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Title: Was Helmut in Deutschland erlebte - Eine Jugendgeschichte
Author: Reuter, Gabriele
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Was Helmut in Deutschland erlebte - Eine Jugendgeschichte" ***

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Staatsbibliothek zu Berlin are available to all interested
parties worldwide free of charge for non-commercial use.)



  Was Helmut
  in Deutschland erlebte


  Eine Jugendgeschichte

  von

  Gabriele Reuter


  Zeichnungen von

  _Rudolf Sievers_-Braunschweig

  [Illustration]

  Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G. Gotha

  +--------+
  |=Z. XI.=|
  +--------+



  Gesetzliche Schutzformel
  gegen Nachdruck und Übersetzung in den Vereinigten Staaten:
  =Copyright 1917 by Friedrich Andreas Perthes A.-G. Gotha=

  Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechtes, vorbehalten



Inhalt


  Der Tag der Ankunft                                1

  Alles wird anders, als Helmut es sich dachte      11

  Der Vater zieht ins Feld                          20

  Kriegswinter                                      27

  Eine Enttäuschung und neue Aussichten             37

  Helmut und Frau Ledderhose                        42

  Die Flüchtlinge und der unheimliche Wald          50

  Als Spion verhaftet                               61

  Der lange Lehmann und Onkel Jakobus               73

  Wiedersehen in gefährlicher Zeit                  81

  Ein toller Ritt                                   88

  Wie Helmut nach Hause kommt                       96



Der Tag der Ankunft


Majestätisch rauschte der Überseedampfer in den Hafen von Hamburg. Er
kam von Brasilien und war während der letzten Tage mit schnellster Fahrt
gelaufen. Auf Deck spielte die Musikkapelle. Hunderte von Passagieren
drängten sich durcheinander, es gab ein aufgeregtes Hin- und Herlaufen
auf Gängen und Treppen des gewaltigen Gebäudes. Offiziere und Matrosen im
Paradeanzug standen bereit, das Vaterland zu grüßen. Heiter glänzte
die Sommersonne auf dem spiegelnden Metall des Schiffes, seine Wimpel
flatterten, die mächtige schwarz-weiß-rote Fahne bauschte sich und wallte
im Seewind.

Rechts und links lagen große und kleine Dampfer. Durch die schmalen
Wasserstraßen zwischen ihnen flitzten schlanke Motorboote. Über
schmutzige Bretterstege schleppten berußte Männer vom Ufer ungeheure
Kohlenlasten und versenkten sie in die schwarzgähnenden Bäuche der
Seeriesen. Auf ragenden Kranen schwebten Kisten und Ballen hoch in der
Luft und senkten sich mit leichter Drehung auf die Kais nieder, wo zahllose
Arbeiter in Lederschurzfellen, Hünen an Kraft der Glieder, Kolli nach
Kolli auf Wagen verluden und in die großen Speicher beförderten, welche
den Hafen umgaben. Ein Geruch nach Teer, Öl und Salzwasser schwebte über
dem eifrigen Arbeitsgetriebe, zwischen dem das Gewimmel der Neugierigen das
Anlegen des Überseedampfers erwartete.

Helmut Kärns Augen strahlten vor Freude über das stolze Bild. Er griff
nach seines Vaters Hand und schwenkte sie stürmisch.

»Das ist ja Deutschland, Vater!« rief er in lautem Jubel. »Deutschland!
Deutschland! Begreifst du's denn, Vater, daß wir wieder da sind! Nach elf
Jahren! Wie alt war ich denn? Drei Jahre -- drei! Du trugst mich auf
dem Arm über den Steg, als wir abfuhren. Weißt du noch? Und Mutter
weinte ... Vater, was tut der Mann dort drüben? Was schreit er wie
wahnsinnig? Was schwenkt er so die weißen Blätter ...?«

Wilhelm Kärn zog seine Hand aus der des Sohnes, der Ausdruck seines
kräftigen braunen Gesichtes war tiefernst, seine Augen starrten
angestrengt hinüber zu dem Zeitungsträger. Mit ihm starrten viele
Augen, viele gespannte Gesichter hinter Operngläsern. Jetzt drängten die
Menschen wild nach einer Seite, wo ein kleines Motorboot sich dem Kolosse
näherte. Mit kühnem Schwung flog ein Paket Blätter hinauf, wurde im Nu
von Hunderten ergriffen -- -- -- Der Mann im Boot schrie durch die
hohlen Hände etwas Unverständliches. Eine Sekunde lang legte sich eine
furchtbare Stille über die wartenden Menschen, über Männer, Frauen,
Kinder. Dann brach ein wildes Getöse aus, und gellend scholl das eine Wort
»Krieg« von Mund zu Mund.

Man wartete seit Tagen in banger, atemloser Spannung auf dieses Letzte --
auf die Entscheidung! Schon hatte man unterwegs durch Funkspruch von
dem grausen Mord des Thronfolgerpaares von Österreich gehört -- schon
berichtete der Lotse in Cuxhaven, daß in Deutschland und bei seinen
Bundesgenossen der Kriegszustand erklärt sei, -- daß man davon rede, die
Russen hätten bereits die ostpreußische Grenze überschritten, während
die Verhandlungen zwischen Kaiser und Zaren sich noch in vollem Gange
befanden. Heiß wogte der Streit der Meinungen an Bord zwischen den
Männern. Schon begannen die verschiedenen Nationalitäten, die noch vor
kurzem freundlich miteinander verkehrt hatten, sich abzusondern, verbissen
und grußlos blickte man aneinander vorüber. Die Brasilianer schlossen in
der Weise der Südländer Wetten für oder gegen den europäischen
Krieg, der sie ja nicht viel anging, dem sie zuschauen würden wie einem
spannenden Theaterspiel. Aber im Grunde seines Herzens hatte es doch
niemand für möglich gehalten, daß das unerhört Entsetzliche wirklich
eintreten könne.

Und nun war es doch geschehen. Für viele der deutschen Männer auf dem
Schiff, die ihr Vaterland seit Jahren nicht gesehen hatten, die ihm beinahe
fremd geworden waren und nur zu einem heiteren Besuch nach der alten
Heimat zurückzukehren dachten, bedeutete dieser Augenblick eine ernste
Schicksalswende. Von allen Seiten wurde Deutschland umdräut -- es schien
undenkbar, daß es so viel Feinden widerstehen könne! -- In dieser Gefahr
wachte eine heiße Empfindung von Liebe plötzlich in manchen Herzen auf.
Man fühlte sich mit einemmal wieder »dazugehörig« -- man fühlte sich
unter den Seinen!

Zwischen den Eltern, geschoben und gedrängt von der erregten
Menschenmenge, gelangte Helmut Kärn, er wußte selbst nicht wie, ans Ufer
auf den Kai. Die Mutter weinte, Ströme von Tränen liefen ihr über das
Gesicht, die sie nicht abzutrocknen vermochte, denn sie trug verschiedenes
Gepäck und hielt überdies die kleine Daisy Bauer -- Daisy war die Tochter
von Kärns bestem Freunde, der eine Engländerin geheiratet hatte -- fest
an der Hand, damit das Kind ihr in dem Gewühl nicht abhanden komme. Beide
Eltern waren gestorben, und das verwaiste Mädchen sollte ihrem englischen
Großvater übergeben werden.

Und während die Menge sich dem Lande zuwälzte, dröhnte ihr von drüben
her ein machtvoller Gesang entgegen. Er kam aus einer der breiten Straßen,
die auf den Hafen mündeten. Eine neue Menschenwelle wogte von dort heran,
in ihrer Mitte ein Trupp Soldaten. Brausend klang das Lied »Deutschland,
Deutschland über alles« aus Hunderten von Kehlen. Und die Ankommenden
standen still, zogen Hüte und Mützen, vergaßen, was sie hergeführt
hatte: Geschäfte und Vergnügen. Viele falteten die Hände, es war wie ein
erhebender Gottesdienst unter freiem Himmel. Aus Tausenden von Herzen stieg
das Gelübde: alles zu opfern, Gut und Leben, für des Vaterlandes Rettung.

Helmut hatte mitgesungen so laut er konnte. Als er mit den Eltern endlich
einen Wagen eroberte und ins Hotel fuhr, mußte ihn die Mutter verschiedene
Male an der Hand festhalten, sonst wäre er herausgestürzt, so lebhaft
sprang er auf seinem Sitz umher, um nur nichts von all den Dingen zu
versäumen, die sich rings begaben. Kaum hatte er im Gasthaus der Mutter
geholfen das Gepäck abzulegen, als er auch schon seinen Vater bestürmte,
mit ihm wieder auf die Straße zu kommen, weiter zu schauen, weiter zu
hören.

»Warte, mein Jung, ich folge dir gleich, du kannst mit mir zum
brasilianischen Konsulat gehen, damit ich meine Papiere durchsehen lasse.
-- Bleib draußen auf dem Flur, solange ich mit Mutter rede!«

Nach einigen Minuten trat der Vater aus dem Zimmer, ruhig und gelassen, wie
Helmut ihn nicht anders kannte. Die Mutter saß drinnen auf einem Stuhl,
das Gesicht in den Händen verborgen. Helmut sprang eilig noch einmal
hinein, küßte sie und flüsterte ihr ins Ohr: »Mutti -- wir kommen ja
bald wieder -- fürchte dich doch nicht!«

Sie machte eine kleine Bewegung mit dem Kopf. Helmut hörte seines Vaters
Ruf und lief dem Voranschreitenden behende nach.

»Vater«, fragte er und seine blauen Augen glänzten, »gehst du auch mit
in den Krieg? Gelt, du wirst dich stellen?«

»Ich habe gedient, habe meine deutsche Nationalität niemals abgelegt
in den elf Jahren Farmerlebens. Ich werde meine Pflicht tun«, antwortete
Wilhelm Kärn, der wuchtige Landmann mit den breiten Schultern, den
arbeitsgewohnten Händen, die braun und sehnig waren wie die Rinde eines
Baumes, lächelte und hob die Faust. »Meinst nicht, Bengel, daß wir's
noch schaffen?«

»Die sollen sich wundern -- die Rußkis und Franzosen«, schrie Helmut.
»Da wird's Hiebe setzen. Na, Vater, du nimmst mich doch mit? Was?
Schießen kann ich ja, Kräfte hab' ich genug. Du, das wird fein, wenn wir
beide zusammen losgehen!«

»Ach, wo denkst du hin -- bist ja viel zu jung. Dich nehmen sie noch lange
nicht!«

Helmut wurde dunkelrot und biß sich auf die Lippe. »Du, Vater -- du
machst Spaß -- ich weiß doch, du nimmst mich mit!«

»Werden sehen«, brummte Kärn, der plötzlich ernst wurde. Es ging ihm
viel Nachdenkliches durch den Kopf. Dies Stück Erde am Rande des
finsteren Urwalds, das er durch hartnäckigen Fleiß zu einem blühenden,
einträglichen Besitztum umgeschaffen hatte, war ihm innig ans Herz
gewachsen. Jeden Fruchtbaum hatte er dort eingesetzt, jedes Rind, jedes
Pferd großgezogen. Die jungen Pflanzungen waren so manches Mal den
Heuschreckenschwärmen, den gefräßigen Ameisen zum Opfer gefallen --
immer wieder hatte er unermüdlich frisch begonnen, bis die Maisfelder,
die strotzenden Bohnen, der Hanf in prächtigen Kulturen die Mühe lohnten.
Plötzlich schoß ihm ein brennender Schmerz durch die Brust. Sollte er
nichts von dem allen wiedersehen? Nicht mehr für die Frau und den Jungen
schuften dürfen? Und der junge Verwalter drüben? Der war doch auch ein
Deutscher und heißblütig, draufgängerisch! ... Den würde es, war noch
irgendeine Möglichkeit, herüberzukommen, weiß Gott nicht halten! Dann
war die Pflanzung den brasilianischen und schwarzen Arbeitern überlassen.
-- Kam man mit dem Leben davon, hieß es einfach wieder von vorn anfangen.
Das mußte mancher -- am besten war's, man dachte nicht weiter darüber
nach.

Der Junge schwatzte munter an seiner Seite und tat tausend Fragen. Außer
dem prächtigen Rio, das sie auf der Herreise kurz berührt hatten, kannte
er ja noch keine Stadt. Er schrie laut auf vor Entzücken, als sie an
die Alster kamen und die flimmernde Wasserfläche mit dem Geflatter der
grauweißen Möwenscharen, umringt von vornehmen Palästen, sich vor ihnen
ausbreitete. Die zahllosen Ruderboote lagen in dieser Stunde verlassen
am Ufer, die Dampfer kehrten leer von Fahrgästen zu ihren Anlegestellen
zurück. Bei dem eleganten Alsterpavillon staute sich die Menge schwarz
und dicht. Autos mit Militärpersonen rasten unaufhörlich vorüber. Ein
Lastauto, beladen mit Packen von Zeitungen, bahnte sich langsamer seinen
Weg durch die Menge. Aufrecht standen Männer in dem Gefährt und warfen
die Blätter zu Hunderten unter das Publikum, zugleich schrien sie die
neusten Nachrichten über die Köpfe der Menschen. Von Hand zu Hand flogen
die Blätter, es war wie ein Gewirbel weißer Fetzen in der Luft. Irgendwo
stimmte jemand ein Vaterlandslied an, sofort fielen Tausende ein.

[Illustration]

Mit Mühe mußten Vater und Sohn sich ihren Weg suchen. Niemand hatte
in dieser Stunde Zeit, ihre Fragen zu beantworten. Und doch redeten die
fremdesten Menschen miteinander und schüttelten sich die Hände. Helmut
sah mit Erstaunen, wie zwei alte, würdige Herren sich vor Begeisterung
singend um den Hals fielen.

Auch auf dem Polizeibureau warteten Hunderte von Menschen. Kärn wollte
hier erfahren, wo er sich in Berlin zu melden habe, denn, da er aus der
Mark Brandenburg gebürtig war, hatte er in der Reichshauptstadt gedient
und mußte sich dort wieder stellen. Alles wickelte sich in Ruhe und
Ordnung ab. Als der Vater an die Reihe gekommen war, drängte sich Helmut
neben ihn, richtete sich stramm auf, sah den Beamten mit blitzenden Augen
an und fragte: »Wo habe ich mich zu stellen? Darf ich mir ein Regiment
wählen?«

Hinter ihm lachte jemand, und auch um den Schnauzbart des Wachtmeisters
glitt ein vergnügtes Schmunzeln.

»Welcher Wehrklasse gehören Sie an?« fragte er.

»Wehrklasse -- was ist das?«

»Ja, wenn Sie noch nicht in der Stammrolle eingetragen sind, dann bedaure
ich! Wie alt sind Sie denn?«

»Bald fünfzehn«, antwortete Helmut etwas unsicherer.

»So, so -- na -- da ist jetzt noch nichts zu wollen -- hoffentlich dauert
der Krieg nicht so lange, daß Sie auch noch drankommen! Folgender!«

Helmut war entlassen. Sein Vater hatte ruhig auf ihn gewartet.

»In Berlin versuch' ich's doch noch einmal!« trotzte der Knabe.

In der Nacht wurde die Fahrt angetreten. Auf dem Bahnhof herrschte ein
unbeschreibliches Gedränge. Zu hohen Burgen türmten sich Koffer und
Kisten. Denn schon kamen die Schiffe von England und den Nordseebädern und
brachten Fluten von Menschen, die noch nach Hause hasteten.

»Helmut«, sagte der Vater, »wir werden kaum zusammensitzen können. Ich
will sehen, bei der Mutter zu bleiben. Du sorgst für Daisy und trennst
dich auf keinen Fall von ihr. Du hast die Verantwortung für das Mädel.
Hier sind eure Billette und ein paar Schinkenstullen -- denn Gott weiß,
wann der Zug in Berlin eintrifft.«

Von Sitzen war überhaupt nicht die Rede. Beide Kinder standen, in
fürchterlicher Enge eingekeilt, die Nacht hindurch im Korridor des
=D=-Zuges. Die zwölfjährige Daisy begann zu weinen. Helmut tröstete sie
liebevoll mit der Aussicht, das würde noch ganz anders, wenn die Kosaken
kämen mit ihren langen Peitschen, mit denen sie die Menschen gleich
totprügeln könnten. Er versicherte ihr aber zugleich, daß er am
nächsten Morgen zuerst mal seinen Revolver auspacken würde, er sei doch
heilfroh, daß er ihn gegen den Willen seiner Mutter mitgenommen habe.
Und jetzt wollten sie mal ihre Schinkenbrote essen, dann würde ihr gleich
besser werden, und er brauche sie auch nicht länger zu tragen.

Das war ein leichtsinniges Vorgehen, denn plötzlich blieb der Zug mitten
in der Nacht an einer kleinen Station liegen und lag dort viele Stunden auf
einem toten Gleis, trotz alles Schimpfens und Fluchens der Reisenden.
Lange Züge, angefüllt mit Militär, sausten an ihm vorüber; der Morgen
dämmerte rosenrot über den grünen Marschen, und sie lagen noch immer
fest. Daisy konnte sich fast nicht mehr auf den Füßen halten, ihr braunes
Köpfchen taumelte hin und her. Endlich winkte ihr eine Frau und bot ihr
einen Platz auf ihren Knien an, damit sie ein wenig schlummern könne.
Helmut bat einen Herrn, ihm den Platz an der Tür neben dem Abteil
einzuräumen. »Ich habe die Verantwortung für das Kind«, sagte er stolz,
obwohl ihm gar nicht stolz zumut war, denn solchen Hunger wie in dieser
Morgenfrühe, in der verdorbenen Luft des überfüllten Zuges, meinte er
noch niemals gespürt zu haben.

Erst am Abend des Tages erreichten sie Berlin, eine Strecke, die man zu
gewöhnlichen Zeiten in vier Stunden zurücklegt. Nichts als einen Schluck
Wasser hatten sie zur Labe bekommen. Aber alle Leute sagten, das wäre nun
eben Kriegszustand, und man müsse sich hineinfinden.



Alles wird anders, als Helmut es sich dachte


Mit Kuchen und Blumen, mit festreich gedeckter Tafel wurde die ins alte
Vaterland zurückkehrende Familie von den Großeltern begrüßt. Mutter
und Tochter lagen sich nach der langen Trennung lachend und weinend in den
Armen. Der Großvater, ein aufrechter, weißbärtiger Herr, faßte Wilhelm
Kärns beide Hände, drückte sie und rief: »In dieser Stunde nichts von
Krieg und Kriegsgeschrei! -- Jetzt wollen wir nur die Freude genießen,
euch Lieben wiederzuhaben -- was später Schweres getragen werden muß,
werden wir mit Gottes Hilfe schon durchschaffen!«

Auch das fremde Kind wurde mit der größten Herzlichkeit von den alten
Leuten aufgenommen. Ja, die Großmutter Ladewig legte Daisy mit einem
mitleidigen Blick auf ihr Trauerkleidchen oft noch eine besonders
schöne Frucht, eine kleine Süßigkeit auf den Teller und lächelte ihr
aufmunternd zu, als wollte sie es dem kleinen Fremdling in ihrem Heim so
recht behaglich machen.

Helmut hatte nur zu schauen. Der Parkettboden war so blank gewichst, daß
er mit seinem Ungestüm schon in der ersten halben Stunde der Länge lang
hinschlug. Und wieviel Bücher der Großvater besaß -- bis zur Decke
seines Arbeitszimmers hinauf bedeckten sie die Wände! Himmel, mußte der
alte Herr klug sein! Die weichen Teppiche, die vielen gestickten Kissen,
die alten vornehmen Nußbaummöbel, die Bilder an den Wänden -- alles
gefiel ihm wohl -- es war ein behagliches Nest, in dem die Großeltern
hausten. Helmut fand seine ersten ungeschickten Krikel-Krakel-Zeichnungen
sorglich gerahmt an der Wand über dem Nähtisch von Großchen, und die
Ketten, die er aufgezogen hatte -- seine Photographie auf Philli, dem
kleinen braunen Pferdchen, auf dem er reiten gelernt hatte! Ein ganz
kleines Helmut-Museum hatte sich Großmama angelegt. Nun betrachtete sie
ihn immerfort voll Staunen und rief einmal über das andere: »Was ist er
für ein großer Junge geworden! Ich sehe ihn immer noch vor mir als das
zierliche Bübchen mit den hellen Locken!«

»Die wurden abgeschnitten, als mal kleine Tierchen drinsaßen«, erklärte
Helmut gemütlich. »Du, Großmutter, wo ist denn euer Garten? Wir
haben doch immer auf unsere Briefe geschrieben: Gartenwohnung,
Charlottenburg-Berlin!«

Nun lachte die Großmama und führte ihn auf ihren Balkon, der voll Blumen
und Schlinggewächsen stand, ein Kanarienvögelchen in einem goldenen Bauer
sang zwischen den Geranientöpfen sein fröhliches Liedchen.

»Sieh, das ist mein Privatgärtchen«, erklärte die Großmutter, »hier
genießen Großvater und ich so manchen schönen Sommerabend!

Dort unten liegt der Hausgarten.«

Tief unten zwischen vier hohen Mauern mit vielen Fenstern sah Helmut aber
nur zwei grüne Rasenflecke und eine Teppichklopfstange. »Das nennt man
in Berlin einen Garten?« fragte er verwundert. Er dachte, ihr Garten
in »Waldecke« sei doch viel schöner gewesen, aber er wollte das nicht
sagen, um die Großmutter nicht zu kränken.

Man mußte sich nun in der engen Wohnung einschachteln, so gut es eben
ging. Um im Hotel zu wohnen, wie es Kärne ursprünglich geplant hatte,
fehlten ihnen jetzt die Mittel. Die Ausrüstung des Vaters kostete viel
Geld, und die ganze Zukunft war mit einemmal ungewiß geworden.

Jeder mußte Opfer an Behagen bringen, und brachte sie gern. Die Mutter
teilte mit Daisy Bauer ihr Bett. Helmut schlief auf dem Sofa im Wohnzimmer.
Meistens träumte er beängstigende Dinge: er riß die schöne Glasschale
von der Tischdecke, oder die bunte Negerin auf dem Wackelständer stürze
über ihn und verwandle sich plötzlich in das Tintenfaß, das schreckliche
Verheerungen auf dem Teppich anrichtete. Auch im Wachen blieben ihm
die vielen kostbaren Gegenstände unbehaglich, und er zog es vor, seine
Aufgaben im Flur auf einem kleinen Tisch unter der Gasflamme zu machen.
Denn in die Schule mußte er auch in Deutschland wieder gehen! Leider!
Der Vater hatte ihn schon am Tage nach ihrer Ankunft im Realgymnasium
angemeldet. So wanderte er denn jeden Morgen mit einigem Seufzen und
Stöhnen neben Daisy durch die lange Schloßstraße den Hallen der
Wissenschaft zu. Daisy besuchte die Töchterschule. Ihr englischer
Großvater, dem das Kind zugeführt werden sollte, hatte kaltblütig
an Frau Kärn telegraphiert: Da sich England mit Deutschland im Kriege
befinde, denke er nicht mehr daran, die Tochter eines deutschen Mannes in
sein Haus aufzunehmen.

Da war die mittellose Waise nun völlig auf die Hilfe ihrer deutschen
Freunde angewiesen!

Sie war immer schon mehr in »Waldecke« als bei ihrem Vater, der sie gern
unter der mütterlichen Obhut von Frau Kärn wußte.

An Helmuts Seite ritt sie damals auf ihrem kleinen wilden Pferdchen
zwei Stunden weit durch den Buschwald zur deutschen Schule. Neben dem
Schulgebäude befand sich ein von Stacheldraht eingefaßter Weideplatz, wo
die Gäule frei herumliefen. Nach Schluß des Unterrichts fing ein jedes
Kind sich mit dem Lasso sein Pferdchen wieder ein. Das gab ein ungeheures
Springen, Geschrei und Gelächter. Helmut half Daisy stets ritterlich,
zu ihrem Pferdchen zu kommen, und prügelte sich für sie mit den andern
Jungen, die das zarte Dingelchen wegstoßen wollten. Im Walde schoß
er kleine, grüne Papageien, sie gaben einen köstlichen Braten zur
Abendmahlzeit. Einmal hatte Helmut auch mit dem Lasso eine Schlange
totgeschlagen, die sich steil vor Daisys Pferd in die Höhe gereckt hatte.
Solche Abenteuer bestanden sie viele miteinander, deshalb hatten sie auch
immer was zu schwatzen.

Nun wollte Helmut seine Kameradin nicht mehr bei ihrem englischen Namen
nennen, denn sie war ja richtig seine Schwester. Er übersetzte also
»Daisy« in »Gänseblume«. Ihr gefiel »Maßliebchen« besser, doch das
fand er »zuckersüß«. Sie war auch mit der Gänseblume zufrieden, aber
dafür mußte er ihr versprechen, nicht mehr »Gott strafe England!« zu
rufen statt »Guten Morgen«, wenn er ins Zimmer trat. Ihre tote Mutter war
eben doch eine Engländerin gewesen, und wenn auch der englische Großvater
nichts mehr von ihr wissen wollte, ihr Andenken sollte immer in Ehren
gehalten werden. Das verlangte die kleine Gänseblume sehr bestimmt, und
Helmut bemühte sich auch ehrlich, sein Versprechen zu halten.

Nach Schulschluß trafen sich die beiden Kinder an der Straßenecke, wo der
große blonde Schutzmann Müller stand und aufpaßte, daß alles in Ordnung
zuging. Da konnten sie sich denn gleich ihr Leid klagen, schlechte Noten
bekamen sie nämlich beide. Die Urwaldschule war doch ziemlich mangelhaft
gewesen; es fanden sich bedenkliche Lücken in ihrem Wissen. Das Nachlernen
war höchst langweilig in dieser Zeit, in der einem der Kopf vollsteckte
von anderen, viel wichtigeren Dingen.

Herrlich war es, wenn plötzlich während einer öden Mathematikstunde die
Glocken zu läuten begannen und bei den ersten hallenden Tönen alle Köpfe
erwartungsvoll in die Höhe fuhren! Das Jubelwort: Ein Sieg -- ein
neuer Sieg! sprang von Bank zu Bank. Schon hörte man das Geschrei
der Zeitungsverkäufer. Einer der Knaben wurde hinuntergeschickt, ein
Extrablatt zu holen. Der Lehrer las laut vor: Lüttich war gefallen --
Antwerpen war in unseren Länden -- Hindenburg hatte die Russen geschlagen!
Welche Freudenbotschaften! Man sang ein vaterländisches Lied, der
Unterricht war zu Ende, und alles durfte nach Haus.

Das Gänseblümchen mußte oft vergebens auf Helmut warten. Der rannte mit
den Kameraden durch die fahnenbunten Straßen zum Kaiserschloß oder zum
Bismarckdenkmal, dort wurde wieder gesungen und Hurra geschrien, bis den
Jungens die Kehlen beinahe platzten. Da gehörte Mann zu Mann, und die
Mädchen konnten sehen, wo sie blieben.

Eroberte Geschütze wurden eingebracht und mit Girlanden bekränzt auf dem
weiten Platz vor dem Schloß aufgefahren. Immer waren sie von Jungenscharen
umlagert, die neugierig in die Eisenrohre hineinschauten und ihre
Konstruktion untersuchten. Es fanden sich auch schon Verwundete ein, die,
an Stöcken humpelnd oder den Arm in der Binde tragend, den Knaben die
gewünschten Erklärungen gaben und viel von eigenen Erlebnissen zu
erzählen wußten. Mit welcher heißen Bewunderung blickten die Jungen zu
den Helden auf, die selbst mitgeholfen hatten, die Siege zu erringen, über
die man daheim jubelte.

Am Sonntag ging's nach Döberitz, dem Truppenübungsplatz, wo der Vater mit
anderen Landwehrleuten wieder eingeübt wurde. Helmut fand es empörend,
daß so viele Schlachten schon geschlagen waren, ohne daß der Vater mit
dabeigewesen. -- Es blieben ja schließlich gar keine Siege mehr für ihn
übrig.

Er selbst, Helmut, hatte sich in der ersten Zeit noch bei mancher
Militärbehörde gemeldet. Daß die Kerls hinter den Tischen nicht
begreifen wollten, wieviel Kraft er besaß, und wie gut er schießen
konnte! Als ob er nicht für den Schützengraben reif gewesen wäre, besser
als mancher dünne Primaner, der genommen wurde! Einfach lachhaft!

Wenn er so brav neben der Mutter in der kleinen Gartenwirtschaft in
Döberitz sitzen mußte und auf den Vater warten, dem sie Wurst und
Zigarren bringen wollte, so erstickte er beinahe vor Ungeduld. Fein war
es nur, daß der Vater ihn bisweilen mit in die Baracke nahm, wo die
Mannschaften schliefen. Der Dunst nach Transtiefeln, nach Staub, Schweiß
und Männern hatte etwas wild Verlockendes für ihn. Alles mußte er
untersuchen und wußte bald über die militärische Ausrüstung, die
Truppenteile, die Dienstregeln gut Bescheid. Unter Wilhelm Kärns Kameraden
war er ein viel geneckter und gern gesehener Gast.

»Ein strammer Bursche, Kärn«, pflegten sie zu sagen. »Aber den hüte
man gut, das ist ein Durchgänger!«

»Ja, hüten ...« antwortete Kärn in seiner bedachtsamen Weise, »das
sagt sich wohl so -- nur --: über vierzehn Tage geht's fort, und dann
muß er sich allein hüten! Ich fürchte nichts Ernstliches für ihn, -- er
hat Ehre im Leibe!«

»Na ja schon«, mischte sich der lange Lehmann mit dem dünnen Ziegenbart
ein, der seines Zeichens Malergeselle war, denn bis zum Meister hatte
er's nie gebracht, weil er schon mit neunzehn Jahren Frau und Kind besaß.
»Leichtsinnige Stricke sind die Bengels alle miteinander, und pfiffig! Ick
hatte mir da noch so ein paar Goldfüchse in den Hosenboden genäht,
für alle Fälle -- was meinste woll -- hat sie doch mein Karle gleich
rausgefunden! Wie ich mit den kranken Fuß lag, neilich, un er bei mich
saß -- un immer so an meine Hose rumfummelte, die übern Stuhl hing, weil
ick en bißchen döste ... Hält se mich der Bengel so mir nichts, dir
nichts hin, wie ich uffwache, und sagt: ›Alter,‹ sagt er, ›Gold
behalten is Vaterlandsverrat!‹ Na -- Vaterlandsverrat -- das is ja nu en
jroßes Wort. ›Morgen hast'n blauen Lappen dafor‹, sagt er. Was will
ick machen? Weg is er, und ick konnte nicht hinterher.«

Die Kameraden lachten. »Haste'n denn besehn, den blauen Lappen?« fragte
einer.

»Wo wer ick nich! Janz neu war er -- aber ick denke man so bei mich: Et is
doch nischt Reelles! Gold is besser.«

»Hinter dem Gold sind die Bengels her, wie der Deibel hinter der
armen Seele«, meinte Kärn lachend. »Aus Helmuts Schule haben sie
fünfzigtausend Mark bei der Bank abgeliefert -- na, es haben noch ein paar
andere Schulen mitgeholfen zu sammeln.«

»Daß es dabei man immer reell zugehn soll, dat kann ick mir nich
vorstellen«, sagte Lehmann bedenklich. »En paar Mogeleien wern woll
unterschlupfen!«

»Na, höre mal, Lehmann«, nahm der =Dr.= Schmidt das Wort, »wofür sind
denn die Lehrer da? Die verstehen den Jungens schon die Bedeutung der
Sache klarzumachen, die du vielleicht noch nicht so recht begriffen hast!«
=Dr.= Schmidt war selber einer, so ein ganz feiner Oberlehrer, mit einem
winzigen Bärtchen auf der Lippe und immer glatt rasiert, die Nägel
poliert, der goldene Kneifer fehlte nicht. Der wußte Bescheid über
alle Dinge zwischen Himmel und Erde. Er ging als ein wandelndes
Konversationslexikon durch die Kaserne, und wer in der Kompagnie irgend
etwas erklärt haben wollte, der brauchte bloß Schmidt =IV= zu fragen,
er bekam ganz gewiß die richtige Antwort. So hielt denn auch jetzt
Schmidt =IV= -- es gab nämlich fünf des gleichen Namens beim Regiment --
dem langen Lehmann einen Vortrag, daß in einem geordneten Staatswesen für
die Banknoten, die im Verkehr umliefen, der gleiche Betrag an Gold in den
Banken aufbewahrt sein müsse, was man »Deckung« nenne. Deshalb müsse
jeder gute Bürger sich jetzt aller seiner Goldstücke entledigen, um sie
zum allgemeinen Besten herzugeben, wie man ja auch sein Blut und seine
gesunden Glieder für die Heimat hingeben wolle.

»Na ja, dat is ja allens janz scheene«, meinte Lehmann, der gerade
nicht zu den Idealisten gehörte, »wenn de Kugeln sich abersten vor mich
fürchten duhn un wollen mir partout nich treffen, denn soll mich's ooch
recht sind.«

Helmut war mit den anderen Jungen aus seiner Klasse eifrig beim
Goldsammeln, auch Metall- und Nickelgegenstände trugen sie zusammen und
Bücher für die Soldaten in den Schützengräben. Da sie meist zu zweien
und dreien ihre Wanderungen antraten, gewann er bald eine Menge näherer
Freunde. In den Freistunden scharte sich stets ein dichter Kreis um ihn,
seinen Geschichten aus Brasilien zuzuhören. Er selbst fühlte sich gar zu
gerne als Mittelpunkt und war stolz, wenn das Gelächter seiner Zuhörer
über den Schulhof schallte. Besonders beliebt war die Geschichte von
dem Anführer der Revolutionäre, der mit seinen Banden eine Zeitlang
die Gegend von Waldecke unsicher gemacht und alle Pflanzer in Aufregung
gehalten habe, bis er in der Hafenstadt, in einem Handschuhladen, als er
sich eben ein Paar rotbrauner Glacés überstreifen ließ, niedergeknallt
worden war. In der ganzen Tertia war man der Ansicht, die schnellste
Beendigung des europäischen Krieges würde erreicht werden, wenn man Sir
Edward Grey mal so in einem Handschuhladen erwischen könne! Dann kam die
Zeit, in der Helmuts brasilianische Geschichten vergessen wurden vor der
mächtigen Gegenwart. Der Direx trat in die Klasse und verkündigte
den Jungen, ihr Klassenlehrer, =Dr.= Gundermann, habe vor Maubeuge den
Heldentod fürs Vaterland gefunden. An dem gleichen Tage seien vier aus
der Prima gefallen. Der Krieg war den Knaben plötzlich ganz nahe und
schrecklich -- der Krieg, den sie fast als eine fortwährende Ursache zu
allerhand Feiern und Belustigungen zu betrachten sich gewöhnt hatten.
Immer mehr Schüler gab es unter ihnen, die den Trauerflor am Arm trugen,
die man außerhalb der Schule neben schwarzverschleierten Frauen gehen sah,
die sich in dem Geschrei und Gejohle des Schululks still zurückzogen.
Man sah sie mit scheuen Augen an. Sie hatten schon das Opfer gebracht, das
jeden aus der Jugend heut oder morgen treffen konnte.



[Illustration: VATER FÄHRT INS FELD]



Der Vater zieht ins Feld


Helmut stand neben seinem Vater in der Baracke und half ihm den Tornister
packen. Er durfte ihm alle die notwendigen Dinge zureichen die Kärn in
dem engen Raum auf seinem Rücken zu verstauen hatte: Wäsche, Strümpfe,
Kochgeschirr, Seife, Handtuch, Kamm und Bürste, ein Paar leichte
Pantoffel, ein Nähzeug, eine kleine Apotheke, einige Konservenbüchsen,
ein Neues Testament, abgeschabt und zerlesen. »Das hat ein gut Stück
Welt gesehen«, meinte Kärn nachdenklich, indem er es zu den täglichen
Gebrauchsgegenständen schob. »Es stammt noch von meinem Vater und hat
den siebziger Feldzug mitgemacht. Das war wohl ein Kinderspiel gegen das
Würgen von heute. -- Ja -- Junge -- kann ich dir denn nun die Mutter
anvertrauen? Willst du ihr immer beistehen, wenn ich nicht wiederkommen
sollte?«

Helmut nickte, sein Gesicht verzog sich wunderlich. Vater und Sohn sprachen
leise in der Ecke bei Kärns Bett. Ringsumher gab es ähnliche Szenen.
Überall wurde noch ein letztes Wort gesagt, denn später auf dem Bahnhof,
da hatte man doch nicht mehr die Ruhe. Jeder gönnte es auch dem anderen
und tat nicht, als ob er ihn sähe. »Sei auch immer gut zu Daisy«, fuhr
Kärn fort. »Was man so von England hört -- wie die da drüben unseren
Untergang planten ..., da kann man doch nicht mehr daran denken, das
Mädchen dem Haß auszusetzen, der ihr um ihres deutschen Namens willen
entgegengebracht werden würde. Das arme Kind --.«

»Sie hat ja uns, Vater«, sagte Helmut, »und uns kennt sie doch viel
besser als den fremden Großvater!«

»Das meine ich auch, mein Junge. Wir könnten das Mädchen beim
Flüchtlingsbureau abgeben, weil's doch bei uns jetzt auch knapp zugeht.
Aber das will mir nicht in den Sinn. Das hielte ich geradewegs für ein
Unrecht gegen meinen alten Freund. Mutter denkt auch so. Sei nur immer
recht rücksichtsvoll gegen den Großvater. Er ist ein kränklicher alter
Herr und arbeitet trotzdem so tapfer in der Flüchtlingshilfe! Da ist er zu
Haus begreiflicherweise ein bißchen nervös. Und, Helmut, was ich dir noch
sagen wollte -- der Mensch braucht sich nicht bei jeder Mahlzeit den Bauch
vollzuschlagen bis zum Platzen. In den ersten Jahren in Brasilien haben
Mutter und ich oft wochenlang nichts anderes gehabt als süße
Kartoffeln -- und waren froh und gesund dabei! Sieh mal dort den kleinen
=Dr.= Schmidt -- du gerechter Strohsack, wie will denn der das Zeug alles
in seinen Affen kriegen -- und damit noch stürmen ...!«

Der Vater war niemals für lange Ermahnungen, und so viel wie jetzt hatte
er wohl noch kaum hintereinander zu Helmut gesprochen. Er sah, wie der an
seinen Tränen würgte, und wollte ihm über die Rührung forthelfen.

Helmut mußte auch gleich vergnügt grinsen, als er über die graue
Wolldecke des kleinen eleganten Oberlehrers hinblickte, der schon mehrere
schwergelehrte Bücher geschrieben hatte und nun mit einem ganz verwirrten
Ausdruck vor all den Büchschen, Döschen, Rasierpinseln, Nagelfeilen und
Polierern, Salben, Unterstrümpfen, Büchern, Schreibgeräten und Heften
stand, die noch in den bereits zum Bersten vollen Tornister hinein sollten.

»Herr Doktor«, meinte Kärn gutmütig, »ich rate Ihnen, lassen Sie die
Geschichte ruhig hier. Im Schützengraben haben Sie ja doch keine Zeit,
alle die Sachen auch nur auszupacken -- und 's Marschieren wird Ihnen
ohnehin nicht leicht! Ich sehe die Bücher und die Büchschen schon in den
Chausseegraben sausen.«

»Ach, lieber Kärn«, seufzte der junge Mann, »vielleicht haben Sie
recht. Es ist einmal meine Eigentümlichkeit, allzu weitläufig zu sein
und mich von lieben Angewohnheiten nicht gut trennen zu können. Ich bin ja
bereit, fürs Vaterland zu sterben -- aber wie ich es fertigbringen soll,
dem Vaterland zulieb ohne Bücher zu leben -- das weiß ich noch nicht!«

»Das lernt sich im Urwald und im Krieg von selbst«, bemerkte Kärn
trocken. »Es ist die höchste Zeit, Herr Doktor. Ziehen Sie sich nur die
Schnürstiefel an, inzwischen wollen wir sehen, was sich noch unterbringen
läßt. Komm, Helmut, halt mir mal das Ding auf.«

Unter Kärns geschickten Händen konnte noch erstaunlich viel von den
Heften und den Toilettengegenständen, die Herr =Dr.= Schmidt nicht
glaubte entbehren zu können, verstaut werden. Ein Paket Bücher über
griechische Lyrik wurde Helmut zum gelegentlichen Nachsenden übergeben.

Dann hing Kärn seinen Affen mit Mantel, wollener Decke und der Zeltbahn,
eine ganz gewichtige Last, über die Schulter, stülpte den feldgrauen Helm
mit dem bunten Strauß von Astern und Herbstrosen auf den braunen
bärtigen Kopf, zog noch einmal die Uniform straff und langte nach dem
blumengeschmückten Gewehr. Helmut folgte jeder Bewegung des Vaters mit
den Augen. Gesprochen wurde nicht mehr. Jedes Wort schien gleichgültig in
dieser Stunde.

Es war ein köstlicher blauer Oktobertag, als die Mannschaft sich
sammelte. Über die gelben Stoppelfelder spann sich silbernes Mariengarn,
türkisblaue Zichorie blühte an den Wegrändern, der Kiefernwald lag
dunkelgrün hinter den roten Dächern der Ortschaft, und weißstämmige
Birken wehten mit ihren Goldfahnen über den Häuptern der grauen Krieger.
Eine herbe Frische war in der Luft, wie sie nur der Herbst kennt. An allen
Drahtzäunen standen Frauen, Kinder, alte Männer mit Paketen, um ihren
Angehörigen zum Bahnhof das Geleit zu geben.

Endlich traten die Kolonnen in Gliedern an, es war verblüffend, wie der
laute, wilde Wirrwarr sich plötzlich sinnvoll ordnete. Die Offiziere
schwangen sich auf ihre Gäule, der Tambourmajor hob den Stab, schmetternd
setzten die Trompeten, Zimbeln und Becken ein, die Trommeln wirbelten in
einer anfeuernden Marschmelodie. Dröhnend klang der Schritt der schweren
Stiefel, aus Hunderten von Männerkehlen tönte der rauhe Gesang zum
Sonnenhimmel auf.

Wie war die Heimat doch so wunder-wunderschön! Friedvoll und frei sollst
du blühen, Heimat, so dachte jeder Offizier, jeder Soldat, und wenn wir
alle darob verbluten müßten! Kehrt keiner von uns Männern wieder --
so wachsen aus deutschen Knaben neue Männer auf, um deutsche Ehre und
deutsches Wesen hochzuhalten in der Welt!

Wilhelm Kärn marschierte als Letzter in einem Seitengliede, so durfte
Helmut während des Marsches neben ihm traben und seine Hand halten.

Der lange Wagenzug stand grünbekränzt in der Bahnhofshalle, viele
Wagen trugen mit Kreide komische Inschriften, wie: Hier werden noch
Kriegserklärungen angenommen, oder: Jeder Stoß ein Franzos', jeder Schuß
ein Russ' und andere Verse, von den Mannschaften dort hingemalt. Jeder
eilte zu der ihm angegebenen Wagennummer. Eingekeilt zwischen anderen
Männergesichtern, schaute das des Vaters zum Fenster hinaus, und weil
alle Helme und Gewehre mit Blumensträußen geschmückt waren, gab das
ein lustiges buntes Bild. Der Bahnsteig stand voll von Frauen und Kindern,
alten Mütterchen und feinen Damen, die alle den Vätern, Söhnen
und Brüdern ein letztes Lebewohl zurufen wollten. Frau Kärn mit den
Großeltern und der Gänseblume hatten auf dem Bahnhof gewartet. Der
Großvater stand streng aufgerichtet, kein Zug seines weißbärtigen
Gesichtes veränderte sich. Über die Mutter mußte Helmut sich wundern.
Als der Vater sich in Hamburg stellen wollte, hatte sie so heftig geweint,
aber nun der Abschied wirklich da war, schaute sie beinahe fröhlich zu ihm
auf und rief ihm allerlei Scherzworte zu. Ebenso die Großmutter. Ein sehr
großes, junges, blondes Mädchen in Schwesterntracht lief am Zuge entlang
und reichte den abziehenden Truppen Becher mit Kaffee hinauf. Auch der
Vater trank eilig. Sie sprang von Wagen zu Wagen, einer der Soldaten rief
ihr zu: »Schwester, Sie könnten wir gut beim Sturmangriff brauchen!«
Alles lachte, auch Helmut, obgleich er nicht sicher war, ob sich das wohl
schicke in dieser feierlichen Stunde. Doch wurden von allen Seiten Witze
gemacht und immer wieder die herausgestreckten Hände der Feldgrauen
geschüttelt. Bis es endlich doch zum allerletztenmal geschah. Mit dem
brausenden Gesang der Mannschaften: »Deutschland, Deutschland über
alles« fuhr der Zug aus der donnernden Halle gerade hinein in die
flammende Abendröte.



Kriegswinter


Der Siegesjubel über die herrlichen Erfolge der Armeen war stiller
geworden. Trotz der ungeheueren Niederlagen der Russen trieb das Zarenreich
immer neue Menschenhorden aus seinen unermeßlichen Weiten hervor. Trotz
der Besetzung Belgiens und der Eroberung von Frankreichs schönsten
Provinzen hatte die Hoffnung auf einen glorreichen Frieden, auf den stolzen
Einzug der Truppen durch das Brandenburger Tor noch immer keine Aussicht
auf baldige Erfüllung. Auch bei unseren Feinden kämpften starke Mächte
für heiligen Besitz. In den Franzosen war ein großer Ernst erwacht. Wie
nun der Krieg sich gewendet hatte, war es für sie kein Eroberungskrieg
mehr; es galt jetzt auch hier die Rettung des Vaterlandes vor den Barbaren.
Denn als Barbaren, als Räuber und Mörder wurden ihnen die Deutschen von
ihren Zeitungen hingestellt. Prediger und Lehrer scheuten sich nicht, alle
die Lügen, die in Frankreich über die Deutschen verbreitet wurden, der
Jugend als Wahrheit zu lehren und auf diese Weise ihre Herzen mit Haß
zu erfüllen. In Deutschland galt es für unritterlich, die Feinde zu
beschimpfen, aber das wollte man jenseits der Vogesen und des Kanals
nicht glauben. Überall an den Fronten stand Tapferkeit gegen Tapferkeit,
Opfermut gegen Opfermut.

Ein großes Warten auf Erlösung lag über der Welt.

England wollte Deutschland aushungern; kein neutrales Land sollte ihm
mehr Nahrungsmittel liefern. Damit die innerhalb der deutschen
Grenzen befindlichen Vorräte ausreichten, begann die Regierung
Sparsamkeitsmaßregeln einzurichten. Noch nie, seit die Erde bestand, war
einem Millionenvolk die tägliche Nahrung zugeteilt worden. Es schien eine
so schwere Aufgabe, wie in der Geschichte von dem Mann, der den Wolf,
die Ziege und den Kohlkopf in einem Boot über den Fluß bringen sollte.
Fraßen die Pferde, die Kühe, Schweine und Hühner zuviel Kartoffeln,
Hafer, Gerste und Weizen, so blieb für die Menschen nicht genug übrig.
Verbot man, die Tiere mit dem kostbaren Stoff zu füttern, so starben sie,
und es fehlte den Menschen wieder an Fleisch, Milch, Butter und Eiern. Und
doch gelang die große Aufgabe, zum Erstaunen der Welt. Zuerst begann man
einem jeden das tägliche Brot zuzumessen. Es wurden Brotkarten verteilt,
auf die man es beim Bäcker holen mußte. Waren die vorgeschriebenen
Abschnitte zu Ende, so gab's nichts weiter. Die Kaiserin und die
Prinzessinnen erhielten nicht mehr als die ärmste Fabrikarbeiterin.

Manche unter Helmuts Kameraden in der Schule schimpften, obwohl sie noch
reichlich Käse und Wurst zum Frühstück mitbrachten. Andere kauten tapfer
ihre trockene Schnitte Kriegsbrot und ließen sich statt Fleisch und Käse
von ihren Müttern Geld geben, das sie zu Zigarren für die Verwundeten,
oder für die Väter und Brüder im Feld sparten. Zu den letzteren gehörte
auch Helmut. Er hätte sich geschämt, Butter zu nehmen, während er sah,
wie dünn sich die Mutter ihr Brot mit Marmelade strich. Die Leckermäuler,
die jetzt noch Schokolade und Süßigkeiten lutschten, wurden von den
übrigen Jungens verhöhnt und verspottet, denn einen Spaß wollte man doch
von der Entsagung haben.

Frau Kärn fand eine Stelle bei der Brotkommission, wo die Karten verteilt
wurden. Sie verdiente täglich vier Mark und fünfzig Pfennige. Das gab
sie der Großmutter für den Haushalt. Da der Weg von ihrem Bureau nach
Charlottenburg zu weit war, aß sie in der nächsten Mittelstandsküche. In
allen Stadtteilen gab es solche Küchen, für das Volk, für die Künstler,
für Beamte und andere bürgerliche Familien. Manche feine reiche Frau,
die alle Finger voller Brillantringe trug, kochte dort das Essen, putzte
Möhren, schälte Kartoffeln und achtete es nicht, daß ihre Hände rot und
hart von der Arbeit wurden. Junge fröhliche Mädchen bedienten die Gäste,
und auf allen Tischen standen Blumen. Helmut hätte am liebsten immer dort
gegessen, er fand es viel lustiger als bei den Großeltern.

Überhaupt verlief dieser Winter etwas trübselig für ihn. Er vermißte
Sonne und Luft und die gewohnte Arbeit in Feld und Garten. Hatte er die
Pferde in der Koppel zusammengejagt, um ihnen den Stempel aufzubrennen,
oder war er gewandt wie ein Affe in die Bäume geklettert, um die
herrlichen Früchte zu ernten, von denen die Jungen hier nicht einmal die
Namen wußten, ja, da war der Vater zufrieden gewesen und hatte ihn gelobt
oder nur in sich hineingeschmunzelt. Da draußen hatte er seinen Mann
gestanden, hier war er nichts als ein dummer, ungeschickter Schuljunge.
Er sah es täglich, wieviel mehr seine Freunde aus der Tertia wußten
und konnten als er. Der eine spielte Klavier, der andere die Geige. Karl
Wilders machte die feinsten elektrischen Experimente, Georg Lange zeichnete
wie ein Erwachsener und redete mit Pringsheim über die Bilder in den
Museen, so daß Helmut die Haare zu Berge standen über ihre Klugheit.
Zu Haus wurde er auch so viel gescholten, wie nie zuvor in seinem Leben.
Entweder er hatte sich die Füße nicht abgetreten, oder die Türen
zugeschlagen, oder er kam mit ungewaschenen Händen zu Tisch, was
die Großmutter durchaus nicht leiden wollte. Er verlor am Ende jedes
Selbstgefühl und kam sich wie ein rechter Urwaldstölpel vor. Dabei wurde
er immer unleidlicher. Die hübsche Gänseblume, die der Großmutter brav
und geschickt zur Hand ging, wurde ihm beständig als Beispiel hingestellt,
bis er sie am Ende nicht mehr ausstehen konnte. Er sprach nur noch
das Nötigste mit ihr, ging brummig herum und fühlte sich einsam und
unverstanden. Der Vater fehlte ihm an allen Ecken und Enden -- niemals
waren sie früher getrennt gewesen, immer hatten sie zusammen gearbeitet.
Die Nachrichten von ihm liefen selten und spärlich ein. Er schrieb, sein
Regiment werde vielleicht nach Polen versetzt, um an den Karpathenkämpfen
teilzunehmen, und er sei zum Unteroffizier befördert, habe auch das
Eiserne Kreuz. Das war eine Freude; Helmut erzählte es jedem, der ihm
begegnete, sogar seinem Freunde, dem Schutzmann Müller an der Ecke der
Schloßstraße, den er stets um Rat zu fragen pflegte, wenn er nicht
wußte, welchen Tram er nehmen müsse, oder wie er zu gehen habe, um sich
in der Riesenstadt nicht zu verlaufen. Dann aber hörten sie wochenlang
nichts von dem Vater, wußten nicht, ob er noch lebte oder dort in dem
fremden, verschneiten Gebirge gefallen war.

Bisher war es mild und regnerisch gewesen. Das Ende des Februar brachte mit
einemmal noch einen großen Schneefall und gleich darauf harte Kälte.
Alle Türme und Dächer trugen weiße Hauben, die Bäume glitzerten wie
in Silber eingesponnen und mit weißen Blütenbüschen geschmückt; die
Straßen waren glatt und schienen von der Sonne mit tausend Funkellichtern
bestreut, nur die Geleise der Straßenbahnen zogen sich dunkel durch die
lichte Pracht. Ein ungewohnter, märchenhafter Anblick für Helmut. Die
Mutter hatte ihm in Brasilien oft vom Schnee erzählen müssen. Einmal, als
er krank war und vor Fieberhitze glühte, hatte sie ihm die Geschichte von
der schönen Königin erzählt, die am Fenster saß und nähte, und sie
wünschte sich ein Kind, so rot wie Blut, so weiß wie Schnee; das solle
dann Schneewittchen heißen. Helmut hatte die Mutter mit Fragen geplagt,
wie weiß und wie kalt denn der Schnee sei. Die Affen hatten in den
Mangobäumen gekreischt, wo sie sich Früchte stahlen; die Mutter hatte
durchs offene Fenster auf die blütenumrankte Veranda gezeigt, auf deren
Boden das Mondlicht hell und weiß lag, und hatte gesagt: »Das sieht
beinahe so aus, als habe es geschneit.« Nun sah er den Schnee in
Wirklichkeit und schritt lachend durch das Flockengewirbel. Schnell lernte
er, die Schneebälle formen, und beteiligte sich mit Feuereifer an der
Schlacht auf dem Schulhof. Als er vor der Haustür mit der Gänseblume
zusammentraf, sauste der ein wohlgezielter Ball in den Nacken, so daß sie
laut aufkreischte, ihn aber gleich gewandt zurückgab.

In früheren Jahren hatten sich bei jedem Schneefall sofort Hunderte
von Schippern eingestellt, um zum Bedauern der Kinder die Straßen der
Hauptstadt von der verkehrshindernden Decke zu befreien. Die Schipper taten
jetzt in den Schützengräben ihre Arbeit. Darum wurde von den Lehrern die
Jugend aufgerufen, ihr Amt zu versehen. Das gab einen Heidenjubel. In der
einen Straße hackten, schaufelten und schippten die Backfische in ihren
weißen, roten und blauen Sportjacken unter Aufsicht frischer jugendlicher
Lehrerinnen, in der nächsten mühten sich die Buben, die sehnigen
Gestalten der Jugendwehr mit ihren graugrünen Joppen, die schwarz-weiße
Binde um den Arm; die Pfadfinder mit den seitwärts aufgeschlagenen Hüten
kommandierten wichtig. Die Kleineren, ebenfalls in allerlei bunten Sweaters
und Sportjacken, schlugen sich mit dem schweren Gerät herum, das sie,
weil es für kräftige Männerarme berechnet war, kaum bewältigen konnten.
Geschrei und Gelächter gab es auf beiden Seiten, und jeder tat seine
Pflicht nach Kräften, wenn auch oft ein bißchen ungeschickt. Das war
nun etwas für Helmut. Dergleichen verstand er besser als die Berliner
Großstadtjugend. Er schwang die Spitzhacke, hieb in das festgefrorene Eis
des Fahrdammes, daß es nur so eine Art hatte. Bald war er der Anführer
einer ganzen Schar von Kameraden, die er anstellte, so daß Zug und Ordnung
in die Sache kam. Im Laufe von zwei Stunden war die Straße glatt und rein,
der Schnee zwischen Damm und Bürgersteig sauber aufgeschichtet. Strahlend,
mit leuchtenden Augen und roten Backen kam er nach Haus. Zum erstenmal seit
langer Zeit schwatzte er wieder lustig mit der Gänseblume und schilderte
ihr drollig, wie zwei Primaner, solche, die schon Siegelringe und
Bügelfalten trugen und die Aufsicht hätten führen sollen, sich an
einen Kohlenwagen gelehnt und in ein wissenschaftliches Gespräch vertieft
hätten, statt sich um die Kleinen zu kümmern.

»Weißt du«, bemerkte er pfiffig, »sie sagten, sie führten ein
wissenschaftliches Gespräch -- dabei quatschten sie nur über Mädchen.
Ich habe es genau gehört!«

Einige Tage später nahm seine Mutter nach dem Abendessen Hut und Mantel.

»Wo willst du denn noch hin, Mutti«, fragte Helmut, »es ist Glatteis und
ganz gefährlich auf der Straße.«

»Ich möchte in die Kriegsbetstunde in der Gedächtniskirche«, antwortete
die Mutter, »es wird mir schon nichts geschehen!« »Dann will ich mit
dir gehen und dich führen«, rief Helmut schnell. Sie nahm sein Anerbieten
gerne an. Schon auf dem Wege zum Tram bereute er ein wenig seinen schnellen
ritterlichen Entschluß. Dort in der Kirche gab es gewiß viele Frauen, die
weinen würden, das war ihm höchst peinlich. In dem Tram stellte er sich
recht deutlich vor, wie seine Mutter mit gebrochenem Fuß mitten auf dem
Damm liegen und womöglich noch ein Auto kommen und sie überfahren würde.
Auf diese Weise überzeugte er sich, daß es von großer Wichtigkeit sei,
wenn er an ihrer Seite bliebe.

Sie saßen oben auf dem Chor. Helmut blickte auf die goldenen Mosaikwände,
auf denen im gedämpften Licht des Kronleuchters Engel mit farbigen
Flügeln, Gestalten von Aposteln und Heiligen erschienen. Solche Pracht
sah er noch nie. Sie diente zum Rahmen für die Frauen, die das Schiff
der Kirche in dichtgedrängten Reihen füllten; gar manche trug den langen
schwarzen Witwenschleier. Doch auch viele Männer waren gekommen, alte und
junge Feldgraue und hohe Offiziere, die an den Marmorsäulen lehnten, weil
sie keinen Platz mehr gefunden hatten. Helmut entdeckte auch einige Jungen
seines Alters -- es waren wohl Konfirmanden -- ihre Gegenwart gab ihm
gleich ein Gefühl größerer Sicherheit.

Nicht alle Kerzen waren entzündet; ihr Licht schwamm in einer goldigen
Dämmerung, aus der vom Altar die weißschimmernde Gestalt Christi
grüßte. Die Orgel begann zu spielen; ihr wundervoller Klang schwebte
überirdisch zart durch das hohe Gewölbe, Frauenstimmen erhoben sich zu
einem Psalmengesang von unendlicher Süße, anschwellend zu feierlicher
Erhabenheit.

Dem Knaben aus der Wildnis, der nur die Farmhäuser der Ansiedler kannte
und den rauhen, etwas unreinen Gesang der Schulbuben seiner Klasse, ist
zumut, als solle ihm das Herz zergehen bei der himmlischen Musik. Er neigt
den Kopf, faltet die Hände und fühlt Gottes Nähe.

Während der Predigt des Pfarrers beginnen seine Gedanken zu schweifen.

Alle diese Menschen um ihn her bitten, wenn sie ihre Häupter neigen,
um ein teures Leben -- Gott wird ihre Bitten nicht erhören, das ist
entsetzlich. Eine Angst erfaßt ihn. Vielleicht, wenn er mit der Mutter
heimkommt, liegt auf dem Tisch der Brief mit dem Amtsstempel, der ihnen
meldet, daß der Vater gefallen ist.... Ihm gegenüber an der Wand
hinter dem Altar sieht er das Bild eines hohen strengen Mannes. Gerade
aufgerichtet stützt er sich auf sein langes Schwert. Gott trägt jetzt
auch ein Schwert und mäht erbarmungslos die Menschen dahin, Gute und Böse
miteinander. Und Jesus steht weißschimmernd in der Marmorhütte über dem
Altar, blickt ernst und gütig und kann nicht helfen.

Mutter und Sohn schritten durch den Schnee und Mondenglanz, der hell über
den Häusern lag. Sie gingen langsam, die Mutter stützte sich auf Helmuts
Arm.

»Mutter«, sagte der Junge plötzlich heftig, »glaubst du, daß wir noch
einmal im Leben nach unserem Waldeck zurückkehren werden? Glaubst du, daß
wir Vater noch einmal wiedersehen? Oder haben wir alles, alles verloren?«

Frau Kärn bewegte schweigend den Kopf, sie konnte nicht reden. Seit drei
Wochen hatte sie keine Nachricht mehr von ihrem Manne.

»Der Pfarrer hat ja wieder so schön und tröstend geredet«, begann sie
nach einer Weile und ihre Stimme klang verzagt. »Aber ich weiß nicht --
mir waren es nur leere Worte. Ich will ja tapfer und mutig sein, nur -- die
Kraft ist nicht mehr da. Ich kann auch nicht mehr beten -- nein, wenn ich
beten will, empört sich mein Herz gegen Gott. Ich sage mir: Wie kann er so
grausam sein -- wie kann er seine Menschenkinder so peinigen? Er ist kein
Gott der Güte ...«

Helmut fühlte, daß die Mutter ihm mit ihrem Vertrauen etwas Kostbares
schenkte. Also auch ihr ging es wie ihm selbst; sie zweifelte, sie schlug
sich mit vielerlei Gedanken über Gott herum, sie konnte zu keiner Klarheit
kommen. Wie bleich und müde sah sie aus! Inbrünstig wünschte er, ihr
etwas sagen zu können, was ihr helfen möchte.

Plötzlich sah er aus der Vergangenheit ein Bild deutlich in seinem
Gedächtnis auftauchen. »Weißt du noch, Mutter«, rief er lebhaft, »wie
unsere schöne Bläß -- die mit dem weißen Fleck auf der Stirn, die
so viel Milch gab, in der Nacht so krank wurde? Sie hatte was Giftiges
gefressen und lag so aufgetrieben im Stall und brüllte in Todesangst.
Weißt du noch, wie Vater da das große, scharfgeschliffene Messer holte,
und wir alle mußten die Kuh halten, und er stieß ihr das Messer in den
Bauch? Es war doch gräßlich anzusehen.... Aber das böse Gas ging fort
und unsere Bläß wurde wieder gesund. -- Vielleicht -- ich weiß ja nicht
-- es ist wohl dumm -- ich dachte nur gerade: Vater hatte das Tier doch
schrecklich lieb und stach so derb zu ...«

Helmut schwieg verlegen, denn er genierte sich, so viel geredet zu haben
und den Herrgott mit seinem Vater zu vergleichen. Die Mutter drückte
seinen Arm an sich. Beide fühlten sich befreit und getröstet.



Eine Enttäuschung und neue Aussichten


Helmut war mit seiner Mutter in der Dorotheenstraße gewesen, um dort die
Verlustlisten, die mannshoch die Mauern bedeckten, durchzustudieren. Sie
hatten sich auch auf dem Bureau erkundigt. Man sagte, solange ihnen noch
keine Anzeige vom Regiment zugegangen sei, wäre noch kein Grund zur
Beunruhigung vorhanden. Die neuen Frühlingsoffensiven hätten eingesetzt,
weiter und weiter dringe unser Heer ins Innere von Rußland ein, da sei
es denn oft für die Truppen unmöglich, Nachricht bis an die nächste
Feldpoststelle gelangen zu lassen. Das alles klang sehr verständlich. Aber
es beruhigte Helmut keineswegs. Er meinte, wenn sein Vater wirklich gesund
sei, so müsse es ihm auf irgendeinem Wege möglich sein, eine Karte in die
Heimat gelangen zu lassen. Wahrscheinlich war er verwundet oder krank,
lag in Fieberphantasien in irgendeinem Lazarett; oder er war gefangen,
man hatte ihn fern nach Sibirien verschleppt! Alles, was der Junge in
den Zeitungen an Leiden und Quälereien las, die von Feinden über unsere
Gefangenen verhängt worden waren, stellte sich mit schrecklichen Bildern
vor seiner Phantasie ein, raubte ihm den Schlaf und verfolgte ihn auch
am Tage. Von einem Schulkameraden erfuhr er, es seien Verwundete von
dem Regiment, bei dem sein Vater stand, in einem Lazarett in Tempelhof
eingetroffen. Der Kamerad hatte einen Vetter dabei, den er besuchen wollte.
Helmut schloß sich ihm sofort an. Er hörte unterwegs, das Regiment sei
in schwere Kämpfe verwickelt und fast aufgerieben worden. Jetzt befinde
es sich wieder mehr im Norden in Ruhestellung, um sich zu erholen und neu
aufgefüllt zu werden. Das klang nicht sehr ermutigend.

Die beiden Jungen fuhren wohl eine Stunde lang mit dem Tram durch die
ungeheure Stadt, vorüber an dem weiten sandigen Platz, wo im Frieden die
glänzenden Kaiserparaden stattfanden. Der Mitschüler zeigte Helmut die
einsame große Pappel, unter der der Kaiser mit seinem Stabe zu halten
pflegte, um die Truppen an sich vorbeimarschieren zu lassen. Doch hatte
Helmut heute kein Interesse für seine Erzählungen -- er war zu gespannt
auf die Nachrichten, die er empfangen würde. Endlich kamen sie in die
Lazarettstadt -- so konnte man sie wohl nennen, diese Gruppen von sauberen
Häusern zwischen freundlichen Gartenanlagen, in denen schon Hyazinthen
und Krokus blühten. Die verwundeten und genesenden Krieger wandelten oder
saßen im Sonnenschein. Das Herz schlug Helmut mächtig, als sie beide
in den Saal traten, wo die Brandenburger lagen. Zwei lange Reihen weißer
Betten, mit vielen, vielen Männerköpfen auf den Kissen. Manche trugen
Verbände um Stirn und Wangen, die Arme in Binden. Zwischen ihnen hin und
her gehend freundliche junge Schwestern in weißen Häubchen und weißen
Schürzen, Scherze machend, Kaffeebecher verteilend, hier und da eine
Handreichung leistend, einem die Kissen höher rückend, einem anderen den
Becher an die Lippen setzend. Und Blumen, Schalen mit Äpfeln und Orangen
überall neben den Betten auf den niedlichen Glastischchen.

Helmut hatte geglaubt, in einem Lazarett müsse eine Totenstille herrschen.
Indessen hallte in dieser Nachmittagsstunde der Saal wider von fröhlichem
Lachen und Plaudern. Fast neben jedem Bette hatte sich Besuch eingefunden,
jeder kam mit kleinen Geschenken an für die verwundeten Lieben. Eine Dame
in Trauer ging durch die Reihen und verteilte Pfannkuchen, eine andere
Zigaretten. Der Vetter von Helmuts Kameraden war noch ein junges
Bürschchen, kaum achtzehn Jahre alt, durch einen Schuß ins Knie schwer
verwundet. Er hatte Fieber, ganz blanke Augen in einem blassen zarten
Gesicht. Mit scheuer Bewunderung blickten die beiden Knaben auf das Eiserne
Kreuz, das über seinem Bette hing. Gern gab er Bescheid auf alle Fragen
Helmuts. -- Ja -- einen Wilhelm Kärn, älteren Landwehrmann -- dritte
Kompagnie -- freilich -- war denn der nicht....

Er wandte sich an seinen Bettnachbar: »Du, Kamerad, war denn der Kärn
nicht auch auf dem Verbandplatz, nach der Attacke da bei dem Dorfe, wo wir
die Kerle, die Russen, rausschmissen?« »Kärn -- Friedrich?« »Nein,
Wilhelm.« »So, Wilhelm. Kann mich nicht besinnen, mein Kopp is alleweilen
bißchen dösig ... So'n großer, mit 'nem braunen Vollbart?« »Ja, ja«,
fiel ihm Helmut heiser vor Aufregung ins Wort. »Is denn der nich gefallen?
Ich meine, der lange Lehmann hätte gesagt -- den Kärn, den hat's nu
ooch....« »Ach, bewahre -- was der schwatzt! Ich habe ihn deutlich in
Erinnerung. Ein freundlicher Mann, ließ mich noch aus seiner Flasche
trinken. Mich dünkt, es war bei ihm ein Kopfschuß -- er hatte sich's
Taschentuch umgewickelt, und das war ganz voll Blut.«

Er sah, wie Helmuts Lippen zuckten, wie er grünweiß wurde. »Na, darum
braucht es noch nicht gefährlich zu sein -- an Blut gewöhnt man sich da
draußen«, fügte er tröstend hinzu. »Und dann?« drängte Helmut,
»was wurde dann mit ihm?« »Ja, das kann ich nicht sagen, mich haben
sie narkotisiert -- weiter weiß ich nichts mehr. -- Da drüben liegt noch
einer von unseren Leuten, vielleicht fragen Sie den mal?«

Doch dieser Verwundete war von einer anderen Kompagnie und hatte Kärn
nicht gekannt. Neben ihm saß eine hübsche, blühende Frau, deren
glänzende Braunaugen mit warmer Teilnahme auf Helmut blickten. »Das ist
schwer, die Ungewißheit um einen Menschen, den man liebt«, sagte sie
freundlich. »Ich hab's auch durchgemacht, um den großen dicken Kerl
hier!« Dabei schlug sie ihrem Manne zärtlich auf die Hand.

»Schweres wird jetzt keinem erspart«, meinte der ernst. »Sieh mal den
dort drüben« -- er meinte den Vetter von Helmut's Schulfreund -- »das
ist ein Held. Gestern hat ihm der Arzt eine Menge Knochensplitter aus dem
Bein genommen. Nicht gemuckt hat er, immerfort gelacht und gespaßt! Nachts
-- da höre ich ihn, wenn er sich vor Schmerzen nicht zu lassen weiß und
das Kopfkissen vor den Mund preßt, damit sein Wimmern keinen im Schlaf
stört. Achtzehn Jahre -- aber ein Mann, ein ganzer Mann!«

Helmut saß betäubt von Traurigkeit. Was sollte er jetzt tun? Er hatte
so fest darauf gebaut, durch die Kameraden eine Nachricht vom Vater zu
erhalten. Der Verwundete, ein älterer Landwirt, redete mit seiner Frau
über die Frühjahrsbestellung und wie schwierig es sei, die Leute für die
dringendsten Arbeiten zu bekommen. Sie habe sich schon um mehr Gefangene
ans Ministerium gewandt, man habe ihr auch welche versprochen. Ein
paar Wandervögel hätten sich für die Osterferien angeboten, doch die
Stadtjungen, so gut sie's auch meinten, seien doch so unbewandert in
ländlichen Arbeiten und müßten erst mühsam angelernt werden.

»Nehmen Sie mich als Hilfe für die Ferien«, sagte Helmut plötzlich --
er wußte selbst kaum, was ihn zu dem jähen Entschlusse trieb. Aber er war
gleich ganz klar und bestimmt. Er versicherte dem Landwirt und seiner Frau,
daß er Bescheid wisse mit der Arbeit in Stall und Feld. Der Verwundete
fragte ihn aus; seine Antworten zeigten gute Kenntnisse. »Na, wie wär's,
Frau?« fragte der Verwundete, »wollen wir's mal mit dem jungen Herrn
probieren? Aber keiner Arbeit wird sich geschämt -- Mist muß gefahren
werden und Jauche, das riecht nicht schön, ist aber notwendig.« Helmut
lachte. »Kenn' ich, kenn' ich! Unsere Maisfelder mußten auch gedüngt
werden und die Bananenbüsche! Das habe ich immer allein mit unserem Neger
besorgt!« »Na, denn also los! Wenn's Mutter erlaubt!« »Die wird's
erlauben -- die ist froh, einen Esser los zu sein.« Es wurde nun noch ein
kleiner Lohn für Helmut verabredet, volle Beköstigung und Nachtquartier
solle er im Hause bekommen und am ersten Tage der Ferien antreten.

Helmut stürmte nach Haus. Die neue Aussicht überwog die Enttäuschung.
Still und brav bei der Bäuerin arbeiten? -- Nein -- da hatte er ganz
andere Pläne im Sinn! Schweigen -- nur schweigen und sich nicht verraten!



[Illustration: LANDARBEIT IM KRIEGE]



Helmut und Frau Ledderhose


Helmut kam gut aus mit Frau Anne Ledderhose. Sie war eine frische lustige
Frau. Wenn sie des Sonntags zum Kirchgang angekleidet war, sah sie aus wie
eine feine Dame. Am Alltag trug sie derbe Waschkleider, stand des Morgens
um drei Uhr vor dem Kuhstall, das Melken zu beaufsichtigen, stapfte
hochgeschürzt, in Transtiefeln, mit dem alten Lodenmantel ihres Mannes
angetan, über die aufgeweichten Frühlingsäcker und fuhr den ganzen Tag
lang unermüdet wie eine Lokomotive unter Volldampf durch Haus und Hof,
um überall nach dem Rechten zu sehen. Die Mägde, alte und junge, hatten
mächtigen Respekt vor ihr. Die gefangenen Russen, die zur Männerarbeit
auf dem Hofe waren, und viel lieber träumend in der Sonne lagen als
pflügten oder säten, die sperrten Mund und Nase auf, wenn Frau Anne sie
derb an der Schulter packte und deutsch auf sie einschalt. Verstanden sie
die Worte auch nicht, den Ton der hellen Stimme begriffen sie ganz gut.
Willig ließen sich die sechs Mann abends um acht Uhr von ihr in den
Schuppen einschließen, wo ihr Nachtlager war. »Ich habe doch die
Verantwortung für die Kerls«, pflegte sie zu sagen, »es soll mir niemand
nachreden, daß Frau Anne Ledderhose einen hätte entwischen lassen!«

Eines Morgens weigerte sich einer der Gefangenen, zur Arbeit anzutreten.
Brummig erklärte er, mal ausschlafen zu müssen! »Laßt ihn nur
schlafen«, sagte Frau Anne und ein kleiner pfiffiger Zug spielte um die
Winkel ihres roten Mundes. Als die Kameraden mit ihren Näpfen mittags in
der Küche vor dem großen Kessel antraten, aus dem Frau Anne auszuteilen
pflegte, sah sie den Langschläfer groß an und schüttelte den Kopf.
Drauf nahm sie ihn beim Ärmel und führte den Riesenkerl unter allgemeinem
Gelächter zum Schuppen zurück, wies auf seine Matratze und sagte:
»Schlafen -- nicht essen! Arbeiten -- gut essen! Verstanden?« -- Na, er
hatte verstanden, der Rußki. Am nächsten Morgen stand er brav mit den
andern beim Rübenstecken. --

Sonst wurde nicht geknausert mit dem Essen auf dem wohlhäbigen Bauernhof.
Von Kriegsnot merkte man im Frühling 1915 noch nichts. In die fett mit
Leber- oder Blutwurst belegten Butterbrote biß auch Helmut mit Vergnügen.

Die Näpfe der russischen Arbeiter faßten ein Liter zusammengekochtes
Essen. Aber damit hatten die Fresser oft nicht genug. Es war, als müßten
sie sich hier für die Not und Entbehrung eines ganzen Lebens schadlos
halten. Besonders das Faultier, der verschlafene Riese, aß für zwei.
»Ich möchte nur wissen, wann der mal von selber aufhören würde«, sagte
Frau Anne lachend, und es reizte sie, den Versuch zu machen. Als es einst
Kohlrüben mit Schweinefleisch gab, ein Gericht, für das er eine besondere
Vorliebe hatte, durfte er kommen und sich seinen Napf füllen lassen, so
oft er wollte. Mit einem spitzbübisch freundlichen Gesicht schwang Frau
Ledderhose ihre Kelle und fragte immer wieder aufmunternd: »Noch mehr?«

So vertilgte er denn nach und nach fünf Liter Kohlrüben und
Schweinefleisch mit den dazugehörigen Kartoffeln. Was nur auf dem Hofe
Beine hatte und einen Mund zum Lachen, kam angelaufen: Mädchen, Kinder,
der halbblinde Schafhirte und das gichtgekrümmte Mütterchen, die
Frau Annes Kindermuhme gewesen war, sie alle betrachteten staunend die
Meisterleistung.

Als die fünf Liter verzehrt waren, klopfte sich der Riese wohlgefällig
den Bauch, schmunzelte über sein ganzes gutmütiges Gesicht, wischte sich
mit dem Handrücken das Fett aus den Mundwinkeln und küßte Frau Anne
ehrfurchtsvoll dankbar den Rocksaum. So spaßige Dinge passierten oft in
Jarmlitz. Helmut wäre am liebsten ganz und gar dort geblieben. Des Abends
erzählte er denn auch die Geschichte von dem Neger bei ihnen in Waldecke,
der sich nichts Schöneres wußte als einen Brei von altem Zeitungspapier,
das er sich mit Wasser sorgfältig verrührte und mit Wohlgefallen
verspeiste. Die Kinder brüllten vor Lachen und Frau Anne bog sich.
Helmut hatte überhaupt ein dankbares Publikum für seine Erzählungen
aus Brasilien. In den Augen der Ledderhoseschen Kinder war er ein
anstaunenswerter, fremdländischer Abenteurer, das behagte ihm nicht wenig.
Als er eines Abends, während sie vor der Haustür saßen, behauptete, auf
seinem Schulweg im Walde sechs Leoparden begegnet zu sein, von denen er
vier Stück niedergeknallt habe, so daß die übrigen voller Schrecken
davongetrabt seien, meinte Frau Anne gemütlich: Es bleibe nichts anderes
übrig, er müsse durchaus Förster werden! Er könne ja schon beinahe
aufschneiden wie der alte Jäger am Stammtisch im Adler.

Helmut lachte, aber er wurde doch ein bißchen rot. Frau Ledderhose
erlaubte sich auch, seine Leistungen zuweilen ungenügend zu finden,
und ihm das derb zu sagen. Er war zur Hilfe auf dem Hof, mußte Zäune
ausbessern, den Hühnerstall in Ordnung bringen, mit ihr gemeinsam den
Garten bestellen. Sie verstand die Leute zur Arbeit anzuhalten, -- keine
Minute durfte jemand in ihrer Gegenwart müßig bleiben. Auf dem großen
Hof blitzte alles vor Sauberkeit. Die Kühe in den Ställen lagen auf
reinlicher Streu, selbst die Gänge zwischen den Schweinetrögen mußten am
Sonnabend gescheuert werden. Die Wintersaaten standen frischgrün auf den
Feldern, die Obstbäume waren regelrecht beschnitten und im Garten neben
Kohl und Rüben der Flor der Sommerblumen auf den Rabatten nicht vergessen.
Wie im tiefsten Frieden blühte und gedieh hier alles unter der Hut der
tapferen Frauen, während die Männer draußen an der Front des Vaterlandes
Ehre verteidigten und mancher schon als ein Held gefallen war.

»Im Winter«, erzählte Frau Anne Helmut, »da war's schlimm mit dem
Lichtmangel. Kein Petroleum aufzutreiben, von vier Uhr an saßen wir Frauen
im Finstern und konnten nichts mehr tun! Wir haben Kienspäne angezündet
und dabei gestrickt, wie zu Urgroßvaters Zeiten!« -- Sie schüttelte
sich. »So im Dunkeln kriechen die Sorgen eklig an einen heran. Ich habe
die Tagelöhnersfrauen zu mir geholt, ein ordentliches Feuer im Ofen,
Kaffee gekocht und Geschichten erzählt! So ging die Zeit, bis wir in die
Klappe krochen! Jetzt gebe ich das Geld her, das mir einen Pelz schaffen
sollte, und lasse elektrisches Licht legen zum nächsten Winter! Der Mensch
muß sich zu helfen wissen.«

Helmut betete Frau Ledderhose an, sie erschien ihm als die schönste und
klügste Frau, der er jemals begegnet war. Ja, er versuchte sogar ein
Gedicht an sie zu machen. Das begann:

  Frau Anna Ledderhose,
  Du hohe Königin,
  Du liegst mir tief im Herzen,
  Im Herz und auch im Sinn.

Soviel er auch nachgrübelte, die Fortsetzung fiel ihm niemals ein, und so
blieb es bei diesem einen schönen Verse.

Trotzdem es ihm in Jarmlitz so gut gefiel, vergaß er doch in keinem
Augenblick den tiefsten Zweck seines Aufenthaltes hier.

»Geldgierig ist der Bengel, da ist schon das Ende von weg«, scherzte Frau
Anne. »Jeden kleinen Extradienst läßt er sich auch extra zahlen! Sag'
nur, was willst du eigentlich mit dem vielen Gelde anfangen? Ich hoffe,
wenn du nach Berlin kommst, gehst du gleich zu Wertheim und kaufst mir ein
feines Geschenk! Eine echt silberne Handtasche oder Uhrkette erwarte ich
mindestens!«

Helmut wurde rot und schwieg verlegen. Als die Osterferien zu Ende gingen,
sorgte Frau Anne für ein tüchtiges Futterpaket, allerlei Gutes für die
Mutter war auch darin. Die ganze Familie brachte Helmut zur Bahn. Alle
hatten ihn liebgewonnen, die Kinder hingen rechts und links an seinen Armen
und konnten sich kaum von ihm trennen.

Am übernächsten Tage empfing Frau Anne Ledderhose einen Brief von Helmut.
Sie erwartete, er würde ihr seine glückliche Ankunft in Berlin melden,
doch das Schreiben enthielt nur folgende Worte:

    Liebe Frau Ledderhose!

  Wenn Sie Ihren Mann in Berlin besuchen, so gehen Sie bitte zu meiner
  Mutter und sprechen ihr Mut ein. Alles wird gut werden. Ich fahre
  nach Rußland, an die Front, um meinen Vater zu suchen. Mit herzlichen
  Grüßen

    Ihr

      Helmut Kärn.

Frau Anne faßte sich bestürzt mit beiden Händen an den Kopf. Der
unsinnige Junge! Wie kann er auch so etwas tun! Na -- sie werden ihn schon
baldigst wieder heimschicken! Jedenfalls muß ich nach Berlin fahren und
mit der armen Mutter reden! Übrigens -- vielleicht bringt der tolle Kerl
es fertig, seinen Vorsatz auszuführen. Schneid und Energie genug hat er.

Als Frau Ledderhose bei den Großeltern und Helmuts Mutter eintraf, fand
sie begreiflicherweise die ganze Familie in größter Aufregung. Helmut
hatte auch der Mutter von seinen Absichten Nachricht gegeben, aber eben
diese Absicht brachte ihren Jungen ja in die ernstesten Gefahren.

Der Großvater hatte sich sofort zur Polizei begeben und gefragt, was
man tun könne, um des Knaben wieder habhaft zu werden. Der Beamte hatte
lächelnd gemeint, solche Ausreißer gäbe es eine ganze Menge, meistens
kämen sie nach ein paar Tagen, wenn der Hunger sie plagte, von selbst zu
den heimatlichen Futternäpfen zurück. Man solle nur ruhig noch ein
wenig warten, bevor man mit der amtlichen Nachforschung beginne, die doch
immerhin nicht unerhebliche Kosten verursachen würde. Man wartete also
ohne viel Hoffnung, denn es lag nicht in Helmuts Charakter, so bald einen
seit langer Zeit gefaßten Plan aufzugeben. Hungern würde er nicht, denn
er hatte außer seinem Gehalt von Frau Ledderhose, das noch durch einen
harten Taler vermehrt worden war, sein zusammengespartes Taschengeld und
das Weihnachtsgeschenk des Großvaters bei sich. Stehlen würde er
sich's schon nicht lassen, dazu war er viel zu gewitzigt. Das Zureden der
lebensfrischen Frau Ledderhose beruhigte Frau Kärn etwas. So viele Mütter
mußten jetzt ihre Söhne in Gefahr und Tod hinausziehen lassen! Da wollte
sie an Heldenhaftigkeit gewiß nicht zurückstehen.

Als nach mehreren Tagen Helmut nicht heimkehrte, begann die Polizei
ihre Nachforschungen. Man sandte Telegramme und Bilder des Jungen an
verschiedene Bahnhöfe und brachte auch bald in Erfahrung, daß ein junger
Mensch, auf den die Beschreibung stimmte, am Abend des Tages, an dem Helmut
von Jarmlitz nach Berlin zurückgekehrt war, ein Billett nach Königsberg
gelöst hatte. Ein Bahnschaffner wollte ihn auch im Zuge gesehen haben,
doch das lautete schon viel unbestimmter. Und dann verlor sich seine Spur
gänzlich.



[Illustration: OST-PREUSSEN]



Die Flüchtlinge und der unheimliche Wald


Der Regen rauschte -- so ein rechter, fruchtbarer Frühlingsregen, unter
dem Saaten und Knospen sprießen, der aber auch die Landstraßen zu Brei
verwandelt und dem Wanderer feuchtkalt durch alle Kleider dringt. Tief
hingen die Wolken über der traurig verwüsteten Gegend, in der die Russen
gehaust hatten. Wie ein zerbrochener Armstumpf ragte der seiner Spitze
und seiner Glocken beraubte Kirchturm in die graue Luft. Öde starrten die
leeren Fensterhöhlen aus den brandgeschwärzten Mauern des Schiffes
der kleinen Kirche. Ringsumher Schutthaufen verbrannter, eingestürzter
Häuser, in den Gärten Überreste von mutwillig zerbrochenem Hausgerät,
Fetzen zerschlitzter Federbetten. Nur die steinernen Kamine der Herde
ragten aus der Verwüstung empor. -- Doch an allen Ecken und Enden waren
schon Menschen an der Arbeit, um die liebe Heimat wieder zum Wohnsitz
für die zurückgekehrten Besitzer herzurichten. Es wurde gegraben, Steine
wurden geschleppt, Balken aufgerichtet. Finster blickten die Männer,
vergrämt die hageren Frauen. Wieviel sie durch die Besetzung Ostpreußens
durch die Feinde verloren, das konnten sie erst jetzt überschauen. All
das schöne Vieh, das irgendwo in den Wäldern verhungert war oder von den
Russen verzehrt!

[Illustration]

Schwerfällig arbeitete sich durch die zerweichte, schlammige Landstraße
wieder so ein Planwagen mit heimkehrenden Flüchtlingen heran. Was lag da
alles beieinander unter dem Regendach. Säcke mit Wäsche und Kleidern,
eine Kiste mit Saatkartoffeln, das Spinnrad der Mutter, das alte Gesangbuch
der Großmutter, ein weißes Zicklein, das die Flucht wie den Aufenthalt
in der Stadt vergnügt überstanden hatte und im Begriff war, sich zu einer
stattlichen Ziege auszuwachsen. Zwischen ihren geretteten Sachen kauerten
auf Kissen und Decken die Familienglieder, alt und jung. Endlich fand der
Vater, der neben den Pferden herschritt, den Platz, auf dem sein Häuschen
gestanden hatte. Es war nicht so leicht gewesen, denn das Dorf hatte durch
den Brand und die Beschießung ein völlig verändertes Aussehen bekommen.
Der Wagen hielt, einer nach dem anderen steckte den Kopf unter der nassen
Leinewand hervor und begann, im triefenden Regen vom Wagen zu klettern.
Da fand sich auch einer unter ihnen, der nicht zu der ostpreußischen
Flüchtlingsfamilie gehörte. Das war Helmut Kärn. Bis hierher an die
russische Grenze war er ohne viel Beschwerde gelangt.

Zwar hatte es ein paarmal unvorhergesehenen Aufenthalt gegeben, viel
Militär war an ihm vorübergefahren, aber mit seinem Billett kam er
sicher nach Königsberg. Schwierig wurde die Sache erst, als Helmut auf die
Kleinbahnen geriet, die ihre Fahrpläne nicht mehr innehielten, auf denen
man Zivilpersonen fast gar nicht mehr beförderte. Doch Helmut wußte
sich immer irgendwie einzuschmuggeln. Bat er einen der Soldaten so recht
flehentlich, ihn doch mitzunehmen, weil er seinen Vater in einem Lazarett
an der russischen Grenze suchen müsse, so erlaubten ihm die gutmütigen
Feldgrauen gewöhnlich, sich zwischen ihnen einzuquetschen, obwohl sie
meistens schon so eng saßen, wie die Bücklinge in ihren Kisten.

Plötzlich hieß es, für die nächsten Tage sei der Bahnverkehr gänzlich
gesperrt. Es mußte da oben, wo Hindenburg befehligte, etwas Neues im Werke
sein! Desto heißer wurde Helmuts Verlangen, in die kriegerische Zone zu
gelangen.

Er beschloß, zu Fuß weiter zu wandern, zumal er mit Erschrecken sah, wie
schnell seine Barschaft sich verringerte.

In der Nacht schlief er in der Knechtekammer des Gasthauses in einer
kleinen Ortschaft. Für das Unterkommen nahm die Wirtin ihm nur 50 Pfennige
ab und die Flöhe bekam er umsonst -- es waren nicht wenige! Denn auch hier
hatten die Russen mit ihrem Schmutz gehaust. Von ihrem ersten und zweiten
Einfall hörte er in der Gaststube, wo er eine Suppe verzehrte. Greuliche
Geschichten! Es lief ihm kalt über den Rücken, wenn er sich vorstellte,
daß das alles wirklich geschehen war und nicht nur so in Büchern stand.
In der Wand der Gaststube steckten noch die Kugeln, und die Wirtin trug
Trauer, denn ihren Mann hatten die russischen Soldaten auf dem Marktplatz
erschossen, weil er sich geweigert hatte, ihnen sein gesamtes Eigentum
auszuliefern. Auf dem Hofe von Frau Ledderhose hatte Helmut gar nicht so
einen schrecklichen Begriff von ihnen bekommen. -- Da waren sie einfach
freundliche Menschen gewesen, die ihre Arbeit taten und des Abends vor
ihrem Schuppen saßen und schöne traurige Lieder sangen. Seltsam doch, wie
der Krieg die Menschen verändern mußte! Ob sein Vater wohl auch so von
Grund aus verändert, so wild und grausam geworden war? Einen armen Kerl,
der über die Zerstörung seines Eigentums verzweifelt war, so einfach
niederzuknallen -- nein, dessen war sein Vater nicht fähig. Das wußte
Helmut felsenfest.

Mit solchen Gedanken trottete er im Regen die Landstraße entlang, erfüllt
von all den neuen Eindrücken. Er begegnete schon mancherlei kriegerischen
Vorbereitungen. Einmal einer langen Artilleriekolonne mit großmächtigen
Geschützen, ein anderes Mal einem friedlichen Zug schwarz und weiß
gefleckter Rinder, die indessen auch einem vaterländischen Zwecke dienten.
Sie folgten dem Heere nur, um geschlachtet zu werden, dann als Gulasch die
fahrbaren Feldküchen zu füllen und die Tapferen nach vollbrachter Pflicht
zu stärken.

Immer Neues gab es zu sehen und zu hören. Helmut wurde das stundenlange
Wandern nicht leid. Aber endlich wurde er noch naß bis auf die Haut,
und in seinen Schuhen gluckste das Wasser bei jedem Schritt. Als er am
Nachmittag den Planwagen mit den heimkehrenden Flüchtlingen überholte,
war er herzensfroh, als der Kätner ihn gutmütig aufforderte, mit unter
den Plan zu kriechen. Da war's ganz behaglich, man saß dicht beisammen,
einer wärmte den anderen, und man kam schneller vorwärts.

Aber dann war's doch schrecklich, das zerstörte Dorf zu sehen und den
starren Schmerz der Leute, als sie vor dem Trümmerhaufen standen, der
einst ihr schmuckes Häuschen gewesen.

»Na, nun nicht gejammert, das wird schon alles wieder werden«, sagte der
Mann endlich und schlug sich bekräftigend mit der Faust in die linke Hand.
»Das ganze Deutsche Reich wird uns helfen wieder hoch zu kommen, und der
Kaiser hat's versprochen!« Damit holte er sich vom Wagen einen Spaten und
fing gleich an aufzuräumen, um sich durch den Schutt den Weg in die
noch stehengebliebenen Brandmauern zu bahnen. Der Stall war auch ziemlich
unversehrt. Der ließ sich am ersten zu einem vorläufigen Obdach für
die Nacht herrichten. Vater und Mutter, die Kinder, darunter ein Sohn
in Helmuts Alter, alles arbeitete wacker daran, das Ställchen sauber zu
bekommen. Da hatte man doch wenigstens ein Dach über dem Kopf. Ein paar
Strohsäcke wurden vom Wagen geholt und die mitgeführten Betten und
Decken darübergebreitet. Helmut machte sich nützlich, indem er unter
dem vorspringenden Dach, an einer vor dem Regen geschützten Stelle, aus
Steinen einen kleinen Herd baute und Feuer anzündete. Das hatte er oft
auf Jagdausflügen mit dem Vater geübt. Die Frau kochte einen Brei, und
obschon die ganze Familie aus einer Schüssel aß, schmeckte es doch allen
prächtig. Der Mann dehnte sich und sagte zufrieden zu seiner Frau: »Was,
meine trautste Marjell, wieder zu Haus -- is doch besser, als die Füße
unter fremder Leute Tisch zu stecken!« Und dann schnarchte er auch gleich
schon friedlich, daß es klang, als arbeite eine große Säge sich durch
eine gewaltige Eiche. --

Am nächsten Morgen wanderte Helmut weiter, diesmal bei hellem
Frühlingssonnenschein; der trocknete seine nassen Schuhe schnell. Hinter
ihm klang der Schlag der Äxte und der Ruf der Zimmerleute aus den Ruinen,
in denen überall sich fleißige Menschen regten, die einander hilfreich
waren, um neu aufzubauen, was der Krieg zerstört hatte. Schwer mochte es
oft sein, in der verwüsteten Gegend seines Lebens Notdurft und Nahrung zu
finden, mancher mochte bereuen, zu früh im Winter zurückgekehrt zu sein.
Vor dem nächsten Dorfe traf Helmut auf eine Gruppe Kinder, die eifrig in
dem Schlamm der aufgewühlten Gartenerde nach Kohlstrünken suchten und die
halbfaulen, schmutzigen Reste gierig benagten. Er stand still und schaute
sie an -- so etwas von Hunger, wie sich auf den armen, blassen Gesichtlein
ausprägte, hatte er sich nie träumen lassen! Barfuß waren sie, mit
offenen Frostbeulen an den Füßen, und nur ein paar zerrissene Lumpen als
Kleider am Körper.

Helmut warf seinen Rucksack von der Schulter. Er besaß noch belegte
Butterstullen, mit denen er sich am Tage zuvor im Gasthof versorgt hatte,
und einige harte Eier! Er dachte nicht mehr daran, daß dies für heute
sein Mittagsmahl bilden sollte, sondern kramte die guten Dinge eilig hervor
und hielt sie den Kindern entgegen.

Die starrten ihn einen Moment lang ganz dumm an, als könnten sie das
unerwartete Glück gar nicht fassen. Dann stürzten sie sich auf die Gabe,
Helmut mußte noch energisch wehren, daß sie sich nicht darum prügelten.
Schon waren Eier, Wurst und Brot in den eifrig kauenden Mündern
verschwunden. Wahrhaftig, sie bettelten noch um mehr. Er ließ sie in
seinen Rucksack schauen, um sie zu überzeugen, daß er nichts Eßbares
mehr bei sich führte.

»Warum seid ihr nicht nach Berlin gekommen? Mein Großvater hätte besser
für euch gesorgt«, sagte er. »Jeder, der kommt, kriegt Nachtlager und
Speisemarken für die Volksküche!«

»Vater wollte nicht fort, Mutter hat ihn so gebeten! Er sagte, er wollte
sterben, wo er gelebt hat«, antwortete das Älteste, ein verständiges
Mädchen von etwa neun Jahren. »Wir haben uns nur im Walde versteckt,
solange Russ' hier war, dann kamen wir gleich wieder. Aber kalt im Winter,
schrecklich kalt!« »Das will ich wohl glauben, ihr armen Würmer«, sagte
Helmut mitleidig und schenkte jedem noch zehn Pfennige. Sie zeigten ihm die
Richtung des Weges und warnten ihn, er solle nicht durch den Wald gehen,
dort hänge noch viel Stacheldraht zwischen den Büschen, und es gäbe dort
auch tote Pferde, die röchen schlecht.

Am nächsten Tag kam Helmut ins Russische, oder vielmehr in das Gebiet, das
vordem russisch gewesen, nun aber von unseren Truppen besetzt war. Jetzt
begann erst die schwere Zeit. Er konnte sich nicht mehr mit den Einwohnern
verständigen, die ihn mißtrauisch und feindlich betrachteten. Er verirrte
sich und wußte nicht mehr aus noch ein, dazu knurrte ihm der Magen
gewaltig, denn er hatte am Abend zuvor in einem furchtbar schmutzigen
»Krug« am Waldesrand nur ein Glas Bier und ein Stück Brot erhalten.
Lange Stunden irrte er im Walde umher. Er sah auch so eine arme
Pferdeleiche im Drahtverhau hängen. Schwärme von Raben kreisten über ihr
und bedeckten sie fast. Helmut hatte im Tropenwald und auf den Weiden in
Brasilien oft gefallenes Vieh gesehen und immer auch die Aasvögel über
ihrer Beute. Aber hier grauste es ihn mehr als je zuvor, er wußte selbst
nicht warum. Der Gedanke, in diesem Wald übernachten zu müssen, erschien
ihm plötzlich sehr schreckhaft. Noch in diesem Frühling mußten hier
Kämpfe stattgefunden haben. Viele Bäume waren schwarzgesengte Stummel.
Er traf auf tiefe Gräben, die an ihren Rändern zerbrochene
Konservenbüchsen, Patronenhülsen, Kleiderfetzen aufwiesen zum Zeichen,
daß sie für Freund oder Feind als Schützengräben gedient hatten. Kreuz
und quer liefen die zerschossenen und zerrissenen Drahthindernisse durch
das Unterholz, das sich mit lichtgrünem Blätterwerk zu bekleiden begann.
Es war so still, als hätten selbst die Vögel vor Schrecken das Singen
verlernt. Helmut ging schneller und schneller auf einem kräftig betretenen
Pfad, der denn doch einmal irgendwo auf eine breitere Straße führen
mußte. Zuletzt lief er und fühlte, wie die Schweißtropfen ihm über die
Stirn rannen.

Da hielt er mit einemmal auf einer Lichtung inne. Ihr Boden war bedeckt
mit zarten weißen Anemonen und lila Waldveilchen. Durch die spärlich
belaubten hohen Buchen, an denen die hellgrünen Blättchen die goldigen
Knospenhüllen noch nicht völlig abgestreift hatten, schien die Abendsonne
und tauchte den einsamen Platz in einen sanften, hellen Glanz. Zwischen
den Blumen lag eine Reihe kleiner Hügel, auf jedem war ein Holzkreuz
befestigt, und graue Helme hingen über den Kreuzen.

Auf den Zehen trat Helmut näher und las die Inschriften der Kreuze.
Zuweilen waren es Namen und die Bezeichnung des Dienstgrades, z. B.:
»Hier ruht in Gott unser guter Hauptmann Freiherr Egon von Falkenberg.«
Zuweilen nur die kurzen Worte: Hier ruht ein deutscher Soldat. Das Datum
war bei allen dasselbe.

Helmut nahm seine Mütze ab und faltete die Hände. Friedlich durften sie
nun schlafen, die toten Helden unter Anemonen und Veilchen, im grünen Arm
des Waldes!

Weihevolle Andacht und Verehrung erhob Helmut das Herz. Vor diesen Gräbern
verging die sinnlose Angst, die ihn beim Anblick der Pferdeleiche gepackt
hatte. Er richtete sich straff auf, seine Augen glänzten wieder hell und
mutig. Es war, als steige aus dem Erdboden dieses stillen, goldumglänzten
Waldwinkels eine wunderbare Kraft auf, die er mit tiefem Atemzuge trank,
die ihn plötzlich mit einer großen Zuversicht begabte, daß er die
Aufgabe, zu der er ausgezogen, auch erfüllen werde.

Mit scharfen Blicken musterte er den Stand der Sonne, prüfte mit
emporgehobenem genäßten Finger die Windrichtung, betrachtete eingehend
die verschiedenen begrasten Pfade, die auf der Lichtung zusammenführten
und wählte nach kurzem Bedenken den, der am meisten Spuren aufwies, in der
letzten Zeit von menschlichen Füßen betreten worden zu sein. Der führte
ihn dann auch nach zwei Stunden strengen Marschierens aus dem Walde heraus
auf eine breite Landstraße. Hier geriet er in ein mächtiges kriegerisches
Treiben mitten hinein.

Im Dämmern der Frühlingsnacht zogen graue Truppenmassen singend dahin,
große Lastautos und Planwagen folgten ihnen, Offiziere auf Pferden ritten
an den Rändern der Chaussee, ungeheuere eisengraue Geschütze wurden von
Autos oder von Reihen schwerer Gäule mit furchtbarem Gedröhn und Gerassel
bewegt, während die Artilleristen, die sie zu bedienen hatten, fluchten
und schimpften, weil sie nicht schnell genug vorwärtskamen.

Eine Weile schaute Helmut begeistert auf das belebte Nachtbild. Plötzlich
fühlte er eine ungeheure Müdigkeit seine Glieder lähmen und seine Sinne
verwirren. Fast wäre er stehend eingeschlafen. Er lief zurück zum Wald,
kroch in ein Gebüsch, und während das Dröhnen und Rasseln, das Singen
und der dumpfe Marschtritt der Bataillone fern und ferner verhallte, war er
schon fest eingeschlafen.

[Illustration]



Als Spion verhaftet


In der Morgenfrühe erwachte Helmut, schaudernd in der Kühle und dem Tau
der Frühlingsnacht. Er wärmte sich durch einen Dauerlauf am Rande der
sonnigen Chaussee, auf der sich schon wieder ein reges kriegerisches
Treiben entwickelte. Mörderisch hungrig war Helmut inzwischen geworden.
Öfters mußte er stehenbleiben und sich zusammenkrümmen wie ein Regenwurm
vor Schmerzen in seinem leeren Magen. Er dachte mit einem gewissen Stolz:
Eklig ist's ja -- aber Donnerschock -- ich kann das doch eher aushalten wie
die armen kleinen Mädchen in dem Krautgarten!

Endlich traf Helmut bei einem zerschossenen Gehöft eine Kompagnie, die auf
dem gepflasterten Hof um eine Gulaschkanone lagerte und sich bei munterem
Geplauder ihr Frühstück schmecken ließ. Der Duft des dampfenden Kaffees,
des frischgebackenen Brotes stieg Helmut wie ein berauschender Wohlgeruch
in die Nase. Er machte sich heran und fragte bescheiden, ob er wohl auch
einen Bissen und einen Schluck haben könnte. Man forschte, woher er
käme, denn hier sprach die Landbevölkerung nur Russisch oder Estnisch.
Offenherzig berichtete er seine Absichten und Pläne. Die Soldaten lachten
über seine Keckheit, einer holte ihm eine Schale Kaffee, ein anderer
schenkte ihm ein tüchtiges Stück Kommisbrot. Als sie aufbrachen, zog er
einfach mit ihnen. Freilich schnauzte ihn der Feldwebel einmal nicht wenig
an -- er solle machen, daß er heimkäme, er wäre ja noch nicht trocken
hinter den Ohren und gehöre an Mutters Schürzenband. Der Junge ließ
sich nicht anfechten und ging einfach zu einer anderen Kompagnie. Überall
amüsierte man sich über den hellen klugen Bengel. -- Er mußte von
Brasilien und seinem dortigen Leben erzählen, der Deutsche hört nun
einmal zu jeder Zeit gern von fremden Ländern und Sitten. Alle seine
Abenteuer mit Schlangen, durchgehenden Pferden, Indianerüberfällen gab
Helmut zum besten, und es ging hier wie schon in Jarmlitz und in Berlin
im Realgymnasium, aus ganz einfachen Erlebnissen waren im Laufe der Zeit
wildromantische Geschichten geworden, die mit der Wirklichkeit nur noch
wenig Ähnlichkeit aufwiesen. In den Ruhestunden sang er brasilianische
Lieder und tanzte komische Negertänze, kurz, Helmut bildete sich schnell
zum Clown der Truppe aus und empfing von den gutmütigen Feldgrauen als
Dank für seine Späße reichlich Liebesgaben in Gestalt von Wurstbrocken,
Zigaretten und Schokolade.

So zog er zwei Tage lang mit der Kompagnie immer tiefer nach Rußland
hinein, der Gegend zu, wo die großen heißen Kämpfe stattfanden. Er sah
und hörte viel Neues, und der Mund stand auch nie stille mit Fragen
nach den Einzelheiten der militärischen Ausbildung, nach Uniformen
und Einrichtungen, nach der Art der Kämpfe, die dieser und jener schon
miterlebt hatte. Die Soldaten gaben ihm auch bereitwillig Auskunft.
Indessen sollte diese Neugier für Helmut höchst unangenehme Folgen haben.

In einer kleinen Ortschaft, wo Nachtquartier gehalten werden sollte,
drängte sich ein russischer Hausierer zwischen die Soldaten und verkaufte
Seife, Kerzen, Bleistifte. Besonders begehrt wurden die russischen
Süßigkeiten, denn die Kehlen wurden trocken bei den langen Märschen. Der
Hausierer machte ein gutes Geschäft, trotzdem er ein unangenehmer Geselle
war mit seiner Zudringlichkeit, seinem schmutzigfettigen Pelz und dem
dummverschmitzten Kalmückengesicht, mit den schiefstehenden Schlitzaugen.
Helmut ließ sich mit ihm in eine längere Unterhaltung ein. Der Hausierer
sprach recht gut Deutsch. Außerordentlich spannend erzählte er Helmut,
wie er schon als Schüler wegen revolutionärer Gesinnung eingekerkert
und nach Sibirien verbannt worden sei, wie es ihm dann unter schrecklichen
Gefahren und Entbehrungen gelang zu entfliehen, wie er in England und der
Schweiz gelebt habe und erst jetzt, nun es von den Deutschen erobert sei,
den Teil seines Vaterlandes wiedersehen dürfe, in dem er ein glückliches
Kind gewesen sei.

[Illustration]

So unsympathisch Helmut der Mann auch war, wurde er doch gerührt durch die
Erzählung all der Leiden, die ihm das Leben schon gebracht hatte. Nur war
es ihm fatal, daß, während er auf einem kleinen Seitenweg des Städtchens
zwischen Gärten in der milden Frühlingsdämmerung mit ihm auf und ab
wandelte, der Russe ihm im Eifer des Erzählens zuweilen zärtlich um die
Schultern faßte oder ihm liebevoll über den Arm strich. Auch die
Anrede »Lieber Mensch Sie! Hören Sie doch!« mit der der Hausierer
sehr freigebig war, schien Helmut etwas allzu vertraulich. Er wäre ihn
schließlich gern losgeworden, wußte aber nicht, wie er das anstellen
sollte. Ein Trupp von vier bis fünf Soldaten kam das Sträßchen herunter.

»Da sind sie ja -- die beiden Burschen!« hörte er rufen, »nun mal
schnell ran, Jungens, jetzt können sie uns nicht entwischen!«

Ehe Helmut noch recht wußte, wie ihm geschah, war er bei der Schulter
gepackt und bekam, als er sich losreißen wollte, von dem jungen
Kriegsfreiwilligen, der ihn hielt, eine Ohrfeige, daß ihm die Funken vor
den Augen tanzten. »So«, sagte dieser böse, »das ist dafür, daß du
uns so reingelegt hast mit deiner Vergnügtheit, Mensch -- und machst dich
dabei mit solchem Gesindel gemein! Pfui Teufel!«

»Ja, was ist denn nur los -- erklären Sie mir blos in aller Welt ...?«

Inzwischen waren die übrigen Feldgrauen dem Russen nachgelaufen.
Beim Anblick der auf sie zukommenden Soldaten, war der die Straße
hinabgesprungen, so schnell ihn seine Beine trugen. Er kam nicht weit, beim
Überklettern eines Gartenzaunes faßten sie ihn schon und banden ihm die
Hände mit festen Hanfstricken auf den Rücken. Helmut geschah das gleiche,
er mochte sich wehren, um sich schlagen, spucken und beißen soviel er
konnte. Dabei hörte er aus dem Munde der Soldaten das schreckliche Wort:
»Widerspenstiges Spionenschwein!« Helmut schrie, schluchzte und beteuerte
seine Unschuld. Der Kriegsfreiwillige Möller, der bisher sein besonders
guter Freund gewesen und ihn nun nur finster und verächtlich anschaute,
sagte streng: »Schick' dich vernünftig in das Unvermeidliche. Der Oberst
wird schon herausfinden, ob du unschuldig bist oder nicht! Verdächtig war
den Kameraden dein Hin- und Herlaufen zwischen uns und dein ewiges Gefrage
nach lauter Dingen, die dich nichts angehen! Ich bin immer für dich
eingetreten! Und dann macht sich ein deutscher Junge mit so 'nem Lausekerl
gemein! Pfui Teufel, pfui Teufel! -- Na, jetzt gibt's erst einmal eine
ordentliche Leibesuntersuchung -- dabei wird sich ja ergeben, ob wir etwas
Anstößiges finden!«

»Aber ich habe Ihnen doch meinen Paß gezeigt«, stotterte Helmut
kleinlaut.

»Pässe -- Pässe --!« sagte der junge Kriegsfreiwillige, »das wär'
nicht der erste Paß, der gefälscht wäre!«

Helmut biß die Zähne aufeinander und reckte sich trotzig. Er wollte nicht
den Anblick eines feigen Hundes bieten, mochte nun kommen, was da wolle!
Der Hausierer heulte und winselte wie ein geschlagenes Tier, zwischen den
Fäusten der zwei alten Landwehrmänner.

Furchtbar schamvoll war es für Helmut, zwischen den Gruppen der lagernden
Soldaten auf dem Marktplatz hindurchgeführt zu werden. Die Hände auf den
Rücken gebunden. Alle kannten sie ihn ja doch -- reckten die Köpfe nach
ihm, flüsterten und tuschelten erregt untereinander. Sie hielten ihn für
einen Spion, der sein Vaterland verraten wollte -- welch ein unerträglich
abscheulicher Gedanke!

In einem stattlichen Hause, es mochte so etwas wie das Rathaus sein,
trennte sich die Gruppe in zwei Teile. Helmut wurde in ein Bureauzimmer
gebracht, wo er sich völlig entkleiden mußte. Der junge Möller, der
schon die Gefreitenknöpfe trug, untersuchte seine Jacke, während zwei
Männer sich mit der Wäsche und seiner Brieftasche befaßten. Jedes
Zettelchen wurde dreimal umgewendet und durchstudiert. Allmählich begann
Helmut sich zu fassen. Außer den Briefen seines Vaters, die er immer
bei sich trug, dem Stundenplan des Gymnasiums, einer Rechnung mit der
Unterschrift von Frau Anna Ledderhose, die er einmal in Jarmlitz aus
dem Papierkorb entwendet hatte, und einem Samtband, das sie um den Hals
getragen, enthielt die Brieftasche nur noch einen Zettel mit ein paar
feinen Schulwitzen, über die er sich zwar ein bißchen schämte, aber die
ihn doch unmöglich an den Galgen bringen konnten.

Da plötzlich hörte er einen dumpfen Ausruf des jungen Freiwilligen,
der sich hinter seinem Rücken mit seiner Jacke zu schaffen machte. Die
Soldaten traten zusammen -- Helmut fuhr mit dem Kopf herum, und sah wie
sein Freund aus dem Umschlag des Jackenärmels einige zusammengeknüllte
Kügelchen von Seidenpapier zum Vorschein brachte.

-- »Da haben wir's ja«, murrte er zwischen den Zähnen.

»Das gehört mir nicht!« rief Helmut stürmisch.

»Kann jeder sagen«, wurde ihm geantwortet. Die Männer, mit Ausnahme
eines stämmigen alten Landwehrmannes, der ihn im Auge behielt, traten am
Fenster zusammen, glätteten vorsichtig die Papiere, beugten sich dicht
darüber, einer zog eine Lupe hervor und prüfte sie, schüttelte darauf
den Kopf, blickte ernst und traurig zu Helmut hinüber und sagte leise:
»Es ist kein Zweifel möglich. Hätte es doch nie gedacht ... Machte
solchen netten Eindruck!«

Helmut war zumut, als sollte ihm das Herz zerspringen vor Wut und Zorn.
Das waren alles seine guten Freunde gewesen -- und hielten ihn solcher
Schlechtigkeit für fähig! Wollte er sich verteidigen, wollte er zu
erklären versuchen, was ihm selbst unerklärlich erschien, so hieß es:
»Halt's Maul! Vor dem Oberst magst du dich rechtfertigen!« Die Soldaten
verließen ihn, nachdem Möller die geglätteten Seidenpapiere und
Helmuts Brieftasche sorgfältig zu sich gesteckt hatte. Der schweigsame
Landwehrmann mit dem zottigen Bart blieb in der Tür stehen. Es wurde
dunkel in dem öden Bureauzimmer, wo der Staub auf den leeren Regalen und
Tischen lag. Helmut saß auf einem Stuhl, malte mit dem Finger gedankenlos
in dem Staub auf dem Tisch, bis er nichts mehr zu sehen vermochte. Er
begann nachzudenken, wie die Seidenpapierkügelchen wohl in aller Welt in
seinen Jackenärmel geraten sein mochten. Sie waren doch keine Läuse, daß
sie kriechen, keine Flöhe, daß sie springen konnten!

Da kam's ihm plötzlich! »Lieber Mensch! lieber Mensch«, hatte der Russe
gejammert, »hast du Mitleid, bist du edler Mensch!« Und hatte seine
Schultern umfaßt, hatte seinen Arm gestreichelt! Ihm sicher bei
dieser Gelegenheit die Kügelchen, die Gott weiß was für gefährliche
Aufzeichnungen enthalten mochten, in den Jackenärmel geschoben, weil er
sich irgendwie verraten wußte, oder weil er hoffte, ihn auf diese Weise
zum Mitschuldigen zu machen! Teufel auch! Das war ja eine scheußliche
Geschichte! Manche Erzählung von Spionen hatte Helmut in dieser Zeit
gehört. Weder bei uns noch bei unseren Feinden machte man viel Umstände
mit den Gesellen! Eine Schlinge um den Hals und an den nächsten Baum
geknüpft, sobald der Kerl überführt war! War er denn nicht überführt?
Hatte man nicht Aufzeichnungen bei ihm gefunden? Ein recht freundliches
Schicksal, das ihn da erwartete....

Ein Frieren ging durch seinen Körper, ein Schwindelgefühl war in seinem
Kopf. Der Knabe stützte beide Arme auf den Tisch und faßte die Stirn
mit den Händen. Jetzt galt es, sich zusammennehmen, seine Gedanken klar
behalten ... Ja -- nun war er im Krieg, und Gefahren drohten von allen
Seiten! Das hatte er ja zu erleben gewünscht! Von Heldentaten hatte er
geträumt. Nur nicht so elend schmachvoll zugrunde gehen -- nur das nicht!

Schritte dröhnten auf dem Korridor vorüber, jedesmal schrak Helmut auf
und dachte, man würde ihn holen. Endlich öffnete sich die Tür, Gefreiter
Möller trat ein und sagte kurz: »Komm jetzt, der Herr Oberst will dich
vernehmen!«

Helmut folgte schweigend. Dicht bei ihm ging der Landwehrmann mit dem
großen Bart. Auf dem Flur, der durch eine trübselige Öllampe erhellt
wurde, führte man den Hausierer an ihnen vorüber. Den Kopf tief auf die
Brust hängend, an allen Gliedern schlotternd, hin und her schwankend, ein
Haufen menschliches Elend, so schlurfte er zwischen zwei Feldgrauen daher.

Der ist erledigt, dachte Helmut mit Grauen und Ekel. So sieht ein Mensch
aus, der keine Hoffnung mehr hat.

-- Nur nicht so armselig vor den Richter treten! Er ballte die Fäuste,
drückte sich die Nägel tief ins Fleisch, reckte sich mit aller Gewalt
zurecht.

In einem öden leeren Zimmer saß der Oberst mit vier Offizieren um
einen Tisch, den Papiere und Karten bedeckten. Mehrere Kerzen in Flaschen
gesteckt, beleuchteten die braunen energischen Gesichter der Herren. Der
Oberst winkte Helmut nahe zu sich heran, so daß der Lichtschein hell über
ihn fiel, während der Raum ringsumher sich im Dunkel verlor. Die blauen
wie Stahl blitzenden Augen des Regimentskommandeurs blickten scharf auf
den Jungen, während er Frage nach Frage an ihn richtete. Der neben ihm
sitzende Offizier hatte Helmuts Brieftasche vor sich ausgebreitet und
prüfte zuweilen, ob seine Angaben mit den Schriftstücken, die er darin
gefunden hatte, übereinstimmten.

Vielerlei mußte er den Herren erzählen, und manches schien ihm wenig oder
nichts mit der Spionensache zu tun zu haben. Indessen mußten die Herren
ja wohl wissen, warum sie ihn das alles fragten. Von »Waldecke« mußte
er berichten, wie das Haus dort eingerichtet gewesen sei, wo der Garten
gelegen, wieviel Pferde und Kühe sein Vater besaß -- dann Einzelheiten
über die Reise und den Berliner Aufenthalt bei den Großeltern.

Helmut fühlte deutlich, daß es galt die Wahrheit, die reine schlichte
Wahrheit zu sprechen; denn sein kindisches Protzentum, die phantastischen
Flunkereien fielen vor den Augen und Ohren dieser ernsten Männer
jämmerlich in sich zusammen.

Zuweilen hielt er inne und sagte bescheiden: ich muß mich erst besinnen
-- ich kann mich nicht gleich erinnern ..., dann nickte ihm der Oberst
aufmunternd zu. So wurden seine Angaben im ganzen klar, einfach und
übersichtlich.

»Du hast also aus Neugier diesen russischen Händler ausgefragt?« sagte
der Oberst schließlich. »Er hat dir seine Lebensgeschichte erzählt,
die wahrscheinlich erlogen war, und, wie du angibst, dich dabei umarmt
und gestreichelt -- nun das klingt ja ganz einleuchtend! Der Kerl war ein
raffinierter Spion, der uns vielen Schaden zugefügt hat, und dem wir schon
längst auf der Spur sind.... Er wußte wohl, was für ihn auf dem Spiel
stand und versuchte sein armseliges Leben durch dich zu retten. -- Ja, in
solche Gefahren kommt man eben, wenn man sich vorwitzig an Orte begibt,
wo man nicht hingehört, statt vernünftig in seine Schule zu gehen.
Hoffentlich bewahrheiten sich deine Angaben -- so lange bis wir Gewißheit
haben, müssen wir dich noch in Gewahrsam halten.«

Helmut wurde in das Zimmer zurückgeführt, wo er vorher gesessen
hatte. Die Läden vor den Fenstern waren geschlossen, und eiserne Riegel
davorgelegt. Auch die Tür wurde verschlossen. Hier hatte er nun die ganze
lange Nacht zuzubringen. Aber neue Hoffnung stieg in ihm auf -- der Oberst
hatte zuletzt zwar ernst, doch nicht mehr so finster ausgeschaut wie zu
Anfang des Verhörs, Helmut hatte sogar zu beobachten geglaubt, wie ein
flüchtiges Lächeln über sein Gesicht gehuscht war.

Endlich ging dann auch diese lange Nacht zu Ende. Als kleine Sonnenblitze
sich durch die Spalten in den Holzläden stahlen, drehte sich der
Schlüssel im Schloß. Gefreiter Möller kam herein, stieß die Läden auf
und lachte über sein ganzes rosenrotes junges Gesicht.

Fröhlich rief er: »Das Telegramm vom Polizeibureau in Berlin ist da und
bestätigt deine Angaben über Familie und Herkunft!« Er streckte ihm die
Hand entgegen. »Nun schlag ein und sei mir nicht böse wegen der Ohrfeige,
die du in der Hitze des Gefechtes bekommen hast. Denk' es wäre ein
feindlicher Streifschuß gewesen! Ich kann dir übrigens verraten, daß
unser Herr Oberst das Telegramm noch mit dem Vermerk »dringlich« versehen
hatte! Wir wollen dem armen Kerl doch die Stunden der Angst möglichst
verkürzen, sagte er.«

Helmut hörte kaum auf die freundliche Erklärung.

»Ja -- bin ich denn frei?« fragte er verwirrt.

»Natürlich bist du frei!« Da gab's einen wilden Jubelschrei, Helmut
tanzte wie toll in dem staubigen Zimmer herum, ergriff zwei Stühle und
schwenkte sie hoch in der Luft herum, vor Glück.

»Nun laß mal bitte meinen Schädel in Ruhe«, meinte Möller gemütlich.
»Wasche dir unten am Brunnen Gesicht und Hände -- du siehst aus, als
hättest du fürs Vaterland ein paar russische Kamine ausgefegt! Aber fix!
Der Herr Oberst will dich noch sprechen, ehe wir aufbrechen.«

Der Herr Oberst hatte sich sein Frühstück in einen benachbarten Garten
bringen lassen. Er saß unter einem blühenden Birnbaum im Sonnenschein und
strich sich behaglich eine Schnitte Brot mit Marmelade. Dabei plauderte er
mit dem Oberstabsarzt, als Möller und Helmut vor ihm erschienen.

»Na, mein Junge«, begrüßte er diesen freundlich, »heut schaust du ja
bedeutend frischer aus. Gestern war die Farbe doch etwas gelbgrün. War
ja auch keine Kleinigkeit! Hast aber Haltung bewahrt! Hat mich gefreut.
Gefreiter Möller hat dir schon mitgeteilt, daß du frei bist. Schwatz' ein
anderes Mal in der Kriegszone nicht mit unbekannten Persönlichkeiten. Hier
unser Herr Oberstabsarzt fährt in einer halben Stunde im Auto nach dem
Lazarett von L. Dort wolltest du dich doch nach deinem Vater erkundigen.
Er hat mir versprochen, dich mitzunehmen. Dann geht's aber mit dem ersten
Verwundetentransport nach Berlin zurück, hörst du wohl! Schlachtenbummler
deiner Art können wir hier draußen nicht gebrauchen! Sobald du in L.
eintriffst, schreibst du an deine Frau Mutter, daß sie weiß, wo du
Strolch geblieben bist! Hier hast du 'ne Feldpostkarte! Möller wird dafür
sorgen, daß du was in den Magen kriegst. Na Schwarz, was gibt's denn
Neues?«

Schon standen Ordonnanzen mit Meldungen bereit, ein Adjutant eilte im
Sturmschritt auf den friedlichen Frühstücksplatz, der schlanke Oberst
erhob sich, strich das graue Bärtchen und war bereit für tausend neue
Pflichten.

Eine Stunde später sauste Helmut neben dem Oberstabsarzt durch das leicht
gewellte Land, seinem Ziel entgegen.



Der lange Lehmann und Onkel Jakobus


»Ja, lieber Junge -- da ist denn wohl weiter nichts zu machen«, sagte der
Oberstabsarzt und legte Helmut die Hand auf die Schulter. »Wir haben uns
überzeugt, daß dein Vater nicht mehr hier ist!« Helmut biß sich die
Lippen und würgte an seiner Enttäuschung. »Warum hat Vater nur nie
geschrieben?« murrte er traurig. »Weißt du, ob er's nicht tat? Bei
dem schnellen Vorrücken unserer Truppen durch Kurland, bei den schweren
Kämpfen, die sie in der letzten Zeit zu bestehen hatten -- da vergeht
den Mannschaften die Lust zum Schreiben. Sie sind auch oft zu weit ab
vom Feldpostdienst! Es kann immerhin möglich sein, daß dein Vater in
russische Gefangenschaft geriet ... So ging's mit meinem jüngsten Bruder
-- ein halbes Jahr lang haben wir ihn als tot betrauert -- die Mutter hatte
schon schwarze Kleidung angelegt -- da kam plötzlich über Schweden eine
Karte von ihm aus Sibirien.« »Also geh ich eben nach Sibirien«, sagte
Helmut leise und störrisch. »Das wirst du nicht tun, denn das ist
unmöglich.« »Warum?« fragte Helmut. »Die Russen werden dich kurzweg
erschießen, sobald du ihnen in die Hand fällst! In drei bis vier Tagen
geht ein Verwundetentransport von hier nach Berlin, dem werde ich dich
mitgeben, wie es der Oberst wünschte. Dem langen Kerl, dem Lehmann, den du
ja kennst, werde ich dich anvertrauen, damit du nicht wieder auskneifst.«
Helmut senkte den Kopf und schwieg. Er hatte nicht die Absicht zu
gehorchen.

Der lange Lehmann, der beim Auszug so sicher geprahlt hatte, daß die
Kugeln partout und partout keine Lust haben würden, ihn zu treffen -- der
hatte ihnen doch nicht aus dem Weg gehen können. Das abspringende Stück
einer Granate war so unbarmherzig gewesen, ihm das rechte Bein abzureißen.
Er fand sich auch in diesen Verlust mit gutem Humor. »Uf die Jerüster
werd' ich nu woll nich mehr rumturnen können«, erzählte er Helmut,
»aber nu werde ick mir uf die hohe Kunst verlejen, un feine Bilderkens
malen, verstehste -- so mit joldene Rahmens drum rum, wie die da drüben!
Det jefällt mich ausnehmend.« Er zeigte auf die Ölgemälde, welche die
mit meergrüner Seide bespannte Wand des Saales schmückten, in dem dieses
Gespräch stattfand. Der vornehme Raum -- ursprünglich der Tanzsaal eines
baltischen Schlosses -- diente jetzt als Aufenthaltsort für die genesenden
Feldgrauen. Der lange Lehmann streckte sich behaglich auf der blumigen
Seide eines goldenen Lehnsessels an dem Flackerfeuer des Kamins, über
dem schwebende Engelsfiguren Rosengirlanden um einen mächtigen Spiegel
schlangen. Die Schwester hatte ein wenig eingeheizt, denn es war kühl an
diesem Frühlingsabend. Durch die feingeschwungenen Bogenfenster blickte
man auf eine Marmorterrasse, an deren Rampe weiße Göttinnen in der
Dämmerung der hohen Parkbäume träumten. Die Schwester in ihrem grauen
Kleide mit dem weißen Häubchen verteilte aus der nebenan liegenden
Bibliothek Bücher unter die Gruppen von Soldaten, die den Saal füllten,
an geschnitzten Tischen schrieben, lasen, Karten spielten oder auf der
Mundharmonika die Melodien bekannter Volkslieder bliesen. Die wertvollsten
Stücke aus der kostbaren Einrichtung des alten Edelsitzes waren vom
Oberstabsarzt in einen verschlossenen Raum gerettet; dort warteten sie der
Rückkehr ihrer Besitzer. Was hingegen seine Verwundeten brauchen
konnten, das mußte heran. Zu ihrer Bequemlichkeit und Stärkung war dem
Oberstabsarzt nichts zu gut -- wären es auch die edelsten Weine aus dem
Keller oder die gemästeten Enten und Puten vom Hühnerhof -- oder die
seidenen Daunenkissen der Frau Gräfin!

Helmut glaubte, ein seltsames Märchen zu erleben, als in dem grünen Saal
der elektrische Kronleuchter entzündet wurde und einer der feldgrauen
Männer sich an den Flügel setzte, um eine Sonate von Beethoven zu
spielen. Die Männer, deren Köpfe und Glieder noch weiße Gazeverbände
trugen, horchten ergriffen auf die herrlichen Harmonien, aus Jubel und
Klagen, die den Saiten entrauschten. Helmut gegenüber lächelte von der
Wand das Bildnis eines jungen Mädchens in lichtblauem Gewande mit blonden
Ringellöckchen an den feinen Schläfen, in den rosigen Händchen hielt sie
eine weiße Taube. Nie glaubte er etwas Lieblicheres gesehen zu haben als
dieses baltische Grafentöchterlein. Immer wieder mußte er den Blick zu
dem süßen Gesicht emporheben. Ob sie noch irgendwo auf Erden zu finden
sein mochte? Ach nein -- ihr Kleid gehörte einer vergangenen Zeit an --
gewiß ruhte sie längst in der Ahnengruft am Ende des Parkes hinter dem
verrosteten Eisengitter ...

Der Soldat am Flügel hatte geendet. Ein dumpfes Grollen wurde in der Ferne
hörbar, gleich einem aufsteigenden Gewitter, nur regelmäßig klangen die
langhin rollenden Donner. »Die verdammten Russen fangen schon wieder an zu
bullern«, sagte der Musikant. »Nein -- das sind unsere«, widersprach ein
anderer. »Auf jeden Fall wird's woll morjen hier wieder voll werden.«

So geschah es denn auch. Am frühen Morgen ratterten die grauen Autos mit
den roten Kreuzen in den Hof. Über die weißen Marmortreppen wurde Bahre
nach Bahre in die Säle getragen. Arme Kerls wurden von Sanitätssoldaten
herausgehoben, sie schleppten sich, von Staub und Blut bedeckt, kaum noch
als Menschen kenntlich, zum Verbandsplatz im inneren Hof. Dort waltete der
Oberstabsarzt mit seinen Assistenten. Die Schwestern, die Pfleger liefen
hin und her, hatten alle Hände voll zu tun. Dieser Augenblick schien
Helmut günstig zu einer Flucht. Niemand achtete seiner. Er lief hinaus
durch das von Militär vollgepfropfte Dorf, die mit blühenden Apfelbäumen
bestandene Chaussee entlang, auf der ihm immer neue Züge von Verwundeten
begegneten. Eine namenlose Angst quälte ihn, seit er allen diesen Jammer
sah. Das war nun wahrhaftig der Krieg -- der grausenvolle Krieg! Aber
gerade weil ihn das Entsetzen schüttelte, mußte er weiter, mitten hinein!
Nur keine feige Flucht zurück unter Mutters schützende Flügel.

Nachdem sich Helmut noch zwei Tage lang, begleitet von dem immer gewaltiger
dröhnenden Krachen der Geschütze, von Etappe zu Etappe durchgebettelt
und durchgeschmuggelt hatte, traf er in der Morgenfrühe nach einer im
Chausseegraben verbrachten, höchst ungemütlichen Nacht auf eine Reihe
von Planwagen. Sie standen am Rande eines Birkenwäldchens. Bärtige
Infanteristen waren beschäftigt, die Pferde zu füttern und aufzuzäumen.
Ein helles Feuer flackerte, der Duft frisch aufgebrühten Kaffees stieg
dem ausgehungerten, frierenden Helmut lieblich in die Nase. Er machte sich
eiligst herzu. Zerlumpt und schmutzig, mit durchlöcherten Schuhen hatte er
allmählich völlig das Aussehen eines jungen Vagabunden.

Beim Feuer saß ein seltsamer Mann. Riesengroß, breit und dick hatte
er sich's im Sonnenschein bequem gemacht, die hohen braunen Stiefel, der
Uniformrock lagen neben ihm, er saß im wollenen Hemd zu den feldgrauen
Hosen, Strohschuhe an den Füßen, die Mütze rücküber auf dem blonden
Schopf. Ein wallender, flammend roter Bart verbarg den unteren Teil des
Gesichts, eine Hornbrille den oberen Teil, ein spitzes Näschen grüßte
neckisch zwischen beiden hervor. In das linke Auge hatte er vor die Brille
noch eine Lupe geklemmt. In seinen schönen weißen Händen hielt der
wüste Waldmensch ein feines Scherchen und ein Stück schwarzes Papier, an
dem er ganz versunken schnitzelte. Als die Soldaten den bettelnden Helmut
vor ihn führten, hob er den Kopf, legte zuerst einmal das Geschnippsel
zwischen zwei weiße Blätter einer Mappe, auf denen schon mehrere dieser
phantastischen Gebilde lagen. Dann nahm er die Lupe aus dem Auge und
betrachtete Helmut durch die Brillengläser mit einem so hellen scharfen
Blick, daß er meinte, der sonderbare Mann müsse ihm bis ins Herz gucken.
Er stotterte sein Sprüchlein von dem Vater, den er suchen wolle, und
verwirrte sich dabei, denn es kam ihm plötzlich vor, er habe das Gesicht
und den hellen Blick schon irgendwo gesehen. Der Mann schlug sich bei des
Knaben Bericht laut aufs Knie und lachte. »Wahnsinnig! Ganz wahnsinnig
schön!« schrie er entzückt: »Verrückter Lausejunge! Gefällt mir --
gefällt mir sehr! Ich nehme dich mit zur Front! Übrigens kommst du
mir bekannt vor -- ich habe dich schon gesehen!« »Ich Sie auch --
in Döberitz«, sagte Helmut. »Aber damals trugen Sie keinen Bart.«
»Richtig, den hat mir der Krieg wachsen lassen! Der läßt viel wachsen,
wenn er auch viel zerstört. -- Höchst wunderlicher, unwahrscheinlicher
Zustand.« Er drehte nachdenklich an seiner Haarsträhne über der Stirn.
Helmut erinnerte sich jetzt ganz deutlich, gehört zu haben, daß der
eigentümliche Mann ein bekannter Künstler sei. Wegen seiner großen Güte
hieß er in der Kompagnie nur der »Onkel Jakobus« statt Unteroffizier
Sieveking. Ja, hatte ihm denn der Vater nicht geschrieben, daß der ulkige
»Onkel Jakobus« sich die Füße bei einem Patrouillengang schwer verletzt
habe und nun Führer der Bagage geworden sei.... Da war er ja aber bei
Vaters Kompagnie gewesen -- dann konnte er ihm doch Bescheid geben ...!
Und er konnte es. Die Bagagewagen, die er zu führen hatte, gehörten dem
Regiment, bei dem Wilhelm Kärn stand, und er hatte den Auftrag, ihm in
möglichster Eile zu folgen. Das Regiment, so erzählte der Onkel Jakobus
dem begierig lauschenden Helmut, war bei den Kämpfen zur Eroberung
Kurlands stark beteiligt gewesen und bei stürmischem Vormarsch Wochen-,
ja monatelang von jeder Postverbindung abgeschnitten. So erklärte sich nun
auch Vaters Verstummen. Es war dann in Reservestellung zurückgezogen, um
neu ausgerüstet zu werden. Aber der Onkel Jakobus hatte in den letzten
Tagen gehört, man habe Teile davon wieder in die Feuerlinie vorgeschoben.
Das alles würden sie bald hören.

Inzwischen waren die Wagen angeschirrt worden. Unteroffizier Sieveking fuhr
in seine Schaftstiefel und seinen Uniformrock. Los ging's. Unterwegs mußte
ihm Helmut alles erzählen, was er seit seiner Abreise von Berlin erlebt
hatte. Der geistreiche Künstler, der phantastische Zeichner, für den
der Krieg immer noch ein ungeheures Erlebnis war, schaltete auch die
Abenteuerfahrt dieses sehnsüchtigen, zerlumpten Knaben in das Bilderbuch
merkwürdiger Szenen ein, das er in seiner Erinnerung mit sich trug.
Er zeichnete seinen Kopf in das Skizzenbuch, in dem auch die schwarzen
Schnippeleien lagen, die Helmut staunend betrachtete. Seltsame Blüten und
Ranken, komische Viecher, wie es nirgends auf Erden gab, kuriose Gespenster
mit den drolligsten Fratzen, Prinzessinnen in merkwürdigen Gewändern
fanden sich da. »Du kennst doch die Märchen aus »Tausendundeine Nacht?«
fragte Onkel Jakobus. »Siehst du, das alles hier soll mal fein gedruckt
und zum Schmuck dieser köstlichen, göttlichschönen Geschichten
verwandt werden. Das nennt man dann einen Prachtband. Die Frau Geheime
Kommerzienrätin legt ihn auf die rote Damastdecke in ihrem Salon und
erzählt allen Besuchern, wieviel er gekostet hat. Nu -- wir haben's ja
dazu!« »Das Buch sollte lieber nur eine Mark kosten, damit wir Jungens
es kaufen könnten, wir hätten doch viel mehr Freude daran als die ollen
dicken Damen!« rief Helmut. »Das sagst du wohl so in deiner kindlichen
Unschuld«, antwortete Onkel Jakobus in einem weisen Ton und hob den Finger
belehrend in die Höhe. »Mein Sohn, es ist auf dieser Welt einmal so
eingerichtet, daß derjenige die schönen Dinge bekommt, der nichts mit
ihnen anzufangen weiß, und der sich wirklich an ihnen freuen würde, der
muß sie entbehren! Durch Entbehren aber wird die Seele veredelt!« Nie
wußte Helmut, ob Herr Sieveking eine Sache ernst oder komisch meinte; er
machte immer so ulkige Gesichter zu seinen Reden, daß Helmut sich hätte
totlachen können. Sie wurden beide während der Fahrt recht gute Freunde.
Einmal faßte sich Helmut ein Herz und fragte den Onkel Jakobus, ob man
auch ein Maler werden könne, ohne das Malen richtig gelernt zu haben.
»Zuweilen ein besserer, als wenn man auf einer Schule war«, gab der zur
Antwort. Helmut erzählte ihm von dem langen Lehmann, der mit seinem einen
Bein nun nicht mehr auf die Jerüster steigen könnte und lieber »kleene
Bilderkens« malen wollte. Unteroffizier Sieveking kannte den langen
Lehmann auch und meinte: »Vielleicht kann er sich zum Holzschneider
ausbilden lassen, dann kann er für mich arbeiten, d. h. wenn ich wirklich
einmal unversehrt nach Hause komme und der unsäglich süße Zustand des
Friedens eintritt!« Er ließ sich Lehmanns Adresse geben und wollte sich
schon bei seinem nächsten Urlaub mit ihm in Verbindung setzen. Helmut
freute sich von Herzen, dem armen Kerl am Ende zu einer schönen Zukunft
verholfen zu haben. Die Zeit an Onkel Jakobus' Seite verging ihm wie im
Fluge. Schnell kam der Abend, an dem sein freundlicher Beschützer ihn
einer Patrouille mitgab, um ihn in das Quartier der 3. Kompagnie zu
führen, wo er denn endlich seinen Vater finden sollte.



Wiedersehen in gefährlicher Zeit


Die schweren Geschütze der russischen Flotte sandten von der grauen See
aus in regelmäßigen Abständen ihre Granaten in den kleinen Badeort mit
den netten bunten Holzhäuschen, die gespickt voll von deutschem Militär
lagen. Schon war die Kirche in Trümmer geschossen, das Dach des Bahnhofs
hing als morsches Sparrenwerk, gleich einer schiefen Mütze über dem
Gebäude. In den Wartesälen drängten sich die Mannschaften, suchten
auf Tischen und Stühlen, auf dem schmutzigen Fußboden einigen Schlaf zu
gewinnen, während Waffen und Tornister in greifbarer Nähe lagen. Es
war Befehl eingetroffen, den allzu gefährdeten Ort zu räumen und etwas
westwärts hinter Wald und Düne geschütztere Quartiere zu beziehen.

Im Zimmer des Stationsvorstehers zwischen zerrissenen und verbrannten
Telegraphen- und Telephonapparaten nahm Feldwebel Kärn die Order
seines Hauptmanns für den nächsten Morgen entgegen. Der Hauptmann, ein
wuchtiger, kraftvoller Herr, saß am Tisch vor einer ausgebreiteten
Karte, auf die auch die beiden jungen Leutnants an seiner Seite aufmerksam
schauten. »Also, meine Herren«, sagte Hauptmann Breuer, »um 2 Uhr
diese Nacht gehen wir los! Hier durch den Wald. Vom Feinde haben unsere
Kundschafter nichts bemerkt. Trotzdem kann in dem Gestrüpp des Unterholzes
noch mancher versprengte Trupp stecken. Herr von Mansfeld und Feldwebel
Kärn -- Ihre Aufgabe wird es sein, dafür zu sorgen, daß wir nicht von
hinten überfallen werden! Also auf alle Fälle: uns den Rücken decken!
Dazu unterstelle ich Ihnen die Hälfte der dritten Kompagnie. Das
Bataillon, das ich befehlige, geht zum Sturmangriff durch das flache
Tälchen hier auf den kleinen Fluß und das Dorf an seinem Ufer los. Das
Dorf muß morgen abend in unserem Besitz sein. Der Brückenkopf wird von
den Russen noch ordentlich verteidigt werden -- indessen -- wir wollen uns
auch nicht lumpen lassen!« Er stand schwerfällig auf -- reckte und
dehnte die mächtigen Glieder. »N' Abend, meine Herren! Wollen noch ein
Nickerchen probieren. Na -- was gibt's denn da wieder? Herein!« Man
hatte geklopft. Die Tür öffnete sich, eine Ordonnanz trat ein, mit dem
zerlumpten, von Staub und Schmutz bedeckten Helmut. »Vater! Vater!«
schrie der Junge laut und stürzte auf den Feldwebel zu. Der stand vor
Verblüffung starr. Als sein Sohn sich ihm um den Hals werfen wollte,
packte er ihn rauh an der Schulter und schüttelte ihn. »Daß dich der
Deibel frikassiere, Bengel«, stieß er heiser heraus. »Wo kommst du her?
Was in aller Welt willst du hier?« Helmut stand tief erschrocken. »Ja,
Vater -- freust du dich denn nicht? Ich habe dich doch so lange gesucht!
Wir -- wir dachten, du wärest tot oder gefangen!« Inzwischen hatte
die Ordonnanz Bericht erstattet und dem Hauptmann einen Brief des
ihm befreundeten Unteroffiziers Sieveking übergeben, aus dem er die
Vorgeschichte des überraschenden Auftritts erfuhr. Der Hauptmann schlug
lachend mit der Faust auf den Tisch, seine kleinen munteren Äugelchen
blinkten vor Vergnügen. »Also was sagen Sie, meine Herren -- von Berlin
hat der Junge den Weg hierher gefunden, in den höchsten Norden! Alle
Achtung vor der Ausdauer! Kindings, Kindings -- da muß ich nur heut nacht
gleich noch 'ne Karte nach Hause schreiben, wo ich geblieben bin, sonst
kommen mir meine beiden Jören am Ende auch nachgelaufen! Ja -- aber
Kärn -- was machen wir nu mit Ihrem Sprößling?« »Zu Befehl, Herr
Hauptmann«, sagte Kärn mit unsicherer Stimme, »ich bin sehr böse auf
meinen Sohn. Er soll sofort umkehren und wieder zu seiner Mutter nach
Hause, wo er hingehört!« Er fuhr sich mit der Hand an die Augen und rieb,
als wäre ihm da ein Stäubchen hineingeflogen; niemand brauchte zu sehen,
daß die Augen ihm plötzlich naß geworden waren. Helmut ließ den Kopf
hängen. Er kam sich mit einemmal ganz dumm und kindisch vor. »Ja«, sagte
der Hauptmann nachdenklich, »was machen wir nun mit dem Jüngling? Morgen
früh wird der Ort hier geräumt, die Schiffsgeschütze zielen zu gut ...
Unsere Leute ziehen nach Süden ab, den Russen nach. Hier kann er also
nicht bleiben. Es hilft nichts -- wir müssen ihn mitnehmen. Du hast
Schwein, Kerlchen! Heut nacht gibt's einen Sturmangriff! Da siehst du mehr
vom Krieg, als dir lieb sein wird. Von Mansfeld«, wandte er sich an
den jungen schlanken Leutnant an seiner Seite, »falls dem Vater was
Menschliches passiert, stelle ich den Jungen unter Ihren Schutz -- soweit
das eben möglich ist. Kärn -- machen Sie kein so finsteres Gesicht,
Sie sind unschuldig an der Geschichte -- na, und der Junge hat's doch gut
gemeint. Nochmal n' Abend allerseits!« Hauptmann Breuer nickte Helmut
und seinem Vater freundlich zu und ging gewichtig auftretend, doch mit
elastischem Gang, hinaus. Auch die beiden jungen Herren entfernten sich
und ließen den Vater mit seinem Sohne allein. Für Feldwebel Kärn schien
Helmut nicht vorhanden zu sein. Er zog hinter einem Schrank ein Kissen
hervor, aus dem das Roßhaar quoll, und holte eine Wolldecke.

»Da, leg' dich hin und schlaf«, befahl er kurz. »Vater«, schluchzte
Helmut auf, »warum bist du so böse auf mich! Sag' es doch nur!« »Ich
habe dir die Mutter anvertraut, du hast mir dein Wort gegeben, für sie zu
sorgen! Du hast dein Wort gebrochen, um Abenteuern nachzulaufen! Das
tut ein deutscher Junge nicht! Ich schäme mich für dich! Jetzt muß es
durchgeschafft werden. Leg' dich hin und schlaf, damit du nachher munter
bist!« Schweigend folgte Helmut dem Befehl seines Vaters. Wie anders hatte
er sich das Wiedersehen vorgestellt.... Kärn lag ohne Decke, in seinem
Mantel, den Kopf der Wand zugekehrt, kein Wort wurde mehr zwischen den
beiden gewechselt. Endlich mußte der todmüde Helmut doch eingeschlummert
sein, denn aus tiefem Traum fuhr er auf, als sein Vater, schon in voller
Sturmausrüstung, ihn weckte, ihm eine Tasse heißen Kaffee und ein Stück
Brot vorhielt und ihn dann mit hinausnahm in die duftende Frühlingsnacht,
in der die Kompagnien sich marschbereit formierten. Durch den Wald, der mit
Unterholz dicht bestanden war, kamen sie ungehindert. Als sie das Gehölz
durchquert hatten, dehnte sich vor ihnen im fahlen Dämmer eine flache
Talmulde, an deren Ende die Dächer eines Dorfes, am Flusse hingelagert,
sichtbar wurden. Dort stand der Feind, der die Ortschaft und den
Brückenkopf besetzt hielt. Beides sollte ihm entrissen werden. In losen
Linien schwärmten die Mannschaften aus -- mit großen Sätzen sprangen sie
vorwärts -- ha -- von drüben knatterten jetzt die Maschinengewehre --
ins Heidekraut warfen sich die Feldgrauen, sprangen wieder auf -- Dampf
und Qualm wallte um sie her -- in wilden Sprüngen ging's dem Kugelregen
entgegen -- ihr wildes Hurra tönte zu der am Waldrand stehenden Kompagnie
zurück. »Donnerwetter, die finden einen harten Widerstand«, murmelte
Leutnant Mansfeld, der aufmerksam durch sein Glas dem Kampf folgte. »Was
meinen Sie, Kärn, ob wir's zwingen?« »Sicher, Herr Leutnant, sicher!
Dort an der Brücke, da freilich -- nein wahrhaftig, die Unserigen müssen
zurück -- ah -- eine Finte von unserem Hauptmann, jetzt gehen sie mit
verdoppelter Wucht los ...« »Vater«, rief Helmut, der neben den
angestrengt den Kampf beobachtenden Führern der kleinen Schar seine Blicke
nach allen Seiten schweifen ließ, »Vater, dort um die Waldecke kommt was
-- da bewegt sich's unter den Bäumen!« Sofort wendeten sich die Gläser
der beiden Männer jener Seite zu. Im selben Augenblick kehrte eine
Patrouille, die man ausgesandt hatte, in großen Sätzen zurück und
meldete: »Hinter der Waldecke kommt ein Trupp Kosaken zu Pferd!« »Das
wird brenzlich!« sagte Mansfeld. »Na wenigstens hat die Warterei ein
Ende! Maschinengewehr richten! Die Kerle mit einem ordentlichen Hagel
empfangen«, dröhnte sein Befehl. Prachtvoll in ihren hohen Pelzmützen
kamen sie daher, die wilden Kerls, auf ihren kleinen Steppenpferden, ritten
lässig unter den breitästigen Kiefern, den hellen Birken, förmlich
vergoldet von der aufgehenden Sonne. Da begann das »Tack, tack, tack« der
Maschinengewehre ... Der Führer bäumte sich auf seinem Pferde hoch empor
und stürzte zur Seite herunter. Der zweite, der dritte gleichfalls, die
anderen rissen die Gäule zurück unter die Bäume. Aber nun war's, als
ob plötzlich der Wald lebendig wurde. Unter Efeu und Weißdorn, zwischen
Tannen und Birkengestrüpp kroch's hervor von grauem Russenvolk, immer
mehr, immer mehr in schrecklichen Massen. Nur auf die Ankunft der Kosaken
hatten sie gewartet, das Häuflein der Deutschen zu überwältigen.
Von allen Seiten schwirrten die Kugeln wie kleine, schrecklich fein und
unheilvoll singende Vögelchen. Es gab ein furchtbares Handgemenge dort auf
dem zerstampften Rasen. Da sah Helmut den Tod in der nächsten Nähe, und
einen Augenblick faßte eine wahnsinnige wilde Angst sein Herz. Er packte
seinen Vater am Rock und schrie verzweifelt: »Vater! Verzeih' mir nur
noch! Verzeih' mir!« Kärn riß den Jungen eine Sekunde lang an sich,
Helmut fühlte seines Vaters Herz in ruhigen tiefen Tönen schlagen. Das
gab auch ihm wieder Mut. Er hörte ihn mit dröhnender Stimme seine Befehle
rufen. Der junge Mansfeld lag blutüberströmt neben ihm am Boden. Und
dann wußte Helmut nichts mehr, als daß zwei greuliche Kalmückengesichter
immer näher auf ihn eindrangen. Er wehrte sich wütend gegen harte Arme,
die nach ihm griffen, erhielt einen Faustschlag auf den Kopf und verlor die
Besinnung. Ein Schütteln seines Körpers ließ ihn wieder wach werden. Der
kleine Rest der Deutschen, der bei dem Überfall verschont geblieben, war
von den Russen gefangen. Leicht hatten sie sich nicht ergeben. Viele Tote
und Verwundete, Freunde und Feinde lagen unter den Bäumen, andere Deutsche
verbanden sich notdürftig ihre Wunden. Eng zusammengetrieben, wurden sie
zwischen einem Trupp berittener Kosaken abgeführt. Durch den schmalen,
sich lang hinstreckenden Wald, über Sumpf und Heide ging's, immer im Trabe
nach Osten davon. Wer von den Verwundeten im schnellen Lauf nicht Schritt
halten konnte, dem sauste die berüchtigte russische Knute um die Beine.
Endlich nach etwa zwei Stunden machten die Kosaken halt, banden ihre Pferde
an die Bäume und stellten Wachen aus. Die Gefangenen, achtzig an der
Zahl, wurden in einen leeren Schuppen genötigt, dessen Tür mit Bohlen
verschlossen und mit lauten Hammerschlägen vernagelt wurde. Draußen
hörten sie bald ein Feuer prasseln, der gute Geruch von Speisen drang zu
den armen hungrigen und erschöpften Feldgrauen. Niemand dachte daran, auch
ihnen etwas zukommen zu lassen. Unter den Kosaken schien großes Vergnügen
und mächtige Lust an dem gelungenen Überfall zu herrschen. Die Flaschen
mit Branntwein kreisten von Mann zu Mann. Sie redeten und schwatzten laut,
stritten und versöhnten sich, einen hörte man schluchzen wie ein
kleines trauriges Kind, ein paar andere sangen die schönen schmerzlichen
Volkslieder der Russen eines hinter dem anderen mit unendlichen Versen. Am
Ende hörten die gefangenen Deutschen im Schuppen gar nichts mehr, denn
in großer Erschöpfung durch die Aufregung des wilden Kampfes waren
die meisten von ihnen auf dem harten Boden der leeren Scheuer fest
eingeschlafen.



[Illustration: DIE FLUCHT]



Ein toller Ritt


Helmut hörte im Halbschlaf neben sich flüstern. Er wachte vollends auf,
als eine rauhe Hand ihm vorsichtig übers Gesicht fuhr und ihm leise die
Backe klopfte. Er hielt die liebe Hand fest und fragte leise: »Was gibt's,
Vater?« »Höre, Junge, Gefreiter Schmidt sagt mir eben, beim Abtasten
der Mauer sei ihm eine Stelle unter die Finger gekommen, wo Steine locker
waren; am Ende ließe sich da ein Loch ausbrechen, durch das du dich
durchzwängen könntest; bist doch gewandt wie 'ne Katze ...« »Ja
Vater«, flüsterte Helmut atemlos, »und dann?« »Na -- und dann siehst
du zu, daß du dich bei den besoffenen Kerls durchschleichst ...« »Und
bringe euch Hilfe von den Unserigen. Ja, Vater! Das tue ich!« »Es geht
um Tod und Leben, Helmut! Jetzt zeig', ob du wert bist, an der Front
zu sein!« Helmut stand auf, streckte sich gerade. »Zu Befehl, Herr
Feldwebel!« sagte er leise lachend. Der Oberlehrer Schmidt nahm ihn bei
der Hand, führte ihn zu der Öffnung in der Mauer, an der zwei Soldaten
mit den Händen die Erde aufgruben, um sie ein wenig zu erweitern.
»Helmut«, flüsterte =Dr.= Schmidt, »ich danke dir auch noch, daß du
mir das Buch über griechische Dichter und den Faust geschickt hast! Das
war ein geistiges Labsal in dieser Kriegsarbeit! Sieh jetzt mal, ob du
durchkommst. Der Alkohol hat seine Arbeit an denen da draußen gründlich
besorgt!« Helmut legte sich auf den Bauch und steckte den Kopf durch
die Öffnung. Ein zartes Mondlicht lag über der Heide und ein gewaltiges
Schnarchen wie von einem vielköpfigen Ungeheuer drang zu den Wipfeln der
breitästigen Kiefern empor. Nun den Augenblick benutzen und nicht noch
Abschied nehmen! Helmut zwängte seinen schlanken, sehnigen Knabenkörper
durch das Loch. Einen Augenblick dachte er steckenzubleiben -- eine
verdoppelte Anstrengung -- die Jacke riß, ein Stück Ärmel hing fest
-- was tat's -- er stand draußen. Mitten unter den von Schlaf und Trunk
überwältigten Feinden! Ein ungeheures Triumphgefühl schwoll in der Brust
des Knaben. Gleich einem Blitz schoß die Erinnerung an ein oft geschautes
Bild in des Vaters Bibel ihm durch den Kopf: Schlafende Wächter vor dem
Kerker des Apostels, der von dem Engel bei der Hand geführt, unversehrt
zwischen ihnen hindurchschritt! Vorsichtig mußte es geschehen ... Ein
falscher Tritt -- das Erwachen eines der Männer -- und fünf Minuten
später würde er am nächsten Baum hängen --. Das wußte Helmut genau.
Er fühlte, wie des Vaters Auge ihm durch die Öffnung der Scheunenmauer
folgte! Wie eine Katze wand er sich, prüfte mit den nackten Zehen, denn er
trug die Schuhe unter dem Arm, jedesmal, ehe er den Fuß aufsetzte, ob auch
kein Zweiglein knacken, ob er nicht eine Hand, einen anderen Fuß berühren
würde ... Jetzt hatte er den Ring, den die Feinde um ihre Gefangenen
bildeten, durchschritten ... Da -- regte sich nicht einer? Er duckte sich.
Ein Grunzen drang aus der Kehle des Kosaken, indem er sich auf die Seite
warf. Helmut stand, hielt den Atem an -- nein es folgte ein zufriedenes
Murren -- der Russe schnarchte weiter. Helmut horchte auf. Zur Rechten
klang das Wiehern und Stampfen der Pferde -- dort mußte er hinüber durch
den Mondschein.... -- Ob Wachen ausgestellt waren? Er glitt auf den Boden,
kroch wie eine Schlange durchs Heidekraut. An zwei russischen Soldaten kam
er vorüber, die kauerten, die Flinten neben sich, die Köpfe auf die Knie
gesunken, schliefen fest und tief. Doch einer von ihnen schien sich
zu ermuntern. »Wer da?« fragte er leise, schlaftrunken auf russisch.
»Kamerad, lieber Mensch«, antwortete Helmut gleichfalls leise auf
russisch. Die Kenntnisse dieser Worte dankte er dem Aufenthalt bei Frau
Ledderhose. »Gut, gut«, brummte der Russe. Helmut lag, ohne sich zu
rühren, lange Zeit still, bis das friedliche Schnarchen wieder einsetzte.
»Ästesägen«, nannte es der Vater. Nun schlich er sich zu den Gäulen.
Den nächsten, der an eine Birke gebunden, ihre Rinde hungrig benagte,
begann er zu streicheln und zu liebkosen. O -- er wußte schon, wie man mit
dem Pferde umzugehen hat, damit es Vertrauen bekommt und den Freund spürt.
Jetzt knüpfte er es los, faßte es am Zügel, führte es vorsichtig über
die Heidelichtung -- Schritt für Schritt, seine Hufe klapperten kaum im
weichen Moos und Kraut! Dann im Schatten eines einzelnen großen Baumes,
die Stiefel an und aufgesessen. -- Nun mit Schnalzen und leisen Lockrufen
den Gaul angetrieben, daß er wie ein Wirbelwind durch das Heidetal stob,
dem Walde zu! Unter der Deckung der alten Birken fühlte sich Helmut
sicherer. Aufmerksam begann er nach dem Wege zu spähen, auf dem die Russen
mit ihren Gefangenen gekommen waren. Gott sei Dank, hier bog die Straße,
wie ein weißes, mondbeschienenes Band in des Waldes finstere Nacht. Nun
konnte er nicht mehr fehlen! Vor Freude stieß er einen lauten Juchzer aus
und ließ den wilden Vogelschrei folgen, mit dem die brasilianischen Hirten
ihre Gäule anzufeuern pflegen. Das zottige Kosakenpferdchen verstand ihn,
jagte mit dem deutschen Jungen auf dem Rücken wie der Teufel durch die
Staubwolken, die seine Hufe aufwühlten. Nach einem scharfen Ritt von
anderthalb Stunden spürte Helmut einen Brandgeruch, der immer stärker
wurde. Er war auf der richtigen Fährte. Und nun hatte er auch die
ausladende Waldecke erreicht, an deren Spitze er die Kosaken zuerst
erblickt hatte. Jetzt kannte er sich aus. Vor ihm das flache Flußtal,
jenseits des Wassers schwarze Rauchwolken, hochauflodernde Flammen -- die
brennende Ortschaft. Zwischen dem Brandherd und dem Flusse wimmelnde
Massen von Militär ... Ob es Feind oder Freund war, konnte er nicht
unterscheiden. Jedenfalls mußte er hinüber und sich Gewißheit schaffen.
Er ritt noch eine Weile am Waldrand entlang -- da waren die Spuren des
mörderischen Kampfes -- da lagen die Braven, die ihr Leben gelassen, stumm
im Grase. Der Knabe biß die Zähne zusammen. Nur nicht hinschauen -- erst
das Ziel erreichen. »Kamerad!« so hörte er eine matte Stimme stöhnen.
Nun hielt er doch, beugte sich nieder zu dem Flehenden. Es war der junge
Leutnant Mansfeld.

»Lieber Herr Leutnant, ich reite eilig hinüber und bringe Hilfe! Haben
Sie nur noch ein bißchen Geduld!«

»Dank -- Dank«, flüsterte der Mund des Helden, und Helmut sauste davon.

Ja -- ja -- es waren deutsche Feldgraue --, im heller werdenden
Morgenlicht sah er es nun deutlich.

Das war ein frohes Reiten! Durch den flachen Fluß ging's noch mit einer
letzten Anstrengung -- dann hielt er unter den Seinen.

Man half ihm vom Pferd. Schwindlig, von Staub und Schweiß unkenntlich,
stand er zwischen den Soldaten, die ihn neugierig umdrängten.

Atemlos fragte er nach dem Hauptmann Breuer, seine Meldung zu machen. Man
führte ihn schleunigst zu dem Offizier.

Die Ortschaft war genommen, der Russe vertrieben, so hörte Helmut auf dem
Wege. Zwar hatte der Feind noch einen Angriff vom Walde her versucht, doch
neu eintreffende Verstärkung aus der Flanke hatten seinen Plan zuschanden
gemacht.

Hauptmann Breuer hörte staunend auf Helmuts Bericht.

»Na, Junge -- das war ein Meisterstück!« rief er und schüttelte
vergnügt Helmut die Hand. »Jetzt wollen wir den Kerls mal das Erwachen
versalzen. Gibt's denn nicht einen näheren Weg zu der Scheune -- ...
Karte her ... Donnerschock, da sind ja unsere Leute ganz in der Nähe
-- auf der anderen Seite vom Wald sollte das Regiment auf weitere Befehle
warten.«

»Kerls -- Freiwillige vor! Wer rettet achtzig Kameraden?« Aus dem
Heidekraut sprang's empor -- die Todmüden, vom harten Kampf des Tages
Erschöpften reckten sich auf. »Hier, Herr Hauptmann --!« »Melde
mich, Herr Hauptmann!« »Herr Hauptmann schicken Sie mich!« Drei
wurden ausgesucht -- der Hauptmann zeigte auf der Karte den Weg durch die
brennende Ortschaft gerade hindurch, am Flusse entlang war die deutsche
Stellung in einer Stunde zu erreichen! Statt des wohlverdienten Schlafes
galt es einen Dauerlauf. Die drei trabten tapfer davon!

Der Hauptmann rieb sich vergnügt die Hände! »So, mein Junge! Oberst von
Borwitz wird das übrige besorgen! Heut nachmittag werden unsere Leute,
denke ich, wieder bei uns eintreffen!«

»Herr Hauptmann, eine Bitte habe ich noch -- können Sie nicht ein paar
Sanitäter nach dem Wald schicken? Dort liegt Herr von Mansfeld verwundet,
auch noch andere. Ich versprach's ihm ...«

»Gewiß -- gewiß doch! Soll gleich geschehen! Hoffentlich ist der gute
Junge noch zu retten -- seiner Mutter Einziger.

Na, und nun erst mal ran mit 'nem Schluck Rotwein und Brot und Wurst!
Weiter haben wir selber nichts!«

Der Hauptmann aber ließ Helmut die besten Teile seines Frühstücks und
schaute lachend zu, wie es dem schmeckte.

Am Nachmittag, wie Hauptmann Breuer es vorausgesagt, trafen die achtzig
Befreiten beim Bataillon ein. Es fehlte kein Einziger. Mit einem kräftigen
Hurra wurden sie von den Kameraden empfangen, Helmut sprang seinem Vater an
den Hals, jeder Schatten war zwischen ihnen verschwunden.

Gegen Abend traten die Kompagnien am Ufer des Flüßchens zum Appell an.
Hell schien die warme Frühlingssonne dem Hauptmann Breuer in das gute
rotbraune Gesicht, als er die ihm anvertrauten Mannschaften musterte.
Ganz unten in der Reihe stand Helmut in seinen zerlumpten Kleidern, eine
feldgraue Mütze auf dem Kopf, der Jüngste der Kompagnie.

Der Hauptmann hielt eine Ansprache.

»Leute!« sagte er, »ihr habt alle eure Pflicht ehrlich getan an dem
heißen Kampftag! Was uns befohlen war, das haben wir geleistet. Aber
achtzig von euch stünden heut nicht unter uns, wenn dieser junge Zivilist
hier nicht über die Köpfe der schnarchenden Feinde hinweggestiegen wäre
und durch einen kühnen Ritt ihnen die Befreiung gebracht hätte! Helmut
Kärn tritt vor!«

Militärisch stramm folgte der Junge dem Befehl.

»Dir gebührt das Ehrenzeichen der Tapferkeit!«

Der Hauptmann löste das Eiserne Kreuz von seiner eigenen Brust und heftete
es Helmut an die zerrissene Jacke.

»Trage das Kreuz, den höchsten Schmuck des deutschen Soldaten zur
Erinnerung an deine mutige Tat! Bleibe durch dein ganzes Leben seiner
würdig! Ein Hurra unserem jungen Helden!«

»Hurra -- Hurra -- Hurra!« klang es dröhnend aus Hunderten von rauhen
Männerkehlen zum goldenen Abendhimmel empor.

Helmut stand stumm und zitternd vor Glück, während der Hauptmann seinem
Vater die Hand schüttelte. Dem rannen die dicken Tränen in den zottigen
Bart.

Dem Hauptmann Breuer war es immer wohler, wenn die feierlichen Augenblicke
vorüber waren, und er wieder gemütlich mit seinen Leuten verkehren
konnte. So nahm er denn, während die Mannschaften abtraten, Helmut am
Ohrläppchen und schüttelte ihn lachend. »Verfluchter Bengel, jetzt
geht's aber spornstreichs zurück in die Schule! Auf die Hosen gesetzt
und gebüffelt! Verstehst du mich? Wehe dir, wenn's nächste Ostern keine
Versetzung gibt!«

»Wird gemacht«, rief Helmut strahlend. »Nur eine Bitte noch, Herr
Hauptmann!«

»Na?«

»Daß Vater bald mal Urlaub kriegt!«

»Zugestanden! In acht Tagen ist er bei Muttern!«



Wie Helmut nach Hause kommt


Die Fahrgäste der Elektrischen, welche die lange Schloßstraße in
Charlottenburg hinauffuhr, stießen sich an und machten sich untereinander
aufmerksam auf einen Jungen, der still in der Ecke saß, und dessen
tiefgebräuntes Gesicht immerfort glückselig in sich hineinlachte. Zu
einem neuen Anzug aus gutem kräftigen Stoff und funkelnagelneuen Stiefeln
trug er eine alte zerbeulte Feldmütze und im Knopfloch seiner Jacke
prangte schlicht und doch seltsam eindrucksvoll das Eiserne Kreuz.

»Unverschämt, sich das anzuhängen, so'n Grünschnabel«, schimpfte
ein leberkrank aussehender Herr, »wer weiß, wo er das gestohlen hat. Da
sollte man doch den Schutzmann aufmerksam machen -- das ist grober Unfug!«

Richtig, als Helmut den Wagen verließ, um das letzte Stück zu seiner
Mutter Wohnung zu Fuß zu gehen, folgte ihm der grimmige Junggeselle, trat
an der Straßenecke auf einen Schutzmann zu und flüsterte mit diesem.

Helmut bemerkte es nicht, er war ganz befangen von der Erwartung des nahen
Wiedersehens mit den Seinen. Die Offiziere von seines Vaters Regiment
hatten zusammengelegt, ihm die Rückreise bezahlt und ihn in Königsberg
mit neuen Kleidern ausrüsten lassen. Nur von der alten Feldmütze, die ihm
die Kameraden des Vaters geschenkt, und die er in dem heiligsten Augenblick
seines Lebens getragen -- von der konnte er sich nicht trennen.

Erschrocken blickte er sich um, als eine Hand sich auf seine Schulter legte
und eine bärbeißige Stimme fragte: »Sie, junger Herr, wo haben Sie denn
das Kreuz da her?«

»Das werde ich Ihnen gleich sagen, Herr Müller«, antwortet Helmut stolz,
denn der Schutzmann war ja sein alter Freund. Helmut hatte ihn hundertmal
um Auskunft gefragt, wenn er sich in dem fremden Berlin nicht zurechtfand.
Immer stand der Schutzmann mit dem blanken Helm über dem friedlichen
rosenroten Vollmondgesicht an dieser Ecke auf treuer Wacht. Hinter seiner
bärbeißigen Stimme verbarg er ein freundliches, hilfsbereites Wesen und
eine unendliche Geduld.

»Ne nu seh einer -- das ist ja der Brasilianer!« rief er jetzt lachend.
»Du Ausreißer -- ganz Berlin haben wir nach dir durchsucht.... Wo kommst
du denn nun hergeschneit?«

Helmut zog aus seiner Brusttasche ein Papier und reichte es mit heimlichem
Schmunzeln der hohen Obrigkeit.

Inzwischen hatte sich ein Kreis von Neugierigen um die beiden versammelt.
Einige Frauen waren gleich hinter dem grilligen alten Herrn aus dem Wagen
gestiegen, um zu sehen, wie die Sache mit dieser rätselhaften Person sich
weiterentwickeln würde. Und da gerade die Schule aus war, strömten die
Jungen in hellen Haufen herbei.

Der Schutzmann entfaltete weitläufig das Aktenstück, in dem der Oberst
des Regimentes Helmut Kärn bescheinigte, daß er das Eiserne Kreuz sich
mit Recht und Ehren erworben habe durch die Rettung von achtzig deutschen
Soldaten aus Feindeshand und durch seinen dabei bewiesenen Mut. Der
Schutzmann las aufmerksam von Anfang bis zu Ende und betrachtete genau den
Stempel des Regiments.

»Na, denn wäre ja woll alles in Ordnung«, sagte er, Helmut das Papier
zurückgebend, »du bist ja ein Mordskerl! Aber trag' das Papier man lieber
immer bei dir! So 'ne verwunderliche Sache -- die glaubt sonst kein Mensch
so 'nem Lausejungen! Meinen Glückwunsch!« Er legte salutierend die Hand
an den Helm. »Lesen, lesen -- laut lesen!« schrie es rings im Kreis von
alten und jungen Stimmen. Helmut überfiel plötzlich eine fürchterliche
Verlegenheit. Es war doch gar nicht leicht, sich zu Haus so richtig als
Held zu benehmen. Er hielt sein wertvolles Aktenstück fest in der Hand,
machte sich mit Puffen und Stößen heftig Bahn durch die andrängende
Jungenschar und rannte davon, so schnell ihn seine Beine trugen. Die
Schuljungen mit Hallo und Geschrei ihm nach. Wie ein junger Hirsch
entsprang er den Verfolgern, erreichte schweißtriefend das Haus, in dem
die Großeltern wohnten und war heilsfroh, als die schwere Eingangstür
hinter ihm ins Schloß fiel.

Dreimal riß er oben an der Wohnungsklingel, wie es seine Art war, wenn er
hungrig aus der Schule kam. Drinnen entstand ein Lärm, ein Umstoßen von
Stühlen, ein Rufen: »Das ist er -- Helmut -- Helmut!«

Die Tür wurde aufgerissen, lachend und weinend küßte ihn seine Mutter.

Hinter ihr zwischen der Gänseblume und der Großmutter erschien noch ein
anderes blühendes, braunäugiges Gesicht. Dort stand Frau Anna Ledderhose,
die der Mutter in der schweren Zeit treulich geholfen hatte. Am Kaffeetisch
bei all den lieben vertrauten Menschen konnte Helmut nun nach Herzenslust
erzählen und berichten von seinem reichen, ernsten Erleben. Die Mutter
hielt seine Hand, die sie immer wieder streichelte und drückte. Nachher,
als sie beide allein waren, gab er ihr das Aktenstück und nahm das
Ehrenzeichen von seiner Jacke.

»Du, Mutti, verwahre es mir, bis ich erwachsen bin«, sagte er »dann will
ich's tragen. Jetzt so als ein Wundertier in Berlin herumlaufen und in der
Schule protzen -- dazu ist mir das Eiserne Kreuz zu heilig.«

[Illustration]



Friedrich Andreas Perthes A.-G. Gotha



[ Hinweise zur Transkription


Der Vermerk "Z. XI." auf der Titelseite ist ein Ausfuhrzeichen aus der
Weltkriegszeit.

Die ganzseitigen Illustrationen "Vater fährt ins Feld" (S. 25),
"Landarbeit im Kriege" (S. 43), "Ost-Preussen" (S. 55) und "Die
Flucht" (S. 91) wurden vor den Beginn des jeweiligen Kapitels verschoben,
um den Lesefluss nicht zu stören.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.

Entsprechend der überwiegenden Darstellung im Originalbuch wurde das Komma
einheitlich hinter das schließende Anführungszeichen gesetzt.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
Ausnahmen,

  Seite 8:
  "«" eingefügt
  (Wie alt sind Sie denn?«)

  Seite 15:
  "laß" geändert in "las"
  (Der Lehrer las laut vor)

  Seite 17:
  "›" eingefügt
  (›Morgen hast'n blauen Lappen dafor‹)

  Seite 17:
  "›" entfernt vor "Weg"
  (Weg is er, und ick konnte nicht hinterher.)

  Seite 42:
  "den altem" geändert in "dem alten"
  (mit dem alten Lodenmantel ihres Mannes angetan)

  Seite 57:
  "»" eingefügt
  (»Wir haben uns nur im Walde versteckt)

  Seite 64:
  "«" eingefügt
  (erklären Sie mir blos in aller Welt~...?«)

  Seite 73:
  "«" eingefügt
  (eine Karte von ihm aus Sibirien.«)

  Seite 77:
  "." eingefügt
  (laut aufs Knie und lachte.)

  Seite 79:
  "»" eingefügt
  (»Siehst du, das alles hier soll mal)

  Seite 79:
  "göttlicheschönen" geändert in "göttlichschönen"
  (Schmuck dieser köstlichen, göttlichschönen Geschichten)

  Seite 79:
  "»" entfernt vor "Nu"
  (Nu -- wir haben's ja dazu!)

  Seite 81:
  "überdem" geändert in "über dem"
  (gleich einer schiefen Mütze über dem Gebäude)

  Seite 82:
  "," geändert in "."
  (an der Schulter und schüttelte ihn.)

  Seite 83:
  "Herre nentfernten" geändert in "Herren entfernten"
  (Auch die beiden jungen Herren entfernten sich)

  Seite 85:
  "Finde" geändert in "Finte"
  (eine Finte von unserem Hauptmann)

  Seite 85:
  "«" entfernt hinter "Ende!"
  (wenigstens hat die Warterei ein Ende!)

  Seite 88:
  "«" eingefügt
  (bei den besoffenen Kerls durchschleichst ...«)

  Seite 93:
  "»" eingefügt
  (»Melde mich, Herr Hauptmann!«)

  Seite 93:
  "»" eingefügt
  (»Herr Hauptmann schicken Sie mich!«)

  Seite 93:
  "«" eingefügt
  (wieder bei uns eintreffen!«)

  Seite 94:
  "«" eingefügt
  (Ich versprach's ihm ...«) ]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Was Helmut in Deutschland erlebte - Eine Jugendgeschichte" ***

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