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Title: Die Engel mit dem Spleen
Author: Edschmid, Kasimir
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Engel mit dem Spleen" ***

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                            Kasimir Edschmid



                        Die Engel mit dem Spleen


                          Mit Steinzeichnungen
                                  von
                              Robert Genin


                     Hans Heinrich Tillgner Verlag
                              Berlin 1923


       Copyright 1923 by Hans Heinrich Tillgner Verlag in Berlin



                        Die Engel mit dem Spleen


Ich warne unbefangene Leute, sich in diese Geschichte einzulassen, die
sich aus Kriminalitäten und Unwahrscheinlichkeiten zusammensetzt und
vielleicht nicht einmal zeitgemäß scheint. Es werden in ihr die Menschen
weder verdorben noch zu jenen dekorativen Läuterungen aufgerufen, mit
denen der dichtende Schwert-Adel heute seine Unvollkommenheit zu echter
Männlichkeit behängt. Man wird die Bürger darin am Leben gelassen und
die Arbeiter nicht mit Verbeugungen bedacht finden und weder um Generäle
noch um Kapitäne der Kohle jenes Wesen gemacht sehen, das nicht ihnen,
sondern der Geschichte zukommt.

Man wird eine lächerlich phantastische Angelegenheit hinzunehmen haben,
die vielleicht nicht einmal gut erzählt ist, weil sie des Nachts statt
in einem Eisenbahnabteil in einer abscheulichen Landkutsche erzählt
wurde, die zu heftig nach Apfelsinen und Zigaretten roch, um nicht
Kopfschmerzen zu machen. Ich klage den Chef der Bahnen nicht an, daß
unser Jahrhundert zerrüttet ist, vielmehr versuche ich für den Leser die
Verbindung zu einer Zeit herzustellen, wo die Launen der Menschen noch
stichhaltigere Werte waren wie heute ihre Verzweiflung. Man wird gewiß
heute einen Mord ebenso zu kaufen bekommen wie eine verbotene Banknote,
aber der Hunger und die Geschäfte der Börse werden die Erinnerung daran
zerstört haben, daß es Zeiten gab, die so unmenschlich vollendet
schienen, daß es Genies bedurfte, um sich jene Anregungen der Herzen zu
verschaffen, die man Leidenschaften heißt.

Sie sind billig wie die Äpfel geworden und nichts erscheint heute im
neunten Jahr des Dreißigjährigen Krieges, den die Herren Creusot und
Stinnes, oder wie ihre Nachfolger heißen werden, sich liefern, um die
lothringischen Erze zum Ruhrkoks oder den Ruhrkoks zu den lothringischen
Erzen zu bringen, nichts scheint bewunderswerter als ein kaltes Herz.

Diese Geschichte in der Tat, welche aus der mathematischen Sicherheit
eines Zeitalters hinausführt, von dem uns erst zehn Jahre zu trennen
scheinen, das uns aber legendär wie ein Roman Jules Vernes erscheinen
will, hat die fatale Absicht, sich in Gegenden zu verirren, die heute an
der Tagesordnung, früher kaum in Romanen sichtbar waren. Ich fürchte,
man wird mit phantastischen Darstellungen langweilen oder sich stets
dann lächerlich machen, wenn die Gegenwart die unglaubhafteste Phantasie
selbst ist.

Ohne Zweifel wäre es richtiger, nur engelhafte Wesen in dieser Zeit
darzustellen, wo Frauen uns dadurch entwürdigt werden, daß wir sie bei
allen jenen abscheulichen Maschinen an die Arbeit geschmiedet finden,
die das letzte Jahrhundert zu erfinden die Bosheit hatte, und daß wir
kaum erschrecken, wenn wir sie mit den Wahlzetteln in der Hand auf dem
Weg finden, unsere Schicksale, den Staat, ja sogar die Führung der
Kriege und Grausamkeiten zu beeinflussen.

Einer derart barbarisch verwilderten Zeit gehörten Frauenbilder, die wie
in Walter-Scott-Romanen jene Anmut hätten, deren Anblick allein
vergöttlichte Gedanken hervorruft. Die wahre Literatur hat immer nur
Frauen dargestellt, die uns beglücken und die Herzen wie beim Anblick
einer hinreißend süßen Natur erheben sollen oder solche, die sich durch
das Böse, das sich in ihrer Schönheit, wenn es einmal in sie
eingedrungen ist, nur um so verhängnisvoller auswirkt, zu unserer
Vernichtung verschworen haben.

Die Sitten der Nationen waren immer von solcher Haltung, daß sie, sofern
sie die Frauen nicht die Äcker bebauen ließen, ihnen jedenfalls die
Freiheit nahmen, in jenem Sinne frei zu sein, der für eine Frau den
Untergang bedeuten muß. Eine Frau darf nicht über jene Schwelle treten,
wo sie das Geheimnis ihrer erhabensten Wirkung verlieren muß.

Eine Frau, die einer tragischen Schuld unterliegt, und jene Mädchen,
welche mit den herrlichsten Gedanken der Sehnsucht auf den Lippen
sterben, sind immer von dem verehrungsvollen Zauber verhüllt, den die
männliche Gesellschaft bei den Frauen als ein Erbteil des Rittertums
anbetet, welches seine Stärke demütig zu machen suchte, wo es jene
wundervolle Schwäche fand, welche Frauen so unermeßlich erhebt. Die
Literatur täte gut daran, wo heute die einen Frauen leiden, weil sie
ihre Angehörigen auf den Schlachtfeldern getötet sehen oder die anderen
in den Fabriken sie um die Sonne geschunden oder die meisten sie am
Hunger zu Grunde gehen sehen, nur Frauen von einer unermeßlichen
Lichtkraft darzustellen, deren Anblick allein erhebt.

Allein, wo die Furien der sozialen Aufklärung oder die Agentinnen der
kriegerischen Verhetzung durch die Straßen jagen und dafür noch sich
bezahlen lassen, scheint es nicht weniger für die Entdeckung der
Geographie des menschlichen Herzens bedeutsam, einen Heroismus in der
Literatur wieder darzustellen, der aus Spielerei und Spleen sich
entfaltete und dabei keineswegs geringer an Freude und Schmerzen
zugeteilt bekam als andere. Die Zeiten jener unbeschreiblichen
Leidenschaft, welche Nonnen und Krieger, oder Arme und Adlige, sich
verbluten ließ, sind verschwunden in dem Augenblick, wo man der Frau als
sichtbarsten Fortschritt die Erlaubnis gab, sich der Freiheit des Mannes
zu bedienen, und damit die Frauen vernichtete. Die Frauen mußten in
einer Freiheit zerstört werden, die sie zu albernen Karrikaturen der
Männer erniedrigte oder ihnen jenen zarten Reiz nahm, der sie manchmal
himmlisch wirken ließ und der in ihrer Unfähigkeit, auf sich selbst
gestellt zu leben, bestand.

Indem man den Frauen die Brutalität gab, sich Eisenbahnplätze vor dem
Mann zu erobern oder ihn auf dem Motorrad zu überholen, tat man das
gleiche, wie wenn man den Engeln Grünewalds Revolver oder den Jungfrauen
Holbeins Strümpfe in die Hand gegeben hätte, man tötete sie. Man
vernichtete die Leidenschaften und gab unruhvollen Herzen auf, sich
Rebusse zu erfinden, um die Welt in ihren Widersprüchen bis zu jener
Tollheit zu erleben, die manchmal mit dem Tod bezahlt wurde aber
unvergeßlich war.

Es ist selbstverständlich, daß man derartige Launen heute leicht wie
Capricen auffaßt und darin eher eine dumme Koketterie als eine
Leidenschaft erblicken will. Ohne Zweifel war vor einem Dezennium, als
die kriegerischen Wölfe noch in den Höhlen Europas schliefen, jene Laune
einer Frau nur ihr unbewußter Drang zu einer Übertreibung des Gefühls,
durch die es erst unsterblich wird. Es ist aber genau so ungeheuer
offensichtlich, daß diejenige Frau, die sich soweit gegen die Gesetze
ihres Schicksals und der Zeit stellte, vernichtet werden mußte.

Die Literatur kennt viele Beispiele, daß ein Dichter Vorwürfe wählt, die
aus einem Leben von Höhepunkten in eine grauenhafte Kriminalistik
münden, oder die in Absonderlichkeiten enden, die wahnsinnig sind. Die
Pole gesicherten Lebens scheinen die mystische Anziehungskraft der
umstürmten Pole schicksalhaft zu spüren. Es ist bekannt, daß Balzac sich
der Listen der Gerichte bediente, um edle Menschen in ihren
abscheulichsten Paragraphen aufzuhenken. Die Romane Dostojewskis sind in
der Regel Scheußlichkeiten des täglichen Lebens, die ein Genie mit einem
bewundernswerten Grad von Reichtum beschenkte, der sie über das
Menschliche erhob. Stendhal mußte in der Kartause von Parma zeigen, daß
in den erhabensten Seelen Mörderbanden steckten, die sich entfalteten,
wenn die geringste Leidenschaft ihnen die Besinnung nahm, und welch
unbeschreiblich edle Herzen hat er geschildert! Stiege man in die
Jahrhunderte hinunter, wäre von Iweins Fahrten bis zu den Jünglingen im
Feuerofen, von Muspilli bis zum Kastellan von Coucy, von Rabelais bis zu
den beispiellosen Epen Krestien von Troies der Gleichklang von
Adeligkeit und Verbrechen in einem Maße auffindbar, der sich fast über
die gesamte Literatur erstreckte. Erinnert man sich nicht jener
Prinzessin, die in der siebenjährigen Gefangenschaft ihres Turmes ihre
Gefährtinnen verspeiste, um endlich erlöst zu werden, mit einem Lächeln,
das die Unschuld der ganzen Welt auf ihre Stirne trieb?

Diese junge Frau, die mir gegenüber in einer nach Lysol und Zigaretten
riechenden Arztkutsche saß, die, wie vom Teufel gejagt, über
aufgepflügte Äcker sauste, weil durch irgendeine der Verwicklungen der
ehrgeizigen östlichen Staaten die Bahnen eingestellt waren, hatte keinen
anderen Wunsch, als von mir eine Erklärung gerade über diese
Angelegenheiten des Herzens zu erfahren, nachdem sie die Torheit
begangen hatte, mich in ihr Schicksal hineinschauen zu lassen. Man wird
verstehen, warum ich, statt abzukürzen, so lange mich mit den Launen der
Frauen beschäftige, weil dies in jener Zeit der Achtzehnjährigen, in der
die Keime zu den Schicksalen der Menschheit von Dreißig heute gelegt
wurden, tatsächlich die einzigen Möglichkeiten waren, Schicksale, die
töten, zu erleben.

Die junge Frau war einer Puppe ähnlicher wie einer Dreißigjährigen und
hatte, soweit man bei der unmöglichen Beleuchtung sehen konnte, die
eigentlich nur aus der Gewöhnung des Auges an eine klassische Dunkelheit
bestand, eine tiefe Melancholie über ihr Gesicht gleiten lassen, hinter
der man die Spuren von Tränen zu sehen glaubte, die zu oft geflossen
waren, um sich wiederholen zu können. Der Schmerz schien diese Figur,
die auch unter dem fürchterlichen Tempo eines Wagens, der keine Federung
besaß und querfeldein sprang, eine bemerkenswerte Elastizität zeigte,
förmlich verstrickt zu haben.

Das Leben dieser jungen Frau war in einem Maße von ihm infiziert, daß
sie gar nicht daran dachte, aufzuhören, über ihr Schicksal nachzudenken.
Sie hatte sich ihm nicht ergeben, obwohl der Schmerz in einer
fürchterlichen Form Gewalt über sie erlangt hatte. Die Art, wie sie von
ihrem Leben sprach, bewies die Glut, mit der sie es erhofft hatte und
die Enttäuschung, die sie mit gleicher Größe überrumpelt hatte und mit
der sie sich noch auseinandersetzte.

Sie hatte, kurz, in einem wahnsinnigen Schicksal noch die Kraft, es
abzuleugnen oder vielmehr nach seinem Sinn zu suchen, weil, wenn sie es
anerkennen und sich die Schuld zuschreiben müßte, sie sofort daran zu
Grunde gehen würde.

Das gab ihrer Haltung eine merkwürdige Eleganz, eine Süßigkeit der
Bewegungen, die vom Tod gelähmt aber von einer wundervollen Energie noch
gehalten wurden. Ihr Körper hatte eine Lässigkeit, die Frauen oft
besitzen, denen der Sport einmal eine Beherrschung aller Muskeln
geschenkt hat, die sie nun besitzen, aber nicht mehr auszuüben vermögen.
Es war nicht möglich, ihren Kopf, der mit dem matten Schein einer
fremden Blume aus dem Pelz herauskam, in der Beleuchtung zu sehen, man
vermochte ihn aber mit seinen blassen Lippen, den etwas schrägen aber
mandelgroßen hellblauen Augen und der Stirn, die an den Schläfen
eigensinnig nach vorn gewölbt war, irgendwo zu vermuten, obgleich man,
wenn sie sprach, bemerkte, daß man ihn vorher an einem falschen Platz
geglaubt hatte. Der Kopf besaß also die Einprägsamkeit, daß man ihn
deutlich körperlich wahrnahm, selbst, wenn er unsichtbar war, was für
seinen Reiz sprach. Der Charme des Kopfes lag wohl mehr in jenem Teil,
wo die Stirnwurzeln über dem Nasenbogen sitzen und wo die Erlebnisse dem
Kopf die Charakternoten geben, als in dem Mund, der von Entsagungen
nichts zu wissen schien, ja einen fast leblosen Eindruck machte. Die
Glut, die diesen Kopf hinter den Augen bewohnte, war die des Untergangs
und nicht der Reiz der Zukunft.

Es war offensichtlich, daß diese Frau nach etwas nur hungerte und das
war, daß man sie tröstete, indem man ihr Leben bejahte.

Für den Mann, der das Leben jeder Frau nur mit seinem eigenen
vergleichen und nur nach dem Weg seines eigenen beurteilen kann, wenn es
wie der Mond dieses begleitet und ihm daher untertan war, ist nicht in
der Lage, dies zu tun. Eine Frau wird kein Glück haben, wenn sie die
Lebenskurve einen Mann prüfen läßt, der darin nichts erkennt als seine
eigenen Bewegungen, seine eigene Freiheit, alle jene Torheiten, aber
Bestimmungen seiner Männlichkeit, die nun einmal zu einer Frau nicht
gehören.

Er kann den harten Stahl, die scharfe Linie, die Exponiertheit eines
weiblichen Daseins nicht ertragen, das ihm verwildert, entzaubert,
geschändet vorkommt; er kann es nicht anders sehen wie eine Frau, die
ihm in seinen eigenen Kleidern entgegentritt. Der Mann hat ein tiefes
und unerschütterliches Gefühl der Zuneigung zu jedem weiblichen
Schicksal, das sich im Glanz der weiblichen Schwäche, die er als Stärke
verehrt, vollzieht. Er will die Frau anbeten, aber sie nicht als
Konkurrentin erblicken. Er vermag den Schein an ihr nur zu verstehen,
der ihm in seinen dunklen Minuten von seiner eigenen Flamme entfacht von
ihrer Stirn zurückscheint.

Er wird ein auf den Spuren der männlichen Energie abenteuerndes
Frauenschicksal nur verehren, wenn es Spuren des schöpferischen Genius
an sich trägt wie das der Dido, der Sappho, der Jeanne d'Arc, der
Cortey, der Bettina, der Rahel, der Sand. Er wird diesen Frauen jenen
äußersten Respekt der Verehrung in seinem Herzen einräumen, den er den
großen Ausnahmen der Natur: Gewittern, Lawinen, Erdbeben, Vulkanen
entgegenbringt. Er wird wissen, daß die Erscheinung dieser Frauen diesen
wunderlichen Entladungen der Natur ähnlich und tödlich, jedenfalls
unberechenbar aber toll aus Größe ist. Er wird sie anerkennen, aber als
Frauen nicht begehren. Er wird ihnen ausweichen und sich vorlügen, daß
ihr Leben ihn nichts angehe, wenn ihre Produkte nur das Siegel des
Genius tragen, und wird versuchen, sich an die Werke zu halten, wobei er
bei letzter Ehrlichkeit sogar hier noch widerstrebt.

Es gehört die Schwäche eines romantischen Zeitalters, die Melancholie
Mussets, die Verzweiflung Constants dazu, sich herrischen Naturen wie
der Sand und der Tochter Neckers in einer Liebe hinzugeben, die eine
Tyrannei werden mußte und in unfruchtbarer Verzweiflung endete.

Frühere Epochen, die sich durch die Tugend einer Männlichkeit
auszeichneten, die, sicher auf der Erdkugel stehend, das Gesicht
selbstbewußt nach allen Seiten zu kehren wußte, haben einen Schlag
Frauen verehrt, der ihnen wohl mit der Üppigkeit eines Rubens, mit der
süßen Erscheinung der Lady Alice in schottischen Balladen, mit den
visionären Überirdischkeiten eines Grünewald, den sanften Traumfiguren
des Botticelli, den verstrickten zarten Klarheiten des Holbein als die
wahrhaftigen Erfüllerinnen der tiefen Sehnsuchtsträume des Mannes
erscheinen, und die, so verschieden sie kamen, mit schicksalstreuer
Gewalt irgendwo mädchenhaft blieben. Sie hatten einen Hintergrund der
Demut, die wohl eine Abart des Stolzes sein konnte, aber dann sicher
immer nur der süße Trotz der Schwäche war.

Diese Hilflosigkeit kann der Mann verehren, sie kann ihm als das
wundervollste aller begnadeten Dinge erscheinen, er kann sich in diesem
unwahrscheinlichen, ja himmlischen Mysterium der Schwäche als der
notwendige Ergänzer vorkommen, den die Vorsehung dazu bestimmte. Die
Griechen, die in ihren Anfängen wohl Männer gewesen zu sein scheinen,
haben vermutlich gewußt, warum, wer Diana sah, dem Tod verfallen, wer
aber Aphrodite sah, gesegnet war.

Diese junge Frau, die mir gegenüber die Stöße des Wagens mit einer
bemerkenswerten Ruhe ertrug, hatte die unverzeihliche Sünde begangen,
die die Natur nie verzeiht, sich auf die Pfade des Mannes zu begeben und
seine Freiheiten zu ihren zu machen, eine Sünde, die nur dadurch
entschuldigt wird, daß sie die einzige Kühnheit einer Zeit war, die den
Namen Hindenburg noch nicht kannte, nicht wußte, daß mit dem Namen eines
Amerikaners, Wilson, sich die größten Enttäuschungen, mit denen des
General Foch vollständige Änderungen in der Geographie der Nationen
Europas einstellen würden. Aus den Klammern der Feiertage und
Eisenbahnzeiten, der narrenhaften Versteifung der Gesellschaft, in der
nur die Ränge, aber nicht die Bedeutungen entschieden, in einer Zeit,
die cäsarisch angelegt aber mit den Methoden eines Warenhauses verwaltet
war, aus dieser Zeit vermochten nur Capricen jener furchtbaren Art zu
erlösen, die die Frau aus ihren gesellschaftlichen Banden heraus in
Abenteuer gegen die erstarrte Gesellschaft trieb. Es war ein aufregendes
Spiel, weil der gesellschaftliche Untergang stets das Atout war, mit dem
gespielt wurde, und das dann Sieger bleiben mußte, wenn einen Herzschlag
lang die Haltung nicht größer war als die Gefahr.

Ich will die Frauen nicht verteidigen, indem ich sie entschuldige, ich
will sie zeigen. Man muß dem Elend einer Zeit, das seine Frauen zu
Wölfen und Maschinen, statt zu Müttern und zarten Geliebten erzieht, das
sie aufklärt über Geheimnisse, die eine Frau nie ausgesprochen hören
darf, die sie mit Männern zusammen in den Universitäten belehrt über
Angelegenheiten, von denen eine Frau keine Ahnung haben dürfte, man muß
dem Elend einer solchen gegenwärtigen Zeit nicht ein falsch und herrlich
gemaltes Bild der vorangegangenen Zeit entgegensetzen, um sie zu
belehren. Die Frauen in der Tat, welche freudig bereit ihre Söhne in den
Tod eines Krieges entließen, dessen Sinn sie nicht verstanden, die aber
später in dem Ruin der Revolutionen und Friedensschlüsse fast zu Hyänen
erniedrigt wurden, die fast an nichts als die Befriedigung ihres Hungers
denken durften, waren ohne Zweifel ein Übergang. Sie waren im Besitz
einer Freiheit, deren Anwendung man ihnen nicht erlaubte. Sie waren
bereits Halbemanzipierte dem Mann gegenüber, sie lagen nicht mehr tief
gebettet im Schoß der Familie, die sie vor den harten Forderungen des
Lebens behütet, sondern sie klammerten sich gerade noch an die Türen der
Familie, deren Schein sie noch umschwebte, aber den sie abzustreifen
begannen. Trotzdem aber war es damals möglich, oft Frauen zu sehen, die
jene Scham kannten, die unter Blicken errötet und die sich bewußt waren,
daß es Sünde gibt, obwohl sie nicht wußten, daß sie unschuldig waren. Es
gehört die Kühnheit eines Looping the Loop-Fahrers dazu, sich aus diesem
durch tödliche Strafen gerade noch gehaltenen Zersetzungszustandes der
Familie hinauszustürzen, aber diese Kühnheit war der Mut des Frevels und
nicht jener der Entdeckung und der Opferungsbereiten.

Die junge Frau, die nun unter den verrückten Stößen des Wagens zu
seufzen begann, hatte diesen Sprung getan, sie war nun der Ruin aller
Vorzüge, die sie einst hatten vergöttern lassen, und sie hatte jetzt nur
die eine Hoffnung im Herzen, während sie zu dem Sterbelager ihres
letzten Kindes fuhr, daß ich ihrem Leben recht gab, das ich
verabscheute. Ich hatte diese Gestalt, die aus der Ferne in ihrem
gestreiften zusammengesetzten Pelz, wie ihn die Engländerinnen um diese
Zeit trugen, mitten in den Äckern vor zwei Tagen angetroffen, wo sie
mehr einem Tier aus der Entfernung als einer Frau glich, die im
Zusammenbrechen noch die Kraft hatte, nach ihrem Kinde zu rufen.

Dieser Ruf, der mich, als sie zu sich kam, in ihr Leben mit einzuziehen
schien, war der Grund, daß sie ihr Schicksal vor mir öffnete, ohne daß
ich es gewünscht hätte. Wir hatten zwei Tage, beide abgeschnitten durch
den Streik der Bahnen und die sich daran schließenden kriegerischen
Unternehmungen irregulärer Banden, die uns eines Nachts mit Kugeln
verpfefferten, als ob sie auf unsere Pelzen sich einschießen wollten,
den Fluß nach einer Überfahrt abgesucht, die mich den dritten Teil
meiner Barschaft kostete. Ihre Sehnsucht, selbst auf die tollste Weise
nach Deutschland zu kommen, hatte mich gerührt, obwohl ich keineswegs
eilte und mit Vergnügen die Entwicklung dieses Bauernkrieges aus Kowno
durch die Zeitungen verfolgt hätte.

Dieser Wagen kostete mich das zweite Drittel meiner Barschaft, das
letzte Drittel würde denjenigen das Leben kosten, der es begehrte, da
ich entschlossen war, es an der Grenze der Dame einzuhändigen, um sie
nicht schutzlos zu lassen. Ich gestehe, daß ich unter ihren
Geständnissen ebenso litt wie ich erstaunt war, daß sie hingegen über
sich selbst und ihren Namen ein tiefes Geheimnis breitete. Sie hatte
mich mit einem unwiderstehlichen Blick gebeten, sie an der Grenze allein
zu lassen. Man hörte zwischen den Windstößen, die den Regen auf den
Boden schlugen, den Kutscher abgerissen die Pferde anfeuern, plötzlich
sank der linke Teil des Wagens auf die Seite. Der Sturz hatte die
Unbekannte auf meine Kniee geschleudert.

»Vertrauen Sie mir,« flüsterte ich ihr zu, da ich fürchtete, daß der
Wagen umstürzen werde. Im gleichen Augenblick rissen ihn die Pferde aus
der Mulde und jagten weiter. Die junge Frau hatte die Nervosität
abgelegt, die Frauen an den Tag legen, die ihr Leben selbst zu bestimmen
gedenken und sich der Führung des Mannes anzugliedern nicht entschließen
können. Der Druck ihres mädchenhaften Körpers hatte eine bezaubernde
Vertrauenswilligkeit gezeigt. Sie war so zerschmettert vom Leben und so
in Eile, einem furchtbaren Verhängnis vorzugreifen, daß sie weich genug
war, zu glauben.

Dieser Moment, wenn ein Herz sich bezwingt, hat etwas von
überwältigender Größe, und ich hätte ihr die Hände geküßt, wenn ich
nicht gefürchtet hätte, sie in ihrem Schmerz zu verletzen. Ich stand
ohne Zweifel als Verteidiger vor einem Schicksal, das ich ablehnte und
war entflammt für eine Frau, der ich es nicht zeigen durfte und deren
Leben davon abhalten mußte, daß sie mir gefiel. Dazu waren wir in
Lebensgefahr. Ich fürchtete, daß sie unter den grotesken Sprüngen, die
der Wagen immer öfter vornahm, vor Schmerzen ohnmächtig werden müßte.

Man mußte eine belebte Gegend erreicht haben, obwohl es noch weit zur
Grenze sein durfte, denn man hörte von Zeit zu Zeit das Rufen von
Stimmen, denen unser litauischer Kutscher antwortete. Plötzlich wurde an
den Zügeln gerissen. Diesem schlug der Kutscher die Peitsche quer durch
das Gesicht, das wie ein Gespenst am Fenster vorbeifiel. Jedesmal in
solchen Augenblicken fühlte ich, daß mein Gegenüber zitterte wie nur
eine Frau zittern kann, deren letzte Zuflucht, deren Glaube an die Güte
der Welt und ihres Schöpfers auf dem Spiel stand und die zu dem Lager
ihres Kindes wie eine Wahnsinnige, die sich kalt stellt, floh.

Ich vermutete ihre Augen zu sehen, obwohl das Dunkel fast
undurchdringlich war, und ich hatte den Eindruck, daß ihr Licht etwas
Verklärtes habe, trotzdem es verwirrt war, als habe der Tod
hineingeschienen und in die Süßigkeit dieses Lächelns den Zauber
gebracht, der es erst unübertrefflich macht. »Glauben Sie, daß wir es
erreichen?« murmelte sie. »Vertrauen Sie,« sagte ich und begriff, wie
sehr sie litt, denn diese Fahrt entschied über ihr Leben.

Sie war sich als Kind eines Luxus bewußt gewesen, der ihr fast alle
Neigungen gestattete, und sie hatte nicht mehr als den unbewußten
Gebrauch gemacht, der ihr als selbstverständlich erschien und von dem
sie annahm, daß alle Menschen über ihn verfügten. Das Gold hat genug
Kraft, die edelsten Menschen, die in seiner Umgebung aufgewachsen, in
einer wunderbaren Weise über die Leiden der Welt im ungewissen zu
lassen.

Die Kinder des Luxus leben wie die der Armut in einer gleichen
Unklarheit, die einen über die Tiefen, die anderen über die Höhen des
Daseins. Das Bewußtwerden erst dieser furchtbaren Kluft schafft in
diesen Kreisen die Emporkömmlinge, die krepieren werden oder die Macht
zwischen den Schenkeln haben wollen, und jene Messiasse, die im Dunkeln
ein Selbstgenügen predigen, das in dem Munde dessen eine Lüge sein muß,
der aus dem Reichtum kommt. Es wird nur eine Vermischung, aber keine
Versöhnung der Klassen möglich sein, indem die Elenden sich bereichern
und die Begüterten etwas verarmen und zwischen ihnen die Schranken
fallen, denn es ist offenbar, daß die Armen die Notwendigkeit des Luxus
und die Reichen die Entsetzlichkeit des Elends gegenseitig immer weniger
verstehen, als ein Chinese einen Marabu, oder ein vollblütiger Franzose
einen deutschen General verstehen kann.

Diese Blindheit unter den einzelnen Völkern ist das Schicksal unseres
Jahrhunderts, das bestimmt scheint, diese Mißverständnisse als das
hinzunehmen, was sie keineswegs sind: nämlich als die furchtbarsten
Bürgerkriege.

Die unbekannte junge Frau, die mit mir durch ein in Flammen des Hasses
aufgehendes Land in einer um ein Vermögen gekauften Kutsche unserer
Großeltern jagte, war die Tochter eines Vaters, dessen Liebe ihr zum
Verhängnis ward, mehr fast als seine Strenge. Dieser aus Deutschland
eingewanderte und später in England naturalisierte Mann (der seine
Nationalität nach der Sitte damalig freier Männer nicht aus Schwäche,
sondern aus ausdrücklichem Bekenntnis zur neu gewählten Heimat änderte)
war mit der fast kindischen Sorgfalt bestrebt, das Häßliche von seiner
Tochter fernzuhalten und das Schöne und Vortreffliche um sie zu
versammeln. Er hatte die Schwäche der Männer, die ihre Frau überirdisch
geliebt haben und in der Tochter ihr Bild weiter verehren wollen.

Sie überhäufen ihre Kinder mit einem Maß von Güte, die jene nicht zu
ertragen vermögen, und züchten den Geist eines Widerstandes, der um so
mehr aus dem schlummernden Bösen kommt, je höher man die liebenswerten
Seiten ihres Gefühles belastet. Ein Haus in London und das Sterbehaus
der Mutter in Kairo standen ihr zur Verfügung, ihr Vermögen war in
Holland angelegt, was so gut war, als sei es Gott in die Hand gegeben.
Ihr Vater hatte geschworen, daß sie ihr Glück machen werde, und darum
hatte vielleicht, weil dies ein Frevel ist, der Teufel sich bemüht, in
ihr Herz die Widerstände zu säen, die das unmöglich machen sollten.

Je mehr der Vater sich versteifte, sie mit Geschenken, Aufmerksamkeiten,
Überraschungen zu überhäufen, um so erbitterter sann dieses schöne und
edle Mädchen darauf, sich dem entgegenzusetzen, wobei sie sich ihrer
Handlung kaum mehr als eines fast schelmischen Trotzes bewußt ward.
Diese Situation war furchtbar, denn sie liebte ihren Vater, der,
wiederum aus Liebe, sie vor der Welt abschloß. Der alte Starrkopf, der
seine Tochter vortrefflich machen wollte, sperrte das Kind vor jeder
Gefahr ab. Er war ebenso eifersüchtig auf sie, für die er sich auf die
Stelle die Hand hätte abschlagen lassen, wie voll ständiger
Ängstlichkeit, so daß er sie unter anderem jeden Monat zu allen
Spezialisten schleifte, um von allen die Versicherung ihrer Gesundheit
zu erhalten.

Der Alte war bereit, ein Vermögen für jede ihrer lächerlichsten Wünsche
auszugeben. Das junge Mädchen zeigte sich bedürfnislos. Es hätte keine
noch so phantastische Angelegenheit gegeben, die der Alte ihr nicht zu
Füßen gelegt hätte. Sie hätte den Eifelturm abreißen und eine eigene
Bahnlinie nach Dover verlangen können, es wäre ihr ebenso sicher
gewesen, wie daß sie keine Sekunde allein an diesen Genüssen hätte
teilhaben können. Ihr Vater ließ sie keinen Schritt ohne Begleitung tun,
nicht weil er mißtraute, sondern weil er um sie bangte, und gerade dies
ist es, was junge Mädchen mit entzündlicher Phantasie zu Dämonen
verwandeln kann. Es machte seine Güte so nutzlos wie einen verwilderten
Garten. Das Mädchen begann diese Aufmerksamkeit zu hassen und sich vor
der Liebe zurückzuziehen, die ihr Herz mit Entzückungen erwidert hätte,
wenn sie weniger pendantisch sich gezeigt hätte.

Dieser Kampf zwischen der elterlichen Liebe, die bevormundete, und der
Liebe des Kindes, die sich ihr entzog, und damit der Teuflischkeit
zuwandte, dauerte bis zum achtzehnten Jahr dieses noblen Herzens, an
welchem Tag sie verschwand.

Sie reiste ein Jahr, doch das genügte, sie völlig zu verderben. Sie
reiste ein Jahr, ohne das geringste zu erleben. Ihr Vater, den die
Entfernung der Tochter wie ein Schlag traf, ließ sie nicht im Stich,
sondern bemühte sich erst recht, sie auf die Entfernung zu beeinflussen.
Das trieb das merkwürdige Geschöpf, das selbst in dieser furchtbaren
Nacht, halb dem Tod überliefert und von so vielen Leiden
zusammengeschlagen, noch einen unbegreiflichen Schein von Reinheit um
sich hatte, in einen entsetzlichen Widerstand. Die Briefe ihres Vaters,
der sie mit Beweisen seiner Sorge in Gestalt von Detektiven,
Auskunfteien, vorausbestellten Schiffen, Hotels und Zügen, ja mit
Menschen, die plötzlich auftraten und ihr Geschick zu beeinflussen
wagten, überschwemmte, bewirkten in ihr eine Anzahl launenhafter
Widerstände, die verrückt bezeichnet werden müssen.

Die Geschichte ihrer Erlebnisse, mit denen ihr Vater sie ins Verderben
jagte, hat hier keinen Sinn. Seine Güte ermangelte der Strenge, ohne die
Liebe keinen Zweck hat. Statt sie arretieren zu lassen und sie an einen
Mann von Vermögen, Sicherheit, Stellung und nicht zuviel Geist zu
verheiraten, dessen männliche Nüchternheit ihr die versteifte Romantik
abgenommen hätte, benutzte er ihr Entweichen zu verdoppelten Beweisen
seiner Zärtlichkeit. Ein Jahr lang hatte sie alle Angriffe abgewiesen,
ja sich eine Frau für ihre Toilette und eine zur Wahrung ihres Rufes
gehalten, währenddem sie ihren Vater aus Trotz im Glauben ließ, sie
reise allein und sei eine Emanzipierte, die sie in keiner Weise war, ein
Jahr lang hatte sie über die Männer lachen können, bis allzuviele
Warnungen sie ihnen in die Hände trieb.

Ihr Spleen trieb dieses im Grunde sanftmütige Mädchen in die Hände eines
Mannes, den sie offensichtlich nicht liebte, als sie sich ihm gab, der
sie nicht einmal reizte, in dem sie nach wenigen Wochen aber einen
Verbrecher fand. Diese Erkenntnis, die sie fast zum Wahnsinn brachte,
vermochte, daß sie sich entschloß, ihren Mann zu lieben.

Die Tyrannei des Verbrechens hatte die wunderbare Kraft, dieses edle
Geschöpf anzuziehen und zu einer Hingebung zu bringen, welche die Liebe,
vor der sie sich auf der Flucht befand, nie erreicht hatte. Diese
furchtbaren Umstände sind bei leidenschaftlichen Menschen deshalb bis
zur Unerschütterlichkeit bestimmend, weil die ersten Schritte, die sie
von der Familie und den der Frau vorgeschriebenen Gesetzen abseits tun,
bereits die Tragödie mit der unendlichen Kraft des Untergangs
herbeigerufen haben.

Das Mädchen hielt mit einer Treue zu dem Mann, der weder ihren Geist
noch ihre Vornehmheit des Charakters besaß, die einer beispielhaften Ehe
jede Ehre gegeben hätte. An dem ungelösten Körper dieser Frau, deren
Mädchenhaftigkeit durch ihren Kummer nicht vertrieben worden war, konnte
man heute noch sehen, daß sie eine wahre befreiende Liebe nie gekannt
hatte. Sie hatte sich aus Laune in eine Verliebtheit hineingestürzt, die
von der glühenden Zartheit einer mädchenhaften Neigung unendlich
entfernt war. Sie liebte einfach ihr Schicksal wie alle starken Naturen,
die auch zu ihren Fehlern und Niederlagen stehen.

Die Spannkraft, die ein menschliches Herz für soviel Leiden hinzugeben
hat, besitzt eine Grenze, und sie schien es mit dem Zittern, das sie hin
und wieder grundlos überlief, zu ahnen.

Ihr Vater, der sie dem Mann entreißen wollte, hatte den Fehler begangen,
es nicht mit jener Brutalität zu tun, die Halunken dieser Art allein
einschüchtert, nämlich nach ihrer Entlarvung ihnen den Prozeß zu machen
und sie henken zu lassen. Die Möglichkeit hierzu war gegeben, von einem
Skandal spricht man einen Monat und in bewegten Zeiten eine Woche, und
wenn es sich um ein vornehmes Herz mit großem Vermögen und einer
gewissen Schönheit handelt, drei Tage. Er fürchtete, seine Tochter zu
verletzen und gab ihr nach, er kaufte sie dem Mann ab, der mit einer
großen Summe Geld verschwand. Er ließ eine Frau zurück, die ein
zweijähriges Kind in der Wiege und eines unter dem Herzen trug und ihrem
Vater diesen Streich nie verzieh.

Sie holte ihren Mann ein, der sich nicht weigern konnte, sie
aufzunehmen, vielmehr die Waffe umdrehte und auf Grund seiner
tatsächlichen Schandtaten ihren Vater erpreßte, dessen Angst vor Skandal
größer war als sein Zorn. Dieser Balte, dessen Name keine Erwähnung
fand, verpraßte einen Teil des väterlichen Vermögens auf eine
schwachsinnige Weise. Er liebte diese Frau nicht, weil sie ihm ergeben
war, und suchte Anregungen in Angelegenheiten, die er seinem damaligen
Vermögensstand nach nicht gebraucht hätte. Er war ein Spieler, der auf
jeden Zufall versessen war und den der Krieg, der erbarmungsvoll hauste,
staatenlos und also zu den verrücktesten Unternehmungen geeignet fand.
Sein Vermögen nahm in einer beängstigenden Weise ab, worauf er, bei der
Unmöglichkeit, für einige Monate aus England Geld zu beziehen, da die
Konten der ehemaligen Deutschen gesperrt waren, seine Frau kurzerhand
verkaufte.

Man wird fragen, wie eine Frau, die jede Freiheit hatte und über eine
Familie und Vermögen verfügte, dazu der übermenschlichen Liebe eines
Vaters sicher war, diese Ungeheuerlichkeit ertragen konnte, zumal von
der Seite eines Mannes, den sie nur in der Einbildung lieben konnte. Sie
ertrug es, und diese Heldentat ist eines jener tiefen Mysterien der
weiblichen Seelen, die, wenn sie von der Natur zur Reinheit bestimmt
sind, alle Höllen des Lasters und der Erniedrigung durchlaufen können,
ohne daß ihr Wesen auch nur im geringsten leidet.

Zu spät ließ ihr Vater den Mann verhaften, er setzte seine Ehre aufs
Spiel, die er verlor, und erreichte, daß seine Tochter ihn haßte und das
Jahr, bis ihr Mann aus dem Gefängnis entfloh, diesem glühende Briefe in
seine Verlassenheit schrieb. Dieser Elende behandelte sie mit einer
Kälte und Brutalität, die mit ihrer Liebe wuchs. Entflohen, verbot er
ihr zu folgen. Sie folgte ihm. Ihr Vater hatte England, gebeugt,
verlassen müssen, der Skandal seines Schwiegersohns hatte ihn
zertrümmert. Die Kälte seiner Tochter brachte ihn zur Verzweiflung.
Innerhalb zweier Jahre war der Alte um dreißig Jahre gealtert. Die drei
Menschen lebten jahrelang in einer furchtbaren Verfolgung. Der Gatte
diente seinen dunklen und abenteuerlichen Neigungen, die ihn jeden Tag
in Gefahr brachten, mit den Gesetzen sich zu verwickeln. Seine Frau
suchte seinen Aufenthalt auszukundschaften und bei ihm zu leben, wovon
sie keine Erniedrigung abhielt. Ihr Vater bemühte sich, ihr Herz zu
erweichen, mit ihm in sichere Verhältnisse zurückzukehren, Europa zu
verlassen und ein Glück zu suchen, das ihr nach soviel Schmerzen
vorbehalten sein mußte ... aber was er erreichte, war, daß sein Vermögen
zerfiel. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, wie früher seine Tochter,
so ihren Mann zu bespitzeln, und, um ihr Herz zu gewinnen, ihrem Mann
ein Leben zu verschaffen, das ihn sorglos machen mußte.

Diese Geschichte der Liebe ist furchtbar, weil sie sinnlos bis zum
Äußersten ist, denn jeder dieser Liebenden beging Verbrechen gegen die
Liebe. Sie zerstörten sich in einer grauenerregenden Weise, während sie
sich zu nutzen suchten.

Der Alte, der durch den Untergang Deutschlands zu einer rührenden Liebe
zu seinem Heimatland gebracht wurde, legte sein Vermögen in Deutschland
an, was seinen Schwiegersohn bald zur Raserei brachte, und als er es
ablösen wollte, war es bereits ruiniert. Der Schlag, den Deutschland
empfing, war auch mit derselben Teufelei in den Nackenwirbel des Alten
gehauen. Er hatte sich mit der Freiheit seiner großzügigen Denkungsart
von seinem Vaterland geschieden, als dessen unfeiner Reichtum ihm
mißfiel. Als er es elend und am Boden fand, sah er die Möglichkeit, es
wieder zu lieben, und kam in eine Begeisterung, die ebenso großartig und
bewundernswert wie vernichtend war.

Er starb an dieser letzten Leidenschaft, die ihn unfähig gemacht hatte,
vernünftig zu denken, was ein Lebensalter lang seine Stärke gewesen war.
Er fiel mit dem Stolz seiner Heimat und begrub sein Vermögen im Sturz
der deutschen Mark, deren wahnsinniges ungeheuerliches Vernichten sein
letzter Seufzer war. Es war ihm nicht gelungen, seine Tochter
wiederzugewinnen.

Als sie seinen Tod erfuhr, stand sie am Sarg ihrer zweiten Tochter, ohne
zu wissen, wo ihr Mann sich befand, der ein Vergnügen darin suchte, sie
mit einer Öffentlichkeit zu betrügen, deren nur ein Neger fähig ist. Die
rohste Natur hat vor einem Grad des Leides jene Ehrfurcht, die der
Zauber der Frau auch bei Kannibalen auszulösen vermag. Dieser Balte,
dessen slawisches Blut seine deutsche Güte, dessen deutsche Rohheit
seine slawische Weichheit vertrieben hatte, dieser Verbrecher, den die
verfluchten Fehler zweier Nationen gezeugt hatten, ohne eine einzige
Tugend außer einer schwachköpfigen Kühnheit ihm zu verleihen, fand einen
beispiellosen Genuß daran, seine Frau zu demütigen. Es gibt wohl keine
Schande, in die er sie nicht verwickelt hatte.

Wäre die junge Frau nicht mit einem so ungeheuren Stolz von der Natur
versehen worden, so wäre sie ohne Zweifel durch das Übermaß der
Erniedrigung dazu gebracht worden, diesen Mann zu vernichten. Sie hielt
ihrem Schicksal eine beispiellose Treue, sie überwand das Verbrechen
sogar, indem sie sich nicht wehrte. Es gelangte nicht bis in ihre Seele.

Als sie ihren Mann erreichte, fand sie ihn in Fesseln. Ihr
wohltrainierter Körper war durch die Kinder und die Sorgen mitgenommen,
unterhöhlt, aber nicht aufgerieben. Sie sah ihren Mann, den es, nachdem
er die Familie seiner Frau zerstört hatte, wie alle Abenteurer nach dem
Osten trieb, dessen wildes Chaos ihnen voll wunderbarer Reize scheint,
an einer Mauer stehen. Sie lief aus dem Wagen in eine Umzäunung, ein
Tuch in der Hand, als von der anderen Seite einmal die Trommel gerührt
wurde. Darauf erschollen Schüsse, ihr Mann fiel vor ihren Augen langsam
um, ohne sie anzublicken. Die Soldaten, die aus Bewunderung über den Mut
des Mannes, der mit keiner Wimper gezuckt hatte, in die Hände
klatschten, fanden sie auf dem Rücken liegen. Sie war am Abend bereits
wieder bei Sinnen.

Eine Sekunde hatte genügt, sie ihre tiefe Schuld begreifen zu lassen.
Eine geheimnisvolle Stimme hatte im Augenblick der Salve, als ihr Mann,
der von Wuchs und Aussehen von vollkommener Schönheit war, fiel, gesagt,
daß vom Augenblick ihrer Entfernung von ihrem Hause alle Schuld und
alles Elend, das in ihrem Kreis geschehen sei, auf ihr liege, sie
empfand unwiderleglich auch die Erschießung ihres Mannes als einen
bewundernswerten Heldentod.

Sie fühlte mit einer Klarheit, die fast erhebend war, die Last dreier
vernichteter Leben auf ihrer Seele und war einsichtig genug, daran nicht
zu sterben, sondern ihren Glauben mit jener Tapferkeit, die schon
überirdisch wirkte, auf ihr Kind zu setzen.

In diesem Kind und seiner Zukunft schien ihrer mütterlichen Seele der
Sinn ihres Lebens und die Frage ihrer Schuld sich zu lösen oder zu
knüpfen, und sie hatte ein Maß der Gläubigkeit darüber, das keinen
Zweifel gestattete. Doch hat die Natur der Spannkraft eines Herzens
Grenzen gesetzt, die nicht übertreten werden dürfen, ohne zu vernichten.
Sie erfuhr die Erkrankung dieses Kindes, das sich in Dresden befand.
Gleichzeitig brachen die Bahnen ab. Sie schien zurückgestoßen von einem
Schicksal, das sie nach Jahren des Leidens zur Klarheit hatte erwachen
lassen. Das Leben dieses Kindes ward das Ziel eines grauenhaften
Wettlaufs, den sie mit dem Schicksal unternahm. Sie wäre ohne Schuhe bis
an das Ende der Welt gelaufen, um dieses Kind wieder in die Arme zu
nehmen und den Erfolg ihres vernichteten Lebens in jener Erkenntnis dem
Kinde zuzuführen, das in einer Erziehung sich geäußert hätte, die die
Fehler der ihren vermied und die Liebe so aus der Hand gab, daß sie
genommen werden konnte, ohne in die Schuld hinauszutreiben.

Diese Frau konnte nur ein ganz ungeheures Glück retten, konnte nur ein
sie dauernd in Sicherheit hüllendes Ereignis am Leben erhalten.

Sie hatte die Grenze des Lebens fast schon überschritten, und jede
Enttäuschung war ihr sofortiger Tod. Ihre Seele war an das Leben ihres
Kindes angebunden wie ein Flügel an den anderen bei einem Falter, sie
würde sich mit diesem Kind in das Leben wieder retten oder mit ihm
zusammen zerfallen müssen. Sie befand sich in dem Zustand einer gewissen
Übererhöhtheit des Lebens, wie es in Augenblicken eintritt, an denen die
Qual und das Leid so übertrieben sind, daß sie überirdisch scheinen. Die
Frau schien von einer Zartheit der Seele zu sein, daß man nicht gewagt
hätte, ihren Körper ohne Not zu berühren, aus Angst, er könne im Zustand
dieser Verklärtheit zusammenbrechen. Man mußte diese Seele in eine
Behandlung nehmen wie einen Lichtschein, den man nicht mit dem Schatten
der Hand verderben möchte.

Diese Seele war nur in der Lage, die Welt in einer Verschleierung
aufzunehmen, die sie ermunterte. Jeder Zweifel war schon der Tod für
dieses Wesen, das nur einer Medizin, nämlich der Bejahung und des
Trostes und der Zuversicht bedürftig war.

Man mußte diesem Körper, auch wenn man die Unwahrheit verabscheute,
Lügen zuführen, die allein ihr die Kraft geben konnten, die nächsten
Stunden zu überleben, kurz, ich war gezwungen, wenn auch ohne
Begeisterung, so mit der Leidenschaft, die sie in mir entflammte, zu
lügen.

Da sie eine Frau von Geist war, konnte man die Literatur zu Hilfe
ziehen, die ähnliche Schicksale wie die ihren bejaht hat, ihnen sogar
eine bestimmte Größe des Ruhmes zugewiesen hat, aber man mußte die fast
tödlich verzogene Frage auf ihrem Munde lesen, welches denn die Gründe
seien, die große Schriftsteller veranlassen konnten, ihre Wesen in
Verbrechen zu führen, statt die ausgezeichneten Bahnen einer Literatur
einzuschlagen, welche jenseits des Kriminellen genug Maße für höchste
Leidenschaften findet. Der Abbé Prevost hat seinem Desgrieux, der ohne
Zweifel ein Halunke aus Liebe war, ein großes Monument errichtet.
Zwischen dem Rolla des Alfred de Musset und Karl Moor besteht nur der
Unterschied, daß der Franzose Vernunft, der Deutsche nur Verzweiflung
kennt, daß aber ein Schicksal beide mit einem Fangarm erreicht, dessen
Rumpf eine verzweiflungsöde Epoche ist. Der Marquis de Sade hat die
Verbrechen offenbar der Wollust unterlegt, während Shakespeares Halunken
das Böse so genial verkörpern, daß ihre verwandtschaftliche Nähe zu den
Engeln deutlich ist. Es bedarf nur einer kleinen Wendung des Charakters,
um sie zu unsäglichen Heilbringern zu verwandeln. Die Antike, ähnlich
dem britischen Genie, kannte nur Verstöße gegen heilige Institutionen
der Götter, deren Verstoß aber ungeheuerlicher Frevel war. Zwischen
Verbrechen und Heldentaten machten sie so wenig Unterschied wie alle
Stämme, denen mit der Kriegerischkeit ein Sinn für große Ideen verliehen
war.

Die Natur scheint die Gesetze des Blutes und der Familie mit einem
ungeheuren Schutz umgeben zu haben, der in ihrer Reinhaltung die beste
Auslese unter der menschlichen Rasse bewirken zu wollen schien. Die
ungeheuerlichen Strafen für den Frevel an der Familie sind mit einem
anderen Sinn nicht erklärbar. Es gibt Geheimnisse, in die alle Nationen
einbezogen sind, und in denen die Reinheit der Frau als wundervollste
Säule der Familie und des gewaltigen Bauwerks eines stolzen Staates mit
nicht beweisbarer aber beispielloser Gesetzlichkeit verwoben sind.

Man mußte dieser in ihrem Elend bezaubernden Frau eine dünne Limonade
der Ewigkeit brauen, wenn man ihr diese Gesetze verschwieg und aus der
Literatur einen Saft zog, der vielleicht von großen Dichtern, aber
schlechten Kennern des Schicksals stammte. Es hieß ihr die Welt mit
wohlwollender, aber zitternder Hand verschleiern und erbeben unter der
Hast und dem Glück, mit dem sie diese schwache Weisheit in sich sog.

Man konnte ihr auf die Frage, die am Anfang dieser Geschichte
angeschnitten steht, schließlich sagen, daß die Dichter den Weg ins
Verbrechen deshalb immer wieder suchten, weil in den närrischsten und
grundlosesten Leidenschaften sie den unendlichen Goldgrund der besten
Herzenstugenden am schönsten schimmern sehen, aber man konnte diese
akademische Phrase nur loswerden, weil man das Geschöpf, an das sie
gerichtet war, liebte. Das Bangen der jungen Frau hatte etwas von jener
Gläubigkeit und Unberührtheit, deren Nähe niemand verlassen kann, ohne
einer tiefen Rührung zu verfallen. Ich hätte meinen Kopf gegeben, wenn
ich in diesem Augenblick die Hände der jungen Frau hätte an mich ziehen
und ihr zuflüstern können, daß diese Neugeburt zur Mädchenhaftigkeit,
die das Schicksal mit einer kurzen, vielleicht in Stunden schon
beendeten aber jetzt in unvergleichlichem Glanz erstrahlenden Frist ihr
verliehen hatte, mich in meiner tiefsten Seele getroffen habe.

Ich war in der verdammten Lage, sie ohne Pause belügen zu müssen. »Was
hätten Sie gehabt,« rief ich wohl etwas zu prahlerisch, »wenn Sie ohne
das Erlebnis so gewaltiger Schmerzen Ihr Leben verbracht hätten? Die
Literatur zeigt, daß die Unschuld, wenn sie mit dem Verbrechen
zusammentrifft, die wundervollsten Menschenblumen hervorbringt. Sie
hätten ohne Zweifel einen Gatten und Kinder besessen, aber Sie wären
sich nicht mehr der Welt bewußt gewesen, als daß Sie die
wirtschaftlichen Mächte, unter denen wir stehen, mit einem geringen
Stolz gespürt hätten. Das heißt, Sie hätten reich gewohnt, den sozialen
Aufstieg Ihres Gatten bewundert, Ihre Kinder gekleidet, die Menüpläne
Ihrer Köchinnen berichtigt und mit Verehrung oder Verachtung auf die
Gesellschaft um Ihr Leben herumgeblickt, je nachdem sie im Rang über
oder unter Ihnen gestanden wäre. Was wäre aus Ihrem Herzen geworden?
Soviel an Großmut und soviel an spätem ungeheurem Glück, wie Sie es
heute zu verlangen haben, vermag ein durchschnittliches Leben nie zu
geben, und die Tugend, die nie an den Abgrund geschleppt ward, hat
keinen Anspruch, ein Herz zu besitzen, das durch den Tod wie durch die
Liebe mit derselben Kühnheit hindurchgeschritten ist.« Man wird mir
zugestehen, daß ich mit Feuer log, obwohl mein Gefühl offenbar geneigt
war, in Tränen auszubrechen, denn je mehr ich mich begeisterte, um so
furchtbarer empfand ich, welch verabscheuenswerten Unsinn ich sprach.

Sie seufzte, als ob sie alle Liebe der Welt einsauge, und das brachte
mich fast von Sinnen. Nur als ich mit der falschen Kühnheit, die
Verliebten eigen ist, fragte: »Was hätten Sie gehabt?« schien sie wie
ohnmächtig zurückzufallen. Ein Blick, den ich durch ein Licht, das
aufglomm, auf ihrem Gesicht mit göttlicher Ergebung aufgeschlagen sah,
belehrte mich, daß sie an ihren Vater dachte. In diesem Augenblick
schienen wir umzingelt zu sein.

Um uns herum erschollen Stimmen. Der Kutscher hielt den Wagen an und gab
sichtlich Auskunft. Ich öffnete die Wagentür nach der einen Seite und
schloß sie im gleichen Augenblick. Offenbar hatte man sich an der Stelle
zusammengeknäuelt, um eine Auskunft einzuziehen. Ich riß den anderen
Schlag auf, zog die junge Frau heraus, und wir liefen über die Wiese.
Als wir hinter Buschwerk kamen, zitterte sie so, daß ich sie tragen
mußte. Als wir den Wald erreichten, fing eine sinnlose Schießerei an,
überall loszuknallen. Wir standen hinter Bäumen, um nicht getroffen zu
werden. In diesem Augenblick war ihr Herz auf der Höhe der Gefahr. Eine
Verwundung hätte sie niedergeworfen und getötet. Denn dieses
wundgelaufene Herz hatte nur noch eine kurze Frist, die die Natur ihr
verliehen hatte, zu leben oder auszusetzen, und diese Frist langte noch
bis zum Lager ihres Kindes, aber litt keine Minute Verzögerung.

Es gibt eine Zärtlichkeit bei Männern, die in Augenblicken der Gefahr
für das geliebte Wesen sich in nichts von der Liebe unterscheidet, die
das schönste Recht der Mütter ist. Ich hätte diese Frau, deren Schmerz
und deren Schicksal ich offenbar wie ein Wahnsinniger liebte, mit meinem
Körper zudecken mögen, um sie vor den Kugeln zu schützen, wenn diese
Bewegung nicht eine Narrheit gewesen wäre und die Soldaten auf uns
gelenkt hätte. Sie war im Augenblick der Gefahr von einer fast
übermenschlichen Kühle. Als wir eine halbe Stunde durch den Niederwald
gerannt waren, kamen wir auf eine Straße. Wir hatten die Vorposten
hinter uns und waren in Sicherheit.

Nach einer halben Stunde fanden wir unseren Wagen. Zwei Stunden später
erreichten wir die Station. Hatte ich unrecht, daß ich ihr, als wir mit
einer gewissen Heiterkeit die letzten Wagenstunden machten, eine
Geschichte nicht vorenthielt, die ihr Herz stärken konnte? Da sie aus
dem Leben stammte und mit ihren bekannten Figuren aus der Wahrheit wie
aus einem Bilderbogen geschnitten war, hatte sie mehr Überzeugungskraft
als die Literatur, die nur beweist, aber nicht atmet.

Ich wagte kaum zu zittern, als wir uns der Station näherten, ich war
besinnungslos von einer Leidenschaft, die ich nicht zeigen durfte, und
ich war genötigt, ihren Befehl zu respektieren, der mich zurückstieß.
»Zeichnen Sie diese Geschichte auf,« sagte sie mit einem so
verheißungsvollen Lächeln, daß mir die Tränen kamen, »und senden Sie es
mir morgen nach als einen Beweis, der mich stärken wird.« Sie hatte eine
wundervolle Zartheit im Klang, daß ich fürchtete, ich würde sie nicht
wiedersehen. An der Grenze empfingen uns Soldaten. Plötzlich sahen wir
uns an, von Fackelschein übergossen.

Dieses Gesicht, das lange nicht geweint hatte und auf dem Spuren
unzähliger Schmerzen wie ein Verhängnis schwebten, trug die Spuren von
Tränen. Ich reichte ihr die Hand, um auszusteigen, und bemerkte an dem
Druck ihrer Hand, daß es Tränen der Freude, ja der Erlösung waren. In
diesem Augenblick trat ihre ganze Seele, die noch nie gelebt hatte, auf
ihr Gesicht, und ich wurde eines so himmlischen Glanzes ansichtig, daß
mich die Besinnung verließ.

»Ich danke Ihnen mit aller Herzlichkeit, die soviel Unglück übrig
gelassen hat,« flüsterte die Unbekannte mit hinreißender Anmut und gab
mir eine Adresse, unter der ich ihr schreiben konnte. Sie empfing mit
dem Nicken einer Vertrautheit, die nicht mehr menschlich war, mein
Portefeuille.

Man fand mich auf dem Platz hingestreckt wie einen Toten. In der Nacht
schrieb ich die Geschichte eines Frevels auf, dem ein Glück, das der
Sühne, abzugewinnen ich meine Natur in unerhörter Weise zwang. Denn um
das Glück der Sühne zu ertragen, bedarf es eines kalten Herzens. Das
Kind mußte leben, oder sie starb. Ich blieb nach diesem Wettlauf mit der
Wahrheit, der mein Innerstes zerriß, drei Tage besinnungslos in meinem
Zimmer liegen. Ich war gezwungen, mich zur Herstellung meiner Natur ins
Gebirge zu begeben, da mein Körper gewohnt war, alles zu ertragen, die
härtesten Strapazen und die irrsinnigsten Enttäuschungen, aber nicht den
Kampf gegen die Gesetze der Seele, die ihn regieren.

Es gibt vielleicht eine einzige Möglichkeit, ihn diesen Streit ertragen
zu lernen, das ist, ihn zum Siege zu führen. Man hatte mir versichert,
daß am Abend ein Zug gehe, der ihr als ein Herold meinen Brief senden
sollte, der eigentlich mein Schicksal war, auf dessen Echo ich wie ein
Verrückter warten mußte. Ich verbrachte diesen Tag mit einer so
unheimlichen Getrenntheit meines Wesens, daß ich mit den Kerzen
plötzlich vor den Spiegel sprang.

Ich reiste an diesem Tag in dem furchtbaren Hotelzimmer, während ich
gleichzeitig Bogen auf Bogen hinter verschlossenen Läden füllte, an der
Erinnerung der Nacht jede Minute zurück und badete mich, füllte meine
Seele mit jeder Bewegung und jeder Silbe, welche die Unbekannte von sich
gegeben. Gleichzeitig wußte ich, daß bei jedem Buchstaben, den ich für
sie schrieb, sie der Ungewißheit entgegenfuhr, ob dieses Kind sie
verflucht hatte, ehe es starb, oder ob es mit einem Lächeln sie ansehen
würde, das der Anfang eines unfaßbaren Glückes war. Die Frist war kurz,
in der dieses bewundernswerte Herz lieben durfte, und ich hätte nicht
Gott sein mögen, in dessen Hand es lag, und der es vielleicht
zertrümmern mußte.

Man wird mich nach der Geschichte, die ich aufzeichnete, fragen, ich
verheimliche sie nicht. Sie besitzt jene Kostbarkeit, die Erlebnisse
erst adelt, wenn sie ein Herz enthüllt oder getröstet haben. Man darf
der Literatur nur dann jene Liebe, die sie zu Beweiszwecken benutzt,
zuwenden, wenn die Literatur jenes geheimnisvolle Herz besitzt, das mit
den wahren Leidenschaften der Menschen gefüllt ist. Dieses Herz kann
sich plötzlich öffnen, und die Menschen sind in der phantastischen
Stunde dieses Zufalls in der Lage, darin ihre Seele zu sehen. Eine
vortreffliche Literatur wird ihre Bewunderer durch dieses Mysterium
unbeschreiblich entzücken, eine erbärmliche wird sich in den Sekunden,
wo man ihrer bedarf, als das akademische Geplapper entlarven, das nur
sich selber liebt. Das Herz des Menschen ist der Ort, wo die
Gegenstände, die Ereignisse und die Sitten der Welt gemessen werden und
ihren Rang erhalten. Ausgezeichnet wird lediglich, was die Größe hat,
dem Herzen gleich zu sein oder den Ehrgeiz besitzt, es zu übertreffen.

Es gibt in der Literatur einen Opfermut und eine Kühnheit von Gefühlen,
die weit über das hinaus wollen, was menschlichem Ertragen und
menschlicher Spannkraft möglich ist. Diese Literatur ist ohne Zweifel
die höchste in den verschiedenen Klassen des Schrifttums, in dem der
Zynismus die niedrigste, die Weisheit die erhabendste ist. Es ist
unmöglich für ein gleichzeitig kluges wie feuriges Temperament, eine
Literatur anzuerkennen, die ihr Wesen nur durch sich selbst erhält und
wie Narziß sich von den Menschen und ihren Beispielen fernhält. Die
Dichtkunst, meint Balzac, sei die Einleitung zum Staatsmann. Napoleon,
Julius Cäsar, der große Friedrich, der erste Franz von Frankreich,
Machiavell, ja selbst Goethe, Richelieu, der Kardinal Retz, Disraeli,
Bulwer und Constant haben dieser These recht gegeben, indem sie ihren
Geist, der das Schöne zu formen wußte, derart disziplinierten, daß er
das Gebäude des Staates unter den letzten Gesetzmäßigkeiten der
Vernunft, der Gerechtigkeit und der Harmonie erblickte.

Der Staat ist aber jene wundervolle Handschrift der Vorsehung, welche
die Leidenschaften der Menschen auf den Rücken der Ewigkeit gezeichnet
hat und in dem alle Linien des menschlichen Herzens enthalten sind. Wer
diesen Kreis, den das Gebet eines unschuldigen Mädchens bis zur
Grenzenlosigkeit der himmlischen Satzungen durchläuft, verläßt, begeht
einen Frevel, den nur ein Opferwille sühnen kann, welcher stärker ist
als die Natur. Wer kann die Erde aufhalten? Wer vermag die Sonne zu
verdunkeln? Zur Sühne ist dem menschlichen Herzen die Kraft, zum
Verzeihen die Größe gegeben. Zum Widerstand gegen die Gesetze der Natur
besitzt es nur das Dulden, welches die Trotzigen und seit Prometheus
ewig Zerschmetterten manchmal bis zu himmlischem Licht erhebt. Hier ist
die Geschichte:

Im Jahre neunzehnhundertelf ereigneten sich drei Dinge, die an
verschiedenen Stellen der Welt einen geheimnisvollen Zusammenhang
schafften. Es war das Jahr, wo, drei Jahre vor den Schüssen von
Serajewo, die Mitteleuropas Vernichtung und unsere Armut veranlaßten,
einige Menschen anfingen, sich in die Luft zu schwingen, andere das Meer
einige hundert Meter unter der Oberfläche mit Tauchbooten zu
durchfliegen und jenen Kampf begannen, den ein ehrgeiziges Geschlecht
mit seinen Maschinen der Natur ansagte. In einem zarten Vorspiel, das
vier Jahre lang die grandiosen Schlachten ankündigte, die unsere
Nachfolger mit Stumpf und Stiel hinwegrotten werden, hat sich gezeigt,
daß die Natur diese Provokationen auf ihre Urheber zurückwirft.

Wenn in einem Landhaus in York Lady Grace ihr Leben in einer
auffallenden Weise verließ, von einem Tag auf den anderen aus der
behütetsten Dame in einer Reihe von Verbrechen sprang, bedarf es nur der
einen Erklärung, daß sie von jener Krankheit erfaßt war, welche alle
leidenschaftlichen Naturen in dieser Zeit erfaßt hatte: daß sie dieser
Welt kein Interesse abzugewinnen vermochte. Besonders glänzende Figuren
wußten damals sich allerdings in ihrem Innern zu beruhigen und für die
Zeit aufzusparen, wo die künstliche Sicherheit dieses Jahrzehntes in
Flammen aufging, und die Menschheit sich in die grauenhaftesten Kämpfe
stürzen mußte, die diese Erde gesehen hat. Andere, welche mit der
Kühnheit eine Unsicherheit des Glaubens vereinten, begannen jene
furchtbaren Herausforderungen, welche die Natur nicht unbeantwortet
ließ, indem sie die Versucher mit einem Lächeln abschüttelte, das die
Welt mit Blut überschwemmte. Andere, zu denen Lady Grace offensichtlich
gehörte, wechselten plötzlich ihre Seele aus.

Diese Menschen, die damals nicht zahlreich waren, scheinen unter ihrer
Seele eine andere zu besitzen, die plötzlich die erste völlig verdrängt.
Diese Annahme ist aber ohne Zweifel ein Irrtum, denn eine Seele kann nur
durch den Tod den Menschen verlassen. Wenn ein erhabener Mensch sich
plötzlich in furchtbarer Weise verändert, so beweist das nur, daß er den
Weg, welchen das Schicksal ihm vorgeschlagen hat, völlig verläßt, und
daß die Keime des Bösen, die in ihm lagen, tief in ihn eingedrungen
sind. Es bedarf nur der Rückkehr mit gläubigem Herzen, um eine solche
Figur wieder zum schönsten Licht zu entfachen.

Die Entschlüsse, die einen Menschen von großer Leidenschaft wie dieses
kühle Mädchen, von ihrer klaren Bahn und aus der Familie wegtreiben,
liegen oft mit der Kraft eines Abgrundes da in Momenten, wo sie am
wenigsten erwartet werden. Der Übergang kann sich mit einer
Plötzlichkeit vollziehen, der alle ratlos macht, welche die
Zusammenhänge nicht erkennen, welche die Gesetze der Natur selbst mitten
durch die Seele eines reinen Mädchens gelegt haben. Sie passieren
zehnmal am Tage jene Stelle, wo ihr Leben furchtbar bedroht ist, ohne es
zu wissen, und gehen in jenem Augenblick mit nachtwandlerischer Kraft in
das Böse hinein, wo ihre Leidenschaft eine Laune gebiert, die jenseits
ihres Gemütes liegt.

Diese Übergänge sind nicht weiter mit der Vernunft erklärbar, sie müssen
nur bestimmt und von denen, die sie vornehmen, ausgetragen und erduldet
werden. Das Schicksal ist gewaltig genug in jener gewitterhaften Güte,
die es selbst über die Schuldigsten verteilt, auch an das Ende dieses
Frevels ein Licht zu stellen.

Man kann nach Belieben bei Lady Grace alle jene Vorzüge voraussetzen,
die eine Schilderung abkürzen werden, ihren Geist, ihre Erziehung, die
Stellung ihres Vaters, ihre Lieblichkeit in gewissen Augenblicken, ihre
körperlichen Fähigkeiten. Ihr Alter beträgt sechsundzwanzig Jahre, was
erstaunlich ist, da ihr Vermögen auch das Leben ihres bevorzugten
Bewerbers hätte ändern können. Ihre Nase, über jener schon
sprichwörtlichen Verlängerung der Oberlippe hatte von der Seite einen
leicht geschwungenen Bogen, sah von vorn aber fast etwas gesträubt und
trotzig aus. Das gab ihr zwei Gesichter, ein durchgängig kühnes und ein
romantisches, was sich sehr apart mischte. Ihre Figur, mehr groß als
mittel, ward von jenem Dunkel der Augenfarben beherrscht, von denen man
in gewissen Momenten erschrocken feststellt, daß sie hell wie das Meer
und fast blau wie Perlmutt sind. Sie gehörte zu jenen Mädchen, die in
den Mondnächten die Nachtigallen um ihren Gesang beneiden, in ihre
Kissen weinen und selbst erstaunt sind, am Tag diese rätselhaften
Spannungen aus sich gewichen zu sehen. Sie sind dabei von einer
Verstandesschärfe, die nur jene Unerwecktheit ist, mit welcher die
Mädchen in unbegreiflichem Instinkt unter den Erfahrungen her die Welt
durchschauen und wohin sie erst durch die Weisheit der Leidenszeit
wieder gelangen werden, ein Zustand, vor dem junge Männer zurückweichen,
weil sie Überlegenheit und Stolz dahinter fürchten. Sie besaß dabei
neben dem Weltblick, den ihre Erziehung ihr mitgegeben, eine
Kameradschaftlichkeit, die jene Distanz der Männer zu ihr noch
vergrößerte, weil sie so traumhaft sicher hingegeben ward.

Diese Sicherheit war es, die sie wie einen Diamant aufleuchten ließ,
wenn sie im Abendkleid und phantastischem Schmuck in der Halle erschien.
Es war ein unbeschreiblich siegreicher Schmelz in dem mit der
Plötzlichkeit eines Schusses aufglühenden Lächeln, daß man, obwohl man
sie haßte, ihr eine unvergleichliche Karriere voraussagte. Den Zorn der
Frauen, die sich die Männer neideten, erregte sie erst durch ihre
völlige Teilnahmlosigkeit für Bewerber. Man hielt sie für wählerisch und
berechnend und nahm an, daß sie sich für den Besten aufhebe und vor
Hochmut bis zum sechsundzwanzigsten Jahre noch keinen so Vortrefflichen
gefunden habe, der ihren Träumen entsprach, während sie in Wahrheit ihre
Seele noch nicht gefunden hatte und eigentlich eine Romantische war.

Diese Mädchen scheinen kalt, weil ihre Herzen glühender als die
Möglichkeiten sind, die ihnen zu Gebot stehen, diese Herzen daran zu
erproben. Man muß bedenken, daß das Fest, welches auf der Terrasse des
Landhauses stattgefunden hatte, eigentlich eines der romaneskesten war,
das die damalige englische Gesellschaft kannte, und daß Lady Grace bis
zum Tod bleich und gelangweilt davon schien. Es war in den zarten und
traumhaften Kostümen Gainsbroughs getanzt worden, dann hatte es
geregnet, und nun gingen in der roten Dämmerung die Fenster alle auf und
es roch nach dem Boden des Parks. In diesem Augenblick erregte es das
Erstaunen eines jungen Mannes, daß ihr Auge sich auf ihn richtete.

Der junge Mann, der den Vorzug hatte, in Indien gekämpft zu haben, was
seine Blässe und Melancholie mit einem dicken Kontrast unterstrich, war
vor Schreck darüber fast erstarrt, in welcher Weise sich ihr Blick,
während er auf ihm ruhte, veränderte. Ihm schwindelte ein wenig und er
fühlte sich halb umstrickt, halb durchbohrt. Er folgte ihr, als sie das
Auge zur Tür gleiten ließ: »Kann ich auf Sie vertrauen?« frug sie mit
grauenhafter Kälte. »Vergessen Sie nicht, daß ich das Leben von
fünfhundert Menschen, die mir dienten, monatelang in Händen hatte,« rief
er. »Wollen Sie mir dienen, Charley?« sagte sie mit einer Stimme, die
ihn erzittern machte. »Diese Frage,« sagte er ergriffen, »beleidigt das
Herz, das nie etwas anderes tat.« »Sie werden mich verlassen, wenn ich
es wünsche?« sagte sie ruhig. Er nickte betroffen. »Sorgen Sie für zwei
Wagen. Vergessen Sie Ritch nicht abzuholen. Sie wohnt im Gartenhaus. Ich
brauche einen älteren Begleiter. Nehmen Sie Davis und geben Sie ihm
Geld, daß er einen Kammerdiener mitnimmt. Zweihundert Meter von der
Parktür warten Sie auf mich in einer Stunde.« Sie nickte und zog sich
zurück. Zwei Stunden später fuhr das Mädchen nach Dover, ohne sich die
Mühe zu nehmen, ihr Kleid zu wechseln, das sie unter einem Staubmantel
verbarg.

Ritch war ein schwarzes Faktotum, das ihren Vater aus den Kolonien
begleitet hatte und auf das sie sich blindlings verließ. Diese Negerin
war eigentlich javanischen Blutes, fast schön, nur zu dunkel, stark wie
ein Tier und von der Wachsamkeit eines Hundes. Was im zweiten Auto
folgte, war ein Greis mit Kammerdiener und einer alten Gouvernante. Sir
Davis war von der senilen Schwäche eines Lebemanns, der nicht genügend
Mittel hatte, seine Leidenschaften in der Jugend zu befriedigen, in
diese Hörigkeit zu jungen Damen angekommen, die nichts begehrt, als
ihnen zu Diensten zu sein. Sie opfern sich auf für den Beruf einer
Attrappe und würden ihr Leben hingeben dafür, daß sie in der Nähe dieser
Wesen trotz des Zustandes ihrer Zähne noch bleiben dürfen. Sie werden
nicht beachtet, auch nicht bedankt und erfüllen die Dienste des
Hofmarschalls mit größerer Leidenschaft, als diejenigen des Liebhabers,
als sie noch Wünsche hatten.

In der Nacht fuhren sie noch über und setzen die Autos auf die Strecke
Paris, Dijon, Valence, Montélimar, Avignon.

Ehe sie Calais verließen, frug Lady Grace, als sie den Fuß auf die
Dampfbarkasse setzte: »Ist das Telegramm abgegangen?« »Es ist durch
meinen Bruder vom Foreign Office aufgeliefert worden,« antwortete
Charley mit dem Ton eines Menschen, der etwas unerhört Schweres erledigt
hat. »Dann kehren Sie zu Gaby zurück,« rief sie mit jener Härte, die nur
unverbrauchte Herzen über sich gewinnen, weil sie nicht wissen, wie
unendlich sie damit schmerzen. Man muß wissen, daß sich bei ihrer
Abreise eine Szene abspielte, deren Helden ihre Windspiele waren. Diese
Tiere, die sie auf allen Einladungen, so auch nach York begleiteten, von
denen einige noch von ihrem Vater kurz vor seinem Tod eingestellt waren,
wollten sie nicht verlassen, holten die Autos ein und rannten eine Weile
neben ihnen her. Sie hörten die Locktöne ihrer Herrin und wußten nicht,
daß diese sie zum erstenmal zurücktrieb. Plötzlich begann ihr
Lieblingstier Gaby etwas Unerwartetes, Ungeheures, es sprang über das
hinrasende Auto. Diese Sprünge wiederholten sich, bis Lady Grace halten
ließ. Man mußte die Tiere anbinden. Nun kommandierte sie den jungen Mann
zum Schutz ihrer Tiere, ohne zu bedenken, ob er gemerkt habe, daß sie
innerlich weinte, als Gaby ihre unglaublichen Sätze begann. Er konnte
denken, daß sie ihn zu ihren Liebsten sandte, aber er vermochte sich
dabei nicht voll Bitterkeit zu verschweigen, daß sie die Hunde mehr
liebte als ihn. Ein englischer Junge dieser Kreise hat zum Glück genug
Einfältigkeit, die Launen einer Frau zu prüfen. Er war tödlich gekränkt,
aber, da er liebte, machte er sich ohne Umstände an den Anfang.

Das zweite Ereignis, das in jenem seltsamen Zusammenhang mit dieser
Abreise stand, war der General-Appell des Mégroz-Clubs in New York, von
dessen Bestand Lady Grace ebensowenig ahnte wie dieser Club von der
Tatsache, daß eine glänzend schöne Frau sich anschickt, ein tödliches
Wettrennen mit seinen besten Mitgliedern zu beginnen. Dieser Club, der
sich nach einem der berühmtesten Eiskünstler nannte, vereinigte seine
Mitglieder zum Curling. Das ist ein Spiel, welches, dem italienischen
Bocca ähnlich, auf der Eisfläche geschossen wird und Kraft mit
Gewandtheit verbindet. Man hielt sich jahrüber eine eigene geschlossene
Eisbahn, was gewisses Aufsehen erregte, da dieser Sport in Amerika fast
unbekannt war. Der Club hatte sehr strenge sportliche Satzungen, spielte
Inter-League-Games und unterstand dem Olympischen Komitee. Man wird
nicht vermuten, daß diese ernste Angelegenheit, die jeder Prüfung
standhielt (denn keine menschliche Fähigkeit wird so genau kontrolliert
wie das grausamste Spiel der modernen Zeit, der Sport) eine
Lächerlichkeit sei.

Diese Sportleute fanden das Curling erbärmlich langweilig, es war ein
Gesicht, das sie sich vorhielten, um ein anderes zu verstecken. Diese
Zeit vor den Erfindungen der Tanks und der Vernichtungslust mußte
Gefühle verstecken und mit den Kräften, die keine Auswirkung fanden, auf
einer so gefährlichen Ebene zu spielen beginnen, daß sie ihr Leben und
ihren Geist riskierten. Es gab so wenig Widerstände, daß man welche
erfinden mußte wie jene Dächse tun, die sich Bauten so kompliziert
anlegen, daß sie sie teilweise wieder zerstören müssen, um in ihren
Hauptkessel zu gelangen. Hätte jemand vermutet, daß dieser Sport den
Bedürfnissen seiner Mitglieder genügte, hätten sie ihn im Inneren für
einen Verrückten gehalten. In der Tat hatten diese Leute eine ingeniöse
Erfindung gemacht, sich das Geheimnis zu beschwören, nach dem sie
lechzten. Das war eine Tambola der Gefahr, eine Machinerie der
Leidenschaften, ein wahrhaftiger Apparat, dessen Einrichtung von
genialem Irrsein war.

In dieser Einrichtung war ihr Schicksal mit einem Raffinement verbunden,
das jeden von ihnen täglich mit aller Furchtbarkeit wahllos erfassen
konnte, kurz, diese Leute waren begabte Spieler, die statt um Geld, das
sie besaßen, um Erlebnisse spielten, bei denen mehr zu verlieren war als
Vermögen. Vor allem verband sie, der Zuchtlosigkeit entgegen, die jedem
erlaubte, nach Gutdünken zu leben, eine eiserne Disziplin, gegen welche
der Gehorsam der Armeen ein Kinderspiel war.

Was sie beherrschte und im Notfall bestrafte, war ihnen nämlich
unbekannt. Sie hatten sich eine geheimnisvolle Macht erfunden, die sie
mit aller Tyrannei beherrschte, womit sie glücklich waren. Die Zucht,
die diesen Haufen von Spielern, Abenteurern, Soldaten der
Kolonialarmeen, Kenner oder Adepten des Wunderbaren, Blasierte und vom
Leben Gezüchtigte zusammenhielt, verwickelte sie in fast jede scheinbar
unmögliche Angelegenheit. Es wird nicht erstaunen, daß Curling nur ein
liebenswürdiges Lächeln gegen die Welt darstellte, hinter dem sie
zwischen halsbrecherischen Gefahren ja Verbrechen, sich jene Genugtuung
ihrer Nerven verschafften, die verrückt, aber bewundernswert war.

Der eigentliche Vorgang war folgendermaßen: Das Haus war derart gebaut,
daß es allen Entdeckungen auch durch Mitglieder gewachsen war und jede
Manipulation erlaubte, die nötig schien. Jährlich wurden fünfzig
Metallkapseln im Dunkeln gezogen, in einer befand sich der Schlüssel zu
einem Verschlag, dessen Vorderseite eine viereckige Uhr war. Keiner,
selbst der Besitzer des vorigen Jahres, wußte, in wessen Hand der
Schlüssel kam. In dem Haus waren sechzig Kabinen aus Stahl, in denen die
Mitglieder sich zu maskieren hatten, wenn sie aufgerufen wurden, einem
Appell Folge zu leisten. Auch die Einrichtung der Kabinen, ihre
Numerierung und die jedesmalige Verteilung der Nummern schloß jedes
gegenseitige Erkennen aus. Ihre Vermummungen und die Art ihres Eintritts
in den Hauptraum sowie die Abdämpfung der Lichter genügte ebenfalls, daß
man nicht wußte, in wessen Nähe man sich befand.

Vor allem darf nicht vergessen werden, daß diese Leute das Geheimnis
liebten, das sie eingesetzt hatten und toll gewesen wären, wenn sie es
gelüftet hätten. Diese Leute flüchteten aus ihrer ungeheuren Macht in
die Unsicherheit und waren damit beschäftigt, das Gift eines Frevels zu
genießen und nicht, es zu enthüllen. Diese geheime Legion der
Männlichkeit, die ihr Jahrhundert verachtete und seine Garantien wie
seine Einrichtungen verlachte, besaß nur eine Abhängigkeit, das war
jener Wille, der von dem Träger des Schlüssels ausging, welcher ihr
Leben und Tod nach völligem Belieben in der Hand hielt. Wenn eine Sache
dieser Welt groß oder verrückt genug schien, sich daran zu bewähren,
berief er den Appell.

Zu diesem Zweck erschien irgendein Mann im Club und frug nach einem Glas
Whisky. Dieser Mann mußte einen Satz sagen, der lautete: »Die Uhr ist
aufgestellt, meine Herrn.« Diese Uhr war die Seele des Clubs. Da sie
Schicksale bestimmte, war das Grausen auf sie übergegangen, das man der
Vorsehung schuldet. Durch eine Vorrichtung war es möglich, daß am Tag
nach der Ankündigung jeder der Vermummten, wenn er den Schlüssel besaß,
sich, ohne aufzufallen, in den Raum hinter der Uhr begeben konnte. Dies
geschah durch eine liftartige Versenkung, die lautlos alle Etagen
durchglitt. Man konnte von fünf Etagen über zwei Dutzend Gänge in den
Saal kommen, es war unmöglich festzustellen, wer in die Uhr eintrat.

Diese Uhr ruhte auf drei Säulen und hatte einige ovale Öffnungen. Die
Mitglieder mußten in den dämmerigen Raum vor die Uhr, einer nach dem
anderen, treten, in dem Verschlag zur Seite die Maske lüften und
weitergehen. Jeder tat dies mit dem furchtbaren Gefühl, daß hinter der
Milchglasscheibe einer in sein Gesicht sah und über sein Leben
bestimmte. Dies geschah so, daß der Mann, der nach Whisky fragte, einen
Brief abgab, der in der Regel nur einen aus einer Zeitung gerissenen
Wisch enthielt. In den kurzen Nachrichten der Journale sind in trockener
Form die ungeheuerlichsten Dramen enthalten.

Der Fall, der diese Geschichte mit England und einem ereignisvollen
Teile der Geschichte Asiens verknüpft, hatte ein schauderhaftes Aufsehen
unter den Mitgliedern gemacht. Ihr unverbrüchliches Schweigen bewies,
daß sie zitterten vor Erregung. Die ersten Dreißig waren ergebnislos
passiert. Da blitzte ein weißes Licht und rollte in einen Ausschnitt der
Uhr, daneben glomm in dem Schalter auf der Platte der Name George Good
auf. Bei dem zweiundvierzigsten wiederholte sich eine Linie tiefer
dasselbe. Der Name hieß nur: Capt. Pound.

Diese Uhr trug übrigens an der Seite ein Verzeichnis aller Namen des
Clubs, hinter denen in einem breiten Feld ebenfalls kleine Glasgitter
von verschiedenen Farben glühten. Dieses Verzeichnis konnte mit
Auszeichnungen im Team gedeutet werden, es betraf aber die Frage, ob
diese Leute sich im Spiel mit den Gesetzen berühmt gemacht hatten, ob
sie unterlegen waren oder ob sie wegen Verräterei aus der Welt geschafft
werden mußten. Das gelbe Licht war Verrat, das rote Verdacht, das weiße
bezeichnete besonderen Ruhm, das grüne war der Durchschnitt, das
schwarze das Todeszeichen. Dieses Register war für den, der es
studierte, von den Schauern des Furchtbaren umweht, ein erschreckendes
Thermometer jener Leidenschaften, die sich unterwarfen, um sich
auszutoben. Bei besonderen Anlässen war dieses Register verhüllt.

Hinter den Namen Good und Capt. Pound glänzten die Scheiben grün, das
Signal, daß, nachdem die Auszeichnung auf sie gefallen war, ihre
Tätigkeit begann, die nunmehr neutral beurteilt ward. Jede Leistung
begann auf diese Weise, aber keiner vermochte zu sagen, mit welcher
dieser erschreckenden Farben sie aufhörte, weil noch verfehmter als das
Mißlingen jene Untreue gerächt ward, die das Ziel aufgab oder dem Sinn
des Auftrags sich entgegenstellte. Diese letzte Frage war diejenige,
welche den Bann tödlich machte, der die Männer vereinte, weil sie mit
letzter Raffiniertheit das Schicksal herausforderte, jenes Schicksal,
das mit Vorliebe in menschliche Handlungen eingreift und sowohl ihre
Kurve als auch ihren Sinn ins Gegenteil verkehrt.

Man muß gestehen, daß diese Vorkehrungen mit höllischer Genauigkeit
getroffen waren. Nachdem die beiden Namen bekannt waren, gingen die
Männer auf verschiedenen Ausgängen auseinander. Beim Curling hätte jeder
sich eher die Zunge abgebissen, als daß er ein Wort über diese Dinge von
sich gegeben hätte. Es versteht sich, daß das Geheimnisvolle halb
gewesen wäre, wenn man es mit einer Silbe erwähnt hätte. Die Sitte des
Verschweigens gestattet, das Ungeheuerlichste zu erleben. Es gibt keine
Verschwörung, wenn man ihr die grauenhafte Größe nimmt, indem man davon
spricht.

Am folgenden und den drei nächsten Tagen wurden an allen Börsen eine
Masse Aktien der Nord W. L. Schiffahrtsgesellschaft gekauft. Der Agent,
der das Paket erworben hatte, gab den telephonischen Auftrag zum Kauf
von zwei Fabriken, in der einen wurden gewisse Sorten Edelstahl gewalzt,
in der anderen wurden die Platten zu verschiedenen Zwecken
zusammengesetzt. Am folgenden Tage erhielten die beiden Unterleiter des
Direktoriums der Schiffahrtsgesellschaft einen seltsamen Besuch. Besuche
verrückter Art sind in Amerika häufig, man schützt sich davor, indem man
Leute in die Besuchszimmer der Direktoren setzt, die nicht die
Direktoren sind, sie aber scheinen und in Haltung und Überlegenheit
nachahmen, um die Besucher auszuforschen. Diese Täuschung ist eine der
geringsten, welche die Handelswelt seit der Erfindung der alles
zertrümmernden Trusts gegen die Menschheit vornimmt. Sie hat den
Vorteil, daß von den großen Betrügern die kleinen entlarvt und die
Narren beseitigt werden.

»Halloooo meine Herren,« sagte Capt. Pound, der ein Stelzbein hatte,
»ich besitze dieses Paket Aktien. Die Nummern finden Sie hier
eingetragen. Hier ist die Bescheinigung des Notars. Die Mäntel liegen
bei Hallgarten. Telephonieren Sie.« Die Klerks blieben rührungslos, sie
schienen aus Wachs, wie man es in Läden für Konfektion sieht. »Und was,«
sagte einer, aber es war nicht zu erkennen, welcher, »hat dieses Ihr
Eigentum mit Ihren Wünschen zu tun?«

Sie sahen gar nicht auf die Papiere, die Pound auf den Tisch geworfen
hatte. »Dies,« sagte Capt. Pound, ohne im geringsten auf die beiden zu
achten, »sind Beurkundungen, daß ich Besitzer der Rollway-Fabriken bin.
Hier ist der Kaufvertrag. Hier die beeidigte Beglaubigung. Hier die
letzte Bilanzabschrift des Unternehmens.« Und er warf sie auf den Tisch.
»Und,« sagte einer der beiden Wachsmänner, die vermuteten, er wolle
seinem Geschrei nach das Personal aus dem Hause treiben, »welchen
Zusammenhang sehen Sie zwischen den beiden abgegebenen Erklärungen?«
»Darüber,« sagte Capt. Pound, »werde ich mit dem sprechen, der am Ende
dieses Gegenstandes sitzt,« und er schlug mit dem Stock auf einen großen
Kautschukbecher, der die Gespräche aufnahm, und wandte sich einer
dichtwattierten Tür zu, die sich von selbst vor diesem unerschrockenen
Besucher öffnete.

Den Tag darauf begannen Arbeiter der Rollway-Fabriken den Einbau einer
unerhört gesicherten Stahlkabine in den Dampfer »Leviathan«. Ein Mann
mit Stelzbein kontrollierte. Die Arbeit mußte in fünf Tagen beendet
sein, sie war es nach viereinhalb, weil Pounds Anwesenheit zauberhaft
wirkte, er verstand mehr von dem Geschäft als seine Ingenieure. Außerdem
ließ er nachts arbeiten. Der geheimnisvolle Mann ließ die Arbeiter
dauernd wechseln und übertrug jedem nur einen geringen Teil der
Beschäftigung, auf diese Weise übersahen sie in der Tat in keiner Weise,
was sie arbeiteten.

Dieser Mann, der sie beaufsichtigte, machte auf alle den
fürchterlichsten Eindruck. Dieser Capt. hatte in einem Krieg, den einige
Jahre vorher seine Nation mit Spanien geführt hatte, sein Bein verloren.
Obwohl niemand heute die Tatsache für möglich halten wird, daß eine
edelmütige Nation wie die amerikanische mit dem friedlichsten Volk der
Welt in kriegerische Verwicklungen kommen konnte, da man vergißt, daß
die kubanischen Erze die Wirtschaftskapitäne beider Länder wie die
Irrsinnigen lockte, trotzdem schoß eine der damals noch kindlich
primitiven Kugeln eines kleinkalibrigen Geschützes ihm in das Knie,
fetzte den unteren Teil ab und Capt. Pound sah sein Bein ins Wasser
fallen. Einer seiner Leute holte es wieder heraus. Er ließ es
präparieren und führte es zu jeder Zeit mit sich. Man hätte diesen
eleganten Mann für einen Professionel im Boxen gehalten, er war Ende der
Dreißig, hatte das Gesicht eines quadratischen Orang und eine furchtbare
Stimme.

Was jetzt geschah, ist aufs äußerste geheimnisvoll. Das Schiff fuhr nach
Beendigung der Arbeiten ab, durchfuhr eine Reihe von Tagen das Meer und
kreuzte einen Tag an einem Teil der chinesischen Küste. Die Nacht
erhielt es Signale und einen Lotsen und botete die meisten Leute aus.
Die Europäer und Amerikaner standen neugierig auf dem Verdeck und
betrachteten in der Morgendämmerung eine grauenhafte Szene. Sie sahen
einen Kilometer lang eine Treppe gegen das Meer herunterkommen, die sich
oben in einer Wolke verlor. Sie schien aus dem Himmel förmlich
herabzufallen, was noch geheimnisvoller dadurch war, daß die Sonne vom
Meer her das ganze Bild grell beleuchtete.

Zuerst rannten einige Tiere, die man als Kamele erkannte, auf den Stufen
herunter. Es waren vier Tiere, von denen zwei stürzten und mit
zertrümmerten Knochen von Stufe zu Stufe herabglitten. Dann kamen
Stelzenläufer. Die paar Mann an Bord rissen die Augen auf und lachten
über die possierlichen Sprünge. Hinter ihnen her kam ein Trupp, der die
Treppenknäufe besetzte. Ihnen auf dem Fuß folgte eine Kompagnie mit
Fahnen an sehr hohen Stangen. Hinter diesem Trupp, der übrigens von
einer herabrennenden Schar Musikleute begleitet war, kam ein Kamel, das
sehr langsam geführt wurde und ein Zelt auf dem Rücken trug. Die Leute,
welche Ferngläser besaßen, konnten dann Falkenträger mit ihren Tieren
erkennen, zwei bronzene Löwen, die getragen wurden, Fächerträger und
einige Leute, die sehr breite, kurze Banner hielten. Es schien sich eine
große Zeremonie zu entfalten, aber man vermochte nicht zu erkennen,
wozu.

Es folgte offenbar in einem Wall von Speerträgern ein rotausgeschlagener
kleiner, fast ovaler Sarg, dahinter ein Heer von Papageien und Reihern,
die fürchterlich schrien. Dahinter liefen Leute die Treppe herunter, die
mit Bällen jonglierten, unter ihnen bewegten sich andere, die
Goldfischgläser mit eiserner Ruhe trugen, davor ein majestätischer
gelber Sonnenschirm, unter dem sich niemand befand, zuletzt eine
ebenfalls leere Sänfte. Die Treppe führte direkt ins Meer, verbreiterte
sich aber bei der Mündung in eine riesenhaft mit breiten Stufen
herabkommende Terrasse.

An diesem untersten Teil der Stufe hielt eine Motorbarkasse des
»Leviathan«. Nun traten, während sichtlich verhandelt wurde, ein Teil
der angeschwollenen Menge, die sich vermischt hatte, zurück, und endlich
wurde der kleine Sarg mit einem Dutzend Begleiter in die Barkasse
übernommen, die sofort abfuhr. In diesem Augenblick fingen sämtliche
Menschen, die die Treppe hinuntergezogen waren, an sie in einer
entsetzlichen Flucht hinaufzurennen und man hörte in der Ferne ein
Signal von Hörnern, die abwechselnd weich und lang und dazwischen scharf
geblasen wurden. Dieser Vorgang war ungewöhnlich, in seiner Eile
verwirrend, das Schreckliche daran bestand in der Atmosphäre der
Unheimlichkeit, die er ohne Grund hinterließ.

Diese wurde aufs Furchtbarste erhöht. Es waren drei Personen übrig
geblieben, die nun etwa zwanzig Stufen herabstiegen, bis sie links und
rechts auf die Brüstung kamen, die schon über dem Wasser hing. An dieser
Stelle erschossen sie sich und stürzten in das Meer. Der letzte trat bis
an die unterste Stufe, setzte sich und schnitt sich den Leib auf. Er
schnitt, nachdem er die Kleider bei Seite geschoben hatte, eine lange
langsame Linie, die Eingeweide fielen ins Meer, er stürzte zurück und
blieb liegen. »By Jove,« sagte ein Mann am Reeling »er hat keinen Jonny
Rumford, der sie ihm herausholt wie das Bein von Capt. Pound«. Der
Matrose drehte sich um und bemerkte, daß Capt. Pound nicht anwesend war.
Auf diesen Mann konnte sich Capt. Pound wie auf das Sakrament verlassen,
er hatte jedoch, obwohl er in Kuba neben ihm gefochten hatte, vermieden,
ihn von seiner Abwesenheit zu benachrichtigen. In diesen Augenblicken,
die zwischen Grauen und Verständnislosigkeit schwanken, ist der Anblick
eines verdutzten Gesichts eine wundervolle Rettung für den Verstand. Die
Matrosen lachten, sie wieherten vor Vergnügen. Im selben Augenblick
legte die Barkasse an.

Durch ein Signal wurde das Deck geleert. Die Leute, die heraufgestiegen,
erblickte kein Auge. Sie nahmen Besitz von einem Teil des Schiffs, der
nicht zugänglich war.

Das Geheimnis dieser Vorgänge ist völlig banal. Man wird es heute
weniger verstehen, daß es Aufsehen machte als morgen und die Bedeutung,
die man ihm beilegte, damit verstehen, daß in diesen Jahren der
Untergang eines Eisbergs durch ein Schiff, das mit ihm zusammenstieß,
die wahrscheinliche Ermordung einer Mutter durch die rothaarige Frau
Steinheil in Paris oder die Flucht einer sächsischen Prinzessin mit
einem italienischen Walzerkomponisten sensationelle Geschehnisse waren,
die den Atem der Gesellschaft für Monate gepreßt hielten. Das Geheimnis,
das nach Jahren noch nicht gelöst ward, hätten zwei Menschen leicht
entschleiern können.

Der erste war natürlich Capt. Pound, der am Abend an Land gegangen, die
Verhandlungen mit den Leuten über jener Treppe geführt hatte und sich
daraufhin verabschiedet und mit einem Auto nach der nächsten Station
hatte bringen lassen. Man war der Ansicht, daß er nach Peking fahren
wolle. Der hühnenhafte Stelzfuß war drei Stunden am Strand
zurückgelaufen und in der Nähe der Treppe trotz seinem Holzzusatz am
rechten Bein nach dem Schiff zurückgeschwommen. Er hatte ungesehen seine
Kajüte erreicht.

Hier nahm er ein Musterwerk der Mechanik vor, indem er eine Wand über
seinem Bett öffnete, in einen Korridor geriet, von diesem in eine
Stahlkabine, die allerdings nicht hoch genug war, um darin stehen zu
können, dafür ein Ruhebett besaß, das sie in fünfundvierzig Grad
diagonal durchschnitt. Der übrige Raum dieser Kabine war aufs
verständigste ausgenutzt, um Lebensmittel, Wasser und Zigaretten
unterzubringen. Der Mann hatte die Klappen hinter sich geschlossen,
untersuchte die Nietungen, brummte, untersuchte die Nietungen an der
anderen Seite der Kabine und nahm befriedigt Platz: »Diese Fabrik,«
sagte er, »fertigt die anständigste Präzisionsarbeit der Welt. Es lohnt
sich, eine Zeitlang schräg zur Erde sich aufzuhalten. Im übrigen werde
ich sie behalten, denn sie scheint ausbaubar zu sein.«

Dann erst sah er in einen Apparat, der einem Stereoskop glich. Es war
der Beginn eines Scherenfernrohrs. Er vermochte durch zwei winzige
Löcher, die der Ventilation dienten, von der Decke der Kabine, die er
hatte einbauen lassen, diesen ganzen Raum zu übersehen. Er befand sich
durch fünfzig Zentimeter besten Stahl getrennt neben dieser Kabine.

Diese wurde am Morgen geöffnet, einige Leute betraten sie und
untersuchten zwei Stunden lang. Sie benutzten dazu nicht nur
Instrumente, sondern auch die Zunge, um geheime Ritzen zu erkennen.
Capt. Pound, der offenbar wie auf die Auferstehung auf die
Zuverlässigkeit der Mechanik vertraute, konnte es nicht unterlassen,
während dieser Zeit Zigaretten zu rauchen. Der tollkühne Bursche hatte
die Frechheit der Abenteurer, die jeden Einsatz auf der höchsten Quote
spielen, ähnlich den Seiltänzern eines verschwundenen Jahrhunderts, die
lieber zwischen Kirchtürmen, als in mittlerer Höhe und mit einem Netz
geschützt laufen. Es gibt eine Berufsehre, die den Militärs mit den
Verbrechern gemeinsam ist und die beide veranlaßt, mit der möglichsten
Kühnheit zu leben.

Als die Untersuchungen abgeschlossen waren, wurde mitten in dem Raum,
der vorher mit Blendlaternen übertaghell erleuchtet war, der Sarg,
offen, aufgestellt, worauf der Raum in einem leichten grünen Licht
schwamm. Daraufhin wurde die große Stahltür geschlossen und man konnte
eine Scheibe aus meterdickem Glas darin beobachten, die trotzdem
durchsichtig genug war, den Raum zu kontrollieren. Die Leute, die diesen
Transport zu erledigen hatten, hatten scheinbar die Tür plombiert und
mit Wachen umzingelt, denn das Schiff begann sich zu bewegen.

»Capt. Pound,« sagte der Matrose Jonny Rumford, »ist nicht
zurückgekehrt. Er wird seine Gründe haben. Wir sind nicht allein. Sein
Bein ist da.« Er ahnte nicht, daß Pound seine Ruhe, die er vor Kuba
behalten hatte, als er ihm sein Bein überreichte, verloren hatte. Capt.
Pound hatte damals, obwohl er vor Schmerz weiß geworden war, gesagt:
»Das nächstemal deines, Junge, ich werde es dir bringen.« Capt. Pound
starrte wie ein aufgeregter Verrückter in das Fernrohr. In dem offenen
kleinen Sarg lag jene schauerliche Sache, die diesen Mann in seinem
kleinen Käfig fast ersticken ließ, und deren Anziehungskraft stark genug
war, ein junges Mädchen aus einem völlig vortrefflichen Dasein in das
Verbrechen hineinzujagen, dem sie ebenso überlegen war wie den Tugenden.

Der zweite Mann, der das Geheimnis kannte, aber gelächelt hätte, wenn
dieses Wort an sein Ohr gedrungen wäre, bedarf einer Minute Pause, um
ihn einzuführen, weil die Literatur seinen Namen mit jenem Pomp behängt
hat, den armselige Skribenten anwenden, wenn ihnen ein Begriff die Mühe
ersetzen soll, einen Menschen darzustellen, dessen Schilderung sie nicht
gewachsen sind. Eine gute Literatur tut gut daran, einen Menschen so zu
bringen, daß man seine Stellung nicht kennt, denn die unbegabten
Schriftsteller haben um gewisse Sachen einen Lärm gemacht, daß die Leser
unter dem Namen schon Vorstellungen empfangen, die die erlesenste
Schilderung nicht mehr beseitigen kann. Diese schlechten Zauberkünstler
haben es fertig gebracht, daß ein Feldherr etwas Vollendetes erscheint
und unmöglich pucklig und feig geglaubt wird, daß ein Flieger schlank
und kühl sich vorgestellt wird, während das in der Regel neurasthenische
Affen sind, daß man eine französische Frau kokett und eine englische
langweilig findet, während die einen nur natürlich, die anderen höchst
amüsant sind. Diese Schriftsteller haben es in hunderten von Fällen
fertig gebracht, daß man sich entschuldigen muß, eine Illusion zu
zerstören, die im Grunde nichts wie eine Bequemlichkeit unfähiger Leute
war.

Die Kunst des Schreibens besteht in vielem darin, daß, wenn etwa von
einer Wendeltreppe die Rede ist, der Leser nicht begeistert mit dem
Zeigefinger eine Spirale in die Luft haut, sondern sprachlos vernimmt
und glaubt, daß sie viereckig ist. In der Tat ist schon bei den Ägyptern
eine Wendeltreppe stets ein im Grunde quadratischer Aufbau gewesen, und
die Römer sind ihnen darin ebenso gefolgt wie die Früh-Germanen und
Juden.

Diese Person ohne Zweifel, die der Anlaß einer immer schneller dem Ende
sich nähernden Geschichte ist, ist von berückender Schlichtheit. Sie
hatte das Unglück, eine Kette, die nicht den geringsten Wert besitzt, da
sie keiner der bekannten Edel- oder Halbedelstein-Arten zugehört, zu
zerreißen. Diese Person hatte Gründe, die nicht verheimlicht werden
sollten, diese Kette in Europa reparieren zu lassen.

Diese Zusammenhänge sind von kläglicher Einfältigkeit. Würde ich Sie
fragen, wie Sie sich den chinesischen Kaiser vorstellten, würden Sie ihn
dick und würdevoll, offenbar mit der Unbequemlichkeit einer Krone, eines
Szepters und eines Baldachins vorstellen und damit eine beklagenswerte
Dummheit der Zivilisation vollziehen. Das in der Tat Wunderbare ereignet
sich allerdings sekündlich in aller Öffentlichkeit dieses mechanisierten
Zeitalters, ohne beachtet zu werden. Man hat sich jedoch, wahrscheinlich
als Entschuldigung für soviel Blindheit einige phantastische
Vorstellungen aufgebahrt, an denen nicht gerüttelt wird. Man begeht in
fröhlicher Laune die Vergewaltigung, Menschen und Vorgänge, die unter
den wirtschaftlichen Gesetzen der modernen Zeit stehen wie wir auch, zu
geheimnisvollen, fast göttlicher Einwirkung fähigen Sachen
zurechtzudenken.

Diese Kritik an der Zeit wäre im Munde eines Räsoneurs in der Tat voll
großer Möglichkeiten. Diese Geschichte ist nicht im Stile Diderots
geschrieben, sondern in einem verbrecherisch stoßenden Wagen erzählt und
handelt von Halunken, deren Tempo und Technik auch die Erzählung
anzunehmen hat. Dieser junge, elegante Mann also, dessen Stirn ein
großes Nachdenken gefaltet, eine noch tiefere Weisheit aber wieder
geglättet hat, der in dieser Nacht im Auto ankam und am Morgen auf dem
Meer den »Leviathan,« auf der anderen Seite des Hügels einen Garten mit
Springbrunnen, kleinen Kindern und Pelikanen beobachtete, wäre ohne
Zweifel zusammengestürzt unter der Welle von Reflexionen, zu denen
selbst Schiller und Moliere ihren Teil gegeben haben, wenn er unter
jenem Titel vorgeführt worden wäre, dessen Machtvorstellungen ihn
einfach zertrümmert hätten.

Dieser junge Mann, den jene Wolke nebst seinem Haus den Blicken Jonny
Rumfords und seiner Kameraden entzog, war in der peinlichen Lage, vor
einer der Legenden zu fliehen, die die Stütze eines Staates und der
Dynastie, aber den Beteiligten ein Stachelbett der Unbequemlichkeiten
sind. Er versuchte sich eines Wunders zu entledigen, dessen Tatsache die
Leute so verrückt zu machen schien, daß sie es in der Tat erlebten. Jene
zerrissene Kette, die unter Pounds Kontrolle auf dem Meer schwamm,
sollte eine Kraft haben, die einer vertausendfachten Leidenschaft glich,
das heißt, wer sie sah, ward von der Begierde angefallen, sie zu
besitzen.

Diese Albernheit, die einer Anzahl Menschen, welche die Tradition
lieben, zum Verhängnis und Tod gedieh, veranlaßte den klügeren Besitzer,
sie aus dem Lande zu bringen, bis er den Gerüchten der Masse das Gerücht
entgegensetzen konnte, sie sei in der Tat wieder vollendet
zurückgekehrt. Man mußte sich einer Legende bedienen um eine Legende zu
parieren ebenso, wie Achilleus sich in ein Löwenfell wickeln ließ, um
einen Löwen zu erwürgen. Es ist bezeichnend für die Dummheit der
Menschen, daß selbst Leute von der überlegenen Klugheit Europas, die
dieses Metier der gutwilligen Fälschung in Kriegen und Revolutionen
brillant verstanden, auf den Leim eines Wunders gingen, von dem der
Urheber sich halb ärgerlich gerade befreit, der Urheber, den man als
Kaiser vorzustellen freilich ohne diese Vorbereitung nicht den Mut
besitzen konnte. In diesem Sinne waren selbst jene Menschen, die ihr
Leben einsetzten um dieser banalen Sache willen, vollkommen Betrogene,
aber es ist zu ihrer Erläuterung zu sagen, daß die Ziele eines Herzens
in dieser Welt nicht wichtig sind, die Erlebnisse des Herzens aber
ungeheuer gewogen werden.

Bald darauf, vor Genua, kam Lady Grace an Bord. Das Telegramm des
Foreign Office hätte ihr die gepflegteste Aufmerksamkeit gesichert, wenn
man sie ihr nicht von selbst gewidmet hätte. »Gehen Sie,« sagte sie, als
sie das Schiff betrat, zu Sir Davis, der ihren schwarzen Shawl auf dem
Arm hatte »und erzählen Sie mir beim Lunch, was Sie mir bieten wollen
auf diesem Floß, auf das Sie mich geschleppt haben.«

»Sie ist sechsundzwanzig,« sagte Sir Davis zu dem Kapitän, der von ihrem
Lächeln nicht rasch genug entzückt war, »aber sie besitzt die Linie von
achtzehn und den Verstand von fünfunddreißig, wo er gerade groß genug
ist, auch vom Genuß noch ein paar Jahre etwas zu haben.«

»Wir,« sagte der Kapitän, der jenen amerikanischen Typ Männlichkeit
verkörperte, der halb weibisch, halb mulattisch wirkt, und steckte die
Hände in die Manschetten, »wir, die zehn Monate des Jahres unter Männern
und auf dem Wasser sind, haben, wie mir scheint, die gleichen Ideen wie
die Herren vom Land.«

Er salutierte und dachte dabei an Ritch. Er fand Grace zu mager. Mit der
Geschicklichkeit der Leute, die das für sie Unerreichbare aus ihrem
Geschmack ausschalten, hatte er infolge ihrer runden Formen die
Javanerin, die ein hübsches Tuch als Turban trug, bereits in sein Herz
geschlossen. Sir Davis konnte Grace von dem Geheimnis erzählen, über
welches das Schiff munkelte. Ritch erhielt gewisse Befehle. Der Kapitän
widerstand der Neugier einer so hochstehenden Dame. Der chinesische
Sekretär vermochte in der Angehörigen eines der höchsten englischen
Beamten keine Feindin seiner Aufgabe zu sehen. Auf diese Weise erblickte
Lady Grace die Kette durch das Glas.

Capt. Pound kam in die Lage, durch sein Scherenfernrohr zum erstenmal
eine beispiellos schöne Frau zu sehen, die die Kette besichtigte. Er sah
dieses Gesicht öfters und es prägte sich ihm ein. Pound empfand einen
Haß gegen dieses Gesicht, das sich mit seinen meerblauen Augen an die
Kette festsaugte und von dem er bemerkte, daß es zitterte. Es bebte
nicht mit den Nerven oder mit den Augen, es zitterte mit der ganzen
Gewalt einer Gefangenheit, die hinter einem kühlen Gesicht sich bäumt.
»Ich gehe meine Bären füttern,« sagte sie im Scherz, wenn sie
hinunterschlüpfte. In der Tat, sie hatte etwas von der Leidenschaft der
Dompteusen, die ihre Macht über die Tiere genießen und dabei selbst
etwas von der Grazie und der Gefährlichkeit ihrer Tiere angenommen
haben.

Sie hatte die blitzhafte Kraft in der Wirkung ihrer Erscheinung
beibehalten, aber es war ein wenig von der geheimnisvollen Gefahr der
Steine auf ihr Gesicht getreten. Ihre Anmut schien voll tödlicher
Schrecken, ihre Gefahr aber war ihre Anmut. Lachend verwöhnte sie die
Wärter mit Früchten und Zigaretten. Die kleinen Chinesen aßen ihr aus
der Hand wie einem Wärter die Katzen. Vor Marseille gab sie ihnen
Opiumzigaretten, sie wirkten nicht und sie mußte das Experiment
vertagen. Inzwischen hatte Ritch eingesehen, daß der Kapitän gewisse
Eigenschaften, die ihn auszeichnen müßten, ebensowenig besaß als
Schlüssel.

»Dieses Glas,« sagte Sir Davis eines Tages vor der Stahlkabine, »muß
eine luftleere Füllung besitzen, sonst wäre das Gestein nicht zu sehen.«
»Zehn Jahre auf dem Ozean,« sagte der Kapitän, »und es interessiert Sie
nichts mehr als eine Frau.« »Aber,« sagte Sir Davis, »deshalb vermag
doch ein gewisses Quantum Luftleere zwischen dem Glas sich zu befinden«.
»Möglich,« erwiderte der Kapitän und nahm eine Pfeife in den Mund und
pfiff, »ich kümmre mich nicht darum.« Diese Hoffnung ging für Grace
verloren. Ritch verschaffte ihr aus dem Zimmer des Sekretärs den
Schlüssel, nachdem sie ihn narkotisiert hatte. Man war vor Lissabon, die
Wärter hatten ein Mittel im Bauch, das sie wie Klötze liegen ließ. Der
Dampfer hatte schon angelegt und sollte am nächsten Tag nach Rotterdam
fahren.

Das Mädchen trug einen schwarzen Ledermantel mit einer ähnlichen Mütze.
Als sie den Schlüssel umdrehte, der nach einer besonderen Weisung
gedreht werden mußte, brach er ab. In dem gleichen Augenblick sah sie
einen furchtbar aussehenden Mann eine Tür aus der gegenüberliegenden
Wand herausdrücken und sich blitzschnell nach dem kleinen rot
ausgeschlagenen Sarg hin bewegen. Ehe er zugriff, schoß Lady Grace
einmal in das Glas. Es war nicht luftleer gefüllt und die Kugel prallte
ab. Den zweiten Schuß gab sie in das Schloß, die Kugel drang ein, blieb
aber stecken.

Zwischen den beiden Schüssen sah sie plötzlich von der Decke einen
Matrosen herabstürzen. Dieser Mann war ohne Zweifel schön und bei
anderer Zeit hätte man ihn bewundert. Er hatte eine klare weiße, fast zu
hohe Stirn, was seinem Kopf eine Bedeutung gab, die etwas zu stark war
für die banale Schönheit seiner Mund- und Augenpartien. Die Nase war
nicht gerade edel, aber stolz genug, die übrigen Gesichtsfehler zu
beherrschen und einheitlich zu machen. Seine blauschwarzen Haare setzten
mit einem Halbbogen wie bei Jüdinnen an und waren tief und lang
zurückgestrichen. Dieser Mann, der eine Spur zu gewandt war, um nicht
weichlich zu wirken, griff nach der Kette. Es war zweifellos, daß er
kein Matrose war.

Capt. Pound rollte die Augen, als ob er sterben wolle. Dieser Mann war
George Good, sein Partner, der ihm die Beute abjagte und den er nicht
berühren durfte, solange dieser nicht einen Verrat beging. In diesem
Augenblick, den ihre Pupillen sich ineinanderbissen, griffen beide nach
der Kette, es ward dunkel. Man stürzte auf die Schüsse herbei. Da man
den Eingang durch die Kugel versperrt fand, mußte die halb wahnsinnige
Grace den Eingang von der anderen Seite erklären. Man fand, wie sie
gesagt hatte, durch Capt. Pounds ehemalige Kabine keinen Eingang, kam
jedoch durch ein Loch über den Schornstein herein.

Ein Mann, der tagelang mit einer Rauchmaske gearbeitet haben mußte,
hatte mit einer Unmenge Säure den Stahl zerstört. Im Innern fand man die
Mechanik der Klapptüre, aber man kam nicht weiter, da die Öffnung nach
dem Korridor und Pounds Kabine nur durch ein seltsames System von Druck-
und Klopfbewegungen herzustellen war. Die beiden Männer mußten durch den
Schornstein geflohen sein. Mittlerweile hatte Lady Grace jene Kälte
angenommen, die unbegreiflich ist, wenn man sie vorher kannte.
»Laternen« schrie sie sofort, während die anderen noch untersuchten,
Davis ins Ohr.

»Sechsundzwanzig Jahre,« flüsterte der alte Seigneur, als er die
Blendlaternen rollen ließ, »aber das Genie eines Feldherrn.« Sie
entdeckten zwei Boote und folgten mit einem der kleinen Motore, die
heruntergelassen waren. An der im glatten Hafenwasser noch stehenden
Furche sahen sie, daß sie einen Motor vor sich hatten. Auf der
Verfolgung hörten sie Ruderschläge. Sir Davis, der einen Scheinwerfer
bediente, richtete ihn nach der Seite. Sie hatten zwei Matrosen bei sich
und schossen durch ein Gewirr von Dampfern. Die Ruderschläge gingen nach
der Seite und sie sahen einen Kahn, der, von einem Tollen gerudert,
gerade an einem Segler anlegte. Sie schossen hinüber.

Bei ihrer Ankunft hatte der Mann sich an Bord begeben; indem er einen
ganz unglaublichen Sprung, aufs Ruder gestützt, gemacht und ein Tau
erreicht hatte. In diesem Moment zog einer der Matrosen Lady Grace bei
Seite, bekreuzigte sich und hob den Daumen in die Höhe. Sie erkannten am
Wimpel, daß das Schiff die Pest und das gelbe Fieber hatte. Sie hatten
sich dem Quarantäne-Schiff genähert. Grace war außer sich. Sie warfen
den Motor herum, fanden die Spur des anderen und folgten, sie sahen das
Motorboot lediglich an einer Mole treiben. Als der Matrose auf das
Fieberschiff sich schwang, hatte Lady Grace ihn erkannt.
»Photographiere« zischte sie und Ritch faßte ihn mit einer wunderbaren
Magnesiumflamme.

Der eine Matrose hatte ihn ebenfalls erkannt. »Capt. Pound,« sagte er zu
sich, »war an Bord. Wir waren nicht allein. By Jove, er hat bestimmt,
auch wenn es das erstemal ist seit Cuba, Gründe, sein Bein
zurückzulassen.« Er täuschte sich. Es war vielleicht der verrückteste
Erfolg, den Pound in seinem Leben hatte, als er sich mit seinem Bein
unterm Arm auf das Fieberschiff schwang, das er vor Wochen nicht
verlassen durfte und von dem der unerschreckbare Bursche nach drei Tagen
ans Ufer schwamm.

Lady Grace schäumte vor Wut. Dieses junge Mädchen war von der Pranke des
Geheimnisses erfaßt wie ein Süchtiger von dem Mond, der ihn verzaubert.
Sie zermarterte hinter der glatten ruhigen Stirn ihr Hirn, man hätte sie
nach dem Namen ihrer Mutter fragen können und sie hätte mit der Antwort
gezögert. Sie bebte vor Zorn, daß sie besiegt war und verstand diesen
Zustand hinter einer Vernunft zu verstecken, die eigentlich Mathematik
ist.

Ein junges Mädchen, das vor Leidenschaft beginnt, ihre Chancen zu
berechnen, ist in der größten Gefahr, weil sie ein fürchterlicher Gegner
geworden ist. Sie treibt die Waffen der Feinde zur abscheulichsten
Grausamkeit. »Ich habe,« sagte sie sich, »Ritch, die für mich zu sterben
bereit ist und Mittel. Dazu zähle ich Davis. Er ist ein Gerippe, aber
dieses Gerippe ist ehrgeizig auf seine Männlichkeit, darum wird er
unendlich treu sein. Im übrigen werden wir sehen,« und sie biß sich auf
die Lippen mit einem Ausdruck, der hätte sagen können, sie meine das
Leben ihres Vaters.

Man wird diesen Zustand der Leidenschaft nur begreifen, wenn man immer
daran festhält, daß, wenn das Höllische in ein so reines Gefäß fällt, es
sämtliche Kraft zu allen guten Handlungen, ja selbst die zärtesten und
unausgesprochensten Gefühle zu einer unglaublichen Energie
zusammenbindet. An Hand der Photographien erfuhr sie in kurzer Zeit, daß
Pound in Lissabon war. In Lissabon findet man jemand, den man sucht,
leichter bei Nacht als am Tag. Auf der Placa do Commercio kauft man um
Mitternacht nicht nur Tänzerinnen, sondern auch Gemüse. Dies Volk der
Weltentdecker hat eine bezaubernde Art, seine Vergangenheit auf den
Banknoten zu verherrlichen, die sie mit einer solchen Leichtigkeit
ausgeben, daß die Geschäfte genötigt sind, die ganze Stadt nachts zu
illuminieren. Hier läuft, während in den Varietés Quadronen und
Mestizinnen tanzen, die Hochbahn wie auf Seilen durch den Sternhimmel,
die Motorräder brausen vorüber, und wer auf einem zweispännigen Wagen
oder einem Auto oder Sattel sitzt, schwenkt den Hut, um die Damen auf
der Avenida in ihrem Korso zu begeistern, wenn sie zu einer ihrer
heißblütigen Beichten gehen, zu denen die Kirchen die ganze Nacht offen
stehen.

Lady Grace vermutete, daß es leicht sei, in diesem Tollhaus die Spur
eines Mannes zu entdecken, den sie berauben oder zum mindesten
übertölpeln wollte. Sorge machte ihr lediglich der Gedanke an jenen
Matrosen, von dem sie nicht annehmen konnte, daß er Pounds Gehilfe war,
da er gezittert hatte. Auch war ihre gemeinsame Flucht diejenige von
Gegnern. Sie fühlte, daß sie diesen Mann nicht genügend bei ihren Plänen
bedachte.

Sie machte trotzdem den Fehler, den imposanteren Mann für den
gefährlicheren Partner zu halten, in den eigentlich nur Frauen fallen,
die geliebt haben. Sie bedachte nicht, daß George Good sie gesehen hatte
und sie von seiner Seite beobachtete.

Good, der auf eine glänzende Weise den Capt. übertölpelt hatte, indem er
auf dessen Schiff sich aller Energieaufwände Pounds bediente wie die
Parasiten, die in der Gestalt von Vögeln im Mund der Krokodile
Sicherheit und Nahrung haben, um damit den Capt. zu betrügen, war ohne
Zweifel vorderhand der geschickteste Feind. Er war der elegantere, das
heißt der klügere. Seine Weichheit erlaubte ihm, auf Brutalität zu
verzichten, aber die Rohheiten seines Partners durch seine Intelligenz
auszunutzen. Er war eine jener glücklichen Naturen, dem diese Abenteuer
dennoch ein, wenn auch glänzendes, so dennoch begrenztes Spiel da noch
blieben, wo die anderen schon Fanatiker und damit gebunden waren. George
Good beobachtete noch, wo Pound schon schäumte.

Als er im Augenblick der Schüsse, die Grace abgefeuert hatte, ihr
Gesicht, daß er täglich beobachtete, sah, war ihm die Leidenschaft
dieser Frau noch nicht klar. Er war entfernt, eine Besessene in ihr zu
sehen, aber zu intelligent, einen so ungewöhnlichen Vorgang mit einer
Liebesangelegenheit zu verquicken. Da er Lissabon an dem ersten Tag
nicht verlassen konnte, reizte es ihn, das Geheimnis der Frau
auszukundschaften. Er ging dabei in seine eigenen Netze. An diesem Tage
wurden zwei Dutzend Offiziere der Marine verhaftet und der Hafen
gesperrt.

Good hatte in einem Kasino masqué beim Chemin-de-Fer-Spiel Grace
gesprochen und über die Halbmaske mit ihr Worte zu wechseln versucht.
Sie hatte sich umgedreht, da sie ihn nicht erkannte und mit ihrem
Hochmut den Mann gereizt. Er hatte in ihrem Hotel Wohnung genommen. Es
gelang ihm, eine Sekunde in ihr Zimmer einzudringen. Zu seinem Unglück
sah er sofort das Bild des Capt. Pound und hielt sie für Pounds
Geliebte, ohne zu ahnen, daß jeder Detektiv Lissabons dieses Bild in der
Tasche trug. Er fühlte sofort, daß er Pound unterschätzt hatte, der mit
solchem Aufwand vorging und reiste dahin, wo man ihn am wenigsten
vermuten konnte, nach Rotterdam.

Grace hatte natürlich das Fieberschiff umstellen lassen und Spitzel in
der Baracke, durch welche die Gesundeten in Quarantäne gingen. Da sie
Geduld noch nicht zu ihren Waffen zählen konnte, machte sie sich auf
einen Einbruch in das Schiff bereit. Hier konnten ihr weder Davis noch
Ritch zu Diensten sein, sie sandte sie weg. Davis hatte ohne Zweifel
soviel in seinem Leben nicht flaniert. »Wenn sie,« sagte er sich, »meine
Augen ruiniert, wird sie mir gestatten müssen, sie mit den Händen zu
befühlen. Praxiteles soll im Alter auf ähnliche Weise die Schönheit
wahrgenommen haben.« Im übrigen war dieser Geck bis zur
Besinnungslosigkeit treu. Da sein Verstand sich vollkommen auf den
Dienst bei jungen Frauen eingestellt hatte, war ihm das Bewußtsein des
tieferen Sinns aller Vorgänge abhanden gekommen. Sein Verstand arbeitete
wie die Vernunft der Setzer, die ein Wort aber nie einen Satz im
Gedächtnis behalten. Er war vielleicht der geschickteste Detektiv, weil
für ihn schließlich jeder Mann ein Konkurrent war und nur der Hahn das
beste Gehör für jenes siegreiche Kikeriki eines anderen besitzt, das
noch kaum angestimmt ist.

Als Grace sich zu dem furchtbaren Schritt entschloß, sich durch eine
reichliche Bestechung an das Fieberschiff fahren zu lassen, erfuhr sie,
daß Pound an Land sei. Eh weiteres bekannt ward, sprach erst sie dann
Davis mit Good. Grace hatte ihn verachtet.

Die Maske hatte Davis eingeholt: »Diese Dame,« sagte sie ihm ins Ohr,
»könnte eine Prinzessin sein, denn sie ist sehr stolz. Vermutlich kann
sie eine Bürgerin sein, denn sie setzt so hoch, wie Aristokraten es
nicht tun würden, die den Reiz des Geldes schon zu lange kennen, um es
so unsinnig auf die Kante zu setzen. Aber ich wette, sie vermöchte auch,
nachdem ich ihre Augen gesehen habe, die Geliebte eines Piraten sein,
der eine Kanonenkugel von achtzehnhundertsiebzig als Kopf, einen
Boxhandschuh als Herz, eine Leber an Stelle der Nase und als Charakter
ein Stelzbein hat.« »Dies erste« erwiderte Davis ihm, »ist sie nicht,
aber sie kann es jeden Tag sein. Der zweite Verdacht stellt Ihren
Scharfblick so in Frage, daß man zweifeln muß, ob Sie ein Edelmann sind,
so daß daher leider für die dritte infame Frage Sie von Sir Joshua Davis
nicht zur Rechenschaft gezogen werden können.« Der alte Geck benahm sich
wie ein verliebter Franzose und ließ den Maskierten stehen, nachdem er
sich aus Eitelkeit verraten hatte.

Zwei Stunden später war Good im Hotel. Den Tag nach ihm reiste Pound ab,
der ihn beobachtete. »Vielleicht,« sagte sich Grace, »ist auch Good
hinter Pound hergefahren,« als Ritch ihr erzählte, daß sie Good auf dem
Gang in dem Moment angetroffen hatte, wo er wie durch Irrtum ihre Tür
öffnete. Auch Davis erinnerte sich an den Mann, mit dem er gesprochen
hatte. Diese Personen, die nach Graces Angaben suchten, hatten alle
durch ihre Fehler nur das Wesen Pounds zu entziffern gesucht in dieser
Stadt, die sie wie ein Karneval überfiel und Good nicht beachtet. Grace
richtete sich auf beide nunmehr ein, nachdem sie eine Niederlage von
demjenigen erhalten hatte, den sie verachtet hatte. Sie hatte nunmehr
seine Witterung.

Sie folgte bis Rotterdam. »Welcher von beiden hat die Kette?« fragte sie
sich in zwei Nächten, die sie im Zug verbrachte. »Wer verfolgt und wer
wird gejagt? Ist das ganze Arrangement gar eine Täuschung? Vielleicht
führt sie ein Dritter weg, während ich hinter diesen beiden her bin?
Genug,« endete sie jedesmal mit seltsamer Gelassenheit, »sie ist da, ist
geraubt, sie muß zu finden sein.« Das hieß, daß sie an ihre Mittel und
ihre Leidenschaft glaubte. Sie war derart besessen, daß sie vollkommen
überlegen war.

Woher, fragt man, besaß dieses Mädchen, das vor drei Wochen die
behütetste Erbin in York war, die Kenntnis dieser Welt, diese
Erfahrungen, die einen Abgrund an Lastern voraussetzen, jene
ungewöhnliche Sicherheit, die nur großen Kokotten oder alten Lebemännern
eigen ist? Diese Frage erledigt eine Tatsache: ihr Genie. Die Tradition
einer alten Familie hatte in ihr alle Fähigkeiten, der Welt gegenüber
sicher zu sein, so vorbereitet, daß im Augenblick, wo sie innerlich
entflammte, sie wie durch ein Geheimnis die Erfahrungen übersprang und
aus dem Genie ihres Instinkts heraus alles beherrschte. Ihre
Besessenheit gab ihr die Überlegenheit über die Ideen des Lasters und
Verbrechens ebenso zu gebieten, wie sie es über diejenigen der Tugend
und der Mädchenhaftigkeit getan hätte. Sie hatte sofort und ohne
Probezeit den Schritt vom nichts zur Vollkommenheit getan.

Ungeschickterweise setzte man sie in Rotterdam auf eine falsche Spur. Es
schien, als solle sie nicht aus der Eisenbahn herauskommen. Sie fuhr
diesmal hinter Good her bis Warnemünde, von wo dieser nach Dänemark
übersetzen sollte. Diese Nachricht kam von einem Paßbureau und zu ihrem
Unglück prüfte sie sie nicht genauer. Sie verwirrte die Fäden damit ins
Unendliche. Die drei Hauptspieler dieses Stückes hatten sich bereits
derartig eingekreist, daß es kein Entrinnen mehr gab. Da einer immer den
anderen beobachtete und mindestens vom Aufenthalt eines der drei auf dem
Laufenden war, trafen sie sich stets zusammen und hingen mit
unsichtbaren Ketten einer Leidenschaft aneinander, die ungeheuer war,
aber deren Gefühle sich aufs schroffste unterschieden.

In der Tat reiste George Good nach Warnemünde, aber ohne Paß, und erst
nach Lady Grace. Pound, der erfuhr, daß Good hinter einer Frau nach der
Ostsee fuhr, erlitt einen Wutanfall. Nach der Beschreibung war kein
Zweifel, daß es sich um jenes Weib handelte, das er tagelang durch sein
Scherenfernrohr an dem Glas seiner Stahlkabine gesehen hatte. Er brachte
es mit seinem Hereinfall zusammen und schlug die Zähne aufeinander vor
Ärger. Er zweifelte nicht daran, in dieser Frau Goods Helferin und
Geliebte zu sehen und war bereit, ihnen einen furchtbaren Streich zu
spielen. In diesem Fall vereinte der Zufall, auf den zu setzen ein
Wahnsinn, den nicht zu bedenken ein noch größerer Unsinn ist, die zwei
Männer und die Frau, welche zu folgen glaubte, aber die Gejagte war.
Angekommen, erreichte sie es, das Zimmer des Mannes zu sehen, hinter dem
sie herzusein vermutete.

Einer jener seltsamen kleinen Zufälle, die scheinbar Beweise sind, ließ
sie ein halbgeräumtes Zimmer sehen. Da die Fähre ausgeblieben war, hatte
der Mann das Stations-Flugzeug genommen und sie sah dieses am Horizont
noch niedergehen. Sie verfolgte das Wasserflugzeug, das eine Panne
hatte, mit einem Küstenmotorboot, einem abscheulichen plumpen Kahn, der
sie halb tot puffte und erreichte es, als der Passagier von einem der
Hochsee-Fischerboote aufgenommen wurde, die drei Masten haben und wie
eine Arabergasse stinken. Dieser Herr aber, den sie an Reeling rufen
ließ, hatte nicht nötig, ihr die Gründe seiner Eile anzugeben, denn sie
hatte dieses Gesicht auch im Traum noch nicht gesehen.

So kam es, daß, als sie nach Rotterdam zurückfuhr, ihr Schlafwagen die
Züge kreuzte, in denen zuerst Good, dann Pound an ihr vorüber nach der
Ostsee sausten. Keiner Betonung bedarf es, daß beide ihr wieder folgten.
Dabei erlitt Good eine Schlappe, weil Pound ihn dem Zoll denunziert
hatte und ihn durch eine scharfe Kontrolle laufen ließ. Da man nichts
fand, konnte er triumphieren, aber er mußte diese Visitation einer Macht
zuschreiben, die ihn überwachte. Er machte hier seinen größten Fehler,
denn er begann Pound zu hassen, auf dessen Geliebte er die Schuld seiner
Kontrolliertheit schob, und verlor damit seine Sicherheit. Der Haß schob
die beiden Spieler der Leidenschaft auf einer Ebene nah zusammen, auf
der es kein Entweichen mehr gab. Als George Good am Bahnhof Muiderpoort
in Amsterdam ankam, war er tief in das Netz eines Hasses geraten, der
ihm nur einen Ausweg ließ, den verderblichsten. Er hatte sich mit dem
Bild jener Frau, die er mit Pound dauernd zusammenbrachte, so heftig
beschäftigt, daß ein Mensch von seiner Schönheit und Gewandtheit sich
glühend in sie verlieben mußte. Er begehrte dieses Mädchen plötzlich mit
einer Wildheit, die ihn unfähig machte, seine Klugheit anzuwenden.

Er wäre vernichtet worden durch diese Leidenschaft, wenn nicht Capt.
Pound von einer anderen Leidenschaft ergriffen worden wäre, die so
finster war, daß sie ihn fast erblinden ließ. Dieses Stelzbein, das noch
nie geliebt hatte, war unfähig zu begreifen, daß eine Frau schließlich
jeden Fehler bei Männern entschuldigt, die sie lieben. Das Leben dieses
Seemanns, der ein unerschrockenes und daher kindliches Herz besaß, war
auf jene Treue gestellt, die überhaupt nur auf Männer rechnet. Einen
Treubruch hätte er nicht überlebt, und als eifrigster der Mitglieder des
Mégroz-Clubs hätte er einen Abfall von seinen Gesetzen als ebenso toll
und verabscheuungswert angesehen, wie er in einer besseren Zeit den
Übergang zum Feind von einer Front zur anderen verdammt hätte.

Dieser Mann war aus dem Holz der Leute, die früher in ihre Fahne
gewickelt ins Meer gesenkt wurden, welche von ihren Königen mißbraucht
wurden und für die Verführer ihrer Frauen starben und die jene Dummheit
der Treue besaßen, mit der die Thermopylenkämpfer starben und welche die
bewundernswerteste Größe eines menschlichen Herzens ist. Für Charaktere
seiner Art bedarf es Zeiten, die entweder selbst Größe besitzen oder zum
mindesten nicht von jenem Geist verseucht sind, der eine Nation
gescheit, aber charakterlos macht. Diese Treue und ein vortrefflich
geschultes Hirn gehen nicht zusammen, weil die Erde sonst vollkommen
genannt werden müßte, was sie nicht sein darf, da sie dann als glühende
Gotteslästerung durch die Sphären jagen würde. Capt. Pound war
überzeugt, daß George Good der Frau zuliebe, die dieser wiederum für des
Capt. Geliebte hielt, das Gesetz des Clubs verrate und das machte ihn
besinnungslos vor Rachgier. Auf diese Weise hatten die Gegner nichts
voneinander voraus.

Ihre Leidenschaften hatten sich verschoben und damit verschärft, ja sie
hatten sich zu einer Ungeheuerlichkeit entwickelt, die sie nicht mehr
aufeinander jagen ließ, sondern sie zusammenpreßte auf den engsten Raum,
der ihnen möglich war. Sie suchten gegenseitig ihre Gegenwart, die sie
nicht mehr entbehren konnten. Das Rätsel der Kette schien für alle außer
Lady Grace völlig in den Hintergrund getreten. Gewöhnlich ist jede
Leidenschaft trügerisch, weil das unbekannte Gesetz, das sie beherrscht,
jeden Augenblick den Sinn zu wechseln vermag. Über den Verbleib der
Kette konnte es indessen nur einen Anhalt geben. Jener geheimnisvolle
Unbekannte, der die Geschicke dieser Menschen zu leiten schien, war
allein in der Lage, an den Färbungen seiner Uhr es abzulesen.

Lady Grace kam dem Zustand der Annäherung entgegen. Es war soweit, daß
ein Zusammentreffen für alle am erfolgreichsten schien. Sie lockte die
Tiere ins Haus, von denen sie hören mußte, daß sie es umschlichen. »Sir
Davis,« sagte sie und richtete einen tiefblauen Blick auf ihn, daß er
nervös zu zittern anfing, »Sie erinnern sich des Mannes, mit dem Sie in
Lissabon auf dem Tajoball beim Kasino über mich plauderten. Gehen Sie in
das Doelenhotel. Ist er da nicht, finden Sie ihn im Flora-Varieté. Sie
werden ihn finden.«

Davis fühlte die Notwendigkeit unter diesem Blick wie unter denen einer
Armee sich zu halten. »Ihre sechsundzwanzig Jahre verlangen, daß ich,
ehe Sie ihn sehen, ihn zur Rechenschaft ziehe. Er hat Sie beleidigt,
auch wenn er eine Maske trug.«

Grace lachte und Ritch lachte mit ihr. Die Vorstellung, daß Davis
fechte, war weniger komisch als die Grenadierpose, die dieser
knieschwache Lebemann angenommen hatte. Da er gutmütig war, lachte er
mit ihnen.

»Auf,« sagte Grace dann, indem sie die Stirn wieder ohne Bewegung hielt,
»gehen Sie und vergessen Sie Ihre Ehre. Nicht alle Leute haben darin ein
so langes Gedächtnis wie Sie.« Im Amstelroom kamen sie nach dem Theater
zum Speisen. Vollkommener als Davis hätte niemand diese Zusammenkunft
arrangieren können. Sie war vollendet in ihrer Zufälligkeit und brillant
durch die Liebenswürdigkeit, mit der man sich voneinander versteckte.

Als Good zum Tee bei Lady Grace erschien, wurde er durch einen
offenbaren Zufall in ein falsches Appartement geführt, der Sessel, in
dem er Platz genommen hatte, fiel nach hinten und schraubte ihn an
Händen und Füßen fest. Offenbar wurde er hinterher betäubt und
untersucht. Als er zu sich kam, blickte er in das Gesicht von Ritch, das
ohne Ausdruck war. Er befand sich in einem anderen Zimmer. Kurz darauf
erschien Grace. Er konnte sein Mißtrauen kaum hinter seiner Gewandtheit
verbergen. Die Stirn dieser Frau war ohne Trübung. Sie war von einer
Höflichkeit und einer Würde, die ihn bezauberten, je stärker er hinter
ihnen die Einfalt eines ausgezeichneten Herzens entdeckte. Diese keusche
Frau, deren Formen unnahbar waren, hätte keinen Gedanken fassen können,
der nicht vollkommen war.

Als er ihre Hand zum Abschied faßte, verlor er zum erstenmal die
Besinnung. Er stürzte auf seinen Stuhl zurück. Ein unerhörtes Zittern
überfiel ihn, bis er die Augen fest gegen die von Grace richtete, die so
hell waren wie der Himmel. Dieser aufs wildeste erschütterte Mann hatte
ihre Hand am Druck erkannt. Es gibt keine narkotische Betäubung, hinter
der nicht die Leidenschaft des Mannes heraus Wege in das Leben findet.
Die Hände, die ihn narkotisiert hatten, waren von einer Süßigkeit und
Unerbittlichkeit, daß sie ihn besinnungslos machten, als er sie im Leben
umfaßte. Dieser Spieler war zum zweitenmal besinnungslos, aber von einer
Wollust, die ihn bis zur Raserei durchstürmte. Es wäre ihm früher
unmöglich gewesen, eine Frau sich vorzustellen, die einen Engel Philippo
Lippis mit der Gestalt der Judith vereinigte. Von diesem Augenblick an
war er ihr ebenso verfallen, wie sie ihn verachtete.

Die Unerbitterlichkeit dieses Mädchens für ihren Spleen war viel härter
als die der Männer. In den folgenden Wochen, die den Inhalt eines
Detektivjournals füllen könnten und von beispielloser Grausamkeit der
Ideengänge erfüllt waren, aber langweilen würden, weil sie die
Charaktere nicht deutlicher, aber ihre Taktik auch nicht klarer machen
könnten, ließ sie ein Instrument bauen, das beweist, daß das Mädchen
wahnsinnig oder vollkommen verändert war. Sie ließ es in ein Landhaus
bringen, das Davis gemietet hatte, und welches ein großer Garten
umschloß. Es lag weit genug ab von einer Straße, um isoliert zu sein,
ohne aus den Parkavenuen herauszufallen. Die Räume, die Capt. Pound und
Good bewohnten, hatte sie mittlerweile verschiedentlich untersuchen
lassen. Sie hatte eine kleine Armee von Verbrechern im Dienst, die
teilweise für sie rekognoszierten oder sie schützten. Es war fast ein
Sport, bei sich einbrechen zu lassen, um den anderen eine Falle zu
stellen.

In der Tat hatte Grace versucht, Good nicht mehr zu sehen, sie konnte
ihn jedoch nicht vermeiden. An diesem Gletscher von einer Frau geriet
der Junge in eine Glut, die ihn wie einen Verrückten herumrennen ließ.
Er schien an manchen Tagen geistesabwesend, wenn er nicht gemurmelt
hätte wie ein Shakespearischer Narr. Dies waren Beweisstücke für Capt.
Pound, daß George Good ein Verräter war. Was ihn veranlaßte, der jungen
Engländerin in die Falle zu gehen, war, daß Good plötzlich völlig
verschwand. Es war Pound unmöglich, ein Lebenszeichen von ihm zu
erhalten.

Das hing damit zusammen, daß George Good an einer Melancholie erkrankt
war, die das äußere Zeichen eines furchtbaren Kampfes ist. Er begann
zertrümmert zu werden unter der Neigung zu Grace, der sich seine
Männlichkeit entgegenstellte, die sich an die Gesetze des Clubs
klammerte, welche ihm allerdings einfältig erscheinen mußten, wo er
wirklich liebte.

Er war dieser Frau so verfallen, daß er förmlich unter dieser Neigung
zerfiel. »Darf ich Sie,« sagte Sir Davis bei Tisch zu ihm, »junger Mann
darauf aufmerksam machen, daß man das Äußere an den Austern in England
entfernt.« Good starrte den nackten Vogelschädel so geistesabwesend an,
daß alle lachten. Good, der nichts verstanden hatte, faßte sich und
sagte mit bewundernswertem Instinkt: »Well Sir. Doch sagte man, der
Kondor lasse sie auf die Felsen fallen, um sie nur öffnen zu können,«
und warf einen eisernen Blick auf Grace, die bei dem Wort Kondor
lächelte.

Hier vermochte Sir Davis ein Lächeln nicht zu verbergen: »Dies,« sagte
er und senkte den trockenen Diplomatenkopf, »ist in der Tat wahr.
Zehntausend Dollars dem Kater, der das gleiche vermöchte.« Bei dieser
Antwort wurde Good fahl und fiel vom Stuhl. Den Armen hätte seine
Leidenschaft fast zum zweitenmal getötet.

Der Satz des alten Roués war eine Rohheit, die selbst seine gedrechselte
Sprache nicht verbarg. Er spielte darauf an, daß man Good in letzter
Zeit den Garten hatte abends umschleichen sehen. Selbst einem Blinden
wäre aufgefallen, daß der Anlaß keineswegs ein krimineller war. »Sie
werden ein Ständchen erhalten.« »Werfen Sie Baldrian in den
Nebengarten,« hatte Grace gesagt. George Good war bei dem Satz, den er
am Fenster vernommen, seinerzeit zusammengezuckt.

Als er nun eine Anspielung hörte, war er unter der Erkenntnis der
Hoffnungslosigkeit seiner Bemühungen zusammengestürzt.

Er lag seit einigen Tagen nun in einem apathischen Zustand in einem
Parterrezimmer von Graces Landhaus. Sie war so davon überzeugt, daß er
die Kette nicht besaß, daß sie diese Gunst des Zufalls nicht einmal
ausnutzte, bei ihm nachsuchen zu lassen. Zu ihrem Glück gelang es ihr,
dadurch den Capt. auf ihre Spur zu bringen. Er sah ihr Gesicht zuerst im
Spiegel eines Ladens an dem er stand, sprang in einen Wagen und folgte
ihrem Auto in einer Versessenheit, die er nicht mehr bändigen konnte. Er
nahm an, daß sie Good bei Seite geschafft habe und hatte die Kraft, den
Toten noch zu hassen, was ihn nicht hinderte, ihn rächen zu wollen. Die
Überlegungen der Redlichen sind von bezwingender Heiterkeit, wenn die
verschiedenen Ergebnisse einer konsequenten Treue sich zu komplizieren
beginnen und beweisen, daß die höchste Treue nicht ein Gesetz, sondern
das mit allen Gesetzen harmonierende Gefühl ist. Mit welcher Schönheit
ist Treue verklärt, wenn sie die Anmut eines reinen Herzens krönt. Den
Fahnenträger eines Räuberhaufens der Treue vermag man höchstens zu
schätzen, weil er unerbittlich ist, aber zu einfältig, um über der
Anhänglichkeit auch den Sinn der Moral zu erkennen, für die er sich
hergibt.

Als er mit seinem Wagen einfuhr in den Park, entschlossen, ans Äußerste
zu gehen, erlag er dem Paroxysmus seines Blutes. Ein Diener wie aus
Marmor, einer jener Domestiken, die aus den Zeiten Sullas und Vespasians
stammen, die nie sprechen, sondern vor der Schaurigkeit des, was sie
sehen müssen, Eisberge der Kühlheit geworden sind, wies ihn mit einer
stummen Gebärde auf eine Tür. Gleichzeitig meldete er mit einer Stimme,
die vor Entwöhnung von der Hohlheit eines Grabes geworden war: »Lady G.
P. erwartet Sie zum Lunch.« Ehe Capt. Pound sich fassen konnte, sah er
ein Ruhezimmer um sich, auf dem in der soigniertesten Weise ein
Abendanzug aufgelegt war. Es fehlte keine Kleinigkeit, sogar die
Seidenstrümpfe gingen über das Knie. Diesem wilden Scherz ergab sich
selbst der Held von Cuba.

Er fühlte eine Falle, aber die Unverfrorenheit reizte ihn so, daß er
seine Brutalität zurückschob. »Hallo,« murmelte er, als er bemerkte, daß
das Abendjackett keine Taschen hatte, »Windstärke zehn, Capt. Pound.« Er
pfiff vor sich hin, als ein Page mit einem Gong den Korridor entlang
lief. Er folgte ihm, kam durch eine Menge Zimmer und wartete an einer
Tapisserie. Plötzlich machte er einen Sprung und lief denselben Weg
zurück, lief, als wolle er sein Leben retten. Durch eine
Unvorsichtigkeit des Chasseurs, der die Tür hinter ihm schließen sollte,
geriet Ritch in eine Falle. Er überraschte sie beim Untersuchen seiner
Taschen, warf sie, obwohl sie ein Weib war, an die Wand. Sie hatte
nichts gefunden, aber der Capt. brüllte nun vor Wut. Wie der Stier, in
dem allerdings ein Gott saß, der Europa entführte, jagte er die Mestizin
durch den Garten und eine Terrasse herauf. In diesem Zimmer hatte Grace
die Absicht, ihm entgegenzutreten, der Stier warf ihr Programm über den
Haufen. Sie zeigte, daß sie auch dem gewachsen war.

Der Auftritt sollte lange dauern und kürzte sich teuflisch ab. »Geben
Sie Good heraus,« schrie der Capt., als er sie sah und versuchte, nach
seiner Pistole zu greifen, fand aber keine Tasche, was ihn förmlich
berauschte vor Zorn. Grace gab ihm einen fragenden Blick, der ihn
vereiste. Dieser Blick wechselte, er war bald dunkel wie Samt, bald so
weißblau wie das Meer unter einem Gewitter. Dieses Auge hatte in beiden
Ausdrücken die Entschlossenheit eines Tigers.

»Ich will es tun,« sagte sie mit der möglichsten Einfachheit. »Geben Sie
dafür die Kette.«

Dies warf Pound in sich selbst herum, er war vor Erstaunen sprachlos.
Das Oranggesicht über der athletischen Schulter war einfach geistlos,
selbst die Wildheit kennt einen Moment der Bestürzung, wo das Böse sich
vor der Dummheit kuscht.

Dann blitzte ein Plan in ihm auf, der das Verrückteste war, denn er
hatte die Kette holen wollen und nach Good gefragt. Nunmehr drängte ihn
seine Verblüfftheit in ein primitives Rachegefühl: er versuchte, sich
dieser Frau zu bemächtigen. In diesem Augenblick erschrak er bis auf den
Rand der Lippen. Dieselbe Frau, die vor ihm stand, stand auch auf der
anderen Seite des Zimmers. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn,
lief auf die eine zu, hielt ein, wandte sich nach der anderen. Auf diese
Weise waren beide verschwunden, als er sich erholt hatte.

»Jonny Rumford,« sagte er, als er die Terrasse herunterging, »ich müßte
jetzt drei Beine haben, wenn wir die gleichen Gespenster wären wie diese
da. Eins unter jedem Arm.« Er tobte vor Zorn mit seinem Holzbein auf den
Stufen. Als er verschwunden war, ließ Sir Davis Wolfsteller im Garten
legen und engagierte ein Dutzend neue Leute. Dieser Bursche war ihm auf
die Nerven gefallen. Er zuckte zusammen, wenn er an das Geräusch des
Stelzbeins dachte, das einem Engländer, auch wenn er ein Franzose sein
will, entsetzlich ist.

Auf Good hatte der Auftritt eine merkwürdige Wirkung. Er stand auf. Das
Gesicht dieses Mannes war völlig verändert. Es war heiter wie der Mond,
obwohl es härter geworden war. Der junge Mann hatte einiges verloren und
anderes gewonnen, wie dies bei Leuten unter Dreißig häufig ist, wenn
ihre Seele sich unter Entschlüssen ändert. Er war weniger hübsch und
langweiliger geworden. Dagegen waren seine Augen im Ausdruck besser. Im
Ganzen schien er verloren zu haben. Es ist seltsam, daß junge Männer
einfältiger wirken, wenn sie besser werden. Bei Frauen ist dies
unmöglich, sie beginnen unter diesen Entschlüssen mit jenem Licht zu
strahlen, das ihre erste Schönheit ist.

Der junge Mann hatte sich entschlossen, Grace die Kette zu bringen. Die
Liebe hatte ihn überwältigt zu einer Handlung, die die erste
leidenschaftliche seines Lebens war, aber sein Leben abschließen mußte.
Dieser Gedanke, daß man ihn töten würde und daß er mit dieser
Möglichkeit immer gerechnet hatte, sie jetzt aber erst begriff, machte
ihn voll einer schmerzlichen Melancholie, die ihn wohl schön erscheinen
ließ, aber mit einer Schönheit, die, anders als sein Geckentum, ihn von
innen heraus erhellte.

Der junge Mann, der lieben gelernt hatte, ohne daß er wieder geliebt
ward, empfand einen tödlichen Schmerz, als er nach seiner Wohnung
schritt. Er wußte, daß nun alles vorbei war, aber er vermochte nicht
anders zu handeln. Die Blätter fielen um ihn nieder von den Bäumen, er
hätte weinen können, obwohl er seit Jahren den Tod herausgefordert
hatte. In einer stillen Straße fühlte er die Tränen. Das machte ihn
fassungslos, gab ihm aber eine Sicherheit des Schmerzes, die ihm die
Welt verdunkelte.

Dieser süße Druck in seiner Brust war von sehr großer Kraft: Wenn er an
Grace dachte, empfand er jene Begeisterung, die bei wirklich erhabenen
Seelen auch den Tod verachtet, ja die um dieser Glut zuliebe den Tod als
höchste Erhabenheit herbeisehnt.

Dies hatte bei aller augenblicklichen Täppigkeit ihm einen Ausdruck
gegeben, der Grace neugierig gemacht hatte, sie war ihm durch eine
Parktür in einem Umhang Ritchs gefolgt und so den Spionen Pounds
entgangen. Dieser ließ, nur von dem Gedanken der Rache getrieben, das
Haus umstellen. Er nahm keine Rücksichten mehr, weil das Bewußtsein des
Geldes ihn vor jeder Torheit schützte. Man vermochte sich auch damals
nicht zu denken, wenn man ein Einkommen von ein paar hunderttausend
Dollars besaß, daß es Gesetze geben könne, die töten. Er kam mit zwei
riesigen Autos an, stürmte das umzingelte Haus, durchsuchte es nach
Good, den er nicht fand und stellte Ritch, die seine Faust bereits
kennengelernt hatte. Er faßte sie, wie man Hasen anfaßt, und hob sie in
die Höhe.

»Wo ist die Lady?« herrschte er sie an. Ein teuflischer Blick der
Negerin traf ihn. »Schonen Sie sie, wenn Sie ein Gentleman sind,« schrie
sie und schlang, während sie die Portiere aufriß, einen großen schwarzen
Shawl um ihre Gebieterin. »Marsch,« schrie Capt. Pound, und da die
völlig zusammengebrochene Frau ihn irgendwo verwirrte, stampfte er mit
dem Holzfuß wie ein Verrückter auf den Boden. Sein eleganter
Athletenkörper mit dem verwüsteten Gesicht sah aus wie ein Teufel, den
einer der jungen Maler dieser Zeit geschildert hat, die von der Natur
verflucht waren, die Dinge in höllischen Verzerrungen zu sehen. Er hielt
die Pistole immer wieder zur Seite nach rückwärts und beobachtete beide
mit einem flackernden Auge.

»Marsch,« schrie er heiser »in den Wagen,« und er stampfte vor, weil er
sich fürchtete, entweder zusammenzubrechen oder schießen zu müssen. Er
war völlig verstört und nur von dem Gedanken wie von einer Biene, die
sein Hirn durchsummte und deren monotoner Ton ihn verrückt machte,
gefüllt, diese Frau in die Hand zu bekommen. Die Javanerin warf ihm
einen verschleierten Blick zu, als sie mit ihrer Lady einstieg. Die
Wagen waren geschlossen, Grace war wie eine Betrunkene getaumelt. Der
Capt. beobachtete sie mit funkelnden Augen. Grace saß mit der Starrheit
des Todes und schenkte ihm keinen Blick. Sie schien bei jedem Sprung des
Wagens zusammenfallen.

Diese Fahrt war eine abscheuliche Quälerei. Pound schien das zu
bedenken: »He,« brüllte er plötzlich, »Lady, ich bin dafür, daß Sie
meinen Platz tauschen.« Sie beachtete ihn wie einen alten Schuh. Der
Soldat war diese Rache einer Feindin gewohnt und schwieg. Nach einer
Weile versuchte er einfach die Lady herüberzusetzen. Er sprang auf und
schrie so toll, daß der Chauffeur ihn gehört haben mußte. Er hielt eine
Puppe in der Hand. Sie war Grace mit bewundernswerter Kunst
nachgebildet.

Capt. Pound mußte den Verstand verlieren oder sich befreien. Er verlor
den Verstand eine Sekunde, das Blut verließ seine Schläfen und er
zitterte, weiß wie Wachs, mit geschlossenen Augen. Dann sagte er kalt:
»Ich werde mich überzeugen, ob du aus derselben Wolle gemacht bist« und
schoß viermal in Ritchs Körper, wo dieser dem Kapitän des »Leviathan« am
köstlichsten erschienen war. Diese Schüsse waren nicht tödlich, aber sie
verunstalteten, was schlimmer ist. Es gibt Schüsse, die das Herz oder
die Lunge durchbohren und die ein unglaublicher Wille überwindet. Manche
geringfügige Blessuren haben den Tod sofort hinter sich her. Capt. Pound
begab sich in das andere Auto. Das seine drehte, mit Hilfe der Leute,
die er bezahlte, ward Ritch in das Landhaus getragen und starb in Graces
Armen, als sie zurückkam.

Der Tod hat eine lösende Kraft für junge Menschen. Er befreit sie von
jenen Ängsten, die ihre Klarheit verbittern, er bringt sie zurück bis an
die Schwelle ihrer Jugend, die die reinste Zeit eines Lebens ist, er hat
die Ungeheuerlichkeit einer sühnenden Kraft, die beispiellos ist, weil
sie blind ist. Nur das Leben ist ängstlich, weil es verwirrt ist. Der
Tod ist von einer Reinheit und Größe, deren Horizont sich unvergeßlich
aufschlägt und ordnet. Das Furchtbare des Todes empfinden nur die
Verstockten, der Anblick des Todes ist für die Verirrten das erhabenste
Erlebnis. Es ist der Freude ebenso nahe, wie der Schmerz ein Bruder der
Liebe ist. Am Lager eines Toten herrscht die Harmonie, welche mit der
Majestät der Liebe gesegnet ist.

Als Grace von dem Lager Ritchs zurücktrat, die für sie gestorben war,
trat George Good herein. Er ging fast gebückt aber mit der Heiterkeit
der Leute, die wissen, daß die Kugel für sie geladen ist. Er schreckte
zusammen, als er eine Frau sah, die er kaum kannte. Sie trat ihm wie
eine Fürstin entgegen, die beleidigt ist, aber so verziehen hat, daß
alles an ihr schäumt vor einer kalten Güte, deren Entscheidungen ihn
verdammen mußten, auch wenn sie segnen.

Er trug die Kette auf beiden Händen, für die sie keinen Blick hatte. Sie
winkte ihm. In diesem Augenblick strömten ihm die Tränen aus den Augen.
Das Glück dieses Augenblicks war das größte seines Lebens. Sie winkte
noch einmal, er ging langsam zurück. An der Tür steckte er die Kette
ein. Es rettete sein Leben, aber an dieser Wunde ging er zugrunde wie
jener Prinz, dem ein Affe ein Stück aus der Brust gebissen, und der kein
Fleisch hatte, die Wunde damit zu nähren. Dieser Prankenhieb schlug die
Sehnsucht in ihm frei, und er litt mit dem Maß, mit dem er sie nicht
gekannt hatte und nicht befriedigen konnte, nach diesem Erlebnis. Dieser
junge Mann, der nie besiegt worden war, gewann sein Leben, aber die
Liebe saß wie der Tod in seinem Herzen, das heißt, er ging verklärt aus
diesem Haus, wie ein Wahnsinniger, vom Blitz gerührt von Glück, bis zur
Besessenheit von Liebe beladen, die er kaum tragen konnte ...

»Sechsundzwanzig Jahre,« sagte Sir Davis, als sie drei Tage später über
den Kanal fuhren, »und soviel Erlebnisse, daß man ein Jahr davon
erzählen könnte, und man muß darüber schweigen, welches Verhängnis.«
Grace sah ihn mit einem Blick an, der alle Erleuchtungen eines klaren
Herzens trug: »Wovon reden Sie, Davis?« sagte sie, und der alte Geck war
von dieser unwiderstehlichen Frage so verwirrt, daß er sich in den Arm
kniff, um festzustellen, ob er denn träume oder sie. Der erfahrene
Frauenkenner sah sie ängstlich an, er erblickte ein unberühmtes, nichts
wissendes Gesicht. Dieses Gesicht war das einer Sechszehnjährigen voll
großer Hoffnungen und ohne Erlebnisse, die eine Seele vergiften. Der Tod
hatte diesem Mädchen die Barriere geschlossen, durch die ohne Trennung
die Welt des Frevels neben der Welt ihrer Seele lag. Das Glück hatte sie
verschwenderisch überhäuft. Das Glück, das im Augenblick des Todes einen
Menschen überfällt, hat eine wundervolle Verwandtschaft mit dem Blut,
das in dem Sinn der Sühne vergossen ist, dieses Glück heilt, verzeiht
und macht vergessen. Es tilgt die Schuld, es wirft den Frevel zurück, es
überwindet das Böse mit einer Übermacht der Reinheit, die mit der
Majestät der Liebe darin gekrönt wird. Diese Liebe, die selbst das
Vergessen lehrt, kennt keine Abgründe mehr, weil das Herz, das sie
nunmehr regiert, unbeirrbar ist.

Dieses Glück, welches das junge Mädchen überfallen hatte, besaß das
Anrecht, mit den zartesten Namen genannt zu werden. Davis staunte und
bekam hektische Backen. Dieser Wollüstling, der die Frau als Wesen
verehrte, ohne ihre Moral abzuschätzen, sah, statt einer Frau mit den
kalten Augen des Tigers, eine liebliche Erscheinung. Davis hielt sich
einige Sekunden für verrückt. In ihren Blicken war keine Spur mehr von
der harten Glut, die ihr jene Entschlossenheit der Tollheit geliehen
hatte, der er sich sofort gefügt hatte. Dieses Mädchen war völlig rein,
hatte den Himmel im Auge und nur einen leichten Unmut, wie ihn
verwöhnte, engelhafte Kinder haben, um den Mund: »Von was reden Sie,
Davis?«

Dieser Satz machte den alten Wüstling, der die tollsten Sprünge seines
Lebens in diesen Tagen erlebt hatte, fast närrisch. Er starrte sie an.
Der Lüstling, welcher, ohne mehr zu tun als es festzustellen, Kurtisanen
verröcheln, Damen zu Dirnen werden, Frevlerinnen bereuen gesehen hatte,
der beobachtet hatte, daß Menschen sich blitzschnell herumwandten, als
ob ihre Seele beweglicher sei als wie ihr Rücken, der Frauen aus
Leidenschaft in den Tod und aus dem Tod in jene Wollust hatte tauchen
sehen, die durch ihre Verzweiflung noch tiefer ist als der Tod, der
Mörderinnen hatte sich bessern und Engel in ein Unglück hatte treiben
sehen, das beispiellos war, der Mann, der die Wandlungen der Frauen
einer Gesellschaft beobachtet hatte, welche an der Grenze zwischen zwei
Menschenklassen stand, von der die eine sie band und die andere sie
befreite, ohne daß die Fessel sie beglückte und die Befreiung sie
erlöste, ... der Mann, der die Verheerungen des Teufels und einer
lächerlich angewandten Vernunft unter den Frauen der Jahrhundertwende
von den Verzückungen der Verwirrten bis zu den Heucheleien der
Verdammten bis ins Kleinste kannte, starrte dieses Wunder vor sich an.

Vor diesem Mädchen, in der Tat, lag das Leben makellos. Er hatte eine
Jungfrau vor sich, der kein Schatten die Stirn getrübt hatte. Reinheit
ist immer unberührbar, weil sie vollkommen ist. Sir Davis, der nach der
Sitte seines zurückliegenden Jahrhunderts nur beobachtete, ohne den Sinn
zu ergrübeln, schwenkte sofort um. Er gehörte zu den Männern, die Gott
oder der apokalyptischen Hure dienen, wenn beide nur in der Form der
Frau erscheinen, die sie anbeten dürfen.

Davis lachte in sich hinein. »Ich freue mich auf Gaby,« sagte Grace.
»Das,« sagte Sir Davis, »tut man mit sechzehn Jahren. Glückliche
Windspiele, die herrlich sein müssen, auch mit sechsundzwanzig das
Gleiche noch zu erregen. Warum soll man es mit einundziebzig nicht tun?«
Der Alte, der ein Glück darin sah, der ewige Sklave der Launen schöner
Frauen zu sein, und sein Alter zum erstenmal gestand, reichte ihr mit
großartiger Bewegung den Schirm, damit die Sonne keine Wolke über diese
Stirn ziehen ließe ... -- -- --

Fünf Jahre später las ich diese Geschichte, die hier abschließt, zwei
Leuten vor, die in verschiedener Weise damit sich zu beschäftigen
hatten. »Sie haben,« sagte der Mann, der im Kreis einer Lampe sich auf
einen der breiten Stühle gelegt hatte, wie ein Hund darin Platz nimmt,
»im wesentlichen hier Angriffe gegen eine Zeit gerichtet, welche ich
ehre. Ich verstehe nichts von Literatur.« Dieses Scheusal hustete auf
eine heimtückische Weise, indem er sich mit der Koketterie einer
wohlgewachsenen Frau ausdehnte. Die Natur hatte ihm seine schlechte
Seele in die linke Schulter gezogen, die wie ein zweiter Kopf ohne Augen
neben seinem Scheitel in die Luft ragte. Er war eine der gefürchtetsten
Hyänen der Börse und voll Launen, die einem Journalisten Ehre gemacht
hätten. Dieser Kopf schien Milliarden aus der Börse ziehen zu können,
Straßenzüge mit einem Gedanken zu schlucken, zu verdauen und mit einem
märchenhaften Gewinst auszuspeien. Seine Agenten reisten, mit seinen
Gedanken belastet, als Herolde der Vernichtung durch jene Staaten, deren
Währungen sie bald vernichteten, bald nahe an eine unglaubliche Hoffnung
auf Besserung kommen ließen. Der Kopf des Mannes, dessen Atem roch wie
Vernichtung, und dessen Augen den spitzen Glanz hatten, der Totengräbern
eigen ist, war der Kopf eines Götzen, dessen verbrecherische Größe von
jenen Schlachtplänen der Leere und den Bilanzen des Umsturzes herkommt,
die aus Europa ein Leichenfeld der Gesittung und eine Wüste der
Schönheit gemacht hatten.

Dieser Mann glänzte förmlich wie eine häßliche Gottheit aus Kupfer, die
sich an dem Elend von Millionen gemästet hat. Die Siege, die nicht mit
dem Herzen errungen werden, sind zwecklos, wenn sie gewogen werden, aber
von den Siegen der Macht sind die ohne Zweifel die erbärmlichsten, die
ohne den Ruhm der Traditionen und mit der Gier der Häßlichkeit
gestempelt sind.

Diese Hyäne, die anfing, ein Loblied ihrer Zeit zu singen, hatte eine
Schwäche, seine Frau. Er war der Besitzer einer Frau von so
überwältigender Schönheit, daß die Sicherheit seines Geldes ihn nicht
von der Eifersucht freihielt, die jeden Zwerg selbst mit der
furchtbarsten Macht im Gefühl seiner Niedrigkeit von der Schönheit
entfernen mußte. Auch Schönheit allein ist nicht vollkommen und daher
käuflich, aber immer nur mit der Menge Goldes, die eine Spanne, nicht
eine Ewigkeit aufwiegt. Das Scheusal, dessen Erfolge seine Klugheit
beweisen, war nicht blind, und wo andere ihn nachts auf seine
Tagerfolgen ausruhen dachten, glühte es vor der Größe seiner Zweifel.

Da diese Leute Bescheidenheit nicht kennen dürfen, weil sie an
Kümmerlichkeit, der niederen Schwester der Einfachheit, übermäßig
bedacht sind, trug er die Maske der Herausforderung. Er, der zitterte um
jeden Blick seiner Frau, konnte nicht anders als den Libertinismus im
weitesten Sinne verteidigen, ja rühmen. Dieser Enterbte der Natur,
welcher mit guten Beinen und sportlicher Figur an den Gesetzen des
Lebens gehangen hätte wie ein Priester, gab sich einer schrankenlosen
Bewunderung der Ausschweifung hin. Zwischen der Angst und den
Großmäulern hat schon Rabelais die verbindende Kurve gezogen. Die Macht,
wenn sie in die Hände der Zwerge fällt, ist die schauerlichste Komödie
des Heldentums. »Zum Teufel mit einem Jahrhundert, das uns
Daumenschrauben anlegt,« sagte er höhnisch. »Sie reden, als seien Sie
ein Mitglied der Inquisition. Ihre Vorzüge der Tugend sind Schrullen
gegen die Vorzüge der Industriepapiere. Eine Frau ist eine alberne Gans,
wenn sie nicht weiß, inwieweit >Canada Pacific< von >Garelly<
unterschieden wird und wenn sie sich mit ihrer Keuschheit mehr
beschäftigt als mit dem Mann, der ihr die Möglichkeit eines großen
Lebens bietet, das, gestehen Sie es, heute eine Seltenheit ist. Ich bin
nicht gebildet aber auch nicht dumm genug, um dem bloßen Genuß das Wort
zu reden, oder Ihnen an Hand der Geschichte zu beweisen, daß jede Zeit
ihre wirtschaftlichen Notwendigkeiten und danach ihre Ziele hat. Die
Schätzung der Tugend würde eine Frau heute verhungern lassen. Es gibt
einen Krieg, dessen Heldentypen Sie unterschätzen, das ist der Kampf um
das Gold. Die Notwendigkeit der Zeit erfordert den Zynismus. Wer heute
Greenbacks besitzt, ist morgen vielleicht bankerott, weil er
verschiedentlich nicht à la baisse die polnische Mark gekauft oder den
Dinar gestützt hat. Ich werfe in acht Tagen die Mark in Krakau auf
Fünfzigtausend pro Dollar und senke sie in Berlin um die Hälfte von
Vierzigtausend. Wenn ich morgen in New York Mark kaufen lasse und
verteile die Schatzanweisungen an alle Großbanken und ziehe sie auf drei
Tage Distanz mit einem Ruck ein, mache ich eine Knappheit des Geldes,
gegen das die Heuschreckenschwärme und Hungernöte einer Zeit Bagatellen
waren, wo man vielleicht den Import der Keuschheit als Sport betrieb. In
dieser Zeit, wo ich die Hälfte Mitteleuropas vernichten kann, wenn ich
die Kohlenkuxe senke oder Creusot und Krupp zusammenbringe, in einer
Zeit, wo die Männer mit dem Degen in der Faust aus der Hand der
jüdischen Bankiers wie die Tauben fressen, wo die Fürsten ihre alten
Wappensprüche verhüllen, um in unsere Geschäfte mithineingenommen zu
werden, damit sie nicht verhungern, in einer Epoche, wo die Kunst
einfach überritten, die geistigen Berufe niedergemacht, wo die Seelen
der Menschen wie Fische aufs Maul geschmissen und zertreten werden, und
wo der Zusammenschluß der lothringer, der schlesischen und der Ruhrerze
tausendmal größere Revolutionen bedeutet als etwa die Figur Napoleons
oder die erste Völkerwanderung, in einer Zeit also, kurz gesagt, wo das
Gold allein seine Generale ausschickt und die seitherige Welt in Armeen
gegliedert ist, die von einem Tag bis zum anderen unter den Kanonen der
Wirtschaft und Börse stehen und bluten, da gibt es nur eine einzige und
mögliche Bewegung: die Zerreißung aller Rücksichten, den Krieg der
Leidenschaften, die unbedingte Freiheit der Frau, die sich in ein Wesen
von solcher Gefährlichkeit gewandelt hat, daß nur die wahre Macht, das
Gold, sie zu halten imstande ist. Das ist mein Standpunkt.« Das Scheusal
leckte sich die Zunge und warf einen glühenden Blick in die Ecke. Diese
Frau aber wußte zu schweigen.

»In einer Zeit,« sagte ich, »wo die Seelen zerschmettert werden durch
das Gold, wo das Laster eine Mode ist, wo die verruchtesten Erfindungen
uns überschwemmen, in einer Zeit, wo die Mörder fast noch Heilige und
die Heerführer Engel scheinen, in einer Zeit, wo die Kokotten Ehen
eingehen, weil man sie ihrer Übung halber vorzieht und nicht die Zeit
hat, Frauen anzulernen, eine Ehe zu führen, in einer Zeit, wo der Adel
seine Töchter verkaufen muß und das Bürgertum verhungert, wo die
Arbeiterinnen ihre Eingeweide zerstören, um in den Fabriken ihre
Weiblichkeit an die Maschinen zu hängen und mit falschen Ringen durch
die Sonntage zu spazieren, in einer Zeit, wo die Güte mit den Engeln auf
den Mars ausgewandert ist und die Börsenmakler die fetten Heroen eines
verabscheuenswerten Jahrhunderts geworden sind, in einer Zeit, wo jede
Frau käuflich, aber jeder Mann ein Schelm geworden scheint, in einer
Zeit, die, gestehen Sie, wie selten eine Zeit gemein ohne Größe und
verdorben ohne Geist ist, gibt es nur eine Majestät der Haltung: die
Tugend. Im Chaos der Moralbegriffe, die von der Hand des Hungers
ausgejätet werden, im Zusammenbruch der Gebäude, die seit alters her den
Staat mit wundervoller Kraft an unseren Horizont zeichneten, im Wanken
der Gesetze, die seit Jahrhunderten Recht und Unrecht mit gewissermaßen
ehernen Stirnen schieden, gibt es nur eine Säule: die Familie. Unter den
Tugenden, an welche die Menschheit glaubte, und die von Konfutse bis
Hartmann die Welt besang, die von den indischen Künstlern der
Jahreszeiten bis zu Holbein und Fran Angelico die Welt gemalt und
geheiligt hat, ist nur eine stark genug, die Welt in ihrem Brechen
aufzuhalten: die Reinheit. Diese Tugend ist unzerschmetterbar, weil sie
wahrlich vollendet ist. Sie besitzt die Weichheit des Himmels, und den
Stahl, der die Körper der Helden wie ihre Seelen unsterblich machte.
Diese Reinheit darzustellen, heißt die Liebe aufrechterhalten, die das
einzige ist, was zu leben verlohnt. Die Laster, die Sie preisen und die
Ungebundenheiten, von denen Sie schwärmen, sind Verirrungen, die von
erbärmlicher Leichtigkeit sind. Einem Menschen, den eine gewisse Haltung
gegen seine Zeit einzunehmen reizt, sollte es immer nur als eines Mannes
würdig scheinen, sich nicht in dem Schmutz der allgemeinen Phrasen zu
wälzen, sondern das schwierigste Ziel mutig anzuerkennen, das in der
Regel das edelste ist. Ich weiß mich des Verdachtes, den Asketen ins Ohr
zu reden, in dem Ausmaß erhaben, in dem ich das Leben mit aller Glut,
deren ich fähig bin, angebetet habe, wo ich es traf. Aber ich sage
Ihnen: wenn ich die Wahl zwischen einer schönen unberührten, einfachen
aber großen Seele und der mit allem Glanz auftretenden Macht einer
Kurtisane hätte, die meinetwegen die ersten Stellen des Staates mit
ihrem Namen deckt, ich würde mich mit der letzten Bestimmtheit für das
Kind entscheiden, dessen Einfalt mit ein Beweis der sittlichen Größe
unserer Zukunft ist.«

Das Scheusal rekelte sich auf seinem Stuhl, als sei er ein Lotterbett.
Ein Blick der Frau mußte ihn getroffen haben, er zog sein Kinn durch die
Hand, als wolle er es bis zu seinem Magen herunterziehen:

»Sie haben Ihr Herz uns nicht vorenthalten. Die Geschmäcker der Menschen
sind verschieden. In Mexiko macht man mit Revolvern Jagd auf Rosen, in
Bukarest gibt es Flöhe so groß wie eine Hand, die wieder Läuse haben,
die Söhne der amerikanischen Finanz heiraten nur noch Damen vom Film, in
Partenkirchen ist ein General Ackerbauer geworden, hat eine Türkin zum
Weib genommen und fährt in einem Wagen, den eine Kuh und eine Ziege
gemeinsam ziehen. Der Bischof von Speyer, der im Schloß von Bruchsal
gemalt ist, rühmte sich mehr geschrieben zu haben, als vierundzwanzig
Ochsen transportieren konnten. In Ungarn lernt man die Kinder: es gibt
zwei Reiche, Ungarreich und Himmelreich. Was wollen Sie, die Ideale sind
immer persönlich. Sie ziehen dies vor, ich jenes. Das Resultat hat immer
entschieden. Sie spekulieren in belgischen Francs, an denen Sie
verlieren werden, da ich dagegen bin. Sie vertrauen mir an, daß Sie für
unberührte Frauen schwärmen. Vertrauen gegen Vertrauen: ich habe einen
Puckel.« Diese letzte Rohheit, die zu zynisch war, um verstanden zu
werden, veranlaßte die Frau, ihn zu unterbrechen.

»Kehren wir zur Literatur zurück, die« und sie lächelte das Lächeln
einer Madonna, »eine gewisse Logik verlangt, der sie nicht entbehren
darf. Ich zweifle nicht, daß vor den Gesetzen der Literatur dieser
Schluß Ihrer Geschichte ebensowenig standhalten kann wie vor denen Ihres
Herzens. Sie haben einen Frevel verdammt, den Sie dann verklärt haben,
Sie haben einem Glauben, der Sie auszeichnet, die Schärfe der Waffe
genommen, die ihn glaubhaft machen kann. Wenn Fehler in der Architektur
einer Geschichte liegen, müssen sie aus dem Herzen kommen, das seine
Erlebnisse selbst über die Kunst zu stellen die Angst oder die Kühnheit
hat.«

Diese Frau war nicht nur schön, sie besaß einen gefährlichen Geist.
Selbst Lionardo wäre über die Gespaltenheit dieses Gesichtes
erschrocken, dessen Schönheit unter roten Haaren fast schmerzhaft des
Heiligenscheines entbehrte, deren Augen mit der Milde Maria Magdalenas
schauten, deren Mund nichts zu wissen schien von den Verzückungen, die
ihr Gatte auf schlechte Manier gepriesen hatte, und die eben dieser
Gatte fast ebenso kompromittierte, als er sie auszeichnete, weil niemand
zu sagen wagte, es gehöre mehr Verworfenheit oder mehr Demut dazu, diese
Hyäne von einem Mann zu ertragen.

Der Lebenswandel dieser Frau war von dem denkbarsten Anstand. Man hätte
jedermann, der sie verleumdete, niederschlagen können und hätte für ihre
Unschuld garantieren dürfen. Und dennoch trug dieses Gesicht, das wie
die Inthronisierung des Adels wirkte, den Zug eines Verhängnisses, den
Anfang vom Hauch einer ungeheuren teuflischen Verderblichkeit, den
Schleier unerhörter Verbrechen um sich, daß ihr Anblick auf die
seltsamste Weise erschütterte.

In diesem Gesicht lagen das Engelhafte und die Glut der Messaline mit
einer grandiosen Schönheit auf der Lauer, und dies Gesicht trug, wie von
der Vorsehung berufen, die sonst im Inneren vergrabenen Leidenschaften
mit einer schamlosen Sicherheit auf der Stirn. Dieses Gesicht ruhte noch
in der Huld der Klarheit und seine Gedanken waren noch zart. Nur dem,
den das Unheil einmal tödlich in diese Falle verstrickt hatte, war es
möglich, auf ihm jene noch verdeckten Ungeheuerlichkeiten zu sehen, die
sich darüber stürzen konnten. Die Geographie dieses madonnenhaften
Gesichtes zeigte eine Lust-Welt noch ungesehener, oder entdeckter Frevel
bereit, in die Kontinente der Reinheit hineinbrechen.

Die Augen dieser Frau waren schleierlos, sie waren groß wie die Augen
pompejanischer Frauen, die die Hälfte ihres Gesichtes und dreiviertel
ihres Gefühles damit bedeckten. Sie waren dunkel, fast achatdunkel, oval
und klarer, als das Schwarz hergibt. Diese Frau durchschaute mich
völlig. Ich konnte nichts großmütigeres tun, als es zuzugeben.

Die Frau hatte die Sensibilität eines Herzens, das bei einer Geschichte
genau versteht, ob sie erfunden oder ob sie an eine Adresse gerichtet
ist, die nicht mehr der Kunst unterliegt, sondern nur dem Herz. Frauen
haben immer die unheimliche Witterung der Zusammenhänge, weil sie anders
wie die Männer begabt sind, die Zwischentöne wichtiger als die
Komposition zu nehmen. Dieser Mangel an Konzentration macht sie aus
demselben Grund zu Menschenkennern, der die Männer zu Pedanten und
Starrköpfen verbildet. Wo die Frau versteht, macht der Mann ein Gesetz.
Wo die Männer aber versagen, nämlich die Gesetzmäßigkeit der Gefühle
anzuerkennen, weil sie zu dumm sind, ihnen folgen zu können, da
verlangen die Frauen mit einer Grausamkeit nach der Logik, die der
furchtbaren Idee der Amazonen gleich ist, welche für die Hingabe an
einen Mann den Tod verlangten.

Diese Frau, die einen Lionardo erschreckt hätte mit den Wegweisern
unausgesprochener Träume über dem hermelinhaften Gesicht, wollte mir
erpressen, daß ich endlich gestand, daß Frevel gegen die Natur von der
Natur unerbittlich gerichtet werden. Man konnte sehen, daß die
engelhafte Frau vor Heißhunger bebte, diese Gewißheit zu erhalten, und
wenn ihr Mund nicht vor den Qualen einer geahnten Grausamkeit lebte, war
es nur, weil dieser Mund der verschwiegenste war, den eine Frau besaß.
Niemand konnte sich rühmen, ein Wort gehört zu haben, das die Seele der
Sprecherin betraf.

In dieser Zeit waren alle Frauen, da sie den Weg der Familie und damit
der Zurückhaltung verlassen hatten, bereit, mit einem schändlichen
Zynismus Dinge auszusprechen, die einer Frau die Weiblichkeit nehmen und
verächtlich machen. Eine Frau, die sich preisgibt, hat ihre
wundervollste Begnadung, schweigend zu verstehen und ohne Enthüllung
verehrt zu werden, eingebüßt.

Die Frau wollte mich durchbohren: »In der Tat,« erwiderte ich und warf
ihr ebenfalls einen kalten Blick zu, »diese Geschichte nahm ein anderes
Ende, da das Leben oft grausamer ist als die Literatur. Das Leben hätte
in einer Zeit, wo die tolle Kühnheit die Ausnahme und die Tugend eine
schöne Gewohnheit waren, ohne Zweifel nicht das Maß von Entsetzen
aufgebracht, mit der Gier eines Panters zu vernichten, sondern hätte
jenes Maß an Sühne zugelassen, das der Tod in seiner schönen Größe immer
bereit hält. Diese Geschichte hätte ihren Beweis in einer vollendeten
und klaren Epoche gefunden, wo die Frauen wirklich das Zeichen ihrer
himmlischen Abkunft wie einen unsichtbaren Schein getragen haben. Diese
Zeit des Verruchten aber macht das Schicksal, das den Sieg will, (das
heißt, die Durchsetzung der echten Liebe, die Anerkennung der Größe der
Gesittung), unerbittlich wie einen Feldherrn, der Tausende opfert, um
das Schlachtfeld zu behaupten. Die Frauen, die mit einer Reinheit im
Herzen untergehen, sind die Marksteine einer wunderbaren Generation von
Frauen, die hinter diesen Märtyrerinnen herkommen werden. Die Natur
macht aus ihrem Blut jene Sühne, an die Sie nicht glauben wollen, weil
das Leben es nicht in diesem einen Fall bejaht hat. Zeiten der
Gesetzlosigkeit zwingen zu töten, wo man in Jahren der Harmonie vor
Liebe gebebt hätte.

Dieser Capt. Pound hätte es in der Hand gehabt, Ritch zu erschießen,
aber er war in der Hand des Schicksals und dieses ließ ihn den Schuß
nicht tun, der die Tugend gerettet hätte. Er entdeckte die Puppe nach
zwei Stunden, warf Ritch aus dem Auto und fuhr zurück. In diesen zwei
Stunden war Grace hinter George Good hergeschlichen und hinter ihm in
die Wohnung geschlüpft. Der Kampf, der sich zwischen ihr und dem
ehemaligen Matrosen des »Leviathan« abspielte, war der Kampf des Spleen
gegen besinnungslose Anbetung. Der junge Mann flehte sie auf den Knieen
an, sich die Kette schenken zu lassen. Der Trotz des Mädchens, das den
Mann in ihm völlig übersah, lechzte danach, ihn zu rauben.

Diese Szene war von scheußlicher Dramatik, Grace versuchte, mit der
Pistole in der Hand den Mann zu reizen, sie sagte ihm Verächtliches und
wünschte, indem sie ihn wie Diana niederschmetterte, den Haß in seinen
Augen zu sehen. Die Liebe aber war zum erstenmal in sein Herz gebrochen
und er konnte ihr nichts wie die Ergebenheit beweisen, die von seiner
Seele in sein Gesicht trat. Die Seele dieses Mädchens blieb von der
Kälte umsponnen, in die sie verwirrt war. Sie trieb den Mann in die
Ecke, als ihr zu ihrem Unglück eine Idee kam.

Sie öffnete den Rahmen eines Bildes, indem sie gegen die Wand schlug und
sah die Kette in dem Augenblick, als Pound eindrang. Sie drehte sich um,
schrie und fiel zusammen. Die zweite Kugel traf Good ...

Als der Wagen, der Graces Körper nach dem Friedhof brachte, durch das
Tor des Landhauses in York fuhr, hatte man Mühe, die Windspiele zu
beruhigen, die ein seltsames Spiel trieben. Sie waren den Pferden dicht
gefolgt, plötzlich fingen die Gäule an zu laufen, daß sie den Sarg fast
auf die Straße geschleudert hätten, die Allee hinauf, die sich
geheimnisvoll vernebelte. Die Hunde sprangen mit großen Sätzen über den
Wagen hin und zurück. Wäre es nicht schaurig gewesen, dieser Anblick
hätte einen Henker rühren müssen. Die Tiere hatten mehr Gefühl für ein
Herz, das auserlesen gut war, als das Leben, von dem sie es
zurückverlangten.

Capt. Pound erlebte einen Zusammenbruch, der ein Damaskus war. An der
Leiche brach er zusammen. Man kennt die Geheimnisse der Menschen nicht,
ihre Erkenntnisse sind von noch größerer Dunkelheit. Da er in eine
Melancholie verfiel, die ihn der Welt entzog, steht die Frage offen, was
diesen rohen Meervagabunden gewandelt hatte. Es gibt nur eine Erklärung:
die Liebe, die der Tod an seiner Seite als Sühne in ihm erweckte.

Dafür gibt es einen Beweis, den Jonny Rumford aufgezeichnet hat, wenn
Beweise von Irren anerkannt werden sollen. Capt. Pound ward in einem
Pflegehaus gehalten, das ein milder Name für einen Aufenthaltsort von
Irren ist, und von dem aus er die Pfiffe der Dampferrohre hören, die
Masten und Vertauungen der Handelsschiffe sehen konnte. In dem Garten
gab es einen von Rosenstöcken umpflockten Weg, den der athletische
Soldat auf- und abstampfte, sein Bein auf der Schulter. Wenn ein neues
Schiff eingelaufen war, benutzte er es als Fernrohr. Er sah genau
hindurch, und wenn es ihm mißfiel, kommandierte er Feuer. Als Jonny
Rumford im Hafen hörte, sein Capt. hause hier, ging er in den Garten, wo
ihn Pound mit einer Salve empfing. Er hatte das Bein auf eine Gabel
gelegt wie ein Scherenfernrohr, als wolle er den Mars beobachten und
stampfte mit dem Holzbein auf den Zement, daß es klang, als würden
Schiffskanonen gelöst. »Halloooooo, Capt., come on ...« schrie Jonny,
»Cuba ist ein Paradies gegen dieses Dreckloch,« da erkannte ihn Pound.
Er ließ ihn eine viertel Stunde in Habtachtstellung stehen, was Jonny
anstrengte, der im Hafen keinen Alkohol erhielt, dann umarmte er ihn.
Die Tränen rannen ihm aus den Augen, was Jonny völlig verwirrte.
Außerdem nannte er ihn Grace. Diesen Wahnsinn hat der Matrose seinem
Herrn nicht vergessen, er verstand ihn nicht und, wie alle primitiven
Naturen, empfand er eine Beleidigung in dem Satz, wo dem Soldaten das
Herz geborsten war.

Es hatte sich geöffnet in einer verrückten Weise, aber was fragt die
Liebe nach dem, was den Menschen Bequemlichkeiten oder ungeheure Leiden
sind. Die Liebe hatte dieses Herz in einen erbarmenswerten Abgrund
geschleudert, aber sie hatte es erreicht, auch wenn der Verstand diese
Glut nicht mehr ertrug.« -- -- --

Die junge Frau sah mich, als ich zu erzählen aufhörte, mit jenen großen
Augen an, die nicht feucht zu werden brauchen, um erschüttert zu sein.
»Sie sind,« sagte sie mit einem furchtbaren Hohn, »stets auf der Seite,
wo Sie entschuldigen können, während Sie die Verdammnis predigen.« Das
Gesicht der Frau war in diesem Augenblick von einer Leidenschaft
verdunkelt, die den Kopf von Bestien schmückt, deren Züge genug
Süßigkeit der Linien und der Farben haben, um den Kontrast unerträglich
wild zu machen. Sie hatte ohne Zweifel die Absicht, mich durch ihre
Verachtung verzweifelt in sie verliebt zu machen. Sie bewegte ihren
Stuhl ein wenig nach der Lampe, in diesem Augenblick hätte niemand
gezweifelt, eine Madonna vor sich zu haben, deren Lieblichkeit Rafael
bis ins Herz gerührt hätte.

»Was würden Sie tun?« frug ich die Hyäne, und lachte, »wenn man Ihnen
vorwürfe, daß Sie die Währung einer Nation vernichteten, aber aus einer
Sentimentalität heraus die Papiere lobten, die Sie verachten und die
unter den Händen Ihrer Makler wie ein Höllensturz fielen?« Die Frau warf
mir einen furchtbaren Blick der Sanftmut zu. Das Scheusal, das einige
Jahre darauf von einer tobsüchtigen Dirne von der Galerie in einen
Kronleuchter geschleudert und erdrosselt ward, war blaß vor Gift. Der
Heroe seines Handwerks antwortete:

»Dasselbe, was Daniel Drew nach Vanderbildt tat, als man ihn fragte,
warum er die Eisenbahn zum Entsetzen seiner Bürger vertrustet habe, wo
er doch täglich für seine Mitmenschen bete: Ich würde Sie bitten, mir
den Puckel herunterzurutschen, wenn es nicht so beschwerlich wäre.« Die
Hyäne verschwand wie der Blitz. Es gibt Frauen, deren Herz die Liebe nie
erreicht. Ihr Mund ist so verschlossen wie ihr Herz. Aber auch die
Heuchelei der Ausschweifung, die hinter einer göttlichen Stirn haust,
welche die Liebe nicht versteht, wird zu irgendeiner Stunde entlarvt.

Diese Geschichte, welche einmal den Trost der Liebe und der Sühne dem
zerschmetterten Blick einer bewundernswerten und tapferen Frau bringen
sollte, mit der ich für ein Drittel meines Vermögens durch die Schüsse
verrückter Bauern eine Nacht im litauischen Leiterwagen fuhr, hatte
diese nie erreicht. Auf der Station der Grenze, wo ich sie erwartete,
kam damals nur die Nachricht eines Todes an mich, der im Anblick des
vernichteten Kindes in ihre Seele jäh und sanft eingetreten war wie der
Schlaf.

Diese Frau aber, an welche die Geschichte von Lady Grace nun durch einen
Zufall gelangt war und deren Seele auf der Sanftheit eines reinen
Herzens zu schimmern schien, verachtete die Liebe, deren sie nicht wert
schien. Sie verließ das Scheusal, das fast zugrunde ging über die
Entdeckungen, die seine Freunde nach ihrer Flucht über ihre Tätigkeit
als Gattin machen mußten. Da er nur seinen Schmerz liebte, verging er
vor Eifersucht über Qualen, die seine Eitelkeit über die Ausschweifungen
dieser Frau empfand. Sie lernte in Ouchy einen Sekretär Kemal Paschas
kennen, als dieser die Frauen aus den Harems zur Betätigung in der
Öffentlichkeit ausrief.

Diesen verließ die ehrgeizige Frau, um ihr Schicksal an einen der
Generale zu hängen, die das Bild unserer Welt zu bestimmen den
unzweifelbaren Auftrag haben. Sie wußte den Frevel, den sie mit jener
Freiheit, die sie nicht zu benutzen verstand, übte, hinter einem immer
geschlossenen Lippenpaar zu verbergen, das der Glut einer nicht ganz
erblühten Rose glich und hinter einer Stirn, die sich in nichts von dem
kalten Glanz der Schneeberge unterschied. In Tripolis ward sie auf der
Straße durch den Mund geschossen. Gott hat viel Mitleid und sieht lange
zu, aber die Natur ist grausam, wenn seine Geduld zu Ende ist. Das
Schicksal, das sich den Ort aussucht, an dem es straft, öffnet auf die
furchtbarste Weise die Lippen, die sich der Liebe entziehen wollen.


   Dieses Werk erschien im Sommer 1923 als vierzehnter und
   fünfzehnter Band der Reihe »Das Prisma« im Verlag Hans Heinrich
   Tillgner, Berlin. Den Einband entwarf W. E. Gerull. Druck des
   Textes F. E. Haag, Melle, der Steinzeichnungen A. Ruckenbrod,
   Berlin. Hundert numerierte Exemplare wurden auf Bütten
   gedruckt, mit der Hand in Leder gebunden und vom Autor signiert.
   Die ganzseitigen Steinzeichnungen dieser Ausgabe wurden vom
                           Künstler signiert.


                     Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

   [S. 20]:
   ... unseren Pelzen sich einschießen wollten, den Fluß nach einer
       Überfahrt ...
   ... unsere Pelzen sich einschießen wollten, den Fluß nach einer
       Überfahrt ...

   [S. 20]:
   ... das letzte Drittel würde demjenigen das Leben kosten, der ...
   ... das letzte Drittel würde denjenigen das Leben kosten, der ...

   [S. 23]:
   ... ich nicht gefürchtet hätte, sie in ihrem Schmerz zu
       verletzten. Ich ...
   ... ich nicht gefürchtet hätte, sie in ihrem Schmerz zu
       verletzen. Ich ...

   [S. 29]:
   ... ist eines jener tiefen Mysterien der weiblichen Seele, die,
       wenn ...
   ... ist eines jener tiefen Mysterien der weiblichen Seelen, die,
       wenn ...

   [S. 39]:
   ... müssen. »Was hatten Sie gehabt,« rief ich wohl etwas zu
       prahlerisch, ...
   ... müssen. »Was hätten Sie gehabt,« rief ich wohl etwas zu
       prahlerisch, ...

   [S. 39]:
   ... auszubrechen, denn je mehr ich mich begeistere, um so
       furchtbarer ...
   ... auszubrechen, denn je mehr ich mich begeisterte, um so
       furchtbarer ...

   [S. 40]:
   ... sie wie ohnmächtig zurückfallen. Ein Blick, den ich durch ein ...
   ... sie wie ohnmächtig zurückzufallen. Ein Blick, den ich durch
       ein ...

   [S. 45]:
   ... vermochte. Besonders glänzende Figuren mußten damals sich ...
   ... vermochte. Besonders glänzende Figuren wußten damals sich ...

   [S. 47]:
   ... in jener gewitterhaften Güte, die er selbst über die
       Schuldigsten ...
   ... in jener gewitterhaften Güte, die es selbst über die
       Schuldigsten ...

   [S. 81]:
   ... die Züge kreuzte, an denen zuerst Good, dann Pound an ihr ...
   ... die Züge kreuzte, in denen zuerst Good, dann Pound an ihr ...

   [S. 81]:
   ... vorüber nach der Ostsee sausten. Keine Betonung bedarf es,
       daß ...
   ... vorüber nach der Ostsee sausten. Keiner Betonung bedarf es,
       daß ...

   [S. 101]:
   ... der Zeit erfordert den Zynismus. Wer heute Greenbecks
       besitzt, ...
   ... der Zeit erfordert den Zynismus. Wer heute Greenbacks
       besitzt, ...

   [S. 103]:
   ... Jahreszeiten bis zu Holbein und Frau Angelico die Welt gemalt
       und ...
   ... Jahreszeiten bis zu Holbein und Fran Angelico die Welt gemalt
       und ...

   [S. 104]:
   ... sind. Einen Menschen, der eine gewisse Haltung gegen seine
       Zeit ...
   ... sind. Einem Menschen, den eine gewisse Haltung gegen seine
       Zeit ...

   [S. 110]:
   ... ward in einem Plegehaus gehalten, das ein milder Name für
       einen ...
   ... ward in einem Pflegehaus gehalten, das ein milder Name für
       einen ...

   [S. 111]:
   ... klang, als würden Schiffskanonen gelöst. »Halloooooo, Capt.,
       com ...
   ... klang, als würden Schiffskanonen gelöst. »Halloooooo, Capt.,
       come ...





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Engel mit dem Spleen" ***

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