahnwitz!

    Menschheit ist ein sehnsuchtstrübes Rühricht,
    überspannt von einem Regenbogen.
    Darauf steht die schillernde Inschrift:
    hier wird grenzenlos gelogen!

    Brauchst du Rausch, den hat dir echt und klar
    Noah nach der Sündflut schon erschlossen!
    Und ich brauchte ihn fürwahr.
    Wißt ihrs noch, ihr alten Zechgenossen?

    Strindberg, herrlichster der Hasser,
    Scheerbart, heiliges Riesenkänguru,
    und vor Allen Du, mein blasser,
    vampyrblasser Stachu du,

    der mit mir durch manche Hölle
    bis vor manchen Himmel kroch,
    Cancan tanzend auf der schwindelnden Schwelle --
    Przybyszewski, weißt du noch:

    wie wir, spielend mit der blöden
    Sucht nach unserm Seelenheile,
    aufgestachelt von der öden
    Wüstenluft der Langenweile

    und der Glut der Toddydünste,
    unser Meisterstück begingen
    in der schwierigsten der Künste:
    über unsern Schatten zu springen?!

    Wie wir jedes Weib verpönten,
    das nicht männlich mit uns tollte;
    wie wir selbst auf Nietzsche höhnten,
    der noch „Werte“ predigen wollte!

    Denn auch wir, wir waren jeder
    mehr als weiland Faust verschrien.
    Darum schrieb ich auf mein Dichterkatheder:
    Doctor sämtlicher Philosophieen!

    Und da sah ich endlich sie erscheinen,
    die noch niemals jemand sah,
    sie, die Schöpferin des All-Einen,
    sie, des Satans Großmama:


Venus Metaphysica.

    Plötzlich sah ich draußen das Feld
    ganz von magischem Licht erhellt.
    Durch die äußersten Straßen von Berlin
    schien dies Licht mich ins Freie zu ziehn,
    ich mußte nur immer gehn und gehn,
    schließlich blieb ich im Sande stehn;
    halbhoch in der Unendlichkeit
    stand der Vollmond, meilenweit.
    Ich wischte mir den Schweiß von der Stirne,
    mir war so anders im Gehirne;
    ich fühlte, mir wollte was passieren,
    mir war so weltweit. Die Gaslaternen
    schienen sich förmlich zu entfernen.
    Hinter den schwarzen Vorstadtquartieren
    drüben am dunkleren Himmelsrand
    wurde ein Feuerwerk abgebrannt;
    der letzte Böller war kaum verkracht,
    da schlugs vom Rathaus Mitternacht.

    Mir lief schon wieder der Schweiß vom Hute,
    der Juli lag mir wohl im Blute;
    ich sah mich um. Kein Laut von Leben;
    bis hoch ins höchste Äthermeer
    kein Bein! Die Landschaft dito leer,
    ganz leer -- Berliner Landschaft eben,
    wo nur symbolisch hin und wieder
    ein borstiger Büschel Gras aufsprießt,
    als hätte der Sand ihn ausgeniest.

    Seltsam: was hat der Mensch für Glieder!
    Mich zwang ein geisterhaftes Regen,
    in diesen Sand mich hinzulegen,
    platt auf den Rücken. Der Mond stand grade
    senkrecht über dem Schornsteinschlund
    einer düstergrauen Fabrikfassade;
    da stand er blank und kugelrund
    wie aus der Kanone hochgeschossen.
    Ich wünschte, er möchte runterfallen
    und diesen unheimlichen Schornstein zerknallen,
    und machte noch sonstige mystische Glossen,
    zum Beispiel über die Jakobsleiter,
    mir wurde immer weltenweiter.

    Auf einmal -- ich rieb mir die Augenlider,
    aber wahrhaftig: jetzt schon wieder:
    der Mond, kein Zweifel, er rührte sich.
    Die Kugel verschob ihre Flecken und Falten,
    sie schien mir beinah zwiegespalten;
    und was ich bisher für den Mond gehalten,
    die Geister überführten mich,
    das war ein bloßer Gewohnheitsgedanke.
    Denn frei der blöden Sinnenschranke
    erkannt ich: es war die hintre blanke
    Lendenpartie und noch was Schlimmers
    eines überirdischen Frauenzimmers.
    Ihr Kopf war völlig unsichtbar,
    auch Arme und Beine und Zehenspitzen;
    sie mußte stark in Kniebeuge sitzen.
    Doch aus allem Übrigen sah ich klar:
    so’was, das gibts blos in höheren Zonen,
    sie hat, weiß Gott, vier Dimensionen.

    So lag ich und entzückte mich
    an ihrer wunderbar schwierigen Stellung,
    mein Blut kam immer mehr in Schwellung,
    und nur das Eine bedrückte mich:
    ob die Geister wohl Unheil sinnten
    mit dieser Offenbarung von hinten.
    Und kaum geahnt, da seh ich schon,
    daß diese maßlose Weibsperson
    nicht still sitzt. Himmel! sie kommt, mir graust,
    unaufhaltsam auf mich losgesaust,
    kommt immer näher, wird immer blanker,
    hinten ihr Bannkreis wird immer schwanker,
    mir schwindelt, mir vergeht das Licht,
    mir will das Herz durch Haut und Hemd,
    zitternd erwart ich das Donnergewicht,
    und die Hände unter den Kopf geklemmt
    -- jetzt: ich oder sie: jetzt kommt der Stoß,
    bumms! Schon will ich mich tot erklären
    aber da sitzt sie mir, wupp, im Schooß,
    wupp: wie etwa die Hemisphären
    eines Tragischen Heroinen-Popos.

    Also Mut! und als Kenner der weiblichen Form
    seh ich ihn mir nun näher an:
    hm, ganz entwickelt, doch nicht abnorm --
    wie einen das Jenseits doch täuschen kann!
    Sonst sah ich nichts als um den Kopf
    einen dicken, grauen, gepuderten Zopf,
    und da sie keine Anstalt machte
    sich umzudrehn, so schwieg ich und dachte:
    sie wird als Dame wohl Gründe haben,
    dich nicht mit ihrem Anblick zu laben.
    Die Beine hielt sie steif in der Mitte
    zwischen den meinen in den Sand;
    sie war wohl von dem luftigen Ritte
    noch echauffiert. So lag ich galant
    stille und fühlte durch die Hosen
    ihre unsterblichen Pulse tosen.

    Wupp! machte sie plötzlich wieder -- und
    ich muß gestehn, mir tat das wohl,
    ich schloß die Augen -- und wuppwup, hohl
    erscholl jetzt durch die Nacht ihr Mund:
    „Mein Name ist Meta“, wupp -- „genauer
    Frau +Meta Physika+“ wupp. „Ich bin
    Astralweib“ wupp -- „und von ewiger Dauer.“
    Mir wurde immer wohler zu Sinn,
    wie sie so jedes Komma und Zeichen
    nachdrücklich angab in meinen Weichen.
    Wupp: „Wem nämlich die krause Welt
    nicht mehr genug von Vorne gefällt,
    dem enthüll ich sie, wupp, von Hinten,
    in den unaussprechlichsten Tönen und Tinten.
    Und so hab ich mich, wupp, in Gnaden
    auch bei Dir zu Gaste geladen,
    wupp!“ Das war mir nun sehr erbaulich,
    aber sie wuppte mir fast zu gut;
    mir wurde immer dunkler zu Mut,
    immer beklommner, mir wurde graulig.
    Ich wollte die Augen öffnen -- vergebens:
    ich lag im Starrkrampf rein geistigen Lebens.

    Wupp, gings unten in meinem Schooß
    mit Himmelskräften von frischem los,
    während sie oben grollte: „Du kleines
    Menschlein willst dich gegen mich steifen?
    Was, ich bin dir zu dunkel gewesen?
    Ich? Na warte du: wupp! Ich, eines
    der allgemeinsten weiblichen Wesen,
    wupp, die nächtlich im Freien schweifen:
    warte, du sollst es schon begreifen,
    wupp, mein Ding-an-sich! wupp! zwar
    es ist haarsträubend, aber wahr!“
    Und wupp -- ich hörte noch was wie „schleifen“,
    mir rauchte der Kopf, mir schwand der Wille,
    alle Gefühle standen mir stille;
    denn immer eifriger wurde, oh,
    dieser fürchterliche Astralpopo.

    Endlich konnt ich mich wieder ermannen
    und wage zu blinzeln: herrgott, da schwellen
    ihre unbewußten Körperstellen
    mir entgegen wie zwei Riesenpfannen.
    Der Rücken ist -- in beiden Axen --
    um mindestens drei Systeme gewachsen,
    ich kann ihn garnicht zu Ende sehn;
    von Kopf nicht mehr die geringste Spur,
    ein dürftiger Zipfel vom Zopfe nur,
    und nicht ein Wort mehr zu verstehn.
    Doch gottseidank pausierte sie leise
    mit ihrer sitzenden Arbeitsweise.

    Ich überlege schon, ob ich sie bitte
    sich zu entfernen; da -- wupp, wup wupp --
    stampft’s wieder los in meiner Mitte,
    jetzt fast schon wie’ne Kanone von Krupp.
    Von oben hör ich wie Unkenstimmen
    dunkle Offenbarungen stöhnen,
    die immer übersinnlicher tönen
    und schon ins Transscendentale verschwimmen.
    Ich stöhne selber: wie komm ich los!
    Denn wupp, entsetzlich: mit jedem Stoß
    wächst ihre physische Proportion
    zurück in die vierte Dimension,
    und immer fetter schwoll und fetter
    ihr unermüdlicher Katterletter.[*]

    Zwar ihr Vergnügen, das gönnt ich ihr herzlich;
    aber mir wurde die Sitzung schmerzlich.
    Mein spiritistisches Fluidum
    spritzte schon literweise herum;
    ich hörte kaum noch ihr Gebrummsel,
    ich armes menschliches Medibumsel.
    Sie wuppte, wupp, immer wuppiger,
    mir wurde immer matter und matter,
    sozusagen immer schaluppiger.
    Ich merkte mit Schrecken, daß ich platter
    und platter wurde, und mit den letzten
    Kräften schrie ich ins Äthermeer:
    „Madam! Sie werden mir zu schwer!“
    Aber ihre Bewegungen setzten
    sich mit unveränderter Miene
    nur noch kategorischer fort.
    Sie trieb mirs gradezu wie zum Tort,
    diese grenzenlose Buttermaschine;
    sie wollte mich vollends, schien’s, vergeistigen.
    Jetzt wurde ich wild. Ich schrie: „Madam!
    Heda! Wie können Sie sich erdreistigen,
    mich so zu quetschen! ich bin kein Schwamm!
    So hören Sie doch! Sie altes Kalb,
    Sie Mondkalb Sie!“ Da: hui, ein Kneifen,
    ich höre die Engel im Himmel pfeifen --

    „Herr, mit Verlaub, ich bin ein +Alb+“,
    brüllt sie, daß mir der Schädel gellt,
    „und bleibe auf eurer unglaublichen Welt
    gefälligst so lange, wie +Mir’s+ gefällt,
    verstanden?!“ Und +hui+, wupp, seh ich -- o Grausen,
    Erbarmen, Rettung -- ihren Zopf
    sich blähen und auf mich niedersausen:
    der ganze Himmel erscheint Ein Schopf,
    eine Wolke von dunstig wirbelnden Haaren,
    die immer spiraliger niederfahren:
    sie wickeln sich mir um alle Gelenke,
    um Hals und Arme und Brust und Weichen --
    Gnade! ich kann kein Glied mehr rühren,
    vor meinen Augen tanzen verrenke
    riesige Paragraphenzeichen,
    die mir alle Sinne zuschnüren --
    Gnade, ich sticke! Luft! Vergebens:
    sie umwickelt mich immer wilder,
    vor meinem Geiste erscheinen die Bilder
    meines aprioristischen Lebens,
    während sie meinen sterblichen Rest
    immer platter a posteriori preßt --
    und wupp, ein Wühlen, und hui, ein Stieben:
    ich fühle, wie sich die Seelenspitzen
    ihrer Behaarung in alle Ritzen
    und Poren meines Leibes schieben --
    ich möchte ächzen, ich kann nicht: ach,
    es kriecht mir kribbelnd in Ohren und Mund,
    in Gaumen, Kehle, Nase, und

    hapschih, pschih! nies’ich -- und bin wach.
    Und liege im Sande mit der Nase,
    dicht bei einem borstigen Büschel Grase.
    Halbhoch in der Unendlichkeit
    stand der Vollmond, meilenweit.

  [*] +Anm. d. Setzers+:

        ~Quatre lettres~ = Vier Buchstaben scheint der Herr Doktor
        gemeint zu haben.

                             *

    Und so hab ich mit Gelächter
    manchen Geisterrausch bestanden,
    trank als Raum- und Zeit-Verächter
    meinen Gottgeist fast zuschanden,

    trank mich frei von Menschheit, Welt und Weib,
    aber +war+ das, +war+ das Freiheit? Nein!
    Mitten in den knechtischen Zeitvertreib
    herzerkältender Spöttereien

    tratest Du, Du, die gleich mir gelitten
    unter Irrtum, Schuld und Sehnsuchtsleid
    und sich dennoch Lebenslust erstritten,
    herrlich in Liebseligkeit --

    Und ich sah die Wärme deiner Wangen,
    deiner Augen strahlende Hoffnungsmacht:
    eines Sommerglückes Prangen
    mitten in der Winternacht!

    Und ich zeigte dir mein scheues Wehe;
    und du nahmst es schmeichelnd in den Schooß.
    Aber wild erschrak’s vor neuer Ehe.
    Und ich rang mit dir -- und rang mich los --

    los -- und ließ mich vollends von der Schwere
    meiner Einsamkeit, ich Narr, bezwingen;
    über Länder, über Meere
    trug ich ihre Last mit lahmen Schwingen.

    Auf den blumigsten Inseln Griechenlands,
    an Italiens blauesten Uferborden
    saß ich echter deutscher Duselhans
    voller Heimweh nach dem Norden.

    Und jetzt lieg ich hier auf meinem harten
    Pfühl in dieser fremden kalten Kammer
    und verwühl mich mit erstarrten
    Gliedern wieder in den alten Jammer.

    Wie auch Du wohl. Und ich seh und höre
    mich als Geist in brütenden Nebeln schwimmen
    und dein ruhlos Herz beschwören,
    prüfend, mit gedämpfter Stimme,


Venus Occulta.

    Ist das noch die große Stadt,
    dies Geraune rings im Grauen?
    diese Männer, diese Frauen,
    kaum erschienen, schon verschwunden;
    und die Sonne steht so matt
    wie ein kleiner, rotgewordner Mond da.

    Drück dich dichter an mich an,
    wie der Nebel an die Mauern!
    Keiner stört den stillen Bann,
    wenn wir Blick in Blick erschauern.
    Sieh, wir schreiten wie vermummt in Weihrauch;
    jeder wilde Laut wird stumm.

    Hebe deinen dunkeln Schleier,
    daß dein Atem mich erquickt!
    Keiner stört die stille Feier,
    wenn sich uns in diesem Dunste
    fester Hand in Hand verstrickt.
    Diese Straße mündet in den Himmel.

    Oder weißt du, wo wir sind?
    Küsse mir die Augenbrauen!
    küsse mir die Seele blind!
    Diese tote Stadt ist Babel,
    und ihr blasser Dampf umspinnt
    eine tausendjährig trübe Fabel.

    Alle Farben sind ertrunken.
    Nur auf deinem schwarzen Haare
    flimmern noch die Purpurfunken
    deines Hutes aus Paris,
    rot wie unsre Lippenpaare;
    und mein blauer Wettermantel raschelt.

    Du, was träumst du? Deine Augen
    waren eben wie zwei Kohlen,
    die sich von der Glut erholen;
    ja, du bist Semiramis!
    Und in seinem dunkelblauen Mantel
    führt dein Odhin dich ins Paradies.

    Zwar, wir mußten durch viel dumpfe Gassen,
    bis der Gott zu seiner Göttin kam;
    und du hast manch braven Mann,
    ich manch gutes Weib verlassen.
    Aber dies ist unsre letzte Irrfahrt;
    drück dich dichter an mich an!

    Sag mir -- Nein: horch! was für Töne?
    warum stehn wir so erschrocken?
    Dies verhaltene Gestöhne
    aus den Wolken, dies Gedröhne,
    kannst du diesen Lärm begreifen? --
    Komm nach Hause, Fürstin! das sind Glocken.

    Vor verschiednen hundert Jahren
    herrschte hier ein Gott der Leiden
    über traurige Barbaren.
    Komm, wir wolln die Götter trösten,
    daß sie sich in Dunst auflösten,
    wir zwei seligen verirrten Heiden.

                             *

    Aber +sind+ wir denn noch Heiden heut?
    +will+ ich denn ins alte Paradies?
    Hat nicht Er so Mann wie Weib erneut,
    der die Kindlein zu sich kommen ließ?

    Helft mir, Sterne! Hoch ob meiner Pein,
    hoch ob jener Häuser finsterm Graus,
    wie auf Bethlehem so mild und rein
    strahlt ihr fernhin auf mein Vaterhaus.

    Sprach er wahr, der klagende Lebenstraum,
    den mein Wille gestern Nacht durchschritt?
    Lautlos hing der dunkle Weltenraum;
    und im stillen schrittest du wohl mit,


Venus Vita.

    Ein Feldweg, Herbstnacht, und um Morgengrauen;
    die kahlen Bäume stehen da wie tot,
    ich aber wandre, ohne aufzuschauen.

    Ich fühle eine Furcht; und Regen droht.
    Ich höre den gedüngten Acker schweigen;
    und heute wird kein Morgenrot.

    Die Straße teilt sich. In den schwarzen Zweigen
    sagt keine Tafel mir die rechte Spur:
    soll ich hinunter, soll ich steigen?

    Da deucht mir, in der tiefen Flur
    rief mich mein Name, aus ersticktem Munde.
    Ich horche; Nichts. Im Osten nur

    enttaucht ein Licht dem fernen blassen Grunde.
    Es ist kein Stern, es schimmert warm und traut,
    mir dämmert eine längst vergangne Stunde,

    und wieder hör ich fern und laut
    die bange Stimme meinen Namen rufen;
    und mir graut.

    Mir scheinen plötzlich diese Ackerhufen
    bekannt; ich bin so wandermatt.
    Und dieser Pfad, und diese Wurzelstufen?

    Hinab! -- Schon wird der Abhang glatt;
    auf einmal, wie von einem Kinderwagen,
    springt mir ein Rad

    unter den Füßen auf. Ich seh es jagen,
    es springt und rollt den Kiesweg vor mir her,
    seh’s Funken schlagen;

    mein Schreck, mein Zittern wird Begehr,
    ich muß ihm nach, es haben! Bis zur Kehle
    hämmert mein Herz, das Rad rennt immer mehr,

    und immer ruft mich klagend jene Seele
    und winkt das Licht,
    das Rad -- halt! -- Jetzt --: ich greife -- fehle --:

    es ist ein Lichtrad! halt! nach, eh’s zerbricht!
    Ich fass es, stürze -- wach’ ich? -- meine matten
    Finger umklammern es -- -- Nein -- nicht:

    in meiner Hand zerrann es wie ein Schatten.

                             *

    Werd ich also stets ins Leere fassen?
    lebt nichts ewig vor mir her?
    Nein! ich will mir nicht vom Leben mehr
    meinen Blick verblenden lassen.

    Ihr selbst, ihr verführerischen Sterne,
    wozu schürt ihr meine Seelennot?
    Eisig haucht die gleißnerische Ferne:
    ewig lebt allein der Tod.

    Sei’s denn! Umso unfaßbarer, freier,
    umso weiter, unbegrenzter
    strahlt des Daseins Auferstehungsfeier --
    niemals sah ich die Nacht beglänzter!

    Stirb, du Sehnsucht meiner Jünglingsnächte:
    eine reifere Inbrunst lebt mir nun:
    Einst wird all dies tiefe Trachten ruhn,
    aber ihm entsteigt in höhere Prächte


Venus Mors.

    Eine rote Feuerlilie schreitet
    riesig durch die Weltennacht.
    Von der Sonne bis zum Sirius breitet
    sich ihr Scharlachkelch. Der Schacht
    des gezähnten Schlundes kocht von Gluten,
    düster flammt des Randes Zackenfirne;
    um die wirbelnden Gestirne
    schlingt sie hungrig ihre Samenruten.

    Grell aufzüngelnd schlürft sie die getrennten
    Welten gierig in den brünstigen Schooß;
    aus den schwarzen Firmamenten
    ringen Sonne, Sirius sich los.
    Lodernd sehn sie die Unendlichkeiten
    ihrer alten Sehnsucht überbrückt;
    aus den Angeln wanken sie verzückt,
    zu einander stürzen die befreiten.

    Taumelnd folgen, brodeln, glühen
    ringsum die Trabantenlüfte;
    aus der brennenden Lilie sprühen
    Lavastürme durch die Himmelsgrüfte.
    Auf der Erde rast ihr Licht als Mord;
    sengend frißt es Wälder, Ströme, Quellen,
    Asche trieft aus blendenden Wolkenhöllen,
    alle Kreatur verdorrt.

    Nur ein Brautpaar will noch fühlend enden,
    keuchend, schon erblindet beide;
    mit den heißen Liebeshänden
    tastet er an ihrem Kleide.
    Aber in der Nacht der Seele
    wird der wilde Durst zur Wut:
    tastend wittert er ihr Blut,
    beißt er, schlürft er sich in ihre Kehle.

    Alles saugt der große Flammenschlund.
    Kreisend will er überschäumen.
    Rissig klafft der zuckende Muttermund,
    Dämpfe bersten, Feuerpollen säumen
    den zerfetzten Riesenblütenrand:
    eine neue Welt entrollt der toten --
    Strahlend quillt sie aus dem morgenroten
    furchtbarn Siriusliebestodesbrand.

                             *

    Dahin also sehnt sich alles fort,
    was auf Erden glimmt und flammt und loht;
    selbst die flackernden Straßenlichter dort.
    Und ich denk zurück an Dein Gebot,
    als ich heut aus erstem Schlummer fuhr,
    aufgescheucht von deinem Traumgesicht,
    daß der Menschenwille von Natur
    Bastard bleibt aus Finsternis und Licht,


Venus Homo.

    Nun weißt du, Herz, was immer so
    in deinen Wünschen bangt und glüht,
    wie nach dem ersten Sonnenschimmer
    die graue Nacht verlangt und glüht;
    und was in deinen Lüsten
    nach Seele dürstet wie nach Blut,
    und was dich jagt von Herz zu Herz
    aus dumpfer Sucht zu lichter Glut.

    In früher Morgenstunde
    hielt heut ein Alb mich schwer umstrickt:
    Aus meinem Herzen wuchs ein Baum,
    o wie er drückt! und schwankt! und nickt!
    Sein seltsam Laubwerk tut sich auf,
    und aus den düstern Zweigen rauscht
    mit großen heißen Augen
    ein junges Vampyrweib -- und lauscht.

    Da kam genaht und ist schon da
    Apoll im Sonnenwagen.
    Es flammt sein Blick den Baum hinan;
    die Vampyrbraut genießt den Bann
    mit dürstendem Behagen.
    Es sehnt sein Arm sich wild empor,
    vier Augen leuchten trunken;
    das Nachtweib und der Sonnenfürst,
    sie liegen hingesunken.

    Es preßt mein Herz die schwere Last
    der üppigen Sekunden.
    Es stampft auf mir der Rosse Hast;
    er hat sich ihr entwunden.
    Schon schwillt ihr Bauch von seiner Frucht,
    hohl fleht ihr Auge: bleibe!
    Er stößt sie sich vom Leibe,
    von Ekel zuckt des Fußes Wucht,
    hin rast des Wagens goldne Flucht.

    Es windet sich im Krampfe
    und stöhnt das graue Mutterweib.
    Mit ihren Vampyrfingern gräbt
    sie sich den Lichtsohn aus dem Leib.
    Er ächzt -- ein Schrei -- Erbarmen --: Ich,
    +mich+ hält der dunkle Arm umkrallt!
    Da bin ich wach -- -- doch hör ich,
    wie noch ihr Fluch und Segen hallt:

    Drum sollst du dulden, Mensch, dein Herz,
    das so von Wünschen bangt und glüht,
    wie nach dem ersten Sonnenschimmer
    die graue Nacht verlangt und glüht;
    und sollst in deinen Lüsten
    nach Seele dürsten wie nach Blut,
    und sollst dich mühn von Herz zu Herz
    aus dumpfer Sucht zu lichter Glut!

                             *

    Seltsam: plötzlich ist mein Keller,
    ist mein ganzes Bett verdunkelt,
    während jeder Stern noch heller
    über jenen Häusern funkelt.

    An der Straße stehn wie Schemen,
    stehn erloschen die Laternen.
    Soll ichs mir als Zeichen nehmen?
    Ja! als Zeichen von den Sternen!

    Wie nach wilder Flucht ein Höhlentier,
    wie einst David Nachts vor Saul verborgen,
    so voll Himmelshoffnung wart ich hier,
    so voll Bangen auf den Morgen.

    Denn ich fühls, ich muß sie wiedersehn --
    doch ein Zaudern, das ich kaum begreife,
    raunt in mir: dann muß sie vor dir stehn
    als die Wissende, die reife


Venus Sapiens.

    Nun, du Eine, tritt heran,
    höre meine wahrsten Laute;
    höre zu wie Jonathan,
    als sich David ihm vertraute.
    Schwer vom Hohn und Übermute
    Goliaths herabgemächtigt,
    hat bis heut in meinem Blute
    noch der greise Saul genächtigt.

    Zwielicht. Sterbend hängt die scharfe
    Zunge aus dem Lästermaul.
    Sieh, nun weint dein König Saul,
    denn dein David singt zur Harfe.
    Alle Kleider sind zerrissen,
    die den alten König schmückten;
    brütend hört er den Entzückten
    nahen aus den Finsternissen.

    Goliath tot! den König schauert;
    seine Schwermut ahnt das Ende.
    Und dein Sänger steht und trauert:
    blutbefleckt sind seine Hände.
    Aber weiter muß er schreiten,
    seine Töne sind ein Bann,
    selig greift er in die Saiten:
    Komm, o komm, mein Jonathan!

    Traure nicht um den gebeugten
    Vater, dem vor morgen graut;
    denn die Trübsal ist die Braut
    aller nicht vom Geist Gezeugten.
    Jonathan, du sahst ihn sitzen,
    den Berater deiner Reife,
    nackt und schamlos, und das steife
    Haupt umstarrt von Lanzenspitzen.

    Und du sahst vor seinem Zelt
    sterben den Philisterfürsten;
    aber Leben braucht die Welt,
    laß uns nach dem Geiste dürsten!
    Denn es weht von allen Hügeln
    immer neu sein ewiger Segen;
    lerne nur dein Herz beflügeln,
    und er wird auch dich bewegen!

    Jonathan, zu jeder Frist
    sei nun meiner Liebe sicher;
    und sie ist viel sonderlicher,
    als mir Frauenliebe ist.
    Glutwind droht den jungen Saaten;
    nimm den Bogen in die Hände,
    daß dein Pfeil mir Warnung sende,
    sinnt der Vater Wahnsinnstaten.

    Jonathan, hier steh ich nackt;
    du mein Bruder, Freund, Berater,
    hilf mir, wenn die Glut mich packt!
    Jona! Weib! noch giert der Vater!
    Jona, Schwester! unsre Kinder --
    Gattin! weinen meine Saiten -- --
    „David, komm! du Überwinder
    unsrer Unwillkürlichkeiten!“ ...

                             *

    Wird sie so mir Antwort blicken? --
    Ja! kein Argwohn soll mir mehr
    meine Glaubenslust ersticken --
    +ihre Seele atmet zu mir her+.

    Und in alle meine Finsternisse
    dringt auf einmal lichter Sinn:
    schimmernd wie durch Wolkenrisse
    schwebt ein Wesen ob mir hin:

    das beginnt mich anzulachen,
    jungvertraulich, altvertraut --
    O, komm her aus deinem Himmelsnachen,
    ja, seit ewig warst du meine Braut,


Venus Fantasia!

    Leih mir noch Einmal die leichte Sandale;
    sage, wer bist du, holde Gestalt?
    Reich mir die volle, die funkelnde Schale,
    die du mir fülltest so viele Male!
    Bist du die Jugend? Werde ich alt?

    O! dann fülle die funkelnde Schale;
    warum entweichst du mit aller Gewalt?
    Leihe, o leih mir deine Sandale!
    Willst du enteilen mit einem Male,
    weil ich Tor dich einst Törin schalt?

    Jetzt, jetzt preis’ich die leichte Sandale;
    horch, o horch, wie mein Loblied schallt!
    Reich mir noch Einmal die volle Schale!
    Laß sie mich schlürfen zum letzten Male,
    eh du enteilt bist -- o halt!! halt! halt --

                             *

    Ach -- muß jeder Traum so enden?
    Nüchtern lichtet bald der Tag
    meine dämmergrauen Wände.
    Und von Stern zu Stern hin sinn ich nach,

    wie doch jüngst dein flüchtiger Trost mich freute,
    hoch in einer hellen Nacht,
    die ich ruhelos wie heute
    unter Geistern zugebracht,


Venus Regina.

    Ich träumte, und ich wußte, daß ich träume;
    ich träumte, eine Fürstin sei gestorben.
    Barhäuptig, nur ein spärliches Gefolge
    von Trauernden, so stehn wir auserwählt
    in einem grauen Raume, dumpf beengt
    vom düstern Kreis der alten Sandsteinsäulen,
    vom Balsamdufte, den die Tote atmet.
    Am Sarkophage, der von Eisen ist,
    steht der gebeugte Fürst; von oben stiebt
    ein fahles Licht in die Rotunde, streift
    sein jugendliches Haar, den Sarg, und flimmert
    zu seinen Füßen in der offnen Gruft.
    Der Fürst weint. Seine Tränen, einzeln, langsam,
    zerblitzen an dem Eisenrand der Truhe;
    der Stein des Bodens saugt die Tropfen ein.
    Und auf der Truhe les’ich wie im Traum,
    nein nicht, ich träume nicht, ich lese deutlich
    in großen, grauen, eisernen Buchstaben:
    ~REGINA SEMPITERNA MORTUA~ --
    seltsam: die Herrscherin, die ewig lebt,
    die liegt hier tot. Ich habe ein Gefühl:
    der Fürst hat seine Gattin sehr geliebt!
    Ich höre staunend, wie wir alle singen,
    ich selbst mitsingend:

    Selig trauern
    Edle um ein edles Leben.
    Nie verliert sich, was gewesen;
    wenn du deines Grams genesen,
    wird in Sehnsucht, wird in Schauern
    dir dein Wesen
    das Verlorne wiedergeben.

    Jetzt hat der junge Fürst sich aufgerichtet;
    er wendet sich. Es ist ein Kaiser. Ja:
    ich träume nicht: es ist ein Deutscher Kaiser,
    im Krönungskleide steht er. Nein: es ist:
    ich träume doch wohl? ja, du bist mein Freund,
    mein einst in Lumpen umgekommener Freund,
    in Schuld und Schande, jetzt ein Kaiser -- nein:
    ich träume nicht: ich selbst, Ich bin der Fürst.
    Ich winke. Meine Edeln nahn und heben
    und senken mir mein Liebstes in die Gruft.
    Ich höre die gestrafften Seile gleiten,
    ich stehe abgewandt, ich weine nicht;
    nur selbst mit Hand anlegen konnt ich nicht,
    nur nicht es sehn, nur diesen Balsamduft
    nicht riechen mehr -- o singt! singt mir das Lied,
    ich mag dies marternde Geräusch nicht hören,
    ich +will+ nicht schluchzen! Und im Chore schluchz’ich,
    schluchzt das Gewölbe:

    Selig preisen
    Freie ein befreites Wesen.
    Was lebendig ist, will leben;
    lerne mit den Geistern schweben!
    Wenn sie dich aus deinen Kreisen
    mit sich heben,
    bist du deines Grams genesen.

    Und ich beherrsche mich. Mein Herz verlangt
    nach Licht. Und während hinter mir gedämpft
    die dunkle Halle tönt, tret ich ins Freie --
    taumle --: der blaue Mittagshimmel drückt mir
    blendend die Augen zu, betäubend stürmt ein
    vieltausendstimmiger Jubel in mein Ohr,
    der Atem stockt mir, ich erinnre mich,
    ich kann jetzt sehn, es ist mein jubelnd Volk,
    ich habe gestern ein Edikt erlassen
    „Mein Volk soll +fröhlich+ seine Toten ehren“,
    so wollte sie’s -- und wieder stürmt der Jubel.
    Sie feiern Frühling. In Terrassen leuchtet,
    vom Glitzergrün der Wipfel überbrämt,
    ein weiter Park von Linden unter mir.
    Ich steige nieder. Durch das schwärzliche
    Gewirr der Äste glänzt das Festgewühl,
    flimmern die Wiesen her. Von weißen Tauben
    scheint alles Laub durchschwirrt; ein Maigeruch
    bewegt die warme Luft und macht sie köstlich.
    Doch Tauben fliegen nicht so wellenlinig --
    nein, Blütenquirle! Blüten weißen Flieders,
    ein Meer von weißen Fliederblüten quirlt
    zwischen dem Menschenjubel. Ich erkenne:
    sie fassen, sie verlassen sich im Reigen,
    im Reigen reichen sie die Blütenzweige
    sich dar, und dem Geruch zuschreitend seh ich:
    sie sind ganz nackt. Nein, ihre Glieder atmen
    ein Licht aus, das sie einhüllt wie ein Schleier
    durchsichtig dicht. Um Hals und Handgelenke
    schimmern Geschmeide. Ihre Schultern schmücken
    zartzarte Flügel wie von märchengroßen
    Tagschmetterlingen oder Blumenblättern;
    und wer in Blondhaar geht, hat blauen Schmelz,
    wer braun ist, feuerroten -- nirgends Schwarz.
    So tanzt mein Volk und schwingt die Fliederzweige
    und ehrt den Willen Meiner Lieben Frau
    und sieht mich schreiten, wie im Traume schreit ich,
    und Jeder jubelt. Und auf einem Rasen
    sprudelt ein Brunnen, den ein Schwarm von Mädchen
    singend umwandelt:

    Tröstliche Lüste
    halten im Tode Leben verborgen.
    Wissen macht Sorgen.
    Wenn er sich drückte an meine Brüste,
    wenn er mich küßte,
    wußten wir nichts von gestern und morgen.

    Mein Krönungskleid beengt mich; eine Wärme
    strahlt wärmer als der Himmel aus dem nackten
    Geleucht der Jünglinge und Mädchen. Seltsam:
    von Schaar zu Schaar beschau ich mir mein Volk:
    es sind nur jugendliche Menschen da.
    Von Plan zu Plan sucht mein besorgtes Herz:
    auch für die Alten ist doch Frühling! Aber
    die Alten, seh ich, sind zu Haus geblieben;
    sie murren wohl im Zwielicht ihrer Stuben,
    sie kennen nicht mein kaiserliches Herz.
    O, meine Jünglinge, singt lauter! ihr,
    ihr ehrt den Willen Unsrer Lieben Frau --
    o lauter! Und das Laub der Linden bebt
    vom Chor der Männer:

    Lust ist Verschwenden,
    leben heißt lachen mit blutenden Wunden,
    Jahre sind Stunden!
    Wenn sie an deinen beseligten Lenden
    schien zu verenden,
    hieltet ihr Höllen mit Himmeln verbunden!

    Und immer wärmender wird ihr Geleucht,
    und immer drückender mein Krönungskleid,
    es brennt mich schon, ich werde rasten müssen;
    ich will das Fest verlassen! Schon zerfließt
    das Spiel der bunten Flügel fern im Grünen;
    die Schultern schmerzen mir, der Park scheint endlos.
    Die Bäume werden dichter, werden Wald;
    ich komme in ein Tal voll alter Birken,
    ich atme auf. Hier dringt der helle Jubel
    nur noch wie heiliges Wipfelbrausen her,
    kaum lauter als der Quell, der meinen Fußpfad
    murmelnd begleitet. Tiefer sinkt das Tal
    und biegt um einen Vorsprung, und der Quell
    zerrieselt im Geröll zu Silberfäden,
    die wie ein Lied -- nein: eine Stimme klingt --
    das Tal wird Schlucht, ein Strudel blinkert unten,
    die Birken streun bewegte Schatten drauf,
    ein Brückensteg -- und am Geländer lehnen
    von Sonnenlichtern überdämmert zwei
    der nackten Mädchen. Singend läßt die Blonde
    ihr Haar vom Wasserstaub besprühn, ich horche,
    ich bebe -- träum ich denn? -- sie sieht mich, Beide
    sehn mich und singen:

    Warum beben?
    Nur im Herzen ist es dunkel.
    Was die Tiefen uns gegeben,
    auszuleben,
    mahnt des Baches Quellgefunkel.

    Nein, nicht Traum! nein: mein süßer Schreck ist Leben!
    und ihre Stimmen leben; Beide lebt ihr!
    Du aber, Du da mit den Himmelsfarben,
    du hast die Stimme Meiner Lieben Frau,
    du sollst mein Trost sein, wie sie mir verhieß! --
    Ja, sie erwartet mich: sie winkt, sie kommt.
    Ich sehe, wie der Schimmer ihrer Brüste
    zwischen den Birken auftaucht, klar und klarer.
    Schon hebt sich deutlich von den weißen Stämmen
    ihr Hals ab, ihr Türkisenschmuck und Arm,
    ihr Gang, und der Rubinenschmuck der Andern.
    Wie Atemzüge höht und senkt sich sacht
    der Flügel Himmelsblau und Höllenrot.
    Schon kann ich ihre Augenlichter sehn;
    und seh sie, sehe sie, und wieder schießt mir
    der süße Schreck vom Herzen in die Schläfen,
    denn Du da, Du da mit den +braunen+ Augen,
    du hast die Augen Unsrer Lieben Frau,
    du sollst der Trost sein, den sie mir verhieß! --
    Jetzt haben sie sich Hand in Hand gefaßt;
    sie bleiben stehn, sie winken mich heran;
    hinab! hin! ich! Sie fliehn; ich keuche schon.
    Sie schwimmen durch den Bach ans andre Ufer.
    In meinem Krönungskleide breit’ich ihnen
    die Arme nach; ihr helles Lachen klingt.
    Sie stehn und singen:

    Kannst du schweben?
    Aus dem Tal der Einsamkeiten,
    wo die Kräfte sich erheben,
    lockt das Leben
    heim zum Wettspiel die befreiten.

    Sie wenden sich, sie wollen mich verlassen,
    wieder hinauf die Schlucht, zurück zum Fest.
    Sie brechen Zweige vom Gebüsch, sie kränzen
    im Gehn ihr Haar damit -- o bleibt doch! wartet!
    ich kann nicht nach so schnell! der Wassersturz!
    die Brücke liegt zu weit! mein Krönungskleid,
    mein schweres Krönungskleid, o wartet doch,
    ich werf es ab! da liegt es! +O wie leicht
    atmet der nackte Mensch!+ -- Das Wasser schäumt mir
    um Brust und Schultern. Ich bin drüben; ich
    erreiche euch! Sie flüchten. Ich bin schneller.

    Ich höre hinter mir ein Schwirren: ich
    bin +auch+ beflügelt. Sausend, doppelfarbig,
    aus Himmelsblau und Höllenrot geflammt,
    treibt mich mein Schwingenpaar der Blonden zu:
    ich halte sie. Ich -- Beide muß ich haben:
    dich mit den braunen Augen will ich noch!
    Jetzt! -- Nein. Die Blonde ist entschlüpft. Sie jauchzen.
    Sie reichen sich die Hände. Jubelrufe
    begrüßen unsre Jagd; Gesang; ein Reigen
    tanzt blütenschwingend uns vom Fest entgegen.
    Jetzt: zwischen meinen Fingerspitzen -- ja:
    hier braun, hier blond, ihr fliegendes Haar -- und jetzt:
    ich halte +Beide+ ... ach ... ich bin erwacht.

                             *

    Wie verschüchtert stehn die Sterne;
    manche sind schon fast verschwunden.
    In der zwielichtfahlen Ferne
    mahnen sie an schwache Stunden.

    Aus den hohen Häusern drüben gähnen
    alle Fenster dicht verhangen.
    Wieviel Lust mag da sich schämen
    unter den geschminkten Wangen.

    Wieviel Freiheit hockt da mißgestalt.
    Freude, Freude, laß mich nicht verzagen!
    Über jenes Dach wird bald,
    bald der Morgenstern sich wagen.

    Dunkle Allmacht, die ihn sendet,
    hilf mein suchendes Herz behüten,
    daß nicht neuer Trug es blendet!
    Nein, hilf +nicht+! ich will’s nicht hüten!

    Trotz dem Notschrei des Propheten,
    trotz der tausendjährigen Fleischverfluchung,
    will ich wieder und wieder beten:
    führe, führe uns in Versuchung!

    Sei gepriesen, ewige Leidenschaft!
    Wer Gefahr scheut, kann nicht siegen.
    Laß uns mit geprüfter Kraft
    aufstehn, wenn wir unterliegen!

    Herz, vertraue deinem Triebe!
    Seele, deine Weltbetrachtung
    wird nur durch den Mut der Liebe
    frei von Ekel, Reue und Verachtung.

    O, schon spürst du’s! Sieh, da steht sie wieder
    trostreich vor dir, wie sie damals stand,
    als sie innerst aus dem Äther nieder
    ihren Pfad in deine Kammer fand:


Venus Consolatrix.

    Da kam Stern Lucifer; und meine Nacht
    erblaßte scheu vor seiner milden Pracht.
    Er schien auf meine dunkle Zimmerwand,
    und wie aus unerschöpflicher Phiole
    durchflossen Silberadern die Console,
    die schwarz, seit lange leer, im Winkel stand.

    Auf einmal fing die Säule an zu leben,
    und eine Frau erhob sich aus dem Glanz;
    die trug im schwarzen Haupthaar einen Kranz
    von hellen Rosen zwischen grünen Reben.
    Ihr Morgenkleid von weißem Sammet glänzte
    so sanft wie meine Heimatflur im Schnee,
    die Rüsche aber, die den Hals begrenzte,
    so blutrot wie die Blüte Aloe;
    und ihre Augen träumten braun ins Tiefe,
    als ob da Sehnsucht nach dem Südmeer schliefe.
    Sie breitete mir beide Arme zu,
    ich sah erstaunt an ihren Handgelenken
    die starken Pulse springen und sich senken,
    da nickte sie und sagte zu mir: Du --
    du bist mühselig und beladen, komm:
    wer viel geliebt, dem wird auch viel verziehen.
    Du brauchst das große Leben nicht zu fliehen,
    durch das dein kleines lebt. O komm, sei fromm!

    Und schweigend lüpfte sie die rote Rüsche
    und nestelte an ihren seidnen Litzen
    und öffnete das Kleid von weißem Plüsche
    und zeigte mir mit ihren Fingerspitzen,
    die zart das blanke Licht des Sternes küßte,
    die braunen Knospen ihrer bleichen Brüste,
    dann sprach sie weiter: Sieh! dies Fleisch und Blut,
    das einst den kleinen Heiland selig machte,
    bevor ich an sein großes Kreuz ihn brachte,
    Maria ich, die Nazarenerin --
    o sieh, es ist des selben Fleisches Blut,
    für das der große Heiland sich erregte,
    bevor ich in sein kleines Grab ihn legte,
    Maria ich, die Magdalenerin --
    komm, stehe auf, und sieh auch Meine Wunden,
    und lerne dich erlösen und gesunden!

    Und lächelnd ließ sie alle Kleider fallen
    und dehnte sich in ihrer nackten Kraft;
    wie heilige Runen standen auf der prallen
    Bauchhaut die Narben ihrer Mutterschaft,
    in Linien, die verliefen wundersam
    bis tief ins schwarze Schleierhaar der Scham.
    Da sprach sie wieder und trat her zu mir:
    Willst du mir nicht auch in die Augen sehn?!
    Und meine Blicke badeten in ihr.

    Und eine Sehnsucht: du mußt untergehn,
    ließ mich umarmt durch tiefe Meere schweben,
    mich selig tiefer, immer tiefer streben,
    ich glaube auf den Grund der Welt zu sehn --
    weh schüttelt mich ein nie erlebtes Leben,
    und ihren Kranz von Rosen und von Reben
    umklammernd, während wir verbeben,
    stamml’ich: o auf -- auf -- auferstehn! --

                             *

    Auf! In solcher Tiefe kann
    ruhig nur die Urkraft strudeln.
    Furchtsam fühl ich reifer Mann
    wieder Kindheit in mir sprudeln.

    Aber diese Furcht ist herrlich kühn,
    ist die Ehrfurcht vor dem Übermächtigen.
    Mit Entzücken seh ich euch verblühn,
    bleiche Sterne! Sanft verdrängt die nächtlichen

    Einzellichter ein noch kaum Geleuchte,
    aber leuchtend wird es kühner:
    Wo mir nichts als Grauen deuchte,
    fängt ein Häuflein silbergrüner

    Morgenwölkchen an zu gaukeln,
    Hoffnungsinseln, goldgeränderte;
    an den weißen Ufern schaukeln
    Freiheitsgondeln, buntbebänderte.

    Wohl, sie werden bald zerfließen,
    aber ihre Farbenwellen
    wirbeln weiter und ergießen
    Trost in tausend Kerkerzellen.

    Dankbar staun ich in das Lichtgetriebe:
    all der Glanz ist mir durch Dich entglommen,
    Dich, du eine, einende Liebe,
    der die Lüste alle frommen,


Venus Universa.

    Du sahst durch meine Seele in die Welt,
    es war auch Deine Seele: still versanken
    im Strom des Schauens zwischen uns die Schranken,
    es ruhten Welt und Du in Mir gesellt.

    Dein Auge sah ich grenzenlos erhellt:
    Erleuchtung fluteten, Erleuchtung tranken
    zusammenströmend unsre Zwiegedanken,
    in Deiner Seele ruhte Meine Welt.

    Und ganz im Weltgrund, wo sonst blindgeballt
    entzweite Lüste hausen voller Fehle,
    enthüllten sich auf einmal unsre Hehle
    vereint als lauter Liebeslustgewalt.

    Denn Liebe ist die Freiheit der Gestalt
    vom Bann der Welt, vom Wahn der eignen Seele.

                             *

    Das ist Liebe. Und mit leichtem Sinn
    gäb ich all mein ernstes Selbstbeschauen
    spielbereit für Dein Empfinden hin,
    du liebseligste der Frauen!

    Ja, solch Spiel das ganze Leben,
    Lieberes könnt ich nicht erwerben;
    Frohsinn hast du mir gegeben!
    Doch -- auch Du, auch Du wirst sterben.

    Wild und wehe und zum letzten Mal
    wird mein Herz an deinen Leichnam schlagen;
    still in unserm Freudensaal
    wird dein steinern Bildnis ragen.

    Einsam werd ich wieder dann erschauern
    vor den wirren Weltgewalten;
    oh Vernunft, sie überdauern
    unser menschliches Gestalten.

    Blaß im Leeren steht der Morgenstern,
    nur noch wie ein überflüssiges Pünktchen;
    und doch hängt sich immer wieder gern
    jede Seele an dies Fünkchen.

    Bis aufs Meer hin sieht mein Geist es stehn
    über tausend angstbefahrenen Gleisen,
    sieht’s in teilnahmloser Bahn sich drehn
    bis ans Ende aller Erdenreisen --

    sieht die Schaaren der vom Sturm Umbrandeten,
    die Myriaden der nach Rettung Winkenden,
    der Gescheiterten, Gestrandeten,
    der Verschmachtenden, Ertrinkenden --

    sieht sich mitgequält von all der Qual:
    Seele, Seele, stirbst du nicht vor Grausen?!
    Aber da vertreibt den trüben Schwall
    eine Stimme, sternhin ein Erbrausen:


Venus Heroica:

Psalm an den Geist

    Bleibe dir heilig, Geist,
    Herr deiner Seele!
    Ein fremder Schein beirrt dich noch:
    was spähst du nach Schiffen im Nebel,
    von Andern gelenkt?!
    Aus deinem Leuchtturm blickst du hinab,
    und Ströme, auf denen der Erdball durchs Weltdunkel rast,
    reißen an dir und reizen zum Sturz
    hinunter ans lauernde Ufer.

    Dort standest du schon als Jüngling;
    und während Woge auf Woge kam,
    schriebst du, den Krückstock tief einbohrend,
    Namen auf Namen in den feuchten Triebsand,
    geliebte Namen -- und keiner blieb.

    Manche taten schon so
    und wurden stolze Verzweifler.
    Aber mächtig macht nur der Glaube;
    und Niemand lebt, den sein Tiefstes
    nicht noch über die Sonne hinaufweist,
    über die Sterne, und weiter.

    Sahst du nicht gestern die Zimmerleute,
    wie sie die Leiche auf der Leiter trugen,
    vom Neubau weg:
    machte nicht jeden ihrer schweren Schritte
    die Kraft des Abgestürzten
    sichrer als je ihn selber?!

    Wahrlich, Keiner von Diesen
    wird sich zu Tode stürzen;
    und wenn sie einst den Geist aufgeben,
    wird jede dieser sechs Handwerkerseelen
    -- wir Alle sind Erben --
    hell triumphierend an den Schauder denken,
    als sie den Andern auf seinem Werkzeug trugen.
    Bleibe dir heilig, Geist:
    +Herr+ deiner Seele!

                             *

    Auf denn, Seele! reck die Glieder!
    fast beschämt mich mein Geträume;
    draußen hör ich meinen biedern
    Schuster schon am Werktisch räumen.

    Und sein närrischer Altgeselle
    wird nun gleich nach Frühstück brüllen
    und mich dann mit Bibelstellen
    ganz wie Tolstoi mürbe knüllen.

    Warte nur, verehrter Schutzpatron:
    heut kommts anderst! Mit den Mucken
    deiner christlichen Passion
    kannst du dann den Pechdraht jucken.

    Ja, ihr würdigen deutschen Volks-Betbasen,
    faltet nur entsetzt die Hände!
    Ehre genug für eure jüdischen Phrasen,
    daß ich meinen Groll euch spende.

    Lachen sollt ich, daß der Himmel kracht,
    über euer Menetekel;
    wie mein gallischer Freund Charles Simon lacht,
    wenn ich fluche „fin de siècle!“

    Himmel! kaum begreif ich noch die Sorgen
    meiner düstern Selbstbetrachtung;
    fröstelnd wie der junge Morgen
    reiß ich mich aus der Umnachtung.

    Nur noch Einmal will ich rückwärts schaun
    auf die grimmigen Wochen meiner Haft;
    nein -- sie wehrt es mir mit letztem Grauen,
    sie, die Stimme unsrer Schaffenskraft,


Venus Mea.

    Der Himmel gähnt, der Tag ist auferstanden,
    ich habe nun genug geschaut nach Osten;
    die Seele will in ihren Abendlanden
    Vollendung kosten.
    An dem Tor des neuen Evagartens
    steht ein knöchernes Gerippe,
    mit dem Ausdruck des Erwartens,
    aber nicht mehr in der Faust die Hippe.

    Sein Scheitel schimmert; eine Phönixfeder
    ragt aus der Rechten steil zum Sonnenrand,
    die spiegelt flammenfarbig, was je Jeder
    sann und empfand.
    In der Stunde einer Liebesfrucht
    sprüht ein Strahl aus diesem Spiegel;
    dann erlischt die Wonnesucht,
    keusch empfängt der dunkle Keim sein Siegel.

    Schon dämmert Glanz; kristallne Ketten hängen
    klar her zu dir aus väterlichen Sphären.
    So sollst auch Du dich aus der Dämmrung drängen
    und dich verklären,
    Seele, bis dein grau Gehirn sich lichtet,
    wie die Sonne scheint durch Eis,
    und dir deine Brunst beschwichtet
    und im Traum selbst deinen Willen weiß.

    Noch flimmerts erst; tief lockt die alte Nacht
    mit ihrer Schaar verworrner Muttergluten.
    Doch du wirst weiterstrahlen! du bist Macht!
    sieh, rings sind Fluten:
    wenn zwei Liebende zusammensinken,
    durch dein Glanzbild einst begeistert,
    und im Rausch dann blind ertrinken,
    wird ihr Keim von Deinem Geist gemeistert.

    So tagt es. Mit dem Ausdruck des Verächters
    sollst du dem alten Garten kalt entschreiten;
    dir weist die Phönixfeder unsres Wächters
    Unsterblichkeiten ...

                             *

    Nun verblich der Stern der Frühe;
    meine Augenlider brennen.
    Und die Sonne kann mit Mühe
    die gefrornen Nebel trennen.

    Mich verdrießt mein nächtlich Brüten.
    Drüben an den Häuserwänden
    sprießen diamantne Blüten.
    Meine Prüfung kann nun enden.

    Dieser Keller: dumpfer Zwinger!
    Auf die dunstbelaufnen Scheiben
    will ich breit mit steifem Finger
    +Venus Rediviva+ schreiben!

    Denn ich weiß, du bist Astarte,
    deren wir in Ketten spotten,
    Du von Anbeginn, du harte
    Göttin, die nicht auszurotten.

    Ich jedoch war weich wie glühend Eisen;
    darum sollst du mich in Wasser tauchen,
    bis mein Wille läßt sein siedendes Kreisen
    und der Stahl wird, den wir brauchen.

    +Nicht+ mehr will ich meine Brunst kasteien,
    bis sie mit berauschter Durstgeberde
    wünscht, daß unsre +Lüste+ fruchtbar seien
    und ein Wurm zur Göttin werde.

    Nach der Nacht der blinden Süchte
    seh ich nun mit klaren bloßen
    Augen meine Willensfrüchte;
    denn ich bin wie jene großen

    Tagraubvögel, die zum Fliegen
    sich nur schwer vom Boden heben,
    aber, wenn sie aufgestiegen,
    frei und leicht und sicher schweben.

    Glitzernd harrt mein Horst. Du Eine,
    die ich liebe: Ja und Amen:
    heute komm ich! heut soll meine
    +Klarheit+ deinen Schooß besamen!

    Schon errötet dort ein Giebel;
    Sonne, mach ein bißchen schneller! --
    Tolstoi, bring mir meine Stiebel,
    heut verlass ich deinen Keller! --



    Druck der
    Spamerschen Buchdruckerei
    in Leipzig





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3)" ***

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