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Title: Gespräche im Zwielicht
Author: Robinson, Terese, Delmar, Karin
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Gespräche im Zwielicht" ***

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[Illustration]



  Karin Delmar

  Gespräche im Zwielicht


  Gebrüder Enoch / Verlag / Hamburg



  Alle Rechte, auch das der Übersetzung, vorbehalten

  =Amerikanisches Copyright 1924 by Gebrüder Enoch,
  Hamburg. Printed in Germany=


  Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig



Eine Einleitung, die eigentlich das letzte Gespräch ist und deshalb am
Anfang und am Schluß gelesen werden kann

[Illustration]


Die Leute, die Kurt Georgi nicht näher kennen und ihm seine tadellose
Erscheinung mißgönnen, werfen gerne die nachlässige Bemerkung hin, daß
er doch in der Hauptsache nur dekorativ wirke und eine fatale Ähnlichkeit
mit den unsäglich vornehmen Dandys habe, wie sie die englischen
Familienblätter und die Plakate unserer Zigarettenfirmen schmücken.

Ja, ich darf nicht verschweigen, daß eine junge Dame, die ihn in einem
Konzert mit verschränkten Armen an einer Säule lehnen sah, in den
erstaunten Ruf ausbrach: »Also den gibt es wirklich!«

Aber ich darf auch nicht verschweigen, daß Kurt Georgi, als ich ihm diese
frohbewegten Worte hinterbrachte, mit einem gar nicht dandyhaften, sondern
sehr herzlichen und lauten Lachen den Kopf im Sessel hintenüberwarf und
ein übers andere Mal »Reizend!« rief.

Denn er ist in Wirklichkeit gar kein Dandy.

Alles dies gehört natürlich durchaus nicht hierher, es soll nur einen
Eindruck von dem jungen Manne geben, der, soeben zu mir ins Zimmer tretend,
mir mit etwas übertriebener Feierlichkeit das Manuskript der Gespräche im
Zwielicht überreicht, das ich ihm zur Durchsicht geliehen hatte.

Die Feierlichkeit hält nicht lange stand, er streift mit einem
spitzbübischen Blick den kleinen Tisch, auf dem Kuchen und Zigaretten
aufgebaut sind und fragt mit einer leisen, aber betonten Ängstlichkeit in
der Stimme:

»Soll ich am Ende auch unter die Zwielichtfreunde in dem Buch eingereiht
werden?«

»Keine Sorge,« antworte ich, »der Kreis ist geschlossen. Sie müssen
zugeben, elf Freunde sind genug, das Publikum könnte die Geduld
verlieren.«

»Und was schlimmer ist,« setzt er hinzu, »es könnte zwölf als ein
Dutzend auffassen.«

Ich nicke. »Aber nicht wegen dieser furchtbaren Möglichkeit allein sind
Sie ausgeschaltet worden. Es mußte ja auch einer außerhalb bleiben, um
unbefangen urteilen zu können und mir dann --«

Georgi prallt einen Schritt zurück und hebt die Hände mit einer
entsetzten Abwehrgeste hoch. Aber ich fahre unbeirrt fort: »Sie wissen
doch, was vom Merker geschrieben steht: Er werde so bestellt, daß weder
Haß noch Lieben das Urteil trüben, das er fällt. -- Und ich dachte, Ihre
wohltuend kühle Sachlichkeit --«

»Sachlichkeit!« wiederholt er empört, »für dieses harte und ungerechte
Wort will ich mich bösartig rächen, und zwar am liebsten auf der Stelle
durch eine peinlich sachliche Kritik.«

»Erst Kaffee trinken,« bitte ich, und er setzt schnell hinzu, während er
zufrieden den Tisch überblickt: »Wobei ich nur nebenbei bemerken möchte,
daß ich jeder Art von Bestechung zugänglich bin.«

»Ich weiß,« antworte ich, »und habe deshalb Ihre Lieblingskeks backen
lassen, die ganz dünnen, die hauchzarten und zerbrechlichen, mit einem
Wort, die Ästheten unter den Keks.«

»Reizend!« lacht Kurt Georgi, und seine länglich geschnittenen Augen
werden ganz schmal vor Vergnügen:

»Diese Erzeugnisse einer überraffinierten Kultur sind gewiß so
bekömmlich, daß selbst die zarteste Dame ein Dutzend davon verschlingen
kann.«

»Nur elf, wie Sie wissen,« berichtige ich, »und außerdem --
verschlingen, wie vulgär! Genießen sagt man, oder auf der Zunge zergehen
lassen, wenn es sich um etwas so Ästhetisches und Delikates handelt.«

»Wie um Ihre Gespräche hier zum Beispiel,« bemerkt er mit einer Bewegung
nach dem Manuskript hin. »Die haben entschieden etwas, was auf der Zunge
zergeht, und außerdem --«

»O weh,« unterbreche ich ihn, »wir kommen nicht drum herum, Sie müssen
erst Ihre Kritik loswerden, vorher schmeckt's Ihnen nicht. Aber hüten Sie
sich, wer weiß, ob Sie nachher noch etwas bekommen.«

»Ich werde nicht zu ehrlich sein,« versichert er schnell.

»Darum möchte ich auch energisch bitten,« sage ich, »denn Sie
wissen, ich gehöre zu den seltenen Menschen, die ehrlich genug sind,
einzugestehen, daß ihnen Ehrlichkeit in den Tod verhaßt ist.«

»Wundervoll, wie Sie mir die Aufgabe erleichtern,« antwortet Georgi.
»Aber ich hätte mir auch im anderen Fall kein Gewissen aus meiner
Unehrlichkeit gemacht. Denn es ist doch wahrhaftig ganz und gar
gleichgültig, was man in solchen Fällen sagt. Die Kritik kann noch so
verneinend sein, der andere hört von allem nur das Ja. Noch dazu, wenn der
andere eine Frau ist.«

»Der Anfang ist verheißungsvoll,« sage ich, und decke die Mütze über
die Kaffeekanne, »kommen Sie also zur Sache!«

»Also,« holt Kurt Georgi aus, bequem zurückgelehnt und mit beiden
Händen die Lehnen des Sessels umspannend, »fürs erste: Ich finde die
Idee des Buches nett und originell. In elf zwanglosen Plaudereien sind elf
junge Männer geschildert, die nur durch die Freundschaft zu einer Frau,
also sozusagen durch eine Art Personalunion, miteinander verbunden sind.«

Ich nicke dankbar und er fährt fort: »Vor allem bewundere ich dabei, wie
geschickt und zartfühlend Sie es verstanden haben, in diesen Gesprächen
jede allzu prägnante Charakterschilderung der Freunde zu vermeiden.
Das Buch hätte im anderen Fall leicht die Art eines Schlüsselromans,
wenigstens für Ihren Kreis, annehmen können, und das wäre natürlich
höchst unfair gewesen.«

Da ich diesmal kein Zeichen des Einverständnisses gebe, setzt er mit einem
schnellen Blick nach den Keks und einer kleinen Neigung des Kopfes hinzu:
»Wie gesagt, ich achte Ihre Zurückhaltung.«

»Sehr fein,« lobe ich. »Reden Sie nur weiter. Es ist geradezu ein
exquisites Vergnügen, von Ihnen massakriert zu werden.«

Kurt Georgi lehnt den Kopf im Sessel hintenüber und schaut einen
Augenblick sinnend zur Stubendecke hinauf. Dann spricht er vorsichtig,
beinah tastend weiter:

»Nun könnte man ja auch sagen, und der intelligente Leser wird es
zweifellos tun und damit das Verdienst Ihrer Zurückhaltung schmälern,
man könnte sagen, daß Sie die Freunde nicht schärfer charakterisieren
konnten. Zum Teil schon deshalb nicht, weil Sie sich darauf kapriziert
haben, sie fast ohne jede Beziehung zur Außenwelt zu zeigen und alle
in der gleichen Atmosphäre und vom gleichen Gesichtswinkel aus gesehen.
Dieser Umstand hat unbedingt etwas, nun ja, sagen wir etwas Nivellierendes,
und die jungen Männer, so verschiedenartig sie sein mögen, erscheinen
daher alle wie Glieder einer --« Georgi deutet mit einer seiner
überlebensgroßen Gesten einen weiten Kreis an -- »wie Glieder einer
großen Familie.«

»Die sie ja in einer gewissen geistigen Art auch wirklich sind,« werfe
ich ein, doch er achtet nicht darauf und spricht lebhaft weiter, den
Zeigefinger hebend:

»Nun kommt aber eine merkwürdige Erscheinung: Zwischen all diesen
Köpfen schaut wie im Vexierbild ein Kopf hindurch; das eine Porträt wird
sichtbar, das Sie wahrscheinlich nicht zu zeichnen beabsichtigten, und
das nun, ich sage beileibe nicht ›deshalb‹, das nun das einzige von
zwingender Ähnlichkeit geworden ist: das Porträt der Frau.«

»Lieber Freund,« sage ich, »wie ist das möglich? Nicht ein einziges
Wort spricht die Frau in dem Buch über sich und ihre Empfindungen. Sie
schweigt sich und ihr Leben ja geradezu tot, und mir scheint es jetzt
sehr bezeichnend für das Wesen der Freundschaft zu sein, daß keiner der
Freunde je diese Verschwiegenheit bemerkt.«

»Drollig,« lächelt Kurt Georgi und streift die Asche vorsichtig von
seiner Zigarette, »drollig, daß wir oft am Schluß Tiefen in unseren
Werken finden, von denen wir selbst nichts geahnt haben. -- Aber
hoffentlich ist Ihnen diese unvermutete Tiefe nicht peinlich, gnädige
Frau, denn es ist ja sonst in dem Buch jede Spur von Gründlichkeit aufs
Sorgsamste vermieden. Alle Dinge sind nur im Flug berührt, alle Fragen nur
mit den Fingerspitzen angefaßt, alles schwebt sozusagen in der Luft. In
einer sehr angenehmen, wohltemperierten, nur wenig parfümierten Luft, in
der nicht gelacht und nicht geschrien wird, in der man nur lächelt und
plaudert. -- Und dann, gnädige Frau --«

Er setzt sich plötzlich im Sessel aufrecht und streckt mir mit einer
verzweifelt flehenden Gebärde die Hände entgegen: »Was haben Sie sich
um Gottes willen dabei gedacht, nicht eine Spur von Pikanterie in diese
Gespräche zu mischen! Wie in aller Welt glauben Sie, ein Publikum zu
finden, wenn Sie die erotischen Probleme mit einer so geradezu minutiösen
Sauberkeit behandeln? Mein Gott, der Titel verpflichtet doch schon beinah!
Ja, wenn Sie schon berühmt, oder wenigstens auf irgendeine sensationelle
Art gestorben wären! -- Man liest ja schließlich auch die Droste und
Eichendorf und Hölderlin, und neuerdings ist bei den Obersnobs Klopstock
wieder modern geworden und wird bald so bedeutend sein wie Goethe -- aber
lebend und unberühmt und weder pikant noch pervers! -- Unmöglich!«

Und Kurt Georgi macht eine abschließende Handbewegung, die mich erledigt,
und lehnt sich mit allen Zeichen der empörten Hoffnungslosigkeit im Sessel
zurück.

»Vielleicht lockt der Titel,« versuche ich einzuwenden. »Oder wenn man
einen himmelschreiend neuartigen Buchdeckel machte --«

»Nein, nein,« wehrt er ab, »uns bleibt nur zu hoffen, daß der eine
oder der andere Ihrer eventuellen Leser in dem Umgehen jeder erotischen
Pikanterie eine besonders prickelnde Nuance entdeckt. Ja, sehen Sie,«
setzt er wie neubelebt durch diesen Hoffnungsstrahl hinzu, »das halte ich
noch nicht für ganz ausgeschlossen.«

»Diesem verständnisvollen Leser möchte ich schon im voraus dankbar die
Hand drücken,« sage ich lachend, »und ihn unter meine Freunde einreihen,
denn er hat richtig erkannt, daß die ungesprochenen Worte meist die
bedeutungsvolleren sind, daß sie noch wahrer zu reden verstehen und --«
Ich stocke, denn Kurt Georgi blickt mir, den Kopf in die Hand gestützt,
mit einem forschenden Blick in die Augen.

»Und noch feiner zu lügen,« setzt er langsam hinzu.

»Nein, nein,« winke ich ein bißchen nervös ab, »ehrlich werden ist
gegen die Abrede und in dieser Atmosphäre so wenig angebracht wie Schreien
oder große Worte machen in diesem Buch. Die Frau hier und dort ist nun
einmal nicht für die großen Worte geschaffen, ebensowenig wie für die
großen Erlebnisse.«

»Das weiß Gott,« nickt Georgi elegisch. »Dazu ist sie leider
nicht trivial genug. Sie sitzt lieber wie die besonders kostbaren und
zerbrechlichen Kunstwerke in den Museen unter einer Glasglocke oder von
einer roten Schnur umgeben, die sie kaum bemerkbar, aber unüberwindlich
von der Welt abschließt. Und da sie gewohnt ist, jede Arbeit im Leben von
anderen für sich verrichten zu lassen, so läßt sie natürlich auch die
anderen für sich erleben. -- Was übrigens sicher der höchste Grad von
Vornehmheit ist.«

»Lieber Georgi,« sage ich, »was heißt denn erleben? Müssen wir denn
immer leibhaftig mitagieren und die Bombenrolle in dem Stück spielen? Muß
es nicht auch Zuschauer geben, die entzückt oder schaudernd miterleben,
was sich auf der Bühne begiebt?«

»Nein,« antwortet er, »auch der Zuschauer da unten muß ein eigenes
Leben haben, wie könnte er sonst Schauer und Entzücken fühlen? Nur
die Wonnen, die in unserem eigenen Empfindungsbereich liegen, können uns
erregen, und nur der Schmerz, der unserem eigenen verwandt ist, rührt uns
zu Tränen.«

»Und so weint im Grunde genommen jeder nur um sich selbst.«

»Und wenn ich eine Minute lang ehrlich sein darf,« fährt Georgi fort,
»ich glaube auch gar nicht an dies vollkommen selbstaufgegebene Miterleben
und an die lächelnde Gleichmäßigkeit der Frau in Ihrem Buch. Viel eher
glaube ich, daß sie in diesen Gesprächen eine schwere Enttäuschung nicht
totschweigt, wie Sie meinten, sondern totplaudert, was ja manchmal dasselbe
bedeutet. Und noch eher glaube ich, und sage es, selbst auf die Gefahr hin,
bei der Verteilung der Ästhetenkeks leer auszugehen, noch eher glaube
ich, daß sie ein ganz raffinierter kleiner Racker ist. -- Ja, ich würde
vorschlagen,« und Kurt Georgi deutet das Folgende in seiner lebhaften
Gebärdensprache an, »ich würde vorschlagen, an der roten Schnur in
Manneshöhe eine Warnungstafel für geistreiche und gemütvolle junge Leute
anzubringen: ›Hier liegen Fußangeln‹ --«

»Scht! Scht!« winke ich erschrocken ab, und er setzt schnell hinzu: »Es
war natürlich von der Frau in dem Buch die Rede.«

»Das versteht sich,« antworte ich, »und ich bin glücklich über Ihr
Urteil, so hart es ist. Denn daß diese Frau es vermocht hat, Furcht und
Mitleid in Ihnen zu erregen, genau nach der altgriechischen Vorschrift für
Kunstwerke, das spricht doch ungeheuer für mich und mein Buch. Es ist der
kleine süße Kern, den ich aus Ihrer bitteren Kritik herausschäle, das
Ja, daß ich trotz aller Verneinung höre. -- Und nun sollen Sie doch unter
die Freunde hier aufgenommen werden, und zwar nicht als letzter, sondern
als erster im Dutzend. Ich will unser heutiges Gespräch als Einleitung in
das Buch setzen, denn nach einem Vorwort habe ich schon lange verzweifelt
gesucht. Da weiß der Leser doch gleich, woran er ist, und die Sache hat
noch das Gute, daß die Einleitung zugleich als Schlußwort gelten kann.«

»Gott bewahre,« sagt Kurt Georgi entsetzt, »auf so etwas hätte man
doch wenigstens vorbereitet sein müssen. -- Aber,« setzt er nachdenklich
hinzu, »wenn ich auf die ökonomische Ausschlachtung meiner geistigen
Arbeit eingehe, welche Belohnung haben Sie mir zugedacht?«

Ich sehe ihm in die vor Schelmerei ganz schmal gewordenen Augen und muß
unwillkürlich lächeln.

»Ja, ja,« nickt er, »hier wäre die beste Gelegenheit, eine Pikanterie
anzubringen, wenn ich Ihnen diesen literarischen Rat erteilen darf.«

»Unmöglich!« sage ich und schiebe den kleinen Tisch mit Kaffee und
Kuchen zwischen uns. »Was sollte der Leser von uns denken!«



Das typische Erlebnis

[Illustration]


Wir haben lange geschwiegen, und es ist so still im Zimmer, daß das Ticken
der Uhr schon anfängt, aufdringlich zu werden. Endlich hebt Frank Meinert
den Kopf mit dem zerwühlten schwarzen Haar, und über sein blasses,
meist etwas verdrossenes Gesicht geht langsam das halb verlegene, halb
selbstironische Lächeln, das ich sehr an ihm liebe.

»Weiß der Himmel,« sagt er und wirft mit einer bei ihm ungewohnt
lebhaften Bewegung das Zigarettenrestchen in die Aschschale, »in dieser
fabelhaften Feiertagsstille kann ich mich unmöglich auf meine Leiden
besinnen.«

»Schade,« antworte ich und schiebe ihm die Pralinés näher, »ich werde
auf diese Weise nie erfahren, was Sie bedrückt und weshalb Sie sich seit
ein paar Wochen so in den Wirbel des Weltlebens gestürzt haben, daß es
fast keine festliche Veranstaltung in Hamburg gibt, bei der nicht Frank
Meinert bleich, mürrisch und zerwühlt, ein Miniatur-Beethoven, in einer
Saalecke hockt. -- Oder sollte zwischen diesen Dingen kein Zusammenhang
bestehen?«

Das Lächeln um Franks großen und nervös-beweglichen Mund wird lebhafter.
»Ja,« sagt er und sucht sich bedächtig seine Lieblingspralinés heraus,
»so ist meine Art zu leiden.«

»Vernünftig,« lobe ich, »aber leider nicht neu. Jeder, der etwas auf
seine Leiden hält, führt sie an fashionable Betäubungsstätten. Ich
hätte von Ihnen etwas Originelleres erwartet.« -- »Ihr alter
Fehler!« bemerkt er mürrisch und fährt nach einem kurzen Schweigen mit
überraschend einsetzender Beredsamkeit und nervös flackerndem Gesicht
fort:

»Sie leiden an einem fundamentalen Mangel an Menschenkenntnis. Ich bin
kein Originalitätsfex, wie Sie hartnäckig annehmen. Und es spricht auch
wieder einmal bedauerlich wenig für Ihren psychologischen Blick, wenn Sie
glauben, daß ich im Trocadero oder beim Bösen-Buben-Ball oder etwa bei
den Massenmorden der Harvestehuder Gesellschaft Betäubung gesucht habe.«

Und da ich ihn erwartungsvoll ansehe, fährt er langsamer fort: »Sie haben
es wohl noch nie erfahren, wie innig man seinen Schmerz lieben kann, gerade
inmitten der Vielen, denen man so unendlich überlegen ist.« Und leise
setzt er hinzu: »Weil man zu den Auserwählten gehört, die leiden.«

»Lieber Freund,« sage ich und stütze den Kopf in die Hand, »selbst
auf die Gefahr hin, Ihnen eine Glücksquelle zu verschütten: Glauben Sie
wirklich, daß es nur die Auserwählten sind, die leiden?«

»Gewiß,« antwortet er eifrig, »denn zum wirklichen Unglücklichsein
gehört ein Maß von seelischer Tiefe, das nur wenigen eigen ist. Wie
natürlich zu jedem großen Gefühl. Nicht nur der Schmerz, auch das Glück
will getragen sein.« Ich nicke: »Insbesondere das der anderen. An dem
schleppen wir oft unglaublich schwer. Das eigene Glück soll sich nicht
schwer tragen, sagt man.«

Frank Meinert ist aufgestanden und geht, seiner Gewohnheit nach heftig
rauchend und ein wenig schlurfend, im Zimmer auf und ab.

»Aber die Fähigkeit zum Glück muß da sein,« sagt er vor sich hin,
»die ganz gemeine Begabung dazu, und die ist es, die mir fehlt. -- Das
ist das merkwürdige bei mir, und ich habe schon unendlich viel darüber
nachgedacht: Warum habe ich nur so gar kein Talent zum Leben?«

»Nicht so schlurfen!« bitte ich ein bißchen nervös und sage dann,
während ich mir eine frische Zigarette anzünde: »Sie haben ja so
viele andere Talente,« -- und nach einer kleinen Pause -- »wie weit ist
eigentlich Ihr --.« -- »Ä!« unterbricht er mich mit einer Gebärde des
Ekels, »glauben Sie vielleicht, daß ich jetzt arbeiten kann?« Und mit
ironisch übertriebenem Pathos die Arme reckend: »Ich bin augenblicklich
in der Periode des Erlebens!«

»Natürlich,« nicke ich ihm zu, »die muß erst überwunden sein, und ich
bin mir schon lange darüber klar, daß Arbeit wirklich nur etwas für die
Leute ist, die nichts zu tun haben.«

Frank lächelt nachsichtig und läßt sich auf dem Klavierstuhl nieder, den
er trotz seiner eminenten Unbequemlichkeit allen anderen Sitzgelegenheiten
vorzieht, wie überhaupt sein Wesen zwischen Trägheit und dem Hang zur
Selbstquälerei hin und her schwankt.

»Ihr Sarkasmus trifft mich nicht,« sagt er und öffnet langsam und
zerstreut den Flügel, »es war natürlich nur von innerem, nicht von
äußerem Erleben die Rede.« -- »Ich kenne diese Unterscheidung gar
nicht,« antworte ich, »was wir nicht innerlich erleben, erleben wir doch
überhaupt nicht.« -- »Erlauben Sie, wenn ich nächstens infolge der
mangelhaften Treppenbeleuchtung in meiner Bude abstürzen und ein
Bein brechen werde, dann nenne ich das ein äußeres und kein inneres
Erlebnis.«

»Und ich nenne das einen Beinbruch, aber ein Erlebnis nenne ich es noch
lange nicht. Dazu könnte es nicht einmal durch eine seelische Beziehung
erhoben werden, wie zum Beispiel durch die Tatsache, daß Sie sich gerade
auf den Weg nach einer gewissen kleinen Konditorei --«

Frank, der, wie es seine Gewohnheit ist, mit gesenkten Lidern gesessen hat,
hebt plötzlich den Blick, und seine graugrünen Augen schillern feindselig
zu mir herüber. Er greift ein paar harte Akkorde und wendet sich,
plötzlich abbrechend, mit seinem spöttischsten Lächeln zu mir:

»Ihre diplomatischen Übergänge, fabelhaft geschickt! -- Übrigens danke
ich Ihnen für die Notbrücke, denn ich bin ja natürlich gekommen, um
Ihnen zu erzählen.«

Er nimmt seine Wanderung durchs Zimmer wieder auf, und ich warte eine Weile
vergebens.

»Nicht nur heute,« sagt er endlich hastig, »ich war in der letzten Woche
schon ein paarmal deshalb hier. Sie wissen das natürlich! Frauen wissen
bekanntlich immer alles. -- Aber es ist jedesmal wie verhext, wenn ich hier
sitze. So, als hätte ich das alles gar nicht erlebt, wovon ich sprechen
will, oder irgendwo drüben an einem anderen Ufer. -- Die Dinge werden
ja immer unwirklich, sobald man sie ausspricht. Und ich habe auch schon
geglaubt, damit fertig zu sein. Ich konnte schon darüber lächeln. -- Ä,
das sagt nichts, man lächelt immer darüber, aber es kam schon vor, daß
ich eine Stunde lang nicht mehr daran dachte, und das ist weiß Gott schon
viel. Da sagen Sie jetzt das eine Wort von der kleinen Konditorei, und
alles ist wieder da, als wäre es niemals weg gewesen. Und es hilft kein
Sichdagegenwehren, und es macht einen schwach und muskellos, und man fragt
sich, ob man die verfluchte Quälerei nie los wird sein Leben lang.«

Und Frank Meinert steht einen Augenblick still und starrt vor sich hin,
dann setzt er sich plötzlich ruhig und wie ausgelöscht auf seinen Stuhl.

»Frank,« sage ich leise, »schelten Sie nicht so auf Ihre Schmerzen, Sie
fühlen doch daran, daß Sie leben.«

»Weiß Gott, ich fühl's!« stößt er heraus. »Aber glauben Sie
vielleicht, daß ich großen Wert darauf lege?«

Ich antworte nicht und reiche ihm die Zigaretten hinüber, und er sagt mit
einem träumerischen Blick, der sein häßliches Gesicht plötzlich schön
erscheinen läßt: »Den hätte ich kennen mögen, der zuerst von
allen Menschen den Entschluß gefaßt hat, freiwillig zu gehen. Welche
unbegreifliche Erhabenheit lag in dieser Tat, als sie zum erstenmal
geschah!«

Ich nicke, und wir sehen beide schweigend in die Wolken unserer Zigaretten.
Endlich fährt er fort:

»Ich muß manchmal geradezu vor mich hinlächeln, wenn ich daran denke,
daß der große Baumeister bei all seiner Klugheit eine Lücke in
seinem Gebäude gelassen hat, ein kleines Loch, durch das wir still
hinausschlüpfen können, wenn es uns da drinnen nicht mehr gefällt.«

»Ja, Frank,« sage ich nachdenklich, »das wäre eine schöne Einrichtung,
wenn sie nicht so unvollkommen wäre. Wenn nicht die zweite Lücke fehlte,
durch die wir still wieder hineinschlüpfen können, wenn es uns da
draußen nicht gefällt.«

»Natürlich,« antwortet er, »Sie verlangen für jede Hintertür noch
ein Hintertürchen! Ich finde, es ist schon fabelhaft tröstlich, daß man
einfach weggehen kann, wie man von einem Ball geht, der anfängt langweilig
zu werden, oder so.«

»Ach lieber Frank Meinert,« sage ich lachend, »wann hätten Sie das je
getan? Wer sitzt bei jedem Fest bis zum Kehraus gähnend und fröstelnd und
gelangweilt in einem Klubsessel und ist nicht wegzukriegen?«

»Nun ja,« gibt er mit einem nachsichtigen, fast zärtlichen Lächeln zu,
»ich muß mich einer Art Trägheit schuldig bekennen, eines Mangels an
körperlicher Initiative, wenn Sie wollen.« -- »Ja,« seufze ich, »daher
auch das Schlurfen. Und in Gesellschaften da sitzt sich's immer so gut im
Klubsessel und draußen ist vielleicht scheußliches Wetter, da bleibt man
eben. Und eigentlich tun Sie auch ganz recht daran, zu bleiben, denn
wer kann wissen, ob nicht am Schluß etwas unglaublich Schönes, etwas
fabelhaft Anregendes und Sensationelles kommt. Und deshalb, -- sehen Sie,
auch deshalb schon ist's besser, man wartet bis zum Schluß.«

Wir schweigen beide, und dann sage ich in die Dämmerung hinein, die
inzwischen gekommen ist:

»Ist es denn wirklich zu Ende mit Margot und Ihnen? Ist's nicht wieder nur
ein Hinziehen, wie schon so oft?« Er schüttelt den Kopf, und ich
spüre es wieder einmal deutlich bis zum Schmerz, daß wir nie ärmer und
hilfloser und verlogener sind, als wenn wir mit Worten trösten wollen. Und
es ist ganz still im Zimmer, bis ich endlich sage:

»Wir erleben es alle einmal, und in jedem von uns wird etwas dadurch
geknickt oder zerschlagen. Bei den Durchschnittsmenschen da heilt es
schwer, es blutet nach innen, weil kein Ventil da ist. Aber bei Ihnen gibt
es ein Ventil, Ihr Schmerz wird ausströmen und tönen, und dann wird aus
Ihrer Arbeit erst das Werk geworden sein, das Sie uns schuldig sind. Und
Sie wachsen über Ihre Schmerzen hinaus und fühlen doch, daß es die
Schmerzen sind, die Ihr Leben reich gemacht haben.«

Er sieht mich zerstreut an und sagt nach einem kurzen Schweigen gequält:
»Wenn ich nur wüßte, warum es immer so kommen muß.«

Und ich weiß, daß ich umsonst geredet habe. Und versuch's doch noch
einmal: »Vielleicht gibt es einen Grund dafür, der tiefer liegt, als
Sie ihn suchen. Vielleicht sollen Sie jetzt nicht glücklich sein, Frank
Meinert, vielleicht sollen Sie nie auf die Art glücklich sein, weil Sie zu
anderem bestimmt sind als zu einem bißchen Rausch, und dann im besten
Fall zu lebenslänglichem, spießbürgerlichem Behagen. Dazu sind Sie dem
Schicksal zu schade. Und mir auch, trotz Ihrer Sauertöpfigkeit und der
verdrießlichen Grimassen, die Sie sich nicht abgewöhnen wollen.«

Er brütet noch immer vor sich hin, aber ein bißchen wetterleuchtet's
schon in seinem unruhigen Gesicht. »Ich weiß, daß ich nie glücklich
sein werde,« sagt er, »und ich weiß, daß ich einsam bleiben muß. Das
ist merkwürdig bei mir, daß ich es von jeher gefühlt habe, schon
als Kind zwischen all den Geschwistern. Und dies immer und immer wieder
Enttäuscht- und Einsamwerden, das wird mein Schicksal bleiben, ich weiß
es. Es ist mein typisches Erlebnis, wie Nietzsche sagt.«

Ich nicke und bin nun schon ganz beruhigt: Fürs erste hat Frank Meinert
sein Spielzeug gefunden.

»Ob ich die Einsamkeit werde tragen können?« sagt er vor sich hin, »nur
die Größten haben es gekonnt.«

»Es ist doch nur das äußere Einsamsein,« antworte ich. »Innerlich sind
wir ja immer allein, nur daß wir's oft nicht wissen. Aber in den lichten
Momenten, in denen wir das ganze Dasein als sinnlos, dunkel und verworren
empfinden -- denn das sind unsere lichten Momente, Frank Meinert --, da
wissen wir, daß wir einsam sind, wie ein Wanderer in sturmdunkler Nacht.
Da wissen wir auch, daß aus zweien niemals eins werden kann.«

»Ja,« nickt Frank langsam vor sich hin, »auf uns trifft das zu, weil wir
Ganze sind. Halbe können vielleicht zu einem Ganzen verschmelzen, unsere
Bestimmung ist es, allein und wir selbst zu bleiben. --

Weshalb lächeln Sie?« fragt er plötzlich mißtrauisch und gereizt.
Ich bestreite, gelächelt zu haben und drehe das Licht an, um ähnlichen
Irrtümern vorzubeugen. Und Frank sagt leise, den Kopf in die Hand
gestützt: »So kommt man also früh zur Resignation.«

Jetzt lächle ich wirklich: »Ach nein, lieber Freund, so leicht kommt man
nicht zur Resignation, wie Sie in diesem Augenblick glauben. Da müssen
noch viele bittere Schmerzen durchgebissen und überwunden werden, ehe
Sie dahin gelangen. Resignation, das ist die reifste Frucht an unserem
Lebensbaum.«

»Und doch die bitterste,« sagt er, und wir schweigen beide.

Plötzlich sieht er nach der Uhr, steht mit einem Ruck auf und streckt mir
seufzend die Hand hin: »Ich muß gehen. Es ist fabelhaft, wie in diesem
Zimmer die Zeit versinkt! Schon die Tapete hat so etwas unglaublich
Wohltuendes. Aber ich muß an die Arbeit.«

Ich nicke. »Man muß sich rühren, wenn man über Wasser bleiben will.«

Wir stehen einen Augenblick, und dann sagt Frank:

»Ob wohl alle Menschen ihr typisches Erlebnis haben?«

»Ich glaube wohl,« antworte ich, »aber die wenigsten sind sich dessen
bewußt. Und es gibt auch viele Menschen, deren typisches Erlebnis
›Nichterleben‹ heißt.«

Und da er mich fragend ansieht, setze ich hinzu: »Das will ich Ihnen
noch sagen, Frank, weil es vielleicht ein Trost für Sie ist: Nicht das
Unglück, das uns trifft, schafft uns das bitterste Leid. Viel schwerer als
das traurigste Erlebnis belasten uns die unerlebten Dinge, die Ahnung der
tausend Möglichkeiten, für die wir uns bestimmt und gerüstet fühlen,
und die sich uns niemals ereignen.«

Es ist eine Weile still im Zimmer, dann fragt Frank Meinert:

»Wann darf ich wiederkommen?«

»Sobald Sie wollen,« antworte ich.

»Dann darf ich Ihnen morgen ausführlich erzählen, wie das alles kam, mit
Margot und mir?«

»Gewiß,« antworte ich und lächle erst, nachdem die Tür sich hinter ihm
geschlossen hat.



»Hat sie wirklich so schöne Schultern?«

[Illustration]


»Gnädige Frau,« sagt der sehr hübsche junge Mann, »ich möchte Ihnen
für mein Leben gerne etwas sagen. Es quält mich, seit ich hier sitze und
Sie ansehe, aber ich wage es nicht.«

»Ist es etwas so Schlimmes?« frage ich, »dann verschweigen Sie es
lieber. Sie wissen, ich lasse mir meine Kaffeestunde nicht gerne stören.«

»Es ist nichts Schlimmes,« antwortete er, »aber es brennt mir auf der
Zunge.«

»Dann hoffe ich, daß es eine brennend pikante Geschichte ist. Aber ich
warne Sie, je amüsanter sie ist, um so schwerer werde ich sie für
mich behalten können. Verschwiegenheit gehört nun einmal nicht zu
den Tugenden, die ich von mir verlange, denn man muß auch sich selbst
gegenüber in seinen Ansprüchen maßvoll sein.«

Georg Wendringer lacht: »Zum Glück beansprucht das, was ich Ihnen sagen
will, keine Diskretion. Es ist nicht einmal neu, und eigentlich ist es nur
_ein_ Satz: -- Gnädige Frau, Sie sind unglaublich schön.«

Ich muß hell herauslachen. »Ist das alles?«

»Ja,« sagte er, »das ist alles, und es ist eine wundervolle Befreiung,
es gesagt zu haben. Und Sie sind nicht böse?«

»Ich weiß noch nicht,« antworte ich. »Es liegt natürlich eine
Beleidigung darin, besonders in dem ›unglaublich‹, das eine böse
Nebenbedeutung haben kann. Aber diesmal will ich's nicht so nehmen und
Ihnen sogar gestehen, daß es für eine Frau nichts Wohltuenderes und
Erwärmenderes gibt, als das Bewußtsein, schön gefunden zu werden. Alle
Bewunderung für unsere Tugenden, ja sogar für unsere Liebenswürdigkeit
und unseren Geist läßt uns kalt, denn sie ist nicht das Primäre.«

»Ich sehe, Sie sind nicht böse,« sagt er vergnügt, »dann darf ich mehr
sagen.«

»Davon möchte ich abraten,« antworte ich, »jedes Mehr müßte den guten
Eindruck stören, den Sie bis jetzt gemacht haben.« --

»So finden Sie also wirklich, daß für eine Frau Schönheit das Höchste
und Begehrenswerteste ist?« fragt er kopfschüttelnd, »von Ihnen hätte
ich das nicht gedacht.«

»Warum nicht von mir?« frage ich ein wenig erstaunt.

»Nun,« erklärt er mir, indem er versucht, seine langen Glieder in eine
etwas bequemere Lage zu bringen, »ich hatte bis jetzt immer gefunden,
daß nur die mehr klugen als schönen Frauen dieser Ansicht waren, während
umgekehrt die mehr schönen lieber für klug --.« Hier lache ich so
herzlich, daß er erschrocken innehält.

»Und da komme ich nun, mehr dumm als häßlich und doch immer noch klug
genug, nicht klug sein zu wollen und werfe Ihr ganzes schönes Schema über
den Haufen.«

»Habe ich wirklich so was Dummes gesagt?« fragte er kleinlaut.

»Ach nein,« beruhige ich ihn, »wenn ich von dem zweifelhaften Kompliment
für mich absehe, war es sogar eine sehr feine Beobachtung; Sie dürfen
sie aber nicht jeder Frau verraten, denn sie ist ein Messer, das auf beiden
Seiten schneidet. Wahr ist es übrigens schon, die Frauen, die sich ihrer
Schönheit bewußt sind, wollen für klug gelten, denn zwei Vorzüge sind
mehr als einer, und man überschätzt bekanntlich den Wert dessen, was man
nicht hat. Die Klugen sind klüger und wollen gern schön sein, denn sie
wissen, was das bedeutet und welche Macht darin liegen kann. Kann -- sage
ich, denn es gibt sehr viel Schönheit, die ungenutzt verlorengeht.«

»Ja,« antwortet er nachdenklich, »ich kenne zum Beispiel eine junge
Frau, die jeden Abend, wenn sie vorm Spiegel steht und ihr Haar bürstet,
›Schade, schade!‹ sagt.«

»Ich will nicht indiskret sein,« versichere ich, »welche Bemerkung
man übrigens immer voraus schickt, wenn man eine große Indiskretion
beabsichtigt, aber ich möchte mir doch die Frage gestatten: Hat die junge
Frau Ihnen das selbst erzählt?«

»Ich muß mit Oskar Wilde antworten,« sagt Georg Wendringer, »eine Frage
ist niemals indiskret, nur die Antwort kann es sein.«

»Gut geantwortet, Georg Wendringer und Oskar Wilde,« sage ich. »Und da
das Fragen nicht indiskret sein kann, so frage ich also getrost weiter: Hat
sie wirklich so schöne Schultern?«

»Ich glaube, ja,« antwortet Georg mit seinem verschmitzten Lächeln und
setzt, plötzlich ernst werdend, hinzu: »Übrigens sind wir nur sehr gut
befreundet ohne jeden erotischen Beigeschmack.«

Ich muß ein wenig ungläubig dreingeschaut haben, denn er fragt schnell:
»Aber Sie glauben vielleicht nicht an Freundschaft zwischen Mann und
Frau?«

»O Gott!« seufze ich, »seit meinem sechzehnten Jahr quält man mich mit
dieser Doktorfrage.«

»So haben Sie gewiß genügend darüber nachgedacht und können mir das
Resultat mitteilen.«

»Nein,« sage ich, »das werde ich nicht tun, denn ich habe mir
geschworen, auf diese Frage nicht mehr einzugehen, seitdem ein vorlauter
Jüngling mir auf meine Antwort hin die noch heiklere Frage gestellt hat:
Und was ist es also, was zwischen uns beiden besteht?«

Georg lacht: »Ich hatte nicht die Absicht, Sie in eine solche Falle zu
locken, aber ich möchte für mein Leben gern wissen, welche Antwort der
naseweise junge Mann bekam.«

»Die Antwort, die ich allen jungen Männern gebe, sobald sie anfangen,
naseweis zu werden. Ich habe gelacht, ihm die Zigaretten gereicht und
gefragt, ob er sich nicht zum Abschied noch bedienen wolle.«

»Das war hart,« sagt Georg, »denn seine Frage lag so nah, die
Gelegenheit war so günstig.«

»Was wäre denn Takt,« antworte ich, »wenn es nicht die Fähigkeit und
der Wille wäre, gute Gelegenheiten ungenützt zu lassen.«

Georg seufzt: »Schweigen ist aber oft sehr schwer!« und sieht so
bekümmert aus, daß ich lachen muß. -- »Ja, es muß sehr schwer sein.
Allein wenn ich bedenke, wie früh man sprechen lernt und wie spät erst
schweigen.«

Georg schüttelt den Kopf: »Das stimmt nicht ganz, so hübsch es klingt.
Denn es kann sich ja nur um das richtige Sprechen und das richtige
Schweigen handeln, und das lernt sich wohl gleich schwer und ist im Grunde
genommen dasselbe, denn eins ohne das andere ist wertlos und eben nicht das
Rechte.«

»Natürlich,« stimme ich bei, »Ihre Gründlichkeit hat wieder mal recht,
und ich muß es zugeben, trotzdem Sie mir damit meine schöne Sentenz
einfach totgeschlagen haben. Es muß auch das rechte Schweigen sein, denn
es gibt Menschen, die nur darum für verschlossen und abgründig tief
gelten, weil sie einfach nichts zu sagen haben, und weil man sich gar nicht
vorzustellen vermag, daß jemand wirklich so gar nichts zu sagen haben
kann. Ihre ganze Klugheit besteht darin, zu verbergen, daß sie nichts zu
verbergen haben, und es kann lange dauern, bis man dahinter kommt,
daß nichts dahinter ist, und daß sie durch und durch oberflächliche
Geschöpfe sind. Denn, so paradox es klingen mag, es gibt wirklich
Menschen, die durch und durch oberflächlich sind.«

Georg lacht: »Sie haben heute Ihren paradoxen Tag, aber es klingt wieder
sehr hübsch, und ich werde mich diesmal hüten, Ihre schönen Sentenzen zu
zerstören, so leicht und verlockend es wäre.«

»Ich kenne aber noch eine andere Art von falschen Schweigsamen,« fahre
ich fort, »das sind die, die in Gesellschaft mürrisch und verschlossen
sind und selten den Mund auftun, außer zum Gähnen, weil es nur ein
einziges Thema für sie gibt, und das ist ihre eigene Person. Wie
gesprächig werden sie aber, wenn sie auf dies Thema kommen! Es ist ihnen
gleichgültig, wer zuhört, es liegt ihnen auch nichts daran, sich in ein
besonders gutes Licht zu setzen, ja, sie verleumden sich lieber, ehe sie
eine Gelegenheit vorbeigehen lassen, von sich zu sprechen, und sie
können in einer Viertelstunde mehr von sich preisgeben, als andere gerne
plaudernde Menschen in Jahren.«

Georg zieht nachdenklich den Rauch seiner Zigarette ein, bläst ein paar
Ringe und fragt dann: »Steckt nicht in den meisten von uns etwas von
dieser Leidenschaft? Und bedeutet sie nicht eigentlich nur eine übergroße
Ehrlichkeit?«

»Nun ja,« sage ich, »insoweit ein gewisser Mangel an Schamgefühl
Ehrlichkeit bedeutet.« -- »So meinte ich's nicht,« unterbricht er mich,
»ich meinte die Ehrlichkeit, die darin liegt, kein Interesse heucheln zu
wollen. Und ist es nicht fast immer Heuchelei, wenn wir vorgeben, es
könne uns irgend etwas auf der Welt mehr interessieren als unsere eigene
Person?«

Ich muß lachen, »eine Unterhaltung zwischen mehreren solcher
Ehrlichkeitsfanatiker stelle ich mir sehr reizvoll vor. Übrigens müssen
sie doch bedenken, daß wir mit jedem Wort, das wir sprechen, von unserer
eigenen Person ausgehen und deshalb, streng genommen, immer nur von
uns reden. -- Das sollte selbst dem unersättlichsten auf diesem Gebiet
genügen.«

Wir schweigen eine Weile, und ich sehe, daß Georg, trotzdem er scheinbar
seine Rauchringe aufmerksam verfolgt, mit einem Entschluß kämpft.
Plötzlich blickt er auf und sagt: »Verzeihen Sie, daß ich so zerstreut
bin -- aber -- ich habe eine Bitte.«

»Zerstreutheit ist bekanntlich immer der höchste Grad von Aufmerksamkeit,
nämlich für eine andere Sache,« antworte ich, »und deshalb dachte
ich mir's gleich, daß Sie etwas auf dem Herzen haben. Also -- herunter
damit.«

»Ja,« sagt er ein bißchen stockend, »es ist vielleicht eine sonderbare
Bitte, aber Sie werden mich nicht mißverstehen: Ich möchte Sie für mein
Leben gern mit meiner Freundin bekannt machen.«

Ich schweige einen Augenblick und frage dann, um Zeit zu gewinnen: »Ist es
die junge Frau mit den schönen Schultern?«

Er nickt und seine blauen Augen blicken mich treuherzig ernsthaft an.

»Lieber Freund,« sage ich und drücke mein Zigarettenstümpfchen langsam
aus, »was versprechen Sie sich für Ihre Freundin und mich davon?«

»Oh, sehr viel,« antwortet er lebhaft, »vor allem für Lilly. Sehen Sie,
sie hat nicht den richtigen Verkehr, -- wenigstens ich finde das, sie
ist ja leider ganz zufrieden damit, aber ich hoffe, wenn sie Sie
kennenlernt --«

»Hat sie denn den Wunsch geäußert?« frage ich und sehe, wie eine kleine
Verlegenheit über sein ehrliches Gesicht schleicht.

»Das nun gerade nicht,« sagt er, »es ist eigentlich mehr ein Wunsch von
mir. Aber ich bin sicher --«

»Ganz gewiß,« antworte ich, »aber wenn die junge Frau mit ihrem Verkehr
zufrieden ist --«

»Aber ich sage Ihnen ja, ihr Verkehr ist nicht der richtige,« unterbricht
mich Georg erregt. --

»Der Verkehr, mit dem man zufrieden ist, ist eigentlich immer der
richtige,« antworte ich, »und vielleicht wäre ich ganz und gar der
unrichtige. Sie überschätzen mich sicher, trotzdem Sie mir vor ein paar
Minuten den Verstand so ziemlich abgesprochen haben.« -- »Das habe ich
nicht getan,« verteidigt er sich, »Sie wissen es recht gut, und was Sie
jetzt sagen, entspringt wieder Ihrer übergroßen Bescheidenheit!«

»Bescheidenheit ist ein Ding, das ich überhaupt nicht kenne, weder bei
mir noch bei anderen,« antworte ich, »und ich behaupte, es ist ein Wort,
dessen Inhalt nicht existiert.«

»Das ist eine kuriose Behauptung,« kopfschüttelt Georg.

»Sehr einfach,« erkläre ich ihm, »entweder ein Mensch kennt seine
Vorzüge nicht, dann ist seine Bescheidenheit nicht Bescheidenheit, sondern
die selbstverständliche Folge seiner Selbsteinschätzung. Oder ein Mensch
kennt seine Vorzüge, dann kann seine Bescheidenheit nichts anderes sein,
als Heuchelei, im besten Falle Anstandsgefühl oder Rücksichtnahme auf
Schwächere, alles, nur keine Bescheidenheit.«

»Auf diese Weise läßt sich alles aus der Welt wegdisputieren,« sagt
Georg verstimmt, »aber ich bin optimistisch genug zu behaupten, --« --
»Ich muß Sie noch weiter ärgern,« unterbreche ich ihn lachend, »und
behaupte, daß es mit dem Optimismus fast dieselbe Sache ist. So sicher
Sie nämlich in dem Moment unbescheiden sind, in dem Sie sich Ihrer
Bescheidenheit bewußt werden, so sicher sind Sie nicht mehr optimistisch
in dem Augenblick, in dem Sie sich so nennen. -- Ich will das erst
beweisen,« fahre ich fort, da er versucht, Einwendungen zu machen.

»Optimistisch sind Sie, solange Sie die Welt schöner und besser sehen,
als sie ist. Sobald Sie aber wissen, daß Sie die Welt besser sehen, als
sie ist, wissen Sie auch, daß sie eigentlich schlechter ist, als Sie sie
sehen, und mit diesem Wissen stehen Sie schon auf der anderen Seite der
Weltanschauung und können fast für einen Pessimisten durchgehen. -- Und
jetzt dürfen Sie antworten.«

Aber Georg ist verdrießlich: »Daß ich kein Pessimist bin, weiß ich,
trotz Ihrer philosophischen Purzelbäume, und ich verwahre mich entschieden
dagegen.«

»Weshalb denn?« frage ich, »mir sind die Pessimisten sehr viel lieber
als die frischfröhlichen ›Lebensbejaher‹, wie es jetzt modern aber
etwas unklar heißt. Nur über eins habe ich manchmal nachgegrübelt und
weiß es nicht: Ist es das traurige oder das tröstliche Moment im Leben
der Pessimisten und Skeptiker, daß Sie zum Schluß immer recht behalten?«

Georg sieht mich einen Augenblick schweigend an, dann sagt er:

»Sie haben mir noch keine endgültige Antwort auf meine Bitte gegeben, und
ich müßte dümmer sein als ich bin, wenn ich nicht gemerkt hätte, daß
all Ihr Philosophieren nur den Zweck hatte, mich davon abzulenken. Aber ich
bestehe darauf, daß Sie --«

»Lieber Herr Wendringer,« sage ich ein wenig gedehnt und greife nach
dem Zigarettenetui, das ich ihm langsam hinüberreiche, »wollen Sie
nicht --.«

Georg ist rot geworden, er springt auf.

»Jawohl -- zum Abschied, ich verstehe.«

Aber schon im nächsten Augenblick geht ein spitzbübisches Lächeln über
sein Gesicht. »Liebe gnädige Frau, ich war naseweis; aber ich hoffe, Sie
machen mir das nicht zum Vorwurf, denn da bekanntlich die Bescheidenheit
ins Reich der Fabel gehört, wäre es doch unbescheiden, zu verlangen, daß
gerade ich --« -- »Jawohl,« sage ich lachend, »und ich werde bis zu
Ihrem nächsten Besuch darüber nachgrübeln, wie es kommt, daß es zwar
keine Bescheidenheit gibt, daß sich aber an Dreistigkeit vorerst noch kein
Mangel fühlbar gemacht hat.«

»Wann darf ich annehmen, daß Sie die Frage gelöst haben?« erkundigt
sich Georg.

»Das kommt darauf an, wie hoch Sie meinen Verstand einschätzen,«
antworte ich, und er verbeugt sich tief und sagt galant:

»Fast so hoch wie Ihre Schönheit.«



Was man von geschmackvollen Menschen verlangen darf

[Illustration]


Ich komme von Franz Lindners Trauung und steige langsam und nachdenklich
die Treppe der eleganten schwiegerelterlichen Villa hinunter. Neben, vor
und hinter mir drängt sich die Schar der übrigen Gäste, und plötzlich
sagt jemand halblaut in der Nähe meines Ohres: »Eine schöne Leich'.«

Ich blicke ein wenig empört zur Seite und gerade in Doktor Paulsens
blasses und scharfes Gesicht.

»Noch nicht auf der Treppe,« wehre ich ab. »Wissen Sie nicht, daß es
guter Ton ist, erst vor dem Haus anzufangen?«

»Wohin gehen wir?« fragt er unten angelangt und sieht mir durch seinen
Kneifer ernst und erwartungsvoll ins Gesicht. Ich muß lachen.

»Ich hatte die Absicht, allein zu gehen. Hab' allerlei durchzudenken
und durchzufühlen. Ein Freund, der einem soeben endgültig aus der Hand
geglitten ist, Sie verstehen --«

Paulsen zuckt die Achseln. »Ich erlaube mir zu bemerken, daß uns die
Dinge meist nur aus der geöffneten Hand gleiten.«

»Nun ja,« antworte ich, »aber manchmal rät der Verstand, die Hand
rechtzeitig zu öffnen.«

Paulsen verzieht das Gesicht zu einer wehmütig-spöttischen Grimasse.
»Tja, ja, der Verstand!« bemerkt er tiefsinnig, und ich fahre fort:

»Übrigens können Sie auch mitkommen, denn wenn ich mir's recht
überlege, sind Sie einer der wenigen Menschen, mit denen sich's fast
ebensogut geht wie allein.«

Er zieht den Hut und streckt mir abschiednehmend die Hand hin: »Nach
diesem Hymnus auf die Einsamkeit --«

»Ach, keine Fissimatenten,« sage ich und schiebe ihn mit dem Ellenbogen
vorwärts, »kommen Sie mit. Sie wissen ja, es ist ein schönes Ding um die
Einsamkeit, aber man muß einen haben, dem man sagen kann: ›Es ist ein
schönes Ding um die Einsamkeit‹!«

»Gut und weise!« lobt er und geht langsam neben mir weiter. »Nur
daß Sie mich damit zum Spiegel Ihrer schönen Gefühle erniedrigen! Und
außerdem hätten Sie an Stelle des unpersönlichen Fürworts unbedingt
›die Frau‹ sagen müssen, denn wir Männer ertragen die Einsamkeit auch
ohne Spiegel.«

»Das ist ein unliebenswürdiger Zug von euch,« behaupte ich, »und
außerdem glaube ich's nicht. Ihr braucht euer Publikum so gut wie wir.«

»Ja,« antwortet er, »aber nur von Zeit zu Zeit. Verhältnismäßig
selten. -- Eine Frau kann aber nicht leben ohne Spiegel. Sie kann weder
Kunst noch Natur allein genießen, sie braucht immer einen, der ihre
Bewunderung bewundert. Ja, ich behaupte sogar, eine Frau allein in einem
Zimmer, in dem sie weder gehört noch gesehen werden kann, hört auf zu
existieren. Sie erlischt wie eine Kerze im luftleeren Raum.«

»Hören Sie, Paulsen,« sage ich und bleibe stehen, »wirken Trauungen
immer so beunruhigend auf Sie? Dann hätten Sie mich doch lieber allein
gehen lassen sollen, selbst auf die Gefahr hin, daß ich wie eine Kerze im
luftleeren Raum verlösche.«

»Man muß sich austoben,« brummt er.

»Und damit scheint einer der seltenen Momente gekommen zu sein, in denen
selbst der Mann ein Publikum braucht. Was hat Sie übrigens, wenn ich
fragen darf, in diese erfrischende Stimmung versetzt? Vielleicht der
famose Geistliche, gegen den Franz sich noch bis zum letzten freien Atemzug
gewehrt hat und von dem er mir eben noch schnell und mit seiner wütendsten
Grimasse zuflüstern mußte, daß er ein idiotischer Wanderprediger sei!
Wobei mir nur eines unklar geblieben ist: warum gerade Wanderprediger?«

»Es fiel ihm wohl im Moment nichts Beschimpfenderes ein,« vermutet
Paulsen. »Aber der ist ja nur nebenbei, gewissermaßen als ein Symbol
dieser ganzen irrsinnigen Heiraterei.«

»Wieso irrsinnig?« frage ich sanft. »Ich habe noch nie eine Heirat
gesehen, die -- wenigstens von einer Seite aus -- von so idealer
Vernünftigkeit getragen war wie diese. Man könnte sagen, Herz und
Verstand halten sich bei Franz die Wage, und sieht fast die zwei
gleichstehenden Schalen vor sich. Von Gertruds Seite muß übrigens
wirklich nur leidenschaftliche Liebe vorliegen, denn soviel ich mir auch
den Kopf zerbreche, sogenannte Verstandesgründe für diese Heirat sind
nicht aufzufinden.

Aber Paulsen, Sie können sagen, was Sie wollen und lächeln, wie Sie
wollen, für euch Männer gibt es ja allerlei Glücksmöglichkeiten und
allerlei Arten von Vernunftheiraten, aber für uns gibt es nur eine Art von
Glück und nur eine Vernunftheirat, und das ist die Heirat aus Liebe.«

Paulsen lächelt grimmig: »Es gibt für euch Frauen nur einen absolut
sicheren Weg zum Unglücklichwerden: das ist eine Heirat aus sogenannter
leidenschaftlicher Liebe. Mit einem ungeliebten oder gleichgültigen Mann
kann eine Frau ja ein ähnliches Ziel erreichen, aber der Weg ist nicht
halb so sicher. Da gibt es noch Seitenpfade, in die sie abbiegen kann,
womit ich nicht allein die illegitimen gemeint haben will. Frauenstimmrecht
und Wohlfahrtspflege sind sogar extra dazu angelegte, gesellschaftlich
sanktionierte Nebenstraßen. Für die leidenschaftlich liebende Frau gibt
es aber keine Nebenstraßen, ihr Weg führt direkt und unbedingt in die
Hölle.«

»Ja, Paulsen, denn eure Unzulänglichkeit schreit zu Himmel und Hölle.
Aber selbst wenn Sie die Liebe als Vernunftgrund verwerfen, so müssen
Sie doch zugeben, daß sie das einzig anständige Motiv zur Eheschließung
ist.«

Aber Paulsen ist heute durchaus nicht in der Zugebelaune und erklärt
verbissen:

»Ich will Ihnen etwas sagen, gnädige Frau, es gibt nur eine anständige
Art von Liebe, und das ist die, von der's im Volksliede heißt: ›Kein
Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß‹, nämlich die heimliche, von
der ›niemand nichts weiß‹. -- Und wenn zwei Menschen es über sich
gewinnen, mündlich und schriftlich und mit Blicken und Mienen stolz vor
aller Welt zu verkünden, daß sie einander leidenschaftlich lieben und
deshalb heiraten wollen, so nenne ich das eine unanständige Handlung. Von
geschmackvollen Menschen sollte man verlangen dürfen, daß sie, wenigstens
der Welt gegenüber, die Komödie der Vernunftehe aufrechterhalten.«

Hier muß ich so herzlich lachen, daß Paulsen mich durch seinen Kneifer
erstaunt betrachtet, denn ihm ist's, wie immer, bitter ernst.

»Paulsen,« sage ich, »haben Sie wirklich keine Ahnung davon, wie viele
Komödien uns durch diese Komödie erspart blieben? -- Aber bis jetzt haben
Sie nur um die Sache herumgeredet und mir immer noch nicht erzählt, warum
Sie gerade heute Ihre Grantigkeit so wenig bändigen konnten, daß sie
schon auf der Treppe mit Ihnen durchging? Und was sollte das heißen:
›Eine schöne Leich'‹?«

»Nun, das soll heißen, daß wir heute unseren guten Franz Lindner mit
Harmoniumklängen und Feierreden sanft eingesargt und begraben haben. Nicht
nur für uns, was selbstverständlich und nicht von Bedeutung ist, sondern
auch für die Welt, und -- wie ich fürchte, für ihn selbst.«

»Für einen Toten fand ich ihn unverhältnismäßig zufrieden und
glücklich aussehend,« bemerke ich etwas trivial, und Paulsen fährt denn
auch auf: »Ein Mann und noch dazu ein Künstler, der mit fünfundzwanzig
Jahren zufrieden und glücklich aussieht, der gehört unbesehen zu den
Toten, denn er ist das jämmerlichste von allen Geschöpfen.«

»Lieber Freund,« sage ich beschwichtigend, »ich hoffe, daß das nur
einer Ihrer bekannten rethorischen Superlative ist, die wirklich immer
superlativischer und rethorischer werden.«

Aber Paulsen schüttelt den Kopf. »Alles darf ein Künstler wollen,« sagt
er nachdrücklich, »das Höchste und das Niedrigste, das Edelste und das
Gemeinste, nur das armselige Glücklichsein, das darf er nicht wollen,
das muß er den Philistern und den Weibern überlassen, sonst hat er
ausgespielt -- versungen und vertan.«

»Ich verstehe das nicht,« antworte ich. »Sollte eines Mannes großes,
vielleicht überschwängliches Glück nicht auch Kunstwerke schaffen
helfen?«

»Glück!« sagt Paulsen und verzieht das Gesicht, als habe er unversehens
auf ein Pfefferkorn gebissen. »Nehmen Sie bitte das Wort einmal in die
Hand, wie Schnee wird's darin zerfließen.«

Ich schüttle langsam den Kopf, aber er fährt fort: »Jawohl, ich kenne
allerlei angenehme Dinge, die dem Glück zum Verwechseln ähnlich
sehen. Erstens und vor allem befriedigte Eitelkeit, dann vielleicht noch
Sorglosigkeit und Behagen. Ich kenne auch allerlei Räusche, aber immer,
wenn man Glück dazu sagen will, zerfließen sie wie Schnee zu Wasser und
zu Dreck. -- Nein, das sogenannte überschwängliche Glück hat noch keine
großen Werke geschaffen, und wenn dazu überhaupt ein Empfinden helfen
kann, dann kann es nur ein überschwängliches Leid. Aber im allgemeinen
bin ich der prosaischen Ansicht, daß die großen Werke keine
Stimmungsprodukte sind, sondern Arbeitsprodukte.«

Wir schweigen einen Augenblick, dann fügt er hinzu: »Und wer arbeiten
will, muß die Arme frei haben und ohne Verantwortung sein oder ohne
Gewissen. Und wenn Kraft dazu gehört, die Einsamkeit zu ertragen, so
gehört Größe dazu, sich als Künstler in der Zweisamkeit zu behaupten,
die man bürgerliche Ehe nennt, und die meist alles andere als nur
Zweisamkeit bedeutet.«

»Mag sein,« antworte ich nachdenklich. »Aber glauben Sie nicht, daß
die Unzufriedenheit und innere Einsamkeit, die Ihnen zum Künstlertum
unerläßlich scheinen, bei Franz schnell wieder die Oberhand gewinnen
werden, sobald das Neue, das ihn jetzt noch berauscht wie alles Neue,
alltäglich geworden ist?«

»Vielleicht,« nickt Paulsen. »Nur daß es dann nicht mehr die rechte
Unzufriedenheit ist und nicht mehr die rechte Einsamkeit. Nicht mehr das
Leid, das den Menschen erhebt, indem es ihn zermalmt. -- Es wird die
ganz alltägliche Qual sein, die einen feinnervigen Menschen im Zwang des
immerwährenden Beisammenseins mit einem anderen zerreiben muß. Wie ja
überhaupt die Frage, ob jemand in der Ehe unglücklich wird oder nicht,
immer nur die Frage ist, wieviel er aushalten kann, im letzten Grund also
nichts anderes als eine Nervenfrage.«

Ich nicke und lächle vor mich hin, denn Paulsens Art, die kompliziertesten
Dinge auf die einfachste Formel zu bringen, amüsiert mich immer von neuem.

»Übrigens,« fährt er fort, »ist diese Frage absolut nebensächlich,
und es ist möglich, daß wir Franzens Anpassungsgabe und Nervenstärke
unterschätzen; vielleicht wird er sich bald wohl fühlen in der
Philisterei, die er dann vornehmes Bürgertum nennen wird oder so ähnlich.
Denn Leute, die ein bißchen journalistisch verseucht sind, finden
bekanntlich immer ein rettendes Wort.«

Wir sind an der Alster angelangt und gehen eine Weile schweigend
nebeneinander her, bis ich endlich ein wenig kleinlaut frage: »So
wäre also für den Künstler die Frage, glücklich oder unglücklich
verheiratet? immer nur die Frage nach dem kleineren Übel und eine
ungelöste, wie mir scheint.«

Paulsen nickt zerstreut und deutet nach der sonnenglitzernden Alster und
den Gärten rechts und links, von denen der Duft herüberstreift.

»Da ist er wieder, der große Betrüger,« sagt er, »dem wir in unserer
Dummheit jedes Jahr von neuem auf den Leim gehen.«

Ich sehe ihn fragend an, und er fährt grimmig fort: »Oder hat Ihnen der
Frühling vielleicht schon einmal gehalten, was er Ihnen versprochen hat?«

»Nein, Paulsen,« sage ich, »er hat mir noch nie gehalten, was er mir
versprochen hat. Aber vielleicht nur deshalb nicht, weil ich nie dumm genug
war, ihm ganz zu glauben.«

»Tja, ja,« nickt Paulsen, und sein Gesicht verzieht sich wieder zu der
wehmütig-spöttischen Grimasse, und nach einer kleinen Pause noch einmal
langsam: »Tja, ja.«

»Ich weiß, Paulsen,« sage ich seufzend und reiche ihm die Hand zum
Abschied, denn wir sind vor meinem Hause angelangt. »Ich weiß es schon
lange, das Dümmste, was wir haben, ist allemal unser Verstand!«



Von klugen und törichten Jungfrauen, himmelblauen Kleidern und schlechten
Gewohnheiten

[Illustration]


Dufaure und ich laufen durch den Wald, das heißt wir laufen nicht so, wie
die Kinder laufen, obwohl wir's gerne möchten, aber wir gehen auch nicht
so kur- und promenadenmäßig, wie sich's für verheiratete und ernst zu
nehmende Leute ziemt. Denn wir sind beide ungeduldig. Wir haben schon viel
zu lange bei der Table d'hote stillsitzen müssen, und während die anderen
Gäste in ihren Liegestühlen schmökern und gähnen, kommt über uns
beide manchmal das fast unbezwingliche Verlangen, ziellos in der Welt
herumzulaufen.

»Fast so, als ob wir vor etwas davonrennen müßten, dem wir doch nicht
entgehen werden,« sagt Dufaure, und ich nicke nur und spreche dann weiter
über das vorher begonnene Thema und höre plötzlich ganz erstaunt mir
selbst zu, als wär's ein fremder Mensch, der da voll Eifer Vorträge über
Kindererziehung und Volksaufklärung hält.

Und mitten drin fragt Dufaure ruhig und sanft: »Wollen wir nicht lieber
von etwas sprechen, was Sie interessiert?«

Da lache ich und sage: »Sie sind ein feiner Seelenkenner, Hänschen
Dufaure. Mir ist's wirklich im Moment vollkommen gleichgültig, ob das Volk
aufgeklärt wird oder dumm bleibt.«

»Mir nicht,« sagt er, »aber ich glaube, selbst wenn Ihnen ernstlich
darum zu tun wäre, kämen wir der Lösung nicht näher, solange Sie
solchen Kuddelmuddel darüber reden wie eben jetzt. Denn -- Verzeihung, das
haben Sie wirklich getan.«

»Ach Hänschen,« seufze ich, »es ist doch unglaublich gleichgültig, was
man redet. Wenn man nur nicht zu denken braucht.«

»Merkwürdig,« sagt er kopfschüttelnd, »diese Maßnahme der
meisten, selbst der klügsten weiblichen Wesen, beim Sprechen das Denken
auszuschalten! Übrigens begreife ich nicht, was es für Gedanken sein
können, die Sie so quälen, denn daß Sie sich über die Kinder- und
Volkserziehung keine Sorge machen, ist mir soeben klar geworden, während
Sie so leidenschaftlich darüber sprachen.«

Und da ich schweige, fährt er fort: »Wenn ich ganz ehrlich sein soll,
glaube ich überhaupt nicht, daß Sie sich über irgend etwas in der Welt
Kummer machen. Mir scheint es so, als ob das Leben vor und hinter Ihnen
läge wie ein schöngepflegter Park, durch den Sie in wundervollen
himmelblauen Gewändern wandeln. Und über Ihnen schwebt so etwas wie ein
Schutzgeist, der paßt auf Ihre himmelblauen Gewänder auf.«

»Hänschen,« sage ich, »Sie sind wirklich nicht dumm.«

»Wie hübsch, daß Sie das finden,« antwortet er, »noch hübscher, daß
Sie's so überzeugend sagen, denn ich halte mich manchmal für verzweifelt
dumm. Ja, wenn ich uns zwei so betrachte, scheint mir's immer, als wären
wir die lebendige Illustration zu der Geschichte von der klugen Jungfrau
und dem dummen Hans. -- Sie kennen doch die Geschichte?«

»Nein,« sage ich, »aber mir scheint, Sie werden sie gleich erzählen,
sie brennt Ihnen schon auf der Zunge.«

»Nur den Anfang,« sagt er zögernd, »denn die Geschichte hat noch keinen
Schluß.«

»Sie wird auch keinen bekommen,« sage ich.

Und dann sehen wir uns einen Augenblick an, und dann frage ich, ob er gute
Nachrichten von zu Hause habe.

»Ich danke,« sagt er, »die Kinder kommen täglich an die Luft und sehen
gut aus. Und Baby hat jetzt den zweiten Zahn, und die Amme will fortgehen.
Und der Große hat gestern zweimal gehustet, aber der Doktor sagt, es ist
nichts. -- Ich nehme an, daß Sie sich hierfür brennend interessieren.«
-- »Nicht so sehr für die Details,« antworte ich, und wir gehen eine
Weile schweigend nebeneinander her, bis er plötzlich fragt:

»Wird Ihnen das Kleid nicht über, wenn Sie es immerfort tragen?« --
»Welches Kleid?« frage ich erstaunt. -- »Das himmelblaue,« antwortet
er.

»Mein Gott, ob es mir über wird!« seufze ich. »Aus dem himmelblauen
Gewand ist ja schon richtig eine Zwangsjacke geworden! Aber was nützt's,
wenn ich auch heraus will, mein Schutzgeist zieht mir's immer wieder über
den Kopf, und so hab' ich mich abgefunden und werde himmelblau ins Grab
steigen, verlassen Sie sich darauf, Hänschen.«

»Daran glauben Sie also wie an ein unabwendbares Fatum, das Ihr Leben
bestimmt?«

»Ich glaube, daß unsere Natur das Fatum ist, das unser Leben bestimmt, --
ein unentrinnbares Fatum.«

»Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen,« zitiert er, »aber
wie wird es, wenn unsere Natur in Konflikt gerät mit der Natur und dem
tiefsten Wesen eines anderen, das doch für ihn ebenso lebenbestimmend sein
muß wie unseres für uns? Wenn zum Beispiel ein Mensch, der, sagen wir,
vom Gesetz der Trägheit regiert wird, -- ja, jetzt lachen Sie --,«
unterbricht er sich, »aber seien Sie ehrlich: Heißt das, was wir
Schutzgeist und Natur und Fatum nannten, nicht wirklich so ähnlich wie
Trägheit?«

»Nennen Sie es so, wenn Sie wollen,« antworte ich, »und wenn Sie noch
einen Namen dafür brauchen. Die meisten Menschen finden sich ja leichter
mit einer Erscheinung ab, sobald sie erst einen Namen dafür gefunden
haben. Und so hoffe ich, daß Sie sich endlich mit meiner Trägheit
abfinden werden.«

»Hoffen Sie das ernstlich?« fragt er, und wir stehen einen Augenblick
still und sehen einander in die Augen.

»Ja,« sage ich.

»Nein,« sagt er, »Sie hoffen es nicht, und Sie glauben es auch nicht.
Denn Sie wissen, ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich abfinden und
sich abfinden lassen. --«

»Ich hoffe es doch,« antworte ich, »denn niemand kann mit dem Kopf durch
die Wand, -- es sei denn, er gehörte zur Kategorie derer, mit denen man
Wände einrennt, und dazu habe ich Sie nie gezählt. -- Aber jetzt sagen
Sie mir bitte, wann wir heute Tennis spielen wollen. Vor sechs Uhr ist es
gewiß zu heiß und um sieben geht es schon wieder zu Tisch.«

Statt aller Antwort fragt Dufaure: »Haben Sie eigentlich nie geritten?«

»Nein,« antworte ich, ein bißchen erstaunt, wie immer über seine
sprunghafte Art. »Sie wissen ja, daß ich eine unnatürliche, ich möchte
fast sagen eine traumartige Angst vor Pferden habe.« --

»Dann kennen Sie vielleicht auch nicht die eigentümliche Scheu, die
manchmal ganz plötzlich und aus unaufgeklärten Gründen so ein Tier
befällt. -- Stellen Sie sich vor: es geht seelenruhig und brav bis zu
einer bestimmten, ganz harmlosen Stelle. Aber an dieser Stelle macht es
plötzlich kehrt, und keine Mühe, kein Schmeicheln und Drohen kann es
bewegen, weiter als bis zu diesem Punkt zu gehen.«

»Ich habe schon davon gehört,« antworte ich, »und die Lösung dieses
Rätsels wäre vielleicht ein wertvoller Beitrag zur Erforschung des
pferdlichen Seelenlebens. Mir scheint sie übrigens nicht so schwierig wie
Ihnen. Vielleicht ist der Punkt, vor dem die Scheu besteht, doch nicht ganz
so harmlos wie Sie glauben. Es ist ja nicht gesagt, daß zwei Wesen darin
gleich empfinden müssen.«

»Und wenn es nun gerade die Gefahr ist, die den Reiter lockt, wenn er nun
gerade den Widerstand überwinden und diese -- meinetwegen nicht harmlose
Stelle erreichen will. Was dann?«

»Ja, was dann?« sage ich, »Sie sind ja Reiter, lieber Freund, nicht ich.
Wäre ich der Reiter, dann umginge ich vielleicht die gefährliche Stelle
-- vielleicht, sage ich.«

»Das ist kein Heldenstück,« spottet er, »weder das Umgehen noch das
Vielleichtsagen. Und wenn nun das andere ›Vielleicht‹ einträte, und
Sie nicht so besonnen und weise wären, nicht so ganz kluge Jungfrau, was
machten Sie dann?«

»Dann, ja dann machte ich wahrscheinlich eine große Dummheit, bei der ich
den Kopf riskierte, oder doch wenigstens den Kragen, was auch peinlich sein
kann.«

»Und das schöne himmelblaue Gewand, -- ja, das wäre bitter.«

»Nein, Hänschen,« sage ich, »bitte zu bedenken, daß ich als Reiter
kein himmelblaues Kleid trüge und also weit weniger zu riskieren hätte
als die kluge Jungfrau, die außerdem bekanntlich noch eine kleine Öllampe
in der Hand trägt, deren Licht sie treulich hütet. Ich glaube, so etwas
kommt in der Bibel vor, und ich habe diese klugen Öllampenjungfrauen von
jeher verabscheut.«

»Ja, nicht wahr?« sagt Dufaure ordentlich glücklich, »Sie finden also
auch, daß Lampen, die nicht im richtigen Augenblick verlöschen, so recht
eigentlich ihren Zweck verfehlt haben.«

»Ich möchte mir hierüber noch kein abschließendes Urteil gestatten,«
antworte ich, »besonders deshalb nicht, weil der rechte Augenblick immer
eine strittige Frage sein wird. Was aber die klugen Jungfrauen im Leben
betrifft, so bin ich unbesorgt, denn ich habe die tröstliche Erfahrung
gemacht, daß es gar keine gibt. Sogar unsere Tischgenossin, die alte und
magenleidende Tante, die es so genau mit ihrer Diät nimmt, und die ich
deshalb für das Ideal einer klugen und enthaltsamen Jungfrau hielt,
hat neulich, als ihr der Lachs gereicht wurde, tief und schmerzlich
aufgeseufzt: ›Einmal im Leben möchte ich mit gutem Gewissen sündigen
dürfen.‹«

Wir lachen beide, und Dufaure behauptet, daß er das gute Gewissen von
jeher für eine Erfindung der alten und magenleidenden Tanten gehalten
habe.

»Haben Sie noch nicht bemerkt, daß es immer und ewig recht haben will,
genau so wie die alten Tanten?« fragt er.

»Es hat auch immer recht,« antworte ich, »denn es spricht nur, wenn es
recht hat, und das unterscheidet es von allen alten Tanten der Welt.«

Und nach dieser Feststellung setzen wir uns auf einen kleinen Rasenabhang
und rauchen und starren in die Luft.

Auf einmal fragt Dufaure: »Spricht Ihr Gewissen nicht schon seit drei
Wochen unaufhörlich mit Ihnen?«

»Nein,« sage ich und starre weiter in die Luft.

»Dann muß es recht gut erzogen sein,« behauptet er.

»Finden Sie, daß ich so in Sünden wate?«

»Nun,« antwortet er, »die äußere Korrektheit bedeutet oft nichts als
die Inkorrektheit des Herzens. Aber vielleicht reagiert Ihr Gewissen nicht
auf Unterlassungssünden.«

Ich muß unwillkürlich lächeln: »Worunter also in diesem Fall meine
unterlassenen Sünden zu verstehen wären.«

Und da er mich schweigend und mit einem eigensinnigen Ausdruck ansieht,
kann ich nicht anders, als ein altes Kinderlied zitieren, und ich sage
leise in seine flackernden Augen hinein: »Hänschen, Hänschen, sei
gescheit!«

»Ja,« antwortet er zwischen den Zähnen und, plötzlich aufspringend:
»Weiß auch nicht, welcher Teufel mich manchmal packt und Ihnen den
Spaziergang durch die himmelblauen Gärten stört.«

Mir kommt plötzlich eine drollige Kindheitserinnerung, und während wir
weitergehen erzähle ich ihm:

»Als meine Schwestern und ich noch klein waren, hatten wir mal ein
sonderbares Spielzeug. Daran muß ich jetzt denken, vielleicht weil Sie
gerade vom Teufel sprachen. Es war ein sehr hübscher, harmlos aussehender
Kasten, dessen Schloß schwer zu finden war. Und während man danach
suchte, berührte man jedesmal eine geheime Feder, der Kasten sprang auf,
und ein kleiner Teufel flog heraus. -- Und wir erschraken jedesmal zu Tod,
und einmal habe ich sogar vor Schrecken geweint. Und wir hatten es doch
vorher gewußt, daß der Teufel darin saß und hätten doch die Hände von
dem gefährlichen Spielzeug lassen können.«

»Ja,« sagt Dufaure, »wir hätten ja die Hände von dem gefährlichen
Spielzeug lassen können. -- Daß es nicht geschah, trotz des besseren
Wissens, bestätigt mal wieder meinen schönen, aber traurigen Satz:
›Klugheit schützt vor Dummheit nicht.‹ Übrigens vermute ich, daß
Ihre Tränen schnell getrocknet waren. Es gibt ja so viele Spielsachen auf
der Welt, und der Teufel sitzt nicht in allen.«

»Sicher war ich schnell getröstet,« antworte ich, »besonders, weil ich
als Kind oberflächlich genug war, nicht hinter jeder harmlosen Sache eine
tiefe Symbolik zu wittern.«

»Verzeihen Sie,« sagt Dufaure, »die Symbolik lag hier so nahe. Aber
um Sie zu versöhnen, will ich Ihnen auch etwas aus meinem Kinderleben
erzählen, wenn Sie es hören wollen.« Ich nicke und er erzählt:

»Ich hatte als Kind neben vielen schlechten Gewohnheiten eine, die
besonders fatal und gefährlich war, nämlich die Gewohnheit, mich immer
selbst zu sehen und zu hören. Ich ging immer gleichsam neben mir her und
beobachtete mich. Anfangs mag es eine gewollte Spielerei gewesen sein, aber
dann wurde es zur Gewohnheit und schließlich zum Zwang. -- Auch daß ich
mich beobachtete, beobachtete ich und so immer weiter, so daß es war,
als stünde ich zwischen zwei Spiegeln, die sich ineinanderspiegeln und in
denen man sich unheimlicherweise in einer endlosen Reihe sitzen, stehen und
bewegen sieht. Sie können sich nicht denken, wie qualvoll das war -- und
noch ist, denn es ist noch nicht vorbei. Noch keine Erregung, noch kein
Erlebnis war stark genug, mich in mir selbst zu verlöschen, mich von mir
selbst zu erlösen.«

Dufaure schweigt einen Augenblick und setzt dann langsam hinzu:

»Und ich sehne mich nach dieser Erlösung. Ich möchte mich selbst
verlieren, -- einmal im Leben.«

Wir stehen auf der kleinen Brücke und sehen hinunter, und unsere Hände
liegen auf dem Gitter nahe beieinander, aber nicht so nahe, daß sie sich
berühren. Und plötzlich sage ich in die Stille hinein, fast ohne es zu
wissen und zu wollen, und meine Stimme klingt wie dünnes Glas, das im
nächsten Augenblick zerbrechen kann:

»Ich möchte mich selbst finden, -- einmal im Leben.«

Und dann sprechen wir gar nichts mehr. --



Von Märchen und Masken

[Illustration]


Ein unbeschreiblicher Reiz liegt über der Alster, wenn sie an warmen
Sommerabenden mit unzähligen kleinen Fahrzeugen übersät ist, wenn die
Ruder- und Segelboote, Punts und Kanus lustig durcheinanderschießen, und
junge Gestalten in bunten Sportgewändern einander zurufen und nicken und
plaudern und lachen und flirten, als wäre die Welt ein großer Festplatz
und Leben der entzückendste Sport.

Aber ein anderer, feinerer Reiz liegt über der Alster, wenn man an lieben
Sommermorgenden langsam durch ihre stillen Kanäle fährt. Gärten rechts
und links, Weiden, deren Zweige bis ins Wasser hängen, Schwäne, die
sich langsam dem Boot nähern, und die ein leichter Ruderschlag wieder
vertreibt. Hier und da Kinder in den Gärten und ein kleiner Hund, der ans
Ufer kommt und bellt. Und wir gleiten an all dem vorbei, und es ist wie im
Märchenland.

»Andersens Märchen,« sage ich, und Erich Halpern sieht nach dem Ufer
hinüber und nickt. Er sitzt an der Spitze des Punts, in weißem Sportanzug
mit bunter Krawatte und braunem Wildledergürtel, frisch, klug und
hamburgisch aussehend. Langsam und wie zum Spiel läßt er das leichte
Ruder durchs Wasser gleiten, während ich mir am Boden des Fahrzeuges
zwischen den unzähligen bunten Kissen und Polstern mein bequemes Lager
hergerichtet habe. --

»Hier müßte man Märchen erleben,« sagt er lächelnd.

»Märchen erlebt man nicht,« antworte ich ein bißchen faul und blicke
den Wölkchen meiner Zigarette nach, »man erzählt sie höchstens seinen
Freunden.«

»Womit Sie hoffentlich nicht sagen wollen, daß alle Erlebnisse, die man
seinen Freunden erzählt, Märchen sind?« -- »Das will ich doch hoffen,«
entgegne ich, »denn sobald sie aufhören, Märchen zu sein, sind sie schon
Indiskretionen.«

»Müssen es denn immer Liebesgeschichten sein?« fragt er lachend.

»Ach bitte ja,« antworte ich, »alle anderen sind doch wirklich gar
zu langweilig. Oder können Sie sich etwas Tödlicheres denken, als wenn
jemand seine Abenteuer auf anderem Gebiet zum besten gibt. Beispielsweise
Reiseerlebnisse: Man kann mir die Besteigung des Montblanc in den
glühendsten Farben schildern, man kann mir die Kämpfe mit Buschmännern
und Moskitofliegen noch so reizvoll ausmalen, es wird mich alles
gleichgültig lassen der Frage gegenüber, ob die unglückliche Liebe,
der man auf seiner Reise um die Welt entfliehen wollte, erkaltet ist oder
nicht. Aber leider ist es die traurige Eigentümlichkeit der unglücklichen
Lieben, daß sie auch in der Entfernung nicht erkalten.«

»Haben Sie diese betrübliche Erfahrung aktiver- oder passiverweise
gemacht?« fragt Erich, »wenn es nicht indiskret ist, sich danach zu
erkundigen.«

»Es ist indiskret,« antworte ich, »aber ich will Ihnen trotzdem
antworten, daß ich in unglücklichen Liebesfällen meistens die leidende
Form bevorzugt habe.«

»Bei der Sie anscheinend nicht allzuviel litten,« meint er trocken.

»Ach, ein Vergnügen ist auch das Unglücklichgeliebtwerden nicht,«
antworte ich, »und vor allem ist es bedeutend schwerer, jemanden heraus
als hinein zu verlieben.«

»Vielleicht weil man sich dieser Arbeit nicht mit der gleichen Hingabe
unterzieht,« vermutet er, und ich kann ihm nicht ganz unrecht geben. »Es
ist eine zu langweilige und trübselige Arbeit,« nicke ich. --

»Und zudem eine, die mir die moralischen Kräfte einer Frau bedeutend zu
übersteigen scheint,« sagt Erich und beugt sich einen Augenblick nieder,
um unter den Weidenzweigen durchzuschlüpfen, die fast bis ins Wasser
hängen.

»Ach, man kann es schon, wenn man ernstlich will,« antworte ich
zerstreut, denn es ist zu herrlich in der grüngoldnen Dämmerung, durch
die wir fahren, als daß ich so recht zur Unterhaltung aufgelegt sein
könnte.

»Ja,« entgegnet Erich, »man kann bekanntlich alles, was man ernstlich
will, es fragt sich immer nur, ob man es ernstlich wollen kann. Und --
ich muß gestehen -- ich traue einer Frau jede Selbstlosigkeit und
Opferfreudigkeit zu, nur die eine nicht, einen Anbeter wissentlich und
willentlich zu ernüchtern. Es wäre fast übermenschlich.«

»Wenn er uns ganz gleichgültig ist,« werfe ich dazwischen; aber Erich
antwortet: »Ein Mensch, der uns anbetet, ist uns nie ganz gleichgültig,
und außerdem sind wir so eitel, daß uns sogar an der Schätzung der
Menschen, an denen uns gar nichts liegt, noch viel gelegen ist. Ich weiß
nicht, wer das einmal gesagt hat, aber es wird wohl eine Frau gewesen
sein.«

Ich nicke. »Die Ebner-Eschenbach, und sie hatte recht. Aber unbesorgt,
die Ernüchterung wird schon selbsttätig eintreten, denn die Eitelkeit
der Männer ist so stark, daß ihre heißeste Liebe der Gleichgültigkeit
gegenüber erlischt. Und wenn es schon schwer ist, den Haß oder die Liebe
zu verkleiden, -- die Gleichgültigkeit zu verbergen, ist uns einfach
unmöglich.«

»Heil, heil!« ruft Erich vergnügt, »eine der schwierigsten
Menschheitsfragen ist gelöst, und unglücklich liebende Männer laut
Beschluß von heute aufgehoben. O du glückliche Welt, in der sich alles so
spielend löst.«

Ich liege auf dem Rücken, die Hände unterm Kopf, und schaue in den Himmel
und die ziehenden weißen Wolken hinein.

»Mir scheint alles so spielend leicht, wenn ich auf dem Wasser bin,« sage
ich, »fast als ob dies Gleiten und Wiegen die Körper- und Seelenschwere
zugleich aufgehoben hätte. Und dann all die Schönheit ringsum. Nein, es
ist mir heute schlechterdings unmöglich, unglücklich liebende Männer
tragisch zu nehmen.« -- Erich lacht. »Wenn ich gewußt hätte, daß der
Wassersport auch seelisch abhärtend wirkt, dann hätte ich Ihnen nicht so
leidenschaftlich zur Anschaffung dieses Punts geraten.«

»Was verlieren Sie dabei?« frage ich und drehe den Kopf nach ihm
hin, »Sie sind ja Gott sei Dank der einzige meiner Freunde, der nicht
unglücklich liebt, und Sie glauben nicht, wie wohltuend das auf mich
wirkt.«

»Und auf mich erst!« lacht er. »Übrigens verspreche ich Ihnen, falls
mich das Malheur doch mal ereilen sollte, meinen Seelenschmerz männlich
vor Ihnen zu verschließen. Denn erstens sind Sie mitleidslos --« -- »Nur
auf dem Wasser,« werfe ich dazwischen.

»Nun, Sie werden nicht leugnen, daß Sie auch auf dem festen Land die
Leiden anderer, und wären es die schmerzlichsten, mit bedeutend mehr
Fassung tragen als zum Beispiel --« -- »Als zum Beispiel meine eigenen,
und wären sie auch viel geringfügiger. Aber ich behaupte, damit keine
unrühmliche Ausnahme zu machen, denn -- wenn Sie mir ein unpoetisches Wort
in dieser poetischen Umgebung gestatten wollen, -- der eigne Rock ist uns
allen immer noch bedeutend näher als andrer Leute Hemd. -- Übrigens,
lieber Erich, glauben Sie ja nicht, mir jemals Ihre Seelenstimmung oder
Verstimmung verbergen zu können. Sie sind durchsichtig wie Glas --«

»Ich werde eine undurchdringliche Maske wählen,« verspricht er.

»Ungefähr so, wie einer meiner Bekannten, der immer wenn er
Unannehmlichkeiten erlebt hat, fröhlich trällernd zu seiner Frau
ins Zimmer kommt, um sie über seinen Seelenzustand zu täuschen. Sie
erschrickt denn auch jedesmal zu Tod, wenn sie sein Trällern hört.«

»Wie schade,« sagt Erich, »auf diesen liebenswürdigen Trick werde ich
also schon verzichten müssen. Und ich bin nun wirklich selbst neugierig,
welche Maske ich mir vorbinden muß, um Sie zu täuschen. Was meinen Sie,
wenn ich das Raffinement so weit triebe, mir die Durchsichtigkeit als Maske
zu wählen?«

»Eine gewisse kühle Durchsichtigkeit, ja. Das wäre ein sehr feiner Zug,
der besondere Schlauheit verrät. Sie müssen nämlich wissen, daß der
wahre Psychologe den Menschen am besten an der Maske erkennt, die er sich
wählt. Und man könnte daher den sehr veralteten Spruch mit Recht dahin
umändern: ›Ich weiß, wer du scheinen willst und sage dir, wer du
bist‹.«

»Und damit wäre die Maske wieder nur ein Teil von uns selbst, und es
bedürfte einer zweiten und dritten, um die erste zu verbergen. Nein,«
sagt Erich energisch, »da bin ich doch schon aus Klugheits- und
Ventilationsgründen für offenes Visier.«

»Das nützt auch nichts,« entgegne ich bekümmert, »denn es gibt
Menschenkenner, die so niederträchtig fein sind, daß sie uns selbst ohne
Maske durchschauen.«

Erich lacht. »Sie rechnen sich dazu?«

»Ach nein,« sage ich, »ich weiß mich frei von der Schwäche
psychologischer Neugier und danke Gott täglich, daß er den Menschen
die Gabe verliehen hat, ihre wahren Gesichter zu verbergen. Denn Erich,
wirklich, bei Licht besehen, es ist ein Pack.«

»Und nur wir beide nicht?« fragt er.

»Ach, wir beide auch,« antworte ich, »aber von den Anwesenden spricht
man nicht gern, und deshalb sagt man auch immer, sie sind ausgeschlossen.«

Wir fahren eine Weile schweigend weiter, endlich sagt Erich, wie mir
scheint, etwas verdrossen: »Eins begreife ich nicht und ärgere mich
darüber, -- nämlich, was Sie zu dem abfälligen Urteil über Ihre
Mitmenschen berechtigt. Die Erfahrungen, die Sie bisher gemacht haben,
sollten doch gerade danach angetan sein --«

»Lieber Freund,« unterbreche ich ihn, »was wissen Sie von meinen
Erfahrungen, da Sie nur die Seite von mir und meinem Leben kennen, die
Ihnen zugekehrt ist? -- Aber selbst, wenn Sie recht hätten, wäre es doch
nichts als Bestechlichkeit, wenn ich Welt und Menschen deshalb im rosigen
Schein sehen wollte, weil mir's gut geht, und weil man mich nach mancherlei
Richtung hin verwöhnt hat. Es wäre eine ziemlich oberflächliche
Bestechlichkeit, deren ich mich nicht schuldig machen will; trotzdem
ich mich ganz gewiß nicht für unbestechlich halte. -- Ebensowenig wie
irgendeinen Menschen auf der Welt.«

Erich schüttelt ungeduldig den Kopf: »Ich weiß, daß es Ihre Gewohnheit
ist, große Worte gelassen auszusprechen, aber ich glaube, dies große
Wort von der Bestechlichkeit aller Erdenkinder werden Sie doch nicht
aufrechterhalten können. Sie werden trotz Ihrer pessimistischen
Weltanschauung zugeben müssen, daß es Menschen unter uns gibt, die
niemand bestechen kann.«

»Ja,« sage ich, »das gebe ich ohne weiteres zu. Niemand kann sie
bestechen, weil niemand ihnen den Preis bieten kann, für den sie zu haben
wären. Ich spreche natürlich nicht von Geld, denn es gibt ja Leute genug,
die so viel Geld haben, daß sie damit nicht zu ködern sind. -- Aber wir
alle haben Wünsche, die so brennend und tief sind, daß wir für ihre
Erfüllung unsere Ehre und unsere sogenannte Seligkeit über Bord
würfen. -- Da aber ein Mensch dem anderen niemals das geben oder auch nur
versprechen kann, was dieses Opfer lohnt, so bleiben wir unbestochen bis an
unser Lebensende, Gott sei's geklagt. --«

»Vielleicht Gott sei gelobt,« meint Erich altklug, »denn wir wissen es
ja, daß erfüllte Wünsche meist eine grausame Strafe sind. -- Und doch,«
fährt er nachdenklich fort, »Sie haben recht. Trotzdem wir es wissen,
wir gäben Ehre und Seligkeit und ein paar Jahre unseres Lebens für die
Erfüllung.«

»Ja,« antworte ich zögernd, »Ehre und Seligkeit gewiß, -- aber ein
paar Jahre meines Lebens? -- Oder,« füge ich plötzlich ganz erleichtert
hinzu, »wenn es vielleicht ein paar aus meiner Vergangenheit sein
dürften?«

Erich lacht herzlich. »So fassen Frauen das selbstverständlich immer auf,
wenn sie für irgend etwas Jahre ihres Lebens zu opfern bereit sind. --
Aber sind Sie wirklich so ängstlich besorgt um die zukünftigen?«

»Ach ja, Erich, denn es ist ohnehin immer schon später als wir glauben.«

Erich hat das Ruder eingezogen, und wir treiben jetzt in dem kleinen,
fast ganz von Gärten eingeschlossenen See langsam im Kreise. Ich habe die
Zigarette über Bord geworfen und die Hände um die Knie geschlungen.

»Wissen Sie, Erich,« seufze ich, »es ist sonderbar mit dem Altwerden, es
ist das leichteste und das schwerste Ding zugleich.« Er nickt. -- »Aber
mir ist's doch immer so, als müßte es nicht sein, daß fast alle Menschen
vom dreißigsten Jahr an geistig zu schrumpfen anfangen,« sagt er, »denn
leider tun sie das.«

»Nun ja,« antworte ich, »man hält zu oft für Temperament oder
Begabung, was nur Jugend ist und schnell verschwindet, sobald der Mann
Amt und Brot, und die Frau einen Mann gefunden hat. Erst wenn ein Mensch
darüber hinaus den Schwung seines Wesens bewahrt hat, kann man sagen, daß
er echt gewesen ist. Wie ja auch die körperliche Anmut einer Frau erst
dann mehr ist als etwas zufällig Angeflogenes, wenn sie die Jugend
überdauert, weil sie sich immer wieder von innen heraus durch seelische
Kräfte erneut.«

»Ja,« sagt Erich seufzend, »wenn es so eine Art seelische Kosmetik oder
Massage gäbe --«

»Die gibt es sicher,« tröste ich ihn, »eine sehr gute Seelenmassage
ist zum Beispiel schon die Liebe. Aber um Himmels willen keine glückliche,
denn die bewirkt gerade das Gegenteil --, führt leicht zu Ehe, Schlafrock
und Kinderkriegen, und unmerklich aber sicher ins Himmelreich der
Philister. Aber so eine recht unglückliche Liebe, sehen Sie --«

Ich breche erschrocken ab, denn Erich lächelt gar zu wehmütig und
schelmisch zugleich.

»Erich,« sage ich und starre ihn entsetzt an, »um Himmels willen, Sie
auch?«

Er wendet mir langsam sein liebes und ehrliches Gesicht zu und nickt ...

»Wie habe ich meine Maske getragen?« fragt er leise.



»Das ist nun mal mein Fimmel --«

[Illustration]


Die Mittagstafel im Sanatorium für Nervöse und Überarbeitete geht ihrem
Ende zu. Ja, der Doktor ist sogar schon aufgestanden, und während ein Teil
der Gäste noch mit dem Pudding beschäftigt ist, steht er, die Hände
auf die Lehne gestützt, hinter seinem Stuhl im Gespräch mit dem großen
Dichter und der interessanten Frau, die ihm täglich gegenüber sitzen.
Er spricht lebhaft und angeregt, bricht aber plötzlich mittendrin ab,
überfliegt die Tafel mit einem zerstreuten Blick, der scheinbar nichts
aufnimmt und zieht sich zurück, ohne sich von jemandem zu verabschieden.
Gleich darauf erheben sich auch die Gäste, und während man sich dem
Ausgang zudrängt, vermischen sich die zwei sonst streng geschiedenen
Tische, der Tisch der Geistigen und der Tisch der Harmlosen, und das
Stimmengeschwirr geht lauter hin und her.

»Hie weise Reden, hie Gelalle, -- ich leg' mich in die Liegehalle,« sagt
jemand neben mir, und da ich den Schüttelreimfimmel des sehr gesprächigen
kleinen Assessors schon seit Wochen kenne, sage ich nur gewohnheitsmäßig:
»Schauderhaft!« und füge gleich hinzu: »Ich komme aber mit hinauf, muß
jetzt auch liegehallen.«

Bald darauf haben wir's uns mit Hilfe von Kissen und Decken in unseren
Liegestühlen bequem gemacht, und Fritz Burmeister sagt: »Na, bei Ihnen da
drüben am Tisch der Berufenen und Auserwählten ging's ja heute wieder mal
verflucht kriegerisch zu. Mir dröhnen noch die Ohren. Um welche heiligsten
Güter wogte denn der Kampf so geräuschvoll hin und her?«

»Sie hatten heute Dostojewsky vor,« berichte ich seufzend und streife
die Asche von meiner Zigarette. »Die Brüder Karamasow waren dran, und
sie stritten darüber, ob das Buch mehr typisch russisch oder mehr
typisch menschlich sei. Und dabei kamen sie auf das typisch Menschliche
im allgemeinen zu sprechen, und der große und der kleine Dichter gerieten
einander in die Haare, und da ich gerade zwischen den beiden sitze, geriet
ich in die Gefahr, im Interesse der typischen Menschlichkeit zerquetscht
oder erschlagen zu werden.«

»Traurig, traurig,« sagt der kleine Assessor, »aber warum krakehlen
Sie nicht mit? Das ist gewöhnlich die einzige Rettung. Ich könnte es ja
natürlich nicht, denn ich lese keine russischen Romane. Nicht etwa aus
irgendeinem patriotischen oder moralischen Prinzip heraus, nein einfach
nur, weil ich die Namen darin nicht behalten kann. Wenn nämlich der eine
Fedor Alexandrowitsch heißt und ein anständiger Mann ist, dann heißt der
andere unfehlbar Alexander Fedorowitsch und ist ein Schurke, und ich bin
mir am Schluß des Buches immer noch unklar darüber, wer der eine und wer
der andere war. Aber Sie mit Ihrem glänzenden Namengedächtnis --«

»Ach, darauf kommt es nicht an,« sage ich, »und Sie hätten ruhig
mitreden können. Man kann nämlich das Blödsinnigste sagen, ohne daß
einer es merkt. Heute tat ich nur deshalb nicht mit, weil ich essen
wollte.«

»Was sicher das typisch Menschlichste an der Sache war,« entscheidet
er und fährt fort: »Ich begreife überhaupt nicht, wie man die
Geschmacklosigkeit haben kann, bei Tisch Welträtsel zu lösen!«

»Ach, wenn die Beefsteaks so hart sind wie gestern abend, dann löse
ich gern mit,« erkläre ich ihm. »Es war einfach unerhört, die reinen
Schuhsohlen! Der große Dichter war auch empört und mußte kohlensaures
Natron hinterher nehmen.«

Burmeister schweigt einen Augenblick, und ich sehe ihn erstaunt ob der
ungewohnten Pause an. Da hebt er aber auch schon den Zeigefinger und
deklamiert pathetisch:

»Er sprach, ich bin kein Sohlenkauer, drauf nahm er Natron kohlensauer.«
-- »Schauderhaft,« sage ich, und er antwortet mit dem treuherzigen
Sanatoriumspruch, der hier all unsere Sünden decken muß:

»Das ist nun mal mein Fimmel, deshalb bin ich hier! --

Übrigens,« fährt er fort, »zeigt es sich nach Ihrer Aussage wieder
einmal deutlich, daß die Lösung des Welträtsels nur eine Magenfrage
ist, und wer weiß, wie nahe wir morgen mit Hilfe des Beefsteaks
der endgültigen Entscheidung kommen. -- Wie verhält sich aber Ihre
Tischgesellschaft zu dem schwierigen Problem der gleichzeitigen geistigen
und leiblichen Ernährung?«

»Sie löst es spielend,« antworte ich. »Der große Dichter spricht immer
kauend, wodurch der Sinn seiner Reden nicht klarer wird, der kleine ist
für sehr reichliche Nahrungsaufnahme, aber er beeilt sich kolossal,
schiebt mir oder seiner Nachbarin zur Linken schnell seine abgegessenen
Teller hin und stürzt sich kopfüber ins Gespräch. Der Doktor ißt ja
überhaupt fast nichts aus lauter Zerstreutheit und ist zufrieden und
glücklich, wenn er, wie jener sagenhafte Heinrich, jeden Mittag wenigstens
einen Dichter im Topf hat.«

»Erlauben Sie,« wendet Burmeister höflich ein, »es war ein Huhn, das
jener sagenhafte und ziemlich weltfremde Heinrich jeden Sonntag im Topf
seiner Untertanen zu sehen wünschte; und ich hege einen zu großen Respekt
vor allem, was sich dichtend betätigt, um diese Verwechslung gutheißen zu
können. -- Ich als simpler Bürger --«

»Ich bitte Sie, ein preußischer Regierungsassessor,« erinnere ich ihn,
aber er wehrt nervös ab: »Ach bitte, bitte! Ich bin, wie Sie wissen, ohne
jeden Standeshochmut. Und überhaupt, preußischer Assessor, das höre ich
gern! Welche gräßlichen Vorstellungen knüpfen sich an dieses Wort! Ein
unsympathischer und streberhafter Geselle ohne Gemüt und Idealismus, so
leben wir in jedem deutschen Roman, so laufen wir durch jedes deutsche
Drama.

Immer müssen wir die undankbaren Episodenrollen spielen, sind sozusagen
die Schlagschatten, durch die die Lichtgestalt des Helden um so leuchtender
erscheint. Und ich weiß nicht einmal, warum die Volksseele auf diese
frevelhafte Weise vergiftet wird. -- Wir sind eben die Stiefkinder der
Literatur,« setzt er in so tragischem Ton hinzu, daß ich gerührt
werde und ihm verspreche, demnächst ein Drama zu schreiben, das
eine Ehrenrettung sämtlicher Assessoren der Welt mit besonderer
Berücksichtigung Preußens werden solle.

»Ich danke Ihnen,« antwortet er und verbeugt sich, soweit der Liegestuhl
es zuläßt. »Es wird eine befreiende Tat sein. -- Apropos befreiende
Tat,« fährt er lebhaft fort, »hat sich denn immer noch niemand im
Sanatorium dazu bereit finden können, die interessante Frau, die an Ihrer
Tischecke da oben sitzt und in eminenter Geistigkeit macht, geräuschlos
aus der Welt zu schaffen?«

»Ach nein,« antworte ich, »Sie vergessen, daß wir leider alle noch
nicht in dem vorgeschrittenen Stadium sind, in dem der Staatsanwalt und die
Geschworenen auf Freisprechung erkennen müssen.«

»Traurig, traurig!« sagt er und überlegt. »Was ist denn alles hier an
schönen Sachen? Vollkommene Geistesgestörtheit? Nein. Totaler Stumpfsinn?
Schon eher, aber das gibt höchstens lumpige mildernde Umstände.
Vielleicht ginge es mit sinnlosen Wutanfällen. Und ich bin sicher, vor
jedem Gerichtshof der Welt Verständnis zu finden, wenn ich behaupte, daß
diese Trägerin eminenter Geistigkeit und noch eminenterer Dummheit
mich täglich in sinnlose Wut versetzt, wenn sie ihre unkontrollierbaren
indischen und chinesischen Weisen in den Himmel hebt und mit verächtlich
herabgezogenen Mundwinkeln von dem langweiligen Moralphilister Kant, dem
verwirrten Schwätzer Nietzsche und dem salbadernden Geheimrat Goethe
spricht. Kein Gerichtshof der Welt --«

»Tun Sie's trotzdem nicht,« unterbreche ich ihn. »Ihr Klaps ist leider
noch nicht vorgeschritten genug, um vor den Sachverständigen zu bestehen.
Und schließlich, was tut sie Schlimmes? Wenn sie nicht gerade ihre
Verachtung für alles Europäische kundgibt, oder mit dem kleinen Dichter
über Fragen des Unterbewußtseins diskutiert, ist sie harmlos. Sie spielt
die Kosmopolitin, seitdem sie mit ihrem Mann ein paar Wochen in China war
oder in Australien, was ja schließlich dasselbe ist. --«

»Erlauben Sie mal!« fährt er entsetzt in seinem Stuhl hoch. »Ich
meine ja nur, was den Effekt betrifft,« beruhige ich ihn. -- »Und das
Unterbewußte, das ist nun einmal des kleinen Dichters Steckenpferd.«

»Ich weiß,« sagt Burmeister bekümmert, »Ihr Tischgenosse Janssen
hat mir erzählt, daß er ihn schon zweimal mit der Frage nach seinem
unterbewußten Empfinden in die tödlichste Verlegenheit versetzt hat.
Janssen fand das gemein und anstößig, noch dazu in Gegenwart von
Damen und nennt den kleinen Dichter seitdem nur noch ›Mayer mit dem
Unterbewußten‹.«

Hier muß ich so laut herauslachen, daß eine der Hausdamen den Kopf zur
Tür hereinsteckt und daran erinnert, daß Ruhezeit ist, und daß man uns
im ganzen Haus hören könne.

»Das spricht für die Harmlosigkeit unserer Unterhaltung,« versichert
Burmeister treuherzig, schiebt aber mit Rücksicht auf das ganze
Haus unsere Stühle so dicht wie möglich zusammen und fragt mich im
Flüsterton, ob ich Janssens Auffassung nicht sehr berechtigt fände.

»Mir scheint,« sage ich, »der Gute sucht sich an der ganzen Literatur
dafür zu rächen, daß die Worte ›Meine Ruh' ist hin, mein Herz ist
schwer‹ nicht in der Jungfrau von Orleans vorkommen, wie er neulich
behauptet und beinahe beschworen hat.«

»Sie könnten auch ganz gut da vorkommen,« verteidigt der Assessor seinen
Freund. »Und überhaupt, Schiller oder Goethe, so feine Nuancen braucht
man wirklich nicht zu kennen. Mich quält aber schon seit Wochen eine
andere Frage und zwar, welchen Befähigungsnachweis Janssen erbracht hat,
um an Ihrem Tisch aufgenommen zu werden.«

»Es war wohl hohe Protektion dabei im Spiel, wie bei mir auch,« antworte
ich. »Der Doktor glaubte, mir damit gutzutun, und dabei blicke ich doch
immer voll Sehnsucht zu Ihnen hinüber --«

Burmeister verneigt sich. »Ich meine natürlich zu Ihrem Tisch, dem Tisch
der Harmlosen, dem Tisch der holden Gewöhnlichkeit, wie Thomas Mann alias
Tonio Kröger sagen würde. Es ist oft so abspannend bei uns.«

»Ach, glauben Sie ja nicht, daß es bei uns leichter ist,« warnt er
eifrig. »Es ist ein aufreibendes Stück Arbeit, bis zum Beispiel jeder
Kurgast jeden Kurgast davon überzeugt hat, was für eine vornehme
Persönlichkeit er in Berlin oder Stettin oder Frankfurt ist, und ich weiß
nicht, ob die Sache dadurch einfacher oder komplizierter wird, daß jeder
nur zuhört, solange er selber redet und voll Sehnsucht diesem Moment
entgegenlebt, solange ein anderer das Wort hat.«

»Ich finde, Sie sind ein bißchen überheblich, Burmeister,« sage ich.
»Sie müssen doch immer bedenken, daß wir uns in einem Sanatorium für
Nervöse und Überarbeitete aufhalten.«

»Ja richtig,« antwortet er, »und dabei fällt mir ein, daß ich Sie
schon lange etwas fragen wollte, und zwar etwas sehr Plumpes und Taktloses,
wie ich vorausschicken muß. Ich fühle mich dabei lebhaft in die Zeit
meiner ersten Kinderkostümfeste versetzt, bei denen ich es, trotz
mütterlicher Ermahnungen, nie unterlassen konnte, an alle mich umgebenden
Masken mit der taktlosen Frage heranzutreten: ›Als was bist du eigentlich
hier?‹ Was die verschiedenen Spanier, Rotkäppchen und Schornsteinfeger
jedesmal in peinliche Verwirrung versetzte. Also, gnädige Frau, nehmen
Sie's nicht übel, Sie sind so staunenswert unnervös, eine Wortbildung,
die es eigentlich nicht gibt, und für die demnach kein starkes Bedürfnis
vorzuliegen scheint, und vor dem Gedanken, daß Sie sich jemals im Leben
überarbeitet haben, schreckt die kühnste Phantasie zurück. Also, ich
kann nicht anders: Als was sind Sie eigentlich hier?«

»Lieber Herr Burmeister,« sage ich, »ich wußte natürlich, daß diese
Frage kommen würde, und habe mir während Ihrer schönen Einleitung
überlegt, ob ich sie beantworten darf. Es ist nämlich ein Geheimnis dabei
im Spiel.«

»Oh, ein Geheimnis?« fragt er eifrig. »Rätsel zu lösen, war von jeher
meine Spezialität. Hat man etwa die Absicht, Sie langsam durch kohlensaure
Bäder, Hypnose und schwedische Heilgymnastik aus der Welt zu schaffen, um
einer ungeheuren Erbschaft oder gemeingefährlicher Dokumente willen?
Oder sind Sie vielleicht als Polizeispitzel tätig und beauftragt, einer
Eheirrung aus allerhöchsten Kreisen auf die Spur zu kommen? Oder in
diplomatischer Mission, um etwas über die Stärke unserer Militärmacht
oder über den Stand unserer auswärtigen Beziehungen auszukundschaften?
Oder hat man --«

»Um Gottes willen Schluß!« rufe ich, »ich hänge den Hörer an. Und ich
will's Ihnen lieber anvertrauen, ehe Sie sich ganz und gar ins Reich der
unbegrenzten Möglichkeiten verlieren: Ich bin wirklich partiell gesund,
ich bin nur hier, um Studien zu machen --«

»Ah,« macht er verständnisvoll, »für das Drama, das eine Ehrenrettung
der preußischen Justizbeamten werden soll. Ich muß gestehen, Sie hätten
sich für Ihre Studien keinen besseren Platz wählen können. Und jetzt
begreife ich auch, warum Ihr alter Freund, der Doktor, Sie mitten zwischen
die Dichter und Denker gesetzt hat. Er nimmt an, daß die Dichtkunst eine
Art ansteckender Krankheit sei, vielmehr ein Bazillus, der bei häufiger
Berührung der Ellenbogen, oder so, von einem zum anderen überspringt und
eine verheerende Wirkung ausübt. Traurig, traurig! Mich tröstet nur
die Gewißheit, daß es Menschen gibt, die gegen die entsetzlichsten
Krankheiten immun sind, und -- ohne Ihnen schmeicheln zu wollen -- ich
halte Sie für immun gegen alles, was mit Dichtkunst zusammenhängt.«

»Traurig, traurig!« sage ich. »So könnte ich also mit Domingo aus dem
Don Carlos, oder wenn Sie lieber wollen aus der Iphigenie sprechen: ›Wir
sind vergebens hier gewesen‹.«

Burmeister nickt: »Vergebens vielleicht, -- umsonst sicherlich nicht.«

Und ich kann nicht umhin, diesen mehr humor- als trostvollen Ausspruch
seufzend zu bestätigen. --

Aber dann deute ich nach den Bergen drüben und dem sonntagstillen Tal
unten und sage: »Doch nicht vergebens, und wenn es nichts weiter war als
das.«

»Das ist so weit,« murrt Burmeister, »und dann immer nur ansehen!« --
»Ja,« gebe ich zu, »man fühlt sich übergroßer Schönheit gegenüber
immer so hilflos und hat das Gefühl, daß es nur zwei Arten von Erlösung
gibt: man müßte sich in das Schöne hineinstürzen oder es auffressen
können.«

Burmeister hat den Arm auf die Lehne meines Sessels gestützt und blickt
mir von unten her ernsthaft in die Augen.

»Sie haben recht,« antwortet er, »und ich empfinde es mit aller
Entschiedenheit, deren ich fähig bin: Der Kuß wäre augenblicklich die
einzige Lösung.«

Ich muß lachen: »Ich glaube, in der Juristensprache nennt man so etwas
eine Unterschiebung; aber ich zweifle nicht daran, daß Sie hier im
Sanatorium allerlei Verständnis für Ihre Auffassung finden.«

»Die Sie nicht teilen?«

»Die ich teile, -- unter Vorbehalt natürlich.«

»Unter welchem Vorbehalt?«

»Nun, erstens natürlich unter dem Vorbehalt der Legitimität.«

»Legitime Küsse!« Er schüttelt sich. »Aber zweitens?« drängt er.
»Auf erstens muß doch immer ein zweites folgen.«

»Zweitens,« antworte ich und lehne mich soweit in meinem Liegestuhl
zurück wie es irgend möglich ist, »zweitens will ich Ihnen mal was
sagen, Burmeister: Sie sind neugierig. Ich habe Ihnen heute schon ein
Geheimnis anvertraut und diese Erinnerung macht Sie kühn, um wieder mal
aus dem Don Carlos zu zitieren.«

»Du lieber Gott, kühn!« seufzt Burmeister. »Wenn Sie wüßten, wie
wenig kühn ich in diesem Augenblick bin!«

»Na also, dann ist's ja gut,« sage ich, »dann setzen Sie sich wieder
bequem zurück, wie sich's gehört und bedenken Sie, daß nach Tisch von
Gottes und Doktors wegen Ruhezeit ist. Und dann will ich Ihnen das zweite
Geheimnis anvertrauen.«

»Das Geheimnis Ihrer Unnahbarkeit?« fragt er.

»Ja,« antworte ich, »und nun hören Sie gut zu: Die Unnahbarkeit ist
nämlich mein Fimmel --«

»Und deshalb sind Sie hier!« stößt er mit einem so herzlichen und
lauten Jubelton heraus, daß ich ihm unbedingt den Mund zuhalten muß.



Und da ging Karl Gerhard zur Bar --

[Illustration]


»Herein,« sage ich ein wenig erstaunt und sehe nicht gerade angenehm
überrascht vom Buch auf, denn meine Kaffee- und Besuchsstunde ist längst
vorbei, und in diesem, vielleicht einzigen Punkt bin ich ein bißchen
Pedant.

Und es schießt mir durch den Kopf, ob Karl Gerhard wirklich nur darum so
unsicher und zerknirscht aussieht, wie er da in der Türe steht, oder
ob noch etwas anderes --? Ich habe allerlei Fatales gehört in letzter
Zeit -- --

»Kommen Sie nur näher, wenn Sie schon mal da sind,« sage ich,
»und drehen Sie das Licht an, zum Lesen ist's schon ein bissel dunkel
geworden.«

»Das finde ich nicht,« antwortet er, an der Tür stehenbleibend, »ich
lese sogar schon von hier aus in Ihrem Gesicht mit den hochgezogenen
Augenbrauen mein -- nun, sagen wir wenigstens -- mein gesellschaftliches
Todesurteil.«

Ich schüttle den Kopf. »Ich habe keinerlei Urteile, am wenigsten
Todesurteile auszusprechen.«

Er kommt langsam näher, bleibt aber beim Flügel stehen und sagt, die Arme
auf das Instrument gestützt:

»Es sind nicht nur die ausgesprochenen Todesurteile, die töten. Und ich
habe in den letzten Tagen manchmal denken müssen, daß die Menschen auch
nicht immer an ihren eigenen Gebrechen sterben. Es ist schon mancher an der
Herzensträgheit eines anderen zugrunde gegangen.«

»Gerhard!« sage ich.

»Es ist nur eine theoretische Abhandlung, gnädige Frau,« antwortet er,
»und ich will Sie nicht mit Details quälen. -- Darf ich ein paar Minuten
bleiben?«

Ich nicke. »Aber setzen Sie sich und nehmen Sie sich etwas zu tun, denn
ich möchte dies Kapitel gern noch zu Ende lesen.«

»Darf ich mich so lange am Klavier nützlich machen, bis Sie erfahren
haben, ob der Graf sein schändliches Ziel erreichen und die Unschuld zu
Fall bringen wird?« Und er sitzt schon am Flügel und spielt aus Mahlers
Achter »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis«.

Ich klappe seufzend das Buch zu.

»Ich weiß zwar noch nicht, ob der Graf sein schändliches Ziel erreichen
wird,« sage ich, »aber daß Sie's erreicht haben, ist sicher. Also lassen
Sie Mahler und das Vergängliche und erzählen Sie mir, was Sie heut so
spät noch hertreibt.«

»Ich hoffe, Sie haben ein Zeichen ins Buch gelegt oder sich wenigstens
die Seitenzahl gemerkt,« sagt er bedächtig. »Oder vielmehr, ich hoffe
es nicht, denn es stände im Widerspruch mit meiner Anschauung von der
weiblichen Psyche. Ehe eine Frau nämlich ein Zeichen ins Buch legt oder
im Register nachsucht, blättert sie lieber eine halbe Stunde lang seufzend
hin und her.«

»Es wird auch Frauen geben, die es anders machen,« antworte ich, »wenn
ich auch leider von mir zugeben muß --«

»Sehen Sie,« triumphiert er mit aufgehobenem Zeigefinger, »das Zeichen
ins Buch legen ist eben ein männlicher Zug, und wenn es Frauen gibt, die
es dennoch tun, so beweist das nur, daß sie männliche Züge aufweisen und
sich vom Zwang des Geschlechts befreit haben.«

»O Gott,« stöhne ich, »lassen Sie Weininger ruhen, wenn Sie auf meine
Freundschaft auch nur den geringsten Wert legen.«

»Gut,« lacht Karl Gerhard, »legen wir also Weininger zu Mahler, da es
Ihnen heute so beliebt, und da die Wahl zwischen einem toten Philosophen
und einer lebendigen Freundin keine nennenswerten Kämpfe in mir weckt.
-- Was haben Sie aber ernstlich gegen den guten Weininger einzuwenden? Der
Umstand, daß man ihm mit der Bezeichnung eines modernen Frauenlob
bitter unrecht täte, dürfte doch bei Ihnen nicht schwer wiegen, da Sie
eingestandenermaßen Ihr eigenes Geschlecht nur bis zum Backfischalter
erträglich finden?«

»Vielleicht ist der weibliche Korpsgeist doch stärker in mir als man
denken sollte,« antworte ich, »vielleicht ist's aber auch nur die
Weiningersche Beweisführung, die Sie soeben auch anwandten; die erscheint
mir oft so billig, daß sie eines klugen Mannes, also auch Ihrer, nicht
würdig ist.«

Er verbeugt sich: »Dank für die gute Meinung. -- Ich tue leider in
letzter Zeit so vielerlei, was eines klugen Mannes nicht würdig ist, daß
der harmlose Weiningersche Trick mit unterlaufen mag.«

»Ja, ich habe so etwas gehört,« sage ich und schiebe ihm die Zigaretten
hin, da die Zöpfchen, die er aus den Fransen meiner Tischdecke flicht,
schon anfangen mich zu irritieren. Und nach einer kurzen Pause setze ich
langsam hinzu: »Gerhard, warum machen Sie auch so dumme Geschichten?«

Er bläst ein paar Ringe in die Luft, blickt ihnen nach und fragt:

»Sie wissen es nicht, gnädige Frau?«

Und dann plötzlich den Kopf zu mir wendend: »Sie haben keine Ahnung,
warum ich neulich abend von Wartenbergs fortlief wie -- na, sagen wir wie
ein wildgewordener Esel, wenn es so was gibt, -- und geradeswegs in die
Bar, wo ich mit einem anderen Esel in einen etwas deutlichen Wortwechsel
geriet.«

»Sie sollen ihn so verprügelt haben, daß der Wirt Sie hinauswerfen
ließ.« -- »O nein,« widerspricht Gerhard und drückt bedächtig seine
Zigarette aus, »ich ging ganz von selbst, nachdem ich mir ein bißchen
Luft gemacht hatte. Und ich ging stolz.« -- »Gestützt auf Emmi,«
unterbreche ich ihn.

»Hieß sie Emmi?« fragt er, »ja richtig, gestützt auf Emmi, denn
ein Stuhlbein hatte ich doch bei der Diskussion abgekriegt. Sie sind
gut unterrichtet, gnädige Frau.« -- »Nicht besser als alle Welt,«
versichere ich ihn.

»Und Sie wissen auch nicht besser als alle Welt, was die Veranlassung zu
all meinen Dummheiten ist?« fragt er vorgebeugt und nach seiner Gewohnheit
die Hände ums Knie geschlungen.

»Vielleicht doch,« antworte ich, »soweit Sinnlosigkeit eine Veranlassung
haben kann. -- Aber ich habe schon zu viele Kinder gesehen, die wild um
sich schlugen und sich selbst Beulen in den Kopf rannten, weil man ihnen
einen Wunsch versagen mußte oder ihnen ein gefährliches Spielzeug aus der
Hand nahm, als daß mich Ihre Erlebnisse in der Bar und anderswo gewundert
hätten. Ich ahnte fast so etwas, als Sie so plötzlich bei Wartenbergs
verschwanden.«

»Sie sind ja auch so klug,« lächelt er mit ironisch verzogenen
Mundwinkeln. »Aber ob es so klug war, mir mein Spielzeug aus der Hand zu
nehmen, -- ich weiß doch nicht. Denn darin haben Sie recht, wir sind alle
nur einfältige Kinder, die immer etwas zum Spielen haben müssen, damit
wir nicht schreien. Fällt uns ein Spielzeug aus der Hand, schnell ein
neues hineingesteckt, damit wir nicht schreien. Niemand von uns kann ohne
ein Spielzeug leben.«

»Und da ging Karl Gerhard zur Bar und kaufte sich ein neues.«

»Mein Gott,« antwortet er, »man nimmt, was man gerade findet.
Wählerisch ist man in solchen Momenten nicht.«

»Nun, Gott sei Dank,« sage ich, »ich sehe, daß es Äquivalente für
alles gibt.« -- »Es gibt keine Äquivalente auf der Welt,« bemerkt
Gerhard, »es gibt höchstens Surrogate.«

»Mag sein,« gebe ich zu, »aber Surrogate tun ja auch ihre
Schuldigkeit.« -- »Nein,« ruft er plötzlich heftig, steht auf und
läuft quer durchs Zimmer.

»Nein?« frage ich ganz naiv erstaunt und sehe ihm nach.

»Nein,« wiederholt er, »und ich will nicht, daß wir uns in diese
Bitterkeit hineinreden, aus der wir nachher nicht wieder herauskönnen. Sie
wissen so gut wie ich, daß ich kein Äquivalent und kein Surrogat gesucht
habe, daß ich einfach --« -- »Ja, ich weiß,« sage ich und wundere
mich, wie weich meine Stimme klingt.

Er bleibt plötzlich stehen, kommt dann näher an den Tisch und fragt:

»Darf ich noch einen Augenblick bleiben?« -- »Ja,« sage ich, und er
setzt sich und starrt vor sich hin.

»Und ich hatte mir geschworen, nie mehr hierherzukommen!«

»Du lieber Himmel!« sage ich, »wenn es einen Gerichtshof für all die
Meineide gäbe, die wir uns selber schwören! -- Aber vielleicht wäre es
doch besser gewesen, Sie hätten diesmal Ihren Schwur gehalten, wenigstens
ein paar Wochen lang --«

Er sieht mich an und schüttelt langsam den Kopf.

»Denn sehen Sie,« fahre ich fort, »es gibt außer diesem Zimmer noch so
viel Schönes auf der Welt, das zu sehen und zu genießen lohnt.«

»Ach, ich verstehe,« sagt er, »eine kleine Reise oder so etwas, was
bessere Leute in meinem Fall immer zu unternehmen pflegen. Wenigstens steht
es so in allen schlechten Romanen der Weltliteratur, daß der unglückliche
Held eine Reise um die Welt unternimmt und gereinigt und herrlicher denn
je an die Stätte seiner früheren Leiden zurückkehrt. Manchmal bringt er
sich ein Mädchen von den Fidschiinseln mit, das an Holdheit alles Lebende
überstrahlt und die schnöde, heimische Kokette bis auf die Knochen
blamiert. -- Es kann auch eine Geisha sein, aber das ist veraltet und
sentimental, und die Fidschiinseln und Neuseeland sind sozusagen noch
unberührter Boden. Vielleicht gestatten Sie, daß ich Ihnen von da aus
eine Ansichtskarte --«

»Gerhard,« sage ich, »wer bringt jetzt den bitteren Ton hinein?« Und
nach einer kleinen Pause: »Ich finde übrigens auch, daß eine Reise als
seelisches Heilmittel veraltet und literarisch ist. Man denkt an Goethe und
Italien, und die ganze Literaturstunde steht vor einem auf. Und ich glaube
auch, es ist gleichgültig, ob man da oder dort ist, solange man sich
selber überall mit hinschleppt.« -- »Jawohl,« sagt Gerhard, »einmal
aus der Haut fahren, das wäre noch das einzige.«

»Nein, über sich selbst hinauswachsen, oder vielmehr bis zu sich selbst
hinwachsen, -- denn Sie wissen es ja, unser wahres Selbst liegt nicht tief
verborgen in uns, sondern hoch über uns --«

Gerhard nickt langsam: »Nietzsche, und ein großes Wort. -- Aber, Gott
sei's geklagt, sie helfen uns nicht, die großen Worte.«

»Nun, dann ein kleines, wenn Sie die großen nicht lieben. Wir müssen
versuchen, das In-uns zu ändern, wenn wir das Außer-uns nicht ändern
können. Wir müssen versuchen, uns anders einzustellen und an den kleinen
Dingen des Lebens Freude zu gewinnen. Glauben Sie mir, wir leben alle
von der Hand in den Mund und müssen uns aus lauter kleinen Stücken
und Stückchen etwas zurechtschneidern, was vor der schlimmsten Kälte
schützt.«

Karl Gerhard lehnt sich im Sessel zurück, stützt die Fingerspitzen
gegeneinander und sagt bedächtig: »Gestatten Sie mir, zu bemerken, was
schon der alte Fritz Reuter richtig herausgefunden hat, daß nämlich die
Armut allemal von der Pauvreté herrührt. Wenn ich die kleinen Freuden des
Lebens genießen könnte, dann wäre ich gesund und brauchte Ihnen nicht
mit Jammertönen lästig zu fallen. -- Aber das ist's ja,« fährt er
heftig fort, »von jeher haben die satten Leute den armen hungrigen Teufeln
gesagt: ›Was klagt ihr über Hunger! Seht doch um euch und genießt die
herrliche Natur und die Schönheiten des Lebens und der Kunst!‹ -- Und
von jeher haben die armen Teufel dagegen geschrien: ›Macht uns erst
satt!‹ -- Denn wer kann Michelangelo genießen und Schuberts Unvollendete
und den Lago Maggiore, solange ihm der Hunger die Eingeweide zerreibt!«

Und er legt den Kopf im Sessel hintenüber und schließt die Augen.

Ich sehe ihn eine Weile schweigend an und sage dann: »Immer muß ich doch
denken, wieviel Glückliche man machen könnte mit dem Glück, das in
der Welt ungenutzt verlorengeht. Da sitzen Sie nun, jung und gesund und
unabhängig und begabt wie wenige --«

»Wie hübsch,« unterbricht mich Gerhard lächelnd, »daß sich auch
bei Ihnen einmal weiblich ökonomische Instinkte melden! Nichts umkommen
lassen, ist ja die erste Hausfrauenregel, mögen es nun Brotkrumen sein
oder Glücksmöglichkeiten, die unter den Tisch gefallen sind.« -- »Sie
sollen nicht unter den Tisch fallen,« sage ich heftig. »Wo ist Ihr
Ehrgeiz und Ihr Glaube an sich selbst, der Glaube, von dem Sie einmal
sagten, daß es der einzige sei, der Berge versetzen könne.«

»Ich will keine Berge mehr versetzen,« sagt Gerhard müde und steht auf.
»Ich will jetzt nur noch eins: irgendwo hingehen, wo es warm ist. Mir ist
in diesem Augenblick so erbärmlich kalt zumut. Und darin haben Sie recht,
wir müssen uns aus den Fetzen des Lebens etwas zurechtschneidern, was vor
der bittersten Kälte schützt.«

»Ja,« antworte ich, »wir alle. Aber die Fetzen, die wir zu dem
schützenden Mantel verwenden, die zeigen, wer wir in Wahrheit sind.
Der eine geht zur Bar, um sich zu erwärmen, der andere schafft ein
unsterbliches Werk. Denn was sind alle großen Werke anderes als ein
Mantel, den ein armer frierender Mensch um seine zitternde Blöße gedeckt
hat und um seine Wunden und Male? Und was ist alle Tollheit und aller
Rausch und alle Niedrigkeit anderes, und was alles Insichversinken und
Träumen anderes als ein Schutz gegen die Kälte da draußen? Aber das
Material, das wir zu dem Mantel wählen, Gerhard, das ist's, das über uns
entscheidet.«

Gerhard kommt plötzlich einen Schritt näher und streckt mir die Hand hin.
»Ich will wieder arbeiten,« sagt er mit so eindringlicher Plötzlichkeit,
daß ich wider Willen lächeln muß.

»Fein,« sage ich und reiche ihm die Hand. »Ehrenwort?«

Er zuckt die Achseln. »Für einen anständigen Menschen ist jedes gegebene
Wort ein Ehrenwort.«

»Hören Sie, Gerhard, mit dieser Sentenz auf den Lippen müßten Sie
gehen, es wäre ein vorzüglicher Abgang.«

Er lächelt. »Ich bin zwar nicht so effektsüchtig wie Sie glauben, aber
trotzdem, wenn es denn sein muß, -- leben Sie wohl!«



Von Seelenmalerei und einer geschwollenen Backe

[Illustration]


Man hat mir so lange vorgeredet, ich müsse mich malen lassen, bis ich
selber von ungeduldigem Verlangen nach meinem Bildnis erfaßt wurde und die
Sache mit Karl Gerhard besprach. Von dem naheliegenden Gedanken, daß er
der Maler des Bildes werden solle, haben wir schnell abgesehen, denn unsere
Freundschaft ist uns zu heilig, um sie leichtsinnigerweise einer so harten
Probe auszusetzen.

Er hat mir aber einen jungen Künstler aus seinem Bekanntenkreis empfohlen,
der sich schon mit viel Glück im Porträtieren versucht habe, ganz modern
und ein Werdender sei. Von jeher waren mir die Werdenden interessanter als
die Gewordenen, und als mir Gerhard noch erzählte, daß Artur Vollmer es
besonders gut verstehe, die Seele seines Modells zu versinnbildlichen, da
war mein Entschluß gefaßt.

Wie wird er meine Seele malen? Diese Frage hat mich tagelang aufs
angenehmste beschäftigt.

Auch jetzt, während ich zur Besprechung in Artur Vollmers Atelier
bin, verläßt sie mich nicht, sie hat aber inzwischen etwas leicht
Beängstigendes angenommen.

Wir haben ein paar nebensächliche Fragen bereits erledigt, er hat mir eine
Zigarette gereicht, und ich habe versucht, mit ihm zu plaudern, da ich
mir einrede, daß er bei dieser Gelegenheit meine Seele kennenlernen will.
Vorerst scheint es ihm noch nicht sehr darum zu tun zu sein, denn er hat
bis jetzt jedes meiner Worte nur mit einem leisen Lächeln quittiert, das
genau die Mitte zwischen Höflichkeit und Unverschämtheit innehält. Ich
ziehe es daher vor, schweigend die Bilder zu betrachten, die bunt und wirr
an den Wänden hängen, und mein Blick bleibt an einem kauernden, etwas
unproportionierten Mädchen haften, das so angestrengt bemüht ist, sich
ein Strumpfband ums Bein zu binden, daß ihm die Haare wild übers Gesicht
hängen.

Und ich kann die Frage nicht unterdrücken, warum dieses junge Mädchen
sich so leidenschaftlich um sein Strumpfband bemüht, da es doch weder
Strümpfe noch sonst etwas an Kleidung Erinnerndes auf dem Leibe hat.

»Es ist eine Studie,« beantwortet Vollmer meine unkünstlerische Frage,
und ich bin zufrieden.

»Dies Ding ist übrigens eines der ersten, die ich gemacht habe,« spricht
er zu meinem Erstaunen weiter, sich mit einem schwermütigen Lächeln
zu mir wendend. »Es stammt noch aus der Zeit, als ich ein junger
Springinsfeld war und mir wer weiß was vom Leben versprach.«

Er spricht langsam und in einem sehr weichen Dialekt eigner Erfindung und
erzählt nun, einmal in Gang gekommen, ausführlich von den Enttäuschungen
des Künstlerlebens, den Intrigen der stümpernden Kollegen, der
Parteilichkeit der Ausstellungsdirektoren und der Verlogenheit der
Kunsthändler. -- Ich höre schweigend zu, und während sein sanft sonores
Organ mich weich umspült, gerate ich langsam in jenen fast hypnotischen
Zustand, der mich jedesmal überkommt, wenn die Maniküre die Fingerspitzen
meiner einen Hand sanft streichelt, während die der anderen im lauwarmen
Seifenwasser ruhen.

»Ja,« schließt er jetzt sein Gespräch, »wenn man nicht als Künstler
geboren wäre! Lieber hätte man in seiner Jugend Holzhacken lernen sollen,
es wäre damit besser für das Alter gesorgt.«

Ich schüttle den hypnotischen Bann so gut es geht von mir und sage, noch
ein wenig benommen: »Es ist gewiß sehr traurig, daß so viele Menschen
die erste Hälfte ihres Lebens dazu benutzen, die zweite unglücklich zu
machen.«

Vielleicht, daß dieser sonst gute Ausspruch nicht hierhin paßt,
vielleicht auch, daß Vollmer die Abstecher ins Allgemeine nicht liebt,
jedenfalls geht er mit einem leisen, etwas unbehaglichen Räuspern darüber
hinweg, und ich setze schnell hinzu:

»Aber die Kämpfe, die Sie mir geschildert haben, sind ja kein Unglück
zu nennen und sie bleiben wohl keinem erspart, der seine Persönlichkeit
durchsetzen will.« -- »Gewiß,« bestätigt Vollmer, »und je neuartiger
und origineller die Persönlichkeit sich äußert, um so härter sind
heutzutage die Kämpfe mit der Lauheit und der Bequemlichkeit des
Publikums.«

»Man sagt das allgemein,« antworte ich und sehe mit Schrecken, daß
wieder ein leises Unbehagen über seine etwas verschwommenen Züge geht,
»aber ich finde, gerade das Gegenteil ist heute der Fall. Noch zu keiner
Zeit lief eine neue und eigenartige Begabung so wenig Gefahr, übersehen
oder verlacht zu werden, wie heutzutage. Wir verehren und lobhudeln ja
alles Schrullenhafte, und je absurder sich ein Künstler in seinen Werken
gebärdet, um so eifrigere Anhänger und Förderer wird er finden. Gefahr,
übersehen zu werden, laufen eigentlich nur die Stillen im Land, die
einfach schaffen, wie sie können und müssen, ohne sich um Richtungen und
Moden zu kümmern, die unliterarischen, möchte ich sagen.«

»Die Langweiligen mit einem Wort,« lächelt Vollmer.

»Nun ja,« antworte ich lachend, »zur Gesellschaft sind mir auch die
anderen lieber, die vielseitig Interessierten, die lebhaft Bewegten, die
eigenartig Schillernden. Aber ich glaube bestimmt, die wirklichen Künstler
kommen aus der anderen Sphäre, aus der Sphäre der Einseitigen und
Schwerfälligen, die darum in Gesellschaft langweilig sind, weil sie in
ihrer Seele zuviel Kunst haben und zuwenig Literatur.«

Vollmer schweigt ein paar Sekunden. »Ja, ja, die Seele,« bemerkt er dann
sinnend, und mir fällt plötzlich wieder der Zweck meines Besuches ein.

»Sie sollen ja ein ganz besonders feiner Forscher auf diesem Gebiet
sein,« sage ich, »wenigstens hat man mir berichtet, daß Ihre Bilder
wahre Seelenporträts seien, und ich muß sagen, ich bin gespannt --.«

Artur Vollmer lächelt zurückhaltend und weist mit der Hand auf ein
großes Bild, das gleich beim Eintritt meinen Blick auf sich gelenkt
hat und das ich jetzt aufmerksam betrachte. »Porträt von H. K.« steht
darunter, und es stellt einen sorgsam und elegant gekleideten jungen Mann
von phantastischer Häßlichkeit dar, der in einer romantischen Landschaft
im Profil steht und einen Apfel, den er zwischen Daumen und Zeigefinger
hält, entsetzt betrachtet.

»Sehr eigenartig,« sage ich höflich und überzeugt. »Ist es wirklich
ein Porträt?«

»Sie kennen das Modell,« antwortet er und setzt nachlässig hinzu:
»Auf die äußere Ähnlichkeit haben wir allerdings verzichtet, aber Sie
müßten ihn schon an der Art erkennen, wie er den Apfel hält.«

Ich will schon bedauernd den Kopf schütteln, denn mir fällt keiner meiner
Bekannten ein, der die Gewohnheit hat, einen Apfel mit zwei Fingern zu
halten, doch da kommt mir der rettende Gedanke: -- Seelenmalerei! Und ich
sage stolz und glücklich: »Vielleicht ist es einer, der alle Dinge im
Leben sehr vorsichtig anfaßt?« -- »Ja,« nickt Artur Vollmer, »mit
einem gewissen Abscheu sogar. Betrachten Sie den Ausdruck von Ekel in
seinem Gesicht.«

»Nun ja,« sage ich etwas zaghaft, »aber genügt dieser eine Zug, um das
Bild Porträt zu nennen? Und warum, wenn Sie H. K. schon malen wollten,
haben Sie so vollkommen auf die Ähnlichkeit verzichtet?«

Vollmer schweigt einen Augenblick und sagt dann mit einem zerstreuten Blick
aus dem Fenster: »Ähnlichkeit bekommen Sie für zwanzig Mark das Dutzend
beim Photographen.«

Und so stark ist die Suggestionskraft seiner Worte, daß mir in diesem
Augenblick die Photographen als eine durchaus minderwertige Menschengattung
erscheinen. Aber dann erwacht mein besseres und mutiges Selbst und ich
riskiere die Schreckensfrage, die Banausenfrage, die Frage, mit der man
jungen Malern das Gruseln beibringt:

»Kann ein Porträt nicht künstlerisch und doch ähnlich sein?«

Und Artur Vollmer antwortet denn auch mit einem leisen Klang von
Gereiztheit in seiner milden Stimme: »Sie sprechen immer von Ähnlichkeit,
gnädige Frau, und das ist in der Kunst ein so ganz verfehlter Standpunkt.
Die Hauptsache, daß das Bild ein Kunstwerk ist. Wer fragt in den Galerien
und Museen heute danach, ob die Porträts von Dürer und Rembrandt und Van
Dyk dem Modell auch ähnlich waren. Es sind Kunstwerke, und sie bleiben
bestehen, während die Ähnlichkeit von heute schon morgen nicht mehr wahr
ist.«

»Das ist sehr richtig,« antworte ich, »nur ist es dann nicht nötig,
sich selbst malen zu lassen. Ich kann mir statt dessen irgendein berühmtes
Bild eines berühmten Meisters kaufen, dessen Wert anerkannt ist, während
es doch bei aller Hochachtung vor Ihrer Kunst noch nicht völlig sicher
ist --«

»Daß ich Rembrandt oder Van Dyk erreiche,« unterbricht er mich, und die
Stimme umspült mich wieder sanft wie Seifenwasser. »Nein, gnädige Frau,
das ist sogar sehr unsicher, aber Sie vergessen, daß es noch eine andere
Ähnlichkeit gibt, als die rein äußerliche, von der Sie reden. Die
Ähnlichkeit, die vielleicht nur der Künstler sieht. -- Kennen Sie den
hier?«

Und er nimmt ein Bild vom Boden, das bis jetzt mit dem Gesicht nach der
Wand gestanden hat, und stellt es auf eine Staffelei.

»Mein Gott!« sage ich entsetzt, »Frank Meinert.«

Es ist wirklich Frank Meinert, der mir aus einem blutigroten Hintergrund
entgegenstarrt. Frank Meinert mit einer blutigroten Krawatte, die eine
Backe geschwollen, die Züge nicht ganz unähnlich, aber ins brutal
Verbrecherische verzerrt, und mit dem bösartig lauernden Ausdruck, mit dem
die Shakespeareschen Meuchelmörder über die Bühne zu schleichen pflegen.

»Mein Gott!« wiederhole ich nur, aber in meinem Innern setze ich hinzu:
Was wird er aus meiner Seele machen? Gott sei meiner armen Seele gnädig!

Und nach diesem Stoßgebet frage ich gefaßt:

»Sie sind befreundet mit Frank Meinert?«

»Ja,« sagt er, »wir treffen uns oft des Abends im Café und auch
sonst --«

»Und so erscheint Ihnen seine Seele?«

»So sehe ich ihn,« antwortet er einfach.

»Nun,« sage ich, »dann bewundere ich aufrichtig Ihren Mut. Fürchten Sie
denn gar nicht, daß er Ihnen eines Abends Strichnin oder Zyankali in den
Kaffee schüttet, oder daß er Sie auf dem Heimweg mit einem Schlagring
überfällt?«

Vollmer lächelt melancholisch. »Nein,« sagt er, »was Sie da auf dem
Bild sehen, ruht ja ungewußt und ungehoben in den tiefsten Gründen seines
Wesens. Es wird nie zutage kommen.«

»Das wollen wir zu Gott hoffen!« antworte ich inbrünstig.
»Lebenslängliches Zuchthaus wäre das wenigste. -- Übrigens maße ich
mir kein Urteil darüber an, ob nicht wirklich brutale Triebe in Franks
Seele schlummern. Er deutet selbst gern so etwas an, aber das ist kein
Grund dafür, es nicht zu glauben. Kein Mensch kann dem anderen bis auf
den Grund der Seele blicken, schon darum nicht, weil die Seele keinen Grund
hat. Es geht immer noch tiefer und tiefer. Und wahrscheinlich könnten
Sie jeden von uns mit dem gleichen Recht zum Verbrecher stempeln. -- Zum
mindesten freundschaftlich kann ich das Bild nicht finden.«

»Und wie würden Sie an meiner Stelle Frank gemalt haben?« fragt Vollmer
lächelnd, indem er das Gemälde, diesmal richtig herum, an die Wand lehnt.

»Nun,« sage ich, »da Sie die Bilderrätsel lieben, hätten Sie ihn für
mein Gefühl am besten als Narziß gemalt, schwermütig am Bach ruhend,
verliebt und versunken in sein Spiegelbild. -- Darf ich mir aber noch die
Frage erlauben, welche Bedeutung die geschwollene Backe auf dem Bild hat?«

»Da ist doch keine geschwollene Backe,« widerspricht er zum erstenmal
wirklich gereizt und holt das Bild wieder herbei. »Ich bitte Sie, das
scheint doch nur so durch die Haltung und die Beleuchtung.« -- »Ach
so,« sage ich, froh, daß keine Beziehung zwischen Franks Seele und dieser
Schwellung besteht.

»Und wie denken Sie sich mein Bild?« frage ich dann etwas ängstlich und
setze mich vorsichtshalber.

»Tja,« sagt er, mich nachdenklich betrachtend, »ich dachte zuerst, als
ich Sie sah, an die Franzosen. Renoir oder so etwas. Aber ich bin davon
abgekommen. Ich möchte Sie jetzt am liebsten als Daphne malen.« --
»Daphne?« wiederhole ich und wühle verzweifelt in den Untergründen
meiner mythologischen Erinnerungen. Leider umsonst. »Es wird nur seine
Schwierigkeiten haben,« fährt er fort, »wegen der Bekleidung und auch
sonst.«

Ich blicke unwillkürlich zu dem Mädchen mit dem Strumpfband hinüber und
bitte dann etwas verschüchtert um Aufklärung über Daphne.

»Daphne,« erklärt er, auf der Tischkante sitzend, mit weicher
Stimme, »war die Tochter der Gäa, zu deutsch Erde, und des arkadischen
Flußgottes Ladon. Andere behaupten zwar, daß Amyklas ihr Vater war und
noch andere nennen Pennios, aber --« -- »Lassen wir die Frage offen,«
schlage ich vor, »Sie wissen =La recherche de la paternité= --« Er
lächelt und fährt fort:

»Apollo liebte Daphne, aber er hatte einen Nebenbuhler an Leukippos, der
ihr als Jungfrau verkleidet folgte und auf Apollos Veranlassung hin von
den Nymphen getötet würde. Nun floh Daphne auch vor Apollo, sie wurde
von ihrer Mutter aufgenommen und in einen immergrünen Lorbeerbaum
verwandelt.«

Ich sitze ein paar Sekunden lang still, fasse mich aber allmählich und
sage: »Also alles in allem ein Mädchen von Charakter. -- Nun gestatten
Sie mir aber bitte noch ein paar Fragen: Zuerst, in welchem Stadium ihres
ereignisreichen Lebens wollen Sie Daphne malen? Zweitens, woran soll man
mich als Daphne erkennen? Und drittens und letztens, warum überhaupt
Daphne?«

»Ich sagte es ja schon,« antwortet Artur Vollmer, »die Sache wird ihre
Schwierigkeiten haben. Aber die Idee wird mir lieb und lieber, je mehr ich
darüber nachdenke. Es liegt eine tiefe Symbolik darin: Die Frau, die sich,
vor dem Geliebten fliehend, in Lorbeer verwandelt. Man müßte natürlich
diesen Moment festhalten, noch halb Weib, halb schon Baum --.«

Ich habe plötzlich das Gefühl, als ob ich schon halb zum Baum erstarrt
wäre und mache heimlich ein paar schlenkernde Bewegungen mit den Beinen,
um mich vom Gegenteil zu überzeugen. Dann stehe ich auf und sage:

»Ihre Idee ist wirklich sehr interessant und sogar geistreich wie alle
Ihre Bilder. Aber ich weiß doch nicht, ob ich mich dazu entschließen
kann, Ihnen als Daphne zu sitzen. Ich glaube, daß mein tiefstes Wesen
in Ihrem Daphnebild nicht zum Ausdruck käme. Ich mache Ihnen daher einen
anderen Vorschlag: Malen Sie mich ganz einfach hier im Sessel sitzend,
möglichst bequem, das entspricht am besten einem Grundzug meines Wesens.
Und machen Sie das Bild so ähnlich wie möglich, dann wird ganz gewiß
auch etwas von meiner Seele in Ihre Farben fließen, denn ich bilde mir
ein, daß meine Seele meinem Gesicht gar nicht so unähnlich ist. -- Und
wann wollen wir anfangen?«

Wir bestimmen die Zeit, und ich verabschiede mich von dem etwas frostig
gewordenen Künstler, und dann sitze ich im Auto und überlege mir den
Fall.

Und je mehr ich darüber nachdenke, über die ausgeklügelt geistreichen
Bilder und über das unproportionierte Mädchen mit dem Strumpfband und
über Frank Meinerts geschwollene Backe, um so deutlicher steigt ein
schwarzer Verdacht in mir heraus, der sich nach und nach zur Gewißheit
verdichtet.

Und ich nehme mir vor, morgen zu Karl Gerhard zu sagen: »Lieber Freund,
Ihr Protegé ist ein interessanter junger Mann, wenigstens versteht er mit
herzlich wenig Unkosten darauf zu posieren. Er hat eine einschmeichelnde
Stimme und sehr gepflegte Hände. Er ist in der Mythologie erstaunlich gut
bewandert und hat die eigenartigsten symbolischen Ideen. Er versteht, sehr
nüanciert zu lächeln, und ich bin überzeugt, daß er auch sonst noch
allerlei kann. Nur ein einziges kann er ganz bestimmt nicht, und das ist
eigentlich sehr schade: er kann nicht malen.«



»Mir scheint, Sie weiden sich an meiner Todesqual --«

[Illustration]


Wir haben uns gezankt und sitzen uns nun gegenüber wie Kinder, die beide
ihre Heftigkeit bereuen und doch zu eigensinnig sind, das erste gute Wort
zu sprechen. Wir sehen einander nicht an, aber ich merke, daß seine Hand,
die die Zigarette hält, ein bißchen zittert, und wieder einmal, wie nach
jedem Streit mit Herbert Arndt, steigt in mir das Mitleid auf.

Vielleicht habe ich ihm doch unrecht getan, als ich ihn oberflächlich
genannt, denke ich, und weiß doch zugleich, daß der scheinbar tiefe
Eindruck, den der Wortwechsel auf ihn gemacht hat, wie der Eindruck
ist, den man einem Gummiball beibringen kann. Sobald du den Finger
zurückziehst, ist alles, wie es war.

Und dieses Wissen um Herbert Arndts stets veränderliche
Unveränderlichkeit ist es vielleicht, was mich ihm gegenüber oft zu
einer Heftigkeit hinreißt, die mir sonst ganz fremd ist und die mich im
Augenblick weit über den zufälligen Anlaß hinaus erbittert.

Was konnte es mich zum Beispiel kümmern, daß Herbert Arndt heute fast
verächtlich von einem Menschen sprach, den er vor kurzem voll Begeisterung
einen bedeutenden Mann von seltener geistiger Anmut genannt, und für
dessen vornehm künstlerische Lebensgestaltung er eine andachtvolle
Bewunderung gezeigt hatte.

Heute entsann er sich dessen kaum und nannte das Wesen des vor ein paar
Tagen so hoch Gepriesenen unmännlich und affektiert, im Gegensatz zu der
kraftvollen und knorrigen Einfachheit, mit der alle wirklich Großen ihr
Leben geführt. Und ich wurde gereizt und nannte es Haltlosigkeit, nie bei
einer Empfindung und einem Urteil beharren zu können und, wie die Snobs,
immerfort seine Geschmacksrichtung zu ändern, sobald von den Obersnobs
eine neue Parole ausgegeben wird. Und er nannte es Sentimentalität oder
Indolenz, an alten Erinnerungen und alten Wertschätzungen zu kleben, und
wir steigerten uns in immer größeren Zorn, und plötzlich schwiegen wir
beide, weil wir fühlten, daß wir nicht weitergehen durften.

Und jetzt sitzen wir da und möchten uns versöhnen und wissen nicht wie.
Endlich steht Herbert auf und sagt mit etwas rauher Stimme, der man noch
die Erregung anhört:

»Ich will Sie lieber jetzt von meiner Gegenwart befreien. Ich kann
mir denken, wie peinlich Ihnen der Anblick eines so charakterlosen und
minderwertigen Menschen ist.«

Nun muß ich doch lachen. »Ich finde, Ihre Zerknirschung geht zu weit.«
Er verzieht den Mund: »Ich habe mich augenblicklich nur mit Ihren Augen
gesehen.«

»Ich habe diese Worte nicht gebraucht,« antworte ich, »und Sie wissen
sehr gut, daß ich mit einem Menschen, den ich für charakterlos und
minderwertig halte, nicht fünf Minuten lang sprechen, wieviel weniger mich
in einen Streit einlassen würde.«

»Ach so,« bemerkt er, »dann habe ich es vielleicht als Ehre aufzufassen,
daß Sie sich die Mühe nahmen, mich einen Snob und einen Menschen ohne
inneren Halt zu nennen.«

»Mindestens als einen Beweis sehr herzlicher Freundschaftsgefühle,«
antworte ich und sehe, wie ihm wider Willen ein Lächeln um die Mundwinkel
zuckt. Und ich sage:

»Seien Sie kein Frosch, Herbert Arndt, und setzen Sie sich noch mal hin,
denn gewöhnlich machen Sie's doch wie Wotan im letzten Akt der Walküre
und nehmen stundenlang Abschied. Und in der Zeit kann man ebensogut
vernünftig reden.«

Er setzt sich zögernd, denn trotz des Lächelns ist sein Ärger noch nicht
überwunden, und ich schiebe ihm seine Tasse und den Kuchen näher, weil
ich finde, daß es fast nichts auf der Welt gibt, das nicht gleich ein
bißchen weniger schlimm aussieht, sobald man Kaffee und Kuchen vor sich
hat.

Wir schweigen einen Augenblick, dann sagt Herbert: »Was mich am meisten
beleidigt, ist ja gar nicht, daß Sie meine Art, die Dinge zu sehen,
verachten. Ich kann Ihnen das nicht verwehren, denn jeder schätzt im
Grunde genommen nur seine eigene Lebensanschauung, und wenn wir von
jemandem sagen, daß er vernünftige Ansichten habe, dann hat er sicherlich
die gleichen Ansichten wie wir. Was mich beleidigt, ist, daß Sie an meine
Art, die Dinge zu sehen, überhaupt nicht glauben, daß Sie annehmen, ich
rede nur so oder so, um mich interessant zu machen, oder aus Affektiertheit
oder aus irgendeiner anderen Verlogenheit heraus.«

»Nein,« unterbreche ich ihn, »das ist ganz gewiß nicht der Fall. Und
das ist eigentlich das Traurige an der Sache, das Hoffnungslose, möchte
ich sagen, daß Sie immer ehrlich sind.«

»Und gerade deshalb ist der Fall hoffnungslos?« fragt er. »Wie soll ich
das verstehen?«

»Es ist ganz einfach,« antworte ich, »und ich will's Ihnen erklären,
selbst auf die Gefahr hin, Sie noch einmal zu beleidigen und auf die
Gewißheit hin, daß es nichts nützt, denn ein Mensch, der sich immerfort
ändert, der kann sich niemals ändern.«

Herbert hebt erstaunt den Kopf. »Und ich ändere mich immerfort,« fragt
er.

»Und Sie wissen das gar nicht?« frage ich dagegen. »Sie wissen es gar
nicht, daß bei Ihnen immerfort ein Eindruck den anderen verwischt und
auslöscht, und daß Sie immerfort wie auf einem dünnen Seil gehen, nichts
rechts, nichts links, so daß man ordentlich schwindelig wird, wenn man
Ihnen zusieht.« -- »Ich verstehe das nicht,« sagt Herbert schroff.

»Nun also,« antworte ich, »dann will ich Ihnen aus der leider
übergroßen Fülle der Beispiele nur eines nennen: Waren Sie nicht vor
kurzem noch ganz berauscht von den Versen Stefan Georges, den Sie nach
Goethe den einzigen deutschen Dichter nannten? Und sprachen Sie nicht ein
paar Tage darauf sehr abfällig von seiner hypermodernen Pathetik, die
doch im Grunde genommen hohl sei, wenn man einen einzigen Mörikeschen
Vers damit vergleicht? Und war nicht wieder ein paar Tage darauf Mörike
spießbürgerlich und deutsch-borniert und veraltet, weil Sie gerade bei
irgendeinem dekadenten französischen Absinthlyriker angelangt waren? --
Und ist es nicht so auf jedem Gebiet? Die fanatische Ausschließlichkeit,
mit der Sie jeden Tag eine andere Sache anbeten und jeden Tag mit der
gleichen überzeugenden Ehrlichkeit, als gäbe es nur die eine auf der
Welt, die macht mich müde und ungeduldig zugleich.«

Herbert schüttelt den Kopf. »Ich verstehe nicht, was Sie mir vorwerfen.
Gefühl ist doch nichts, was ein für allemal feststeht, Empfindungen,
selbst die wärmstem schwanken auf und ab. Und wären wir Menschen, wenn
wir nicht Stimmungen unterworfen wären?«

»Ja,« nicke ich, »oft denke ich, Sie haben gar keine Empfindungen,
sondern nur Stimmungen, oder besser gesagt: Anwandlungen, und Anwandlungen
kommen nicht aus dem Gemüt, sondern aus den Nerven und der Phantasie.«
-- »Und was ist Gefühl denn anderes als Betätigung der Nerven und der
Phantasie?« fragt Herbert lebhaft und schnell. »Können wir irgend etwas
empfinden, Liebe, Haß, Mitleid, Begeisterung, Freude oder Schrecken,
ohne daß unsere Nerven zucken und unsere Phantasie die Flügel hebt? Der
phantasieloseste Mensch ist der gefühlloseste zugleich, und -- so paradox
es klingen mag -- die Verstandsmenschen sind die dümmsten von allen.«

Ich nicke ihm langsam zu: »Es ist wahr, wir sind alle nur bauernschlau,
solange es uns nicht gegeben ist, weise zu sein. Und auch das andere, was
Sie sagten, ist wahr: Es gibt kein wertvolles Gefühl ohne Phantasie. Aber
die Phantasie muß in unserem Gemüt ihren Ursprung haben, sonst ist der
Mensch wie ein Ofen, der von außen erwärmt wird statt von innen, der
heiß, vielleicht sogar überheizt erscheint, aber niemals Wärme abgibt
und verströmt.«

»Ein sinnfälliger Vergleich!« sagt Herbert, und sein Mund verzieht sich
spöttisch. »Ich gebe allerdings zu, daß ich wenig Talent zum traulich
wärmenden Ofen habe, und offen gesagt, mein Ehrgeiz geht nicht dahin. --
Ich gebe auch zu,« fährt er nach einem kurzen Schweigen fort, »daß ich
leicht von diesem oder jenem Eindruck überwältigt werde und leicht alles
andere darüber vergesse, aber ich schäme mich dessen nicht, im Gegenteil,
ich bin froh und glücklich darüber, denn ich selbst liebe nur Menschen,
die impulsiv und warm und stark empfindend sind.«

»Ach, lieber Freund,« sage ich, »heute! Heute lieben Sie die Impulsiven,
vielleicht weil heute morgen oder gestern abend ein liebes Mädel in
schöner Impulsivität Ihnen die Hand hingestreckt und etwas Herzliches
gesagt hat. Und morgen lernen Sie eine interessante Frau kennen, die kühl
und geheimnisvoll und verschlossen ist, und dann erzählen Sie mir, daß
alles Impulsive doch eigentlich recht vulgär sei, und daß der wahre Reiz
eines Menschen in seiner geheimnisvollen Verschlossenheit läge.«

»Ja,« antwortet Herbert, »und Sie erzählen mir dann, was ich Ihnen
gestern erzählt habe, und werfen mir meine Treulosigkeit gegen das liebe
Mädel vor. Aber der Reiz des Lebens liegt doch gerade darin, daß ich
heute die Impulsiven lieben darf und morgen die Verschlossenen.«

»Ach, lassen wir's,« sage ich ein bißchen müde, »ich merke schon, wir
reden aneinander vorbei und werden uns nicht verstehen.«

»Das ist weibliche Kriegstaktik,« antwortet Herbert, »sobald sie
nichts zu antworten wissen, ziehen sie sich hinter die männliche
Begriffsstutzigkeit zurück. Aber ich möchte jetzt meine Sache bis zu Ende
verfechten und erbitte mir Antwort darauf, weshalb es ein, -- nun sagen
wir, ein verächtlicher Zug sein soll, jeder Art und Gattung Geschmack
abgewinnen zu können.« -- »Das ist's ja nicht,« sage ich seufzend,
»und ich möchte Ihnen gerne noch einmal antworten, aber ich fürchte, die
Anklagerede wird lang.«

»Wenn ich als Delinquent einen letzten Wunsch äußern darf,« sagt
Herbert, »dann möchte ich mir noch ein Stück Kuchen erbitten.«

»Gewährt,« antworte ich, »und möge Ihnen das letzte Stück Kuchen
leicht werden!« -- »So leicht wie Ihnen mein Todesurteil,« erwidert er
mit einer höflichen Verbeugung und zieht sich den Teller mit Kuchen näher
heran.

Mein Ärger ist längst verflogen, und ich muß lachen.

»Mir scheint, Sie weiden sich an meiner Todesqual?« fragt er kauend,
»oder hat meine sieghafte Liebenswürdigkeit so schnell die Wolken von
Ihrer Stirne verjagt? -- Es wäre eigentlich schade,« setzt er hinzu,
»denn ich hatte mein ganzes Wesen schon auf Bußfertigkeit eingeschaltet,
und außerdem war es von jeher meine Leidenschaft, zuzuhören, wenn von mir
die Rede war.« -- »Ja,« sage ich, »es ist die einzige Leidenschaft, der
Sie bis jetzt treu geblieben sind.«

Er sieht mich einen Augenblick schweigend an und sagt dann: Ȇber diesen
Punkt dürften Sie besser orientiert sein.«

»Ich weiß,« antworte ich nach einer kleinen Pause, »aber ich finde
immer, das erotische Gebiet, denn darauf spielen Sie ja an, liegt so
abseits, daß es nicht in Betracht kommen kann, wenn von dem Charakter
eines Menschen die Rede ist. Und selbst wenn jemand hartnäckig an seiner
ersten Liebe hängen sollte --«

»Erste Liebe,« unterbricht er mich lächelnd.

»Oder an seiner dritten oder vierten,« antworte ich, »denn eine erste
Liebe gibt es ja eigentlich nicht, weil immer schon eine vorher dagewesen
ist. Aber es handelt sich jetzt gar nicht um die Treue gegen andere,
sondern um die Treue, die wir uns selbst schuldig sind.«

»Uns selbst, uns selbst,« sagt Herbert ungeduldig, »wie einfach klingt
das! Aber wer von uns kennt sich und wertet sich richtig? Wir sind doch
viel zu sehr in uns selbst gefangen, um unbefangene Richter über uns zu
sein.«

»Aber lieber Freund,« sage ich, »was hat die Treue mit der Erkenntnis zu
tun, da sie doch nichts Bewußtes ist, sondern so selbstverständlich wie
das Atemholen, und da sie aufhört zu existieren, sobald sie bewußt und
ein Willensakt geworden ist. Und wer wir selbst sind, fragen Sie? Nun, wir
sind nicht nur die, die jetzt hier sitzen und reden. Zu uns gehört alles,
was wir vor Jahren und Monaten, und was wir gestern und heute erlebt und
gefühlt haben. Und wenn wir das täglich und stündlich von uns werfen
können wie alte Kleider, dann werfen wir uns täglich und stündlich
selber weg. Wie ein Mensch ohne Schatten sind wir dann, und ich begreife
jetzt, was ich als Kind nie verstanden habe, weshalb Chamisso es als so
traurig und als so schmachvoll hinstellt, keinen Schatten zu haben.«

Herbert ist blaß geworden. »Traurig und schmachvoll,« wiederholt er,
während er mit nervöser Hand seine Zigarette in der Schale zerdrückt.

Dann hebt er den Kopf, und seine Augen haben den eigensinnig fanatischen
Blick, den ich kenne.

»Vielleicht haben Sie Chamisso doch falsch verstanden,« sagt er leise,
»vielleicht war es nur deshalb so traurig und schmachvoll, keinen Schatten
zu haben, weil alle Welt einen Schatten hat, und weil alle Welt die haßt
und verachtet, die anders sind als alle Welt.

Und jetzt will ich gehen,« sagt er aufstehend, und setzt mit einem
sonderbaren, etwas hilflosen Lächeln hinzu: »Diesmal nicht wie Wotan.«

»Und doch wie Wotan,« sage ich und strecke ihm die Hand hin, die er
einen Augenblick sehr fest in seiner hält. »Leben Sie wohl, einäugiger
Wanderer!«



Es ist ein echt weiblicher Zug von Ihnen --

[Illustration]


Der Fünfuhrtee im Kaiserhof ist in vollem Gang, und ich sitze an einem
der kleinen, mit Blumen und Lampen geschmückten Tische und erwarte meinen
Berliner Freund, den Professor, den ich fast ein halbes Jahr lang nicht
gesehen habe.

Ich behalte die Eingangstür im Auge, um ihm gleich zuwinken zu können,
denn ich weiß, daß es ihm, trotz einer absichtlich betonten Nonchalance,
peinlich ist, sich erst lange zwischen den eleganten Gästen und den
unsagbar vornehmen Kellnern durchwinden zu müssen.

Und dann sehe ich doch mal nach dem sehr feschen Paar am Nebentisch
hinüber, und gerade in diesem Augenblick sagt jemand neben mir: »Guten
Abend,« und der Professor setzt sich an den Tisch, als habe er mich
gestern zuletzt gesehen. Ich reiche ihm die Hand hinüber und frage statt
aller Begrüßungszeremonien:

»Hoffentlich hat Sie mein telephonischer Anruf gestern nicht gestört?«

»Natürlich hat er mich gestört,« antwortet er, indem er die Blumen
vom Tisch nimmt und daran riecht. »Ich hatte gerade meinen Mittagsschlaf
angefangen.« -- »Das schadet nichts,« sage ich kühl, »welcher
ausgewachsene Mensch schläft auch am hellichten Tage?«

»Nun, zum Beispiel ich und zum Beispiel Sie,« erwidert er, »denn Sie
wollen mir doch nicht einreden, daß heut vormittag um zehn Uhr, als ich
Sie vergeblich zu sprechen wünschte, Mitternacht war. -- Und übrigens --
ausgewachsener Mensch! Wer ist ausgewachsen? Welche Anmaßung! Wollen Sie
etwa von sich behaupten, daß Sie ein ausgewachsener Mensch seien?«

»Lieber Professor,« sage ich, »ich höre gern meine Jugend preisen, aber
ich finde, augenblicklich geht Ihre Höflichkeit zu weit.«

»Und wer weiß,« fährt er fort, »ob wir nicht gerade im Schlaf am
besten wachsen?« -- »Jawohl,« werfe ich ein, »von den Säuglingen wird
das allgemein behauptet.«

»Dummes Mädel,« fährt er mich an, »muß denn immer von körperlichen
Funktionen die Rede sein? Es ist ein echt weiblicher Zug von Ihnen, daß
Sie nie das Geistige ins Auge fassen können.«

»Verzeihen Sie, aber der Gedanke lag mir zu fern, daß Sie als Lehrer
der Jugend den Schlaf für das beste geistige Förderungsmittel ansehen
könnten. Es sei denn, Ihre Vorlesungen -- --«

Er schlägt mit der Hand auf den Tisch, daß das Nachbarpaar erstaunt
herübersieht und der Kellner nervös zusammenzuckt.

»Herrgott, hat dieses Mädel ein Mundwerk! Ein wahres Glück, daß ich Sie
nicht geheiratet habe!«

»Warum?« frage ich, »ich kann mir das reizend vorstellen, und es wäre
uns beiden sicher sehr gesund gewesen.«

»Gesund?« antwortet er, »das wäre möglich, etwa nach der Methode, daß
man den einen nimmt und den anderen damit verprügelt.«

»Ja, so dachte ich mir's,« bestätige ich und sehe vergnügt zu, wie er
sich zum Entsetzen des Kellners den Teller mit Kuchen belädt. Nachdem der
Befrackte endlich entlassen ist, sage ich:

»Es ist ein echt weiblicher Zug von Ihnen, daß Sie so gern Kuchen
essen.«

»Wer sagt Ihnen, daß ich gern Kuchen esse?« fragt er gereizt, »und wenn
Sie mich übrigens deshalb gestern am Telephon mit allen Mitteln weiblicher
Verführungskunst hierhergelockt haben, um mir anzudeuten, daß Ihnen mein
Appetit unsympathisch ist --.« -- »Wieso unsympathisch?« frage ich,
»mir ist jeder menschliche Zug an Ihnen willkommen. Ich habe Sie
aber nicht deshalb hierherbeordert --.« -- »Gefleht haben Sie.«
-- »Hierherbeordert,« wiederhole ich. -- »Auf den Knien haben Sie
gelegen.«

»Nein,« sage ich, »dazu war die Schnur zu kurz. Aber Sie sehen, ich
habe es versucht, und das genügt Ihnen hoffentlich. Also lassen Sie mich
gefälligst ausreden. Nicht deshalb, um mich an Ihrem Appetit zu erfreuen,
sondern um festzustellen, ob Sie noch immer so ein Grobian sind wie
früher. Und ich muß sagen, mein Wissensdurst ist gestillt.«

»Nun, dann kann ich ja Gott sei Dank nach Hause gehen, wenn ich den Kuchen
aufgegessen habe, denn wenn Sie etwa glauben --«

»Ja, das können Sie,« unterbreche ich ihn, »eine Stunde werden Sie
reichlich damit zu tun haben, und mehr Zeit habe ich ohnehin nicht für Sie
vorgesehen.«

»Kellner!« ruft er. -- »Um Gottes willen,« flehe ich, »Sie blamieren
mich, wenn Sie sich noch mehr Kuchen nehmen. Wir werden hinausgeworfen.«
-- »Werden Sie jetzt artig sein?« fragt er. »Sie sehen, ich habe Sie
in der Hand, ich kann Sie aufs tödlichste blamieren, wenn ich will. Also
geben Sie jetzt zu, daß Sie mich angefleht haben, hierherzukommen?« --
»Ja, ja,« sage ich, denn der Kellner steht schon neben uns.

»Reichen Sie der Dame den Kuchen,« sagt der Professor großartig.

Ich lasse den Kellner unverrichteterdinge abziehen und sage: »Ich habe
mich vorhin schon bedient, während Sie wahrscheinlich noch mit Ihrem
geistigen Wachstum beschäftigt waren.«

Er schnippt mit Daumen und Mittelfinger nach meiner Hand, die ich
erschrocken zurückziehe.

»Sie haben die körperliche Züchtigung verdient,« sagt er, »denn Sie
hätten merken können, daß ich jetzt vernünftig mit Ihnen sprechen
will.« -- »Es ist mir nichts aufgefallen.« -- »Ruhig! -- Also, wie geht
es Ihnen?«

»Auf eine so originelle Frage kann ich nur ebenso originell antworten. Es
geht mir natürlich sehr gut.« -- »Wieso natürlich?« fragt er, »ach
so, Sie meinen, einer so entzückenden Dame gegenüber kann das Schicksal
natürlich gar nicht anders als zart und galant verfahren. Sie stehen
ja auf einem so hohen Piedestal, Sie schweben so hoch über allen
Erdendingen --.« -- »Um Gottes willen,« sage ich, »was haben Sie
auf einmal?« -- »Warum?« fragt er, »war ich etwa nicht grob?« --
»Geradezu unverschämt,« versichere ich.

»Na also,« sagt er, »was ist da zu erschrecken! Mir scheint, Sie sind
etwas verwöhnt und verzärtelt worden seit unserem letzten Zusammensein.
-- Was machen übrigens Ihre vierzig Freunde?«

»Sie verwechseln das,« belehre ich ihn, »bei unserem letzten
Zusammensein war von Ihren dreiundvierzig Freundinnen die Rede.«

»Nun ja, warum sollte ich nicht drei mehr haben als Sie?« fragt er,
»gönnen Sie mir die etwa nicht?«

»Von Herzen,« sage ich. »Don Juan hatte noch mehr.«

»Don Juan war auch kein feiner Genießer wie ich,« erklärt er. »Ich bin
nur für Auslese, und deshalb kann auch der Kreis unmöglich vergrößert
werden, so sehnsüchtig Sie darauf warten, aufgenommen zu werden.«

»Weshalb sind Sie so grausam?« frage ich, »gehen mir vielleicht ein
paar Tugenden ab, die notwendig sind, um unter die Göttinnen eingereiht zu
werden?«

»Alle,« erklärt er, »zuerst die wichtigste, Bescheidenheit. Sie sind
von einem ebenso unberechtigten wie unerträglichen Hochmut geradezu
geschwellt. Sie halten sich für unausstehlich gescheit --.« -- »Ganz im
Gegenteil,« versichere ich, »ich halte mich für sehr angenehm begabt.«

»Sie sind überzeugt, daß Sie keine Fehler haben --.« -- »Auch das
nicht,« antworte ich, »aber ich habe gerade meine kleinen Untugenden von
jeher sehr reizvoll und sympathisch gefunden. -- Fahren Sie übrigens
nur fort, es gibt für mich nichts Wohltuenderes, als wenn sich jemand so
eingehend mit meiner Person beschäftigt.«

»Für diese niedrige Eitelkeit verdienen Sie meine Verachtung,« antwortet
er, »oder ist Ihnen eine körperliche Züchtigung lieber?«

»Ach nein,« sage ich erschrocken und verstecke die Hände unterm Tisch,
»wenn ich dann lieber um Ihre Verachtung bitten dürfte.«

»Dacht ich mir's doch,« sagt er, »man hat Sie entsetzlich verweichlicht
im letzten halben Jahr. -- Aber jetzt ernstlich: Was machen die vierzig?
Oder sind's seitdem mehr geworden oder gar weniger?«

Ich nicke: »Einer weniger.«

»Verkracht?« fragt er und strahlt geradezu teuflisch. -- »Ach, wenn's
nur das wäre,« sage ich.

»So, so, also ernstlich,« überlegt er. »War's Ihr bester?«

»Ich weiß nicht,« antworte ich, »aber ich glaube, der, den man verloren
hat, war immer gerade der beste.«

»Na ja,« brummt er, »das hat dann gleich so etwas vom verlorenen Sohn an
sich. Aber mit Freunden sollte es anders sein. Die man ohne eigene Schuld
verliert, an denen ist meistens nichts verloren. Und so streitsüchtig Sie
sind, ich nehme an, es war nicht Ihre Schuld.«

Ich muß lachen. »Ach nein,« sage ich, »ich war ganz und gar unschuldig,
der Junge hat sich verheiratet.«

»O weh, o weh!« sagt der Professor und schlenkert die Hand durch die
Luft, als habe er sich verbrannt. »Also ein fast unheilbarer Fall. Wie
konnte der Trottel nur?«

»Trottel?« sage ich empört. »Er hat sehr vernünftig geheiratet, ideal
und nützlich zugleich.«

»Also ein idealer Nützlichkeitstrottel,« nickt er. »Und er hat Ihnen
versprochen: Zwischen uns bleibt alles, wie es war, und unsere Freundschaft
besteht jede Probe, und so weiter?«

»So ähnlich,« antworte ich.

»Und Sie Schaf haben's geglaubt?«

»Lieber Professor,« sage ich, »ich bin vielleicht geistig etwas unter
dem Durchschnitt, aber für so ein Schaf dürfen Sie mich nun doch nicht
halten.«

»Na also,« sagt er, »und trotzdem beklagen Sie sich jetzt.«

»Ich glaube, ich kann Ihnen mit gutem Gewissen die ehrenvolle Anrede
zurückgeben. Denken Sie Schaf vielleicht, uns schmerzen nur die Dinge, die
wir nicht vorausgesehen haben?«

»Es war dumm, natürlich,« brummt er. »Sie haben recht. Es gibt
allerdings Menschen, denen das Vorhergewußthaben jeden Schmerz versüßt,
aber dazu gehören Sie anscheinend nicht. Wieso kam es aber zum Bruch? Hat
man Sie etwa beleidigt?«

»Es ist gar kein Bruch, und mit Absicht hat man mich wohl nicht
beleidigt,« antworte ich, »aber haben Sie nicht schon bemerkt, daß
uns die Kränkungen am tiefsten treffen, die uns unabsichtlich zugefügt
werden?«

»Natürlich,« sagt er, »die verfluchte Eitelkeit! Wir ertragen's
eher, daß man uns haßt und verabscheut, als daß man uns gleichgültig
gegenübersteht. -- Übrigens vermute ich, Sie verlieren nicht mehr viel
an dem Verkehr, denn wir waren uns ja von jeher darüber einig, daß
glücklich verheiratete Leute kein Umgang für Menschen von Geschmack sind.
Ob sie's wollen oder nicht, sie bringen ihr Familiensofa überall mit hin,
und man kann sie noch so entfernt voneinander placieren, immer hat man das
Gefühl, als säßen sie Hand in Hand. -- Ist übrigens noch kein Ersatz in
Sicht?«

»Ersatz?« wiederhole ich. »Jeder ist doch ein Mensch für sich, und
einer kann den anderen nicht ersetzen.«

»Nun,« antwortet er, »meistens ist es doch im Leben so, daß uns die
Dinge schon halb verloren sind, während wir sie noch zu halten glauben,
und während von uns ungeahnt, irgendwo aus der Flut der Erscheinungen
schon das Neue aufsteigt, das den Ersatz in sich trägt.«

Wir schweigen eine Zeitlang, und ich schaue ein wenig gedankenlos in die
kleine rosa Lampe vor mir. Endlich sage ich:

»Drollig, mir ist ein Wort im Ohr hängen geblieben, das Sie vorhin
sprachen. Vielleicht, weil's so widerspruchsvoll klingt. Was ist das, ein
idealer Nützlichkeitstrottel?«

»Na,« antwortet er, »widerspruchsvoll klingt das Wort nun ganz und gar
nicht, oder doch nur für den Trägen im Geist. Im allgemeinen drücke ich
mich allerdings höflicher aus und sage: ideale Nützlichkeitsmenschen.
Das Trottel sollte vorhin nur die weitverbreitete Trottelei des Heiratens
treffen.«

»Meine geistige Trägheit schreit wahrscheinlich zum Himmel,« antworte
ich, »aber ich kann mir auch unter der milderen Form nichts vorstellen.
Also bitte, Herr Professor --«

Er fährt sich seufzend über den, trotz seiner Jugend, schon recht kahlen
Schädel. »Gräßlich, wenn man durch die verfluchte Galanterie auch noch
außerhalb der Vorlesungen zum Dozieren gezwungen wird. Aber nun passen Sie
wenigstens auf, sonst setzt's was. Noch einmal kommen Sie nicht mit meiner
Verachtung davon, diesmal knipse ich.«

»Mein Denkapparat wird nur so rasseln,« versichere ich und verstecke die
Hände unterm Tisch.

»Na also,« er denkt einen Augenblick nach, »wissen Sie noch etwas von
Lessings Hamburgischer Dramaturgie?«

»Ja,« sage ich stolz, »sie handelt hauptsächlich von Laokoon.«

»Ganz recht,« lobt er. »Sie meinen zwar den Laokoon von Lessing, aber
das schadet nichts.« --

»Nein,« sage ich, »es schadet sicher nichts. Was hat es aber mit den
idealen Nützlichkeitsmenschen zu tun?«

»Komische Frage,« antwortet er, »was soll es ausgerechnet damit zu tun
haben? Ich muß morgen einen Vortrag über die Hamburgische Dramaturgie
halten und wollte mich von Ihnen inspirieren lassen.«

»Und ist es geglückt?« frage ich. -- »Vollkommen,« antwortet er, »ich
bin nun so im Zug, daß ich Ihnen meinen Vortrag sofort halten werde.«

»Ich hoffe, Sie sind nicht böse, wenn ich dabei die Augen schließe,«
frage ich, »das ist nämlich meine Gewohnheit bei Vorträgen und
vielleicht der Grund zu meiner geistigen Fortgeschrittenheit.«

»Meinetwegen,« sagt er, »es ist mir ohnedies peinlich, wenn Sie mich so
mit den Blicken verzehren und mir jedes Wort von den Lippen saugen.«

Ich überwinde einen krampfartigen Lachanfall, und er beginnt:

»Lessing war der Ansicht, daß in Hamburg das Prinzip der Nützlichkeit
das überwiegende und ausschlaggebende sei. Davon steht zwar nichts in
seiner Hamburgischen Dramaturgie, aber wir dürfen das dem Mann nicht zum
Vorwurf machen, denn warum hätte er das gerade da hineinschreiben sollen?
Er war trotzdem dieser Ansicht, und wir sind es mit ihm. Nun gibt es
sowohl in, als auch außerhalb Hamburgs verschiedene Arten von
Nützlichkeitsmenschem. =Ad= 1: Die gewöhnliche Feld-, Wald- und
Wiesenpflanze, die jeder sofort erkennt, =ad= 2: die verfeinerte Sorte,
die zwar auch nicht ganz selten ist, aber nur von Denkenden und geistig
Hochstehenden erkannt und richtig eingereiht wird.

Es sind die Glücklichen, die nie eine Überzeugung, nie eine Neigung
opfern müssen, weil ihre Überzeugung und ihre Neigung sich immer nach
dem ihnen Nützlichen dreht, wie die Magnetnadel nach Norden. So leben sie
unbeschwert von Sentiments, die nicht gerade der Augenblick in ihnen weckt,
unbeschwert vor allem von retrospektiven Störungen, denn alles ist
in ihrem Gedächtnis, oder sagen wir in dem Gedächtnis ihres Herzens
ausgelöscht, was ihnen nicht mehr nützen kann. Und man darf von ihnen als
ideal veranlagten Naturen nicht verlangen, daß sie sich nach etwas anderem
als dem Zug ihres Herzens richten.

Sie sehen denn auch mit Verachtung auf den gewöhnlichen
Nützlichkeitsmenschen herab, der der Stimme seines Herzens zuwider handelt
und sich oft erst nach hartem Kampf mit sich selbst und mit bewußter
Kraft und Rohheit das erringen muß, was ihnen eine besonders glückliche
Veranlagung schenkt. Ihre Entschuldigung, wenn sie einer bedürfen, ist,
daß sie nichts von dieser glücklichen Veranlagung wissen und ihrer
wirklichen Überzeugung nach als ideal geartete Menschen durch die Welt
gehen. -- Kapiert?«

»Jawohl,« sage ich.

»Also kurz rekapitulieren!« Er sieht mich streng an, und ich sage, die
Hände krampfhaft unterm Tisch:

»Lessings Hamburgische Dramaturgie gipfelt in der Erkenntnis, daß es
gewöhnliche und ideale Nützlichkeitsmenschen gibt. Die ersten werden zum
Beispiel nie ein armes Mädchen heiraten, die zweiten werden sich nie in
ein armes Mädchen verlieben.«

»Basta punktum!« sagt der Professor grinsend, »da hat sich's der
Weiberkopf Gott sei Dank in seine Weibersprache übersetzt. Vom Verlieben
und Heiraten muß bei euch die Rede sein, da seid ihr zu Hause und
geborgen, da könnt ihr mitschwimmen und plätschern wie ein Fisch im
Wasser.«

»Weshalb verallgemeinern Sie so?« frage ich sanft. »Sollten Ihre
dreiundvierzig Freundinnen am Ende ebenso trivial sein wie ich?« -- »Die
werden sich hüten,« antwortet er, »wer mit mir vom Heiraten spricht, hat
ausgespielt.«

»Erzählen Sie ein bißchen von den dreiundvierzig,« schlage ich vor,
um ihn wieder milder zu stimmen. »Sind sie alle sanft und bescheiden oder
sind auch Wilde und Feurige dabei oder herb Verschlossene oder
hinreißend Kluge? Daß sie alle berückend schön sind, setze ich als
selbstverständlich voraus.«

»Alles ist da,« antwortet er stolz.

»Das muß ja unglaublich interessant und spannend sein,« schmeichle ich
ihm, und er lächelt in teuflischer Verschlagenheit vor sich hin.

»Sie sind so verschwiegen,« beklage ich mich, »und ich habe Ihnen heute
schon so viel von mir erzählt, daß Sie sich freundschaftlicherweise
revanchieren dürften.«

»Ja,« sagt er nach einer kleinen Pause, »ich will Ihnen erzählen:
Sie ist sanft und feurig und schelmisch und ernst und verschlossen und
mitteilsam und stolz und bescheiden und alles zugleich. Und schön ist
sie --«

»Sie, sie!« sage ich ganz fassungslos, »ich denke, es sind
dreiundvierzig!«

»Quatschkopf!« sagt er und schnippt nach meiner Hand. »Sie wissen doch
schon lange, daß es nur eine ist.«



Warum der kleine Dichter einen Nasenstüber bekam --

[Illustration]


»Der kleine Dichter« hieß er im Sanatorium, wo ich ihn kennenlernte,
zur Unterscheidung von dem großen, der ihn sowohl an Körperlänge, als
an Berühmtheit überragte. Aber hier in Hamburg, wo er nicht im Schatten
seines größeren Kollegen lebt, nennen wir ihn den Dichter schlechthin,
und wenn mir doch mal das Beiwort entschlüpft, dann hat es nichts mit
einer Wertung zu tun, sondern ist ein Kosewort, und er läßt sich's
behaglich schnurrend wie eine Katze gefallen.

Er hat mich gelehrt, daß ein Genie es unsagbar schwer im Leben hat und
unter tausend Qualen leidet, von denen wir anderen nichts ahnen, und
daß es daher unsere Pflicht ist, die Genies auf jede erdenkliche Art zu
verwöhnen und ihnen so die Last ihrer Sendung zu erleichtern. Und ich habe
damit angefangen, daß ich eine eierschalendünne Tasse gekauft habe, die
er als seine Stammtasse betrachtet und aus der er ungeahnte Fluten von
Kaffee schlürft, denn er bedarf starker Stimulanzen.

Auch Kuchen und Zigaretten sind Stimulanzen, deren er in hohem Maße
bedarf.

Heute ist sein schmales Gesicht von Wind und Kälte gerötet, wie er bei
mir eintritt. Er reibt sich heftig die auffallend schönen Hände, so daß
das schmale goldene Armband ein wenig sichtbar wird, und dehnt sich dann
behaglich im Sessel.

»Geradezu niederschmetternd ist es draußen,« berichtet er, »und ich
weiß wirklich nicht, ob wir es uns gefallen lassen müssen, daß man uns
unausgesetzt von oben herab mit kaltem Wasser begießt.«

»Ganz und gar nicht,« antworte ich und reiche ihm seine Tasse. »Sie
haben ja auch Ihre Gegenmaßregel schon getroffen, die einzig wirksame, die
es gibt.«

»Ja, ich bin hierhergeflüchtet,« sagt er, »übrigens nicht nur vor dem
Regen, denn ich habe ja auch zu Hause gewissermaßen ein Dach über
dem Kopf. Aber dies hier ist kein Dach, es ist eine Art Baldachin, eine
Tempelwölbung, wenn Sie wollen, und nach so etwas sehnt man sich von Zeit
zu Zeit geradezu elementar.«

Ich blicke ihn prüfend an und entdecke, daß er müde aussieht und daß
sein schöngeschnittenes Gesicht noch etwas hagerer als sonst erscheint.

»Sie haben zu viel gearbeitet,« sage ich. -- »Ja,« antwortet er
seufzend, »ich habe mich geschunden und abgerackert, hundert Pferdekräfte
habe ich vorgespannt, weil ich es zwingen wollte. Äh, lassen wir's jetzt!
Hier ist es schön, und der Gedanke an Arbeit liegt in nebelhafter Ferne.
-- Denn sehen Sie,« fährt er lebhaft fort, »trotzdem Sie oft über
meinen irrsinnigen Fleiß schelten, und trotzdem ich manchmal arbeite wie
ein Tier, im Grund meines Wesens bin ich faul, -- ohne jede Beschönigung,
schlechthin faul.«

»Ich weiß,« antworte ich, »und kann Sie mir sehr gut als
leidenschaftlichen Anhänger meines Lieblingsgottes vorstellen, des
göttlichsten Gottes, der das absolute Nichtstun lehrt und das süße
Versinken in sich selbst.«

»Ja,« antwortet Robert Helström mit einer großen Geste, »und hier ist
der Tempel des Gottes Tao und seine fanatischste Priesterin. Und mir ist
fast so, als kennten wir einander von Urzeiten her, und unsere Lotosblumen
hätten einmal nahe beieinander geblüht. Ja wahrhaftig,« er stützt den
Kopf in die Hand und betrachtet mich aufmerksam, »wenn ich mich recht
besinne, gnädige Frau, Sie haben sich in den letzten zweitausend Jahren
nicht im geringsten verändert.«

»Kleiner Dichter,« sage ich und sehe ihm in die necklustigen Augen. »Was
wollen Sie eigentlich heute von mir? Ihre Redensarten sind so süß und
glupschig wie Pralinés und haben auch das mit Pralinés gemein, daß man
nicht recht weiß, was darin steckt. Also sagen Sie's gleich: muß ich
wieder bei der Abfassung eines knifflichen Briefes an Ihren Verleger
helfen, der so ungefähr haarscharf an einer Injurienklage vorbeiführt?
Oder habe ich Sie heute mit eigener Lebensgefahr aus einer verzwickten
Liebesaffäre zu erretten? Oder was ist es sonst?«

Aber in Robert Helströms Kopf scheint nur _ein_ Wort haften geblieben zu
sein, er macht einen langen Hals und blickt suchend auf dem Tisch umher.

»Apropos Praliné?« murmelt er.

Ich zeige ihm meine geöffneten Hände. »Alle,« antworte ich.

»Unerhört,« sagt er und lehnt sich entrüstet im Sessel zurück. »Ich
werde mich beschweren!«

»Tun Sie das,« nicke ich. »Wer sich beschwert, erleichtert sich
merkwürdigerweise, und das ist auch meist der einzige Erfolg, den er dabei
aufzuweisen hat.«

»Gut,« sagt Robert Hellström, »diesen Splitter aus dem Auge Ihrer
Nächsten sollten Sie den Fliegenden Blättern übersenden und für den
Erlös neue Pralinés kaufen. -- Übrigens ist doch sicher nur Marke zwei
und drei ausgegangen, während Nummer eins noch beinahe unangetastet im
Schokoladenschrank ruht.«

»Selbstverständlich,« antworte ich. »Nummer eins ist streng persönlich
und unübertragbar. Nur zur Aufheiterung meiner einsamen Stunden bestimmt
und hie und da im Theater zur geistigen Anregung.«

Robert Helström schweigt empört, aber die tausend Qualen, die ein Genie
zu erdulden hat, stehen so deutlich auf seinem Gesicht geschrieben, daß
ich gerührt aufstehe und zum Schokoladenschrank gehe. Er bemerkt es
scheinbar nicht, sondern blickt schweigend nach der Stubendecke. Erst wie
ich mit der kleinen Schachtel an den Tisch zurückkomme, sagt er lebhaft:

»Wir wollen sie ausschütten, der besseren Übersicht halber,« und leert
die Schachtel vorsichtig auf einen Glasteller. Dann sitzen wir ein
paar Minuten still und einträchtig zusammen, wie Kinder, die auf die
angenehmste Art beschäftigt sind.

Endlich sage ich: »Etwas muß auch für das nächste Mal bleiben,« und
stelle den Teller aus seiner Reichweite.

»Mir fällt übrigens ein, daß wir uns lange nicht gesehen haben.«

»Vier Wochen fast,« antwortet er, »und es spricht weder für Sie
noch für mich, daß Ihnen das jetzt erst einfällt. Ich will zu Ihrer
Entschuldigung annehmen, daß Sie von anderer Seite genügend mit geistiger
Kost versehen wurden.«

»Es muß wohl ausreichend gewesen sein,« antworte ich. »Meine Freunde
haben ja alle viel Zeit, und so kommt es --«

»Ja, ja,« macht er nachdenklich und fährt dann lebhaft und mit etwas
affektierter Leichtigkeit fort:

»Ja, das wäre doch interessant zu wissen, gnädige Frau, und ich hoffe,
Sie antworten mir ehrlich: Ist Ihnen noch nie der eine oder der andere
Ihrer Freunde gefährlich geworden? Es läge doch so nahe --«

Ich kann's nicht ändern, ich muß dem kleinen Dichter einmal mit der Hand
übers Gesicht streichen und ihm dann einen Nasenstüber versetzen.

»Einer?« sage ich. »Oder der andere? Was denken Sie eigentlich? Jeder
einzelne ist mir schon gefährlich gewesen, der eine auf Tage, der andere
auf Stunden und manchmal waren's auch nur Minuten, aber zum Glück hat
immer einer den anderen wieder aufgehoben, so daß die Sache hübsch im
Gleichgewicht blieb, -- =balance of power= nennt man so etwas, glaube
ich.«

Der kleine Dichter sieht unzufrieden aus, und ich beuge mich ein wenig zu
ihm hinüber und frage:

»Also weshalb habe ich Sie solange nicht gesehen?«

Er weicht meinem Blick aus: »Ich wollte arbeiten, ich sagte es ja.«

»Früher war das ein Grund mehr, zu kommen.«

»Ja, früher!« antwortet er rätselhaft und fragt dann, unbeweglich in
den blauen Rauch starrend, der seiner Zigarette entsteigt:

»Kennen Sie das, was einen nicht arbeiten und nicht ausruhen läßt, nicht
wachen und nicht schlafen, die Qual, die einen auffrißt bei lebendigem
Leib?«

»Wer kennt das nicht?« antworte ich, und dann ist's eine Weile still im
Zimmer.

Und dann frage ich: »Wissen Sie denn so genau, daß sie einen anderen
liebt?«

»Sie ist verheiratet,« sagt er leise, und da ich ihn schweigend ansehe,
fährt er hastig fort: »Ich weiß, was Sie sagen wollen. Aber er ist der
Mann, und er hat das Recht, und ich kann den Gedanken nicht ertragen --«

Er steht so heftig auf, daß der kleine Tisch ins Schwanken gerät, und die
eierschalendünne Tasse klirrt.

»Und er, der Ehemann?« frage ich. »Hat er nicht mehr Grund zur
Eifersucht als Sie?«

»Der?« lacht er. »Weshalb denn? Er ist ja seiner Sache sicher; sie ist
vernünftig, denkt er, sie wird mir schon keine Dummheiten machen. Und
darin hat er recht, Gott sei's geklagt!«

Ich schweige, und es geht mir durch den Kopf, daß hier ein fundamentaler
Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Empfinden sein muß. Mag
sie lieben, wen sie will, denkt der Normalmann, wenn sie mir nur keine
Dummheiten macht! Mag er Dummheiten machen, wenn er will, denkt die
Normalfrau, wenn er nur keine andere so liebt wie mich!

Und ich will schon ein bißchen stolz auf mein eigenes Geschlecht werden,
denn unser Standpunkt scheint mir der geistigere und vornehmere zu sein,
aber ehe ich dazu komme, fallen mir schon wieder hundert Für und Wider
ein, und aus diesen Erwägungen heraus frage ich Robert Helström, der mit
langen Schritten das Muster meines Teppichs auf und ab schreitet und dabei
gewisse Ornamente ängstlich zu vermeiden scheint:

»Weshalb sagt man eigentlich, ein Mann sinkt und eine Frau fällt?«

Er steht still und sieht mich einen Augenblick zerstreut an, dann sagt
er: »Das ist doch sehr einfach. Wir Männer sind schon unten, wir leben
sozusagen im Sumpf und können nur noch tiefer sinken und versumpfen,
langsam und allmählich. Die Frau steht auf einer stolzen Höhe, aber ein
Schritt zur Seite stürzt sie in den Abgrund.«

»Kinder!« sage ich, »warum habt ihr uns nur auf ein so gräßlich
gefährliches Postament gestellt? Hat eine von uns vielleicht jemals nach
dieser schwindelnden Höhe verlangt?«

Der kleine Dichter lacht. »Meiner bescheidenen Erfahrung nach nicht. Aber
Sie haben recht, _wir_ haben die Frau auf das ehrenvolle Piedestal erhoben.
Im Manne ist eine Sehnsucht nach Reinheit, eine Andacht und Ehrfurcht vor
der Unbeflecktheit des Weibes, die ihn trotz allem der Frau gegenüber
zu dem ethisch höherstehenden Wesen macht. Bedenken Sie nur, daß selbst
guterzogene und gut veranlagte Mädchen den berüchtigten Don Juan dem
Tugendhelden vorziehen, während wir, trotz aller Verirrungen, das reine,
das jungfräuliche Weib am meisten lieben.«

»Ja, ja,« sage ich nachdenklich, »aber wie läßt sich diese
rätselhafte, höchst widerspruchsvolle Tatsache erklären, denn mit einer
höheren ethischen Veranlagung des Mannes hat sie sicher nichts zu tun.«

»Ich finde das unrecht,« schmollt er, »nicht mal das bißchen höhere
Ethik gönnen Sie uns, doch sicher einer der am wenigsten begehrten
menschlichen Vorzüge. Oder halten Sie es vielleicht für ein Vergnügen,
moralisch zu empfinden?«

»Sicher nicht,« antworte ich. »Ihr würdet euch sonst stärker damit
belasten. Aber ich glaube, ich habe des Rätsels Lösung gefunden: Aus
Egoismus liebt der Mann das jungfräuliche Weib, nicht aus Ehrfurcht vor
ihrer Reinheit, sondern aus dem rohen Verlangen heraus, der Erste zu sein,
der diese Reinheit besitzt und der sie zugleich zerstört. Und aus tief
ethischem Empfinden liebt die Frau den gesunkenen Mann, aus Opfer-
und Schmerzbereitschaft und aus dem Trieb heraus, ihn zu heben und zu
erlösen --«

Ich sehe den kleinen Dichter stolz an, aber der schüttelt baß verwundert
den Kopf.

»Ei du liebes Herrgöttle!« sagt er, »seit wann sind Sie denn so
begeistert weiblich gesinnt? Und wer sagt denn, daß wir partout eure
Reinheit zerstören wollen? Daß wir's tun, ist eine bedauerliche
Nebenerscheinung, aber doch nicht Zweck und Ziel. Im Gegenteil, es
stimmt uns traurig und läßt uns immer von neuem nach neuer Reinheit und
Unberührtheit suchen. Daher der Typ des Don Juan, der rastlos sucht und
der erst zur Ruhe kommen kann, wenn er das Ideal gefunden hat, die Frau,
deren Reinheit unzerstörbar ist, Mutter und Jungfrau zugleich. Denn das
ist nicht allein das Ideal der katholischen Kirche, der Madonnenkult lebt
in jedem Mann.«

»Nun,« antworte ich, »ich bin sicher, sämtliche Lebejünglinge und
-greise werden Ihnen Dank wissen, daß Sie aus ihrer Unersättlichkeit
die Sehnsucht nach einem Ideal, sozusagen also aus ihrer Not eine Tugend
gemacht haben. Wie auch alle abenteuerlustigen Backfische mir dankbar die
Hand küssen sollten, wenn ich ihre Sensationsgier in Opferfreudigkeit
umdichte. -- Denn man kann bekanntlich alle Dinge so und anders sehen, das
Gegenteil ist meistens ebenso richtig.«

Der kleine Dichter hat sich wieder an den Tisch gesetzt und raucht mit
Hingebung seine Zigarette.

»Die Weisheit der Temperamentlosen,« bemerkt er und fährt plötzlich mit
nervöser Gereiztheit fort: »Sie sollten sich nicht zu ihr bekennen.
Wer alles so und anders sehen kann, der mag sehr weise sein, aber er kann
nichts hassen und nichts lieben. Er liebt einmal hier und einmal da, und
vielleicht gibt es sogar Menschen, die hier und da zugleich lieben können.
Wer weiß es?«

»Ja, wer weiß es?« wiederhole ich und zünde mir eine Zigarette an. Und
dann, in unseren gewohnten Neckton verfallend, füge ich lächelnd hinzu:
»Kleine Dichter müssen nicht so viel fragen. Sie kennen ja bekanntlich
die Welt durch Antizipation und brauchen unsere Weisheit nicht.«

Aber er fährt in seinem heftigen Tone fort, und seine Augen blitzen mich
böse an:

»Beneidenswerte Leute, die so weise sind, daß sie über alles lächeln
können. Verspielte Leute, die das Leben zwischen ihren schmalen Händen
und spitzen Fingern halten wie ein drolliges und seltsames Spielzeug und
es hin und her drehen und lächelnd betrachten. Leute, denen alles zum
Spielzeug wird, Worte und Empfindungen und Dinge und Menschen. -- Ja,
Menschen auch!«

Er schweigt, und ich nehme seine Hand und streichle sie leise.

»Nicht schelten,« sage ich. »Lassen Sie uns spielen! Und lassen Sie uns
die Augen wegwenden von dem Abgrund, der überall neben uns klafft, wo
wir gehen und stehen, und in den wir versinken müssen, wenn wir
hinunterschauen. Lassen Sie uns am Rand spielen, wie Kinder, die von nichts
wissen.«

Wir schweigen einen Augenblick, dann sagt er leise, seine Wange an meine
Hand gelehnt:

»Wissende Kinder sind es, die die Augen vor dem Abgrund verschließen
und mit ihrem eigenen Herzen spielen wie mit der ganzen Welt. -- Aber
vielleicht ist es doch wahr, daß nichts auf Erden uns so nötig ist wie
ein Frauenlächeln, und daß nichts im Leben so ernst und so heilig ist wie
das Spiel.«

»Lieber kleiner Dichter,« sage ich und reiche ihm den Rest der Pralinés
hinüber, »weise oder nicht, für mich sind Sie ein großer Dichter.«



[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.

Bei direkter Rede wurden sowohl Komma als auch Punkt vereinheitlichend
jeweils vor dem schließenden Anführungszeichen angeordnet.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
Ausnahmen,

  Seite 43:
  "sie" geändert in "Sie"
  (recht gut, und was Sie jetzt sagen)

  Seite 44:
  "« --" eingefügt
  (optimistisch genug zu behaupten, --« --)

  Seite 44:
  "»" entfernt vor "Ich"
  (so nennen. -- Ich will das erst beweisen)

  Seite 55:
  "»" entfernt vor "Aber"
  (Aber Paulsen schüttelt den Kopf.)

  Seite 81:
  "»" eingefügt
  (sagt Erich, »auf diesen liebenswürdigen Trick)

  Seite 114:
  "»" eingefügt
  (»daß sich auch bei Ihnen einmal)

  Seite 127:
  "»" eingefügt
  (»wir treffen uns oft des Abends im Café)

  Seite 127:
  "«" eingefügt
  (Es wird nie zutage kommen.«) ]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Gespräche im Zwielicht" ***

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