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Title: Die Vergiftung
Author: Lazar, Maria
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Vergiftung" ***

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                              Maria Lazar



                             DIE VERGIFTUNG


                                  1920
                LEIPZIG - E. P. TAL & Co., VERLAG - WIEN


       Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung vorbehalten.
      Copyright 1920 by E. P. Tal & Co., Verlag Leipzig und Wien.



                                Die Tür


Eine braune Holztür, glatt, mit vielen dunklen Flecken. Eine Tür wie sie
überall ist, überall ist. Eine Tür --

Nein, eine dunkle Macht, feindlich, glatt, mit vielen dunklen Flecken.
Das schlägt ins Gesicht, dem ganzen Körper entgegen. Eine Schicht, eine
dünne, harte Wand.

Und da verloren sich die schmiegsamen Formen ihres Leibes. Das
Immerweitertasten ihrer Hände blieb stecken. Sie wurde platt
zusammengedrückt zu einer Fläche, einem Ding, aus dem nur der ungeheure
Schrecken herausgestiegen war und draußen stehen blieb, verwundert.

Als sie über die Treppe des Alltagshauses ging, trat sie in die Abdrücke
der hundert geschäftigen Füße, die täglich hier vorüberliefen.

Wieso war sie überhaupt dahergekommen? Immer daher gekommen und nur da
her, daß alles übrige draußen liegen blieb?

Heute drang das Licht blendend durch Steine und die erstarrte Haut ihres
Leibes. Von den Blättern troff es, grell und heiß, und duftete nach dem
Blut aller, die auf der Straße gingen. Das Blau war zu tief,
zusammengedichtet aus trotzigen Kräften.

Ach, die furchtbare Helle. Und in sie hineingelegt die Tür, mit den
dunkelbraunen Flecken. Die sich niemals, aber auch niemals einschlagen
läßt.

Diese Tür war schon damals gewesen, als sie so klein war, daß sie den
Kopf ganz nach hinten legen mußte, um die ersten Stockfenster zu sehen.
War es die Tür aus dem Kinderzimmer heraus oder von der Küche in den
dunklen Gang, an die sie sich nicht zu hämmern traute, als man sie
einmal dort eingesperrt hatte? Die Tür, die sich nie und nie zertrümmern
läßt.

Wievielmal schon hatte sie diese Türe geöffnet, mit Händen, die dem
eigenen Sieg nicht glauben wollen. Nur ein leichter Druck auf die Klinke
-- und hatte doch immer den Mut gehabt, zu wissen, daß diese Türe einmal
verschlossen sein muß. Jedesmal hatte sie den einen gräßlichen Moment
erlebt, der heute Wahrheit geworden war -- verschlossen.

Heute, es ist ja gar nicht heute. Das war schon immer, das hat sie ja
schon hunderttausendmal erlebt. Tritt man nicht aus der Zeit heraus,
wenn dann eine Stunde kommt, die sich einbildet, die erste zu sein. Ein
Heute, das ewig ist -- ein Schritt aus dem warmen Leben -- vielleicht
ist ihr deshalb so entsetzlich kalt. Und sie muß die Augen schließen,
während das Sonnenlicht des Tages die Wimpern versengt.

Verschlossen -- undurchdringlich.

Sie geht durch Straßen, wo die Nachmittagsröte die Mauern frißt. Und
weiß: Der breiten Kastanie vor seinem Fenster ist heute ein Ast
abgehauen worden. Blendend weiß bietet sich die Wunde der gierigen
Sommersonne dar.

Sie kann nie mehr weiter tasten. Steht fest, undurchdringlich --
verschlossen.

Ich muß denken, sagte Ruth. Sie nahm den Brief, der in seine Tür
geklemmt war und dachte: Ein zu kleines Kouvert. Und warum macht er dem
R bei Ruth so einen Schnörkel? Eine wütende Lust überkam sie, den Brief
von sich zu werfen, irgendwohin, vielleicht in den Straßengraben. Und
dann nie mehr ... Aber sie hielt ihn fest und ging so lange, bis die
erste Dämmerung sich mit dem Staub der Großstadt mischte, der in die
Höhe stieg, langsam, leise und unerbittlich.

Es schlug neun Uhr vom Kirchturm. Sie dachte: Mutter ist böse, wenn ich
zu spät zum Abendessen komme. Und Richard macht seine verwunderten
Augen. Ich will sie nicht ärgern. Aber ich bin nur so elend, wie sie gar
nicht wissen, daß man sein kann.

Sie spürte den Essensgeruch der aus der Küche quoll, als die Köchin
öffnete. Und war gespannt was es gäbe, während ihr die Tränen in die
Augen traten, daß sie jetzt daran denken könne.

Sie sah nicht auf Mutter und Bruder, während sie schweigend würgte. Sie
hörte nicht die Nörgeleien der Schwester. Sie schluckte eilig große,
trockene Bissen hinunter und fragte sich nur: Was habe ich? Sie wußte es
nicht mehr.

Aber als sie in ihr Zimmer trat, schrie der Spiegel seinen Namen. Und
sie sah ihr Bild darin, wie sie sich den Schleier vorgebunden hatte,
bevor sie weggegangen war, heute. Die Bücher auf dem Tisch, die
vernachlässigt und zusammengeworfen waren, und die zerrissene Mappe
atmeten seinen Duft aus. Und von dem seidengelben Lampenschirm herab
träufelten in weichen Farben ihre nächtlichen Gedanken.

Sie öffnete den Brief. Und las verächtlich seine großen Lügen.

Der Spiegel schrie seinen Namen. Sie sah sich drinnen, wie sie sich den
Schleier vorgebunden hatte. Wird sie so nie mehr zu ihm gehen.

Aber ja, morgen geht sie zu ihm, ganz so wie sonst. Was hat sie nur
heute. Der Brief ist ja so einfach zu verstehen. Warum soll er denn
nicht einmal verhindert sein, geschäftlich.

Ruth las den Brief noch einmal. Die lächerliche Schlinge des R und die
kriecherische Windung des L in Liebe.

Er lügt. Aber das macht ja nichts, das wußte sie schon immer. Und doch
-- sie kann nicht mehr.

O Gott, was ist nur geschehen? Was ist mit ihr? Durch das Fenster
strahlt die warme Sommernacht, wie eine Fülle leuchtender
Versprechungen. Die Welt ist hell. Sie war bis jetzt nur in einer
dunklen Stube. Dunkle Stühle, dunkle Flecken an der dunklen Tür. Die
Welt ist hell. Ihre Glieder, ihr armer vergessener Körper schreien nach
Licht. Sie kniet am Boden. Ihre Zähne beißen in die Tischkante, oh, daß
sie nicht aufschluchzt.

Sie will denken. Sie weiß, daß seine Augen durch alle Mauern auf sie
sehen. Aber ihre Hand sagt nein, ihr Knie schlägt in trotzigen Stößen
auf die Diele.

Ihr Hirn schmerzt vor Sehnsucht nach ihm, ihre Zähne beißen in die
Tischkante.

So lange sie denkt, gehört sie ihm. Aber da ist noch etwas an ihr, das
nicht denkt. Das treibt, das schlägt, das stößt, das treibt sie zu ...

Er stand vor dem Spiegel mit dem zu dicken Rahmen, der alles verdüsterte
und doch so hervorstach, als wolle er es nicht zugeben, daß eine
eigentümliche Frechheit von dem bespritzten Glas ausging.

                   *       *       *       *       *

Er stand vor dem Spiegel und sah aufmerksam auf seine schlecht rasierten
hageren Backen. Auf die etwas zigeunerhafte Locke, die über die Stirn
hing. Sie war nur zu licht, um wild zu sein.

Er stand vor dem Spiegel und versuchte die Regelmäßigkeit seiner
schmalen Züge zu genießen, durch die die zu weit nach hinten liegende
Stirn durchfuhr, wie ein querer Strich in einer regelmäßigen Zeichnung.
Seine Schultern standen zu weit nach hinten, künstlich steif. Sie
wollten offen und frei erscheinen. Aber die Augen lagen tief versteckt.
Die Pupillen waren nicht in sich abgeschlossen, sie liefen über,
ausstrahlend und doch wie verirrt in das Weiße des Auges.

Er stand vor dem Spiegel und der zusammengepreßte Mund, mit den dunklen,
schmalen Zähnen erkannte alle Schwächen der kraftlos weichen Hände, die
sich auf den Rücken legten, während die Schultern sich nach hinten
streckten, gewaltsam, künstlich.

Als Ruth zur Tür hereinkam, saß er vor dem Pianino und spielte eine
Beethoven-Sonate. Er trat ihr entgegen mit beiden ausgestreckten Händen.
-- Du kommst spät, sagte er liebenswürdig spöttisch. Aber seine Augen
blickten böse in eine Ecke des Zimmers.

Ruth erschrak. Wie immer legte sich der süßlichherbe Geruch der Räume,
den sie nie wo anders getroffen hatte, betäubend um ihre Stirn. Sie
lachte dann: Ja, denk nur, wieso, ich bin einen verkehrten Weg gegangen.

-- Du hast nicht kommen wollen, sagte er langsam und schwer.

Alles stand still. Das Zimmer stand still, jeder Stuhl, selbst die Uhr,
die sonst immer zu laut schnarrte. Etwas lebte nicht mehr, es war etwas
gestorben, jetzt, in dieser Minute, etwas Furchtbares war ausgesprochen
worden.

Ruth dachte: Weinen können. Sie sah die hochmütigen Globen auf dem
Wandregal, die alle staubig waren. Und die sattgelben Minerale auf dem
unordentlichen Schreibtisch.

Er rückte ihr den Stuhl zurecht, wie immer. Immer denselben Stuhl.

-- Aber was sagst du denn da? lachte Ruth. Es war ihr schlankes frohes
Kinderlachen, das so seltsam hinaufkletterte über die grau verschossenen
Wände, die zu hoch waren.

-- Mein Kind, sagte er, mit überschlagenen Beinen und fremden Augen, ich
habe dich seit drei Wochen nicht gesehen und heute kommst du zu spät.

-- Du mußt mir erzählen, stöhnte Ruth, alles was da war, alles was du
erlebt hast, was du gearbeitet hast.

-- Ruth, sagte er. Und sie haßte ihn. Spürte den Schnörkel in der
Schlinge des R.

Sie sah seine weißen, kraftlosen Hände. Wußte, daß sie diese Hände
niemals vermissen könne. Seine Krawatte war zerschlissen.

Eine heiße Welle stieg in ihr empor, würgte die Kehle. Aber sie war so
müde. Hilf mir, sagte sie.

Vor ihr war eine große, schwere Wage. Eine Schale war voll eiserner
Gewichte, schwer und kalt. Die andere leer, ganz leer und hoch oben,
mutterseelenallein.

Die ganze Welt war aus dem Gleichgewicht durch diese Wage. Und durch die
Disharmonie seiner Bewegungen. So wie er jetzt die Zigarre zum Munde
führte.

-- Du kannst mich eben nicht mehr aushalten, sagte er langsam. Nein, er
wußte nichts, er konnte ihr nicht helfen.

Er erzählte ihr von seinem neuesten chemischen Experiment. Und sah sie
an, als wäre sie eine schillernde Phiole.

Ihr Gehirn wollte mitarbeiten, aber wieder wehrten sich ihre Hände, ihre
Knie, ihr Blut dagegen.

Die Nacht war hereingebrochen.

Du, sagte Ruth plötzlich, als er ihr seine letzten Tage schilderte, wie
er sich elend in Gasthäusern herumgetrieben. Hör' auf. Ihre Stimme klang
hart und hell. Sie sprang auf und nahm seine Hand. Und ein grenzenloses
Mitleid, ein Schmerz, der sich selber zerbrach, lähmten ihren Atem. --
Jetzt geh ich und komme nicht mehr. Deine Tür war verschlossen,
letztesmal. Sie war immer verschlossen. Lüg nicht! Vielleicht weißt du
es nicht. Ach, diese Kälte herinnen. Und ich liebe dich. Hörst du mich
nicht. Das ganze Zimmer hört mich ja. Die Bäume draußen hören mich. So
hör mich.

-- Ich höre, mein Kind, sagte er und sie stampfte mit dem Fuß, weil er
mein Kind sagte.

-- Du weißt, daß ich seit zwei Jahren für dich gelebt habe, fuhr sie
fort und ihre Stimme überschlug sich. Aber ich sage dir, ich spüre eine
Erschöpfung, eine Gefahr, ich bin zu voll von dir, ich kann dich nicht
mehr ertragen. O, was tust du mit mir.

-- Wohin willst du, sagte er und nahm einen Zug aus seiner Zigarre.

-- Fort, schrie Ruth. Was bin ich dir? Eine Phiole mehr für deine
Experimente.

-- Törichtes Kind, sprach er und seine Stimme war schwarz in der lauen
Nacht. Fort -- du kannst nicht mehr fort. Du warst die Phiole für mein
kostbarstes Experiment. In dir habe ich mich selber experimentiert.

In diesem Augenblick sah Ruth vor sich auf dem Schreibtisch ein
schmales, scharf geschliffenes Messer liegen.

-- Wohin willst du, fragte er und vertrat ihr den Weg zur Türe. Du
Kleine, die du die ganze Last eines verbrauchten Lebens in dir trägst.

Ruth roch Blut. Oder waren das seine Chemikalien.

-- Nein, sagte sie. Und ging hinaus ohne ihm die Hand zu geben.

Im Stiegenhaus brannte grellrot elektrisches Licht. Und die Straße
lärmte.



                           Der Kleiderkasten


Ruth erwachte. Durch das Fenster stieß peinigend laut Licht. Es kam von
drüben, von der fahlgelben Hofmauer, zerbrochen und unverschämt schrill.
Es saugte die Menschen aus ihren Betten, aus ihren Häusern, ihren
Gewohnheiten. Und weil heute Sonntag war, liefen sie alle hinaus. In
eine Freiheit, die zu hell war. Daß die großen grünen Blätter schon
verdeckt lagen von Staub und zu viel erlebt haben. Wie das schmerzt. Und
alle schreien. Irgendwo wird Bier ausgeschenkt.

Dasselbe Licht kroch über die Gegenstände ihres Zimmers, die sonst
dunkel waren. Sie traten heraus aus sich selbst, aus ihrem farblosen
Dasein und jede Kontur wurde scharf und kam weit hervor.

Es war nicht zum Aushalten. Ruth sprang auf. Sie ließ die Jalousie
herunter und war erleichtert, als die Eisenstangen auf dem Fensterbrett
aufschlugen. Dann legte sie sich wieder in das zerwühlte Bett,
obendrauf, den Kopf weit nach hinten.

Vor ihr stand der Kirschholzkasten. Der liebe, lichte, gerade
Kirschholzkasten.

Tisch und Stühle und vor allem das dunkle Bücherbrett trugen noch sein
Gepräge. Sie waren immer nur dagewesen, um zu warten, daß sie zu ihm
gehe. Und wenn sie wieder kam, waren sie voll Warten für das nächstemal.
Und nur voll Warten.

Aber der lichte Kirschholzkasten war schon früher dagewesen. Sie sah
starr auf ihn mit halbgeschlossenen Lidern. Um die anderen nicht zu
sehen.

Der Kasten hatte etwas vom lieben Gott. Ganz bestimmt. Von dem lieben
Gott, vor dem man die Hände faltet, um zu ihm zu beten. Der einen weißen
Bart hat. Und man braucht nur brav zu sein und es kann einem gar nichts
geschehen. Er schmeckt nach Zuckerlämmchen, die zu Ostern verkauft
werden. Und auch ein bißchen verstaubt.

Dieser liebe, breitlinige Kasten war einmal groß, so groß, daß man nicht
bis zum Schlüssel reichen konnte. Und alles war darin, was man nur
brauchte.

Ruth bäumte sich auf. Der liebe Gott war tot. In dem lichten
Kirschholzkasten hing eine Menge dunkler Stoffe. Die rochen alle ein
wenig nach fremden Chemikalien, süßlich herb. Stundenlang war sie
gesessen, den Kopf in diesen Kleidern vergraben, um den geheimnisvollen
Duft einzusaugen. Nein, sie wird den Kasten nie mehr aufsperren können.

Sie betrachtete mißtrauisch ihre braunen Kinderhände. Mit den kurzen
Fingern, die noch niemals etwas sein wollten und noch niemals etwas
festgehalten hatten, immer nur alles fragend betastet. Rochen sie nicht
in ihrem Innern, ganz drinnen in der Handfläche, aus den Poren heraus
nach ihm? Sie dachte an das Versinken in seinen großen, zu weißen Händen
und ihr wurde übel. Ihre widerspenstig flockigen Haare rochen ja auch
nach dort -- ist sie denn ganz von ihm durchzogen, vergiftet --

Sie wird ein Bad nehmen. Und sich die Haare waschen mit sehr viel Seife.
Das wird nützen. Und die Möbel heute gut abstauben, mit einem neuen
Staubtuch.

O Gott, wenn sie nicht auf den Kasten sieht, sieht sie überall ihn,
nein, nicht ihn und auch nicht seine Augen, nur seinen Blick. Der dunkel
ist und wie ein Band sich um ihre Glieder legt. Den sie nicht versteht
und nie verstanden hat, weil er aus einem Land kommt, das sie nicht
kennt. Dessen Unkörperlichkeit sie verzweifeln ließ und dem sie nun
entflieht, von heute an.

Es ist merkwürdig, dachte Ruth, daß ich die ganze Nacht geschlafen habe.
Es ist überhaupt merkwürdig, daß man bei einem großen Unglück doch ganz
bleibt, wie sonst. Nur alles andere wird anders.

Und wieder sieht sie auf den hellen freundlichen Kasten. Und vergleicht
ihn mit dem lieben Gott. Sie möchte die Hände falten, ganz wie damals.
Und kann es nicht mehr. Und fürchtet sich, ganz wie damals.

Denn da ist sie wieder, die alte Kinderangst, über die sie schon
hinweggegangen zu sein glaubte mit hochmütig erwachsenem Schritt. Die
Angst, die die Nacht fürchtet und die blasse Frühlingsdämmerung. Die
sich krümmt unter der Eintönigkeit des Mittags. Die Angst, die auf der
Schulbank hockt neben dem patzenschwarzen Tintenfaß, den strengen
Scheitel der Lehrerin streift, die nach zerkauten Federstielen schmeckt
und liniertem Papier, die Angst, die aufschreit in einsamen Nächten und
keinen Ausweg findet durch den fest verschlossenen Mund. Die von
Leichenzügen träumt und alle Pest und Hungersnot der Jugendbüchereien
durchlebt hat.

Wer ist sie heute? Was war sie seit der Zeit, als sie in kurzen Röcken
über die Gassen lief und das Zopfband verlor? Ist sie bestohlen,
beraubt?

Nein, Ruth wußte es, sie war mißhandelt worden. Eine zarte Hülle blieb
übrig, die leben wollte. Und was war in ihr? Was roch wie die lebendig
gewordene Wissenschaft? Was klebte an ihren Händen, in ihren Haaren, in
ihren Kleidern? Was füllte den lieben, alten Kasten?

Da wird sie sich einer furchtbaren Gefahr bewußt: Leer werden. Leer --
was heißt das, was ist das? Leer -- das sind die Augen in Totenschädeln.

Sie will nach der goldenen Fülle greifen. Und das Licht kann nicht
herein und dahinter steht das Nichts, das Leere.

Leer -- das heißt ihn verlieren, ihn verloren haben. Und die Wucht
seiner Schmerzen, die Qualen seiner Einsamkeit.

Hoch aufgerichtet steht sie vor dem Bett. Sie sieht an sich herunter.
Bis zu den schlanken, braunen Knöcheln. Und haßt sich.

Leer -- das ist das Stück vom Fenster hinab bis zu dem harten Pflaster.
Worauf die Menschen ihren grünen Schleim spucken und das die Hunde
beschmutzen.

Frei sein und leer sein und weniger als elend sein --

-- Fräulein Ruth sollen zum Frühstück kommen. -- Ruth sah das große
überkräftige Stubenmädchen mit der hohen vergnügten Stimme. Und wußte:
heute abends geht sie aus, da wartet einer unten auf sie, vielleicht der
vom letztenmal oder auch ein anderer.

-- Ruth, rief die Mutter aus dem Nebenzimmer. -- Ich komme, antwortete
sie mit einer Stimme, die voll Musik und Jubel war.

Mutter stand in der Sonne. Und Mutter war lebendigstes Gewesensein.

                   *       *       *       *       *

Mutter ging alle Morgen nachsehen, ob das Mädchen gut aufgeräumt habe.
Sie ließ keinen Stuhl so stehen, wie diese ihn gestellt hatte. Mutter
wollte ein eigenes Haus haben, wie sie sagte. Ob dieses Haus besser war,
als alle anderen, ist nicht bestimmt. Aber daß es anders war als alle
anderen, daß es ihr eigen war und nur durchtränkt von der kindhaften
Unruhe ihrer zu langen Finger, die niemals jung gewesen sein konnten,
daß ihr Haus fremd und versperrt war allen, die nicht ihres Blutes
waren, das hatte sie erreicht. Und Ruth empfand es mit einem Stolz, der
sich selbst nicht anerkennen will.

Mutter küßte Ruth, wie man ein Stück Eigentum küßt oder ein Stück von
sich selbst. Und Ruth fühlte die Schmerzen der vergangenen Nacht ganz
klein werden und wollte weinen.

Mutter frühstückte nicht mit. Sie war nie imstande eine Mahlzeit durch
sitzen zu bleiben. Sie mußte immer rasch noch etwas anderes tun.

Mutter war groß. Aber nicht groß genug für das, was sie der Welt zeigen
wollte. Deshalb schien sie fast klein.

Und auch ihre Wohnung war groß. Aber zu klein, um sich vor allen
zurückziehen zu können. Denn das wollte sie. Deshalb waren die hohen
Räume eng und drückend.

Als Ruth mit dem schmalen, silbernen Brotmesser das Brot schnitt,
empfand sie einen seltsamen Besitzerstolz und dachte: zuhause sein.

Sie hatte keinen anderen Wunsch, als Mutters Kleid zwischen beide Hände
fassen zu können, ganz, ganz fest. Wie gut war es, daß Mutter immer so
alte Kleider trug. Und schon wollte sie aufspringen und Mutter alles
sagen --

Da kam Richard herein. Nein, sie konnte nicht. Richard war zu klug. Und
Richard war Mutters Sohn. Von so etwas konnte sie nie zu Mutter
sprechen.

Und Martha war Mutters Tochter. Martha war häßlich und verbittert. Wenn
sie die Tür aufmachte, war das Zimmer voll Lärm. Da konnte Ruth von so
etwas doch nie zu Mutter sprechen.

Ruth wußte nicht, daß Mutters Leben nur Enttäuschung war, die nicht
eingestanden werden durfte. Und daß Mutter so grenzenlos arm war, weil
sie nie den Mut gehabt hatte, das zu erkennen.

Mutter war so klug, daß sie die Dinge nicht wirklich sah, sondern in
Karikatur auf dem Hintergrund ihrer Wünsche und Vorurteile. Aber sie sah
sie alle bis auf eines: Das war sie selbst. Sie wußte so wenig von ihrer
eigenen Existenz wie ein ganz kleines Kind. Und ahnte nicht, daß sie
selber auch etwas beigetragen habe in der Symphonie der Ereignisse, die
ihr enges, tiefes Dasein bildeten.

In ihrer Jugend hatte sie nur eines gekannt: Die Pose. Die Verwandten
und Freunde, ja selbst der Kutscher ihres väterlichen Hauses sprachen
mit Handbewegungen, wie Schauspieler in ihren Rollen. Das hatten sie von
ihrem Vater gelernt. Dessen ganzes Leben ein großer Faltenwurf war.
Hinter dem steckte nichts als Jagd und Rausch und etwas Verwesung. Aber
ihre Mutter war träge.

Sie hatte nie den Mann gefunden, den sie lieben konnte. Das wäre auch
nicht so nötig gewesen, nur hätte sie sich Zeit nehmen sollen, ihn zu
suchen. Denn nur dann hätte sie sich entwickeln können.

Aber sie zerschnitt sich alle Möglichkeit weiterzukommen, indem sie in
früher Jugend einen Mann heiratete, der vielleicht ein Heiliger geworden
wäre, wenn sie ihn unter Menschen gelassen hätte. Denn er liebte die
Welt mit der zarten, naiven Freude junger Knaben, die an einem
Frühlingstag ein blühendes Tal durchstreifen. Aber sie hielt ihn als
Eigentum, wie ihr Vater Pferde und Bediente gehalten hatte. Sie sperrte
ihn ein in Räume, die von ihren Atemzügen übersättigt waren. Daß seine
weiche Menschlichkeit zur Seite treten mußte und sein säurenscharfer
Verstand allein ihn beherrschte. Er rechnete Tage und Monate und Jahre.
Als seine große Erfindung fast fertig war, starb er. Aber noch eine
Stunde vor seinem Tod erzählte er das Märchen vom Schneewittchen. Denn
er hatte immer Königstöchter geliebt, die eigentlich kleine Mädchen
waren und in rote Äpfel bissen. Die ein bißchen Puppentheater an sich
hatten.

Ruth hatte Vater gegenüber ein schlechtes Gewissen. Weil Mutter alles
war, weil Mutters große, vielgliedrige Hände auf ihren Augen gelegen
waren, wenn sie zu Vaters Schreibtisch sehen wollte.

Als sie noch ganz klein war, hatte er sie einmal in eine Konditorei
geführt. Es war ein schneidend kalter Wintertag und ein elendes
Geschäftchen in der Vorstadt. Dort kaufte er Bonbons, einen großen Sack
voll großer, dicker, gelber, malziger Bonbons. Und gab sie ihr mit dem
vergessen gütigen Lächeln, mit dem Christus das Brot an die
Zehntausenden verteilt. Da wurde sie traurig. Am Abend saß er an seinem
Schreibtisch und Mutter schalt mit der Köchin. Ruth ging in das dunkle
Vorzimmer, steckte den Kopf in seinen Winterrock und küßte, küßte das
weiche, kalte Tuch. Später sagte Richard: -- Gib mir davon. -- Sie hielt
den Sack fest zu. -- Du bist geizig, sagte Richard. -- Gib! -- Sie
preßte den Sack an sich. Da schlug er sie. Sie weinte. Er zerriß das
Papier. Aber sie kämpfte um jedes einzelne Bonbon. Und legte alle unter
ihren Kopfpolster. So war Vater. Aber Richard konnte das nie verstehen.
Und sie hatte viel Respekt vor Richard. Fast noch mehr als vor Mutter.

Am Abend sagte Mutter: -- Warum bist du noch nicht angezogen. In einer
Stunde müssen wir im Theater sein.

Ruth dachte an den Kleiderkasten. An den dunklen Duft, der aus ihm
herausströmen soll. Und sie empfindet das dunkle Band, das von weither
kommt und sich um alle ihre Glieder legt, schmiegt, sich einschneidet in
die furchtsame Haut.

Und sie weiß, wenn sie das blaue Seidenkleid anzieht, ist sie morgen
wieder bei ihm.

-- Ich gehe nicht ins Theater, antwortete sie. Und blieb allein in der
Wohnung. Da geht sie aus, sich zu suchen. Sie schleicht, sie kriecht
fast durch die Zimmer. Sie betastet die Stühle mit den verbogenen Füßen,
die überflüssigen Vasen, den Samt der Vorhänge. Überall war Mutter. Und
noch Richards Bücher. Und ein paar gestopfte Handschuhe von Martha. Aber
Ruth war nirgends.

Da überfiel sie eine Qual, die sie zu Boden schlug, sich wie ein Strick
um ihren Hals legte und würgte ...

Mutter kam von Lohengrin und war entzückt, wie immer. Sie liebte derbe
Romantik und laute Musik. Dann sang sie den Hochzeitsmarsch mit ihrer
kräftigen Stimme. Ruth sah sie an wie eine Fremde.

Richard war zufrieden, wie nach einer gut überstandenen Prüfung. Und
Martha jammerte, daß ihr Schal ein Loch bekommen hatte. Ruth war nur
ganz verwundert.

Aber dann setzte sie sich auf Mutters Bett, tief hinein. Sie starrte in
das schläferige Weiß des Linnens und wünschte sich klein zu sein und
Fieber zu haben.

Mutter sagte: -- Aber jetzt geh schlafen. Und warum bist du heute so
blaß? Was hast du denn? Geh nur schlafen und gib mir noch vorher meinen
Roman.

Richard meinte gähnend: -- Möchte nur wissen, warum du deinen Sitz hast
verfallen lassen. So was Dummes.

Ruth wußte nur: -- Wenn ich den Kasten aufmachen muß, werde ich
wahnsinnig. Da ist ein Abgrund drinnen, der stürzt über mich, der
erdrückt mich durch seine Leere. Und dann wissen sie alles. Oh, die
Schande. Dann bin ich ausgezogen. Nackt vor allen. Auf der Straße. Mein
Körper ist voll eiternder Wunden, oh, die Schande.

Der liebe, lichte Kirschholzkasten stand glatt in ihrem dunklen Zimmer.

Nach zwei Tagen sagte das Stubenmädchen: -- Wenn Fräulein Ruth nicht den
Kasten aufmachen, kann ich den grauen Mantel nicht zum Putzen tragen.

Die Schande.

Und Mutter sagte: -- Wenn du den Schlüssel verloren hast, lasse ich den
Schlosser holen.

Die Schande.

Sie weinte heraus: -- Ich will nicht.

-- Ich glaube wirklich, du bist krank, meinte Mutter.

Aber Richard rief aus dem Nebenzimmer: -- Geh, mach dich nur nicht
interessant.

Oh, die entsetzliche Schande.

Und sie wird sich zwingen lassen.

Was tut sie nur den ganzen Tag. Sie geht herum und erklärt es ihm, ihm,
zu dem sie nie mehr kommen wird. Sie macht ihm alles begreiflich, er
versteht es, er weiß es, er weiß ja alles. Wie kommt es nur, daß er ihr
so ähnlich ist. Oder sie ihm --

Sie nimmt zum zehntenmal ein neues Staubtuch und wischt alle Möbel ihres
Zimmers ab. Damit sein Duft doch endlich weggehe. Und wäscht sich dann
die Hände mit kochend heißem Wasser.

Am nächsten Abend sagte die Mutter: -- Wenn du dir morgen nicht ein
anderes Kleid anziehst und den Kasten aufsperrst, so hol ich den
Schlosser. Also überleg es dir.

Ruth stand an ihrem Fenster und sah in die schmutziglaue Sommernacht
hinunter und fühlte: Warum kann Mutter, die den Lohengrin so gern hat,
die so nobel ist, wenn Gäste kommen, so zu mir sein? Warum stehe ich
hier und schau auf eine staubige Straße, wo doch draußen die vielen
Felder sind mit den endlosen Schienen -- in die Ferne gleiten -- und
warum --

-- Ich muß jetzt Bett machen, sagte das Stubenmädchen und zündete das
grelle elektrische Licht an. Ruth sah auf sie. Auf ihre kräftigen Arme,
die fast aus der Bluse quollen, ihre übermütig starken Hüften, ihre
brennend heißen Wangen. -- Hören sie, Agnes, sagte sie heiser und ging
ganz nahe zu ihr ... Sie waren jetzt unten, da beim Haustor und er war
dabei, o bitte, sagen Sie nicht nein, ich habe Sie ja gesehen ... Nein,
Sie müssen nicht schreien, aber sagen Sie mir doch bitte, war es der
selbe, mit dem ich Ihnen begegnet bin, damals, Sie wissen schon, wie ich
im Konzert war, aber so sagen Sie doch. -- Nein, sagte Agnes, mehr
verblüfft als verlegen. -- Aber eines, Agnes, müssen Sie mir noch sagen.
War es schön, unten jetzt, meine ich, war das schön -- Oh Gott, sagte
Agnes, nein, das ist nichts für Sie, Fräulein. -- Hören Sie, Agnes, und
Ruth kämpfte mit ihrem Atem, Sie haben so starke Arme. Agnes, liebe
Agnes, ich habe meinen Kastenschlüssel verloren. Mama ist sehr böse.
Nehmen Sie das Küchenmesser, das große, und machen Sie mir den Kasten
auf, nicht wahr, Sie tun es. Aber leise, ich geh einstweilen in das
Speisezimmer. Und kein Wort davon, Agnes, Sie verstehen. Die Kleider
hängen Sie über Nacht ins Vorzimmer, aber es darf niemand davon wissen,
und zeitlich früh wieder herein, o ja, Agnes, Sie verstehen, sie tun es
gleich --

-- Ich verstehe schon, Fräulein Ruth, sagte Agnes mit blödem Lachen.



                               Die Mutter


Ich liebe Mutter, dachte Ruth. Kein Mensch weiß, wie groß sie ist und
stolz. Es ist schade, daß das niemand weiß. Aber ich kann es ja auch
nicht vertragen, daß sie die Türen zuwirft und durch die Zimmer läuft.
Daß sie mit dem Mädchen schreit.

Sie flüchtete in Gärten. In kleine, engbrüstige Vorstadtgärten mit
zerrauften Büschen und wackligen Bänken. Mit großen Sandhaufen voll
schmutziger Kinder.

Sie ging hin, weil sie dort noch niemals, niemals gewesen war. Und saß
brutheiße Sommernachmittage durch und versuchte nur an Mutter zu denken
und ihn zu vergessen.

Denn noch immer verfolgte sie sein Blick wie ein dunkles Band, das so
weich war, wie das Innere seiner Hand, so daß man nichts wünscht, als
sich hineinlegen zu können und nichts mehr weiß von Steinen und Bergen.
Wie im Sand vor dem Meer.

Als sie einmal so saß, den Kopf in den Händen, mitten unter
Proletarierfrauen und Ladenmädchen, setzte sich jemand ganz nahe neben
sie. Sie fühlte nur immer den Blick, das Band, wie es sich um ihre
Stirne legte und alle Nerven, den Rücken hinunter strich. Jemand sagte
zu ihr: -- Fräulein, gestatten, daß ich mich zu Ihnen setze. Neben ihr
war ein Commis voyageur mit aufgewirbelten Schnurrbartspitzchen und rot
geblümter Krawatte. Noch empfand sie den weichen Abgrund, der zu tief
war, um zu duften und sah sich doch hier unter kleinen Leuten, im
kleinen täglichen Leben, rundherum der graue Spielsand. Sie lachte ihrem
Nachbarn ins Gesicht, laut und plötzlich, daß er zurückfuhr. Dann ging
sie. Hinter ihr schimpften die Proletarierfrauen.

Sie mußte immer von zuhause weggehen. Denn, wenn sie zuhause war, liebte
sie Mutter nicht und das war doch schon ganz unmöglich.

Mutter sagte zu Richard: -- Man sollte doch sehen, wo das Kind sich
herumtreibt. Sonst dachte sie nicht weiter an Ruth. Nur in der Nacht
wachte sie manchmal auf und wurde unruhig. Sie meinte, das käme von
ihren angegriffenen Nerven und nahm Schlafpulver.

Daß etwas ihr Fremdes in Ruth vorging, wußte sie. Soweit sie überhaupt
wissen konnte, was sie nicht wissen wollte. Und sie wollte nichts
wissen, was sie nicht seit ihrem zwölften Jahr kannte und besaß. Das
beleidigte sie schon durch seine bloße Existenz.

Für sie war Ruth das Kind. Das etwas verträumte Kind, das sie unbedingt
liebte, weil es ihr Kind war, das sie bemitleidete, weil es das Kind
ihres Mannes war. Und das sie deshalb schützen zu müssen glaubte.

Solange Ruth klein war, sagte sie mit Stolz zu allen Verwandten: -- Das
Kind wird ganz wie ich. Und Ruth war fast ebenso angesehen im Hause wie
Richard. Aber mit zehn Jahren enttäuschte sie ihre Mutter zum erstenmal.
Von da an immer wieder.

Sie ging mit Mutter an einem naßkalten Novembertag durch die Stadt,
Einkäufe machen. Sie war traurig, weil alle Leute in den Geschäften
unfreundlich waren, die Herren dicke Tröpfchen im Bart hatten und die
Damen in zu kleinen Schuhen gingen, die sicher weh taten. Weil sie eine
erfrorene Nase hatte und einen häßlichen Hut. Deshalb dachte sie an ein
Schloß im Hochsommer und zerbrach sich den Kopf, wie sie dort
Rosensträucher und Marmorbrunnen verteilen sollte. Da kam ein Bettler.
Er war so wie alle anderen Bettler auf der Welt. Die selbe verkrüppelte
Demut, die Geschäfte macht und ihre Krücken schwingt. Schamloses Elend.
Mutter sagte: -- Gib ihm zwei Kreuzer. -- Nein, erwiderte das Kind, ich
mag nicht. -- Was, rief die Mutter entsetzt, warum? Oh, du bist
schlecht. -- Ja, sagte sie, ich bin nicht gut, ich kann alle Bettler
nicht leiden.

Damals war Mutter sehr böse. Und Ruth sagte zuhause: -- Wenn ich alle
Bettler wirklich gern hätte, müßten sie zu mir kommen, aber ganz. Und
ich möchte ihnen nie Kreuzer schenken, aber ich mag sie gar nicht. -- Da
schlug Mutter sie und Richard und Martha waren voll Verachtung.

Denn man mußte gut sein zuhause. Das war wie ein Dogma. Richard schenkte
jedem Bettler etwas und Martha nähte Puppenkleider für Armeleutekinder.

Als Ruth zwölf Jahre alt war, sagte sie lächelnd zu ihren Freundinnen:
-- Natürlich sind wir Juden, aber schon lang getauft, doch das macht
nichts aus.

Als sie vierzehn Jahre alt war, erklärte sie: -- Unsere Möbel sind
häßlich. -- Ich lüge oft, nicht gern aber doch oft. -- Wenn ich ganz arm
wäre, würde ich sicher einbrechen.

Da wußte man in der Familie: das Kind ist dumm. Man muß sie zum
Schweigen bringen, sonst macht es nichts.

Und Ruth glaubte, daß sie dumm sei. Nur kränkte es sie gar nicht. Sie
konnte einfach nie auf die Idee kommen, anders sein zu wollen, als sie
war. Höchstens, daß sie sich wünschte, strähnenglatte blonde Haare zu
haben und eine griechische Nase.

Hier aber war die erste große Spaltung zwischen ihr und Mutter. Denn
Mutter fühlte zu genau, wie sehr Ruth ihr Kind war, um diese
Aufrichtigkeit zu gestatten. Sie empfand es als eine Verletzung.

Ruth sagte einmal auf jemanden: Den liebe ich, den möchte ich auf der
Stelle heiraten. Ich glaube wirklich, ich könnte mich wahnsinnig in ihn
verlieben. -- Aber schämst du dich nicht, rief die Mutter.

Mutter schämte sich immer. Weil sie einen so unmäßigen Stolz in sich
trug. Was dieser Stolz wollte, wußte sie eigentlich selbst nicht, er
hatte etwas sinn- und zweckloses. Er erinnerte an die hohen Zimmer, die
man in den Achtzigerjahren baute, deren Größe etwas Leeres und Zugiges
an sich hat. Und die nie auszufüllen sind, weil die Kostbarkeiten, nach
denen sie verlangen, gar nicht aufgetrieben werden können.

Das, was Mutter wollte, existierte nicht. Und deshalb war sie arm
geblieben in der Fülle ihrer zügellos reichen Empfindungen.

Wenn Ruth in der Nacht sich im Bett aufrichtete und sie war plötzlich
ganz wer anderer als am Tage, so daß sie ihre eigenen Bewegungen mit
süßem Mitleid und verborgener Zärtlichkeit beobachtete, dann war es
genau so, wie wenn sie Mutter beim Schreibtisch sitzen sah, mit einer
Unzahl Rechnungen, bei denen sie sich fortwährend irrte und die sie doch
so genau nahm. Oder wie wenn sie einem nackten Säugling zuschaute, wie
er sinnlos mit den winzigen Füßen in die Luft strampelt.

Mutters Reserve der Menschheit gegenüber war nur etwas rein
gedankliches, äußerlich war sie allen vollkommen ausgeliefert. Ihre
Haare steckten immer schief. Der Mund war zu voll. Die Unterlippe hing
herunter. Das war aber nicht notwendig. Es war nur, weil Mutter eben so
gar nicht verstand, in den Spiegel zu schauen.

Ihre dunkelsehnigen Arme hätten Erdarbeit leisten sollen. Ihr kräftiger
Körper brauchte Bergluft. So daß er fast hinfällig scheinen konnte in
den Zimmern der Großstadt.

Mutter hatte sich nicht erziehen können und deshalb ihre eigenen Kinder
nicht, weil die ihr zu ähnlich waren. Aber sie hatte einen jüngeren
Bruder, der weich und bildsamer war als Lehm. Er war Musiker, er war
Dichter, er war Maler. Und endigte als Zeichenlehrer in einer
Mittelschule. Sie hatte ihm zu viel geholfen.

Ihre eigenen Talente hatte Mutter verschleudert. In ihrer Jugend war sie
die wildeste Tänzerin der Stadt. Und trug doch immer abgetretene Schuhe.

Onkel Gustav wuchsen die Haare zu lang in den Nacken. Nur ein ganz klein
wenig, so daß man es bei anderen Menschen gar nicht bemerkt hätte. Aber
bei ihm schien es viel zu viel zu sein. Er wurde in der Familie verlacht
und als Narr behandelt. Und lächelte dann demütig. Ruth ging an ihm
vorbei. Sie konnte Bettler nicht leiden.

Mutters Kommode war das interessanteste Stück im ganzen Haus. Zweimal im
Jahr wurde sie »groß« aufgeräumt. Kein Mensch durfte ins Zimmer kommen,
nur Gustav und Ruth waren zur Hilfe kommandiert. Weil Gustav so schön
die einzelnen Päckchen einwickeln und mit Spagat zusammenbinden konnte.
Und weil Ruth es lieber tat, als ins Theater gehen. Der dumpfe
Lawendelgeruch erweckte in ihr eine müde Erinnerung an Geheimnisse, die
sie einmal gekannt hatte, aber nun nie und nimmermehr erfahren durfte.

An einem langweiligen Sonntagnachmittag mit Regentropfen rief die Mutter
Gustav und Ruth zum großen Aufräumen. Ruth kam widerwillig, sie hatte
sich stumpf geschlafen und eine fade Sattheit klebte in ihren Haaren,
die heute gar nicht unternehmungslustig um die Stirne herumstanden,
sondern schläfrig nach hinten lagen. Als Mutter die großen Schubladen
aufzog, mit ihren zu hastigen, etwas blinden Bewegungen, bekam Ruth
einen dumpfen Druck in den Kopf von starkem Lawendelgeruch und wie im
Zorn sagte sie: -- Alt. Gustav sah verwundert auf. Er hatte die
Hemdärmeln aufgestreift und seine kleine, gedrungene Gestalt, die gerne
dick sein wollte, aber nie dazu kam, weil er ja immer hungerte, war auf
dem Sprung, Mutters Wünsche zu erfüllen. Er knüpfte alle die braunen,
grauen, gelben, weißen Päckchen auf und schichtete ihren Inhalt
sorgfältig auf dem Boden hin. Ruth rührte sich nicht und sagte plötzlich
zu Mutter: -- Ich möchte Seidenpapier kaufen, weißes und einfärbige
Bänder. Nicht so in irgend ein Papier und Spagat. -- Was fällt dir ein,
das wäre viel zu teuer. --

Ruth verstand das nicht. Sie legte sich auf einen Teppich und wühlte wie
sonst in alten Photographien hochschöpfiger Damen und befrackter Herren
mit Zylindern. In Wickelkindbildern, wo alle immer in der gleichen Weise
auf dem Bauche liegen. Es langweilte sie.

Gustav pfiff. Er pfiff wunderschön.

Ruth durchstöberte Briefe, die wie gestochen aussahen auf vergilbtem
Papier. Sie suchte etwas. Sie suchte etwas, um aus der gräßlichen Leere
des Sonntagnachmittags herauszukommen. Und weil es doch ganz und gar
unmöglich war, daß die geliebte, geheimnisvolle Kommode nichts anderes
barg als dieses öde Zeug. Nein, bestimmt nicht. Nicht einmal die
Schäferinnenspieluhr kam ihr sehenswert vor oder das Stammbuch der
Urgroßmutter.

Mutter zeigte ihnen einen Liebesbrief, den sie bekommen hatte, als sie
sechzehn Jahre alt war. Es war der Brief eines überspannten Gymnasiasten
und schloß mit Selbstmordgedanken. Mutter war sehr stolz darauf. Aber
Ruth fand ihn so überflüssig aufzuheben, wie Großvaters Brautbriefe an
Großmutter. Sie wurde zornig. Und sie bekam Angst.

Denn da war noch mehr in dieser Kommode. Mutter log. Sie, Ruth, wußte
es. Da drinnen lag ein zerbrochenes Schicksal, ein Ruin, ein Kampf gegen
den Irrsinn. Mit dunklen Blicken sah Ruth auf den grauen Scheitel der
Mutter, wie sie eben vor ihr kniete. Sie fühlte ein kaltes,
entsetzliches Alter in ihren jungen Händen, das alles wußte, das man
nicht mehr täuschen konnte. Und ihr Mund war greisenhaft erbittert.

Mutter staubte soeben eine graue Pappschachtel ab, die mit einem
goldenen Bändchen zusammengebunden war, als das Dienstmädchen sie rief.
-- Das laß stehen, sagte sie zu Ruth und ging hinaus. Ruth warf sich auf
die Schachtel. Gustav kehrte ihr den Rücken zu. Sie streifte das Band
los, schob den Deckel weg, seine Schrift -- und der große Schnörkel bei
»Liebe«. Eine dunkle Tür tat sich auf. Sie bekam einen brennenden Schlag
auf die Hand. Und da wurde es licht, schreiend licht, grell, schmerzhaft
...

Mutter schrie etwas, das sie nicht verstehen konnte. Und nahm die Briefe
und ging hinaus, wutentstellt.

-- Onkel Gustav, sagte Ruth ruhig und ernst und totenblaß. Von wem waren
diese Briefe?

Gustav zitterte am ganzen Leib: -- Warum machst du solche Sachen, wenn
Mutter es verbietet. Von wem die Briefe sind. Ich weiß es wirklich
nicht, wirklich nicht.

-- Onkel Gustav, wiederholte Ruth und trat ganz nahe zu ihm hin. Du
weißt das alles. Aber wenn du es nicht sagen willst, wenn du dich nicht
traust, so werde ich es sagen: in diesen Menschen war Mutter verliebt.

Ihre Stimme klang wie höhnende Beleidigung in dem dämmernden Zimmer. Die
Worte fielen abgehackt in das Dunkle und Mutters Rechenbücher lagen auf
dem Schreibtisch im hintersten Winkel.

-- Danach habe ich dich nicht fragen wollen. Aber eines mußt du mir
sagen, wann war es, du? -- und sie kniete neben ihm und krallte die
Finger ein in seinen willenlosen Arm -- wann? war ich damals schon groß,
wie alt, ein kleines Kind? sag, du mußt!

-- Du warst ganz klein, eben zur Welt gekommen.

Ruth sah vor sich einen Horizont, der in gerader Richtung in die Höhe
steigt. Wo es nicht rechts gibt, nicht links, nur das Oben. Und das
Oben, der Blick, das Band, das glatte, weiche Band.

-- Weiter, sagte sie hart -- und früher?

-- Er sagte dein Schicksal voraus aus den Sternen, erzählte Gustav, der
ins Schwätzen kam, -- als Mutter dich erwartete. Deshalb ist er auch so
viel zu euch gekommen.

Ruth empfand in sich eine graue, steinschwere Halle, die sich selbst
erdrücken wollte und nur getragen wurde durch ihre entsetzliche, hohe
Leere. Wo verschnörkelte Stühle an den Wänden standen, ganz vereinzelt
und wo etwas von ihr war, ein Hauch, ehe sie selbst noch war, und wo er
war, voll und ganz, nur daß man ihn nicht sehen konnte. Diese Halle, die
sie aus den frühen, angstvollen Dämmerstunden kannte.

-- Wann ging er weg, fragte sie kurz. -- Bald darauf. Er nahm ein Teil
von der Erfindung deines Vaters und verwendete sie für seine Zwecke. Er
hat viel damit erreicht. Aber natürlich wollte ihn dein Vater nicht mehr
sehen. Er ist übrigens von selbst nicht gekommen und --

-- Schweig, unterbrach sie ihn. Sie fühlte sich umgeben von lauter
schwarzen, weichen Bändern und Spagatschnüren, die alle ineinander
übergingen. Fesseln, Fesseln.

Und aus ungeheurer Tiefe heraus quillt dunkel empor eine formlose Masse.
Die sie nicht modeln darf.

Sie ist machtlos.

-- Ruth, bat Gustav erschrocken, wenn Mutter davon erfährt. Nein, das
tust du mir nicht an. Nicht wahr, gewiß nicht. Überdies, das was du von
verliebt sagst, ist natürlich dummes Zeug. Mutter war sehr gekränkt. Er
war doch ein Freund von ihr. Auch von deinem Vater. Und er war jünger
als sie. Und überhaupt, deine Mutter war nie verliebt, überhaupt nicht.
Wie du nur so etwas sagen kannst. Du bist wirklich ein Fratz --

-- Und du ein Esel. -- Glühende Zornestränen standen in ihren Augen.

Sie trat an das Fenster. Unten wurden die ersten Gaslaternen angezündet.
Sie stöhnte: was kann ich Mutter geben, was kann ich ihr schenken, alles
schenken, meiner lieben, armen Mutter, Mutter, Mutter --

Zum Abendessen kam Mutter mit verweinten Augen. Ruths Hände wurden
eiskalt. Und eine harte Wut überkam sie. Sie haßte alle Weinenden. Nie
konnte Mutter ihr das zeigen. Nein, pfui, das war eine Schande, nein.

-- Was hast du Mutter wieder geärgert, zankte Richard über den Tisch
hinüber.

-- O nichts, erwiderte sie achselzuckend. Wenn Mama so empfindlich ist
-- ich kann nichts dafür.

Sie ging in den nächsten Tagen, in den nächsten Monaten an ihrer Mutter
vorbei, ohne sie zu sehen. Aber in den Nächten erlebte sie alle ihre
Schmerzen hundertfach wieder. Sie vergaß die eigene Sehnsucht vor der
Sehnsucht, an der Mutter litt, die eigenen Qualen vor Mutters Qualen und
ihren großen Zorn vor Mutters unsäglichem Schmerz, der ja so nicht zum
Ausdenken furchtbar sein mußte, weil er nicht wagte sich zu erkennen,
sich einzugestehen, weil Mutter täglich über den Rechenbüchern saß und
die Liebe zu ihren Kindern für ihren einzig würdigen Lebenstrieb
erklärte. Und der doch so an der Oberfläche war, daß Mutter es sie sehen
ließ, als sie weinte. Nein, deshalb mußte sie Mutter bei Tag ausweichen.
Und wieder in die kleinen Vorstadtgärten fliehen.

Zuhause aber wurde sie unerträglich.

Als Mutter einmal einem Gast bei Tisch eine glänzende Schilderung
Großvaters gab, der ein Kavalier war vom Scheitel bis zur Sohle, nur von
Geld habe er freilich wenig verstanden, warf Ruth ein: -- er muß ein
roher, betrunkener Mensch gewesen sein. Daß er seine Bedienten geprügelt
hat, finde ich ekelhaft und ich ärgere mich noch heute darüber, daß er
das ganze Vermögen verspielt hat. Es ist doch gräßlich unintelligent,
wenn einem fremde Pferde mehr wert sind als die eigenen Kinder.

Und Ruth sagte, wenn Mutter Hexenglauben und Wahrsagerwesen als
Schwindel und Unsinn verdammte: -- Ich glaube bestimmt an alles
Übernatürliche -- obwohl sie überhaupt nichts glaubte und ihr Leben
nahm, wie der Tag es hinstreute, mit einem Grauen, das zu tief war, um
über sich selber nachzudenken.

Und Ruth sagte: -- Ich gehe in die Kirche, nicht weil ich muß, sondern
damit die Leute sehen, daß wir auch Christen sind. -- Dabei ging sie
überhaupt nie zur Kirche.

In diesen Tagen konnte sie nichts essen als altes Brot und harte,
unzerbeißbare Dinge, an denen sie sich die Kiefer wund riß. Ein
fortwährendes Übelsein drückte ihr den Magen leer. Und die große
Bosheit, die in ihr war, würgte die Kehle, zerfraß die Haut und zehrte
an den braunen Kinderhänden.

Sie wußte nicht, ob diese Bosheit etwas ihr eigenes war. Oder ob sie sie
mitgebracht hatte aus dem Zimmer mit der braunen Holztür. Oder ob es die
Bosheit des Schicksals war, das sie zwang, Sprachrohr zu sein für ein
unterdrücktes Leben, unterdrückte Sehnsucht und unterdrückte Kraft. Nur
Sprachrohr oder war noch etwas in ihr, das ihr die Augen offen hielt mit
großen, weichen, weißen Händen. Daß sie nicht einmal blinzeln konnte und
nur die heißen Tränen brennen fühlte.

Sie ließ von dem müden Druck der Spätsommernächte den Kopf in ihr
kleines Kissen pressen. Und sie bohrte das Gesicht hinein, um nicht
denken zu müssen. Sie sehnte sich maßlos nach einer Bonne, die sie als
dreijähriges Kind gepflegt hatte und täglich vor dem Einschlafen an
ihrem Bett gesessen war. Wenn die wieder hier sein könnte, wäre alles
besser. Sie wußte nicht mehr, wie das Mädchen ausgesehen hatte, aber sie
erinnerte sich an eine kühle, behutsame Hand und weiße Mullgardinen vor
dem Fenster.

Wenn sie aber Mutters Stimme aus dem Nebenzimmer hörte, sagte sie
halblaut in das heißgehauchte Kissen hinein: er ist ein Schuft -- ich
liebe ihn -- er hat Vater bestohlen -- ich liebe ihn -- er hat uns
gemordet -- ich liebe ihn -- er hat unsere Zimmer trüb und drückend
gemacht und unser Leben mißtrauisch und eng -- ich liebe ihn -- er sucht
das Böse, weil das Licht ihn verlassen hat -- ich liebe ihn -- ich habe
ihn immer geliebt -- ich liebe --

So das Sprachrohr. Und unter dem Bett lag, staubdick geschichtet,
wehrlose Wut.



                              Onkel Gustav


Onkel Gustav war klein. Er war nur ein ganz wenig kleiner als die andern
und doch glaubte er, an ihnen hinaufsehen zu müssen. Er spielte Geige.
Um ein klein wenig schlechter, als man spielen muß, um ein helles Leben
zu haben. Er malte. Und es hätte nur eines Funkens Kraft, eines
Fußtritts Persönlichkeit bedurft und er wäre ein großer Künstler
geworden. So war er klein, sogar sehr klein.

Ein Sprung und er hätte den Gipfel erreicht. Zu diesem Sprung kam er
nie. Und so blieb er hoch oben hängen, über dem Abgrund. Und die von
unten lachten ihn aus.

Als Onkel Gustav drei Jahre alt war, waren es seine Zartheit, seine
rührend fragende Stimme, seine samtenen, etwas zu großen Augen, die
seine träge Mutter das erstemal in ihrem Leben lebendig machten.

Sein Vater behandelte ihn wie einen überempfindlichen Rassehund. Die
Mutter liebte seine glänzenden Locken. Und die große Schwester stürzte
sich auf ihn in zügelloser Leidenschaft. Die vielleicht nicht ganz ihm
galt, sondern auch der Freude zu herrschen, herrschen zu dürfen über
einen andern, während ihre fordernden Finger sich krümmten unter der
Zuchtrute des väterlichen Hauses.

Onkel Gustavs zarte, etwas bräunliche Haut hatte einen leicht verwelkten
Geruch an sich. Der angenehm war, wie der Duft ermüdeter Rosen. Und
lähmte.

Vor dem Hause seiner Kindheit war ein tropisch üppiger Garten gewesen.
Und alles wurde verspielt.

Gustav wußte nie, was wirklich um ihn vorging. Das teilte er mit der
Schwester. Sein Zuhause war ein Königschloß, Vater der König, Mutter die
Königin, ganz wie im Kindermärchen. Und die große Schwester erklärte ihm
die Welt. Die richtig gezeichnet war, nur mit zu langen Strichen. So daß
überall spitze Ecken waren und Anhängsel. Doch das konnte er nicht
wissen.

Er hatte eine runde Kopfform. Eine runde, etwas kindische Nase, runde
Augen. Er geigte in weichen, abgerundeten Tönen, die nicht zu Ende
kommen wollten. Mischte auf seinen Bildern mollige, runde Wolken
ineinander und seine griechischen Vokabeln bissen eine in die andere,
immer im Kreis.

Im Gymnasium war er durchgefallen. Vater verachtete ihn. Mutter weinte.
Die Schwester erklärte, er sei ein Künstler und die Prüfer gehören
gehenkt.

Die Dienstboten verspotteten ihn. Seine Kameraden gingen mit ihm um wie
mit einem verwachsenen Kind. Aber er hatte einen Freund, der groß und
stark war, etwas zu klug und ganz gemein blond. Der studierte ihn genau.
Bis er mit derselben nachlässigen Gebärde die Schulbücher über den Tisch
warf, die Haare, genau wie er, etwas zu lang in den Nacken trug und eine
ebenso tolle Zusammensetzung französischer Gassenhauer pfeifen konnte.
Dann verließ er ihn. Er galt für sehr interessant. Und kam bei allen
Prüfungen durch.

Alte Damen hatten ein unverschämtes Bedürfnis, sich Gustavs anzunehmen.
Der Kondukteur der Straßenbahn behandelte ihn mitleidig lächelnd, weil
er ihm zu viel Trinkgeld gab.

Aber alle Hunde hatten ihn gern. Weil er nicht besser sein wollte als
sie. Er liebkoste sie wie eine fremde, seltsame Sache, der man nicht zu
nahe gehen dürfe, er respektierte sie. Als er sehr klein war, sagte er
den großen Jagdhunden seines Vaters »Sie«. Später sprach er nicht mehr
mit den Hunden. Er wußte, daß sie ihn nicht verstanden. Aber er lebte
mit ihnen und sie durften ihr eigenes Leben führen. Was ihm versagt war.
Das wußte er nicht. Sie saßen neben ihm beim Schreibtisch, wenn er
schrieb, neben ihm, wenn er aß, sie lagen neben seinem Bett. Sie hatten
alle keine Namen. Aber seine Schwester gab ihnen englische Sportsnamen.
Er konnte nichts dagegen machen.

Junge Frauen liebten ihn plötzlich und stürmisch. Ja, sie verehrten ihn
sogar. Er sah in jeder eine Mutter Gottes. Und sie waren sein Stolz.

Er hatte eine Schreibtischlade voll Liebesbriefen. Davon wußte die
Schwester nichts. Er hob das nicht auf aus Eitelkeit. Aber wenn er
hungrig war und erfroren, nahm er sie vor und wurde warm und glücklich.
Er lebte von dem Glauben der Frauen an ihn, der immer gar zu rasch
verflogen war. Das wußte er nicht. Als er achtzehn Jahre war, verliebte
sich eine blonde, junge Wilde in ihn. Sein Vater wollte ihn gerade durch
die Schule zwingen. Sie kam ins Haus und erklärte wutsprühend, er
brauche keine Prüfungen, er käme in die Fabrik ihres Vaters, er sei
geboren, Massen zu lenken, so wie er unlängst mit dem Werkführer
gesprochen ...

Es gab Augenblicke in Gustavs Dasein, die wie rote Raketen emporstiegen,
leuchtend, hoch. Und dieses falsche Feuer durfte sein Leben erwärmen.
Denn er hatte ein gläubiges Herz.

So ein Augenblick war es, als sie, die blonde, junge Wilde vor seinem
Vater stand. Sie war überflutet von einer weißgelben Märzsonne. Und
draußen schmolz der Schnee. Sie schlug mit ihrer etwas zu großen Faust
auf den Tisch, daß die Gläser klirrten und die dunklen Eichenmöbel ganz
verwundert schienen. Vater war auch ganz verwundert. Und er selbst war
so glücklich, daß er vergaß, um was es sich handelte.

Dann war er drei Wochen verlobt. Länger ließ es die Schwester nicht zu.
Denn sie wußte ja, daß er ein großer Künstler werden würde. Und da
glaubte er es auch. Die blonde, junge Wilde heiratete später einen
Ofenröhrenfabrikanten.

Gustav konnte nicht über die Straße gehen, ohne daß sich ein blondes
Mädel an seine Rocktaschen hing. Und er liebte sie alle. Nur wußte er
nicht, sollte er sich so benehmen, wie seine Freunde es taten oder sich
der strengen Moral der Schwester fügen. Während er sich das überlegte,
verschwand das blonde Mädel.

Eine grobknochige Malerin hatte ihn in einer Ausstellung untergebracht,
sechs Wochen lag er in ihrem Atelier herum, als ihr erklärter Liebling.
Ihre Freundinnen stutzten seine zu langen Locken. Und ihre wilden
Umarmungen standen wie riesige Raketen auf seinem Lebenshimmel. Dann
holte ihn die Schwester. Die Malerin reiste nach Paris.

Sein Zimmer wurde immer enger. Vater und Mutter waren tot. Das viele
Geld fort. Er wußte nie genau, wie es gekommen war. Er bastelte eine
eigene Liegestatt für seinen großen Terrier. Schrieb eine
rechtsphilosophische Abhandlung, lernte indisch. Des Abends ging er zu
seiner Schwester. Sie setzte ihm auseinander, er sei ein verfolgter
Märtyrer seiner Kunst. Sie schmiedete die schwierigsten Intriguen gegen
seine Feinde, schickte ihn zu großen Herren betteln. Schrieb Gesuche für
ihn. Er empfand ihre Geschäftigkeit angenehm um sich herumspülen, wie
lauwarmes Wasser. Und steckte die Finger hinein und spielte drinnen mit
den Zehen. Trank Limonade und hielt die Kinder auf seinem Schoß. Nach
jedem neuen Schicksalsentwurf, den sie machte, ging er lächelnd
nachhause. Seine dunkle, schmutzige Straße beleuchteten grellrote, kalte
Lichtfetzen. Und in seinem Zimmer waren Wanzen.

-- Du mußt nicht so ungeduldig sein, sagte er zu der Schwester, wenn sie
klagte und in verzweifelt großen Schritten durch das Zimmer jagte, --
nein, schau, eigentlich sind wir -- er sagte immer wir -- stark im
Hinaufsteigen begriffen. Die Exzellenz hat mir versprochen, ich bekomme
die Violinstunden bei dem jungen Prinzen. Also, bin ich dort, dann ist
alles fertig. Ich spiele im Salon vor. Lauter Fürsten und solche Leute.
Man arrangiert ein Wohltätigkeitskonzert. Ich bin dabei. Dann kann
überhaupt niemand anderer für die Dirigentenstelle in Betracht kommen.
Setze ich dann erst meine Kompositionen durch -- du wirst schon sehen.
Überdies habe ich die größten Aussichten, daß meine Feuilletons gedruckt
werden. Ich habe zwar erst eines, aber die andern sind fertig im Kopf.
Wart' nur, nächstens bring ich dir die Zeitung.

Eines Abends kam er bleich vor Erregung: -- Ich bin an einem technischen
Unternehmen beteiligt. Eine Riesensache. Ich darf es nicht näher sagen.
Ich glaube, ich habe auch schon eine Erfindung gemacht. Aeroplan.

Drei Monate später hatte er sein letztes Geld verloren. Ein Zufall
verschaffte ihm eine Stelle als Zeichenlehrer in einer Provinzstadt. Die
Schwester war böse. Warum hatte er ihren Rat nicht befolgt, nicht das
Gymnasium gemacht?

Gustav kam in eine Welt, die aus Fabrikschloten bestand und holprigen
Gassen. Grauem Nebel, einem grauen Haus, feucht riechenden Kleidern,
kaltem Rauch. Er mußte täglich eine halbe Stunde in der Früh in die
Schule gehen. Mit zerrissenen Sohlen und fadem Kaffeegeschmack. Er ging
durch eine gerade, lange Straße voll Schwerfuhrwerken mit fluchenden
Kutschern, schrillen Schulkinderschreien, Papierfetzen. Er fürchtete
sich vor seinen Vorgesetzten, wie als Kind vor den Lehrern. Er konnte
die Vorschriften so wenig erlernen, wie als Kind die Aufgaben. Er
fürchtete sich vor seinen Schülern, die ihn verachteten, weil er mit
ihnen höflich war.

In der Stadt hieß es allgemein, er schreibe ein Drama. Ein ganz
modernes, verrücktes. Er bekam vier Liebesbriefe von höheren Töchtern.
Die er sorgfältig aufhob in der bewußten Lade.

Die Tochter seiner Hausfrau liebte ihn. Sie war stark geschnürt und
hatte Blumen auf dem Hut, die aussahen wie von Papier. Und sie brachte
ihm täglich das Frühstück. Auch bat sie ihn, ihr Zeichnungen zu machen,
nach Photographien gewesener Liebhaber. Was er geschickt und sorgfältig
ausführte. Aber sie war nie ganz zufrieden. Er merkte es nicht. Aus der
Bluse heraus guckte färbige Unterwäsche.

Eines Abends war er bei seinem Direktor eingeladen. Das Zimmer war zum
Ersticken rauchig. Die Frau des Direktors hatte eine hart abgerundete
Stimme. Sie sprach sehr laut. Und am meisten mit einem breitschultrigen
Mathematikprofessor. Von Gustavs Anwesenheit schien sie überhaupt nichts
zu bemerken. Gustav dachte: unangenehm, daß sie so eine weiße Haut hat.
Wie ein frisch enthülltes Denkmal. Oder Stiegen, die einen schwindeln
machen. Auch schaut sie nach allen Seiten auf einmal, als ob sie
vierfach schielte. Wie sie wohl aussieht wenn sie schläft ... Und dann
sehnte er sich nach seinem Terrier und dachte nach, ob der Ofen in
seinem Zimmer schon ausgegangen sein wird, bis er nach Hause kommt. Als
er fort ging und schlaftrunken über die dunklen Stiegen taumelte, rief
ihm die Direktorsfrau nach: -- Hallo, Sie, Herr Zeichenlehrer, oder wie
Sie heißen, vergessen Sie Ihren Hut nicht, da, gute Nacht! -- Er fühlte
einen heftigen Schlag auf das Hinterhaupt und am nächsten Morgen eilte
er sich, in die Schule zu kommen, vielleicht steht die Frau des
Direktors beim Fenster, vielleicht geht sie gerade Einkäufe machen ...
vielleicht ...

Er erzählte den Jungen von der griechischen Kunst, daß selbst die
Dümmsten und Klotzigsten Augen und Ohren aufrissen. Er sprang über das
Reck im Turnsaal und kaufte seinem Hund eine Extrafleischportion. Er
merkte nicht, daß der Nebel ihm ins Zimmer kroch und der Ofen rauchte.

Zu Weihnachten bat ihn der Direktor, seine Frau zu zeichnen. Er saß in
einem warmen Zimmer, mit glatten, dunklen Möbeln und loderndem Kamin.
Brand, raketenroter Brand. Vor dem Fenster der geradwegige Schulgarten,
abgerundet im Schnee. Sie saß vor ihm mit einer Handarbeit, weiß und
überreif, wie eine süße, tropische, wie eine ungekannte, ungeahnte
Frucht. Das Zimmer roch nach Mandelblüten. Und ihr Haar war schwarz und
zu glatt nach hinten gelegt.

-- Sehen Sie, sagte er, hier kann man zeichnen. Das ist doch was anderes
als zuhause, immer kalt, und wenn ich meinen Hund nicht hätte, -- es kam
ihm vor, als ob er etwas Unpassendes gesagt hätte, er wurde dunkelrot
und machte einen Strich quer durch die ersten Umrisse ihres großzügigen
Gesichtes. Sie sah ihn an, beobachtend, wie ein neues Möbelstück, ob es
brauchbar wäre. Und er dachte: nein, die hält mich nicht für groß, nein,
die hebt mich nicht in den Himmel, sie traut mir gar nichts zu, rein gar
nichts. Und sie hat recht. Einen Augenblick dachte er in glühendem Haß
an seine Schwester. Und dann: Es ist alles eins. Aber ich zeichne sie
jetzt nur einmal und dann nie mehr. Ich zeichne sie, wie sie ist, o so
ganz, wie sie ist.

Und aus dem grauweißen Papier heraus wuchsen, Zug um Zug, unterdrückte
Entbehrung und uneingestandene Wünsche. Der bleiche Widerschein ihres
Körpers und Mandelduft. Das Gefängnisgitter ihres Kinderbettes und der
Brief, mit dem sie die Werbung ihres Mannes beantwortet hatte. Gustav
wußte alles und er, der nur sein eigenes unechtes Bild gekannt hatte und
die blonden Madonnen mit den Liebesbriefen, er sah ein Leben vor sich
und wieder aufwachen und bluten unter seinen Händen.

-- Bring dem Herrn Professor eine Schale Tee, sagte sie zu ihrem kleinen
Sohn, der etwas hervorstehende Augen hatte, wie sein Vater. Ihre Stimme
war wie Schläge gegen das Hinterhaupt. Da war die Zeichnung fertig.

Sie wurde rot, als sie sie sah. Und sagte nur Danke. Gustav ging.

Er traf sie das nächstemal Anfang Mai in der Dämmerung auf dem Friedhof.
Er ging gerne auf dem Friedhof spazieren mit seinem Hund. Er liebte
Zypressen und fühlte sich so seltsam unbehelligt.

Die Blätter dufteten nach dem Sich-schon-geöffnet-haben. Die Erde auf
den offenen Gräbern war tiefschwarz. Sie kam ihm entgegen, schimmernd
und licht, wie ein ganz weites und reiches Ährenfeld in der Julisonne.
Ein Schlag auf den Hinterkopf. Er küßte ihre Hand, langsam und
vorsichtig. Sie sah auf dem Weg vor sich dicke, runde Kieselsteine. Die
hervorstehenden Augen ihres Mannes. Aber ringsum die Blätter waren grün
und zart und jung und die Erde schwarz. Sie nahm seinen weichen,
knabenhaft lockigen Kopf und küßte ihn. Große leuchtende Rakete. Und
jeder ging seines Weges.

Am andern Tag warf ihn seine Hausfrau hinaus. Er hatte nicht beachtet,
daß ihre Tochter ihm durch nunmehr schon zwei Wochen das Frühstück nicht
brachte. Er war ein unanständiger Mensch. Und der Hund machte alles
schmutzig. Auch wollte ein anderer einziehen.

In der Schule hatte er staatsfeindliche Reden geführt. Sein verrücktes
Drama kam ewig nicht zum Vorschein. Er ging herum wie in berauschtem
Schlaf, in einer andern Welt. Was ihm diese Welt nicht verzeihen konnte.
Er war gar nicht so dumm, wie er aussah, zum mindesten machte er keine
genügenden Dummheiten. Er zog ohne Recht die Aufmerksamkeit auf sich.
Das war unverschämt. Er beantwortete einen Backfischbrief höflich und
herzlich. Die Eltern fingen ihn auf. Die Empörung stieg. Er wurde
hinausgeworfen.

Als er seine kleine Stube räumte mit dem zu kleinen Eisenofen, der immer
rauchte, weinte er. Er weinte, wie ein kleines Kind, hilflos und lange
mit großen Tränen, bis sein Gesicht verschwollen war und sein Denken
verdumpft. Und er schaute aus dem papierverklebten Fensterchen über
gleichgültige Dächer und Schornsteine in den grauen Nebel. Der das erste
war, was er in seinem Leben frei und allein gesehen hatte. Denn hier war
die Schwester nicht dabei gewesen. Und der fade Ruß deckte nur eine
weiße üppige Blässe, ein unendliches Ährenfeld weit, weit dahinter im
Winde.

Er konnte nicht atmen in den letzten Tagen. In seiner Kehle saß das
Hierbleibenwollen. Er verteidigte sich gegen niemanden, er sprach mit
niemandem, er haßte niemanden, er sorgte nur für das Essen seines
Hundes. Er liebte jedes Schild den weiten Schulweg entlang. Die
Buchstaben standen schwarz und steif auf dem nicht mehr weißen
Hintergrund.

Es war unmöglich abzureisen. Es war unmöglich zu bleiben.

Und er sah sie nicht mehr.

Da traf er einen erwachsenen Schüler auf der Straße, der ihn grüßte.
Einen großen, etwas dummen Menschen mit treuen Bewegungen. Er sprach mit
ihm. Und bat ihn, ihn zum Bahnhof zu begleiten. Er kaufte ein Billet. So
mußte er reisen.

Und er sah sie nicht mehr.

Er saß in der Bahn an einem nachtschwarzen Nachmittag, in dem stickigen
Dritter-Klasse-Kupee, zusammengepfercht mit Fabriksarbeitern und
wichtigen Kleinbürgern. Unten fror man entsetzlich in den Füßen und oben
fraß sich schmieriger Zigarrenrauch ins Gesicht, der noch den Speichel
aller der ungepflegten Münder in sich hatte.

Gustav fühlte sich hier wieder groß. Er wußte, daß alle die Leute um ihn
herum nicht einmal ahnen konnten, welche Schmerzen er litt. Er fühlte
sein Schicksal unbändig schwer und mächtig vorne auf den Schienen
liegen. Die Lokomotive stapfte mit ihrem eisenharten Leib darüber hin.

Eine süße Wollust betäubte ihn. Sein Vater mußte einmal eine sehr schöne
Frau geliebt haben. Und er schlief ein.

Dann war er wieder ein kleiner, verschreckter Bettler, der zu seiner
Schwester ging und sich von ihr auszanken ließ mit harten Worten. Deren
Ungerechtigkeit er wohl kannte. Und die er nicht beantwortete.

Er verstand nicht, sich zu ernähren. Und auch nicht, zu verhungern. So
ließ er sich in die Mittelschule der Stadt hineinprotegieren und ging
Mittwoch und Samstag zu seiner Schwester essen. Dort war er nicht mehr,
als Mutters Bruder, ein höheres Wesen, sondern trotzdem er Mutters
Bruder war, ein trauriger Narr. Man war gut mit ihm. Und Richard und
Martha wurden sehr herablassend.

Eines Tages, als er einige Heller mehr hatte als nichts, ging er an
einer kleinen Ansichtskartenhandlung vorbei. Das ganze Fenster war voll
grellfarbiger Gebirgslandschaften, schmachtender Mädchenköpfe,
Blumenstücke, Liebesszenen. Er liebte Ansichtskarten. In seinem Zimmer
hingen immer abwechselnd sechs Stück an der nackten Wand. Nicht mehr und
nicht weniger. Mit Reißnägeln befestigt.

Er ging in das Geschäft und unterhandelte lang mit der kleinen, blonden
Verkäuferin. Dann kaufte er ein weißes Kaninchen auf grasgrünem
Hintergrund. Obwohl er selbst es häßlich fand.

Er kam wieder jede Woche, jeden Tag. Gisa, die kleine Verkäuferin, hatte
zu wenige und zu lichte Haare und dumme kleine Zähne, die übereinander
lagen. Sie war nicht mehr ganz jung und doch kindlich zart. Sie liebte
ihn und er fror alle Abende allein in seinem dunklen Zimmer.

Er zeichnete Ansichtskarten für das Geschäft. Eines Abends, als sie ihm
zusah, küßte er sie auf die Stirne. Sie lehnte sich an ihn und sagte,
sie seien verlobt und ihr häuslicher Herd werde ein Paradies sein, wie
keines in der Welt. Er war erstaunt und sehr glücklich.

Sie waren lange verlobt. Sie verehrte seinen Geist und seine Kunst und
plapperte ihm alles nach. Es kam drollig heraus, in ihrem Deutsch, das
vom Dialekt nicht ganz zu reinigen war.

Er war glücklich. Nur konnte er zornig werden, wenn ihr Bruder, ein
Soldat, nach Wirtshaus roch und ihre Mutter wollene Strümpfe auf den
Tisch legte, auf dem eine goldene Vase mit verwelkten Gräsern stand.
Dann schlug er auf den Tisch mit der Faust. Sie weinte hysterisch und zu
laut.

Sie hätten sicher geheiratet, wenn er das Geheimnis ihrer Verlobung
nicht doch zu zeitlich Mutter verraten hätte. Sie zog ihn vor das Grab
seines Vaters und beschwor ihn, seinen toten Eltern diese Schmach nicht
anzutun. An sein väterliches Haus zu denken. An seine Erziehung. Er floh
vor ihr. Sie ließ nicht locker. Sie holte ihn von der Schule ab, sie
lauerte des Abends auf ihn vor der Haustür. Es kam zu häßlichen Szenen
zwischen ihr und Gisa, wo er kaum die einzelnen Worte verstand und sich
fragte, ob man denn so schreien könne, ohne betrunken zu sein.

Und Mutter siegte. Mutter war die Stärkere. Mutter war sehr stark.

Er aber schrieb, als alles endgültig vorüber war, seinen ersten und
einzigen Brief an die Frau des Direktors. Er wollte ja nur wissen, ob
sie lebe, ob sie gesund sei, ganz gewiß gesund. Es war vielleicht ein
wunderbarer Brief. Der nie beantwortet wurde.

Das war vor einigen Jahren. Seither führte man Gustav nicht in das
Zimmer, wenn Gäste da waren.

                   *       *       *       *       *

Ruth ging an einem staubigen Spätsommerabend durch den großen,
öffentlichen Park. Die Blätter hingen welk an den Bäumen, zu kraftlos,
um sich abzubröckeln. Und zogen alle Säfte nach unten. Während graue
Dämmerung die Wipfel drückte.

Auf den braungelben, eisernen Klappsesseln saßen in langen Alleen
Liebespaare. Die Sesselfrau humpelte zwischen ihnen herum und
kontrollierte sie. Und jedes hatte ein Gegenüber. Das saß schon dort
seit Mai und nichts hatte sich geändert.

Vom Kaffeehaus herüber spielte die Kapelle Ouvertüren und
Operettenlieder. Eintönig und zu rasch. Alles war hier so langsam und
müde. Runde, dunkle Holzreifen trennten den Rasen vom Weg. Aber der Kies
lag verstreut noch weit im grauen Gras.

Ruth dachte daran, daß sie möglichst spät nach Hause kommen wollte. Daß
sie vergessen hatte, die Schuhe vom Schuster abzuholen. Daß sie ihren
neuen Koh-i-noor verloren hatte.

Ihre Sohlen spürten, daß sie bei jedem Schritt in dem zerwühlten Sand
etwas hinter sich ließen, das dunkel war und weich und wenn man ganz
hinsah, tief hinunterging. Abgrund. Und ein chemischer Geruch aus
trübgelben Phiolen. Eine Beethovensonate, die gerade verklang und doch
lebte, obwohl sie ohne Verständnis gespielt worden war.

-- Guten Abend, Onkel Gustav, sagte Ruth, tottraurig. -- Guten Abend,
Ruth, bist du auch hier. -- Der große Terrier preßte sich dicht an
seinen rechten Fuß.

Sie setzten sich in eine Allee, in die das gelbe Licht der Gaskandelaber
nicht mehr dringen konnte. Ruth zeichnete mit der Fußspitze in dem
bleichen Sand runde, dunkle Furchen. Sie sagte: -- Weiß Gott, wer da
heute schon ausgespuckt hat!

Der Terrier bekam auch einen Stuhl und legte den Kopf auf Onkel Gustavs
Schulter.

Sie dachte, es sei doch langweilig hier zu sitzen mit Onkel Gustav und
was wohl Richard dazu sagen möchte.

Da sagte Onkel Gustav leise: -- Sie werden böse sein, wenn du zu spät
zum Abendessen kommst.

-- Ach was, jetzt bleib ich hier. Was mir schon daran liegt. -- Das
solltest du nicht tun, Ruth, sagte Onkel Gustav mit sanfter, fast
demütiger Stimme. -- Warum kränkst du Mutter in letzter Zeit so viel?

Ruth ärgerte sich rasend über diese, seine Stimme. -- Was soll ich tun,
sagte sie hart, mir alles gefallen lassen, so wie du?

Onkel Gustav schwieg. Dann murmelte er: -- Du hast recht. Und dann
wieder, nach einer Pause. -- Nimm dich in acht!

Sie schämte sich für ihre Worte. Und flüsterte nur: -- Aber du.

-- Ich, Ruth, -- und sie spürte sein Lächeln durch die Dunkelheit, daß
ihr war, als könne sie nie wieder froh werden. -- Nein, mit mir ist
nichts mehr zu machen. Du mußt jetzt nichts andres sagen, Ruth, nein
wirklich nicht. Nicht heute. Vielleicht bei Tage, wenn wir uns auf der
Straße treffen oder wenn ich bei euch bin und Richard ist unverschämt
mit mir. Dann weiß ich auch nicht, was ich jetzt weiß, denn ich bin sehr
schwach.

-- Aber so reiß dich doch los, schrie Ruth, daß der Terrier erschrocken
auffuhr.

Die Gebüsche hinter ihnen waren näher gekrochen. Legten sich ihnen fast
auf den Rücken mit all der toten Hitze, die sie den Sommer durch
verschluckt hatten. Ganz nahe. Und schwer.

-- Du mußt acht geben! wiederholte Onkel Gustav dumpf. Und ihr war, als
sähe sie dicht neben sich, in einem alten verblichenen Spiegel, ihr
eigenes Bild. Kaltes Grauen machte die Finger steif.

-- Von mir darfst du nicht sprechen, fuhr er fort. Stell dir einen
Wurzelbund vor, den die Erde ganz fest in sich hineingefressen hat. Nie
mehr herausziehen. Manchmal glaub' ich, es gibt irgendwo um mich herum
ein Fenster, wenn ich da durchsehen könnte, ich sähe alles richtig. Aber
Mutter hat das nicht zugelassen. Ich mußte alles durch ihr Fenster
sehen. Das ist nicht aus reinem Glas. Deshalb haben meine Bilder auch
etwas Verzeichnetes. Du mußt achtgeben, Ruth! Wie du mir da
entgegengekommen bist, ich bin erschrocken; du hast mir so ähnlich
geschaut, es war derselbe Rhythmus im Schritt, eigentlich kein Rhythmus.

-- Onkel Gustav, ich habe dich sehr lieb.

Es war ganz dunkel geworden. Und die nächsten Bäume in der Allee standen
wie wachende Ungeheuer, riesengroß, verworren, unankämpfbar.

-- Ich fürchte mich, sagte Ruth in der entsetzlichen, toten
Beklommenheit. Hier, vor allem. Aber noch mehr, wenn wir weggehen. Die
Menschen drüben im Kaffeehaus bei der Musik, sie sind nur dort so glatt
und unschädlich. Wenn sie jetzt hieherkämen, sie wären wie die Räuber im
Wald, Verbrecher --

Sie konnte ihn nicht mehr sehen. Und er sagte keuchend, kaum hörbar: --
Die Blätter faulen im Erdboden, damit die Wurzeln Nahrung bekommen. Die
Tiere fressen einander auf. Und die Menschen, Ruth, sind alle Mörder.
Aber unsere Nächsten -- hörst du, Ruth, hörst du, -- unsere Nächsten,
das sind unsere nächsten Mörder. Doch das darfst du Mutter niemals
sagen!



                              Mittagessen


Bevor man zu Tische ging, rückte Mutter alle Teller noch einmal zurecht
und die Stühle mit den ledergepreßten Lehnen. Dann stand alles schief.

Ruth haßte unaufgeräumte Zimmer. Wie schmutziges Wasser, Ungeziefer,
weggeworfene Zahnstocher. Ihr war jeden Morgen übel. Sie konnte nie das
Frühstück essen. Immer empfand sie eine dumpfe Verantwortung in sich:
mach' es gut, mach' es rein, mach' es hell. Aber der Widerwille ihrer
braunen Kinderfinger, die sich weiche Öle wünschten, hinderte sie an
jedem Handgriff. Wenn das Mädchen dann aufgeräumt hatte, fand sie alles
kalt, leer und fremd. Mutter sagte: -- Warum hilfst du nie mit? -- Sie
gab mit ihren ungemessenen Bewegungen der Wohnung »den letzten
Anstrich«, wie sie es nannte. Und dann -- nun dann stand eben alles
schief. Aus den Dingen heraus kroch eine seltsame verborgene Unruhe.
Alle Ecken wurden zu lang, Ruths Gestalt zu schmal, zu knochig in den
hohen Räumen -- tastend und auch schon verzeichnet.

Wie hatte Onkel Gustav gesagt: -- nimm dich in acht! Vor wem, vor Mutter
-- vor Onkel Gustav -- dunklen Zimmern -- dämmernden Spätsommergärten --
vor ihrem eigenen flüchtenden Spiegelbild -- vor wem?

Was war geschehen? Mutter rückte heute die Teller zurecht. Die große
Speisezimmeruhr, mit ihrem lichtmetallisch harten Klang streckte den
langen Zeiger auf fünf bis vier Minuten vor Eins. Also genau wie immer.
Sie, Ruth, stand beim Fenster, die Zeitung in der Hand, die sie doch nie
las -- genau wie immer.

Kann man denn da gar nichts machen? Die breite, bürgerlich grüne
Hängelampe zerschlagen, etwas in sie hineinwerfen. Am liebsten die
eigene lebendige Faust. Oder die dummen Suppenlöffel neben den
geduldigen Suppentellern. Etwas machen, das hineinfährt, wie ein Blitz,
wie ein Schrecken, wie eine Erlösung in dieses Wie-immer.

Und sie hatte es ja nie gewußt. Sie saß dort an dem großen
Familientisch, immer an demselben Platz. Viele Jahre hindurch. Und war
klein und zart und viel zu jung -- ganz wie immer. Sie hatte es nie
gewußt.

Als Kind hatte sie geweint in der Frühlingsdämmerung. Und sich geekelt,
wenn Mutter beim Essen über die schlechte Köchin gejammert hatte. Aber
dann kam das große, das einzige Gefühl. Noch lag der Druck der grauen
Alltäglichkeit tief in ihr eingegraben in weichem Grund. Aber hoch
darüber hinaus jauchzte eine selige Hingabe. Was sonst um sie vorging,
ließ sie ruhig, kostbar verantwortungslos ruhig. Ihr Leben war ein
Rahmen geworden, der sich fest und unwillkürlich krampfhaft um das seine
schloß, zärtlich, ohne nachdenken zu müssen, kostbar verantwortungslos.

Wer hat ihr jetzt eine Maschine in den Kopf gesetzt? Die arbeitet und
wühlt, denkt, denkt, denkt. Aus müdem Halbdunkel herausgerissen, sieht
sie alles mit lichtgepeinigten Augen, grell, schreiend grell, laut.
Höhnend scharfe, wilde Konturen, zu lange Ecken, zu runde Bogen --

Es ist ein Verbrechen begangen worden. Etwas Schlimmeres. Etwas noch nie
Geschehenes. Ein Mensch hat sich verloren und sucht sich. Und weiß es
und denkt das durch, ganz durch ...

Noch einmal ging Mutter um den Tisch und rückte die Teller zurecht und
die ledergepreßten Stühle. Und alles stand schief.

Sie, Ruth, lehnte am Fenster. Sie wußte es. Und wußte, warum Onkel
Gustav nichts weiter geworden war, als ein trauriger Narr. Wußte, daß
sie selbst, wenn sie jetzt mithelfen wollte bei den Tellern, es genau so
machen müßte wie Mutter, so ungeschickt und doch selbstzufrieden. Daß
sie Mutters ungeduldige Nasenflügel hatte, Mutters dunkle Brauen.

Sie fürchtet Mutter maßlos. Sie fürchtet sich. Sie möchte sich schlagen,
weil sie Mutters Kind ist.

Onkel Gustav war da. Wie jeden Samstag. Er hatte einen Freund
mitgebracht. Der war so unscheinbar, daß Ruth ihn erst nach der Suppe
bemerkte und auch da nur, weil Mutter gar so höflich war. Man nannte ihn
von und dann etwas mit »-berg«. Gustav sagte Norbert und du. Er hatte
tadellos gepflegte Nägel und einen festgeklebten hellbraunen Scheitel.

Richard erzählte vom Geschäft. Die geringste Kleinigkeit war wichtig und
wurde mit Aufmerksamkeit angehört.

Draußen fällt ein grauer, dünner Regen. So sitzen jetzt an jedem
Mittagstisch die Männer und erzählen ihre Wichtigkeiten. Am Abend gehen
sie in das Kaffeehaus und erzählen sie ihren Freunden. Das ist alles.

Onkel Gustav sollte den Kopf nicht so vorsichtig zur Seite legen. Das
ist eine Gemeinheit. Wie sagte er vorgestern: Nimm dich in acht. Das hat
er gewagt. Er hat es gewagt, sie zu durchschauen. Dumm wie er ist. Und
jetzt schielt er nur so mitleidig auf sie her.

Sie senkt den Kopf tief über den Teller. Sinkt ganz in sich zusammen.
Und ißt irgend was, das schmeckt wie graugrüner Kohl. Ist aber etwas
anderes. Sie hört das Klappern der Bestecke und das sinnlose, etwas
faule Durcheinander der anderen über sich. So daß sie wieder fühlt, sie
ist ganz klein und krank und liegt im Nebenzimmer in Mutters riesigem
Bett. Die Tür ist offen, damit man sie schreien hört, wenn sie etwas
braucht. Sie wundert sich über das Aufschlagen der Gabeln in dem
Porzellan, das die kaum verständlichen Redebrocken drinnen begleitet.
Sie möchte schreien und etwas verlangen und traut sich doch nicht.

Sie fragte Onkel Gustav, ob er letztesmal gut nach Hause gekommen sei.
Es war doch zu gemütlich im Park. Überdies hätte sie einen Haufen
Knochen für seinen Terrier gesammelt. Er solle sie nur vor dem Fortgehen
daran erinnern. Sie wird ihm auch ein Buch zeigen --

Sie fragte Martha, was die Schneiderin von ihrem neuen Kleid gesagt
habe. Ob es bald fertig sei. Und wie es aussehe so auf dem Kleiderhaken.
Ob es ihr schon ein bißchen ähnlich sehe --

Sie erzählte Richard, daß sein Buch, das er gestern gesucht habe, in
ihrem Zimmer liege, sie wisse selbst nicht wieso --

Sie bat Mutter, nicht zu vergessen, die Konzertkarten holen zu lassen --

Sie fragte den neuen Gast, ob er gern Kartoffelsuppe esse. Und ob er
noch Gemüse haben wolle --

Sie wußte: Wenn ich jetzt schweige, hört man mein Besteck allein auf dem
Teller. In was für einem häßlichen Rhythmus es darauf klopft. Gefräßig.
Deshalb muß ich reden. Alle reden. Wäre es nicht besser, man würde mit
den Füßen strampeln?

Der neue Gast spricht von seiner Braut. Das heißt, Onkel Gustav spricht
von ihr. Aber es ist klar, daß er eine Braut hat. So jemand hat immer
eine Braut. Und dann kommt die Hochzeit mit Myrte und Schleier.

Was ist dort oben, nahe der Decke und doch tief unten --

Ist es der Rauch aus Onkel Gustavs ewig ausgehender Zigarre. Aber nein,
der raucht ja doch nicht. Man ist erst bei der Mehlspeise. Große, gelbe
Patzen, glitschig in einer lichten Eiersauce.

Nein, es ist nicht Rauch, aber grau und massig, ineinander überlaufend,
ohne Grenzen. Schwergewichtig und doch oben schwebend. Zu bleich, um es
wirklich sehen zu können. Und doch da. Verbunden mit allen Adern, allen
Sehnen, durch die Fingerspitzen hindurch --

Es steigt auf aus Richards kühlen, vorsichtigen Gelenken, wie er langsam
die Mehlspeise zerlegt.

Aus den hundetreu furchtsamen Augen des Fremden.

Aus Marthas abgetragener Samtbluse.

Aus Onkel Gustavs rundem Rücken, aus Mutters lauten Reden.

Es steigt auf aus ihr selbst, aus Ruth, aus ihrem farblos
schlafsuchenden Vormittag. Und dort oben ist es eng hineingefügt,
schlangenartig umwickelt von all dem anderen, festgebissen.

Hier um den Tisch herum glaubt jeder, daß er etwas für sich ist. Richard
vor allem, der so klug ist, daß Mutter immer sagt, er muß Bankdirektor
werden oder Finanzminister. Aber das ist gar nicht wahr. Richard gehört
dazu, genau so wie alle anderen, die hier um den runden Tisch schwatzen.
Die sich ähnlicher sind als die eintönigen Ledersessel, auf denen sie
sitzen.

Da oben ballt es sich zusammen. Viele Kleinschicksale -- ein
Kleinschicksal.

Da oben schwingt es in einem kraftlosen Rhythmus. Selbstbewußt. In dem
selben Rhythmus, in dem man in das Geschäft geht oder in das Amt oder in
die Schule, wenn man brav gelernt hat. In dem man zum Traualtar geht, wo
man eine anständige Partie macht, in dem man Sonntags am Korso seinen
neuen Hut zeigt, in dem man sich zum Geburtstag gratuliert, in dem man
hinter dem Sarg seiner Lieben geht, in dem man ins Himmelreich hinein
trottet, in dem man --

Agnes zerbrach ein Glas. Ein flüchtiger Sonnenstrahl stahl sich durch
den feinen sprühenden Regen über das verschobene Tischtuch.

Gott sei Dank. Es schadet auch nichts, daß Mutter und Martha böse
Gesichter machten. Auch nichts, daß sie drei Tage darüber unglücklich
sein werden. Gott sei Dank.

Ruth nickte dem Herrn Norbert von -- und dann kommt etwas mit »berg«,
strahlend zu. Der brauchte doch nicht auch betrübt sein über das
zerbrochene Glas. Er sah sehr unglücklich drein. Wahrscheinlich mehr aus
Höflichkeit. Oder vielleicht wegen irgend etwas anderem.

Diese Agnes war doch wirklich nicht salonfähig. Zu kräftig. Wenn sie bei
der Tür hereinkam, mußte eigentlich etwas umfallen in den hohen,
schmächtigen Räumen. Durch die bloße Anwesenheit ihrer saftvollen Arme.
Sicher hatte sie an den Kerl gedacht mit den aufgewirbelten, schwarzen
Schnurrbartspitzen. Der immer in der Küche steckte und den Hut nie
herunternahm. Einen riesengroßen, hellgrauen Deckel, der schief über dem
linken Ohr saß, immer ganz gleichmäßig schief über dem linken Ohr. Toll
einfach. Morgen ist Sonntag, sie geht mit ihm zum Karussel, mit
knallblauem Seidenhut und das Werkel spielt --

Ruth pfiff, wie man von Tisch aufstand, einen Gassenhauer und konnte
trotz Mutters Entsetzen so nicht aufhören, daß sie in ihr Zimmer lief,
um weiter zu pfeifen. Dort riß sie das Fenster auf. Die Sonne schien
hell.

Norbert sagte mit seiner zu leisen, fast näselnden Stimme zu Gustav: --
Deine Nichte Ruth scheint etwas -- nun -- etwas aus der Art zu schlagen.

-- Ruth? ... Gustav war ungeheuer erstaunt -- Ruth, die ist doch wie wir
alle. Er betonte das »wir« mit einer gewissen gesättigten Befriedigung.
Allerdings, sie ist sehr kindisch und ganz unreif, eigentlich viel zu
unreif für ihr Alter, denk nur, schon zwanzig Jahre. Man weiß gar nicht,
was mit ihr anfangen. Übrigens, findest du, daß sie mir ähnlich ist? --
Nein.



                                  Geld


Mutter war nicht zum Glück geboren. Aber sie hätte eine entthronte
Königin werden müssen. Und in Schmerz und Größe schwelgen. So war sie
kleinlich und mißtrauisch, zankte mit der Köchin um jeden Heller. Und
wurde dann bestohlen, wie überhaupt von allen Leuten des unteren
Standes. Weil ihre Stimme so befehlend schroff war, daß sie sie für
mächtig, Ehrerbietung fordernd und hassenswert hielten.

Auch Ruth hielt Mutter für mächtig, für allmächtig. Sie stand himmelhoch
über den Dienstboten und Bonnen. Sie besaß die Schlüssel zum
Wäschekasten, zu jener blendenden Fülle weichen, weißen Leinens, die zu
sehen allein schon schläfrig macht wie ein zu heißes Bad. Sie besaß
jeden Silberlöffel, jede Schüssel, jedes Glas Milch so intensiv und
eigentumsdurchsättigt wie fanatische Sammler ihre Kunstschätze. Und war
daher reich in einer Dürftigkeit, die sie selber am schmerzlichsten
empfand.

Ruth fuhr einmal als kleines Kind mit ihrer Schwester und einer Bonne in
einem Eisenbahnkupee. Es war eine Sommerfrischenreise. Da sagte Martha
mit ihrer überlegenen Stimme: -- Nein, wissen Sie, in dieses Hotel
können wir nicht gehen, da sind lauter reiche Leute. -- Ein ungeheures
Erstaunen hinderte Ruth damals am Fragen. So waren sie nicht reich? Aber
wieso, sie hungerten doch nicht? Und Mutter trug schwarze Seidenkleider;
was das nur heißen sollte? Sie glaubte, mißverstanden zu haben.

Auch als sie schon erwachsen war, liebte sie einen Radiergummi mehr als
ihre goldene Uhr, konnte sie Festtagskleider nicht leiden und verlor
immer ihr Taschengeld.

Geld war und blieb ihr etwas unbedingt Schmutziges. Etwas, das schon
durch tausend häßliche Hände gegangen war, über Wirtshausfußboden
rollte. Mutter besaß es in ungezählten Mengen. Es war nur ein Prinzip,
daß sie damit knauserte. Aber Martha war geizig und das war viel
schlimmer. Nur Richard war nobel. Er lächelte immer verächtlich, wenn
man von Geld sprach.

Ruth hatte kein Gefühl für Zahlenverhältnisse. Den Unterschied zwischen
hundert, tausend, hunderttausend begriff sie so wenig, wie ein
Unmusikalischer die Differenzen in der Tonreihe. Das war ein Erbe von
Mutter. Nur daß diese es sich niemals zugeben wollte und um wenige
Heller trauerte, während sie Tausende verschleuderte.

Aber Ruth schenkte mit Leidenschaft. Nicht aus Güte oder um anderen eine
Freude zu machen. Einen Gegenstand verschenken, heißt, ihn ganz von sich
losreißen, sich auf ewig von ihm trennen, ihn ins Ungewisse schicken.
Und das war herrlich, war Abenteuer, Tat und Befreiung. Sie gab ihre
liebste Bluse plötzlich dem Stubenmädchen und wenn eine Freundin auf
Besuch kam, war nichts im Zimmer, auch das am liebsten gehegte, sicher
vor plötzlichem Ausgestoßenwerden.

-- Es ist schade, daß man in unserer Religion keine richtigen Opfer mehr
bringt, sagte sie einmal.

Jedes Kleid, jedes Buch, jeder Sessel ihres Zimmers waren ihr persönlich
eigen. Aber nicht im selben Sinn wie der Mutter, die alles an sich riß.
Sie gab sich den Dingen hin und füllte sie so voll mit ihren dämmernden
Gedanken, daß ihre Umgebung manchmal vernebelt wurde, übersättigt vom
eigenen Selbst. Und sie mußte plötzlich auf die Straße laufen, stöhnend
vor Sehnsucht nach dem ganz Fremden.

Dieses Selbst in allen Dingen verschleuderte sie mit wollüstiger Freude
und Grauen. Sie war immer unbeschreiblich reich dabei. Wenn etwas sie in
Grenzen hielt, war es die Dankbarkeit der Beschenkten. Sie schämte sich
darüber. Danken war sich erniedrigen. Und ein heißer Zorn wühlte in ihr,
wenn alle anderen nicht größer waren als sie. Sie wollte das Kleinste
sein, denn sie suchte das Oben. Wie sagte doch Onkel Gustav zu seinem
Freunde: -- sehr kindisch -- und sehr unreif -- eigentlich viel zu
unreif für ihr Alter.

Ruth bewunderte alle Menschen, die stehlen konnten. Jemandem eine Münze
aus der Geldbörse zu nehmen, war für sie ein Wagnis, ein Heldenstück,
das ihr immer unmöglich sein würde. Ein Eingriff in fremdes Reich, ein
Festnehmen von feindlichen Objekten -- schwieriger, als einen nassen
Salamander in der Hand zu halten.

Ruth verbrachte den ganzen Sommer in den engbrüstigen Vorstadtgärten,
zwischen Ladenschwengeln, Proletarierfrauen und klebrigen Kindern. Man
konnte dieses Jahr keine Sommerfrische aufsuchen. Mutter war im Winter
krank gewesen und mußte im Frühling eine Reise machen. So war nicht
genug Geld da, noch einmal fortzufahren.

Als Ruth zum ersten Mal davon reden hörte, daß sie heuer nicht wegfahren
müsse, hatte sie laut aufgejubelt. Aber Mutter weinte eine halbe Woche.

Von Ruth war ein Alpdruck weggefallen. Wie eine drohende Gefahr,
unaufhaltsam näher rückend, empfand sie den ganzen Winter durch: Es
kommt ein Tag, da muß ich fort. Man zwingt mich dazu. Fort. Man reißt
mich aus meinem Zimmer. Meine Gedanken stecken noch in den Stuhlbeinen,
auf der Hauptstraße liegt etwas ganz Besonderes von mir, ich muß alle
Tage vorübergehen, meine Adern sind verwoben mit dem Himmel über unserem
Dach und dann soll ich fort. Und sie haben die Macht, mich zu zwingen.
Nein, ich liebe mein Zimmer nicht, es ist mir zu eng, zu sehr mit mir
verwachsen. Aber fortmüssen und drei Monate in einem ganz fremden Raum
sein, wo vielleicht ein pensionierter General gewohnt hat oder eine
schmutzige Frau. Und sie haben die Macht, mich zu zwingen.

Sie wußte nicht, daß jeder Mensch mit seiner täglichen Umgebung
organisch verbunden ist. Daß ein Weiterrücken im Raum auch ein
Weiterrücken im Leben sein muß. Und doch stöhnte sie unter dem Zwang.

Von dem Fenster seines Zimmers hatte sie einen weiten, hohen Himmel
gesehen. Mit verschwommenen Kirchtürmen. Das war ihr Horizont, ihre
Ferne, ihr Land gewesen.

                   *       *       *       *       *

Und nun saß sie in den staubgeschwängerten Vorstadtgärten. Ihre müden
Blicke wuschen den Ruß von den welkenden Blättern. Sie dachte an einen
Wald, eine grünsatte, schwelgende Fülle. Die schlank hinansteigt in
abendhelles Blau. Und sie mußte hier sein.

Ihre Strümpfe waren grau vom Staub, ihre Schuhe alt und faltig. Neben
ihr auf der Bank erzählte ein Dienstmädchen einem anderen, sie habe
fünfzig Kronen Lohn monatlich. Wenn sie aber mehr bekäme -- sie roch
nach Schweiß.

Im Sand lag ein vertretener Kupferkreuzer. Zwischen Kinderschaufeln und
Blechkübeln. Und es rollte ein ferner Donner.

Ruth ekelte der Kreuzer. Sie dachte an eine durchlöcherte Hosentasche.
Aber sie konnte nicht wegsehen. Sie starrte auf den Kreuzer, bis sie ihn
doppelt sah und dann dreifach und dann vierfach und dann immer mehr,
immer mehr ...

Eine einzige ineinander rollende Masse. Schmutzig kupfergelb. Schmeckt
wie geschmolzenes Metall.

Ruths Schuh hatte einen Riß, quer mitten durch. Er sah wohl aus wie eine
Falte. Aber es war ein Riß. Quer mitten durch.

Sie stand auf und ging durch die Straßen, wo die größten, üppigsten
Geschäfte waren. Schon wurden die Lichter angezündet. Gierig
aufflackernde, rote kleine Scheinwerfer.

Ruth dachte: Über meinen Schuh geht ein Riß -- keine Falte -- über meine
Hand geht ein Riß -- ist das Schmutz -- und über mein Gesicht --
vielleicht ist das Blut.

Sie ging hinter einer üppigen, blonden Kokotte. Nachgezogen von ihren
wunderbaren, geraden, feinen Absätzen, die nicht einen Millimeter zu
hoch oder zu niedrig waren. Eine keuchende Lust überkam sie, das weiche,
eng anliegende Leder zu fühlen, zu streicheln, an sich zu locken.

Das Parfüm roch betäubend nach unaufrichtigen Blumen. Ruth dachte: -- Es
ist abscheulich, aber teuer. Furchtbar teuer. Ungezählte schmierige
Kupferkreuzer. Und die lichte Flasche, auf hellrosa Seide gelegt mit der
durchsichtigen Flüssigkeit. Ich möchte sie nicht berühren. Aber teuer.
Nicht auszudenken teuer. Und ihre Schminke -- ich könnte sie niemals
darauf küssen -- ist auch so teuer, oder noch mehr. Wie ich sie
verachte. Aber die gelben Schuhe möchte ich besitzen --

Ein paar große, schwere Regentropfen klatschten auf das schleimige
Pflaster. In den Häusern flammten protzig die Lichter auf. Schmiegsame
Vorhänge wurden zugezogen.

Die große Blonde ging in ein großes Haus. Über breite Stiegen mit dicken
Teppichen. Vornehme Damen kamen ihnen entgegen mit großnetzigen
Schleiern vor den Gesichtern.

Sie gingen durch eine große Glastür. Es roch betäubend nach Seife,
dickem Parfüm, warmen Haaren. Ein Friseur. Ein schlankes junges Mädchen
in vergilbter Seidenbluse, mit zu hellem, großgewellten Schopf fragte
Ruth, was sie wünsche. Ruth antwortete automatisch was ihre Vorgängerin
sagte. Und wie diese wurde sie in eine Zelle geführt, wo ein
gelbmarmorner Waschtisch in die Wand eingelassen war.

Eine Welle mattweißen Schaums ging über ihr Gesicht, über ihren Kopf,
über die Wurzeln der Haare. Sie empfand den Duft durch die
Scheitelknochen dringen, sich in das Hirn einfressen. Ihre Nerven
dehnten sich weich und ringförmig. Das junge Mädchen hatte schlanke
Hände mit spitzen Fingern, die nicht mehr ganz ihr eigen waren. So sehr
schmeckten sie nach tausenderlei weichen Wassern.

Ruth dachte: -- Sie ist sicher arm. Aber sie darf den ganzen Tag hier
sein und ihre Hände sind schön und unnahbar. Am Abend geht sie nicht
nachhause. Wo sie da hingeht --

Die schmutzige Kupfermasse aus dem Sand war gelb geworden und lockte wie
verwischtes Gold in der marmornen Waschschüssel.

Sie spricht nicht mit mir, -- wußte Ruth, -- weil ich ein verwaschenes
altes Kleid trage. Es ist auch zu eng, das merkt sie sicher. Wenn sie
erst den Riß über meinem Schuh sähe, oder ist es nur eine Falte? -- Ruth
schämte sich maßlos.

In der Zelle daneben aber plauderte die große Blonde lustig darauf los
mit einem von den anderen jungen Mädchen. Sie schwatzten wie zwei
Schulfreundinnen, von denen die eine ein besseres Zeugnis bekommen hat
als die andere und sich daher etwas herausnehmen darf -- aber sie tut es
nicht viel. Die Blonde sprach immer von einem Er -- Ruth spürte, daß er
ein Monokel trug und manikürte Nägel hatte -- und die Blonde kicherte
fortwährend. Die kleine Friseurin daneben sagte immer strahlend und
bewundernd: -- Aber gnädige Frau und dann sprach man von einem Armband.
Ruth sah wieder in der marmorgelben Waschschüssel eine Fülle von
Kristallen, in denen sich das Licht brach, so daß die Farbenmenge
schwindeln machte. Sie wußte, das gibt es alles, zwei Häuser weit weg,
bei dem großen Juwelier. Ich brauche nur hinzugehen. Aber nein, ich habe
ja kein Geld -- und ein entsetzlicher Schrecken durchfuhr sie, ob sie
dem Friseur auch werde zahlen können. Sie dachte sich Unsummen aus, die
es kosten müsse, ja müsse, und getraute sich nicht, ihr abgegriffenes
Portemonnaie aus der Tasche zu ziehen. Wie der Mörder auf das
Todesurteil, wartete sie auf den Augenblick, in dem sie vor dem
glattrasierten Herrn bei der Kassa stehen mußte.

Die Blonde daneben plapperte noch rascher und glückseliger. Ruth dachte
in ihrer Herzensangst: Herrgott, ist sie dumm. Wenn ich nur einmal in
meinem Leben so hirnverbrannt dumm sein dürfte. Ich könnte mich dann gar
nicht so fürchten vor dem geschniegelten Kerl dorten. So dumm sein --
das hieße ausruhen.

Sie zahlte den Preis fast weinend vor Aufregung. Drückte in die kühlen
Hände des jungen Mädchens ein fürstliches Trinkgeld. Und stürzte davon
wie ein ertappter Bettler.

Auf der Treppe griff sie sich unter den Hut. Da war etwas Fremdes. Waren
es die kühlen, langen Nadeln, die ihr das Mädchen in den Knoten gesteckt
hatte. Waren es ihre eigenen, weichen Haare, die noch warm dufteten. Und
sie sehnte sich das Haar lösen zu können und den Kopf hineinzuwühlen.

Nur nicht nach Hause gehen. Dort lagen Mutters Rechenbücher. Die Lampe
über dem Speisezimmertisch hatte einen fahlgrünen Schirm. Nur um Gottes
Willen nicht nach Hause. Die Gassen waren alle rot, die Schaufenster
waren rot und die Frauen in den großen Straßen hatten rote Wangen. Hier
grüßten sich alle, hier kannten sich alle und die Luft war rot und
weich.

Zwischen den Pflastersteinen lockte es schmutzig kupfergelb. Aber in den
ledernen Handtäschchen der Damen blinkte es silberhell. In den
Geschäften lag dick geschichtet lichte Seide, wunderbares, braunrotes
Holz, fremde Blütenkelche, zarte Porzellanteller, flaumig weiche Hüte,
Diamantarmbänder ...

Heute bemerkte Ruth, daß sie langsamer ging als alle andern Leute. Sie
fühlte einen Taumel fremder Geschäftigkeit um sich, dem sie nicht
gewachsen war. Sie suchte mitzukommen. Sie hatte doch ein Recht darauf.
Sie empfand ihre duftenden Haare in einer wilden Glückseligkeit. Sie
wollte mitkommen. Ihre Schultern schmerzten vor Müdigkeit. Quer über den
einen Schuh lief ein Riß.

Blendend helle Buchstaben zogen sie an: Kino. Sie ging hinein, rasch,
sehr rasch, flüchtend vor den zu roten Straßen und verbarg ihre Schuhe
unter dem dunklen Sitz.

Neben ihr dampften verschwitzte Kleider, gewürztes Essen, unreine Haare.
Das Orchester spielte Richards Lieblingswalzer.

Der Graf kam. Er fuhr in einem Auto, fast erstickt von der Blütenfülle,
die er im Arm trug. Er hatte fabelhaft gerade, lange Beine. Und ein
glattes Gesicht, zu sehr rasiert. Der Rauch aus seiner Zigarette mußte
kostbar sein.

Die Tochter des amerikanischen Milliardärs trug lange Korkzieherlocken
und strahlte mit blendend weißen Zähnen. Ihr Körper war schlank und frei
wie nach einem lauen, spielenden Bad. Sie kochte den Tee für sich und
den Grafen in einem bauchigen Samowar. Dieser Tee war sicher
bernsteinklar und duftete durch das Zimmer, das dumpf gemacht war mit
weißen Fellen und samtenen Vorhängen.

Ruth liebte die Milliardärstochter. Liebte den Grafen. Schielte mit
dumpfer Wut auf das verkrümmte Ladenfräulein neben sich, das an den
Nägeln kaute und schnalzte.

Der Freund des Grafen, ebenso glatt, ebenso wohlgebaut. Nur trug er
einen Schlapphut. War also ein Künstler.

Das Atelier. Köstliche, großgeblümte Teppiche. Glatter weißer Marmor.
Hinter den Riesenfenstern Aussicht bis an das Meer. Sonnenaufgang.

Der Park des Milliardärs in Rom. Eine zitternde, flimmernde, prickelnde
Blätterfülle. Kleine, schlanke Zypressen. Sonnenflecken auf der Erde,
verstreut wie flache Goldgulden. Puccini. Die Milliardärstochter reitet
auf einem Schimmel. Lange Korkzieherlocken, rechts der Graf, links sein
Freund. Hinten ein Diener. Der riecht auch nach Parfüm, wie die Blonde
heute auf der Gasse.

In der Pause sagte Ruths Nachbarin zu jemand in der hinteren Reihe: --
Ja, jetzt hat er halt eine Lungenentzündung. Ich komme gerade aus dem
Spital. Was soll man machen? Aber schön ist es, das Stück.

Und Ruth dachte: -- Der Mann im Spital hat sicher sein ganzes Leben in
einer Kellerwohnung gelebt. Moder und Schweiß. Vielleicht hat er
Schuhriemen gemacht für den Grafen. Oder Zaumzeug für seine Pferde. Aber
die Milliardärstochter geht nicht in das Kino, wenn der Graf krank ist.
Obwohl sie ihn mit seinem Freund betrügt.

Ihr schwindelte. Sie empfand einen Abgrund zwischen sich und der
Nachbarin. Zwischen sich und dem Boy, der grinsend Perolin versprengte.
Zwischen sich und dem Grafen, der eigentlich genau so aussah, wie der
Friseur an der Kasse, nur daß er so gut angezogen war. Und einen Abgrund
vor der Milliardärstochter, die genau so strahlende Zähne hatte, wie die
große Blonde.

Nichts als Abgründe, Löcher, Klüfte, Leersein und Alleinsein. Es gibt
irgendwo ein dunkles Zimmer. Schillernde Phiolen.

Die Musik setzte wieder ein mit jenem Auftakt, der so lange und
proletarisch vielversprechend auf den zweiten warten läßt. Nein, nicht
mehr.

Sie ging langsam nachhause. Die Gassen waren dunkler geworden, das Licht
bleicher. Und zwischen den Pflastersteinen war nicht ein Kupferkreuzer.
Nur Schmutz.

Über Ruths linken Schuh lief ein Riß. Es war bestimmt keine Falte, es
war ein Riß.

Sie wünschte sich den ganzen Abend: ich möchte Seidenstrümpfe haben, wie
die Milliardärstochter und die Blonde. Und weiche, lederne Schuhe. Aber
ein anderes Gesicht. Vielleicht mein Gesicht. Oder noch ein anderes.

Zuhause behandelte man sie mit stummer Verachtung. Sie kam nie mehr
zurecht zu den Mahlzeiten. Sie ergab sich einem sträflichen Müßiggang,
den Richard nicht vergaß, wenigstens einmal des Tages um die Ecke herum
zu erwähnen.

Mutter schüttelte trostlos den Kopf und sagte zu Martha: -- Es nützt
alles nichts. Sie wird ganz wie Gustav, er ist nicht umsonst ihr Onkel.
Und Vater war auch so. Wie das alles zu mir kommt?

Ruth wusch sich von nun an zehnmal des Tages die Hände mit fast zu
heißem Wasser. Sie trug es heimlich in ihr Zimmer, kannenweise. Niemand
durfte davon wissen, o Gott nein, es war etwas Unrechtes, das sie damit
tat, etwas wie stehlen. Denn wenn sie die Hände ganz tief in die
Waschschüssel steckte und das heiße Wasser durch alle Poren in sich
hineinströmen ließ, schlossen sich ihre Augen und sie fühlte sich über
Marmorstufen in ein tiefes, warmes Bad hinuntersteigen.

Sie mißhandelte ihr Zimmer. Es war häßlich. Alte, verschnörkelte Möbel.
Ein Teppich, der nicht mehr rein zu bekommen war. Der Lampenschirm aus
zerschlissener Seide. Sie stülpte ihn verkehrt auf den Boden, rückte den
Tisch schief in eine Ecke. -- Schämst du dich nicht, wie dein Zimmer
aussieht, sagte Mutter.

Sie stand vom Tisch auf, weil Agnes mit einem verbundenen Finger
servierte.

Sie wollte nicht mit Mutter auf die Straße gehen, weil Mutters Mantel
schon sechs Jahre alt war.

Sie warf Marthas mit farbiger Seide gestopfte Handschuhe in den Herd.

Und sie schenkte Agnes ihre neuesten Schuhe.

Es war alles gleichgültig, alles eins. Je mehr zugrunde ging, desto
besser. Wozu die Heller sparen, wenn man Tausende braucht. Dann war man
armselig und fast lächerlich, wie Mutter. Aber sie, Ruth, wollte lieber
ganz elend sein, betteln gehen.

Die Welt lag hinter der harteckigen Wohnung. Auf den langen, gierigen
Schienen rollten die Lokomotiven. Schleppten hinten in den Waggons
glückliche Menschen in dunklen, einfachen Kleidern, deren Schnitt allein
ein Vermögen kostete. Die legten ihre wunderbaren Schuhe auf samtene
Kissen. Und dann saßen sie in hochwandigen Speisesälen und sahen hinaus
über ungemessene Entfernungen.

Geld haben heißt weiterkommen. Weiterrücken im Raum. Und das heißt,
weiterrücken im Leben. Und sie steckte in ihrer Wohnung, eingekeilt
zwischen Mutter, Martha, Richard und jetzt auch Norbert. Denn Norbert
war sehr viel da. Mutter liebte ihn.

Einmal ging sie Martha ein Geburtstagsgeschenk kaufen. Norbert erbot
sich, sie zu begleiten. Sie war unordentlich angezogen, in alten
Kleidern, die ihr schlecht saßen. Sie ging durch die elegantesten
Straßen. Vielleicht eben deshalb. Und weil Norbert dabei war.

Sie traten in eine der ersten Parfümerien. -- Hier wollen sie etwas
kaufen? fragte Norbert ganz erschrocken. -- Ja, warum nicht?

Sie wählte ein halbes Dutzend der kostbarsten Seifen. Es überstieg weit
den schmächtigen Inhalt ihres Portemonnaies. -- Ich habe mein Geld
vergessen, können Sie für mich zahlen? Norbert zahlte aus seiner
biederen Geldbörse.

Auf der Straße sagte sie, totenbleich vor Erregung, heiser: -- Wissen
Sie, was ich da in meiner Tasche habe? Noch eine Seife, hellviolett, ich
habe sie aus dem Korb gestohlen.

-- Um Gottes Willen, aber das ist doch nicht ihr Ernst.

-- Doch, sehen Sie, hier. Ist sie nicht wunderbar. Und so weich. Die
behalte ich mir, die gehört mir, mir ganz allein. -- Fräulein Ruth,
nein, das ist nicht möglich, nein, kommen Sie, gehen wir zurück, gehen
wir. -- Gewiß nicht, ich glaube gar, Sie fürchten sich, mit mir zu
gehen? Bitte. -- Nein, aber Ruth, so etwas dürfen Sie doch nicht tun,
Herrgott, das ist ja furchtbar. -- Ach, lachte Ruth, das mache ich immer
-- und fast schämte sie sich, so zu lügen. Sie hielt die Seife
krampfhaft fest mit der Hand umschlossen, daß die Schulter schmerzte.
Und war stolz darauf. Ein gieriges Habenmüssen preßte ihr die Zähne
zusammen.

Sie gingen durch trübe, nachmittagsstille Gassen, die sonnenlos waren
und arbeitsgewohnt. Norbert sah die ganze Zeit zu Boden und war
dunkelrot. Dann stotterte er: -- Wenn Sie die Seife haben wollen und
haben müssen, Ruth, und Sie haben vielleicht kein Geld mehr -- Sie
lachte grell und höhnisch: -- Nein, wie Sie um meine Seele besorgt sind.

Und dachte: Du kleinseliger Krämer du, du ahnungsloser. -- Lassen Sie
das, Norbert, -- fuhr sie fort, -- es steht nicht dafür. Es nützt doch
nichts. Ich habe es vom Großvater. Der hat auch alle seine Pferde
verspielt. Mutter sagt immer, mit mir nimmt es ein schlechtes Ende. Wenn
ich dann ganz heruntergekommen bin und so bettelarm, daß ich einen
grauen Lappen um den Kopf binden muß, wenn es schneit, wenn ich dann so
ganz richtig elend bin, komm ich zu Ihnen. Sie geben mir dann etwas aus
ihrer Börse, nicht wahr? -- Ich werde Ihnen immer alles geben, Fräulein
Ruth, aber Sie sollen nicht so sprechen. -- Vielleicht komme ich auch
ins Kriminal, wer kann es wissen. Aber Norbert, eines, können Sie sich
vorstellen, daß man etwas haben muß, so unbedingt haben muß, daß man
einem andern auch Böses tut, ihn umbringt, für Geld umbringt? Können Sie
sich das vorstellen, o, so sagen Sie doch. -- Ruth, Sie sind krank. --
Warum denn? sowas steht doch alle Tage in der Zeitung und die Leute sind
gar nicht alle krank.

Nach einer Weile sagte er noch einmal bestimmt und ohne sie anzusehen:
-- Wir tragen die Seife jetzt zurück. Wenn Sie das Geld nicht nehmen
wollen. Es war ein Irrtum.

Ruth warf die Seife einem verkrüppelten Bettler, der an der Mauer
lehnte, in den Hut und sprach im Vorübergehen: -- Er soll sich auch
einmal mit etwas Gutem waschen können. Und sie sah Norbert nicht mehr an
und gab ihm nicht die Hand zum Abschied.

In den nächsten Tagen aber trauerte sie um das Stück Seife, wie um ein
Stück verlorene Seligkeit. Sie haßte Norbert. Einmal hatte sie es gewagt
und er hatte alles verdorben. Und warum -- weil er dumm war, grenzenlos
dumm. Sie holte lauter Detektivromane aus der Leihbibliothek und
verschlang sie.

Sie versuchte Geld zu nehmen aus der Lade der Köchin. Aber es war wieder
ganz unmöglich.

Sie fühlte sich umgeben von einer erstickenden Masse schmutzig gelben
Metalls. Das nach Schweiß stank und den Duft exotischer Blüten in sich
trug und ein Rauschen von seidenen Röcken.

Marthas Kasten war immer doppelt versperrt. Sie trug die Schlüssel mit
sich in einem uralten Handtäschchen. Ruth verachtete sie deshalb. Denn
was war schon in dem Kasten, wenn man ihn aufbrechen wollte? Wäsche mit
gehäkelten Spitzen und ein paar ziemlich abgelegene Liebesbriefe. Eine
Nagelschere und ein Nähkästchen und vielleicht noch eine Photographie.
Nein, davon hätte Ruth nichts haben wollen.

Und von Richards Sachen erst recht nicht. Die waren alle abgebürstet und
ordnungsgemäß aufgestellt. Numeriert. Vom ersten Schulzeugnis an bis zur
letzten Tagebuchseite. Denn Richard führte ein Tagebuch. Das war sehr
genau. Es standen alle Einnahmen und Ausgaben darinnen.

Mutters Besitztümer aber steckten in vierfach verbundenen Papiersäckchen
und rochen nach Lawendel.

Ruth wollte und mußte etwas haben. Etwas Außergewöhnliches, etwas
unsagbar Schönes, etwas Wunderbares, etwas noch nie Dagewesenes,
wenigstens noch nicht in ihren düsteren Zimmern.

Als sie ihr nächstes Taschengeld bekam, ging sie durch die ganze Stadt
es zu suchen. Als es schon Abend war, fand sie in einer Auslage einen
Korb voll tiefroter Rosen. Festgeschlossen hingen sie schwer in den
schlanken, wiegenden Stengeln. Und die wenigen Blätter, die schon offen
waren, waren weich und dunkel in ihrem Innern, daß sie Ruths Kopf zur
Seite senken ließen und die Augen schließen.

Sie kaufte sechs von den schönsten, strich mit den Händen über die
heißen, großen Stacheln und ging mit federnden Schritten nach Hause.

Im Speisezimmer stand Richard unter der fahlgrünen Lampe und hielt eine
Rechnung in den Händen. Mutter lief erregt um den Tisch und Martha
stellte verdrossen die Gläser auf.

-- Was ist das Ruth, fragte Richard -- eine Rechnung für vier paar
Lederhandschuhe? Er war ganz ruhig, zog nur die Augenbrauen ungeheuer
verwundert in die Höhe. Aber seine Stimme war häßlich vor Zorn.

Mutter rang die Hände.

-- Ich weiß nicht, sagte Ruth atemlos. -- Du weißt nicht und was hast Du
da? Was sind das für Rosen, Ruth? Du bist wohl verrückt. Du weißt nicht,
was du tust. Wie treibst du dich denn herum?

-- Laß die Rosen, sie gehören mir.

-- Dir, dir gehören sie? Ja, was gehört denn überhaupt Dir? Du stiehlst.
Du stiehlst Mutter das Geld aus der Tasche. Sollen die Handschuhe
vielleicht Dir gehören? Und diese Rosen? --

Ruth dachte: Er nimmt mir alles. Alles. Aber er hat eine wohlgefüllte
Geldbörse in der Tasche. Kupfergelb, silberweiß, blaue Scheine. Nur die
Rosen soll er nicht nehmen, die Rosen nicht. Wenn er wirklich danach
greift --

Sie war umgeben von einer schwarzen, kochenden Masse. Und erstickt griff
sie nach dem Brotmesser auf dem Tisch und schleuderte es --

Ein Kreischen, ein Stoßen --

Sie war allein in ihren Zimmer.

Von der Straßenlaterne strömte weißgelbes Licht herein. Aber der Zorn
tanzte noch in kochend schwarzen Klumpen um sie herum, würgte die Kehle,
machte ihre Hände gierig.

Sie fuhr hinein in die blassen Fensterscheiben. Mitten durch.

Aus ihrer Handfläche quoll es langsam heraus, dunkelrot. Sie war ganz
ruhig.

Aus immer mehr Stellen heraus, immer mehr. Das Blut fiel zu Boden,
langsam, in dicken Tropfen.

Und ihre Augen wurden satt.

Da waren irgendwo heiße, durstende Glieder, die sich zur Ruhe strecken
konnten. Und ausgekühlte Marmorbäder. Und verlöschte, grellrote Lichter.

Zu ihren Füßen lagen viele Münzen. Kupferne, silberne, goldene. Die
rollten nicht mehr durcheinander. Die lagen ganz kalt, eine über der
anderen.

Und das Blut fiel zu Boden, langsam, in dicken Tropfen. Und das Geld
fraß das Blut.



                                  Gott


Als Ruth so klein war, daß das Kindermädchen sie sitzend auf dem Arm
trug und ihr der eigene Matrosenkragen wie eine riesige, abenteuerliche
Fläche erschien, sah sie an einem Abend ein Kreuz im Wald. In den Tannen
hing verstecktes Gewitter. Und das Kreuz wuchs aus der felsigen Erde.
Ruth fürchtete sich.

In der Nacht nahm Mutter sie zu sich in das Bett. Am Morgen hatte sie
Fieber. Man zog ihr ein frisches, kühles Hemd an, legte sie in Mutters
riesige Polster hinein und Mutter küßte und streichelte sie.

Wenn Ruth krank war, den ganzen Tag in Mutters Zimmer liegen durfte und
von unten herauf jede von Mutters ungeduldigen, viel zu vielen
Bewegungen beobachten konnte, war sie ganz zufrieden. Dann vergaß ihr
kleines Hirn mit den Schwierigkeiten des Tages zu kämpfen, den grell
bemalten Tapetenblumen, den Vorsprüngen auf Mutters kompliziertem
Luster, der widerhaarigen Zahnbürste. Dann legte sie ihr kleines Haupt
tief nach hinten und alle ihre kleinen Gedanken in Mutters zu große,
harte Hände.

Mutter war groß. Mutter war allmächtig. Mutter war unfehlbar. Mutter war
gütig. Mutter war edel und -- Mutter war gekränkt, mißhandelt von aller
Welt. Deshalb wollte Ruth nicht mit den andren Kindern im Park spielen,
keinem fremden Menschen die Hand reichen, deshalb fürchtete sie sich vor
den Hunden. Weil ihre Mutter unter diesen allen leiden mußte.

Ruth küßte im Geheimen Mutters Hausschuhe. Schluchzte die ganze Nacht
durch, wenn Mutter vergessen hatte, zuletzt an ihr Bett zu kommen. Und
starb vor würgender Sehnsucht, wenn Mutter auf acht Tage verreist war.
Aber das durfte niemand wissen.

Richard durfte das nicht wissen, ach nein, er war ja so klug. Gewiß, er
liebte Mutter. Aber er trug alle seine Empfindungen sorgsam eingeordnet
in seiner schwarzledernen Brieftasche und zusammengepreßt wie die
Banknoten.

Martha liebte Mutter nicht. Obwohl sie an Mutters Geburtstag am
eifrigsten den Tisch deckte. Aber alle Morgen stritt sie mit Mutter mit
einer schrillen Stimme. Zu ihren Freundinnen nannte sie Mutter nur
»sie«.

Zu Mutter flüchtete Ruth sich, als sie die große Angst bekam vor dem
großen Gott im Himmel oben. Der gar nicht half, wenn man zu ihm betete.
Der seinen lieben, wunderbaren Sohn am Kreuz hatte verbluten lassen, der
es duldete, daß es eine Hölle gibt, während es ihm dort oben am besten
geht. Der die Menschen in den Spitälern sterben läßt und noch will, daß
man dankbar dafür ist.

Ruth bekam eine Bonne, deren winziger Koffer voll war mit Marienbildern
und Rosenkränzen. Die führte Ruth in alle Kirchen. Sie fror stundenlang
in den kalten, zu hohen Räumen mit den dunkel nassen Mauern. Weihrauch
versperrte ihr die Kehle und der Kirchendiener hatte schmutzige
Pantoffel. Vorne am Altar war Christus gekreuzigt. Rostige Nägel
durchbohrten die Knochen. Das Blut war geronnen. Und er konnte nie und
nie herunterfallen.

So hing er in allen Kirchen und die Menschen beteten um schönes Wetter
und Glück bei ihren Geschäften. Ach, wie arm war er. Für alle hatte er
sterben müssen, und keiner liebte ihn.

Eines abends stritt Mutter mit Vater. Es war so ein kleiner häßlicher
Grund, daß Ruth ihn vergessen wollte, nein, nie mehr daran denken. Vater
schwieg. Mutter warf Vaters Zeichnungen auf den Boden. Vater schwieg.
Ruth schlich aus dem Zimmer. In dem kleinen Gang neben der Küche drückte
sie die Stirne an das Fenster und betete: Lieber Christus, ich habe dich
lieb. Ich bete nicht, ich will nichts von dir, ich habe dich nur lieb
... An diesem Abend kam Mutter nicht zum Gutenachtkuß. Ruth rief nicht
nach ihr. Aber sie hatte ein rotgoldenes Christusbild unter dem
Kopfkissen.

Sie wollte Nonne werden. In der Abenddämmerung in niederen Kreuzgängen
wandeln und über das Meer schauen und Christus lieben.

In die Messe mochte sie doch nie gehen. Wie entsetzlich war es, zu
denken, daß der fettige Geistliche da vorne das reinste Blut trank. Wenn
es auch für die ganze Welt gut war, es war eine ungeheure Grausamkeit --
ein Verbrechen -- und daß das alle Morgen geschah ...

Ruth besaß ein Kinderbuch, in dem opferten die Chinesen grell gemalten,
glotzäugigen Buddhas. Vor diesem Buch graute ihr. Und vor den fetten
Altären der katholischen Kirchen.

Zu Hause aber steckte sie ihren liebsten Bleistift in den Ofen -- Opfer
für Christus.

Dem lieben Gott versprach sie alle Tage ein Gebet mehr. Was anderes
konnte sie ihm nicht geben. Als es zu viel wurde, gab sie es überhaupt
auf. Und von dieser Stunde an stand sie nicht mehr gut mit ihm.

Aber sie küßte den schmutzigen Steinboden im Stiegenhaus. Christus zu
liebe.

Dann bekam sie eine andere Bonne. Mit sehr roten Wangen und gekräuselten
Haaren, die alle Nacht zwei Stunden lang mit der Brennschere bearbeitet
wurden. Diese Bonne liebte Ruth sehr. Sie erzählte ihr ungeheuer viel
von einer Baronin, die schon zweimal verheiratet war und Ruths
Schuhnummer hatte und alle Monate vier Paar Schuhe brauchte. Eines
Nachmittags führte sie Ruth zu der Baronin. Das Zimmer war voll mit
parfümiertem Rauch und schweren Teppichen. In einem Erker saß die
Baronin neben einer riesigen Palme. Sie trug einen grauseidenen
Schlafrock. Seine Falten krochen über ihre müde, duftende Haut. Sie
sprach lange mit der Bonne und liebkoste Ruths Zöpfchen. Sie schenkte
Ruth ein Bonbon. Ruth schlief diesen Abend ein, das Bonbon in der Hand,
das am nächsten Morgen als zähe Masse die kleine Faust verklebte.

Sie schrieb den Anfangsbuchstaben des Namens der Baronin auf die
Löschblätter in allen Heften. Als die Bonne plötzlich fortgehen mußte,
weinte sie die Nacht durch.

In einem großen Hotel liebte sie einen gazellenschönen, argentinischen
Knaben. Sie sprach nie ein Wort mit ihm, dachte gar nicht an diese
Möglichkeit. Aber sie zählte die Stunden, bis sie ihn wieder in den
Speisesaal kommen sehen könnte, neben seiner überüppigen Mutter.

An einem lichtgoldenen Frühlingstag sah sie auf dem Markt einen Korb
weißer Hyazinthen. Kaum erblühter, strahlend weißer, schlanker
Hyazinthen. Sie hatte kein Geld. Was sollte sie tun? Sagen, daß sie
diese Hyazinthen haben mußte, sehen mußte, einatmen mußte. Nein,
niemals, so etwas spricht man nicht aus. Das ist etwas so ungehöriges,
wie die Dinge, die in den verbotenen Büchern stehen. Über so etwas
schweigt man. Und wenn es nur wäre, um nicht ausgelacht zu werden. Das
aber ist Schande und Schändung. Das ist so wie der gepeinigte Christus
an jeder Wegkreuzung.

Im Sommer darauf bemerkte sie zum erstenmal, wie sich das saftige Grün
der Buchenblätter in die Sonnenbläue des Himmels schmiegt. Und sie
berührte schüchtern das Waldgras, das hoch und gebogen war, während auf
den Felsen die Erde duftete. -- Geh nicht in den Wald, sagte die Mutter,
dort sind Holzhauer und Schlangen.

In diesem Sommer wuchs Ruth überraschend schnell und bekam kräftige,
braune Arme.

Im nächsten Winter entbrannte sie in wilder Leidenschaft für Napoleon.
Der mit gekreuzten Armen über die Menschen gegangen war und sie
zertreten hatte.

Damals war es, daß Ruth eine Macht über sich fühlte, die sie fausthart
in die Knie zwang. Und von der ihre weichen, unentwickelten Gelenke sich
in sehnsüchtiger Wollust kneten ließen. Sie wollte nicht lieben, nicht
Liebe empfangen, aber unterworfen werden.

Im hintersten Winkel des Kleiderkastens war ein wunderliches Gemisch von
Kostbarkeiten: Eine falsche Rose, die Mutter getragen hatte als sie
einmal in das Theater ging und so besonders schön war. Gepreßte Zyklamen
aus dem Buchenwald. Das rotgoldene Christusbild. Eine Unterschrift der
Baronin aus einem Brief an die Bonne. Ein Ausschnitt aus einem
französischen Werk über Napoleon. Und das Wort Beethoven mit roter Tinte
auf die verkehrte Seite einer Visitkarte geschrieben.

Wenn Ruth ihren Kasten zusammenräumte, wischte sie diese Dinge mit einem
Batisttaschentuch ab. Jedes war einzeln in weißes Seidenpapier gewickelt
und mit Christbaumschnüren zugebunden. Ruth rührte aber keines gerne an.
Sie fürchtete den Tag, wo ein quälendes Gewissen sie dazu trieb, alles
frisch zu ordnen und neu einzuwickeln. Sie wusch sich vorher dreimal die
Hände und fürchtete, daß ein unreiner Atemzug diese Heiligtümer
beleidigen könnte.

Denn das alles waren Heiligtümer, nicht Erinnerungsstücke. Kleine,
nichtige Gegenstände, vollgetränkt mit dem Empfinden einer
überströmenden Liebe. Und als Christus, als die Baronin, als Napoleon
Ruth fremd geworden waren, behielten die einzelnen Dinge doch ihre
seltsame Macht. Ja, diese Macht war sogar gewachsen, wenn das Ideal tot
war. Und noch unbegreiflicher, furchteinflößender geworden. Es war
besser, man berührte diese Gegenstände nicht, ging ihnen aus dem Weg und
sperrte den Kasten zu. Wodurch allerdings auch der Schlüssel lebendig
wurde und schwer zu behandeln.

Es kam noch vielerlei dazu. Schmächtige Seidenfransen, die sie einem
Freund Richards, einem langlockig, grobbeinigen Menschen von seinem
Kragenschoner weggeschnitten hatte. Ein weißblondes Haar der
Englischlehrerin. Und noch vieles andere. Es gibt keine Kirche, die so
viele Reliquien hat wie Ruths Kleiderkasten.

Einmal saß Ruth bei dem Speisezimmertisch und sollte eine Schulaufgabe
machen. Mutter saß mit ihren Rechenbüchern daneben. Da kam ein
Dienstmädchen herein, die Mutter einst wegen Diebstahls hinausgeworfen
hatte. Die brachte ihr Kind. Mutter schob alle Rechenbücher beiseite und
nahm den Säugling auf den Arm und küßte und hätschelte ihn. Ruth sah
sich wieder ganz klein und der Mutter so nackt und hilflos überlassen,
wie dem lieben Gott selbst. Sie zeichnete Mutters Kopf in ihr Schulheft.

Onkel Gustav erklärte, sie sei ein Genie. Mutter war stolz. Sie hatte in
ihrer Jugend selbst viel gemalt, große, bunte, talentierte Bilder. Man
schickte sie in eine Zeichenschule. Und dort war Hilde.

Wenn die Sonne aufgeht, brechen alle Pflanzen aus der Erde und die
Steine werden licht. Denn das ist die große Kraft.

Wenn Hilde in das Zimmer kam, wurde der Raum weiter und höher. Und durch
alle Muskeln zuckte Ungeduld und Sprungkraft. Denn sie besaß große
Kraft.

Sie sehen, hieß einen Trunk frischen Wassers tun. Und vor Ruth sanken
die schwerblütigen Vorhänge der elterlichen Wohnung in einen fetzigen
Haufen zusammen. Und sie verstand, daß es wichtiger war Fensterscheiben
zu zerschlagen als einem Bettler ein paar Kreuzer zu schenken. Denn die
Sonne muß hereingelassen werden. Sie ist die große Kraft.

Mit Hilde konnte man nicht sprechen. Ihre Nähe war grell und fast
schmerzhaft laut. Ruth flüchtete vor ihr. Alle Reliquien durften
verstauben.

Hilde reiste nach Italien. Sie sah Hilde nicht mehr. Ein greller Funken
hatte ihr Leben grell gemacht, ganz kurz, momentan. Sie war feige und
blieb in der Dämmerung. Aber sie kannte das Licht. Und wartete.

Während aus dem Graugelb leerer Nachmittage er herauswuchs, riesengroß
und dunkel. Und sie saß bei ihm alle Wochen, alle Tage. Und trank die
Worte abgelebter Erinnerungen, die noch leben möchten. Dumpfer
Männernächte, die ihre Kinderhände weinen machten.

Er war ein Gott. Die Maske fiel.

Er war ein armer Mensch. Die Maske fiel.

Er war ein Schuft. Wird noch eine Maske fallen.

                   *       *       *       *       *

Ruth saß am Sonntag in dem großen Dom. Die Orgel spielte und vor den
brennenden Kerzen lag die Menge.

Ruth hörte auf das ewig gleiche Thema der Orgel und wußte, daß draußen
ein eintöniger Regen fiel. Die nassen Kleider der Leute stanken in den
Weihrauch hinein. Sie saß ganz hinten, in einer dunklen Bank. Vor ihr
war eine alte Dame in schwarzem Schleier. Die betete halblaut.

Ruth dachte: mit wem spricht sie da. Gott -- das ist eine Maske mit
gerader strenger Nase und weißem Bart. In jeder Spielwarenhandlung zu
kaufen, wenn erst Fasching ist. Christus ist tot. Gekreuzigt. Sie soll
sich nicht zum Narren halten lassen von den Reliquien hinter dem Gitter.
Das sind Masken für nichts. Ich möchte meinen Schrank verbrennen. Mutter
macht uns alle unglücklich, weil sie nicht glücklich sein kann. Das
Muttersein ist Maske. Dahinter steckt ein furchtbarer Mensch. Und die
Liebe bei der Baronin mit dem parfümierten Rauch macht Übligkeiten. Sie
soll nicht lächeln. Es ist eine Krankheit in ihr. Maske. Napoleon hat
die Welt unterworfen weil er die größte Maske trug. Alle Buchenblätter
sind faul und die weißen Hyazinthen verwelkt, verkrümmt.

Sie zog einen Taschenspiegel aus ihrem Handtäschchen. -- Da sitze ich in
der Kirche bei der Komödie. Warum schrei ich denn nicht. O ich bin
gesittet. Und mein Gesicht ist nicht verzerrt. Ich trage ja auch meine
Maske. Aber die Augen sind furchtbar. Ich habe Angst vor mir.

Ob Hilde auch eine Maske hat --

Aber er trägt viele tausend Masken. Nein, er weiß gar nicht, welches
sein wahres Gesicht sein könnte. Lauter weiche, schmiegsame Masken,
innen etwas faul. Grünbleich und müde. Ach, und sich hineinlegen können
und ausruhen ...

Als sie aus dem Tor herausging, traf sie Onkel Gustav und Richard. Beide
zogen den Hut vor der Kirche. -- Warum tut ihr das, sagte Ruth
ärgerlich, ihr glaubt ja doch nichts.

-- Das macht man so, sagte Onkel Gustav verlegen.

-- Ruth, du bist wieder einmal dumm, erklärte Richard.

-- Aber ein Tier tut das nicht, sagte Ruth und streichelte Onkel Gustavs
namenlosen Hund.



                              Gute Familie


Martha unterrichtete in der Schule, die Norberts jüngste Schwester
besuchte. In der sie selbst ihre erste und letzte Bildung empfangen
hatte und wo Ruth einmal fast hinausgeworfen worden war, weil sie
öffentlich zu erklären wagte, vor der französischen Grammatik brauche
man den lieben Gott nicht im Gebet anzurufen.

Mutter hatte darauf gehalten, daß ihre Töchter diese Schule besuchten
und keine andere. Es war die vornehmste Schule der Stadt, die
Bureaukratenschule. Es galt als Zeichen von Ruths Dummheit, daß sie
nicht einmal in dieser Schule gute Noten bekommen konnte.

Ruth dachte niemals an ihre Schuljahre zurück. Sie mied den Weg, der an
der Anstalt vorbeiführte. Sie empfand schon in der Nähe des Hauses den
dumpfen Tintengeruch aller der Rehlederfleckchen, die zu besitzen dort
so streng verlangt wurde und die sie immer verlor. Französische Verben,
verwischte Diktate, alte Butterbrote, schwarze Clothschürzen mit
knallblauem Rand und das unbedingte Bedürfnis, sich auf den Tisch zu
setzen, jetzt, gerade jetzt, weil das so entsetzlich unpassend ist.

Vor allem aber hielt sie ein wurmendes Schamgefühl zurück, wenn sie sich
an diese Zeit erinnerte. Sie wollte nicht eines sein mit dem faulen,
boshaften Fratzen, der der Mademoiselle alles nachwies, was sie in
Geschichte falsch unterrichtete, ihre gefärbten Haare bewunderte und
stundenlang darüber grübelte, was sie ihr Verletzendes sagen könne. Denn
die Mademoiselle war dumm. Es war eine Unverschämtheit, andere belehren
zu wollen, ohne klüger zu sein. Das einzige, was Ruth aus der Schule
brachte, war ein glühender Haß auf den Kardinal Richelieu. Der bestimmt
der Mademoiselle ähnlich gesehen haben mußte, ihre kaltadrige, rote
Gesichtsfarbe gehabt hatte und ihre steifglänzenden Halskragen. Damals
hatte Ruth den Haß gelernt. Nicht den hochlodernden, kämpfenden. Aber
den sich ekelnden, nagenden, den man gegen Fleischfliegen hat und Maden.
Den allerunbarmherzigsten.

Und damals hatte Ruth die Roheit kennen gelernt, die nicht zögert, sich
selbst zu beschmutzen. Als ein Kind der Schule gestorben war, kam der
Literaturprofessor wankend in die Klasse. Er war ein kleiner,
lächerlicher Mensch mit strohgelb in die Höhe stehenden Haaren. An die
Tafel gelehnt, schluchzte er überlaut, wischte sich die Tränen ab mit
einem blauen Taschentuch, schneuzte sich -- und dazu mußte ein Mädchen
ein ganz blödsinniges Lesestück vorlesen. Da begannen alle Kinder zu
lachen. Und Ruth mit ihnen, sie zerbiß ihr Taschentuch -- er weinte ja
auch immer, wenn er von Theodor Körner sprach.

O die viele, viele Schande, die sie dort erdulden mußte. Alle Morgen
eine Krankheit erfinden, um nicht hinzugehen. In einer Zeit, wo der
unbeugsame Kindersinn nach unbedingter Reinheit verlangt und der
geringste Schmutzfleck ratlos macht und ausliefert.

Konnte man je wieder rein werden, wenn man in diese Schule gegangen war?
Wo alle unterdrückte Sinnlichkeit der vertrockneten Lehrerinnen unter
den Bänken wieder erwuchs, aufgezogen von der schmierigen Neugier
halbwüchsiger Kinder, die von Liebe nichts wissen dürfen. Ruth wurde
später rot, wenn sie an die Gespräche dachte, die sie mit zwölf Jahren
hören und führen mußte. Und dann wurde alles verraten. Und ein Kind
wurde ausgeschult, weil es die Tochter einer Schauspielerin war.

Nein, an diese Schule durfte man niemals zurückdenken. Ruth wich Martha
aus, wenn sie des Morgens dorthin ging. Sie hätte sie bedauert, wenn sie
sie nicht so maßlos verachtet hätte.

Es war ganz selbstverständlich, daß Norberts Schwester diese Schule
besuchte.

Norbert kam nicht mehr bloß Samstag. Er kam auch Mittwoch. Jeden
Mittwoch und Samstag zum Mittagessen. Vorher spielte er noch mit Gustav
zwei Sonaten, eine neu und eine, die sie schon das letztemal gespielt
hatten. Ruth kam an diesen Tagen immer zu spät nachhause.

Ruth verachtete Norbert. Diese Verachtung war mit einem ihr sonst
fremden Ekel untermischt. Der sich bis zur Wut steigern konnte, wenn er
sie über den Tisch herüber ansah, hundetreu und Vertraulichkeit
vortäuschend.

Mutters Vorliebe für Norbert stieg immer mehr. Martha konnte gar nicht
aufhören, mit Norbert zu sprechen. Er gab als Mitglied seiner Kaste
etwas verächtlich Auskunft über die Familienchronik der Stadt -- aber
immer als Mitglied seiner Kaste. Martha bekam hektisch rote Wangen. Ruth
dachte: Mein Gott, wie wenn ich den Uilenspiegel von de Coster lese.
Aber da ist es nicht ein Mensch, ein Volk, eine Welt, nur eine ehemalige
Tanzstunde.

Deshalb hatte sie Martha in den letzten Jahren beiseite liegen lassen.
Neben ihr starb eine Seele in der Sehnsucht nach dem gelobten Land.

Eines Mittags kam ihr auf der Straße ein ältliches Fräulein entgegen,
trotz der lichten Sonne in einem langen, grauen Regenmantel. Scharfe
Nase, weltfremde Augen, unter dem Arm eine Aktentasche. Ruth dachte:
Lehrerin, die hat heute sicher ein ungezogenes Kind gequält. Vielleicht
so eines wie ich war.

Sie ging weiter. Um die Ecke herum begegnete ihr Martha, die eben aus
der Schule kam. Sie hing sich hastig an Marthas Arm und fragte einige
ganz überflüssige Fragen. Martha antwortete mürrisch. Ruth dachte: Um
Gottes Willen, vielleicht sieht sie in ein paar Jahren so aus wie die
andere, die Lehrerin von vorher. Nein, das ist unmöglich, das darf nicht
sein.

Derselbe glühendheiße Druck legte sich ihr zwischen die Brust, den sie
als Kind empfunden hatte, als der Arzt sagte, daß Vater sterben müsse.
Sie hatte sich in einem Kasten versteckt und schrie in sich hinein:
unmöglich.

So ging sie heute neben Martha. Bei einem Blumenweib blieb sie stehen
und kaufte ein winziges Büschelchen Veilchen. -- Ruth, um diese
Jahreszeit. Du fängst also schon wieder so an mit dem Geld. -- Nimm sie.
-- Unsinn. -- Bitte. -- Nein, könnte mir einfallen.

Ruth hielt die Veilchen ganz tief unten. Nur nicht weinen vor Zorn. Pfui
Teufel. Und Marthas Schleier hatte ein Loch quer über die Wange hin.
Ach, was ging diese langweilige Person sie eigentlich an. Sie ließ die
Veilchen in den Rinnstein fallen, knapp bevor sie in das Haustor traten
und sprang voraus über die Stiegen.

Dann aber schalt Mutter mit Martha kreischend laut und ungerecht. Ruth
stand im Nebenzimmer mit geballten Fäusten. Mutter schrie. Martha
schwieg. Ach, da war wieder der entsetzliche Druck, der brennende Druck
-- Angst --

Ruth warf eine alte Porzellanvase zu Boden, daß die Splitter sprangen.
Mutter stürzte wütend herein. Sie schüttelte Ruth und stampfte mit dem
Fuß auf die Scherben. Aber sie war wieder gut mit Martha. Denn Martha
jammerte mit.

Ruth weinte so lange, daß sie am Abend krank war und in das Bett
gesteckt wurde. Mutter brachte ihr besonders aufgegossenen Tee und
setzte sich an den Bettrand wie in alten Zeiten. Aber Ruth drehte den
Kopf weg. Das Licht schmerze sie. Plötzlich sagte sie: -- du hast Martha
nicht gern. -- Was soll das heißen? -- Du hast Martha gar nicht gerne.
Weil sie häßlich und unglücklich ist. Häßliche und unglückliche Menschen
mag man nicht. Ich liebe Martha auch nicht, o nein. Aber ich will nicht
mehr mit ihr streiten.

Und nach einer Weile: -- Weißt du Mutter, eigentlich wünsche ich, daß
Martha auch aus dem Fenster gesprungen wäre, wie ihre verrückte Freundin
voriges Jahr. Wenn sie es heute noch tun wollte, ich glaube, ich würde
ihr helfen und -- Ruth, Mutter stand vor dem Bett, dunkelrot -- du
willst also, daß ich hinausgehe ... Nein Mutter, ich habe nur manchmal
so Angst. Aber wenn du gehen willst, gib mir etwas zu lesen, irgendein
Buch, nur etwas, was gerade auf dem Tisch liegt. -- Schillers Dramen? --
Nein, nicht das. Wozu. Ich sage dir, heute Mittag habe ich auf der
Straße im Sonnenschein eine Frau gesehen, viel, viel schlimmer als die
Maria Stuart, bevor sie auf das Schafott geht. -- Du träumst. -- Nein,
ich habe die Augen offen, sehr weit offen -- gute Nacht Mutter.

Ruth versuchte nicht mehr, mit Martha zu sprechen. Aber in den nächsten
Tagen vergaß Martha, als sie in das Theater ging, den Schlüssel ihres
Kastens abzuziehen. Ruth schlich in ihr Zimmer. Ihr Herz klopfte in die
Kehle hinauf. Sie verschloß die Türe. Sie dachte: jetzt mache ich etwas
Niederträchtiges, Schmutziges. Aber ich kann ihm nicht entgehen, es
geschieht von selbst, notwendig --

Sie fand nichts, nein, sie fand gar nichts in dem Kasten, nicht einmal
die Photographie, die sie erwartet hatte. Wozu sperrte denn Martha den
Kasten immer auch dreifach zu. Nur ein Buch lag da, in Leder
eingebunden, mit vorgedrucktem Datum, darinnen standen alle Theater,
Vergnügungen, Bälle und Tänzer.

Ruth empfand wieder den Geruch von Gaze, Spitzen, gebranntem Haar,
Straußfedern und frischen Blumen, die alle nach Parfüm und Puder
schmeckten. Jene festliche Erregung, die die ganze Familie bis zur
Hausmeisterin hinunter beherrschte, wenn Martha mit Mutter auf einen
Ball ging. Die ihr Kinderherz nicht schlafen ließ und an rauschende
Seidenröcke denken und blonde Prinzessinnenlocken.

Heute abends war sie mit Mutter allein beim Abendessen. Mutter sollte
erzählen.

Mutter tat das gerne, leichthin, ohne Ruths brennendes Interesse zu
spüren. Ruth zerkrümmelte das Brot über das Tischtuch.

Mutter sagte: -- Du brauchst nicht glauben, daß Martha immer so war, wie
sie jetzt ist. Sie ist ein armes Mädchen, aber gut. Und du bist manchmal
sehr abscheulich zu ihr, Ruth. Da ist Richard ganz anders. Er ist doch
immer so rücksichtsvoll, das hat er bei Martha am besten gezeigt. Gott,
das ist schon lange her und von so etwas spricht man lieber nicht mehr.
Überhaupt zu dir, du könntest eine Bemerkung machen --

-- Natürlich. Ich verstehe nicht, warum du dann davon redest? Was es
schon sein wird, sie wird eben ein Kind bekommen haben.

-- Ruth, so etwas sagst du zu mir? Wie du jetzt immer sprichst. Mit wem
gehst du eigentlich um? Schon in der Schule hast du dir immer die
Minderwertigsten ausgesucht. Bei Martha war das ganz anders. Wenn du
wüßtest mit wem Martha verkehrt hat --

-- Das hat ja auch herrliche Folgen gehabt.

-- Martha war immer nur in den besten Familien eingeladen. Die Leute
haben sich um sie gerissen. Sie war hübsch und liebenswürdig. Alle haben
ihr den Hof gemacht, wie toll. Menschen wie Norbert --

-- O weh ...

-- Ja, das ist dir natürlich zu gut. Aber ich sage dir, Martha hat ein
schönes Leben gehabt und war glücklich. Das verdankt sie mir.

Ruth bückte sich, um die Serviette vom Boden aufzuheben.

-- Du weißt eben gar nichts. Wenn du eine Ahnung hättest, wer Martha
heiraten wollte --

-- Und warum hat er es nicht getan?

Mutter erzählte von dem jungen Baron, der Martha so sehr geliebt hatte.

Ruth dachte: Sicher hat er ihr Blumen geschenkt beim Kotillon.

Der Baron reiste ihnen nach, einen Sommer lang. Man wohnte in den
feinsten Hotels, o, es kostete ein Vermögen. An der Ostsee. Martha trug
nur Pariser Toiletten. Am Abend saß der Baron mit ihr und Mutter bei
Champagner auf bis zwölf Uhr, jede Nacht bis zwölf --

Ruth dachte: Warum ist sie nicht lieber am Strand mit ihm spazieren
gegangen und hat ihn geküßt.

Alle morgen standen Blumen auf dem Frühstückstisch. Und Martha wußte
ihre Haltung zu bewahren --

Ruth fragte: -- Warum?

Aber Mutter erzählte weiter, stolz, glückselig.

Sie waren allein in dem Bad. Ruth und Richard waren zu Hause. Der Baron
hielt Vater für einen großen Unternehmer --

Ruth dachte: Vaters arme Zeichnungen.

Und dann im Herbst waren sie verlobt. -- Mutters Stimme brach fast ab.
-- Ganz richtig verlobt. Natürlich geheim. Aber er kam alle Tage zum
Abendessen und war mit Richard eng befreundet. Richard hätte damals in
ein Ministerium kommen können. Ach, es war herrlich ...

Mutter schwieg. Ruth fragte: -- Nun, und? ... Und nichts.

-- Was heißt das?

-- Die Verhältnisse.

-- Die Verhältnisse also, das heißt, daß Vater kein Unternehmer war, daß
ihr geschwindelt habt.

-- Ruth, was sagst du mir da? Mir, die ich immer dem Glück meiner Kinder
gelebt habe. Richard sollte dich hören. Ja Richard überhaupt ... Wir
fuhren zu Weihnachten in das Gebirge. Du hattest Keuchhusten. Erinnerst
du dich --

-- Ja, da war der Tierarzt.

-- Richtig. Nun und wenn Richard nicht so energisch aufgetreten wäre.
Martha war zu jeder Dummheit bereit. Der Landtölpel --

Ruth sah vor sich den bärenhaft trotzigen Menschen, mit den zarten
Händen und der Bauernsprache, auf dessen Rücken sie oft genug geritten
war.

-- Mutter, das ist eine Gemeinheit.

Richard und Martha kamen aus dem Theater nachhause. Norbert war auch
dort gewesen. Ruth hatte Norbert am Abend vorher beleidigt. Richard
sagte: -- Natürlich, du kannst immer nur rüpelhaft sein. Es ist wirklich
schade, wenn ein Mensch aus guter Familie zu uns kommt.

Ruth sprang auf: -- Ich glaube, ihr wißt alle nicht, wer Vater war.

Und sie drehte Vaters Photographie an der Wand um.

Am nächsten Tag suchte Ruth ein junges Mädchen auf, dessen Verkehr ihr
von Mutter streng verboten war. Sie hatte sie in einer Nähschule kennen
gelernt. Das junge Mädchen hatte grellrote Haare, die sie zu hoch
hinaufgesteckt trug. Sie lebte mit ihrer Mutter in einem schäbigen
Vorstadthaus, aber in der Wohnung waren viele Teppiche und Erker mit
heimlichen Palmen. Sie verkehrten nur mit Offizieren.

Ruth traf Mutter und Tochter, wie sie sich eben manikürten. Sie wurde
mit überströmender Liebenswürdigkeit empfangen. Aber sie haßte manikürte
Nägel, die rund und glatt sind, wie Klauen von Tieren. So war sie kühl,
obwohl sie sich vorgenommen hatte, herzlich zu sein. Als Bella sich an
den Toilettetisch setzte, wo die vielen silberglänzenden Schächtelchen
waren und die rote Lampe darüberhing, bekam sie eine tolle Lust,
mitzutun. Sie schmierte sich rotes, weißes, gelbes Puder vermischt über
das Gesicht, bis Bellas Mutter in einen Lachkrampf ausbrach und sie in
die Arbeit nahm.

Als sie sich dann in dem Spiegel betrachtete, von der Seite her und
verlegen vor sich selber, war das genau so, wie wenn sie sich vor Jahren
mit Marthas Garderobe zur Jungfrau von Orleans drapiert hatte. Das war
ja herrlich, so ganz jemand anderer zu sein, als man wirklich ist.
Verlockend und spielerisch. Maske. Ein bißchen wie der liebe Gott mit
dem weißen Bart. Nur daß die Schminke rot war.

Und alle Lampen in diesem Haus waren rot. Sie fiel Bella um den Hals und
beide tanzten durch das Zimmer.

Dann kamen drei Herren. Zwei Offiziere und ein Theaterdirektor. Sie
saßen in einem halbdunklen Raum und tranken Tee aus winzigen Tassen. Der
Zigarettenrauch war klebrig schwer. Man konnte nicht mehr sehen, daß die
Wände überfüllt waren mit Photographien, Bilderchen nackter Engel und
trockenen Maiskolben.

Aber es war sehr lustig. Direkt gemütlich. Ruth fühlte sich wunderbar
wohl. Sie spielte ihre Rolle, als ob sie ihr von dem liebenswürdigen
Theaterdirektor eigens einstudiert worden wäre. Eigentlich wußte sie
nicht genau, ob nicht daneben ein Orchester spiele mit kreischenden
Fiedeln und ein Boy unter ihr Perolin aufsprenge.

Ein Leutnant mit etwas herunterhängender Unterlippe setzte sich an das
Klavier und spielte eine abscheuliche Melodie. Bella sang dazu ein
schmieriges Lied. Dann setzte sie sich auf seinen Schoß und er küßte
sie. Er hatte große, schwarzgerauchte Zähne. Ruth dachte an Norbert.
Ekelhaft.

-- Ich muß nach Hause gehen. O man war sehr betrübt darüber. -- Aber ich
komme bald wieder. Und Ruth setzte sich den Hut schief in die Stirne
hinein und quer über ihr gerötetes Gesicht.

Auf der Straße verfolgte sie ein Mann bis in ihr Haus.

Bei Mutter war Besuch. Eine Freundin Mutters mit drei unverheirateten
Töchtern. Die alte Frau machte eine verwunderte Bemerkung, daß Ruth so
spät abends allein nachhause käme. Die drei Schwestern schielten
eigentümlich auf den schiefsitzenden Hut. Und die Älteste öffnete den
Mund, um etwas Boshaftes zu sagen. -- Da ging Ruth aus dem Zimmer. Ihr
war ja so übel.

Bella war glücklich. Die drei Mädchen da drinnen zankten sich alle
Morgen. Gingen dann einträchtig den ganzen Vormittag Einkäufe machen für
ihre unbedeutende Wirtschaft. Trafen bei dieser Gelegenheit Bekannte,
die sie grüßten, mit denen sie sprachen. Nie ging eine allein auf der
Gasse. Immer waren sie zu zweit oder zu dritt und gewöhnlich war die
Mutter zwischen ihnen.

Sie warteten ihr ganzes Leben, daß einer käme. Aber einer, der vornehm
war. Eigentlich war es dasselbe wie bei der Prinzessin im Märchen. Und
sie, Ruth, wartete auch. Nur daß sie so gar nicht wußte auf was. Bella
war glücklich. Die hatte alle Tage ihren Leutnant. Aber der hatte
schwarze Zähne.

Martha war arm. Doch sie hatte einen Gott. Der saß an erster Stelle in
einem hohen Amt. Vielleicht hatte er auch einen weißen Bart. Sie, Ruth,
hatte keinen Gott mehr. Sie war wie Gustavs namenloser Hund. Aber sie
konnte selbst eine Maske anziehen. Gott werden für Bella, für den
Leutnant, für den Theaterdirektor. Vielleicht auch für Mutter. Es war
eine Bosheit, wenn sie es nicht tat. Ach, wozu so viel denken,
überhaupt, lieber Masken tragen und ganz anders sein -- und schlafen --
sie streckte sich lang aus in ihrem zu kleinen Bett ...

In der Nacht träumte sie von einem breitästigen Baum voll dichter,
gelbwelkender Blätter und rosa Riesendolden. Sie stand auf der Brücke
und der Baum war weit draußen in einem dunkelglatten See. Aber hinter
ihm stieg ein Berg auf mit beschneiten Tannen und die Luft war bleich,
wie im Winter. Der Baum hing voll schwerer rosa Blütendolden. Über die
Brücke kam Mutter mit ihren gierig fordernden Bewegungen, die immer
alles haben wollten und deshalb so ungeheuer armselig waren. Hinter ihr
ging Martha in einem rosa Ballkleid. Aber die Augen waren geschlossen
und die Wangen gelb. Ruth stand auf der Brücke und sie war ganz klein,
hatte kurze weiße Socken an, ein weißes Matrosenkleid mit hellrosa
Kragen. Oben auf dem Berg begann es sicher zu schneien. Und Mutters
Haare waren weiß.

Am nächsten Tag brachte Norbert eine Einladung seiner Mutter für die
ganze Familie. Zu einer kleinen Gesellschaft, wie er leichthin sagte.
Dabei sah er Ruth an. Ruth sagte: -- Ich gehe nicht in Gesellschaft.

Aber nachher mußte sie gehen. Sie war die Jüngste und mußte Martha
begleiten. Das sah so am besten aus. Mutter ließ ihr Abendkleid
herrichten und kaufte Lederhandschuhe und Seidenstrümpfe. Da fand Ruth,
daß die Sache eigentlich doch dafür stehe. Sie setzte sich vergnügt auf
den Tisch und probierte die Seidenstrümpfe an. Richard kam in das
Zimmer. Mutter rief: -- Ruth, schämst du dich nicht. -- Nein du hast sie
mir ja gekauft, damit man sie sehen soll.

Sie machte einen langen Spaziergang durch Kot und Regen und erklärte
dann, die Strümpfe seien zerrissen und schmutzig, einfach unbrauchbar.
Und sie ging ohne Seidenstrümpfe zu Norberts Eltern.

Norberts Schwester war ein halberwachsenes Ding mit zu kurzer Oberlippe
und vornehm tiefer Stimme. Sie grinste allen Gästen zu und war
übertrieben freundlich mit einer unscheinbaren, dicklichen Freundin. Der
Salon war verschnörkelt, Gold in braunem Holz, mindestens drei
überflüssige Tische standen da und in der Ecke hing ein großer Makart.
Sonst unzählige Photographien in kostbaren Rahmen und konventionelle
Geschenksvasen.

Ruth dachte: Ich möchte wissen, wer in diesem Raum zuhause ist. Norbert
nicht, er tut nur so, wenn er die Zigaretten anbietet. Sonst aber paßt
er noch besser an unser Klavier. Und seine Mutter auch nicht. Was für
eine proletarisch dicke Nase sie doch hat und der lose, ungebändigte
Mund -- nein, die habe ich mir ganz anders vorgestellt. Aber sein Vater
hat einen eleganten, schneeweißen Scheitel. Und das ist auch alles.

Norberts Braut kam zu ihr und war besonders freundlich. Sie war ein
hübsches, liebes Mädchen mit gerader Nase und langen, hellgrauen Augen.
Ruth fand, daß Norbert einen sehr vernünftigen Geschmack habe. Ihr
gelblicher Spitzeneinsatz paßte wunderbar zu seiner grauen Weste.

Ruth merkte wohl, daß man sie wie ein kleines Tier aus der Menagerie
betrachtete. Weil ihr Kleid keinen Kragen hatte und die Haare
eigenwillig um die Stirne herumstanden. Norberts Freunde schauten ihm
eigentlich alle ähnlich. Lauter Menschen, die man erst monatelang sehen
muß, um zu wissen, wie sie aussehen. Wenn man denen allen die Hände
abschneiden wollte, man könnte die einzelnen Paare durcheinander werfen
und sie wären nicht zu unterscheiden. Wie alle ihre Krawatten und
Handschuhe. Ruth lachte bei dem Gedanken und wollte gähnen.

Da kam ein Leutnant zur Tür herein mit herabhängender Unterlippe und
dunklen Zähnen. Um Gotteswillen, was wollte der hier. Den hatte sie ja
bei Bella getroffen. Nur daß er heute im Waffenrock war und ganz frisch
rasiert.

Er wurde mit Jubel begrüßt. Norberts Vater schüttelte ihm beide Hände.
Er lächelte nach allen Seiten auf einmal. Aber vor Ruth verbeugte er
sich dunkelrot vor Bestürzung. Sie sagte strahlend: -- Uns brauchen sie
einander nicht vorzustellen, Norbert, wir kennen uns schon.

Ruth war nicht mehr schläfrig. Ein Interesse, daß sie erwachen gefühlt
hatte, als sie mit Bella und deren Freunden Tee trank, trieb sie unter
die Leute. Sie schwatzte. Aber dabei verfolgte sie fortwährend den
Leutnant. Er wich ihr aus.

Man bat den Leutnant stürmisch, etwas auf dem Klavier zu begleiten.
Neueste Chansons. Norberts Braut sollte singen. Sie hatte doch so eine
entzückende, kleine Stimme. Aber er wollte heute nicht. Ruth trat vor
und sagte, liebenswürdigst lächelnd, während ihre grünen Augen
forderten: -- Du mußt -- Spielen Sie doch das von dem kleinen Hotel, Sie
wissen schon.

Und er trat vor und spielte es. Ja, spielte, was er bei Bella gespielt
hatte, was Bella gesungen hatte. Und -- war denn das möglich? War das
möglich, daß Norberts Braut dazu sang mit ihrer zarten Mädchenstimme,
diese Worte? War es möglich, daß man rasend Beifall klatschte und
Norberts Mutter duldsam lächelte, während sein eleganter Vater sich
köstlich unterhielt? Nein, da war etwas, worüber man nachdenken mußte.

Ruth setzte sich in eine Ecke. Gleich darauf kam der Leutnant. Er redete
schlüpfrige Dinge und nahm ihre Hand. Sie ließ ihn gewähren, sie war
interessiert, brennend interessiert.

-- Sagen Sie Herr Leutnant, singt man dieses Lied jetzt überall? -- Ja,
es ist sehr beliebt. -- Ach, ich dachte, das singt nur Bella. Es ist
abscheulich. -- Gnädiges Fräulein scheinen sehr streng zu sein. -- O
nein, ich hasse nur schlechte Musik.

Der Leutnant redete weiter. Dinge, süß wie zerlaufener Tortenüberguß und
prickelnder Champagner. Eigentlich hatte er eine hübsche Nase und schöne
Augen mit klugen Wimpern. Wenn nur der Mund nicht so schmierig gewesen
wäre.

Sie sprachen von dem Makartbild. Der Leutnant behauptete, in Norberts
Zimmer hänge ein noch viel schöneres. Sie möge ihm doch folgen. Nein,
dachte sie, ich bin doch zu neugierig. Und sie ging mit ihm. Aber sie
ballte die Fäuste.

Die Gesellschaft hatte sich zerstreut. Der Leutnant führte sie durch ein
dunkles Zimmer in Norberts Zimmer. Er zündete kein Licht an. Und küßte
sie.

Ruth dachte in der Sekunde: Norbert -- wie er mich liebt -- sein Zimmer
-- die Braut -- das Lied -- also so ist das -- aber die schwarzen Zähne
-- so ist das -- Dabei schlug sie dem Leutnant mit der Faust ins
Gesicht.

Er schrie auf, halblaut. Dann flüsterte er: -- Gehen Sie, gehen Sie
rasch. -- Sie sagte: -- Grüß Gott, Herr Leutnant und ging wieder in den
Salon. Auf ihrer Hand war ein Blutfleck. Den wischte sie sorgsam ab in
einem hellblauen Seidenvorhang. Dann mischte sie sich unter die jungen
Mädchen.

Norbert kam und legte den Arm um seine Braut. Man sprach von Musik. Ruth
sagte: -- Onkel Gustav läßt Sie grüßen. Er hat eine ganze Menge Noten
für Sie bei uns liegen lassen. Norberts Braut fragte interessiert: --
Wer ist das? Ist das der sagenhafte Künstler, der so wunderbar Mozart
spielt und den man niemals zu sehen bekommen kann.

Norbert war dunkelrot. Ruth sah ihn aufmerksam an und sagte: -- Er hat
heute nicht kommen können, weil er keinen reinen Kragen gehabt hat.
Übrigens ist er kein Künstler, nur Zeichenlehrer an einer Mittelschule.
Aber er ist mein Onkel.

Norbert ging den Leutnant suchen. Er kam bestürzt wieder. Der Leutnant
habe heftiges Nasenbluten und liege auf dem Sopha in seinem Zimmer. Ruth
schlich sich an Norbert heran: -- Norbert, Sie dürfen niemanden etwas
sagen, aber ich muß mir die Hände waschen. -- Jetzt gleich? -- Ja, aber
schweigen Sie.

Norbert führte Ruth in das Badezimmer. Sie standen sich gegenüber in dem
weißgekachelten, grellen Raum, der voll heißem Dunst war. Ihre Haare
verdeckten die grünen Augen, so dicht hingen sie in die Stirne. Sie sah
ihn an. -- Wo ist heißes Wasser, ich möchte sehr heißes Wasser. -- Hier,
aber was ist Ihnen, was haben Sie? -- Sehen Sie den Fleck da auf meiner
Hand. Ich habe mich zuvor schon in einen Vorhang gewischt: Blut ist es.
Vom Nasenbluten von ihrem Freund da. -- Ruth, nein. -- Doch, soll ich
Ihnen den Vorhang zeigen? Im Salon rechts. Er hat mich geküßt in ihrem
Zimmer und dann hat er auf einmal Nasenbluten bekommen. -- Nein.

Er hatte sich abgewendet und seine hohe, zu gerade Gestalt wurde klein
und verschwand im feuchtschweren Dunst. Aber irgend etwas stöhnte in dem
Badezimmer.

Ruth wusch sich die Hände mit einer Bürste, daß das Wasser sprühte. --
Sie sollten Ihre Braut nicht solche Lieder singen lassen.

Er schwieg. Und nach einer Weile: -- Überhaupt, was Sie für Freunde
haben. Schämen Sie sich.

Norbert wandte sich nicht um. Sie fühlte eine warme Welle um ihre Füße
spielen, weich und kosend, die sich doch nicht traute, höher zu steigen.
Er hielt den Kopf gesenkt. Sicher war er ganz rot. Warum schlug er sie
denn nicht?

-- Norbert, schauen Sie mich doch an, ob ich auch ganz rein bin. Er
richtete seine hundetreue dunklen Augen auf sie, langsam, verzweifelnd,
ergeben. -- Auf Ihrem Schuh ist auch ein Fleck, Ruth. -- Ach, was soll
ich jetzt tun? Mich wieder beklexen?

Er kniete nieder und putzte ihr mit einem nassen Handtuch den Schuh,
sehr sorgsam. Sie sah auf ihn herab und fühlte: immer habe ich
gewünscht, es soll mir jemand Liebesgedichte machen. Aber das ist ja
viel mehr. Und doch ist es furchtbar. Soll ich ihm sagen, daß ich den
Leutnant geschlagen habe, oder soll ich ihn küssen, auf den braven
Scheitel da -- ach, Christus, hilf mir --

Da war Norbert fertig und sie gingen rasch wieder in den Salon.

Am nächsten Tag kaufte sie ein paar japanische Nelken und erwartete
Norbert vor seinem Amt. -- Ich muß Sie sprechen. -- Ruth, ich werde Sie
nach Hause begleiten. -- Dort nicht, gehen wir in ein Kaffeehaus, ich
will allein sein. -- Nein aber -- was würde Ihre Mutter sagen. -- Dann
auf Wiedersehen ... -- Halt, Ruth, so bleiben Sie doch.

Sie gingen zusammen in ein Kaffeehaus. Er schielte ängstlich auf alle
Tische. -- Da, nehmen Sie die Nelken, sie gehören Ihnen. -- Mir, nein
ich verstehe Sie nicht, wie können Sie nur ... -- Wahrscheinlich ist das
auch nicht schicklich, aber nehmen Sie.

Ruth sah über das nüchtern glatte Kaffeehaus, wo eben die ersten
elektrischen Flammen angezündet wurden. Und wütend dachte sie: Herrgott,
wenn ich nur eine Ahnung hätte, was ich dem Kerl habe sagen wollen.
Nein, so was Dummes.

Sie aß drei Portionen Eis nacheinander und er sah sie schweigend an.
Dann sagte er: -- Sie müssen nicht kleinlich von mir denken, weil ich
nicht in ein Kaffeehaus gehen wollte. Aber Ihre Mutter -- und ich bin
doch auch verlobt. Aber Ruth, vielleicht wird das jetzt ganz anders
werden --

-- Norbert, sprechen Sie nicht weiter, o bitte, gewiß nicht, Sie wollen
eine riesige Dummheit sagen --

-- Ruth, Sie wissen doch alles --

-- Nein, ich weiß nichts, gar nichts. Nichts, Norbert. Ich bin Ihnen
dankbar, daß Sie mir gestern den Schuh geputzt haben. Deshalb die
Nelken. Und im übrigen -- ja, im übrigen, ich wollte Sie dringend
bitten, sich Onkel Gustavs etwas mehr anzunehmen. Er hat eine schwere
Bronchitis und liegt mutterseelenallein in seiner Dachkammer. Außerdem:
er liebt Sie, weil Sie so elegant sind. Nicht wahr, Norbert, Ihr
Großvater war doch Minister -- eigentlich könnten wir jetzt die Sitzung
aufheben.

Ruth besuchte Onkel Gustav noch an diesem Abend. Er lag in seinem
ungeglätteten Bett. Neben seinem Kopf ein Öllämpchen und auf dem Boden
davor der Hund. Der Hund war auch krank und hatte das Zimmer beschmutzt.

-- Onkel Gustav, wie kannst du das aushalten? Sie riß das Fenster auf.
Er hustete furchtbar. -- Gib doch den Hund weg, wenn er krank ist. --
Nein Ruth, daß du so etwas sagen kannst. -- Ich verstehe überhaupt
nicht, wie man sich einen Hund halten kann. Es ist doch immer etwas
Schmieriges im Zimmer. Ein Tier, mir graut vor allen Tieren. Schau nur
die Schnauze, lang, spitz, mit den langen, spitzen Zähnen. Die ist doch
zum Beißen da. -- Ruth, weißt du, daß du mir weh tust? ... Onkel Gustav
richtete sich im Bett auf und seine großen, runden Kinderaugen glänzten
noch mehr als sonst ... Natürlich ist es nur ein Tier. Aber er hat mich
lieb. Weißt du, was das ist? O, vielleicht hast du es noch nie
gebraucht. Ich will ja auch nicht seine Schnauze haben. Aber da ist eine
große Treue neben mir, wenn ich so im Bett liege. Ein großes Gefühl. Du
glaubst ja nicht an Gott, Ruth. Ich auch nicht. Aber an ein so großes
Gefühl. Deshalb ziehe ich auch ruhig den Hut vor einer Kirche.

Ruth sah auf die Schmutzpfütze des Hundes mitten im Zimmer und dachte:
Nein, daß Norbert sich dazu hergegeben hat mir das Blut von dem Schuh zu
wischen, mit einem Handtuch -- wie ekelhaft.

Martha unterrichtete jeden Tag von acht bis ein Uhr die Kinder der guten
Familien. Verstimmt kam sie zum Mittagessen nach Hause. Ruth versuchte
nie mehr, mit ihr gut zu sein. Auch nicht, Mutter das Streiten mit
Martha abzugewöhnen, da hätte sie viele Vasen zerbrechen müssen. Und sie
erkannte mit schauderndem Entsetzen, daß alles Mitleid zu Verachtung
wird, wenn es der Alltag abnützt. Da hilft kein Verstehen.

Bella suchte sie nie mehr auf. Wozu noch --

Norbert kam Mittwoch und Samstag zum Mittagessen. Eines Tages traf sie
ihn auf der Straße, eingehängt in seinen Freund, den Leutnant.



                                 Brand


Als Ruth das nächstemal Onkel Gustav besuchte, stand ein Mensch beim
Fenster. Dessen grobe, breitästige Knochen preßten das Zimmer zusammen,
ließen die Frühdämmerung nicht herein. Und von seinem Hinterkopf hingen
die Haare kurz und strähnenglatt herunter.

Onkel Gustav hustete so furchtbar, daß Ruth Schleim und Blut vor sich
tanzen sah.

Als der Fremde seine ungelenk hohe Gestalt rasch umwendete, war ihr, als
fiele ein ungeheurer Knochenhaufen in sich zusammen und zersplittere auf
dem Boden, steinhart.

Onkel Gustav hustete. Blut und Schleim. Er konnte nicht sprechen. Der
Mensch verbeugte sich linkisch hochmütig vor Ruth, murmelte etwas und
ging fort.

-- Wer war das? fragt Ruth, als Onkel Gustav wieder still und erschöpft
da lag. -- Ein Freund von mir, du kennst ihn nicht. -- Wie heißt er? --
Thomas. -- Und noch? -- Wozu willst du das wissen? -- Ich bin eben
neugierig, warum Mutter nicht wissen darf, daß er zu dir kommt. -- Das
ist abscheulich von dir. Das sagst du nur um mich zu kränken. Jeder
Mensch darf zu mir kommen, ich bin doch kein kleines Kind ... Er begann
wieder zu husten.

-- Sei ruhig, Onkel Gustav, ich war wirklich nur neugierig. Weil er mir
gefällt, dieser dein Freund oder was er ist. -- Er ist mein Freund.
Ruth, wenn du den kennen würdest, wirklich kennen. -- Wie verhält sich
Norbert zu ihm? -- Er hat ihn noch nicht gesehen. -- Ach so ... Gustav
hustete wieder und Ruth stand auf, um fortzugehen. -- Was ist das für
ein Ungeheuer? Sie nahm eine in graue Sackleinwand gebundene
Riesenmappe, die auf dem Tisch lag. -- O weh, die hat Thomas vergessen.
-- Dann wird er sie wohl holen. Ruth wollte sich wieder setzen. -- Nein,
er vergißt bestimmt ganz daran, und wenn er morgen in die Schule geht,
hat er keine Hefte. Und wieder Unannehmlichkeiten. -- Weißt du was, ich
möchte sie ihm bringen. Ich will sowieso noch spazieren gehen. -- Nein,
Ruth, das geht nicht -- Onkel Gustav richtete sich ganz entsetzt auf --
das kannst du nicht, nein wirklich nicht, auch ist es viel zu weit, er
wohnt ganz draußen in der Vorstadt. -- Das macht mir gar nichts.

Ruth hatte die Mappe schon unter dem Arm: -- rasch, die Adresse. Onkel
Gustav hustete und sagte dann den Namen von Mutters ehemaliger
Friseurin. Ruth lachte schrill: -- nein, mit was für Leuten du verkehrst
... und sie sprang über die Stiegen.

Die Luft war weich und frühlingshaft schwer. Wie um Mitternacht im Mai.
Aber die kahlen Bäume waren herbstmatt und ergeben.

Ruth lief durch die dunklen Gassen und fühlte, wie sie mit jedem Schritt
in das Ungewisse hineintrat. Das weich und nachgiebig war wie ein
verprügelter Hund. Und doch lockte und zog.

Sie wollte den nacktsträhnigen, groben Kopf nicht berühren, nein,
niemals, o um Gotteswillen nicht. Onkel Gustavs Husten schrie ihr nach.
Ganz arme übermüdete Pferde hatten solche schwer hervorspringende
Knochen. Deren Kraft um Mitleid schreit. Während die Muskeln zu schlaff
sind, das Gerüst zu tragen.

Nein, sie konnte nicht weiter. Eine wütende Angst hielt sie zurück, sie
könne einem Kutscher begegnen, der seine Pferde prügelt, erbarmungslos
über die steinige Straße, brüllend, schimpfend, fluchend und mit der
Peitsche.

Nein, sie wollte nicht weiter. Wie kam sie auch dazu, einem fremden
Menschen seine Sachen in das Haus nachzutragen. Sie wird das
Mappenungeheuer in einen Straßengraben werfen. Oder doch vielleicht
zuerst hineinsehen -- ja, zuerst hineinsehen.

Ruth ging in ein kleines Kaffeehaus, wo ein paar Dienstmänner und
Kutscher Karten spielten. Sie setzte sich in eine halbdunkle Ecke und
schämte sich. Bei einer unanständig dicken Kellnerin bestellte sie Tee.
Und war verzweifelt über die schmierig braune Marmorplatte.

Aber die Mappe. Ein armseliger zerbissener Bleistift rollt heraus. Und
dann Schulhefte der dritten Volksschulklasse. Immer mehr Schulhefte. In
jedem beginnt die Aufgabe: Alle Haustiere ...

Ruth schließt die Mappe. Den Bleistift steckt sie zu sich. Sie muß
Thomas seine Hefte bringen.

Sie trat in das Ungewisse. Es wich und lockte. Und die Nacht war ganz
dunkel.

Das einstöckig verkrochene Haus lag weit draußen, am Rand der ersten
fahlen Fabrikswiesen. Gelbrötliches Licht träufelte aus seinen niedrigen
Fenstern. Das Ungewisse war nah und furchtbar.

Eine fremde Wohnung suchen ist entsetzlich. Wie leicht läutet man bei
fremden Menschen an und die sind dann böse. Und eigentlich war Thomas
sogar auch ein fremder Mensch.

Ein grünblasser Proletarierbub mit abstehenden Ohren öffnete Ruth die
Türe. Es roch nach aufgewärmtem Essen. Im Zimmer war eine Nähmaschine.
Darauf eine Petroleumlampe. Ein Mensch bei der Nähmaschine, in der
Nähmaschine, ein Stück der Nähmaschine, in sie hineinverwachsen, bucklig
verkrümmt, eng.

Ruth dachte: Wieder weg, gleich --

Da kam Thomas herein in blaugestreiften Hemdärmeln. Sie stotterte etwas,
dunkelrot, besinnungslos verlegen. Der blasse Bub glotzte sie an. Thomas
Schwester steckte den Kopf aus ihrem Buckel heraus. Er selbst war gar
nicht erstaunt. Sagte fast grob: danke. Sie bemerkte, daß ihm ein großer
Augenzahn fehle, daß eine schmutzige Unterhose auf dem Sessel neben ihr
lag. Ihr ekelte wild.

Eine Stimme, die weich war, wie die laue Nacht draußen, sagte: --
Bleiben sie doch noch ein wenig und ruhen Sie sich aus. Sie sind ja ganz
erhitzt.

Das bucklige Ungeheuer. Ruth hätte ihr die zu langen, kranken Hände
küssen wollen.

Thomas und sein Bruder waren hinausgegangen. Die Nähmaschine ruhte. Und
die Petroleumlampe war noch heruntergeschraubt.

Thomas Schwester hatte stechend graue Augen mit müden Lidern. Sie sprach
von Onkel Gustav wie von einem Halbgott und fragte sehr viel.

Ruth dachte: Der große, schwarze Kasten in der Ecke dort schaut Thomas
ähnlich. Er ist schön und mächtig, aber was da nur drinnen hängt. Ich
möchte meine Kleider nicht hineingeben. Wie es hier riecht -- nach
Baumwollstrümpfen, die nicht gewaschen werden.

Thomas Mutter schlürfte herein. Sie hatte rote Wangen, als ob sie früher
einmal geschminkt gewesen wäre und war furchtbar häßlich. Sie begrüßte
Ruth als alte Bekannte und stellte graue Teller auf den ungedeckten
Tisch.

Thomas kam wieder in das Zimmer und schien sehr unzufrieden, daß Ruth
noch da war. Sie sprang auf. Er begleitete sie vor die Haustüre, hinten
im Hof bellte der Hund. Sie gab ihm die Hand und ihr war, als ergreife
sie einen toten Knochen.

-- Ich danke Ihnen, sagte Thomas mit seiner zerbrochenen Stimme. -- Aber
wir müssen jetzt zu Abend essen. Unser Petroleum reicht nur bis halb
zehn.

Sie hielt seine Hand noch fest und sah nur, wie er mit der anderen Hand
an den Hals griff, der Daumen stand eigentümlich scharf weg wie die
Klinge eines Messers.

Ruth wußte, als sie nach Hause ging: Thomas kann als kleines Kind keine
Milch bekommen haben. Nur zähes Fleisch von wilden, geschlachteten
Tieren. Und sie sah während des Abendessens fortwährend auf Richards
Hände, die wohl noch nie ein Tier geschlachtet hatten.

Die kleine Weißnäherin Gertrud ließ sich den ganzen Abend durch von
ihrer Mutter Ruths erste Kindheit schildern. Damals war die Friseurin
oft in das Haus gekommen, o ja und die gnädige Frau hatte Perlen, eine
endlose Kette hinunter. Ruth lag immer schon in ihrem weißlackierten
Gitterbettchen und steckte die frischgebadeten Fingerchen durch das
Netz. Und die gnädige Frau erzählte von Paris, immer von Paris, sie
hatte auch Pariser Parfüm.

Die Wangen der alten Friseurin glänzten wie frisch geschminkt. Gertrud
fuhr mit feuchten Händen über die Tischplatte, daß große nasse Flecken
auf dem Holz zurückblieben. Thomas starrte in seinen Teller und hielt
mit aufgestützten Armen Gabel und Messer, kampfbereit. -- Was habt ihr
mit den fremden Leuten, grollte er.

Gertrud sagte: -- Das Leben. Ihre ermüdeten Augen starrten an ihnen
vorbei. Sie empfand in diesem Augenblick: Nach Paris reisen -- in der
Bahn liegen, einen zärtlichen Atem neben sich -- genießen -- oder: ganz
klein sein und in einem weißen Gitterbett liegen mit geraden Gliedern,
die wachsen dürfen.

Gertruds Buckel war das Nest eines Vampyrs. Brut und Beutestatt. Alle
unerlebten Träume, alle schäbigen Wirklichkeiten der Mutter steckten
darin. Thomas' Schulstunden. Und die Reißbretter des kleinen Bruders,
der in die Realschule gehen durfte und ein zufriedener Techniker werden
sollte, werden mußte.

Aber es war noch viel mehr in Gertruds Buckel. Ihre spinnenlangen,
blauadrigen Finger nähten und trennten eigentlich gar nicht den ganzen
Tag. Sie tasteten zum Fenster hinaus über die Rücken der Vorübergehenden
nach neuem Leben. Und die schwangere Nachbarsfrau, die alle Tage sich
erbrach und heulte, daß man es genau hören konnte, trug ein Kind, dessen
Schicksale sie schon im Voraus empfand, wie ein hohes Glück.

Gertrud schätzte den Wert ihres erwürgten Lebens wie ein Sterbender den
letzten Atem. Seligkeit war die erste Morgensonne, die ihr in den dünnen
Kaffee schien. Seligkeit der graue Tag voll wuchernder Gedanken. Sie
nähte schöne Hemden, schmeichelnd glatte, aus Leinenbatist, aus Seide.
Seligkeit, die anziehen zu dürfen. Seligkeit, alle Tage in die Schule
gehen zu dürfen und hundert schmutzige Kinder zu unterrichten, wie
Thomas. Welche Betätigung der eigenen Kraft. Wie herrlich für ihn, daß
er sie alle erhalten durfte und es dem kleinen Bruder ermöglichen, etwas
besseres zu werden -- das war Menschenglück.

Thomas' Schulkinder saßen Nachmittage lang an Gertruds Nähmaschine. Sie
erzählte ihnen vom lieben Gott und ratterte und nähte. Die Kinder waren
zufrieden. Hier war jemand, der nichts von ihnen wollte. So streuten sie
ihr das kleine, schmutzige Leben willig in den Schoß. Das sie nicht
verstand und doch aufsaugte.

Thomas merkte nichts davon. Er hielt Gertrud für eine Heilige. Denn sie
liebte und stützte die verkommene Mutter, den tuberkulosen Bruder. Er
wußte, daß, wenn sie eines abends nicht da wäre, die fettige
Petroleumlampe nicht mehr brennen könnte, auch nicht bis halb zehn. Und
dann wäre alles aus.

Sie war die Liebe, und er beugte sich vor ihr. Aber er glaubte nicht an
die Liebe. Er glaubte an das Wort.

Das Wort war in ihm und in ihm war die Welt. Sprechen können -- dann
müßte sein ungebadeter Körper rein werden.

Er verbesserte alle Abende bis halb zehn Uhr die Schreibübungen der
Kinder. Und dann mußte das Licht gelöscht werden. Zwei bis drei Hefte
blieben noch zurück für den blassen Morgen. Aber daran war nichts zu
ändern.

Ruth empfand es in den nächsten Tagen zum erstenmal in ihrem Leben als
peinlich mit entblößtem Hals herumzugehen. Sie legte sich einen alten
Pelz von Martha um, der nach Kampfer roch und kitzelte. Und sie dachte:
es müßte gut sein, zu wissen, daß man nie mehr im Leben einem Mann die
Hand gibt. Was das nur ist, fremde Knochen -- ach nein, entsetzlich.

Sie wollte nie mehr zu Thomas gehen. Wegen seiner Mutter. Was für
struppige graugelbe Haare die hatte, diese Friseurin. Und dann, sie
hatte das kleine, bucklige Ungeheuer in die Welt gesetzt. Wie konnte man
so etwas verbrechen. Wenn ich Christus wäre, ich müßte zum Fenster
hinausspringen nur weil Gertrud lebt, dachte Ruth. Und ekelte sich vor
Thomas riesengroßer Zahnlücke.

Eine Woche später war Ruth wieder bei Thomas. An dem ersten, kalten
Wintertag, der ohne Schnee war, aber ganz voll Dämmerung. Die
Nähmaschine ratterte. Thomas stand in der hintersten Ecke, bei dem
winzigen Eisenofen. Er hatte den Deckel zurückgeschlagen und die roten
Flammen verzerrten seine knochigen Züge. -- Ich komme Ihnen erzählen,
daß es Onkel Gustav sehr schlecht geht. -- So.

-- Ja ich komme Ihnen das erzählen, Sie sind doch sein Freund, oder
nicht? --

Thomas ging in das Nebenzimmer. Ruth dachte wütend: Eigentlich könnte
ich ja zu Norbert gehen. Gertrud blickte sich interessiert um. Da ging
Ruth ihm nach.

In seinem Zimmer standen zwei graue Eisenbetten. Und zwei eiserne
Bücherregale. Und ein eiserner Ofen. Der Tisch war mit verschmierten
Schulbüchern verdeckt und geometrischen Zeichnungen von dem Bruder.
Nichts in diesem Raum gehörte Thomas. Nur seine eigenen massigen
Knochen.

Er starrte an ihr vorbei mit stumpfen toten Augen. Er sieht mich nicht,
klagte Ruth, er sieht mich nicht, jubelte Ruth, er sieht mich nicht, er
sieht überhaupt nicht heraus, er sieht hinein. Und sie bemerkte, daß
sein proletarisch hoher Kopf aristokratisch lange, leidende Schläfen
hatte.

-- Was machen Sie eigentlich da, fragte Ruth und sie setzte sich auf den
Tisch, mitten in die Zeichnungen des Bruders und baumelte mit den
Beinen. Den kahlen Wintermantel knöpfte sie auf. Und sie nahm sich vor,
den stickigen Dunst ganz in sich einzusaugen und aus allen Poren
wiederzugeben, dann müßte er sie spüren.

Thomas ging hin und her, ohne sie noch einmal anzusehen. -- Höflich sind
Sie nicht, lachte Ruth. -- Er blieb vor ihr stehen. -- Wozu auch.
Glauben Sie, ich kann nicht, wenn ich will. Aber warum.

Ruth dachte: Ich kann die Luft herinnen doch nicht so leicht einatmen.
Sie zerdrückt mir die Lunge. Sie ist zu schwer. Schwer wie Thomas'
Knochen, oder noch schwerer, ich kann nicht und um Gotteswillen, wer
keucht, wer stöhnt da, wer erbricht sich, bin ich es selbst -- o wie
schlecht ist mir --

-- Sie brauchen nicht zu erschrecken, sagte Thomas und setzte seine
rastlosen Wanderungen um den Tisch fort. Die Frau von unserem Nachbar
daneben erwartet ein Kind und das hören wir immer so genau.

-- Was ist noch in ihrem Zimmer, Thomas. -- Sie stand vor ihm, ihre
grünen Augen waren ganz groß geworden.

-- Was noch -- O Thomas, Sie müssen furchtbare Nächte haben.

Da küßte er ihr die Hand mit den groben, aufgesprungenen Lippen. Ihr
graute. Sie wurde zornig. Und sie lief davon.

Sie wollte nicht mehr zu Thomas gehen. Da sah sie ihn zwei Tage später
auf der Straße. In den frühen, toten Nachmittagsstunden.

Sie dachte: wenn ich ihm jetzt nicht entgegenspringe, er rennt dort in
die Mauer hinein, zerschellt sich seine großen Knochen. Nein, wie er
friert.

Sie packte ihn beim Arm. -- Thomas, grüß Gott, aber warum haben Sie
keinen Mantel, Teufel noch einmal!

Er war ganz blau und sie wußte, ohne daß er antwortete, daß den einzigen
Mantel der Familie der kleine Bruder trug.

Sie begleitete ihn und kombinierte: Wenn Onkel Gustav stirbt, kann
Thomas vielleicht den Wintermantel bekommen, oder ich stehle den von
Richard. Der ist so gut wattiert. Ach, wenn ich nur nicht so feig wäre,
ich müßte Onkel Gustav auch töten können, aber ich traue mich ja nicht.

Thomas sagte: -- Mir ist gar nicht kalt, was fällt Ihnen ein. Aber man
sollte mir nicht um halb zehn Uhr das Licht wegnehmen, nein, das sollte
Mutter nicht. Und wir haben gar kein Geld mehr für nächste Woche.

Ruth gab Gertrud ihr letztes bißchen Taschengeld. Gertrud nahm das
bißchen mit Tränen in den Augen und verklärt.

Als Weihnachten kam, wußte Ruth nicht, was sie Thomas schenken sollte.
Sie verkaufte zwei goldene Ringe, die sie nie getragen hatte, und kaufte
ihm dafür einen wunderschönen Band Schopenhauer. Sie half heuer nicht
den Weihnachtsbaum putzen. Sie empfand zum erstenmal nicht die gespannte
Erregung vor dem wunderbaren Abend, der doch alle Jahre der gleiche
blieb. Sie empfand auch nicht, daß die Straßen anders waren als sonst,
weil so viele frohe Menschen mit Paketen durcheinanderliefen. Sie wußte
nur, daß Thomas bei der furchtbaren Kälte keinen Wintermantel besaß, daß
der Band Schopenhauer in weiches, mattbraunes Leder eingebunden war.

Sie nahm aus ihrem Schreibtisch noch rasch eine Schachtel Briefpapier
für Gertrud und eine Rolle herrlichstes, weißes Kanzleipapier, auf das
sie einst ihre Lebensgeschichte hatte schreiben wollen, aber das war
schon lange her. Jetzt sollte es Thomas' Bruder bekommen, der immer
klagte, er habe zu wenig Papier für seine deutschen Aufsätze und die
langen mathematischen Formeln. Etwas Besseres hatte sie nicht.

Gertrud schmückte den winzigen Weihnachtsbaum mit Silberketten vom
vorigen Jahr. Sie humpelte vergnügt in der kalten Stube herum und sang
ein Weihnachtslied. Auf dem Tisch standen noch von dem Mittagessen
Teller mit übrig gebliebenem, gelbem Brei. Ruth ging rasch in Thomas'
Zimmer.

Er lag mit toten Augen über den Tisch hinüber, gierig, lauernd. Ruth
legte das sattbleiche Kanzleipapier neben ihn hin.

Ein Schrei, wie ein Tier, das nach Wasser sucht: -- Ruth, das bringst Du
mir, Du weißt also, weißt alles, doch und Du glaubst daran, und noch
kein Wort, noch immer kein Wort, aber du glaubst daran --

Er lag vor ihr und umfaßte ihre Schenkel mit tastenden, greifenden,
packenden, schaffenden Bewegungen. Er keuchte. Seine Hände waren feucht,
er gurgelte mit halberstickter Kehle. Ruth graute und sie sagte weinend:
-- nicht wahr, jetzt schreiben Sie das Buch -- und sie streichelte
seinen Kopf wie einem ganz kleinen Kind und küßte die aristokratisch
hohen Schläfen. Jetzt ganz gewiß, ganz gewiß. Ihr ekelte vor seinen
strähnig fetten Proletarierhaaren und sie streichelte seinen Kopf.

Zuhause konnte sie das Licht der Weihnachtskerzen nicht vertragen. Die
Stimmen der Verwandten machten sie rasend. Bei Tisch sagte Richard zu
einem alten Onkel: -- gewiß ist ein rechter Künstler noch nie den
widrigen Verhältnissen unterlegen. Im Gegenteil ...

Ruth sagte: -- wo liegt die Statistik der Untergegangenen. Ich glaube
bei der Mordstatistik im Strafgericht, nicht wahr, dort liegt das auf.

Dann wurde ihr schlecht und sie mußte die ganze Nacht lang erbrechen.
Das Zimmer war überheizt und sie empfand nur, wie sehr Thomas diese
Nacht frieren müsse, denn sicher waren alle Kohlen für das
Weihnachtszimmer aufgegangen. Vielleicht verbrannte er das weiße
Kanzleipapier. Den Schopenhauer bekam ja Onkel Gustav, der war noch gar
nicht tot. Nur wollte sie nie mehr zu Thomas gehen, ganz gewiß nie mehr.
O, wie sie seine gierig schaffenden Hände fürchtete, grauenhaft war es
und unverschämt gegen die Natur, gegen ihren eigenen Körper. Und die
Frau daneben erbrach ja auch fortwährend, weil sie ein Kind erwartete.

Sie bekam einen Brief von Gertrud: warum kommst Du nicht mehr? Thomas
ist krank. Sie war zornig und ging nicht hin.

Sie bekam einen Brief von Gertrud: warum kommst Du nicht mehr?

Da kaufte sie ein Dutzend verschiedener Federn und tiefschwarze Tinte
und ging wieder zu Thomas. Gertrud saß in der Nähmaschine und sah sie
vorwurfsvoll an: Du hättest früher achtgeben sollen, Ruth. -- Worauf? --
Thomas liebt Dich. -- Mach Dich nicht lächerlich. -- Doch Ruth, seit Du
fortgeblieben bist, kann er nicht mehr unterrichten. Gestern hat er den
Kleinen geschlagen. Denk Dir, Thomas und schlagen, wegen irgend eines
kostbaren Papiers. -- Er hätte ihn erschlagen sollen, Ihr wißt alle
nicht, was Thomas braucht. -- Ruth, ich verstehe Dich nicht -- Gertruds
Stimme war so weich, daß Ruth mit dem Fuß darauf stampfen mußte. -- Und
denke Dir, er will plötzlich um zwei Uhr nachts Licht brennen. Aber die
Mutter hat doch kein Petroleum. Er streitet mit den Leuten in der
Schule. Seit acht Tagen war er überhaupt nicht mehr dort ... Gertrud
weinte. Ruth war ganz kalt: Gertrud, wer ist Dir lieber, Thomas oder die
Mutter, oder der Kleine? -- Das weiß ich nicht, mir sind alle drei ganz
gleich lieb. -- Dann kann ich Euch nicht helfen. -- Aber Thomas liebt
Dich. -- Du bist dumm, näh deine Hemden weiter.

Thomas kam aus seinem Zimmer und zog Ruth an beiden Handgelenken zu sich
herein. -- Wo bist Du solange geblieben? Du hättest kommen sollen.
Nichts als Farben -- Töne, mit der Hand zu greifen -- Worte noch nicht
-- Worte --

Sie gab ihm Tinte und Federn. Er nahm eine Feder und kratzte sich einen
tiefen Strich in die zerklüftete Hand: aus der Spitze muß es kommen,
fließen, strömen -- Gesetz -- Ruth bleib da.

Er hielt sie fest mit beiden Armen. -- Kannst Du beten? -- Nein. -- Das
macht nichts. Bete, es darf nicht finster werden. Mutter darf das
Petroleum nicht versperren. Der Bengel darf nicht nachhause kommen. Die
Nähmaschine darf nicht rattern. So bet doch.

Als es dunkel wurde, begleitete er sie nachhause. -- Man muß Licht
sparen ... Und wieder die Bewegung an den Hals, der Daumen steht
eigentümlich scharf weg, wie die Klinge eines Messers.

-- Siehst Du den Eckstein hinter der Straßenlaterne, die Biegung, die
rund sein soll und doch eigentlich voll Ecken ist. Spürst Du. Wie meine
Finger. Der Stein ist grau, so grau, daß unsere Augen daran sterben
müßten. Aber das gelbe Licht aus der Laterne schleicht darauf -- mein
Licht ist eigentlich größer. Und lauter Ecken, die aussehen wie
Biegungen, Rundungen. Wie wir uns täuschen. Nur die Lügen sprechen sich
leicht. Aber die Wahrheit ist furchtbar, sie ist das Wort, das war im
Anfang. Hörst Du die eisigen Pfützen, wer hat je so sprechen können. Und
unlängst in der Nacht war ich fließendes Wasser. Ich weiß, wie es tönt,
übereinander fällt, ich weiß, wie es sich berührt ... Meine Stimme ist
häßlich, vorne fehlt mir ein Zahn, ich weiß wie Dir das widersteht,
Ruth, laß, aber weißt Du, was meine Hände können, über die weißen
Flächen gleiten, nein, das ist nicht Schnee, es schneit ja heuer gar
nicht. Aber erst sollen meine Fäuste den Reichen die Fenster
einschlagen. Was machen sie bei dem elektrischen Licht. Bei dem vielen
Licht. Meine Hände können doch Mutter das Petroleum nicht stehlen, da
ist kein Mark in den Knochen. Der Hund heult die ganze Nacht im Hof und
die Frau daneben erbricht sich noch immer die ganze Nacht ...

-- Thomas, wart doch, aber wart, ich werde Dich heiraten. Was Du da von
dem Zahn gesagt hast, ist Unsinn. Ich habe nicht viel Geld, aber ein
bißchen etwas muß mir Mutter schon geben. So viel, daß wir ein halbes
Jahr, ja ein halbes Jahr schon in einem ruhigen, schönen Zimmer wohnen
können. Nur ein Badezimmer noch daneben. Und du kannst schreiben, den
ganzen Tag, auch in der Nacht. Ich werde eben im Badezimmer schlafen.
Aber warten mußt Du, wart doch, Thomas, wart nur noch ein ganz klein
wenig.

Thomas stöhnte wie ein Pferd nach dem letzten Peitschenhieb. -- In der
Schule haben sie mich hinausgeworfen. Ich kann dem Buben das Geld für
seine Studien nicht mehr geben. Und Mutter muß leben und Gertrud, die
Arme. Und in der Nacht müssen sie alle schlafen. Da heult der Hund.

Er fuhr Ruth mit einer wilden Bewegung an den Hals. Der Daumen stand
eigentümlich scharf weg, wie die Klinge eines Messers. Sie schrie.

-- Schweig, sagte er heiser, es ist ja nicht auf Deinem Hals. Auf meinem
ist es. Die fremde Hand. Sie würgt noch nicht, aber sie wird es tun,
sofort, gleich, jeden Moment und dann ganz. Sie würgt noch nicht. Und
doch habe ich schon einen flammend roten Streifen da vorn auf meinem
Hals.

Ruth sah, daß alle Fenster der Wohnung dunkel waren. Und nahm Thomas mit
sich in ihr Zimmer. Der Ofen glühte.

Thomas warf sich auf dem Teppich der Länge nach nieder und starrte mit
toten Augen in die Glut. Ruth blieb stehen und dachte: wie schön die
wilden Knochen geordnet sind, wie schlank sie liegen. Thomas sagte: --
meine Farbe ist mehr gelb, aber nicht so gelb, wie auf dem Eckstein.

Ruth warf sich neben ihn vor das Feuer. Er preßte sie an sich, daß sie
die Rippen brechen fühlte. Seine groben Lippen waren blutig
aufgesprungen. Schon fast zerfetzt. Der eine Vorderzahn fehlte. Zurück
um Gotteswillen. Sie riß sich los.

Er stand vor ihr, seine Hände hingen herab. Eine große Knochenmasse,
bereit, zusammenzufallen.

-- Ruth, sagte er langsam, ich danke Dir. Es ist so viel Wärme in Deinem
Zimmer. Mich friert nicht mehr. Aus dem Mark der Knochen stößt sich die
Kraft heraus -- heute abend wird --

Er war schon lange fortgegangen. Ruth lag vor der erloschenen Glut auf
genau demselben Fleck, wo er gelegen war. Und stöhnte: aus dem Mark der
Knochen heraus. Thomas. Ein Kind. Von ihm ...

Thomas ging aufrecht nachhause. Beim Abendessen teilte die Mutter vor:
Kraut und jedem sein Stück Brot. Die Petroleumlampe brannte sehr
schwach, tief heruntergeschraubt. Thomas sprach in sich hinein: heute
abend wag ich es, heute endlich. Ich habe ihnen ja noch nie etwas
weggenommen. Aber heute, das bißchen Petroleum, das werden sie mir schon
geben, können sie gar nicht verweigern. Und der Bub schiebt sein Bett
einfach herein. Aus der Straßensteinrundung heraus bricht das Wort.
Schon ist es nahe, nahe --

-- Heute können wir zeitlich schlafen gehen, sagte die Mutter
weinerlich, überhaupt jetzt, wo der Thomas so keine Hefte mehr zu
korrigieren hat.

-- Muß ich wirklich aus der Schule heraus, fragte der blasse Bub.

-- Wird schon so sein, sagte die Mutter mürrisch. -- Warten wir es ab,
sang Gertruds milde Stimme dazwischen und ihre Augen suchten Thomas,
flehend, verzweifelnd und doch gleich wieder voll Vertrauen.

-- Was geht Ihr mich alle an, dachte Thomas, das Wort, aber ich muß erst
um Petroleum bitten.

Wieder lag die Hand auf seinem Hals. Aber nicht mehr ein Messer mit
stumpfer Klinge. Lange Finger mit verschiebbaren Gelenken drückten sich
in die Kehle hinein.

-- Gertrud, sagte er und zog sie in eine Ecke, gib mir alles Petroleum,
was wir haben, heute Nacht, nur heute Nacht. -- Die Mutter hat den
Schlüssel. Aber ich muß mit Dir reden, ob Du uns wirklich alle zugrunde
richten willst, lieber, einziger Thomas, wenn Deine Schule -- Laß das
jetzt, ich brauche Licht. -- Die Mutter hat das Petroleum. -- Mutter gib
mir alles Petroleum. -- Geh schlafen. -- Mutter, nur heute. --

Die alte Friseurin grinste höhnisch: -- hab keines mehr.

Thomas wußte, es ist nicht wahr. Und war machtlos.

-- So geh ich zu den Nachbarn. -- Die schlafen. Die Frau hat Nachmittag
ein Kind bekommen.

-- Gott ... Thomas brach auf seinem Bett zusammen. Gott war das Wort.
Und das Wort durfte nicht gesprochen werden.

Dunkel. Der Bub schnarcht und hustet abwechselnd. Die Hand --

Nachtkälte kriecht durch das Fenster und Tagwärme schleicht in sie
hinein. Die Hand legt sich an die Kehle, den Daumen eigentümlich scharf
weg.

Gertrud und die Mutter im Nebenzimmer atmen schwer. Stöhnen. Die Hand
würgt.

Schwarz. Aber aus den Knochen heraus, aus dem zarten Mark bricht es
dunkel glühend, ächzend. Gestalt, Klang, tasten, berühren, drängen,
steigen, sich heben. Die Poren saugt es hinaus in die kalte Luft. Und
ist doch drinnen, noch im Mark, flammend rot, brennend --

Ach wozu liegen, tot sein. Wer kann sterben, wenn das Innerste leben
will.

In schwarzen Ballen fällt es aus sich heraus, in blutigen Brocken.
Gedrückt von fremden, arbeitsamen Fingern. Eine brühende Masse schwelt
in den Gliedern. Kocht, brodelt und schmeißt sich nach oben --

daß die Haut sich dehnt der steinharten Knochen.

Gewalt.

Und alle schlafen -- dunkel --

Nein -- licht soll es werden -- licht -- hell -- grell.

Er schleicht hinaus vor das Haus mit Katzentritten.

Der Hund bellt -- heult --

Alle schlafen -- aber das Wort kann nicht schlafen -- das Wort muß leben
-- lodern -- zerstören --

Er klettert auf die Straßenlaterne, zerschlägt sie vorsichtig, entzündet
die Fackel aus dem Schuppen, schlägt das Fenster ein -- Licht fällt in
das Haus -- das Wort fällt in das Haus und der Dichter rast durch die
dunklen Gassen.

                   *       *       *       *       *

Ruth fährt auf aus dem Schlaf. Sie trägt ein Kind im Leib. Ach nein. Die
Feuerwehr ...

                   *       *       *       *       *

Der Säugling der Nachbarin ist verbrannt. Sonst wurde alles gerettet.
Und die Teilnahme der ganzen Stadt wendet sich der Familie des
geisteskranken Volksschullehrers zu.

Ruth besuchte Thomas mit Onkel Gustav in seiner Zelle. Er saß
zusammengekrümmt über einem leeren Papier. Seine Augen blickten nicht
mehr in sich hinein, aber hinaus und in das Leere. Und seine Knochen
waren ohne Mark. Leer.

-- Ruth, sagte er, denk bloß, alles ist verbrannt.

Sie gingen. Onkel Gustav weinte. Ruth schwieg. Aber sie trug eine kleine
Leiche in sich, fühlte die winzigen, angstverkrümmten Knochen.

Drei Tage später kam der blasse Bub, rot geheult. Thomas war zum Fenster
hinausgesprungen. Ruth nickte nur. Auf dem Steinpflaster liegt ein
schwerer Knochenhaufen. Zerschmettert.

-- Sei ruhig, sagte sie zu dem aufgeregten Buben, was weinst du. Schäm
dich.



                              Eine Mutter


Ruth sah einmal im dunklen Zimmer Mutter vor einer zerbrochenen Tasse
stehen. Die Scherben zerschnitten die Luft, weiß, mit scharfen Kanten.
Mutter starrte dumpf darauf hin. Ihre zerstückelten Bewegungen hingen
herunter. Und in das trübe Grau der Augen wollte das Weiße
hereinbrechen, mit scharfen Kanten.

Das war lange her. Jetzt haßte Ruth Mutter, weil die alte Friseurin
ihren Sohn zum Brandstifter hatte werden lassen.

Mutter steckte sie als kleines Kind punkt acht Uhr in das Bett. Dann
kaufte sie ihr Schulhefte, die viel zu breit liniert waren. Mutter
glaubte einem boshaften Dienstmädchen mehr als ihr. Mutter zwang sie
große Gläser mit gekochter Milch zu trinken, wo noch die Haut
herumschwamm. Mutter ließ sie nächtelang bei geschlossenen Fensterladen
schlafen, so daß sie glauben mußte, sie sei blind. Mutter durchblätterte
ihre Bücher, die doch ihr allein gehörten. Mutter rückte den Tisch ihres
Zimmers in die Mitte, obwohl er unbedingt an der Seite stehen mußte.
Mutter löschte das Licht, wenn es zu spät wurde. Es war ja nur ein
Zufall, daß sie nicht auch schon zum Fenster hinausgesprungen war --

Mutter war schuld an dem entsetzlichen Brandunglück. War auch schuld,
daß der arme Säugling elend umgekommen war. Mutter, die alle kleinen
Kinder so sehr liebte.

Ruth sah auf Mutters langfingerige Hände. Wieso hatten die keine roten
Brandwunden. Nein, sie waren weiß und schlank, nur durch viele Falten
und Sprünge zerklüftet. Von welcher Arbeit ...

Mutter suchte die alte Friseurin selbst auf und tröstete sie, wie sie
wortlos dasaß neben der Nähmaschine der Tochter. Ruth ging nicht mit.
Man sprach von Thomas immer wie von einem Geisteskranken. Das war eine
Unverschämtheit.

Als Mutter nach Hause kam, hatte sie rotgeweinte Lider. Ruth stand in
einer Fensternische, tief hineingepreßt in den dunkel samtenen Vorhang.
Sie wollte schreien: -- ihr habt alle kein Recht um ihn zu trauern. Da
sagte Mutter: ich weiß schon Ruth, daß du immer mit Thomas warst. Er war
ein armer Narr. Aber du solltest dich schämen.

Eine zorndurchschüttelte, blutende Faust -- oder ist das die Flamme --
Thomas' Flamme -- Mutter brüllt auf.

Onkel Gustav trug Ruth aus dem Zimmer. Riesenkraft war in seinen
willenlosen Armen, wie er sie durch den langen Gang schleppte. Er zog
sie in den Vorratsraum, wo ein Faß mit altem Kraut stand. Hier warf er
sie auf den Boden.

Er stand vor ihr weißblaß und sehr groß. -- Ruth, weißt du, was du getan
hast. Du kannst es nicht wissen. Du hast Mutter schlagen wollen.

Er ging hinaus und zog den Schlüssel ab.

Ruth dachte nur: jetzt muß ich zum Fenster hinausspringen. Das ist
selbstverständlich, natürlich. Ich brauche bloß auf den Stuhl dort zu
steigen, es macht nichts, daß das eine Bein wackelt. Er trägt mich so
weit. O, und dann stürze ich. Eine breiige Masse. Aber es tut sicher
weh, furchtbar weh, furchtbar, nein, ich fürchte mich, um Gotteswillen,
ich habe ja so gräßliche Angst --

Sie kroch in den hintersten Winkel der Kammer. Sie bohrte den Kopf in
die Steinfliesen. Verbrecher sein. So also war es. Das heißt vor allen
Dingen ganz allein sein. Ganz allein. Aber das darf man doch nicht zu
Ende denken. Jetzt gehen die Menschen aus den Geschäften nachhause. Man
schließt die Laden so wie alle Tage. Und in den Straßen die
gleichgültige Menge. Aber sie ist allein.

Was war nur mit dem Mann, der seine Mutter geschlagen hatte. Als Kind
hielt sie sich die Ohren zu, wenn man die Geschichte erzählte. Aber sie
weiß es doch: die Hand war aus dem Grab herausgewachsen. Man hieb sie
ab. Und sie wuchs immer wieder. Ruth sieht vor sich eine gelbe Steppe.
Und aus ihr steht graugrün heraus die Leichenhand mit entsetzten
Fingern. Oder ist das ihre Hand --

Sie hat nicht den Mut zu sterben. Sie wird nie den Mut haben. Aber sie
kann auch nicht leben. Denn sie kann nicht denken. So etwas kann man
doch nicht denken, immer denken, immer denken.

Mutter kam am späten Abend mit einer flackernden Kerze und wirren
Haaren. -- Mutter, sagte Ruth mit toter Stimme, habe ich dich wirklich
geschlagen? -- Nein Ruth, dazu ist es nicht -- Mutter wenn ich dich
berührt habe, ich müßte sterben. Aber ich fürchte mich vor dem Tod. Und
ich müßte sterben. Und du müßtest mir helfen.

Mutter kniete zu ihr nieder und küßte sie.

Am Abend setzte sich Mutter an Ruths Bett. Aber Ruth preßte die Lider zu
in erstarrtem Entsetzen. Das Weiße in Mutters Augen war zerbrochen. So
wie einmal vor langer Zeit eine Tasse. Und wie Thomas' Stimme, wenn er
sagte: ich habe kein Licht. Ja, wie Thomas. Mutters suchender
Mittelfingerknochen war wie bei Thomas, zu kräftig.

Überhaupt, wie kommt sie dazu, Thomas gegen die Mutter zu verteidigen.
Thomas ist gestorben, weil die Kraft in ihm nicht leben durfte. Er war
stark. Und es ist gut, daß er tot ist. Aber Mutter ist schwach und ihre
Kraft kann die Knochen nicht sprengen. Zerfrißt nur das Mark und macht
die Gelenke schwippend nachgiebig. Mutters Leben --

Ruth legte den Kopf in Mutters Hand und weinte. Aus den zerklüfteten
Handrinnen stieg ihr ein wohlbekannter, warmer, ein nie beachteter Atem
entgegen.

Irgendwo liegt im Gras eine duftende Frucht. Und über das Mark des
Baumstammes preßt sich eisenhart die dürre Rinde ...

Mutter war auch einmal ganz klein gewesen. Man hatte ihr unmäßig große
Schärpen über die weißen Kleidchen gebunden. Und sie saß in einem großen
Kinderwagen, ganz allein.

Sie trug ihr kleines Schicksal in krampfhaft zusammengeballten Fäusten.
Und erreichte nie etwas, weil diese Fäuste immer zu schwer von dem
kleinen Körper herunterhingen. Sie gewöhnte sich an den Mißerfolg und
deshalb war ihr kein Ideal zu groß. Sie wollte Königin werden, dann
Sängerin, und dann -- o, was sie alles werden sollte. Sie trug ihr
ganzes Leben die Last von unzähligen untergegangenen Existenzen in sich.
Und ihr Vater hatte alle Pferde verspielt.

Sie hatte einmal einen Tag, vielleicht nur eine Stunde, oder nur eine
Sekunde lang mit Ruths saugendem Blick aus sich herausgeschaut. Oder
vielleicht nur einmal den Kopf hart und eckig zur Seite geworfen, wie
Ruth es immer tat.

Und sie hatte ihr eigenes, einziges Dasein gesucht. Dann heiratete sie.
Dann gebar sie drei Kinder. Und dann war ihr nichts mehr von sich
geblieben, als eine suchende Vergangenheit und drei neue, fremde
Menschen.

Die alte Friseurin träumte einst davon, die erste Tänzerin der Welt zu
werden. Ihr häßlicher Sohn sprang aus dem Fenster und zerschmetterte
sich in einem Gefängnishof, ohne daß sie je verstehen konnte, warum.
Ihre mißgebildete Tochter nähte Hemden für vornehme Damen. Und nichts
war von ihr übriggeblieben als das bißchen Schminke auf den
eingefallenen Wangen, das sich nicht wegwaschen ließ. Das bißchen
Schminke.

Und die Kinder laufen wie Diebe in die Welt hinaus. Man kann ihnen das
Eigentum nie mehr abnehmen. Denn es ist untrennbar, unkennbar verbunden
mit fremden Säften, denen man sich einmal geschenkt hat.

Ruth wurde sehr krank. Sie lag ein paar Wochen durch mit hohem Fieber
und keuchendem Atem. Die graue Tapete ihres Zimmers wurde zu einer
einzigen, ungeheuren Ebene, in die alles hineinversank wie in einen
Moorboden. Müde und wohlig. Mutter saß Tag und Nacht an ihrem Bett mit
überwachen Augen und Teelöffeln in der Hand. Ruth dachte: wenn ich
wieder gesund bin, schenke ich Mutter das Schönste und Beste, das ich
habe. Aber sie wußte nie, was das sei und wünschte sich auch gar nicht,
bald gesund zu werden. Besser immer so liegen können. Und niemand kann
einem Vorwürfe machen. Sogar Richard brachte ihr Veilchen.

Als sie den ersten Tag wieder fieberfrei im Bett lag und Mutter ihr die
Kissen gerade frisch gerichtet hatte, fragte sie: -- was möchtest du,
daß aus mir werden soll? Mutter sah sie erstaunt an. -- Ja, ich kann
doch nicht weiter so in den Tag hinein leben. -- Ich möchte, daß du
glücklich wirst, Ruth. -- Wie ist das? -- Du mußt froh sein und gesund
und auch heiraten. -- Weißt du Mutter, von Thomas hätte ich gerne ein
Kind bekommen. -- Aber Ruth -- Nein, nicht böse sein, Mutter, bitte,
bitte nicht. Ich möchte dir nur von Thomas erzählen, weil das so
wunderschön war.

Ruth erzählte von Thomas' Buch, als ob sie es schon hundertmal gelesen
hätte. Mutter sagte: -- armes Kind. Und küßte sie. -- Aber du mußt jetzt
schlafen. Sie löschte das Licht aus. Ruth fragte in das Dunkel hinein:
warum arm ...

Sie erwachte am nächsten Morgen sehr zeitlich. Mutter sagte im
Nebenzimmer zu Martha: -- wir hätten eben besser auf sie acht geben
müssen.

Da sah Ruth hinter dem Fenster in der Frühdämmerung wieder die Hand des
Mannes aus dem Grab wachsen, der seine Mutter geschlagen hatte. Nein, es
waren viele, es waren unzählige solcher Hände. Sie sah diese Hände
draußen vor dem Fenster und wußte: im Nebenzimmer wird jetzt eine
ungeheure Schändlichkeit geflüstert. Ein Heiligtum wird besudelt. Dann
geht Mutter in die Küche zu der Köchin und Martha in die Schule. Nein,
das hatte Thomas nicht verdient.

Sie wollte aufstehn und fliehen, weit, weit weg über sumpfige Wiesen und
Felder. In das Graue hinein. Nur Mutter nicht mehr sehen. Und in der
Kommode daneben liegen ja sorglich eingeordnet seine Briefe an Mutter.
Mutters Seele steckt auch drinnen in den gelben Phiolen. Und richtig, in
Mutters Bewegungen zerbricht sich dieselbe Disharmonie wie in seinen,
wenn er die Zigarre zum Mund führte. Wie kann Mutter es wagen, ihr Leben
bewachen zu wollen. Draußen wachsen die Hände aus den Gräbern. Aber das
Weiße in Mutters Augen ist zerbrochen. Sie kann Mutter nicht helfen. Sie
ist allein. Weiß Mutter das nicht? Die Nabelschnur, an der sie hing, ist
längst zerrissen. Arme Mutter! -- Aus allen Gräbern wachsen die
mörderischen Hände.

Mutter sagte am Nachmittag zu Onkel Gustav: ich werde Ruths Leben von
nun an zu lenken wissen. Ich muß ihr weiter helfen. Sie ist -- Laß das,
antwortete Gustav müde. -- Das lassen? -- ja wozu bin ich denn sonst da
...?

Und sie saß bis in die Nacht hinein und berechnete ein neues Kleid für
Ruth. Als es nach ihrer Angabe genäht war, hing Ruth es in die hinterste
Kastenecke und zog es niemals an.



                                Der Tod


Mein Thomas hat auch nicht auf mich hören wollen, sagte die alte
Friseurin weinerlich zu Mutter, während sie ihr das widerspenstige Haar
zu bändigen versuchte.

Wie hatte Onkel Gustav einmal gesagt, in traumhafter Sommerdämmerung:
Unsere Nächsten -- das sind unsere nächsten Mörder. Und nun war die
Wirklichkeit gekommen, winterkalt und hart. Und Ruth mochte sich die
Augen mit den Fäusten zudrücken. Thomas hatte diese Wirklichkeit nie
gesehen. Deshalb hatte er an ihr zugrunde gehen dürfen. Wie gut muß es
sein, wenn alles ganz vorbei ist. Nichts mehr sehen, hören, tasten. Ihn
schließt eine Wand ab von der Welt. Und er erstickt doch nicht mehr.

Ruth saß an einem nebligen Schneeabend allein zu Hause bei dem großen
Speisezimmertisch. Mit aufgestützten Armen. Ihre immer noch fiebermüden
Glieder wollten nicht recht gehorchen, wollten sich legen, sich
strecken, ganz ausdehnen. Durch die Fenster flimmerte gelb das Licht der
Straßenlaterne. Draußen muß viel Schnee fallen.

Und die lebendige Uhr hinter ihr zerschneidet die Zeit, metallhart. Aber
der Kasten dort und die Stühle ringsherum rücken weit weg, fort in das
Graue, daß sich die hohen Fensterkreuze dehnen müssen. Und nichts um sie
als luftloser Abgrund. Weite. Leere. Da drinnen muß einmal eine Fliege
ertrunken sein. Über Ruths Haupt hebt sich die Decke. Ihre Füße treten
das oben. Noch saugt ihr Blick das Zimmer in sich. Noch kann ihr Blick
die Weite überwinden. Noch. Aber das Lid wird ihn verdecken. Dann ist
sie ganz allein.

Wie Vater. Wie Thomas.

Sie ist auch allein, wenn Mutter im Nebenzimmer mit Martha spricht. Wenn
sie Richard und Gustav auf der Straße trifft oder mit Norbert
zusammenkommt. Wenn sie einen Schutzmann nach einer Hausnummer fragt
oder nicht weiß, wieviel Trinkgeld der Kellner bekommen soll. Ach, so
allein, mit offenen Augen. Die alles sehen.

Eine Woche später brachte man Ruth in ein Sanatorium wegen einer
Operation. Sie war sehr müde. Aber auch sehr neugierig. Sie dachte: es
ist doch unglaublich, daß man so einfach in mich hineinschneiden kann.
Und man spritzt mir etwas unter die Nase und dann bin ich nicht mehr da.
Wo ich nur sein werde. Ich muß sehr gut acht geben.

Der Chirurg hatte ein schmales, feines Gesicht mit zu großem Kinn. Seine
Hände waren grobknochig, wie von einem Fleischhauergehilfen. Aber er zog
sich dann Gummihandschuhe an. Und seine Hände wurden zum Werkzeug, das
ineinander beißt.

Sechs junge Ärzte standen herum wie Schachfiguren. Und Schwestern
leidend und demütig. Der Operationsraum war groß, zu licht, blitzend,
spiegelnd. Ruth sah in den schneetoten Park hinunter, auf die uralten,
schneebeladenen Bäume. Die Wintersonne stieß gegen die dicken Wolken.
Ruth empfand die kühle Verzweiflung eines Sterbenden, der einmal, im
ersten jungen Frühling dort unten gelegen sein mußte, mit zerfleischtem
Körper eingepackt in weiße Tücher.

So wie man sie jetzt einpackte. Sie wollte schreien: Was tut ihr mit
mir? Da lag sie schon auf dem blanken Tisch: Sie spürte einen
niederträchtigen Geruch sich in die Kehle hineinfressen, dachte: Ihr
zwingt mich doch nicht --

Da war sie aus sich heraus gestiegen und stand neben ihrem starren
Körper. Sah sich selbst nackt und preisgegeben daliegen, sah jeden Zug
ihres Gesichtes, das sie ja gar nicht gekannt hatte. Mit geschlossenen
Lidern. Sah die strengen, furchtbar fremden Augen der Ärzte, die bloßen
sehnigen Arme des Chirurgen, die Schwestern über die Instrumente gebeugt
...

Die weiße, glattgetünchte Wand riecht so sonderbar. Sie muß sehr hoch
sein. Man kann gar nicht an ihr hinaufsehen. Und die Gelenke sind
gefesselt, stöhnen unter eisernem Druck. Der auch von oben kommen muß.

In den tiefblauen Himmel stößt sich ein weißer, steifer Ast.

Neben Ruth steht eine Schwester mit bleichem Gesicht. Eine Schwester,
die sie nie gesehen hat. Ein Ast, den sie nie gesehen hat. Eine Wand,
die sie nie gesehen hat.

Sie kann ihr Bett kaum überblicken. Dort am Fußende sitzt ja Mutter.
Ihre Bluse ist zerdrückt. Wie unangenehm. Und sie lächelt so, als ob sie
alles wüßte, genau wüßte, was sie ja gar nicht wissen kann.

Sie ist in einer Welt, in der sie noch nie war. Sie muß einmal
Ungeheures erlebt haben. Aber hier kann man davon nichts wissen. Darum
liegt sie gefesselt an allen Gliedern, Sehnen und Gelenken, an allen
Muskeln, allen Nerven. Vielleicht hat man ihr beide Füße weggeschnitten.
Sie muß tasten. Sie kommt nicht bis dorthin.

Mutter und die Schwester lächeln. Das ruchlose Lächeln der
Nichtverstehenden. Sie will weinen vor Zorn. Und erbricht.

Sie liegt stumm und verzweifelt, bis sie fragt: Ist mein neues Kleid
schon gekommen? Dann gehört sie wieder der Welt, die von Mutters
Rechenbüchern beherrscht wird und Richards verwunderten Augenbrauen.
Aber irgendwo sind doch auch gelbe Phiolen und der Duft fremdartiger
Chemikalien, ätzend, zersetzend.

Ruth saß mit Mutter an dem gedeckten Tisch mit dem rotgestickten Milieu
und den glotzäugigen Teetassen. Die Lampe brannte fetzig grün. Aber sie
war ihr dankbar. Und den Teetassen und den fetten Butterbroten, die an
Agnes kräftige Arme erinnerten. Wie das nach Alltag schmeckte. Und wie
wunderbar sicher das war, wohlig geborgen. Sie möchte sich in die
saftgrünen Vorhänge hinein verstecken und ein ganz dummes Backfischbuch
lesen, wo es nur Schulsorgen gibt und wunderbare Bräutigame.

In der Nacht kann sie nicht schlafen. Sie liest die Zeitung bis zur
letzten Annonce. Das Zeitungsblatt schlägt eine Ecke nach oben, leckend.
Sie löscht das Licht. So müde. Das Zeitungsblatt war leckend, saugend.
Das Blatt ist eine rote, fleischige Tierzunge. Die Zunge saugt, leckt.

Da ist nur noch die weiße, glattgetünchte Wand. Und der lange, gräßlich
arme Tierkopf, der aus ihr herauskommt. Schmal. Die Augen arm, in sich
geknechtet. Er schleckt mit schiefer, gieriger Zunge eine salzige
Flüssigkeit von der blendenden Wandfläche. Er schleckt, leckt, saugt
sich an --

Sonst ist nichts mehr da. Der Kopf steht in die Luft hinaus, brüllt --

Rechts steht ein Mann und links steht eine Frau. Ein Mann, eine Frau.
Sie hält den großen Spitalslöffel in der Hand, sieht den Mann fragend
an. Und er sagt mit unendlicher Geringschätzung: Gib. Was ist das ganze
Leben denn mehr wert als ein Schluck Wasser für ein durstiges Maul.

Der Tierkopf schleckt --

Ruth saß schreiend im Bett. Mutter kam hereingestürzt. Ruth konnte nicht
sagen was ihr fehle. Daß das lange, armselige Tiermaul alles war, die
ganze Welt und immer weiter an der Wand saugen mußte. Nein, das konnte
man nicht sagen und sie ließ sich fortwährend von den anderen die
wichtigsten Zeitungsereignisse erzählen.

Damals sehnte sie sich maßlos nach allen Menschen, die sie je gesehen
hatte, am meisten nach einem kleinen, verwachsenen Stubenmädchen, das
ihr vor Jahren Geschichten aus einem böhmischen Dorf erzählt hatte, wo
die Kinder im Hemd im Dorfteich schwammen.

Sie bettelte sich hinter der grauesten Alltäglichkeit durch. Sie
verdurstete vor Sehnsucht, wieder in sie aufgenommen werden zu dürfen.
In eine Sphäre von Geschäftsbesen, Kaffeetassen und Nachtwächtern. Ihr
war jeder Schuhriemen wichtig.

Norbert kam am nächsten Mittwoch. Aber ohne Onkel Gustav. Der lag wieder
elend in seiner Dachkammer.

Norbert war avanciert in seinem Amt. Er unterstand dem Vater seiner
Braut. Alle gratulierten ihm. Ruth schüttelte ihm beide Hände. Er sah
sie an, hundetreu, traurig.

Nach dem Essen setzte er sich in ihr Zimmer auf das kleine, wacklige
Kindersofa. Sie saß neben ihm und dachte: Warum bin ich jetzt nicht in
Australien oder auf einem großen Schiff.

-- Nicht wahr, Ruth, Sie verachten mich? ... -- Ruth sah auf. -- Nein,
warum denn? -- Weil ich avanciert bin. -- Was meinen Sie damit? -- Ach
Ruth, Sie wissen ganz gut was ich meine.

Ruth sah in den winterblauen Nachmittag hinaus und wußte auf einmal, was
er meinte. Sie dachte: Und dann nach Australien mit einem großen Schiff.
Sonnenuntergang weit hinten im Meer und weiße, wehende Schleier. Das
wäre freilich etwas.

Dann sah sie seine graue Weste und dachte an den Spitzeneinsatz der
Braut und mußte fast lachen. -- Nein, Norbert, sagte sie hochmütig, ich
verstehe Sie nicht.

Aber sie sah ihn in der flimmernden Sonne eingezäunt in einer streng
gekrümmten Linie. Seine Grenze. Über die durften seine treuen Hände
nicht hinaus. Wenn er stirbt, dann wird die Linie zum Viereck und macht
Wände und ist der Sarg.

Ruth schauderte und einen Augenblick dachte sie: Ich muß ihm helfen,
vielleicht ihn lieben. Aber sie verstand seinen beamtenbrav
geschniegelten Kopf und ekelte sich vor der schnurgeraden Scheitellinie.
Unmöglich. Da war die Grenze.

-- Wissen Sie schon, daß mein Freund, der Leutnant fast gestorben ist,
sagte Norbert. -- Nein, wieso? -- In einem Duell wegen einer
Ballettänzerin. Zwei Schüsse durch die Lunge.

Ruth sah vor sich dicke rosa Schminke, rosa Ballettröckchen und rosa
glatte Füße. Dazwischen blutend aufgedunsen die Lunge des Leutnants.
Seine schwarzen Zähne. Das war der Tod.

Am nächsten Tag kam die alte Friseurin heulend. Der Arzt habe gesagt,
wenn ihr Bub nicht bald in eine Anstalt käme, sei seine Tuberkulose
nicht mehr heilbar. Ruth schnitt sich mit den Nägeln in die Hände. Was
schreit sie so, Thomas ist doch schon lange tot und das kleine
Ungeheuer, die Nähmaschine ist ein Leichnam, der sich aufbläht mit den
Erlebnissen anderer. Und was will der grüne Bub vom Leben. In einer
Schreibstube geometrische Zeichnungen machen. Keiner kommt bis
Australien.

Mutter versprach, ihr Möglichstes zu tun. Am Abend sagte Ruth
verzweifelt: -- Mutter, müssen wir denn alle sterben?

Richard hatte sich verlobt. Mit Norberts Schwester. Ruth erinnerte sich:
aufgestülpte Nase, aristokratisch tiefe Stimme, dicke kleine Freundin.
Auch gut. Im übrigen war es ihr ziemlich gleichgültig.

Einmal, während des Mittagessens, kam ein Mädchen, bleich, trostlos, das
Richard sprechen wollte. Ruth hatte ihr die Türe geöffnet. Richard war
bei seiner Verlobten. Das Mädchen stöhnte auf. Sie packte Ruth beim Arm:
Helfen Sie mir. Ruth sah ihr in die hübschen Kinderaugen, die voll
Tränen standen und führte sie in den Salon.

Mutter kam dazu. Die alte Geschichte. Das Kanzleimädchen. Mutter weinte
auf und versprach fast flehend zu helfen. Aber sie müsse schweigen, um
Gottes willen.

Als das Mädchen gegangen war, fragte Ruth: Wie willst du ihr helfen?
Mutter sagte: Geld. Und Ruth haßte sie. Sie dachte an das winzige
Geschöpf, das schon im Mutterleib erwürgt wurde von fremden Händen.
Wirklich fremden Händen --

Mutter weinte den ganzen Nachmittag durch: Daß sie keine Ahnung haben
konnte. -- Mir hätte er es doch sagen können, mir, immer habe ich alles
von ihm gewußt, seit er ein ganz kleiner Bub war. Da ist auch nur dieses
Frauenzimmer schuld. Aber er hat mir ja geschworen --

Ruth kam es lächerlich vor, daß Mutter jemals glauben konnte, Richards
Vertraute zu sein. Aber Mutters Augen waren wieder so zerbrochen. Mit
zornbebender Stimme sagte sie: -- Dazu bin ich doch da, um von euch
alles zu wissen. Ruth ging aus dem Zimmer, etwas in ihr rief: Und dann
bist du eben tot.

Wo war Mutters Leben -- bei ihren drei Kindern, in Vaters Grab -- bei
den gelben Phiolen --

Ruth sagte zu Martha: -- Da bekommt Richard ein Kind und Mutter weiß es
nicht einmal. Das ist wirklich eine Schmach, aber sie wird ja alles mit
Geld gutmachen. -- Woher weißt du, daß das Kind zur Welt kommt? sagte
Martha, lehrerinnenhaft überlegen. -- Martha, du gehörst auf den
Scheiterhaufen.

In der Nacht sah Ruth Martha auf der Straße, im Sonnenlicht, mit einem
langen grauen Regenmantel. Ernst, streng und emsig, mit toten Augen und
blauen Nägeln.

So war sie denn von lauter Toten umgeben. Richard war ja auch tot. Er
tat nur so überlegen. Aber sein Leben lag im Leib jenes jungen Mädchens
und seine eigenen Finger erdrosselten es.

Er steckte auch in einer Grenze, wie Norbert. Die lief weiter weg von
ihm als bei diesem, aber sie war tief eingegraben. Er verstand sieben
Sprachen. Er kannte alle Wagner-Opern. Er heiratete Norberts Schwester.
Er eroberte sich einen guten Platz in der Welt. Er hatte einen großen
Sarg.

Ruth sehnte sich wieder unsäglich danach, tot zu sein wie Thomas. Nicht
mehr scheinlebendig. Aber nur nicht sterben. Sterben tat ja sicher
entsetzlich weh. Schon lange tot sein. Ohne denken, ohne Verantwortung
für den nächsten Tag --

An Onkel Gustav hatte man über Richards Verlobung ganz vergessen. Eines
Tages kam seine Hausmeisterin mit sensationslüsternen Augen. Es gehe ihm
sehr schlecht, er röchle furchtbar.

Mutter weinte zuerst, ehe sie sich ankleidete, um hinzugehen. Ruth ging
empört in ihr Zimmer.

Sie wollte Onkel Gustav nicht mehr sehen. Was liegt ihr überhaupt an
Onkel Gustav. Sie hat ihn immer verachtet. Sie wird sich heute nichts
vormachen, so wie Mutter. Gewiß nicht.

Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und versuchte eine italienische
Übersetzung zu schreiben. Ihr Geist war dabei. Aber in ihren Händen
kochte ein fremder, fieberhafter Puls.

Durch die Fasern des Fleisches gräbt sich, stößt sich blühende
Lebenskraft. Aber ganz innen in ihrem Leib fällt etwas ab, bröckelt
etwas ab, mürb und müde. Wer preßt ihr die Brust zusammen und würgt sie,
daß sie husten muß -- Ist das Schleim und Blut -- Ist das ihre eigene
Kehle --

Über Ruths italienisches Übersetzungsbuch steigt wie Frühlingsatem empor
die freche Liebe der jungen Wilden, die Gustav einmal an sich reißen
wollte. Von der sie nie etwas gehört hat. Und es riecht nach faden,
blonden Madonnenhaaren, Ansichtskarten mit weißen Kaninchen. In weiter
Ferne leuchtet ein lichtes Ährenfeld im Juliwind, eine marmorbleiche
Haut. Und die alte Geige lehnt an dem rußigen Eisenofen.

In Ruths Knochen bricht etwas. Das Mark wird zerrissen. Ein Leben
stirbt, das sie nie gekannt hat. Ein Leben, das sie mitgetragen hat in
ahnungslosen Händen. Onkel Gustav stirbt.

Ruth steht auf in erstarrtem Entsetzen. -- Agnes, ruft sie in die Küche
hinein, singen sie nicht so laut, wir sterben heute.

Sie geht durch die weißerstarrten Gassen. Deren grelles Gefunkel in der
Sonne schmerzt. Der Himmel ist tief dunkelblau. Onkel Gustavs höchster
Wunsch war immer, einmal nach Italien zu kommen. Der Schnee zerbricht
unter ihren Schritten.

Vor Gustavs Haustor will sie noch umkehren. Mutter wird sicher weinen.
Richard und Martha machen traurige Gesichter. Norbert ist gewiß auch da.
Nein, es ist unmöglich hinaufzugehen. Aber da ist noch Onkel Gustavs
Hund. Sie kriecht über die Treppen.

Onkel Gustav hat das Gesicht zur Wand gekehrt. Der Hund liegt auf seinen
Füßen. Den läßt er nicht von sich. Aber sonst kennt er niemanden.

Ruth will die weinenden, die gefaßten, die wichtigen Gesichter nicht
sehen. Sie geht an das Fenster. Sie möchte es aufmachen. Aber sie ist
gelähmt. Auf dem Fensterbrett steht eine halbgefüllte Teetasse mit
schief abgebröckeltem Rand. Und ein rostiger Löffel. Es ist doch gut,
daß Onkel Gustav stirbt.

Der Arzt unterhandelte mit Richard und Martha, wie man Mutter am besten
aus dem Zimmer bringen könne. Er hatte seine geschäftsmäßig traurige
Miene. Ruth wollte sich nicht umwenden.

Die Sonne war untergegangen, draußen in ferner Ebene.

Onkel Gustav röchelte.

Norbert trat zu ihr: Ruth -- Lassen Sie mich. -- Aber Ruth -- So lassen
Sie mich doch, was wollen Sie von mir. Gehen Sie hin zu ihm. Legen Sie
sich auf seine Füße. Wärmen Sie ihn.

Onkel Gustav röchelte.

Blut und Schleim.

Es wurde ganz dunkel.

Mutter war von Martha weggebracht worden. Der Arzt war fort. Norbert
auch. Richard saß in einem Sessel, den Kopf in die Hände gestützt. Die
schmierige Hausmeisterin machte sich an Gustavs Bett zu schaffen. Ruth
stand unbewegbar erstarrt an dem Fenster.

Da schrie der Hund.

Ruth war bei Gustav. Aus seinem herabgefallenen Kiefer quoll das Blut
auf die sterbende Brust. Ruth legte die Hand darauf. In Liebe. Dann
brach sie zusammen. In Ekel ...

Alles roch nach dem Leichenbitter, der vor Gustavs Türe stand. Auch die
Blumen in der Blumenhandlung. Mutters schwarzgerändertes Taschentuch.
Und das italienische Übersetzungsheft. Die dumpfen Kreppschleier.

Alle sprachen lieb von Onkel Gustav. Ruth haßte alle. Nicht weil sie ihn
gemordet hatten. Aber weil sie mit ihrem bißchen kläglichen Gernehaben
protzten. Keiner kannte das große Erbarmen. Auch sie nicht mehr. Eine
Sekunde lang hatte sie es empfunden. Seither war ihr, als trügen ihre
Hände vernarbt Kreuzeswunden, mit rostigen Nägeln durchschlagen. Aber
vernarbt.

Sie trauerte nicht. Kam nicht einmal mit zum Leichenbegängnis. Ging zur
selben Stunde mit dem namenlosen Hund spazieren. In einer blauen Bluse,
durch taubelebte, klatschende Gassen.

Sie bürstete den Hund und fütterte ihn. Aber sie hatte eine furchtbare
Angst vor seiner langen, spitzigen Schnauze. Die dem schmalen Tiermaul
an der weißgetünchten Wand immer ähnlicher wurde. Ach Gott, wie so
ähnlich --

In den verständnislosen, angstvollen Augen des Hundes lag der Schmerz
einer geprügelten Welt. Und unendliche Sehnsucht. Wonach -- Nach dem
Schluck Wasser --

Wie einsam mußte Onkel Gustav gewesen sein.

Ruth fürchtete sich vor den langen, spitzen Zähnen des Hundes. Er lief
ihr nach auf Schritt und Tritt. Und sie konnte ihn nicht zu den andern
zwingen. Die riefen ihn bei dem englischen Namen, den Mutter ihm gegeben
hatte.

In der Nacht lief er winselnd vor ihrer Türe hin und her, bis sie ihn in
das Zimmer ließ. Dann schlief er in einer Ecke. Sie aber hielt die Augen
weit offen vor Grauen. Dort lag das Tier.

Fell, gierige Zähne, saugende Zunge.

Das Tier atmete lauter und rascher als sie. Zerstörte den Rhythmus ihres
Zimmers. Das war zum Stall geworden.

Alle riefen den Hund bei dem englischen Namen. Er gehorchte keinem.

Einmal riß sie ihn an dem Halsband zurück, als er aus dem Kübel trinken
wollte. Da schnappte er nach ihr. Das Blut tropfte aus drei großen,
tiefen Löchern in ihrer Hand. Ihrer schmalen, braunen, suchenden Hand.
Wie sie diese Hand liebte. Ihre Hand. Ihre glatte Menschenhand.

Sie bekümmerte sich nicht mehr um den Hund. Er folgte niemandem und
Mutter ließ ihn vertilgen.

An diesem Abend saßen sie alle unter der Speisezimmerlampe. Und Mutters
Rechenbücher beherrschten die Mitte. Richard sagte: -- Der arme Kerl.
Eigentlich bist du schuld an seinem Tod, Ruth. -- An Onkel Gustavs Tod?
-- Nein doch, ich meine den Hund. -- Ach so.

-- Hilf mir, Richard, sagte Mutter über den Tisch herüber. Ich kenne
mich da nicht aus. -- Richard beugte sich über ihre Schulter. Dann sagte
er mit traurigem Gesicht: -- Diese Rubrik können wir jetzt streichen.
Und zog mit rotem Bleistift einen dicken Strich über eine halbe Seite.
Ruth sah oben den Namen Gustav.

Nein, das war unmöglich, nein, das konnte man doch nicht tun, mit rotem
Bleistift, rotem Bleistift --

Ruth sagt noch immer: Roter Bleistift, vor sich hin. Sie geht durch
dunkle, frostdumpfe Gassen. Sie läuft. Sie fliegt.

Jemand ist geschändet worden. Wer ist geschändet worden. Der Tod ist
geschändet worden. Christus ist am Kreuz gestorben und man betet zu ihm
um gutes Wetter. Gustav ist gestorben und man streicht die Ausgaben für
ihn mit rotem Bleistift aus dem Einschreibebuch.

Sie will nie mehr nachhause zurück. Lieber in ein Freudenhaus.

Wer will nicht zurück -- Ihre Glieder tragen Mutters Ungeduld und Vaters
Leiden. Richards Hochmut und Marthas Resignation geben ihr ihre
Kopfhaltung, ihre kindische Würde. Als Onkel Gustav sterben mußte, war
etwas in ihrem innersten Mark zerrissen.

Jedes einzelne Blutgefäß spinnt einen langen Faden aus sich heraus in
Mutters Hände hinein, die ja so fremd sind, so in sich zerbrochen. Aber
eine Stimme schreit aus Ruths Kehle, die ist ganz neu. Vielleicht kommt
sie von den Obstbäumen auf den wilden Feldern, die alle in ein paar
Monaten blühen werden.

Noch preßte die Kälte die Häuser zusammen. Und alle Menschen steckten in
wollenen Jacken, deren Farbe nicht schön war.

Ruth kauerte tagelang vor ihrem kleinen Ofen. Ihr Körper war steif
geworden und ihr selber unbekannt. Vor diesem Ofen war Thomas an seinem
letzten Abend gelegen. Und sie selbst. Und vielleicht noch ein dritter.

Nun ist sie müde, nicht zum Sagen müde. Sie möchte sich die Haut von den
Armen streifen. Sie möchte sich in sich hinein verkriechen und in einer
dunklen Ecke verstecken. Allein sein. Sie kennt niemanden mehr. Was
wollen alle diese von ihr, diese Lügner, die nur zum Schein ganz leben
und an hundert Stellen getötet sind. Diese heimlichen Mörder
untereinander.

Wo ist ihre Grenze. Sie kann sie nicht erblicken. Sie späht um sich mit
leeren Augen. Wer sieht aus ihr heraus? Wer wühlt mit bleichen,
schweren, kraftlos vollen Händen in ihrem Hirn? Das alles kann sie doch
allein so ganz unmöglich verstehen. Sie ist ja jung, in ihren Zehen
federt die Sprungkraft ihrer Jahre.

Sie möchte schon lange tot sein. Aber sie wird jetzt nicht sterben. Sie
genießt nur die süße Müdigkeit und darf sie doch nicht bis an das Ende
kosten. In ihr lebt ein Fremder, Mächtiger. Und denkt.

So kauert sie vor dem verglühenden Ofen. Der immer weiter brennt.



                                 Vision


Unter den hochkreuzigen Fenstern läuft die Straße. Die Straße, die alle
gehen müssen. Die eine Straße. Der eine Weg.

Pferdehufe schlagen das bucklige Pflaster. Wagenräder, die in sich
zerbrechen, kratzen darüber hin. Und so viel Schuhe. Hochmütig spitze
aus weichem Leder, behäbig breite, löcherige und Holzsandalen.

Vielleicht sind alle die Eilenden lautlos. Und nur der rohe Stein lärmt.
Poltert, rattert, zerschmettert -- in nichts.

Die Luft war weich geworden und der Schnee schmolz in großen, brandigen
Klumpen. Strähnig schleckte er sich über die Dächer. Schwamm in den
braunen Pfützen. Die Schaufenster waren frisch gewaschen. Straßenlichter
stritten mit langer Dämmerung.

Das war schon immer gewesen. Ruth lag vor ihrem Fenster und getraute
sich nicht, es zu öffnen. So war sie einen ganzen, langen Scharlach
hindurch einmal an den Fenstern gelegen. Als sie so klein war, daß sie
ein Fragezeichen von einem großen S nicht unterscheiden konnte. Und
beide ineinander an das trübe Fensterglas zeichnete. Als sie zu Mutter
betete und ihre Furcht vor der nahen Nacht unter erdachten Abenteuern
vergrub.

Nun lag sie an dem Fenster und wußte: Dieses junge Mädchen wird bald ein
neues, lustig blaues Sommerkostüm bekommen. Der Mann dort schleppt die
eine Achsel schwer. Er muß viele Lasten darauf getragen haben. Warum
lebt die alte Frau noch, mit den traurigen weißen Haaren? Ob das kleine
Mädchen mit der Springschnur auch so parkmüde ist, wie sie es immer war,
nach den stundenmäßig eingeteilten Spaziergängen --

Sie gingen alle in einem Rhythmus. Ruth spürte das gleichmäßige
Aufschlagen der Sohlen -- jetzt -- und jetzt -- wieder -- und jetzt --
wieder -- und jetzt. Ein Betrunkener johlte unten in dem Wirtshaus, daß
man den sauren Weingeruch heraufwirbeln fühlte. Dann das Schweigen der
Schritte -- jetzt -- und jetzt -- wieder und jetzt --

Bis ein Lastwagen dieses Schweigen zerbricht, so daß tausend lebendige
Splitter über den Rinnstein springen.

Richard kommt die Straße herunter. Er trägt noch den steifen, schwarzen
Hut, wie im Winter. Er weiß nicht, daß heute Sommer ist. Daß sich alle
ungefesselten Glieder ausziehen müssen und dem durstenden Föhn anbieten.
Mutter schlägt im Nebenzimmer eine Tür zu --

Ruth suchte sich pfeifend ihren alten Strohhut aus einem eingekampferten
Kasten. Schlug ihn platt auf den Tisch, daß das Geflecht knirschte. Und
lief davon. Ohne Handschuhe.

Lief durch die eine Straße. Den einen Weg.

Wann war es das erste Mal, daß sie so gelaufen war? Daß ihre selig
gläubigen Füße sie über Tiefen springen ließen, die zwischen den
Pflastersteinen lauerten. Wann war es -- gestern -- heute -- morgen wird
es sein --

Die Erde ist schwanger von blühendem Leben. Und das Geborene ist tot.
Und die Luft ist schwer zu atmen vor erstickten Keimen.

Braungrün schwimmen die Pfützen im letzten Tageslicht. Die Laternen
flimmern bloß.

Ruth läuft den einen Weg. Die eine Straße. Es ist ja immer dieselbe
eine. Mit jedem Schritt fällt ein Stück Last von ihren schmalen
Schultern. In die tauende Erde. Aber sie kehrt nicht um, damit sie
dieses Stück in den Boden hinein zertritt. Recht fest. Nein, sie läuft
ja immer weiter.

Ein Kutscher knallt mit der Peitsche. Ein altes Weib keift -- oder
vielleicht erzählt sie nur. Aber immer weiter, immer weiter, den einen
Weg. Die Straße ist ja furchtbar schrill, die Häuser haben so empörend
scharfe Kanten, die die Luft zerschneiden, wie aufgestellte Messer.

Aus den offenen Fenstern fällt eine grauweiße Masse heraus. Sind das
schmutzige Leintücher -- Die wollen sie hindern am Weiterkommen auf dem
einen Weg.

Nein, diese vielen, empörend fremden, gleichgültigen Menschen. Da
schmeißen sie die ganze Winterausdünstung auf die Straße herunter. Ihr
entgegen. Diese vielen. Und sie sucht nur den einen.

Wer sind die alle, die sie nicht lieben darf -- Diese Holzpuppen, die es
wagen ihr Schuhe zu machen und Gesetze zu geben. Die nach Schweiß
stinken und Bier. Sie sucht den einen.

Sie will die alle ja gar nicht kennen, die da gierig an ihr
vorbeilaufen. Sie weiß so schmerzhaft gut, was sie suchen, was sie
niemals finden. Warum weiß sie es so gut. Sie will es gar nicht wissen.
Will zu dem einen.

Unverständige Kinder dulden stumm die Schmerzen der Eltern mit. Und
heben, aufgewachsen, die Hand gegen ihre Erzeuger. Spitze Tiermäuler
saugen die Menschenliebe von den Mittagstischen. Und Krieg liegt in den
nahen Grenzen.

Warum weiß sie das. Sie geht nur zu dem einen. Der weiß es auch.

Die grauen Leintücher werden immer dichter. Man sollte die kantigen
Häuser untergraben, sprengen, daß alles Geschirr aus den Fenstern
stäubt, die blumigen Suppenschüsseln, die blauen Kochtöpfe. O, wie sie
lachen wird. Mutter schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Aber
Thomas hätte auch gelacht. Die Grundmauern der Häusermassen sind lange
nicht so fest wie die beschmutzten Ecksteine. Aber was braucht sie das
zu wissen. Sie geht zu dem einen. Er soll es wissen.

Man darf nicht warten bis die Häuser einfallen. Die große Fackel muß man
nehmen, Thomas' Fackel. Die liegt bereit, nicht weit weg. Lichtzüngelnde
Flammen sollen die grauen Leintücher zerfetzen. Hoch hinauf, das muß
geschehen. Sie weiß es. Nein, sie wird es nicht lange mehr wissen. Sie
läuft hin zu dem einen. Er soll es wissen.

Da steht sie vor seinem Haus. Seine Fenster sind dunkel. Viel dunkler
als die verschwommene Straße. Und ganz leer.

Er ist also auch heraußen. Vielleicht geht er sogar hinter ihr, neben
ihr. Sie kann nur den Kopf nicht wenden. Weil sie immer weiter gehen
muß, geradeaus.

Ihre Hände sind heute schwer und voll und weich und weiß. Die Schultern
legen sich nach rückwärts, künstlich steif. Eine lichtbraune Locke, die
gerne zigeunerhaft sein möchte, hängt in die Stirne.

Wie jung der Winterfrühling ist. Und wie alt die Einsamkeit. Wohin
gehen, wenn das Zimmer nur voll ist von einem selber. In den gelben
Phiolen brodelt man selbst, verdickt, kondensiert.

Es gibt Kaffeehäuser mit rauchigen Tischen und zahllosen Zeitungen. Dort
sich niedersetzen. Die Kellnerinnen sind liebenswürdig, bedienen gerne.

Eine dicke Brille schützt den scharfen Blick gut. Sie ist aus solidem
Fensterglas. Besser in das hohe Weinglas schauen als um sich herum. Die
Luft ist dick von grauen Leintüchern. In denen die kampfunfähigen
Glieder schon oft sich vergraben haben.

Zwei Commis spielen Billard. Die Glücklichen. Und jeder weiß, wohin er
dann gehen wird. Die Glücklichen.

Die Indianerhäuptlinge in den Knabenbüchern wußten auch immer wohin sie
gingen, nach den furchtbaren Schlachten. Diese Leute langweilten sich
nie. Dachten auch nie. Das hatten sie nicht notwendig. Sie lebten auf
wilden Pferden in unabsehbaren Prärien. Wehendes Gras unter licht
schwimmendem Himmel. Wo sind diese Füße -- Sechs Häuser weit weg von der
Gasse. Aber die Füße sind steif. Und der Kopf arbeitet an einem
mathematischen Problem.

In den schmierigen Marmor des Kaffeehaustisches zeichnen schwere,
bleiche Hände tote Formeln.

Die weiche Luft, die zugig durch den Rauch schlägt, ärgert diese
Formeln. Diese Formeln bekommen blühende Rundungen. Leberblümchen,
Primeln -- o, nein, grinsend verzerrte Buchstaben.

Die Knochen sind sehr schwer. Aber sie sind einander wohlerzogen
angegliedert. Und bleich. Nicht roh durcheinander gebeutelt wie bei
Thomas. Zum Glück -- oder Unglück.

Sie gehören einem Menschen an, der im Parkett des Theaters sitzt und den
Vorgängen auf der Bühne zusieht, sehr interessiert und sehr fremd. Aber
zuhause wartet kein verschlossenes Zimmer auf ihn, vor dem er Angst hat,
weil er nicht alle seine Geheimnisse kennt.

Deshalb sehen die erlebnislosen Zuschauerblicke alles so genau, viel zu
genau und verstehen alles genau, viel zu genau, wissen alles.

An einem Sommerabend kniete einmal ein kleines Mädchen vor dem Tisch und
biß in die Kante, daß das Holz zersplitterte. Ihre Seele lag nackt und
zitternd einsam auf einem dunklen Seziertisch vor fremden, prüfenden
Augen. Zerschnitten. Aber die Zähne zerbissen den alten Tisch. Kräftige
Zähne. Ein fremdes kleines Mädchen.

Durch die Kaffeehaustür geht eine üppige Frauensperson.
Selbstgeschlossen in ihrer Reife. Rotblondes Haar und Lippen, die Geld
fressen wollen. Der Hut wippt zu hoch, über einer häßlichen Stirne. Ihr
nach.

Ihr nach durch schlüpfrige Gassen und winkelige Höfe. Wie stolz sie
geht, sie ist eine Königin der Erde. Karminrot geschminkt. Alle
Königinnen sind karminrot geschminkt.

Nicht die volle Hand berühren. Aber hinter ihr her gehen. Langsam,
kostend.

Sie geht auf ein Haus zu mit verschlossenen Laden. Im Parterre sind
weiße Spitzenvorhänge und über dem Tor glüht brünstig die rote Laterne
--

-- Wohin will das Fräulein -- ein junger Kellner mit schwarzen Zähnen im
grünbleichen Gesicht tritt ihr entgegen. Die Zähne des Leutnants. In der
kleinen Halle stehen rote Korbsessel.

-- Entschuldigen Sie, sagte Ruth aufmerksam und langsam, ich glaube, ich
bin in ein falsches Haus geraten. Lief dort nicht jemand über die
Treppen mit zurückgelegten Schultern? --

Ruth fuhr mit der Straßenbahn nachhause. Im roten, lärmenden
Tabaksdunst. Ihre schmalen, braunen Hände spielten auf den Knien. Da
waren noch die Narben von dem Hundebiß. Ihre Hände. Braun. Vielleicht
auch etwas gelb von den Phiolen.

Auf seinem Schreibtisch war einmal ein scharf geschliffenes Messer
gelegen. Das schneidet gut. Es riecht nach Blut und Chemikalien.

Soll sie sich das Messer holen? Die zarten Adern aufschneiden? Was kann
das nützen. Von den feinsten Poren des Hirns aus durch den ganzen Körper
strömen die müden Säfte eines verbrauchten Lebens. Gift.

Das findet kein Messer. Er hat gut experimentiert. Die Phiole brodelt.

Ruth sieht um sich. Aber in ihren entkleidenden Blicken leuchtet eine
junge Kraft.



                               Abrechnung


Ich komme zu dir, sagte Ruth. Und seine Augen zitterten. Triumph.

Das ganze Zimmer warf sich ihr entgegen in einer Staubwolke. Verweste
Gedanken. Sie lächelte.

-- Wie ich mich freue, daß du wieder da bist. Er drückte liebenswürdig
ihre Hände. Sie fühlte, daß sie müdbraune Handschuhe hatte. In den
Schaufenstern der Juweliere liegen Diamantarmbänder.

Auf dem unordentlichen Schreibtisch kollern sattgelb Minerale. Wo sind
die Phiolen -- und das scharfgeschliffene Messer -- ist das Thomas'
Messer --

-- Warum hast du die Fenster nicht offen? In den Gärten liegt Flieder.
Doch nein, laß es.

Ruth lächelte, während sie dachte: wozu die wirren Locken -- Er könnte
genau so gut einen braven Scheitel haben wie Norbert.

Und als er mit den großen, zerbrochenen Bewegungen die Zigarre anzündete
-- wie immer -- stürzte das Gleichgewicht der Frühlingsstraßen draußen
in sich zusammen und zwischen den zersplitterten Pflastersteinen tanzte
Bella mit Thomas. Aus Mutters Kommode taumelten Briefe --

-- Du sprichst gar nichts, sagte er. -- Du weißt alles, sagte sie.

Dann schwiegen beide. Aber wie die Dämmerung so weit hereingekrochen
war, daß das steifbeinige Zifferblatt der Uhr verschwimmen mußte, sagte
Ruths Stimme, fremd und hell:

-- Du wartest, daß ich dir erzähle. Was soll ich dir erzählen? Es ist
nichts geschehen. Es ist etwas Ungeheures geschehen. Ich trage bis heute
die ganze Last deines verbrauchten Lebens in mir.

Ich sehe deine weißen, mörderischen Hände. Wenn es auch dunkel ist.
Warum hast du niemals Leberblümchen mit ihnen gepflückt oder Primeln.
Stiefmütterchen, die zwischen den Bahnschwellen liegen. Warum bist du
denn immer hinter den langweiligen Bahnschranken stehen geblieben und
niemals mitgefahren in federnden Kissen. Deine Hände sind auf den weiß
gestrichenen Schranken gelegen. Noch als du ein kleiner Junge warst und
hinauf greifen mußtest. Sie haben sich nicht getraut, eure Kaninchen zu
erwürgen. Obwohl sie es so gerne getan hätten. O, du hättest es tun
sollen --

Aber das Weiße in Mutters Augen ist zerbrochen. Ich weiß es.

Ich weiß jetzt alles. Und ich fühle den Zorn, der deshalb in dir tobt.
Und die blutlechzende Freude, mit der du mich wiederkommen siehst. Denn
ich bin wiedergekommen.

Weil ich deine feigen Nächte kenne. Deine Phiolen --

Er war aufgesprungen und stand vor ihr, so groß und dunkel, daß die
Dämmerung bleich werden mußte und verdrängt.

Da sank sie in sich zusammen: -- Ich liebe deine Hände. Ich liebe deine
Minerale. Ich liebe dein Gift -- dich --

Er beugte sich über sie, tief, erdrückend.

Sie bäumte sich auf. Und fühlte seine kampfbereiten Muskeln.

Er keuchte: -- und --

Sie neigte den Kopf: -- Ich habe mich ergeben ...

Als sie wieder aufschaute stand er in einer Fensternische, bleicher als
die Dämmerung. Und das Zimmer war weich geworden und willenlos
ausdehnbar. Ohne Kampfkraft.

Ruth stand auf und lächelte: -- Ich glaube, jetzt haben wir einander
nichts mehr zu sagen.

Und sie ging durch die nachtschweren Gassen, sich badend in dem
blütenschwangeren Regen des Mai.


                     Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

   [S. 62]:
   ... Wer hat ihr jetzt eine Maschine in den Kopf gesetzt. ...
   ... Wer hat ihr jetzt eine Maschine in den Kopf gesetzt? ...

   [S. 62]:
   ... mit licht gepeinigten Augen, grell, schreiend grell, laut. ...
   ... mit lichtgepeinigten Augen, grell, schreiend grell, laut. ...

   [S. 86]:
   ... hat eine wohlgefühlte Geldbörse in der Tasche. Kupfergelb, ...
   ... hat eine wohlgefüllte Geldbörse in der Tasche. Kupfergelb, ...

   [S. 145]:
   ... soll. Mutter sah sie erstaunt an. -- Ja, ich kann doch nicht ...
   ... soll? Mutter sah sie erstaunt an. -- Ja, ich kann doch nicht ...





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Vergiftung" ***

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