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Title: Worauf freuen wir uns jetzt? - Fröhliche Geschichten
Author: Müller, Fritz
Language: German
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*** Start of this LibraryBlog Digital Book "Worauf freuen wir uns jetzt? - Fröhliche Geschichten" ***


  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

    Der vorliegende Text wurde anhand der 1918 erschienenen Buchausgabe
    so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
    Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
    nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
    bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des
    Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird. Fremdsprachliche Zitate
    und Passagen in Dialekt wurden nicht verändert.

    Der Zensurstempel auf der Titelseite (‚Z‘ über ‚VII‘ in einem
    Dreieck mit nach unten zeigender Spitze) wurde nicht mit
    übernommen, da dieser ursprünglich nicht Teil des gedruckten
    Originals war.

    Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden
    Sonderzeichen gekennzeichnet:

        Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
        gesperrt:  ~Tilden~
        Antiqua:   _Unterstriche_

  ####################################################################



                     Worauf freuen wir uns jetzt?



                                Worauf
                         freuen wir uns jetzt?

                         Fröhliche Geschichten

                                  von

                             Fritz Müller

                                 1918

                  Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.



                       _Copyright by Otto Rippel
                           Hagen i. W. 1918_


                   Zeilenguß-Maschinensatz und Druck
                   von Oscar Brandstetter in Leipzig



Inhaltsverzeichnis


                                    Seite

    Worauf freuen wir uns jetzt?        7

    In deinem Alter                    13

    Der Rauchtisch                     20

    Der Familienaufsatz                27

    Der Hunderter                      35

    Der Spohrer                        39

    Glück                              45

    Das blaue Band                     49

    Die Rundfrage                      63

    Das Kugelzimmer                    70

    Schmuckel                          76

    Jod                                84

    Morgan                             88

    Tag- und Nachtärger                96



Worauf freuen wir uns jetzt?


Er kam mit dem Spruch schon auf die Welt. Glitzerig kugelten seine
Äuglein aus der Wiege in die Zimmerrunde. „Sieht er nicht aus,“ sagte
jemand, „als wenn er fragte: Worauf freuen wir uns jetzt?“

Das blieb ihm. Das saß zu Häupten seiner Wiege, wenn das Fieber sein
Körperchen geschüttelt hatte. Das strich ihm die winzigen Fältchen vom
Gesicht und sagte: „Maxli, worauf freuen wir uns jetzt?“ Das wurde
mit ihm größer, rutschte auf den Dielen mit herum, wo er sich einen
Schiefer eingezogen hatte, und wischte ihm die Tränen fort: „Und worauf
freuen wir uns jetzt, Maxli, he?“

Das klopfte ihm nach den ersten ängstlichen Schulgang vertraulich auf
die Schulter: „Na, Maxli, worauf freuen wir uns jetzt?“

Das wuchs mit ihm und wich ihm nimmer von der Seite. Das sah ihm
unausweichlich ins Gesicht, wenn der Ärger aufstieg: „Was ich noch
sagen wollte, Max, worauf freuen wir uns jetzt?“

Was Wunder also, daß der Spruch ein Teil von ihm ward. Oder er ein
Teil vom Spruch. In solchen Wiegenbrüderschaften lassen sich die
Teile nicht mehr sondern, derselbe Herzschlag tickt durchs gleiche
Blutgeäder: „Wo-rauf-freuen-wir-uns-jetzt?“

Es ist schon richtig: schlicht und bescheiden, wie der Max war, wurde
er kein Großer, wurde nicht berühmt. Eher schon sein Spruch, den sie
nach und nach belächelten.

„Hör’ mal, Max,“ sagte einer seiner Freunde, „ein Wahlspruch ist schon
recht. Aber er muß auch darnach sein. Zum Beispiel: Morgenstund hat
Gold im Mund. Oder: Erst besinn’s, dann beginn’s. Oder: Rom ist nicht
an einem Tag erbaut. Siehst du, das sind anerkannte Sprüche.“

„Jawohl,“ sagte Max, „und worauf freuen wir uns jetzt?“

Max sei ja soweit ein guter Kerl, sprach dann dieser Freund herum, aber
doch beschränkt. Und es solle ihn nicht wundern, wenn er in der Prüfung
nicht bestehe. Wirklich fiel er durch.

„Junge, Junge,“ klagte Maxens Vater, „wohin soll das führen?“

„Zum Erfolg beim zweiten Male. Vater -- und worauf freuen wir uns
jetzt?“

Vater seufzte, Mutter strich dem Sohne übers Haar: „Max, nicht wahr,
von jetzt ab für nichts anderes als zum Studium zu haben sein, willst
du mir’s versprechen?“

„Ja, Mutter -- und worauf freuen wir uns jetzt?“

Tja, er war nicht zu ändern. „Schade um ihn,“ sagten die gesetzten
Leute, „er hat eine fixe Idee.“ Und sie behandelten ihn nachsichtig und
blieben bei der ihren.

Bei einer politischen Versammlung kampelten sich die Gegner, daß es
im Saale gellte. Dann trat eine kleine Erschöpfungspause ein. Ruhig
kam aus einer Ecke eine Stimme: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“
Gelächter. Sie bengsten in Max: „Laß dir’s nicht gefallen -- sprich
doch -- Silentium für -- ha, er spricht wirklich --“

„Meine Herren,“ sagte Max, „ich freue mich, daß Sie sich freuen.“
Das Gelächter wuchs, trotzdem einer sagte, ihm dünke, das sei das
Gescheiteste gewesen, was die Versammlung bis jetzt ergeben habe. Aber
niemand hörte darauf. Sie kampelten sich schon wieder, daß die Haare
flogen.

Ein Osterausflug ward verregnet. Mißmutig saßen sie in einer
Bauernstube. Max sah im Kreis herum. „Und worauf freuen wir uns jetzt?“
sagte er lächelnd und im inneren Taktmaß des draußen plätschernden
Regens. Darob wurden einige wieder vergnügt. Ernst aber hob ein
Professor an: „Junger Mann, alles zu seiner Zeit. Gereifte Einsicht
muß verstehen, daß die Freude nicht am Platz ist, wenn die Gründe zur
Verdrossenheit derart ausreichend sind, daß --“

„Gewiß,“ sagte Max, „aber worauf freuen wir uns jetzt?“

Darauf machte der Professor in seinem Wörterbuch der Psychologie einen
neuen Eintrag: Unter Idioten der Freude versteht man...

Das war lieblos. Freundlicher drückten’s seine Freunde aus: „Max ist
der reinste Freuden-Cato: _Ceterum censeo_...“

„Ja,“ ward ihnen beigepflichtet, „er rennt mit seinem Spruche gegen das
Carthago alles Mißvergnügens an.“

„Ob sein Grundsatz aber standhält,“ zweifelte ein anderer, „wenn’s bei
ihm selber um die Wurst geht?“

Er hat standgehalten. Die Bank, die sein Erspartes hatte, fiel. Als
er’s erfuhr, zuckte er zusammen und ging an seine Arbeit, fest aber
stumm. „Aha, nun hat es ihm sein Sprüchlein doch verschlagen“, sagte
einer, der nicht wußte, daß sich ein Spruch auch einwärts wenden läßt.

Nur ein einzig Mal hat auch das Einwärtswenden fast versagt. Das war
damals, als ihm einer seine Liebste stahl. Da sank sein Gleichmut,
da hob sich ihm die Hand zum Schlage. Freilich, ohne zuzuschlagen.
„Nein, nein,“ hat er gemurmelt, „Menschen können einem nicht gestohlen
werden, sie stehlten sich denn selber.“ Einen Winter lang hat’s ihn
herumgetrieben, bis er gepreßt und scheu zwar, aber dennoch hörbar
wieder sagen konnte: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“

Nun aber ist ein Spruch, der nie versagt, kein Spruch mehr, sondern
ein Tyrann. Eines Tags verbeugte sich vor dem erschrocknen Max ein
Riesenschatten: „Sie gestatten -- bin der Weltkrieg -- und erlaube mir,
um Ihren Spruch zu bitten.“

„Meinen Spruch?“ stotterte der Max, „was wollen Sie damit?“

Der Weltkrieg machte eine halsabschneidende Bewegung.

Fuhr der Max auf: „Mit welchem Rechte --?“

„Tun Sie doch nicht so -- bedenken Sie, wenn Sie, wie andre, statt des
Spruchs, sich selbst zum Opfer --“

„Mich magst du nehmen -- was liegt groß an mir -- aber alles liegt an
meinem Spruch.“

„Dummes Zeug -- zuviel Federlesen mach’ ich schon -- her mit dem
Spruch!“ Roh griff er Max ins Herz. Aber heimlich war der Spruch daraus
entwichen, flüsternd: „Verzage nicht, Max, auf Wiedersehn!“ Fort der
Spruch, ihm nach der Krieg.

Reihum im Lande hat der Spruch sich auf die Flucht begeben, immer hart
vom Krieg verfolgt und immer guten Muts. Kaum einer, den er nicht
besucht hat, am liebsten die Verdrossenen und Schmerzgeschlagenen, die
ihn am wenigsten erwarten. Ich habe ihn an Witwenherzen klopfen seh’n:
„Mich schickt der Max.“

„Kenn’ ich nicht.“

„Eben darum komm’ ich, von ihm erzählen soll ich, damit auch Ihr auf
eine kleine Weil’ mich so gut aufnehmt, wie ich’s bei ihm gehabt.“

Da nahmen sie ihn auf. Freilich nur für eine kleine Weile. Aber lang
genug, um, wenn der Krieg aufs neue angepoltert kam: „Wo ist der
Flüchtling, daß ich ihm den Hals umdrehe?!“ mit wieder ausgeglich’nem
Herzen lächelnd zu erwidern: „Bedaure, schon verzogen, wenn Sie ihn
treffen, bitte ihn von mir zu grüßen.“

Er hat ihn nie erwischt, der Weltkrieg, solang’ er auch schon währt.
Immer ist er anderswo, als wo er grad’ gemordet werden sollte. Und er
hat schrecklich viel zu tun. Wenn mich nicht alles täuscht, demnächst
mehr noch als der Weltkrieg. Und immer größer wird er, immer stärker,
trotz des Weltkriegs. Wenn ich recht berichtet bin, demnächst größer
gar und stärker, als der Weltkrieg selbst. Und es geht ein Tuscheln um
im Land, daß die Jagd sich demnächst umdreht. Daß aus dem Verfolgten
ein Verfolger wird. Dann aber mag es sein, weil der Spruch um soviel
flinkre Füße als der Weltkrieg hat, daß dem der Hals herumgedreht wird
vom „Worauf-freuen-wir-uns-jetzt?“

Noch ist es nicht so weit. Noch hat er ihm den Hals nicht umgedreht.
Noch hilft er anderen beim Sterben. Vor kurzem seinem eignen alten
Herrn, dem Max. Ich selber hab’ ihn sterben sehn. Er ging geschwind
durchs Tal der letzten Schmerzen auf den Kamm, der vom Jenseits
scheidet. Jetzt stand er droben und überdachte in den Kissen seine
eingesunkenen Augen: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“



In deinem Alter


Ich habe eine Statistik über Ermahnungen von Eltern
an ihre Kinder angelegt. Es gibt Statistiken über
dreiundzwanzigtausendachthundertfünfundsechzig Dinge, von der
Gewichtsabnahme bei spiritistischen Sitzungen bis zum Senfverbrauch
auf den Kopf der Bevölkerung. Warum also nicht auch einmal eine
Ermahnungsstatistik zwischen Eltern und Kindern?

Zuerst dachte ich, solcher Ermahnungen gäbe es so viele wie Sand am
Meer. Nämlich, wenn man vom Auftakt ausging. Ich notierte mir:

„Laß das, Hansi...“

„Pfui, Lotte...“

„Schämst dich denn gar nit, Mariele...“

„Nein, jetzt aber so was, Trudi...“

„Fritz, Fritz...“

„Da soll denn doch ein Hageldonnerwetter, Max...“

„Ei ei, Maxeli...“

„Potz Blitz und Karawanken, Junge...“

„Na, warte, Karl...“

„Junge, Junge, Junge...“

Auch die Fortsetzungen waren noch einigermaßen verschieden. Aber der
Schluß, der Schluß war stets derselbe. Alle, alle liefen sie in einen
einzigen Schlußsatz aus:

„In deinem Alter habe ich...“

Das heißt, was die Eltern in dem Alter ihrer Kinder hatten, waren,
taten oder unterließen, ging ja auch wieder scheinbar auseinander,
aber in Wirklichkeit war’s doch dasselbe. Denn es kam immer auf eine
unabänderliche Bravheit oder Wohlanständigkeit hinaus, ob sie sagten:

„In deinem Alter habe ich nicht soviel Butter auf das Brot
bekommen...“, oder

„In deinem Alter habe ich noch gar nicht gewußt, wie ein Theater von
innen ausschaut...“, oder

„In deinem Alter hatte ich noch keine Ahnung von einem Federhut...“,
oder

„In deinem Alter ist uns der Schnabel sauber geblieben von...“, oder

„In deinem Alter hätten wir es nicht gewagt, zu...“, oder

„In deinem Alter würden wir uns zu Tode geschämt haben, wenn...“, oder

„In deinem Alter würden wir uns die Finger darnach abgeschleckt haben,
wenn unsere Eltern...“, oder

„In deinem Alter wären wir kreuzfroh gewesen, wenn...“, oder

„In deinem Alter hätte man uns verwichst, daß wir nicht mehr stehen,
sitzen oder liegen hätten können, wenn wir uns unterstanden hätten...“

Der letzte Satz hat den erhebendsten Eindruck auf mich gemacht.
Nämlich, weil die betreffende ungezogene Liesel, an die er mit
Augenrunzeln und Donnergepolter gerichtet war, darauf erwiderte:

„Ah, Vater, das muß aber fein gewesen sein.“

Der entsetzte Vater brachte mit Mühe und Not ein „Warum?“ heraus.

„Weil, wenn ihr nicht mehr stehen, liegen oder sitzen konntet,“ sagte
Liesel ernsthaft und ganz in einer Vorstellung versunken, „dann habt
ihr ja fliegen müssen, Vater.“

Nein, bitte, das war durchaus nicht frech, sondern sachlich. Denn
Kinder sind in diesen Dingen immer sachlich. Während die Eltern in
Dingen der Ermahnung ... nun, ich habe neulich bei einem Vater, mit dem
ich selbst einmal zur Schule ging, merkwürdige Dinge festgestellt.

Da war ich also bei Rechnungsrats eingeladen. Rechnungsrat Übelacker
ist ein prächtiger Vater zu seinen Kindern. Aber wenn Gäste da sind, so
ermahnt er sie. Er ermahnt sie unter allen Umständen. Vielleicht glaubt
er, es gehöre zum guten Ton, oder er sei das seinen Gästen schuldig,
oder seinen Kindern, oder sich selber, ich hab’s nie herausbekommen
können. Aber mir hat er immer leid getan, wenn wir schon beim Obst
angelangt waren und mein Freund, der Rechnungsrat Übelacker, bereits
anfing, ungemütlich auf seinem Stuhle hin und her zu rutschen, weil bis
anhin die Kinder noch nicht den geringsten Anlaß zur Ermahnung zu geben
schienen.

So war’s auch diesmal. Ich konnte es nicht mehr ansehen. Ich nahm mich
zusammen und schnitt dem regierungsrätlichen Fritzl eine heimliche
Grimasse über den Tisch hinüber. Natürlich lachte er. Ich verlängerte
meine Grimasse ins Erstaunte. Natürlich platzte er jetzt fast vor
Lachen.

Sofort lösten sich des Regierungsrats gespannte Züge wohltätig, als er
jetzt mahnend an seinen Teller klopfen und verkünden konnte:

„Fritz, das muß ich dir denn doch sagen, in deinem Alter habe ich
niemals ein so blödsinniges Gelächter aufgeführt -- mach’, daß du
vor die Türe gehst, damit -- damit du weißt, wie man sich bei Tisch
anständig beträgt.“

Ich dachte mir, es sei sehr unwahrscheinlich, daß man das anständige
Benehmen bei Tisch vor der Türe draußen erlernen könne und drückte
diesen Gedanken in einer dritten heimlichen Grimasse aus, für
mich privat natürlich. Ebenso natürlich schepperte aber der
Regierungsratsfritz darüber vor Lachen und ging ein drittel betrübt,
ein drittel vergnügt und ein drittel ahnungslos vor die Türe.

„Es ist ein Jammer mit den Kindern heutzutage“, sagte Rat Übelacker
etwas unsicher zu mir.

„O,“ sagte ich, „nicht nur heutzutage, es war zu unserer Zeit nicht
besser, aber dafür schlimmer.“

„Sooo?“ sagte mein Freund, der Regierungsrat.

„Ja, ich erinnere mich an zwei Buben, die einem Gaste gegenübersaßen,
der einen kleinen unscheinbaren Haarbüschel auf seiner Nasenspitze
hatte.“

„Soo?“

„Ja, und so oft das auftragende Mädchen die Türe öffnete, bewegte sich
dieser kleine Haarbüschel im Zugwind zuerst empört, dann ergebungsvoll
und schließlich fröhlich.“

„So?“

„Ja, und das machte den beiden Jungen einen solchen Heidenspaß, daß sie
sich beinahe kugelten vor Lachen.“

„So, am Tisch?“

„Freilich, so daß der Vater schließlich sagen mußte, das sei ja ein
schandbares Betragen, und als er so jung gewesen sei, habe man Kinder
mit derartiger Aufführung jämmerlich verhauen, und er solle sofort vor
die Türe gehen, damit er besseren Anstand lerne, der Heinrich.“

„Der Heinrich?“

„Ja, natürlich, der Heinrich, denn es ging doch nicht gut an, mich als
eingeladenen Jungen auch vor die Türe zu setzen.“

„Dich? und der andere --?“

„Der andere? aber das warst doch natürlich du, Heinrich.“

„Soso -- hm ja -- soso --“

In diesem Augenblicke schien das anwesende Erziehungsfräulein
Nasenbluten zu kriegen. Wenigstens ging sie mit dicht angepreßtem
Taschentuch auch rasch vor die Türe. Und es war mir nur schleierhaft,
warum sie dabei das ganze Gesicht zudecken mußte.

Gleich darauf schien der Frau Regierungsrat ein Apfelbröckchen in den
unrechten Schlund gekommen zu sein, so daß sie ein merkwürdig komisches
Gesicht machen mußte und von ihrem Gemahl einen unbeschreiblichen Blick
erhielt. Was sie veranlaßte, ebenfalls ein wenig vor die Türe zu gehen.

„Da wir jetzt unter uns sind,“ begann der Regierungsrat unbehaglich,
„so muß ich dir schon sagen...“ Ich merkte sofort, daß es eine
umfängliche Predigt werden sollte und sagte:

„Komm, alter Junge, sei nicht tragisch -- dein Sohn ist im übrigen ein
famoser Kerl.“

„Famoser Kerl, wieso?“

„Ei, er hat kein Wort davon gesagt, daß ich mit meiner
Gesichterschneiderei an seinem Gepruste schuld war.“

„Du? Nun, da muß ich denn doch sagen -- hm ja, ich meine, ich glaube,
du hättest diese Geschichte, an die ich mich übrigens gar nicht mehr
erinnere, nicht gerade jetzt -- und im übrigen vermute ich, daß ich
damals nicht so entsetzlich geprustet habe, wie mein Fritz vorhin --
wenn du’s schon erzählen mußtest, dann hättest du doch wenigstens auch
diesen Unterschied --“

„Aber Heinrich, dann hätte ich ja auch den andern Unterschied --“

„Welchen andern Unterschied, bitte?“

„Nun, ~du~ hast damals, als du vor die Türe gehen mußtest, nicht
vergessen, darauf aufmerksam zu machen, daß eigentlich das luftbewegte
Haarbüschelchen auf des Fremden Nase dran schuld war, während dein
Fritzl heut’ mich nicht verraten hat, sondern erheblich netter war, als
du in seinem Alter damals --“

„Hem, hast du auch fernerhin die Absicht, alte Freunde derart
bloßzustellen --?“

„Mit Vergnügen, solange sie nicht zugestehen wollen, daß sie im
Alter ihrer Söhne ganz genau so frech, so dumm, so nichtsnutzig, so
unbekümmert und so -- kreuzvergnügt gewesen waren, gottseidank, als
eben diese Söhne.“



Der Rauchtisch


Rauchtische sind eine merkwürdige Erfindung. Ich glaube, Nichtraucher
haben sie erfunden.

Zu meinem Geburtstage versetzte mir die Mutter meiner Frau mittels
Eilgut unter Wertangabe einen Rauchtisch. Gut, daß „Rauchtisch“ auf dem
Frachtbrief stand. Ich hätte ihn sonst für einen Telegraphenapparat mit
Gestell gehalten. Aber was ich für einen Morseticker ansah, war ein
Kerzenhalter. Hol’ mich der und jener, wenn die Aschenschale früher
keine Streifenspule war.

„Fehlt nur noch der Draht“, murmelte ich.

„Pfui,“ sagte meine Frau, „Geld willst du auch noch!“

„Ja,“ bekannte ich, „auch für eine Banknotenpresse könnte man es
halten.“

„Schäm’ dich, jeder Laie sieht doch, daß --“

„Laie? Ja, das ist es: ein Rauchtisch für Nichtraucher.“

„Mann, Mann, ich werde meiner Mutter schreiben, daß sie selbst kommt
und --“

Ha, Daumenschraubenmuttern! Ich erschrak. Schweiß brach aus. Ich
wurde feig. Ich hob drei Finger. Ich verleugnete meinen gesunden
Rauchverstand. Ich schwor, daß es ein Rauchtisch sei. Ein moderner
Rauchtisch. Ich schwor, daß nur ein Idiot den Streichholzständer für
einen Morsedrücker halten könne. Unleugbar sei es allerdings, daß das
Gestell aus drei Makkaroni in Todeszuckungen bestünde. Aber das sei
eine geniale Stilidee des Rauchtischarchitekten. Ich schwor, in meinen
ausschweifendsten Träumen hätte ich mir immer so etwas gewünscht.

„Ist gut,“ sagte meine Frau mißtrauisch, „nun schwöre noch, daß du ihn
täglich benutzen wirst.“ Was war zu tun? Gott, was schwört der Mensch
nicht alles, wenn er in Gefahr ist.

Ich benutzte ihn täglich. Zunächst als Handtuchhalter. Damit war er
zugedeckt, unsichtbar und gnädig.

Aber meine Frau kam hinter die Gnade und das Handtuch, entfernte beides
und zwang mich, angesichts des Tischchens zu rauchen. Davon wurde mir
schlecht. Ich tat es den drei Makkaroni gleich und phantasierte. Es kam
der Arzt.

„Denken Sie, Herr Doktor,“ sagte meine Frau, „das Nikotin ist ihm ins
Blut gegangen, er hält das da für einen Briefkasten mit Gestell.“

„Unglaublich,“ sagte der Arzt, „eine türkische Gebetsmühle für einen
Briefkasten zu halten!“

Empört holte meine Frau einen andern Arzt. Ich konnte ihn einen
Augenblick allein sprechen: „Doktor, seien Sie barmherzig, befreien
Sie mich von diesem Ding da!“

„Es ist doch ein ganz netter Schirmständer,“ sagte er, „na, wenn Sie
ihn durchaus nicht haben wollen, könnten Sie ja im Fieber --“

Ich verstand, und schlug im Fieber den Rauchtisch kurz und klein.
Nach dem Anfall lagen die Makkaronifüße unter meinem Bett. Die
Rauchtischplatte war hinter den Bücherschrank gekugelt. Die
Aschenschale hatte sich auf das Gardinenbrett geflüchtet, während
der Kerzenhalter sich durch das offene Fenster auf den Aschenhaufen
niederließ.

Ich hielt die Sache für erledigt und genas. Ich wußte nicht, daß eines
Weibes Liebe die zerrissensten Dinge wieder zusammenleimt: an meinem
Namenstag stand der reparierte Rauchtisch als Neugeschenk neben meinem
Bett und grinste verdrehter und hämischer als je.

Freunde rieten mir zu einem Umzug. Bei Umzügen verschwänden oft die
unglaublichsten Dinge, sagten sie. Also wurde umgezogen. Während meine
Frau die Möbelträger hin und her schob, rannte ich mit dem Rauchtisch
auf den Speicher, ließ ihn in die hinterste Ecke verschwinden und
schmiß Lumpen drauf und Hobelspähne.

Der Möbelwagen war gepackt. Der Kutscher wollte knallen. „Noch nicht“,
sagte meine Frau und ging zum letztenmal spähend durch die Räume. Ha,
gewonnen -- leer kam sie zurück.

„Hü!“ will der Kutscher rufen. Springt über die Straße eine Katze mit
einem gestohlenen Fleischstück. Schreiend hinter ihr eine Köchin. Die
Katze das Stiegenhaus hinauf, Stock um Stock. Die Köchin ihr nach,
Stock um Stock. Man hört’s vom Dach herab rumoren. Auf einmal --

Durch das offene Speicherfenster saust elegant die Katze, landet
unbeschädigt mit dem Fleischstück auf dem Pflaster --

„Mistviech, elendig’s!“ schreit’s herunter. Durch die Dachluke saust,
gleich elegant geschwungen, das Rauchtischchen. Geschickt fängt es der
Oberpacker auf: „G’hört das noch dazu, gnä’ Frau?“

Da stand es also auch in der neuen Wohnung und glotzte weiter hämisch.
Ich gab ihm Püffe über Püffe. Es hielt sie aus und glotzte. Täglich
warf ich meine Stiefel nach ihm. Es glotzte. Ich arrangierte einen
kleinen Hausbrand. Das erste, was gerettet wurde, war der Rauchtisch.
Ich bat meinen Neffen, chemische Experimente mit fressenden Säuren auf
dem Rauchtisch auszuführen. Die Säuren fraßen alles, nur nicht meinen
Rauchtisch.

Immerhin, zum Lackieren müsse er, sagte meine Frau. Ich besuchte den
Lackierer. „Mann,“ sagte ich, „daß das Handwerk jetzt mit Arbeit
überhäuft ist, weiß ich. Ich könnte es verstehen, wenn das Stück erst
nach Monaten an die Reihe käme. Ja, ich würde es sogar begreifen, wenn
es überhaupt nie fertig würde.“

Er sah mich prüfend an. „Nee, mein Lieber,“ sagte er, „Sie fangen mich
nicht, Sie Handwerkslästerer!“ Am nächsten Tage teilte er telephonisch
mit, daß der Tisch lackiert sei. Ich war es auch.

„Kathi,“ sagte meine Frau, „holen Sie ihn ab.“

„Kathi,“ sagte ich, sie heimlich auf die Seite nehmend, „wenn Sie ihn
unterwegs verlieren sollten -- hier sind drei Mark -- Sie verstehen.“

Für drei Mark versteht die Kathi irgend etwas. Heulend kam sie heim.
„Gnä’ Frau -- huhu -- stehen lassen in der Straßenbahn -- huhu --!“

Meine Frau versteht keinen Spaß. Nicht für drei Pfennig. „Kathi, wenn’s
nicht mehr zum Vorschein kommt, ziehe ich am Lohn fünf Mark ab --
marsch, ins Fundbureau!“

Kathi sah mich an. Ich zwinkerte ihr zu, ich käme doppelt auf. Also
holte sie das Fundstück von der Straßenbahn ab und verlor’s ein
zweitesmal erheblich gründlicher.

Darauf rückte es meine Frau in die Morgenzeitung: „Wer ein verlorenes
Rauchtischchen gefunden hat und wiederbringt, erhält zehn Mark.“ Und
ich in die Abendzeitung: „Wer ein verlorenes Rauchtischchen gefunden
hat und behält, erhält zehn Mark.“

Zwei Tage später werde ich im Kaffeehaus vom Skat hinausgerufen. Die
Tändlerin Kreszenz Hasenfratz stemmte die Arme in die Lenden: „Sie also
sind der verruckte Herr, der wo zehn Mark zahl’n will, wenn ich ihm
das Tischerl nicht in seine Wohnung trag’...“

Es kam ein unwiederbringlicher Vertrag zustande. Ich halte mich mit Fug
für rauchtischalpbefreit. Aber am nächsten Ersten steht die Kreszenz
Hasenfratz wieder mit angestemmten Armen im Kaffeehausgang: „Herr
Doktor, so wenig Platz wie ich jetzt hab’ für meine Tandelsachen --
darf ich also wieder um zehn Mark Monatsmiete --“

„Sie -- Sie sind --“

„Regen Sie sich nicht künstlich auf, Herr Doktor, wenn Sie’s nicht
aufbewahrt hab’n woll’n, kann ich’s ja morgen wieder Ihrer Frau
Gemahlin --“

Seitdem muß ich den Rauchtischschrecken monatlich beschwören.
Zehnmarkweise. Als ich das Lösegeld zum siebtenmale in mein
Kassabüchlein eingetragen hatte, kommt meine Frau ins Zimmer.

„Mann, ich weiß wohl, was du einträgst“, sagt sie erhaben.

„Um Gottes willen --“

„Sei getrost, ich verzeihe dir.“

„Du liebe Frau,“ sag’ ich erfreut, „ich brauch’ es also nicht mehr
kommen lassen?“

„Im Gegenteil, du kannst es kommen lassen, auf der Stelle.“

Ich sank zusammen. Ich tat geistesabwesend.

„Mann, verstell’ dich nicht -- Kassabüchlein -- monatlich zehn Mark --
Kreszenz Hasenfratz -- wir wissen alles --“

„Ihr?“ stammele ich, „wer Ihr?“

Geht die Türe auf: „Lieber Schwiegersohn -- meine Tochter schrieb mir
alles -- wir wissen wohl um deine Jugendsünde -- laß das arme Kind nur
kommen --“

„Das Kind? Was für ein Kind?“ stotterte ich.

„Dein Kind!“ donnerte sie, „und zum Zeichen, daß wir dir verziehen,
habe ich dir auch ein neues Rauchtischchen...“



Der Familienaufsatz


Montag brachte Hans das Aufsatzthema heim: „Der Krieg, eine Geißel
der Menschheit.“ „Konzept am Sonnabend abzuliefern“, hatte der Lehrer
gesagt. „Schreibt diesmal frei, ganz aus euch selbst heraus.“

„Herrgott, ist bis zum Sonnabend lang“, dachte Hans und schlug die
Geißel in den Wind. In den Wind geschlagene Geißeln knallen irgendwann.
Beim Hans am Freitag. Es war ein Gewissensknall. Die Familie knallte
mit. „Der arme Bub,“ sagte die Mutter, „von heut auf morgen einen
ganzen Aufsatz.“ -- „Gott,“ sagte Vater, „ich habe zu manchem
verzwickten Geschäftsbrief nicht mal soviel Zeit.“

„Jaja,“ sagte Tante Lotte nachdenklich, „der Aufsatz, eine Geißel der
Menschheit.“ -- „Na, mit ’m bißchen Grips und ’m Schuß Inspiration
läuft auch der schwerste Aufsatz“, sagte Onkel Franz. „Setz’ dich nur
mal dran, Hans.“

Hans setzte sich von Freitag nachmittag 4 Uhr bis 8 Uhr daran: „Der
Krieg, eine Geißel der Menschheit -- Der Krieg, eine Geißel der
Menschheit -- Der Krieg, eine Geißel der Menschheit -- Der Krieg, eine
Geißel der -- Mutter, weißt du keinen schönen Satz?“ -- „Einen schönen
Satz über den gräßlichen Krieg, Hans?“ -- „Er meint einen stilistisch
schönen Satz“, sagte Tante Lotte. Und dann klopften Mutter und Tante
an Onkels Zimmer: „Onkel, der Bub braucht einen schönen Satz.“ -- „Ach
was, mit ’m bißchen Grips und ’m Schuß Inspiration --“ -- „Schuß? Er
braucht halt ein wenig Vorschuß, der arme Bub’ -- wenn ich denke: von
heut auf morgen eine ganze Geißel --“

Das war um 6¼. Um ½7 wälzte Onkel Franz das zwölfte Buch. „Einen
schönen Satz?“ murmelte er. „Schreib mal diesen Satz auf Seite 63,
Junge.“ Und folgsam schrieb der Hans in sein Konzeptheft: „Die
materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen eines Krieges
leuchten wie ungeheure Fanale des Leidens durch die Geschichte.“ --
„Kannst ihn mal der Tante zeigen, Junge.“

Hans zeigte ihn der Tante. Sie kam sofort herüber: „Ein schöner
Satz, Onkel Franz, ein wirklich wunderschöner Satz.“ -- „Na, nicht
so schlimm, mit ’m bißchen Grips und ’n Schuß Inspiration -- und nun
machst du einfach in dem Stile weiter, Junge.“

Hans machte bis um 7 weiter, ohne mit dem zweiten Satz fertig zu
werden. „Onkel Franz, bitte noch einen schönen Satz.“ -- „Jetzt kann
dir mal die Tante helfen, Junge.“ -- „Tante, bitte, noch einen schönen
Satz.“ Tante Lotte blätterte schon seit einer Viertelstunde in ihren
alten Albums. „Schreib mal das da“, sagte sie errötend. Und folgsam
schrieb Hans in sein Konzeptheft: „Der rosenfingrige Eros kämpft
siegreich gegen dräuende Wolken, morgenrotes Blut fließt in Strömen:
Krieg überall.“ -- „Kannst ihn mal der Mutter zeigen, Junge“, sagte
Tante Lotte.

Hans zeigte ihn der Mutter. Gleich kam sie aus der Küche. „Ein
wundervoller Satz, Tante Lotte“, sagte sie. -- „Jetzt einen Satz von
dir, Mutter“, bat Hans. -- „Aber Hans, ich mach’ das Abendessen fertig,
ich kann keine schönen Sätze kochen.“ -- „Aber Mutter, irgendeinen
Satz wirst du doch --“ Da schlug die Mutter im Kochbuch nach: „Den
vielleicht, Hans?“ Und folgsam schrieb der Hans in sein Konzeptheft:
„Die durch den Krieg hervorgerufene Knappheit zwingt auch die
kriegsfeindliche Hausfrau zur Beschneidung der lukullischen Bedürfnisse
ihrer Familie.“ Tante Lotte meinte zwar, der Satz sei ein wenig
nüchtern. „Bis auf ‚lukullisch‘“, sagte Onkel Franz.

Dann kam Vater an die Reihe, der vom Geschäft heimkam. Er machte
eine Miene, als diktiere er dem Buchhalter: „Im Besitze Ihres sehr
geehrten...“ Aber dann steckte er die Hände in die Hosentaschen und
sagte auf und ab gehend:

„Schreib mal, Junge: ‚Die möglichen Kriegsfolgen lassen es rätlich
erscheinen, die Konjunktur in Rechnung zu stellen und vorher zu
eskomptieren.‘“

Darauf fiel dem Onkel Franz wieder ein Satz ein. Dann wieder Tante
Lotte und der Mutter, so daß Hans noch mehrere Male reihum schöne
Sätze ins Konzeptbuch schreiben konnte. Und eine Stunde nach dem
Abendessen war es Onkel Franz gelungen, aus einem großen Kriegsbuch
vom letzten Siebziger Krieg noch einen kunstvoll aufgebauten Schluß
herauszuklauben. Worauf sich Hans schlafen legte. Nicht ohne daß er es
noch durch die Tür sagen hörte: „Der arme Bub’: von einem Tage auf den
andern solchen schweren Aufsatz...“ Damit schlief er befriedigt ein.

Aber im Traum ging’s ihm nicht gut. Er war im Himmel, mitten in einer
Volksversammlung. Petrus saß am Pult und sagte: „So, und jetzt erzähl’
mal einer nach dem andern, was er im Krieg erlebt hat.“ Einer trat vor:
„Mir ist mein Sohn gefallen...“ Es war ein erschütternder Bericht in
einfachen Worten. „Der nächste“, sagte Petrus. Jemand trat vor: „Ich
bin gefallen in der Sommeschlacht ...“ Stoßweise, wie das Volk spricht,
erzählte er die Schrecken seiner Schlacht. „Der nächste“, sagte Petrus.
Jemand trat vor: „Was ich mir ein Leben lang ersparte, hat der Krieg
verbrannt...“ Mit einer fernen Stimme erzählte er den Russeneinfall
seines Dorfes. Noch viele rief der Petrus auf. Sie standen auf und
sprachen schlicht und setzten sich. Und jedesmal ging dem Hans ein
Rieseln übers Rückgrat. Das ging vom dritten Wirbel in der Wirbelsäule
aus. Dort sitzt die Wahrhaftigkeit.

„Hans, was hast du im Kriege erlebt?“ -- „Einen -- einen Aufsatz“,
stotterte Hans. -- „Lies mal!“ Und Hans schlug sein Konzeptheft auf und
las: „Die materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen des
Krieges leuchten wie riesige Fanale...“ Und er trommelte alle schönen
Sätze herunter. Und hinter dem schönen Schlußsatz dachte er stolz: „Was
sagen Sie nun, Herr Petrus?“

„Paß mal auf, Hans“, sagte Petrus und schob einen Vorhang auf die
Seite. Der Krieg ward sichtbar. Er war aus Marmor. Schrecklich war er
anzuschauen in seiner unbändigen Wild- und Nacktheit. „Gib mal dein
Konzeptheft, Hans.“ Einzeln riß Petrus die Blätter heraus und steckte
sie mit Nadeln an die Statue. Dort verwandelten sie sich in ein Kleid.
Und es war aus lauter bunten, zerrissenen Lumpen zusammengesetzt.
Unsäglich erbärmlich hing das alles unter dem entsetzlich erhabenen
Gesicht des Krieges herab. Und Hans wurde rot im Traum und schämte sich
und wachte auf. Schon war es hell.

Er schaute auf die Uhr. 4 Uhr morgens. Schnell in die Kleider. Noch
schneller an den Arbeitstisch. Her mit dem Heft. Heraus mit den
Aufsatzseiten. Eine neue Seite angefangen. Ha, wie die Feder flog.
Nicht einen Augenblick brauchte sie sich zu besinnen. Sie schrieb die
Volksversammlung von heute nacht, ohne Aufputz, schlicht, in kurzen
Sätzen, stoßweise, wie das Volk spricht...

Als Hans an diesem Morgen in die Schule ging, kam der Balthasar
gerannt: „Du, Hans, ich habe keinen Aufsatz, laß mich deinen
abschreiben!“

„Aber Balthasar, das geht doch nicht.“

„Du bist ein netter Kamerad, na, warte, ich werd’ mir’s merken.“

Hans wurde heiß. Schon öffnete er den Ranzen, schon griff er nach dem
Heft, auf einmal schoß es ihm warm vom dritten Rückgratswirbel, dem
Sitze der Wahrhaftigkeit, über das Gesicht.

„Nein, Balthasar“, sagte er fest. Aber da hatte der Balthasar roh
hineingegriffen und war davongerannt. Eine Handvoll Blätter schwang
er lachend in der Luft. Laut las er unterm Laufen: „Der Krieg, eine
Geißel der Menschheit. Die materiellen, intellektuellen und moralischen
Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale --“

„Aber Balthasar, das sind ja -- das ist ja --!“

„Kenn’ ich schon -- möchtest mir’s wieder abluchsen -- da wird nichts
draus -- in der Religionsstund’ schreib’ ich’s ab.“

Und während in den ersten Bänken der Katechismus abgefragt wurde,
schrieb der Balthasar in der letzten Bank aus Raschelblättern ab und
ab. Eben war er fertig, als der Aufsatzlehrer eintrat: „Konzepthefte
einsammeln!“

Eine Woche verging. Hans war recht still. Stiller als die Seinigen zu
Hause. Alle Augenblicke stellte ihn dort jemand auf der Treppe, im
Korridor, im Zimmer: „Nun, Hans, ist dein Aufsatz schon zurückgegeben?“
fragte Mutter. -- „Na, Hans“, sagte Onkel Franz, „und der Aufsatz?“
-- „Hans, hast du deine Eins schon abgekriegt im Aufsatz?“ sagte
Tante Lotte. -- „Hannes, Hannes,“ sagte am zuversichtlichsten der
Vater, „diesmal hat er dich wohl übern Schellenkönig gelobt, dein
Aufsatzlehrer, he?“

„Die Aufsatzhefte werden erst am nächsten Sonnabend zurückgegeben“,
sagte Hans leise. Fast geduckt ging er weiter. Sie sahen ihm nach:

„Ich weiß nicht, was der Junge hat,“ sagten sie kopfschüttelnd, „wenn
uns jemand so geholfen hätte mit den schönsten Sätzen, als wir in die
Schule gingen...“

Da war der Sonnabend da. Und da lag der Stoß Aufsatzhefte am Katheder,
so hoch, daß des Lehrers Angesicht darüber kaum zu sehen war.

„Zunächst die beste Arbeit,“ sagte der Lehrer, ernst ein Heft in seinen
Händen wägend, „Hans, das war deine beste Arbeit. Ganz warm ist mir
dabei geworden. Hört mal...“

Mäuschenstill hörte die Klasse Hansens Aufsatz an. Nur der lange
Balthasar in der letzten Bank rutschte etwas hin und her.

„Hans, bei dieser Nummer magst du bleiben. Note 1. Wie einem das wohl
tut, wenn man all den andern aufgeblasenen Sums -- zum Beispiel den
da -- hört mal: ‚Die materiellen, intellektuellen und moralischen
Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale‘ und so weiter
und so weiter. Sag’ mal, Balthasar, wo hast du dir denn diesen
abgestandenen Schmarr’n zusammengestohlen?“

„Von -- von -- vom Hans!“

„Na, das ist denn doch! -- Hans kann solches aufgepapptes Zeug
überhaupt nicht schreiben. Hans, dieser Aufsatz soll von dir sein?“

„Nein, Herr Lehrer.“

Zu Hause sah man es ihm an. Sie umdrängten ihn: „Na, Hans, der Aufsatz
ist zurück?“ Hans nickte selig. „Und du hast den Vogel abgeschossen,
Hans?“ Hans nickte seliger. „Na, kein Wunder, lieber Hans -- aber
danken hättest du uns wenigstens ’n bißchen können...“

Auf dem nächsten Schulweg warnte den Hans ein Kamerad: „Du, nimm dich
vor dem Balthasar in acht. Er sagt, du hättest ihn mit dem letzten
Aufsatz schauderhaft hereingelegt. Und er will dich ebenso verhauen.“

Da straffte sich dem Hans etwas im vierten Rückgratswirbel, wo der Mut
sitzt, gleich hinter der Wahrhaftigkeit: „Soll nur kommen!“



Der Hunderter


Ich habe einen sonderbaren Hunderter. Der will nicht aus meiner
Kasse. So oft ich mich bemühe, ihn zu einem Extrazweck auszugeben, er
knistert: Nein. Vielleicht kann ihm jemand helfen? Aber dazu muß ich
seine Geschichte erzählen.

Der Hunderter gehörte früher meiner Tante. Und noch früher der
Frida. Und noch früher, das weiß ich nicht. Niemand weiß, woher ein
Hunderter kommt, niemand weiß, wohin er geht. Hunderter sind wie
Schienenstrangstücke in Untergrundbahnhöfen: Dunkel, kurzes Blitzen,
wieder Dunkel. Das Blitzen meines Hunderters trug sich so zu: Die Frida
diente bei meiner Tante. Grundehrlich, stand in ihrem Dienstbuch. Aber
das steht in vielen. Was in Dienstbüchern steht, ist nicht so wichtig.
Wichtiger ist, was nicht darin steht. Nicht darin stand, daß sie von
der stillen Art war. Kein Klappern, kein Geschrei, kaum ein Fragen. Und
wenn man selber eben fragen wollte: „Frida haben Sie...“ oder „Frida,
ist schon...“, so war schon immer alles fertig. Leise schwangen ihre
langen Arme an den breiten Hüften: „Und was jetzt?“ Mit diesem „Und
was jetzt?“ ging sie durch das Leben.

Meine Tante wußte, was sie an ihr hatte. Aber einmal fehlte ein
Hunderter. Die Tante hatte ihn in die Schreibtischschublade geschoben,
als es klingelte. Dabei vergaß sie, den Schlüssel umzudrehen. Dann
unterschrieb sie auf dem Gang den Einschreibebrief, während die Frida
den Schreibtisch abstaubte. Erst am Abend erinnerte sich meine Tante an
den nicht umgedrehten Schlüssel. Der Hunderter war verschwunden.

Drei Tage trug sie’s mit sich ’rum. Das ist länger, als es eine
Durchschnittshausfrau trägt. Dann ging’s nicht mehr: „Frida, war
sonst jemand in dem Zimmer, als Sie staubten?“ -- „Nein, gnä’ Frau.“
-- „Frida, aus diesem Kästchen ist ein Hunderter fortgekommen.“ --
„Jawohl, gnä’ Frau“ -- Fridas Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. --
„Frida, haben Sie den Hunderter genommen?“ -- „Nein, gnä’ Frau,“ Fridas
Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. -- „Frida, den Hunderter kann
niemand anders genommen haben.“ -- „Jawohl, gnä’ Frau,“ Fridas Mund.
„Und was jetzt?“ Fridas Arme. „Nur gut, daß Sie’s gestehen, Frida,
geben Sie ihn her.“ -- „Ich hab’ ihn nicht, gnä’ Frau.“ -- „Also ist er
schon bei einem Helfershelfer?“

Fridas Arme hörten auf zu schwingen. Jetzt erst hatten sie begriffen.
Sie weinte. „Gut, ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden Zeit,“ sagte
Tante.

Dann am nächsten Tage: „Nun, Frida?“ -- „Ich hab’ ihn nicht, ich
versteh’s nicht.“ -- „Wär’ mir leid, Frida, wenn ich nach der
Polizei...“ Die Frida heulte nicht mehr. Der Hunderter war für sie
erledigt. Nur ihre Arme schwangen: „Und was jetzt?“ -- „Für jetzt
will ich’s nochmal gut sein lassen, Frida. In acht Tagen ist die
Osterbeichte. Was Sie mir nicht beichten, können Sie dem Pfarrer sagen.“

Im Beichtstuhl war die Frida fertig. „Und sonst?“ fragte der Pfarrer.
Die Frida schwieg. „Und der Hunderter, Frida?“ redete der Pfarrer
gütlich zu. -- „Sehen Sie, Frida, ich mein’s gut mit Ihnen, es
kommt sonst kein Friede mehr ins Haus, wenn Sie ihr Gewissen nicht
entlasten.“ -- „Jawohl, Hochwürden.“ -- „Nicht drängen darf ich Sie,
Sie müssen selber...“

Die Frida war zum zweitenmal im Beichtstuhl fertig und wollte sich
erheben. „Wie ist es, Frida, wollen Sie mir nicht den Auftrag geben,
daß es Ihnen Ihre Frau nach und nach vom Lohn abzieht?“ Durch das
Gitter glaubte er ein Nicken zu erkennen. Aber es waren nur Fridas
Arme: „Und was jetzt?“ -- „Und jetzt gehen Sie ruhig nach Haus. Ich
will mich auch persönlich noch für Sie verwenden, daß Sie nicht
entlassen werden.“

Sie wurde nicht entlassen. Jeden Monat zog ihr die Tante zwei Mark
am Lohn ab. Und fünfzig Monde sind in vier Jahren glatt vorüber. Vier
Jahre aber sind nicht allzulang, wenn man mit schlenkernden Armen
dient: „Und was jetzt?“

Dann starb die Tante. Ich war ihr Erbe. Kurz vor ihrem Ende hat sie
mir die Geschichte mit Fridas Hunderter vertraut. Wenn sie’s nicht
getan hätte, ich glaube, wir hätten Frida gebeten, bei uns in Dienst zu
treten, sie war gar so tüchtig. Aber so... So war’s schon besser, daß
sie die Arme wo anders schlenkerte, wo man es nicht wußte.

Jahre kamen, Jahre gingen. Arme schlenkerten, wurden müd, und neue Arme
traten an die Stelle, junge Arme, junge Hände. Solche Hände meines
jüngsten Sohnes spielten einmal an einer Schreibtischschublade. Es ging
schwer, er zog und zog... „Jetzt hab ich’s endlich, Vater,“ kam er
angerannt, „schau, das da war dazwischen.“ Er hielt einen zerknitterten
Hunderter in der Hand.

Was bin ich gelaufen, was hab’ ich geschrieben -- ich habe sie nicht
mehr aufgefunden, die Frida. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht
schlenkert sie in einem fernen Dienst die langen Arme: „Und was jetzt?“

Jetzt? Ja, jetzt liegt der Hunderter in meiner Kasse. Es ist ein
sonderbarer Hunderter. Er will nicht hinaus. So oft ich mich bemühe,
ihn zu einem Extrazweck hinauszugeben, und wäre es der beste -- mein
Hunderter knistert: Nein.

Vielleicht kann ihm jemand helfen?



Der Spohrer


Als die Schule einen Teil vom Hansi von uns schälte, merkten wir’s erst
gar nicht. Eines Tages aber schrie es von der Straße: „Miller!“

Mutter rührte ruhig weiter um im Kochtopf. Was ging sie der Miller an?

„Mi--iller!“ schrie es ärger.

Meine Arbeit am Schreibtisch fing ein wenig an zu stocken. ‚Miller?‘
dachte ich dunkel zwischen zwei Sätzen, ‚der Name kommt mir fast
bekannt vor -- na, im Grunde: was geht mich ein Miller an?‘ Whupp,
holte schon die Feder aus zum nächsten Satz.

„Mi--i--i--ille--e--er!“ klirrte jetzt das Fenster neben meinem
Schreibtisch. Auf damit, den ärgerlichen Kopf hinausgestreckt -- stand
da ein kleiner, runder Kerl auf der andern Straßenseite, blaurot im
Gesicht vor lauter Millerrufen und machte eben seine Händchen hohl zu
einem verstärkten Millergedröhn.

„Willste wohl!“ drohte ich hinab, „was ist denn los?“

„Ich geh zum Schlittenfahr’n -- der Miller soll ’runterkommen mit
sei’m Schlitt’n!“ brüllte das Kerlchen herauf.

Nein, dieser unverschämte Bengel! Dem sollte ich wohl seinen Boten
machen, um aus irgendeinem Stockwerk über uns oder unter uns
irgendeinen Miller --

„Du, Mann,“ sagte hinter meinem Rücken die seltsam bedrängte Stimme
meiner Frau, die aus der Küche hergekommen war, „du Mann, ich glaube,
er meint unsern -- unsern Hansi.“

„Unsern -- unsern --?“ stammelte ich verbindungslos.

Der kam plötzlich aus dem Kinderzimmer hereingeschossen.

„Warum habt ihr nicht gesagt, daß mich der Spohrer ruft?!“ sagte er
gekränkt, holte sich seinen Schlitten und zog mit dem Spohrer ab. Weder
der Hansi noch der Spohrer warfen einen Blick zurück zum Fenster, wo
die Mutter noch lange neben dem Vater stand und ihnen nachsah. Nachsah,
bis der Schlitten und der Hansi und der Spohrer um die letzte Ecke
bogen.

„Der Miller“, sagte sie langsam und bemühte sich, mich anzulächeln.
Aber da stürzten ihr die Tränen aus den Augen. Sie fuhr sich an den
Lenden hinab, als habe sich daran zum erstenmal ein Stück von ihrem
Hansi abgeblättert.

„Der Spohrer“, gab ich ihr zur Antwort und fuhr mir über die Schläfe,
als habe sich da was Fremdes angesetzt.

An diesem Morgen hat Mutter noch unzählige bittere Miller in die
Mittagssuppe eingerührt. An diesem Morgen drängten sich ganze Trupps
von unverschämten, kugelrunden Spohrern durch die Zeilen meiner Arbeit.

Von da ab wuchs der Spohrer drohend in unsere Familie hinein. Gewisse
weiche Stellen fingen an sich zu verknorpeln. Der Spohrer selber kam
nicht mehr. Nur seinen Schatten warf er lang und länger.

„So, und jetzt muß ich zum Spohrer“, erklärte der Hansi immer wieder
nach dem letzten Mittagessenbissen. Wir hätten’s ihm verbieten können,
hätten wir uns nicht, hellgesichtig schweigend, eingestanden, daß
verbotene Liebe üppiger ins Kraut schießt, als erlaubte. So begnügten
wir uns, den Spohrer still zu hassen. Bis eines Tages Hansi sagte: „Der
Spohrer ist ein gemeiner Kerl!“ Sofort spürten wir, wie wir dem Spohrer
gut wurden: Doch ’n ordentlicher Kerl, der uns gab, was uns gehörte.
Und wir hätten auf ein Haar vergessen, uns beim Hansi zu erkundigen,
warum der Spohrer plötzlich ein gemeiner Kerl wäre.

„Weil er -- weil er mir seinen Radiergummi nicht geschenkt hat“,
platzte Hansi heraus.

„Aber Hansi, deshalb ist er doch nicht gemein“, fühlten wir uns
verpflichtet, für den Spohrer einzutreten.

„Ja, und dann -- und dann ist er auf meine Feder mit dem Fuß
draufgetreten, der -- der gemeine Kerl!“

„Aber Hansi, das kann Zufall sein und --“

„Und dann -- und dann -- und überhaupt, der Spohrer ist ein gemeiner
Kerl!“ Der Hansi heulte.

Zu Weihnachten schenkte ihm die Tante Elsa eine besondere Mütze. Nur
einmal setzte er sie auf. Das zweite Mal weigerte er sich: „Der Spohrer
lacht mich aus damit“, sagte er.

Der Frühling kam. Das Maifest wurde fällig. Aber es regnete und
regnete. Der Spohrer sollte mit dem Fuße aufgestampft und gesagt haben:
„Wenn’s nur grad extra weiterregnen tät!“ Der Hansi war empört. Denn
nun war es klar, daß an dem Regen nur der Spohrer schuld war, dieser
ganz gemeine Kerl.

„Der Spohrer hat mir eine ’neing’haut!“ klagte er ein andermal.

„Wirklich, Hansi?“

„Ja -- beinah -- der -- der gemeine Kerl!“

„Beinahe eine ’neingehauen, Hansi?“ beharrte ich, „das sieht fast so
aus, als ob du ihm schon vorher eine hineinge--“ Aber da war er schon
aus dem Zimmer, der beinah hineingehauene Hansi.

In der nächsten Woche zögerte er immer bis zur letzten Minute mit dem
Schulgang.

„Hansi, was hast du?“ forschte die Mutter.

„Der Spohrer paßt mir an der Eck’n auf -- mit’m Stecken -- der -- der
gemeine Kerl!“

Es wurde immer schlimmer. Unser ganzes Familienleben verspohrerte durch
den Hansi. Wir lebten in einer fortwährenden Angst dahin, der Spohrer
hätte -- der Spohrer wäre -- der Spohrer könnte -- der Spohrer würde.
Nichts Schlimmes gab es auf der Welt, das nicht dem Spohrer zuzutrauen
gewesen wäre. Der Spohrer lastete auf uns mit Schicksalsschwere.
Morgens, wenn Hansi erwachte: der Spohrer. Mittags, wenn er von der
Schule heimkam: der Spohrer. Abends, wenn ihm Mutter am Bettchen seine
letzte Sorge vor dem Sandmann abnahm: der Spohrer, immer nur der
Spohrer... Nur ein Trost war da für uns spohrergeschlagene Eltern: von
dem dunklen Spohrerhintergrunde hob sich hell und strahlend unser Hansi
ab.

Eines Tages hat man mich wo eingeladen. Es stellt sich mir ein anderer
Eingeladener vor. „Spohrer“, sagt er und verneigt sich. Mir ist, als
wenn mich einer mit der Lanze in die Seite stäche.

„Doch nicht ~der~ Spohrer?“ fährt es mir heraus. Und da war es
wirklich ~dem~ Spohrer sein Vater. Ich hätte es übrigens gleich
erkennen können, so klein und rundlich, wie er war, dachte ich.

„Ich hätte es übrigens gleich erkennen können, so lang und hager, wie
Sie sind“, sagte im selben Augenblick der alte Spohrer zu mir.

Und dann erzählte er mir ein langes und ein breites über meinen Hansi.
„Denken Sie,“ sagte er lächelnd, „mein Söhnchen sagt mir, Ihr Hansi
behandle ihn ~zu~ schlecht.“

„So, inwiefern denn!?“ sage ich beinahe beleidigt.

„Ja, seinen Bleistift habe er zertreten, sagt er -- dann habe er ihm
einmal beinah eine ’neingehauen -- und auf dem Schulweg passe er ihm
auf, der -- der gemeine Kerl!?“ fügte er vergnügt mit der Stimme seines
Söhnchens bei. Und dann ernster: „Wenn Sie überhaupt jetzt in unsere
Familie hineinsehen könnten, so hörten Sie nur: Der Miller hat -- der
Miller ist -- der Miller wird -- mit einem Wort, wir sind vermillert
auf und ab.“

Wir lachten beide. Und beide stellten wir an diesem Abend lachend
fest, daß die Krankheit unserer Söhnchen durchaus nicht auf die Schule
beschränkt sei. Daß auch das Leben von uns Alten dicht durchsetzt von
Spohrern und von Millern sei.

„Jaja, Herr Spohrer,“ bekannte ich auf dem Heimweg, „solang die Welt
steht, wird sie auch verspohrert --“

„-- Und vermillert sein,“ fiel er rasch ein, „es gehören immer zwei zu
einer -- einer stillen Liebe.“



Glück


Als ich ein Bub war, ein verstaubter Stadtbub, kriegte Vater einen
Brief. Er schaute lange auf die Unterschrift: „Der ist von einem alten
Schulkameraden,“ sagte er, „der Glück gehabt hat -- Herr im Himmel, was
hat der Glück gehabt -- jetzt ist er Staatsrat und hat einen Parkbesitz
da draußen vor der Stadt.“ Dann erst las er den Brief. Es war eine
Einladung auf den nächsten Sonntag.

Aber da gerade hatte Vater Dienst. Und Mutter hatte kein Ausgehkleid,
das halbwegs staatsratswürdig war. „Und ich?“ sagte ich glitzernd. Da
sahen sie an mir herab: Ja, mein Anzug wäre noch fast neu, und was das
Benehmen anbeträfe -- „eben brav sein und bescheiden, wie du’s in der
Schule sein mußt -- nicht etwa kriechend -- wir sind auch was, wenn wir
auch kein Staatsrat sind -- du hast da einmal einen Klassenkameraden
mitgebracht -- Mathias, glaub’ ich -- der trägt den Kopf aufrecht, weiß
was er will und läßt sich gar nicht extra imponieren -- an dem nimm
dir ein Beispiel.“

Das war nicht alles. Der Lehren waren noch ein Dutzend mehr. Aber nur
diese behielt ich. Denn wie ich in den Park des Staatsrats eintrat, war
auch der Mathias eingeladen. Er stelzte auf mich zu und sagte knapp:
„Bin hier fast jeden Sonntag -- der Staatsrat ist mein Onkel -- komm.“

Der Staatsrat gab mir die Hand, sagte, es sei schade, daß meine Eltern
nicht gekommen wären, und nun solle ich vergnügt sein -- „Mathias, nimm
dich seiner an!“

Das tat er. Er zeigte mir den Park. Da war eine herrliche Schaukel. Ob
ich schaukeln dürfe? Er zuckte die Mathiasschultern: „Meinethalben,
wenn dir solche Kinderei noch Spaß macht.“

Sie machte mir über eine halbe Stunde Spaß. Dann kamen wir an einen
Weiher mit einem entzückenden Boot. Ob ich rudern dürfe? „Meinetwegen,
wenn dir solche Wasserplantscherei Vergnügen macht“, sagte er mit
hochgezogenen Mathiasaugenbrauen. Und ich durfte ihn rudern, während er
gähnte.

Dann war ein zahmes Reh hinter einem Zaun, ein allerliebstes Reh. Ob
ich’s betrachten dürfe? Er nickte nachlässig mit dem Mathiaskopfe:
„Meinetwegen, wenn du sonst nichts besseres weißt.“ Und wieder wußte
ich eine halbe Stunde lang nichts besseres und konnte mich nicht satt
sehen an den großen Rehaugen und den zarten Bewegungen, während der
Mathias, mit den Händen in den Hosentaschen, pfeifend um den Zaun ging.

Dann gab es Erdbeeren mit Schlagsahne. Ob er je was besseres
gegessen hätte, fragte ich begeistert den Mathias. Da riß er langsam
den Mathiasmund auf und sagte gähnend: „Gott, man kann doch alle
Schlagsahnen, die man schon verzehrt hat, nicht im Kopfe haben.“

Darauf holte er sich ein dickes Buch und las es, während ich im weichen
Grase hinter einer blütenüberschneiten Hecke lag und träumte, träumte...

Ich habe es noch lange Jahre später bekannt: das war mein schönster
Tag. Dann bin ich alt geworden und es versanken nacheinander meine
Eltern, der Park, der Staatsrat, der Mathias -- nein, den Mathias habe
ich gestern in einem Wartesaal wiedergetroffen, sehr vornehm, knapp
vorm Staatsrat, glaube ich. Aber er plauderte sehr gütig mit mir,
denn bis zu seinem Anschlußzuge hätte sich ihm sonst die Langeweile
angeschlossen. Als der Gesprächsstoff auszugehen drohte, sagte ich:
„Weißt du noch, Mathias: der gemeinsame Parknachmittag damals bei
deinem Onkel, dem Staatsrat --“

„N--ja, erinnere mich dunkel. Aber sprich nur zu, vielleicht daß ich
mich dann an die Einzelheiten --“

„Ja, da war vor allem die Schaukel -- dann der Weiher mit dem Boot --
dann hinterm Zaun das Reh -- dann die Erdbeeren mit Schlagsahne --
schließlich im Grase hinter der Hecke --“

„Ja ja, jetzt weiß ich’s wieder: es war gräßlich, nicht -- ah, eben
rufen sie den Zug ab -- du entschuldigst --.“



Das blaue Band


Wie soll man sich zum blauen Band stellen?

Hm, es kommt darauf an. Es gibt verschiedene blaue Bänder. Da wäre
zunächst ein blaues Band, das unsere Liebste trug, das unserer
kinderjungen Liebsten sich um den blonden Haarzopf schleifelte --
ich weiß noch, wie lustig die seidenblauen Bänderenden in den Wind
flatterten.

Nein, nicht dieses blaue Band. Ich bitte euch, wer spricht denn heute
noch von blauen Liebesbändern.

Dann weiß ich noch ein anderes blaues Band, das ist es französisch:
_Le cordon bleu_, sagen sie hinter den Vogesen und verleihen es
der Köchin, die am besten kocht.

Das ließe sich schon eher hören, zum mindesten ist es substantieller.
Aber noch nicht, wie soll ich sagen -- noch nicht aktuell genug. Habt
ihr denn nie von einem dritten blauen Band gehört, dem blauen Bande,
das von England ausging, _The blue ribbon_, nach dem ein Hetzen
ist und Jagen? --

So will ich euch seine Geschichte erzählen, wenn ihr Zeit habt, die
Geschichte vom blauen Band.

Also dieses blaue Band bekam der Mast auf dem Schiff, das am
schnellsten durch den Ozean fuhr. _The blue ribbon_ ging von einem
Schiff zum anderen. Erst waren sie alle englisch, diese Schiffe. Das
erste war ein Zehnknotenschiff. Zum Lachen -- das haben sie damals
schnell geheißen. Dann entriß es diesem Schiff ein Dreizehnknoter.
Darauf mit einem scharfen Sprung ein sechzehnknotiger Ozeanrenner.
Und beim Siebzehnknotigen, dessen Mast das blaue Band umschlang,
da war es, daß ein Dichter die Bezeichnung „Windhunde des Meeres“
prägte. Und reihum weiter wanderte das blaue Band, das vielbegehrte,
heißumstrittene. Ganze Völker waren an der Jagd beteiligt. Das war eine
Freude rechts und ein Jammer links, als hinter zwanzig Knoten das blaue
Band von England über den Kanal nach Deutschland flatterte.

Nun ging erst recht das Jagen an. Herunter glitt das blaue Band vom
Mast und legte sich beklemmend den Kapitänen auf die Brust: Fahrt zu,
fahrt zu, heizt die Kessel, bis sie glühen -- das Band, das blaue Band,
wir müssen’s wieder haben! Was sagt ihr -- der Eisberg? Der Teufel soll
den Eisberg holen, wenn das blaue Band dahinter schimmert!

Und dann war es, daß das blaue Band pfeilgeschwind durch die
Schiffsluke hinunterschoß über Treppen und Gestänge, daß es den Heizern
um die Ohren knallte: Vorwärts, vorwärts, schaufelt ein! Daß es um die
Kessel schwirrte, bis sie rot vor Zorn erglühten. Daß es im Manometer
die Dampfdrucksäule schob und zerrte, bis das blaue Band den roten
Explosionsstrich überdeckte...

Und wenn dann der Kessel barst, und wenn dann der Eisberg einen
Schiffsleib aufriß, wie man eine Naht auftrennt, so sahen sie den
Kessel und den Eisberg, nicht das blaue Band.

Und über das vergurgelnde Schiff wehte das blaue Band weiter übern
Ozean.

Herüber und hinüber flatterte es zwischen den Nationen, ohne Rast und
Ruh. Und wenn’s des Meeres überdrüssig war, so flog’s aufs Land. So
tauschte es den Mast mit rauchenden Kaminen: in der Fabrik erstand
soeben eine neue Schraube, die dem besten Schiffe ein paar neue Knoten
zulegt; oder es webte blau durchs offene Fenster in ein Erfinderzimmer
und legte sich um seine hohe Stirne, just im Augenblicke, wo daraus die
Lösung einer neuen Dampfturbine sprang.

Das blaue Band sah einen langen Weg zurück. Weit um die Erde ging
der unerbittlich schnurgerade Weg. Meilensteine standen klotzig
an den Rändern -- fünfundzwanzig Knoten -- sechsundzwanzig Knoten
-- siebenundzwanzig Knoten... Was lag daran, daß da und dort ein
Meilenstein auch eine Grabinschrift auf seiner anderen Seite trug?

Als ob die Leichensteine nicht an jedem Fortschrittswege stehen müßten!

Und ein Fortschritt war es, als der dreißigknotige Schiffskoloß dem
blauen Bande seine Reverenz erwies. Als der Fünfunddreißigknotige den
Golfstrom schnitt, und als das Vierzigknotenschiff mit schwarzem Atem
den Wendekreis des Krebses heraufkeuchte.

Nun gab’s kein Halten mehr im Rasen. Erfindung auf Erfindung holte sich
das blaue Band aus den Gehirnen. Wütend, immer wütender peitschte es
die Meere und die Menschen: fünfzig Knoten, sechzig Knoten, siebzig
Knoten.

„Und ich gebe eher keine Ruh,“ sagte Mister Hobbledihoi, „als bis mein
‚Thunderer‘ fünfhundert Kilometer in der Stunde macht.“

Und Mister Hobbledihoi war der Mann, das durchzusetzen. Und eines Tages
fauchte sein „Thunderer“ wie ein Geschoß übers Meer. Am Bug, das blaue
Band, es ringelte sich vor Freude und schrieb die Zahl 500 in die
zerschnittenen Lüfte.

Fünfhundert Kilometer in der Stunde waren überschritten.

„Und ich gebe eher keine Ruhe,“ sagte Brinkmann, der Schiffsmagnat,
„bis mein ‚Blitzstrahl‘ die drei Nullen mit dem Einser vorne aus den
Wassern holt.“

Und Herr Brinkmann war der Mann, das wahrzumachen. Ein Heer von
Ingenieuren hetzte er mit Geld und Ehren. Ein Volk verfieberte er
zu wütender Begeisterung. Ein Kohlenbergwerk warf er in sein Schiff
und zwang es zu den tausend Kilometern in der Stunde. Das war in
einer Nacht, als an Bord die tausend Lichter glänzten. Im Luftschiff
drüber sahen es die Leute. Und es war ihnen, als blitzte eine riesige
Sternschnuppe durch den Weltenraum.

Auf der Kommandobrücke stand der Schiffsherr Brinkmann neben
seinem Kapitän. Der Kapitän las beim Scheine einer Glühlampe den
Geschwindigkeitsmesser ab und legte salutierend seine Hand an die Mütze.

„Ich gratuliere, Herr Brinkmann,“ sagte er, „der Zeiger hat die Tausend
überschritten. Darf ich es der Welt verkünden?“

Brinkmann nickte. Es war ein eisernes Nicken.

Und als jetzt der Kapitän auf einen Knopf drückte, zerriß ein
ungeheurer Pfiff die Lüfte. Der sollte es der Menschheit sagen, daß
eine Riesentat vollbracht war. Eine Tat, die dieser Eisenmensch auf der
Brücke in die Welt warf.

Der?

Ein blaues Band kam auf den Schwingen jenes Pfiffes herangeflattert:

„Mir galt der Pfiff,“ raschelte das Band, „ich danke...“ Und dann
ergriff es von dem Schiff Besitz. Und geruhig sah es, wie im nächsten
Hafen unter ihm die Kränze und die Sträuße sich zu Bergen häuften, wie
die Weihereden stiegen, wie die verstolzte Menschheit sich vor Hochmut
in die Brust warf...

Und noch während dem Gerede drunten schaute das blaue Band am Mast nach
neuen Siegen aus.

Die kamen. Die stampften gleichmütig über den Schiffskoloß und seinen
Herrn. Das war an jenem Tage, als Mister Hobbledihoi die bis dahin
allgewaltige Kohle aus seinem neuen Schiffe „Zeitlos“ warf und die
elektrischen Ströme, die verschwiegen die Erde umkreisten, zwang,
seinen „Zeitlos“ um die Erde zu jagen. Das war, als Mister Hobbledihois
„Zeitlos“ beim Sonnenaufgang von Europa fortschoß gegen Westen.
Das war, als fünfzehnhundert Kilometer in der Stunde überschritten
wurden. Das Wasser kochte vorn am Bug, der die Längengrade in sich
hineinfraß. Das Wasser kochte hinten am Kiel, wo die Schrauben
wahnsinnig geworden waren. Weit und breit kein kleinstes Fischlein
in der Wasserwüste -- sie waren vor dem Donnergang des „Zeitlos“ jäh
geflohen. Die schnellsten Vögel riß der Luftwirbel aus ihrem Reich,
ihre plattgedrückten Leiber klebten vorn am Buge.

„Mister Hobbledihoi,“ sagte der Kapitän, „Brinkmann ist geschlagen.“

„Ich weiß es und ich ehre ihn, denn ich stehe auf seinen Schultern.“

In diesem Augenblicke kam der König auf die Brücke. Und es war der
König, welcher sich verneigte vor dem Schiffsherrn und ihm eigenhändig
ein blaues Band ins Knopfloch seines Rockes schlang. Nein, schlingen
wollte. Denn ein Windstoß kam und riß es in die Lüfte.

„Wenn wir am Land sind, habe ich ein anderes,“ sagte der König: „nur
eine Frage hätte ich.“

„Bitte, Majestät.“

„Warum heißen Sie Ihr Schiff denn ‚Zeitlos‘?“

Der Schiffsherr wies stumm nach der noch immer aufgehenden Sonne, die
seit geraumer Zeit nicht um einen Zoll höher gegangen war am Horizonte.

Der König verstand nicht gleich.

„Das bedeutet?“ wandte er sich fragend an den Kapitän.

„Das bedeutet,“ sagte dieser, „daß unser Schiff sich mit der gleichen
Geschwindigkeit von Osten nach Westen bewegt, als sich die Erde in der
umgekehrten Richtung um sich selbst bewegt, Majestät!“

„Und somit,“ ergänzte der Schiffsherr ruhig, „somit kann es auf unserm
Schiff nicht -- nicht später werden, solange wir nach Westen fahren.“

„Und auf unserm Schiff wird es immer Sonnenaufgang sein“, sagte der
Kapitän.

Lange schwieg der König. Dann sagte er:

„Ich hatte einen Vorfahren, der von sich sagen konnte, in seinem Reiche
ginge nie die Sonne unter. Ihr habt sein Reich zusammenschnurren lassen
auf ein stampfendes Schiff. Auch auf eurem Schiffe geht die Sonne
nicht mehr unter. Meines Vorfahrens Reich -- und euer Schiff -- meine
Herren, mich dünkt, wir könnten uns die Hände reichen...“

       *       *       *       *       *

Hier brach der Erzähler ab.

Der zu seinen Füßen saß und horchte, sagte traumverloren:

„Aber dann würden ja die Menschen auf diesem Schiffe auch nicht --
nicht älter werden können?“

Der Erzähler lächelte:

Der Ruhm des „Zeitlos“ hallte über die Erde. Die Menschen rissen sich
um einen Platz in den Kajüten.

„Man altert nicht auf diesem Schiffe“, riefen sie, „die Uhr des Lebens
kann nicht einen Pendelschlag auf diesem Schiff tun. Auf seinen Planken
hat die Zeit die Macht verloren, nicht eine Runzel kann sie neu auf
unserem Gesichte ziehen.“

Um solches zu erlangen, war ihnen nichts zu teuer. Und
die Schiffswerften der Erde bauten Tag und Nacht an neuen
„Zeitlos“-Schiffen.

Und in den Häfen drängten sich die Menschen:

Wir wollen zeitlos werden, zeitlos! schrien sie und stürmten auf die
Schiffe...

Aber da war es, daß eine neue Nachricht die aufgescheuchte Welt
durchzitterte:

Brinkmann, der Besiegte, hatte sich erhoben. Brinkmann, der Besiegte,
hatte ein neues Schiff gebaut. Das hieß er „Die Vergangenheit“. Warum
denn „Die Vergangenheit“? Die Antwort spielte der Telegraph um die Erde:

Das neue Schiff läuft schneller als der „Zeitlos“, also schneller auch
als sich die Erde um sich selbst bewegt. Mithin...

Die zum ersten Male auf der „Vergangenheit“ fuhren, konnten sich
vor Staunen gar nicht fassen: eben, bei der Abfahrt, war die Sonne
im Westen in das Meer gesunken. Los schnellte das Schiff vom alten
Kontinent, wie vom Himmelsbogen ein Pfeil, den der Allmächtige in den
Weltenraum hinausschießt. Und, o Wunder, da sah man die untergegangene
Sonne wieder zurückgehen, wieder aus dem Meere aufwärtstauchen, wieder
zu einem neuen Nachmittage, nein, einem schon vergangenen Nachmittage
rückwärtswandern...

Die Menschen auf dem Schiffe wurden nicht älter. Die Menschen auf dem
Schiffe blieben auch nicht stehen in der Zeit.

„Wir werden jünger -- jünger -- jünger!“ riefen sie in überquellender
Begeisterung.

„Wir wandern in unsere eigene Vergangenheit hinein!“ schrien sie.

Und so war es.

Die Menschheit, die nicht sterben wollte, flüchtete sich auf das letzte
Riesenschiff, auf „Die Vergangenheit“. Kaum, daß sie abgestoßen waren
vom Gestade der Gegenwart, schwenkten sie die Hüte, schwenkten sie die
Tücher:

„Wir fahren in unser Jugendland, in unser Jugendland zurück!“

Das war ein sonderbares Rückwärtstauchen in die Vergangenheit.

Da hatte man eben zärtlich Abschied genommen von den Seinen, als man
über die Schiffstreppe heraufstieg. Und gleich darauf durchlebte man
die Abschiedszärtlichkeit von neuem.

Da hatte man ein großes Glück genossen vor der Reise. Und gleich darauf
wiederholte sich zwangsläufig alles Glücksgefühl von rückwärts.

„Wie ist mir denn?“ sagten die Passagiere der „Vergangenheit“, „hatte
ich diesen Gedanken nicht schon früher einmal gefaßt?“

Und die, welche weiße Haare im Vollbart hatten, sahen mit Erstaunen das
vergangene Schwarz von neuem aus den Spitzen in die Höhe gehen und das
vertriebene Weiß verkroch sich in die Wurzeln.

Und was das Sonderbarste war! Sie erlebten jetzt die Wirkung vor der
Ursache.

Eines Jungen Wangen fingen rot zu brennen an. „Uh,“ heulte er, „uh“,
und hielt sich die Backe. Und danach erst bekam er von seinem Vater
die Ohrfeige, und wieder danach beging er jenen Streich, für den die
Ohrfeige vermeint war. Alles war jetzt umgekehrt wie früher.

Erst kam die Sättigung, und wenn man trotzdem aß, so stellte sich der
Appetit am Schlusse ein. Man gab sich einen Kuß und fragte danach erst,
ob man sich einen geben dürfte. Man legte sich des Morgens ausgeruht
ins Bett und schlief sich müd zum Abend vor, stand auf und fing die
Arbeit an und wurde munter, immer munterer. Man machte die Entdeckung,
daß man mit einer Arbeit fertig war, und war im Handumdrehen erst am
Anfang, wo man an dem Federhalter kaute...

Wieder stand Brinkmann neben dem Kapitän auf der Schiffsbrücke.

„Es ist sonderbar,“ sagte der Kapitän, „ich habe darüber nachgedacht
und finde, daß jetzt die Welt gerade infolge des rasenden Fortschritts
rückwärts geht.“

„Ich denke, wir treiben hier keine Philosophie, Kapitän“, sagte
Brinkmann, der Eisenmann.

„Nein,“ sagte der Kapitän, „wir treiben Schnelligkeit, und wir selber
treiben mitten in der Schnelligkeit, ein wenig hilflos, will mir
schei--“

Es knitterte vom Mast. Ein Funkspruch wurde überbracht. Brinkmann las.

„Rasch, Kapitän,“ sagte er, „steuern Sie sofort zum Pol. Ich erhalte
hier eine sonderbare Nachricht von meinem alten Feind, dem Mister
Hobbledihoi -- ich muß sehen, ob das wahr ist...“

Und dann flog die „Vergangenheit“ zum Pol.

Der war auf einer Insel. Dort hielt die „Vergangenheit“. Brinkmann und
der Kapitän nahmen ihre Fernrohre an die Augen.

„Sehen Sie ihn, Kapitän?“

„Ja, ich sehe Mister Hobbledihoi haarscharf auf der Erdachse sitzen.“

„Auf einem Stuhle, glaub’ ich?“

„Ja, ein Klavierstuhl, der sich ohne Ende dreht. Wie rasend dreht sich
der Mensch um die Polachse, warten Sie, von -- von Ost nach West --“

Da tat Brinkmann, der Eisenmann, einen fürchterlichen Fluch.

„Kapitän, Kapitän, nun hat uns dieser dennoch überwunden!“ schrie er.

„Wieso?“

„Zum Teufel, verstehen Sie denn nicht: so oft sich dieser Mensch auf
dem Klavierstuhl herumgedreht hat, so oft sich seine Beine einmal um
die Polachse geschlenkert haben, hat er dasselbe getan, dasselbe, was
wir --“

„Was wir in einer Erdumschiffung taten -- in der Tat, das hat er, und
bei jeder Drehung wird er in viel, viel kürzerer Zeit um einen Tag
jünger, als wir es auf unserer ‚Vergangenheit‘ jemals werden können.“

Und dann sahen sie mit ihrem Fernglas, wie der Mann sich auf dem
Klavierstuhl schneller drehte, immer schneller.

„Weiß Gott,“ schrie Brinkmann, „jetzt ist er gut um dreißig Jahr
jünger, als ich ihn das letzte Mal sah.“

„Nein, um vierzig“, sagte der Kapitän.

„Ein Junge ist er jetzt, ein Junge!“

„Wahrhaftig, nicht mal mehr ’n Bart.“

„In den Windeln liegt er, in den Windeln!“

       *       *       *       *       *

„Und jetzt, Kapitän, was sehen Sie jetzt?“

„Jetzt sehe ich gar nichts mehr.“

„Das ist doch nicht möglich -- schauen Sie schärfer!“

„Keine Täuschung -- leer ist der Klavierstuhl, rattekahl leer.“

„Kreuzteufel, wie erklären Sie das, Kapitän?“

„Wie ich mir das erkläre? Ei ganz einfach -- der Mann hat sich durch
die Schnelligkeit über seine eigene Geburt hinausgelebt -- weg ist er
-- nicht mehr wiederkommen tut er.“

„Aber wenn wir ausstiegen, Kapitän -- wenn wir den Klavierstuhl in der
anderen Richtung drehten?“

„Was futsch ist, das ist futsch und wird nicht mehr lebendig.“

„Kapitän, drehen Sie um -- wir fahren heim.“

„Mit welcher Geschwindigkeit?“

„Mit -- mit einer -- vernünftigen.“

„Vielleicht fünfzig Kilometer über Erdachsengeschwindigkeit?“

„Zum Teufel mit der Übererdgeschwindigkeit -- wir fahren einfach
fünfzig Kilometer in der Stunde.“

„Sehr wohl.“

Brinkmann wollte gehen. Da löste sich vom Mast ein blaues Band, ein
blaues Schleifchen. In zierlichen Spiralen schaukelte es dem Kapitän zu
Füßen. Der hob es auf.

„Meister,“ rief er Brinkmann nach, „Meister, das blaue Band ist vom
Mast gefallen -- was soll ich tun damit -- soll ich’s wieder --?“

Der eiserne Brinkmann drehte sich um:

„Das blaue Band“, sagte er langsam. „-- Sie haben ein junges Mädel zu
Hause, nicht wahr, Herr Kapitän?“

„Ja, allerdings.“

„Dem flechten Sie’s ins Haar, Kapitän...“



Die Rundfrage


In der Redaktion war es schwül. Der Verleger hatte angeklingelt:
täglich der alte Schnee im Blatt, ob das eine Leistung sei -- hopla,
meine Herren, mal ’nen Bauchaufschwung, Rundfrage oder so was, aber fix
und or’j’nell, wenn ich bitten darf...

Die Redaktion stützte den Kopf in die Hand: Rundfrage? Als ob die
andern Blätter nicht schon alles Denk- und Undenkbare rundgefragt
hätten vom Säugling bis zum Sarg! Hm, ob vielleicht jenseits des
Säuglings unabgegrastes Rundfragsland sich dehnte? Etwa: „Wie denken
Sie über vorgeburtliche Erziehung?“

Die Redaktion schlug im Konkurrenzregister nach. Richtig:
„Aufsehenerregende Umfrage über Vorgeburtserziehung durch die Redaktion
der ‚Morgenröte‘.“ Diese „Morgenröte“ schnappte aber auch schon alles
weg!

Dann vielleicht jenseits des Sarges? Etwa: „Wie denken Sie über ein
Fortleben der Seele nach dem Tode?“ Wenn man nur gleich wüßte, ob man’s
im Register unter _F_, _S_ oder _T_ zu kontrollieren hatte. Ha, da
stand es: „Rundfrage über die Unsterblichkeit“, veranstaltet von der
„Abendröte“, von der „Mittagsröte“, von der „Nachmittagsröte“, von der
„Five-o’clocks-tea-Vorabend-Röte“. Alles dagewesen --

Ha, da kam ihm ein Gedanke:

„Herr Kollege, was sagen Sie zu der or’j’nellen Idee einer Umfrage über
‚Wie denken Sie über Umfragen?‘“

„Mensch, lesen Sie denn nicht die Konkurrenz? ‚Umfrage über Umfragen‘,
letzte Woche veranstaltet von der Vormittagsröte --“

„Na, denen können wir nicht nachklappen. Aber was ganz Apartes: ‚Wie
denken Sie über Rundfragen über Rundfragen über Rundfragen?‘ -- he,
Kollege?“

„Sie sollten ein halbes Stündchen an die frische Luft gehn, Kollege. --
Aber wir wollen mal die Setzerlehrlinge befragen -- die sind nicht so
ausgekocht.“

Die Setzerlehrlinge machten es wie die Redaktion und stützten ihr
Haupt in die Hand. -- „Na, Heinrich, haste dir noch nie Gedanken über
irgendwas Merkwürdiges gemacht?“

„Wenn ick uff’m Randstein langjehe, muß ick’s immer mit de Fieße so
inrichten, dat ick nich uff ’ne Fuge komme; warum mag det woll so sind?“

Noch am gleichen Tage knatterte die Setzmaschine den Umfragbogen in den
Schmelztiegel, der sie an die Druckerschwärze weitergab:

    Randstein-Fugen-Tritt-Vermeidungs-Umfrage.

    I. Haben Sie in Ihrer Jugend vermieden, auf Randsteinfugen zu
    treten?

    _a_) wenn ja, 1. warum? 2. mit welchem Erfolg?

    _b_) wenn nein, hat sich diese Neigung 1. später eingestellt?
    2. in welchem Alter? 3. mit welchen Begleiterscheinungen? normal?
    abnorm?

In der Ersten-Frühstücks-Ausgabe der Zweiten-Frühstücks-Röte erschien
der Umfragbogen. Dann begann der zweite Umfragsauftakt, das Verschicken
an sämtliche hervorragende Leute an der Hand eines gleichlautenden
Begleitbriefes:

    Hochverehrter Herr und Meister!

    Aus der Fülle des uns täglich zuströmenden psychologischen
    Materials hat eine eigenartige Menschheitsfrage immer dringlicher
    ihr Rätselhaupt erhoben, eine Frage, die, so unscheinbar sie
    erscheint, vielleicht in ihrer gründlichen Beantwortung dennoch
    geeignet ist, unabsehbares Licht in dunkle Seelentiefen zu werfen.
    Indem wir Ihnen die restlose Zergliederung dieser Frage in dem
    beiliegenden Fragebogen unterbreiten, sind wir uns bewußt, daß vor
    allem Ihr umfassendes Wissen und durchdringender Geist, verehrter
    Herr und Meister, geeignet erscheint usw.

    Wir werden das Ergebnis der Rundfrage systematisch aufarbeiten
    und veröffentlichen, ebenso wie wir nicht verfehlen werden, die
    auf Grund einer Separatumfrage innerhalb des Schoßes unserer
    Redaktion sich ergebende beste Antwort mit einem Freibezug unserer
    „Zweiten-Frühstücks-Röte“ für ein ganzes Jahr auszuzeichnen...

Für die führenden Köpfe des Landes begann eine nachdenkliche Zeit.
Denn das verstand sich, daß sie ihre laufenden Arbeiten sofort
zugunsten dieser Umfrage zu unterbrechen hatten. In einem raschen
Hochschwall begannen alsdann die Umfragantworten einzulaufen. Sie
wurden zunächst ohne Zusatz in der Reihenfolge ihres Einlaufs in der
„Zweiten-Frühstücks-Röte“ veröffentlicht.

Professor Schmalzbrunner war der erste, der sich so vernehmen
ließ: „In umgehender Umfragserledigung und umseitiger Überreichung
des ausgefüllten Umfragbogens erlaube ich mir, die Redaktion der
‚Zweiten-Frühstücks-Röte‘ zu der lichtvollen Erfassung des Zeitgeistes
an der Stirnlocke um so mehr zu beglückwünschen, als ich selbst schon
lange die Absicht hatte, der nunmehr auch von Ihnen angeschnittenen
psychologischen Frage eine gründliche Untersuchung angedeihen zu
lassen, auf welchen Umstand ich Sie bitte, in Ihrem redaktionellen
Teile aus Gründen des geistigen Erstgeburtsrechts ausdrücklich
hinzuweisen...“

Geheimrat Nasenschaber schrieb: „Vor Ausfüllung des Umfragbogens
bitte ich um gefällige Mitteilung, ob sich etwa auch Geheimrat
Hinthinlang an der Umfrage beteiligen wird, in welchem Falle ich unter
Berücksichtigung der minderwertigen Qualitäten dieses Herrn leider
nicht in der Lage wäre, auch nur vorübergehend unter dem gemeinsamen
geistigen Dache einer Umfrage meine gemessene Zeit zuzubringen.
Im übrigen habe ich gegen eine öffentliche Notiznahme von meinem
Vorbehalt, den ich meinem Rufe schuldig bin, nichts einzuwenden usw.“

Professor Doktor Spalthaar teilte mit: „Ich beantrage die Absendung
eines Vorfragebogens behufs Feststellung des Materials, aus welchem
besagte Randsteine in jedem einzelnen Falle angefertigt waren, da es
nicht unwahrscheinlich ist, daß je nach der granitenen, zementenen,
kalkigen oder kunststeinigen Beschaffenheit derselben die ursächliche
Festlegung der Fugenvermeidung des schreitenden Fußes, dessen
Beschuhungsart aus Leder, Holz, Filz oder Stroh, beziehungsweise seine
Unbeschuhung in Parallelkoinzidenz mit dem Material des Randsteins...“

Sogar General a. D. Festruff, der alte Haudegen, meldete sich, leider
in einer Form, die der öffentlichen Wiedergabe Beschränkung auferlegte:
„Warum man beim Gehen auf dem Randstein und so weiter und so weiter.
Ist mir wurscht. Hochachtungsvoll Festruff, General a. D.“

Die knappste Antwort erfolgte auf die Anfrage an Professor
Schrankelmaier: „Adressat seit zwanzig Jahren verstorben. Schwienecke,
Briefträger.“

Als konzentriertes Resultat der Umfrage ergab sich: 31 v. Hundert
der Befragten erklären das Überschreiten der Randsteinfuge
als einen körperlichen Zwangsreflex, 27 vom Hundert als eine
seelische Reizhandlung, während die restlichen 42 vom Hundert einer
psycho-physischen Mischung den Vorzug gaben. Genaueres ergab sich nicht.

Blieb am Ende noch die offene Frage nach der besten Antwort mit dem
Freibezug der „Zweiten-Frühstücks-Röte“ als Preis dafür. Im Schoß der
Redaktion ergab sich keine Einigkeit. Schlug einer einen vor: „Gewiß,
soweit ganz nett,“ erklärten alle andern, „aber doch nicht or’j’nell
genug.“ Also erweiterte man den Wettbewerb: auch Nichtbefragte durften
ihre Meinung sagen.

Wieder gab es eine Unzahl Lösungen. Der Redaktionsschoß lag und hörte,
nickte und bekannte: „Na ja, aber or’j’nell?“ „Nee, grad so oder doch
so ähnlich haben wir’s schon irgendwo gelesen.“

Die Zeit verrann. Einer mußte schließlich doch bepreist sein. Man
war verlegen. Man ließ, wie immer, wenn ein Krach in Aussicht stand
und im Zusammenhang damit ein Blitzableiter nötig werden konnte, die
Setzerjungen kommen.

„Na, Jungens, was empfindet ihr beim Überschreiten einer
Randsteinfuge?“ Die Jungen schwiegen. „Nu, der von euch, der auf die
Preisaufgabe kam, der wird doch was empfinden?“ -- „Jawoll, Herr
Doktor.“ -- „Na?“ -- „Nischt, Herr Doktor.“ -- „Nanu?“ -- „Weil ’n
verninft’jer Mensch prinz’b’jell immer nur direktemang uff die Fuge
stapft.“

Die Redaktion war baff. Die Redaktion erklärte einstimmig: „Blödsinnig,
wahnsinnig, blödsinnig, -- aber or’j’nell.“

Und so sprach man dem Umfragsetzerjungen auch den Umfragpreis zu.
Leider hat er ihn abgelehnt: „Gott behiete mir,“ sagte er, „det langt
zu, dat ick an dem Mist für det Wurstblatt mitsetze -- nu’ soll ick’t
ooch noch lesen? Is nich.“



Das Kugelzimmer


Der Bomhard war sonst nie, was man ein verrücktes Huhn nennt. Aber da
erbte er. Massig.

„Kinder,“ sagte er, „ich habe eine Idee.“

„Ah, eine Idee, und die wäre, lieber Bomhard?“ Ideen eines Erben sind
ja stets beachtenswert.

„Unsere Zimmer sind alle falsch gebaut, ist euch das noch nie
aufgefallen?“

„Gewiß -- natürlich -- grundfalsch sogar -- das heißt -- zu klein,
nicht wahr?“

„Nee, zu eckig.“

„Eckig? hm, allerdings, man könnte sie ’n bißchen weniger eckig --
sozusagen ein wenig rund --“

„Nee, ganz rund, eine Kugel ist das beste.“

Hätte Bomhard nicht geerbt gehabt, „Kugel?“ hätten wir ihm ins Gesicht
gelacht, „das ist ja zum Kugeln!“ So aber: „Kugel? das ist ja -- ist
ja sehr interessant. Lieber Bomhard, möchtest du uns diese ebenso
originelle als -- als -- na ja, du weißt schon -- nicht ein wenig näher
--“

Im Telegrammstil, aber immerhin leutselig, schmiß er die Begründung
hin: „Erde rund -- Himmelskörper rund -- Köpfe rund -- Stämme rund
Früchte rund -- alles Vernünftige rund -- man sollte meinen, Menschen
hätten von Anfang an nur runde Zimmer -- anstatt dessen -- alles eckig
-- toll -- einfach toll --“

„Ja der Tat, wenn man bedenkt, wie oft man sich an Ecken stößt --“

„Nicht nur das -- da ist auch die Ästhetik -- gibt es etwas
Vollkommeneres als eine Kugel?“

„Es käme drauf an, was in der Kugel drinnen ist“, wagte ich.

„Vier drittel r hoch drei pi ist drin, das weiß ja jeder Schulbub, und
die Raumausnützung im Verhältnis zur Wandfläche ist zweimal größer als
beim Würfel, Mensch, was meinst du, wie sich in solchem Kugelzimmer
atmen läßt!“ Er schnaufte plastisch.

„In einem Zimmer ist nicht nur Luft drin,“ beharrte ich, „da sind auch
Möbel. Wie willst du an den Kugelwänden ein Bild, einen Schrank, ein
Bett, ein Nachtkästchen --“

„Blödsinnig einfach!“ sagte Bomhard hitzig, „man baut Kugelbilder,
Kugelschränke, Kugelbetten, Kugelnachtkästchen, Kugel--“

„Schön, aber den Zimmerboden wenigstens mußt du doch eben und gerade --“

„Fällt mir gar nicht ein, Kugel, alles Kugel --“

„Und wenn diese Möbel nun ins Rutschen kommen?“

„Dummes Zeug, werden angenagelt!“

„Und die Kugelstühle, Kugeltische, Kugelschemel, Kugelkohlenkübel?“

„Werden _dito_ angenagelt!“

Hätte Bomhard nicht geerbt gehabt, weiß Gott, ich hätte mir den Witz,
daß ein vernageltes Kugelzimmer auf den _dito_ vernagelten
Besitzer schließen lasse, nicht verkneifen können. So beschränkte
ich mich auf: „Und die vielen kleinen Sachen, wie Schirme, Stöcke,
Federhalter, Bleistifte --?“

„-- haben nach dem Gravitationsgesetz dauernd das Bestreben, nach dem
tiefsten Kugelzimmerpunkt zu rutschen“, sagte er vergnügt.

„Aber ist das nicht -- nicht unpraktisch?“

„Im Gegenteil, eminent praktisch! Bedenkt doch den Ärger, wenn in
den Würfelzimmern was verloren ging, sagen wir mal, eine Brille,
eine Haarnadel, ein Notizbuch, ein Schlips, ein Metermaßstab, ein
Geldschein, ein Pantoffel, ein --“

„Jaja,“ nickten wir in Erinnerung, „elende Sucherei --“

„Na, seht ihr, so was ist in meinem Kugelzimmer ausgeschlossen.
Mein Kugelzimmer verliert nichts. Mein Kugelzimmer präsentiert von
selber jede ausgekniffene Brille, jeden verlorenen Bleistift, jeden
verschlampten Pantoffel im Kugeltiefpunkt der Zimmermitte: bitte,
bedienen Sie sich.“

„Großartig,“ sagte einer augenzwinkernd, „großartig, bis auf eines.“

„Bitte?“ sagte der Kugelzimmererfinder feindselig.

„Wie willst du mit den von Mutter Natur nun einmal platt konstruierten
Füßen --“

„Falsch, grundfalsch! von Natur aus hätten wir nur Kugelfüße. Aber
die seit Jahrtausenden platten Würfelzimmer haben auch die Füße platt
gedrückt. Meine Kugelzimmer werden sie mit der Zeit schon wieder
sphärisch biegen. Und bis dahin kann man sich ja mit entsprechend
konstruierten Kugelstiefeln behelfen.“

„Famos,“ sagte der Zwinkerer, „ganz famos, alle Einwände räumt er
weg. Seine Kugelzimmer sind theoretisch einwandfrei. Freilich, ob er
praktisch einen Kugelarchitekten findet, der --“

„Schon gefunden. Hier der Aufriß. Da der Grundriß, bitte.“ Er
entfaltete Blätter, auf welchen lauter Kreise Kegel schoben. Der
Zwinkerer schien sie eifrig zu studieren.

„In der Tat -- in der Tat -- schlechterdings vollkommen bis auf -- bis
auf die Zwickel.“

Bomhard wurde unsicher. „Welche Zwickel?“ stotterte er.

„Nun, diese Hohlräume zwischen den aneinander liegenden Kugelzimmern
sind doch unnütz, platterdings unnütz.“

Bomhard erbleichte: „Allerdings -- allerdings -- ich werde darüber
nachdenken -- ich werde sie wegkonstruieren oder sonst eine Lösung --
eine praktische Lösung...“ Er ging verstört.

„Mensch!“ berannten wir den Zwinkerer, „du hast kein Herz, kein
Kugelherz. Du hättest ihm mit seinem Kugelwahne ruhig glücklich werden
lassen sollen, wo er doch die Gelder dazu hat.“

„Seh ich nicht ein, da wir mit unsern Wahngebilden auch nicht glücklich
werden dürfen.“

„Erlaube mal, wir haben keine Wahngebilde --“

„Allerdings,“ sagte er sarkastisch, „solange wir nicht erben, müssen
wir sie schlafen lassen, müssen wir sie zurückstopfen, verstecken in
den Hohl--“ Er brach ab.

„Warum schweigst du?“

„Weil ich sonst die Lösung, die Bomhard sucht, vergeblich suchen wird,
verraten hätte.“

Recht bekam er. Bomhard fand die Lösung nicht. Er hat eine Unmenge
vergnüglich lächelnder Architekten mit einer Unmenge Geld versorgt.
Probekugelzimmer standen auf und rollten durch das Land. Wie sie aber
standen und die zweite Kugelzimmerzelle an der ersten sich zum Hausbau
fügen sollte, ließ er sie des Zwickels wegen gleich erschlagen. Er
selber konstruierte unzählige Kreise auf unzähligen Bögen. Aber die
Zwickel dazwischen, die nutzlosen Hohlräume grinsten immer spitzer und
verbogner: „He, und wir? was willst du aus uns machen, he?“

Vergrämt hat er sich angeschickt zu sterben. Der Zwinkernde ist an
seinem Bett gesessen. „Man hat mir mitgeteilt,“ sagte Bomhard schwach,
„daß du eine Lösung wüßtest, um die Hohlraumzwickel --“

„Ist noch Geld da?“

„Leider nicht, alles verzwickelt.“

„Gut,“ murmelte der Zwinkerer befriedigt, „dann können anderer Menschen
Hirnhohlräume nicht mehr vom Erbrest angestopft werden.“ Laut aber
sagte er: „Die alte Wäsche von den Kugelzimmern hätte man in den
Zwickeln ganz bequem --“

„Gott,“ stammelte der Sterbende, „daß ich daran nicht gedacht -- wer
denkt auch, wenn er erbt, an seine alte Wäsche!“ Und sein letztes Wort
war in Verklärung: „Also doch vollkommen!“



Schmuckel


Der Schmuckel war immer ein heller Kopf gewesen. Schon in der Schule
sagte der Herr Lehrer zu den anderen Schülern: „Den Schmuckel seht
euch an, so fix wie der im Rechnen sollten alle werden.“ Aber nicht
nur im Rechnen war es so. So einen deutschen Aufsatz schmiß er aus dem
Handgelenk ins Heft, daß es nur so schnackelte. Von der Geographie gar
nicht zu reden, wo die Nebenflüsse links und rechts des Rheins förmlich
aufeinander schnalzten. Heißt das, wenn der Schmuckel sie aufsagte. Bei
den andern schob sich zwischen der Kinzig und der Murg ein „Äh“ und
zwischen der Nahe und der Mosel eine Einsagpause, und zwischen Lahn und
Wupper gähnten ganze Reihen ausgelassener Nebenflüsse.

Wenn aber der Inspektor kam, vor dem man doch ein bissel glänzen
wollte, wurde der Schmuckel in der Geometrie aufgerufen. So ein
Inspektor ist Paraderösser sicherlich gewöhnt. Aber wie der Schmuckel
in die Arena ritt, wenn der Lehrer scheinheilig sagte:

„Na, jetzt könnte vielleicht der -- der -- Schwiefke -- nein, der
war schon daran -- nun, sagen wir mal, der Schmuckel noch sein
Paralleltrapez konstruieren, von dem gegeben ist die Mittellinie, die
Höhe, ein Winkel im Schnittpunkt der Diagonalen ...“

Der Inspektor müßte nicht der Inspektor gewesen sein, hätte er nicht
gewußt, daß diese Paralleltrapezgeschichte die allerverschwefelste
Aufgabe im ganzen Dicknether, Ausgewählte Konstruktionen für
Mittelschulen war, und -- unter uns -- ~ihn~ wenn der Lehrer
jetzt aus Versehen, anstatt des Schmuckels an die Tafel gerufen
hätte, er wäre aufgesessen, glatt aufgesessen, statt anderen
aufsässig zu sein. Und es brach ihm jetzt wahrhaftig ein gelinder
Schweiß aus, wenn er daran dachte: wenn jetzt der Schmuckel stecken
blieb, und wenn ein anderer Schüler auch nicht weiter wußte, und
wenn der Lehrer auch verdattert würde, und wenn es dann seine
verdammte Schulinspektorpflicht sein würde, selbst an das verflixte
Paralleltrapez zu treten: „Aber Herr Kollege, ist ja kinderleicht --
das macht man so und so und so...“

Unnütze Sorge. Der Schmuckel, der fixe Schmuckel, war schon mitten
in der Konstruktion und turnte mit der Kreide und dem Zirkel auf dem
Paralleltrapez herum, daß einem ganz schwindlig wurde -- Winkel rissen
ihre Mäuler auf -- Parallele spielten Fangeinmandel, ohne sich zu
kriegen -- Diagonalen kreuzten sich mit Würde, wie die Bandeliere auf
der Brust eines Napoleonssoldaten -- Kongruenzen führten Menuette auf,
und Mittellinien schmiß er an die Tafel, ohne Rast und ohne Wenn und
ohne „Äh“... ja, so einer war der Schmuckel.

„’n verdammt fixer Kerl!“ preßte es dem Inspektor heraus, trotzdem
ein Schulinspektor „verdammt“ und „fix“ und „Kerl“ eigentlich nicht
sagen durfte, sondern höchstens „bemerkenswert“ und „anstellig“ und
„Individuum“.

Nach der Schule hat sich der fixe Schmuckel mit dem Paralleltrapez
nicht weiter aufgehalten, sondern hat fix eine Stelle bekommen, hat
fix verdient, hat sich fix verheiratet, war der fixeste Häuseragent
geworden weit und breit. Es mag ja sein, daß der Schulinspektor
damals sich noch einen ganz andern Bauchaufschwung als bis zum
Häuseragenten von dem Musterschüler Schmuckel erwartet hatte. Etwa
einen Gelehrtenaufschwung, Dichteraufschwung oder so was. Aber
derartige Aufschwünge erfordern Wenn und Aber, „Ähs“ und lange Pausen
der Überlegsamkeit zwischen hinein. Womit der fixe Schmuckel sich aber
wirklich nicht aufhalten konnte, wenn er’s fix zu einem fixen Kerl mit
einem fixen Bankkonto bringen wollte.

Und das hatte er nun. Sogar eine fixe Frau zu seiner fixen
Häuseragentur. „Das muß man sagen,“ sagten die Leute, „ein patenter
Häusermakler ist er, dieser Schmuckel, wahnsinnig patent!“ Denn von
dreißig Jahren an sagt man nicht mehr fix, sondern patent. Das gehört
sich so, und außerdem ist es patenter. Patent ist übrigens hinter
dreißig Jahren jeder Mensch, der etwas auf sich hält. Schmuckel aber
war unter den patenten Häusermaklern eben auch wieder derjenige, wo --
mit einem Wort, er war wahnsinnig patent. Man hätte auch „furchtbar
patent“ oder „rasend patent“ oder „blödsinnig patent“ sagen können.
Aber das waren andere Häusermakler auch zur Not. Schmuckel allein war
wahnsinnig patent.

„Wenn du irgendeinem Hausmakler ein Haus zu verkaufen gibst,“ hieß
es, „was hat der für Bedenklichkeiten und Geschichten. Dagegen der
Schmuckel -- eins zwei drei, hat’s schon wegverkauft.“

„Ja, und gar wenn du ihn eins kaufen lässest, brauchst du nicht einmal
bis drei zu zählen -- hat’s schon gekauft für dich, bevor du überhaupt
noch selber wußtest, daß du ein Haus gewollt hast -- wahnsinnig,
einfach blödsinnig wahnsinnig, dieser Schmuckel.“ „Blödsinnig
wahnsinnig“ ist der höchste Orden, der für Fixigkeiten zu verteilen ist.

Nun erkennen Frauen sonst die öffentlichen Eigenschaften ihrer
Männer selten an. Nicht so Schmuckels Frau, ein stilles, kleines und
verträumtes Dingchen. Gegen andere sprach sie sich freilich nicht so
aus. Aber wenn sie sich selber fragte, was sie eigentlich von ihrem
hin- und hergehetzten fixen Manne habe, so sagte sie sich insgeheim:
„Wahnsinnig wenig, blödsinnig wahnsinnig wenig.“

Nun aber begab es sich, daß besagter Schmuckel einen Weinkeller hatte.
Einen wahnsinnig patenten Weinkeller. Was schließlich für einen
erfolgreichen Häusermakler nicht mehr als recht und billig ist. Vor
allem billig. Denn Schmuckel kaufte auch seine Weine einfach rasend
wahnsinnig blödsinnig billig ein.

Und weiterhin begab es sich, daß er sich einmal selbst in den Keller
begab, um einen solchen rasenden Wein am Spundloch zu probieren --
nein, um einen solchen Wein am rasenden Spundloch -- nein, es ist zum
rasend werden: um einen solchen Wein am Spundloch rasend zu probieren.

Als er den Becher untern Hahn hielt und diesen aufgedreht hatte, fiel
ihm ein solider Holzschlegel gegen die linke Schläfe. Pumm, wurde die
Stelle seiner vierten Gehirnwindung, wo die patente Fixigkeit zu sitzen
pflegt, eine Idee auf die Seite gerückt. Es war selbst mikroskopisch
nicht der Rede wert. Aber es genügte dennoch, um Schmuckels Denkapparat
nach einer andern Richtung einzuschalten.

Der Wein lief in den Becher, bis er überfloß, während Schmuckel sinnend
vor dem Spundloch saß und dachte: „-- und wenn ich damals in der Schule
nicht so fix gewesen wäre... hm ja, es konnte immerhin doch sein... hm
ja, und wenn ich die Konstruktion mit dem Paralleltrapez auch nicht
so fix gekonnt hätte... hm ja, und genau genommen, weiß man ja nicht
einmal, ob alle diese fixen Lehrsätze auch ganz richtig sind... hm
ja, man braucht nur anzunehmen, daß wir keine körperhaften Menschen,
sondern -- hm ja -- zweidimensionale Menschen wären, die auf -- hm ja,
hm ja -- auf Eierschalen lebten... hm ja, so daß der pythagoräische
Lehrsatz keinen Sinn hätte... hm ja, dann würde auch das Paralleltrapez
ein Blödsinn...“

Unterdessen lief der Wein und lief und stand schon knöcheltief im
Keller.

„-- hm ja, und wer weiß, ob ich dann ein fixer Häusermakler geworden
wäre, der hin und her verkauft und den ganzen Tag nur auf der Hetze
ist... hm ja, so daß für mein kleines Frauchen eigentlich nichts übrig
bleibt von mir, als ein bißchen Fixigkeit... hm ja, und wenn wir
dann auch weniger verdienten... hm ja, ja hm, dafür aber glücklich
wären -- hm ja, furchtbar glücklich, wahnsinnig glücklich, blödsinnig
glücklich... nein, ist ja Unsinn, einfach glücklich, das genügte --“

Hier war es, daß der Wein ihm an die Waden reichte, und daß das
Schmuckelsche Dienstmädchen herunterkam, um nachzuschauen, wo ihr Herr
solange bliebe: „Aber gnädiger Herr,“ rief sie, „was machen Sie denn
da?“

„Ich habe darüber nachgedacht, Kathi wenn ich nicht immer so fix
gewesen wäre... hm ja, es hätte doch sein können... hm ja, und wenn wir
zweidimensional auf Eierschalen lebten... hm ja, und wenn wir dann
auch weniger verdienten... hm ja, und wenn ich dann mit meiner Frau
viel glücklicher wäre... hm ja, Sie verstehen, Kathi --?“

Da wurde die Kathi auch besinnlich, setzte sich auf einen Kellerstuhl
und sagte langsam: „Hm ja, freilich kann ich Sie verstehn, Herr
Schmuckel... hm ja, und wenn Sie dann mit Ihrer Frau so glücklich
wären... hm ja, auf zwei sinidale Eierschalen ... hm ja, hm ja...“

Unterdessen lief der Wein und lief, und er stand ihnen schon bis
beinahe an die Knie, als die stille, kleine und verträumte Frau
Schmuckel auch herunterkam, um nachzusehen, was aus ihrem Mann und der
Kathi geworden wäre: „Aber Kinder,“ rief sie, „was macht Ihr denn da?“

„Wir haben darüber nachgedacht, liebe Frau, wenn ich nicht so fix
geworden wäre, so wahnsinnig -- so fürchterlich wahnsinnig fix, weißt
du... hm ja, und wenn wir dann auch weniger verdienten --“

„Hm ja, auf zwei simidale Eierschalen nämlich, gnädige Frau, hm ja“,
erläuterte die Kathi.

„Hm ja, und wenn wir dann erst glücklich geworden wären, liebe Frau...
hm ja, einfach glücklich, schlecht und recht...“

Hier war es, daß sich die stille, kleine Frau still zu ihrem Mann
gesetzt hatte, daß sie langsam ihr gutes Köpfchen zu ihm neigte:
„Ach ja, lieber Mann, glücklich wenn wir wären... hm ja, wir sind ja
glücklich... glücklich um und um... und ich wünsche mir nur, daß es
jetzt so bliebe... hm ja, mein lieber Mann, hm ja...“ Und sie verlebten
zum ersten Male selige Minuten ungetrübten Glückes.

Unterdessen lief der Wein und lief, und er stand ihnen jetzt schon
glücklich bis an die Lenden, als auf einmal ein zweiter solider
Holzschlegel von dem großen Weinfaß herab auf Herrn Schmuckels rechte
Schläfe fiel. Pumm, wurde die Stelle seiner vierten Gehirnwindung, wo
die patente Fixigkeit zu sitzen pflegt, wieder eine Idee auf die andere
Seite gerückt. Es war selbst mikroskopisch nicht der Rede wert. Aber es
genügte dennoch, um den alten Schmuckel wieder einzuschalten:

„Was ist denn das für eine Schweinerei!“ schrie er aufspringend, „fix,
den Hahn zu -- fix, Kathi, holen Sie die Feuerwehr -- nein, Kathi,
bleiben Sie, fix, Frau, fix, die Eimer her und wieder eingefüllt ins
Faß -- fix, Kinder, fix -- zum Donnerwetter, sag’ ich: fix...!“



Jod


Es ist kein Zweifel mehr. Die Wissenschaft hat’s festgestellt:

Das Blut wird von der Schilddrüse stündlich mit ein drittel millionstel
Gramm Jod gespeist. Ohne dieses Jod wird der Mensch ein Idiot trotz
aller Schulen, allen guten Willens. Ein Hundertstel Gramm Jod mehr in
unserm Blut, und wir fliegen dahin mit lockigem Haar, blitzenden Augen,
überschäumender Lebenslust. Ein Tausendstel Gramm weniger, und mit
erloschenen Augen schleicht ein Kümmerling zum Grabe.

So die Wissenschaft. Wie das Leben?

Unsere Schulzeugnisse müssen eine neue Spalte kriegen:

    Fritz Kugelmaier, Jodgehalt: Befriedigend.

    Hans Stoppinger, Jodgehalt: Sehr gut.

    Max Steinhofer, Jodgehalt gleich Null. Aufsteigen in die nächste
    Klasse nur bei energischer Nachhilfe in der Jodzufuhr gestattet.

Die Begegnungsformel „Wie geht es Ihnen?“ ist veraltet. „Und wie
steht’s mit Ihrem Jodinhalt?“ wird es hinfort heißen müssen.

„Sage mir, wieviel Jod du hast, und ich sage dir, wer du bist.“

Ein Beamter hat in einer Stellung ganz versagt. „Kein Wunder,“ wird
der Personalreferent angefahren, „wie konnten Sie einen Menschen mit
solchen Jodverhältnissen...!“

Der künftige Adolar erklärt der künftigen Kunigunde seine Liebe.
„Schön, mein Herr,“ sagt sie, „darf ich um Ihre Hand bitten.“

„Aber,“ stottert er, „eben darum wollte ich Sie bitten -- au!“ Denn
sie hat mit der Pinzette aus seinem Ringfinger ein Tröpflein Blut
entnommen, es im Reagenzröhrchen mit Säuren aufgeschüttelt und die
Stirn gerunzelt: „Mein Herr, Ihr Antrag ehrt mich, aber bei Ihren
dürftigen Verhältnissen --“

„Ich muß doch bitten, ich habe --“

„-- viel zu wenig Jod, mein Herr -- der nächste, bitte.“

Der Nürnberger Trichter wird das Zeitliche segnen müssen. Eine
Reichsjodanstalt wird aufgehen. Jodärzte werden von Injektionszelle zu
Injektionszelle rennen, mit Spritzen:

„Unter uns, Herr Kollege, wie könnten Sie den Mann nach Tabelle
_B_ mit so wenig Jod injizieren -- der Mann ist Wagenführer und
muß etwas leisten!“

„Na, wenn Sie schon so kritisch sind, so muß ich Ihnen sagen, Herr
Kollege, daß es von Ihnen Unsinn war, an den Mann auf Nummer 37 soviel
Jod zu wenden, wo die Magistratstabelle nur die Hälfte vorsieht.“

Der künftige Friedenskongreß. Verschiedene Regierungen beharren auf
Erörterung der Schuldfrage. Andere widersprechen. Der Kongreß droht
schon zu scheitern. Da erhebt sich der Professor Spyribingel: „Meine
Herren, die exakten Forschungen der Wissenschaft ergaben, daß, wenn
Napoleon zwei Milligramm Jod weniger im Blut gehabt hätte, er es
höchstens zum Stadtkommandanten von Ajaccio hätte bringen können. Die
ganze Geschichte Europas wäre eine andere geworden. Es hätte kein 1914
gegeben. Ich beantrage die Schlamperei des Impfarztes von Ajaccio für
schuldig am Ausbruch des Weltkrieges zu erklären...“

Es ~ist~ klar, daß von da ab alle Herrschenden der Erde abzutreten
haben werden. Herrschen wird von da ab nur mehr seine Wissenschaft, der
Pinsel -- Jodpinsel selbstverständlich.

So weit wäre alles gut und wissenschaftlich in der Welt geworden. Aber
eine Besorgnis habe ich doch. Nein, keine Besorgnis, sondern eine
Angst: gesetzt den Fall, es stürbe einmal Hindenburg -- mög’ es lange
nach dem Kriege sein -- und gesetzt den Fall, man hätte ihn seziert
-- jetzt noch die Blutprobe -- es erbleichet das Konsilium, und ein
Raunen geht durchs Haus der Wissenschaft, daß es klingt, als bröckelten
die Wände: „Um Gottes willen, meine Herren, nicht verlauten lassen, daß
wir den Weltkrieg mit Null Komma Null Gramm Jod gewonnen haben...“



Morgan


Man hat Bücherbretter voll Rezepte geschrieben über „Wie man reich
wird“. Aber es gibt nur ein Rezept dafür: keine Nerven haben.

Als Morgan anfing, Eisenbahnsysteme und Millionen aufzuschachteln,
hätte einer seinen Körper mit dem Ultramikroskop durchsuchen dürfen:
nicht die Spur von Nerven.

Keine Nerven? -- Dummes Zeug, womit hätte er denn da Lust gefühlt und
wäre aufgezuckt in Schmerzen? -- Ei, mit den Eisenbahnsträngen, die für
seine Rechnung vom Atlantischen Ozean an den Stillen Ozean liefen.

Diese Stränge zogen ihm die erste Milliarde in den kräftig pulsierenden
Kassenschrank. Daß Morgan an Stelle eines Herzmuskels einen feuerfesten
Kassenschrank besaß, darf ich als bekannt voraussetzen. Auch daß dieser
Schrank so konstruiert war, um gemünztes Blut hineinzulassen, aber
keins heraus.

Nach der ersten Bahnmilliarde fing es in den Dividendenkanälen zu
diesem Kassenschrank an, da und dort ein wenig weißlich aufzuglänzen.

„Doch keine Nerven?“ fragte er besorgt den Hausarzt.

„Hm, es kann auch Stahl sein, weißer Stahl von Ihrem neuen Eisentrust,
Herr Morgan.“

Morgan war beruhigt und häufte jetzt Milliarden, wie er vorher
Millionen häufte. Nach dem Bahntrust und dem Stahltrust kam der
Schiffahrtstrust. Das weißliche Geäder trat auf der Auskleidung seiner
Dividendenblutbahn deutlicher hervor.

„Also doch Nerven?“ rief Morgan und packte seinen Hausarzt am
Geldbeutel.

„I bewahre, die Kielwasserbahnen Ihrer Schiffe sind es.“

Es waren aber doch die Nerven, die still und zähe mitten durch die
Aktienmuskelbündel und die Obligationsfettpolster durchgewachsen waren.

Man holte einen Nervenspezialisten.

„Schade,“ sagte der und liquidierte hunderttausend Dollar, „schade, ein
paar Jahre früher, wenn Sie mich gerufen hätten, würde man sie ziehen
haben können.“

„Und jetzt?“ fragte Morgan angstvoll.

„Man könnte es mit dem Verwässern der Aktienmuskelbündel und der
Obligationenfettpolster versuchen“, sagte der Spezialist und
liquidierte wieder hunderttausend Dollar.

Morgan wässerte und wässerte, wurde aber dadurch nur noch reicher,
ohne seine Nerven zu verlieren. Ein Heer von Spezialisten kurierte
dran herum. Natürlich wurden da die Nerven ungebärdig und gereizt.
Sie bäumten sich und dehnten sich und schnurrten wieder zusammen und
zupften und rissen ihn an allen Enden.

Nicht mehr zu ertragen war es. Zwischen seinen Milliarden rannte
er herum. An ihren stahlharten Wänden brach sich sein Gestöhne und
klatschte mitleidlos auf ihn zurück.

Zerfasert und zersetzt rannte Morgan von den Spezialisten zum Schäfer
Ast. Der behandelte ihn genau wie alle andern: drei Nackenhaare
ausgerissen, ins Weiße der Augen gestarrt und abermals drei Nackenhaare
ausgerissen.

„Es war die höchste Zeit,“ sagte der Schäfer Ast, „denn Sie hatten
gerade noch sechs Nackenhaare.“ Und dann stellte er die Diagnose:

„Sie leiden an Ihren Milliarden, Herr Morgan“, sagte er.

„Sie meinen an den Nerven?“

„Ihre Nerven sind wie Spargeln aus dem Miste Ihrer Milliarden
herausgewachsen,“ sagte Schäfer Ast, der sich landwirtschaftlich
auszudrücken liebte, „schmeißen Sie den Mist hinaus, so hören auch die
Spargeln auf zu treiben.“

„Sie können mit dem Misten meinetwegen gleich bei mir den Anfang
machen“, setzte er hinzu und rollte einen leeren Mistkarren herbei.

Mit der lumpigen Million, die da hineinging, war es freilich nicht
getan. Morgan fing nach allen Seiten auszumisten an. Aber wie er
auch verschenkte und verschenkte, noch größer war der Zustrom seiner
Dividenden. Er war zu reich geworden, als daß er sich mit Schenken
hätte helfen können. Immer unbarmherziger schossen Spargel durch die
Beete, zappelten die Nerven am Gerüste, so sich Morgan nannte.

Morgan floh aus Kontor und Börse weit hinaus ins Land. Gleich schoß ihm
ein dünner Kupfernerv nach, der tickte, tickte: der Telegraph.

Morgan floh aufs Meer. Erschöpft lehnte er am Mast und murmelte:

„Gott sei Dank, daß in die Ozeanwüste keine Nervendrähte reichen.“

„Tick -- tick -- tick“, machte es oben am Mast und rann in den
zuckenden Körper Morgans ein. Es war der Auffangapparat für drahtlose
Telegraphie.

Morgan floh unerkannt in die telegraphenlosen Sabiner Berge. Das Leben
eines Hirten wollte er da führen. Aber unter seinen Händen organisierte
sich sein Schafgewerbe lukrativer, als bei allen anderen Hirten. Daran
erkannten sie ihn auch da und riefen:

„Du bist Morgan“, und begannen ihn anzubetteln.

Da erkannte er, daß er sich selber nicht entrinnen könne und floh, ein
zuckendes, zerflackerndes Nervenbündel, in die nächste Stadt. Das war
Rom.

Seine Leute wollten das erste Hotel für ihn mieten. Aber es war ein
Kongreß in der Stadt. Alle Gasthöfe waren überfüllt. In zwei Zimmern
eines kleinen Gasthofes landete der Abgehetzte. Fieberschauer warfen
ihn ins Bett. Der Hausarzt sah, es ging aufs Ende.

Die Nervenempfindlichkeit hatte derart zugenommen, daß ein umgewendetes
Blatt in seinem Buche ihn zum Rasen brachte.

Gegenüber klopfte ein Schuster und sang dazu. Morgan schäumte.
„Aufhören, auf der Stelle!“ ließ er ihm sagen. „In Rom gibt’s gegen
Klopfen und Singen kein Gesetz“, erwiderte der Schuster und sang und
klopfte weiter.

Morgan ließ ihm 1000 Dollar bieten. Der Schuster lachte und machte
Fenster und Laden zu. Aber Morgans Nerven wuchsen durch Ladenritzen und
durch Glas und hörten den Schuster immer noch.

10000 Dollar bot er ihm, wenn er das Klopfen ließe. Der Schuster lachte
und hörte auf zu klopfen. Aber noch immer sang er.

„Was verlangst du für deinen verfluchten Gesang?“ ließ Morgan sagen.

„Der Gesang ist mir das teuerste“, antwortete der Schuster und
verlangte 100000 Dollar.

Als der Schuster so erledigt war, fingen Straßenbuben zu pfeifen an.
Zwei Abgesandte Morgans stellten sich an beiden Straßenenden auf und
kauften jedem, der den Mund zu spitzen anfing, jeden Pfiff für schweres
Geld ab.

Als so die Straße pfiffefrei war, kamen die Zeitungen heraus.
Brüllend stürzten sich die Zeitungsjungen in die Straße. Wieder blieb
nichts anderes übrig, als ihnen alle Nummern schon am Straßeneingang
abzukaufen. Das war nicht so billig als es aussieht. Denn kaum hatten
die Druckereien erfahren, wer die Nummern kaufte, als sie ihre
Rotationsmaschinen aufs neue laufen ließen und die herausgeschleuderten
Zeitungsbündel alle nach der einen Straße schickten. Es begann ein
Kampf zwischen den Rotationspressen und Morgans Geld. Das Geld blieb
Sieger.

Schon glaubten Morgans Leute ihren Kampf gewonnen, als es über den
Zimmern zu dudeln und zu schleifen anfing. Ein Strohflechter feierte
seine Hochzeit. Braut und Bräutigam hatten ein Jahrzehnt für diesen Tag
gespart und wollten sich den Tanz, das Essen und die frohe Laune etwas
kosten lassen.

Morgans Bote kam heraufgestürzt: „Unser Herr ist außer sich. Ich kaufe
euch eure Hochzeit ab. Was kostet sie?“

Der Strohflechter und die Strohflechterin sahen sich an und lächelten
glücklich:

„Nein,“ sagten sie, „unser Hochzeitstag ist nicht verkäuflich.“

„Aber bedenkt doch, es ist Morgan, der eure Hochzeit kaufen will.“

„Wir kennen keinen Morgan.“

„Was, den kennt ihr nicht? Er ist der reichste Mann der Welt!“

Da sah der Strohflechter die Strohflechterin zum zweitenmal glückselig
an: „Der reichste Mann der Welt?“ lächelte er ungläubig, „nein, mein
Lieber, da irrt ihr euch, beim Blut der heiligen Madonna. Denn der
reichste Mann der Welt bin heute ich -- hopp, Kinder, einen neuen Tanz!“

„Deine Millionen haben da droben nichts ausrichten können, o Herr“,
berichteten Morgans Leute ängstlich vor seinem Bett.

Da ergrimmte das zuckende Nervenbündel, raffte sich zum letzten Male
auf und warf ihnen Armleuchter, Uhren, Stühle, Stiefel an den Kopf. Und
so gräßlich war er anzuschauen in seiner unglückseligen Tobsucht, daß
sie sich entsetzten und flohen. Der wimmernde Milliardär lag allein im
Bett.

Der kleine Laufjunge, der auch die Stiefel im Gasthof reinigte, war zur
Hochzeit hinaufgeschlichen, stieß die tanzende Braut an und flüsterte
ihr zu:

„Du, Maria, unter deinen Füßen liegt einer im Sterben...“

Die Musik hatte schon lange ausgesetzt. Kein neuer Tanz konnte
beginnen. Es fehlte ja die Braut. Wo sie nur blieb.

Unruhig stieg der Strohflechter eine Treppe tiefer. Da war eine Tür.
Klang hinter ihr nicht ihre Stimme? Vorsichtig klinkte er sie auf:

Ein unsäglich zermürbter Mann lag in den Kissen im Sterben. Die
Strohflechterin kniete im Hochzeitsstaat am Bett, wie Mütter an
Kinderbetten knien. Sie gab ihm zu trinken. Sie kühlte ihm mit ihrer
Hand die verwüstete Stirne. Sie sprach ihm zu, wie man Kindern
liebreich zuspricht:

„_Povero -- poverino -- poverissimo..._“

Und der sterbende Milliardär stammelte, wie Gehetzte stammeln:

„_Oh, thank you -- thank you -- I’ll get you a million I’ll get you
more_ -- eine Million sollen Sie haben -- mehr sollen Sie haben --
_thank you -- oh, I thank you so much..._“

Nun verstand freilich Morgan kein Italienisch, und die Strohflechterin
verstand kein Englisch. So zerstäubte das Millionenversprechen in der
Luft des Sterbezimmers.

Übrig blieb von allen Millionen ein gütiges und kostenloses „_Povero
-- poverino -- poverissimo_“ zwischen zwei Hochzeitstänzen
einer Strohflechterin, und der befreite Dankblick eines zerquälten
Milliardärs, der in seiner Sterbestunde das einzige ~geschenkt~
bekam, was er nimmermehr bezahlen hätte können.



Tag- und Nachtärger


Da hatte ich mich wieder einmal schandbar geärgert wegen irgendwas.

„Sie sollten sich doch nicht so ärgern am hellichten Tage“, sagte
jemand.

„Am hellichten Tage?“ sagte ich verwundert und ärgerlich zugleich,
„wissen Sie vielleicht ein Mittel, um den Ärger aus dem wachen Tag in
die dunkle Nacht zu schieben?“

„Ich nicht, aber der Doktor Switschbidiwitsch weiß eines.“

Stracks lief ich zum Doktor Switschbidiwitsch.

„Ist es wahr?“ sagte ich, „daß Sie den Tagärger in die schlafende Nacht
hineinzaubern können?“

„Gewiß kann ich das.“

„Dann bitte ich darum.“

„Hm, von welchem Tagärger werden Sie geplagt?“

„Es kommt hie und da ein Manuskript von einer Redaktion zurück.“

„Sonst nichts?“

„Es regnet stets in meinen Ferien.“

„Sonst nichts?“

„Meine Frau ist manchmal anderer Meinung.“

„Sonst nichts?“

„Und hat dazu noch meistens recht.“

„Hm, das letzte läßt sich hören -- aber ich mache Sie darauf
aufmerksam, ich kann den Ärger nicht verschwinden lassen -- das kann
niemand -- nur in den Schlaf abschieben.“

„Im Schlaf ertrage ich den Ärger gern, wenn nur der Tag von Ärger frei
ist.“

„Und ferner möchte ich bemerken, daß sich der in die Nacht geschobene
Tagärger zu wandeln pflegt, alle möglichen bizarren Gestalten annimmt.“

„Was liegt daran. Geträumter Ärger kann beschaffen sein wie er mag,
wenn ich nur den Tag vom wirklichen Ärger frei bekomme.“

„Hm, was den Unterschied von Traum und Wirklichkeit betrifft --“

„Zur Sache, Herr Doktor, ich spüre schon wieder einen Ärger unterwegs.“

„Nun, wie Sie wollen -- switsch -- bi -- di -- witsch -- switsch -- bi
-- di -- witsch -- zwanzig Märker, wenn ich bitten darf.“

Bei „Switschbidiwitsch“ hatte er ein paar magnetische Bewegungen meinen
Schläfen entlang gemacht, und bei den „zwanzig Märkern“ verwandelte er
die vertikale Handbewegung in eine horizontale.

„Wie, schon fertig?“ fragte ich, die Börse ziehend.

„Wenn Sie im Laufe der nächsten vierzehn Tage den geringsten Ärger
empfinden,“ sagte Doktor Switschbidiwitsch ein wenig beleidigt, „zahle
ich Ihnen vierzig Mark zurück -- freilich, was die Nacht betrifft...“

Doktor Switschbidiwitsch hatte nicht gelogen. Noch am gleichen
Tage liefen mir soviel Dinge über den Weg, über die ich mich sonst
totsicher geärgert hätte. Jetzt wunderte ich mich bloß ein wenig.
Wunderte mich, wenn ich dreimal hintereinander den Straßenbahnanschluß
verpaßte. Wunderte mich, als ich auf drei unter vier angekommenen
Briefen schweres Strafporto zu zahlen hatte. Wunderte mich
stärker, als meine Frau bei drei hintereinander aufgetretenen
Meinungsverschiedenheiten viermal recht bekam. Und wunderte mich
schließlich am stärksten darüber, daß ich mich über alle diese Dinge
lediglich zu wundern vermochte, und keine Spur zu ärgern.

Ich sah schon, die Sache war in Ordnung: ich würde niemals vierzig Mark
von Doktor Switschbidiwitsch erhalten.

Dann kam die Nacht. Mit der Nacht der Traum. Und mit dem Traum der
erste prophezeite Traumärger.

In der ersten Nacht träumte mir, ich ginge nach dem Frühstück in
mein Arbeitszimmer. Da saß schon einer an meinem Schreibtisch. Ein
wildfremder Mensch. Und schrieb und schrieb.

„Herr,“ tippte ich ihm ärgerlich auf die Schulter, „hier schreibe ich.“

„Wie Sie sehen, ist das eine falsche Behauptung“, sagte der Fremde,
ruhig weiterschreibend, ohne aufzusehen.

„Herr,“ ärgerte ich mich, „dieses Arbeitszimmer habe ich gemietet.“

„Stimmt.“

„Und bezahlt!“

„Stimmt auch.“

„Also arbeite ich auch darin.“

„Das ‚also‘ stimmt nicht.“

„Herr!“ schrie ich, „es ist mein Schreibtisch, auf dem Sie schreiben!“

„Seien Sie vergnügt, daß einmal was ordentliches drauf geschrieben
wird“, sagte der Fremde, ohne mit dem Schreiben auch nur einen
Augenblick anzuhalten.

Ich ärgerte mich schandbar. Aber es war nichts zu machen. Ich kam zu
keinem Federstrich an diesem Morgen und mußte mich entschließen, in
aller Frühe an meinen Stammtisch zu pilgern, wo ich meinen Ärger zu
ersäufen hoffte, aber weiter nichts als einen dicken Kopf davontrug.

Nun wird man freilich sagen, was liegt an einem dicken Nachtkopf, der
am Tage wieder dünn ist? Was liegt an einem dicken Nachtärger, den man
beim Morgenkaffee lachend untern Tisch wischt:

„Denk’ mal, liebe Frau, was für komisches Zeug ich heute nacht
geträumt...“

Aber ganz wohl war mir bei dieser Überlegung nicht, und ich erwartete
mit einigen Bangen die zweite Nacht.

Darin träumte mir, ich hätte meinen Namen zu schreiben. Der weiße Bogen
lag schon da. Auch die Feder, die eingetauchte.

„Ein bißchen rasch, wenn ich bitten darf“, sagte der Beamte, dem ich
meine Namensunterschrift abzugeben hatte.

Ich setzte zu seinem großen F an und stockte schon nach einem Zug: hm,
setzte man den oberen F-haken nach links an oder nach rechts? Es kam
mir vor, als hätte ich schon ebensoviele linkshakige als rechtshakige
F gesehen. Welche waren recht? Meine Feder zitterte und machte
schließlich einen Haken links und einen Haken rechts. Na, der Haken war
erledigt, Gott sei Dank. Jetzt den F-Strich durch die Mitte. Wieder
stockte ich: zum Donner, machte man jetzt noch den F-Strich, oder war
der nicht laut letzter Ministerialverordnung amtlich abgeschafft? Da
konnte man sich ja fürchterlich blamieren bei der eigenen Unterschrift.
Schließlich machte meine Feder einen solch haardünnen F-Strich, daß er
ebensogut mittels eines schemenhaften Traummeineids abgeleugnet hätte
werden können. Jetzt der zweite Buchstabe. Ich machte einen i-Strich
mit weniger Mühe, als ich gefürchtet hatte. Auf einmal spürte ich --
sehen konnte ich ihn nicht -- den höhnischen Blick des königlichen
Beamten, der mir beim Schreiben zusah: macht dieser Mensch das i vor
dem r!

„Entschuldigen Sie!“ sagte ich fahrig und versuchte, das i in ein
r umzukorrigieren. Das war eine endlose Arbeit. Ich drückte meinen
Zeigefinger ächzend durch vor Mühsamkeit. Davon bog sich auch der
Federhalter. Mit einem durchgebogenen Federhalter zu schreiben,
war erst recht eine Heidenarbeit. Der Schweiß brach mir aus, der
geschlängelte Federhalter fing zwischen meinen Fingern zu rutschen an.
Aber schließlich stand das r doch da. Es war freilich das sonderbarste
r, das ich je geschrieben hatte. Aber immerhin, es war ein r.

Jetzt kommt t und z, dachte ich, und wurde aufs neue unsicher: kam
zuerst das t, oder kam zuerst das z? Es schien mir im höchsten Grade
fraglich. Aber da spürte ich wieder den höhnischen Blick im Nacken und
wußte gerade noch rechtzeitig, daß weder das t noch das z kam, sondern
das i, das i von vorhin.

Wieder glückte der i-Strich verhältnismäßig rasch. Ach so, fehlte noch
der Punkt, der I-Punkt. Na, das ist doch das allereinfachste bei der
ganzen Namensschreiberei, der gotteslästerlichen, dachte ich, und
machte frischweg einen Punkt. Teufel, war er über’s r gekommen. Ich
strich ihn durch und machte ihn ein zweites Mal. Donner, jetzt saß er
überm F. Wieder durchgestrichen und gezielt, wie man auf einen Feind
zielt, scharf, unerbittlich. Ha, jetzt saß er überm i-Strich. Whupp,
kollerte er von seiner Höhe und trieb sich wie ein Billardball ruhelos
zwischen den Grund- und Haarstrichen der drei Buchstaben herum. Ich
lief ihm nach, ich fing an ihn anzuflehen:

„I-Punkt, lieber i-Punkt, laß dich doch erwischen, laß dich doch ein
einziges Mal erwischen.“

I-Punkte scheinen auch im Traume nicht ganz unbarmherzig zu sein. Denn
er ließ sich wirklich erwischen, und ich hielt ihn mit beiden Händen
über den i-Strich fest. Aber schon fing er wieder zwischen den Händen
zu surren an. Gleich würde ich ihn nicht mehr halten können... Es war
ein gräßlicher Traum. Ich wachte ärgerlich und schweißgebadet auf.

Wieder folgte ein glockenheller Tag ohne den geringsten Ärger. Wieder
kam die Nacht. Ich schob den Schlaf so lang als möglich auf, mit Lesen,
mit Summen, mit Liedersingen suchte ich mich im Bette wach zu halten.
Aber da schlief ich doch.

Da packte mich schon einer freundschaftlich-dringend am Ärmel:

„Gut, daß Sie da sind. Der Stelzenmaier ist erkrankt. Sie müssen für
ihn einspringen.“

„Stelzenmaier? Ich kenne keinen Stelzenmaier“, sagte ich.

„Ist auch nicht nötig. Hauptsache ist, daß Sie gleich seine Rolle
übernehmen -- sofort wird Ihr Stichwort fallen, machen Sie sich doch
bereit.“

„Aber ich habe doch noch nie auf dem Theater gespielt.“

„Ausgezeichnet, das gibt Ihrer Rolle die beste Natürlichkeit.“

„Aber ich weiß ja gar nicht, welches Stück und welche Rolle,
Heiligschockschwerenot...!“

„Das werden Sie alles wissen, wenn Sie vor dem Publikum stehen -- ha,
Ihr Stichwort -- rasch!“

Da hatten sie mich schon durch die Kulissen hinausgeschoben in ein
grelles mitleidsloses Licht...

Mitten in dieser Nacht mußte ich einen kalten Umschlag nehmen und wagte
nicht mehr einzuschlafen. Um das zu erreichen, zog ich den Wecker
auf, ließ ihn ablaufen, zog ihn wieder auf, immerzu. Aber schon beim
drittenmal veranlaßte meine Gattin meinen Umzug in das Fremdenzimmer.

Hier erwartete ich den vierten Tag, der wieder seraphinenhaft ganz ohne
Ärger aufzog. So sehr auch die Erinnerung an die drei Ärgernächte
versuchte, sich in den Tag als Ärger einzuschleichen, es gelang nicht.
Lächelnd schob der Tag jeden aufsteigenden Ärger mit der flachen Hand
gegen Abend zu:

„Dahinein, wenn ich bitten darf, laut Doktor Switschbidiwitsch.“

„Ich weiß schon, was ich die vierte Nacht tue“, dachte ich und
beschloß, mir sie in irgendeinem Gasthaus um die Ohren zu schlagen. Da
saß ich still in einer Ecke und kämpfte und kämpfte gegen den Schlaf.

Auf einmal war ich nicht mehr im Gasthaus, sondern im Bahnhof am
Schwanze einer langen Menschenschlange vor dem Fahrkartenschalter. Wie
alle andern trippelte ich vor Ungeduld, wann ich endlich an die Reihe
kommen würde. Wie die andern murmelte ich dann und wann: „Den Teufel
auch, wenn ich nun den Zug nicht mehr erwische.“

Endlich, nach einer Viertelstunde, bin ich an der Reihe. Ein
verärgertes Beamtengesicht mit gesträubtem Schnurrbart fährt mich aus
dem Schalter an:

„Na, wohin, -- so reden Sie doch!“

Heiliger Bimbam, jetzt hatte ich den Namen der Station vergessen.

„Nach -- nach --“, stotterte ich. Die Schweißperlen standen mir auf
der Stirne. Der Name fiel mir um alles in der Welt nicht ein. Die Leute
hinter mir drängten ungeduldig:

„Wir kommen nicht mehr mit -- wir kommen nicht mehr mit -- der Mensch
dort vorne soll doch -- soll doch -- kruzitürkennocheinmal...“

„Nach -- nach“, setzte ich verzweifelt wieder an.

„Nach -- nach -- wohin Sie halt meinen, Herr Sekretär.“

Hinter mir halb Höllengelächter:

„Ein solcher Depp -- habt’s jetzt schon ein solchen Deppen g’sehn...“
Und halb Wutgeheul:

„Der Kerl ist ein Schuft -- der hat sich nur hineingedrängt, damit wir
unsern Zug versäumen -- haut ihn!“

Fäuste hoben sich. Ich fiel unter den Tisch vor dem Fahrkartenschalter.
Jemand hob mich auf und sagte:

„Es tut mir leid, wir schließen jetzt die Wirtschaft -- Sie müssen nach
Hause gehen.“

Zerschlagen wanderte ich durch die Straßen. Schon dämmerte der Morgen.
Ich lief schnurstracks zum Doktor Switschbidiwitsch.

„Eigentlich habe ich jetzt keine Sprechstunde,“ sagte er, „aber wenn es
dringend ist --“

„Es ~ist~ dringend,“ sagte ich, „ich pfeife auf den ärgerlosen Tag
-- der Nachtärger bringt mich um -- ich möchte meinen alten Tagärger
wieder haben.“

„Das wird nicht so leicht gehen -- es sei denn, daß es mir gelänge, das
ärgerliche Tageis durch einen besonders dicken Tagärger zu brechen.“

„Tun Sie’s, Herr Doktor, tun Sie es sofort -- ich gehe sonst in der
nächsten Nacht darauf.“

Er machte wieder ein paar magnetische Striche längs meiner Schläfen,
diesmal aber nach der umgekehrten Richtung. Dann zupfte er mich am Ohr.

„Na, ärgert Sie das vielleicht?“

„Keine Spur.“

Jetzt gab er mir einen Hirnschnalzer mittels Daumen- und Mittelfinger,
daß alles krachte.

„Das wird Sie aber ärgern, nicht wahr?“ sagte er.

„Keine Idee“, sagte ich traurig-milde.

„Na, ich sehe schon, bei Ihnen hat sich die Tagesärgerlosigkeit in
der kurzen Zeit so eingefressen, daß ich es mit dem stärksten Mittel
probieren muß.“

Abermals machte er mit seinen Händen die vertikalen magnetischen
Gegenstriche an meinen Schläfen und streckte dann plötzlich beide Hände
horizontal aus:

„Hundert Mark, wenn ich bitten darf!“ sagte er energisch.

Irgend etwas in meinem Gehirn knackte.

„Das ist denn doch eine Unverfrorenheit!“ brauste ich auf, „hundert
Mark! wo Sie noch nicht einmal erfolgreich --“

„Gewonnen!“ lachte Doktor Switschbidiwitsch, „das Eis ist gebrochen
-- Sie haben Ihren soliden Tagärger wieder -- gehen Sie nach Hause --
Sie werden heute nacht vortrefflich traumlos schlafen -- hier ist die
Quittung über hundert Mark -- Sie müssen es nicht tragisch nehmen --
eine Heilung von der Heilung ist stets ein wenig teurer, wissen Sie...“



Von =Fritz Müller= erschienen:


Bei =Otto Rippel=, Hagen i. W.

    =Der Sepp im Krieg.= 8. Tausend.

    =Hinter der Front.= 5. Tausend.

    =Vergnügliche Geschichten.= 11. Tausend.

    =Klassengold.= 5. Tausend.

    =Ich dien.= 5. Tausend.


Bei =Eugen Salzer=, Heilbronn a. N.

    =Das Land ohne Rücken.= 14. Tausend.

    =Fröhliche Wissenschaft.= 7. Tausend.


Bei =Egon Fleischel & Co.=, Berlin.

    =O Frida!= Novellen. 2. Tausend.

    =Zweimal ein Bub.= 3. Tausend.

    =Die andre Hälfte.= 2. Tausend.

    =Kurzehosengeschichten.= 10. Tausend.


Bei =Huber & Co.=, Frauenfeld (Schweiz).

    =Alltagsgeschichten.= 2. Tausend.


Bei =C. F. Amelang=, Leipzig.

    =Die eisernen Kameraden.= 2. Tausend.


Bei der =Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung=, Hamburg.

    =Fröhliches aus dem Kaufmannsleben.= 45. Tausend.

    =Fröhliches aus dem Krieg.= 20. Tausend.



Rippels Deutsche Hausbücher

(Umfang und Ausstattung wie vorliegender Band)

Jeder Band gebunden 1.70 M.

Teuerungszuschlag 50 Pf. -- Bisher erschienen:


    Wie die große Zeit kam. Erlebtes und Empfundenes von Fritz Müller,
    Rich. Voß, L. Schulze-Brück, Auguste Supper, Hans v. Zobeltitz. 5.
    Tausend.

Die bekannten Schriftsteller und Schriftstellerinnen schildern uns in
diesem Buche, was sie in jenen unvergeßlichen Augusttagen erlebt und
empfunden und welch herrlicher Geist in Ost und West, in der Stadt und
auf dem Dorfe das deutsche Volk beseelte.


    Nach der Schlacht. Ein Kriegsbuch von Helene Christaller, Otto
    Frommel, Hermann Hesse, Paul Natorp, Rich. Nordhausen, Fritz
    Philippi, L. Sternberg, Paul Wüst. 5. Tausend.

.... So ist denn „Nach der Schlacht“ ein sehr lesenswertes,
inhaltreiches und abgerundetes Werk geworden, keine laute, aber doch
sehr eindringlich wirkende literarische Gabe.

    Kölnische Zeitung.


    Stille Opfer. Den deutschen Frauen und Jungfrauen in großer Zeit
    von Helene Christaller, Agnes Harder, S. Ch. v. Sell, Auguste
    Supper. 21. bis 23. Tausend.

Den vielen Tausenden, die in dieser Zeit dem Vaterlande ihr stilles
Opfer darbringen müssen, wird dieses Büchlein eine Herzensstärkung
sein, das sie in ihrem Schmerze aufrichtet, stark und fähig macht für
die hehre Aufgabe der Zukunft.


    Auguste Supper, Vom jungen Krieg. Erzählungen.

„In fesselnder kraftvoller Schilderung bringt A. Supper in ihrem sehr
geschmackvoll ausgestatteten Bändchen eine gute Auswahl gehaltvoller
Erzählungen.“

    Die schöne Literatur.



Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.


    Helene Christaller, Wir daheim. Ein Kriegsbuch. 19. Tausend.

„Ich wollte, man könnte es in Tausenden von Exemplaren ins Ausland
schleudern, besonders auch unter die Neutralen, damit sie aus diesen
tief empfundenen lebenswarmen Skizzen ein Wirklichkeitsbild gewännen
von dem kämpfenden Deutschland daheim.“

    Christl. Welt.


    Fritz Müller, Der Sepp im Krieg. Bayerische Geschichten. 8. Tausend.

„Das sind Perlen neudeutscher Erzählungskunst! Die Geschichten, so
einfach und schlicht sie an sich sind, gehören zu dem Besten, was die
deutsche Kriegsliteratur bis jetzt hervorgebracht hat. Wir können
sie mit bestem Gewissen allen denen empfehlen, denen der klare,
unerschöpfliche Born des deutschen Gemüts und des tiefinnerlichen
deutschen Volkshumors eine Offenbarung bedeutet.“

    Der Reichsbote.


    Fritz Müller, Hinter der Front. Erzählungen von zuhause. 5. Tausend.

Das sind eigenartige Kriegsgeschichten von daheim, weit hinter der
Front. Kein Pulverdampf und Kanonendonner wird vernommen und doch
bringen uns diese tief empfundenen Erzählungen die große Zeit so nahe
und zeigen uns, welch herrlicher Geist das deutsche Volk beseelt und
welche Opfer es zu bringen imstande ist.


    Helene Christaller, Und Marmorbilder stehn und sehn mich an...
    Erzählungen. 6.-7. Taus.

„In dieser neuesten Gabe schenkt uns die beliebte Verfasserin eine
besonders sorgfältig ausgewählte Sammlung ihrer besten und reifsten
Erzählungen. Dieses Büchlein ist ein besonders geeignetes Geschenkwerk
für das deutsche Haus.“


    Fritz Philippi, Aus meinem Guckkasten. Erzählungen. 3. Tausend.

„Erzählungen aus Krieg und Frieden, die sowohl den Ernst und die Größe
der Gegenwart widerspiegeln, wie auch den stillen Frieden vergangener
Tage atmen. Das Büchlein wird dem Verfasser neue Freunde gewinnen,
zeigt er sich doch in der humoristischen Erzählung ‚Peter Zwickel auf
dem Lügengaul‘ von einer ganz neuen erfreulichen Seite.“



Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.


    Helene Christaller, Aus ernster Zeit. Eine Kriegsgabe. 15. Tausend.

Den zahlreichen Freunden der bekannten Verfasserin wird dieses kleine
hübsche Bändchen eine willkommene Gabe sein, schenkt sie doch aus ihrem
reichen Schatz die besten Gaben aus dieser großen, ernsten Zeit.


    Fritz Müller, Klassengold. Schulgeschichten aus dem Krieg. 5.
    Tausend.

„Diese herzerquickenden Erzählungen muten ungemein frisch und
lebensfroh an, und doch steckt in allen ein tief versonnener Kern.“

    Schulrat _Dr._ Mosapp.


    Max Geißler, Der schwarze Stern im großen Bären. Roman. 5. Tausend.

„... Dem Meister deutscher Erzählerweise ist es vortrefflich gelungen,
das farbenprächtige orientalische Gewand zu wahren. An ein türkisches
Muster erinnert auch der Einband des hübsch ausgestatteten Büchleins,
das einen neuen Baustein zum großen Bau der Weltliteratur bedeutet...“

    Die schöne Literatur.


    Fritz Müller, Vergnügliche Geschichten. 8.-11. Tausend.


    Otto Frommel, Ein schweres Herz. Erzählungen.

„In diesem feinen, beschaulichen Buche bietet uns Frommel wahre Perlen
deutscher Erzählungskunst. Tiefer Ernst, sonniger Humor wechseln in
wohltuender Weise ab.“


    Horst Wolfram Geißler, Die Rosen der Gismonda. Novelle. 4. u. 5.
    Tausend.

„Eine feine poesievolle Novelle aus der Vergangenheit. Die Lektüre ist
ein rechter Genuß und eine Erholung.“


    S. Ch. von Sell, Das Rosenhaus. Erzählung. 8.-10. Tausend.

„Die bekannte Verfasserin bietet ihren Freunden eine besonders feine
Erzählung. Von dem Sieg der treuen, hingebenden, entsagungsvollen Liebe
erzählt uns diese ergreifende Geschichte.“



Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.


    Klara Hofer und Johannes Höffner, Friede im Krieg. Weihnachtliche
    Geschichten.

„Diese prachtvollen Weihnachtsgeschichten, die uns mitten in dieser vom
Kriegslärm beherrschten Zeit vom Sieg des Friedens erzählen, verdienen
die weiteste Verbreitung.“


    Fritz Müller, Ich dien’. Geschichten. 5. Tausend.

„Des Verfassers eigenartige Gabe kommt in diesen echt deutschen,
gemütvollen Geschichten voll zur Geltung. Dieses Büchlein, wie jede
einzelne Geschichte, ist ein Zeugnis von dem herrlichen Geist unserer
Zeit; es erquickt und richtet auf, macht stolz und stark.“


    Max Geißler, Drei Mann unterm Glassturz. Roman. 5. Tausend.

„Ein kleiner aber feiner Roman aus dem Herzen Deutschlands. Kein
sensationelles, prickelndes „modernes“ Buch. Ein zarter, erwärmender
Hauch strahlt von ihm aus und wird dem Verfasser sicher dankbare Leser
bringen.“


    E. Müllenhoff, Im Hell-Dunkel. Erzählungen. 7.-9. Tausend.

    Marie Diers, Unsere Mutter. Die Geschichte einer Reue. 6.-10.
    Tausend.

„Diese ergreifende Geschichte einer Mutter steht unter dem Leitmotiv:
‚O lieb, so lang du lieben kannst‘. Für Jung und Alt.“


    Otto Ernst, Ruhe des Herzens. Ernstes und Heiteres.


    Rudolf Greinz, Bergheimat. Zwei Erzählungen aus Tirol.


    Hanns v. Zobeltitz, Nach dem Frieden. Eine Erzählung.


    Ernst Zahn, Der Gerngroß. Eine Erzählung.


    Fritz Müller, Worauf freuen wir uns jetzt? Fröhliche Geschichten.





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