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Title: Ansiedlungen in den Urwäldern von Canada. - Ein Wegweiser für Auswandrer nach Amerika von einer Emigrantin.
Author: Traill, Catharine Parr Strickland
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Ansiedlungen in den Urwäldern von Canada. - Ein Wegweiser für Auswandrer nach Amerika von einer Emigrantin." ***

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CANADA. ***



             Ansiedlungen
                in den
         Urwäldern von Canada.

  Schilderung des Bodens, Klimas u. s. w. -- Lebensweise
  und Beschäftigungen der Ansiedler. -- Durch Erfahrung und
  genaue Beobachtung bewährte Vorschriften, betreffend die Niederlassung
  und das Gedeihen der neuen Ankömmlinge; mit
  vorzüglicher Berücksichtigung der häuslichen Einrichtungen und
  dem weiblichen Theil der Ansiedler-Familien zufallenden
  Pflichten.

            Ein Wegweiser
                 für
       Auswandrer nach Amerika
                 von
          einer Emigrantin.

         Aus dem Englischen
                 von
         ^Dr.^ F. A. Wiese.

       Mit vielen Abbildungen.

           [Illustration]

           Leipzig, 1837.
     Baumgärtners Buchhandlung.



Einleitung.


Unter den vielen, im Verlauf des letzten Jahrzehents über Canada
erschienenen Werken, welche Auswanderung zum Thema haben, ertheilen
nur wenige oder vielleicht nicht ein einziges über die häusliche
Einrichtung der Ansiedler hinreichend genaue Auskunft, um derjenigen,
welche für alle Bequemlichkeiten und den wohlbehaglichen Zustand einer
Familie verantwortlich ist, -- der Hausfrau, welcher die häusliche
Ordnung obliegt, als treuer und sichrer Führer zu dienen.

Zwar hat ^Dr.^ _Dunlop_ eine geistreiche Flugschrift, betitelt
»^The Backwoodsman^,« (der Urwald-Siedler) herausgegeben, allein sie
geht nicht in die Routine weiblicher Pflichten und Geschäfte, in dem
bezeichneten neuen Wirkungskreise, ein. In der That kann nur die Feder
einer Frau die andre Hälfte von dem beschreiben, was von der innern
Einrichtung und Leitung eines Hauswesens in den Urwäldern zu sagen ist,
sie allein vermag die neuanlangenden weiblichen Auswandrer über die
schwierigen Pflichten und Prüfungen, welche ihrer warten, gehörig zu
unterrichten.

»Vorausgewarnt, vorausgewaffnet,« ist ein Sprichwort unsrer Vorväter,
das in seiner markigen Kürze viel Stoff zum Nachdenken enthält; seine
Bedeutung im Auge, ist die Verfasserin vorliegenden Werkes bestrebt
gewesen, den Frauen und Töchtern von Auswandrern aus den höheren
Ständen, welche inmitten unsrer canadischen Wildnisse eine Heimath
suchen, jeden nur möglichen Unterricht zu ertheilen. Wahrheit war ihr
Hauptziel, denn es wäre grausam, Leute, die ihre Familie, ihr Vermögen
und ihre Hoffnungen in ein wildfremdes Land versetzen, mit falschen
Hoffnungen zu täuschen und glauben zu machen, daß in diesem Lande
Milch und Honig fließe, und daß es zur Erlangung von Bequemlichkeit
und Ueberfluß daselbst nur geringer Mühe bedürfe. Sie zieht es vor,
gewissenhaft und treu die Dinge in ihrem wahren Lichte darzustellen,
damit der weibliche Theil der Ankömmlinge im Stande sei, den neuen
Verhältnissen kühn ins Gesicht zu blicken, in dem ihm angebornen
Tact und Scharfsinn ein Mittel in vorkommenden Schwierigkeiten zu
finden, und, gehörig vorbereitet, mit jener muthvollen Freudigkeit,
wovon wohlerzogne Frauenzimmer oft außerordentliche Beweise liefern,
dem Uebrigen zu begegnen. Desgleichen wünscht sie, ihnen zu zeigen,
wie vortheilhaft es ist, Alles wegzulassen, was außschließlich jener
künstlichen Verfeinerung des modischen Lebens in England angehört; und
wie sie durch Verwendung des Geldes, welches der Ankauf von dergleichen
mehr lästigen und überflüssigen Artikeln erheischen würde, auf wahrhaft
nützliche Gegenstände, die in Canada nicht leicht zu erlangen sind,
sich das Vergnügen verschaffen können, einem wohlgeordneten Hauswesen
vorzustehen. Sie wünscht ihnen den Vortheil einer dreijährigen
Erfahrung zu sichern, damit sie jeden Theil ihrer Zeit zweckmäßig
anwenden mögen, und lernen, daß alles, sowohl Geld als Geldeswerth,
das irgend einem Gliede der Emigranten-Familie angehört, gewissenhaft
als _Capital_ zu betrachten sei, welches durch Vermehrung entweder des
Einkommens oder der häuslichen Ordnung und Bequemlichkeit seine Zinsen
tragen werde.

Diese Aussprüche, welche mehr auf Nutzen und Brauchbarkeit, als
künstliche persönliche Verfeinerung abzwecken, sind nicht so unnöthig,
als das Publikum vielleicht meinen dürfte. Die nach dem brittischen
Amerika auswandernden Familien sind nicht mehr von dem Range im Leben,
wie die, welche früher dort eine neue Heimath suchten. Es sind nicht
blos arme Landleute und Handwerker, die in großen Anzahlen dem Westen
zuziehen, sondern auch unternehmende englische Capitalisten, und die
vormals in Ueberfluß lebenden Landeigenthümer, welche, beunruhigt durch
die Schwierigkeit, in einem Lande, wo alle Gewerbe überfüllt sind, eine
zahlreiche Familie in Unabhängigkeit zu erhalten, sich den Schaaren
anschließen, die jährlich aus England nach jenen Colonien strömen.
Von welcher Bedeutung ist es nicht, daß die weiblichen Glieder dieser
Colonien gehörigen Unterricht hinsichtlich der wichtigen Pflichten
erhalten, denen sie sich unterziehen; daß sie sich auf die Mühen
gefaßt machen und vorbereiten, welche ihrer warten, und so Reue und
Mißvergnügen über grundlose Erwartungen und getäuschte Hoffnungen
vermeiden.

Es ist eine dem Publikum nicht allgemein bekannte Thatsache, daß
brittische Offiziere und ihre Familien gewöhnlich die Bewohner der
Urwälder sind, und da sehr viele außer Dienst stehende Offiziere jedes
Ranges Land-Bewilligungen in Canada erhalten haben, so kann man sie
als die Begründer der Civilisirung in der Wildniß betrachten; und ihre
Frauen, nur zu oft zärtlich erzogen und von vornehmer Abkunft, sehen
sich auf einmal in alle, mit der rohen Lebensweise eines Waldsiedlers
verbundnen Beschwerden und Entbehrungen versenkt. Die Gesetze, welche
die Bewilligung von Grundeigenthum regulieren, nöthigen den Colonisten,
sich auf eine bestimmte Zeit verbindlich zu machen, so wie zur Ausübung
gewisser Pflichten, und verstatten daher, ist einmal die Absteckung des
Bodens erfolgt, keinen Urlaub. Dieselben Gesetze nöthigen sehr weislich
einen Mann von besserer Erziehung, der sowohl im Besitz von Vermögen
als gebildetem Verstand ist, alle seine Kräfte einem bestimmten
Flächenraum ungelichteten Bodens zu widmen. Es läßt sich wohl denken,
daß nur solche, die eine junge Familie in Wohlstand und Unabhängigkeit
zu erhalten wünschen, sich dergleichen Mühseligkeiten unterziehen
werden. Diese Familie macht die Niederlassung eines solchen Ansiedlers
der Colonie noch werther; und der auf halben Sold gesetzte Offizier,
welcher dergestalt gleichsam die Avantgarde der Civilisirung führt und
in jene rohen Distrikte anständige und wohlerzogne weibliche Wesen
bringt, die durch geistige Verfeinerung alles um sich her sänftigen und
veredeln, dient seinem Vaterlande durch Gründung friedlicher Dörfer
und anmuthiger Wohnstätten eben so nachdrücklich, als je zur Zeit des
Kriegs durch persönlichen Muth oder militairische Klugheit.

Es wird sich im Verfolg dieses Werkes ergeben, daß die Verfasserin,
Damen, welche der höhern Ansiedler-Klasse angehören, die geistigen
Quellen einer besseren Erziehung eben so sehr im Auge zu behalten
empfiehlt, als sie ihnen die Beibehaltung aller unvernünftiger und
künstlicher Bedürfnisse, so wie jedes nutzlose Thun und Treiben
widerräth. Sie mögen ihre Aufmerksamkeit auf die Naturgeschichte,
die Flora dieser neuen Heimath richten, hierin werden sie eine
unerschöpfliche Quelle für Unterhaltung und Belehrung finden, eine
Beschäftigung, die den Geist erleuchtet und erhebt und für den Mangel
an jenen leichteren weiblichen Zeitvertreiben, welche nothwendiger
Weise den gebieterischen häuslichen Pflichten weichen müssen, Ersatz
leisten dürfte. Dem Weibe, welches fähig ist, die Schönheiten der
Natur zu empfinden und den Schöpfer des Weltalls in seinen Werken zu
verehren, eröffnet sich ein reicher Vorrath reiner ungeschminkter
Freuden, die es inmitten der einsamsten Gegend unsrer westlichen
Wildnisse frei von Langerweile und übler Laune erhalten.

Schreiberin dieser Seiten spricht aus Erfahrung und würde sich sehr
freuen, wenn sie vernehmen sollte, daß die einfachen Quellen, aus
welchen sie selbst so manche Freude geschöpft hat, die Einsamkeit
zukünftiger Ansiedlerinnen in den Urwäldern von Canada zu erheitern
vermögen.

Als allgemeine Bemerkung für Ansiedler jechlicher Art und jechlichen
Standes, mag hier noch stehen, daß das Ringen nach Unabhängigkeit oft
sehr mühevoll und ohne eine thätige und heitere Lebensgefährtin fast
unmöglich ist. Kinder sollte man frühzeitig die aufopfernde Liebe
schätzen lehren, welche ihre Aeltern zur Ueberwindung des natürlichen
Widerstrebens, das Land ihrer Vorväter, den Schauplatz ihrer frühesten
und glücklichsten Tage, zu verlassen und in einem fernen Welttheile
als Fremdlinge eine neue Wohnstätte zu suchen, neue Banden, neue
Freundschaften zu knüpfen, und gleichsam des Lebens mühevollen Pfad
von neuem anzutreten bestimmte, und alles dies, um ihre Kinder in eine
Lage zu versetzen, worin sie durch Fleiß und Thätigkeit sich stets die
materiellen Bedürfnisse und Bequemlichkeiten des Lebens zu verschaffen
und ihren Nachkommen ein wohlbestelltes Grundeigenthum zu hinterlassen
vermögen.

Junge Männer söhnen sich bald mit diesem Lande aus, indem es ihnen
dasjenige gewährt, was den größten Reiz für die Jugend hat -- nämlich
große persönliche Freiheit. Ihre Beschäftigungen sind erheiternd
und der Gesundheit zuträglich; ihre Belustigungen, z. B. Jagen,
Schießen, Fischen und Gondeln sind vorzüglich einladend und für viele
bezaubernd. An allen diesen Zeitvertreiben aber können ihre Schwestern
keinen Antheil nehmen, daher die Mühseligkeiten und Beschwerden des
Ansiedler-Lebens insbesondre dem weiblichen Theil der Familie anheim
fallen. Mit einem Hinblick auf Abhülfe dieser Entbehrungen und um zu
zeigen, wie man einige Schwierigkeiten sich erleichtern andre vermeiden
kann, hat die Verfasserin manche ihr nützlich erscheinende Vorschläge
eingestreut. Einfache Wahrheit, durchaus auf persönliche Kenntniß
gestützt, ist die Grundlage des vorliegenden Werkes; eingeflochtne
Erdichtungen hätten es vielleicht manchen Lesern willkommner gemacht,
würden aber auf der andern Seite seiner Brauchbarkeit Abbruch
gethan haben; indeß werden auch Diejenigen, welche keineswegs
die Absicht haben, die Mühseligkeiten und Gefahren des in Rede
stehenden Ansiedler-Lebens zu theilen, wohl aber von Scenen und
Lebens-Verhältnissen, die von denen eines seit langer Zeit civilisirten
Landes so himmelweit verschieden sind, einige Kenntniß zu erlangen
wünschen, ihre Rechnung finden und sowohl Unterhaltung als auch manche
nützliche Lehre daraus schöpfen.



Die Urwälder von Canada.



Erster Brief.

 Abfahrt von Greenock in der Brig _Laurel_. -- Beschaffenheit
 der Kajüte. -- Reise-Gefährte. -- Mangel an Beschäftigung
 und Unterhaltung. -- Des Capitains Goldfinke. --


                               Brig _Laurel_, Juli 18, 1832.

_Theuerste Mutter!_

Ich erhielt Ihren letzten lieben Brief nur wenige Stunden vor unsrer
Abfahrt von Greenock. Da Sie den Wunsch äußern, eine ausführliche
Beschreibung unsrer Reise von mir zu erhalten, so will ich meine
Mittheilungen von der Zeit unsrer Einschiffung an beginnen, und so oft
schreiben, als mich meine Neigung dazu treibt. Gewiß sollen Sie keinen
Grund haben, über zu kurze Briefe von mir zu klagen, ich fürchte Sie
werden dieselben nur zu lang finden.

Nach manchem Aufschub, mancher fehlgeschlagnen Erwartung glückte es uns
endlich, eine Gelegenheit zur Ueberfahrt in einer schnell segelnden
Brig, dem _Laurel_ von Greenock, zu finden; und günstige Winde tragen
uns jetzt in reißendem Fluge über den atlantischen Ocean.

Der _Laurel_ ist kein regelmäßiges Passagier-Schiff, dies aber
betrachte ich als einen Vortheil, denn was wir auf der einen Seite
an Unterhaltung und Mannigfaltigkeit einbüßen, gewinnen wir auf der
andern an Behaglichkeit. Die Kajüte ist recht hübsch aufgeputzt und
ich erfreue mich des Genusses, (denn ein solcher ist es in der That,
in Vergleich zu den schmalen Sitzen der Staats-Kajüte) eines hübschen
Sophas mit rothem Ueberzug, in der großen Kajüte. Die Staats-Kajüte
steht uns auch offen. Wir zahlten für unsre Ueberfahrt nach Montreal
jedes funfzehn Pfund, allerdings ein ziemlich hoher Preis, der aber
jede andre Ausgabe in sich einschließt; und übrigens hatten wir keine
Wahl. Das einzige nach Canada bestimmte Fahrzeug auf dem Flusse war
mit Auswandrern, vorzüglich Holländern aus der niedrigen Klasse,
buchstäblich überfüllt.

Die einzigen Passagiere in dem _Laurel_, außer uns, sind der Neffe des
Capitains, ein hübscher blondhaariger Bursche von ungefähr funfzehn
Jahren, der die Unkosten für seine Ueberfahrt abarbeitet; und ein
junger Herr, der nach Quebek reist, wo er in einem Handlungshause eine
Anstellung als Commis erhalten hat. Derselbe scheint zu sehr mit seinen
Angelegenheiten beschäftigt, um sehr mittheilend gegen andre zu sein;
er spaziert viel umher, spricht wenig und liest noch weniger; unterhält
sich aber oft mit Singen, wenn er das Deck auf- und abschreitet, seine
Lieblingslieder sind, »_O Heimath, süße Heimath!_« u. s. w.; und jener
treffliche Gesang, »_Schöne Insel_[1]« u. s. w. gewiß eine süße Weise,
und ich kann mir den Zauber, welchen sie für ein am Heimweh leidendes
Herz hat, leicht vorstellen.

Die Scenerei des Clyde (Fluß) gefiel mir ausnehmend; der Tag, an
welchem wir die Anker lichteten, war heiter und angenehm, und ich
blieb bis spät Abends auf dem Deck. Das Morgenlicht begrüßte unser
Schiff, als es mit einem günstigen Winde von Lande her stattlich durch
den Nordcanal hinsteuerte; an diesem Tage sahen wir die letzte der
Hebriden, und vor Eintritt der Nacht verloren wir die nördliche Küste
von Irland aus den Augen. Eine weite Wasserfläche und über uns der
Himmel sind jetzt unser einziger Anblick, durch nichts unterbrochen,
als wenn sich in weiter Ferne am Saume des Horizonts die kaum zu
unterscheidenden Umrisse eines Fahrzeugs zeigen, -- ein Fleck in
dem unermeßlichen Raume, -- oder dann und wann einige Seevögel
vorübergleiten.

Es macht mir Vergnügen, diese Wandrer des Oceans, indem sie mit den
hochgehenden Wogen steigen und fallen, oder um unser Schiff flattern,
zu beobachten; und oft denke ich mit Verwunderung darüber nach, woher
sie kommen, nach welchem fernen Ufer sie ihren Flug nehmen, und ob sie
den langen Tag und die finstre Nacht hindurch die wilde Woge zu ihren
Ruheplatz wählen; und dann fallen mir unwillkührlich die Worte des
amerikanischen Dichters _Bryant_ ein:

        »Er der von Zone zu Zone
  Durch den grenzenlosen Luftkreis ihren
        bestimmten Flug lenkt,
  Wird auf dem langen Wege, den ich
        allein durchwandern muß,
  Meine Schritte richtig leiten.«

Wiewohl wir noch nicht viel über eine Woche an Bord gewesen sind,
so fängt mich doch schon die Reise zu langweilen an. Ich kann ihre
Einförmigkeit blos mit der Einkerkerung in ein Dorfwirthshaus während
schlechten Wetters vergleichen. Ich habe mich bereits mit allen Büchern
der Schiffs-Bibliothek, die des Lesens werth sind, bekannt gemacht;
unglücklicher Weise besteht sie größtentheils aus alten Novellen und
faden Romanen.

Wenn das Wetter schön ist, sitze ich auf einer Bank auf dem Deck,
in meinen Mantel gehüllt, und nähe, oder wandle mit meinem Gatten
Arm in Arm umher und schwatze über Pläne für die Zukunft, die wohl
nie verwirklicht werden dürften. Die Männer, welche nicht thätig
beschäftigt sind, verdienen in der That Mitleiden; Frauenzimmer haben
in ihrer Nadel stets ein Zufluchts-Mittel gegen die tödtende Langeweile
eines müßigen Lebens; aber wo ein Mann auf einen engen Raum, wie das
Deck und die Kajüte eines Handelsschiffs, beschränkt ist und nichts zu
sehen, nichts zu hören, nichts zu thun hat, spielt er wirklich eine
sehr bedauernswürdige Rolle.

Ein einziger Passagier an Bord scheint sich vollkommen glücklich
zu fühlen, wenn man anders nach der Lebhaftigkeit seines Gesanges
schließen darf, womit er uns begrüßt, so oft wir seinem Käfig nahe
kommen. Dies ist »Harry« der Goldfinke des Capitains -- »des _Capitains
Gehülfe_,« wie ihn die Matrosen nennen. Dieses niedliche Geschöpf
hat nicht weniger als zwölf Reisen auf dem _Laurel_ mitgemacht.
»Es ist ihm ganz einerlei, ob sich sein Käfig auf dem Lande oder
auf der See befindet, er ist stets zu Hause,« sagte der Capitain,
seinen kleinen Liebling mit zärtlichen Blicken betrachtend und durch
die Aufmerksamkeit, die wir seinem Vogel widmeten, sich offenbar
geschmeichelt fühlend.

Ich habe mich bereits mit dem kleinen Gefangnen befreundet. Er verfehlt
nie, meine Annäherung mit einem seiner lieblichsten Gesänge zu
begrüßen, und nimmt ein Stückchen Bisquit von meinen Fingern, welches
er so lange in seinen Krällchen hält, bis er mir mit einigen seiner
klarsten Töne gedankt hat; dieses Zeichen von Anerkennung nennt der
Proviantmeister _sein Tischgebet_.

Wenn uns der Wind noch länger begünstigen sollte, werden wir uns in
der nächsten Woche an der Küste von Neufundland befinden. Für jetzt
leben Sie wohl.

Fußnoten:

[1] England.



Zweiter Brief.

 Ankunft an der Küste von Neufundland. -- Der Goldfinke singt kurz
 vor Entdeckung des Landes. -- Der Meerbusen St. Laurence. --
 Schwierige Fahrt auf dem Flusse. -- Ein französischer Fischer wird
 als Lootse angestellt. -- Die Insel Bic. -- Grün-Eiland. --
 Anstellung eines regelmäßigen Lootsen. -- Scenerei von Grün-Eiland.
 -- Gros-Eiland. -- Quarantaine-Gesetze. -- Emigranten auf Gros-Eiland.
 -- Ankunft vor Quebek. -- Anblick der Stadt und ihrer Umgebungen.


               Brig _Laurel_, Fluß St. Laurence, August 6, 1832.

_Theuerste Mutter!_

Ich brach meinen letzten Brief aus der einfachen Ursache ab, weil ich
nichts weiter zu schreiben hatte. Ein Tag war gleichsam das Echo des
vorhergehenden, so daß eine Seite aus dem Tagebuche des Unterschiffers
eben so unterhaltend und eben so belehrend gewesen sein würde, als mein
Tagebuch, wofern ich nämlich ein solches während der letzten vierzehn
Tage geführt hätte.

So arm an Ereignissen war diese ganze Zeit, daß die Erscheinung einer
Anzahl Flaschennasen, einiger Robben und eines Meerschweins[2], --
wahrscheinlich auf ihrem Wege zu einer Mittags- oder Thee-Gesellschaft
am Nordpol, -- als eine Begebenheit von großer Wichtigkeit betrachtet
wurde. Jeder griff nach seinem Fernglase, als sie sich zeigten, und man
stierte sie an, als wollte man sie in Verlegenheit setzen.

Den _fünften August_, also gerade einen Monat, nachdem wir die
brittischen Inseln völlig aus den Augen verloren, bekamen wir die Küste
von Neufundland zu Gesicht, und ob sie gleich braun, rauh und öde
erschien, so begrüßte ich doch ihren Anblick mit Entzücken. Nie ist mir
etwas so erfrischend und köstlich vorgekommen, als die kühle Landluft,
welche uns entgegen wehete und uns, wie mich täuchte, Gesundheit und
Freude auf ihren Schwingen zuführte.

Nicht ohne einiges Befremden gewahrte ich die rastlose Thätigkeit des
oben erwähnten Goldfinken, einige Stunden bevor der Ausruf »_Land!_«
vom Mastkorbe erscholl. Er sang in einem fort, und seine Töne waren
länger, heller und durchdringender als früher; das kleine Geschöpf,
versicherte mir der Capitain, fühlte die Umänderung in der Luft, als
wir uns dem Lande näherten. »Ich verlasse mich,« sagte er, »fast eben
so sehr auf meinen Vogel als auf mein Fernglas, und bin bis jetzt nie
getäuscht worden.«

Unsre Fortschritte, nachdem wir in den Golf hineingesteuert, waren
etwas langsam und langweilig. Die Strecke durch denselben bis zum
Eingang in den majestätischen Laurence-Fluß beträgt neunzig englische
Meilen, er scheint an und für sich allein ein Ocean zu sein. Die Hälfte
unsrer Zeit bringen wir über der großen Karte in der Kajüte zu, die
mein Gatte unaufhörlich auf- und zurollt, um sich mit den Namen der
fernen Ufer und Inseln, an denen wir vorbeifahren, bekannt zu machen.

Wir sind bis jetzt ohne Lootsen, und der Capitain, ein vorsichtiger
Seemann, will das Schiff nicht gern an diese gefährliche Fahrt wagen,
daher unsre Reise nur langsam von statten geht.

Den _siebenten August_. -- Wir erhielten diesen Morgen Besuch von
einem schönen kleinen Vogel, der nicht viel größer war, als ein
Zaunkönig. Ich pries ihn als einen Vogel guter Vorbedeutung -- einen
kleinen Boten, abgesendet, uns in der neuen Welt willkommen zu heißen;
gewiß ich fühlte eine fast kindische Freude bei Erblickung des kleinen
Fremdlings. Es giebt glückliche Momente in unserm Leben, wo wir aus den
unbedeutendsten Dingen große Freude schöpfen, wie Kinder, denen das
einfachste Spielwerk Vergnügen macht.

Gleich nachdem wir in den Meerbusen hineingesteuert waren, äußerte sich
bei allen an Bord eine sichtbare Veränderung. Der Capitain, ein ernster
schweigsamer Mann, wurde ganz gesprächig. Mein Gatte zeigte sich mehr
als gewöhnlich lebhaft und aufgeregt, ja selbst der gedankenvolle
junge Schotte thauete auf und wurde im buchstäblichen Sinne des Wortes
unterhaltend. Die Schiffsmannschaft entfaltete den regsten Eifer in
Erfüllung ihrer Pflicht, und der Goldfinke sang lustig von Morgen
bis Abend. Was mich betrifft, so war mein Herz voller Hoffnung, die
jedes Gefühl von Zweifel oder Bedauern, welches die Gegenwart hätte
verdüstern oder die Zukunft bewölken können, verdrängte.

Ich kann jetzt deutlich die Umrisse der Küste auf der Südseite des
Flusses mit meinen Augen verfolgen. Bisweilen hüllen sich die Hochlande
plötzlich in dichte Nebelwolken, die in beständiger Bewegung sind und
in dunkeln Wogen dahin rollen, bald von rosigem Licht gefärbt, bald
weiß und flockig, oder glänzend wie Silber, wenn die Strahlen der Sonne
darauf fallen. So schnell sind die Veränderungen, welche in diesen
Nebelmassen vor sich gehen, daß man, bei dem nächsten Blick darauf,
die Scene wie durch Zauber umgewandelt findet. Der Nebelschleier wird
wie von unsichtbaren Händen emporgehoben, und die wilden bewaldeten
Berge enthüllen sich nebst den kühnen felsigen Ufern und langgedehnten
Buchten zum Theil dem überraschten Auge. Ein andermal zertheilt sich
die Dunstschicht und schwebt gleich hohen Rauchsäulen in den Thälern
und Schluchten hin oder hängt gleich schneeweißen Vorhängen zwischen
den dunkeln Waldkiefern.

Ich kann mich an diesen seltsam gestalteten Wolken nicht satt sehen;
sie erinnern mich an die schöne Zeit, die ich in den Hochlanden
(schottische) zwischen nebelgekrönten Hügeln des Nordens verlebte.

Gegenwärtig ist die Luft kalt, und wir haben häufige Windstöße und
Hagelschauer mit gelegentlichem Donnerwetter, gleich darauf ist alles
wieder hell und heiter, und die Luft füllt sich mit Wohlgerüchen, und
Mücken, Bienen und Vögel schwärmen vom Ufer aus hinter uns her.

_Den achten August._ Wiewohl ich nur mit Gefühlen von Bewunderung
auf der Majestät und Gewalt dieses mächtigen Flusses weilen kann, so
fängt mich doch seine Endlosigkeit zu langweilen an, und ich sehne
mich nach einem nähern Anblick des Ufers; denn vor der Hand sehen
wir in südlicher Richtung nichts als lange Reihen mit Nadelholz
bedeckter Hügel und hier und da ein weißes Fleckchen, wie man mir sagt,
Ansiedlungen und Dörfer; während hohe Berge, von allem Grün entblößt,
auf der Nordseite des Flusses die Aussicht beschränken. Meine Vorliebe
für bergige Gegenden zieht mein Auge gewaltsam nach letztrer Seite,
und ich beobachte mit wahrem Vergnügen die Cultur-Fortschritte dieser
rauhen und unwirthbaren Gegenden.

Während der letzten zwei Tage haben wir uns ängstlich nach einem
Lootsen umgesehen, der das Schiff nach Quebek geleiten soll. Es sind
mehre Signal-Schüsse gethan worden, aber bisher ohne Erfolg; kein
Lootse hat uns bis jetzt mit einem Besuche beehrt, und so befinden wir
uns gleichsam auf einer Station, ohne Wagenlenker und blos mit einer
der Führung der Zügel unkundigen Hand. Ich bemerke bereits einige
Zeichen von Ungeduld unter uns, aber Niemand tadelt den Capitain, der
sich sehr besorgt bei der Sache zeigt, da der Fluß mit Felsen und
Untiefen gefüllt ist und demjenigen, der nicht genau mit der Fahrt in
dieser Gegend vertraut ist, große Schwierigkeiten entgegengesetzt.
Ueberdies ist er den Unternehmern für die Sicherheit des Schiffs
verantwortlich, im Fall er einen Lootsen an Bord zu nehmen unterläßt.

Während ich obige Bemerkungen niederschrieb, wurde ich plötzlich
durch einen Lärm auf dem Deck gestört, und als ich hinaufging, um die
Ursache kennen zu lernen, erfuhr ich, daß ein Boot mit dem so lange
ersehnten Lootsen vom Ufer abgestoßen sei; allein nach allem Lärm und
Durcheinanderlaufen ergab sichs, daß es nur ein französischer Fischer
nebst einem armseligen zerlumpten Jungen, seinem Gehülfen, war. Der
Capitain bewog ohne große Schwierigkeit Monsieur _Paul Breton_, uns
bis Grün-Eiland, eine Strecke von einigen hundert englischen Meilen
den Fluß weiter aufwärts zu geleiten, wo wir, wenn nicht noch früher,
seiner Versicherung nach, einen regelmäßigen Lootsen finden würden.

Es fällt mir etwas schwer, Monsieur _Paul_ zu verstehen, da er einen
besondern Dialect spricht; aber er scheint ein guter Mensch zu sein und
zeigt sich sehr gefällig. Wie er uns erzählt, ist das Getraide zur Zeit
noch grün und kaum in der Aehre, und die Sommerfrüchte sind noch nicht
reif, indeß meint er, daß wir zu Quebek Aepfel und andre Früchte in
Ueberfluß finden werden.

Je weiter wir den Fluß hinaufkommen, desto einladender und anmuthiger
wird der Anblick des Landes auf beiden Seiten. Grüne Fleckchen mit
weißen Hütten zeigen sich auf den Ufern und längs den Berg-Abhängen
ausgestreut; während hier und da eine Dorfkirche mit ihrem Thurme
hervorgukt, der mit seiner blitzenden Fahne und hellem Zinndache die
umgebenden Gebäude überragt. Die südlichen Ufer sind besser bevölkert,
aber nicht so malerisch als die nördlichen, indeß bieten beide Seiten
dem Auge viel Erfreuliches dar.

Diesen Morgen ankerten wir im Angesicht der Insel Bic, einem
niedlichen, niedrigen, mit Bäumen bedeckten und recht einladenden
Eiland. Ich fühlte großes Verlangen, meinen Fuß auf canadischen Boden
zu setzen, und muß gestehen, daß es mich etwas verdroß, als mir der
Capitain rieth, an Bord zu bleiben, und die Gesellschaft, welche
sich vorbereitete, ans Ufer zu gehen, nicht zu begleiten; mein Gatte
unterstützte den Wunsch des Capitains, und ich begnügte mich damit,
vom Schiffe aus meine Augen auf die reichen Laubmassen zu richten,
welche ein leichtes Lüftchen hin und her bewegte. Indeß hatte ich
bald Ursache, dankbar zu sein, daß ich meinem eigensinnigen Wunsch
nicht gewillfahrtet, denn Nachmittags wurde es trübe und neblich,
und bei der Rückkehr des Bootes erfuhr ich, daß der Boden gerade da,
wo die Gesellschaft gelandet, morastig sei, und daß sie bis über die
Fußknöchel ins Wasser eingesunken. Sie hatten die Insel kniehoch mit
üppigem rothen Klee, schlanken Bäumen, niedrigem Strauchwerk und einem
Ueberfluß von wilden Blumen bedeckt gefunden.

Um mich einigermaßen dafür zu entschädigen, daß ich ihn nicht
hatte begleiten dürfen, überreichte mir mein Gatte bei seiner
Rückkehr ein prächtiges Bouquet, das er für mich gesammelt. Unter
den Blumen befanden sich süß duftende rothe Rosen, derjenigen nicht
unähnlich, welche wir in Schottland die pimpinellenblättrige Rose
(^burnet-leaved^) nennen, mit glatten glänzenden Blättern und wenigen
oder gar keinen Dornen; ferner das Lungenkraut (^Pulmonaria^) welches
ich häufig in den Hochlanden gepflückt habe; eine Zucker-Erbse mit
rothen Blüthen und blaßgrünen Blätter-Ranken; eine weiße Orchis, von
entzückendem Geruch; und außer diesen verschiedne kleine, weiße und
gelbe Blumen, die mir völlig unbekannt waren. Der Proviantmeister
versah mich mit einem Porzelankruge und frischem Wasser, so daß ich
während des Restes unsrer Reise den Genuß eines schönen Blumen-Straußes
haben werde. Die Matrosen hatten nicht vergessen, ein oder zwei
buschige Aeste zur Schmückung des Schiffs mitzubringen, und der
Vogelkäfig war bald in eine kleine Laube umgestaltet.

Obgleich das Wetter jetzt sehr schön ist, so machen wir doch nur
langsame Fortschritte; der Wind bläst von allen Seiten, nur nicht von
der rechten. Wir schwimmen mit der Fluth vorwärts, werfen, wenn diese
uns verläßt, die Anker aus und warten dann so geduldig als möglich,
bis es wieder Zeit ist, dieselben zu lichten. Zu meiner Unterhaltung
mustre ich bald die Dörfer und Ansiedlungen durch das Fernglas des
Capitains, bald belauere ich das Erscheinen der weißen, zwischen den
Wogen schaukelnden Meerschweine (^porpoises^). Diese Thiere sind
von milchweißer Farbe und haben nichts von dem ekelhaften Aeußern
der schwarzen. Dann und wann steckt eine Robbe ihr drolliges Haupt
dicht neben dem Schiffe aus dem Wasser hervor, ganz so aussehend wie
_Sindbad's_ kleiner Meer-Greis[3].

Es ist ein glücklicher Umstand für mich, daß meine Liebe zur
Naturgeschichte mir mancherlei Gegenstände, die vielen der Beachtung
unwerth erscheinen, zu Quellen der Unterhaltung und Belehrung macht.
Das einfachste Kräutchen, das auf meinem Pfade wächst, die unscheinbare
Mücke, welche um mich her summt, gewährt mir Stoff zum Nachsinnen und
zur freudigen Bewunderung.

Wir befinden uns jetzt im Angesicht von Grün-Eiland. Es ist die größte
und, meines Bedünkens, eine der bevölkertsten Inseln, an denen wir
bisher vorbeigekommen sind. Mit jeder Minute nimmt die Scenerei an
Schönheit zu.

So weit das Auge reichen kann, sieht man das Ufer dicht mit Dörfern
und Meiereien in einer fast ununterbrochnen Linie bedeckt. Auf
der Südseite glänzt und funkelt Alles von den Zinndächern der
ansehnlicheren Gebäude; die übrigen Häuser sind mit weiß übertünchten
Schindeln gedeckt. Letztere gefallen mir weniger als die einfachen
(nicht angestrichnen) Schindeln; die weiße Farbe der Dächer der
Hütten und Hausstätten blendet das Auge, und vergebens sieht man
sich zur Erleichterung nach Schiefer- oder Stroh-Dächern um; die
Schindeln, in ihrem natürlichen Zustande, erlangen bald das Ansehn
von Schieferplatten, so daß man sie kaum davon unterscheiden kann.
Was würden Sie zu einem rosenroth angestrichnen Hause mit einem Dache
von derselben muntern Farbe, und auf der Vorderseite mit grünen
Fensterladen, grünen Thüren und einer grünen Verandah (Vorhalle)
sagen. Jedenfalls ist das Innere in entsprechendem Geschmack verziert.
In der Regel bemerkt man in einem canadischen Dorfe, ein oder mehre
dergleichen rosenfarbne Häuser, die sich durch ihr prahlendes Aeußere
vor ihren bescheidnern Brüdern auszeichnen.

_Den elften August._ -- Gleich unter Grün-Eiland nahmen wir einen
wirklichen Lootsen an Bord, den ich indeß, beiläufig gesagt, nicht
halb so gut leiden kann, als Herrn _Paul_. Er ist etwas superklug
und scheint sich offenbar nicht wenig auf seine überlegne Kenntniß
des Flußes einzubilden. Der gutmüthige Fischer verließ seinen Posten
mit recht gefälligem Anstand und scheint mit seinem geschickteren
Nebenbuhler bereits ziemlich befreundet zu sein. Ich meines Theils
gerieth in große Sorge, als der neue Lootse an Bord kam; das erste
was er that, war, daß er uns einen gedruckten Zettel einhändigte,
welcher Verordnungen von Seiten des Gesundheit-Ausschusses zu Quebek
hinsichtlich der Cholera enthielt, die, nach seiner Aussage, sowohl an
diesem Orte als zu Montreal wahrhaft pestartig wüthet.

Diese Verordnungen verbieten sowohl dem Capitain als dem Lootsen, unter
Androhung schwerer Strafe im Unterlassungsfall, ausdrücklich, irgend
Jemand, sei es von der Schiffsmannschaft oder den Passagieren, ohne
vorherige strenge Untersuchung von Seiten der Quarantaine-Anstalt aus
dem Schiffe zu entlassen.

Dies war für alle höchst unangenehm und ärgerlich, besonders da der
Capitain an demselben Morgen den Vorschlag gethan hatte, daß er uns
an einem anmuthigen Orte, Namens Kranich-Insel landen wolle, damit
wir den Nachmittag bis zur Rückkehr der Fluthzeit in dem Hause eines
angesehnen Schotten zubringen könnten, der die beste Ansiedelung,
sowohl in Hinsicht der Gebäude als Anlage des Bodens, die mir bis jetzt
zu Gesicht gekommen, daselbst besitzt.

Die Lage der Insel ist an sich selbst sehr schön. Um sie her fluthet
der gewaltige St. Laurence-Fluß, auf seinen Wogen den Handel
verschiedner Nationen tragend; im Vordergrunde sind die volkreichen
und lebhaften Ansiedelungen der südlichen Ufer, während dahinter und
weit darüber hinaus sich die hohe Bergkette nach Norden zu erhebt,
gegenwärtig dicht mit Dörfern, anmuthigen Meiereien und angebauten
Feldern bedeckt. Die Insel selbst zeigte uns ebne freie Plätze und
smaragdgrüne Wiesen, nebst Obstpflanzungen und Kornfeldern, die sanft
abwärts nach dem Wasser-Rande verliefen. Nach einer Einkerkerung von
ziemlich fünf Wochen an Bord des Schiffs, können Sie sich leicht
vorstellen, mit welcher Freude uns die Aussicht erfüllte, einige
Stunden an diesem einladendem Orte zuzubringen.

Wir hoffen, diesen Abend den Quarantaine-Platz (Gros-Eiland) zu
erreichen, wo wir, wie uns der Lootse sagt, drei Tage werden verweilen
müssen. Ob wir uns gleich alle einer guten Gesundheit erfreuen,
so müssen wir doch, weil wir aus einem inficirten Hafen kommen,
Quarantaine halten und dürfen nicht landen.

_Den zwölften August._ Wir erreichten Gros-Eiland gestern Abend,
-- eine schöne felsige Insel, mit Buchen-, Birken-, Eschen- und
Tannen-Wäldchen bedeckt. Es liegen hier verschiedne Schiffe dicht
am Ufer vor Anker, eins davon führt das traurige Krankheitssymbol,
die gelbe Flagge; es ist ein Passagier-Schiff und hat Pocken- und
Masern-Kranke unter seiner Mannschaft. Sobald sich an Bord Zeichen von
ansteckenden Krankheiten äußern, wird die gelbe Flagge aufgesteckt, und
die Erkrankten werden in das Cholera-Hospital oder hölzerne Gebäude
geschafft, welches auf einer Anhöhe des Ufers errichtet worden ist. Es
ist mit Palisaden und einer Soldaten-Wache umgeben.

In einer kleinen Entfernung vom Hospital steht ein temporäres Castell
mit einer Besatzung, zur Aufrechterhaltung und Einschärfung der
Quarantaine-Vorschriften. Diese Vorschriften gelten als sehr mangelhaft
und in mancher Hinsicht als völlig ungereimt; in der That bringen sie
den unglücklichen Emigranten bedeutende Nachtheile[4].

Wenn die Passagiere und Mannschaft eines Schiffs eine gewisse Anzahl
nicht übersteigen, so ist es ihnen, unter Verantwortlichkeit sowohl des
Capitains als des Uebertreters, nicht erlaubt, zu landen; überschreiten
sie dagegen die festgesetzte Zahl, -- sie seien nun krank oder gesund,
so müssen beide -- Passagiere und Mannschaft -- ans Land gehen, ihre
Betten und Kleider mitnehmen, die man auf dem Ufer ausbreitet, um
sie zu waschen, zu lüften und zu durchräuchern, wodurch die Gesunden
nothwendiger Weise jeder Gelegenheit zur Ansteckung von Seiten der
Kranken ausgesetzt werden.

Die Schuppen und Gebäude zur Aufnahme derjenigen, die sich den
Quarantaine-Gesetzen unterziehen müssen, stehen in der unmittelbaren
Nähe des Hospitals.

Nichts kann größer sein, als mein sehnsüchtiges Verlangen nach der
Erlaubniß zum Landen und zur Durchforschung dieser malerischen Insel;
das Wetter ist so schön, und die unter dem Einfluß kühler Lüftchen
hin und her wogenden grünen Wäldchen, die kleinen felsigen Baien und
Einbuchten der Insel erscheinen so reizend und lockend! -- aber allen
meinen Bitten setzte der besuchende Arzt, welcher an Bord des Schiffs
kam, ein entschiedenes Nein entgegen.

Wenige Stunden nach seinem Besuche indeß langte ein indianischer Korb,
gefüllt mit Stachelbeeren und Himbeeren, nebst einem Strauße wilder
Blumen und dem Compliment dieses Arztes an Bord unsers Kerkers an.

Ich unterhalte mich mit Entwerfung kleiner Skitzen des Castells und
der umgebenden Landschaft oder beobachte die am Ufer umherwandelnden
Auswandrer-Gruppen. Wir haben bereits die Passagiere von drei
Emigranten-Schiffen landen sehen. Man glaubt, einen Meßplatz oder mit
Menschen überfüllten Markt vor sich zu haben: Kleider flattern im Winde
oder liegen auf dem Erdboden ausgebreitet; überall stößt das Auge
auf Kisten, Bündel, Körbe; auf Männer, Weiber und Kinder, die theils
schlafen, theils sich in der Sonne weiden; einige sind mit Ordnung
ihrer Güter beschäftigt, die Weiber waschen und kochen unter freiem
Himmel, neben den Holz-Feuern, die auf dem Strande lodern; während
hier und da Gruppen von Kindern in fröhlicher Ausgelassenheit einander
haschen und jagen, ihre neuerlangte Freiheit genießend. Mit diesen
vermischt zeigen sich die stattlichen Gestalten und bunten Uniformen
der Schildwachen, während der dünne blaugraue Rauch der brennenden
Holzstöße sich langsam über die Bäume wegwälzt und die malerische
Wirkung der Scene erhöht. Als mein Gatte die Aufmerksamkeit eines
Offiziers vom Castell, der an Bord des Schiffs gekommen war, auf die
malerische Erscheinung vor uns lenkte, erwiederte dieser mit einem
traurigen Lächeln: »Glauben Sie mir, daß in gegenwärtigem Falle, so
wie in vielen andern, nur die Ferne dem Anblick einen Zauber verleiht;
könnten Sie einige von jenen so heiter erscheinenden Gruppen, die Sie
bewundern, näher betrachten, so würden Sie, denk' ich, ihr Auge mit
siechem Herzen davon abkehren; Sie würden hier die Krankheit in allen
ihren Formen, Sie würden Laster, Armuth, Schmuz und Hungersnoth -- das
menschliche Elend in seinen grellsten Farben und in der abscheulichsten
Gestalt erblicken, Scenen, wie sie nur der Pinsel eines _Hogarth_ zu
malen, oder die Feder eines _Crabbe_ zu schildern vermöchte.«

_Den vierzehnten August._ -- Wir haben die Anker wieder gelichtet
und schwimmen mit der Fluth stromaufwärts. Gros-Eiland liegt gerade
fünfundzwanzig englische Meilen unterhalb Quebek, ein günstiger Wind
würde uns binnen wenigen Stunden dahin führen; vor der Hand kommen wir
nur kleine Strecken vorwärts und legen, wenn uns die Fluth verlassen,
bald an dem einen, bald an dem andern Ufer an. Indeß macht mir diese
Art zu steuern Vergnügen, indem sie mir Gelegenheit verschafft, beide
Seiten des Flusses, der sich, je mehr wir uns Quebek nähern, immer mehr
und mehr verschmälert, genauer kennen zu lernen. Morgen werden wir,
wofern kein Hinderniß eintritt, im Angesicht eines Ortes ankern, der
sowohl wegen der geschichtlichen Erinnerung, welche er weckt, als auch
wegen seiner natürlichen schönen Lage alle Aufmerksamkeit verdient. Bis
Morgen also Adieu.

Ich rechnete sehr darauf, die Wasserfälle von Montmorenci zu sehen, die
sich im Angesicht des Flusses befinden; allein die Sonne ging unter,
und die Sterne stiegen glänzend am Himmel empor, ehe wir das Geräusch
des Katarakts vernahmen; und ob ich gleich meine Augen anstrengte,
bis ich es müde wurde, die von den Schatten der Nacht verschleierte
Scenerei anzustarren, so konnte ich doch nichts als die dunkeln, den
Canal bildenden Felsen-Massen erkennen, zwischen welchen hindurch die
Wassermassen des Montmorenci in den St. Laurence-Fluß strömen.

Am zehnten August, Nachts Um zehn Uhr schimmerten uns die Lichter der
Stadt Quebek aus der Ferne, wies ein Sternen-Kranz über dem Wasser,
entgegen. Um halb elf Uhr ließen wir der Citadelle gegenüber die Anker
fallen, und ich versank in Schlaf, von den mannigfaltigen Scenen
träumend, an denen ich vorbeigekommen war.

Abermals sollte ich in meiner Erwartung, das Ufer zu betreten,
getäuscht werden. Der besuchende Arzt rieth meinem Gatten und mir, ja
nicht ans Land zu gehen, indem die immer noch in der Stadt herrschende
Sterblichkeit dies sehr gefährlich mache. Er gab uns eine traurige
Schilderung von dem Platze. »_Oede und Wehe und große Trauer_, --
_Rahel_ beweint ihre Kinder, denn sie sind nicht mehr!« sind Worte, die
man passend auf diesen von der Seuche heimgesuchten Ort anwenden kann.

Nichts ist wohl imposanter als die Lage von Quebek, welche die Seiten
und den Gipfel eines großartigen Felsen einnimmt, auf dessen höchstem
Punkte (Cap Diamant) das Castell steht, welches den Fluß beherrscht
und eine treffliche Aussicht auf die umgebende Gegend gewährt. Die
Einbuße dieses edeln Anblicks war mir in der That sehr unlieb, und
gewiß dürfte mir nie seines Gleichen vorkommen; er würde noch lange in
meiner Erinnerung fortgelebt und, nachdem ich bereits Jahre lang in
der Einsamkeit der canadischen Wälder begraben gewesen, meinen Augen
vorgeschwebt haben.

Die Anhöhen gegenüber, die sogenannte Point Levi-Seite, sind höchst
malerisch, jedoch weniger gebietend als der Felsen, vorauf die Stadt
steht. Das Ufer ist steinig, abschüssig und mit Bäumen bekleidet,
die sich bis an den Rand des Wassers erstrecken, ausgenommen da,
wo sie gefällt worden sind, um weißübertünchten Hütten, Gärten und
Obstpflanzungen Platz zu machen. Allein meiner Ansicht nach würde diese
höchst romantische Lage eine noch weit schönere Wirkung hervorbringen,
wenn man auf die Gebäude und Anlage des Bodens mehr Geschmack verwendet
hätte. Wie reizend und anziehend würde ein solcher Platz in England
oder Schottland geworden sein. Die Natur hat hier alles gethan, der
Mensch aber nur wenig, und die hier und da von ihm errichteten plumpen
hölzernen Häuser, welche eben so elend als geschmacklos sind, geben ihm
eben keine Ansprüche auf Lob. Es ist indes möglich, daß weiter aufwärts
hübsche Dörfer und Häuser vorkommen, die jedoch durch die dazwischen
liegenden Wäldchen dem Auge entzogen werden.

Von Point Levi bis zu den Landungsstufen unterhalb des Zollhauses in
Quebek soll der Fluß gerade eine englische Meile breit sein; es war
sehr unterhaltend für mich, die Fährböte zwischen den beiden Ufern
spielen zu sehen. Wie mir der Capitain sagte, sind hier nicht weniger
als zwölf dergleichen seltsam aussehende Maschinen im Gange. Sie
haben jedes seine bestimmten Stunden, so daß man sie in fortwährender
Aufeinanderfolge kommen und gehen sieht. Die Zusammengruppirung von
allerlei Passagiren macht ihren Anblick ebenfalls eigenthümlich;
schlecht- und gutgekleidete, alte und junge, arme und reiche Leute;
Rinder, Schafe, Pferde, Schweine und Hunde, Geflügel, Marktkörbe,
Gemüse, Früchte, Heu, Korn, kurz Alles, was man sich nur denken kann,
gleiten darauf über den Fluß.

  [Illustration: _Katarakt zu Montmorenci._ St. 25.]

Die Fährböte sind flach, rings herum mit Gitterwerk als Brustwehr
versehen, und haben an jedem Ende ein Weiden-Flechtwerk zur Aufnahme
der lebendigen und leblosen Ladung; die Mitte des Bootes, wenn man
es so nennen kann, nehmen vier magre, abgetriebne Pferde ein, die im
Kreise gehen, wie bei einer Dreschmaschine, und die Ruderschaufeln zu
beiden Seiten in Bewegung setzen. Für das Vieh ist eine Art Hürde da.

Wie ich höre, ist man gegenwärtig mit Errichtung eines Denkmals zu
Ehren des General _Wolf_ im Gouverneurs-Garten, welcher an den St.
Laurence stößt und von Point Levi aus gesehen werden kann, beschäftigt.
Ueber die Inschrift ist man noch nicht einig[5].

Der Capitain ist so eben von der Stadt zurückgekehrt. Recht gütig
hat er für mich einen Korb mit reifen Aepfeln, frischem Fleisch,
Gemüse, Brod und Butter an Bord gebracht. Auf dem Deck wimmelt es von
Zollbeamten und Leuten, die einen Theil der Schiffs-Fracht, welche
hauptsächlich in Rum, Branntwein, Zucker und Kohlen als Ballast
besteht, ausladen. Gegen fünf Uhr Abends sind wir gesonnen, Quebek
zu verlassen. Das _brittische Amerika_, ein prächtiges Dampfschiff
mit dreifachem Deck, wird uns bis Montreal bugsiren (ins Schlepptau
nehmen). Für jetzt muß ich Ihnen Lebewohl sagen.

Fußnoten:

[2] ^Delphinus Phocaena.^

[3] Siehe des Seemann's Sindbad Reisen in den arabischen Mährchen
(Tausend und eine Nacht).

[4] Es ist zu hoffen, daß die Regierung diesen mangelhaften und
nachtheiligen Gesetzen abhelfen werde, da sie in der That zu
wiederholten Malen gerade die Uebel, welche der Gesundheits-Ausschuß
von der Colonie abzuhalten wünscht, für die armen Auswandrer
herbeigeführt haben.

Manches schätzbare Leben ist durch die zu nahe Zusammengesellung der
Gesunden mit den Angesteckten muthwillig geopfert worden, nicht zu
gedenken der vielen andern Leiden, Ausgaben und Unbequemlichkeiten, die
man dem heimathslosen Wandrer wohl ersparen könnte.

Müssen nun einmal Quarantaine-Gesetze bestehen, -- und ich halte sie
für ein nothwendiges Uebel, -- so sollte man wenigstens alles thun, um
sie für die Emigranten so wenig drückend und nachtheilig, als möglich
zu machen.

[5] Seit jener Zeit, zu welcher die Verfasserin Quebek besuchte,
ist _Wolf's_ Denkmal vollendet worden. Lord _Dalhousie_ hat in der
Weihschrift der Säule mit eben so viel Geschmack als Gefühl, die Namen
der beiden mit einander wetteifernden Helden, _Wolf_ und _Montcalm_,
vereinigt, eine Freisinnigkeit, welche den canadischen Franzosen nur
angenehm sein kann, während sie dem brittischen Krieger nichts von
seinem Ruhme entzieht.

Der Entwurf zu dem Monument ist das Werk Major _Young's_ vom 97.
Regiment. Die Höhe des Untersatzes, vom Fußboden aus, beträgt vierzehn
Fuß; auf dem Untersatz ruht ein sieben Fuß, drei Zoll hoher Sarcophag,
und von diesem erhebt sich eine zweiundvierzig Fuß, acht Zoll hohe
Spitzsäule; die Breite der letztern, an der Grundfläche, beträgt sechs
Fuß, die Dicke vier Fuß, acht Zoll. J. C. _Fisher_, ^L. L. D.^ erhielt
für nachstehende Inschrift auf den Sarg eine Preis-Medaille: --

  ^Mortem virtus communem
      Famam Historia
  Monumentum Posteritas
        Dedit.^

Auf dem Untersatz über der Schwelle ist eine Inschrift von ^Dr.^
_Mill's_ Feder, welche Lord _Dalhousie_, den Statthalter von
Unter-Canada, als Kostenbestreiter nennt, und die Todestage von _Wolf_
und _Montcalm_, den 13. und 14. Septbr. 1759 angiebt. _Wolf_ fiel auf
dem Schlachtfelde; und _Montcalm_, durch die einzige Kanone im Besitz
der Engländer verwundet, starb am folgenden Tage nach der Schlacht.



Dritter Brief.

 Abfahrt von Quebek. -- Wir werden von einem Dampfschiffe  bugsirt. --
 Fruchtbarkeit des Landes. -- Verschiedne Gegenstände,  die sich uns
 beim Hinaufsteuern des Flusses darbieten. -- Ankunft vor Montreal. --
 Die Stromschnellen (Rapids).


                 Brig _Laurel_, St. Laurence, unterhalb Montreal,
                                                 August 17, 1832.

Es war nach Sonnenuntergang und ein schöner Abend, als wir Quebek
verließen, was in Gesellschaft eines schönen Dampfschiffs geschah,
dessen Deck und Gallerie von Passagiren aller Art wimmelten; in der
That ein herrliches Fahrzeug, auf welchem das Auge mit Vergnügen
weilte; es durchpflügte stattlich das Wasser, welches unter seinen
Ruderschaufeln schäumte und rauschte; während unsre Brig mit ihren
weißen Segeln, gleich einem Schmetterling, seiner Spur folgte. Am
Himmel glühte das schönste Rosenroth und Orangengelb, welche sich
unten im Fluße abspiegelten; dann kamen die Sterne zum Vorschein und
leuchteten in dem reinen blauen Aether, glänzender, als ich sie je in
der Heimath gesehen, was sich, meines Bedünkens, wohl der größeren
Reinheit der Atmosphäre zuschreiben lassen dürfte. Mein Gatte sagte,
daß dieser Abend einem italienischen Sonnen-Untergang gleiche.

Unsre Fahrt war höchst angenehm; das Wetter war mäßig warm, und die
Luft völlig rein und heiter. Wir haben während der letzten wenigen Tage
eine kalte, feuchte Atmosphäre, wie wir sie oft während des Frühlings
in England erfahren, mit einem wonnevollen, durch leichte, vom Flusse
her wehende Lüftchen gekühlten Sommer vertauscht.

Je weiter wir landeinwärts kommen, desto fruchtbarer erscheint
die Gegend. Die Saaten reifen unter einem milderen Klima, als das
unterhalb Quebek ist. Wir sehen Felder mit indianischem Korn in voller
Blüthe; eine stattliche Getraideart, mit schöner federartiger, reich
purpurfarbiger Aehre, unter welcher sich Büschel von blaßgrünen,
seidenähnlichen Blättern im Winde hin- und herbewegen. Nachdem diese
Pflanze ihre völlige Reife erlangt hat, soll es ein schöner Anblick
sein, die goldnen Körner aus ihrer Silber-Scheide hervorbersten zu
sehen; zugleich ist dieselbe dem Froste sehr ausgesetzt und hat manche
Feinde: als Bäre, Racuns (Waschbäre), Eichhörnchen, Mäuse, Vögel u. s.
w.

Wir sehen längs den Ufern des Flusses mehre Tabacks-Felder, welche
einen gesunden und gedeihlichen Anblick zeigen. Wie ich glaube, wird
in beiden Provinzen Taback in ziemlicher Ausdehnung erbaut; allein der
canadische Taback wird nicht so hoch geschätzt, als der virginische.

An der Vereinigungsstelle des Richelieu Flusses mit dem St. Laurence
liegt eine blühende Stadt, vormals Sorel, jetzt aber Fort William Henry
genannt. Ihre Lage ist vortrefflich. Sie hat mehre Kirchen, ein Castell
mit Mühlen und andern öffentlichen Gebäuden, und darunter einige schöne
massive Häuser. Der Boden in der unmittelbaren Nähe der Stadt indeß
scheint leicht und sandig zu sein.

Ich hatte sehr gewünscht ein Log-Haus oder eine Shanty (Hütte) in der
Nähe zu sehen, und fand mich hinsichtlich der wenigen, längs den Ufern
des Flusses errichteten Gebäude dieser Art etwas in meinen Erwartungen
getäuscht; es war nicht sowohl die Rohheit des Materials als vielmehr
die scheunenartige Form derselben, und die geringe Rücksichtsnahme
auf malerische Wirkung in ihrer Anlage, welche mir mißfielen. In
England besitzt selbst der Bauer so viel Geschmack, einige Rosen- oder
Geisblatt-Sträucher vor Thür und Fenster zu pflanzen, wozu noch ein
kleines eingefriedigtes schmuckes Gärtchen kommt; aber hier gewahrt
man keinen solchen Versuch zur Verschönerung der Hütten. Wir sehen
keinen lachenden Obstgarten oder Strauch, der die nackten Holz-Wände
verdeckte; und was die kleinen Meiereien anlangt, so sind sie noch
häßlicher und ohne allen Geschmack dicht an den Wasserrand gebaut.

Weiter nach hinten erscheint ein verschiedner Bau- und Cultur-Styl: die
Meiereien und hölzernen Häuser sind recht hübsche, von gutem Geschmack
zeigende Gebäude, mit hier und da ausgestreuten Baumgruppen zur
Unterbrechung der Einförmigkeit.

Das Land ist eine fast ununterbrochne platte Ebne, und augenfällig
fruchtbar und gut angebaut, aber zu flach, um eine malerische Wirkung
hervorzubringen. Die Gegend zwischen Quebek und Montreal hat ganz
das Ansehen eines seit langer Zeit unter Cultur befindlichen Bodens,
vorzüglich auf dem rechten Flußufer. Indeß ist noch ein großer Theil
Wald übrig, dessen Lichtung noch vieljährige Arbeit erheischen wird.

Wir kamen an einigen grasreichen Eilanden vorbei, worauf manche
Viehheerde weidete. Ich zerbrach mir den Kopf, wie sie dahin kämen; der
Capitain erklärte mir aber, daß es Brauch der Meierei-Besitzer sei,
ihr Vieh auf diese futterreichen Inseln in Nachen mit flachen Böden zu
transportiren oder, wo es nicht zu tief sei, hinüber schwimmen, und es
so lange, als das Futter gut befunden werde, dort zu lassen. Werden
Kühe auf ein Eiland, innerhalb einer angemeßnen Entfernung von der
Meierei, versetzt, so geht täglich jemand in einem Kahne dahin ab, um
sie zu melken. Als er mir dies erzählte, ruderten eben ein Knabe und
ein stämmiges Mädchen, mit zinnernen Gelten, in einem kleinen Nachen
vom Ufer her quer durch den Fluß, um ihre Heerden zusammen zu rufen.

Auf unsrer Weiterfahrt bemerkten wir zur Rechten einige höchst
anmuthige Dörfer, aber unser Lootse war etwas einfältig und konnte oder
wollte uns ihre Namen nicht nennen. Es war Sonntags früh; wir konnten
eben das Läuten der Kirchthurm-Glocken vernehmen, und es zeigten sich
lange Reihen von Caleschen, leichten Wagen, Reitern und Fußgängern,
welche durch die zum Kirchhof führende Allee vorübereilten; außer
diesen glitten Boote über den Fluß, welche demselben Friedens-Hafen
zusteuerten.

In einem Theil des St. Laurence, wo Untiefen und Sandbänke die Fahrt
durch das Flußbett schwierig machen, gewahrt man kleinen Wassermühlen
ähnelnde Leuchtthürme, auf hölzernen Pfählen, die sich über die flachen
Ufer erheben, auf welchen sie errichtet sind. Diese drolligen Thürme
oder Hüttchen waren bewohnt, und von einem derselben herab sahen wir
eine lustige Gesellschaft, in ihrem Feststaate, mit einer andern in
einem unten haltenden Kahne zur Kurzweil plaudern. Ihrem Aeußern nach
waren sie wohl, und in der That recht vergnügt, indeß beneidete ich
ihnen ihre Lage nicht, die, meines Bedünkens, der Gesundheit nicht
anders als nachtheilig sein kann.

Einige (englische) Meilen unter Montreal gewann die Gegend ein
reicheres und volkreicheres Ansehn; und die in weiter Ferne am Saume
des Horizonts sich hindehnende blaue Bergkette fügte der Landschaft
keinen kleinen Reiz hinzu. Die reiche Gluth der reifen Saaten bildete
einen schönen Contrast mit dem azurnen Himmel und der bläulichen
Wasserfläche des St. Laurence. Die Fluß-Scenerei unweit Montreal
ist von der unterhalb Quebek sehr verschieden; letztere hat einen
wilden rauhen Anblick, und ihre Erzeugnisse sind offenbar die eines
kältern, weniger von der Natur begünstigten Klimas. Was der letztern
an Großartigkeit und malerischer Wirkung abgeht, ersetzt sie reichlich
durch Fruchtbarkeit des Bodens und wärmere Temperatur. In dem untern
Theil der Provinz merkt man nur zu sehr, daß die Betriebsamkeit der
Bewohner einem widerspänstigen Boden das nöthige Brod abzwingt; während
in dem oberen das Land willig scheint, eine mäßige Anstrengung mit
Erfolg zu belohnen. Man vergesse nicht, daß dies blos die flüchtigen
Bemerkungen einer schnell vorüberwandernden Reisenden sind und sich
keineswegs auf persönliche Erfahrung gründen.

Ein Gefühl von Angst und Furcht, das wir einander nicht gern gestehen
mochten, um nicht als schwach zu erscheinen, lastete auf unsern
Gemüthern, als wir uns der angesteckten Stadt näherten; aber Niemand
sprach nur ein Wort davon. Mit welchem ungemischten Entzücken, mit
welcher Bewunderung würden wir zu jeder andern Zeit die sich vor unsern
Augen erschließende Scene betrachtet haben.

Der Fluß breitet sich hier in ein weites Becken aus, welches mit Inseln
gefüllt ist, auf deren größter Montreal liegt.

Der hohe Berg, wovon die Stadt ihren Namen hat, erhebt sich gleich
einer Krone über dieselbe und bildet einen eigenthümlichen und
großartigen Zug in der schönen Landschaft, der mich an einige einzeln
stehende Felsen in der Nachbarschaft von Inverneß erinnerte.

Quebek gegenüber, gerade vor den Flußschnellen (^Rapids^) ist die
Insel St. _Helens_ gelegen, ein Ort von unbeschreiblicher Anmuth. Die
Mitte derselben nimmt ein Wäldchen von hohen Bäumen ein, während die
sanft nach dem Wasser zu geneigten Ufer mit dem grünsten Rasen bedeckt
sind. Dieses schöne Schauspiel wurde noch durch die Erscheinung der auf
der Insel in Garnison liegenden Truppen erhöht.

Die Flußufer, dicht mit trefflich angebauten Meiereien besetzt; das
Dorf la Prairie, mit der kleinen Insel St. _Ann's_ in der Ferne;
die blitzenden Thürme und Dächer der Stadt mit ihren Gärten und
Landhäusern, -- gewähren in dem sanften Glanze eines canadischen
Sonnenuntergangs einen über die Maaßen lieblichen Anblick.

Die zum Abendgebet läutenden Kirchen-Glocken, das murmelnde Getös
menschlicher Stimmen, vom Ufer her, mischten sich harmonisch mit dem
Rauschen der Flußschnellen. Diese Flußschnellen (^Rapids^) werden
durch eine Senkung des Flußbetts gebildet. An einigen Stellen ist
die Neigung allmälig, an andern aber plötzlich und abgebrochen. Wo
der Wasserstrom durch Kalkstein- oder Granit-Massen gehindert ist,
wie bei den Cascaden, den Cedern und dem Long-Sault, erzeugt er
Strudel und Katarakte. Aber die Flußschnellen unterhalb Montreal sind
nicht von diesem großartigen Charakter, man erkennt sie blos an der
ungewöhnlichen Geschwindigkeit des fließenden Wassers, und an der
Trübung der Oberfläche durch Schaum, Wellenschlagen und Wirbel. Um mich
kurz zu fassen, ich fand meine Erwartung, etwas besonders Erhabenes zu
sehen, getäuscht, und war gewissermaßen halb ärgerlich über diese sich
so kleinlich und unbedeutend zeigenden Flußschnellen, durch die uns
unser treuer Gefährte, das mit dem Namen _Brittsch-Amerika_ bezeichnete
Schiff, glücklich und wohlbehalten bugsirte.

Da der Capitain ungewiß ist, wie lange er sich in Montreal wird
aufhalten müssen, so sende ich diesen Brief ohne weiteren Aufschub ab,
und denke sobald als möglich wieder zu schreiben.



Vierter Brief.

 Landung zu Montreal. -- Erscheinung der Stadt. -- Verheerungen der
 Cholera. -- Wohlthätigkeits-Anstalten zu Montreal. -- Katholische
 Cathedrale. -- Unter- und Ober-Stadt, Gesellschaft und Unterhaltung
 im Hotel. -- Die Verfasserin wird von der Cholera befallen. --
 Abreise von Montreal im Postwagen. -- Einschiffung zu Lachine an Bord
 eines Dampf-Schiffes. -- Abwechselndes Reisen in Dampfschiffen und
 Postwagen. -- Erscheinung des Landes. -- Manufacturen. -- Oefen, in
 einiger Entfernung von den Hütten. -- Zieh-Brunnen. -- Ankunft zu
 Cornwall. -- Bedienung im Gasthause. -- Abreise von Cornwall, und
 Ankunft zu Prescott. -- Ankunft zu Brockwille. -- Dasiger
 Stapelplatz. -- Reise durch den See Ontario. -- Ankunft zu Cobourg. --


                                 Nelson Hotel, Montreal. August 21.

Wieder einmal auf festem Grund und Boden, Theuerste Mutter! welches
eigenthümliche Gefühl ist es doch, das feste Land wieder zu betreten,
erlößt von der schwankenden Bewegung des Schiffes auf dem wogenden
Wasser, dem ich jetzt wirklich mit Freuden Lebewohl sagte.

Mit Tagesanbruch war Jedermann an Bord aus dem Bette und traf
geschäftig alle Vorbereitungen, ans Land zu gehen. Der Capitain selbst
gab uns verbindlichst das Geleite und ging mit uns bis zum Gasthof, wo
wir jetzt logiren.

Es machte uns einige Schwierigkeit, ans Ufer zu gelangen, wegen
der schlechten Beschaffenheit des Landungsplatzes. Der Fluß war
mit treibenden Baumstämmen gefüllt, zwischen welchen das Boot
hindurchzusteuern, einige Geschicklichkeit erforderte. Es wird jetzt
ein Kai gebaut[6], dessen Nothwendigkeit sich nur zu fühlbar gemacht
hat.

Zunächst fielen uns die schmuzigen, engen, schlecht oder gar nicht
gepflasterten Straßen der Vorstädte auf, und zugleich betäubte uns
der niedrige, aus einem tiefen, offnen, längs der Straße hinter dem
Kai verlaufenden Graben aufsteigende Dunst. Dieser Graben schien zur
Aufnahme jedes Unflathes bestimmt und an sich allein hinreichend, die
ganze Stadt mit bösartigen Fiebern zu inficiren[7].

Bei meiner ersten Bekanntschaft mit dem Innern von Montreal, einem
Orte, wovon Reisende so viel gesagt haben, fand ich mich sehr
getäuscht. Ich verglich es in Gedanken mit den Früchten des todten
Meeres, die schön und lockend anzuschauen sind, aber blos Asche und
Bitterkeit geben, wenn sie der durstige Reisende kostet[8].

Ich bemerkte einen besondern Zug an den Gebäuden der sich im Angesicht
des Flusses hinziehenden Vorstadt, -- nämlich daß sie meistentheils von
dem untersten bis zum obersten Stockwerk mit breiten hölzernen Balcons
versehen waren. In einigen Fällen umgeben diese Balcons die Häuser auf
drei Seiten und scheinen eine Art Außengemächer zu bilden; zu einigen
derselben führten breite Treppen von außen hinauf.

Ich erinnerte mich, als Kind von dergleichen Häusern geträumt und sie
sehr einladend gefunden zu haben, auch könnten sie dies wirklich sein,
wenn sie von rankendem Strauchwerk beschattet und mit Blumen geschmückt
wären, um gleichsam schwebende Gärtchen oder süßduftende Laubengänge
abzugeben. Aber nichts der Art erfreute unsre Augen, als wir mühsam
durch die langen Straßen wanderten. Alle Gasthäuser und Herbergen waren
bis unters Dach hinauf mit Auswandrern jedes Alters, aus England,
Schottland und Irland, überfüllt. Die Laute wilder Ausgelassenheit,
welche aus ihnen hervorbrachen, schienen sich schlecht mit den bleichen
eingefallnen Gesichtern mancher dieser gedankenlosen Lärmer zu
vertragen.

Der Contrast war für den, der diese Entfaltung äußerer Lustigkeit bei
innerem Elend zu würdigen verstand, nur zu fühlbar und schmerzlich.

Die Cholera hatte grauenvolle Niederlagen angerichtet, und ihre
heillosen Wirkungen waren an den verschloßnen und verdunkelten
Wohnungen und an den Trauerkleidern aller Klassen zu erkennen. Ein
Ausdruck von Niedergeschlagenheit und Angst zeigte sich in den
Gesichtern der wenigen Menschen, welchen wir auf unserm Wege nach dem
Gasthause begegneten, und verriethen uns deutlich den Zustand ihres
Innern.

In einigen Stadttheilen waren ganze Straßen fast entvölkert; die,
welche konnten, flohen, von Schrecken ergriffen, auf die Dörfer,
während andre zurück blieben, um im Schooße ihrer Familie zu sterben.

Keiner Klasse hat sich die Krankheit so verderblich gezeigt, als den
ärmern Emigranten. Viele von diesen, geschwächt durch die Entbehrungen
und Strapazen einer langen Reise, überließen sich, als sie Quebek oder
Montreal erreicht, jeder Ausschweifung, jedem Uebermaß -- vorzüglich
der Völlerei, und gleichsam als hätten sie sich vorsätzlich den Weg zum
gewissen Verderben gebahnt, fielen sie unmittelbare Opfer der Krankheit.

In einem Hause starben elf Menschen, in einem andern siebzehn; ein
kleines siebenjähriges Kind blieb allein übrig, das traurige Ereigniß
zu verkünden. Diese arme verlassene Waise nahmen die Nonnen in ihre
wohlthätige Anstalt auf und erwiesen ihr jede Aufmerksamkeit, welche
Menschenliebe nur immer fordern kann.

Die Zahl sowohl aus Katholiken als Protestanten bestehender
Wohlthätigkeits-Vereine ist beträchtlich, und diese entfalten eine
Duldsamkeit und Freisinnigkeit, welche beiden Confessionen zur Ehre
gereicht, indem sie einzig und allein von dem Geiste christlicher Liebe
beseelt erscheinen.

Ich wüßte keinen Ort, selbst London nicht ausgenommen, wo die
Ausübung wohlwollender Gesinnungen so sehr hervorgefordert würde, als
in diesen beiden Städten, Quebek und Montreal. Hier vereinigen sich
die Unglücklichen, die von den erforderlichen Mitteln Entblößten, die
hülflose Waise, die Bejahrten, der arme aber tugendhafte Mann, den die
strenge Hand der Nothwendigkeit aus seiner Heimath von seinem Herde
getrieben hat, um in einem fernen, fremden Lande von Krankheit oder
Mangel dahin gerafft zu werden.

Es ist ein trauriger Umstand, daß sehr viele der ärmsten Auswandrer,
die unter dem Einfluß der Cholera ihr Leben verloren, keine Spur
hinterlassen haben, wodurch ihre bekümmerten Freunde im alten
Vaterlande über ihr Schicksal in Kenntniß gesetzt werden könnten. Die
Krankheit ist so plötzlich, so heftig, daß sie dem Befallnen keine Zeit
zu Ordnung weltlicher Angelegenheiten übrig läßt. Die Aufforderung
kommt, nicht wie an _Hesekiah_: »Bringe dein Haus in Ordnung, denn du
sollst sterben, und nicht leben!«

Das Wetter ist drückend heiß, von häufigen Gewitter-Schauern begleitet,
die aber keineswegs die Wirkung haben, welche man davon erwartet, denn
sie kühlen die erhitzte Atmosphäre keineswegs ab. Ich fühle einen Grad
von Abspannung und Mattigkeit, der mich sehr verstimmt und schlimmer
ist als wirklicher Schmerz.

Anstatt diesen Ort mit der ersten Gelegenheit nach der oberen Provinz
verlassen zu können, wie wir uns fest vorgenommen, sehen wir uns
genöthigt, zwei Tage länger zu bleiben, woran die Weitläufigkeit und
Umständlichkeit der Zollbeamten in Untersuchung unsers Gepäckes schuld
ist.

Die Hitze war fortwährend so drückend, daß sie mir nur wenige Ausflüge
aus dem Hause verstattete. Ich habe, ausgenommen die Straßen in der
Nähe des Gasthofs und die katholische Kirche, wenig von der Stadt und
ihren öffentlichen Gebäuden gesehn. Die Kathedrale erhielt meinen
Beifall; sie ist in der That ein schönes Gotteshaus, jedoch immer noch
unvollendet; so sind die Thürme nicht zu der ursprünglich bestimmten
Höhe geführt. Das östliche Fenster, hinter dem Altar, ist siebzig Fuß
hoch und dreiunddreißig Fuß breit. Die Wirkung dieses großartigen
Fensters, dem Eingange gegenüber, der Altar mit seinen Zierrathen und
Gemälden, die verschiednen kleinern Altäre und Kapellen, sämmtlich
mit Gegenständen aus der heiligen Schrift verziert, die leichten
Gallerien, welche den mittlern Theil der Kirche umgeben, die doppelte
Säulen-Reihe, worauf das gewölbte Dach ruht, und die Bogenfenster,
Alles vereinigt sich zur Bildung eines schönen Ganzen. Am meisten
erfreute mich die äußerste Leichtigkeit des Baustyls, dagegen erschien
mir der Anstrich der Säulen in Nachahmung von Marmor zu grob und zu
grell; ich vermißte die ernste ehrwürdige Weihe, welche das Alter
unsern Kirchen und Cathedralen verliehen hat. Die in grauen Stein
gehauenen, grimmig blickenden Köpfe und geflügelten Engel, deren
befremdendes Ansehn selbst von einer Zeit erzählt, wo unsre Vorväter
innerhalb der geweiheten Mauern ihren Schöpfer verehrten, erhöhen den
feierlichen Eindruck und die Ehrwürdigkeit unsrer Gotteshäuser. Allein,
wenn sich auch die neue Kirche zu Montreal nicht mit unsrer Yorker-,
Münster- oder Westmünster-Abtei oder andern unsrer heiligen Gebäude
vergleichen darf, so verdient sie doch jedenfalls die Beachtung des
Reisenden, der in Canada auf nichts Aehnliches stößt.

Außerdem enthält Montreal verschiedne Collegien und Nonnen-Klöster,
ein Hospital für Kranke, verschiedne katholische und protestantische
Kirchen, Versammlungshäuser, ein Wachhaus und mehre andre öffentliche
Gebäude.

Der an den Fluß grenzende Stadttheil ist ausschließlich für den
Handel bestimmt. Seine engen, schmuzigen Straßen und dunkeln Häuser,
mit schweren eisernen Fensterladen, machen einen unangenehmen Eindruck
auf den brittischen Reisenden; der andre Theil der Stadt jedoch zeigt
ein verschiedenes und besseres Ansehn, die Häuser sind hier mit Gärten
und angenehmen Spaziergängen untermengt, die sich aus den Fenstern
des Ballsaals im Nelson Hotel dem Auge recht hübsch darstellen. Der
eben erwähnte Ballsaal, welcher von der Decke bis zum Fußboden grob
mit canadischer Scenerei und Waldlandschaften bemalt ist, gewährt eine
prächtige Aussicht auf die Stadt, den Fluß und die ganze Umgegend,
welche die fernen Berge von Chamblay, die Ufer des St. Laurence gegen
la Prairie hin, und die Stromschnellen ober- und unterhalb der Insel
St. Anne's in sich schließt. Der Königliche Berg (Mont Real) mit seinen
bewaldeten Seiten, seiner reichen Scenerei und seiner Stadt mit ihren
Straßen und öffentlichen Gebäuden entfalten sich den Blicken, und das
Auge, welches solchen Gegenständen begegnet, kann der Scenerei von
Montreal seinen Beifall nicht versagen.

Unser Wirth, ein Italiener von Geburt und Besitzer des Hotels, erweist
uns die größte Aufmerksamkeit. Die Bedienung ist äußerst anständig
und zuvorkommend, und die Gesellschaft, mit welcher wir im Gasthofe
zusammen treffen, hauptsächlich Auswandrer, wie wir, nebst einigen
lebhaften Franzosen, Männern und Weibern, sehr achtbar. Der Tisch ist
gut besetzt, und der Preis für Kost und Logis täglich ein Dollar[9].

Die mannigfaltigen Charaktere, aus welchen unsre Tischgesellschaft
besteht, gewähren mir viel Unterhaltung. Einige unter den Auswandrern
scheinen äußerst sanguinische Hoffnungen zu nähren, sie sind, ihren
Aeußerungen nach, eines glücklichen Erfolgs gewiß und glauben auf keine
Schwierigkeiten in Ausführung ihrer Pläne zu stoßen. Einen Contrast mit
diesen bildet einer meiner Landsleute, der so eben aus dem westlichen
Distrikt auf seiner Rückreise nach England hier eingetroffen ist; er
beschwört uns, ja nicht weiter aufwärts in diesem abscheulichen Lande
zu reisen, wie er die obere Provinz mit sichtbaren Nachdruck zu nennen
beliebt, versichernd, daß er um keinen Preis in der Welt darin leben
möchte.

Die Lesung von _Cattermole's_ Flugschrift _über Auswanderung_ hatte
ihn bestimmt, ein hübsches Pachtgut zu verlassen und sich mit seiner
ganzen Habe nach Canada einzuschiffen. Aufgemuntert durch den Rath
eines Freundes in diesem Lande, kaufte er einen Strich wilden Bodens
im westlichen Distrikt; »aber Sir,« sagte er, indem er seine Worte
mit großer Aufregung an meinen Gatten richtete, »ich fand mich aufs
schändlichste betrogen. Solcher Boden, eine solche Gegend -- nein um
alles in der Welt hätte ich nicht da bleiben mögen. Wahrlich! nicht ein
Tropfen gutes Wasser, keine eßbare Kartoffel ist daselbst zu erlangen.
Ich lebte zwei ganze Monate in einem kleinen Schuppen, den sie Shanty
nennen, und wäre fast bei lebendigem Leibe von Musquitos aufgezehrt
worden. Es gab nichts zu essen als eingesalznes Schweinfleisch, mit
einem Wort, das Elend und die Widerwärtigkeiten waren unerträglich;
meine landwirthschaftlichen Kenntnisse und Erfahrungen, als englischer
Pachter, halfen mir übrigens fast gar nichts, denn man weiß daselbst
nichts von Meiereien und Pachtgütern. Es würde mir das Herz gebrochen
haben, wenn ich zwischen den Baumstummeln hätte arbeiten sollen, ohne
je etwas einem wohlgepflügten Felde Aehnliches zu sehen. Und dann,«
fügte er in sanfterem Tone hinzu, »dachte ich an meine arme Frau und
meine kleine Tochter. Ich selbst würde, um meine Verhältnisse zu
verbessern, mich allenfalls ein Jahr oder noch länger in dieser Wildniß
herumgeplackt haben, aber die Arme! -- nein! ich hätte das Herz nicht
gehabt, sie den Bequemlichkeiten Englands zu entreißen und in eine
Wohnung einzuführen, die nicht so gut ist, als einer unsrer Kuhställe
oder Schuppen, und so will ich denn in meine Heimath zurückkehren; und
wenn ich nicht meinen Nachbarn erzähle, was für ein abscheuliches Land
dieses Canada ist, wohin auszuwandern Alle wie verrückt sind, und wofür
sie ihre Pachte aufgeben, so soll man mir nie wieder ein Wort glauben.«

Es fruchtete nichts, daß einige Anwesende ihm zeigten, wie ungereimt es
sei, zurückzukehren, ehe er alles gehörig geprüft und versucht habe; er
erwiederte ihnen blos, sie wären Thoren, wenn sie in einem Lande, wie
dieses, blieben; und endete mit Verwünschung derjenigen, welche ihre
Landsleute durch ihre falschen Berichte und Angaben täuschten und auf
einigen Seiten sämmtliche Vortheile zusammen stellten, ohne einen Band
mit den Nachtheilen zu füllen, was doch sehr leicht sein würde.

»Die Menschen sind nur zu geneigt, sowohl sich als andre zu betrügen,«
sagte mein Gatte, »und haben sie ihre Seele einmal auf einen Gegenstand
gerichtet, so pflegen sie blos das zu lesen und zu glauben, was ihren
Wünschen entspricht.«

Der junge erbitterte Mann hatte sich offenbar in seinen Erwartungen
getäuscht gesehen, als er nicht alles so schön und angenehm wie
in der Heimath fand. Er hatte wahrscheinlich nie über die Sache
nachgedacht, denn andernfalls würde er nicht so thörigt gewesen sein,
vorauszusetzen, daß er bei seinem ersten Ansiedelungs-Versuch auf
keine Schwierigkeiten stoßen werde. Wir haben uns auf nicht wenige
Hindernisse und Entbehrungen gefaßt gemacht, und doch dürften uns noch
manche unvorhergesehene begegnen, ob wir gleich durch die Briefe unsers
canadischen Freundes so ziemlich von allem in Kenntniß gesetzt sind.

Unsre Plätze in dem nach Lachine abgehenden Postwagen sind bereits
gemiethet, und wenn alles gut geht, so verlassen wir Montreal Morgen
früh. Unsre Koffer, Schachteln u. s. w. gehen vor uns nach Cobourg ab.
-- August =22=.

                                          _Cobourg_, den 29. August.

Am Schluß meines letzten Briefes meldete ich Ihnen, Theuerste Mutter,
daß wir Montreal am folgenden Tage früh verlassen würden; allein das
Schicksal hatte anders über uns verfügt, und wir erfuhren die Wahrheit
jener Worte: -- »Rühme dich nicht dessen, was du morgen thun willst,
denn du weißt nicht, was die nächste Stunde mit sich bringen wird.« In
der Frühe besagten Morgens, noch vor Sonnenaufgang, wurde ich von den
Symptomen der verderblichen Krankheit heimgesucht, die so manche Häuser
verödet hat. Ich zwar zu krank, um meine Reise antreten zu können,
und hörte mit schwerem Herzen die knarrenden Räder vom Thorwege des
Gasthofs über das Pflaster rumpeln.

Ich wurde stündlich schlechter, bis mir die Schwester der Wirthin,
ein treffliches junges Frauenzimmer, die mir schon zuvor große
Aufmerksamkeit erzeigt, nach einem Arzt zu senden rieth; mein Gatte,
der, als er mich so leiden sah, fast in Verzweiflung war, eilte
sogleich fort, um den besten ärztlichen Beistand herbeizuholen. Nach
einigem Verzug war ein Arzt ausfindig gemacht. Ich litt zu dieser
Zeit furchtbare Qualen, fühlte mich aber nach einem Aderlaß und den
nachfolgenden heftigen Krankheits-Anfällen etwas erleichtert. Ich
will mich in keine umständliche Schilderung meiner Leiden einlassen,
genüge es, zu sagen, daß sie fast unerträglich waren; aber Gott in
seiner Gnade, obwohl er mich züchtigte und mit Schmerzen heimsuchte,
wollte mich noch nicht sterben lassen. Von den weiblichen Gliedern des
Hauses erfuhr ich die liebreichste Behandlung. Anstatt aus Furcht das
Krankenzimmer zu fliehen, stritten sich die beiden irischen Mädchen
fast mit einander, welche von beiden bei mir bleiben und meiner warten
und pflegen sollte, während _Jane Taylor_, das zuvor erwähnte achtbare
Frauenzimmer, mich von dem Augenblick an, wo meine Krankheit auf eine
so beunruhigende Weise zunahm, bis zur eintretenden Besserung nicht
eine Minute verließ und mit eigner Lebensgefahr, wenn der innere Kampf
eintrat, in die Arme nahm, an ihre Brust drückte und abwechselnd bald
mir zuredete, bald meinen armen trauernden Gatten zu trösten suchte.

Die angewendeten Mittel waren Aderlaß, Opium, blaue Pillen und ein
Neutralsalz -- aber nicht das gewöhnliche Epsomer. Die Cur zeigte sich
wirksam, wiewohl ich viele Stunden hindurch an heftigem Kopfweh und
andern Zufällen litt. Die Schwäche und das leichte Fieber, welche an
die Stelle der Cholera traten, fesselten mich einige Tage an das Bett;
während der beiden ersten besuchte mich mein Arzt täglich viermal;
er war sehr theilnehmend, und als er erfahren, daß ich die Gattin
eines brittischen auf seinem Wege nach der oberen Provinz begriffnen
Offiziers sei, schien er sich für meine Wiedergenesung mehr als jemals
zu interessiren, und zeigte eine Theilnahme für uns, die unsern
Gefühlen äußerst wohlthätig war. Nach einem lästigen Krankenlager von
mehren Tagen wurde ich endlich für so weit genesen erklärt, um meine
Reise antreten zu können, indeß war ich noch sehr schwach und konnte
mich kaum aufrecht erhalten.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als der Postwagen, der uns nach
Lachine, die ersten neun (englischen) Meilen unsrer Reiseroute, führen
sollte, vor der Thür des Gasthofs erschien, und wir von einem Orte, wo
wir der angstvollen Stunden so viele, der fröhlichen so wenige erlebt,
Abschied nahmen. Indeß war uns von unsern Umgebungen im Gasthofe,
obgleich vollkommnen Fremden, viel Liebes und Gutes wiederfahren, wir
hatten uns jener Gastfreundschaft erfreut, wegen welcher Montreal so
oft gerühmt worden ist.

Ich habe vergessen, Ihnen in meinem letzten Briefe zu sagen, daß wir
Bekanntschaft mit einem höchst achtbaren Kaufmann an diesem Platze
gemacht, der uns sehr nützliche Belehrung über viele Dinge ertheilt
und bei seiner Gattin, einem äußerst gebildeten und vollendeten jungen
Frauenzimmer eingeführt hat. Während unsrer kurzen Bekanntschaft
brachten wir, sehr zu unsrer Zufriedenheit, einige angenehme Stunden in
ihrem Hause zu.

Ich genoß des frischen Luftstroms vom Flusse her, längs welchem sich
die Fahrstraße hinzieht. Es war ein herrlicher Anblick, die unbewölkte
Sonne hinter der fernen Bergkette emporsteigen zu sehen; unter uns
lagen die wild brausenden Stromschnellen, dort die Insel _St. Anne's_,
welche uns an _Moore's_ canadisches Bootsmanns-Liedchen »Laßt zu St.
_Anne's_ uns singen den Abschiedsgesang« u. s. w. erinnerte.

Das Ufer des St. Laurence, längs welchem unser Weg liegt, ist hier
erhabner als bei Montreal, auf seiner Höhe mit Buschholz bekleidet
und gelegentlich durch schmale Abzugs-Gräben zum Ableiten des Wassers
unterbrochen. Der Boden war, so viel als ich davon sehen konnte, sandig
oder leichtlehmig. Ich sah hier zuerst die wilde Weinrebe sich zwischen
den jungen Bäumchen hinranken, deßgleichen Brombeerbüsche und einen
Ueberfluß von jener hohen gelben Blume, die wir Goldruthe (^Solidago
virga aurea^) nennen, ferner das weiße Gnaphalium (Ruhrkraut),
dasselbe, woraus die französischen und schweizer Bauer-Mädchen
Kränze zur Schmückung der Gräber ihrer Freunde flechten und die sie
_Immortelle_ (Unsterblichkeitsblume) nennen[10]; endlich eine hohe,
purpurblumige Baldrian-Art, die auf den Feldern unter dem Korn eben so
häufig steht, als die Ochsenzunge auf unsern leichten Sandfeldern in
England.

Zu Lachine stiegen wir aus dem Postwagen und gingen an Bord eines
Dampfboots, eines recht hübschen und mit jeder Bequemlichkeit versehnen
Fahrzeugs. Die Fahrt den Fluß hinauf machte mir viel Freude, und
überhaupt würde ich die Reise sehr angenehm gefunden haben, wäre ich
nicht durch meine nur erst überstandne Krankheit so sehr geschwächt
gewesen, daß mir die holperigen Straßen sehr viel zu schaffen machten.
Das Fuhrwerk anlangend, ein canadischer Postwagen, so verdient es weit
größeres Lob, als Reisende ihm gewöhnlich zu ertheilen beliebt haben,
und es ist für die Wege, auf welchen es hin- und hergeht, so wohl
geeignet, daß ich zweifle, ob es mit einem zweckmäßigeren vertauscht
werden könne. Dieser Wagen faßt neun Personen: drei hinten, drei vorn,
und drei in der Mitte; der Mittel-Sitz, welcher in breiten Lederriemen
hängt, ist bei weitem der bequemste, und hat für die Inhaber nur den
Nachtheil daß sie durch das Aus- und Einsteigen der Passagiere gestört
werden.

Gewiß ist das Reisen mit so weniger Störung für den Passagier als
möglich verbunden, hat man sein Passagier-Geld zu Prescott entrichtet,
so braucht man für weiter nichts zu sorgen. So wie der Reisende das
Dampfboot verläßt, steht auch schon der Postwagen zur Aufnahme seiner
Person und seines Gepäckes, das auf ein gewisses Verhältniß beschränkt
ist, bereit; ist der Postwagen an Ort und Stelle angelangt, so ist
wieder das Dampfboot da, wo man jede Bequemlichkeit findet.

Außer ihrer eignen Ladung nehmen die Dampfschiffe stromaufwärts in
der Regel verschiedne andre Fahrzeuge ins Schlepptau. Wir bugsirten zu
einer Zeit drei Durham-Böte und überdies mehre kleine Nachen, die dem
Auge jedenfalls Abwechselung und Unterhaltung gewährten.

Mit Ausnahme von Quebek und Montreal, muß ich der obern Provinz den
Vorzug geben. Die Scenerei, wenn auch nicht so großartig, ist doch mehr
geeignet, dem Auge zu gefallen, indem sich überall Spuren von reger
Betriebsamkeit, Fülle und Fruchtbarkeit zeigt. Wenn ich im Postwagen
auf der Straße dahinrolle, entzücken mich die Nettigkeit, Reinlichkeit
und das bequeme, behagliche Ansehn der Bauerhütten und Meiereien.
Log-Häuser oder Shanty's kommen nur selten vor, an ihre Stelle sind
hübsch gezimmerte, in besserem Styl gebaute und oft mit Bleiweiß oder
blaßerbsgrün angestrichne Wohnungen getreten. Im Umkreise dieser
Hausstätten erblickt man Obstgärten, deren Bäume von der reichen Last,
-- Aepfel, Pflaumen, und der amerikanische Holzapfel, jene schöne
scharlachrothe Frucht, die wir im Vaterlande so häufig eingemacht als
Dessert genießen, -- niedergebogen waren.

Hier gewahrt man kein Zeichen von Armuth oder dem in ihrem Gefolge
einhergehenden Elend; keine zerlumpten, schmuzigen Kinder wälzen sich
im Kothe oder Staube herum; wohl aber stößt man auf manche hübsche,
vor der Hüttenthür spinnende Dirne, mit ihren glänzenden Augen und
wohlgeordneten Flechten, während die jüngeren Mädchen auf dem grünen
Schwaden oder der Hausschwelle sitzen und stricken und lustig wie die
Vöglein bei ihrer Arbeit singen.

Die großen Spinnräder, welche hier zu Lande zum Spinnen der Wolle
üblich sind, haben etwas sehr Malerisches, und wenn die canadischen
Mädchen auf gefällige Haltung des Körpers und zierliche Bewegungen
bedacht wären, so könnte nichts geeigneter sein, eine schöne Körperform
in vortheilhaftestem Lichte zu zeigen, als das Spinnen mit diesem Rade.
Die Spinnerin sitzt nicht, sondern geht hin und her, zieht das Garn mit
der einen Hand aus und dreht mit der andern das Rad.

Ich bemerkte oft, wenn wir an den Meier-Hütten vorüber kamen,
Garn von verschiedner Farbe an den Einfriedigungen der Gärten und
Obstpflanzungen zum Trocknen aufgehängt, allerlei Farben: Grün, Blau,
Purpur, Braun, Roth und Weiß wechselten mit einander ab. Eine artige
Wirthin, vor deren Schenke wir hielten, um die Pferde zu wechseln,
sagte mir, daß dieses Garn erst gesponnen und nachmals von den
Hausfrauen, bevor es auf den Webestuhl komme, gefärbt werde. Sie zeigte
mir einige Proben von dergleichen haussponnenen Zeugen, die sich in der
That nicht übel ausnahmen. Die Farbe war ein mattes Dunkelbraun, und
die Wolle rührte von einer schwarzen Schaf-Gattung her. Diese Zeuge
werden auf verschiedne Weise für den Familien-Bedarf verwendet.

»Jede kleine Hausstätte, die Sie sehen,« belehrte sie mich, »hat ihren
Antheil Land und mithin auch ihre Schaf-Heerde; und da die Kinder sehr
frühzeitig spinnen, stricken und das Garn färben lernen, so sind die
Aeltern auch im Stande, sich und ihre kleine Familie stets gut und
bequem zu bekleiden.

Viele von eben diesen Meiereien, die jetzt einen so gedeihlichen
Zustand zeigen, waren noch vor dreißig Jahren Wildnisse, indianische
Jagd-Reviere; -- die Betriebsamkeit und der Fleiß der Ansiedler, und
darunter mancher armen Leute, die in ihrer Heimath keine Ruthe eignes
Land besaßen, haben diese Veränderungen bewirkt.«

Die Gedanken-Folge, welche die Worte dieser guten Frau in mir
veranlaßten, war eine sehr erfreuliche. »Wir sind,« dachte ich,
»ebenfalls im Begriff, uncultivirtes Land zu kaufen, und sollten wir
nicht mit der Zeit unsre zukünftige Meierei diesen fruchtbaren Stätten
gleichen sehen. Gewiß ist es ein gesegnetes glückliches Land, in das
wir ausgewandert sind, sprach ich bei mir, in Verfolgung der angenehmen
Idee, »ein Land, wo jede Hütte Ueberfluß an den Bequemlichkeiten und
nöthigen Erfordernissen des Lebens hat.«

Ich übersah vielleicht zu dieser Zeit die Mühe, die Beschwerden, die
Entbehrungen, denen diese Ansiedler, als sie zuerst hier angelangt,
ausgesetzt gewesen waren. Ich sah das Land blos im Geiste, wie es nach
einer ziemlichen Reihe von Jahren und unter einem hohen Cultur-Zustande
erscheinen dürfte; vielleicht in den Händen ihrer Kinder oder ihrer
Kindes Kinder, nachdem die von Arbeit und Mühseligkeiten aufgeriebnen
Aeltern schon längst schlafen gegangen waren.

Unter andern Gegenständen wurde meine Aufmerksamkeit durch offne
Begräbnißplätze an der Straße in Anspruch genommen. Freundliche grüne
Hügel, von Wald- und andern hübschen Bäumen umgeben, enthielten die
Gräber einer Familie und vielleicht einiger theuren Freunde, die ruhig
unter dem Rasen neben ihr schlummerten. Mochte auch der Boden nicht
geweiht sein, so war er doch durch die Thränen und Gebete von Aeltern
und Kindern geheiligt.

Diese Familien-Gräber wurden mir noch interessanter, als ich erfuhr,
daß, wenn eine Meierei von einem Fremden käuflich in Beschlag genommen
wird, der frühere Besitzer sich in der Regel das Recht ausbedingt,
seine Todten auf dem dazu gehörigen Begräbnißplatze beerdigen zu dürfen.

Sie müssen Nachsicht mit mir haben, Beste Mutter, wenn ich
gelegentlich bei Kleinigkeiten verweile. Für mich ist nichts ohne
Interesse, was das Gepräge der Neuheit an sich trägt. Selbst die
Lehm-Oefen, welche auf vier Beinen in geringer Entfernung von den
Häusern stehen, blieben im Vorbeifahren nicht unbemerkt von mir.
Fehlt es an einem dergleichen Ofen vor dem Hause, so wird das Brod
in großen eisernen Bottigen oder Töpfen, sogenannten Back-Kesseln
(^Bake-kettles^) gebacken. Ich habe bereits ein Brod, so dick wie ein
Scheffel-Maaß, auf dem Heerde in einem solchen Kessel backen sehen,
und auch davon gekostet; allein ich glaube, der eingesperrte Dampf
giebt dem Brode einen etwas eigenthümlichen Geschmack, den man an den
in Ziegel- oder Lehm-Oefen gebacknen Broden nicht wahrnimmt. Anfangs
konnte ich aus diesen, auf vier Füßen ruhenden, seltsam aussehenden
kleinen runden Gebäuden nicht recht klug werden, ich hielt sie für
Bienen-Stöcke, bis ich eine Bauersfrau einige noch kochendheiße
Brode aus einem solchen Ofen, der ein unbebautes Fleckchen auf der
Straßen-Seite, etwa funfzig Schritt von der Hütte entfernt, einnahm,
herauslangen sah.

Außer den Oefen hat jedes Haus einen Ziehbrunnen, ganz in der Nähe.
Diese Brunnen wichen in der Einrichtung zum Emporheben des Wassers
von denen ab, die ich in England gesehen. Der Plan ist sehr einfach:
-- eine lange Stange, auf einem Pfahle spielend, dient als Hebel zum
Heraufziehen des Eimers, und das Wasser kann so von einem Kinde mit
leichter Mühe emporgehoben werden. Diese Methode ziehen einige sowohl
dem Seil als der Kette vor; sie kann von Jedermann ins Werk gesetzt
werden, es bedarf nur der Befestigung und Verbindung der Stangen. Ich
erwähne dies blos, als Beispiel von dem Erfindungsgeist der Bewohner
des Landes, um nur zu zeigen, wie angemessen ihre Verfahrungsweisen
ihren Mitteln sind[11].

Die prächtige Erscheinung der Stromschnellen des St. Laurence, bei
dessen Cascade die Straße auf der Höhe des Ufers eine schöne Aussicht
beherrscht, erfreute uns in hohem Grade. Ein Versuch von mir, Ihnen
diese großen, in wildem Aufruhr begriffnen Wasserschichten, welche
hier vorüberbrausen, zu schildern, würde weit hinter der Wirklichkeit
zurück bleiben. _Harrison_ hat diese Scene in seinem Werke über
Ober-Canada, welches Ihnen, meines Wissens, wohl bekannt ist, sehr
genau geschildert. Ich bedauerte nur, daß wir nicht einige Zeit weilen
konnten, um unsre Augen an einem so großartigen und wildem Schauspiel
zu weiden, wie es der Fluß hier darbietet; aber ein canadischer
Postwagen wartet auf Niemand, und so mußten wir uns mit einem
flüchtigen Anblick dieser berühmten Stromschnellen begnügen.

Wir schifften uns zu Couteau du Lac ein und erreichten Cornwall spät an
demselben Abend. Einige von den Postwagen gehen des Nachts ab; allein
ich war zu ermüdet, um diesen Abend eine Reise von neunundvierzig
(englischen) Meilen auf canadischen Straßen antreten zu können. Unserm
Beispiel folgte eine verwittwete Dame mit ihrer kleinen Familie.

Es hielt etwas schwer, eine Herberge für die Nacht zu finden, die
Gasthöfe waren mit Reisenden gefüllt; hier erfuhren wir zum erstenmal
etwas von jenem, dem Amerikaner, jedoch ohne Zweifel zu allgemein,
zur Last gelegten tadelnswürdigen Benehmen. Unser Wirth schien im
Betreff der Bequemlichkeit seiner Gäste vollkommen gleichgültig, sie
mußten entweder sich selbst bedienen, oder ihre Bedürfnisse blieben
unbefriedigt. Der Mangel an weiblicher Bedienung in diesen Anstalten
ist für reisende Damen äußerst fühlbar und verdrießlich. Die Weiber
lassen sich gar nicht sehen, oder behandeln die fremden Gäste mit einer
Kälte und Gleichgültigkeit, daß man mit ihren Diensten eben nicht
zufrieden sein kann.

Nachdem es mir, nicht ohne Schwierigkeit, geglückt war, der Wirthin
des Gasthauses zu Cornwall ansichtig zu werden, bat ich sie, mir ein
Zimmer anzuweisen, wo wir übernachten könnten, sie that dies, aber
mit einer höchst ungefälligen Miene, indem sie auf eine Thür deutete,
die sich in ein kleines Käfter öffnete, das ein Bett ohne Vorhänge,
einen Stuhl aber keinen Waschtisch enthielt. Da sie meinen Verdruß bei
Erblickung dieses ungastlichen Schlafgemachs wahrnahm, bemerkte sie
ganz lakonisch, daß ich keine Wahl hätte, ich müßte es denn vorziehen,
in einem Zimmer mit vier Betten zu schlafen, wovon bereits drei -- und
zwar von Männern, in Beschlag genommen waren. Diese Alternative lehnte
ich etwas unwillig ab und zog mich in eben nicht besondrer Laune in das
mir angewiesne Schlafgemach zurück, wo unwillkommne Bettbewohner die
ganze Nacht hindurch uns hinderten, unsre müden Augenlider zu schließen.

Wir nahmen ein zeitiges und hastiges Frühstück ein und traten unsre
Reise wieder an. Diesmal bestand die Reisegesellschaft aus meiner
Wenigkeit, meinem Gatten, einer Dame nebst Gemahl, drei kleinen Kindern
und einem einmonatlichen Säugling, die insgesammt, vom Aeltesten bis
zum Jüngsten, am Keuchhusten litten; zwei großen cumberländischen
Bergleuten und einem französischen Lootsen nebst seinem Begleiter; --
letztrer war ein großes, amphibienartig aussehendes Ungeheuer, das
in den Wagen sprang und sich in eine Ecke quetschte, indem es dem
Postillion, der damit einverstanden war, und alle Gegenvorstellungen
gegen dieses unerwartete Eindrängen unbeachtet ließ, auf eine comische
Weise angreinte; der Postillion schwang seine Peitsche mit gewaltigem
Knall, womit zwei reisende Amerikaner, die zu beiden Seiten der
Gasthofthür standen, nicht eben zufrieden zu sein schienen; diese
Herren hatten ihre Hüte weder in den Händen, noch zur Zeit auf dem
Kopfe, sondern sie trugen dieselben an einem um einen Westenknopf
geschlungenen Bande, so daß sie ziemlich unter den Arm hingen. Diese
Mode habe ich seitdem öfter beobachtet und glaube, daß, wenn _Johnny
Gilpin_ die nämliche weise Vorsicht angewendet, er sowohl seinen Hut
als seine Perücke gerettet haben würde.

Die Reise dieses Tages war für mich schrecklich ermüdend, ich wurde
buchstäblich braun und blau gequetscht und gestoßen. Die ausnehmend
große Hitze machte uns sehr viel zu schaffen, und wir hätten die
Gesellschaft von zwei unsrer massiven Reisegefährten mit wahrem
Vergnügen entbehrt.

Abends um fünf Uhr desselben Nachmittags erreichten wir Prescott, wo
wir im Gasthause eine gute Aufnahme fanden; die weiblichen Dienstboten
waren sämmtlich Engländerinnen und schienen in Aufmerksamkeit gegen uns
mit einander zu wetteifern.

In der Stadt Prescott sahen wir wenig, was uns hätte interessiren
oder gefallen können. Nach einem trefflichen Frühstück, schifften
wir uns an Bord des _Great Britain_ (Großbritanien) ein, es war das
schönste Dampfboot, welches mir bis jetzt zu Gesicht gekommen, und hier
gesellten sich unsre neuen Freunde zu uns, was uns große Freude machte.

Zu Brockville trafen wir gerade zu rechter Zeit ein, um ein Schiff
von Stapel laufen zu sehn, -- für mich ein ganz neuer Anblick. Es
war ein äußerst lebhaftes erfreuliches Schauspiel. Die Sonne schien
in vollem Glanze auf die herbeiströmende Menge, die sich in ihrem
Sonntagsstaate nach dem Ufer drängte; die Kirchenglocken tönten lustig
darein und vermischten ihr Geläute mit der Musik vom Deck des bunt
bemalten Fahrzeugs, das mit seinen im Winde flatternden Wimpeln und
ausgespannten Segeln und einer wohlgekleideten Gesellschaft an Bord,
vom Stapel zu laufen im Begriff war.

Um die Wirkung noch zu erhöhen, wurde von einem einstweiligen, für
diese Gelegenheit auf einem kleinen Felsen-Eiland vor der Stadt
errichteten Castell eine Salve gegeben. Der Schoner (ein zweimastiges
Fahrzeug) glitt stattlich ins Wasser und empfing so zu sagen mit
Freuden die Umarmung des Elements, welches ihm zukünftig unterworfen
sein sollte. Es war ein höchst interessanter Moment. Der neue
stattliche Schwimmer wurde mit drei Hurrahs von der Schiffsgesellschaft
des Great Britain, einer Salve vom kleinen Castell und dem fröhlichen
Geläute der Glocken begrüßt; letztre ertönten zugleich zu Ehren einer
hübschen Braut, die, auf einer Lustreise nach den Fällen des Niagara
begriffen, mit ihrem Bräutigam an Bord kam.

Brockville liegt gerade an der Mündung des Sees der tausend Inseln und
gewährt, vom Wasser aus gesehen, einen hübschen Anblick. Die Stadt
hat, wie man mir erzählt, im Verlauf der letzten wenigen Jahre reißend
schnell an Größe und Wohlstand zugenommen und scheint ein Platz von
Wichtigkeit werden zu wollen.

Die Ufer des St. Laurence werden, indem man zwischen den tausend Inseln
vorwärts steuert, felsiger und malerischer, und die Inseln selbst
bieten jede Abwechselung von Waldung und Gestein dar. Das Dampfschiff
landete zur Einnahme von Brennholz in der Nähe eines kleinen Dorfes auf
der amerikanischen Seite des Flusses, wo wir auch fünfundzwanzig schöne
Pferde, die in Cobourg und York zum Verkauf ausgeboten werden sollen,
an Bord nahmen.

In dem amerikanischen Dorfe selbst war nichts der Beobachtung Werthes
zu sehen, ausgenommen eine Neuheit, die mich in der That belustigte;
nämlich jedes Haus hatte sein eignes Model oder Ebenbild, ein kleines
winziges Häuschen von Holz, -- nicht größer und stärker als ein
Puppenhäuschen[12], (^a baby-house^) vorn am Dache oder Giebel-Ende
befestigt. Wie ich nachmals von einem Herrn auf dem Schiffe erfuhr,
waren diese Puppenhäuschen, wie ich sie zu nennen beliebte, für die
Schwalben zum Hineinnisten bestimmt[13].

Es war Mitternacht, als wir vor Kingston vorbeisegelten und so sah
ich natürlicher Weise nichts von diesem »Schlüssel zu den Seen«[14],
wie ich es habe nennen hören. Bei meinem Erwachen am nächsten Morgen
glitt das Dampfschiff stattlich durch die Fluthen des Ontario, und ich
empfand eine leichte Anwandlung von Unpäßlichkeit.

Wenn das Wasser des Sees in Aufruhr ist, wie dies bisweilen bei
heftigem Winde geschieht, so glaubt man sich auf ein sturmgepeitschtes
Meer versetzt.

Die Ufer des Ontario sind sehr schön, Hügel und Thäler, mit herrlichen
Waldungen bekleidet oder durch Fleckchen angebauten Bodens und hübsche
Wohnhäuser belebt, wechseln in sanften Wellen-Linien mit einander ab.
Um zehn Uhr erreichten wir Cobourg.

Cobourg, wo wir uns gegenwärtig befinden, ist ein nett gebautes und
blühendes Städtchen, das manche stattliche Vorraths-Häuser, Mühlen,
eine Wechselbank und eine Druckerei enthält, letztere giebt ein
Wochenblatt heraus. Desgleichen findet man hier eine recht hübsche
Kirche und eine ausgewählte Gesellschaft, da viele achtbare Familien in
oder unweit der Stadt ihre Wohnung gewählt haben.

Morgen verlassen wir Cobourg und werden unsern Weg nach Peterborough
nehmen, von wo aus ich wieder zu schreiben gedenke, um sie von unserm
zukünftigen Abentheuern zu benachrichtigen, die wir wahrscheinlich an
einem der kleinen Seen des Otanabee erfahren werden.

Fußnoten:

[6] Es sind seitdem einige treffliche Kais vollendet worden.

[7] Dieser Graben ist seitdem überwölbt worden, es befindet
sich jetzt ein Markt darüber.

[8] Herr _M'Gregor_, in seinem Brittischen Amerika, ^vol.
II. p. 504^, giebt uns von Montreal nachstehende Beschreibung:
--

»Zwischen dem Königlichen Berge und dem Flusse, auf einer sanft
aufsteigenden Felsen-Firste, steht die Stadt. Mit Einschluß der
Vorstädte ist sie von größrer Ausdehnung als Quebek. Beide Städte
weichen in ihrer Erscheinung sehr von einander ab; die niedrigen Ufer
des St. Laurence zu Montreal entbehren der Grauen erregenden, sich über
sie thürmenden Klippen und all jener romantischen Erhabenheit, wodurch
sich Quebek auszeichnet.

»Montreal hat keine Kais, und die Schiffe und Dampfböte liegen ruhig
in ziemlich tiefem Wasser hart an dem lehmigen und im Allgemeinen
kothigen Ufer der Stadt. Die ganze Unterstadt nehmen düster aussehende
Häuser, mit dunkeln eisernen Fensterläden; und wenn sie auch im Ganzen
etwas reinlicher ist als Quebek, so ist sie doch immer sehr schmutzig;
die Straßen sind eng und schlecht gepflastert, und die Fußpfade durch
schräg geneigte Kellerthüren und andre Vorsprünge unterbrochen.

»Es ist unmöglich,« sagt Mr. _Talbot_ in seinen ^Five Years,
Residence^, »an einem Sonn- oder Festtage die Straßen von Montreal
zu durchwandern, ohne daß man die düstersten Eindrücke erhielte; die
ganze Stadt erscheint wie ein großes Gefängniß;« er spielt hier auf
die eisernen Fensterladen und Außenthüren an, von welchen man Gebrauch
macht, um den Wirkungen von Feuersbrünsten zu begegnen.

[9] Dies ist noch nicht eins der vornehmsten Hotels, in letztern
beträgt der Preis für Kost und Logis täglich anderthalb Dollar.

[10] Bei den Amerikanern heißt sie ^the life-everlasting^.

[11] Diese Brunnen sind keineswegs die Erfindung jener Ansiedler,
man sieht dergleichen fast überall in Europa; in Deutschland
kommen sie häufig auf den Dörfern vor.

[12] ^a doll-house.^

[13] Wir finden in _Rennie's_ Baukunst der Vögel, (Leipzig Baumgärtners
Buchhandlung) ähnliche Bemerkungen. So liest man Seite 122: die
Anglo-Amerikaner bedienen sich verschiedner Mittel, um die Vögel zum
Nisten in der Nähe ihrer Wohnungen zu bestimmen, und weil sie die
Scheunen- oder Bodenschwalbe (^_Hirundo rufa, Gmelin_^), vorzüglich
lieben, so stellen sie Schachteln auf, damit sie hinein niste. Diese
Species unterscheidet sich beträchtlich von unsrer Rauchschwalbe
(^_Hirundo rustica_^); am Bauche, wo die unsrige rein weiß ist, ist
ihr Gefieder hell kastanienfarben, im Nisten hat sie mit der unsrigen
Aehnlichkeit, nur daß sie nicht in Schornsteine baut, sondern ihr
Nest an Sparren oder Querbalken von Schuppen, Scheunen und andern
Nebengebäuden befestigt.

Ferner Seite 364: In Nordamerika, wo man bemüht ist, die ländlichen
Vergnügungen eines kurzen Sommers so sehr als möglich zu vermehren,
sucht man mehr als eine Species durch alle nur mögliche Mittel zum
Nisten in der Nähe der Häuser zu bewegen. Unter den halb zahmen Vögeln
sind der Haus-Zaunkönig, der blaue Vogel und die Purpur-Schwalbe die
bekanntesten. Die zuletzt erwähnte (^_Hirundo purpurea, Latham_^)
ist gleich unsrer Fensterschwalbe ein Zugvogel, und sie wählt ihren
Sommeraufenthalt stets mitten unter den Wohnungen des Menschen,
welcher, da ihm ihre Gesellschaft großen Vortheil und zugleich
Vergnügen schafft, in der Regel ihr Freund und Beschützer ist. Daher
ist sie ziemlich gewiß, bei ihrer Ankunft eine gastliche, zu ihrer
Bequemlichkeit und zur Aufnahme ihrer Familie gehörig eingerichtete
Wohnstätte, entweder in der vorspringenden hölzernen Kranzleiste,
auf dem Dachgiebel oder auf der Grenzsäule, oder, wenn diese fehlen
sollten, auf dem Taubenschlage mitten unter den Tauben zu finden; und
wenn sie einen besondern Winkel auf dem letzteren wählt, so darf es
keine Taube wagen, einen Fuß in ihr Gebieht zu setzen. Einige unter
den Anglo-Amerikanern haben für diese Vögel große Anstalten einrichten
lassen, welche in zahlreichen Gemächern bestehen, die zum größten Theil
jedes Frühjahr in Besitz genommen werden; man hat die Beobachtung
gemacht, daß in solchen Schwalbenansiedlungen einzelne Vögel mehre
Jahre nach einander immer wieder von der nämlichen Schachtel Gebrauch
gemacht haben.

Das eben erwähnte Verfahren, die Purpurschwalbe zu hegen und zu
beschützen, scheint nicht aus Europa zu stammen, da die Eingebornen von
Amerika seit undenklichen Zeiten eine ähnliche Methode befolgt haben.
Die Chactaw und Chickasaw Indianer z. B. stutzen sämmtliche Gipfeläste
eines jungen Bäumchens in der Nähe ihrer Hütten ab und lassen die
Zinken ein oder zwei Fuß lang, an deren jedem sie einen hohlen Kürbis
oder eine Calabasse aufhängen, die gehörig ausgehöhlt ist, so daß die
Vögel bequem darin nisten können. In gleicher Absicht steckt man an
den Ufern des Mississippi lange Stöcke in den Boden, an deren Spitze
ebenfalls Calabassen befestigt werden, und worin die Purpurschwalben
in der Regel ihre Eier ausbrüten. »Ueberall, wo mich meine Reisen in
diesem Lande hinführten,« sagt _Wilson_, »habe ich mit Vergnügen die
Gastfreundschaft beobachtet, womit die Einwohner diesen Lieblingsvogel
empfangen.« Folgenden kleinen Zug aus der Oekonomie der Purpurschwalbe
hat Mr. _Henry_, Mitglied des obersten Gerichtshofes in Pensylvanien,
erzählt.

»Im Jahr 1800,« sagt derselbe, »zog ich mich von Lancaster nach einer
Meierei einige englische Meilen über Harrisburgh zurück. Da ich wohl
mit den Vortheilen bekannt war, welche der Pachter oder Landmann von
der Nachbarschaft der Purpurschwalbe zieht, indem sie die Räubereien
des weißköpfigen Adlers, der Habichte und selbst der Krähen verhindert,
so erhielt ein für mich arbeitender Zimmermann den Auftrag, einen
großen Kasten mit mehren Fächern für diese Vögel zu machen. Der
Kasten wurde im Herbste aufgestellt. In der Nähe des Hauses und um
dasselbe standen eine Anzahl schön gewachsener Aepfelbäume und vieles
Strauchwerk, ein sehr bequemer Aufenthalt für Vögel. Gegen die Mitte
des Februar kamen die blauen Vögel an; diese wurden in kurzer Zeit sehr
zutraulich und nahmen Besitz von dem Kasten: es waren zwei bis drei
Pärchen. Mit dem funfzehnten Mai hatten die blauen Vögel Eier, wo nicht
gar Junge. Nun aber trafen die Purpurschwalben in Schaaren ein, begaben
sich in den Kasten, und es erfolgte ein heftiger Kampf. Die blauen
Vögel, wie es scheint, durch ihr Eigenthumsrecht ermuthigt, oder, weil
es der Beschützung ihrer Jungen galt, blieben Sieger.

Die Schwalben kamen während der acht folgenden Jahre regelmäßig in der
Mitte des Mai an, untersuchten die Gemächer des Kastens in Abwesenheit
der blauen Vögel, wurden aber durch die Rückkehr der letzteren jedesmal
zur Flucht genöthigt. Die Mühe, welche Ihnen die Durchlesung dieser
Bemerkungen verursachen dürfte, müssen sie auf Rechnung der Schwalben
setzen. Ein Kasten, mit diesen schönen Wandrern angefüllt, befindet
sich jetzt zum Haupte meines Bettes. Ihre Töne scheinen unharmonisch
wegen ihrer großen Anzahl; indeß sind sie mir angenehm. Der betriebsame
Pachter und Handwerker würde wohl thun, einen Kasten mit diesen Vögeln
in der Nähe der Schlafgemächer seiner trägen Leute anzubringen. Gleich
mit Anbruch des Tages beginnt die Purpurschwalbe ihr Gezwitscher,
welches eine halbe Minute oder auch etwas länger dauert; worauf es
wieder still wird, bis die Dämmerung völlig vorüber ist. Nunmehr
folgt ein lebhaftes und unaufhörliches Gezwitscher, hinreichend,
selbst die schlaftrunkenste Person aus dem Schlummer zu wecken.
Vielleicht übertrifft sie nicht einmal der Haushahn in dieser guten
Eigenschaft; auch steht er in dem Vermögen, Raubvögel abzuhalten, der
Purpuerschwalbe bei weitem nach.«

»Gegen die Mitte des April oder ungefähr am zwanzigsten Tage dieses
Monats,« fügt _Wilson_ hinzu, »trifft die Purpurschwalbe die ersten
Vorbereitungen zu ihrem Neste. Das letzte, welches ich untersucht habe,
bestand aus den welken Blättern der Thränenweide, dünnen Strohhalmen,
Heu und Federn in beträchtlicher Menge. Es lagen vier Eier darin, die
im Verhältniß zum Vogel sehr klein, von Farbe rein weiß und ohne die
geringsten Flecke waren. Die erste Brut erscheint im Mai, die zweite
spät im Juni. Während der Periode, in welcher das Weibchen legt, und
vor dem Brüten sind beide Vögel den größten Theil des Tages vom Neste
entfernt. Während des Sitzens wird das Weibchen häufig vom Männchen
besucht, welches letztere sich ebenfalls auf die Eier setzt, wenn
das erstere zur Erholung ausfliegt. Oft bringt das Männchen auf eine
Viertelstunde im Neste neben dem Weibchen zu, und wird während des
Brütens ganz heimisch und zahm. Es sitzt an der Außenseite, putzt
und ordnet sein Gefieder und begiebt sich gelegentlich an die Thür
des Gemachs, gleichsam, als ob es sich nach dem Befinden der Gattin
erkundigen wollte. Seine Töne scheinen in dieser Zeit eine besondere
Sanftheit anzunehmen, und seine Glückwünsche drücken einen hohen
Grad von Zärtlichkeit aus. Eheliche Treue, selbst wenn viele Pärchen
zusammen wohnen, scheint gewissenhaft von diesen Vögeln beobachtet zu
werden. Am 25. Mai nahm ein Purpurschwalben-Pärchen von einem Kasten
in Mr. _Bartram's_ Garten Besitz. Einen oder zwei Tage darauf erschien
ein zweites Weibchen und verweilte mehre Tage; allein, wegen der
kalten Aufnahme, die es fand, indem es häufig vom Männchen vertrieben
wurde, verließ es endlich diesen Ort und machte sich auf den Weg,
wahrscheinlich um einen geselligeren Gefährten aufzusuchen.«

[14] »^Key to the lakes.^«



Fünfter Brief.


 Reise von Cobourg nach Amherst. -- Schwierigkeiten, denen man bei
 seiner ersten Ansiedelung in den Urwäldern zu begegnen hat. --
 Erscheinung des Landes. -- Reis-See. -- Indianische Lebensweise
 und Gebräuche. -- Fahrt den Otanabee hinauf. -- Log-Haus
 (^Log-house^) und seine Inhaber. -- Passagier-Boot. -- Fußreise
 nach Peterborough.

                                Peterborough; Newcastle Distrikt;
                                             den 9. Septbr. 1832.

Wir verließen Cobourg, am Nachmittag des ersten Septembers in
einem leichten, recht bequem für die Passagiere mit Büffelfellen
ausgekleideten Wagen. Unsre Reise-Genossen waren drei Herrn und eine
junge Dame, insgesammt recht angenehme Gesellschafter, und bereit, uns
jede Auskunft über die Gegend zu geben, durch welche unser Weg führte;
der Nachmittag war einer von jenen ruhigen und heitern, dergleichen
man in der ersten Hälfte des Septembers häufig zu erfahren pflegt.
Die glühenden Herbst-Farben zeigten sich bereits an den Waldbäumen,
sprachen aber mehr von Reife als Verfall. Die Gegend um Cobourg her
ist gut angebaut, ein großer Theil der Waldung ist gelichtet, und an
seine Stelle sind offne Felder, angenehme Meiereien und schöne, gut
gedeihende Obstpflanzungen mit grünen, von feistem Vieh wimmelnden
Weide-Plätzen getreten.

Das Gefängniß nebst dem Gerichtshof zu Amherst, etwa anderthalbe
englische Meile von Cobourg, ist ein hübsches steinernes Gebäude, und
auf einer Anhöhe gelegen, welche eine prächtige Aussicht auf den See
Ontario und die umgebende Scenerei beherrscht. In demselben Verhältniß
als man weiter landeinwärts kommt, in der Richtung der Hamilton- oder
Reis-See-Ebnen, erhebt und senkt sich das Land zu kühnen langgedehnten
Hügeln und Thälern.

Die Umrisse der Gegend erinnerten mich an den bergigen Theil von
Gloucestershire; indeß vermißt man den Reiz, womit die Civilisirung
diese schöne Landschaft in so vorzüglichem Grade geschmückt hat, man
vermißt ihre romantischen Dörfer, blühenden Städte, weit gedehnten,
mit Rinder- und Schafheerden bedeckten Auen. Hier strotzen die Berge
von Eichen-, Buchen- und Ahorn-Wäldern, mit hier und da eingestreuten
dunkeln Fichten-Hainen, nur selten durch eine Ansiedelung mit ihren
Log-Häusern und zickzackartigen, von Holzscheiten gezimmerten
Einfriedigungen unterbrochen und belebt: diese Einfriedigungen sind,
beiläufig gesagt, sehr beleidigend für mein Auge. Ich sehe mich
vergebens nach den reichen Laubhecken meines Vaterlandes um. Selbst
die steinernen Einfriedigungen im Norden und Westen von England, so
kalt und dunkel sie sind, erzeugen keinen so unangenehmen Eindruck auf
den Beschauer. Die Ansiedler machen indeß unabänderlich von demjenigen
Plan Gebrauch, wobei sie am meisten an Zeit, Arbeit und Geld ersparen.
Das wichtige, durch Nothwendigkeit bedingte Gesetz, den kürzesten Weg
zur Erreichung des beabsichtigten Zwecks einzuschlagen, wird streng
befolgt. Geschmackssachen scheinen wenig berücksichtigt zu werden, oder
müssen wenigstens vor der Hand in den Hintergrund treten.

Ich sah ein Lächeln um den Mund meiner Reisegefährten spielen, als sie
unsre Projecte zur Verschönerung unsrer künftigen Wohnstätte vernahmen.

»Wenn Sie gesonnen sind, Ihre Wohnung in den Urwäldern aufzuschlagen,«
sagte ein ältlicher Herr, der sich vor mehren Jahren im Lande
angesiedelt, »so muß Ihr Haus nothwendiger Weise ein aus Baumstämmen
roh zusammengezimmertes Haus (^log-house^) sein, denn eine Sägemühle
dürften Sie schwerlich in der Nähe finden und außerdem werden Sie in
den ersten zwei oder drei Jahren so viel zu thun haben, und so vielen
Hindernissen begegnen müssen, daß Sie schwerlich Gelegenheit haben
werden, diese Verschönerungen ins Werk zu setzen.« »Es giebt,« fügte er
mit einer Mischung von Ernst und guter Laune in seinem Gesicht hinzu,
»ein Sprichwort, das ich als Knabe oft gehört habe; es lautet: _erst
kriechen, und dann gehen_«[15]. »Es läßt sich hier zu Lande nicht alles
so leicht bewerkstelligen als zu Hause, wovon Sie eine mehrwöchentliche
Bekanntschaft mit dem _Busch_, wie wir jedes nicht gelichtete Waldland
nennen, bald überzeugen wird. Nach Verlauf von fünf Jahren dürften Sie
schon eher an dergleichen Verschönerungen und Bequemlichkeiten denken
und leichter beurtheilen können, was Sie vor sich haben.«

»Ich glaubte,« war meine Erwiederung, »daß in diesem Lande alles sehr
schnell und leicht von Statten gehe, ich erinnere mich genau, von
Häusern gehört zu haben, die in einem Tage erbaut worden.« Der alte
Herr lachte.

»Ja, ja,« sprach er, »Reisende finden es nicht schwer, ein Haus binnen
zwölf oder vierundzwanzig Stunden aufzubauen, und allerdings lassen
sich die Wände in dieser, ja in noch weniger Zeit aufführen; allein das
Haus ist, wenn auch die Außenwände stehen, noch nicht fertig, wie dies
Ihr Gemahl auf seine Kosten erfahren wird.«

»Aber sämmtliche Werke über Auswanderung, die ich gelesen,« erwiederte
ich, »geben ein so schönes und schmeichelndes Gemälde von dem Leben
eines Ansiedlers; denn, ihren Angaben gemäß, lassen sich alle
Schwierigkeiten leicht beseitigen.«

»Weg mit den Büchern!« sagte mein Opponent »der eigne Verstand muß
hier entscheiden. Richten Sie Ihren Blick auf jene endlosen Waldungen,
in die das Auge nur einige Schritte tief eindringen kann, und sagen
Sie mir, ob Sie glauben, daß sich diese gewaltigen Baumstämme ohne
Schwierigkeit wegräumen, gänzlich ausrotten, ja, ich möchte sagen,
vom Angesicht der Erde entfernen lassen; daß das Lichten und Reinigen
des Bodens durch Feuer, die Anlage und Einfriedigung von Feldern,
die Erbauung eines Obdachs keine Mühe, Kosten und große Arbeit
verursachen werde? Sprechen Sie nur nicht von dem, was in Büchern
steht, die häufig von Stuben-Reisenden (^tarry at home-travellers^)
geschrieben sind. Ich verlange Thatsachen. Die Erfahrungen eines
einzigen aufrichtigen Emigranten sind mehr werth, als alles, was über
den fraglichen Gegenstand zusammen geschrieben worden ist. Uebrigens
darf man die einem Theil des Landes entsprechende Schilderung nicht
auf alle anwenden. Die von Boden, Klima, Lage und Fortschritten in der
Civilisirung abhängigen Umstände sind in verschiednen Distrikten sehr
verschieden; selbst die Preise der Güter und Producte, die Mieth-Preise
und Arbeits-Löhne u. s. w. weichen, je nachdem man sich den Städten und
Märkten nähert oder davon entfernt, beträchtlich von einander ab.«

Ich fühlte bald, daß mein Reisegefährte richtig von einer Sache
spreche, womit ihn eine dreizehnjährige Erfahrung vollkommen
vertraut gemacht hatte. Ich fing an, zu fürchten, daß wir ebenfalls
zu schmeichelhafte Ansichten von dem Leben eines Ansiedlers in
den Urwäldern unterhalten. Die Zeit und unsre eigne persönliche
Kenntniß wird der sicherste Prüfstein sein, und diesem müssen wir uns
anvertrauen. Der Mensch ist stets geneigt, das zu glauben, was er
wünscht.

Ungefähr mittelwegs zwischen Cobourg und dem Reis-See liegt zwischen
zwei steilen Hügeln ein hübsches Thal. Hier findet man einen guten
Theil gelichteten Landes und eine Schenke: der Ort heißt die »_Kalte
Quelle_« (^Cold Springs^). Wer weiß, ob derselbe nicht vielleicht
schon nach einem oder zwei Jahrhunderten in einen Trink- und Bade-Ort
für die feine Welt umgestaltet sein wird. Ein canadisches Bath oder
Cheltenham[16] dürfte mit der Zeit hier entstehen, wo gegenwärtig die
Natur in ihrer Wildniß schwelgt.

Wir fuhren jetzt die geneigten Ebnen bergan, eine schöne strecke
aufsteigenden Landes, mehre englische Meilen weit spärlich mit Eichen
und hier und da mit buschigen, weitspreizigen Tannen nebst andern
Bäumen und Sträuchern bekleidet. Der Boden ist an einigen Orten sandig,
überdies aber, wie man mir sagte, in verschiednen Theilen von sehr
verschiedner Beschaffenheit und in großen Strecken mit reicher Weide
bedeckt, welche den Viehheerden einen Ueberfluß an trefflichem Futter
darbietet. Eine Menge vorzüglich schöner Blumen und Sträucher schmücken
diese Ebnen, welche sich während der Frühlings- und Sommer-Monate
jedem Garten in der Welt an die Seite stellen können. Manche von jenen
Gewächsen gehören den Ebnen ausschließlich an und kommen selten in
andern Lagen vor. Auch die Bäume, obwohl nicht so groß und gewaltig,
wie die in den Forsten, sind malerisch; sie stehen in Gruppen oder
einzeln, durch große Zwischenräume von einander abgesondert, und geben
dem in Rede stehenden Theil des Landes ein parkartiges Ansehn. Die
vorherrschende Meinung scheint zu sein, daß die Ebnen, zu Schweizereien
und Viehzüchtereien angelegt, den Zwecken der Ansiedler vorzüglich
entsprechen würden, indem es nicht an Land zur Erbauung von Weizen und
Korn fehlt, der Boden mit geringen Kosten veredelt werden kann, und
außerdem Ueberfluß an natürlichen Vieh-Triften herrscht. Ein großer
Vortheil scheint zu sein, daß der Pflug unmittelbar eingeführt werden
kann, und die Vorbereitung des Bodens nothwendiger Weise weit weniger
Arbeit erfordert, als da, wo derselbe über und über mit Wald bedeckt
ist.

  [Illustration: _Reis-Boden._ St. 69.]

Man trifft auf diesen Ebnen verschiedne Ansiedler, welche beträchtliche
Meiereien besitzen. Die Lage, sollte ich meinen, muß gesund und
angenehm sein, Ersteres wegen der Erhabenheit und Trockenheit des
Bodens; Letzteres wegen der schönen Aussicht, die sie auf das unter
ihnen sich ausbreitende Land, besonders wo der Reis-See mit seinen
mannigfaltigen Inseln und malerischen Ufern sichtbar ist, -- darbieten.
Hügel und Thäler wechseln auf eine angenehme Weise mit einander ab, und
der Boden ist bald sanft geneigt, bald schroff, ja fast abschüssig.

Ein amerikanischer Pachter, der an unserm Frühstück am folgenden
Morgen Theil nahm, erzählte mir, daß diese Ebnen vormals ein berühmtes
Jagdrevier der Indianer gewesen, die, um das Wachsthum der Waldbäume zu
verhindern, dieselben von Jahr zu Jahr weggebrannt; hierdurch wurden im
Verlauf der Zeit die jungen Bäume vernichtet und konnten sich mithin
nicht wieder in derselben Ausdehnung anhäufen wie früher. Es blieb
nur so viel stehen, als zur Bildung von Dickichten hinreichte; denn
in diesen wählt das Wild heerdenweise seinen Aufenthalt, angelockt
durch eine eigenthümliche hohe Grasart, womit die in Rede stehenden
Ebnen bedeckt sind, es heißt Reh-Gras (^deer-grass^), und die davon
fressenden Thiere werden zu gewissen Jahreszeiten außerordentlich fett
davon.

Der Abend brach herein, ehe mir unser nächstes Nachtquartier, die
Schenke an den Ufern des Reis-Sees, erreichten, so daß ich etwas von
der schönen Scenerei einbüßte, welche diese artige Wasserfläche dem
Auge darbietet, wenn man die Ebnen nach ihren Ufern zu hinabsteigt. Die
flüchtigen Blicke, die mir dann und wann davon zu Theil wurden, hatte
ich dem schwachen aber häufigen Wetterleuchten zu verdanken, welches
den Horizont gegen Norden erhellte und gerade genug enthüllte, um mich
bedauern zu machen, daß ich wegen der Dunkelheit an diesem Abend nicht
mehr davon sehen konnte. Der Reis-See ist auf eine recht anmuthige
Weise durch kleine bewaldete Inseln unterbrochen; das nördliche
Ufer steigt vom Wasserrande sanft aufwärts. Im Angesicht von Sully,
der Schenke, von wo aus das Dampfboot abgeht, welches den Otanabee
hinaufsteuert, erblickt man verschiedne hübsche Niederlassungen; und
jenseits des Indianer-Dorfes unterhalten die Missionaire eine Schule
zur Erziehung und Unterrichtung der Indianer-Kinder. Manche von diesen
können geläufig lesen und schreiben und haben in ihrer sittlichen und
religiösen Bildung sichtbare Fortschritte gemacht. Sie sind gut und
bequem gekleidet und wohnen in besonders für sie erbauten Häusern.
Allein sie hängen immer noch zu sehr an ihrer wandernden Lebensweise,
um gute und betriebsame Ansiedler abzugeben. Zu gewissen Zeiten im
Jahre verlassen sie das Dorf und lagern sich in den Wäldern längs den
Ufern jener Seen und Flüsse, wo sie auf Ueberfluß an Wild und Fischen
rechnen können[17].

Die Reis-See und Schlamm-See-Indianer gehören, wie man mir sagt, zu den
Tschippewas, allein die Züge von Schlauheit und kriegerischem Trotz,
die früher dieses merkwürdige Volk charakterisirten, scheinen unter dem
milderen Einfluß des Christenthums verschwunden zu sein.

Gewiß ist, daß die Einführung der christlichen Religion der größte
Fortschrit zu Civilisirung und Verbesserung ist; ihr ganzes Streben ist
darauf gerichtet, die Schranken des Vorurtheils und der Unwissenheit
niederzubrechen und die Menschen zu einer allgemeinen Brüderschaft
zu verbinden. Man hat mir gesagt, daß eine Zeitlang das Laster der
Völlerei diesen neu bekehrten Wilden unbekannt gewesen, ja daß sie sich
sogar des mäßigen Gebrauchs geistiger Getränke gewissenhaft enthalten.
Diese Enthaltsamkeit wird von einigen Familien noch jetzt beobachtet;
aber neuerdings hat sich die Trunkenheit wieder unter ihnen
eingeschlichen, die allerdings ihren Glauben in Miscredit bringt. Man
darf sich in der That kaum darüber wundern, daß der Indianer, wenn er
diejenigen seiner Umgebung, welche sich Christen nennen, welche besser
erzogen sind und den Vortheil einer civilisirten Gesellschaft genießen,
dem erwähnten Laster bis zum Uebermaß fröhnen sieht, sich von seinem
natürlichen Hange besiegen läßt und die Pflichten des Christenthums,
das bei einigen wohl eben nicht tiefe Wurzel geschlagen haben mag,
entgegenhandelt. Ich habe mich über die, diese lasterhafte Neigung der
armen Indianer betreffenden Urtheile von Leuten, welche die ersten an
der Tafel und bei Trinkgelagen waren, sowohl gewundert als geärgert; es
schien mir, als halte man Leute von Erziehung und Bildung der Völlerei
für weniger zurechnungsfähig als den halbcultivirten Wilden.

Man findet einige hübsche Ansiedlungen am Reis-See, indeß sollen
seine Ufer der Gesundheit nicht zuträglich sein, und die Colonisten
vorzüglich da, wo der Boden niedrig und morastig ist, häufig an
Sumpf-Fiebern und Flüssen leiden. Einige schreiben die Ursache der
eben genannten Uebel den umfangsreichen Reisbeeten zu, welche das
Wasser stocken machen. Die Verdünstung von einer Wasserfläche, die
fortwährend auf eine Masse faulender Pflanzen wirkt, muß allerdings die
Constitution derjenigen schwächen, welche ihrem verderblichen Einfluß
unmittelbar ausgesetzt sind.

Außer zahlreichen kleinen Wasserströmen, die hier zu Lande _Creeks_
heißen, ergießen sich zwei beträchtliche Flüsse, der Otanabee und der
Trent in den Reis-See. Diese Flüsse sind durch eine Kette kleiner Seen
mit einander verbunden, welche man auf einer guten Charte von der in
Rede stehenden Provinz finden kann. Ich füge meinem Briefe einen Abriß
bei, der zu Cobourg erschienen ist und Sie mit der Geographie dieser
Abtheilung des Landes bekannt machen wird. Auf einem der kleinen Seen
gedenken wir uns anzukaufen; denn sollten diese Gewässer schiffbar
gemacht werden, wie man beabsichtigt, so dürften die Ländereien an
ihren Ufern sehr einträglich für die Colonisten ausfallen; gegenwärtig
sind sie durch große Granit- und Kalkstein-Blöcke, Stromschnellen und
Catarakte unterbrochen, welche kein Fahrzeug außer Nachen und Böten
mit flachem Kiel, zulassen und selbst diese sind wegen der vielen
angedeuteten Hindernisse auf gewisse Strecken beschränkt. Durch
Vertiefung des Fluß-Bettes und des Bodens der Seen, durch Bildung
von Wehren in einigen Theilen, und durch Anlegung von Kanälen, würde
dieser ganze Wasser-Bereich, bis zur Bay von Quinte, der Schifffahrt
geöffnet werden können. Der Kostenbetrag würde natürlicher Weise
bedeutend sein, und bevor nicht die Städte dieses Theils des Distriktes
vollkommen organisirt sein werden, ist an die Ausführung eines solchen
Riesen-Plans nicht zu denken, wie wünschenswerth sie auch sein mag.

Wir verließen nach einer ungewöhnlichen Verzögerung um neun Uhr das
Wirthshaus am Reis-See. Der Morgen war feucht und neblich, und ein
kalter Wind blies über die Wasserfläche, die sich durch den feinen
Sprühregen nicht eben vortheilhaft ausnahm; ich hüllte mein Gesicht
zum Schutz dagegen gern in den Ueberschlagkragen meines warmen Mantels
ein; denn das kleine Dampfboot hatte außer einer unwirksamen Zelt-Decke
weder eine Kajüte noch einen andern Zufluchtsort. Das armselige
Schifflein stach leider gegen die trefflich eingerichteten Fahrzeuge,
worauf wir erst vor Kurzem den Ontario und St. Laurence durchsegelt,
gewaltig ab. Dennoch nahm uns das Vorhandensein eines Dampfboots auf
dem Otanabee nicht wenig Wunder, und war für die ersten Ansiedler längs
den Ufern dieses Flusses ein Gegenstand großer Freude, da sie sich noch
vor wenigen Jahren zum Transport sowohl ihrer selbst als auch ihrer
Markt-Erzeugnisse mit schlechten Nachen oder Wagen und Schlitten, auf
höchst erbärmlichen Straßen, begnügen mußten.

Der Otanabee ist ein schöner, breiter, heller Strom, welchen bei
seinem Eintritt in den Reis-See eine schmale, wegen ihrer morastigen
Beschaffenheit des Anbaues unfähige Landzunge in zwei Mündungen
scheidet. Dieser schöne Fluß, (denn als solchen betrachte ich ihn)
schlängelt sich zwischen dick bewaldeten Ufern hin, die sich, in
demselben Verhältniß, als man weiter landeinwärts kommt, mehr und mehr
erheben.

Gegen Mittag zertheilte sich der Nebel, und die Sonne kam in ihrem
vollen Septemberglanze zum Vorschein. Die Nadelholz-Wälder zu beiden
Seiten des Flusses bildeten eine so dichte Schutz-Mauer, daß wir nicht
die geringste Unannehmlichkeit von dem rauhen Luftzuge fühlten, der
mich am Morgen, als wir durch den See schifften, ganz durchkältet hatte.

Für den schnell vorübereilenden Reisenden, der sich um die einzelnen
Schönheiten der Scenerei wenig bekümmern kann, haben die langen
ununterbrochnen Wald-Linien nothwendiger Weise etwas Einförmiges, das
ihn allmälig in eine düstere, ja fast traurige Stimmung versetzt.
Dessenungeachtet aber giebt es manchen Gegenstand, der einen genauen
Beobachter der Natur unterhält und erfreut. Sein Auge wird von
den seltsamen Lauben angezogen, welche der canadische Epheu ein
scharlachrothes rankendes Gewächs, und die wilde Rebe bilden, indem sie
ihre dicht verschlungenen, reich gefärbten Blätter-Guirlanden zwischen
den Aesten der Waldbäume hinranken und ihre glühenden Tinten mit den
rothspitzigen Zweigen des weichen Ahorns vermischen, dessen herbstliche
Farben in Schönheit von keinem unsrer heimathlichen Waldbäume
übertroffen werden.

  [Illustration: _Amerikanischer Schlitten._]

Die purpurnen Trauben der Rebe, in Größe keineswegs so verächtlich,
als ich mir vorgestellt, erschienen meinen sehnsüchtigen Augen,
indem sie, zwischen dem Laube hängend, ihrer Reife entgegen
eilten, äußerst lockend. Wie ich höre, bildet ihr Saft, mit einer
hinreichenden Quantität Zucker zusammen gesoten, ein treffliches,
äußerst wohlschmeckendes Gelee. Die Samen sind zu groß, um eine
andre Zubereitung räthlich oder vortheilhaft zu machen. Ich werde
gelegentlich erfahren, welcher Veredelung sie durch Cultur fähig sein
dürften. Mann kann sich des Schlusses nicht erwehren, daß, wo die Natur
einen so großen Ueberfluß an Früchten hervorbringt, das Klima, unter
Mitwirkung von Cultur und Boden, ihrer Vervollkommnung höchst günstig
sein müsse.

Das Wasser des Otanabee ist so klar und frei von allem Schmuz, daß
man jeden Kiesel, jede Muschelschale auf seinem Boden deutlich
unterscheiden kann. Hier und da enthüllt eine Oeffnung im Walde ein
Neben-Flüßchen, das sich seinen Weg unter den Laubwölbungen der
darüber ragenden Riesen-Bäume nach dem Hauptstrome bahnt. Die ringsum
herrschende Stille wird durch nichts unterbrochen, als den plötzlichen
Aufflug der von ihrem Zufluchtsorte zwischen den buschigen, hier und da
das linke Ufer bekränzenden Weiden aufgeschreckten wilden Ente, oder
das gellende rauhe Geschrei des Eisvogels, indem er pfeilschnell über
die Wasserfläche schießt.

Das Dampfboot landete zur Einnahme von Brennmaterial an einer
gelichteten Stelle, ungefähr auf dem halben Wege von Peterborough,
und ich benutzte freudig die Gelegenheit, einige der prächtigen
Cardinal-Blumen zu pflücken, welche zwischen den Steinen am Uferrande
wuchsen; auch fand ich hier eine Rose, so schön und angenehm duftend,
als nur jemals eine unsre englischen Gärten zierte. Ferner bemerkte ich
zwischen dem Grase auf dem Wiesenlande Frauenmünze, und näher am Ufer
Pfeffermünze. Ein Strauch, mit Früchten, so groß wie Kirschen, von
breiartigem Fleisch und angenehm säuerlich, fast wie Tamarindenmark,
schmeckend, glich unserm Schlehendorn. Die Dornen dieses Strauches
waren furchtbar lang, stark und fest, meiner Ansicht nach dürfte er
sich zu Einfriedigungen oder lebendigen Hecken vortrefflich eignen;
auch die Frucht könnte, eingemacht, kein zu verachtendes Desert abgeben.

Da ich sehr begierig war, das Innere eines Log-Hauses zu sehen, so
trat ich durch den offnen Thorweg in die Schenke, wie man sie nennt,
unter dem Vorwand, einen Trunk Milch zu kaufen. Das Innere dieses
rohen Gebäudes hatte eben kein einladendes Ansehn. Die Wände bestanden
aus rohen unbehauenen Scheiten oder Baumstämmen, und die Lücken und
Ritzen zwischen diesen waren mit Moos und unregelmäßigen Holzkeilen
ausgefüllt, um Wind und Regen abzuhalten; die unberappte Decke zeigte
das mit Moos und Farrenkraut von allerlei Farben, -- Grün, Gelb und
Grau -- bedeckte Sparrwerk; und darüber konnte man die vom Rauche,
der sich durch den weiten, aus Steinen und Lehm erbauten Schornstein
aufzusteigen weigerte und in leichten Windungen unter dem Dache
hinkräuselte, um seinen Ausgang durch die vielen Ritzen und Oeffnungen
in letzterem zu suchen, schön mahagonyroth gefärbten Schindeln
wahrnehmen.

Der Fußboden war von Erde, die durch Gebrauch eine ziemliche Härte
und Ebenheit erhalten hatte. Die ganze Hütte erinnerte mich an
das armselige Gebäude, welches vier russische Matrosen, die sich
auf Spitzbergen zu überwintern genöthigt sahen, zu ihren Schutz
errichteten. Das Geräthe darin entsprach ihrer rohen Bauart; einige
wenige Stühle, roh und ungehobelt; ein Tisch von Tannenholz, der,
weil letzteres, bei Verfertigung desselben noch frisch gewesen, an
verschiednen Stellen gesprungen war und blos durch seine mißgestalteten
Beine zusammengehalten wurde; zwei oder drei Blöcke von grauem
Granit, die neben dem Heerde standen, dienten als Sitze für die
Kinder; hierzu kamen zwei Betten, die durch niedrige Gestelle von
Cedern-Holz etwas über den Boden erhoben waren. Auf diesen elenden
Schlafstellen lagen zwei arme Teufel ausgestreckt, an den verheerenden
Wirkungen des Sumpffiebers leidend. Ihre gelben, eine Störung in
der Gallen-Absonderung verrathenden Gesichter stachen gegen die
zusammengeflickten Pfühle, womit sie bedeckt waren, seltsam ab. Ich
fühlte das innigste Mitleiden mit den armen Emigranten, die mir
erzählten, daß sie kaum einige Wochen im Lande gewesen, als sie vom
Fieber befallen worden wären. Sie hatten Weiber und kleine Kinder,
welche sehr elend aussahen. Auch die Weiber hatten am Wechselfieber
gelitten und dabei nicht einmal ein eignes Haus oder einen Schuppen
zu ihrer Bequemlichkeit gehabt; die Männer waren durch ihr Erkranken
in völlige Unthätigkeit versetzt worden; und ein großer Theil von
dem wenigen Gelde, das sie mit sich gebracht, war in der elenden
Schenke, wo sie lagen, für Kost und Logis aufgegangen. Ich kann eben
nicht sagen, daß ich mich sehr zu Gunsten der Wirthin, einer barschen
und habsüchtigen Frau eingenommen fühlte. Außer den verschiednen
Emigranten, Männern, Weibern und Kindern, welche diesen Schuppen
bewohnten, zählte derselbe noch andre Inhaber; ein hübsches feistes
Kalb nahm einen Verschluß in einem Winkel ein; einige Ferkel wanderten
grunzend in Gesellschaft mit einem halben Dutzend Vögeln umher. Der
anziehendste Gegenstand waren drei schneeweiße Tauben, welche friedlich
die auf der Erde liegenden Bröckchen aufpickten und das Ansehn hatten,
als wären sie zu rein und unschuldig, um Bewohner eines solchen Platzes
zu sein.

  [Illustration: _Amerikanische Silber-Tanne._]

Sowohl wegen der Seichtigkeit des Flusses in dieser Jahreszeit als auch
wegen der Stromschnellen kann das Dampfboot nicht den ganzen Weg bis
Peterborough hinauf steuern, daher ein Kahn (^scow^) oder Ruderboot,
wie er bisweilen genannt wird, eine plumpe schwerfällige Maschine mit
flachem Kiel an einer bestimmten Stelle des Flusses im Angesicht einer
eigenthümlich gestalteten Fichte, auf dem rechten Ufer, der Passagiere
wartete. Der eben erwähnte Baum heißt die »Yankie-Mütze« (^Yankee
bonnet^), wegen der vermeintlichen Aehnlichkeit der obersten Aeste mit
einer Art unter den Yankies üblichen, der blauen schottischen nicht
unähnlichen Mütze.

Unglücklicher Weise landete das Dampfboot etwa vier englische
Meilen unterhalb des gewöhnlichen Rendezvous-Ortes und wir warteten
bis ziemlich vier Uhr darauf. Als es endlich erschien, fanden wir
zu unserm nicht geringen Mißvergnügen die Ruder-Knechte (acht an
Zahl und sämmtlich Irländer) unter dem Einfluß eines tüchtigen
Branntwein-Rausches, den sie sich auf der Herfahrt angetrunken.
Uebrigens waren sie über die Verzögerung von Seiten des Dampfbootes
aufgebracht, die ihnen eine vierstündige schwere Ruderarbeit mehr
auferlegt hatte. Außer einer Anzahl Passagiere fanden wir es mit einer
beträchtlichen Ladung Hausgeräth, Koffern, Kisten, Schachteln, Säcken
mit Weizen, Salz und geräuchertem Schweinefleisch, nebst noch hundert
andern Packeten und Artikeln, großen und kleinen, belastet, die zu
einer solchen Höhe aufgeschichtet waren, daß ich sowohl für die Güter
selbst als für die Passagiere Gefahr fürchtete.

Mit dem unverstelltesten Unwillen griffen die Leute nach vollendeter
Ladung zu ihren Rudern, erklärten aber, daß sie ans Ufer gehen, Feuer
machen und ihr Mahl zubereiten wollten, da sie noch gar keine Nahrung
zu sich genommen; dafür hatten sie indeß der Branntwein-Flasche tüchtig
zugesprochen. Dieser Maßregel widersezten sich einige der männlichen
Passagiere, und es erfolgte ein heftiger Zank, der damit endete, daß
die Meuterer ihre Ruder niederwarfen und sich ausdrücklich weigerten,
ehe sie ihren Hunger befriedigt, einen einzigen Schlag zu thun.

Vielleicht hatte ich ein dem ihrigen verwandtes Gefühl; denn ich begann
selbst, äußerst hungrig zu werden, da ich seit früh sechs Uhr gefastet;
in der That war ich so schwach, daß ich meinen Gatten bat, er möchte
sich ein Stückchen von dem groben, eben nicht appetitlichen Brode für
mich geben lassen, das die Irländer aus ihren Schnappsäcken hervorzogen
und mit gewaltigen Schnitten rohen Pöckel-Schweinfleisches verzehrten,
wobei sie, »nicht laute aber tiefe«[18] Flüche und bittre Spottreden
gegen diejenigen ausstießen, welche sie in Kochung ihrer Speisen, »_wie
es Christen gezieme_,« verhindern wollten.

Während ich begierig mein Stückchen Brod hinteraß, sagte ein alter
Pächter, der mich eine Zeitlang mit einem Gemisch von Neugierde und
Mitleiden betrachtet, »Arme Frau, sie scheinen ja recht hungrig, und
sind, irr' ich nicht, eben erst aus dem alten Vaterlande gekommen und
folglich an dergleichen harte Kost nicht gewöhnt. Hier sind einige
Kuchen, die meine Frau (^my woman^) als ich von zu Hause aufbrach, mir
in die Tasche gesteckt hat; ich mache mir wenig daraus, aber sie sind
doch besser als dieses schlechte Brod; bedienen sie sich derselben,
und mögen sie Ihnen wohl bekommen.« Mit diesen Worten schüttete er mir
einige recht schöne hausbackene Streukuchen in den Schooß, und gewiß
konnte mir nie etwas erwünschter kommen als diese wohlschmeckende
Erfrischung.

Ein mürrischer düsterer Geist schien unter unsern Bootsleuten zu
herrschen, der keineswegs abnahm, als der Abend einbrach, und -- die
Stromschnellen waren nahe.

Die Sonne war untergegangen, und Mond und Sterne stiegen glänzend über
die stille Wasserfläche empor, welche das Bild dieser Himmels-Körper
zurückspiegelte. Ein so überaus reizender Anblick schien das
aufgeregteste, wildeste Gemüth zu Frieden und Ruhe stimmen zu müssen;
wenigstens dachte ich so, als ich, in meinen Mantel gehüllt, mich in
den Arm meines Gatten lehnte und mit Entzücken und Bewunderung bald vom
Wasser zum Himmel, bald vom Himmel zum Wasser blickte. Meine angenehme
Träumerei wurde indeß bald beendigt, indem unser Boot plötzlich das
felsige Ufer berührte, und ich die Bootsleute unter manchen Flüchen
und Betheuerungen versichern hörte, daß sie in dieser Nacht nicht
weiter steuern würden. Wir befanden uns ungefähr drei englische Meilen
unterhalb Peterborough; und wie ich, geschwächt durch die eben erst
überstandne Krankheit und die Strapazen unsrer langen Reise, diesen Weg
zurücklegen sollte, wußte ich nicht. Die Nacht in dem offnen Boote, dem
starken vom Flusse aufsteigenden Nebeldunst ausgesetzt, zuzubringen,
wäre gewisser Tod gewesen. Während wir überlegten, was zu thun sei,
hatten die übrigen Passagiere ihren Entschluß gefaßt, sie nahmen ihren
Weg durch den Wald, auf einem Pfade, den sie genau kannten. Auch waren
sie uns bald aus den Augen entschwunden, bis auf einen Herrn, der einen
der Bootsleute durch Geld und gute Worte dahin zu bestimmen suchte, daß
er ihn nebst seinem Hunde an der Stelle, wo die Stromschnellen ihren
Anfang nehmen, in einem Fischernachen über den Strom setzen sollte.

Denken sie sich unsre Lage, um zehn Uhr in der Nacht, mit keinem
Schritt unsrer Marschroute bekannt, ans Ufer gesetzt, um, so gut wir
könnten, den Weg nach einer fernen Stadt zu finden, oder die Nacht in
dem finstern Walde zuzubringen.

Fast in Verzweiflung, beschworen wir den eben erwähnten Herrn, so
weit, als sein Weg reiche, unser Führer zu sein. Aber so viele
Hindernisse stellten sich in Gestalt längs den Ufern ausgestreuter,
neuerdings gefällter Baumstämme und großer Stein-Blöcke unserm
Vordringen entgegen, daß wir unsern Pfad nur mit der größten
Schwierigkeit im Gesicht behalten konnten. Endlich langten wir mit
unserm Führer an der Stelle an, wo der Nachen seiner wartete, und mit
einer Hartnäckigkeit, die wir zu einer andern Zeit und unter andern
Umständen, nie gezeigt haben würden, verlangten wir alle, in das
elende Fahrzeug aufgenommen zu werden. Endlich willigt der mürrische
Charon unter Grollen und Brummen ein, und wir stigen hastig in den
zerbrechlichen Nachen, der kaum geeignet schien, uns sicher nach dem
entgegengesetzten Ufer zu führen. Ich konnte mich, als ich die Fluth
von Verwünschungen und Schimpfreden vernahm, die unaufhörlich dem Munde
des Bootsmanns entströmte, eines Gefühls von unbeschreiblicher Furcht
nicht erwehren. Ein- oder zweimal liefen wir Gefahr, durch die Tannen-
und Cedern-Aeste, welche in der Nähe der Ufer ins Wasser gefallen
waren, umgestürzt zu werden. Meine Freude, als wir das andre Ufer
erreichten, können Sie sich denken; allein hier wartete unser eine neue
Beunruhigung; wir hatten nämlich noch eine Strecke pfadlosen Waldes
zu durchwandern, ehe wir den Nachen wieder erreichen konnten, welcher
eine kleine Stromschnelle passiren mußte und am Anfange eines kleinen
Sees, einer Erweiterung des Otanabee, etwas unter Peterborough auf uns
warten sollte. Bis dahin hinderten umgestürzte Bäume, meistentheils
Schierlings-Tannen, Pech-Tannen oder Cedern, deren Aeste und Zweige
so dicht verflochten sind, daß man sie kaum von einander trennen oder
sich Bahn durch ein davon gebildetes Dickicht brechen kann, bei jedem
Schritt unsern Weg.

Hätten wir nicht den menschenfreundlichen Beistand unsers Führers
gehabt, so weiß ich in der That nicht, wie ich diese Schwierigkeiten
hätte überwinden sollen. Bisweilen war ich nahe daran, vor Müdigkeit
und Ermattung nieder zu sinken. Endlich vernahm ich zu meiner
unaussprechlichen Freude die mürrische Stimme unsers irischen Ruderers,
und nach vielem Zanken und Brummen von seiner Seite, saßen wir abermals
in dem Nachen.

Wie froh waren wir nicht, als wir nach einiger Zeit neben dem
hellodernden Feuer eines ungeheuern Holzstoßes, das Haus unsers
Freundes erblickten. Hier fanden wir auch einen Führer, der uns den
Weg zur Stadt auf einer durch den Wald gehauenen Straße zu zeigen
versprach. Eine Tasse Thee zur Erfrischung unsrer Lebensgeister von
unserm freundlichen Wirth war uns sehr willkommen, und nachdem mir eine
kurze Zeit ausgeruht und etwas Kraft gesammelt, brachen wir wieder auf,
geführt von einem zerlumpten, aber höflichen irischen Jungen, dessen
freies freundliches Wesen und gute Laune uns ganz für ihn einnahmen. Er
erzählte uns, daß er eine von sieben Waisen sei, die Vater und Mutter
durch die Cholera verloren. »Ach es ist traurig!« sagte er, »vater- und
mutterlos in einem fremden Lande zu sein;« dabei wischte er sich die
Thränen ab, die ihm über die Wangen rollten, indem er uns die traurigen
Umstände seiner frühzeitigen Verwaisung mittheilte, indeß fügte er
fröhlich hinzu, daß er einen gütigen Herrn gefunden, der einige seiner
Brüder und Schwestern so wie ihn selbst in seine Dienste genommen.

Gerade als wir aus dem Dunkel des Waldes hervortraten, fanden wir unsre
Fortschritte durch einen Wasserstrom gehindert, über welchen wir,
sagte er uns, um die Stadt erreichen zu können, eine kleine Brücke
(^log-bridge^) zu passiren hätten. Nun bestand die Baum-Brücke aus
blos einem Stamme oder vielmehr einem umgefallenen Baume, den man quer
über den Wasserstrom geworfen, und der durch die von dem morastigen
Wasser aufsteigenden schweren Dünste sehr schlüpfrig war. Da er blos
eine Person auf einmal zuließ, so konnte ich keinen Beistand von
meinen Begleitern erhalten; und obgleich unser kleiner Führer, mit
einer natürlichen, aus seinem wohlwollenden Charakter entspringenden
Artigkeit die Laterne dicht an den Baumstamm hielt, um alles Licht
darauf fallen zu lassen, so hatte ich doch das Mißgeschick, in Folge
eines Schwindels, der mich gerade bei den letzten noch übrigen
Schritten anwandelte, bis an die Knie ins Wasser zu fallen, und so war
ich zugleich müde und naß. Zur Vermehrung unsres Unglücks sahen wir die
Lichter im Dorfe, eins nach dem andern verschwinden, bis nur noch hier
und da ein einsames Flämmchen aus den obersten Stuben von einem oder
zwei Häusern flimmerte, die uns als Leuchtthürme dienten. Wir hatten
uns noch nach einer Herberge umzuthun, und es war ziemlich Mitternacht,
als wir die Thür des besten Wirthshauses erreichten, hier endlich
dachte ich, werden unsre Leiden für diese Nacht ein Ende haben; aber
wie groß war unser Verdruß, als man uns sagte, daß kein Bett im Hause
mehr übrig sei, daß Emigranten, die auf ihrem Wege nach einer der neuen
Ansiedlungen begriffen waren, sie sämmtlich in Beschlag genommen.

Ich vermochte nicht weiter zu gehen, und wir baten um einen Platz
am Küchen-Feuer, um da, wenn auch nicht zu schlafen, doch ein wenig
auszuruhen, und wo ich meine nassen Kleider trocknen könnte. Die
Wirthin, als sie meinen Zustand sah, fühlte Mitleiden mit mir, führte
mich an ein helloderndes Feuer, das ihre Mädchen schnell angefacht;
eine brachte mir ein warmes Fußbad; eine andre versah uns mit warmem
Getränk, das, so fremd und ungewöhnlich es meinem Lippen war, mir gute
Dienste that; kurz es wurde uns alle mögliche Pflege und Aufmerksamkeit
zu Theil, die wir von unsern Wirthsleuten nur immer erwarten konnten;
ja sie traten uns sogar ihre eignen Betten ab, und begnügten sich mit
einem Strohlager vor dem Küchenfeuer.

Ich kann jetzt über die Unfälle dieses Tages lächeln, aber während wir
dieselben erduldeten, erschienen sie mir, wie Sie sich wohl vorstellen
mögen, als keine Kleinigkeit.

                             Leben Sie wohl! meine theuerste Mutter.

Fußnoten:

[15] Vom Kinde entlehnt, welches, ehe es die Kraft zu gehen hat, auf
allen Vieren kriecht.

[16] Die besuchtesten Bade-Orte in England.

[17] _Humboldt_ bemerkt über die bekehrten Indianerstämme Folgendes:
In den Wäldern von Südamerika giebt es Stämme, welche in Dörfern
wohnen, Pisang, Cassava und Baumwolle erbauen, und kaum mehr Barbaren
sind, als die in den Missionsanstalten lebenden Individuen, welche man
abgerichtet hat, das Zeichen des Kreuzes zu machen. Es ist ein Irrthum,
wenn man alle freie Eingeborne als herumwandernde Jäger betrachtet;
denn schon lange vor der Ankunft der Europäer herrschte auf dem
Continent der Ackerbau und herrscht noch jetzt zwischen dem Orinoco und
Amazonenflusse, in Distrikten, wohin dieselben nie gekommen sind.

Das System der Missionaire hat einen Hang nach Grundeigenthum, nach
festen Wohnplätzen, und einen Sinn für ein ruhiges Leben erzeugt;
allein der getaufte Indianer ist oft eben so wenig ein Christ, als
sein heidnischer Bruder ein Verehrer von Götzen, beide zeigen eine
auffallende Gleichgültigkeit gegen religiöse Meinungen und eine Neigung
zur Verehrung der Natur.

Man hat keinen Grund, zu glauben, daß sich die Anzahl der Indianer in
den spanischen Colonien vermindert habe. Noch immer existiren über
sechs Millionen der kupferfarbenen Menschenrace in beiden Theilen
von Amerika; und obgleich in jenen Colonien mehre Sprachen verloren
gegangen oder vermischt worden sind, so haben sich die Eingebornen doch
fortwährend vermehrt. In der gemäßigten Zone wird die Berührung der
Europäer mit den Eingebornen der Bevölkerung der letztern verderblich;
in Süd-Spanien hingegen ist das Resultat verschieden, und hier fürchtet
man die Annäherung der Weißen nicht. Im ersten Fall wird für die
Indianer eine große Strecke Landes erforderlich, weil sie von der Jagd
leben; im zweiten hingegen reicht ein kleines Stück Grund und Boden
hin, um einer Familie ihren Unterhalt zu gewähren.

In diesen Provinzen machen die Europäer nur langsame Fortschritte, und
die religiösen Orden haben zwischen den von ihnen bewohnten Gegenden
und denjenigen, welche die freien oder unabhängigen Indianer bewohnen,
Niederlassungen begründet.

Die Missionen haben sich ohne Zweifel Eingriffe in die Freiheit der
Eingebornen erlaubt, allein diese Eingriffe sind im Allgemeinen dem
Wachsthum der Bevölkerung günstig gewesen. In demselben Maßstabe,
als die Prediger in das Innere eindrangen, nahmen die Pflanzer von
dem Gebiete Besitz; Weiße sowohl, als solche Individuen, welche aus
gemischten Ehen stammen, lassen sich unter den Indianern nieder; die
Missionsanstalten verwandeln sich in spanische Dörfer, und mit der Zeit
verlieren die alten Bewohner ihre ursprünglichen Sitten und Sprache.
Auf diese Weise schreitet die Civilisation von den Küsten nach dem
Mittelpunkt des festen Landes zu.

Neu-Andalusien und Barcellona enthalten mehr als vierzehn Stämme
Indianer. Die der ersten Provinz sind die Chaymas, die Guayquerier, die
Pariagotoer, die Quaquas, die Aruacas, die Cariben, die Guaraounoer;
die der andern, die Cumanagatoer, die Palenkas, die Cariben, die
Piritoer, die Tomoozas, die Topocuarer, die Chacopater und die
Guarivas. Die oben erwähnten Guaraounoer, welche an der Mündung des
Orinoco in Hütten auf Bäumen wohnen, ist nicht bekannt.

In den Vorstädten von Cumana und auf der Halbinsel Araya leben
zweitausend Guayquerier. Unter den übrigen genannten Stämmen sind die
Chaymas von den Bergen von Caripe, die Cariben von Neu-Barcelona, und
die Cumanagatoer in den Missionsanstalten von Piritoo die zahlreichsten.

Die Sprache der Guaraounoer, so wie die der Cariben, Cumanagatoer und
Chaymas werden am allgemeinsten gesprochen und scheinen einer und
derselben Wurzel anzugehören.

Obgleich die zu den Missionen gehörigen Indianer sämmtlich Ackerbau
treiben, die nehmlichen Pflanzen cultiviren, ihre Hütten auf dieselbe
Weise erbauen, und die nehmliche Lebensweise führen, so bleiben doch
die Nüancen, wodurch sich die verschiedenen Stämme von einander
unterscheiden, unverändert. Es giebt nur sehr wenige Dörfer, worin die
Familien nicht verschiedenen Stämmen angehörten und nicht verschiedene
Sprachen sprächen.

Die Missionäre haben in der That verschiedene Gebräuche und Ceremonien
verboten und manchen Aberglauben verbannt, allein sie sind nicht im
Stande gewesen, den wesentlichen Charakter, welchen alle amerikanische
Racen von der Hudsons Bay an bis zur Magellanschen Straße mit einander
gemein haben, zu verändern.

Der unterrichtete Indianer, welcher sicherer auf seinen Unterhalt
zählen kann, als der ungezähmte Eingeborne, und weniger der zügellosen
Wuth feindlicher Nachbarn oder dem Ungestüm der Elemente ausgesetzt
ist, führt ein einförmigeres Leben, besitzt die Charaktermilde,
welche aus der Liebe zur Ruhe entspringt, und nimmt eine ruhige und
geheimnißvolle Miene an; allein sein Ideenkreis hat keine große
Erweiterung erfahren, und der Ausdruck von Melancholie, den seine
Gesichtszüge darbieten, ist einzig und allein die Folge der Trägheit
und Unempfindlichkeit.

Die Chaymas, wovon mehr als funfzehntausend die spanischen Dörfer
bewohnen und die gegen Westen an die Cumanagatoer, gegen Osten an
die Guaraounoer, und gegen Süden an die Cariben stoßen, haben einen
Theil der hohen Berge Cocollar und Guacharo, so wie auch die Ufer des
Guarapiche, Rio Colorado, Areo und den Cano von Caripe inne.

Der erste Versuch, sie der Cultur zu unterwerfen, wurde in der Mitte
des siebenzehnten Jahrhunderts vom Pater Francisco aus Pamplona, einem
sehr eifrigen und unerschrockenen Mann, gemacht. Die nach und nach
unter diesem Volke errichteten Missionsanstalten erlitten in den Jahren
1681, 1697 und 1720 durch die Einfälle der Cariben bedeutende Verluste;
von 1730 an wurde die Bevölkerung durch die Verheerungen der Bocken
vermindert.

Sie haben von Natur sehr wenig Haar am Kinn, und das wenige, welches
erscheint, wird sorgfältig ausgerissen. Dieser geringe Bartwuchs ist
der amerikanischen Rasse gemein, wiewohl es Stämme giebt, z. B. die
Chipewas und Patagonier, bei denen der Bart eine bedeutende Größe
erreicht.

Die Chaymas führen ein sehr regelmäßiges und einförmiges Leben.
Sie gehen um sieben Uhr zu Bett und stehen halb fünf Uhr auf. Das
Innere ihrer Hütten halten sie äußerst rein, und ihre Hängmatten,
Geräthschaften und Waffen befinden sich in der größten Ordnung. Sie
baden sich jeden Tag, und da sie im Allgemeinen nackt gehen, so sind
sie von dem Schmuze frei, welcher hauptsächlich durch die Kleidung
verursacht wird. Außer ihrer Hütte im Dorfe haben sie gewöhnlich an
einem einsamen Orte in den Wäldern eine kleinere, die mit Palmen- oder
Pisangblättern bedeckt ist, und in welche sie sich, so oft als es nur
immer geht, zurückziehen, und so stark ist in ihnen der Wunsch, die
Aehnlichkeiten eines wilden Lebens zu genießen, daß die Kinder oft Tage
lang in den Wäldern umherziehen, und wirklich sind die Städte oder
Dörfer bisweilen ganz verlassen. Wie bei allen barbarischen Nationen
ist das weibliche Geschlecht Entbehrungen und Beschwerden ausgesetzt,
der schwerste Theil der Arbeit fällt ihm zu.

[18] »^Not loud but deep^,« eine sprüchwörtliche Redens-Art.



Sechster Brief.

 Peterborough. -- Sitten und Sprache der Amerikaner. -- Schottischer
 Maschinenbauer. -- Schilderung Peterboroughs und seiner Umgebungen. --
 Canadische Blumen. -- Shanties. -- Beschwerden und Strapazen, welche
 die ersten Ansiedler zu ertragen haben. -- Verfahren bei Anlegung
 einer Meierei. --


                                  Peterborough, den 11. Sptbr. 1832.

Es ist jetzt fest bestimmt, daß wir hier bleiben, bis die Verkäufe von
Seiten der Regierung stattgefunden[19].

Wir werden alsdann bei S-- und seiner Familie logiren und gedenken,
während der Zeit einige Acker gelichtetes Landes zu erlangen und ein
Log-Haus auf eignem Grund und Boden zu errichten. Da wir uns einmal
vorgenommen, in den Busch zu gehen, wo wir, als dem Militair-Stande
angehörig, unser Grundeigenthum zu erwarten hatten, das uns glücklicher
Weise in der Nachbarschaft von S-- zu Theil geworden ist, so sind
wir jetzt fest entschlossen, allen mit einer solchen Lage verbundnen
Entbehrungen und Mühseligkeiten fröhlichen Muthes zu begegnen; denn
wir haben keine andere Wahl als entweder jenen großen Vortheil
aufzugeben oder unsre Ansiedler-Pflichten zu thun. Wir werden, denk'
ich, nicht schlechter dabei fahren, als andre, die vor uns in die noch
unangebauten Distrikte gezogen sind, manche derselben, sowohl See-
als Land-Offiziere, nebst ihren Familien, haben mit beträchtlichen
Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, fangen aber gegenwärtig an, die
Früchte ihrer Anstrengungen zu ernten.

Außer dem Grund und Boden, wozu er als Offizier in brittischen
Diensten, berechtigt ist, handelt mein Gatte um ein Stück Land in
der Nähe kleiner Seen. Dies wird uns sowohl einen Wasser-Vordergrund
verschaffen als auch der Familie S-- näher bringen, mithin werden wir
nicht so ganz allein und verlassen sein, als wenn wir sogleich nach
dem uns von der Regierung bewilligten Landeigenthum abgegangen wären.

Wir haben von mehren zu Peterborough angesiedelten Familien
Aufmerksamkeit und Gastfreundschaft erfahren. Man findet hier eine sehr
gute Gesellschaft die hauptsächlich aus Offizieren und ihren Familien
und außerdem aus Professionisten und Vorrathshändlern besteht. Manche
der letzten sind Leute von achtbarer Familie und guter Erziehung;
wiewohl ein hiesiges Vorraths-Magazin in der That um nichts besser ist
als ein _Kramladen_ (^general chop^) in einer englischen Landstadt,
so behaupten doch die Vorrathshändler in Canada einen weit höheren
Rang als die Krämer in den kleinen Städten und Dörfern von England.
Die Vorrathshändler sind die Kaufleute und Banquiers der Orte, wo
sie sich niedergelassen. Fast alle Geldsachen werden von ihnen
abgemacht, und sie sind oft im Besitz von Grundeigenthum und Leute von
Wichtigkeit, verwalten obrigkeitliche Aemter und werden nicht selten
zu Commissairen, ja sogar zu Mitgliedern des Provincial-Parlamentes
erwählt.

Da sie in der Gesellschaft einen Rang behaupten, der sie der
Aristokratie des Landes gleich stellt, so dürfen Sie sich nicht
wundern, wenn ich Ihnen sage, daß es nichts Ungewöhnliches ist, den
Sohn eines See- oder Land-Offiziers oder Geistlichen hinter dem
Zahltisch stehen, oder mit seines Vaters Holzhauern im Walde die Axt
führen zu sehen; eine Beschäftigung, wodurch sie keineswegs ihren Rang
in der Gesellschaft verlieren. Nur gute Erziehung und feine Sitten
unterscheiden hier den Gentleman von den übrigen Klassen, da der
Arbeiter, wofern er fleißig und betriebsam ist, was weltlichen Besitz
anlangt, gar bald seines Gleichen werden kann. Der unwissende, sei er
auch noch so reich, wird nie dem Mann von Erziehung die Wage halten. Es
ist die moralische und geistige Ausbildung des Menschen, welche einen
Unterschied der Klassen in diesem Lande bildet -- »Kenntniß ist Macht.«

Wir hatten so viel von den gehässigen Sitten der Yankies in diesem
Lande gehört, daß ich mich durch die wenigen Beispiele von eingebornen
Amerikanern, die mir zu Gesicht kamen, viel mehr angenehm überrascht
fand. Sie waren größtentheils höfliche, anständige Leute. Die einzigen
Eigenheiten, die ich an ihnen bemerken konnte, waren ein Nasen-Ton beim
Sprechen und einige wenige seltsame Phrasen; allein diese sind blos
unter den niedrigeren Klassen gebräuchlich, die etwas mehr _rathen_ und
_calculiren_[20] als wir. Einer ihrer merkwürdigsten Ausdrücke ist das
Zeitwort »^Fix^,« (festsetzen, befestigen, bestimmen). Alles, was zu
thun oder zu verrichten ist, muß _fixirt_ (^fixed^) werden. »^Fix the
room^,« bedeutet: das Zimmer in Ordnung bringen. »^Fix the table^,«
(decke den Tisch), »^Fix the fire^,« (schüre das Feuer an), sagt die
Hausfrau zu ihren Mägden, und alles geschieht dem Befehle gemäß.

Viel Spaß machte es mir, als ich eines Tages eine Frau zu ihrem Mann
sagen hörte, daß der Schornstein fixirt werden müsse (^wanted fixing^).
Ich hielt ihn für fest und sicher genug und war nicht wenig überrascht,
als der Hausherr einen Strick und einiges Cedern-Reisig herbeiholte,
und damit den in der Esse angehäuften Ruß entfernte, welcher das Feuer
rauchen machte. Der Schornstein war bald _fixirt_ (gereinigt), und
das Rauchen hatte ein Ende. Diese seltsame Art, sich auszudrücken,
herrscht nicht allein unter den niedrigen Klassen, sondern hat, weil
man dergleichen so oft hört, allgemeine Aufnahme gefunden, und wird
sogar von den in letztrer Zeit hier angesiedelten Emigranten aus unserm
Vaterlande gebraucht.

Mit Ausnahme einiger befremdenden Ausdrücke, und eines Versuchs, feine
Redens-Arten in ihre gewöhnliche Conversation einzuführen, behaupten
die Yankies, was grammatische Richtigkeit anlangt, einen entschiednen
Vorrang vor unsern englischen Bauern. Sie sprechen ein besseres
Englisch, als man von Leuten desselben Standes in irgend einem Theile
von England, Irland oder Schottland hört; obwohl man, meines Bedünkens,
dies zu Hause nicht gern zugeben möchte.

Wenn mich Jemand fragen sollte, welche Züge mir an den Amerikanern,
auf die ich bis jetzt gestoßen, am meisten auffallen, so dürfte ich
antworten: »Kälte, die sich der Apathie nähert.« Ich will damit
keineswegs behaupten, daß es ihnen an Gefühl und wahrer Gemüthlichkeit
fehle; allein sie lassen ihre Bewegung nicht sehen. Sie sind nicht so
verschwenderisch mit ihren Freundschaftsbezeugungen und Begrüßungen,
wie wir, obwohl vielleicht eben so aufrichtig. Niemand bezweifelt ihre
Gastfreundschaft; allein man verlangt doch bei alle dem nach einem
herzlichen Druck der Hand oder einem freundlichen Wort, wodurch man
sich willkommen fühlt.

Neue Ankömmlinge in diesem Lande sind sehr geneigt, die alten
brittischen Ansiedler mit den eingebornen Amerikanern zu verwechseln,
und, wenn sie auf rohe ungeschliffne Leute stoßen, die sich in
ihrer Rede gewisser Yankie-Worte bedienen, und mit ihrer, den
aristokratischen Begriffen der vornehmen Engländer zuwiederlaufenden
Unabhängigkeit prunken, sogleich annehmen, daß sie es mit wirklichen
Yankies zu thun haben, während dieselben doch in der That blose
Nachahmer sind; und Sie wissen wohl, Beste Mutter, daß eine schlechte
Nachahmung stets schlechter ist, als das Original.

Sie würden sich nicht wenig wundern, wenn Sie sähen, wie bald die
neuen Ankömmlinge in diese widrigen Maniren und Affectation von
Gleichheit verfallen; was vorzüglich von den Irländern und Schotten
niedriger Abkunft gilt; die Engländer machen schon eher eine Ausnahme.
Das Benehmen eines jungen Schotten, des Maschinenmeisters auf dem
Dampfboote, als ihn mein Gemahl über die Handhabung der Maschine
befragte, machte uns gewissermaßen Unterhaltung. Seine Maniren waren
grob, ja sogar beleidigend. Er vermied sorgfältig jede Hinneigung zu
Höflichkeit oder äußerem Anstand; ja er ging so weit, daß er sich auf
die Bank dicht neben mich setzte und bemerkte, er halte unter den
vielen Vortheilen, welche dieses Land Ansiedlern, wie er sei, darbiete,
es nicht für den geringsten, daß er nicht verbunden sei, seinen Hut
abzunehmen, wenn er mit Leuten (^people^) (Personen unsers Standes
meinend) spreche, und daß er sie nicht anders als bei ihren Namen
anzureden brauche; dazu könne er seinen Sitz neben jedem Gentleman und
jeder Dame nehmen und sich ihnen völlig gleich achten.

»Sehr wahr,« erwiederte ich, kaum vermögend, mein Lachen über diesen
Ausfall zu unterdrücken; »allein ich glaube Sie überschätzen den
Vortheil solcher Privilegien um ein Bedeutendes; denn Sie können die
Dame oder den Mann von Stande nicht zwingen, dieselbe Meinung von
Ihrer Persönlichkeit zu hegen oder, wofern sie sich nicht dadurch
geschmeichelt fühlen, neben Ihnen sitzen zu bleiben.« Mit diesen Worten
stand ich auf und verließ den unabhängigen Gentleman, offenbar ein
wenig verwirrt über dieses Manövre, indeß gewann er seinen Selbstbesitz
bald wieder, schwang die Axt, welche er in der Hand hatte, und sagte:
»Es ist, denke ich, kein Verbrechen, von armen Aeltern geboren zu sein.«

»Nein! wahrlich nicht,« antwortete mein Gatte, »kein Mensch kann sich
seine Geburt selbst wählen, er hat es nicht in seiner Gewalt, arm oder
reich geboren zu werden; und eben so wenig kann es einem Gentleman zur
Last gelegt werden, daß er von Aeltern geboren worden, die einen höhern
Rang in der Gesellschaft einnehmen, als sein Nachbar. Ich hoffe Sie
geben dies zu.«

Der Schotte sah sich, wiewohl ungern, zur Bejahung dieses Ausspruchs
genöthigt; schloß aber nachmals damit: er sei sehr froh, daß er vor
Gentlemen, wie sie sich zu nennen beliebten, den Hut nicht abzunehmen,
noch in seiner Rede sich demuthsvoll zu zeigen brauche.

»Niemand, mein Freund, dürfte Sie gezwungen haben, in ihrem Vaterlande
höflicher zu sein, als in Canada. Gewiß hätten Sie, wofern es Ihnen
so beliebte, Ihren Hut ebenfalls aufbehalten können. Kein Gentleman,
glauben Sie mir, würde Ihnen denselben vom Kopfe geschlagen haben.

»Was den gerühmten Vortheil in Betreff roher Sitten in Canada anlangt,
so würde ich etwas davon halten, wenn er Ihnen nur im geringsten
nützte, oder einen Dollar mehr in die Tasche brächte; allein ich habe
Grund, zu zweifeln, daß er diese wünschenswerthe Wirkung hat.«

»Es ist aber doch tröstlich, sollte ich meinen, sich einem Gentleman
gleich zu achten.«

»Besonders wenn Sie den Gentleman zu denselben Gedanken bestimmen
können.« Dies war ein Punkt, der unsern Gleichheits-Candidaten etwas in
Verlegenheit zu setzen schien; denn er begann mit verdoppelter Energie
zu pfeifen und die Füße zu schleudern.

»Jetzt,« sagte sein Peiniger, »nachdem Sie mir Ihre Begriffe von
canadischer Unabhängigkeit erklärt, haben Sie die Gefälligkeit, mich
mit dem Mechanismus Ihrer Maschine vertraut zu machen, die Sie so genau
zu kennen scheinen.«

Der Mann sah meinen Gatten eine Minute lang halb trotzig, halb durch
das seiner Geschicklichkeit gezollte Compliment geschmeichelt, an, ging
darauf zur Maschine setzte alles mit großer Geläufigkeit auseinander
und behandelte uns seit dieser Zeit mit vollkommner Achtung. Die
Erwiederung meines Gatten auf seine in einem höchst unhöflichen Tone
gethane Frage: »was macht denn eigentlich einen Gentleman, ich bitte
Sie, beantworten Sie mir das?« »Feine Sitten und gute Erziehung. -- Ein
reicher oder hochgeborner Mann, der sich roh und ungesittet benimmt und
unwissend ist, hat eben so wenig Ansprüche auf den Titel: Gentleman,
als Sie selbst,« hatte auf ihn einen starken Eindruck gemacht.

Wir standen seitdem auf einem ganz andern Fuße miteinander; der
Maschinen-Meister hatte so viel gesunden Verstand, daß er einsah, rohe
Vertraulichkeit mache den Gentleman noch nicht aus.

Allein es wird Zeit, daß ich Ihnen einige Nachrichten über Peterborough
mittheile, welches, hinsichtlich der Lage, jedem andern Ort, den ich
bis jetzt in der obern Provinz gesehen habe, überlegen ist. Es nimmt
ziemlich den Mittelpunkt zwischen den Stadt-Bezirken Monaghan, Smith,
Cavan, Otanabee und Douro ein, und dürfte nicht unpassend als die
Hauptstadt des Newcastle-Distrikts gelten.

Es liegt auf einer hübschen erhabnen Ebne, gerade über einem kleinen
See, wo der Fluß durch zwei niedrige bewaldete Eilande getheilt
ist. Der ursprüngliche oder Gouvernements-Theil der Stadt ist in
Halbacker-Parcellen[21] angebaut; die Straßen, welche sich jetzt
schnell mit Gebäuden füllen, bilden rechte Winkel mit dem Flusse und
erstrecken sich gegen die Ebnen nach Nordosten zu. Diese Ebnen bilden
einen schönen natürlichen Park, in welchem Thäler und Hügel anmuthig
mit einander abwechseln; überall stößt das Auge auf liebliche, grüne,
mit den mannigfaltigsten und schönsten Blumen geschmückte Auen,
gleichsam von der Hand der Natur mit Gruppen von stattlichen Fichten,
Eichen, Balsam-Pappeln, italienischen Pappeln und Silber-Birken
bepflanzt. Die Aussicht von diesen Ebnen aus ist entzückend; wohin man
nur sein Auge wendet, erblickt man mannigfaltige Hügel und Thäler,
Wald und Wasser, während sich die Stadt über einen beträchtlichen
Flächenraum ausbreitet.

  [Illustration: _Canadische Fichte._]

Die Ebnen verlaufen mit einer starken Neigung nach dem Flusse zu, der
mit großem Ungestüm zwischen seinen Ufern hinbraust. Denken Sie sich
ein langes, enges, den östlichen und westlichen Theil der Stadt in zwei
Hälften scheidendes Thal.

Das Otanabee-Ufer erhebt sich zu einer größeren Höhe als die
Monaghan-Seite, und beherrscht eine weite Aussicht über das
zwischenliegende Thal; die gegenüber befindliche Stadt und die
bekränzten Waldungen und Hügel im Hintergrunde. Dieser Theil heißt
_Peterborough-East_ und ist das Besitzthum drei reicher Capitalisten,
von welchen man die Stadt-Parcellen kauft.

Peterborough, auf die angegebne Weise vertheilt, nimmt einen
beträchtlichen, zur Bildung einer großen Hauptstadt mehr als
hinreichenden Flächenraum ein. Seine Einwohner-Zahl wird gegenwärtig
auf siebenhundert Köpfe und darüber geschätzt, und wenn sie in den
nächsten Jahren so schnell zu wachsen fortfährt, wie dies der Fall
bisher gewesen ist, so dürfte Peterborough bald eine sehr volkreiche
Stadt sein[22].

Der Ort ist im Besitz großer Wasser-Kraft, sowohl durch den Fluß
als den schönen breiten Bach, der seinen Weg durch die Stadt windet
und sich in den kleinen, weiter unten liegenden See ergießt.
Man findet daselbst verschiedne Säge- und Mahl-Mühlen, eine
Branntweinbrennerei, eine Walk-Mühle, zwei größere Gasthöfe und
verschiedne kleine Wirthshäuser, eine Anzahl gute Vorrathshäuser,
ein Gouvernements-Schulhaus, das auch als Kirche dient, bis ein
großes Gotteshaus erbaut sein wird. Die Ebnen werden zu Park-Anlagen
verkauft, und hier und da erheben sich hübsche kleine Wohnhäuser,
allein ich fürchte sehr, daß die natürlichen Schönheiten dieser
anmuthigen Landschaft bald verloren gehen werden.

Ich ermüde gar nicht in meinen Ausflügen und erklettre die Hügel und
Berge in jeder Richtung, um eine neue Aussicht zu gewinnen, oder einige
neue Blumen zu sammeln, woran, obgleich schon spät im Sommer, es doch
immer noch einen Ueberfluß giebt.

Unter den Pflanzen, mit deren Namen ich bekannt bin, sind mancherlei
strauchartige Astern von fast jeder Farbe: Blau, Roth und Perlweiß;
eine Monarde von höchst aromatischem Geruch, den selbst die trocknen
Stiele und Samen-Behälter theilen; das weiße Ruhrkraut (^Gnaphalium^)
oder die Immortelle (wovon bereits die Rede gewesen); verschiedne
Rosen-Arten, wovon ich noch einige Knospen in einem Thale unweit der
Kirche fand. Auch bemerkte ich unter den strauchartigen Gewächsen eine
niedliche kleine, unserm Buchsbaum ähnliche Pflanze; sie schleppt sich
am Boden hin, und sendet Zweige und Schößlinge aufwärts; ihre Blätter
werden mit der Zeit dunkel kupferroth; allein trotz dem anscheinenden
Widerspruch, ist sie ein Immergrün[23]. Ferner fand ich einige schöne
Lichen-Arten mit korallenfarbnen Mützchen auf den grauen hohlen
Stielen, sie stehen in unregelmäßigen Büscheln zwischen dem trocknen
Moose, noch häufiger aber bedecken sie die Wurzeln der Bäume oder halb
verwitterten Baumstämme. Unter den mancherlei Pilzen sammelte ich
einen hohlen Becher, von schönstem Scharlachroth an der innern Fläche
und äußerlich blaß rehfarben; eine andre sehr schöne Pilz-Art bestand
aus kleinen Aestchen, wie weiße Korallen-Bäumchen, aber von so zartem
Gefüge, daß sie bei der leisesten Berührung abbrachen.

Der Boden war an manchen Orten mit einem dicken Teppich von Erdbeeren
mancherlei Art bedeckt, welche, so lange ihre Zeit ist, denen, die
sich die Mühe nehmen, sie zu pflücken, ein stetes Dessert liefern;
ich meines Theils würde gewiß von diesem Privilegium Gebrauch machen,
wenn ich den Sommer über in ihrer Nähe wäre. Außer den Pflanzen, die
ich selbst in der Blüthe beobachtet habe, sollen Frühling und Sommer
noch manche andre hervorbringen: eine orangenfarbne Lilie, die rothe
Pechnelke[24], die Mocassin-Blume oder gelbe Scharte (Ginster);
Maiblumen in Ueberfluß; und nach den Ufern des Baches oder des Otanabee
zu bewegt die prächtige Cardinal-Blume[25] ihre scharlachrothen
Blüthen-Aehren anmuthig hin und her.

Ich ärgere mich ordentlich, daß man mir, wenn ich die Schönheit der
canadischen Blumen bewundre, jedesmal wiederholt, sie seien geruchlos,
und daher kaum der Beachtung werth; als wenn sich das Auge nicht an
den schönen Formen und Farben weiden könnte, wenn nicht zugleich dem
Geruchssinn geschmeichelt wird.

Um dieses Land von dem Vorwurf zu befreien, den ihm ein sehr gescheuter
Mann machte, mit welchem ich einst in London zusammen traf, daß nämlich
die hiesigen Blumen ohne Geruch, und die Vögel ohne Gesang seien,
bemerke ich hier, daß mir bereits verschiedne äußerst wohlriechende
Blumen und Kräuter zu Gesicht gekommen sind. Unter diesen darf ein
schönes, strauchartiges Gewächs (^milk-weed^), mit purpurfarbnen
Blüthen, die sich eben so sehr durch ihre Farben-Pracht als ihren
reichen Geruch auszeichnen, nicht vergessen werden.

Ich gedenke nächstens ein Herbarium für _Elisa_ zu sammeln und eine
Beschreibung der Pflanzen, ihres Wachsthums und ihrer Eigenschaften
beizufügen.

Alle merkwürdige Umstände hinsichtlich derselben werde ich sorgfältig
aufzeichnen; und sagen Sie ihr, sie solle versichert sein, daß ich ihr
von jeder vorkommenden Art bei günstiger Gelegenheit ein Exemplar, wo
möglich mit den Samen, übersenden werde.

Meines Erachtens dürfte dieses Land den Forschungen des Botanikers ein
weites und fruchtbares Feld eröffnen. Ich bedaure jetzt sehr meine
Nichtbeachtung der häufigen Aufforderungen _Elisa's_, ein Studium zu
verfolgen, welches ich einst für trocken hielt, jetzt aber höchst
interessant finde und als eine fruchtbare Quelle geistigen Genusses
besonders für diejenigen betrachte, welche im Busche (Urwälder) leben
und demgemäß nothwendiger Weise von den Freuden und Vergnügungen,
welche ein großer Kreis von Freunden, -- und dem Wechselwelchen eine
Stadt oder auch nur ein Dorf darbieten, ausgeschlossen sind.

Am Sonntage ging ich in die Kirche; -- die erste Gelegenheit, dem
öffentlichen Gottesdienst beizuwohnen, seitdem ich die schottischen
Hochlande verlassen; und gewiß hatte ich Ursache, vor dem barmherzigen
Gott, der mich wohlbehalten durch die Gefahren der großen Tiefe (des
Meeres) und der verderblichen Krankheit geführt, demuthsvoll und
dankbar meine Knie zu beugen. Noch nie erschien mir unsre schöne
Liturgie so rührend und eindrucksvoll als an diesem Tage -- in unsrer
schlichten, aus rohen Baumstämmen mitten in der Wildniß erbauten Kirche.

Dieses einfache Gebäude liegt am Fuße eines sanften Abhanges auf der
Ebne, umgeben von Eichen- und Fichten-Gruppen die, obgleich nicht so
groß und stattlich wie die gewaltigen Eichen und Kiefern des Forstes,
mit ihren in mannigfaltige und seltsame Formen vertheilten Aesten dem
Auge doch weit angenehmer sind. Der Rasen ist hier von smaragdnem Grün;
mit einem Wort, es ist ein anmuthiges Plätzchen, entfernt von dem
geräuschvollen Treiben der Stadt, ein geeigneter Ort, Gott in Geist und
Wahrheit zu verehren!

Nach den Smith-town-Hügeln hin und längs den Ufern, welche den Fluß
überragen, giebt es manche herrliche Spaziergänge. Der Gipfel der Hügel
ist unfruchtbar und dicht mit lockern, rothen und grauen Granitblöcken,
und zwischen diesen, mit großen -- in jeder Richtung ausgestreuten
Kalkstein-Massen bedeckt; letztere sind meistentheils durch die
Einwirkung des Wassers glatt und zugerundet. Da sie losgetrennte Stücke
sind und blos die Oberfläche des Bodens einnehmen, so konnte ich mir
nicht recht erklären, wie sie in diese Höhe gekommen. Ein Geolog würde
ohne Zweifel dieses Räthsel in wenigen Minuten lösen. Die Eichen,
welche auf dem hohen Ufer wachsen, sind eher größer und üppiger, als
die in den Thälern und auf andern fruchtbaren Boden-Stellen.

Hinter der Stadt, in der Richtung der Cavan- und Emilien- (^Emily^)
Straße, breitet sich ein weiter Raum aus, den ich ^Squatter's ground^
nenne, weil er ganz mit Shanties bedeckt ist, worin die armen
Auswandrer, ausgelößte Pensionairs[26] und dergleichen Leute sich mit
ihren Familien niedergelassen haben. Einige bleiben hier, um, wie sie
vorgeben, ein einstweiliges Obdach für ihre Weiber und Kinder zu haben,
bis sie mit Errichtung eines Hauses auf dem ihnen bewilligten Grund und
Boden zu deren Aufnahme zu Stande gekommen; aber nicht selten geschieht
es, daß sie aus Trägheit oder wirklichem Unvermögen, das ihnen oft
meilenweit von hier in den Urwäldern und in noch ganz unbebauten
Ortschaften oder Stadtbezirken[27] zugetheilte Land zu bearbeiten,
verkümmern, indem sich ihnen zu große Schwierigkeiten und Hindernisse
entgenstellten, deren Besiegung mehr Energie und Muth erfordert, als
viele derselben besitzen. Andre, zu Müßiggang und Ausschweifungen
geneigt, vergeuden das empfangene Geld und verkaufen das Land, wofür
sie ihre Pensionen aufgaben, und müssen dann nothwendiger Weise in
Armuth und Elend auf dem Shanty-Grunde hocken bleiben.

Die Shanty ist eine Art Hütte im ursprünglichen canadischen Baustyl,
und nichts weiter als ein aus unbehauenen Baumstämmen oder Scheiten
(^logs^) zusammengezimmerter Schuppen; die Fugen zwischen den runden
Rändern (^round edges^) der Baumstämme sind mit Schlamm oder Lehm, Moos
oder Holzschnitzeln ausgefüllt; das Dach besteht häufig aus gespaltnen
und mit der Art ausgehöhlten Bäumen, die neben einander gelegt sind,
so daß die Kanten auf einander ruhen; die hohlen und convexen Flächen
sehen abwechselnd nach oben, und so bildet ein Scheit (gespaltner
Baumstamm) um das andre eine Rinne zur Ableitung des Regens und
schmelzenden Schnees. Die Traufen eines solchen Gebäudes gleichen den
wellenförmigen Rändern einer Kammmuschel; allein so roh dieses Dach
ist, entspricht es doch dem Zweck, das Innere trocken zu erhalten, weit
wirksamer als die aus Rinde oder Bretern gebildeten Dächer durch welche
der Regen nur zu leicht Eingang findet. Bisweilen hat die Shanty ein
Fenster, bisweilen nur einen offnen Thorweg, welcher das Licht ein-
und den Rauch ausläßt[28]. Eine rohe Esse, oft nichts weiter als
ein in die obersten Dachbäume, über dem Heerde, geschnittne und in
viereckiger Form roh mit Bretern umgebne Oeffnung dient zum Auslassen
des Rauches; die einzige Vorsichtsmaßregel, um zu verhindern, daß die
Scheit-Wände nicht Feuer fangen, besteht in Anbringung einiger großen
Steine in halbkreisartiger Form, oder noch gewöhnlicher, einer Lage
trockner Erde zwischen Heerd und Wand.

  [Illustration: _Log-Haus._]

  [Illustration: _Hölzernes Dorf._
  (_Logdorf und Ankunft eines Postwagens._)]

Nichts kann unbehaglicher sein als einige dieser mit Rauch und Schmuz
gefüllten Shanties, der gemeinliche Zufluchtsort für Kinder, Schweine
und Geflügel. Allein ich habe Ihnen bis jetzt nur die Schatten-Seite
des Gemäldes gegeben; und es freut mich, Ihnen sagen zu können, daß
nicht alle Shanties auf dem Squatter's-Grunde der geschilderten
gleichen; im Gegentheil die Mehrzahl war von behenden muntern Leuten
bewohnt und hatte sogar zwei Fenster und einen von Lehm regelrecht
durch das Dach geführten Schornstein, ja einige waren sogar roh
gedielt, und fast eben so bequem eingerichtet, wie die kleinen
Log-Häuser.

Sie dürften es vielleicht befremdend finden, wenn ich Ihnen versichre,
daß manche achtbare Emigranten mit ihren Weibern und Kindern, Personen
von zartem Körperbau und, ehe sie hierher kamen, an jede Bequemlichkeit
gewöhnt, sich begnügt haben, während des ersten oder der zwei ersten
Jahre ihrer Ansiedelung in den Wäldern eine dergleichen Hütte zu
bewohnen.

Mit einiger Theilnahme habe ich die Erzählungen von den Beschwerden
und Mühseligkeiten angehört, die einige der ersten Ansiedler in der
Nachbarschaft, als Peterborough nur erst zwei Wohnhäuser enthielt,
erduldet haben. Damals gab es hier weder durch die Waldung gehauene
Straßen noch Boote zur Communication mit den entlegnen, bereits
angebauten Theilen des Distriktes; daher denn die Schwierigkeiten,
sich die nöthigen Mund-Vorräthe und andre Bedürfnisse zu verschaffen,
weit größer waren, als sich irgend einer von den spätern Ankömmlingen
vorstellen kann.

Als ich von einer ganzen Familie hörte, die keinen bessern Mehlvorrath
hatte, als was täglich auf einer kleinen Handmühle gemahlen
werden konnte, und vier Wochen hindurch fast von allen nöthigen
Lebensbedürfnissen, selbst Brod nicht ausgenommen, entblößt war, konnte
ich unmöglich meine Verwunderung verheimlichen, daß ich in den über
Auswanderung erschienenen Büchern von dergleichen Uebeln auch nicht
ein Wort gelesen, das den künftigen Ansiedler darauf hätte vorbereiten
können.

»Diese besondern Prüfungen,« bemerkte mein verständiger Freund,
»beschränken sich hauptsächlich auf die ersten Ankömmlinge, welche sich
in den noch völlig unangebauten Theilen des Landes niederlassen, wie
dies unser Fall war. Fragen Sie nur genau einige von den Familien der
niedern Klasse, die sich weit von den Städten angesiedelt haben und die
wenige oder keine Mittel zu ihrem Unterhalt während der ersten zwölf
Monate besaßen, bis sie eine Ernte von ihrem Boden erhielten, so werden
sie manche traurige Erzählung von Leiden und Mühseligkeiten vernehmen.«

Schriftsteller über Auswanderung geben sich nicht die Mühe, nach diesen
Dingen zu forschen, auch entspricht die Mittheillung unangenehmer
Thatsachen ihrem Zweck nicht. Nur wenige haben ausschließlich über den
»_Busch_« geschrieben. Reisende durcheilen in der Regel die seit langer
Zeit angesiedelten in gutem Gedeihen begriffnen Theile des Landes,
sie sehen einen Strich fruchtbaren angebauten Bodens, das Resultat
vieljähriger Arbeit und Thätigkeit; sie sehen bequeme Wohnhäuser,
reichlich ausgestattet mit allen wesentlichen Lebens-Bedürfnissen; die
Frau des Meierei-Besitzers macht ihre Seife, ihre Lichte und ihren
Zucker selbst, die Familie ist in Zeuge gekleidet, die sie mit eigner
Hand gesponnen und gewebt hat, sie trägt Strümpfe von eigner Fabrik.
Brod, Bier, Butter, Käse, Fleisch, Federvieh u. s. w. sind insgesammt
Erzeugnisse des eignen Bodens. Sie schließen daraus, daß Canada ein
zweites Canaan sei, und schreiben ein Buch, worin sie diese Vortheile
auseinandersetzen, mit der Hinzufügung, daß man daselbst Grund und
Boden für einen wahren Spottpreis erhalte; und rathen jedem, der
unabhängig und gegen Mangel gesichert zu sein wünscht, zur Auswanderung.

»Man vergißt, daß diese Vortheile das Resultat vieljähriger
unablässiger Anstrengungen, daß sie der _Kranz_ nicht _die ersten
Früchte_ der mühevollen Arbeit des Ansiedlers sind; und daß fast jede
Klasse von Auswandrern in der Zwischenzeit sich manchen und großen
Entbehrungen unterwerfen muß.

»Viele lassen sich bei ihrer ersten Ankunft, vorzüglich in den
noch unangebauten Gemeinde-Bezirken (^townships^), durch den wenig
versprechenden Anblick der Gegenstände um sie her entmuthigen.
Sie finden keine von jenen Vortheilen und Bequemlichkeiten, wovon
sie gehört und gelesen haben; und sie sind auf die gegenwärtigen
Schwierigkeiten unvorbereitet; einige verzagen, andre verlassen den
Ort, in ihren Erwartungen getäuscht und voll Unwillen.

»Ein wenig Ueberlegung würde ihnen gezeigt haben, daß jede Route Land
von der dichten Waldung, womit sie bedeckt ist, befreit werden muß, ehe
man eine Weizenpflanze erziehen kann; daß, nachdem die gefällten Bäume
zerschnitten, geklaftert (^logged^) und verbrannt worden sind, das Feld
eingefriedigt, die Saat gesäet, geerntet und ausgedroschen werden muß,
ehe an einen Gewinn zu denken ist; daß alles dies viel Zeit und Arbeit,
und wenn man letztere bezahlen muß, eine beträchtliche Auslage an barem
Gelde nöthig ist, und daß, eine Familie mittlerweile essen und trinken
will; daß im Fall einer größeren Entfernung von den Vorrathsplätzen,
jeder Artikel auf schlechten Straßen entweder durch Menschenhände oder
auf der Axe zugeführt werden muß, wobei zu bemerken, daß in Verhältniß
zu der Weg-Länge und den Schwierigkeiten rücksichtlich des Transports
das Fuhr- und Träger-Lohn mehr oder weniger kostspielig ist. Gewiß ist
es besser, alle diese Dinge im Voraus zu kennen, weil man alsdann weiß,
welchen Hindernissen man zu begegnen hat.

»Selbst ein Arbeiter, wenn er auch sein eignes Land hat, ist oft, ja
ich möchte behaupten, im Allgemeinen genöthigt, sich für das erste Jahr
oder die beiden ersten Jahre als _Tagelöhner zu vermiethen_ (^hire
out^) um den für sich und seine Familie erforderlichen Lebensunterhalt
zu erwerben; und viele der in Rede stehenden Klasse müssen manche
Entbehrungen dulden, ehe sie die Früchte ihrer Unabhängigkeit ernten
können. Hätten sie nicht die Hoffnung, ja die bestimmte Aussicht, ihren
Zustand mit der Zeit zu verbessern, sie würden unter der Last, die sie
zu tragen haben, erliegen; aber diese Hoffnung erhält sie aufrecht.
Sie haben kein von Armuth und Mangel getrübtes Alter zu fürchten; die
gegenwärtigen Uebel müssen der Betriebsamkeit und Ausdauer weichen; sie
denken auch auf ihre Kinder, und die Prüfungen der Gegenwart werden
durch die Ahnung einer glücklichen Zukunft erleichtert.«

»Jedenfalls,« sagte ich, »kann man Kühe, Schweine und Federvieh halten;
und Sie wissen, daß, wo es an Milch, Butter, Käse und Eiern, an
Schweinfleisch und Geflügel nicht fehlt, man sich eben nicht schlecht
befindet.«

»Sehr wahr,« erwiederte mein Freund, »allein ich muß Ihnen sagen, es
ist leichter, im Anfange von dergleichen Thieren zu sprechen als sie
zu halten, ausgenommen auf gelichtetem oder theilweise gelichtetem
Boden; hier aber ist die Rede von einer _ersten_ Ansiedelung in den
Urwäldern, Kühe, Schweine und Federvieh wollen fressen, allein wenn
man ihnen nichts geben kann, als was man kauft und vielleicht aus
der Ferne herbeiholen muß, so ist es besser, man belastet sich nicht
damit, da die Beschwerde gewiß, der Vortheil aber zweifelhaft ist. Eine
Kuh findet allenfalls während der warmen Monate im Busch ihr Futter,
allein bisweilen verläuft sie sich, so daß man sie Tage lang vermißt,
und dann keinen Nutzen von ihr hat, und möglicher Weise viel Zeit mit
Suchen verliert; dann aber muß man sie, außer Laub und Zweigsprossen,
die sie den Winter hindurch erhält, auch noch mit anderm Futter
versorgen[29], oder, ich wette zehn gegen eins, sie wird im Frühjahr
sterben; und da Kühe, wofern sie nicht sehr gut gehalten werden, in
der kalten Jahreszeit ihre Milch verlieren, so ist es am besten, sie
im Herbst zu verkaufen, und im Frühjahr andre anzuschaffen, man müßte
denn Ueberfluß an Futter für sie haben, was in dem ersten Winter nicht
oft der Fall ist. Was die Schweine anlangt, so sind sie für eine neu
angelegte Meierei eine große Plage, wofern man sie nicht aus der Hand
mästen kann, allein dies geht nicht, ohne daß man Futter für sie kauft,
und dies würde anfänglich nicht vortheilhaft sein. Läßt man sie frei
umherlaufen, so fügen sie sowohl den eignen Feldern als denen der
Nachbarn, im Bereich einer halben (englischen) Meile, beträchtlichen
Schaden zu; andres Vieh kann man allenfalls durch Umzäunung in der
angegebnen Hinsicht unschädlich machen, aber nicht so Schweine; auch
Federvieh bedarf, wenn es einigen Nutzen bringen soll, etwas mehr,
als was es um das Haus herum aufpickt, wozu noch kommt, daß Adler,
Igel, Füchse und Marder darauf erfolgreiche Jagd machen, bis man es
hinreichend sichern kann.«

»Wie aber sollen wir unter solchen Umständen unsre eigne Wolle spinnen,
unsre eigne Seife und Lichte bereiten?« fragte ich. »Sobald sie Ihre
eignen Schafe, Schweine und Rinder schlachten, oder Wolle und Talg
werden kaufen können.« -- Als er mich hierüber etwas niedergeschlagen
sah, fügte er tröstend hinzu: -- »Nur nicht verzagt! Sie werden
mit der Zeit alle diese Dinge haben und noch mehr als diese, aber
gedulden müssen Sie sich und die Mittel zu ihrer Erlangung benutzen.
Mittlerweile suchen Sie sich auf Entbehrungen vorzubereiten, denen Sie
jetzt noch fremd sind; und wünschen Sie, Ihren Gatten glücklich und in
seinen Unternehmungen begünstigt zu sehen, so machen Sie sich kluge
Sparsamkeit und heitre Laune zur Regel. Nach einigen Jahren wird Sie
Ihre Meierei mit allen Lebensbedürfnissen versorgen, und nach und nach
werden Sie sich auch mancher Luxus-Artikel erfreuen können. Dann erst
beginnt der Ansiedler, die wirklichen und sichern Vortheile seiner
Auswanderung zu ernten; dann wird er den Segen eines Landes inne, wo
es weder Zölle noch Zehnten noch Armensteuern giebt; dann genießt er
die Wohlthaten der Unabhängigkeit. Diese glückliche Erfüllung seiner
Wünsche im Auge, ebnet er den rauhen Pfad und erleichtert er sich die
auf ihm lastenden Uebel. Er sieht in Gedanken eine zahlreiche Familie
um sich her, ohne jene angstvollen Sorgen, die einen Vater von geringem
Vermögen in der alten Heimath drücken; denn er weiß ja, daß er sie
einst nicht entblößt von rechtlichen Unterhalts-Mitteln verläßt.«

Trotz allen überstandnen Mühseligkeiten und Prüfungen fand ich diesen
Mann so sehr für das Ansiedlerleben eingenommen, daß er erklärte, er
würde um keinen Preis in sein Vaterland zurückkehren, um dort eine
längere Zeit zu bleiben; auch ist er nicht der Einzige, den ich auf
diese Weise sich habe äußern hören; vielmehr scheint dieselbe Vorliebe
für ihre neue Heimath unter der niedern Emigranten-Klasse allgemein
zu sein. Sie fühlen sich durch das Beispiel Andrer, die sie in Genuß
von Bequemlichkeiten sehen, woran zu Hause selbst bei der größten
Anstrengung und mühevollsten Arbeit nicht zu denken war, ermuthigt;
denn sie bedenken weislich, daß sie, wären sie in ihrer Heimath
geblieben, endloses Elend und harte Entbehrungen (sehr viele nämlich
hat Mangel hierher getrieben) würden haben ertragen müssen, ohne die
entfernteste Aussicht, ihren Zustand zu verbessern oder unumschränkte
Landeigenthümer zu werden.

»Was sind uns ein, zwei, drei, ja selbst vier mühevolle Jahre im
Vergleich mit einem ganzen Leben von Plack und Armuth,« war die
Bemerkung eines armen Arbeiters, der uns am andern Tage von den
Mühseligkeiten erzählte, womit er in diesem Lande zu kämpfen gehabt.
»Ich wußte,« sagte er, »daß sie nur kurze Zeit dauern und durch Fleiß
und Ausdauer bald zu besiegen sein würden.«

Ich habe bereits zwei unsrer armen Nachbarn gesehen, die den
Kirchsprengel zwölf Monate vor uns verlassen hatten; sie haben
sich in Canada niedergelassen und bearbeiten gemeinschaftlich die
ihnen zugetheilten Land-Parcellen; sie kommen in der That sichtlich
vorwärts. Einige Morgen Landes haben sie bereits gelichtet, bestellt
und abgeerntet, sind aber zur Zeit noch genöthigt, sich zu vermiethen,
um ihre Familien erhalten zu können; ihr eignes Land bearbeiten sie,
wenn es Zeit und Umstände erlauben. Die Männer sind guten Muthes
und hoffen, nach wenigen Jahren im Besitz von manchen Lebensgenuß,
mancher Bequemlichkeit zu sein, worauf sie in der Heimath, wenn sie
auch vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht gearbeitet, hätten
verzichten müssen; dabei klagen sie aber, daß ihre Weiber beständig
nach dem Vaterlande verlangen und ihre Reise übers Meer verwünschen.
Dies scheint die allgemeine Klage unter allen Klassen zu sein; die
Weiber sind unzufrieden und unglücklich. Nur wenige söhnen sich ganz
mit dem Ansiedlerleben aus. Sie vermissen die kleinen häuslichen
Bequemlichkeiten, deren sie sich zu Hause erfreuten, sie sehnen sich
nach ihren Freunden und Verwandten, die sie haben verlassen müssen; die
Einsamkeit der Urwälder ist ihnen zuwider.

Diese Aussicht entmuthigt mich nicht; ich weiß, daß ich im Hause zu
thun genug finden werde, und während meiner Ausflüge ins Freie dürfte
es mir nicht an Unterhaltungs-Quellen fehlen, die jede üble Laune
verscheuchen. Habe ich überdies nicht guten Grund, meines Gatten wegen
heiter und zufrieden zu sein? Er hat nicht mehr zu erwarten als ich;
und sollte ich ihn, nachdem ich seinetwegen freiwillig meine Familie,
meine Freunde, mein Vaterland verlassen, durch ewige Klagelieder
verstimmen und traurig machen? Ich fühle mich stets geneigt, den Worten
meines Lieblingdichters _Goldsmith_: --

  Auf uns allein noch überall beschränkt,
  Sind wir allein die Schöpfer unsers Glücks.

beizustimmen. Nun ich werde ja bald die Prüfung zu bestehen haben, da
wir Morgen um zehn Uhr diese Stadt zu verlassen gedenken; der Kauf der
See-Parcelle ist abgeschlossen, drei Morgen sind von Bäumen befreit,
und eine Hütte (Shanty) ist ebenfalls fertig, indeß kann letztre eben
nicht für ein wohnliches Obdach gelten, die Holzfäller haben sie blos
als einstweiligen Zufluchtsort errichtet; und ein Haus wird bald
erbaut sein. Spät genug sind wir eingetroffen, zu spät, um eine volle
Ernte zu erzielen, da die Bäume blos gefällt sind, der Boden aber
noch nicht gelichtet und völlig rein ist, auch ist es bereits zu spät,
das gefällte Holz zu klaftern und zu verbrennen und den Weizen in den
Boden zu bringen, aber für die Frühlingssaat wird er bereit sein. Wir
haben unser Besitzthum den Acker mit sechstehalb Dollars bezahlt; ein
ziemlich hoher Preis für wildes Land, so weit von jeder Stadt, und in
einem so dürftig angebauten Theile des Bezirks; allein die Lage ist gut
und hat den Vorzug, daß wir Wasser in der Nähe haben, wofür mein Gatte
gern etwas mehr bezahlte, als für eine weiter landeinwärts gelegne
Parcelle.

Höchst wahrscheinlich werde ich nicht sobald Zeit und Muße haben,
wieder zur Feder zu greifen. Wir logiren einstweilen bei S--, bis unser
Haus in wohnlichem Zustande sein wird, was ungefähr gegen Weihnachten
der Fall sein dürfte.

Fußnoten:

[19] »Im Ganzen,« heißt es in der ^History of Upper and lower Canada
by R. Montgomery Martin, Lond. 1836^. »ist Ober-Canada Auswandrern aus
den höheren Ständen sehr zu empfehlen; und Leute von der arbeitenden
Klasse können daselbst reichliche Beschäftigung finden. Für erstere
stehe hier noch die Bemerkung, daß Niemand außer solchen Engländern,
die bei der Trennung der vereinigten Staaten von Groß-Britannien ihrem
Vaterlande treu blieben und nach Canada flohen, also Loyalisten; oder
denen, welche nach bestehenden gesetzlichen Bestimmungen Ansprüche auf
unentgeldliche Landbewilligungen an die Regierung haben, eine Parcelle
von den wild liegenden Kron-Ländereien anders als durch Kauf erhalten
kann. Die Verkäufe finden unter der Leitung eines Commissairs am ersten
und dritten Diensttage jedes Monats in den verschiednen Distrikten
statt. Die käuflichen Ländereien werden zu einem bestimmten Preise
voranschlagt, welcher in der Anzeige des Verkauftermins angegeben wird.
Die Zahlung der Kaufsumme geschieht in Terminen: der vierte Theil
davon muß sogleich, das Uebrige in drei gleichen Fristen nebst sechs
Prct. Zinsen entrichtet werden. Nach Abschluß des Kaufs erhält der
Käufer unentgeldlich ein Patent über den gekauften Boden. Das für die
Geistlichkeit vorbehaltne Land wird unter nachstehenden Bedingungen
verkauft: -- Zehn Procent müssen sogleich angezahlt, und das Uebrige
in neunjährigen Terminen und zwar zu jedem zwei Procent nebst Zinsen
abgetragen werden. Gelegentlich werden auch Gemeinde-Bezirk-Parzellen
verkauft. Das gewöhnliche Areal eines Gemeinde-Bezirks beträgt 69,000
Morgen, -- ein Flächenraum von zwölf englischen Meilen in Länge, und
neun in Breite.

[20] »_^Guess and calculate^_,« sie bedienen sich nämlich dieser Worte
sehr häufig oft auch da, wo sie nicht recht passen.

[21] Theile, wovon jeder einen halben Acker Flächenraum enthält.

[22] Seit Abfassung dieser Nachrichten über Peterborough hat die Stadt
an Gebäuden und Bevölkerung um ein Drittel zugenommen.

[23] Wahrscheinlich eine ^Gaultheria^.

[24] ^The purple lichnidea.^

[25] ^Lobelia cardinalis^, Cardinals-Lobelie, _Willdenow_.

[26] Das ist, Leute, die ihren Gnadengehalt, den sie genossen, gegen
ein Stück Land in den brittischen Colonien vertauscht haben.

[27] Der an die Auswandrer zu vertheilende Flächengehalt ist vorläufig
in Bezirke abgetheilt, welche ^Townships^ (Stadt- oder Gemeinde-Kreise)
heißen.

[28] Die Bemerkung eines kleinen irischen Knabens, den wir als
Holzspeller und Wasserträger mietheten, und der ein Bewohner einer
dieser Shanties gewesen, belustigte mich nicht wenig. »Ma' am,« sagte
derselbe, »als das Wetter beißend kalt war, konnten wir uns kaum warm
erhalten; denn während wir, mit dem Gesicht vor dem Feuer, auf der
einen Seite fast brateten, froren wir am Rücken, daher wendeten wir von
Zeit bald die eine bald die andre Seite dem Feuer zu, gerade so, wie
wenn man eine Gans am Spieße bratet. Die Mutter verwendete die Hälfte
von dem Gelde, welches der Vater durch seine Stroharbeit (er war ein
Strohsesselmacher) verdiente, in Branntwein, um uns auszuwärmen; allein
ich glaube, ein reichliches Gericht gute heiße Kartoffeln, würde uns
mehr gewärmt haben, als der Branntwein dies vermochte.«

[29] Das Vieh wird im Herbst und Winter größtentheils durch die zarten
Zweigsprossen von Ahorn, Birken u. s. w. erhalten, die man auf den
frisch gelichteten, brachliegenden Aeckern findet. Man sollte ihnen
aber auch Stroh und andres Futter geben, weil sie anders bei sehr
strenger Witterung sterben.



Siebenter Brief.

 Abreise von Peterborough. -- Canadische Wälder. -- Wagen und Gespann.
 -- Ankunft bei einem Log-Hause an den Ufern des Sees. -- Niederlassung
 und erste Beschäftigungen.


                                                    October 25, 1832.

Ich beginne meinen Brief mit einer Schilderung unsrer Reise durch den
Busch (die Wälder) und so fort, und füge dann unser Thun und Treiben
in und außer dem Hause hinzu. Ich weiß, daß die kleinen, das Hauswesen
betreffenden Umstände für Sie nicht uninteressant sein werden; und
gewiß kann das Auge einer Mutter niemals ermüden, schriftliche
Mittheilungen von der Hand eines abwesenden und geliebten Kindes zu
lesen.

Nach einigen Schwierigkeiten glückte es uns, einen Wagen nebst
Gespann, das ist ein paar starke Pferde, zu miethen, die uns und unser
Gepäcke durch die Wälder an die Ufer eines von den Seen führten, wo
S-- unser wartete. Eine freie Straße war nicht vorhanden sondern blos
ein angedeuteter, mit umgestürzten Bäumen bedeckter und durch einen
großen Moor unterbrochner Pfad auf der einen Seite; in den Moor kann
man knietief einsinken, indeß brauchten wir die Vorsicht, unsern Weg
längs den Stämmen der bemoosten und verwitternden Bäume zu nehmen,
oder auf einem willkommnen Granit- oder Kalkstein-Block zu fußen. Was
in der Busch-Sprache _Blaze_ (angedeuteter Pfad) heißt, ist nichts
weiter als die durch Kerben und Rinden-Abschälung an den Bäumen
vorgezeichnete Straßen-Linie. Die Grenzen der verschiednen Parcellen
sind oft durch einen gekerbten Baum angedeutet, das Nämliche gilt von
den Concessions-Linien[30], allein dergleichen Zeichen sind nicht viel
besser als Wegweiser in einer dunkeln Nacht.

Die Straße, welche wir einschlagen mußten, führte über die Ebnen
von Peterborough, in der Richtung des Flusses, der mich durch seine
Scenerei ungemein ergötzte, wiewohl diese keineswegs von Fruchtbarkeit
zeigt, mit Ausnahme von zwei oder drei umfangsreichen gelichteten
Stellen.

Ungefähr drei englische Meilen über Peterborough windet sich die Straße
auf der Höhe einer steilen Firste hin, deren unterer Theil ganz das
Ansehn hat, früher das Bett eines Seitenzweiges des gewaltigen Flusses,
oder vielleicht eines kleinen Sees, der seinen Kanal verlassen und sich
mit dem Otanabee vereinigt hat, gewesen zu sein.

Auf beiden Seiten dieser Firste ist ein steiler Abhang; zur Rechten
sieht man den Otanabee, der mit großer Gewalt durch sein felsiges
Bett strömt und im Kleinen denen des Laurence ähnliche Stromschnellen
bildet, seine dunkeln Fichten-Wälder verleihen der Scenerei eine höchst
eindrucksvolle Erhabenheit. Zur Linken liegt unten ein anmuthiges
einsammes, mit Epheu, Cedern, Schierlingstannen und Fichten bedecktes
Thal. Durch dieses Thal führt ein Weg zu einer hübschen Meierei,
deren grüne Triften durch das Nichtvorhandensein der abscheulichen
Baumstummel, welche die gelichteten Orte in diesem Theil der Gegend
entstellen, noch angenehmer sind; ein hübscher klarer Bach fließt durch
die niedrige, am Fuße des Berges liegende Wiese, zu welcher herab
ein steiler Pfad dicht neben einer Korn-Mühle führt, die durch das
Wasser des Bachs getrieben wird, gerade an der Stelle, wo er mit den
Flußschnellen zusammen trifft.

Ich nannte diesen Platz »Glen Morrison,« theils zur Erinnerung an die
liebliche Thalschlucht Morrison in den (schottischen) Hochlanden,
theils weil der Ansiedler, dem er gehört, so heißt.

Unsre Fortschritte waren nur langsam, wegen der Unebenheit der
Straße, die mit unzähligen Hindernissen in Gestalt loser Granit-
und Kalkstein-Blöcke, die auf den Ufern des Flusses und der Seen
in Ueberfluß ausgestreut sind, bedeckt ist; nicht zu erwähnen der
umgestürzten Bäume, vorspringenden dicken Wurzeln, Lachen und
Knittel-Brücken, über die der Fahrende, hop, hop, hop wegrumpelt,
bis ihm jedes Glied schmerzt, gleichsam als wäre es ausgerenkt. Ein
erfahrner Busch-Reisender vermeidet manchen harten Stoß, indem er sich
bald erhebt, bald gegen die Seiten seines rohen Fuhrwerks drückt.

Da der Tag vorzüglich schön war, stieg ich oft aus dem Wagen und ging
mit meinem Gatten eine englische Meile und darüber zu Fuße.

Bald verloren wir den Fluß gänzlich aus dem Gesicht und gelangten
in die tiefe Einsamkeit des Waldes, wo nicht ein Laut die fast
grauenvolle, rings um uns herrschende Stille unterbrach. Kaum ein Blatt
oder Ast regte sich, nur dann und wann vernahm unser Ohr das Rauschen
des Windes, der die hohen Häupter der Kiefern und Tannen in Bewegung
setzte und eine rauhe und traurige Cadence erweckte; dies und das
Hämmern des rothköpfigen und grauen Baumhackers gegen die Stämme
der verwitternden Bäume, oder das gellende pfeifende Geschrei des
kleinen gestreiften Eichhörnchens, von den Eingebornen _Tschitmunk_
genannt, waren die einzigen Laute, welche in das Schweigen der Wildniß
hineintönten. Nicht minder befremdete mich die Abwesenheit animalischen
Lebens. Mit Ausnahme des vorerwähnten _Tschitmunk_ kreuzte während
unsrer langen Tage-Reise in den Wäldern kein lebendiges Wesen unsern
Pfad.

  [Illustration: _Ein durch die Urwälder gehauener Pfad._]

In diesen ungeheuern Einöden, sollte man natürlicher Weise meinen,
müsse die Abwesenheit des Menschen einen Ueberfluß an wilden Thieren
erzeugen, insofern diese frei und unbelästigt daselbst hausen, allein
gerade das Gegentheil findet hier statt. Beinahe alle hiesige wilde
Thiere trifft man häufiger in den gelichteten Distrikten als in den
Wäldern. Die Betriebsamkeit des Menschen erleichtert ihre Existenz, sie
können ihre Bedürfnisse in seiner Nähe besser befriedigen als in ihren
dürftigen Wäldern.

Man hört beständig von Verheerungen, welche Wölfe, Bäre, Waschbäre,
Luchse und Füchse in den seit langer Zeit angebauten Theilen der
Provinz angerichtet haben. In den Urwäldern ist die Erscheinung eines
wilden Thieres ein weit seltnerer Umstand.

Hinsichtlich der Waldbäume fand ich meine Erwartungen getäuscht, ich
hatte geglaubt, große bemooste Riesen anzutreffen, fast von gleichem
Alter mit dem Lande selbst und in majestätischem Wuchs den Bäumen
meiner heimathlichen Inseln fast eben so sehr überlegen, als die
ungeheuren Seen und gewaltigen Flüsse Canadas den Teichen und Flüssen
Britaniens überlegen sind.

Es mangelt hier den Wäldern an malerischer Schönheit. Blos die noch
jungen Bäumchen haben einige Ansprüche auf zierliche Formen; indeß
muß ich die Schierlingstanne ausnehmen, deren Wuchs äußerst schön
und schlank ist, und die durch ihr liebliches muntres Grün das Auge
erfreut. Selbst wenn der Winter den Wald seines Laubes entkleidet,
bleibt sie ein schöner grünender Baum. Die jungen Buchen nehmen
sich ebenfalls recht hübsch aus; allein man vermißt jene schattigen
Laub-Gewölbe, die in unsern heimathlichen Parken und Wäldern so
entzückend und romantisch sind.

Die canadischen Wälder entbehren jenes Ansehn ehrwürdigen Alterthums.
Hier giebt es keine weitspreizigen Eichen, welche man die Patriarchen
des Waldes nennen könnte. Ein frühzeitiges Absterben scheint ihr Loos
zu sein. Sie werden vom Sturme entwurzelt und sinken in ihrer ersten
Reife zu Boden, um einer neuen Generation zu weichen, welche bestimmt
ist, ihre Stelle auszufüllen.

Die Tannen und Fichten sind unstreitig die schönsten Bäume. Was Größe
anlangt, werden sie von keinem übertroffen. Sie thürmen sich über alle
andere Bäume empor, eine dunkle Linie bildend, die man in meilenweiter
Entfernung unterscheiden kann. Aber gerade ihre Höhe ist schuld daran,
daß sie vor ihren Brüdern dem Ungestüm der Winde nachgeben, da ihre
Gipfel der vollen und ungebrochnen Gewalt des Luftstroms ausgesetzt
sind; daher kommt es, daß der Boden stets mit den verwitternden Stämmen
riesenhafter Tannen und Fichten bestreut ist. Desgleichen scheinen sie
der innern Verderbniß und der Verheerung durch Blitzstrahl und Feuer
mehr ausgesetzt zu sein als andre Bäume.

Wie viel ich auch von der schlechten Beschaffenheit der Straßen Canadas
gelesen und gehört hatte, so war ich doch auf keine solche vorbereitet,
wie wir an diesem Tage bereisten; für wahr, sie verdient kaum den Namen
einer Straße, sie ist nichts weiter als ein durch den Wald gelichteter
Pfad. Die Bäume sind umgehauen und auf die Seite gelegt, um einen Wagen
passiren zu lassen.

Die Moräste und kleinen Waldbäche, welche gelegentlich den Weg
unterbrechen, sind durch dicht neben einander gelegte Baumstämme
passirbar gemacht; das furchige und streifige Ansehen dieser Brücken
hat ihnen, nicht unpassend den Namen Corduroy (geripptes Zeug)
verschafft.

Ueber diese abscheulichen Corduroys (Knüttelbrücken) rumpelt der
Wagen, von Scheit zu Scheit springend, mit Stößen, wozu man gute Miene
machen muß. Können Sie dergleichen Hoppas und Erschütterungen ohne ein
saures Gesicht ertragen, so übertrifft Ihre Geduld und philosophische
Gleichmuth die meinige bei weitem; bisweilen lachte ich, weil ich nicht
weinen mochte.

Denken Sie sich Ihre Tochter auf Säcken, Koffern und allerlei Packeten
sitzend, und dies in einem Wagen, der nicht viel besser war als ein
grob aus Tannenholz gezimmerter, auf Räder gesetzter Kasten; die
Seiten davon waren blos mit Pflöcken befestigt, so daß ich mich in
eben keiner behaglichen Lage befand, da die nur erwähnten Seitentheile
beständig heraus sprangen. Gerade inmitten einer tiefen Koth-Lache
brach das vordere Schutzbret ab, und mit ihm zugleich purzelte unser
Wagenlenker, in Folge des erhaltnen Stoßes, in den Koth, der arme
Teufel, wußte gar nicht, wie ihm geschehn, als er sich plötzlich in
einen Morast versetzt sah. Was mich anlangt, so blieb ich, weil ich
nichts dabei thun konnte, ruhig auf meinem Sitze und erwartete geduldig
die Wiederkehr der Ordnung. Diese war bald hergestellt, und alles ging
eine Weile wieder gut, bis wir gegen einen gewaltigen Fichten-Stamm
anfuhren, welcher dem schlecht gezimmerten Wagen einen solchen Stoß
versetzte, daß eins von den Bretern, die den Fußboden bildeten, und mit
diesen ein Sack Mehl und ein andrer mit eingesalznem Schweinfleisch,
beide auf ihrer Wanderung nach dem Hause eines Ansiedlers begriffen, an
dessen Niederlassung unser Weg vorbei führte, herabtanzten. Ein guter
Wagenlenker läßt sich indeß selten durch dergleichen Kleinigkeiten
entmuthigen.

Er ist oder sollte mit einer Axt versehen sein. Jede Karre, jeder
Wagen, mit einem Wort, jede Art Reise-Fuhrwerk sollte ein dergleichen
Werkzeug führen; da Niemand die Hindernisse voraussehen kann, die sich
seinen Fortschritten im Busche wiedersetzen dürften.

Den Unfällen, welche uns betrafen, ließ sich zum Glück leicht begegnen.
Die Seitentheile erheischten blos einen starken Pflock, und die losen
Breter des Fußbodens waren bald wieder befestigt, worauf es abermals
über Wurzeln, Baumstummel, Steine, Löcher und Knüttelbrücken wegging;
und der Wagen, nach wie vor, bald an einen noch stehenden Stamm stieß
und bald über einen umgestürzten Baum wegrumpelte, und wir dabei
natürlicher Weise einen Stoß auszuhalten hatten, der ein leichteres
Fuhrwerk, als ein canadischer Wagen ist (?), gewiß zertrümmert haben
würde; jedenfalls ist letztrer für Straßen, wie man sie im Busche
findet, auf eine bewundernswürdige Weise geeignet.

Die Klugheit der Pferde in diesem Lande verdient wirklich Bewunderung.
Ihre Geduld in Ueberwindung der Schwierigkeiten, welchen sie zu
begegnen haben, ihre Geschicklichkeit in Vermeidung von Steinen
und Löchern, und ihr sicheres Fußen auf den runden, schlüpfrigen
Baumstämmen der Scheit-Brücken (^Log-bridges^) macht sie äußerst
schätzbar. Was ihnen an Geist und Schnelligkeit, wodurch sich unsre
(englische) Rasse-Pferde auszeichnen, gebricht, ersetzen sie reichlich
durch ihre Sanftmuth, Stärke und Geduld. Dies sind in der That große
Vorzüge, und zum Reisen auf solchen Wegen, wie der eben geschilderte,
sind sie, die Sicherheit des Kutschers und der Passagire anlangend,
unentbehrlich und würden durch kein brittisches Pferd ersetzt werden
können. Uebrigens mangelt es den canadischen Pferden, bei gutem
Futter und gehöriger Pflege, keineswegs an schöner Farbe, Größe oder
zierlicher Form. Zum Fortschaffen der gefällten Baumstämme braucht man
sie selten, hierzu so wie zu allen rohen und schweren Arbeiten zieht
man den Ochsen vor.

Eben als uns die zunehmende Dunkelheit des Waldes an die Annäherung des
Abends erinnerte, und ich müde und hungrig zu werden begann, äußerte
unser Wagenlenker, mit einiger Beschämung, er fürchte, daß er den
rechten Weg verfehlt habe, wie aber, wisse er nicht, da er doch nur
einen Pfad vor sich sehe.

Wir waren ungefähr zwei englische Meilen von der letzten Ansiedlung
entfernt, sollten aber, wie er sagte, wofern wir uns auf dem rechten
Wege befänden, im Angesicht des Sees sein. Wir kamen, als das Beste,
was wir thun konnten, dahin überein, daß, während wir nebst dem
Fuhrwerk zurück blieben, er selbst vorwärts gehen und erforschen
sollte, ob wir in der Nähe des Wassers wären, und daß wir, wenn sich
das Gegentheil ergäbe, nach dem Hause, an welchem wir vorbei gekommen,
zurückkehren und nach dem rechten Wege fragen wollten.

Nachdem er wohl eine halbe englische Meile weit vorwärts gelaufen,
kehrte er mit niedergeschlagner Miene zurück, erklärend, daß wir
uns jedenfalls verirrt hätten, da er nirgends Wasser gesehen, und
die Straße, auf der wir uns befänden, sich in einen Cedern-Moor zu
endigen scheine. Denn je weiter er gekommen, desto dichter hätten die
Schierlingstannen und Cedern gestanden; da wir nun kein Verlangen
fühlten, unsre Ansiedlung mit einer Nachtherberge in einem Moraste zu
beginnen, wo, wie sich unser Führer ausdrückte, die Cedern so dicht
standen, wie die Haare auf einem Katzenrücken, so beschlossen wir, nach
der bezeichneten Stelle zurückzukehren.

Nach einigen Schwierigkeiten war der Rumpelwagen umgelenkt, und wir
begannen langsam unsern Rückzug. Kaum hatten wir eine halbe englische
Meile zurück gelegt, als ein Knabe des Weges daher kam und uns sagte,
wir möchten nur immer wieder umkehren, da kein andrer Weg nach dem See
führe; diesem Rathe fügte er etwas spöttisch die Bemerkung hinzu:
»Hättet Ihr den Busch so gut gekannt, wie ich ihn kenne, so würdet
Ihr nicht so einfältig gewesen sein, wieder umzulenken, da Ihr doch
auf dem rechten Wege waret. Es weiß ja jedes Kind, daß die Cedern und
Schierlings-Tannen, je näher dem Wasser, desto dichter wachsen; jetzt
müßt Ihr zu eurer Strafe den nämlichen Weg noch einmal machen.«

Es war finster, und nur die Sterne funkelten mit mehr als gewöhnlichem
Glanze, als wir plötzlich aus dem tiefen Walddunkel an die Ufer eines
schönen kleinen Sees hervortauchten, der uns zufolge des Contrastes
der dunkeln Laubmassen, die über ihn herabhingen, und der thurmhohen
Fichten, die ihn umgeben, um so heller erschien.

Hier auf einem großen, mit einem weichen Mooskissen bedeckten
Kalkstein-Block, unter dem Schatten von Cedern, die den See bekränzen,
-- umgeben von Koffern, Kisten, Schachteln und Gepäck, die der Fuhrmann
eilig vom Wagen geworfen, saß ich in angstvoller Erwartung einer
antwortenden Stimme auf das lange und wiederholte Hollarufen meines
Gatten.

Als aber das Echo seiner Stimme verhallt war, hörten wir nichts als
das Brausen der Stromschnellen und das ferne und wilde Rauschen eines
Wasserfalls, ungefähr eine halbe englische Meile unterhalb der letztern.

Nirgends konnten wir eine Spur von menschlichen Wohnungen, nirgends den
tröstlichen Schimmer eines Lichtes vom Ufer her gewahren. Vergebens
strengten wir unsre Ohren an, das Plätschern des Ruders oder den
willkommnen Klang einer menschlichen Stimme oder das Bellen eines
Haushundes zu vernehmen, und hierdurch Gewißheit zu erlangen, daß wir
die Nacht nicht in dem einsamen Walde zubringen würden.

Wir fürchteten jetzt, daß wir wirklich den Weg verloren. An einen
Versuch, ohne Führer durch das wachsende Dunkel des Waldes in
Aufsuchung der rechten Straße zurückzukehren, war nicht zu denken,
denn diese war so undeutlich, daß wir uns bald in dem Dickicht verirrt
haben würden. Das letzte Knarren der Wagen-Räder erstarb allmälig in
unsern Ohren, das Fuhrwerk einzuhohlen würde uns unmöglich gewesen
sein. Unter diesen Umständen bat mich mein Gatte, ruhig zu bleiben, wo
ich war, während er sich selbst durch das dicht verschränkte Buschholz
längs dem Ufer arbeitete, in der Hoffnung, eine Spur von dem Hause,
welches wir suchten, und das, seiner Vermuthung nach, in der Nähe sein
mußte, wahrscheinlich aber durch eine dichte Baum-Masse unsern Augen
verborgen war, zu erblicken.

Als ich so, von den Schatten der Nacht umhüllt, schweigend im Walde
zubrachte, wanderten meine Gedanken allmälig über den atlantischen
Ocean zu meiner theuren Mutter, zu meiner alten Heimath zurück; ich
dachte mir Ihre Gefühle, wenn sie mich in diesem Augenblick hätten
sehen können, wie ich so einsam und in tiefem Schweigen auf dem alten
bemoosten Steine in der waldigen Wildniß saß, viele hundert Meilen von
allen jenen heiligen Banden der Blutsverwandtschaft, von jenen Scenen
und Erinnerungen der Kindheit entfernt, welche die Heimath jedem so
theuer machen. Es war ein Augenblick, der mich ganz die Wichtigkeit
des Schrittes fühlen ließ, den ich gethan, als ich freiwillig das
Loos eines Emigranten theilte -- mein Geburtsland verließ, das ich
aller Wahrscheinlichkeit nach nie wiedersehen dürfte. Allein so groß
das Opfer war, fühlte ich doch selbst in diesem Augenblick, in meiner
seltsamen Lage, keine Reue, keine Entmuthigung. Heiliger Friede zog in
mein Herz ein, beschwichtigte meine aufgeregten Gefühle und versetzte
meinen Geist in eine Ruhe und Stille, die eben so ungetrübt und
ungestört waren, wie die sich zu meinen Füßen ausbreitende Wasserfläche.

Meine Träumerei wurde durch das leichte Plätschern eines Ruders
unterbrochen, und ein heller Lichtschein ließ mich einen über den See
gleitenden Nachen erblicken. Nach wenigen Minuten grüßte mich eine
wohlbekannte, freundliche Stimme, während die kleine Barke zwischen
den Cedern gerade zu meinen Füßen angelegt wurde. Mein treuer Gefährte
hatte einen vorspringenden Winkel des Ufers gewonnen und von da aus
den willkommnen Schimmer des Holzfeuers in dem Log-Hause gesehn, nach
einigen Schwierigkeiten war es ihm gelungen, die Aufmerksamkeit seiner
Bewohner zu erregen. Man hatte daselbst die Hoffnung, daß wir an diesem
Tage eintreffen würden, längst aufgegeben, und unser erstes Rufen und
Pfeifen war fälschlich für das ferne Geläute von Kuhglocken im Walde
genommen worden; dies war an dem Aufschub schuld, der uns in so große
Verlegenheit gebracht hatte.

An dem hellen, auf dem Heerde des Log-Hauses, worin S-- mit seiner
Gattin recht bequem wohnte, lodernden Feuer, vergaßen wir bald unsre
ermüdende Wanderung. Ich wurde der Dame vom Hause gebührender Maßen
vorgestellt, und trotz allen Einwürfen von Seiten der zärtlichen und
besorgten Mutter wurden drei schlummernde Kinder, eins nach dem andern,
aus ihren Wiegen genommen und von dem stolzen und entzückten Vater den
Gästen gezeigt.

Wir wurden mit jener Zuvorkommenheit und Innigkeit willkommen geheißen,
die dem Herzen so wohlthätig ist, die Begrüßung war eben so aufrichtig
als liebreich. Kein Mittel blieb unversucht, unsre einstweilige
Einrichtung so bequem als möglich zu machen, und wenn sie auch der
Eleganz entbehrte, woran wir in England gewöhnt gewesen, so fehlte es
ihr doch nicht an ländlicher Behaglichkeit; jedenfalls war sie von der
Art, wie sie sich Ansiedler ersten Ranges nur immer wünschen können,
und gewiß sind viele derselben zu Anfange nicht halb so gut logirt
gewesen, als wir es gegenwärtig sind.

In der That können wir uns glücklich schätzen, daß wir nicht sogleich
die rohe Shanty zu beziehen brauchen, welche ich Ihnen als die einzige
Wohnstätte auf unserm Grund und Boden geschildert habe. Diese Prüfung
unsers Muthes hat uns S-- gütig erspart, der durchaus darauf bestand,
daß wir so lange unter seinem gastlichen Dache bleiben sollten, bis
unser eignes Haus fertig und beziehbar sein würde. Hier also sind wir
zur Zeit _fixirt_[31], wie sich die Canadier ausdrücken; und wenn ich
auch manche kleine Bequemlichkeiten und Luxusgegenstände entbehre, so
erfreue ich mich doch einer trefflichen Gesundheit und eines frischen
Lebensmuthes, und fühle mich in der Gesellschaft meiner Umgebung
wahrhaft glücklich.

Die Kinder sind bereits ganz in mich vernarrt. Sie haben meine
Leidenschaft für Blumen entdeckt und suchen danach zwischen den
Baumstummeln und längs dem Seeufer, um sie mir zu überbringen. Ich
habe eine Sammlung angefangen, und obgleich die Jahreszeit schon weit
vorgeschritten ist, so kann sich mein Herbarium doch mancher schönen
Farnkräuter rühmen; desgleichen enthält es das gelbe canadische
Veilchen, welches zweimal im Jahre, nämlich im Frühling und Herbst[32]
blüht; zwei Herbst-Maßlieben, (^Michaelmas daesies^), wie man hier die
strauchartigen Astern nennt, deren Varietäten sehr zierlich sind; und
eine Ranke der Fichten-Guirlande (^festoon pine^), ein allerliebstes
Immergrün mit kriechenden Stengeln, die drei bis vier Yards auf der
Erde hinlaufen. Es sendet in Entfernungen von fünf bis sechs Zoll
gerade, steife, grüne Stengel nach oben und gleicht hinsichtlich
seiner dunkeln, glänzend grünen, spelzartigen Blätter einigen unsrer
Haide-Arten. Die Amerikaner schmücken ihre Fenster und Spiegel mit
Guirlanden von dieser Pflanze und den getrockneten Blumen der oben
erwähnten Immortelle (^life everlasting^); wir nennen diese hübschen
weißen und gelben Blumen ^Love everlasting^ (ewige Liebe). Auf meinen
Wanderungen im Walde unfern des Hauses habe ich ein kriechendes Gewächs
entdeckt, welches ziemliche Aehnlichkeit mit der Ceder hat und nicht
unpassend mit dem Namen der kriechenden Ceder (^ground or creeping
cedar^) bezeichnet werden könnte.

Da sehr Viel von der Flora dieser unangebauten Theile des Landes dem
Naturkundigen unbekannt ist, und die Pflanzen ganz namenlos (?) sind,
so nehme ich mir die Freiheit, ihnen nach Neigung oder Laune Namen zu
geben. Allein indem ich von Pflanzen und Blumen schreibe, vergesse ich,
daß Sie lieber von den Schritten hören dürften, die wir auf unserm
Grundeigenthum gethan haben.

Mein Gatte hat Leute zum Aufschichten (^log^) des Holzes, das ist die
Zusammenlegung der gefällten Bäume in Haufen und deren Verbrennung,
so wie auch zur Lichtung eines Platzes für ein zu erbauendes Haus
gemiethet. Er hat auch einen Vertrag mit einem jungen Ansiedler in
der Nachbarschaft geschlossen, wonach dieser sich anheischig macht,
unsre künftige Wohnung für eine bestimmte Summe, einem bestimmten
Plan gemäß, von außen und innen völlig in Stand zu setzen. Wir
werden indeß »_die Biene_« rufen und für alles sorgen, was zur
Unterhaltung unsers würdigen _Bienenstocks_ erforderlich ist. Nun
müssen Sie wissen daß eine _Biene_ in amerikanischer Sprechweise
oder Phraseologie, jene freundschaftliche Vereinigung von Nachbarn
bedeutet, die nach erhaltener Aufforderung sich versammeln, um die
Wände eines Hauses, einer Shanty, Scheune oder irgend eines andern
Gebäudes aufzurichten: dies ist eine »aufrichtende Biene,« (^raising
bee^). Außerdem giebt es ^logging bees^, welche die gefällten Bäume
zusammenschichten und verbrennen; ^husking bees^, die von den Stämmen
die Rinde abschälen; ^chopping bees^, welche den Boden lichten, u. s.
w. Die Beschaffenheit der zu verrichtenden Arbeit giebt der Biene
den Namen. In den volkreichen, seit langer Zeit angebauten Distrikten
findet dieses Verfahren nur selten statt, allein es ist von großem
Nutzen und für neue Ansiedler in abgelegnen Stadtbezirken, wo die
Arbeitslöhne verhältnißmäßig hoch und Arbeiter schwer zu erlangen sind,
unentbehrlich.

Denken Sie sich die Lage eines Auswandrers, der mit Weib und Kindern,
welche letztre möglicher Weise noch zu klein sind, um ihm im Fällen
und Wegräumen der Bäume, Errichtung einer Wohnstätte u. s. w. den
geringsten Beistand leisten zu können, auf einer Parzelle wilden Landes
anlangt, wie traurig muß dieselbe sein, wofern er nicht schnelle und
thätige Hülfe von seinen nächsten Umgebungen erhält.

Dieses lobenswerthe Verfahren ist ein Erzeugniß der Nothwendigkeit, das
jedoch auch seine Nachtheile hat, als z. B. wenn die Zusammenberufung
behufs einer Gegenhülfe zu einer den übrigen Ansiedlern ungelegnen
Zeit geschieht; indeß ist es eine unerläßliche Pflicht, freudig und
willig den Zoll der Dankbarkeit zu entrichten, und es wird in der That
als eine Ehrenschuld betrachtet; man kann nicht gezwungen werden, zur
Vergeltung des erhaltnen Beistandes einer dergleichen Versammlung
(^bee^) beizuwohnen, aber gewiß wird sich keiner, wenn es nur irgend
möglich ist, und wofern ihn nicht dringende Umstände abhalten,
weigern, dieses zu thun; und ist man nicht im Stande, persönlich zu
erscheinen, so kann man einen Dienstboten oder Ersatzmann, oder, wenn
man dergleichen hat, auch Zugvieh senden.

In keiner Lage und unter keinerlei andern Umständen zeigt sich das
Gleichheits-System Amerikas in einem so vortheilhaften Lichte als bei
dergleichen Zusammenkünften. Alle Unterschiede, die Rang, Erziehung
und Reichthum ertheilen, werden für die Zeit freiwillig auf die
Seite gesetzt. Der wohlerzogne Sohn des Edelmanns, und der des armen
Handwerkers, Offiziere und Gemeine, der unabhängige Ansiedler und
der Tagelöhner vereinigen sich freudig und ohne Widerspruch zu einem
gemeinschaftlichen Werke. Jeder fühlt sich von dem wohlwollenden
Verlangen getrieben, dem Hülflosen zu helfen und seine Kräfte zur
Errichtung einer Wohnstätte für den Obdachlosen zu verwenden.

Gegenwärtig ist erst ein so kleiner Theil Wald auf unsrer Parcelle
gelichtet, daß ich wenig oder nichts von dem Platze, wo wir uns
häuslich niedergelassen, sagen kann, nur so viel will ich bemerken, daß
er an eine schöne Wasserfläche stößt, welche eins von den Gliedern der
Otanabee-See-Kette bildet. Das nächstemal sollen Sie jedenfalls eine
ausführlichere Schilderung erhalten.

                               Vor der Hand sage ich Ihnen Lebewohl!

Fußnoten:

[30] Diese Concessions-Linien sind gewisse Abtheilungen der
abgesteckten Stadtbezirke; diese sind wieder in eben so viele Parcellen
von 200 Morgen getheilt. Die Concessions-Linien pflegten durch weite,
durch den Wald gehauene Alleen bezeichnet zu werden, so daß sie eine
Communication zwischen den einzelnen Abtheilungen bildeten, allein
dieser Plan machte zu viel Arbeit; in wenigen Jahren schossen junge
Bäumchen auf und verschlossen den gelichteten Pfad dergestalt, daß
er von geringem Nutzen war. Die Grenzen der neuerdings abgesteckten
Stadt-Bezirke sind blos durch gekerbte Bäume bezeichnet.

[31] ^Fixed^ (einlogirt).

[32] ^In the fall^, wie die Canadier den Herbst ausdrucksvoll
zu bezeichnen pflegen.



Achter Brief.

 Unannehmlichkeiten, die mit einer noch neuen Ansiedlung verbunden
 sind. -- Schwierigkeit, Nahrungsmittel und andre nöthige Artikel
 zu erlangen. -- Schneesturm und Orkan. -- Indianischer Sommer und
 Eintritt des Winters. -- Verfahren bei Lichtung des Bodens.


                                               November 20, 1832.

Unser Log-Haus ist jetzt zwar noch nicht fertig, schreitet aber seiner
Vollendung rasch entgegen. Wir wohnen immer noch unter S-- gastlichem
Hause, da dies die erste Ansiedlung auf ihrem Boden ist, so haben sie,
gleich allen übrigen Ansiedlern in den Urwäldern, im laufenden Jahre
noch mancher Schwierigkeit zu begegnen. Sie besitzen ein schönes,
trefflich gelegnes Stück Land; und S-- lacht zu den gegenwärtigen
Entbehrungen, welchen er einen heitern Muth und eine Entschlossenheit
entgegengesetzt, die ganz geeignet sind, über jede Schwierigkeit zu
siegen. Sie sind jetzt im Begriff, ein größeres und bequemeres Haus zu
beziehen, welches in diesem Herbste (^fall^) erbaut ist, und werden uns
die einstweilige Benutzung des alten bis zur Vollendung unsers eignen
überlassen.

Wir fangen bereits an, uns mit unserm Robinson-Leben zu versöhnen, und
der Gedanke, daß die gegenwärtigen Uebel blos vorübergehend sind, läßt
uns frohen Muthes jedem Hinderniß trotzen.

Eine der größten Unannehmlichkeiten, womit wir zu kämpfen haben, beruht
auf der schlechten Beschaffenheit der Straßen, und unsrer großen
Entfernung von jedem Dorfe und jeder Stadt, woher wir unsre Bedürfnisse
beziehen. Bis dahin, wo wir unser eignes Getreide erbauen und unser
eignen Schweine, Schafe und Federvieh werden mästen können, müssen
wir alle Nahrungsmittel von den Vorrathshändlern kaufen, wozu noch
kommt, daß die Herbeischaffung derselben mit beträchtlichen Unkosten
und Zeitverlust verbunden ist, da der Transport auf unsern trefflichen
Buschstraßen geschieht, die, um mich der Worte einer armen Irländerin
zu bedienen, nicht schlechter sein können. »Ach Madam,« sagte sie, »die
sind wahrlich schlecht genug und können nicht schlechter sein, sie sind
wahrlich nicht so ilgant (elegant) als unsre Straßen in Irland.«

Bestellen wir mehre Gewürze zu gleicher Zeit und lassen dieselben
mit der nächsten Gelegenheit von Ort und Stelle abgehen, so finden
wir, wenn der Wagen anlangt, bei Untersuchung unsrer Vorräthe, Reis,
Zucker, Korinthen, Pfeffer und Senf alles zu einem Chaos durcheinander
gewirrt. Was meinen Sie zu einem Reis-Pudding, das tüchtig mit Pfeffer
und vielleicht auch mit etwas Rappee und dergleichen, um die Sauce
piquanter zu machen, durchwürzt ist. Ich denke das Recept würde in
^Cook's Oracle^ oder ^Mrs. Dalgairn's Practice of Cookery^[33] unter
dem originellen Titel: _Busch-Pudding_, Figur machen.

Aber Wehe und Verderben den irdnen Waaren, welche zufällig über die
holprichten Straßen wandern. Glücklich kann man sich in der That
preisen, wenn in Folge vorzüglicher Geschicklichkeit und Sorgfalt des
Packers, mehr als die Hälfte unzertrümmert anlangt. Gegen dergleichen
Unfälle haben wir keine Abhülfe. Der Waarenhändler schiebt die Schuld
auf den Fuhrmann, und der Fuhrmann auf die schlechten Straßen, sich
wundernd, wie er selbst während seiner Fahrt durch den Busch mit heiler
Haut und ganzen Gliedmaßen davon gekommen.

Wir leben jetzt in der schlimmsten Jahres-Zeit, der Eintritt und
Ausgang des Winters machen dem Ansiedler viel zu schaffen. Kein andres
Fuhrwerk als ein mit Ochsen bespannter Wagen, und auch dieser nicht
ohne Schwierigkeit, kann die Straße passiren und braucht zur Vollendung
seines Weges zwei ganze Tage; das Schlimmste dabei ist, daß man die
nöthigsten Artikel bisweilen um keinen Preis erlangen kann.

Sie sehen aus allem, daß ein Busch-Siedler nicht blos auf alle
Luxus-Gegenstände und Leckereien der Tafel, sondern bisweilen sogar auf
die nöthigsten Lebensbedürfnisse Verzicht leisten muß.

Zu einer Zeit ist kein Schweinfleisch zu haben; zu einer andern
herrscht Mangel an Mehl, vielleicht in Folge eines Umstandes, der die
Mühle außer Gang gesetzt hat, oder weil es an Weizen zum Mahlen fehlt;
oder Witterung und schlechte Wege hindern die Ankunft des Wagens oder
den Abgang von Leuten zur Herbeischaffung des Nöthigen. In diesem Falle
muß man seine Zuflucht zu einem Nachbar nehmen, vorausgesetzt, daß
man so glücklich ist, einen solchen in der Nähe zu haben, -- und im
schlimmsten Fall muß man sich mit Kartoffeln begnügen. Die Kartoffel
ist hier in der That ein großer Segen, neue Ansiedler würden ohne sie
oft in eine unangenehme Lage gerathen, und der arme Mann und seine
Familie, die ohne andre Hülfsmittel sind, müßten, hätten sie die
Kartoffel nicht, verhungern.

Einmal war unser Thee-Vorrath ausgegangen, und wir konnten nirgends
dergleichen erhalten. In dieser Verlegenheit würde Milch oder
Kaffee ein treffliches Ersatzmittel gewesen sein, wofern wir im
Besitz davon gewesen wären; allein wir hatten weder das Eine noch
das Andre, und so mußten wir zu Yankie-Thee -- einem Absud von
Schierlings-Tannen-Sprossen, unsre Zuflucht nehmen. Dies war für meinen
Geschmack ein sehr schlechtes Getränk, wiewohl ich ein Kraut in dem
Thee entdeckte, welches in London das Pfund zu fünf Schilling verkauft
wird, und nichts anders sein kann als getrocknete und pulverisirte
Schierlings-Tannen-Blätter.

S-- lachte über unsre sauren Gesichter und erklärte den Trank für
vortrefflich; auch ging er uns allen mit einem guten Beispiel voran,
indem er sechs Tassen von diesem ächten Wald-Thee hinterschlürfte. Doch
gelang es seiner Beredtsamkeit nicht, einen von uns zu bekehren, wir
mochten seiner Versicherung, daß er blos jungen Hyson-Thee nachstehe,
keinen Glauben beimessen und erwiederten auf seine Bemerkung, daß
derselbe mit seinen andern guten Eigenschaften medicinische Tugenden
verbinde, er sei wie alle Arzneien, dem Gaumen sehr zuwieder.

»Nach allem,« sagte S-- mit einer gedankenvollen Miene, »verdanken
sowohl die Segnungen als die Uebel dieses Lebens ihre Hauptwirkung
der Stärke des Contrastes und müssen demnach hauptsächlich geschätzt
werden. Wir würden die Genüsse, deren wir uns erfreuen, nicht halb
so hoch schätzen, wenn wir ihrer nicht zuweilen entbehrten. Wie
groß dürften uns die Annehmlichkeiten einer völlig gelichteten und
gut angebauten Meierei erscheinen, wenn uns außer den nöthigen
Lebensbedürfnissen noch manche Luxus-Gegenstände zu Gebote stehen
werden.«

»Und wie wird uns grüner Thee nach diesem abscheulichen Getränk
behagen,« bemerkte ich.

»Sehr wahr, und ein bequemes Haus, ein niedlicher Garten, schöne Weiden
nach diesen dunkeln Wäldern, Loghäusern und völligem Mangel an Gärten.«

»Und das Nichtvorhandensein der abscheulichen Baumstummel,« fügte ich
hinzu. »Gewiß! glauben Sie mir meine Theure, Ihr canadisches Landgut
wird Ihnen mit der Zeit, nach vollendeter Cultur des Bodens, als
ein wahres Paradies erschienen, und Sie werden mit desto größerm
Vergnügen und Stolz darauf blicken, wenn Sie sich erinnern, daß es
einst eine Wüstenei war, die sich durch die Wirkungen von Fleiß und
wohl angewendeten Mitteln in fruchtbare Felder verwandelt hat. Jede
Annehmlichkeit, die Sie um sich her erzeugen, wird Ihr Glück vermehren;
jede Verbesserung in oder außer dem Hause wird ein Gefühl von
Dankbarkeit und Entzücken in Ihrem Herzen erzeugen, wovon diejenigen,
welche stets in Ueberfluß und Wohlleben schwelgen oder auch nur die
gewöhnlichsten Vortheile der Civilisirung genießen, nichts wissen. Mein
Wahlspruch ist, »Hoffnung! Entschlossenheit! und Ausdauer!«

»Dies,« sagt mein Gatte, »ist wahre Philosophie, und sie wirkt um so
nachdrücklicher, weil Sie ihre Wahrheit durch die That beweisen.«

Ich hatte sehr auf den indianischen Sommer (Nachsommer) gezählt, wovon
ich so entzückende Schilderungen gelesen, allein ich muß gestehen, daß
derselbe weit hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben ist. Gleich
zu Anfange dieses Monats (November) hatten wir drei oder vier warme,
trübe, mehr drückende und schwüle Tage. Die Sonne schimmerte roth durch
die neblichte Atmosphäre, die seltsam gestalteten Wolken, welche in
rauchartigen wellenförmigen Massen am Himmel hingen, mit saffrangelbem
und blaß carmosinrothem Lichte färbend, gerade so wie ich dergleichen
an einem heißen schwülen Frühlings-Morgen gesehen habe.

»Nicht ein Lüftchen kräuselte die Wasserfläche, nicht ein Blatt (denn
die Blätter waren noch nicht alle gefallen) regte sich. Diese völlige
Stockung der Luft ward plötzlich durch einen heftigen Sturmwind mit
Schneegestöber unterbrochen, welcher ohne alle Vorzeichen heranbrauste.
Ich stand in der Nähe einer hohen Fichten-Gruppe, die man inmitten
des gelichteten Bodens hatte stehen lassen, und sammelte eben einige
carmosinrothe Flechten (Lichenen); S-- befand sich nur einige Schritt
von mir, mit einem Gespann Ochsen, welche Brennholz zogen. Auf einmal
vernahmen wir ein fernes hohles Rauschen, das mit jedem Augenblick
zunahm, die Luft rings um uns her war vollkommen ruhig. Ich blickte
empor und sah die bisher so regungslosen Wolken mit erstaunlicher
Schnelligkeit in verschiednen Richtungen sich fortbewegen. Ein dichtes
Dunkel verbreitete sich über den Himmel. S--, der ämsig mit den Ochsen
beschäftigt gewesen, hatte nicht gleich bemerkt, daß ich ihm so nahe
war, und rief mir jetzt zu, daß ich so schnell als möglich das Haus
oder eine freie Stelle, fern von den Fichten, zu erreichen suchen
möchte. Unwillkührlich wendete ich mich dem Hause zu, während das
donnernde Getös der in allen Richtungen niederstürzenden Bäume, das
Herabprasseln der Aeste von den Fichten, die ich so eben verlassen, das
Brausen der Windsbraut, welche über den See herabraste, mich die Gefahr
erkennen ließen, die mir gedroht hatte.

Die brechenden Aeste der Fichten, welche, vom Sturme fortgeführt, über
mir umherwirbelten, verfinsterten die Luft; dann kam das blindmachende
Schneegestöber; allein Gott sei Dank! ich konnte den Fortschritten des
Unwetters in Sicherheit zusehen, da ich die Schwelle unsers Hauses
gewonnen. Der Ochsentreiber hatte sich mit dem Gesicht auf die Erde
geworfen, während die armen Thiere in Demuth ihre Köpfe niederhielten
und geduldig den Ausgang des schonungslos wüthenden Sturmes abwarteten.
S--, mein Gatte und alles, was zum Haushalt gehörte, hatte sich in
eine Gruppe vereint und bewachte mit ängstlicher Spannung das wilde
Toben der in Aufruhr begriffnen Elemente. Nicht ein Blatt blieb an den
Bäumen, als der Orcan ausgewüthet, standen sie nackt und kahl da. So
endete die kurze Herrschaft des indianischen Sommers[34].

  [Illustration: _Neu gelichtetes Land._]

Meiner Ansicht nach ist die Meinung, welche einige Reisende hegen,
daß nämlich der indianische Sommer durch das jährliche Abbrennen
von Wäldern seitens derjenigen Indianer erzeugt werde, welche die
undurchforschten Gegenden jenseits der größern Seen bewohnen,
ungegründet. Man denke sich nur, welche ungeheure Waldstrecken jährlich
in Flammen aufgehen müßten, um einen Einfluß auf ziemlich das ganze
Continent von Nordamerika zu üben; übrigens finden die Waldbrände
zu der Zeit im Jahre statt, wo das Feuer, wegen der durch die
Herbst-Regengüsse bewirkten Feuchtigkeit des Bodens nicht leicht stark
um sich greift.

Ich möchte vielmehr die besondre Wärme und schwüle düstre
Beschaffenheit der Luft der Gährung jener ungeheuren Masse
vegetabilischen Stoffs zuschreiben, welche während der letzten Hälfte
des Octobers in Zersetzung begriffen ist. Einige haben die Vermuthung
aufgestellt, daß eine große Veränderung hinsichtlich dieser Jahreszeit
stattfinden werde, indem die fortschreitende Lichtung des Landes die
Quantität verwitternder Vegetabilien fortwährend vermindere. Ja ich
habe gehört, daß von denjenigen, welche seit langer Zeit mit dem
amerikanischen Festlande bekannt sind, in der fraglichen Beziehung
schon ein ziemlicher Unterschied bemerkt werde.

Bisher sind meine Erfahrungen, das Klima anlangend, günstig gewesen.
Der Herbst war recht schön, obwohl die Fröste zeitig im September
eintraten, anfangs waren sie gelind und kaum des Morgens fühlbar; aber
gegen den October zeigten sie sich schon strenger und dauernder. Allein
wenn auch die eine Hälfte des Tages kalt ist, so sind doch die Mittags-
und Nachmittags-Stunden warm und angenehm.

Wir fühlen bereits den strengen Eintritt des Winters. Er begann
entschieden mit dem Ende des indianischen Sommers. Der November
gleicht bei weitem nicht demselben Monat in der Heimath (England).
Die erste Hälfte war mild und warm, die letzte kalt, von scharfen
Frösten und gelegentlichem Schneefall begleitet; allein er scheint
nicht den düstern trüben Charakter unsers brittischen Novembers zu
besitzen. Indeß reicht eine kurze Bekanntschaft mit dem Klima nicht
hin, ein richtiges Urtheil über seinen Charakter zu fällen, es bedarf
hierzu einer genauen, während eines mehrjährigen Aufenthalts im Lande
fortgesetzten Beobachtung seiner Eigenthümlichkeiten und Wechsel.

Jetzt muß ich Ihnen erzählen, was mein Gatte auf unserm Grundstück
vornimmt. Zehn Morgen hat er einigen irischen Holzfällern (^choppers^)
übergeben, die sich auf die Dauer des Winters in der Shanty
eingerichtet haben. Sie erhalten für Lichtung und Einfriedigung des
Ackers, das Verbrennen der gefällten Bäume mit inbegriffen, zehn
Dollars. Der Boden muß bis auf die Baumstummel völlig rein sein,
letztere bedürfen, um zu verwittern, neun bis zehn Jahr; die Fichte,
Schierlingstanne und die Tanne halten sich viel länger. Die Entfernung
der Stummel ist für neue Anfänger zu kostspielig; die Arbeits-Löhne
sind so hoch, daß man sich mit Ausführung des unumgänglich Nothwendigen
begnügen muß. Die Zeit, während welcher gearbeitet werden kann, ist
sehr kurz, weil der Frost so lange in der Erde bleibt; mit Ausnahme des
Fällens und Verbrennens der Bäume läßt sich nicht viel thun.

Diejenigen, welche die gehörige Behandlung ungelichteten Landes
verstehen, schneiden zunächst alle kleinere Bäume und alles Unterholz
weg, während diese noch belaubt sind; das gefällte Holz wird in Haufen
gelegt, und die vom Winde umgestürzten Bäume werden der Länge nach
zersägt und im Frühjahr mit dem Winterschnitt (die im Winter gefällten
Bäume) geklaftert. Der Ausgang des Sommers und der Herbst sind die
beste Zeit für besagte Arbeit. Die Blätter werden alsdann völlig
trocken und erleichtern das so wichtige Verbrennen der dicken schweren
Baumstämme um ein Bedeutendes. Ein andrer Grund dazu ist, daß nach
hohem Schneefall das kleine leichte Holz (Unterholz) nicht dicht an
der Erde weggeschnitten, und die todten Aeste und andre Abgänge nicht
gesammelt und in Haufen gelegt werden können.

Wir werden ungefähr drei Morgen für die Frühlingssaat bereit haben,
voraus gesetzt, daß wir mit dem Verbrennen des in der Nähe unsers
Hauses bereits geklafterten Holzes nach Wunsch zu Stande kommen. --
Wir gedenken dieselben mit Hafer, Kürbissen, indianischem Korn und
Kartoffeln zu bepflanzen; die andern zehn Acker sollen für die Einsaat
von Weizen ebenfalls fertig werden. Sie sehen daraus, daß wir noch
lange auf eine Ernte zu warten haben. Selbst Frühlings-Weizen, wenn er
im Laufe des Jahres zur Reife kommen soll, können wir nicht mehr zeitig
genug in die Erde bringen.

Im Frühjahr wollen wir uns wo möglich zwei Kühe zulegen, da diese
Thiere während des Frühlings, Sommers und Herbstes wenig Kosten
verursachen; den Winter über werden wir Kürbisse und Haferstroh für sie
haben.

Fußnoten:

[33] Englische Kochbücher.

[34] Nachsommer.



Neunter Brief.

 Verlust eines Ochsen-Gespanns. -- Errichtung eines Log-Hauses.
 -- Glaser- und Zimmermanns-Arbeit. -- Beschreibung eines neuen
 Log-Hauses. -- Spaziergang auf dem Eise. -- Lage des Hauses. -- See
 und umgebende Scenerei.


                                          See-Haus, April 18, 1833.

Es wird Zeit, daß ich Ihnen endlich eine Beschreibung unsers Log-
(Block-) Hauses gebe, in welches wir einige Tage vor Weihnachten
eingezogen sind. Da manche unvorhergesehene Umstände seine Vollendung
vor besagter Zeit verhinderten, so glaubte ich schon, daß es nie würde
bewohnbar werden.

Der erste Unfall, welcher uns traf, war der Verlust eines Gespanns
Ochsen, die wir zum Herbeiziehen der Baumstämme für das zu errichtende
Haus gekauft hatten. Da sie den Busch nicht so angenehm finden
mochten, als die gelichteten Weideplätze ihres vorigen Herrn, oder
weil sie vielleicht harte Arbeit für sich voraus sahen, so kam es
ihnen eines Morgens früh in den Kopf, durch den See, gleich da, wo die
Stromschnellen ihren Anfang nehmen, zu setzen und sich davon zu machen,
keine Spur ihrer Marschroute, außer einigen Fußstapfen am Wasser-Rande,
zurücklassend. Nachdem wir einige Tage vergebens danach gesucht, blieb
die Arbeit liegen, und einen ganzen Monat hindurch waren sie weg, so
daß wir schon alle Hoffnung aufgaben, jemals wieder etwas von ihnen zu
hören. Endlich erfuhren wir, daß sie etwa zwanzig (englische) Meilen
von uns, in einem fernen Stadtbezirk (^township^) angelangt waren und
ihren Weg durch Waldung und Moräste, Bäche und Seen zu ihrem früheren
Besitzer zurückgenommen hatten, von einem Instinkte geleitet, der ihnen
für den Mangel an Straßen und Compaß Ersatz leistete.

Man erzählt Fälle, wo dergleichen Thiere einen Strich wilden Landes
dreißig oder vierzig (englische) Meilen weit, bis zu ihren alten
Weideplätzen, in gerader Linie und auf unbekannten Pfaden, wo ihnen das
Gedächtniß nicht zu Hülfe kommen konnte, durchwanderten. Beim Hunde
betrachten wir Geruch und Gedächtniß als Führer, die ihn zu seiner
fernen Heimath zurückleiten; wie aber soll man sich die fraglichen
Wanderungen jener Ochsen erklären? Sie kehrten durch dichte endlose
Wälder, wo der Mensch mit all seiner Vernunft und Kenntniß den rechten
Weg gewiß verfehlt haben würde, nach Hause zurück.

Der October ging bereits zu Ende, und noch standen nicht einmal die
Wände unsers Hauses. Letzteres zu bewirken, riefen wir »eine Biene«
zusammen: sechszehn unsrer Nachbarn folgten mit großer Bereitwilligkeit
unsrer Aufforderung; und obschon der Tag nichts weniger als günstig
war, so führte unsre Biene ihr Werk doch so treulich aus, daß mit
Einbruch des Abends die Außenwände aufgerichtet waren.

Die Arbeit schritt unter Mithülfe einer reichlichen Quantität
canadischen Nektars (Branntweins), des Honigs, womit unsre Bienen
gestärkt werden, rasch vorwärts. Einige tüchtige eingesalzne
Schweinskeulen, ein Viertel Kartoffeln nebst einem Reispudding und ein
Brod, so dick wie ein gewaltiger Cheshire-Käse, bildeten das Mahl,
womit die fleißigen Leute regalirt wurden. Dies alles wurde in der
Shanty, in einem ziemlich ländlichen Styl, aufgetischt. Kurz, wir
lachten und nannten es einen _Pic-nic in den Urwäldern_; aber wie
roh und einfach auch das Mahl war, so kann ich Ihnen doch versichern,
daß sämmtliche Gäste, hohe und niedre, sehr damit zufrieden waren
und unsre »_Biene_« als eine sehr wohl versorgte priesen. Trotz der
Rangverschiedenheit derer, welche die Biene bildeten, herrschte doch
unter allen die größte Harmonie, und die Gesellschaft ging wohl
zufrieden mit ihrem Tagewerke und der Bewirthung auseinander.

Am folgenden Tage machte ich einen Ausflug, um das neu errichtete
Gebäude in Augenschein zu nehmen; allein ich fand mich sehr unangenehm
überrascht, da es keineswegs das Ansehn eines Hauses hatte. Es war ein
bloses Rechteck von über einander befestigten Scheiten, mit offnen
Räumen zwischen jeder Scheit-Reihe. Die Oeffnungen für Thüren und
Fenster waren noch nicht geschnitten, und die Dachbalken lagen noch
nicht. Mit einem Wort, es war ein seltsamer Bau, und ich kehrte etwas
niedergeschlagen nach Hause zurück, mich nicht wenig wundernd, daß mein
Gatte mit den gemachten Fortschritten so zufrieden war. Einen oder
zwei Tage darauf stattete ich dem Neubau abermals einen Besuch ab. Die
Tragbalken zur Aufnahme der Fußböden waren gelegt, und die Oeffnungen
für die Thüren und Fenster waren in das feste Holz geschnitten, so daß
derselbe nicht mehr so sehr wie zuvor einem Vogelkäfig glich.

Nach Beschindelung des Dachs mußten wir wieder pausiren, da Breter
nicht näher als in Peterborough zu haben waren, und mithin bedurfte es
einer langen Tage-Reise über schreckliche Straßen. Zu dieser Zeit war
noch an keine Sägemühle zu denken, jetzt aber ist eine dergleichen,
nicht weit von uns, im Entstehen begriffen. Unsre Dielenbreter mußten
alle mit der Hand gesägt werden, und es währte ziemlich lange, ehe wir
Jemand zur Verrichtung dieses nothwendigen Werkes finden konnten, und
das zu einem hohen Lohne, ein Shilling und Sechspence für den Tag.
Die Breter langten endlich an, aber natürlicher Weise von unabgepaßtem
Holze; dies war unvermeidlich, und da sie nicht gehobelt werden
konnten, mußten wir uns ihr rohes häßliches Ansehn gefallen lassen;
denn es waren keine besseren zu haben. Ich erinnerte mich jetzt an
die Bemerkung des alten Herrn, mit welchem wir von Cobourg nach dem
Reis-See fuhren. Wir trösten uns mit der Aussicht, daß mit dem nächsten
Sommer sämmtliche Breter abgepaßt sein werden, freilich bedarf es
hierzu einer völligen Umkehrung des Hauses; denn die Breter müssen von
neuem gelegt, gehörig an einander gefügt und gehobelt werden.

Der nächste Unfall, welcher uns betraf, war, daß das Gemisch von Lehm
und Kalk, womit das Haus von innen und außen zwischen den Fugen der
Baum-Scheite berappt werden sollte, in einer einzigen Nacht so hart
wie Stein fror; das Werk war kaum zur Hälfte gediehen, als plötzlich
Frost eintrat und der Arbeit auf einige Zeit ein Ende machte, denn
der gefrorne Mörtel thauete weder im Feuer noch in heißem Wasser auf;
letzteres fror ebenfalls, ehe es noch eine Wirkung auf die Masse
geäußert, und machte die Sache eher schlimmer. Alsdann verwundete sich
der Zimmermann beim Glatthauen der Wände im Innern mit der breiten
Axt und ward hierdurch auf einige Zeit zur Fortsetzung seiner Arbeit
untüchtig.

Ich führe alles dies blos darum an, um die Schwierigkeiten zu zeigen,
welche uns in Vollführung unsrer Pläne hindern, und dies erklärt
zum großen Theil die schlechten Wohnungen, womit sich Ansiedler der
achtbarsten Klasse bei ihrer ersten Ankunft in diesem Lande begnügen,
und dies keineswegs aus Neigung sondern aus Nothwendigkeit; ich könnte
Ihnen Schilderungen der Art geben, die Sie in Erstaunen setzen würden.
Jedenfalls dient es dazu, uns zufriedner und gleichgültiger zu machen,
wenn wir um uns her nur wenige in bessern, ja viele, die mit uns von
gleichem oder vielleicht noch höherem Range sind, in noch schlimmeren
Verhältnissen erblicken, als dies, verhielte sich die Sache anders, der
Fall sein würde.

Jedermann in diesem Lande muß selbst den Glaser machen; Sie werden
darüber lachen, allein, will er keine zerbrochnen Fensterscheiben sehen
und die davon herrührenden Unannehmlichkeiten fühlen, so muß er lernen,
sie mit eigner Hand in seine Fensterrahmen einzuziehen. Handwerker
sind, gerade wenn man sie braucht, in den Urwäldern nicht immer leicht
zu haben, und es hieße sehr verkehrt handeln, wenn man zur Ausbesserung
seiner Fenster einen Glaser theuer bezahlen und auf seine Unkosten
eine zweitägige Reise von der nächsten Stadt machen lassen wollte.
Glastafeln von verschiedner Größe kann man bei den Vorrathshändlern
sehr wohlfeil kaufen. Mein Gatte machte sich ein Vergnügen daraus, das
Glas in seine Fenster, ehe diese eingehängt wurden, selbst einzuziehen.

Eine genaue Bekanntschaft mit dem Gebrauch der Werkzeuge des
Zimmermanns ist hier, glauben Sie mir, viel werth, und ich empfehle
jedem jungen Mann, der nach Canada auswandern will, sich mit diesem
schätzbaren Metier so viel als möglich bekannt zu machen, da er andern
Falls oft in große Verlegenheit gerathen dürfte.

Höchst lächerlich erschienen mir die Bemerkungen einer superfeinen
Dame, der unwilligen Theilnehmerin an der Auswanderung ihres Gatten,
als sie den Sohn eines See-Offiziers von einigem Range im Dienste
ämsig mit Fertigung einer Axt-Handhabe aus einem Stück Felsen-Ulme
beschäftigt sah.

»Ich wundre mich, daß Sie _George_ sich so erniedrigen lassen,«
bemerkte sie, sich an dessen Vater wendend.

Der Capitain blickte sie mit Verwunderung an, »Sich erniedrigen! Auf
welche Weise Madam? Mein Sohn schwört nicht, trinkt keinen Branntwein,
und sagt keine Lügen.«

»Allein Sie lassen ihn Arbeiten der niedrigsten Art verrichten. Um was
ist er jetzt besser als ein gemeiner Zimmermann; und ich glaube, daß
sie ihn auch Holz fällen lassen?«

»Allerdings,« war die Antwort, »das Holz dort auf dem Wagen hat er seit
gestern, nach Beendigung seiner Lehrstunden, alles selbst gefällt.«

»Lieber wollte ich meine Jungen todt sehen, ehe ich ihnen gleich
gemeinen Arbeitern die Axt zu führen verstattete.«

»Müßiggang ist aller Laster Anfang,« sagte der Capitain, »wie weit
schlechter würde mein Sohn beschäftigt sein, wenn er sich mit böser
Gesellschaft auf der Straße umher triebe.«

»Sie müssen doch zugeben, daß sich dieses Land nicht zum Aufenthalt für
Gentlemen und Damen eignet,« bemerkte die Lady.

»Es ist ein Land,« erwiederte der Capitain etwas derb, »worin
Gentlemen, die nicht arbeiten mögen und die doch nicht außer demselben
leben können, verhungern müssen, und aus diesem Grunde gewöhne ich
meine Söhne frühzeitig an eine stete und nützliche Thätigkeit.«

»Meine Söhne sollen nie wie gemeine Handwerker arbeiten,« erwiederte
die Dame mit Unwillen.

»In diesem Fall Madam, werden sie als Ansiedler zu nichts taugen;
und es ist nur zu bedauern, daß Sie dieselben über den Ocean hierher
gebracht haben.«

»Wir waren dazu gezwungen, wir konnten nicht mehr auf dem Fuße leben,
wie wir gewohnt waren, andernfalls würde ich nie in dieses abscheuliche
Land gekommen sein.«

»Da Sie aber nun einmal hier sind, so werden Sie sehr wohl thun, sich
in die Umstände zu schicken, Canada ist kein Land für müßige Leute,
welche ihre Vermögens-Umstände zu verbessern wünschen. In einigen
Theilen des Landes werden Sie die meisten Nahrungsmittel eben so theuer
finden als in London, die Kleidung noch weit theurer und nicht so gut,
und dabei eben keine sonderliche Auswahl.«

»Nun dann möchte ich doch wissen, wozu Canada gut ist?« war die
ärgerliche Antwort.

»Es ist ein gutes Land für den rechtschaffnen fleißigen Handwerker. Es
ist ein schönes Land für den armen Arbeiter, der nach wenigen Jahren
harter Arbeit sich in seinem eignen Log-Hause niederlassen und sein
Auge auf seinen eignen Grund und Boden schweifen lassen kann, und
seine Kinder für die Zukunft wohl versorgt und unabhängig weiß. Es
ist ein großes wichtiges Land für den reichen Speculanten, der eine
beträchtliche Summe in Ankauf trefflichen ergiebigen Bodens anlegen
kann; denn verfährt er nur einigermaßen klug, so kann er für sein
Geld nach Verlauf einiger Jahre hundert Procent Zinsen gewinnen. Aber
es ist ein böses Land für den armen Gentleman, den seine Lebensweise
und Gewohnheiten untüchtig zur Handarbeit gemacht haben. Er bringt
Gesinnungen mit sich, die nicht zu seiner neuen Lage passen; und
selbst wenn ihn die Noth zur Anstrengung seiner Kräfte treibt, ist
seine Arbeit von geringem Werth. Sein Fortkommen fällt ihm äußerst
schwer. Die nicht zu umgehenden Arbeits-Löhne und Ausgaben für den
erforderlichen Lebensunterhalt sind beträchtlich, und er muß, will
er sich aufrecht und schuldenfrei erhalten, manche Entbehrungen
erdulden. Hat er eine zahlreiche Familie und erzieht er sie auf eine
vernünftige, seinen Umständen angemeßne Weise, das heißt, macht er sie
frühzeitig für das Ansiedlerleben geschickt, so erzeigt er ihnen eine
wahre Wohlthat und wird bald der guten Folgen für sein Grundeigenthum
inne; allein ist er selbst müßig und faul, seine Frau verschwenderisch
und unzufrieden, und lehrt er seine Kinder mit Verachtung auf
anstrengende Arbeit herab zu blicken; so eilt er seinem Verderben
mit Riesenschritten entgegen. Mit einem Wort, das Land ist ein gutes
Land für diejenigen, für welche es paßt; wer sich aber nicht der
Nothwendigkeit fügen, wer keine Entbehrung dulden und nicht arbeiten
will, der thäte besser, er bliebe davon entfernt. Es liegt am Tage, daß
Canada nicht jeder Klasse von Leuten zusagen kann.«

»Nun für mich und meine Familie paßt es durchaus nicht,« erwiederte die
Dame verächtlich.

»Sehr wahr!« lautete die laconische Antwort, und so endete das
Zwiegespräch.

Allein indem ich diese Bemerkungen nieder geschrieben, bin ich
ganz von der Hauptsache abgekommen und habe mein armes Log-Haus in
unvollendetem Zustande gelassen. Endlich wurde mir gesagt, daß es
fertig und bewohnbar sei, und ich sah mich bald mitten in die mit dem
Aus- und Einzuge verbundne Unruhe und Arbeit versetzt. Wir erhielten
allen nöthigen Beistand von S--, der stets bereit und willig ist,
uns zu helfen. Er lachte und nannte unsre kleine Versammlung eine
bewegende _Biene_ (^moving bee^); ich sagte es sei eine feststellende
Biene, (^fixing bee^) und mein Gatte gab ihr den Namen ordnende
Biene (^settling bee^); gewiß waren wir, ehe alles zu Stande kam,
uneingerichtet genug. Welch eine wüste Höhle ist ein kleines Haus oder
überhaupt jedes Haus unter solchen Umständen. Der Begriff von Chaos muß
vom Aus- und Einräumen entlehnt worden sein, denn ich glaube, daß die
Alten so gut hiermit zu thun hatten, als die Neuern.

Von irdnem Geschirr ging mancher werthvolle Artikel auf seiner kurzen
aber holperigen Wanderung durch die Wälder in Stücke. Friede und Ruhe
ihren Manen! Ich hatte eine gute Hülfe an meinem irischen Mädchen, die
bald ein tüchtiges Feuer auf dem neuen Herde anzündete und alles im
Hause ordnete.

Wir fühlen uns jetzt in unsrer neuen Wohnstätte recht behaglich; ich
will Ihnen eine Schilderung von dem kleinen Häuschen geben. Was fertig
da steht, ist blos ein Theil von dem ursprünglichen Plan, das Uebrige
muß im nächsten Frühjahr oder Herbst, wie es die Umstände erlauben,
hinzugefügt werden.

Ein niedliches kleines Wohnstübchen mit Vorrathskammer, Küche, Speise-
und Schlafkammer bilden das Erdgeschoß; dazu kommt ein hübsches obres
Stockwerk, welches drei Schlafgemächer abgeben wird.

»Welche Nußschale,« höre ich Sie im Geiste ausrufen; eine solche ist
es vor der Hand wirklich, allein wir gedenken einen schönen Vorbau
daran zu fügen, und warten hierzu nur auf Breter von der Mühle; dies
wird uns noch eine Stube, einen langen Saal und ein Schlafzimmer
für vorkommende Fälle verschaffen. Die Fenster und Glasthüre unsers
jetzigen Wohnstübchens gewähren eine angenehme Aussicht auf die Seen im
Westen und Süden. Nach Vollendung des Hauses werden wir vorn und nach
der Südseite eine Verandah (Vorhalle) haben, eine angenehme Hinzufügung
für den Sommer, da man sie als eine Art Vorgemach benutzen, darin
speisen und die frische Luft, geschützt gegen die Sonne, genießen kann.
Die Canadier nennen diese Verandahs »_Stoups_,« da sie nur aus Scheiten
oder Bretwerk bestehen, so entbehren nur wenige Häuser derselben.
Die Pfeiler oder Säulen, umwunden von üppigen Hopfen-Ranken, der
Scharlach-Bohne und der Morgen-Glorie[35], nehmen sich sehr hübsch aus.
Gewiß sind diese Stoups eine vorzügliche Zierde, da sie zum großen
Theil die rohen Scheite verbergen und das scheunenartige Aeußre der
Häuser maskiren.

Unser Wohnstübchen wärmt ein hübscher eiserner Ofen mit messingener
Gallerie und einer Schutzplatte. Das Hausgeräth besteht in einem mit
Messingblechen beschlagnen Sopha, das gelegentlich auch als Bett
gebraucht wird, canadischen angestrichnen Stühlen, einem gefleckten
Tisch von Tannenholz, grünen und weißen Vorhängen und einer schönen
indianischen Matte, welche den Fußboden bedeckt. Eine Seite des Zimmers
nehmen unsre Bücher ein. Einige große Landcharten und verschiedne gute
Kupferstiche verstecken so ziemlich die rohen Wände und bilden die
Decoration unsrer kleinen Wohnung. Unser Schlafzimmer ist auf dieselbe
einfache Weise ausmöblirt. Indeß fühlen wir uns gar nicht unbehaglich
in unserm schlichten Häuschen; und wiewohl es keineswegs so beschaffen
ist, um unsern Wünschen vollkommen zu genügen, entspricht es doch unter
den bestehenden Umständen seinem Zwecke.

Ich harre sehnsüchtig dem Frühling entgegen, um vor dem Hause ein
Gärtchen anlegen zu können; denn ich beabsichtige, einige der im
Lande einheimischen Früchte und Blumen darin anzupflanzen, die
meiner Ueberzeugung nach durch Cultur einer beträchtlichen Veredlung
fähig sind. Die auf unsern Triften und gelichteten Waldstellen wild
wachsenden Erdbeeren gehören verschiednen Varietäten an und tragen sehr
reichlich, zum Einmachen eignen sie sich trefflich, und ich gedenke
einige Beete in meinem Garten damit zu bepflanzen. Auf unserm See
befindet sich ein allerliebstes waldiges Inselchen, Erdbeer-Eiland und
ein andres ^Raspberry island^ (Brombeer-Eiland) benamt; sie enthalten
einen Ueberfluß an allerlei Früchten -- wilden Trauben, Brombeeren,
schwarzen und rothen Johannis-Beeren; eine wilde Stachelbeere und
eine schöne kleine rankende Pflanze, welche weiße Blumen trägt, wie
die Brombeere, desgleichen eine dunkel purpurfarbne Frucht, bestehend
aus einigen Samen von angenehmem, lebhaft säuerlichem Geschmack,
der Thaubeere nicht unähnlich, aber nicht ganz so süß. Die Blätter
dieser Pflanze sind glänzend hellgrün und ungefähr wie die Blätter
der Brombeere gestaltet, mit der sie (obgleich nicht so buschig und
dornig) in einiger Hinsicht so große Aehnlichkeit hat, daß ich sie die
_kriechende (rankende Brombeere)_ getauft habe.

Unsre wissenschaftlichen Botaniker dürften mich für sehr keck und
anmaßend halten, daß ich mir die Freiheit nehme, den Blumen und
Sträuchern, auf die ich in diesen Wäldern stoße, Namen beizulegen. Ich
kann blos sagen daß es mich freut, wo möglich die canadischen oder
selbst die indianischen Benennungen zu entdecken, und wo sie fehlen,
betrachte ich mich als ihre Taufmutter und benenne sie nach meinem
Gefallen.

Unter unsern wilden Früchten haben wir eine Pflaume, die in einigen
Gemeinde-Distrikten sehr gut und reichlich ist, sie eignet sich
trefflich zum Einmachen vorzüglich wenn man sie, wie die amerikanischen
Hausfrauen, in Ahorn-Syrup kocht; wilde Kirschen, desgleichen
eine Sorte Namens ^choke cherries^ (Würgkirschen) wegen ihrer
stark zusammenziehenden Eigenschaften, hoch- und kleinsträuchige
Moosbeeren und Schwarzbeeren, welche von den Squaws in Birken-Körben
herbeigebracht werden. Alle diese kommen auf den Ebnen und
Bieber-Wiesen vor. Die kleinsträuchigen Moosbeeren werden von den
Indiern in großer Menge in die Städte und Dörfer gebracht. Sie bilden
eine stete Delicatesse (eingemacht) auf den Thee-Tischen der meisten
Ansiedler; allein was Trefflichkeit des Geschmacks und schönes Ansehn
betrifft, so ziehe ich die hochbuschige Moosbeere vor; diese ist
weniger begehrt, wegen der großen platten Samen, welche das Einmachen
derselben verhindern; indeß ist das Gelée davon sowohl in Farbe als
Wohlgeschmack vortrefflich.

Der Strauch auf welchem diese Moosbeere wächst, gleicht der
Guelder-Rose. Die Blüthen sind rein weiß und stehen in loosen
Dolden; sie bilden nach ihrer Entfaltung in Wäldern und Mooren und
am Wasser-Rande der Seen eine schöne Zierde. Die Beeren sind etwas
länglich eirund und glänzend scharlachroth, und wenn sie der Frost
leicht gerührt hat, halb durchsichtig, und sehen wie hängende Büschel
scharlachfarbner Trauben aus.

An einem schönen Winternachmittage fühlte ich mich versucht, mit meinem
Gatten einen Spaziergang auf dem Eise zu machen, welches, wie man mir
vorher versichert, vollkommen trug und sicher war. Ich muß gestehen,
daß ich während der ersten halben Meile (englisch) mich ziemlich
furchtsam zeigte, vorzüglich an Stellen, wo das Eis so durchsichtig
war, daß man jeden Kiesel, jedes Moos auf dem Boden des Wassers sehen
konnte. Bisweilen war das Eis dick, weiß und vollkommen undurchsichtig.
Während wir uns in geringer Entfernung vom Ufer hielten, überraschte
mich das Erscheinen einiger glänzend rothen Beeren an den laublosen
Büschen, die über den Rand des Sees hingen und die ich bald als die
oben erwähnten Moosbeeren erkannte. Mein Gatte streifte sogleich den
lockenden Schatz von den Zweigen, und ich eilte entzückt mit meiner
Beute nach Hause und kochte die Früchte mit etwas Zucker, um sie
nebst unserm Kuchen zum Thee zu genießen. Gewiß habe ich nie etwas so
köstlich gefunden als diese Beere, und dies vielleicht um so mehr,
weil ich, mit Ausnahme von Eingemachtem während unsrer Reise und zu
Peterborough, so lange keinerlei Art von Früchten genossen hatte.

Kurz darauf machte ich einen abermaligen Spaziergang auf dem Eise,
wiewohl es nicht ganz so fest mehr war wie früher; dessen ungeachtet
marschirten wir ziemlich dreiviertel Meile (englisch) weit. Bei
unsrer Rückkehr wurden wir von S-- mit einem Handschlitten, eine Art
Schiebkarren, wie die der Lastträger, -- eingeholt. Dieses Fuhrwerk
hat keine Seiten-Wände und ruht nicht auf einem Rade sondern auf
hölzernen Rollen, so daß man es, wenn es auch noch so schwer beladen
ist, mit der größten Leichtigkeit über Schnee und Eis bewegen kann. S--
bestand darauf, mich auf dem Eise nach Hause zu fahren, gleich einer
lappländischen Dame auf ihrem Schlitten. Ich wählte meinen Sitz, und in
einer Minute fühlte ich mich mit einer Schnelligkeit fortgezogen, die
mir fast den Athem raubte. Als ich am Ufer anlangte, war ich von Kopf
bis zu Füßen eine Gluth.

Die Lage unsers Hauses würde Ihnen gefallen. Der Platz worauf es steht,
ist der höchste Punkt eines sanft geneigten Ufers oberhalb des Sees,
ungefähr zweihundert Schritt vom Wasserrande entfernt; die Breite des
Sees von einem Ufer zum andern beträgt nicht ganz eine (englische)
Meile. Nach Süden zu haben wir wieder eine ganz verschiedne Aussicht,
die nach völliger Lichtung sehr schön ausfallen wird, -- eine schöne
ebne Wasserfläche, durch anmuthige Inselchen unterbrochen, die sich
aus ihrem Schooße gleich grünenden Hainen empor heben; -- unterhalb
derselben ist ein Fall von einigen Fuß, wo die Wasser der Seen, in
einen engen Kanal zwischen Kalkstein-Schichten gezwängt, mit großem
Ungestüm hinstürzen und Schaum und Nebel-Wolken emporschleudern.

Während des Sommers ist der Wasserstand weit niedriger, und man
kann eine ziemliche Strecke an den flachen Ufern hinwandern, die
aus verschiednen, mit fossilen Ueberresten von offenbar frischer
Formation gefüllten Kalkstein-Schichten bestehen. Jene Muschelgehäuse
und Fluß-Insekten, welche, durch das Zurückweichen des Wassers
zurückgelassen, über die Oberfläche des Kalksteins ausgestreut liegen,
sind den Muscheln und Insekten ähnlich, die von der Kalkstein-Masse
incrustirt sind. Man hat mir gesagt, daß das Bett eines der Seen,
(ich weiß nicht mehr, welches) oberhalb unsers Wohnorts aus Kalkstein
bestehe; und daß es reich an manigfaltigen schönen Flußmuscheln sei,
welche darin in ungeheurer Menge so wie auch in den längs den Ufern
ausgestreuten Kalkstein-Blöcken schichtenweise abgelagert sind. Diese
Muschelgehäuse werden auch in beträchtlicher Menge in dem Boden der
Bieber-Wiesen gefunden.

Wenn ich dergleichen Dinge sehe oder davon höre, so thut es mir leid,
daß ich nichts von Geologie oder Conchologie verstehe; weil ich mir
anders manche Umstände würde erklären können, die gegenwärtig blos
meine Neugierde erregen.

Gerade unter dem oben erwähnten Wasserfall ist ein merkwürdiger
natürlicher Bogen in dem Kalkstein-Felsen, der sich an dieser Stelle
zu einer Höhe von funfzehn Fuß wie eine Mauer erhebt; er besteht aus
großen Platten grauen Kalksteins, die eine auf der andern liegen; der
Bogen erscheint wie eine Spalte in der Felsenwand, aber, möglicher
Weise durch die Gewalt des Wassers während einer beträchtlichen
Ueberschwemmung, ausgewühlt und ausgehöhlt. Auf der Spitze des Felsens
wachsen Bäume. Schierlings-Tannen und Cedern bewegen ihre Laubkronen
hoch über dem wildbrausenden Wasser hin und her und bekleiden die
steinerne Barriere mit einem düstern aber unvergänglichen Grün. Hier
wuchern auch in üppiger Fülle die wilde Rebe, die oben erwähnte rothe
kriechende Pflanze und die Gifteiche und weben phantastische Lauben
über die moosbedeckten Stein-Massen. Eine schnelle Wendung dieses Ufers
brachte uns zu einer breiten, vollkommen flachen und glatten Schichtung
des nämlichen Gesteins, die eine Strecke von ziemlich funfzig Fuß
entlang dem Ufer einnimmt. Zwischen den Rissen und Spalten dieser
Schicht fand ich einige Rosen-Sträucher und mancherlei Blumen, die im
Verlauf des Frühjahrs und Sommers, wo dieselbe vom Wasser entblößt und
mithin seinem Einfluß nicht ausgesetzt ist, daraus hervorgesproßt waren.

Dieser Platz soll nächstens mit einer Säge- und Korn-Mühle bebaut
werden, die, fürchte ich, seiner natürlichen Schönheit Abbruch thun
wird. Ich glaube wohl, daß ich die einzige Person in der Nachbarschaft
bin, welche die Errichtung eines für diesen Theil des Gemeindebezirks
so nützlichen und schätzbaren Gebäudes mit Bedauern sieht.

Sobald Sie mir wieder ein Päckchen oder Kistchen senden, vergessen Sie
nicht, einige Blumen-Samen und Pflaumen-, Schlehen- und Aepfel-Kerne
der besten Sorte, wie dergleichen in der Heimath in Gärten und
Obstpflanzungen gezogen werden, beizufügen; denn ich glaube, daß sich
die Aepfel hier aus Samen ziehen lassen, ohne daß man die Bäume zu
pfropfen braucht; indeß ist das Obst von gepfropften Bäumen größer und
wohlschmeckender. Sehr willkommen würden mir auch einige Nüsse von
unsern schönen alten Stamm-Nußbäumen sein. O die guten alten Bäume! was
sind wir nicht auf ihren Aesten herum geklettert, als ich noch leichten
Herzens und so frei von Sorgen war, wie die Eichhörnchen, welche sich
auf den höchsten Wipfeln über uns wiegten. »Recht schön!« werden
Sie sagen, »aber je weniger eine kluge Frau von dergleichen wilden
Streichen, wie das Herumklettern auf Nußbäumen, spricht, desto besser.«
Glücklicher Weise gerathen junge Damen hier nicht in Versuchung, da
sie wohl einsehen, daß nur ein Eichhörnchen oder ein Bär unsre hohen
Waldbäume erklettern kann; selbst ein Matrose würde sich nicht hinauf
wagen.

Recht sehr wünsche ich, einige Samen von unsrer wilden Schlüsselblume
und unserm Veilchen zu erhalten, um sie auf unsern Wiesen und in unserm
Gärtchen auszustreuen; haben Sie die Güte, die Dorfkinder einige für
mich sammeln zu lassen.

Mein Gatte bittet Sie um etwas Luzern-Samen, den er mit Vortheil
cultiviren zu können glaubt.

Fußnoten:

[35] ^Morning glory^ so nennen die Amerikaner ihre schönen und großen
Winden (^Convolvulus^).



Zehnter Brief.

 Abwechselung in Temperatur und Wetter. -- Elektrische Erscheinung. --
 Canadischer Winter. -- Mangel an poetischen Anklängen in diesem Lande.
 -- Zuckerbereitung. -- Zeit zum Fischfang. -- Art des Fischfangs. --
 Entenschießen. -- Indianer-Familien. -- Papousen und ihre Windeln- und
 Wickelbänder. -- Indianische Manufacturen. -- Frösche. --


                                               See-Haus, Mai 9. 1833.

Wie ganz anders ist doch der Winter ausgefallen, als ich mir dachte.
Der December-Schnee thaute beständig wieder weg. Am ersten Januar war
auf unsern gelichteten Aeckern keine Flocke zu sehen, nur im Walde
lag etwas. Die Wärme der Sonne am ersten und zweiten Tage des neuen
Jahres war so groß, daß man im Freien den Mantel, ja selbst einen Shawl
kaum vertragen konnte; und im Zimmer wurde uns das Ofenfeuer fast
lästig. Das Wetter blieb ziemlich mild bis in die letzte Hälfte des
Monats, dann aber trat strenge Kälte ein und dauerte den ganzen Februar
hindurch. Der erste März war der kälteste Tag, den ich jemals erlebt
habe; das Quecksilber fiel im Hause bis fünfundzwanzig Grad unter Null,
und im Freien noch tiefer. Das Gefühl von Kälte frühmorgens war äußerst
schmerzhaft, und erzeugte ein unwillkührliches Schaudern und eine fast
krampfhafte Empfindung in Brust und Magen. Der Hauch erstarrte an den
Betten zu Reif. Jeder metallne Gegenstand, den man berührte, schien die
Finger erfrieren zu machen. Dieser hohe Kälte-Grad hielt indeß nur
drei Tage an, worauf die Temperatur allmälig gelinder wurde.

Während dieser äußerst kalten Witterung wurde ich durch die häufige
Wiederkehr eines Phänomens überrascht, welches mir von elektrischer
Natur zu sein schien. Wenn nämlich der Frost sehr heftig war, gab meine
Kleidung, die während der kalten Jahreszeit in einem wollenen oder mit
Flanel gefütterten Rocke bestand, beim Ausziehen eine Reihe knisternder
prasselnder Töne, ungefähr wie ein aufloderndes Feuer, von sich, und
sprühete, wenn das Licht entfernt wurde, blasse weißlich blaue Funken,
denen nicht unähnlich, welche sich erzeugen, wenn man Zucker im Dunkeln
schlägt, oder den Rücken einer schwarzen Katze streichelt; dieselbe
Erscheinung bemerkte ich auch, wenn ich meine Haare kämmte[36].

Den Februar hindurch und bis zum neunzehnten März lag der Schnee
sehr hoch; dann aber trat plötzliches Thauwetter ein und hielt ohne
Unterbrechung so lange an, bis der Boden von seiner weißen Decke völlig
befreit war, was im Verlauf von nicht ganz vierzehn Tagen geschah.
Die Luft war während dieser Zeit weit wärmer und milder als in der
Regel in England, wo während des fortschreitenden Thauwetters eine
durchdringende Kälte herrscht.

Wiewohl der canadische Winter seine Unannehmlichkeiten hat, so hat
er auf der andern Seite auch seine Reize. Nach ein- oder zweitägigem
starken Schneefall klärt sich der Himmel auf, und die Luft wird
außerordentlich hell und rein von Dünsten; der Rauch steigt in hohen
gewundnen Säulen empor, bis er sich verliert; beobachtet man ihn des
Abends oder früh an einem heitern Morgen, wenn der Reif an den Bäumen
flimmert, im Widerschein eines safranfarbigen Himmels, so ist die
Wirkung vorzüglich schön.

An heitern Wintertagen, wenn kein Wölkchen, nicht der Schatten eines
Wölkchens das azurblaue Himmelsgewölbe über uns trübt, mache ich kleine
Ausflüge in die Wälder, und wäre nicht die weiße Silberdecke der Erde,
so möchte ich, wenn ich mein Auge zu dem reinen Aether empor hebe,
fast ausrufen: es ist Juni, der milde liebliche Juni ist da! Die stets
grünen Kiefern, Cedern, Schierlings-Tannen und Balsam-Fichten krümmen
ihre hängenden Aeste unter der Schneelast, die bei der geringsten
Bewegung in dichten Schauern rings umher niederrauscht, aber so leicht
und trocken ist der Schnee, daß man ihn mit leichter Mühe und ohne im
geringsten naß zu werden, abschütteln kann.

Die Spitzen der Baumstummel nehmen sich mit ihren Schnee-Mützen
oder Turbanen gar nicht übel aus; ein schwarzer Fichtenstummel mit
seinem weißen Mützchen und Mantel erscheint bisweilen, wegen seiner
seltsamen Bekleidung wie Jemand, der uns plötzlich entgegentritt. Was
Gespenster und Geister betrifft, so scheinen sie gänzlich aus Canada
verbannt zu sein. Hier giebt es keine historischen Erinnerungen, keine
abentheuerlichen Legenden von Ahnen und Vorvordern. Die Phantasie
des Dichters würde in den Urwäldern aus Mangel an Wunder-Speise zur
Aufrechterhaltung ihrer Existenz verhungern. Wir haben weder Feen noch
Elfen, weder Geister noch Kobolde, weder Satyre noch Wald-Nymphen;
unsre Wälder selbst eignen sich nicht zum Schutz für Dryaden und
Hamadryaden. Keine Najade haust an dem Schilfrande unsrer Seen oder
heiligt durch ihre Gegenwart unsre Wald-Firsten. Kein Druide nimmt
unsre Eichen in Anspruch; und anstatt mit geheimnißvoller Ehrfurcht
zwischen unsern, oft seltsam zusammengruppirten Kalkfelsen umher
zu wandern, überlassen wir sie dem Geologen, um seinen Scharfsinn
in Erklärung ihres Erscheinens zu üben; anstatt dieselben mit
den ehrwürdigen Charakteren alter Tempel oder heidnischer Altäre
zu bekleiden, blicken wir blos mit dem wißbegierigen Auge der
Natur-Philosophie darauf.

Selbst die Irländer und Hochländer der niedrigsten Klasse scheinen,
wenn sie Bewohner der Urwälder von Canada werden, ihren alten
Aberglauben bei Seite zu setzen. Ich hörte einen Freund, als die Rede
von dem Mangel an romantischem Interesse in diesem Lande war, ausrufen:
»Es ist unpoetischer als alle andere Länder, die Einbildungskraft
findet keinen Anhaltepunkt, kein Ziel! -- Hier ist alles neu -- der
Boden selbst scheint neuerdings gebildet zu sein; in diesen Wäldern
herrscht keine große alterthümliche Erhabenheit, hier giebt es keine
mit dem Lande verknüpfte Erinnerungen ehemaliger Thaten. Die einzigen
Wesen, an welchen ich eignes Interesse nehme, sind die Indianer, allein
es fehlt ihnen an dem kriegerischen Charakter, an jener Einsicht, in
deren Besitz ich sie mir gedacht hatte.«

Dies war die Klage eines Dichters. Nun besteht aber die Volksklasse,
für welche dieses Land in hohem Grade paßt, aus unbelesenen
betriebsamen Arbeitern und Handwerkern. Sie fühlen kein Bedauern,
daß das Land, welches sie bearbeiten, nicht durch die Feder eines
Geschichtsschreibers oder den Gesang eines Dichters gepriesen worden
ist. Die Erde giebt ihnen ihre Erzeugnisse eben so freigebig, als wenn
sie durch das Blut von Heroen gedüngt worden wäre. Sie würden sich
durch kein Gefühl von Ehrfurcht bestimmen lassen, die altersgraue Eiche
zu schonen, und sie aus keiner andern Rücksicht als ihres Holzes wegen
achten. Sie haben keine Zeit, selbst wenn sie Geschmack dazu hätten,
sich nach den Schönheiten der Natur umzusehen, allein ihre Unwissenheit
ist Segen.

Ueberhaupt sind dies eingebildete Uebel und können schwerlich als ein
Grund zum Mißfallen in dem Lande gelten, und unter Leuten gewöhnlichen
Schlages erregen sie wenig Sympathie, wiewohl sie jedenfalls für
die Gebildeten und nach geistigen Genüssen verlangenden Glieder der
Gesellschaft nicht ohne Gewicht sind; denn diese müssen natürlicher
Weise trauern, wenn Geschmack, Gelehrsamkeit und Genius aus ihrer
Sphäre gerückt werden.

Was mich anlangt, wiewohl ich leicht in die Gefühle des Dichters und
des enthusiastischen Liebhabers wilder und wundervoller Sagen und
Mährchen eingehen kann, so sehe ich doch schon, daß ich in diesem Lande
recht glücklich und zufrieden sein werde. Bietet auch jetzt der für
seine Geschichte bestimmte Band nur leere Seiten dar, so liegt doch
das Buch der Natur offen da und zeigt beredtsam für das Wirken des
mächtigen Schöpfers, und ich kann, wenn ich an den Ufern der Seen und
Flüsse oder durch die Wälder wandre, aus ihm tausend Freuden und stets
neuen Stoff zur Unterhaltung und Belehrung schöpfen.

Doch ich muß Ihnen jetzt etwas von unsrer Zucker-Fabrikation sagen,
woran ich thätigen Antheil nehme. Unsre Versuche waren auf einen
geringen Maßstab beschränkt, da wir blos einen Kessel und zwei eiserne
Dreifüße hatten; indeß reichten sie hin, um uns in die Kunst und das
Geheimniß, betreffend die Einsiedung des Ahorn-Saftes zu Molasse, und
die endliche Verwandlung der letztern in Zucker einzuweihen.

Die erste hierzu erforderliche Arbeit ist das Anzapfen des Ahorns und
die Auffangung des aus der Wunde hervorfließenden Saftes in kleinen
rohen Trögen, die in weiter nichts als mit der Art ausgehöhlten
Fichten-Scheitchen bestehen. Um den Baum anzuzapfen, macht man einen
Einschnitt in die Rinde oder bohrt mit einem Bohrer ein Loch hinein;
ersteres ist das leichtere und üblichere Verfahren. Ein leicht
ausgehöhltes Stück Ceder- oder Hollunder-Holz wird dann mit dem
freien Ende etwas abwärts geneigt, in die Oeffnung gesteckt und in den
Trog gerichtet, so daß der Saft durch dasselbe in letztern fließt.
Bisweilen habe ich einen blosen flachen Span als Leiter des Saftes
dienen sehen. Wie Sie sich wohl denken können, verfuhren wir ganz nach
der Regel. Nach einer frostigen Nacht, worauf ein heller warmer Tag
folgt, fließt der Saft ziemlich frei und reichlich; man muß ihn während
des Tages in einem Fäßchen oder Troge sammeln, und diese Gefäße müssen
hinreichend geräumig sein, um alles zu fassen, was am Abend desselben
Tages gesotten werden kann; man darf den aufgefangnen Saft nicht über
vierundzwanzig Stunden stehen lassen, weil er andernfalls in Gährung
übergeht und dann nicht mehr zur Zuckerbildung taugt.

Mein Gatte begann mit Beihülfe eines irischen Knaben in der letzten
März-Woche den Saft zu sammeln. Eine Stange wurde über zwei in die Erde
befestigte Holzgabeln gelegt, welche stark genug waren, das Gewicht des
schweren Kessels zu tragen. Die Arbeit während des Tages bestand in
Entleerung der Tröge und Fällung von Brennholz. Des Abends wurde das
Feuer angeschürt, und das Sieden oder Kochen des Saftes nahm seinen
Anfang.

Es war ein recht erfreulicher und malerischer Anblick, die Zuckersieder
bei ihrem helllodernden Feuer, zwischen den Bäumen, zu sehen, wie sie
bald den brennenden Holzstoß anfachten, bald den Saft in den Kessel
entleerten und mit einem gewaltigen Löffel umrührten. Als das Feuer
recht lustig brannte, fing der Saft im Kessel an zu kochen und zu
schäumen, und es mußte von Zeit zu Zeit frischer Saft nachgegossen
werden, um sein Ueberlaufen zu verhindern.

Sobald sich der Saft zu Molasse eindickt, wird er zur Vollendung in
den Zuckerkessel gebracht. Der Proceß ist einfach; er fordert blos
aufmerksames Abschäumen und Verhinderung des Ueberlaufens der Masse,
bis sie den zur Zuckerbereitung erforderlichen Grad erreicht hat,
was man erkennt, indem man etwas davon in kaltes Wasser tropfen läßt.
Hat sie ziemlich die erwünschte Consistenz erlangt, so füllt sich
der Kessel oder Topf mit gelbem Schaume, bildet Gruben und vom Boden
aufsteigende Blasen. Letztre platzen mit Entleerung von Dampf, ist die
Molasse so weit gediehen, so kann sie bald in Zucker verwandelt werden.
Diejenigen, welche mit großem Fleiße die Flüssigkeit vom Schaume frei
erhalten und den zur Verwandlung der Molasse in Zucker erforderlichen
Grad genau kennen, liefern einen Artikel, welcher der Muscovade nicht
nachsteht[37].

Gewöhnlich sieht man den Ahorn-Zucker in großen Broden oder Kuchen, so
dicht und derb wie Wachsscheiben, und ohne Spur von Krystallisation;
allein am besten nimmt er sich aus, wenn er grobkörnig und glänzend
ist, er bricht dann in rauhen ungleichen Massen, wie Zuckerkant.

Zum Gebrauch im Thee wird er geraspelt oder mit einem Messer klar
geschabt, weil er sich anders zu langsam auflößt.

Ich beaufsichtigte den letzten Theil des Vorganges, nämlich das
Einkochen der Molasse zu Zucker; und ich muß sagen, daß mir diese
Arbeit, als ein erster Versuch, ohne einen erfahrnen Rathgeber zur
Seite und ohne alle Anweisung, außer der, welche S-- mir ertheilt
hatte, ziemlich gut gelang; ich erhielt einen Zucker von funkelndem
Korn und guter Farbe. Außer dem Zucker, bereitete ich drei Galonen
Molasse, die uns sehr zu statten kam, und eine angenehme Ingredienz in
Kuchen so wie eine treffliche Sauce an Puddings bildet.

Die Yankies bedienen sich, wie man mir sagt, der Molasse zum Einmachen
von Früchten; und ihre Fruchtgelées sollen vortrefflich sein. Die aus
Ahorn-Saft bereitete Molasse soll in Farbe, Geschmack und Consistenz
von der westindischen sehr abweichen.

Außer Zucker und Molasse fabricirten wir ein Fäschen Essig, der
ziemlich gut auszufallen verspricht. Zu diesem Behuf kochten wir fünf
volle Eimer Ahorn-Saft bis auf zwei ein und versetzten den Rückstand,
nachdem er im Fasse war, durch Hefen in Gährung; stellten dann das
Ganze in die Nähe des Feuers und ließen es diesem, in Vorzug vor der
Sonnen-Hitze, ausgesetzt.

Was die Bereitung des Ahorn-Zuckers im Allgemeinen betrifft, so hängt
es von Umständen ab, ob sie für den Ansiedler (Landmann) vortheilhaft
ist oder nicht. Muß er Hände zu dieser Arbeit miethen, und sind die
Arbeitslöhne hoch, so ist es keines Falls rathsam, ihn selbst zu
fabriciren außer im Großen. Ein Umstand zu Gunsten der Fabrikation im
Hause ist, daß die Zucker-Zeit zu einer Periode ihren Anfang nimmt, wo
sich im Freien, den Holzschlag ausgenommen, nicht viel thun läßt, da
noch zu viel Frost im Boden ist, um die Aufnahme der Saat zu gestatten;
daher ist die Zeit weniger kostbar als im Spät-Frühjahr.

Bei einer zahlreichen Familie, und wenn es auf dem Grundstück nicht
an Ahornbäumen mangelt, ist die Fabrikation von Zucker und Molasse
entschieden vortheilhaft und gewinnbringend; da man die jüngern Kinder
zur Ausleerung der Tröge und Zutragung von Brennholz brauchen kann,
während die ältern und stärkeren die Kessel besorgen und das Feuer, so
lange der Proceß dauert, unterhalten, und Frau und Töchter das Uebrige
im Hause vollenden können.

Ahorn-Zucker wird das Pfund mit vier bis sechs Pence, und bisweilen
darüber, bezahlt. Anfangs wollte mir der Beigeschmack, den er dem Thee
giebt, nicht recht zusagen, aber nach Verlauf einiger Zeit mundete er
mir so gut, daß ich ihn bald dem Rohrzucker (Muscovade) vorzog; in
Kuchen, Confituren und dergleichen finde ich ihn köstlich. Ich werde
Ihnen bei nächster Gelegenheit ein Pröbchen davon schicken, damit Sie
selbst über seine Trefflichkeit urtheilen können.

Das Wetter ist jetzt sehr warm -- drückend warm. Wir können die Hitze
des Kochofens in der Küche kaum aushalten. Im Wohnzimmer brauchen wir
fast gar kein Feuer, da ich gern an der offnen Thür sitze, und das
See-Lüftchen genieße. Die Insekten fangen bereits an lästig zu werden,
vorzüglich die schwarzen Fliegen, -- ein abscheulicher Plaggeist, mit
schwarzem Leibe und weißen Beinen und Flügeln; man fühlt in den ersten
Minuten ihren Stich nicht, jedoch giebt er sich durch das aus der Wunde
fließende Blut kund; nach einigen Stunden schwillt die verletzte Stelle
an und wird äußerst schmerzhaft.

Diese Fliegen (^beasties^) beißen vorzüglich gern in die Seiten des
Halses, in die Ohren und Wangen; und bei mir hielt die Geschwulst
mehre Tage an. Die Musquitos sind ebenfalls unerträglich, und noch
unangenehmer ist mir das Geräusch, welches sie machen, als ihr Stich.
Um sie vom Eindringen in das Haus abzuhalten, zünden wir kleine
Häufchen feuchter Holzschnitzel an, deren Rauch sie vertreibt; indeß
ist dieses Mittel nicht so recht wirksam und an sich selbst lästig und
unangenehm.

Jetzt ist die Zeit zum Fischfang. Unsre Seen enthalten den Masquinongé,
Lachs-Forellen, Weiß-Fische und manche andre. In dunkeln Nächten sehen
wir oft von unsrer Thüre aus die erleuchteten Nachen der Fischer auf
ihrem Hin- und Her-Wege vorbeifahren. S-- gilt als ein geschickter
Speermann und nimmt so fleißig Theil an diesen Expeditionen, daß er
selten eine günstige Nacht verfehlt. Je dunkler und stiller die Nacht
ist, desto besser eignet sie sich zum Fischfang.

Es ist ein recht hübscher Anblick, die niedlichen Barken sich langsam
aus einer kleinen Bucht der mit dunkeln Fichten bekleideten Ufer
hervorstehlen und zwischen den Inseln auf den Seen manövriren zu sehen;
man erkennt sie trotz der Finsterniß sehr leicht an dem hellen Schein,
welchen der Jack -- eine Art eiserner Korb, der an eine lange Stange am
Bug des Schiffleins oder Canoes befestigt ist, über die Wasserfläche
wirft. Dieser Drahtkorb ist mit einer sehr brennbaren Substanz,
Kien-Holz, (^fat-pine^) genannt, welche mit heller und starklodernder
Flamme brennt, oder auch mit zusammengerollter Birken-Rinde, ebenfalls
ein sehr entzündbares Material, gefüllt.

Das Licht von oben macht die Gegenstände unter der Wasserfläche
deutlich sichtbar. Einer von den Fischern steht in der Mitte der Barke,
mit seiner Harpune -- einer Art eisernem Dreizack -- bereit, den Fisch,
welchen er in dem stillen Wasser unter seinen Augen vorbeigleiten
sieht, zu durchbohren, während ein andrer mit der Ruderschaufel das
Fahrzeug behutsam vorwärts steuert. Diese Jagd erfordert ein scharfes
Auge, eine feste Hand und große Vorsicht von Seiten derer, die ihr
nachhängen.

Mir macht es großes Vergnügen, diese Fischer-Nachen mit ihrem lodernden
Feuer so still die ruhige Wasserfläche durchschneiden zu sehen,
welche auf mehre Schritte im Umkreise von einem hellen Lichtschimmer
erleuchtet ist, der die Figur des in der Mitte des Bootes stehenden,
bald nach der einen, bald nach der andern Seite blickenden und seine
Waffe zum Stoß bereit haltenden Speermanns deutlich unterscheiden läßt.
Zeigen sich vier oder fünf dieser erleuchteten Fahrzeuge zu gleicher
Zeit auf dem Wasser, so ist die Wirkung überraschend und prächtig.

Die Indianer sind in dieser Art Fischerei sehr geübt und erfahren; die
Squaws rudern ihre Nachen mit bewundernswürdiger Geschicklichkeit.
Außerdem giebt es noch ein andres Verfahren zu demselben Behuf, worin
diese Leute sich ebenfalls auszeichnen: ich meine das Fischen auf dem
Eise, wenn die Seen zugefroren sind -- ein Geschäft, welches viel
Geduld erheischt.

Der Indianer, mit einem Tomahawk zur Oeffnung des Eises, einem Speer,
einem Betttuch oder Hemde und einem Lockfisch von Holz versehen,
begiebt sich an den ausersehnen Ort. Hat er ein Loch in das Eis
gehauen, so legt er sich auf Hände und Knie nieder und wirft sein
Betttuch über sich, um sowohl das Wasser zu verdunkeln als sich selbst
zu verbergen; in dieser Lage verharrt er stundenlang, geduldig das
Herannahen seiner Beute abwartend, die er, sobald sie im Bereich seiner
Lanze erscheint, mit bewundernswürdiger Sicherheit durchbohrt.

Der auf die eben geschilderte Weise gefangene Masquinongé ist in
Geschmack denjenigen überlegen, die später im Jahre gefangen werden,
daher man ihn den Indianern gern abkauft, welche sich mit einer
geringen Belohnung begnügen. Ich gab ein kleines Brod für einen Fisch,
der achtzehn bis zwanzig Pfund wog. Der Masquinongé ist allem Anschein
nach eine große Hecht-Art und besitzt die räuberischen Eigenschaften
dieses Fisches.

Einer der schmalen Seen des Otanabee heißt der Forellen-See, wegen der
großen Menge von Lax-Forellen, die darin hausen. Der Weiß-Fisch kommt
ebenfalls in diesen Gewässern vor und ist äußerst köstlich. Die großen
Fisch-Arten werden meistentheils mit der Lanze erlegt, nur wenige Leute
in diesem Lande, wo es alle Hände voll zu thun giebt, haben Zeit zum
Fischfang mit der Angel.

Sobald das Eis aufgeht, werden unsre Seen von zahllosen Flügen
wilder Vögel besucht; einige Enten-Arten zeichnen sich durch ihr
prächtiges Gefieder aus und sind von trefflichem Geschmack. Ich sehe
diesen hübschen Thieren mit Vergnügen zu, wenn sie ruhig auf dem
Wasser hinschwimmen, dann plötzlich auffliegen und längs dem Rande
des mit Fichten gefranzten Ufers hinstreichen und sich dann wieder
niederlassen, wie eine kleine vor Anker gehende Flotte. Bisweilen sieht
man eine alte Ente ihre kleine Brut durch Schilf und Binsen führen; die
unschuldigen weichen kleinen Dingerchen nehmen sich, wenn sie so um
ihre Mutter herum segeln, ganz allerliebst aus, aber beim geringsten
Anschein von Gefahr tauchen sie sogleich unter und verschwinden. Die
Frösche sind große Feinde der jungen Brut; desgleichen wird dieselbe
häufig dem Masquinongé und, wie ich glaube, auch andern großen Fischen,
wovon diese Gewässer wimmeln, zur Beute.

Die Enten sind während der ersten Hälfte des Sommers äußerst
wohlbeleibt, sie gehen zu dieser Zeit in ungeheuren Schaaren auf die
grünen Reisfelder und werden von den noch grünen Pflanzen, die sie
gierig verschlingen sehr fett.

Die Indianer sind im Entenschießen sehr glücklich, sie füllen ein Canoe
mit grünen Reisern, so daß es einer Art schwimmender Insel gleicht;
unter dieser Reiser-Decke liegen sie verborgen und können vermöge
dieser List weit näher an die scheuen Vögel herankommen, als dies
andern Falls geschehen würde. Unsre Jäger machen ebenfalls häufig, und
mit großem Erfolg, von diesem Verfahren Gebrauch.

Eine Indianer-Familie hat ihre Zelte ganz in unsrer Nähe aufgeschlagen.
Auf einer der Inseln in unserm See können wir den dünnen bläulichen
Rauch ihrer Holz-Feuer aus unsern Vorderfenster zwischen den Bäumen
aufsteigen und sich in leichten Windungen über das Wasser kräuseln
sehen.

Die Squaws haben mich mehre Male besucht, bisweilen aus Neugierde,
bisweilen in der Absicht, ihre Körbe, Matten, Enten oder Wildbret,
gegen Schweinfleisch, Mehl, Kartoffeln oder zur Kleidung gehörige
Artikel zu vertauschen. Bisweilen muß ich ihnen den Kessel zum Kochen
borgen, welchen sie mir jedesmal pünktlich zurück geben.

Eines Tages kam eine Indianerin, um ein Waschfaß zu borgen, da ich aber
ihre Sprache nicht verstehe, so konnte ich eine Zeitlang den Gegenstand
ihres Begehrens nicht entdecken; indeß hob sie einen Zipfel ihres
Hemdes auf, deutete auf etwas in der Nähe liegende Seife, begann den
Zipfel mit den Händen zu reiben und ahmte den beim Waschen üblichen
Vorgang nach, dann lachte sie und zeigte auf ein Faß; endlich hob sie
zwei Finger auf, um mir begreiflich zu machen, daß sie es zwei Tage
lang zu behalten wünschte.

Dieses Volk scheint einen sanften und liebenswürdigen Charakter zu
besitzen, und, so weit unsre Erfahrung reicht, ist es ehrlich. Eines
Tages zwar erhielt der alte Jäger _Peter_ etwas Brod von mir, wofür
er ein paar Enten zu bringen versprach; als aber die Zeit der Zahlung
kam, und ich meine Enten verlangte, machte er ein betrübtes Gesicht und
antwortete mit charakteristischer Kürze: »Keine Ente -- Chippewa (damit
meinte er S--, denn diesen Namen haben sie ihm aus Zuneigung gegeben,)
mit dem Canoe hinauf gegangen -- kein Canoe -- Ente mit der Zeit (^by
and by^);« ^by and by^ (mit der Zeit) ist ein Lieblings-Ausdruck der
Indianer, womit sie eine unbestimmte Zeit bezeichnen, sie bedeutet eben
so gut Morgen oder eine Woche, einen Monat, ein Jahr und darüber. Ein
directes Versprechen geben sie selten.

Da es nicht klug ist, sich betrügen zu lassen, wenn man es vermeiden
kann, wieß ich kalt jede fernere Aufforderung zum Tauschhandel mit den
Indianern ab, bis meine Enten erschienen sein würden.

Einige Zeit darauf erhielt ich eine Ente durch einen Indianer Namens
_Maquin_, eine Art Galgen-Vogel; dieser Bursche ist ein bucklicher
Zwerg, sehr verschmitzt und ein wahrer kleiner Teufelsjunge; es scheint
ihm großes Vergnügen zu machen die braunen kleinen Kinder in dem
Wigwam zu necken oder die geduldigen Jagdhunde zu quälen. Er spricht
das Englische sehr geläufig und schreibt als ein Indianer-Knabe
ziemlich gut; er begleitet gewöhnlich die Weiber bei ihren Besuchen,
dient ihnen als Dollmetscher, und lächelt mit boshafter Freude zu dem
schlechten Englisch seiner Mutter und meiner Verlegenheit, wenn ich
ihre Zeichen nicht recht verstehe. Trotz seiner äußersten Häßlichkeit
schien er mir einen guten Theil Eitelkeit zu besitzen, indem er sein
Gesicht mit großer Selbstzufriedenheit im Spiegel betrachtete. Als ich
nach seinem Namen fragte, antwortete er: »Indianischer Name _Maquin_,
aber englischer Name _Mister Walker_, sehr guter Mann;« dies war die
Person, nach welcher man ihn getauft hatte.

Diese Indianer sind in ihrer Beobachtung des Sabaths sehr gewissenhaft
und zeigen ein großes Widerstreben, an diesem Tage sich in irgend einen
Handel einzulassen oder ihren gewöhnlichen Geschäften, der Jagd oder
dem Fischfang nachzugehen.

Die jungen Indianer sind sehr geschickt im Gebrauch eines langen Bogens
mit hölzernen Pfeilen, die ziemlich schwer und an der Spitze stumpf
sind. _Maquin_ sagte mir, er könne Enten und kleine Vögel mit seinen
Pfeilen schießen; indeß scheinen sie mir wegen ihrer Schwere eben nicht
geeignet, Gegenstände in großer Ferne zu erreichen.

Es ist angenehm, die Indianer Sonntags Abends ihre Hymnen singen zu
hören; ihre reinen weichen Stimmen tönen eindrucksvoll durch die stille
Nachtluft. Ich habe dem kleinen Chor dieser ihren Schöpfer in der
Einfachheit und Inbrunst ihres Herzens preisenden Naturkinder oft mit
Vergnügen gelauscht, und ich fühlte einen heimlichen Vorwurf, indem ich
die armen halb civilisirten Wandrer allein sich versammeln sah, um das
Lob des Allmächtigen in der Wildniß zu verkünden.

Die einfache Frömmigkeit der Frau unsers Freundes des Jägers _Peter_,
einer stämmigen, schwarzbraunen Matrone von höchst liebenswürdigem
Ausdruck gefiel mir ausnehmend. Wir tranken eben unsern Thee, als
sie leise die Thür öffnete und hereinschaute; ein ermuthigendes
Lächeln bestimmte sie zum Eintritt, worauf sie eine braune Papouse
(indianischer Name für Säugling oder kleines Kind) auf den Fußboden
niederlegte und mit Neugierde und Entzücken in ihren Augen um sich
blickte. Wir boten ihr etwas Thee und Brod an und winkten ihr, einen
leeren Sitz neben dem Tische einzunehmen. Die Einladung schien ihr
zu gefallen; sie nahm ihr Kleines auf den Schooß, goß etwas Thee
in die Untertasse und gab dem Kinde zu trinken. Sie aß sehr mäßig,
stand, als sie fertig war, auf, hüllte ihr Gesicht in die Falten ihres
Umschlagetuchs, senkte ihr Haupt auf die Brust und betete. Dieser
kleine Act von Frömmigkeit verrieth keine Spur von Scheinheiligkeit
oder Heuchelei sondern sprach ganz für herzliche Einfalt und
Aufrichtigkeit. Hierauf dankte sie uns mit freudestrahlendem Gesicht
und froher Laune, nahm ihre kleine _Rachel_ in die Höhe und warf sie
über die Schultern, mit einem Schwunge, der mich fürchten machte, daß
die Arme des kleinen zarten Dinges dadurch ausgerenkt werden könnten,
allein die Papouse schien mit dieser Behandlungsweise vollkommen
zufrieden zu sein.

Bei langen Wanderungen werden die kleinen Kinder aufrecht in tiefe
Körbe von eigenthümlicher Form gesteckt, und die Körbe durch Rieme
von Rehleder um den Nacken der Mutter befestigt; aber der Säugling
wird in eine Art flache, und, um das Herausfallen des zarten Inhalts
zu verhindern, mit biegsamen Reifen oder Baststrängen umwundne Wiege
gepackt. In dieser Maschine steckt er so fest, daß er kein Glied rühren
kann. Die äußere Decke oder Umhüllung und die Binden, welche die
Papouse einengen, sind mannigfaltig aufgeputzt.

  [Illustration: Papousen.]

An diese eigenthümliche Wiege ist eine Schlinge oder ein Henkel
befestigt, der um den Hals der Mutter geht; der Rücken des Kindes kommt
auf den Rücken der Mutter zu ruhen, und das Gesicht ist nach außen
gekehrt. Das erste, was eine Squaw thut, wenn sie in ein Haus eintritt,
ist, daß sie sich von ihrer Bürde befreit und dieselbe an eine Wand,
einen Stuhl, Kasten, oder jeden Gegenstand lehnt, der als Stütze dienen
kann; und hier steht der passive Gefangene, einer Mumie in ihrem
seltsamen Gehäuse nicht unähnlich. Ich habe das Bild der Jungfrau mit
dem Jesuskinde in einigen alten illuminirten Meßbüchern gesehen, wo
letztres gerade wie eine Papouse in ihren Wickeltüchern und Bändern
aussah.

Die Squaws zeigen sich gegen ihre Kleinen sehr zärtlich. Sanftmuth
und gute Laune scheinen die vorstechenden Züge in dem Charakter der
Indianerinnen zu sein, ob ihnen dieselben angeboren und mit dem
wilden Zustande gepaart oder durch die mildernden und sänftigenden
Wirkungen des Christenthums erzeugt und erworben sind, kann ich
nicht sagen. Gewiß erscheint in keinem Fall die christliche Religion
liebenswürdiger, als wenn sie sich, unbefleckt durch den Zweifel und
Unglauben moderner Sceptiker, in der Handlungsweise der bekehrten
Indianer entfaltet; sie zerbricht die Fesseln des Heidenthums, verbannt
das Böse und verbreitet die Früchte der Heiligkeit und Moralität. Die
rohen Naturmenschen nehmen die Wahrheiten des Evangeliums wie Kinder
mit unverdorbnem Herzen und ungeschwächtem Glauben an.

Die Squaws zeigen in manchen ihrer Handarbeiten großen Erfindungsgeist.
Ihre Birkenrinden-Körbe entsprechen vielen Zwecken auf das
vollkommenste. Mein Brodkorb, Messer-Behälter, Zuckerkorb bestehen
sämmtlich aus diesem schlichten Material. Verzierte und mit gefärbten
Federspuhlen gemusterte Körbe dieser Art sind, Sie können mir glauben,
keineswegs unelegant. Die Squaws verfertigen allerlei Gefäße aus
Birkenrinde so gut, daß man sie auf mancherlei Weise brauchen kann,
z. B. zur Aufnahme von Wasser, Milch, Fleischbrühe und jeder andern
Flüssigkeit; sie werden mit den zähen Wurzeln des Tamarak- oder
Lärchenbaums, oder auch mit Ceder-Bast-Streifen zusammengenäht oder
vielmehr gestrickt.

Desgleichen verfertigen sie sehr brauchbare Körbe von der innern Rinde
des Matten-Holzes (^bass-wood^) und der weißen Esche. Einige dieser
Körbe, von gröberer Sorte, werden zur Einsammlung von Kartoffeln,
indianischem Korn oder weißen Rüben gebraucht. Die Ansiedler finden in
denselben einen sehr guten Ersatz für die im alten Vaterlande üblichen
Weiden-Körbe.

Die Indianer sind im Besitz mancher Färbestoffe, womit sie ihre
zierlichen Körbe und die Stachelschwein-Spuhlen färben. Unser
Wohnstübchen ist mit verschiednen recht hübschen Artikeln ihrer
Erfindung und Fabrik geschmückt, welche wir als Noten-Futterale,
Brief-Kasten, Blumen-Vasen und Arbeits-Körbe benutzen.

Sie scheinen indeß nützliche Artikel höher zu schätzen als Gegenstände,
die blos zur Zierde dienen. In allen ihren Handels-Geschäften sind sie
sehr schlau und eifrig und entfalten einen überraschenden Grad von
Behutsamkeit in ihrem Thun und Treiben. Mit den Männern läßt sichs weit
besser handeln als mit den Weibern; letztere zeigen sich in einigen
Fällen äußerst hartnäckig. Haben sie ihre Wünsche auf irgend einen
Artikel gerichtet, so kommen sie Tag für Tag und weisen alles andre,
was man ihnen etwa anbietet, zurück. Eine von den Squaws hatte sich
in einen bunten Zitz-Schlafrock meines Gatten verliebt, und ob ich
ihr denselben gleich rund abschlug, so kamen doch viele Squaws, eine
nach der andern, um den »_^Gown^_« (Schlafrock), welches Wort sie mit
einem eigenthümlich kagenden Ton aussprachen, zu bewundern; und als ich
sagte: »Kein Schlafrock zu verkaufen,« (^no Gown to sell^) so stießen
sie einen melancholischen Klagelaut aus und gingen fort.

Nur selten verstehen sie sich dazu, einen Artikel, den man gerade
nothwendig braucht, zu verfertigen. Wünscht man Körbe von einem
besondern Muster zu kaufen, und haben sie nicht zufälliger Weise
dergleichen fertig, so ertheilen sie die gewöhnliche unbestimmte
Antwort: -- »Mit der Zeit,« (^by and by^). Wenn die Artikel, welche
man ihnen für die ihrigen giebt, ihren Erwartungen nicht entsprechen,
so sagen sie mit einem verdrüßlichen mürrischen Ausdruck in Blick
und Stimme: -- »^Car-car^« (Nein, nein), oder »Carwinni,« was eine
noch stärkere Verneinung ist. Gefällt ihnen dagegen das Geschäft, so
geben sie ihre Zufriedenheit durch verschiedne bestätigende Winke
und Kopfnicken, und einen fast grunzenden Laut zu erkennen; Enten,
Fische, Wildbret oder Körbe stellen sie vor den Käufer hin und nehmen
dagegen die Tausch-Artikel in die weiten Falten ihrer Hemden oder
Umschlagetücher oder legen sie in eine Art von Binsen-Koffer; nicht
unähnlich jenen Strohkörben, worin englische Zimmerleute ihre Werkzeuge
tragen.

Die Weiber ahmen die Kleidung der Weißen nach. Manche der jungen
Mädchen nähen sehr gut. Ich gebe ihnen oft Fleckchen Seide und Sammet
oder Spitzen, wofür sie sich sehr dankbar zeigen.

Ich habe gegenwärtig sehr viel mit meinem Garten zu thun. Einige unsrer
Sämereien sind bereits in der Erde, doch sagt man mir, daß ich etwas
zu eilig gewesen; es seien zehn gegen eins zu wetten, daß die jungen
Pflänzchen durch die Spätfröste, welche sich oft den Mai hindurch, ja
selbst noch zu Anfange Junis einstellen, umkommen werden.

Unser Garten hat vor der Hand noch nichts aufzuweisen, er ist nichts
als ein mit einer rohen Latten-Einfriedigung, zur Abwehr des Viehs von
unsern Anpflanzungen, umgebnes Stück Land. Im nächsten Frühjahr hoffe
ich ein hübsches Geländer darum, und einige Beete mit Blumen bedeckt zu
sehen. In gegenwärtigem Frühjahr giebt es so viel drängende Arbeit,
um das Land zur Aufnahme der Saaten völlig zu lichten und zu reinigen,
daß ich meine Ansprüche auf den Besitz eines Ziergartens gern in den
Hintergrund treten lasse.

Die Waldbäume sind ziemlich alle belaubt. Nie sah ich den Frühling
schneller eintreten als in diesem Jahre. Das Grün der Blätter ist
äußerst lebhaft. Tausend liebliche Blumen entfalten in den Wäldern
und auf dem gelichteten Boden ihre zarten Blüthen. Auch sind
unsre canadischen Sänger nicht stumm. Das lustige Gezwitscher des
Rothkehlchens, die süßen Laute der Amsel und der Drossel nebst dem
schwachen, aber nicht unangenehmen Schlag eines kleinen Vogels, Namens
_Thitabebec_, und die lieblichen Triller eines Zaunkönigs füllen unsre
Wälder.

Was mich betrifft, so halte ich es weder für nöthig noch weise, das
Gute, was wir besitzen, zu tadeln, weil es nicht ganz für das Ersatz
leistet, dessen wir uns früher erfreuten. Es ist meines Wissens unter
den Reisenden leider die Mode eingerissen, zu behaupten, daß unsre
gefiederten Schaaren theils stumm seien, theils höchst widrige, das
Ohr zerreißende Töne ausstoßen und mehr unangenehm als willkommen
erscheinen. Es würde eine Unwahrheit sein, wenn ich behaupten wollte,
daß unsre Singvögel zahlreicher und melodienreicher seien als die
europäischen; allein eben so wenig darf ich dulden, daß man mein neues
Vaterland seiner Rechte beraubt, ohne ein Wort zur Vertheidigung unsrer
beflügelten Musiker zu sagen. Ja selbst den Fröschen Canadas hat man,
das Monotone ihrer Stimmen abgerechnet, Unrecht gethan, ihr Concert
erscheint mir in der That nicht ganz unmelodisch. Die grünen Frösche
sind sehr schön, sie zeichnen sich durch braune eirunde Schilde auf
dem lebhaftesten Grün aus; auch übertreffen sie an Größe die dicksten
unsrer englischen Frösche und sind unstreitig weit schöner. Ihre Laute
gleichen denen eines Vogels und haben nichts von jenem Geknarr in sich.

  [Illustration: Grüne Frösche.]

  [Illustration: Ochsen-Frosch.]

Die Ochsen-Frösche sind von den grünen Fröschen sehr verschieden;
anstatt über ihre seltsamen Töne ungehalten zu sein, kann ich mich
vielmehr kaum des Lachens enthalten, wenn ein tüchtiger Kerl sein
breites braunes Haupt hart am Wasser-Rande aus dem nassen Elemente
hervor stößt, und »_Williroo, williroo, williroo_« ruft, worauf ein
andrer seines Gleichen an einer entfernten Stelle des Sumpfes in
gröberen Accenten erwiedert, »^Get out, get out, get out^, (komm raus,
komm raus, komm raus);« und gleich darauf läßt sich ein Chor von Alt
und Jung vernehmen, gleichsam als suche jede Partei die andre zu
überquäken.

In meinem nächsten Schreiben werde ich Ihnen einen Bericht von unsrer
Klafter-Biene (^logging-bee^) geben, welche zu Ende dieses Monats
stattfinden wird. Ich bin hinsichtlich der Verbrennung der geklafterten
Holzhaufen auf dem brachliegenden Boden um unser Haus herum etwas
besorgt, da mir die Sache gefährlich erscheint.

Ich werde Ihnen in Kurzem wieder schreiben. Leben Sie wohl.

Fußnoten:

[36]: Diese Erscheinung ist bei trockner Luft überall sehr
gewöhnlich.

[37] Guter, richtig bereiteter Ahorn-Zucker hat mit jenem
gepulverten Zucker, den alle Gewürzkrämer als einen trefflichen
Artikel zur Versüßung des Kaffees verkaufen, große Aehnlichkeit.



Elfter Brief.

 Welche Emigranten für Canada passen. -- Eigenschaften, die man
 besitzen muß, um eines günstigen Erfolgs gewiß zu sein. --
 Capital-Anlage. -- Welche Artikel man wo möglich mit sich bringen
 muß. -- Eigenschaften und Beschäftigungen einer Ansiedler-Familie.
 -- Mangel an Geduld und Energie bei einigen Frauen. -- Besorgung der
 Milchwirthschaft. -- Käse. -- Indianisches Korn; seine Cultur. --
 Kartoffeln. -- Arbeitslöhne.


                                                  August, 2, 1833.

Die mancherlei Fragen, auf die Sie meine Aufmerksamkeit vorzüglich
gerichtet wissen wollen, will ich, so gut es mir möglich ist, zu
beantworten suchen, doch muß ich zu gleicher Zeit erinnern, daß Kürze
im Briefschreiben eben keine meiner Haupttugenden ist. Sollte ich
in Schilderung einfacher Thatsachen zu weitläufig werden, so müssen
sie mit meiner Schwäche Nachsicht haben und es meiner weiblichen
Schwatzlust zu Gute rechnen, und sollte Ihr Auge dabei ermüden, so
bleiben wenigstens Ihre Ohren verschont.

Ich will Ihre Fragen in derselben Ordnung beantworten, wie Sie
dieselben an mich gerichtet haben. Zunächst wünschen Sie zu wissen,
welche Art von Leuten sich am besten zu Busch-Ansiedlern schickt.

Hierauf erwiedre ich ohne Anstand: -- Die armen, an harte Arbeit
gewohnten mäßigen Bauern, die sich durch Fleiß und Thätigkeit
auszeichnen und für eine große Familie zu sorgen, und einen
lobenswerthen Abscheu vor Arbeitshäusern und Bettelvoigten haben;
damit überwinden sie alle Mühseligkeiten und Entbehrungen, die mit
einer ersten Ansiedlung in den Urwäldern verbunden sind, und gelangen
in kurzer Zeit zu einer ehrenvollen Unabhängigkeit, frei von Mangel --
aber nicht von Arbeit und Betriebsamkeit. Handwerker jeder Art werden
in den Dorf-Städten (^Village-towns^) und seit langer Zeit gelichteten
Distrikten besser bezahlt, als blose Buschsiedler.

»Welche eignen sich zunächst am besten zur Auswandrung?«

Leute von mäßigem Einkommen oder einem hübschen Capital können in
Canada Geld gewinnen. Besitzen sie ein gesundes Urtheil und können
sie größere Summen verwenden, so werden sie durch gute Einkäufe und
Wiederverkäufe ihr Capital verdoppeln, ja selbst verdreifachen.

Allein noch besser wäre es, ich bezeichnete diejenigen, welche nicht
zur Auswanderung taugen, als umgekehrt.

Der arme, an eine feine, zarte Lebensweise gewöhnte Gentleman, der
nicht Arbeiter genug anstellen kann, um eine hinreichende Bodenfläche
in urbaren Stand zu setzen und nicht selbst arbeiten mag, taugt nichts
für Canada, vorzüglich wenn seine Gewohnheiten kostspielig sind. Selbst
der Mann, welcher ein kleines Einkommen hat, wofern er sich nicht dazu
verstehen will, die Axt oder das Hackemesser in die Hand zu nehmen,
wird es, sogar bei einer klugen und sparsamen Lebensweise, nicht leicht
finden, sich in den ersten zwei oder drei Jahren schuldenfrei zu
erhalten. Manche der letztern Art sind indeß vorwärts gekommen, aber
nicht ohne schweres Ringen.

Noch aber giebt es eine andre Klasse von Leuten, die nicht für die
Wälder paßt; dies sind die Weiber und Familien derjenigen, welche
früher wohlhabende Krämer oder Handwerker und an den täglichen Genuß
jedes Vergnügens, jedes Luxus-Artikels, welchen Geld verschaffen oder
Mode erfinden konnte, gewöhnt waren; deren Begriffe von Glückseligkeit
mit einem Kreise von Lustbarkeiten und Gesellschaften und allen
Neuheiten in Tracht und Unterhaltung, welche die feine Welt darbieten
kann, unzertrennlich verbunden sind. Junge Dämchen, welche in vornehmen
Pensions-Anstalten erzogen worden sind, und eine Verachtung gegen
alles, was auf Nutzen und Ersparniß abzweckt, eingesogen haben, geben
sehr schlechte Ansiedler-Weiber ab. Nichts kann unglücklicher sein, als
die Lage so erzogner Personen in den Wäldern von Canada; mißvergnügt
und mißmuthig über den unangenehmen Wechsel in ihrer Lebens-Weise,
unzufrieden mit allen Gegenständen um sie her, finden sie jede
Anstrengung lästig und jede Beschäftigung unter ihrer Würde.

Für Leute dieser Art (und leider stößt man nur auf zu viele in den
Colonien), ist Canada das schlechteste Land von der Welt. Und ich
wollte jedem, der weder Neigung noch die erforderlichen Eigenschaften
dazu hat, abrathen, den atlantischen Ocean hierher zu durchsegeln, denn
er würde sicher elend, arm und unglücklich werden.

Der Emigrant, welcher in diesem Lande fortkommen, ja sein Glück machen
will, muß folgende Eigenschaften besitzen: Beharrlichkeit, Geduld,
Betriebsamkeit, Erfindungsgeist, Mäßigkeit, Selbstverläugnung, und
ist er ein Gentleman, so ist ein kleines Einkommen fast unerläßlich,
und ein reichliches noch wünschenswerther. Die Auslage für Ankauf und
Urbarmachung von Grund und Boden, Anschaffung der nöthigen Utensilien
und Vorräthe zur Unterhaltung einer Familie, Besoldung von Dienstboten,
nebst manchen andern unvermeidlichen Ausgaben, können ohne Geld-Mittel
nicht bestritten werden; und da der Boden-Ertrag in den ersten zwei
oder drei Jahren nur gering ist, so würde es für einen Ansiedler
rathsam sein, einige hundert Pfund mit zu bringen, um sein Besitzthum
urbar zu machen und die eben erwähnten Ausgaben zu bestreiten, indem
er sich andern Falls bald in große Schwierigkeiten verwickelt finden
dürfte.

Jetzt zu Ihrer dritten Frage, »welches ist der vortheilhafteste Weg,
sein Geld anzulegen, wofern man nämlich als Ansiedler mehr mit sich
hierher bringt, als man für seinen Bedarf braucht?«

Hierüber kann ich natürlicher Weise kein genügendes Urtheil geben. Mein
Gatte und seine Freunde, die mit dem Zustande und den Angelegenheiten
der Colonisten bekannter sind, sagen, man müsse sein Capital gegen
sichere Hypotheken auf Grund-Eigenthum ausleihen. Der Ankauf von Land
ist oft ebenfalls eine gute Speculation, aber hinsichtlich des Gewinns
nicht so bestimmt, da man keine Zinsen erhält; und wiewohl sie in
Zukunft reichliche Früchte tragen dürfte; so ist es doch nicht immer
leicht über den erkauften Grund und Boden, gerade wenn man dessen
bedarf, vortheilhaft zu verfügen. Der Besitzer von mehren tausend
Morgen Landes in verschiednen Gemeinde-Bezirken kann oft wegen zwanzig
Pfund Sterling in Verlegenheit gerathen, wenn er diese plötzlich und
unvorbereitet schaffen soll, daher es unrathsam ist, sein ganzes
Capital auf die eben erwähnte Weise anzulegen.

Die Aufzählung der verschiednen Gelegenheiten, sein bares Geld
vortheilhaft anzuwenden, würde mir schwer fallen. Es ist hier so
wenig Geld im Umlauf, daß diejenigen, welche glücklich genug sind,
dergleichen in Bereitschaft zu haben, fast alles, was sie wünschen,
damit ausführen können.

»Welches sind die nützlichsten und nothwendigsten Artikel, die ein
Ansiedler wo möglich mit bringen muß?«

Werkzeuge, einen guten Vorrath an Kleidern und Schuhen, gute Betten,
vorzüglich warme Bettdecken, da man dergleichen hier theuer bezahlen
muß, und sich doch in der Heimath zu weit billigeren Preisen,
bei besserer Qualität, damit versorgen kann. Einen Vorrath guter
Garten-Sämereien, da diejenigen, welche man bei den Producten-Händlern
kauft, schlechtes Zeug sind; überdies sind letztere in Packete gepackt,
die man nicht eher öffnen darf, als nachdem man dafür bezahlt hat, und
leider pflegt man, wie es uns gegangen ist, nichts als Spreu, leere
Hülsen und wurmstichige Samen für sein Geld zu erhalten. Dies ist,
es thut mir leid, es sagen zu müssen, eine Betrügerei, die sich die
Yankies erlauben; wiewohl ich nicht zweifle daß John Bull (die gemeinen
Engländer) bei sich darbietender Gelegenheit das Nämliche thun würde,
denn Spitzbuben und Betrüger giebt es überall unter der Sonne.

Was Hausgeräth und schwere Artikel aller Art anlangt, so thut man wohl,
so wenig als möglich mit zu nehmen. Eisen-Waare ist hier nicht theuer,
oder vielleicht eben so wohlfeil als zu Hause, und oft dem hiesigen
Bedarf angemessener als die, welche man mit sich bringt; übrigens ist
alles Landfuhrwerk theuer.

Wir verloren ein großes Packet Werkzeuge und waren nie im Stande,
es von den Spediteurs wieder zu erhalten, wiewohl wir die Fracht im
Voraus zu Prescot bezahlen mußten. Das Beste ist daher, seine Güter zu
versichern, in welchem Fall der Spediteur dafür verantwortlich ist.

Sie fragen mich, »ob Gewürze und andre zur Nahrung gehörige
Haushalt-Artikel theuer oder wohlfeil sind?«

Dies ist je nach Ortslage und andern Umständen verschieden. In Städten
und Dörfern, welche in längst urbargemachten Distrikten des Landes und
nahe an Seen und schiffbaren Flüssen liegen, sind sie wohlfeiler als in
der Heimath; allein in neu begründeten, von der Wasser-Communication
entfernten Gemeinde-Bezirken, wo die Straßen schlecht sind, und
mithin der Gütertransport theuer ist, muß man fast das Doppelte dafür
bezahlen. Wo die Production dem Bedarf nicht gewachsen ist, zufolge
der Ansiedlung neuer Emigranten in spärlich angebauten Distrikten,
oder andrer Ursachen, werden alle Nahrungsmittel theuer verkauft, und
lassen sich überhaupt nicht so leicht erlangen. Allein dies sind blos
vorübergehende Uebel, die bald ein Ende haben.

Concurrenz macht die Preise in den canadischen Städten eben so gut
sinken, als in England, und man kauft jetzt Güter aller Art ziemlich
eben so wohlfeil als in der Heimath.«

Wo Preise von örtlichen Umständen abhängen, kann man keinen festen
Maaßstab geben; da das, was von der einen Stadt gilt, nicht auch auf
eine andre angewendet werden kann, und eine beständige Veränderung in
allen bebauten oder halbbebauten Gemeinde-Bezirken vor sich geht. Auf
gleiche Weise sind die Vieh-Preise sehr verschieden, sie sind niedriger
in alten Ansiedlungen, und dies vorzüglich auf der amerikanischen Seite
des Flusses oder der Seen, im Vergleich zu denen in den beiden Canadas
(Unter- und Ober-Canada)[38].

»Welche Eigenschaften muß die Frau eines Ansiedlers besitzen? welches
sind die gewöhnlichen Beschäftigungen des weiblichen Theils der
Familie?« Sind Ihre nächsten Fragen.«

Auf die erste erwiedre ich: -- Die Frau eines Ansiedlers muß thätig,
fleißig, gewandt, erfinderisch und heitrer Laune sein; sie darf sich
keiner Arbeit in der Hauswirthschaft scheuen, und nicht zu stolz sein,
um den Rath und die Erfahrung älterer Mitglieder der Gemeinde zu
verschmähen, von denen sie manche treffliche Lehre praktischer Weisheit
erhalten können.

Gleich jenem Muster aller guten Hausweiber, welches die kluge Mutter
König _Lemuel's_ beschreibt, sollte man von der Gattin des Emigranten
sagen können, »Sie legte ihre eine Hand an die Spindel und hielt mit
der andern den Rocken, sie suchte Wolle und Flachs und arbeitete willig
mit ihren Händen, sie besorgte fleißig ihre Wirthschaft und aß ihr Brod
nicht umsonst.«

Nichts spricht für einen größern Grad von gesundem Verstand und guten
Gesinnungen als heitre und willige Fügung in die Umstände, wie sehr sie
auch im Vergleich zu einem früheren Loose zurückstehen mögen; gewiß
wird Niemand, der so fühlt und denkt, wie er fühlen und denken sollte,
ein Frauenzimmer, wie zärtlich und vornehm es auch immer erzogen sein
mag, deswegen verachten, weil es in den neuen Lebensverhältnissen, zu
welchen es zu berufen, es Gott gefallen hat, redlich seine Pflicht
erfüllt. Seitdem ich in dieses Land gekommen bin, habe ich die
wohlerzognen, höchst gebildeten Töchter und Weiber von Männern, --
sowohl See- als Land-Offizieren -- keineswegs niedern Ranges, kennen
gelernt, die ihre eignen Kühe melken, ihre eigne Butter bereiten und
Arbeiten im Hauswesen verrichten, wozu sich wenige Pächter-Weiber
verstanden haben würden. Anstatt diese nützlichen Beschäftigungen
zu verachten, suchen manche Emigranten-Frauen vielmehr ihren Stolz
darin, sich einiger Geschicklichkeit in dergleichen Dingen rühmen zu
können. Je weniger dummen Stolz, und je mehr praktische Kenntnisse eine
Emigrantin mit sich bringt, desto eher darf sie und ihre Familie auf
häusliches Glück und Gedeihen rechnen.

Ich bedaure, bemerken zu müssen, daß in manchen Fällen die weiblichen
Familien-Glieder, welche hierher gekommen sind, sich dem Trübsinn
hingeben und dadurch die Harmonie ihres häuslichen Heerdes stören und
die Energie ihrer Gatten und Brüder durch beständige nutzlose Klagen
herabstimmen. Haben sie sich einmal entschlossen, ihren Gatten oder
Freunden in dieses Land zu folgen, so wird es weiser und besser sein,
sich mit gutem Anstand in die Umstände zu schicken und durch redliche
Erfüllung ihrer Pflicht die Bürde der Auswandrung erträglich zu machen.

Eine arme Frau, die über das Elend des Landes klagte, mußte doch
anerkennen, daß ihre Aussichten viel besser wären, als sie jemals in
der alten Heimath gewesen. Was war denn aber eigentlich die Ursache
ihrer Klagen und ihrer Unzufriedenheit? Ich konnte mich kaum des
Lächelns enthalten, als sie sagte, daß sie Sonnabend Abends nicht
mehr in den Material-Laden gehen könne, um für das Wochenlohn ihres
Mannes die nöthigen Einkäufe zu machen und ein wenig mit ihren Nachbarn
zu plaudern, während der Krämer seine Kunden bediene, -- denn es
gäbe ja leider im Busche keinen Kramladen, und sie sei so zu sagen
lebendig-todt. Wenn Mrs. N. N. (mit der sie beiläufig gesagt, so lange
sie unter einem Dache lebten, beständig zankte,) um sie gewesen, so
habe sie sich doch nicht so ganz allein gefühlt.

Also aus Liebe zu einem gelegentlichen Geplauder, wobei sie sich
mit dem Ellenbogen auf dem Verkauftisch eines Dorfkramladens legen
konnte, wollte diese alberne Frau die Vortheile, die wirklichen
sichern Vortheile, aufgeben, Land, Vieh und Geflügel, gute Nahrung,
eignes Obdach und Kleidung zu besitzen, und alles dies als die Frucht
angestrengter einige wenige Jahre hindurch dauernder Arbeit, der
sie sich, wie ihr Mann klüglich bemerkte, in der Heimath ebenfalls
hätte unterziehen müssen, und zwar mit keinem andern Ziel als ein
durch Armuth getrübtes Alter, oder allenfalls eine Zuflucht gegen
Hungerleiden in dem Arbeitshause ihres Kirchsprengels, im Auge.

Die weiblichen Glieder der mittlern oder bessern Klasse anlangend,
so können sie den geselligen Kreis von Freunden und Verwandten,
von denen sie, vielleicht auf immer, geschieden sind, nicht aus
den Gedanken bringen; sie seufzen nach den kleinen häuslichen, von
Eleganz und Verfeinerung des Lebens zeugenden Bequemlichkeiten, die
sie in der Heimath um sich zu sehen gewohnt waren. Sie haben jetzt
wenig oder keine Zeit für dergleichen Einrichtungen, die ihnen
sowohl Beschäftigung als Unterhaltung gewährten. Die ihnen jetzt
obliegenden Thätigkeiten sind von andrer Art: sie müssen im Zucker-
und Seife-Sieden, im Bereiten und Backen großer Brode im Backkessel,
wofern sie nicht so glücklich sind, einen steinernen oder Lehm-Ofen
zu besitzen, Geschicklichkeit und Erfahrung erwerben. Die Hausfrau
muß sich mit der Hefenbereitung aus Hopfen für ihr Gebäck, mit dem
Einsalzen von Fleisch und Fischen vertraut machen, sie muß Strümpfe,
Handschuhe und dergleichen stricken, Garn mit dem großen Rade (dem
französisch-canadischen Spinn-Rade) spinnen, das Garn färben und zu
Tuch und bunten Flanellen für Gatten und Kinder verweben, die Kleider
für sich selbst, für Gatten und Kinder verfertigen lernen; denn im
Busche giebt es weder Herren- noch Damen-Schneider.

Die Besorgung des Federviehs und der Milch-Wirthschaft darf nicht
übergangen werden; denn hier zu Lande befolgt man meistens die irische
oder schottische Methode, das ist, die Milch zu buttern, ein Verfahren,
welches in unserm Theil von England unbekannt war. Ich meines Theils
bin geneigt, der Rahm-Butter den Vorzug zu geben, mir scheint Letztres
ökonomischer, man müßte denn irische oder schottische Dienstleute
haben, welche Buttermilch der süßen Milch vorziehen.

Gewiß hat jede von beiden Methoden ihre besondern Vortheile. Die
Behandlung der Kälber ist hier sehr verschieden. Einige Ansiedler
nehmen das Kalb gleich nach seiner Geburt von der Mutter und lassen es
gar nicht saugen, das arme Thierchen muß die ersten vierundzwanzig
Stunden hindurch fasten und wird hierauf mittels der Finger mit
abgerahmter Milch gefüttert, die es bald mit großer Begierde zu sich
nehmen lernt. Ich habe auf diese Weise Kälber sehr gut gedeihen
sehen und bin Willens, den nämlichen Plan, als den am wenigsten
beschwerlichen, zu verfolgen.

Die alten Ansiedler machen von einem entgegengesetzten Verfahren
Gebrauch: sie lassen das Kalb nämlich so lange saugen, bis es ein
halbes Jahr alt ist, in der Meinung, daß dann sichrer auf den
Milch-Ertrag der Kuh zu zählen sei; da diese andernfalls bisweilen,
vorzüglich wenn das Gras in der Nähe der Wohnstätte spärlich wächst,
oft tagelang in den Wäldern umherschweift, und man nicht nur die
Benutzung der Milch verliert, sondern auch die Kuh, wegen der starken
Ausdehnung des Euters, sich leicht wesentlich verletzt und dadurch
wenigstens auf die Dauer der Melkezeit unbrauchbar wird. Meiner Meinung
nach würde es zur Vermeidung dieses Unfalls gut sein, wenn man seinem
Vieh in der Nähe des Melk-Ortes regelmäßig etwas Salz und eine kleine
Quantität Futter, wenn auch noch so wenig, gäbe, weil sie dann selten
lange ausbleiben würde. Kartoffel-Abgänge, die Blätter der alltäglichen
Garten-Gemüse, nebst den obersten Schößlingen des indianischen Korns,
welche man abschneidet, um das Bestocken der Pflanze zu befördern,
bilden ein lockendes Futter für die Kühe und sichern ihre Rückkehr. Im
Herbst und Winter, befördern Kürbisse, Korn, Stroh oder irgend eine
andre Futter-Art, die man gerade vorräthig hat, nebst dem Laube, das
man von den gefällten Bäumen und Buschwerk erhält, ihr Gedeihen.

Den zu entwöhnenden Kälbern muß man abgerahmte Milch oder Buttermilch,
nebst den laubigen Zweigen des Ahorns, wonach sie sehr begierig sind,
geben. Ein warmer Schuppen oder eingefriedigter Hofraum ist dem Vieh
während der strengen Winter-Monate durchaus nöthig; dies läßt man
zu häufig unbeachtet, vorzüglich in neuen Ansiedlungen, und daher
trifft gar manchen Ansiedler der Unfall, daß er sein Vieh entweder
durch Krankheit oder Kälte verliert. Von Natur ist das canadische Vieh
sehr robust und hart, und trotzt, wofern man ihm nur einige Sorgfalt
angedeihen läßt, selbst dem strengsten Winter; allein zufolge der
Schwierigkeiten, welche sich einer ersten Ansiedlung im Busche entgegen
stellen, sind die armen Thiere oft dem Hunger und der heftigen Kälte
ausgesetzt, was ihnen eine, oft verderbliche Krankheit »_Hohl-Horn_«
(^Hollow Horn^) genannt, zuzieht.

Diese Krankheit geht vom Rückgrat aus und wird dadurch gelindert, daß
man das Horn anbohrt und in die Oeffnung Terpentin, Pfeffer oder andre
erhitzende Substanzen einführt.

Hat ein neuer Ankömmling kein Winter-Futter für sein Vieh, so thut
er sehr wohl, es mit dem Eintritt des Herbstes zu verkaufen und im
nächsten Frühjahr neues anzuschaffen; und wiewohl dies als ein Verlust
erscheinen dürfte, so ist dieser doch gewiß weit geringer, als wenn man
dasselbe ganz und gar verlöre. Diesen Plan befolgte mein Gatte, und wir
befanden ihn entschieden vortheilhaft und ersparten uns überdies manche
Sorge, Störung und Plackerei.

Es sind mir einige gute Sorten hiesiger Käse zu Gesicht gekommen, die
in der That alles Lob verdienen, insonderheit unsre Grasweide den
brittischen Triften bei weitem nicht gleich kommt. Ich will hierin
meine Geschicklichkeit nächsten Sommer versuchen; wer weiß, ob ich dann
nicht einen canadischen Barden bestimmen dürfte, das Erzeugniß meiner
Milcherei eben so zu verherrlichen, wie _Blumfield_ den Suffolk-Käse,
_Bang_ zubenamt, verherrlicht hat. Sie erinnern sich doch der Stelle?
-- Denn _Blumfield_ ist so gut Ihr Landsmann als der meinige -- sie
beginnt folgender Maaßen: --

»Noch unerreicht o Giles ist dein Käse« u. s. w. Ich bin etwas lange bei
der Milchwirthschaft stehen geblieben, da ich weiß, daß Sie alles, was
Sie darüber erfahren können, Ihren Freundinnen mittheilen werden.

Sie ersuchen mich ferner um einige Nachrichten über die Cultur des
indianischen Korns, (Mais) und wünschen zu wissen, ob es eine nützliche
und einträgliche Getraidefrucht ist.

Der Anbau des indianischen Korns auf neu gelichtetem Boden ist sehr
leicht und von wenig Arbeit begleitet; auf alten Feldern bedarf es
deren mehr. Die Erde wird mit einer breiten Hacke geöffnet, und drei
oder vier Körner werden, nebst einem Kürbißsamen ungefähr in jedes
dritte oder vierte Loch, und in abwechselnden Reihen, eingestreut;
die Löcher müssen mehre Fuß von einander abstehen. Kürbisse und Korn
wachsen ganz verträglich mit einander auf, die breiten Blätter der
erstern beschatten die jungen Kornpflänzchen und verhindern die zu
große Verdünstung der Feuchtigkeit vom Boden; ihre Wurzeln verbreiten
sich nicht allzuweit, so daß sie dem Korn nur sehr wenig Nahrung
entziehen. Die eine Pflanze rankt sich zu einer erstaunlichen Länge an
der Erde hin, während die andre mehre Fuß hoch darüber emporschießt.
Sobald das Korn anfängt, sich zu verästeln, muß man den Boden nochmals
durchschaufeln, um mehr Erdreich an die Wurzeln zu bringen, und
außerdem das der Saat nachtheilige Unkraut ausjäten. Dies ist die
ganze Arbeit, bis sich die Aehre anfängt zu bilden, wo die tauben und
schwachen Schößlinge abgebrochen und nur vier oder fünf der kräftigsten
und fruchtbarsten übrig gelassen werden. Sobald die seidenartigen Fäden
braun werden und absterben, muß man sie entfernen, damit alle Nahrung
den Körnern zufließe.

Wir hatten in letztem Sommer ein merkwürdiges Beispiel von Ruß an
unserm Korn, die kranken Kolben hatten große weiße Blasen (Blattern),
so dick wie kleine Bovist oder große Haselnüsse, und diese waren,
als man sie aufbrach, mit einer tintenartigen schwarzen Flüssigkeit
gefüllt. An den nämlichen Pflanzen konnte man eine regelwiedrige
Befruchtung wahrnehmen: dem Kolben fehlten die Körner, welche durch
einen eigenthümlichen Zufall auf die Quaste oder männlichen Blumen
versetzt waren. Botaniker mögen die Ursache dieser seltsamen Abweichung
von der Regel erklären, ich berichte blos die Thatsachen. Ich konnte
nicht erfahren, ob der Ruß eine dem indianischen Korn gewöhnliche
Krankheit ist, aber im letzten Jahre kam derselbe, hier zu Lande und
vorzüglich in unsrer Gegend auch Staub-Kleien (^dust-bran^) genannt,
an der Gerste und dem Weizen ziemlich häufig vor; überhaupt ist zu
bemerken, das Staaten auf neu urbar gemachtem Boden dieser Krankheit am
meisten ausgesetzt sind[39].

Die reifen Körner werden entweder von dem Kolben abgeklaubt, wie
die Bohnen oder Erbsen bei uns, oder man reiht und flicht die
Kolben an Stränge wie die Zwiebeln und hängt sie an Stangen oder an
den Dachsparren auf den Getraide-Böden und in den Scheunen auf.
Das Abstreifen der Körner von den Kolben giebt zu einer geselligen
Versammlung Anlaß, welche ^husking bee^ (die enthülsende Biene) heißt
und, wie alle übrige Bienen, von den Yankies herrührt, gegenwärtig aber
unter der unabhängigeren und bessern Ansiedler-Klasse nicht mehr so
häufig wie früher stattfindet.

Das indianische Korn ist eine zarte und etwas unsichre Saat; jung
leidet es häufig durch Frost, daher man es nie vor dem 20. Mai oder
zu Anfange Junis säet, und selbst dann ist es noch nicht ganz sicher,
auch hat es manche Feinde, als Bäre, Waschbäre, Eichhörnchen, Mäuse
und Vögel und ist eine große Lockung für umherschweifendes Vieh, das,
um dazu zu gelangen, selbst Einfriedigungen von hölzernen Pfählen,
spanische Reiter und andre dergleichen Dinge, die man zum Schutz der
Saat aufgestellt hat, umstürzt.

Selbst in Canada bedarf diese Getraide-Art einen heißen Sommer, um
zur vollkommnen Reife zu gelangen. Daher glaube ich, daß _Cobbett_
unrecht hatte, als er den englischen Landmann zum Anbau im Vaterlande
das indianische Korn als eine sehr einträgliche Getraide-Frucht
empfahl. Sehr einträglich und mehlreich ist es bei uns jeden Falls,
indem es für alle Arten körnerfressender Thiere eine sehr reiche und
angenehme Nahrung abgiebt, und zwar selbst so lange es noch grün ist,
und in reifem oder halbreifem Zustande zur Mästung der Hausthiere und
Fütterung der Last-Ochsen sich trefflich eignet.

Der letzte Sommer war sehr günstig, die Saat gedieh auf das Ueppigste,
leider aber hatten nur wenige Ansiedler, in Folge des Mißrathens in
den beiden vorhergehenden Jahren, diese Getraide-Art angebaut. Unser
kleines Fleckchen lieferte eine reiche Ernte. Das Mehl giebt einen
nahrhaften Brei, von den Amerikanern »_Supporne_« genannt, er wird mit
Wasser bereitet, und mit Milch genossen, oder auch mit Milch vermischt.
Er muß lange kochen. Brod wird nur selten oder niemals ohne einen
reichlichen Zusatz von feinem Weizen- und Brod-Mehl daraus gebacken.

Was die Cultur andrer Getraide-Sorten anlangt, so kann ich
Ihnen darüber nichts mittheilen, was Sie nicht in jedem Werke
über Auswanderung finden. Die Kartoffel wird nicht in Löcher
gesteckt, sondern in kleine Erdhügel, die man darüber häufelt, die
Kartoffelfelder müssen durchschaufelt und von Unkraut gereinigt werden.

Was den gewöhnlichen Betrag der Arbeitslöhne anlangt, so richtet sich
derselbe ebenfalls nach der größeren oder geringeren Bevölkerung des
Ortes, wo man sich angesiedelt hat; im Allgemeinen indeß erhält ein
thätiger kräftiger Mann acht bis eilf Dollars monatlich; zehn Dollars
also könnte man als Durchschnitts-Summe annehmen, junge Bursche
(Handlanger) erhalten vier bis sechs, und weibliche Dienstboten
drei bis vier Dollars. Man kann auch junge Mädchen von neun bis
zwölf Jahren blos für Kleidung und Kost in Dienste nehmen, allein
dies ist keineswegs ein Ersparniß, da Kleider und Schuhe sehr bald
zerrissen sind und durch neue ersetzt werden müssen. Ein starkes
Mädchen vermiethet sich für zwei bis drittehalb Dollars monatlich
und arbeitet, wird es verlangt, auch auf dem Felde, wo sie Korn und
Kartoffeln behäufelt und jätet, in der Ernte die Garben binden hilft
u. s. w. Ich habe ein sehr gutes Mädchen, die Tochter eines Emigranten
von Wiltshire; sie ist sauber und verständig, höflich und fleißig, und
erhält dabei nur drei Dollars monatlich; sie gehört zu den glücklichen
Beispielen aus der niedern Klasse englischer Auswandrer, und ihre
Familie kann für den Bezirk, worin sie lebt, als ein wahrer Gewinn
betrachtet werden.

Ich glaube jetzt alle Ihre Fragen nach meiner besten Ueberzeugung
beantwortet zu haben. Allein ich erinnere dabei, daß meine Erfahrung
sich blos auf einen kleinen Theil der Gemeinde-Bezirke längs den
Otanabee-Seen beschränkt, mithin darf mein Bericht hinsichtlich seiner
Gültigkeit blos als örtlich gelten. Die Sachen können sich in andern
Distrikten der Provinz anders verhalten, wenn sie auch vielleicht nicht
wesentlich verschieden sind.

Ich muß Ihnen jetzt Lebewohl sagen. Sollten Sie sich jemals veranlaßt
fühlen, Ihr Glück diesseits des atlandischen Oceans zu versuchen, so
versichere ich Sie im Voraus des herzlichsten Empfanges in unserm
canadischen Hause.

                           Ihre Ihnen aufrichtig ergebne Freundin.

Fußnoten:

[38] Die Einfuhr-Zölle von Gütern in den beiden Canadas sind äußerst
gering, woraus sich der Umstand erklärt, daß man daselbst manche
Verbrauchs-Artikel an Orten, wo sich ihrem Transport keine erheblichen
Schwierigkeiten von Seiten der Straßen entgegenstellen, weit billiger
kaufen kann als in England; in den Urwäldern, wo man kaum angefangen
hat, Straßen anzulegen, ist wegen des theuren Transports der größern
Mäklerzahl, des größern Capital-Werthes und des damit in Verhältniß
stehenden höhern Local-Profites, u. s. w. alles weit theurer ist; was
sich jedoch mit der fortschreitenden Cultur des Bodens ändern wird.

[39] Die hauptsächlichsten Krankheiten, wovon die Getreide-Pflanzen
heimgesucht werden, sind Mehlthau, Brand (Schimmel), und Ruß. Die
Untersuchung und Behandlung dieser Krankheit ist für Schriftsteller
über Landwirthschaft ein ergiebiges Feld gewesen. Indeß scheint das
Publikum von ihren subtilen Forschungen noch keinen erheblichen
Nutzen geerntet zu haben, und ein Autor von vorzüglichem Ansehn und
Gewicht behauptet sogar, daß im Verhältniß zu der über den fraglichen
Gegenstand verschwendeten Wortmenge die Schwierigkeiten in Betreff
seiner Aufklärung sich vermehrt hätten.

Brand ist eine Krankheit, welcher bekanntlich die Cerealien seit den
frühesten Zeiten unterworfen gewesen sind. Bei den alten Griechen
galt derselbe als ein Zeichen des Zorns der Götter, und so oft er
vorkam, überließen sie sich der Klage und Trauer, ohne auf ein Mittel
zur Abhülfe bedacht zu sein. Derselbe Aberglaube herrschte unter den
Römern, die der Meinung waren, daß das Uebel, welches sie ^rubigo^
(Rost) nannten, unter der Controlle einer besondern Gottheit, Namens
_Rubigus_, stehe, daher sie diesem zu Gunsten ihrer Saaten fortwährend
opferten.

Brand und Mehlthau sind von verschiednen Schriftstellern über
Landwirthschaft häufig mit einander verwechselt worden, so daß es
zweifelhaft ist, welcher Klasse von Erscheinungen jeder von beiden
Namen eigentlich zukommt, oder ob beide überhaupt nicht für eine
und dieselbe zu verschiednen Perioden des Wachsthums der Pflanze
vorkommende Krankheit anwendbar sind. Da wir nicht gern auf streitigen
Boden treten mögen, was nothwendiger Weise der Fall sein würde,
wenn wir uns in Erörterung eines, trotz allen darüber geschriebnen
mühevollen Abhandlungen, verworrenen und dunkeln Gegenstandes einlassen
wollten, so werden wir hier die Formen, welche die Krankheit annehmen,
nebst ihren übeln Folgen kurz und deutlich beschreiben, deren
Klassifikation aber andern geschickteren Federn überlassen.

Die Ursachen sind, wie die kundigsten Männer behaupten, dreierlei,
nämlich: Kälte und besonders kalte Winde, böse Dünste und die
Verbreitung eines Schimmelpilzes. Die erstere der erwähnten Ursachen
hindert den Umlauf der Säfte in der Pflanze; die der Nahrung beraubten
Blätter welken und sterben ab, die Säfte treiben die Gefäße auf,
worin sie sich befinden, zersprengen sie und werden die Nahrung von
Millionen kleiner Insekten. Diese finden sich so unbegreiflich schnell
ein, daß man sie mehr für die Ursache, als die Folge der Krankheit
angesehen hat. Die zweite Ursache wirkt vorzüglich, wenn das Getraide
bereits völlig ausgewachsen ist, und man hat beobachtet, daß sie sich
besonders nach schweren Regengüssen des Nachmittags zeigte, auf welche
sogleich heller Sonnenschein folgte. Dies ist der Fall gewöhnlich
um die Mitte oder zu Ende Julis. Die Krankheit befällt entweder die
Blätter oder den Stengel der Pflanze, die mit gebrochenen Linien von
schwarzer oder dunkelbrauner Farbe bedeckt zu sein scheint. Viele
Naturforscher schreiben sie allein einer Art Schimmelpilz zu, die in
dem Pflanzenstengel wurzele und die den Getraidekörnern bestimmte
Nahrung entziehe. Die kleinen Samen dieses parasitischen Gewächses,
das die Krankheit des Getraides verursacht, sind so leicht, daß sie
vom Winde in große Entfernung getragen werden. Diese Schimmelpilze
wachsen überdies außerordentlich schnell, indem sie nach den genauen
Beobachtungen des Engländers _Joseph Banks_ in warmem Wetter nicht mehr
als eine Woche brauchen, um einzuwurzeln und bereits wieder Samen zu
treiben. Auf jedem Punkte des Halmes, wo sie sich einnisten, wachsen
zwanzig bis vierundzwanzig solcher Pilze, und man kann sich daraus eine
Vorstellung machen, wie groß die Vermehrung sein mag. Wie alle andre
Pilze und Schwämme, gedeiht auch diese verderbliche Art am besten an
schattigen, feuchten Orten, und deshalb ist eins der besten Mittel,
das Getraide vor ihr zu bewahren, dasselbe nicht zu dicht zu säen,
desgleichen muß man für hinreichenden Luftzug sorgen und daher die
Hecken und Einfriedigungen niedrig halten.

Mr. _Loudon_ berichtet, daß im Sommer 1809 ein Weizenfeld auf mehr
leichtem und sandigem Boden mit allem Anschein von Gedeihen empor
und auch in die Aehre kam und alle Aussicht zu einer guten Ernte
gab. Ungefähr zu Anfange Julis schien es alles zu übertreffen, was
man von einem dergleichen Boden erwarten konnte. Eine Woche später
war ein Theil der Saat auf der Ostseite des Feldes, im Betrag von
mehren Morgen, völlig verdorben, die Pflanzen waren über die Hälfte
ihrer früheren Größe eingeschrumpft und so welk und versengt, daß sie
nicht zu demselben Felde zu gehören schienen. Der übrige Theil der
Saat gedieh vollkommen gut. Man hat oft behauptet und lange Zeit auch
geglaubt, daß die Nähe von Berberisbeersträuchern der Saat nachtheilig
sei, indem sie schädliche Pilze anziehen, allein jetzt gilt dies
allgemein für ein Mährchen.

Der Same von Pflanzen, die an Mehlthau litten, eignet sich der
Erfahrung gemäß zur Aussaat vollkommen, und da er kleiner als gesundes
Korn ist, so bedarf es zu diesem Behuf eines kleineren Maaßes.

Eine andre böse Krankheit, welche das Getraide befällt, ist unter
dem bezeichnenden Namen »_Ruß_« bekannt, dieses Uebel besteht in
Verwandlung des Mehls in ein rußiges Pulver, das mehr oder weniger
schwarz und dem Geruch zuwider ist. Einige Schriftsteller unterscheiden
zwei Modificationen der fraglichen Krankheit und nennen die eine _Ruß_,
die andre _Getraide-Brand_ (Brand, verbranntes Getraide). _Mills_ hat
in seinem System der praktischen Landwirthschaft folgenden Unterschied
zwischen beiden aufgestellt. »_Ruß_, eigentlich so genannt, bewirkt
einen völligen Verlust der davon befallenen (inficirten) Aehren, da
aber das schwarze Pulver, welches er erzeugt, sehr fein ist, und die
Körner desselben nicht zusammenhalten, so werden sie von Wind und
Regen leicht fortgeführt, so daß der Landmann nicht viel mehr als das
blose Stroh unter Dach und Fach bringt, welches aber die gesunden
Körner nicht ansteckt und kaum ihr Mehl beschädigt. Das _brandige_ oder
_cariöse_ Getraide dagegen, das oft zugleich mit dem gesunden Korn
eingefahren und aufgespeichert wird, theilt letzterem seine Krankheit
mit, macht sein Mehl braun und giebt ihm einen schlechten Geruch.« Der
Name, mit welchem diese Krankheit von den Römern bezeichnet wurde, ist
ustilago; die französischen Landleute nennen sie ^charbon^ (Kohle).

Wenn man einen Theil des schwarzen Pulvers mit Wasser anfeuchtet und
dann unter das Mikroscop bringt, so sieht man, daß es Myriaden kleiner
durchsichtiger und augenscheinlich von einem dünnen Häutchen umgebner
Kügelchen sind. Die Ursache des Uebels suchen einige Forscher in dem
Boden, in welchen das Korn gesäet worden ist; andere schreiben es dem
Wuchern eines kleinen Pilzes innerhalb der Aehre zu; noch andre endlich
behaupten, es beruhe auf einem krankhaften Zustande des Samens, aus
welchem die Pflanze hervorgegangen ist. Das Ergebniß verschiedner
Versuche, wo man verschiedne Samen in denselben Boden säete, und allen
dieselbe Behandlung angedeihen ließ, scheinen der letzten Hypothese das
Wort zu reden.



Zwölfter Brief.

 Eine »Klafter-Biene.« -- Verbrennung der geklafterten Haufen. --
 Wirthschafts-System. -- Preis des Weizens im Vergleich zu dem
 Arbeitslohn. -- Wahl des Bodens und verhältnißmäßige Vortheile.
 -- Lichtung des Bodens. -- Orcan in den Wäldern. -- Veränderliche
 Witterung. -- Insekten. --


                                               November 2, 1833.

Vielen, vielen Dank Theuerste Mutter für den Inhalt der Schachtel, die
im August anlangte. Ich war voller Freude über die niedlichen Mützchen
und gewirkten Käppchen, die Sie mir für mein Knäbchen gesendet haben,
der kleine Kerl nimmt sich in seinem Anzuge ganz allerliebst aus, ja
ich möchte behaupten, er sei sich der Vermehrung seiner Garderobe
bewußt, so stolz scheint er auf seine neuen Kleider. Er wird recht
rund und lebhaft, und Sie können sich wohl vorstellen, mit welcher
Zärtlichkeit und welchem Gefühl von Stolz das Herz seiner närrischen
Mutter an ihm hängt.

Sein Papa, der ihn eben so sehr liebt, als ich, lacht oft über meine
grenzenlose Zärtlichkeit und frägt mich, ob ich ihn nicht für das
neunte Wunder der Welt halte; er hat auf dem Hand-Schlitten für ihn
einen Kasten befestigt, der nicht viel besser ist als eine Theekiste,
und mit einem schwarzen Bärenfell gefüttert; hierin sitzt der kleine
Bursche ganz behaglich und hat sich schon mancher Fahrt über den
gefrornen Boden erfreut.

Nichts konnte uns erwünschter kommen als das Legat meines Onkels, es
hat uns in den Stand gesetzt, manchen nützlichen Ankauf für unsre
Meierei zu machen, was andernfalls erst nach Verlauf manches Jährchens
würde haben geschehen können. Für einen Theil davon haben wir ein
Stück Land gekauft, welches nicht weit von unserm Hause liegt. Die
Beschaffenheit dieser neuen Parzelle ist vortrefflich und erhöht durch
ihre Lage den Werth des ganzen Besitzthums.

Mit dem Verbrennen der gefällten und geklafterten, das ist, der Länge
nach gespaltenen und mittels Ochsen in Haufen vereinigten Bäume auf dem
gelichteten Boden kamen wir in diesem Sommer trefflich zu Stande. Um
schneller damit fertig zu werden, ruften wir eine Biene (^logging-bee^)
zusammen. Viele Ansiedler folgten unsrer Aufforderung und eilten uns
mit Ochsen und Leuten zu Hülfe. Nachdem dies vorüber, das ist, das Holz
geklaftert war, setzte mein Gatte mit Hülfe der männlichen Dienstleute
die gewaltigen Haufen in Flammen, und ein prächtiges Schauspiel war
es, rings umher den verheerenden Brand zu sehen. Ich war anfangs etwas
unruhig und besorgt, indem einige Holzstöße sich unserm Hause ziemlich
nahe befanden, indeß braucht man stets die Vorsicht, sie nur, wenn der
Wind in der Richtung vom Hause abwärts bläst, anzuzünden. Es haben
sich bisweilen Unfälle ereignet, allein sie kommen doch weit seltner
vor, als man erwarten sollte, wenn man das leichte Umsichgreifen
und die Wuth des furchtbaren Elements bei dergleichen Gelegenheiten
berücksichtigt.

Ist das Wetter sehr trocken, und bläst ein scharfer Wind, so
schreitet das Werk der Zerstörung mit erstaunlicher Schnelligkeit
vorwärts; bisweilen theilt sich das Feuer dem Forste mit und läuft
über mehre hundert Morgen weg. Dies gilt als kein günstiger Umstand
für Lichtung und Urbarmachung des Bodens, da die Flammen das Gebüsch
und weiche leichte Holz verzehren, was zur Sicherung eines guten
Brandes beiträgt. Bei alle dem ist es ein prächtiger Anblick, die
flammenden Bäume zu sehen und die grauenvollen Fortschritte des um
sich greifenden, alles verzehrenden und den Waldwuchs auf mehre Jahre
vernichtenden Elementes zu beobachten.

Ist der Boden sehr trocken, so läuft das Feuer in allen Richtungen
darüber, das dürre Laub, Reisig und die Wurzeln zerstörend. In
der Nacht ist die Wirkung noch sichtbarer; bisweilen weht der
Wind brennende Reiser und dergleichen in die hohlen Fichten und
verwitternden Stummel, diese fangen sehr bald Feuer und bieten dem
Auge ein Schauspiel dar, welches äußerst schön und seltsam ist.
Feuer-Säulen, deren Basis in dichte Rauchwirbel gehüllt ist, zeigen
sich in jeder Richtung und senden dichte Funken-Schauer aufwärts,
welche, durch den Wind umhergewirbelt, wie Schwärmer und Feuer-Räder
erscheinen. Einige von diesen hohen Stummeln nehmen sich, wenn das
Feuer ihre Spitze erreicht hat, wie Gaslaternen-Pfähle aus. Das Feuer
dauert bisweilen tagelang nach einander fort.

Nachdem es erlöscht ist, werden die Brändte gesammelt, in Haufen gelegt
und nachmals angezündet; und so befremdend es Ihnen vorkommen mag, --
ich möchte behaupten, es gebe kein interessanteres und aufregenderes
Werk als das Errichten der Holzhaufen, das Aufstören und Einschließen
der sterbenden Flammen und ihre Ernährung durch frisches Brennmaterial.

Es finden stets zwei dergleichen Verbrennungen statt, zuerst nehmlich
werden die Reisighaufen, welche den Winter über unversehrt gelegen
haben, nachdem sie durch die trocknenden Stürme und die heiße April-
und Mai-Sonne gehörig ausgedörrt sind, in Flammen gesetzt; dies
geschieht jedesmal vor Klafterung der Baumstämme.

Ist das Wetter trocken und bläst ein lebhafter Wind, so wird viel
von dem leichteren Holze verzehrt, und die größeren Bäume werden zu
gleicher Zeit zerkleinert. Nachdem dies vorüber ist, wird das Uebrige
für das zweite Feuer gefällt, geschnitten und gehäuft; endlich sammelt
man die Brändte und unverzehrten Ueberbleibsel, um sie ebenfalls
dem Feuer zu überliefern, bis der Boden von allen Hindernissen, mit
Ausnahme der Baumstummel, welche selten mit verbrennen und mehre Jahre
hindurch ein wahrer Dorn für das Auge bleiben, befreit ist. Hierauf
wird die Asche umher gestreut und das Feld mit gespaltnen Baumstämmen
eingefriedigt -- der Boden ist jetzt gelichtet und urbar.

Unsre Aussaat in diesem Jahre besteht in Hafer, indianischem Korn,
Kürbissen, Kartoffeln und etwas weißen Rüben; nächsten Herbst werden
wir Weizen, Roggen, Kartoffeln und indianisches Korn haben, und dadurch
im Stande sein, unsern Viehstand zu vermehren. Gegenwärtig haben
wir blos ein Joch Ochsen: _Buck_ und _Bright_, (die Namen von drei
Viertheilen aller Zug-Ochsen in Canada), zwei Kühe, zwei Kälber und
zwei kleine Schweine, zehn Hühner, drei Enten und einen niedlichen
braunen Klepper, welcher aber leider ein so geschickter Springer ist,
daß er fast über jede Einfriedigung wegsetzt, daher wir uns wohl von
ihm werden trennen müssen.

Alles Vieh, das sich gern losreißt und umherstreift, ist ein
bedeutender Friedenstörer und lößt manche nachbarliche Freundschaft
auf, weshalb jeder Ansiedler, dem es auf ein gutes Vernehmen mit seinen
Nachbarn ankommt, dergleichen Vieh, und wenn es übrigens noch so
brauchbar wäre, lieber veräußert.

Ein kleiner Pachter im Mutterlande dürfte eben keine hohe Meinung von
unsern canadischen Besitzungen hegen, besonders wenn ich hinzufüge, daß
unsre ganzen Ackergeräthschaften aus zwei Sensen, verschiednen Aexten,
einem Spaten und einigen Hacken bestehen. Hierzu kommt noch eine
seltsame Art von Egge, in Gestalt eines Dreiecks, um besser zwischen
den Baumstummeln durchkommen zu können. Dies ist im Vergleich mit den
neu angestrichnen Werkzeugen der Art, welche ich in England gesehen
habe, eine grobe Maschine. Ihre einzelnen Theile sind roh zugehauen und
ohne Rücksichtsnahme auf ein gefälliges Aeußere mit einander verbunden;
die möglichste Tauglichkeit ist alles, worauf man hier sieht. Der Pflug
kommt selten vor dem dritten oder vierten Jahre ins Land, auch ist
dies nicht erforderlich; der allgemein übliche Feldwirthschafts-Plan,
den neuerdings urbar gemachten Boden mit Weizen oder Hafer und, außer
dem Getraide, mit Grassämereien zu besäen, (letzteres, um Weide für
das Vieh zu erhalten), macht den Pflug nicht eher nöthig, als bis
die Zeit eintritt, wo das Grasland aufgerissen werden muß. Diese
Methode verfolgen die meisten Ansiedler, so lange sie mit Lichtung
des Wald-Bodens beschäftigt sind; sie lichten stets so viel, als
zur Unterhaltung einer regelmäßigen Aufeinanderfolge von Weizen und
Frühlings-Saaten erforderlich ist, während sie das früher gelichtete
Land mit Gras besäen.

Der niedrige Preis, wofür jetzt fast jede Getraide-Sorte zu haben ist
-- der Scheffel (^Bushel^) Weizen kostet nur zwei Schillinge vier Pence
bis höchstens vier Schillinge -- macht seine Cultur weniger wichtig
als die Aufziehung und Mästung von Vieh. Die Arbeitslöhne stehen mit
dem Preis der Erzeugnisse in keinem Verhältniß; ein Arbeiter erhält
zehn, ja sogar eilf Dollars monatlich, nebst Kost; während der Weizen,
wie bereits gezeigt worden, nur drei Schillinge, drei Schillinge und
Sechspence oder vier Schillinge, ja bisweilen nicht einmal so viel
gilt. Der Ertrag wird wenig oder nicht mit der Auslage verglichen,
welche die Bestellung des Bodens erheischt, übrigens bringt das Land
auch nicht den großen Ueberfluß hervor, den Manche von neu urbar
gemachtem Boden zu erwarten pflegen. Der Ertrag muß indeß, je nach Lage
und Fruchtbarkeit der Felder, die in der Regel in der Nähe der Flüsse
und Seen weniger productiv sind, als etwas weiter davon entfernt, weil
der Boden daselbst entweder morastig oder steinig, mit Fichten oder
mit Kalkstein- und Granit-Blöcken bedeckt, und der Unterboden arm und
sandig ist, verschieden ausfallen.

Dies ist der Fall an den kleinen Seen und an den Ufern des Otanabee;
die davon entfernt liegenden Parcellen sind gemeiniglich von weit
bessrer Beschaffenheit, sie tragen hartes Holz, z. B. Eichen, Ahorn,
Buchen, Eisenholz u. s. w., welche Bäume stets einen fruchtbarern Boden
verrathen, als die Familie der Nadelhölzer.

Trotz der geringeren Boden-Beschaffenheit wird beim Ankauf von Land
doch ein Wasser-Vordergrund als eine Sache von großer Wichtigkeit
betrachtet; und Parcellen mit Wasser-Benutzung stehen gewöhnlich
in weit höherem Preise als solche, die weiter davon entfernt sind.
Erstere sind im Allgemeinen im Besitz der Ansiedler höheren Ranges,
die noch etwas extra für eine gute Lage und die Aussicht künftiger
Verschönerungen, wenn das Land sich unter einem höheren Cultur-Grad
befinden und dichter bevölkert sein wird, zahlen können.

Wir können nicht anders als mit unendlicher Zufriedenheit die wenigen
Morgen Landes betrachten, welche im Umkreise unsers Hauses gelichtet
und mit Saaten bedeckt sind. Ein Platz dieser Art inmitten des dichten
Waldes erfüllt das Herz mit einer Wonne, wovon diejenigen, welche in
einer offnen oder auch nur theilweise bewaldeten Gegend wohnen, keine
Vorstellung haben können. Die hellen Sonnenstrahlen und der blaue
Himmel, die, nicht mehr durch ein dichtes Laubdach zurückgehalten, frei
und ungehindert auf uns hereinbrechen, laben das Auge und erfreuen
das Herz gewiß eben so sehr, als der kühle erquickende Schatten eines
Palmen-Hains den armen abgematteten Wandrer in der afrikanischen Wüste
labt und erquickt.

Wenn wir dies so merklich fühlen, die wir uns der Aussicht auf einen
offnen See gerade vor unsern Front-Fenstern erfreuen, wie müssen
diejenigen thun, die für ihre Niederlassung nur erst ein kleines
Fleckchen im Herzen des Waldes gelichtet haben, die rings um von einer
dichten Baum-Wand eingehemmt sind, deren endlose Schatten, welche
das Auge, in Aufsuchung andrer Gegenstände und Scenen, vergebens zu
durchdringen strebt; denn so dicht stehen die Bäume, daß alles, außer
der gelichteten Stelle, in dichtes Dunkel gehüllt ist. Ein Ansiedler,
der sich zuerst auf der ihm zu Theil gewordnen Parcelle niederläßt,
weiß nicht mehr von ihren Grenzen und natürlichen Zügen als von der
nordwestlichen Durchfahrt.

Unter solchen Uebelständen kann es vielleicht unter zehn Fällen nur
einmal treffen, daß der Ankömmling die beste Lage für sein künftiges
Haus wählt. Dies ist ein sehr hinreichender Grund, nicht eher ein
größere Unkosten erforderndes Haus zu bauen, als bis das Land zur
Genüge gelichtet ist, so daß die Vortheile und Nachtheile der dafür
zu erwählenden Stelle besser ins Auge fallen. Manche zu dem in Rede
stehenden Behuf vorzüglich geeignete Stellen bieten sich oft dem Auge
des Ansiedlers, während er in Lichtung seines Bodens fortfährt, dar,
und lassen ihn bedauern, daß er sein Haus an einem Platze erbaut hat,
den er noch nicht kennen gelernt hatte. Allein Umstände verstatten
selten, den Hausbau im Busche aufzuschieben; eine Wohnung muß so
schnell als möglich errichtet werden, und dies gewöhnlich auf dem
ersten gelichteten Acker. Der Emigrant tröstet sich indeß dabei mit
der Zukunft, er hofft auf eine nicht allzuferne Periode, wo er durch
Aufführung einer schönern und bessern Wohnstätte, als sein Block-Haus
(Log-Haus) oder seine Shanty ist, die er blos als einstweiliges Obdach
betrachtet, sowohl seinem Geschmack als seiner Liebe zur Bequemlichkeit
wird genügen können.

Bei meiner ersten Ankunft in diesem Lande überraschte mich nichts
mehr als der völlige Mangel an Bäumen um die Wohnhäuser und auf dem
gelichteten Boden, die Axt des Holzfällers stürzt unermüdlich alles vor
sich nieder. Der Mensch scheint mit den Bäumen des Waldes zu kämpfen,
gleichsam als wären sie seine schädlichsten Feinde; denn er schont
weder das junge Bäumchen in seinem jugendlichen Grün noch den bejahrten
Stamm in seinem hohen stattlichen Wuchse; er kriegt gegen den Forst mit
Feuer und Stahl.

Es lassen sich für diesen anscheinenden Mangel an Geschmack verschiedne
Gründe angeben. Die Waldbäume wachsen so dicht neben einander, daß
es ihnen an Raum gebricht, sich auszubreiten und Seiten-Aeste zu
entsenden; im Gegentheil schießen sie zu einer beträchtlichen Höhe
empor, nicht unähnlich jungen Saatpflanzen in einem Treibbeete, die
nicht gehörig gedünnt worden sind. Dergleichen Bäume sind schlank und
schwach und entbehren völlig jener angenehmen Umrisse und jener schönen
Laubkrone, die sie als eine Verzierung der Landschaft wünschenswerth
machen würde; allein dies ist noch nicht der dringendste Grund zu ihrer
Entfernung, vorausgesetzt, daß unter ihnen doch manche von nicht eben
ungefälligen Formen vorkommen mögen.

Anstatt tiefe Wurzeln zu treiben, haben die Waldbäume, mit Ausnahme der
Fichten, nur einen sehr oberflächlichen Halt in der Erde; die Wurzeln
laufen an der Oberfläche des Bodens hin und haben daher nicht Kraft
genug, den Stürmen zu widerstehen, welche gegen die Wipfel wüthen, und
diese wirken so als mächtige Hebel, um sie aus dem Erdreich heraus zu
reißen.

Je höher und schlanker der Baum ist, desto leichter wird er von den
Stürmen entwurzelt; und wenn selbst diejenigen fallen, welche im Herzen
des Waldes stehen und von allen Seiten eingehemmt sind, so kann man
über das gewisse Schicksal eines einzeln stehenden, seiner früheren
Beschützer beraubten Baumes, sobald er gegen den Sturm kämpfen soll,
nicht zweifeln. Er muß fallen und kann dann leicht durch seinen Sturz
in der Nähe befindliches Vieh beschädigen; dies ist der wichtigste
Grund, warum man nicht einzelne Bäume auf dem gelichteten Boden stehen
läßt. Uebrigens ist es nicht so leicht, bei Lichtung des Waldes diesen
oder jenen Baum zu schonen, als ich mir dies anfangs dachte; der Fall
eines Baumes zieht oft den von zwei, drei oder mehren kleineren, die in
der Nähe stehen, nach sich. Ein geschickter Holzfäller sucht dies so
sehr als möglich zu befördern, indem er kleine Bäume in der Richtung,
in welcher er einen großen zu fällen beabsichtigt, nur zum Theil
durchschneidet.

Ich wünschte sehr, einige hübsche Buchenbäumchen, die mir gefielen,
zu erhalten, und bat daher die Holzfäller, dieselben wo möglich zu
verschonen. Allein der einzige, welcher der zerstörenden Axt entging,
mußte bald eine Feuer-Probe bestehen, wodurch seine frischen grünen
Blätter augenblicklich welk und versengt wurden; er steht jetzt als
ein trauriger Beweis der Unmöglichkeit da, dergleichen von der Axt
verschonte Bäume zu erhalten. Das Einzige, was man thun kann, wenn man
Bäume in der Nähe seines Hauses zu haben wünscht, ist, daß man junge
dergleichen in günstigen Lagen anpflanzt, wo sie tief einwurzeln und
ihre Aeste eben so ausbreiten können, wie die Bäume in unsern Parken
und Hecken.

Ein andrer Plan, den wir auf unserm Boden zu verfolgen Willens sind,
ist, mehre Acker Wald in passender Lage stehen zu lassen, die alten
Bäume als Brennholz von Zeit zu Zeit heraus zu schlagen und den jungen
Wuchs als Zierde zu verschonen. Dieses Verfahren, ein Wäldchen zu
erhalten, unterliegt nicht den früher dagegen gemachten Einwürfen, und
vereinigt das Nützliche mit dem Schönen.

Man fühlt sich, sieht man eine der gigantischen Eichen oder Fichten
fallen, seltsam erregt. Stolz und unbeweglich scheinen sie zuerst
dem Hagel von Axtschlägen, die von drei oder vier Holzfällern gegen
ihren Stamm geführt werden, zu trotzen. Allein nachdem das Werk der
Zerstörung eine Zeitlang gedauert hat, nimmt man alsbald eine leichte
Bewegung -- ein fast unmerkliches Zittern der Aeste wahr. Ganz langsam
und allmälig beginnt der Waldriese, sich zu neigen, während das laute
Krachen des Stammes endlich anzeigt, daß sein letzter Halt in der Erde
aufgehört hat. Die Axt des Holzfällers hat ihre Pflicht gethan; die
Bewegung des stürzenden Baumes wird mit jedem Augenblick beschleunigt,
bis er unter donnerartigem Geprassel, welches die Erde erschüttert,
während die benachbarten Bäume erbeben und sich vor ihm neigen, zu
Boden sinkt.

Obschon entschieden weniger windig als unsre brittischen Inseln, wird
Canada doch zu Zeiten von plötzlichen Stürmen, die sich bisweilen fast
dem Orkan und der sogenannten Windsbraut nähern, heimgesucht. Eine
Schilderung eines solchen Sturmes habe ich Ihnen in einem früheren
Briefe gegeben. Im Verlauf des jetzigen Sommers bin ich Zeuge von
einem andern Orkan gewesen, der in seinen Wirkungen noch heftiger und
verheerender war.

Der Himmel überzog sich plötzlich mit Wolken, die sehr electrisch
waren. Der Sturm brauste von Nordwesten heran, und seine Wuth schien
auf eine Breite von einigen hundert Schritten beschränkt. Ich
beobachtete mit einigem Interesse die schnellen Bewegungen der grauen,
schwarzen und kupferfarbnen Wolken, die über den See hin zogen, als
mich plötzlich das Krachen stürzender Bäume auf dem jenseitigen Ufer
und noch mehr der Anblick der mit den umherwirbelnden Fichten-Reisern
angefüllten Luft, kaum hundert Schritt vom Hause, während auf dem ebnen
Boden, wo ich stand, keine Spur von Wind zu fühlen war, nicht wenig
überraschte.

In wenigen Secunden hatte sich der Orkan über die Wasserfläche
verbreitet und streckte mit unwiderstehlicher Gewalt nicht weniger als
dreißig oder vierzig Bäume zu Boden, während er andre wie Schilfrohr
niederbog. Es war grauenvoll zu sehen, wie der hohe Forst vor dem
Toben des Sturmes zitterte und schwankte, und wie ein Riesenstamm nach
dem andern stürzte, wie ein Spiel Karten, die ein Hauch zerstreut.
Glücklicher Weise ging der Luftstrom blos über unsre gelichteten
Aecker weg und fügte uns keinen Schaden weiter zu, als daß er auf dem
hohen Ufer über dem See drei starke Fichten entwurzelte. Allein in der
Richtung unsers Nachbars stiftete er großen Schaden an, er zerstörte
einen großen Theil der Einfriedigung, zerschmetterte die Saaten durch
die niederstürzenden Stämme und Aeste und bewirkte für den Besitzer
einen großen Verlust und viel Arbeit, um den Schaden wieder gut zu
machen.

Die aufwärts gekehrten Wurzeln der vom Winde umgestürzten Bäume sind
eine große Plage auf dem gelichteten Boden, entstellen die Landschaft
und sind weit schwieriger zu entfernen als die mit der Axt gefällten
Bäume. Einige von den Stummeln dieser durch den Sturm umgeworfnen Bäume
richten sich, wenn sie gleich nach ihrem Umsturz von ihren Aesten
befreit worden sind, wieder empor, das Gewicht der Wurzeln und des
damit emporgerißnen Erdreichs zieht sie an ihre alte Stelle zurück; wir
haben diesen Umstand sehr häufig benutzt.

Diesen Sommer über herrschte die veränderlichste Witterung, welche man
sich denken kann. Der Frühling war warm und angenehm, aber vom Ende des
Mai bis zur Mitte des Herbstes hatten wir schwere Regengüsse, bewölkten
Himmel und feuchte heiße Tage; heftige, furchtbar großartige Gewitter,
aber wie es scheint weniger verheerend als in England, sind hier zu
Hause. Es ist wohl möglich, daß die hohen Waldbäume die Gefahr von
den niedrigen Gebäuden abwenden, die hinreichend gegen die Wirkungen
des Blitzes geschützt sind. Auch der Herbst war feucht aber kalt.
Ich muß hier gestehen, daß ich zur Zeit eben keine günstige Meinung
vom hiesigen Klima hege; indeß ist es Unrecht, nach einer so kurzen
Bekanntschaft damit über dasselbe aburtheilen zu wollen, besonders da
Jedermann sagt, daß dieser Sommer seinen Vorgängern völlig ungleich
gewesen.

Die Insekten waren eine große Plage für uns, und ich bewillkommnete den
herannahenden Herbst als einen Befreier von ihren Angriffen; denn diese
Plaggeister sind zahlreich und von mancherlei Art, und achten keine
Persönlichkeit, wie ich zu meinem Leiden erfahren habe.

Ich sehne mich nach Briefen aus der Heimath; lassen Sie mich bald von
Ihnen hören.



Dreizehnter Brief.

 Gesundheits-Gefühl inmitten der strengsten Winter-Monate. --
 Unannehmlichkeit, welche die glänzende Weiße des Schnees verursacht.
 -- Schlittenfahrt. -- Indianische Orthographie. -- Besuch in einem
 Indianer-Lager. -- Ein indianischer Krüpel. -- Canadische Ornithologie.


                                          See-Haus, März 14, 1834.

Ich erhielt Ihren letzten liebevollen und höchst interessanten Brief
erst diesen Abend. In Folge eines Fehlers in der Aufschrift hatte er
die Runde in zwei Gemeinde-Bezirken gemacht, ehe er in Peterborough
anlangte; und ob er gleich fast eben so viele Aufschriften hatte als
ein Matrosen-Messer neue Klingen und Hefte, so kam er doch zuletzt
in meine Hände und war mir, trotz seinem etwas beschmutzten und
abgenutzten Reise-Gewande, nicht minder willkommen und schätzbar.

Ich freute mich, von Ihrer wiederkehrenden Gesundheit und frohen Laune
zu hören; -- mögen sie von langem Bestand sein. Ihre Klagen über mein
Exil, wie Sie meinen Aufenthalt in diesem Lande nennen, gingen mir sehr
zu Herzen. Lassen Sie meine Versicherung, daß ich mich gegenwärtig eben
so glücklich fühle, als zur Zeit, wo ich meine Heimath verließ, sich
zum Trost wegen meiner Entfernung von Ihnen dienen. Ist auch meine Lage
verändert, so ist es doch nicht mein Herz. Mein Geist ist so lebhaft
und heiter wie je zuvor, und zu Zeiten fühle ich eine Aufgewecktheit
und Frische in mir, die jeder Sorge Trotz bietet.

Sie fürchten, daß mich die Strenge des canadischen Winters aufreiben
werde. Ich erfreute mich nie einer bessern Gesundheit, als seitdem er
seinen Anfang genommen. Das Blut wird von der Frische und Reinheit der
Luft dergestalt durchströmt und gekräftigt, daß man sich ganz heiter
und wohl fühlt. Selbst der Schnee erscheint weißer und schöner als in
unserm feuchten neblichen Klima. An sehr kalten hellen Wintertagen
sieht man hier oft die Luft mit kleinen gefrornen Wasser-Theilchen
gefüllt, die völlig trocken sind, und das Gesicht ganz leicht wie
Nadelspitzen berühren, während der Himmel blau und heiter ist. Es
herrscht zwischen dem ersten Schnee-Fall und dem in der Mitte des
Winters ein merklicher Unterschied. Der erste zeichnet sich durch große
weiche Flocken aus und liegt selten lange, ohne zu thauen, aber die
Flocken des zweiten, nachdem regelmäßig anhaltende Kälte eingetreten
ist, sind kleiner, trockner und von den schönsten Formen, bisweilen
spitzig wie Strahlenbüschel, oder sonst auf die merkwürdigste Weise
gefiedert.

Meinen Augen ist die blendende Weiße und das Funkeln des Schnees an
heitern sonnigen Tagen sehr zuwider und macht mein Gesicht, wenn es
derselben ausgesetzt gewesen, auf mehre Stunden äußerst schwach, so daß
ich die mich umgebenden Gegenstände nicht deutlich unterscheiden kann.
Ich möchte jedem rathen, der hierher kommt, sich mit grünen oder blauen
Brillen-Gläsern[40] zu versehen, und den Damen, ja grüne Crep-Schleier
mit zu bringen. Große grüne Brillen, wie sie der arme _Moses_ kaufte,
würde in Canada als kein so schlechtes Geschäft gegolten haben[41].

Vor einigen Tagen kehrte ich von einem Besuche bei einer kranken
Freundin zurück und weidete mich auf meinem Wege an den Wirkungen des
Frostes. Erdboden, Bäume, jedes Reis, jedes dürre Blatt, jeder Stein,
worauf mein Auge stieß, blitzten gleichsam von Diamanten, als wären sie
von einem Zauberstab berührt worden; Gegenstände, vorher roh und jeder
Schönheit ledig, hatten plötzlich einen unbeschreiblich blendenden
Glanz angenommen. Man glaubte sich fast in _Sindbad's_ Diamanten-Thal
versetzt[42]. Ueberdies war die Luft keineswegs unangenehm oder
unerträglich kalt.

Ich habe an windigen Tagen in England weit mehr Kälte empfunden als in
Canada, bei einem weit niedrigeren Temperatur-Grade. Es herrscht hier
in kalten Nächten eine fast entzückende Stille in der Luft, welche die
Unannehmlichkeit der Kälte-Empfindung verringert.

Allerdings treten im Verlauf des Winters einige sehr kalte Tage ein,
allein diese niedrige Temperatur hält selten länger als dreimal
vierundzwanzig Stunden an. Der kälteste Theil des Tages ist von ein
oder zwei Uhr vor Sonnen Aufgang bis ungefähr um neun Uhr Morgens;
bis dahin haben unser prasselndes Holzfeuer (^log-fire^) oder unsre
eisernen Oefen das Haus durchwärmt, so daß man sich um die drausen
herrschende Kälte gar nicht bekümmert. Im Freien fühlt man sich
bei gehöriger Bewegung und hinreichender Bekleidung weit weniger
unbehaglich, als man glauben sollte. Ohren und Nase sind der Kälte am
meisten ausgesetzt.

Leute, die von einer langen Reise kommen, bilden bisweilen eine
seltsame Erscheinung, die einem, wären sie nicht zu bemitleiden, ein
Lächeln entlocken würde.

Haare, Schnurrbart, Augenwimpern, Bart, alles ist mit Reif überzogen.
Ich habe junge Damen in Abend-Gesellschaften gehen sehen, mit Locken,
so dunkel wie die Ihrigen, die aber bald durch den kalten Luft-Hauch
in Silberweiß verwandelt wurden, so daß man fast auf die Idee gerieth,
die schönen Mädchen wären in ihre alten Großmütter metamorphosirt
worden, glücklicher Weise für Jugend und Schönheit sind dergleichen
Verwandlungen nur vorübergehend.

In den Städten und volkreichen Theilen der Provinz begrüßt man die
Annäherung des Winters, anstatt sie zu fürchten, mit wahrer Freude.
Reisen sind dann ungehindert und angenehm; selbst unsre elenden
Buschstraßen gewinnen im eigentlichen Sinne des Wortes an Werth; und
sollte man auch während einer Lustfahrt ein- oder zweimal umgeworfen
werden, so sind doch dergleichen Zufälle von keiner großen Gefahr
begleitet, auch erweckt ein Burzelbaum in den Schnee vielmehr Gelächter
als Mitleiden; daher ist es bei dergleichen Gelegenheiten das Beste,
das bischen Schnee, was man etwa aufgeladen, mit gutem Anstand
abzuschütteln und in die Lust und Späße der Gesellschaft einzugehen.

Das Reisen auf dem Schlitten ist in der That höchst angenehm; je mehr
Schnee, desto besser die Schlitten-Zeit; und je härter er wird, desto
leichter ist die Bewegung des Fuhrwerks. Die Pferde sind sämmtlich mit
Glocken-Geläute und Schellen sowohl um den Hals als auf dem Rücken
geschmückt, und das lustige Geklingel ist keineswegs unangenehm.

Sobald eine hinreichende Menge Schnee gefallen ist, wird alles Fuhrwerk
von der Staats-Karosse bis zur Radeberge auf eisenbeschlagne Kufen --
den Schlittschuh-Eisen nicht unähnlich -- gesetzt. Die gewöhnlichen
Reise-Equipagen sind der Doppel-Schlitten, (^double sligh^) der leichte
Wagen und der Cutter; die beiden ersten werden von zwei Pferden, neben
einander gezogen, der letztre dagegen, bei weitem das eleganteste
Fuhrwerk dieser Art, ist blos für ein Pferd bestimmt und entspricht
mehr dem Gig oder der Chaise.

In Büffel-Häute gehüllt, fühlt man keine Unannehmlichkeit von der
Kälte, ausgenommen im Gesicht, das man durch einen warmen Biber, einen
Hut oder eine Mütze schützen muß; Mützen werden hier selten oder
niemals getragen, und zwar aus dem lächerlichen Grunde, weil es nicht
Mode ist.

Das rothe, graue und schwarze Eichhörnchen ist in unsern Wäldern
häufig. Die Moschus-Ratze bewohnt kleine Häuser, die sie in den
binsenreichen Theilen der Seen erbaut. Diese Wohnungen bestehen aus
Riethgras und Binsen-Wurzeln, Stöcken und andern ähnlichen Materialien
und sind mit Schlamm ausgekleidet, ein dichtes, die Wasserfläche einen
Fuß und mehr überragendes Schilfdach schützt das Gebäude von oben;
es ist von runder domartiger Gestalt und vom Ufer aus in einiger
Entfernung sichtbar. Die Indianer stellen Fallen, um die Thierchen in
ihrer Wohnung zu fangen, und verkaufen ihre Felle, welche gegen den
Winter sehr dicht und glänzend sind. Der Biber, der Bär, der schwarze
Luchs und Füchse werden ebenfalls getödtet und von den Jägern an die
Vorratshändler gegen Waaren oder Geld verkauft.

Die Indianer richten die Rehhäute zur Verfertigung von Mocassins
zu, die von den Ansiedlern in diesen Theilen sehr gesucht werden;
sie sind in Schnee-Wetter sehr behaglich und halten die Füße sehr
warm, indeß umwickelt man den Fuß, ehe man sie anlegt, mit einigen
Tüchern. Ich trug den ganzen letzten Winter hindurch ein schönes Paar
dergleichen Stiefel; sie waren mit Stachelschwein-Spuhlen genäht und
mit scharlachnen Binde-Bändern versehn; eine alte Squaw, die Frau des
Jägers _Peter_, sie kennen ihn bereits aus einem früheren Briefe,
war die Meisterin, welche sie verfertigt. Bei dieser Gelegenheit
erhielt ich ein Pröbchen indianischer Orthographie, das die Mocassins
begleitete und mir nicht wenig Spaß machte; ich will Ihnen die paar
Zeilen, einem Notchen (Rechnung) nicht unähnlich, hier mittheilen.

  [Illustration: _Die Prairie._]

^Sir^

^Pleas if you would give something; you must git in ordir in store is
woyth (worth) them mocsin porcupine quill on et. One dollars foure
yard.^

Dieses seltsame Billet war das Machwerk von _Peter's_ ältestem Sohne
und sollte mich dahin bedeuten, daß, wofern ich Lust hätte, die
Mocassins zu kaufen, der Preis dafür ein Dollar oder eine Anweisung an
ein Vorrathshaus auf vier Ellen Cattun sei, denn so verdollmetschte mir
die Squaw seinen Inhalt. Die Anweisung auf vier Ellen gedruckten Cattun
wurde an Mrs. _Peter_ überliefert, die sie sorgfältig mit Nadeln in die
Falten ihres Busentuches befestigte; und wohlzufrieden mit der Zahlung
ging sie von dannen.

Dies erinnert mich an einen Besuch, den wir letzte Woche den Indianern
abstatteten. Da ich einiges Verlangen in mir fühlte, das seltsame
Völkchen in seinem Winter-Lager zu sehen, so äußerte ich meinen Wunsch
gegen S--, der bei dem alten Jäger und seiner Familie in großer Gunst
steht; als einen Beweis von Auszeichnung haben sie ihm den Titel
Chippewa, den Namen ihres Stammes, gegeben. Die Gelegenheit, im
Indianer-Wigwam die Honeurs zu machen, kam ihm ganz erwünscht, und
es wurde beschlossen, daß er bei uns mit einigen seiner Schwäger und
Schwägerinnen, die zufällig auf Besuch bei ihm waren, Thee trinken
sollte, und daß wir dann in Gesellschaft einen Ausflug nach dem Lager
im Walde machen wollten.

Eine lustige Gesellschaft brachen wir an besagtem Abende bei dem
prächtigsten Sternenlicht nach dem verabredeten Orte auf; der Schnee
funkelte mit tausend Diamanten auf seiner gefrornen Oberfläche, über
die wir mit dem leichtesten Herzen, so leicht wie es nur in dieser
sorgenvollen Welt sein kann, wegsetzten. Und gewiß hatte ich nie einen
lieblicheren Anblick, als die Wälder darboten; es war am vorhergehenden
Tage viel Schnee gefallen, und in Folge der völligen Windstille war
auch nicht die kleinste Menge von den Bäumen abgeschüttelt worden. Die
stets grünen Nadelhölzer bogen sich unter ihrer glänzenden Last, jeder
Zweig, jedes Blatt, jeder Zapfen war bedeckt, und einige dünne Bäumchen
lagen, vom Schnee niedergedrückt, fast auf der Erde und bildeten
die niedlichsten seltsamsten Lauben und Arkaden über unserm Pfade.
Sah man nach den Wipfeln der Bäume empor, so schien der dunkelblaue
Himmel von einem silbernen Schleier bedeckt zu sein, durch welchen die
hellleuchtenden Sterne mit keuschem Glanze herabblickten.

Ich war stets eine Liebhaberin von Schnee-Landschaften, aber weder
in diesem Lande noch in der Heimath sah ich je etwas so über alle
Vorstellungen Liebliches, als wie mir der Wald in dieser Nacht erschien.

Wir verließen die breite Straße und schlugen einen Nebenweg ein, den
die Indianer fest getreten hatten, und bald bemerkten wir den Wigwam
an dem röthlichen Rauche, der aus dem offnen, korbgeflechtartigen
Dache der kleinen Hütte hervor qualmte. Letztere besteht zunächst
aus leichten Stangen, die, in einem Kreise in die Erde befestigt,
einen runden Raum von zehn bis zwölf Fuß Durchmesser einschließen.
Zwischen diese Stangen sind lange Birken-Rinden-Schichten gezogen oder
geflochten, und zwar sowohl innerlich als äußerlich; nach oben, wo die
Stangen gegen einander geneigt sind ist eine Oeffnung gelassen, zum
Entweichen des Rauches; die Außenwände waren auch mit Schnee belegt
oder umdämmt, so daß von unten gar keine Luft eindringen konnte.

Einige von unsrer Gesellschaft, die jünger und leichtfüßiger waren, als
wir gesetzten verheiratheten Leute, liefen voraus, so daß wir, als das
Tuch, welches als Thüre diente, weggenommen wurde, eine buntscheckige
Gesellschaft von dunkelfarbigen Häuten und blassen (weißen) Gesichtern
aus den weichen Tüchern und Fellen gelagert fanden, die rings an den
Wänden in dem Wigwam ausgebreitet waren.

  [Illustration: _Peter, der Jäger._]

Die dunkelbraune Hautfarbe, das buschige schwarze Haar und das
eigenthümliche Costüm bildeten einen auffallenden Contrast mit den
weißen Europäern, die unter die Indianer gemischt dasaßen, der seltsame
Anblick wurde noch durch das flackernde, in der Mitte lodernde
Holzfeuer erhöht, welches die Gruppe mit seinem röthlichen Schimmer
bestrahlte. Die Jagdhunde lagen in träger Behaglichkeit dicht neben
dem Holzstoß, während drei oder vier dunkelfarbige kleine Wilde mit
einander spielten oder ihrer Erzürnung über die beständigen Neckereien
und Affenstreiche des bucklichen _Maquin_, mit welchem ich Sie bereits
bekannt gemacht habe, durch lautes Schreien Luft machten; denn dieser
indianische Spiegelberg schien sein größtes Vergnügen im Necken und
Quälen der kleinen Papousen zu finden, wobei er von Zeit zu Zeit voll
schadenfroher Laune nach den Gästen schielte, und gleich darauf wieder,
wenn er die Blicke seines Vaters oder der Squaws auf sich gerichtet
glaubte, die ernsteste Miene von der Welt annahm.

Ein leichtes Geräusch unter den Anwesenden bezeichnete unsre Ankunft,
als wir eins nach dem andern durch die Thür in die Hütte traten. Unsre
Freunde empfingen uns mit fröhlichem Lachen, welches mehr als einer der
männlichen Indianer nachhallte, während die Squaws ein eigenthümliches
Kichern vernehmen ließen.

_Chippewa_ (S--,) erhielt einen Ehrenplatz neben dem _Jäger_ Peter; und
Squaw _Peter_ (_Peter's_ Frau) räumte mir mit großer Zuvorkommenheit
und freundlichem Gesicht einen Platz auf ihrem Betttuch ein, zu welchem
Behuf zwei Papousen und ein Jagdhund schreiend und wehkagend in die
Nachbarschaft ihres Quälgeistes _Maquin_ verwiesen wurden.

Die reizendsten Personen in dem Wigwam waren zwei Indianer-Mädchen,
eine von ungefähr achtzehn Jahren, -- _Johanna_, des Jägers älteste
Tochter, und ihre Cousine _Margaret_. Die Schönheit der erstern
überraschte mich nicht wenig, ihre Züge waren im buchstäblichen Sinne
des Worts fein, und trotz ihrer Zigeuner-Schwärze fand ich doch das
Purpurroth ihrer Wangen und Lippen, wo nicht schön, -- wenigstens
angenehm und sehr anziehend. Ihr Haar war pechschwarz, weich und
glänzend, und dabei sauber über die Stirn gefaltet und nicht in
zottigen Massen unordentlich und wild herabhängend, wie gewöhnlich bei
den Squaws. _Johanna_ war sich ihrer überlegnen Reize augenscheinlich
bewußt, sie konnte als eine indianische Schönheit gelten, auch legte
sie ihre Eitelkeit durch die vorzügliche Sorgfalt an den Tag, womit sie
ihren schwarzen Tuch-Mantel angeordnet hatte, er war oben mit einem
zierlich über die eine Schulter geschlagnen scharlachnen Stück Zeuge
besetzt und auf der linken Seite durch ein vergoldetes Schlößchen
befestigt. _Margaret_ war jünger und kleiner von Statur, und wiewohl
man sie lebhaft und recht hübsch nennen konnte, so fehlte ihr doch die
ruhige Würde ihrer Cousine, sie hatte in Gesicht und Figur mehr von
der Squaw. Die beiden Mädchen nahmen eine Bettdecke für sich ein und
waren mit Verfertigung einiger höchst eleganten Futterale aus Rehleder
beschäftigt, die sie mit gefärbten Perlen und Spuhlen überzogen; Perlen
und Spuhlen lagen in einer kleinen zinnernen Torten-Pfanne auf ihren
Knien; meine alte Squaw dagegen hielt ihre Stachelschwein-Spuhlen im
Munde und die feinen getrockneten Sehnen, ebenfalls von Rehen, deren
sie sich anstatt Zwirns zu dieser Art Arbeit bediente, hatte sie im
Busen.

Als ich den Wunsch äußerte, einige von den Stachelschwein-Spuhlen zu
besitzen, gab sie mir einige von verschiedner Farbe, womit sie ein paar
Mocassins durchwirkte, bemerkte aber dabei, daß es ihr an _Perlen zu
den Mocassin's_ fehle, und ich verstand recht wohl, daß sie dergleichen
für die Spuhlen von mir zu erhalten wünsche. Indianer verschenken nie
etwas, seitdem sie mit den Weißen zu verkehren gelernt haben.

Meine Lobsprüche, die ich _Johanna's_ Schönheit zollte, entzückten die
gute Matrone. Sie erzählte mir, daß das hübsche Mädchen bald mit einem
jungen Indianer verheirathet werden würde, der an ihrer Seite saß, in
allem Stolze, welchen ein neuer Mantel, eine rothe Schärpe, gestickte
Pulver-Tasche und ein großes vergoldetes Schloß an dem Kragen seines
Mantels, der so warm und so weiß erschien, wie ein frischgewaschnes
Schaffell, verleihen konnten. Die alte Squaw that sich auf das junge
Pärchen offenbar nicht wenig zu Gute; sie blickte oft danach und
wiederholte fast stets die Worte: »_Johanna's Gatte_ -- _mit der Zeit
heirathen_. --«

Wir hatten den Indianern oft mit Vergnügen gelauscht, wenn sie Sonntags
Abends ihre frommen Lieder sangen; daher ich sie jetzt bat, uns einige
zum Besten zu geben; der alte Jäger nickte mir seine Einwilligung zu
und erließ mit dem Ernst und Phlegma eines Holländers, ohne seine
Pfeife aus dem Munde zu nehmen, seine Befehle, welchen von den jüngern
Gliedern der Gesellschaft augenblicklich Folge geleistet wurde, und
bald füllte ein Chor reicher wohltönender Stimmen die kleine Hütte mit
einer Melodie, welche uns bis ins Herz drang.

Das Lied ertönte in der Sprache der Indianer, welche vorzüglich
wohlklingend und weich in ihren Cadencen ist und sehr vocalreich zu
sein scheint. Ich konnte der bescheidnen Miene der Mädchen meinen
Beifall nicht versagen; sie schienen gleichsam ängstlich, Beobachtung
zu vermeiden, die sie, wie sie recht gut empfanden, durch ihre
lieblichen Stimmen auf sich ziehen mußten, sie suchten ihr Gesicht den
Blicken der Fremden zu entziehen, indem sie einander ansahen und den
Kopf auf ihre Arbeit niedersenkten, die sie noch immer in den Händen
hielten. Ihre Haltung, welche die der orientalischen Nationen ist; ihre
Kleidung, ihr schwarzes Haar, ihre dunkeln Augen, ihr olivenfarbner
Teint, das erhöhte Roth ihrer Wangen und der bescheidne Ausdruck
ihres Gesichts würden ein Studium für den Maler gebildet haben. Ich
wünschte, Sie hätten der Scene beiwohnen können; Sie würden dieselbe
nicht leicht vergessen haben. Sehr gefiel mir auch die tiefe Ehrfurcht
in den Gesichtszügen der ältern Glieder der Indianer-Familie, während
sie ihren Kindern lauschten, welche ihre Stimmen zur Verherrlichung
Gottes und des Erlösers, die sie zu fürchten und lieben gelernt hatten,
ertönen ließen.

Die Indianer scheinen sehr zärtliche Eltern zu sein; es ist erfreulich,
die liebevolle Weise zu sehen, wie sie die kleinen Kinder behandeln,
ihre Blicke strömen, wenn sie dieselben liebkosen, von Zärtlichkeit
und Freude. Während des Gesanges kroch jede Papouse zu den Füßen ihrer
Aeltern, und diejenigen, welche noch zu jung waren, um ihre Stimmen
mit dem kleinen Chor vereinigen zu können, verharrten von Anfang bis
zu Ende in der tiefsten Stille. Ein kleines Mädchen, eine dicke braune
Trutschel von drei Jahren, schlug den Tact auf ihres Vaters Knien, und
mengte von Zeit zu Zeit ihre kindliche Stimme ein; jedenfalls besaß sie
ein gutes Ohr und natürliche Anlage zur Musik.

Ich konnte nicht begreifen, wo die Indianer ihre Vorräthe, Kleider und
andre bewegliche Artikel aufbewahrten, da der Wigwam so klein war,
daß außer für ihre Person und ihre Hunde, kein Platz vorhanden zu
sein schien. Ihr Erfindungsgeist hatte ihnen indeß für den Mangel an
Raum Ersatz geleistet, und ich entdeckte bald eine Einrichtung, die
dem Zweck von Verschlüssen, Säcken, Schachteln u. s. w. vollkommen
entsprach, nämlich die innern Birkenrinden-Schichten waren so zwischen
die Stangen, (welche das Gerippe der Hütte bedeckten) gezogen, daß
sie rings herum Taschen bildeten; in diesen Taschen staken die
Habe und Nahrungs-Vorräthe der Bewohner: eine Abtheilung enthielt
gedörrtes Rehfleisch, eine andre gedörrte Fische, eine dritte
einige flache Kuchen, welche sie, wie mir gesagt worden ist, auf
eine ihnen eigenthümliche Weise mittelst heißer Asche, darüber und
darunter, backen, die aber eben deshalb meines Bedünkens dem Gaumen
nicht sonderlich zusagen können; ihre Kleider, das Material zu ihren
verschiednerlei Arbeiten, als Perlen, Spuhlen, Tuchfleckchen, Seide und
tausend andre Kleinigkeiten nahmen die übrigen derartigen Behälter ein.

Trotz der ziemlich weiten Oeffnung nach oben war das Innere des
Wigwams doch so heiß, daß ich kaum athmen konnte, und während meines
Aufenthalts darin alle Tücher ablegen mußte. Ehe wir unsern Heimweg
antraten, bestand der Jäger darauf, uns ein Spiel zu zeigen, welches
einige Aehnlichkeit mit unserm Bilboket (^cup and ball^) hat, aber
complicirter ist, und mehr Behändigkeit erfordert; den Indianern
machte unser Mangel an Geschicklichkeit offenbar nicht wenig Spaß.
Außerdem zeigten sie uns ein andres Spiel, (^nine-pins^) dem Kegelspiel
einigermaßen verwandt, nur daß die Anzahl der in die Erde befestigten
Stöcke größer war. Ich konnte unmöglich länger bleiben, um die kleine
Reihe Stöcke umwerfen zu sehen, da die Hitze des Wigwams mich fast
erstickte, und fühlte mich ordentlich glücklich, als ich wieder frische
Luft einathmen konnte.

In einem andern Klima würde man sich schwerlich einem so plötzlichen
und auffallenden Temperatur-Wechsel ohne eine starke Erkältung
aussetzen können, allein glücklicher Weise ist jenes fatale Uebel,
^catchée le cold^ (Schnupfen), wie es die Franzosen nennen, in Canada
nicht so vorherrschend als in der Heimath.

Vor etwa zwanzig Jahren, als sich die brittischen Ansiedler, in
Folge der Erinnerung an die während des Freiheitskrieges ausgeübten
Grausamkeiten, eines Gefühls von Furcht vor den Indianern noch
nicht ganz erwehren konnten, wurde eine arme Frau, die Wittwe eines
Emigranten, welche auf einer Meierei in einem der dünn bevölkerten
Gemeinde-Bezirke, jenseits des Ontario, wohnte, durch das plötzliche
Erscheinen eines Indianers im Innern ihrer Blockhütte erschreckt. Er
hatte sich so still hineingeschlichen, daß er nicht eher bemerkt wurde,
als bis er sich vor das prasselnde Feuer, der überraschten Wittwe und
ihren Kleinen gerade gegenüber, gestellt hatte; natürlicher Weise
zitterten die armen Kinder und zogen sich mit schlecht verheelter
Furcht in den äußersten Winkel der Stube zurück.

Ohne auf die Störung, welche sein Erscheinen verursachte, Rücksicht zu
nehmen, fing der Indianer an, sich seiner Jagdkleider zu entledigen;
hierauf band er seine nassen Mocassins los, die er zum Trocknen am
Feuer aufhing, und gab deutlich seine Absicht zu verstehen, daß er
unter dem Dache der Wittwe übernachten wolle, indem es schon ziemlich
dunkel sei, und der Schnee in schweren Schauern vom Himmel falle.

Kaum wagend, einen hörbaren Athemzug zu thun, bewachte die kleine
Gruppe mit ängstlichen Blicken die Bewegungen ihres unwillkommnen
Gastes. Denken Sie sich ihren Schreck, als sie ihn aus seinem Gürtel
ein Jagdmesser hervorziehen und mit bedächtiger Miene dessen Schneide
prüfen sahen. Nach diesem unterwarf er seine lange Flinte und sein
Tomahawk einer ähnlichen Untersuchung.

Die Verzweiflung der von Furcht und Schrecken betäubten Mutter hatte
jetzt ihre höchste Stufe erreicht. Sie sah schon in Gedanken die
grauenvoll verstümmelten Leichname ihrer ermordeten Kinder an jenem
Heerde, welcher so oft der Tummelplatz bei ihren unschuldigen Spielen
gewesen war. Instinktmäßig faltete sie die zwei jüngsten bei einer
vorwärts gerichteten Bewegung des Indianers an ihre Brust und wollte
sich eben, als er mit den gefürchteten Waffen auf sie zuging, mit
thränenden Augen zu seinen Füßen niederwerfen und um Barmherzigkeit
für sich und ihre kleinen Lieblinge flehen. Wie groß aber war ihr
Erstaunen und ihre Freude, als er mit sanfter friedfertiger Miene
Flinte, Messer und Tomahawk neben ihr niederlegte und durch diese
Handlung zeigte, daß er nichts Arges gegen sie im Schilde führe[43].

Die Begnadigung eines zum Tode verurtheilten Verbrechers im Augenblick
vor seiner Hinrichtung konnte nicht willkommner sein, als das
friedfertige Benehmen des Indianers gegen die arme Wittwe. Voll
Eifer, zu gleicher Zeit ihr Zutrauen und ihre Dankbarkeit zu äußern,
beeilte sie sich, dem nicht länger gefürchteten Gaste ein Mahl zu
seiner Erfrischung zu bereiten, und von dem ältesten ihrer Kinder
unterstützt, breitete sie ein frisches Betttuch über ihr eignes Lager,
welches sie freudig dem Fremdlinge abtrat. Ein ausdrucksvolles »_Hugh!
hugh!_« war die Erwiederung auf diesen Beweis von Gastfreundschaft;
als er aber Besitz von diesem, für ihn üppigen Lager nahm, gerieth er
in sichtbare Verlegenheit. Es war offenbar, daß der Indianer niemals
ein europäisches Bett gesehen und noch weniger in einem geschlafen
hatte. Nach genauer Untersuchung der Kissen und Bettdecken, welche
einige Minuten dauerte, sprang er mit freudigem Lachen auf das weiche
Lager, rollte sich wie ein Hund zusammen und war bald in tiefen Schlaf
versunken.

In der Dämmerung des Morgens brach der Wilde wieder auf und nahm
Abschied von der gastlichen Hütte. So oft er nachmals das Jagdrevier
in der Nachbarschaft der Wittwe betrat, konnte diese mit Gewißheit auf
einen Besuch von ihm rechnen. Die Kinder, welche sich nicht länger
vor seinem geschwärzten Gesicht und seinen kriegerischen Waffen
fürchteten, drängten sich dann um ihn her, setzten sich auf seine Knie,
bewunderten seine mit Federn geschmückte Pulver-Tasche, und betasteten
die schön gestickte Scheide, welche sein Jagdmesser enthielt, oder die
sauber gewirkten Mocassins und Bein-Bekleidung, während er den kleinen
Dingern den Kopf streichelte und seine Liebkosungen zwischen ihnen und
seinen Jagdhunden theilte.

So lautet die Geschichte, welche mir ein junger Missionär erzählte.
Ich habe dieselbe mitgetheilt, weil sie mir als Charakterschilderung
eines Häuptlings dieses merkwürdigen Völkerstammes nicht uninteressant
schien. _Chiboya_ (so hieß der eben erwähnte Wilde) war einer der
Chippewas vom Reis-See, deren Mehrzahl gegenwärtig zum Christenthum
bekehrt ist und in der Gesittung und Ackerbaukunde beträchtliche
Fortschritte macht. Jagd und Fischerei scheinen indeß ihre
Lieblingsbeschäftigungen zu sein; diesen nachzuhängen, verlassen sie
die bequemen Häuser der Indianer-Dörfer und kehren zu bestimmten Zeiten
im Jahre nach ihren Jagdrevieren im Walde zurück. Irr' ich nicht, so
ist man allgemein der Meinung, daß ihre Zahl abnimmt, und einige Stämme
in Canada sind ziemlich, wo nicht ganz und gar, ausgetilgt[44]. Die
Rasse verschwindet langsam von der Erde oder vermischt sich allmälig
mit den Colonisten, und vielleicht dürften nach Verlauf einiger
Jahrhunderte kaum noch ihre Namen bekannt sein, um von ihrer ehemaligen
Existenz Zeugniß zu geben.

Wenn Sie das nächste Mal ein Kistchen oder Päckchen senden, so fügen
Sie doch gefälligst einige gute Gesangbücher bei, denn ein solches
Geschenk ist den bekehrten Indianern besonders willkommen. Ich lege
das religiöse Lied bei, welches sie uns an jenem Abend in dem Wigwam
sangen; es ist die indianische Uebersetzung und von dem ältesten Sohn
des Jägers _Peter_ geschrieben; er war sehr erfreut, als ich ihm sagte,
daß ich es von ihm copirt zu erhalten wünschte, weil ich es über Meer
in mein Vaterland zu senden gesonnen sei, um den Engländern zu zeigen,
wie gut die Indianer schreiben können.

Der Krüpel _Maquin_ hat mir ein Miniatur-Canoe von Birken-Rinde
gemacht, welches ich ebenfalls als eine Merkwürdigkeit und ein kleines
Andenken für Sie beifüge. Die rothen und schwarzen Kaninchen-Felle
sind für _Hannchen_; die Feder-Fächer und Feder-Tapeten für _Sarah_.
Sagen Sie letztrer, daß ich meiner nächsten Sendung einige Exemplare
unsers schönen Roth-Vogels zum Ausstopfen für sie beifügen werde;
es ist jedenfalls die virginische Nachtigall; er langt im Mai oder
April an und verläßt uns spät im Sommer; er gleicht ganz genau einer
ausgestopften virginischen Nachtigall, die ich in einer schönen
Sammlung von amerikanischen Vögeln gesehen habe[45].

Der blaue Vogel ist nicht weniger hübsch und lieblich, und wandert
ziemlich zu derselben Zeit; sein Gefieder ist himmelblau; allein
ich habe noch nie einen außer im Fluge gesehn, daher ich ihn nicht
beschreiben kann[46].

Die Kreuzschnäbel sind allerliebste Thierchen; Männchen und Weibchen
sind in Farbe ganz verschieden von einander, ersteres zeigt ein
angenehmes Gemisch von Scharlachroth und Orangengelb, welches, auf der
Brust in Olivengrün und Braun verläuft; letzteres gleicht mehr unsrer
Goldammer, nur daß seine Farben nicht so glänzend sind, und überdies
ist es weit sanfter und sieht unschuldiger und harmloser aus; sie
kommen im Winter eben so traulich und furchtlos, wie die Rothkehlchen
in der Heimath, an unsre Fenster und Thüren.

Bei Annäherung der strengen Jahreszeit ziehen die meisten unsrer
Vögel fort; selbst das hohltönende Gehämmer des rothköpfigen und des
kleinen grau und weißgefleckten Baumhackers wird nicht mehr vernommen.
Das scharfe Geschrei des Eichhörnchens ertönt seltner; und Stille,
unheimliche und ununterbrochne Stille herrschen im Herzen des Winters.

Beinahe hätte ich meine kleinen Lieblinge vergessen, eine Meisen-Art,
die uns nie ganz verläßt. An hellen warmen sonnigen Tagen sehen wir
ganze Flüge dieser zarten Vögel sich auf den gefiederten Zweigen der
Schierlings-Tannen oder strauchigen Fichten auf den Ebnen oder im
Walde schaukeln; und oft bin ich auf meinem Wege stehen geblieben, um
ihren muntern Scherzen zuzuschauen und ihrem fröhlichen Gezwitscher zu
lauschen. Ich bin nicht ganz gewiß, glaube aber, daß dies der nämliche
kleine Vogel ist, welchen die Eingebornen _Thit-a-be-bee_ nennen; sein
Gesang, obwohl schwach, und ziemlich einförmig, ist nicht unangenehm;
und wir schätzen ihn um so mehr, da er fast der einzige Vogel ist, der
während des Winters singt.

  [Illustration: _Der rothe Sommer-Vogel._]

  [Illustration: _Der blaue Vogel._]

Ich hatte viel von der Schnee-Ammer gehört, aber niemals eine gesehen,
außer vor Kurzem, und dann nicht nahe genug, um ihre Form und Farbe
genau zu unterscheiden. Es war ein ungewöhnlich heitrer Tag, der Himmel
wolkenlos, und die Luft fast warm, als mich bei einem Blick nach den
See die Erscheinung einer Fichte hart am Ufer überraschte; der Baum
schien gleichsam mit silbernen Sternen bedeckt, die gegen den blauen
Himmel glänzten. Dieses mir neue Schauspiel erfüllte mich mit so großer
Freude, daß ich hinaus lief, um die Sache näher ins Auge zu fassen;
aber wer schildert mein Erstaunen! als meine Sterne sämtlich nach einem
andern Baume flogen, wo sie durch das beständige Flattern und Wedeln
ihrer kleinen weißen Fittige gegen das Sonnenlicht jene schöne Wirkung
hervorbrachten, die zuerst meine Aufmerksamkeit erregt hatte; bald
waren sämmtliche Fichten von diesen lieblichen Geschöpfen gleichsam
erleuchtet. Gegen Mittag zogen sie wieder fort und ich habe sie seitdem
nur ein einziges Mal gesehn. Sie setzen sich nie auf die Erde oder
einen niedrigen Baum oder Ast, daher ich sie nicht näher beobachten
konnte.

Von unsern Singvögeln sind das Rothkehlchen, die Amsel und ein
kleines niedliches Vögelchen, das unserm gemeinen Zaunkönig gleicht,
diejenigen, womit ich am bekanntesten bin. Das canadische Rothkehlchen
ist um Vieles größer als unser heimathliches Rothkehlchen, es ist
ein zu grober und großer Vogel, um unserm kleinen Liebling, »dem
Hausvogel mit dem rothen Brustlatz,« wie ihn Bischof _Carey_ in einem
an _Elisabeth_, Tochter _Jakob's ^I.^_, bei ihrer Hochzeit mit dem
unglücklichen Pfalzgrafen _Friedrich_, gerichteten Sonnet nennt, zu
gleichen.

Der Gesang des canadischen Rothkehlchens ist keineswegs zu verachten;
seine Töne sind klar, angenehm und mannigfaltig; er besitzt denselben
muntern lebhaften Charakter, wodurch sich der seines Namensverwandten
auszeichnet; aber in ihren allgemeinen Gewohnheiten weichen beide Vögel
sehr von einander ab. Das canadische Rothkehlchen zeigt sich weniger
zutraulich gegen den Menschen, dagegen ist es mit seines Gleichen
befreundeter; die Thierchen versammeln sich bald nach der Brüte-Zeit
in ganzen Heerden und scheinen sehr gesellig und vertraulich unter
einander; aber sie nähern sich selten oder niemals unsern Wohnungen.
Die Brust des Vogels ist hellroth, der Kopf schwarz; der Rücken, so zu
sagen, stahlblau oder schieferfarben; in Größe gleicht er einer Drossel.

Die Amsel ist vielleicht unser bester Sänger, wenigstens meinem
Geschmack nach; ihr Gesang giebt dem unsrer englischen Amsel nichts
nach, dabei ist der Vogel selbst weit schöner von Gefieder, welches
glänzend, schillernd und grünlich schwarz ist. Der obere Flügeltheil
der ausgewachsenen männlichen Amsel ist lebhaft orangefarben; bei den
jüngern Vögeln und beim Weibchen, welches leicht gefleckt ist, bemerkt
man nichts davon.

Gegen die Mitte des Sommers, wenn die Saaten zu reifen anfangen,
versammeln sich diese Vögel in großen Heerden; ihre Plünderungen und
Raubzüge scheinen von den ältesten Gliedern der Familie geleitet
und beaufsichtigt zu werden. Wollen sie sich auf ein Hafer- oder
Weizen-Feld niederlassen, so stellen sie zwei oder drei Schildwachen
aus, die bei Annäherung von Gefahr _Dseck-dseck-dseck_ schreien. Diese
Vorsicht scheint indeß überflüssig und unnöthig zu sein, denn sie sind
so verwegen, daß sie sich nicht leicht verscheuchen lassen, und
fliegen sie ja auf, so geschieht es blos, um in geringer Entfernung
wieder in dasselbe Feld einzufallen, oder sie begeben sich auf die
Bäume, wo ihre Vorposten Wache halten.

  [Illustration: _Schnee-Ammern._]

Sie lassen zu Zeiten einen eigenthümlichen kläglich tönenden Lockruf
vernehmen, der genau dem plötzlichen Erklingen einer Harfen-Saite
gleicht und eine oder zwei Secunden lang an das Ohr schlägt.
Wahrscheinlich machen sie davon Gebrauch, ihre zerstreuten Kameraden
herbei zu rufen, da ich ihn nie vernommen habe, wenn sie alle beisammen
waren. Bisweilen saßen einige unweit unsrer Wohnung auf einem Baume
am Rande des Sees und ließen mich ihren Lockruf vernehmen; ich habe
sie _Harfner_ (^harpers^) getauft. Ich werde Sie wohl mit meinen
ornithologischen Skitzen ermüden, indeß muß ich noch zwei oder drei
Vögel anführen.

Der weißköpfige Adler[47] fliegt oft über unsre Ansiedlung, er hat
dunkles Gefieder, der Leib und Kopf ist schneeweiß. Den Hühnerhöfen
fügt er bisweilen Schaden zu; diejenigen, welche uns zu Gesicht kamen,
verschmähten indeß dergleichen geringes Wildbret und schwebten in
majestätischem Fluge über den See weg.

Der Fisch-Falke streift gelegentlich über die vor unsern Blicken
ausgebreitete Wasserfläche; Leute, welche dem weiter oben geschilderten
Fischfang mit dem Speer nachhängen, betrachten ihn als einen Feind.

Außerdem haben wir die Nacht- oder Musquito-Eule, welche auf die in den
hohen Regionen schwärmenden Insekten Jagd macht, während sie näher an
der Erde von ganzen Schaaren großer Stechfliegen verfolgt wird; trotz
ihrem Beistande setzt uns doch das abscheuliche Ungeziefer, ich meine
die Musquitos und schwarzen Fliegen, unbarmherzig zu.

Der rothköpfige Specht[49] zeichnet sich durch sein prächtiges
Gefieder aus, Kopf und Hals sind reich carmesinfarben; Rücken, Flügel
und Brust theilen sich in Schneeweiß und Pechschwarz. Das unaufhörliche
Hämmern der Baumhacker und das gellende unharmonische Geschrei des
blauen Hehers[50] ertönen, sobald völliger Frühling eingetreten ist,
von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.

Ich fand in letztem Frühjahr eine kleine Baumhacker-Familie recht
behaglich in einer alten Fichte eingenistet, und zwar zwischen der
Rinde und dem Stamme, wo erstere sich losgetrennt und einen hohlen Raum
gelassen hatte, in welchem die alten Vögel ein weiches aber loses und
keine große Sorgfalt verrathendes Nest gebaut hatten; die niedlichen
Geschöpfe schienen recht glücklich, sie steckten gelegentlich ihre
possirlichen kahlen Köpfchen hervor, um die Aeltern zu begrüßen, welche
die alten Bäume in der Nachbarschaft entrindeten und Futter für ihre
kleine Familie sammelten, sie betrieben ihr Werk mit demselben Eifer,
wie eben so viele fleißige Zimmerleute.

Ein höchst seltsames Nest erhielt ich von einem unsrer Holzfäller;
es war über eine Zweig-Gabel gebaut und schien gleichsam mit grauem
Zwirn oder dünnem Bindfaden an den Ast genäht zu sein. Es war blos auf
den beiden Seiten, welche den Winkel bildeten, gesichert, aber so gut
befestigt, daß es jedem mäßigen Gewicht oder Druck Widerstand geleistet
haben dürfte; es bestand aus den Fasern der Bastbaum-Rinde, die sehr
fadig ist und sich sehr dünn ausziehen läßt; mit einem Wort, es war
ein seltsames Beispiel von dem Mutterwitz der kleinen Baukünstler.
Ich konnte letztere nicht entdecken, allein wahrscheinlich mochte
es ein Werk meines kleinen Lieblings, der oben erwähnten, bei uns
überwinternden Meise (^tit-mouse^) sein.

_Die nächste Abbildung stellt den Baltimore Feuervogel dar, der sein
Nest gegen die Angriffe der schwarzen Schlange vertheidigt[50]._

  [Illustration: _Der Baltimore-Feuervogel._]

Das Nest des canadischen Rothkehlchens, welches ich zufällig
entdeckte, als ich nach einem Hühner-Neste in einem Reisig-Haufen, am
fernsten Ende unsrer Ansiedlung, suchte, ist dem unsers heimathlichen
Rothkehlchens sehr ähnlich, jedoch größer, da der Vogel selbst größer
ist, und auch in den Materialien etwas verschieden; die Eier, fünf an
Zahl, waren dunkelblau.

Bevor ich meinen ornithologischen Bericht schließe, muß ich nochmals
der kleinen Häuser erwähnen, welche die Amerikaner für die Schwalbe
bauen; ich habe seitdem gefunden, daß sie hierzu einen sehr trifftigen
Grund haben. Es scheint zwischen diesem nützlichen Vogel und dem
Stößer-Geschlecht die eingewurzeltste Antipathie zu bestehen, und kein
Habicht mag in seiner Nachbarschaft bleiben; die Schwalben verfolgen
diesen Räuber meilenweit, und necken und quälen ihn dabei auf jede nur
mögliche Weise, wie einen bösen Genius; es ist höchst merkwürdig, daß
ein kleines Geschöpf, wie die Schwalbe, einen so vielen Vogel-Arten
furchtbaren Feind dergestalt vertreibt. Ich würde nicht recht daran
geglaubt haben, hätte ich mich nicht selbst von der Wahrheit der Sache
überzeugt.

Ich sah an einem schönen heitern Sommertage aus dem Fenster einen
großen Raubvogel langsamen Fluges längs dem See hinstreichen; der
arme Kerl stieß schreiende Klaglaute aus; etwa zwei Schritt von ihm
bemerkte ich einen kleinen Vogel, -- in der Entfernung erschien er
mir sehr klein, -- der ihn hart verfolgte und ebenfalls schrie. Ich
sah dem seltsamen Paare nach, bis es hinter dem Fichten-Walde meinen
Augen entschwand; so oft ich mich an diese merkwürdige Erscheinung
erinnerte, wurde meine Verwunderung von neuem rege; endlich erfuhr ich
den Grund von einem sehr gebildeten Franzosen, welcher durch Canada
reiste, die Sache erklärte und zugleich bemerkte, daß diese kleinen
Vögel sehr geschätzt seien, und daß man sehr viel dafür bezahle, um sie
in die verschiednen Theile der Provinz zu versenden. Sie verlassen,
sobald sie einmal einheimisch geworden, niemals ihre alten Reviere, und
die nämlichen Pärchen kehren Jahr für Jahr nach ihrer alten Wohnung
zurück.

Der Umstand, daß diese Schwalben den Stößer aus ihrem Reviere
vertreiben, verdient alle Aufmerksamkeit, da er hinlänglich verbürgt
ist, und als ein neuer Beweis für den von Naturkundigen gerühmten
vorzüglichen Instinkt derselben gelten kann.

Ich habe indeß so viele Seiten vollgeschrieben, daß ich fürchten muß,
mein langer Brief werde Sie langweilen. Adieu.

Fußnoten:

[40] Oculisten verwerfen gefärbte Brillen-Gläser, schwachen Augen
wegen der Hitze, welche sie erzeugen, als nachtheilig. Grün oder blau
gefärbte Gläser sind hier vorzuziehen.

[41] Anspielung auf ein Abentheuer im ^Vicar of Wakefield^.

[42] Anspielung auf _Sindbad's_ Reisen in Tausend und einer Nacht.

[43] Es ist gegenwärtig fast unabänderlich Sitte unter den Indianern,
daß sie bei dem Eintritt in ein Wohnhaus alle ihre Waffen, als Flinte,
Tomahawk u. s. w. vor der Thür niederlegen, selbst wenn das Wetter noch
so naß ist; denn sie halten es für unhöflich, eine befreundete Wohnung
bewaffnet zu betreten.

[44] Bekanntlich hat die Nord-West Compagnie eine Schätzung sämmtlicher
Stämme vorgenommen, woraus sich ergeben, daß die ganze indianische
Bevölkerung jenes unermeßlichen Continents sich gegenwärtig nicht über
hunderttausend Seelen beläuft. In einer Parlaments-Urkunde von 1834
ist die Gesammtzahl der Indianer von Unter-Canada auf 3437 und die von
Ober-Canada auf 13,700 Köpfe bestimmt; die letztere soll die Indianer
am Huronen-See und nach Westen zu in sich begreifen. --

[45] Der rothe Sommervogel (^_Tanagra aestiva, Wilson_^) baut in den
Wäldern auf die horizontalen Aeste noch nicht ausgewachsener Bäume,
z. B. eines Epheubaums, zehn oder zwölf Fuß von der Erde entfernt,
die Außenseite seines Nestes versieht er mit einem Geflecht von
Pflanzenstengeln und dürrem Flachs und kleidet es inwendig mit feinem
Grase aus.

[46] Der _blaue Vogel_ (^_Sialia Wilsonii, Swains._^), wovon bereits in
einer früheren Anmerkung die Rede gewesen, erscheint bisweilen schon
im Februar in Scheunen, Obstgärten und Einpfählungen, und erinnert uns
sowohl durch seine Gestalt als durch seine Gewohnheiten und Lebensweise
an unser Rothkehlchen (^_Sylvia rubecula_^).

»In der That hat der amerikanische Vogel ebenfalls eine rothe Brust,
allein der ganze obre Theil des Körpers ist von schöner blauer Farbe
und verleiht dem Vogel ein prachtvolleres Costüm, als das schlichte
Olivenbraun unserm kleinen Liebling. Bei ihrer ersten Ankunft im
Frühjahr statten die blauen Vögel dem Kasten im Garten oder in der
Höhle eines alten Aepfelbaums, der Wiege einiger Generationen ihrer
Vorgänger, eine frühzeitige Visite ab, und machen damit den Anfang, daß
sie das alte Nest reinigen, und den Unrath und das Gerüll vom vorigen
Jahre ausräumen, worauf sie es zur Aufnahme ihrer künftigen Abkömmlinge
vorbereiten.«

[47] Der weißköpfige Adler (^_Haliaetus leucocephalus_^) kommt, nach
_Hutchins_, im May, in der Gegend der Hudson's bay an, er baut auf die
höchsten Bäume und bereitet ein ziemlich großes Nest, aus Stücken Gras,
Torf, Schutt und ähnlichem Gerülle, er wählt zu diesem Behuf einen sehr
hohen Baum, in der Regel eine Fichte oder Cypresse, und macht eine
lange Periode hindurch Jahr für Jahr von demselben Neste Gebrauch. Die
Adler, welche _Abbot_ beobachtet hat, bauten ein großes compactes Nest,
bisweilen auf hohe Cypressen-Bäume und andere Male wiederum auf Felsen.
Die beste Beschreibung aber, die uns zu Gesicht gekommen ist, haben
_Wilson_ und _Ord_ in der ^American Ornithology^ geliefert.

»Im Monat May,« sagt _Wilson_, »als ich auf einer Jagdparthie an der
Seeküste, nicht weit von Great Egg-Harbour, in Begleitung meines
Freundes _Ord_ hinstrich, wurden wir von unserm Wegweiser ungefähr eine
englische Meile tief in die Wälder geführt, um ein Seeadlernest zu
sehen. Als wir uns dem Orte bis auf eine kleine Entfernung genähert,
sahen wir den Vogel, sich langsam vom Neste zurückziehen, welches
mitten auf dem Gipfel einer sehr großen gelben Fichte (^yellow
pine^) erbaut war. Das Holz war mehre Ruthen im Umkreise gefällt
und weggeschafft worden, ein Umstand, der dem stattlichen, geraden
Stamme, so wie den großen, gekrümmten Aesten des Baumes, worauf eine
schwarze Masse von Stöcken und Reisholz ruhte, einen eigenthümlichen
und malerischen Anblick verlieh. Unser Führer hatte eine Axt mit
sich genommen, um den Baum zu fällen; mein Begleiter aber, ängstlich
bemüht, die Eier oder Jungen zu erhalten, bestand darauf, den Baum zu
ersteigen, was er auch furchtlos ausführte, während ich und der Führer
unsern Stand unter dem Baume nahmen, bereit, den kühnen Kletterer,
im Fall eines Angriffs von den alten Adlern, zu vertheidigen. Indeß
wurde kein Widerstand geleistet; leider aber fand _Ord_ das Nest,
als er es erreicht, zu unserm größten Mißvergnügen, leer. Es war aus
großen Stöcken, deren mehre einige Fuß maßen, erbaut; inwendig lagen
Erdschollen, Riethgras, Rasen, dürres Schilf u. s. w., sämmtliche
Materialien waren zu einer Höhe von fünf bis sechs Fuß angehäuft und
nahmen über vier Fuß in der Breite ein; das Ganze war mit frischen
Fichtenwipfeln überkleidet und hatte nur eine geringe oder vielmehr
gar keine Aushöhlung. Unter der Ueberkleidung lagen die frisch
abgestreiften Hüllen (Mauser) der jungen Brut des laufenden Jahres,
nehmlich Schuppen von den Spulen, Federn, Flaum u. s. w. Unser Führer
war spät im Februar an dieser Stelle vorbeigekommen, zu welcher Zeit
sowohl Männchen als Weibchen ein großes Geräusch um das Nest machten;
und aus dem, was wir später erfuhren, ist es höchst wahrscheinlich, daß
es bereits in dieser frühen Jahreszeit Junge enthielt.

»Im folgenden Jahre, am ersten März,« erzählt _Ord_, »nahm einer meiner
Freunde aus dem nehmlichen Neste drei Eier, wovon die größten drei
und ein viertel Zoll lang waren, im Durchmesser zwei und ein viertel,
und im Umfange gegen sieben Zoll maßen; sie wogen vier Unzen, fünf
Drachmen, (Apothekergewicht); sie waren schmuzig gelblich weiß, und
nur eins hatte eine sehr blaßbläulich weiße Farbe; die Jungen waren
vollkommen ausgebildet. Die ängstliche Sorgfalt des Weibchens, die Eier
zu erhalten, war so groß, daß es das Nest nicht eher verließ, als bis
mehre Axtschläge gegen den Baum geführt worden waren.«

»Einige englische Meilen von diesem Orte entfernt,« fährt _Wilson_
fort, »befindet sich ein andres Adlernest, welches ebenfalls auf einer
Fichte erbaut ist, die, nach eingezogner Erkundigung vom Eigenthümer
der Holzung, dieser Adler-Familie seit langer Zeit zur Wohnung gedient
hatte. Den Baum, worauf das Nest ursprünglich erbaut war, hatten diese
Adler seit undenklichen Zeiten, oder wenigstens so lange als er sich
erinnern konnte, inne gehabt. Einige von seinen Söhnen fällten die
Fichte, um die Jungen zu erlangen, deren Zahl sich auf zwei belief,
bald darauf begann der Adler auf den unmittelbar daneben stehenden
Baum ein neues Nest zu bauen, wodurch er eine große Vorliebe für
diesen Ort an den Tag legte. Der nehmliche Mann erzählte uns, daß die
Adler zu jeder Jahreszeit hier ihre Ruhestätte und Wohnung haben.
Ueberdies behauptete er, daß die grauen oder Seeadler, die Jungen der
weißköpfigen Adler wären, und daß sie nicht eher zu brüten anfingen,
als bis sie einige Jahre alt geworden wären. Der weißköpfige Adler
treibt seine Jungen nicht aus dem Neste, wie der Osprei oder Fischaar
(Flußadler, Moosweih), sondern fährt, nachdem sie es verlassen, noch
lange fort, sie zu füttern.«

Es hat den Anschein, als wenn diese Adler eine besondere Vorliebe
für die Nähe von Wasserfällen hegten, da sie sich in großer Menge am
Niagara-Falle aufhalten; und in _Lewis_ und _Clark's_ Reisebericht
stoßen wir auf folgende Beschreibung eines solchen Adlernestes, welches
die malerischen Effecte der großartigen Scenen an den Fällen des
Missouri nicht wenig erhöht haben mag.

»Gerade unter der obersten Spitze,« erzählen die Reisenden, »befindet
sich mitten im Flusse ein kleines holzreiches Eiland. Hier hatte ein
Adler auf einem Baume (^Gossypium arboreum^) sein Nest errichtet und
schien der unangefochtene Inhaber des Orts zu sein, dem seinen Besitz
streitig zu machen, weder Menschen noch Thiere über die das Eiland
umgebenden Strudel zu setzen wagten, da dasselbe noch überdies durch
den, von den Fällen emporsteigenden Wasser-Nebel geschützt ist.«?

[48] Dieser Vogel fürchtet den Menschen so wenig, daß er nicht
selten in die Bäume nistet, welche in den Städten Amerikas auf den
Straßen wachsen. _Wilson_ fand mehre dieser Nester innerhalb der
Grenzen der Stadt Philadelphia: zwei in dem Knopfholzbaum (^_Platanus
occidentalis_^), und ein drittes in dem verwitterten Stamme einer
Ulme. »Die alten Vögel,« sagt dieser Forscher, »machen, wie mich meine
Beobachtung gelehrt hat, ihre Excursionen regelmäßig nach den über
Schuylkill hinaus liegenden Wäldern, ungefähr eine englische Meile von
der Stadt, und beobachten beim Besuchen ihrer Nester große Stille und
Vorsicht; Maßregeln, welche von solchen, die tiefer in den Wäldern
nisten, nicht so streng beobachtet werden, weil das Späherauge des
Menschen daselbst weniger zu fürchten ist. Allein trotz der Sorgfalt,
welche dieser Vogel, so wie die andern Arten der nehmlichen Gattung,
anwendet, um seine Jungen durch die Auswahl einer sicheren Lage gegen
die Nachstellungen von Verfolgern zu sichern, hat er es doch mit einem
Todtfeinde zu thun, gegen dessen Räubereien ihm weder die Höhe des
Baumes noch die Tiefe der Höhle die mindeste Sicherheit gewähren. Dies
ist die schwarze Schlange (^_Coluber constrictor_^), welche sich häufig
am Stamme des Baumes hinauf windet und, wie ein lauernder Wilder, in
die Höhle des armen Spechtes dringt, trotz dem Geschrei und ängstlichen
Flattern der Aeltern die Eier und hülflosen Jungen verschlingt und,
wenn es der Raum gestattet, sich an der Stelle, die sie eben erst
einnahmen, zusammenrollt und daselbst einige Tage hindurch verharrt.
Der wilde Schulknabe, nachdem er seinen Hals gewagt, um die Höhle des
Spechtes zu erreichen, fährt, wenn der Zeitpunkt des Triumphs, wo er
das Nest für sichre Beute hält und seinen entblößten Arm in die Höhle
steckt, beim Anblick der scheußlichen Schlange erschrocken zurück,
und stürzt fast von seiner schwindelnden Höhe herab, indem er mit
ängstlicher Hast am Baume heruntergleitet. Ich habe von verschiedenen
Abentheuern dieser Art gehört; und ein Fall zog ernste Folgen nach
sich: Knabe und Schlange stürzten nehmlich zugleich auf die Erde herab
und ein Schenkelbruch und langes Hüten des Bettes heilten den Waghals
von seinem ehrgeizigen Streben, Spechtnester zu plündern, vollkommen.«

[49] »Dieser schöne Vogel,« sagt _Wilson_, »welcher, so viel ich
darüber habe erfahren können, Nordamerika angehört, zeichnet sich durch
sein prächtiges Kleid als eine Art von Elegant (^beau^) unter den
befiederten Bewohnern unserer Wälder aus, und macht sich, gleich den
meisten Gecken, sowohl durch seine Geschwätzigkeit als auch durch die
Manier seiner Töne und Gebehrden noch bemerklicher. Der amerikanische
Holzheher ist eilf Zoll lang, seinen Kopf ziert ein Kamm lichtblauer
oder purpurfarbner Federn, welchen er nach Willkühr emporrichten
oder senken kann; eine schmale schwarze Linie zieht sich längs der
Stirnbinde hin, erhebt sich auf beiden Seiten über die Augen, geht
aber nicht über sie hinweg, wie _Catesby_ dies dargestellt hat, oder
wie es _Pennant_ und mehre Andre beschrieben haben; der hintere und
obere Theil des Halses ist schön hell purpurfarben, doch herrscht
das Blau vor; ein schwarzer Kragen reicht vom Hinterhaupte mit einer
zierlichen Krümmung auf jeder Seite über den Hals herab bis an den
oberen Theil der Brust, wo er einen Halbmond bildet; Kinn, Backen,
Kehle und Bauch sind weiß, die drei ersteren lichtblau gefärbt; die
größeren Flügel-Decken sind reich blau, die äußeren Fahnen der ersten
Federn lichtblau, die der zweiten dunkel purpurfarben, mit Ausnahme
der drei dem Körper zunächst befindlichen, welche glänzend lichtblau
sind; alle diese, ausgenommen die ersten, sind prachtvoll mit schwarzen
Halbmonden der Quere nach gestreift und weiß getüpfelt; die inneren
Seiten der Flügelfedern sind dunkelschwarz; der Schwanz ist lang und
keilförmig gestaltet und besteht aus zwölf glänzend lichtblauen, in
halbzolligen Entfernungen mit schwarzen bogenartigen Querstreifen
gezeichneten Federn; jede Feder ist weiß getüpfelt, mit Ausnahme der
zwei mittelsten, welche nach den äußersten Enden zu in eine dunkle
Purpurfarbe verlaufen; Brust und Seiten, unter den Flügeln, sind
schmuzig weiß und mit Purpur gefleckt; die innre Seite des Mundes,
Zunge, Schnabel, Beine und Krallen sind schwarz; die Regenbogenhaut des
Auges ist nußbraun.

»Ein blauer Holzheher,« fährt _Wilson_ fort, »den ich seit einiger
Zeit gefangen gehalten, und mit dem ich in großer Vertraulichkeit
lebe, ist ein wahres Muster von mildem Charakter und geselligen
Sitten. Ein günstiger Zufall im Walde brachte mich zuerst in Besitz
dieses Vogels, als er noch sein volles Gefieder hatte und noch voller
Gesundheit und Muth war; ich nahm ihn mit mir nach Hause und steckte
ihn in einen Käfig, den bereits ein goldgeflügelter Specht einnahm;
hier wurde er aber so grob empfangen und erhielt von dem Inhaber des
Käfigs dafür, daß er dessen Gebiet betreten, eine so harte Züchtigung,
daß ich mich, um sein Leben zu erhalten, genöthigt sah, ihn wieder
herauszunehmen. Ich setzte ihn hierauf in einen andern Käfig, dessen
einziger Besitzer ein gemeiner weiblicher Bülan (^orchard oriole^) war.
Dieser gebehrdete sich ebenfalls unruhig, als beleidige und gefährde
ihn die Gegenwart des fremden Gastes; der Holzheher unterdeß saß stumm
und bewegungslos auf dem Fußboden des Käfigs, entweder zweifelhaft
über seine eigene Lage, oder in der Absicht, seiner Nachbarin Zeit
zur Beschwichtigung ihrer Furcht zu gönnen. Und nach wenigen Minuten,
nachdem sie verschiedene drohende Gebehrden entfaltet (gleich einigen
Indianern bei ihren ersten Zukammenkünften mit den Weißen), begann
sie, sich demselben zu nähern, jedoch mit großer Vorsicht, und zum
schnellen Rückzug bereit. Da sie jedoch sah, daß der Holzheher anfing,
auf eine friedfertige und demüthige Weise einige zerbröckelte Stückchen
Kastanie aufzupicken, stieg sie ebenfalls herab und that das Nehmliche,
drehete sich aber, bei der leichtesten Bewegung ihres neuen Gastes,
diesem entgegen und setzte sich in Vertheidigungsstand. Jedoch ehe es
Abend geworden, war alle diese ceremoniöse Eifersüchtelei verschwunden,
und sie wohnen, fressen und spielen jetzt zusammen, in vollkommner
Eintracht und guter Laune.

»Wenn der Holzheher trinken will, springt seine Tischgenossin keck
und dreist in das Wasser, um sich zu baden, und schleudert es in
Schauern über ihren Gefährten, der sich dies ganz geduldig gefallen
läßt, und nur dann und wann wagt, etwas davon zu schlürfen, ohne das
geringste Zeichen von Unwillen oder Empfindlichkeit zu verrathen. Im
Gegentheil scheint er sich über seine kleine Mitgefangene zu freuen,
indem er ihr erlaubt, sich an seinen Backenbart zu hängen, (was sie
sehr sanft macht) und seine Krallen von zufällig daran hängenden
Kastanienbröckchen zu reinigen. Diese Anhänglichkeit von der einen,
und diese freundliche Nachgiebigkeit von der andern Seite, dürften
vielleicht zum Theil die Wirkung des wechselseitigen Mißgeschicks
sein, welches, wie die Erfahrung lehrt, nicht blos Menschen an
einander anschließt, sondern auch manche Thierarten enger mit einander
verbindet. Auch zeigt dieses Beispiel, daß der blaue Holzheher ein
leicht bezähmbares Naturell besitzt und fähig ist, Zuneigung und
zärtliche Gefühle, selbst für solche Vögel zu hegen, die er im
natürlichen Zustande ohne Bedenken zu seiner Speise wählen würde.«

[50] Das Nest des Feuervogels ist von mehren Ornithologen geschildert
worden. _Latham_, welcher von _Wilson's_ wundervoller Beschreibung
wesentlich abweicht, sagt: »das Nest ist aus einer flaumartigen, zu
Fäden gedrehten Substanz locker gebaut, und hat ziemlich die Gestalt
einer Börse, welche an die äußerste Gabel eines Tulpenbaums, einer
Platane oder eines Hiccory-Baums befestigt ist.« _Montbeillard_ ist
noch kürzer in seinen Bemerkungen über diesen interessanten Bau. Wir
wollen hier _Wilson's_ Beschreibung von Anfang bis zu Ende mittheilen.

»Fast die ganze Gattung der Pirole (Bülaus),« sagt dieser Beobachter,
»gehört Amerika an, und alle bauen, mit wenigen Ausnahmen, schwebende
Nester. Nur wenige aber kommen in der Bauart dieser Wohnstätten für
die Jungen dem Baltimore-Vogel gleich, welcher seinem Neste vor allen
ihm verwandten Arten Bequemlichkeit, Wärme und Sicherheit zu geben
weiß. Zu diesem Behufe wählt er die hohen, herabhängenden Zweigspitzen
und befestigt starke, feste Fäden von Hanf oder Flachs um zwei der
beabsichtigten Weite des Nestes entsprechende Gabelzweige; aus den
nehmlichen Materialien, die mit lockerem Werge vermengt sind, webt
oder fabricirt er eine starke, feste Art Filz, welcher gewissermaßen
der Substanz eines noch rohen Hutes gleicht und den er zu einem
sechs bis sieben Zoll tiefen Beutel gestaltet; inwendig füttert er
das Nest reichlich mit verschiednen weichen und dem äußeren Netzwerk
gehörig eingewobenen Substanzen, und kleidet es endlich mit einer
Lage von Roßhaaren aus; das Ganze ist gegen Sonne und Regen durch ein
natürliches Wetterdach oder einen Blätter-Baldachin geschützt. Was
die Oeffnung anlangt, welche der Vogel, nach _Pennant_ und andern
Schriftstellern, auf der Seite für die Jungen sowohl zur Fütterung
als Entfernung der Excremente lassen soll, ist auf jeden Fall ein
Irrthum. Ich meines Theils habe nie ein solches Loch in der Nestwand
des Baltimore-Vogels gefunden. Wiewohl Vögel der nehmlichen Art im
Allgemeinen eine gemeinschaftliche Form beim Bauen ihres Nestes
beobachten, so bauen sie doch nicht, wie man gewöhnlich glaubt, auf
dieselbe Weise. Die Baltimore-Vögel unterscheiden sich eben so sehr
durch Styl, Sauberkeit und Ausführung ihrer Nester als durch ihre
Stimme. Einige scheinen vor allen andern geschickte Arbeiter zu sein
und wahrscheinlich nehmen sie an Kunstfertigkeit eben so wie an
Farbenpracht mit den Jahren zu. Ich habe jetzt eine Anzahl ihrer Nester
vor mir, sämmtlich vollendet und mit Eiern angefüllt. Eins derselben,
das sauberste und netteste, hat die Gestalt eines Cylinders, ist fünf
Zoll weit, sieben Zoll tief und am Boden rund. Die oben befindliche
Oeffnung ist durch einen horizontalen, ungefähr drittehalb Zoll breiten
Deckel beschränkt. Die Materialien sind Flachs, Hanf, Werg, Haare und
Wolle, welche sämmtlich zu einer vollkommnen Art Tuch verwebt sind,
das Ganze ist überall sauber mit langen, mitunter zwei Fuß messenden
Roßhaaren durchnäht. Der Boden besteht aus dicken Kuhhaar-Flocken
und ist ebenfalls mit Roßhaaren durchnäht. Das eben beschriebne
Nest hing an der Spitze eines horizontalen Apfelbaumzweiges, nach
Südost gerichtet; es war, obgleich im Schatten, in einer Entfernung
von hundert Schritten sichtbar, und das Werk eines sehr schönen und
vollkommnen Vogels. Es befinden sich fünf weiße, schwach fleischfarbne,
am breiten Ende mit purpurnen Flecken, und an den übrigen Theilen mit
langen Linien gezeichnete Eier darin, die Linien sind haarfein und
durchschneiden sich in mannigfaltigen Richtungen. Ich bin deswegen
in der Angabe dieser einzelnen Umstände so ausführlich, weil es mein
Wunsch ist, den spezifischen Unterschied zwischen dem ächten und
Bastard-Baltimore-Vogel aufzustellen, da ^Dr.^ _Latham_ und einige
Andere der Meinung sind, daß beide Vögel einer und derselben Art
angehören und nur durch ihre verschiednen Farbenschattirungen von
einander abweichen.

»Der Baltimorevogel ist in der Brütezeit so sehr besorgt, sich die
geeigneten Materialien zu seinem Neste zu verschaffen, daß die im
Lande wohnenden Frauen genöthigt sind, ihr Garn und dergleichen, das
sich zufällig auf der Bleiche befindet, aufmerksam zu bewachen, eben
so muß der Pachter und Landmann seine jungen Pfropfreiser hüten, weil
dieser Vogel sowohl das Garn als auch die Materialien, womit die
letzteren befestigt sind, seinem Endzweck entsprechend findet und oft
wegholt; sollte jedoch das erste zu schwer und die letzteren zu fest
gebunden sein, so zerrt er lange Zeit daran herum, bevor er seinen
Versuch aufgiebt. Man hat nach dem Abfallen der Blätter oft Strähne
Seide und Zwirnfäden um das Nest des Baltimore- Vogels hängen sehen,
die aber so verwebt und verschlungen waren, daß man sie durchaus nicht
wieder herausfitzen konnte. Vor der Ankunft der Europäer konnten
natürlicher Weise keine solche Materialien gewählt werden, allein mit
dem Scharfsinn eines guten Architekten hat das Thierchen diesen Umstand
zu seinem Vortheil benutzt, und man findet die stärksten und besten
Materialien stets in denjenigen Theilen, welche das Ganze tragen.«
^Wilson's, Amer. Ornith. I. 26.^



Vierzehnter Brief.

 Nutzen botanischer Kenntnisse. -- Das Feuerkraut (^fireweed^)
 Sarsaparilla-Pflanzen. -- Prächtige Wasser-Lilie. -- Reis-Beete. --
 Indianische Erdbeere. -- Scharlachfarbner Akelei (^Columbine^) --
 Farnkräuter. -- Gräser. --


                                                  Juli 13, 1834.

Der Winter scheint uns in diesem Jahre ziemlich zeitig verlassen zu
wollen, zu Ende Februars war der Boden völlig frei von Schnee, und den
ganzen März hindurch hielt milde und freundliche Witterung an, jedoch
nicht so warm und überhaupt veränderlicher als im vorigen Jahre. In der
letzten April-Woche und zu Anfange Mai's waren sämmtliche Waldbäume
belaubt und prangten im schönsten lieblichsten Grün.

Am 14., 15. und 16. Mai wurde die Luft plötzlich kalt, ein scharfer
Wind blies aus Nordwesten, und heftige Schnee-Stürme knickten die
jungen Knospen und zerstörten manche Frühsaat; glücklicher Weise hatten
wir uns mit unserm Säen nicht sehr beeilt, und dies war unter solchen
Umständen sehr gut.

Unsre Wälder und Lichtungen sind jetzt mit schönen Blumen gefüllt. Sie
werden sich aus den getrockneten Exemplaren, die ich Ihnen übersende,
eine Vorstellung davon machen können. Sie werden darunter manche
Lieblinge unsrer englischen Gärten und Gewächshäuser erkennen, welche
die verschwenderische Hand der Natur nachlässig in den canadischen
Wäldern und Wildnissen ausgestreut hat.

Wie oft wünsche ich Sie an meine Seite, wenn ich durch die Wälder und
Lichtungen streife; die Aufsuchung unsrer botanischen Schätze würde
Ihnen große Freude gewähren.

Ich bedaure jetzt nur zu sehr, daß ich, als ich noch in der Heimath
war, Ihr gütiges Anerbieten, mich im Blumenmalen unterrichten zu
wollen, ausgeschlagen habe; Sie sagten mir damals oft, die Zeit würde
kommen, wo ich Ursache haben dürfte, die Vernachlässigung der sich mir
darbietenden günstigen Gelegenheit zu bereuen.

Sie haben mir richtig prophezeiht; denn ich beklage jetzt täglich, daß
ich Ihnen keine genauen Schilderungen von den Pflanzen meiner neuen
Heimath geben oder denselben ihren Platz im System anweisen kann, wie
Sie dies thun würden. Mit einigen derselben habe ich mich bekannt
gemacht, jedoch traue ich meinen botanischen Kenntnissen zu wenig, um
eine wissenschaftliche Beschreibung zu wagen; denn ich fühle nur zu
gut, daß ein Verstoß leicht entdeckt werden, und daß ich, wollte ich
mich mit Kenntnissen brüsten, die ich nicht besitze, mich lächerlich
und verächtlich machen würde. Das einzige botanische Werk, das mir
zu Gebote steht, ist _Pursh's_ nordamerikanische Flora, aus welcher
ich einige Belehrung geschöpft habe; allein ich muß gestehen, daß mir
die Entzifferung der lateinischen Beschreibungen, da ich kein Latein
verstehe, außer was mich mein bischen Italienisch errathen läßt, viel
Mühe und Langeweile verursacht.

Ich habe von den vorzüglichsten, der Aufmerksamkeit würdigsten Pflanzen
in unsrer Nähe, ein Verzeichniß entworfen, es giebt indeß noch viele
andere in dem Gemeinde-Bezirk, die mir fremd sind; von einigen
derselben weiß ich nicht einmal die Namen. Ich füge von denjenigen
Blumen, die mir am meisten gefallen, oder die sich durch irgend eine
erwähnungswerthe Eigenschaft auszeichnen, eine leichte Skitze bei,
aber nicht mit dem Pinsel sondern mit der Feder.

Auf dem gelichteten Boden wachsen nicht mehr dieselben Pflanzen, welche
früher, als er noch mit Waldbäumen bedeckt war, darauf wucherten. Eine
andre Pflanzen-Welt kommt zum Vorschein, sobald das Feuer den Boden
gereinigt hat. Das Nämliche läßt sich hinsichtlich unsrer Waldbäume
sagen. So wie eine Generation abstirbt und verwittert, tritt eine neue,
aber von ihr verschiedne an ihre Stelle. Ein zur Erläuterung dieses
Umstandes dienendes Beispiel liefert das sogenannte Fichten-Fett, eine
harzige Substanz, die man gewöhnlich an Orten findet, wo die lebende
Fichte weniger häufig wächst, und wo Eichen, Eschen, Ahorn u. s. w. den
Boden einnehmen.

Das Feuer-Kraut, eine Art schlanke Distel von niedrigem, unangenehmem
Geruch, ist die erste Pflanze, welche erscheint, nachdem der Boden
durch Feuer entwaldet ist; bleibt ein Stück Land den ersten Sommer
nach seiner Lichtung ungepflügt liegen, so schießt im nächsten
Frühjahr dieses Unkraut in dichten Massen hervor. Die nächste Pflanze,
welche sich zeigt, ist der Sumach mit seinem flaumbedeckten Stengeln
und sammetartigen hochrothen Blumen, die einen aufrecht stehenden
stumpfen Büschel an den Zweigspitzen bilden; die Blätter werden im
Spätsommer scharlachfarben. Dieser Strauch, wiewohl er sich sehr schön
ausnimmt und recht wohl als Ziergewächs dienen kann, wird doch in
alten Lichtungen als eine große Plage betrachtet, weil seine Wurzeln
ausschlagen und zahlreiche Schößlinge treiben. Hierauf folgen die
Brombeeren und die wilde Stachelbeere in großer Menge, und zahllose
Erdbeer-Pflanzen von mancherlei Art überziehen den Boden gleich
einem Teppich und vermischen sich mit dem Gras der Weide. Ich sah
mich dieses Frühjahr genöthigt, mit schonungsloser Hand Hunderte von
Sarsaparilla-Pflanzen, so wie auch den berühmten Ginseng, welcher in
unsern Wälder sehr häufig ist, mit der Wurzel auszureißen; der Ginseng
war früherhin ein Ausfuhr-Artikel, den die Vereinigten Staaten nach
China sendeten, weil seine Wurzel von den Chinesen besonders geschätzt
wird.

Letzte Woche bemerkte ich eine saftige Pflanze, die auf einem trocknen
sandigen Gange in meinem Garten den Boden durchbrochen hatte; sie
scheint eine Art (^Mesembryanthemum^ (?)) zu sein; sie hat sich so
schnell ausgebreitet, daß sie bereits einen ziemlichen Raum einnimmt.
Die Zweige gehen von der Mitte der Pflanze aus und treiben aus jedem
Gelenk Schößlinge hervor. Die Blätter sind mehr klein, dreikantig
und zugespitzt, dick und saftig, wie die gewöhnlichen Sedum-Arten,
wenn man sie quetscht, so fließt eine grünliche Flüssigkeit aus. Die
Stengel sind dick und rund, hellroth und kriechen an der Erde hin; die
Blätter entspringen aus den Gelenken, und mit ihnen in ununterbrochner
Aufeinanderfolge gelbe Stern-Blumen, die sich ungefähr eine Stunde nach
ihrer ersten Entfaltung wieder schließen. Ich werde Ihnen einige Samen
von dieser Pflanze schicken, ich bemerkte nämlich eine Anzahl kleiner
Schoten, die wie Knospen aussahen, aber, bei näherer Untersuchung sich
als die Samenbehälter erwiesen. Die Pflanze bedeckt den Erdboden gleich
einer dicken Matte, und ist, wo ihr dieser zusagt, wie man mir sagt,
ein lästiges Unkraut.

Ich bedaure nur, daß ich unter meinen getrockneten Pflanzen nicht
einige unsrer prachtvollen Wasser-Lilien und Iris-Arten erhalten
konnte; allein sie waren zu groß und zu saftig, um sich gut trocknen
zu lassen. Da ich Ihnen diese meine Lieblinge nicht mitsenden kann, so
will ich sie Ihnen wenigstens beschreiben.

Die erste davon ist eine herrliche Wasser-Lilie, (^Nymphaea^) welche
ich der Unterscheidung halber »_Königin der Seen_« genannt habe, denn
sie prangt gleich einer Krone auf den Gewässern; diese prächtige
Blume gleicht in Umfang einer mäßig großen Dahlia, sie erscheint wie
gefüllt, und jede Blumen-Blätter-Reihe nimmt nach der Mitte zu allmälig
an Größe ab und geht in Farbe nach und nach von dem reinsten Weiß in
das lichteste Citronengelb über. Die noch nicht entfalteten Blüthen
nehmen sich sehr hübsch aus, man kann sie unter der Oberfläche des
Wassers auf verschiednen Stufen ihrer Entwickelung wahrnehmen: -- von
der noch völlig geschloßnen und in ihren olivengrünen Kelch gehüllten
Knospe bis zu der halb aufgeplatzten Blume, welche bereit ist, aus
ihrem Wasser-Kerker hervorzutauchen und in all ihrer jugendlichen
Schönheit ihren schönen weißen Busen dem hellen Sonnenstrahl und der
milden Luft zu entfalten. Aber die Schönheit der Blume ist nicht ihr
einziger Liebreiz; sobald sie sich entfaltet hat, verbreitet sie einen
reichen Wohlgeruch, dem von frischen Citronen nicht unähnlich. Nicht
weniger Aufmerksamkeit verdienen die Blätter: anfangs zeigen sie
ein schönes Dunkelgrün, aber mit dem Abwelken der Blume vertauschen
sie diese Farbe nach und nach mit einem lebhaften Carmosin. Wo
viele dergleichen Lilien dicht beisammen wachsen, verleihen sie der
Wasserfläche einen unbeschreiblich schönen Anblick, der schon in
einiger Entfernung das Auge auf sich zieht.

Die gelbe Species dieser Gattung ist ebenfalls sehr schön, jedoch
fehlt ihr das seidenartige Gewebe und die zarte Farbe der erstern; ich
nenne sie »Wasser-König.« Die Blume bietet einen dunkel goldgelben
Becher dar, dessen ausgebauchte Blätter in der Mitte eine röthlich
braune Schattirung zeigen, welche gegen die hellfarbigen, wie goldne
Franzen über einander herabhängenden Antheren stark absticht, die
sehr zahlreichen Antheren sind in dicht auf einander folgenden Reihen
angeordnet und füllen den hohlen Blumen-Becher völlig aus.

Die seichten Stellen unsrer Seen strotzen von mannigfaltigen zierlichen
Wasser-Pflanzen; ich kenne keinen lieblichern Anblick als diese
kleinen schwimmenden Gärten. Hier erblickt man unfern des Ufers ein
Beet mit azurnen, ^Fleurs de lis^, vom blassesten Perlfarben bis zum
dunkelsten Violett. Näher am Ufer, wo das Wasser am seichtesten ist,
sendet die rosenfarbne ^Persecaria^ ihre prächtigen Blüthen empor,
deren Stiele sich unter der Wasserfläche hinranken, man sieht die
rothen Stengel und glatten dunkelgrünen, an der untern Fläche rosenroth
geaderten Blätter; es ist eine höchst reizende Varietät dieser schönen
Pflanzen-Gattung. Auf diese folgt eine Schicht weißer Nymphäen, meine
Lieblinge, alle in voller Blüthe, die auf dem Wasser schwimmen und ihre
gefüllten Blumenkronen an der Sonne entfalten; unweit dieser erhebt
sich in stolzer Schöne eine hohe schlanke Pflanze, mit dunkelgrünen
lanzettförmigen Blättern und einer dicken Aehre von hellblauen Blüthen.
Ich kann den Namen dieser prächtigen Blume nicht ausfindig machen und
habe leider ihren botanischen Bau nicht untersucht, daher ich Ihnen
keinen näheren Aufschluß zur Auffindung ihres Namens und ihrer Gattung
geben kann.

Unsre Reis-Beete verdienen ebenfalls Bewunderung; aus der Ferne
gesehen, erscheinen sie wie grüne Inseln auf den Seen, nimmt man
seinen Weg über ein solches Beet, wenn der Reis in der Blüthe
steht, so gewährt dieser, mit seinen breiten grasigen Blättern und
leichten wogenden Aehren einen lieblichen Anblick; die Aehren sind
mit blaßgelben oder grünen, zart purpurröthlich schattirten Blumen
besetzt, aus welchen drei zierliche strohfarbne Staubfäden hervorragen,
die sich bei jedem Lufthauch, bei der leichtesten Erschütterung des
Wassers hin und her bewegen. Ich sammelte mehre Aehren, die sich eben
erst geöffnet, aber leider zerbröckelten sie bald nach der Trocknung.
Nächsten Sommer werde ich einen abermaligen Versuch machen, einige zu
trocknen, und vielleicht dürfte ich einen bessern Erfolg haben.

Das niedrige Ufer des Sees ist über und über mit Strauchwerk und
Stauden überzogen. Wir haben ein recht hübsches Johanniskraut, mit
schönen gelben Blumen. Auch schöne Geisblatt-Arten kamen hier vor,
Strauch-Gewächse von ungefähr drei Fuß Höhe; die Blüthen stehen in
Pärchen oder zu vieren und hängen unterhalb der lichtgrünen Blätter;
sie sind zierlich trompetenförmig und zart grünlich weiß, es folgen
ihnen rubinrothe Beeren. Betrachtet man einen Zweig dieser Pflanze,
so fällt besonders die zierliche Anordnung der Blüthen längs dem
untern Theil der Stengel in die Augen, die beiden Blüthen sind an den
Nectarien auf eine eigenthümliche Weise mit einander verbunden. Die
Amerikaner nennen diese Geisblatt-Art ^twinflower^ (Zwillingsblume).
Ich habe unter den Blüthen derselben einige rosenrothe bemerkt, im
Ganzen genommen ist sie einer der schönsten Ziersträucher, welche
wir besitzen. Ich verpflanzte im letzten Frühjahr einige junge
Exemplare in meinen Garten, und sie versprechen ein gutes Gedeihen.
In _Pursh's_ Flora finde ich nirgends eine Beschreibung davon; indeß
weiß ich gewiß, daß das Gewächs zu den Geisblatt-Arten gehört, Klasse
und Ordnung, Gestalt und Farbe der Blätter, die Blüthenstengel,
die trompetenförmigen Blumen, alle gleichen einigermaßen unserm
heimathlichen Geisblatt.

Ferner ist ein hoher, gerade aufschießender Strauch, mit großen gelben
trompetenartigen Blüthen zu erwähnen, welche an den Zweigspitzen
erscheinen; das Involucrum (Hülle) bildet einen bootförmigen Becher,
welcher die Blüthen, die daraus zu entspringen scheinen, wie bei unserm
scharlachblumigen Jelängerjelieber, kreisförmig umschließt. Blätter und
Blüthen dieser Gewächse sind grob und keineswegs mit denen der zuerst
beschriebnen Art zu vergleichen.

Wir haben eine große Mannigfaltigkeit von merkwürdigen Orchiden
(Ragwurz): gelbe, braune blaßfleischfarbne und scharlachstreifige;
eine weiße von trefflichem Geruch, und eine zarte rosenrothe, mit
einem runden Blumenköpfchen und zart gefranzten Blumen, wie die
Wasser-Nelken, welche in unsern Sümpfen wachsen; dies ist eine
allerliebste Blume, sie kommt auf den Biber-Wiesen vor.

Letzten Herbst bemerkte ich in dem Fichten-Wäldchen unfern unsrer
Wohnung ein höchst merkwürdiges Gewächs, es kam mit nackten braunen
Stämmchen, die sich wie die Aeste eines Baumes ^en miniature^
verbreiteten, aus der Erde hervor; die Stengel und Stiele dieser
Pflanze waren braun, leicht gefleckt und mit kleinen Knötchen besetzt.
Ich beobachtete aufmerksam und mit nicht geringem Interesse das
Fortschreiten ihres Wachsthums und Reifens bis ziemlich Ende Oktobers;
die kleinen Knötchen, die aus zwei eckigen, harten Hüllen bestanden,
und wenn man sie völlig ablößte, Aehnlichkeit mit einem Boote hatten,
bersteten entzwei und ließen eine blaßstrohgelbe, spreuartige Substanz,
die wie feine Sägespähne aussah, wahrnehmen, wahrscheinlich waren
dies die Antheren (Staubwege), jedoch glichen sie mehr Samen; dieses
sonderbare Gewächs hätte mit einem Mikroscop untersucht werden sollen.
Eine Eigenthümlichkeit, die ich bemerkte, war, daß ich beim Ausreißen
eines Exemplars mit der Wurzel, dies Blüthen sich unter der Erde öffnen
sah, sie entsprangen von den untersten Enden der Blumenstiele und
waren in ihrer Reife eben so weit vorgeschritten, als die, welche an
den überirdischen Stengeln saßen; ausgenommen, daß sie etwas bleicher
waren, ein leicht erklärlicher Umstand, da die Luft nicht auf sie
einwirken konnte. Ich kann keine Beschreibung von dieser Pflanze
finden, auch scheint Niemand außer mir Notiz davon genommen zu haben.
Das Exemplar, welches ich für Sie bestimmt hatte, zerbröckelte, als es
trocken war.

Ich habe versprochen, einige der merkwürdigsten der hier wachsenden
Blumen für einen der Professoren an der Universität Edinburg zu sammeln.

Wir haben eine sehr schöne Pflanze, die unsrer Kartoffel in ihrem
Blüthen-Bau sehr verwandt zu sein scheint; sie wird in günstigen
Lagen zwei bis drei Fuß hoch und sendet manche Seitenzweige ab; die
Blumen sind groß, rein weiß, nahe am Boden der Corolle (Blumenkrone)
mit bräunlichgelben Flecken gezeichnet, die Blumenkrone ist ganz
(ungetheilt); jedenfalls ist dieses Gewächs von der cultivirten
Kartoffel nicht verschieden (?!), jedoch scheinen sich an seiner Wurzel
keine Knollen zu bilden. Die Frucht ist sehr schön, eiförmig und nach
erlangter Reife schön apricosenfarben und von glänzendem lockendem
Ansehn; der Geruch indeß verräth ihre giftige Natur: öffnet man sie,
so bemerkt man einen weichen Brei, der mit glänzend schwarzen Samen
gehüllt ist. Die Pflanze blüht vom Juni an, bis die ersten Fröste
ihre Blätter welken machen; sie ist bei weitem nicht so grob als die
Kartoffel; die Blüthe gleicht, sobald sie sich völlig entfaltet, einem
halben Kronenstück und ist ganz flach, ich glaube man nennt dies
präsentirtellerförmig. Leichter lehmiger Boden sagt ihr vorzüglich zu,
sie wächst auf den aufwärts gekehrten Wurzeln umgestürzter Bäume, wo
das Erdreich etwas sandig ist; ich habe sie nie anderswo als auf unsrer
eignen Brache gesehn.

Die Hepatica (^Anemone hepatica^, Leber-Anemone), ist die erste Blume
des canadischen Frühlings; sie erfreut uns mit ihren blauen, rothen und
weißen Blumen schon in den ersten Tagen des Aprils, nachdem der Schnee
kaum von der Erde gewichen ist. Die Canadier nennen sie Schneeblume,
(^snow flower^) weil sie, wie eben gesagt worden, bald nach Entfernung
des Schnees erscheint. Wir sehen ihre lieblichen Bouquets in den
offnen Lichtungen und den Tiefen des Waldes; auch ihre Blätter sind
eine dauernde Zierde in der milden Jahreszeit; man sieht sie auf jedem
kleinen Rasen-Hügel, jeder moosbedeckten Wurzel; die blauen Nuancen
sind äußerst mannigfaltig und zart; die weißen Staubwege stechen
gefällig von den blauen Blumen-Blättern ab.

Die Wald-Kresse, oder Ingwer-Kresse (^ginger cress^) ist eine hübsche
weiße Kreuzblume, und äußerst aromatisch; sie hat eine weiße,
fleischfarbige Wurzel von stechendem meerrettigartigem Geschmack.
Die Blätter sind mattgrün, scharf eingekerbt und dreilappig. Reiche
feuchte Dammerde sagt dieser Pflanze am besten zu, und man findet sie
hauptsächlich auf niedrigem, etwas morastigem Boden; der Blüthenstengel
ist bisweilen nackt, bisweilen mit Blättern besetzt und endet mit einer
losen Aehre von weißlichen kreuzförmigen Blumen.

Es giebt hier auch eine Kresse, welche in hübschen grünen Büscheln auf
dem Boden des Wassers in Buchten und Bächen wächst. Sie ist zarter
und von angenehmerem Geschmack als irgend eine Land-Kresse; die
Blätter zeigen ein blasses, zartes Grün, sind geflügelt und schlank;
die Pflanze nimmt sich unter dem Wasser wie ein grünes Kissen aus.
Die Blumen sind gelb, kreuzförmig und unbedeutend. Sie giebt in der
ersten Hälfte des Frühlings und im Herbste einen recht angenehmen
Sallat. Außerdem kommen mehre Arten Land-Kresse vor, desgleichen einige
Gewächse, die einigen unsrer Kohl- und Kraut-Arten gleichen und als
Frühjahrs-Gemüse benutzt werden dürften. Ferner findet man verschiedne
Spinat-Arten: eine davon ist hier, unter dem Namen ^Lamb's quarter^
(Lamms-Viertel) bekannt; sie wächst in beträchtlicher Menge um unsre
Gärten, und wird in reicherem Boden zwei Fuß hoch; ihr Blätterwuchs
ist äußerst üppig. Die ersten Triebe dieser Pflanze werden an
Schweinfleisch gekocht und sind in Ermangelung zarterer Gemüse-Arten
sehr nützlich.

Ferner haben wir die indianische Rübe, eine sehr schöne Aron-Wurz
(^Arum^), deren Wurzel, gekocht, der Cassave gleichen soll; die Blätter
derselben nehmen sich recht hübsch aus, sie zeichnen sich durch einen
schwachen Purpur-Schein aus; die Indianer brauchen die Wurzel als
Medicin, und auch als Nahrungs-Mittel; die Ansiedler essen sie oft als
Gemüse; ich selbst habe sie noch nie gekostet. _Pursh_ nennt diese Art
^Arum atropurpureum^.

Ich darf hier eine unsrer größten Zierden nicht übergehen, nämlich
den Erdbeerspinat[51], oder den indianischen Erdbeerstrauch, wie
er verschiedentlich genannt wird. Dieses Gewächs treibt aus einem
Hauptstamme viele Seiten-Aeste, die mit schönen Blättern besetzt sind
und ihrer äußern Erscheinung nach unserm langblättrigen Garten-Spinat
gleichen, die Frucht dieses Strauches ist hell carmosinroth und
breiartig, wie die Erdbeere, und enthält eine Anzahl purpurfarbner
Samen, die theilweise in der Oberfläche des Fleisches sitzen, gerade
so wie die Samen der Erdbeere. Die Früchte sitzen dicht am Stengel,
umgeben ihn vollkommen und bilden eine reiche Aehre von schönrothen
Beeren. Ich habe fußlange Zweige gepflückt, die dicht mit diesen
schönen Beeren bedeckt waren, und bedauerte nur, daß ich sie wegen
ihres faden Geschmacks nicht essen konnte. An den Ufern der Einbuchten
und auf reicherem Boden wächst dieser Erdbeerstrauch sehr üppig, eine
einzige Wurzel treibt zwanzig bis dreißig Aeste empor, die sich unter
dem Gewicht ihrer schönen Bürde niederbeugen. Wenn die mittlern und
obern Stengel reifen und abwelken, wachsen die Seiten-Aeste in die
Höhe, und so trägt der Strauch vom Juli an ununterbrochen Früchte, bis
im September die Fröste ihn seiner Schöne berauben.

Die Indianer benutzen den Saft dieser Pflanze zum färben und sollen
auch die Beeren essen; man bedient sich ihres Saftes oft als rother
Tinte, allein er verschießt sehr schnell, wofern er nicht mit Alaun
vermischt ist. Eine meiner Freundinnen erzählte mir, daß sie einen
Brief an einen ihrer Verwandten in England mit dieser Erdbeer-Tinte
durchkreuzt[52], allein da sie nicht die Vorsicht beobachtet,
denselben zu fixiren, so sei die eine Hälfte des sehnlich erwarteten
Sendschreibens, als es endlich an seine Adresse gelangt, weil die rothe
Tinte fast ganz verschossen, durchaus unleserlich gewesen; und so habe
es, anstatt den gehegten Erwartungen zu genügen, dem Leser nur Quälerei
und Verwirrung, und ihr selbst Verdruß und Aerger verursacht.

Die Blutwurzel, (^Sanguinaria^) oder ^puccoon^, wie sie von einigen der
eingebornen Stämme genannt wird, verdient von der Blüthe bis zur Wurzel
unsre Aufmerksamkeit. Sobald als die April-Sonne den Erdboden erwärmt
und von seinen eisigen Fesseln befreit hat, gewahrt man eine Anzahl
rein weißer Knospen, die auf nackten Stielen stehen und theilweise
in ein schönes, rebenartig gestaltetes Blatt gehüllt sind. Das Blatt
ist blaß bräunlichgrün und an der untern Seite seltsam mit blaß
orangenfarbnen Adern bezeichnet, es entspringt einzeln aus einer dicken
saftreichen fasrigen Wurzel, die, wenn man sie zerbricht, aus ihren
Poren eine Quantität hell orangenrothen Saftes ausschwitzt; dieser Saft
wird von den Indianern zum Färben und zur Heilung von Rheumatismen
und Hautausschlägen benutzt. Die Blüthen der Sanguinaria gleichen
dem weißen Crocus sehr genau; bei ihrem ersten Hervorbrechen wird
die Knospe von dem oben beschriebnen Blatt unterstützt und ist damit
umwickelt; die Blume erhebt sich indeß bald über ihren Beschützer,
während das Blatt, nachdem es seine Pflicht, als Hülle der zarten
Knospe, erfüllt hat, sich zu seiner vollen Ausdehnung entfaltet. Eine
reiche schwarze Dammerde am Saume der Lichtungen scheint diesem Gewächs
besonders zuzusagen.

Der scharlachfarbige Akelei ist ebenfalls eine Lieblings-Blume
von mir; sie ist hellroth, mit gelben Streifen an den Röhren. Die
Nectarien sind länger als bei dem Garten-Akelei, und bilden eine an
den Spitzen mit kleinen Kugeln besetzte Mauer-Krone. Gewiß verdient
der Akelei, mit seinen glänzenden hängenden Blumen, eine schlanke,
zierliche Pflanze genannt zu werden; er wächst im Sonnenschein eben so
gut als im Schatten, jedoch wohl nicht in tiefen schattigen Wäldern,
sondern da, wo das Unterholz durch das laufende Feuer oder die Axt des
Holzfällers entfernt worden ist; er scheint sogar auf armem steinigen
Boden fortzukommen und ist fast um jede Wohnstätte herum zu finden.
Der gefiederte Akelei liebt nassen, freien Moorboden und die Ufer der
Bäche; er erreicht eine Höhe von drei, ja sogar vier und fünf Fuß, und
ist eine wahre Zierde.

Veilchen haben wir von jeder Größe und Gestalt, nur das wohlriechende
Veilchen (^Vîola odorata^) unsrer heimathlichen Wälder fehlt uns;
doch wüßte ich nicht, warum wir mit diesen zarten Töchtern des
Frühlings hadern sollten, weil sie nicht mit dem Wohlgeruch ihrer mehr
begünstigten Schwestern begabt sind. Viele Ihrer Waldveilchen, obwohl
äußerst schön, sind ebenfalls geruchlos, hier muß die Mannigfaltigkeit
der Farben für den Mangel an Parfume einigermaßen Ersatz leisten.
Wir haben Veilchen von jedem Blau, einige mit Purpur gestreift,
andre mit dunklerem Blau schattirt. Wir haben das zarte, mit Purpur
gezeichnete, das hell schwefelgelbe schwarzgeaderte, das blaßgelbe
dunkelblaugeaderte Veilchen; die beiden letzten zeichnen sich durch den
üppigen Wuchs ihrer Blätter aus; die Blüthen entspringen büschelweise,
also mehre aus jedem Gelenk, und hinterlassen nach ihrem Abwelken
große, mit einem dicken weißen baumwollenartigen Flaum bedeckte
Samen-Kapseln.

In den Wäldern kommt ein Veilchen vor, dessen Blätter außerordentlich
groß sind; dasselbe gilt von den Samen-Gefäßen; dagegen ist die Blüthe
so klein und unbedeutend, daß man sie blos bei genauerer Untersuchung
der Pflanze wahrnimmt; dies hat zu dem Glauben Veranlassung gegeben,
daß das fragliche Veilchen (seine Blumen sind blaß grünlichgelb,)
unterirdische Blüthen habe. _Bryant's_ schönes Gedicht »_das gelbe
Veilchen_« enthält eine genaue Schilderung von den zuerst erwähnten
Veilchen.

Man findet hier ein hübsches Stiefmütterchen (^Viola tricolor^),
welches im Herbste blüht. Seine Farben sind Reinweiß, Blaßpurpurn
und Blaßviolett, die obern Blumen-Blätter sind weiß, die Unter-Lippe
(die untern Blumenblätter,) purpurn, und die Flügel (seitlichen
Blumenblätter) röthlich blaßviolett. Die Schönheit dieser seltnen
Blume fesselte mein Auge, als ich während unsrer Reise nach Cobourg
einen Abstecher nach Peterborough machte; ich war nicht im Stande, die
gesammelten Exemplare zu erhalten, und habe seitdem jene Straße nicht
wieder bereist. Die Blume wuchs unter wildem Klee, auf der offnen Seite
der Straße; die Blätter waren klein, rundlich und matt dunkelgrün.

Unter den strauchartigen Astern haben wir verschiedne schöne
Varietäten, mit großen, blaß hollunderblauen oder weißen Blumen; noch
andre haben sehr kleine weiße Blumen und carmosinrothe Antheren,
welche wie rothe, mit Goldstaub bepuderte Flaum-Büschel erscheinen.
Diese Staubwege stechen gegen die weißen, sternartig angeordneten
Blumen-Blätter sehr angenehm ab. Eine Varietät der hochstämmigen
Aster kommt auf den Ebnen vor, sie hat Blüthen von der Größe eines
Sexpence-Stückes und von sanft perlblauer Farbe, mit braunen
Staubwegen. Diese Pflanze erreicht eine ansehnliche Höhe, und von den
Hauptstämmen gehen zahlreiche zierliche Blüthenäste ab; die Blätter
dieser Art sind an der untern Seite purpurroth, fast herzförmig
gestaltet und eben so wie die Stengel mit feinen Härchen besetzt.

Ich fürchte nicht, Ihnen mit meinen botanischen Skitzen beschwerlich
zu werden; ich habe noch mehre Pflanzen zu beschreiben: unter diesen
sind jene zierlichen kleinen Immergrün-Arten, wovon, unter dem Namen
Winter-Immergrün dieses Land Ueberfluß hat; drei oder vier zeichnen
sich durch ihr schönes Laubwerk, ihre schönen Blumen und Früchte
vorzüglich aus. Eins dieser Winter-Grüne, welches sehr häufig in unsern
Fichten-Wäldern wächst, ist außerordentlich schön; es wird selten über
sechs Zoll hoch; die Blätter sind hell glänzendgrün, lang, schmal,
eiförmig und zart gekerbt, wie ein Rosen-Blatt; die Pflanze kommt
in den ersten Monaten des Jahres beim ersten Thauwetter unter dem
Schnee hervor, eben so frisch und grün wie zuvor, als sie unter der
weißen Decke begraben wurde. Es scheint selten zu blühen. Ich habe es
nur zweimal in der Blüthe gesehen; diese blühenden Exemplare hob ich
sorgfältig für Sie auf, aber die getrocknete Pflanze kann Ihnen blos
eine unvollkommne Vorstellung von dem geben, was sie einst in ihrer
Frische und Schönheit war. Ich erinnere mich noch recht gut, daß Sie
Ihre getrockneten Exemplare immer nur Pflanzen-Leichname nannten, und
dabei bemerkten, daß gute Gemälde davon der Wirklichkeit weit näher
kämen. Der Blüthenstengel erhebt sich zwei bis drei Zoll über den
Mittelpunkt der Pflanze und ist mit runden carmosinrothen Knospen
und Blüthen gekrönt. Die Blüthe besteht aus fünf Blumen-Blättern,
deren Farbe sich vom blassesten Rosenroth bis zum dunkelsten Incarnat
vertieft; die Narbe (Stigma) ist smaragdgrün und bildet gleichsam
einen schwach gerippten Turban in der Mitte; um dieselbe stehen
zehn amethystfarbene Staubfäden, kurz dies ist eine von den Juwelen
der Blumen-Welt, und ließe sich mit einem von Amethysten umgebnen
Smaragd-Ringe vergleichen. Der Farben-Contrast bei dieser Blume
ist äußerst angenehm und gefällig, und die schönrothen Knospen und
glänzenden, immer grünen Blätter erregen fast die nämliche Bewunderung,
wie die Blüthe. Sie würden dieses schöne Gewächs gewiß für einen
großen Gewinn für Ihre Sammlung von amerikanischen Sträuchern
halten, allein ich zweifle, daß es, entfernt aus den Schatten der
Fichten-Wälder, zur Blüthe kommen würde. Es scheint die von _Pursh_
beschriebne ^Chimaphila corymbosa^ zu sein, nur daß dieser Botaniker in
Angabe der Farbe der Blumen-Blätter von den meinigen etwas abweicht.

Ein andres bei uns heimisches Wintergrün wächst in großer Menge auf den
Reis-Ebnen; diese Pflanze wird nicht über vier Zoll hoch; die Blüthen
stehen in kleinen losen Büscheln, sind blaß grünlich weiß und gleichen
in Gestalt den Blüthen der Sandbeere (^Arbutus^); die Beeren sind hell
scharlachroth und unter dem Namen Winter- und Rebhuhn-Beere bekannt;
jedenfalls ist dies die ^Gualtheria procumbens^. Ein noch schöneres
kleines Immergrün derselben Gattung wächst in unsern Cedern-Mooren,
unter dem Namen Tauben-Beere (^pigeon-berry^), es gleicht der
Sandbeere in Blatt und Blüthe mehr als die zuvor erwähnte Pflanze; die
scharlachrothe Beere sitzt in einem Kelche oder Behälter, der am Rande
in fünf Spitzen ausläuft, fleischig ist, und mit der Frucht selbst von
einerlei Beschaffenheit zu sein scheint. Die Blüthen dieses hübschen
kleinen Strauches erscheinen, wie die des Arbutus, wovon er gleichsam
das Miniatur-Bild ist, in hängenden Büscheln zu der nämlichen Zeit, wo
die Beere des vorigen Jahres ihre vollkommne Reife erlangt hat; dieser
Umstand trägt nicht wenig zu der reizenden Erscheinung der Pflanze bei.
Wenn ich mich nicht irre, so ist es die ^Gualtheria Shallon^, welche
_Pursh_ mit dem ^Arbutus^ vergleicht; sie gehört ebenfalls zu unsern
Immergrünen.

Wir haben ferner eine niedliche kriechende Pflanze, mit zarten
kleinen trichterförmigen Blumen und einem Ueberfluß an kleinen
dunkelgrünen runden buntfarbigen Knospen und hellrothen Beeren,
die an den Zweig-Enden sitzen. Die Blüthen dieser Pflanze stehen
paarweise und sind am Fruchtknoten so eng mit einander verbunden, daß
die scharlachrothe Frucht, welche der Blüthe folgt, einer doppelten
Beere gleicht, -- jede Beere enthält die Samen beider Blüthen und ein
doppeltes Auge. Die Pflanze wird auch Winter-Grün oder Zwillings-Beere
(^twin-berry^) genannt; sie gleicht keinem der andern Wintergrüne; sie
wächst in moosreichen Wäldern, kriecht an der Erde hin und scheint
gern kleine Hügelchen und Ungleichheiten des Bodens zu überziehen. In
Zierlichkeit des Wuchses, Zartheit der Blume und Farbenglanz der Beere,
steht dieses Wintergrün den zuvor beschriebnen wenig nach.

In unsern Wäldern kommt eine Pflanze vor, welche unter dem Namen
^Man-drake^ (Mandragore), ^May-apple^ (Mai-Apfel) und ^ducks-foot^
(Enten-Fuß) bekannt ist. Die Botaniker nennen sie Podophyllum[53],
und sie gehört, was Klasse und Ordnung betrifft, der ^Polyandria
monogynia^ an. Ihre Blüthe ist gelblich weiß, die Blumenkrone
besteht aus sechs Blumen-Blättern; die Frucht ist länglichrund und,
reif, grünlich gelb; in Größe gleicht dieselbe einer Olive, oder
großen Mandel; nach Erlangung ihrer völligen Reife schmeckt sie, wie
eingemachte Tamarinden, angenehm säuerlich; sie scheint wenig zu
tragen, wiewohl sie auf reichem nassem Waldboden schnell überhand
nimmt. Die handförmigen Blätter kommen einzeln hervor, und beschatten,
stehen mehre Pflanzen beisammen, den Boden ziemlich dicht, sind mit
ihrem Mittelpunkt an den Blattstiel befestigt und gleichen, wenn sie
zuerst über der Erde erscheinen, zusammen gefalteten Regen- oder
Sonnen-Schirmen, indem ihre Kanten sämmtlich abwärts stehen, mit der
Zeit entfalten sie sich und bilden eben so viele kleine, schwach
convexe Baldachins. Die Frucht dürfte sich mit Zucker sehr gut zum
Einmachen eignen.

Das Lilien-Geschlecht bietet eine große Mannigfaltigkeit, von den
kleinsten bis zu den größten Blumen, dar. Die rothe Martagon-Lilie
(Gelbwurz) wächst in großer Menge auf unsern Ebnen. Der gemeine
Hundszahn (^Erythronium dens canis^), mit seinen gefleckten Blättern,
glockenförmigen hängenden, gelben, inwendig mit hochrothen Tüpfeln zart
gefleckten und auswendig mit feinen Purpur-Linien gezeichneten Blumen,
verleiht unsern Wäldern, wo er sich schnell vermehrt, einen großen
Reiz; er bildet ein schönes Blumenbeet, die Blätter kommen einzeln
hervor, von jeder besondern Knolle eins. Es giebt zwei Varietäten
von dieser Pflanze, die blaßgelbe, ohne Tüpfeln und Linien, und die
dunkelgelbe, mit Tüpfeln und Linien; die Staubwege der letztern sind
röthlich orangenfarben und dick mit feinen Blumenstaub bepudert[54].

Der Daffodil unsrer Wälder ist eine zarte hängende, blaßgelbe Blume;
die Blätter stehen längs dem Blumenschaft, von einer Entfernung zur
andern; drei oder mehre Blüthen folgen gewöhnlich an der Spitze des
Schaftes, eine nach der andern; dieses Gewächs liebt dunkelschattige,
feuchte Waldstellen.

Eine sehr schöne Pflanze, dem Lilien-Geschlecht angehörig, wächst in
großer Menge in unsern Wäldern und Lichtungen; in Ermangelung eines
passenderen Namens nenne ich dieselbe _Douri-Lilie_, wiewohl sie weit
über einen großen Theil des Continents verbreitet ist. Die Amerikaner
nennen die weiße und rothe Spielart dieser Species »weißen und rothen
Tod.« Die Blume ist entweder dunkelroth oder glänzend weiß, jedoch
findet man die weiße bisweilen mit einem zarten Rosenroth oder einem
dunkeln Grün betupft; letztere Farbe scheint durch den Uebergang des
Kelches in das Blumen-Blatt bewirkt zu werden. Warum sie einen so
furchtbaren Namen erhalten, ist mir bis jetzt ein Räthsel geblieben.
Die Blumenkrone besteht aus drei Blumen-Blättern, der Kelch ist
dreitheilig; sie gehört der ^Hexandria monogynia^ an, der Griffel ist
dreispaltig; der Samenbehälter dreiklappig; sie liebt drockne Wälder
und gelichteten Boden; die Blätter stehen zu dreien, entspringen von
den Gelenken, sind groß, rund und an den Enden etwas zugespitzt.

Wir haben Mai-Blumen (^lilies of the valley^) und die mit ihnen
zugleich erscheinende Meisterwurz, einen kleinblumigen Türkenbund von
blaßgelber Farbe, nebst einer endlosen Mannigfaltigkeit von kleinen
Liliaceen, die sich sowohl durch ihre schönen Blätter als ihre zarten
Formen auszeichnen.

Unsre Farnkräuter sind sehr zierlich gestaltet und zahlreich; ich
habe nicht weniger als acht verschiedne Arten in unsrer unmittelbaren
Nachbarschaft gesammelt; einige davon nehmen sich ganz allerliebst
aus, vorzüglich eine, welche ich wegen ihrer leichten zierlichen
Form »Elfen-Farn« (^fairy-fern^) nenne. Ein elastischer Stamm von
purpurartigem Roth trägt mehre leichte Seiten-Zweige, die sich
mannigfaltig verästeln und mit zahllosen Blättchen besetzt sind; jedes
Blättchen hat einen Stiel, welcher es mit dem Zweige verbindet, und
dieser Stiel ist so leicht und haarartig, daß der leiseste Luftzug die
ganze Pflanze in Bewegung setzt.

Könnte man sich nur einbilden, daß Canada einst der Schauplatz von
Elfen-Festen gewesen, so würde ich ohne weiteres behaupten, daß dieses
zierliche Gewächs sich wohl geeignet, den Elfen-Hof von _Oberon_ und
_Titania_ zu beschatten.

Wenn dieses Farnkraut zuerst über der Erde erscheint, so ist es von
dem verwitterten Holze der umgestürzten Fichten kaum zu unterscheiden;
es hat dann eine licht röthlichbraune Farbe und ist seltsam
zusammengerollt. Im Mai und Juni entfalten sich die Blätter und nehmen
bald das zarteste Grün an; sie sind fast durchsichtig; das Vieh frißt
sehr gern davon.

Die Mocassin-Blume (Ginster) Frauen-Schuh[55], (bemerken Sie die
seltsame Aehnlichkeit zwischen der indianischen und unsrer Benennung
der Pflanze) ist eine unsrer bemerkenswerthesten Blumen, sowohl wegen
ihres eigenthümlichen Baues als auch wegen ihrer Schönheit. Unsre
Ebnen und trocknen sonnigen Weideplätze bringen verschiedne Spielarten
hervor; unter diesen sind der gelbe Frauen-Schuh[56], (^Cypripedium
pubescens^) und ^Cypripedium Arietinum^ die schönsten.

Die Honiglippe des erstern ist lebhaft canariengelb und mit dunkel
carmosinrothen Flecken betupft. Die obern Blumen-Blätter bestehen
in zwei kurzen und zwei langen; in Gefüge und Farbe gleichen sie
der Scheide von einigen der Narzissen-Gattungen; die kurzen stehen
aufrecht, wie ein paar Ohren, die langen oder seitlichen sind dreimal
so lang als die erstern, sehr schmal und zierlich gewunden, wie die
spiralförmigen Hörner des wallachischen Widders; lüftet man eine dicke
gelbe fleischige Art von Deckel, in der Mitte der Blume, so sieht
man das genaue Gesicht eines indianischen Hundes, vollkommen in
allen seinen Theilen, -- Nase, Augen und Schnauze; darunter hängt ein
offner Sack herab, der rings um die Oeffnung leicht zusammen gezogen
ist, wodurch er ein hohles und bauchiges Ansehn erhält; die innere
Seite dieses Sackes ist zart mit Dunkelcarmosin getupft oder schwarz
gefleckt; der Blumen-Schaft schwillt nach oben zu an und bildet eine
Krümmung; die Blätter sind groß, oval, etwas zugespitzt und gerippt.
Die Pflanze wird nicht viel über sechs Zoll hoch; die schöne Farbe
und das seidenartige Gewebe der Unterlippe oder des Sackes macht, daß
ich für meinen Theil ihrer Blüthe den Vorzug vor der purpurnen und
weißen Varietät gebe, wiewohl letztre wegen der Größe der Blume und der
Blätter, außer dem Contrast zwischen der weißen und rothen oder weißen
und purpurnen Farbe, weit mehr in die Augen fällt.

In Bildung und Structur gleicht diese Species der andern, nur mit dem
Unterschiede, daß die Hörner nicht gewunden sind, und das Gesicht mehr
dem eines Affen ähnelt; sogar der komische Ausdruck des Thieres ist
mit so bewundernswürdiger Treue nachgeahmt, daß man bei Erblickung der
seltsamen, unruhig erscheinenden Fratze, mit ihren schwarzen, unter
ihrer Capuze hervorschauenden Augen, unwillkührlich lächeln muß.

Diese Pflanzen gehören der ^Gynandria diandria^ an; _Pursh_ beschreibt
sie mit einigen Abweichungen, und vergleicht z. B. das Gesicht der
letztern mit dem des Schafs; wenn aber ein Schaf zu diesem Gemälde saß,
so muß es das verschmitzteste und boshafteste der ganzen Heerde gewesen
sein.

Ein seltsames Wasser-Gewächs kommt in seichten, stockenden und langsam
fließenden Gewässern vor; es enthält ein ganzes Weinglas Wasser. Ein
armer Soldat brachte mir ein Exemplar und fügte die Bemerkung hinzu,
es gleiche einer Pflanze, die er oft in Egypten gesehn, und die von den
Soldaten »_Soldaten-Becher_« genannt werde, und daß er selbst manchen
Trunk frischen Wassers daraus geschlürft habe.

Ein andres Exemplar erhielt ich von einem Herrn, der meine Vorliebe für
fremde Gewächse kannte, er gab ihm sehr passend den Namen Krug-Pflanze
(^Pitcher-Plant^) höchst wahrscheinlich gehört sie zu dem Geschlecht,
welches diesen Namen führt.

Die geruchreichsten und würzigsten Blumen sind unsre wilden Rosen,
welche die Luft mit den angenehmsten Düften füllen, die purpurne
Monarde, die von der Blüthe bis zur Wurzel Wohlgeruch ist, selbst
nachdem sie Monate lang der kalten Winter-Atmosphäre ausgesetzt
gewesen; ihre getrockneten Blätter der Samen-Behälter sind so
aromatisch, daß sie Händen und Kleidern ihren angenehmen Parfume
mittheilen. Alle unsre Münzen haben einen sehr starken aromatischen
Geruch; das Maiblümchen verbreitet den süßesten Duft; hierher gehören
auch meine Königin der Seen (die weiße Wasser-Lilie) und ihr Gefährte,
der Wasser-König, nebst vielen andern Blumen, die ich jetzt nicht
aufzählen kann. Gewiß ist indeß, daß es unter einem so großen Verein
von Blumen, verhältnißmäßig nur wenige giebt, welche aromatische
Gerüche aushauchen; einige unsrer Waldbäume verbreiten einen angenehmen
Parfume. Ich bin auf meinen Spaziergängen oft stehen geblieben, um an
sonnigen Tagen den wohlriechenden Duft von einem Cedern-Moor, während
die dicht verschränkten Aeste und Zweige noch voll Thautropfen von
einem frischgefallnen Schauer hingen, in vollen Zügen einzuathmen.

Nicht unerwähnt darf hier die Balsam-Pappel oder Tacamahac bleiben,
welche die Luft um sich her mit Wohlgerüchen schwängert, vorzüglich
wenn die Gummi-Knospen sich eben zu entfalten anfangen; die
Balsam-Pappel bildet sich zu einem schönen zierlichen Baume aus,
versteht sich, wo sie Raum genug zur Ausbreitung ihrer Aeste hat.
Sie wächst vorzüglich an den Ufern der Seen und in offnen Mooren,
bildet aber auch eine Hauptzierde unsrer Ebnen und nimmt sich mit
ihren silberfarbigem runden, wehenden Laube sehr schön aus; die Rinde
schwitzt ein klares Gummi-Harz in durchsichtigen Kügelchen aus, und die
Knospen überziehen sich mit einer in hohem Grade aromatischen gummösen
Flüssigkeit.

Unsre Gräser verdienen alle Aufmerksamkeit; es giebt hier Varietäten,
die mir ganz neu sind und getrocknet eine elegante Zierde unsrer Kamine
bilden; auf dem Kopfe einer Dame würden sie sich sehr hübsch ausnehmen,
wenn nur nicht die Mode stets künstlichen Putz dem natürlichen vorzöge.

Eine oder zwei Gras-Arten, die ich gesammelt habe, zeigten, ihre
Kleinheit abgerechnet, große Aehnlichkeit mit dem indianischen Korn;
sie haben eine Troddel oder Quaste, und eine achtseitige Aehre;
die kleinen Körner sind reihenweise um die Spindel angeordnet. Das
^Sisyrinchium^ oder blauäugige Gras hat eine niedliche kleine azurblaue
Blume, mit einem goldfarbigen Fleck an der Basis jedes Blumenblattes;
die Blätter sind steif und fahnenartig; diese niedliche Pflanze wächst
büschelweise auf leichtem sandigen Boden.

Ich habe Ihnen in Vorliegendem eine Beschreibung der
bemerkenswerthesten Pflanzen gegeben; und wenn auch meine Mittheilungen
zum Theil der ächt botanischen Nomenclatur nicht ganz entsprechen
mögen, so habe ich sie doch mindestens gerade so geschildert, wie sie
mir erschienen sind.

Mein holdes Knäbchen scheint bereits Geschmack an Blumen zu finden,
und ich will diesen so sehr als möglich befördern. Botanik ist ein
Studium, welches zur Veredlung und Verfeinerung der Seele beiträgt, es
kann auf eine einfache Weise zur Himmelsleiter gemacht werden, wenn man
ein Kind lehrt, mit Liebe und Bewunderung auf jenen allmächtigen und
gütigen Gott zu blicken, der die Blumen so schön schuf und bildete, um
diese Erde zu befruchten und zu schmücken.

                                   Leben Sie wohl Theuerste Freundin.

Fußnoten:

[51] ^Blitum (Strawberry-bearing spinach, Indian Strawberry.)^

[52] Die Engländer durchkreuzen häufig in ihren Briefen die der Quere
nach mit schwarzer Tinte geschriebnen Zeilen mit andern der Länge nach
verlaufenden, wozu sie rothe Tinte nehmen.

[53] Nach _Willdenow_ ist die Wurzel dieser Pflanze arzneikräftig.

[54] Der gemeine Hundszahn wächst auch im südlichen Europa. Die
knollige weiße Wurzel ist schleimig und nahrhaft, sie kann wie der
Salep als ein Nahrungsmittel für Entkräftete und Abzehrende gebraucht
werden.

[55] ^Lady's-slipper.^

[56] ^The yellow mocassin flower.^



Fünfzehnter Brief.

 Nochmalige Betrachtung verschiedner Punkte. -- Fortschritte der
 Ansiedlungen. -- Canada, das Land der Hoffnung. -- Besuch bei der
 Familie eines See-Offiziers. -- Eichhörnchen. -- Besuch bei einem
 ausgewanderten Geistlichen; seine Geschichte. -- Schwierigkeiten,
 womit er Anfangs zu kämpfen hatte. -- Temperament, Charakter und
 Gewohnheiten der Emigranten sind von großem Einfluß auf das Gedeihen
 oder Nichtgedeihen ihrer Ansiedlung.


                                                September 26, 1834.

Ich versprach bei meiner Abreise von England, Ihnen sobald als möglich
eine genügende Auskunft von unsrer Niederlassung in Canada zu geben.

Ich werde jetzt mein Bestes thun, um meinem Versprechen nachzukommen,
und Ihnen eine kleine Skitze von unsern Unternehmungen, Thun und
Treiben vorzulegen, nebst solchen Bemerkungen über die natürlichen
Züge des Ortes, wo wir unsre Heimath aufgeschlagen, die Ihnen, meines
Bedünkens, Interesse und Unterhaltung gewähren dürften. Machen Sie sich
also, Theuerste Freundin, auf einen langen abschweifenden Brief gefaßt,
worin ich etwas von der Natur des Irrlichts zeigen, und, nachdem ich
Sie, mir in meinen regellosen Wanderungen, --

    Ueber Berg, über Thal,
    Durch Busch und Dorngesträuch,
    Ueber Feld und Auen,
    Durch Fluthen durch Feuer.

zu folgen bestimmt, Sie möglicher Weise mitten in einem dichten
Cedern-Moor oder in dem pfadlosen Dickichte unsrer wilden Wälder ohne
Führer oder auch nur ein Zeichen, das Ihnen den Weg andeuten könnte,
verlassen werde.

Sie werden aus meinen Briefen an meine theure Mutter, von unsrer
glücklichen Ankunft zu Quebec, von meiner Krankheit zu Montreal,
von allen unsern Abentheuern und Widerwärtigkeiten während unsrer
Reise landeinwärts gehört haben, und wie wir nach einer ermüdenden
Wanderung endlich bei einem liebreichen Verwandten, den wir, nach einer
mehrjährigen Trennung wieder in die Arme zu schließen, glücklich genug
waren, endlich einen Ruheplatz gefunden.

Da meinem Gatten sehr viel daran gelegen war, sich in der Nachbarschaft
eines so nahen Verwandten von mir niederzulassen, indem er wohl denken
mochte, daß der Wald dadurch etwas von jener Einsamkeit verlieren
würde, worüber die meisten Frauen sich so bitter beklagen, so kaufte er
ein Stück Land an den Ufern eines schönen Sees, dem Gliede einer Kette
der kleinen Seen, die dem Otanabee angehören.

Hier also haben wir uns angebaut, fünfundzwanzig Acker unsers
Besitzthums sind bereits gelichtet und urbar gemacht, und ein nettes
Häuschen ist ebenfalls seit geraumer Zeit fertig und dient uns als
Schutz und Obdach, die Lage unsrer Meierei ist sehr angenehm, und jeder
Tag erhöht ihren Werth. Als wir zuerst im Busche anlangten, hatten wir,
mit Ausnahme von S--, blos zwei oder drei Ansiedler in unsrer Nähe, und
an Communications-Wege war gar nicht zu denken. Die einzige Straße, die
zum Güter-Transport aus dem nächsten Städtchen allenfalls taugte, lag
auf der andern Seite des Wassers, über welches man auf einem Block-
(Log-) Kahn oder einem Kanoe von Birkenrinde setzen muß. Ersteres
ist nichts weiter als ein mit der Axt ausgehöhlter Fichtenstamm,
der ungefähr drei oder vier Personen faßt, einen flachen Kiel hat,
schmal ist, und daher sehr gut in seichtem Wasser gebraucht werden
kann. Das Rinden-Canoe ist aus Birken-Rinden-Schichten gezimmert,
welche die Indianer kunstreich zuzurichten und unter einander zu
verbinden verstehen; Letzteres geschieht durch Zusammennähen, wozu
sie sich der zähen Wurzeln der Ceder, jungen Fichte, oder Lärche
(Tamarack, wie sie von den Eingebornen genannt wird,) bedienen. Diese
Fahrzeuge sind außerordentlich leicht, so daß sie von zwei Personen,
ja von einer, ohne Mühe getragen werden können. Dies also waren unsre
Fahrböte, gewiß sehr zerbrechliche Fahrzeuge, die zu ihrer Führung
große Geschicklichkeit und Vorsicht erfordern; sie werden durch
Ruderschaufeln in Bewegung gesetzt, wobei der Rudernde entweder kniet
oder steht. Die Squaws sind in Steuerung der Canoes sehr geübt und
behaupten ihre Balance mit großer Geschicklichkeit, sie stehen bei
ihrer Ruder-Arbeit und steuern in kleinen leichten Nachen mit großer
Geschwindigkeit durch das Wasser.

Sehr groß ist die Veränderung, welche wenige Jahre in unsrer Lage
bewirkt haben. Eine Anzahl sehr achtbarer Ansiedler hat sich längs den
Seen angekauft, so daß es uns nicht länger an Gesellschaft fehlt. Die
Straßen oberhalb unsrer Niederlassung sind jetzt meilenweit durch den
Wald gehauen und können, obschon bei weitem nicht tadelfrei, mit Wagen
und Schlitten bereist werden und sind doch gewiß besser als gar keine.

Da, wo früher ein dichter Fichtenwald den Boden bedeckte, ist ein
Dorf wie aus der Erde hervor gesprungen; wir haben jetzt in geringer
Entfernung von unsrer Meierei eine treffliche Säge-Mühle, eine
Grützmühle und ein Vorraths-Magazin nebst einer Schenke und manchen
hübschen Wohngebäuden.

Eine hübsche hölzerne Brücke, auf steinernen Pfeilern, ist im vorigen
Winter gebaut worden, um die Gemeinde-Bezirke auf beiden Flußufern mit
einander zu verbinden und den Abstand von Peterborough zu vermindern;
und ob sie gleich unglücklicher Weise in der ersten Hälfte des letzten
Frühjahrs durch das ungewöhnliche Steigen der Otanabee-Seen fort
geführt worden ist, so hat doch ein thätiger und unternehmender junger
Schotte, der Gründer des Dorfes, auf ihren Trümmern eine neue errichtet.

Allein das große Werk, welches früher oder später diesen Theil des
Distriktes seinem gegenwärtigen Dunkel entreißen wird und muß, ist
die Eröffnung einer Schiffahrts-Linie vom Huronen-See durch den
Simcoe-See, so wie durch unsre Kette kleiner Seen bis zum Reis-See und
endlich durch den Tremt bis zur Bay von Quinte. Dieses großartige Werk
dürfte von unberechenbarem Vortheil sein, indem dadurch eine direkte
Communication zwischen dem Huronen-See und den weiter einwärts im Lande
jenseits des Otanabee gelegnen Gemeinde-Bezirken mit dem St. Laurence
eröffnet werden würde. Dieses Project ist bereits der Regierung zur
Berathung vorgelegt worden und ist gegenwärtig ein Gegenstand des
allgemeinen Gesprächs im Lande; jedenfalls wird es früher oder später
zur Ausführung kommen. Es ist mit einigen Schwierigkeiten und Kosten
verbunden, wird aber nothwendiger Weise nicht wenig zum Gedeihen und
Wohlstande des Landes beitragen, und das Mittel zur Ansiedlung der
jenseits des Otanabee längs diesen Seen gelegnen Gemeinde-Bezirken
werden.

Ich muß es erfahrnern Leuten, als ich bin, überlassen, die
Ersprießlichkeit und Trefflichkeit des fraglichen Plans zu beurtheilen;
und da Sie, wie ich denke, nicht Willens sind, nach unsern Urwäldern
auszuwandern, so dürfte Ihnen eine flüchtige Andeutung des Unternehmens
genügen, und Sie werden schon aus Freundschaft zu mir, -- dafür
stimmen, daß die Eröffnung eines Marktes für inländische Erzeugnisse
nicht anders als höchst wünschenswerth sein könne.

Canada ist das Land der Hoffnung, hier ist alles neu, alles schreitet
hier vorwärts, es ist für Künste und Wissenschaften, für Ackerbau
und Manufacturwesen fast unmöglich, Rückschritte zu thun; sie müssen
beständig vorwärts gehen, und wenn auch in einigen Theilen des Landes
diese Fortschritte langsam erscheinen mögen, so sind sie doch in andern
verhältnißmäßig eben so reißend.

Die Thatkraft, der Unternehmungs-Geist der Auswandrer, besonders in den
nur theilweise besiedelten Gemeinde-Bezirken, wird in fortwährender
Anregung erhalten, ein Umstand, der sie in hohem Grade vor Entmuthigung
und Verzagtheit schützt.

Die Ankunft eines unternehmenden Mannes wirkt anspornend auf die um
ihn her, eine gewinnversprechende Speculation kommt in Vorschlag,
und siehe, das Land in der Nachbarschaft steigt an Werth um das
Doppelte, ja Dreifache gegen früher; auf diese Weise befreundet und
fördert er ohne gerade die Absicht zu haben, seine Nachbarn; die Pläne
eines Ansiedlers sind, so bald sie in Ausführung treten, für viele
wohlthätig. Wir haben bereits die wohlthätige Wirkung der Ansiedlung
neuer achtbarer Emigranten in unserm Gemeinde-Bezirk gefühlt, indem der
Werth unsers Boden-Eigenthums dadurch um das Dreifache gestiegen ist.

Alles dies liebe Freundin, werden Sie sagen, ist recht gut, und dürfte
verständigen Männern viel Stoff zu einer lehrreichen Unterhaltung
gewähren, aber uns Frauen wollen dergleiche ernsthafte Erörterungen
nicht recht behagen; daher bitte ich Sie, ein andres Thema zu wählen,
und mir lieber zu erzählen, wie Sie Ihre Zeit unter den Bären und
Wölfen Canadas zubringen.

An einem schönen Tage im letzten Juni besuchte ich zu Wasser die Braut
eines jungen See-Offiziers, der ein sehr hübsches Stück Land, etwa zwei
(englische) Meilen oberhalb des Sees gekauft hatte; unsre Gesellschaft
bestand aus meinem Gatten, meinem Knäbchen und meiner Wenigkeit; wir
trafen einige angenehme Freunde an, und belustigten uns ganz zu unsrer
Zufriedenheit. Das Mittagsmahl wurde in dem _Stoup_ aufgetischt, das
ist, (denn sie möchten schwerlich wissen, was das Wort bedeutet,) eine
Art weite Vorhalle (Verandah), die auf Pfeilern, häufig unabgerindeten
Baumstämmen ruht; der Fußboden besteht entweder aus hart getretnem
Erdreich oder Dielen (Bretern). Das Dach ist mit Rindenschichten oder
Schindeln gedeckt. Diese Stoups sind holländischen Ursprungs und, wie
man mir gesagt hat, von den ersten holländischen Ansiedlern in den
Staaten eingeführt worden; seitdem haben sie ihren Weg in alle übrige
Colonien gefunden.

Von der Scharlach-Ranke, einer in unsern Wäldern und Wildnissen
einheimischen Pflanze, der wilden Rebe, und der Hopfen-Pflanze, die
hier sehr üppig und ohne Arbeit oder Aufmerksamkeit auf ihre Cultur
gedeiht, bekränzt, haben die Stoups ein recht ländliches Ansehn; im
Sommer dienen sie als offnes Vorzimmer, wo man sein Mahl einnehmen und
das Anwehen der frischen Luft genießen kann, ohne von der heftigen
Hitze der Mittagssonne belästigt zu werden.

Diese Lage unsers Hauses ist vorzüglich gut gewählt, gerade auf dem
höchsten Punkte einer kleinen aufsteigenden Ebne, die sich ziemlich
steil nach einem kleinen Thale herabneigt, in dessen Grunde ein klarer
Bach den Garten von den ihm gegenüberliegenden Korn-Feldern, die das
Ufer bekränzen, scheidet. Gerade im Angesicht der Vorhalle (Stoup), wo
wir im Sommer unser Mittags-Mahl einnehmen, ist der Garten angelegt,
mit einem weichen, von Blumen-Rabatten umsäumten Rasen-Plätzchen, und
von einem reifenden Weizenfelde durch ein kleines Geländer, an welchem
sich der üppige Hopfen mit seinen Gäbelchen und zierlichen Blüthen
hinauf rankt, geschieden. Bei dieser Gelegenheit muß ich Ihnen sagen,
daß der Hopfen zur Bereitung von Hefen für das Brod gezogen wird. Da
sie an Gegenständen, die den Haushalt betreffen, großes Wohlgefallen
finden, so will ich ein Recept, die Bereitung von Hopfen-Hefen, wie wir
sie nennen, betreffend, für Sie beilegen[57].

Die Yankies bedienen sich eines Sauerteigs aus Salz, warmem Wasser
oder Milch; allein obschon der mit Salz bereitete Sauerteig recht gut
aussehende Brode giebt, indem sie viel weißer und fester erscheinen,
als die mir Hopfen-Hefen bereiteten Brode, so wird doch durch ersteres
Verfahren dem Brodteige ein Beigeschmack mitgetheilt, der nicht
jedermanns Gaumen behagt, wozu noch kommt, daß bei sehr kaltem Wetter
jener Sauerteig fast seine Dienste versagt.

Nachdem ich Ihnen so mein Recept mitgetheilt habe, will ich in die
Verandah zu meiner Gesellschaft zurück kehren, die, ich kann Ihnen
versichern, sehr angenehm und traulich war, und wo jeder nach Kräften
das Seinige zur Unterhaltung beitrug.

Wir hatten Bücher und Zeichnungen, und eine Menge indianischer
Tändeleien und Putzgeräthschaften, die Sammlung mancher langen Reise an
ferne Gestade, zu besehen und zu bewundern. Bald nach Sonnenuntergang
brachen wir auf und nahmen unsern Weg durch die Wälder nach dem
Landungsplatze am See-Ufer, wo wir unser Rinden-Canoe bereit fanden,
uns nach Hause zu führen.

Während unsrer Fahrt, gerade beim Anfange der Stromschnellen zog
ein kleiner Gegenstand im Wasser, der schnell dahin schwamm, unsre
Aufmerksamkeit auf sich; die Meinungen über den kleinen Schwimmer
waren verschieden: Einige glaubten, es wäre eine Wasserschlange,
andre hielten ihn für ein Eichhörnchen oder eine Moschuß-Ratze;
einige schnelle Ruderschläge brachten uns dem räthselhaften Wandrer
näher, so daß wir ihm den Weg versperrten; es war ein hübsches rothes
Eichhörnchen von einer benachbarten Insel, und wahrscheinlich auf einer
Entdeckungsreise begriffen. Das niedliche Thierchen, anstatt sein Heil
in der Flucht nach einer entgegengesetzten Richtung zu suchen, sprang
mit einer Beherztheit und Geschicklichkeit, die seine Verfolger in
Erstaunen setzte, leicht an der aufgehobnen Ruderschaufel in die Höhe,
und von dieser meinem erschrocknen Knaben gerade nach dem Kopfe, und,
nachdem es meine Schulter gewonnen, wieder ins Wasser, und steuerte
geraden Weges dem Ufer zu, ohne auch nur einen einzigen Strich von
der Linie abzuweichen, welche es verfolgte, als es zuerst unsers
Canoes ansichtig wurde. Die Behendigkeit und der Muth dieses harmlosen
Geschöpfs, überraschten und unterhielten mich; ich hätte der Sache kaum
Glauben schenken können, wäre ich nicht selbst Augenzeuge von seinem
Benehmen gewesen, und überdies an den Schultern durch das von seinem
Pelze träufelnde Wasser tüchtig durchnäßt worden.

Vielleicht erscheint Ihnen meine Eichhörnchen-Anekdote unglaublich;
allein ich kann mit meiner persönlichen Erfahrung für ihre Wahrheit
bürgen, da ich den muntern Springer nicht nur sah, sondern auch
fühlte. Die schwarzen Eichhörnchen sind sehr liebenswürdige und
hübsche Thierchen und beträchtlich größer als die rothen, grauen
und gestreiften; die letztern werden von den Indianern »Tshit-munks
(^Chit-munks^)« genannt.

Letzten Sommer wurden wir von diesen kleinen Räubern tüchtig
geplündert, die rothen Eichhörnchen stahlen uns große Quantitäten
indianischen Korns, nicht blos vom Stengel, als die Saat in der
Reife begriffen war, sondern sie kamen sogar durch einige Lücken in
den Blockwänden in die Scheunen, und schleppten sehr viel Getraide,
(indianisches Korn) fort, das sie sehr geschickt von der Spindel
abzulösen und nach ihren Vorraths-Magazinen, in hohlen Bäumen oder
unterirdischen Höhlen, zu transportiren verstanden.

Die kleinen Thierchen sind sehr begierig nach Kürbißkörnern, man sieht
sie häufig unter dem Vieh umher schnellen, und wenn dieses die Kürbisse
zerfleischt, mit den herausfallenden Samen davon eilen. Nicht weniger
gern fressen sie die Samen der Sonnen-Blumen, welche in unsern Gärten
und Lichtungen eine riesenhafte Höhe erreichen. Das Feder-Vieh liebt
die Sonnen-Blumen-Körner ebenfalls sehr, und ich sammelte die reifen
Blumen, in der Absicht, einen guten Vorrath dieser Delicatesse für
meine armen Hühnchen während des Winters zu haben. Eines Tages ging
ich, die reifen Köpfe abzuschneiden, wovon die größten einem großen
Präsentirteller glichen, sah aber zu meinem Aerger zwei diebische rothe
Eichhörnchen ämsig in Sammlung der Samen, wie Sie wohl denken können,
nicht für mich, sondern, für sich selbst beschäftigt.

Nicht zufrieden mit Ablösung der Samen, durchsägten die kleinen Diebe
mit ihren scharfen Zähnen geschickt die Blumenstengel, und schleppten
ganze Samen-Köpfe auf einmal fort, dabei waren sie so keck, daß sie
sich durch meine Annäherung nicht im geringsten stören ließen, und
wichen nicht eher, als bis sie sich ihrer Beute bemächtigt hatten,
und mit einer Ladung, die wohl zweimal so schwer war, als ihr
leichter Körper, über Geländer, Wurzeln, Baumstummel und Holz-Blöcke
pfeilschnell davon eilten, so daß sie jede Verfolgung von meiner Seite
vergeblich machten.

  [Illustration: Rothe Eichhörnchen.]

Groß war der Verdruß, den das kleine muntre Pärchen an den Tag legte,
als es behufs einer zweiten Ladung wieder kam und die Pflanzen ihrer
Köpfe beraubt fand. Ich hatte alles, was noch übrig war, abgeschnitten
und in einem Korbe auf einen kleinen Block, gleich neben einer offnen
Glasthüre, an die Sonne gestellt; ich saß eben auf der Thürschwelle
und hülste einige Samen-Bohnen aus, als die Eichhörnchen durch ihre
scharfen scheltenden Töne, wobei sie ihre leichten federartigen
Schweife empor hoben, als wollten sie den lebhaftesten Unwillen über
meine Eingriffe in ihre vermeintlichen Rechte zu erkennen geben, meine
Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen; es währte gar nicht lange, so hatten
sie den indianischen Korb mit dem ihnen entrissenen Schatze entdeckt;
einige rasche Bewegungen brachte das kleine Pärchen an das Gitter, nur
wenige Schritte von mir und den Samen-Köpfen; hier machten sie Halt,
setzten sich nieder und blickten mich mit bittender Miene an. Ihre
Verlegenheit machte mir zu viel Vergnügen, als daß ich ihnen hätte
daraus helfen sollen, allein kaum hatte ich meinen Kopf gedreht, um mit
meinem Kinde zu sprechen, so schossen sie vorwärts und in einer andern
Minute hatten sie sich eines der größten Samen-Köpfe bemächtigt, den
sie fortschleppten; zuerst trug ihn das eine einige Schritte weit, dann
packte das andere an, denn er war zu groß und schwer, als daß ihn eins
hätte lange tragen können. Kurz ihre kleinen Manövres machten mir so
viel Spaß, daß ich mich meines ganzen Vorraths berauben ließ.

Im Frühjahr sah ich eine kleine Eichhörnchen-Familie auf dem Gipfel
eines hohlen Blockes spielen, und ich kann wohl sagen, daß sie mir
unter allen Thieren als die lebhaftesten und niedlichsten Geschöpfe
erscheinen, die man nur immer sehen kann.

Das fliegende Eichhörnchen ist in unsern Wäldern zu Hause
und übertrifft, meines Bedünkens, in Schönheit alle seine
Gattungs-Verwandten. Seine Farbe ist das weichste zarteste Grau;
das Pelzhaar ist dick und kurz, und so seidenartig wie Sammet; die
Augen sind, wie bei allen Eichhörnchen-Arten groß, voll und sanft,
die Schnurren und das lange Haar um die Nase sind schwarz; die
Membran, welche dem Thierchen zum Fliegen dient, ist zart und von
weichem Gefüge, wie der Pelz des Chinchilla (Ohrmaus), sie bildet
zwischen den Vorder- und Hinter-Beinen eine Bürste; der Schweif
gleicht einer zierlichen breiten grauen Feder. Die Erscheinung dieses
allerliebsten kleinen Geschöpfes überraschte mich sehr angenehm; die
Zeichnungen welche ich davon gesehen, gaben ihm ein höchst plumpes und
_fledermausartiges_, fast ekelhaftes Ansehen. Die Jungen lassen sich
leicht zähmen und sind in der Gefangenschaft sehr zutraulich und zum
Spielen geneigt.

Wie würde sich meine kleine Freundin _Emilie_, über einen solchen
Spielkameraden freuen. Sagen Sie ihr, daß ich ihr, sollte ich jemals
in mein theures Vaterland zurückkehren, wo möglich ein dergleichen
Thierchen mitbringen werde; vor der Hand aber muß sie sich mit den
ausgestopften Exemplaren der rothen, schwarzen und gestreiften Art
begnügen, die ich meinem Packete einverleibt habe. Ich wünschte,
Ihnen ein werthvolleres Geschenk machen zu können, allein unsre
Kunstsachen und Manufacturen sind durchaus brittisch, mit Ausnahme der
Kleinigkeiten, welche die Indianer verfertigen, und es würde mir daher
schwer fallen, Ihnen etwas der Aufmerksamkeit Werthes zu schicken,
weshalb ich meine Zuflucht zu den natürlichen Erzeugnissen unsrer
Wälder als Zeichen der Erinnerung an meine Freunde und Verwandten in
der _Heimath_ -- denn so nennen wir stets unser theures Geburtsland, --
nehmen muß.

Sie wünschen zu wissen, ob ich glücklich und mit meiner Lage zufrieden
bin, oder ob sich mein Herz nach dem alten Vaterlande sehnt. Ich
will Ihnen aufrichtig antworten und spreche daher hier ein für alle
mal aus, daß ich, in Bezug auf Geschmackssachen und frühzeitige
Gedanken-Verbindungen und alle jene heiligen Bande der Verwandtschaft
und alte Freundschaftsbündnisse, welche die Heimath Allen und Jedem,
von welcher Nation er auch sei, so theuer machen, England den Vorzug
gebe.

  [Illustration: Fliegendes Eichhörnchen.]

Auf der andern Seite mindert der Gedanke an die freiwillig übernommenen
Pflichten, und ein Gefühl von Zufriedenheit mit meiner Lage das
Bedauern, welchem ich nachzuhängen, mich geneigt finden möchte.
Ueberdies giebt es für mich neue und heilige Banden, die mich an
Canada fesseln; ich habe viel häusliches Glück genossen, seitdem ich
hierher gekommen bin; -- und ist Canada nicht das Geburtsland meines
theuren Kindes? Habe ich nicht hier zum ersten Male jenes Entzücken
genossen, welches von mütterlichen Gefühlen entspringt? Wenn mein Auge
auf meinem lächelnden Bübchen ruht, oder wenn ich seinen warmen Athem
an meiner Wange fühle, so füllt meine Brust eine Wonne, die ich gegen
kein Vergnügen auf Erden vertauschen möchte. »Recht gut,« hör' ich
Sie im Geiste erwiedern, »allein diese Empfindungen sind ja nicht auf
eure einsamen canadischen Wälder beschränkt.« Ich weiß dies wohl, aber
hier stört mich nichts in meiner Zärtlichkeit, in den Liebkosungen
meines theuren Kindes. Hier wird man nicht durch rauschende weltliche
Vergnügungen zur Vernachlässigung seiner Mutterpflichten veranlaßt,
hier kann nichts den holden Knaben aus meinem Herzen verdrängen; seine
Gegenwart macht mir jeden Ort theuer und werth, ich lerne die Stelle
lieben, wo er geboren worden ist, und denke mit Wohlgefallen an meine
neue Heimath, weil sie sein Vaterland ist; und blicke ich in die
Zukunft, und fasse ich sein künftiges Wohlergehn ins Auge, so fühle ich
mich mit doppelter Anhänglichkeit an die Erdscholle gefesselt, welche
er eines Tages sein nennen wird.

Vielleicht würdige ich das Land nur nach meinen eignen Gefühlen; und
wenn ich bei einer unparteiischen Prüfung meines gegenwärtigen Lebens
finde, daß ich eben so glücklich oder noch glücklicher bin, als in der
alten Heimath, so muß ich es schätzen und lieben.

Wollte ich mich über die Vortheile, die ich besitze, ins Einzelne
einlassen, so würden sie in den Augen von Leuten, die in all dem
Glanze, all der Herrlichkeit und Fülle schwelgen, die Reichthum in
einem durch Natur sowohl als Kunst den rauschenden Vergnügungen der
Welt so günstigen Lande verschaffen kann, in einem sehr negativen
Charakter erscheinen; allein ich habe ja nie dem Wohlleben und
der Modesucht gefröhnt. Große Gesellschaften und die alltäglichen
Vergnügungen der eleganten Welt verursachten mir stets Langeweile, wo
nicht Ekel. Durch all dieses hofartige Treiben wird das Herz nicht
befriedigt, wie sich ein Dichter äußert, und ich pflichte dem Ausspruch
völlig bei.

Ich war immer nur zu sehr geneigt, mit Ungeduld die Fesseln von mir zu
spornen, welche Etiquette und Mode der Gesellschaft anzulegen pflegen,
bis sie ihren Jüngern alle Freiheit und Unabhängigkeit des Willens
rauben, und dieselben sich bald genöthigt sehen, für eine Welt zu
leben, die sie im Stillen verachten und satt haben, für eine Welt, die
sie noch dazu mit Geringschätzung betrachtet, weil sie nicht mit einer
Unabhängigkeit handeln dürfen, die so wie sie sich äußert, gleich zu
Boden gedrückt werden würde.

Ja ich muß Ihnen offen bekennen, daß meine gegenwärtige Freiheit in
diesem Lande ein großer Genuß für mich ist. Hier besitzen wir einen
Vortheil vor Ihnen, so wie auch vor denjenigen, welche die Städte und
Dörfer meines neuen Vaterlandes bewohnen, denn leider herrscht in
diesen ein lächerliches Streben, einen Schein zu unterhalten, welcher
der Lage derer, die ihn annehmen, durchaus nicht entspricht. Wenige,
sehr wenige Emigranten kommen in die Colonien, außer mit der Absicht,
für sich und ihre Kinder Unabhängigkeit zu erlangen. Diejenigen,
welchen es nicht an Mitteln zu einem behaglichen Leben in der Heimath
gebricht, würden sich wohl schwerlich jemals den Entbehrungen und
Unannehmlichkeiten eines Ansiedler-Lebens in Canada aussetzen; der
natürliche Schluß aus allem diesem ist, daß der Emigrant mit dem
Wunsche und der Hoffnung hierher gekommen, seinen Zustand zu verbessern
und die Wohlfahrt einer Familie zu sichern, die er in der Heimath
anständig zu versorgen, nicht die Mittel hatte. Es ist mithin wirklich
närrisch und ungereimt, eine Lebensweise anzunehmen, die, wie jeder
weiß, nicht behauptet werden kann; dergleichen Leute sollten doch
viel mehr in dem Bewußtsein, daß sie, wenn es ihnen gefällt, ihren
Umständen gemäß leben können, ohne wegen ihrer Sparsamkeit, Klugheit
und Thätigkeit minder geachtet zu werden, ihre Glückseligkeit suchen.

Wir _Buschsiedler_ unsers Theils sind weit unabhängiger, wir thun, was
uns beliebt, wir kleiden uns, wie es uns am passendsten und bequemsten
dünkt; wir haben nichts von einem Mr. und einer Mrs. _Grundy_ zu
fürchten; und da wir die Fesseln des _Grundyismus_ abgeschüttelt haben,
so lachen wir über die Thorheit derjenigen, welche von neuem ihre Kette
schmieden und gleichsam umarmen.

Statten uns unsre Freunde einen unerwarteten Besuch ab, so nehmen wir
sie unter unsern niedrigen Dache gastlich auf, und geben ihnen das
Beste, was wir haben; und ist unsre Kost noch so gering, so tischen wir
sie mit gutem Willen auf, und eine Entschuldigung wird weder gemacht
noch erwartet; da Jedermann mit den mißlichen Verhältnissen einer neuen
Ansiedlung bekannt ist; ja eine Apologie wegen Mangel an Vielfältigkeit
oder Leckereien der Tafel würde in dem Gaste einen Selbstvorwurf
erzeugen, daß er unsre Gastfreundschaft zur ungelegnen Zeit auf die
Probe gestellt.

Unsre Gesellschaft besteht meist aus See- und Land-Offizieren, so daß
wir in diesem Punkte in unsrer Sphäre sind, und auf feinen Anstand und
gute Sitten zählen können, und an eine Abweichung von jenen Gesetzen,
die guter Geschmack, gesunder Verstand und ein richtiges moralisches
Gefühl unter Leuten unsers Standes begründet haben, nicht zu denken ist.

Indeß gereicht es hier zu Lande der Frau eines Offiziers oder Gentleman
keineswegs zur Unehre, wenn sie in der Hauswirthschaft selbst Hand
anlegt, oder alle häusliche Pflichten, sobald es die Gelegenheit
erfordert, allein verrichtet. Erfahrenheit in den Geheimnissen der
Seifen-, Lichter- und Zucker-Bereitung, im Brodbacken, Buttern
und Käsemachen, im Melken der Kühe, im Stricken, Spinnen und der
Zubereitung der Wolle für den Webstuhl, ist für sie von unendlichem
Werth und macht sie zu einem ehrenwerthen Mitgliede der Gesellschaft.
In dergleichen Dingen strafen wir _Busch-Damen_, die, welche die Nasen
rümpfen und die vornehmen Bemerkungen, welche ein Mr. oder eine Mrs. N.
N. in der Heimath machen würde, mit gebührender Verachtung. Wir rühmen
uns unsrer Fügung in die Umstände; und da ein brittischer Offizier
nothwendiger Weise ein feiner, gebildeter Mann, und seine Gattin
eine feine Dame sein muß, so trösten wir uns mit dem Besitz dieser
Eigenschaften als dem unwiederleglichen Beweis einer höheren Bildung,
und lassen uns in unsrer nutzvollen Thätigkeit nicht im mindesten
stören, da hierdurch unsre Sittenfeinheit keinen Abbruch erleiden kann.

Unsre Gatten verfolgen eine ähnliche Lebensweise; der Offizier
vertauscht seinen Degen mit dem Pflugschaar, seine Lanze mit der
Sichel, und wer ihn zwischen den Baumstummeln den Boden aufhacken, oder
auf seinem Grundstück Bäume fällen sieht, denkt deswegen nicht geringer
von ihm und seinem Stande, oder hält ihn darum weniger für einen
Gentleman, wie früher, als er noch in allem Glanze und aller Würde
militairischer Etiquette, mit Feldbinde, Degen und Epauletten auf dem
Paradeplatze erschien. Es ist alles ganz so, wie es in einem Lande sein
muß, wo Unabhängigkeit von Betriebsamkeit und Fleiß unzertrennlich
ist, und gerade dieser Umstand macht es mir so schätzenswerth.

Unter mehren Vortheilen, deren wir uns in diesem Gemeinde-Bezirk
erfreuen, halte ich den nicht für unbeträchtlich, daß die niedere
arbeitende Ansiedler-Klasse aus ordentlichen, gutwilligen und von den
widrigen Yankie-Sitten, wodurch sich manche der früher angesiedelten
Gemeinde-Bezirke zu ihrem Nachtheil unterscheiden, völlig freien
Leuten besteht. Unsre Dienstboten sind eben so oder fast eben so
ehrerbietig, als die in der Heimath; auch werden sie nicht an unsere
Tische gezogen oder auf gleichen Fuß mit uns gestellt, ausgenommen als
»_Bienen_« und bei ähnlichen öffentlichen Versammlungen; wobei sie sich
in der Regel anständig und geziemend benehmen, so daß sie manchen,
die sich Gentleman nennen, nämlich jungen Leuten, die willkührlich
jene Beschränkungen auf die Seite setzen, welche die Gesellschaft von
solchen, die einen achtbaren Posten ausfüllen, erwartet, als Muster
dienen könnten.

Unmäßigkeit ist leider ein nur zu vorherrschendes Laster unter allen
Volks-Klassen in diesem Lande; allein ich erröthe, indem ich es sage,
daß sich vorzüglich diejenigen desselben schuldig machen, welche dem
bessern Stande angehören wollen. Solche mögen doch ja nicht über die
Freiheiten klagen, welche sich die arbeitende Klasse gegen sie heraus
nimmt, und daß sie ihnen auf eine Weise begegnet, als wäre sie ihres
Gleichen, denn sie stellen sich ja selbst durch ihr Betragen unter den
anständigen, nüchternen, wenn auch armen Ansiedler. Wenn sich die Söhne
von Gentlemen selbst erniedrigen, so darf es ja gar nicht befremden,
daß die Söhne armer Leute in einem Lande, wo alle einander auf gleichem
Boden begegnen, und nur ein anständiges feines Benehmen Unterschiede
zwischen den verschiednen Klassen bildet, sich über sie zu erheben
suchen.

Als ich vor einigen Monaten bei einer Freundin in einem entfernten
Theile des Landes zum Besuch war, begleitete ich sie in die
Wohnung eines Geistlichen, des Predigers in einem blühenden Dorfe
in dem Gemeinde-Bezirk, wo sie einige Tage bleiben wollte -- die
patriarchialische Einfachheit des Hauses und seiner Bewohner
überraschte mich. Wir wurden in das kleine Familien-Zimmer geführt,
dessen Fußboden nach der unter den Yankies üblichen Sitte angestrichen
war, die Wände hatten keine Tapeten, sondern bestanden aus Tannenholz
ohne alle Verzierung, das Hausgeräthe entsprach der allgemeinen
Einfachheit. Ein großes Spinnrad schnurrte unter den fleißigen Händen
einer sauber gekleideten Matrone von milden, feine Bildung verrathenden
Zügen; ihre kleinen Töchter saßen mit ihren Strickstrümpfen am
Kaminfeuer, während der Vater mit Unterrichtung von zwei seiner Söhne
beschäftigt war; ein dritter saß behaglich auf einem kleinen Strohstuhl
zwischen seinen Füßen, und ein vierter schwang seine Axt mit nervigen
Armen im Hofe und warf von Zeit zu Zeit durch das Stubenfenster
sehnsuchtsvolle Blicke nach dem traulichen Familienkreise im Innern.

Die Kleidung der Kinder bestand aus einer groben Art Zeug, einem
Gemisch von Wolle und Flachs (Zwirn), dem Erzeugniß der kleinen Meierei
und des rühmlichen Fleißes ihrer Mutter. Strümpfe, Socken, Müffchen und
warme Umschlagetücher waren sämmtlich Haus-Fabrikate. Mädchen sowohl
als Knaben trugen Mocassins, die sie selbst gefertigt hatten. Gesunder
Verstand, Fleiß und Ordnung herrschten unter den Gliedern dieses
kleinen Haushaltes.

Mädchen und Knaben handelten, wie es schien, nach dem Grundsatz, daß
nichts entehrend sei, als was unmoralisch und unschicklich ist.

Gastfreundschaft ohne Uebertreibung, Freundlichkeit ohne geheuchelte
Sprache bezeichneten das Benehmen unsrer würdigen Freunde. Alles
und Jedes im Hauswesen geschah mit Rücksichtsnahme auf Ordnung und
Bequemlichkeit, das Besitzthum (ich sollte wohl lieber sagen, das
Einkommen) der Familie war nur gering; sie besaß einige Acker an das
kleine Häuschen stoßendes Torf-Land, aber durch Thätigkeit und Fleiß
außer und im Hause, so wie durch Sparsamkeit und gute Wirthschaft
sah sie sich im Stande, zwar einfach aber doch auf anständigem
Fuße zu leben; mit einem Wort, wir erfreuten uns während unsres
Aufenthaltes bei diesen guten Menschen mancher von jenen Genüssen,
die eine völlig urbare canadische Meierei darbieten kann; Geflügel
aller Art, hausschlachtenes Rindfleisch, treffliches Schöpsenfleisch
und Geräuchertes waren in Ueberfluß vorhanden; zum Thee hatten wir
mancherlei Delicatessen: Eingemachtes, Honig in Scheiben, treffliche
Butter und guten Käse nebst verschiednen Sorten Kuchen; eine Art
kleine Pfann-Kuchen von Buchweizen-Mehl, in einer kleinen Pfanne mit
Hefen geknetet und nachmals in heißen Speck gestürzt und gebacken;
ein Präparat von indianischem Korn-Mehl, Namens Supporne-Kuchen
(^Supporne-cake^), in Schnitzeln geschmort und gebacken und mit
Ahorn-Syrup gegessen, gehörten ebenfalls unter die Raritäten unsers
Frühstücks.

Als ich eines Morgens ein Völkchen sehr schönen Geflügels im Hühnerhofe
bewunderte, sagte meine Wirthin lächelnd zu mir, »ich weiß nicht, ob
Sie glauben, daß ich auf rechtlichem Wege dazu gekommen bin.«

»O ich bin gewiß, Sie erlangten die hübschen Thierchen nicht durch
unerlaubte Mittel,« erwiederte ich lachend, »für Ihre Grundsätze in
dieser Hinsicht will ich bürgen.«

»Schön,« sagte meine Wirthin, »sie sind mir weder gegeben noch verkauft
worden, und doch habe ich sie auch nicht gestohlen. Ich fand den
ursprünglichen Stamm auf folgende Weise. Eine alte schwarze Henne
erschien eines Morgens ganz unerwartet vor unsrer Thür; wir begrüßten
den Ankömmling mit Staunen und Freude; denn wir konnten zu dieser Zeit
unter unsrer kleinen Colonie keinen einzigen Haus-Vogel aufweisen.
Wir haben nie recht erfahren können, wie die Henne in unsern Besitz
kam, vermuthen aber, daß eine landeinwärts reisende Auswandrer-Familie
dieselbe unterwegs verloren haben muß; diese Henne legte zehn Eier und
brütete sie glücklich aus; die kleine Brut war der Stamm von unsern
Hühnern, und wir konnten bald unsre Nachbarn mit dergleichen Geflügel
versorgen. Wir schätzen diese Vögel nicht blos wegen ihrer vorzüglichen
Größe, sondern auch wegen der eigenthümlichen Weise, auf die wir sie
erhalten haben, und die uns als ein Beweis von Gottes Fürsorge für
unsre Angelegenheiten erschien.«

Sehr viel Unterhaltung gewährte mir die leichte Skitze, welche uns der
Prediger eines Abends zum besten gab, als wir alle um ein prasselndes
Holzfeuer herum saßen, das in dem, mit seinem steinernen Mauerwerk weit
vorspringenden und zu beiden Seiten ziemlich tiefe Winkel bildenden
Kamin hoch emporloderte.

Er bezog sich auf seine erste Ansiedlung und bemerkte Nachstehendes: --

»Es herrschte eine trostlose Wildniß von finstern dichtstehenden
Waldbäumen, als wir zuerst unser Zelt hier aufschlugen, zu dieser Zeit
war noch keine Axt an die Wurzel auch nur eines einzigen Baumes gelegt
worden, noch kein Feuer, außer von umherstreifenden Indianern, war in
diesen Wäldern angezündet worden.

»Ich kann immer noch den Ort zeigen, wo mein Weib und meine Kleinen
ihr erstes Mal verzehrten und ihre schwachen Stimmen mit dankerfüllten
Herzen zu jenem allmächtigen und barmherzigen Wesen erhoben, welches
sie glücklich und wohlbehalten mitten durch die Gefahren des Oceans
hierher geführt hatte.

»Wir glichen einer kleinen, in einer großen Wüste, unter dem besondern
Schutze eines mächtigen Hirten, wandernden Heerde.«

»Ich habe Sie meine liebe junge Freundin,« (diese Worte galten meiner
Gefährtin,) von den Entbehrungen und Mühseligkeiten im Busche sprechen
hören; aber glauben Sie mir, Sie haben im Vergleich mit denen, die vor
einigen Jahren hierher kamen, nur wenig davon erfahren.

»Fragen Sie nur meine ältern Kinder und meine Frau, wie beschaffen die
Beschwerden und Mühseligkeiten des Buschsiedler-Lebens noch vor zehn
Jahren waren, sie werden Ihnen sagen, daß sie Hunger und Kälte, und
alle damit verbundne Uebel zu erdulden hatten, daß es zu Zeiten an
jedem nöthigsten Nahrungs-Artikel fehlte. Was die feinen Lebensgenüsse
und Luxus-Artikel anlangt, so wußten wir nichts davon; und wie konnten
wir auch? wir waren weit von jeder Gelegenheit entfernt, dergleichen
Dinge zu erlangen; Kartoffeln, Schweinfleisch und Mehl waren unsre
einzigen Vorräthe, und oft gingen uns die beiden letztern aus, und
es dauerte eine ziemliche Weile, ehe wir neue erlangen konnten. Die
nächsten Mühlen waren dreizehn (englische) Meilen von uns entfernt, und
der Weg dahin führte durch blos angedeutete Wald-Pfade; und überdies
hatten wir keinen einzigen Ansiedler in der Nähe. Jetzt sehen Sie
uns in einer gelichteten, völlig urbar gemachten Gegend, umgeben von
blühenden Meiereien und entstehenden Dörfern; aber zu der Zeit, wovon
ich spreche, war es nicht so; damals gab es weder Gewürzläden, noch
Vorraths-Häuser, wir hatten keine Fleischbänke, keine gelichteten
Meierein, keine Milcherei, keine Obstgärten; auf diese Dinge mußten wir
geduldig warten, bis Fleiß und Betriebsamkeit sie herbeiführen würden.

»Unsre Kost bestand in nichts anderm, als eingepöckeltem
Schweinfleisch, Kartoffeln und bisweilen in Brod zum Frühstück;
Schweinfleisch und Kartoffeln bildeten unser Mittagsmahl, Kartoffeln
und Schweinfleisch unsern Abendtisch, nebst einem Brei aus indianischem
Korn für die Kinder. Bisweilen mußten wir uns mit Kartoffeln ohne
Schweinfleisch, bisweilen mit Schweinefleisch ohne Kartoffeln
begnügen; dies war unsre tägliche Kost im ersten Jahre. Nach und nach
erhielten wir etwas Korn von unserm eignen Boden, woraus wir uns
mittels einer Handmühle ein grobes Mehl bereiteten; denn wir hatten
weder Wasser- noch Wind-Mühlen in unsrer Colonie, und gutes Brod war in
der That ein Luxus-Artikel für uns, den wir nicht oft hatten.

»Wir brachten eine Kuh mit, die uns während des Frühlings und Sommers
mit Milch versorgte; aber wegen des wilden Knoblauchs (ein in unsern
Wäldern sehr häufiges Unkraut), welchen sie fraß, war ihre Milch kaum
genießbar, sie starb im folgenden Winter, zu unserm nicht geringen
Kummer; wir lernten, daß Erfahrung in dieser so wie in vielen andern
Angelegenheiten, hoch zu stehen kommt, jetzt aber genießen wir den
Vortheil davon.«

»Bestimmten sie die Schwierigkeiten, worauf sie damals stießen, nicht
bisweilen zu Mißmuth und zur Reue über die freiwillige Wahl einer von
ihrer frühern so verschiednen Lebensweise?« fragte ich.

»Sie dürften diese Wirkung wohl herbeigeführt haben, hätte nicht ein
höherer Beweggrund, als bloser weltlicher Vortheil mich veranlaßt,
meiner Heimath Lebwohl zu sagen und hierher zu kommen. Sehen Sie, die
Sache verhielt sich so: ich war mehre Jahre Prediger eines kleinen
Dörfchens in den Gruben-Distrikten von Cumberland gewesen. Ich war den
Herzen meiner Gemeinde theuer, sie war meine Freude und meine Krone.
Eine Anzahl meiner Kirchgänger, durch Armuth und schlechte Zeiten
gedrückt, beschloß, nach Canada auszuwandern.

»Getrieben von dem natürlichen und nicht ungesetzmäßigen Verlangen,
ihre Lage zu verbessern, erschien ihnen eine Reise über das atlantische
Meer das beste Mittel dazu, und überdies ermuthigte sie das
Versprechen, daß ihnen ein beträchtlicher Flächenraum wilden Bodens
bewilligt werden sollte; denn damals war die Regierung in dergleichen
Schenkungen an Leute, welche Colonisten werden wollten, sehr freigebig.

»Allein vor Ausführung dieses Unternehmens kamen mehre der achtbarsten
von ihnen zu mir und setzten mich von ihrem Plan und ihren Gründen
zu einem so wichtigen Schritt, den sie im Begriff zu thun waren, in
Kenntniß; und zu gleicher Zeit baten sie mich in den rührendsten
Ausdrücken, im Namen der ganzen Gesellschaft, die sich zur Auswanderung
bestimmt hatte, sie in die Wildnisse des Westens zu begleiten, damit
sie nicht Gefahr liefen, ihren Herrn und Erlöser zu vergessen, wenn sie
sich von ihrem geistigen Führer und Beistand verlassen sähen.

»Anfangs verursachte mir der Vorschlag keine geringe Bestürzung; es
schien mir ein wildes und abentheuerliches Unternehmen; allein nach
und nach begann ich, mit Vergnügen bei der Sache zu verweilen. Ich
hatte, außer in meinem Geburts-Dorfe, wenige Bekannte, die mich an
das Heimathsland fesselten; das Einkommen von meiner Predigerstelle
war so gering, das es kein großes Hinderniß abgeben konnte; gleich
_Goldsmith_'s Pastor galt ich »_für reich, mit vierzig Pfund das
Jahr_.« Mein Herz hing mit inniger Liebe an meiner kleinen Heerde; zehn
Jahr hindurch war ich ihr Führer und Seelsorger gewesen; ich war der
Freund der Alten und der Lehrer der Jugend. Meine _Marie_ hatte ich aus
ihrer Mitte gewählt; sie hatte keine fremden Banden, um sie in weiter
Ferne mit Reue und Bedauern auf die Bewohner der Heimath blicken zu
machen, ihre Jugend und ihre Reife hatte sie unter ihnen erlebt, so daß
sie mir, als ich ihr den Vorschlag meiner Pfarrkinder mitgetheilt und
zugleich meine Wünsche zu erkennen gegeben hatte, nach Unterdrückung
eines bangen schmerzlichen Gefühls in ihrer Brust, mit _Ruth_'s Worten
erwiederte --

»Dein Land soll mein Land, dein Volk das meinige sein; wo du stirbst,
will auch ich sterben und begraben sein; der Herr thue mir so und so,
wenn mich etwas anderes als der Tod trennen sollte.«

»Eine liebreiche zärtliche Lebensgefährtin bist Du mir immer gewesen,
meine _Marie_,« schaltete der gute Mann hier ein, indem er seine Augen
voll Zärtlichkeit auf das milde Antlitz der würdigen Matrone richtete,
deren ausdrucksvolle Miene besser als Worte die Gefühle ausdrückten,
welche ihre Brust bewegten. Sie erwiederte nicht mit Worten, aber
ich sah die dicken glänzenden Thränen auf die Arbeit in ihrer Hand
fallen. Sie entsprangen von Bewegungen, die zu heilig waren, um durch
neugierige Augen gestört zu werden, und ich wendete eilig meinen Blick
von ihrem Gesicht; während der Prediger in Erzählung der Umstände,
die sein Scheiden von der Heimath, seine Reise und endlich seine
Ankunft in dem Lande begleitet, welches der kleinen Colonie in dem
noch ungelichteten Theile des Gemeinde-Bezirks bewilligt worden war,
fortfuhr.

»Wir hatten vor unsrer Ankunft in diesem Distrikte viele nützliche
Rathschläge und allen nützlichen Beistand von den Regierungs-Agenten
erhalten, und auch einige Holzspeller gegen hohe Löhne gemiethet, um
uns in der Kunst, Bäume zu fällen, aufzuschichten, zu verbrennen und
den Boden zu reinigen, zu unterrichten; da es unser Hauptziel war,
irgend eine Feldfrucht zu erbauen und einzuernten, so legten wir ohne
weitern Aufschub, als den die Errichtung eines einstweiligen Obdachs
für Weib und Kind erheischte, sogleich Hand ans Werk, und bereiteten
den Boden zur Aufnahme von Frühlings-Saat vor, wobei wir einer dem
andern mit Zugvieh und Arbeit beistanden. Und hier muß ich bemerken,
daß mir jede Aufmerksamkeit und Unterstützung von meinen Freunden zu
Theil ward. Meine Mittel waren gering, und meine Familie war zu jung,
um mir einige Dienste leisten zu können. Indeß fehlte es mir nicht
an Hülfe, und bald hatte ich die Freude, ein kleines Fleckchen zur
Erbauung von Kartoffeln und Korn gelichtet und gereinigt zu sehen,
ein Resultat, das ich durch meine alleinigen Anstrengungen nimmermehr
herbeigeführt haben würde.

»Mein ältester Sohn _Johann_ war erst neun Jahr alt, _Willie_ sieben
und die andern alle noch hülfloser; die beiden Kleinen, die Sie hier
sehen, sind erst nach meiner Ankunft in diesem Lande geboren worden.
Die blonde Dirne, welche neben Ihnen sitzt und strickt, war noch ein
Säugling, ein hülflos weinendes Kind, so schwach und kränklich, ehe
wir hier eintrafen, daß sie selten aus den Armen ihrer Mutter kam;
allein sie wuchs und gedieh unter der abhärtenden Behandlung einer
Buschsiedler-Familie zusehends.

»Wir hatten kein Haus, keine Art von Obdach zu unsrer Aufnahme, als
wir an dem Orte unsrer zukünftigen Bestimmung anlangen; und die ersten
beiden Nächte brachten wir auf den Ufern der Einbucht am Fuße des
Berges in einer Hütte von Cedern- und Schierlingstannen-Aesten zu, die
ich mit meiner Axt und mit Hülfe einiger meiner Gefährten zum Schutz
meiner Gattin und der Kleinen errichtete.

»Obgleich in der Mitte Mai's, waren die Nächte doch noch sehr kalt, und
wir waren froh, als ein tüchtiges Holzfeuer vor dem Eingange der Hütte
loderte, welches uns nicht nur gegen die Kälte, sondern auch vor den
Stichen der Musquitos sicherte, die in Myriaden vom Flusse her über uns
herfielen, und uns das Ufer weiter hinauftrieben.

»Sobald als möglich, errichteten wir eine Shanty, die jetzt als
Schuppen für das junge Vieh dient; ich wollte sie nicht niederreißen,
wiewohl ich oft gedrängt wurde, dies zu thun, da sie eine angenehme
Aussicht vom Fenster aus verhindert; allein ich blicke gar zu gern
darauf und erinnere mich dabei an die ersten Jahre, die ich unter
ihrem niedrigen Dache verlebt habe. Wir bedürfen solcher Gegenstände,
um uns an unsre ehemalige Lage zu erinnern; denn wir werden nur zu
leicht stolz und hören dann auf, unsre gegenwärtigen Annehmlichkeiten
gebührend zu schätzen.

»Unser erster Sabath wurde unter freiem Himmel gefeiert; meine Kanzel
war ein aus rohen Baumstämmen aufgeschichteter Pfeiler, meine Kirche
der tiefe Schatten des Waldes, unter welchem wir uns versammelten;
aber von einer aufrichtigeren Frömmigkeit und Inbrunst, als an diesem
Tage, bin ich nie Zeuge gewesen. Ich erinnere mich noch recht gut an
den von mir gewählten Text; ich entlehnte ihn aus dem achten Capitel
des fünften Buches Mosis, Vers 6, 7, und 9, die mir auf unsre damaligen
Umstände anwendbar zu sein schienen.

»Im folgenden Jahre errichteten wir ein kleines Blockhaus, das uns als
Schule und Kirche diente. Anfangs waren unsre Fortschritte in Lichtung
des Bodens nur langsam; denn wir mußten erst Lehrgeld bezahlen und
Erfahrung kaufen, und mancherlei und groß waren die Täuschungen und
Entbehrungen, denen wir in den ersten fünf Jahren zu begegnen hatten.
Zu einer Zeit litten wir alle am Fieber, und keiner war im Stande,
dem andern beizustehen; dies war eine traurige Zeit; allein bessere
Tage warteten unser. Die Anzahl der Auswandrer nahm fortan zu, und die
kleine Niederlassung, welche wir begründet, stand in gutem Rufe. Ein
neuer Ankömmling erbaute eine Säge-Mühle; ein andrer eine Korn-Mühle;
bald folgte auch ein Magazin, und diesem ein zweites und drittes, bis
wir ein blühendes Dorf um uns her empor steigen sahen. Nun fing das
Land an Werth an zu gewinnen, und manche von den alten Ansiedlern
verkauften die ihnen zugefallnen Parcellen mit Vortheil und zogen
weiter waldeinwärts.

»In demselben Verhältniß, als das Dorf wuchs, nahmen natürlicher Weise
auch meine amtlichen Pflichten zu, die mir in den ersten Jahren meine
kleine Heerde durch freiwillige Liebesdienste und Geschenke vergalt;
jetzt genieße ich die Zufriedenheit, meinen Lohn zu ernten, ohne daß
ich meinen Pfarrkindern zur Last falle. Mein Grundstück nimmt an Werth
zu, und außer meinem Honorar als Prediger erhalte ich noch für die
Schule eine kleine Zulage, welche die Regierung zahlt. Wir können
uns jetzt glücklich preisen, daß wir hier sind; denn Gott hat unsre
Bemühungen gesegnet.«

Ich habe manche interessante Umstände vergessen, die mit den Prüfungen
und Entbehrungen, welchen diese Familie ausgesetzt war, in Verbindung
standen; indeß erzählte uns der Prediger genug, um mich mit meiner
Lage auszusöhnen, und ich kehrte nach einem angenehmen mehrtägigen
Aufenthalte bei diesen liebenswürdigen Menschen, mit erhöhter
Zufriedenheit und einigen nützlichen praktischen Lehren, die mich mein
ganzes Leben hindurch begleiten werden, nach Hause zurück.

Ich interessire mich gegenwärtig nicht wenig für einen jungen Schotten,
der von England hierher gekommen ist, um die canadische Feldwirthschaft
zu lernen; der arme Junge hatte sich höchst romantische Vorstellungen
von dem Leben eines Ansiedlers gebildet, und zwar theils aus den
Berichten, die er gelesen, theils durch eine lebhafte Phantasie
verführt, welche die Täuschung vollendet und in ihm den Glauben
erzeugt hatte, daß er seine Zeit hauptsächlich mit den bezaubernden
Vergnügungen und Abentheuern, welche die Jagd auf Rehe und andres
Wild, das Schießen nach Tauben und Enten, das Erlegen des Fuchses mit
dem Speer, bei Fackellicht, das Umhersteuern auf den Seen in einem
Canoe von Birkenrinde während des Sommers, das Schlittschuhlaufen oder
Schlittenfahren, nach Art der Lappländer, über den gefrornen Schnee,
mit einer Schnelligkeit von zwölf (englischen) Meilen, und unter
dem muntern Geläute von Glöckchen und Schellen u. s. w. darbieten,
zubringen werde. Welch anmuthiges Leben, um einen Knaben von vierzehn
Jahren für sich einzunehmen, der eben erst den lästigen Beschränkungen
einer Pensions-Anstalt entflohen ist.

Wie wenig mochte ihn von den Plackerein und Mühseligkeiten träumen,
welche von den Pflichten eines Burschen seines Alters in einem Lande,
wo Alt und Jung, Herr und Diener in gleichem Grade, und ohne Rücksicht
auf frühere Lage und Rang, Hand ans Werk legen müssen, unzertrennlich
sind.

Hier muß der Sohn eines Gentleman selbst Holz spellen und Wasser
hohlen; er lernt hier Bäume fällen, Holzpfeiler errichten, Gitterwerk
zuschneiden, das Feuer während der Brenn-Zeit bewachen, und ist dabei
in einen groben Ueberwurf von hanfnem Zeuge (^logging-shirt^) und
entsprechende Pantalons gekleidet, und mit einem Yankie-Strohhut auf
dem Kopfe und einem Spieß zur Handhabung der lodernden Feuerbrändte
versehen. Beschicken, Anschirren und Führen des Zugviehs, Pflügen,
Säen, das Pflanzen von indianischem Korn und Kürbissen, das Legen von
Kartoffeln gehört unter die Verrichtungen des jungen Emigranten. Seine
Erholungen sind vergleichungsweise nur wenige, allein eben wegen ihrer
Seltenheit haben sie einen um so viel größeren Reiz, und gewähren einen
um so größeren Genuß.

Sie können sich denken, wie der arme Junge niedergeschlagen sein mußte,
als er seine schönen Träume von Belustigungen aller Art, vor der
ernsten, nüchternen Wirklichkeit und der mühseligen Geschäftigkeit,
welche einem jungen Ansiedler in den Urwäldern obliegt, in Nichts
zerrinnen sah.

Jugend ist indeß das passendste Alter zur Auswanderung in dieses
Land; der Mensch fügt sich dann bald in seine neue Lage und versöhnt
sich nicht nur im Verlauf der Zeit mit der Veränderung seiner
Lebens-Verhältnisse, sondern gewinnt sie sogar lieb. Einen Trost
gewährt es ihm auch, wenn er sieht, daß er nicht mehr thut, als andre
von gleichen Ansprüchen auf Rang und Erziehung verrichten müssen, wenn
sie fortkommen und gedeihen wollen; und vielleicht wird er in der
Zukunft das Land segnen und preisen, welches ihn von einem Theil jenes
dummen Stolzes befreit hat, welcher ihn mit Verachtung auf diejenigen
herabblicken machte, deren Beschäftigungen von niedrer Art waren.

Es wäre ein himmelschreiendes Unrecht, wenn man Leute, welche
auszuwandern wünschen, mit falschen und schmeichelnden Gemälden von
den in diesem Lande zu erwartenden Vortheilen vorsätzlich hintergehen
wollte. Man mache sie in seinen Berichten mit dem Für und Wider genau
bekannt; und der Leser brauche seinen besten, von Vorurtheilen oder
Gewinnsucht in einer Sache von solcher Wichtigkeit nicht sowohl für ihn
selbst, sondern auch für diejenigen, zu deren Führer und Beschützer
ihn die Natur bestimmt hat, unbehinderten Verstand. Es ist indeß weit
schwieriger über Auswanderung und die damit verbundnen Umstände zu
schreiben, als viele sich einbilden; der Gegenstand umfaßt ein so
weites Feld, daß, was in Bezug auf einen Theil der Provinz vollkommen
richtig sein mag, dieses hinsichtlich eines andern keineswegs
sein dürfte. Ein Distrikt unterscheidet sich von dem andern, ein
Gemeinde-Bezirk von dem andern, je nach seinen natürlichen Vortheilen;
es frägt sich hier, ob er seit langer Zeit angesiedelt ist oder nicht,
ob er Wasser besitzt oder nicht; der Boden, ja selbst das Klima sind je
nach Lage und andern Umständen verschieden.

Viel, sehr viel hängt hier von dem Temperament, der Gewohnheit und
dem Charakter der Emigrantin selbst ab. Was dem einen frommt, paßt
nicht auch für den andern; eine Familie wird gedeihen, und alle
Bequemlichkeiten um ihre Wohnstätte her versammeln, während andere
in Armuth und Mißmuth leben. Es würden ganze Bände nöthig sein, um
jedes Argument für und wider zu erörtern, und genau anzugeben, welche
Personen sich zur Auswanderung eignen, und welche nicht.

Haben Sie ^Dr.^ _Dunlop's_ geistreich und witzig geschriebnen
»^Backwoodsman^« gelesen? Sollte dies nicht der Fall sein, so suchen
Sie ihn so bald als möglich zu bekommen, er wird Sie unterhalten. Ich
denke eine Urwaldsiedlerin (^Backwoodswoman^) könnte in demselben Tone
geschrieben werden; einige Seiten, die Geschichte von dergleichen
Damen enthaltend, würden als Beispiel für unser Geschlecht dienen.
In der That bedürfen wir einiger heilsamen Ermahnungen hinsichtlich
unsrer Pflichten so wie der Thorheit, zu bereuen, daß wir unsern Gatten
gefolgt sind und ihr Loos mit ihnen theilen, daß wir denen gefolgt
sind, welchen wir einst in glücklichern Stunden ewige Liebe und Treue
-- in Reichthum und Armuth, in Leiden und Freuden, Gesundheit und
Krankheit -- angelobt haben. Nur zu viele thun dieses Gelübde, ohne
seine Wichtigkeit zu bedenken und ohne die Zufälligkeiten zu berechnen,
welche ihre Treue auf eine harte Probe setzen dürften, wie z. B. wenn
es sich darum handelt, Verwandte, Freunde und Vaterland zu verlassen
und sich dem harten Loose eines Ansiedler-Lebens zu unterziehen; gewiß
kein geringes Opfer; allein die treue liebende Gattin wird es bringen,
ja sie wird sich zu noch größeren Schwierigkeiten verstehen, wenn es
der Mann ihrer Wahl von ihr fordert.

Allein es ist Zeit, daß ich Ihnen Lebewohl sage; mein Brief ist zu
einem furchtbaren Packet angeschwollen, er wird Sie gewiß langweilen,
und Sie werden ihn auf den Boden des atlantischen Oceans herabwünschen.

Fußnoten:

[57] Siehe den Anhang.



Sechszehnter Brief.

 Indianische Jäger. -- Segel auf einem Canoe. -- Mangel an Bibliotheken
 in den Urwäldern. -- Neues Dorf. -- Fortschritte und Verbesserungen.
 -- Leuchtende Insekten (Johanniswürmchen.)


Ich habe Ihnen in einem früheren Briefe von einem Winter-Besuch bei den
Indianern erzählt; ich will Ihnen jetzt Einiges über ihr Sommer-Lager
mittheilen, das ich an einem schönen Juni-Nachmittage in Begleitung
meines Gatten und einiger Freunde, die zu uns kamen, um den Tag mit uns
zuzubringen, in Augenschein genommen habe.

Die Indianer hatten ihr Lager auf einer kleinen, zwischen den beiden
Seen hervorspringenden Halbinsel aufgeschlagen; unser nächster Weg
dahin würde durch den Busch geführt haben, allein der Boden war so mit
umgestürzten Bäumen bestreut, daß wir eine Fahrt im Canoe vorzogen.
Der Tag war warm, ohne drückend heiß zu sein, wie dies nur zu oft
während der Sommer-Monate der Fall ist; und o Wunder! die Musquitos
und schwarzen Stechfliegen waren so höflich, daß sie uns gar nicht
beschwerlich fielen. Unsre leichte Barke glitt leicht und ruhig über
die ruhige Wasserfläche im Schatten der überhängenden Aeste von Cedern,
Schierlingstannen und Balsampappeln, welche köstliche Wohlgerüche
verbreiten, wenn die wehenden Lüfte durch ihre Laubkrone streichen.
Ein Beet blauer Schwertlilien (^iris^), untermengt mit schneeweißen
Nymphäen, über die unser Canoe wegsegelte, entzückte mein Auge. Als
wir um einen felsigen Ufervorsprung gesteuert waren, sahen wir den
dünnen bläulichen Rauch aus dem Indianer-Lager sich über die Bäume
kräuseln, und bald war unser Canoe sicher an einem derselben, auf der
Seite des Indianer-Lagers, angelegt, und mit Hülfe der weitspreizigen
Zweige und des Unterholzes gelang es mir, mich einen steilen Pfad
hinan zu arbeiten, und bald stand ich gerade vor dem Zelte. Es war
Sonntag Nachmittags; sämmtliche Männer waren zu Hause; einige der
jüngern Familien-Glieder (drei Familien bewohnten den Wigwam) warfen
zum Zeitvertreib den Tomahawk nach einer Kerbe, die in die Rinde
eines fern stehenden Baums gehauen war, oder schossen mit ihren Bogen
und Pfeilen nach dem Ziele, während die ältern theils auf ihren
Bettdecken im Schatten schliefen, theils lasen, theils rauchten und
die Geschicklichkeit der jungen, mit einander wetteifernden Schützen
ernsten Auges prüften.

Blos eine von den Squaws war zu Hause, und zwar meine alte Freundin,
die Gattin des Jägers, die auf einer Bettdecke saß; ihr jüngstes
Kind, der kleine _David_, eine Papouse von drei Jahren, die noch
nicht entwöhnt war, ruhte zwischen ihren Füßen; sie beäugelte ihn oft
mit liebevollen zärtlichen Blicken, und klopfte ihn von Zeit zu Zeit
sanft auf das zottige Köpfchen. _Peter_, der eine Art angesehner Mann,
wenn auch gerade kein Häuptling ist, saß neben seiner Frau, in einen
hübschen blauen Schlafrock gekleidet, den eine rothe gewirkte Binde
über der Hüfte zusammen hielt. Er rauchte aus einer kurzen Pfeife und
betrachtete die vor der Thür des Zeltes versammelte Gesellschaft mit
einem Ausdruck ruhiger Theilnahme; bisweilen nahm er seine Pfeife auf
einige Augenblicke aus dem Munde und bezeichnete durch eine Art innern
Ausruf den Erfolg oder das Fehlschlagen der Versuche seiner Söhne, das
Ziel am Baume zu treffen. Die alte Squaw, winkte mir, sobald sie meiner
ansichtig wurde, zu, näher zu treten und gab mir mit wohlmeinendem
Lächeln zu verstehen, indem sie auf eine freie Stelle ihrer Bettdecke
hinwieß, daß ich neben ihr Platz nehmen möchte, was ich auch that.
Die Durchmusterung des Wigwams und seiner Bewohner machten mir viel
Unterhaltung. Das Gebäude war von länglicher Form, und an beiden Enden
offen, jedoch wurden die Oeffnungen, wie man mir sagte, des Nachts
durch Tücher oder Matten verschlossen; der obere Theil des Dachs war
ebenfalls offen; die Seitenwände bestanden aus rohem Pfahlwerk mit
großen Schichten zwischen die Stöcke, welche das Gerippe des Zeltes
bildeten, gezogner Birkenrinde; eine lange dünne Stange von Eisenholz
bildet einen niedern Tragbalken, woran verschiedne eiserne und kupferne
Töpfe und Kessel, desgleichen einige Keulen frisch getödteten Wildbrets
und gedörrte Fische hingen; das Feuer nahm den Mittelpunkt der Hütte
ein, und um die glühende Asche her lagen mehre friedliche Jagdhunde;
sie zeigten etwas von der ruhigen Apathie ihrer Herren, sie öffneten
beim Eintreten der Fremdlinge blos die Augen, und als sie bemerkten,
daß alles in Ordnung war, überließen sie sich wieder ihrem Schlummer
und kümmerten sich nicht weiter um uns.

Die Jäger-Familie nahm eine ganze Seite des Gebäudes ein, während
_Joseph Muskrat_ mit seiner Familie, und _Joseph Bolans_ und seine
Squaw die entgegengesetzte Wand theilten; die verschiednen Abtheilungen
waren durch Bettdecken, Fischerspeere, lange Flinten, Tomahawks und
andres Eigenthum bezeichnet und geschieden; das Kochgeräthe anlangend,
so schien es mir wegen seiner Spärlichkeit allen gemeinschaftlich
anzugehören; es herrschte vollkommne Freundschaft und Einigkeit
zwischen den drei Familien, und, nach dem äußern Anschein zu urtheilen,
waren alle glücklich und zufrieden. Ein Blick auf die Bücher in den
Händen der jungen Männer überzeugte mich, daß es fromme Lieder und
Abhandlungen waren; die eine Seite enthielt den englischen Text, die
andere die indianische Uebersetzung. Auf unsre Bitten sangen die Männer
eins von den Liedern, welches recht gut klang, allein wir vermißten
die süßen Stimmen der indianischen Mädchen, die ich vor dem Hause
gelassen hatte, wo sie auf einem Fichtenstamme saßen und sich mit
meinem Knäbchen unterhielten, welches ihnen nebst seiner Wärterin sehr
zu gefallen schien.

An der Außenseite des Zeltes zeigte mir die Squaw ein Canoe von
Birkenrinde, dessen Bau noch nicht vollendet war. Die Gestalt
des kleinen Fahrzeugs war durch eine Anzahl in regelmäßigen
Abständen von einander in die Erde gesteckte Stöcke angedeutet; die
Birkenrinden-Schichten waren angefeuchtet, und jede an dem geeigneten
Platze durch Cedern-Latten befestigt, die so gekrümmt sind, daß sie als
Rippen oder Fachwerk dienen; die Rindenschichten sind mit den zähen
Wurzeln des Tamarack (Lärchenbaum) zusammengestrickt; und die Ränder
des Canoes sind mit demselben Material besäumt oder umflochten; das
Ganze wird, ist es so weit vollendet, mit dickem Gummi überzogen.

Ich hatte die Ehre, von Mrs. _Peter_ nach Hause gerudert zu werden, und
zwar in einem neuen Canoe, das eben erst von Stapel gelassen worden
war; die Bewegung war in höchstem Grade angenehm, ich saß auf dem Boden
des kleinen Fahrzeugs auf einigen leichten Schierlingstannen-Zweigen
und meine Heimfahrt war sehr ergötzlich und angenehm. Das Canoe, durch
den Arm der schwärzlichen Amazone in Bewegung setzt, flog schnell über
das Wasser, und bald landeten wir in einer kleinen Bucht in geringer
Entfernung von meinem Hause. Zur Vergeltung der mir von der Squaw
erwiesnen Aufmerksamkeit, erfreute ich sie durch das Geschenk einiger
Perlen zum Einwirken in Messerscheiden und Mokassins womit sie sehr
zufrieden zu sein schien; sie verbarg ihren Schatz sorgfältig im
Busentuche, und befestigte ihn noch überdieß mit einem Stückchen Bande.

Gepaart mit einer eigenthümlichen Zurückgehaltenheit und ernstem
Temperament zeigen die Indianer in einigen Stücken zu gleicher Zeit
einen Grad von kindischem Wesen. Ich gab dem Jäger und seinem Sohne
eines Tages einige colorirte Kupferstiche, die ihnen viel Spaß zu
machen schienen, denn sie lachten gewaltig über die modisch gekleideten
Figuren. Nachdem sie das Haus verlassen, setzten sie sich auf einen
gefallenen Baum, versammelten ihre Hunde um sich und breiteren vor
jedem besonders die Gemälde aus.

Die armen Thiere, anstatt die bunt gekleideten Herren und Damen
aufmerksam zu betrachten, streckten ihre Köpfe in die Höhe und
leckten ihren Herren Hände und Gesicht; allein der alte _Peter_
hatte sich einmal vorgenommen, daß die Hunde das Vergnügen der
Gemäldeschau theilen sollten, daher drückte er sie mit der Nase auf die
Kupferstiche, und hielt sie an ihren langen Ohren fest, wenn sie Miene
machten, zu entweichen. Ich hätte den alten ernsten Indianer eines so
kindischen albernen Benehmens kaum für fähig gehalten.

Diese halbcivilisirten Wilden scheinen gegenwärtig nicht mehr so
eingenommen für bunten glänzenden Putz wie früher, und beobachten
in ihrer Kleidung mehr einen europäischen Styl; es ist nichts
Ungewöhnliches, einen Indianer in einen feinen Tuchoberrock und
Pantalons gekleidet zu sehen, wiewohl ich gestehen muß, daß die
weiten Ueberhemden, womit die Regierung sie versorgt, und die einen
Theil ihrer jährlichen Geschenke bilden, ihnen weit besser stehen
und bequemer sind. Die Squaws ziehen baumwollene oder wollene
Röcke, Schürzen und Tücher, und andre dergleichen nützliche Artikel
vor; wiewohl sie ihre Kleinen gern recht herausputzen, und ihre
Wiegen-Decken mit Seide und Perlen sticken und an ihren Schultern
Flügel von Vögeln befestigen. Wie viel Vergnügen machte mir die
Erscheinung eines dieser indianischen Cupidos, der mit den Fittigen des
amerikanischen Streitvogels, eines sehr schönen Thieres, geschmückt
war. Der erwähnte Vogel ist unserm brittischen Buchfinken nicht
unähnlich, nur daß die Farben seines Gefieders lebhafter sind; Brust
und Unter-Federn der Flügel schmückt das glänzendste Carminroth, das
mit Schwarz und Weiß schattirt ist. Man hat diesen Vogel deshalb
Streit- oder Kriegs-Vogel genannt, weil er zuerst während des letzten
amerikanischen Krieges in Canada erschienen ist, ein Umstand, der,
meines Bedünkens, wohl verbürgt ist oder wenigstens allgemein Glauben
gefunden hat.

Ueber Ihre Bemerkung, daß wir in den Urwäldern leicht zu einer
Leibibliothek unsre Zuflucht nehmen dürften, konnte ich mich kaum des
Lächelns enthalten. In einer Hinsicht, sind Sie in der That nicht
so weit von der Wahrheit entfernt; denn die Bibliothek eines jeden
Ansiedlers kann eine circulirende genannt werden, insofern die Bücher
von einem Freund zum andern wandern; und glücklicher Weise haben wir
einige recht wohl bestellte und reichhaltige Bibliotheken in unsrer
Nachbarschaft, die uns stets offen stehen. Zu York ist eine öffentliche
Bibliothek, allein von dieser können wir eben so wenig Gebrauch machen,
als wenn sie sich auf der andern Seite des atlantischen Ozeans befände.

Ich weiß recht gut, wie sich die Sache verhält; in der Heimath hat
man dieselbe Vorstellung von der Leichtigkeit, in diesem Lande zu
reisen, die ich ehemals hatte; jetzt aber weiß ich, was Busch-Straßen
sind, eine Reise von nur wenigen Stunden scheint ein abentheuerliches
verhängnißvolles Unternehmen. Erinnern Sie sich wohl meines Berichtes
von einer Tagereise durch den Wald? Es thut mir leid, sagen zu müssen,
daß sich die Wege seitdem nur wenig verbessert haben. Ich habe nur noch
einmal eine ähnliche Fahrt gewagt, die mir mehre sehr beschwerdevolle
Stunden verursachte, und mehr durch gutes Glück als in Folge eines
andern Umstandes langte ich ganzbeinig an dem Orte meiner Bestimmung
an. Ich mußte dabei über die häufigen Betheuerungen des Wagenlenkers,
eines schlauen Burschen aus Yorkshire, lachen: »-- O! wenn ich nur
seine Excellenz den Gouverneur über diese Straße zu fahren hätte, wie
wollte ich die Pferde über diese Stummel und Steine traben lassen;«
aber bald darauf schrie er wieder: »Ich wette, er würde alles dafür
thun, ehe er wieder darauf führe.«

Unglücklicher Weise haben wir auf dieser Seite des Flusses keine
von der Regierung angelegte Straße; sie ist blos von den Ansiedlern
zu größrer Bequemlichkeit durch den Wald gehauen worden, daher ich
fürchte, daß nichts zu ihrer Verbesserung gethan werden dürfte, wofern
die Einwohner nicht selbst Hand anlegen.

Wir hoffen bald einen nähern Markt für unser Getraide zu haben, als
Peterborough ist; eine Kornmühle ist erst kürzlich in dem neuen Dorfe
errichtet worden. Dies wird ein großer Vortheil für uns sein. Die
Herbeischaffung von Mehl auf den schlechten Fahrwegen verursacht großen
Kostenaufwand, und der Zeitverlust, den diejenigen erleiden, welche
ihren Weizen zum Mahlen nach der Stadt senden müssen, ist ein großes
Uebel; allein das wird bald anders werden, zur großen Freude der ganzen
Nachbarschaft.

Sie können sich gar nicht vorstellen, wie wichtig dergleichen
Verbesserungen sind, und welchen Einfluß sie auf Ermuthigung des
Emigranten haben, wozu noch kommt, daß sie den Werth seines Besitzthums
in keinem geringen Grade vermehren; wir haben uns bereits von den
Vortheilen überzeugt, welche die Nähe der Sägemühle für uns hat, indem
wir nunmehr nicht nur billiger bauen sondern auch rohe Stämme gegen
zugeschnittnes Holz austauschen können. Die großen Fichtenstämme,
welche unter andern Umständen nichts als ein Hinderniß bei Lichtung
des Bodens sein würden, sind, wenn sie in der für die Behandlung auf
der Sägemühle erforderlichen Form gefällt werden, was sich leicht thun
läßt, wo sie in der Nähe des Wassers stehen, sehr gewinnbringend, die
Stämme müssen eine gewisse Länge haben und werden von Ochsen während
des Winters, wenn der Boden fest gefroren ist, hart an den Rand des
Sees geschleift; sobald das Eis aufbricht, schwimmen die Baumstämme mit
der Fluth stromabwärts und gelangen so in den Mühlgraben; ich habe den
See unsern Fenstern gegenüber mit dergleichen schwimmenden, auf seinem
Wege zur Sägemühle begriffnen Holze bedeckt gesehen.

Wie schätzbar würden die großen Eichen und riesenhaften Fichten in
einem englischen Besitzthum sein; während man sie hier nicht mehr
achtet, als man in der Heimath kleine unbedeutende Bäumchen achtet.
Einige Jahre später dürfte man indeß die gewaltigen Stämme welche
jetzt verbrannt werden, im Bauwesen vermissen. Die Eichen eignen
sich vorzüglich zu Umpfählungen und Gitterwerk, weil ihr Holz sehr
dauerhaft ist; Fichten, Cedern und weiße Aeschen werden vorzüglich
zu Schlagbäumen und dergleichen verwendet; Ahorn und Buchen liefern
das beste Brenn-Holz; weiße Aesche brennt gut. Zur Bereitung von
Seifenlauge nimmt man keine andre, als Asche von hartem Holz: als
Eiche, Aesche, Ahorn und Buche; alle harzhaltige Bäume taugen nicht
zu diesem Behuf, die Lauge von dergleichen Asche verbindet sich beim
Sieden nicht mit dem Fett, zum großen Verdruß des nicht eingeweihten
Seifensieders, der, hätte er den eben erwähnten Umstand gekannt, viel
Zeit und Mühe, und, was das Wichtigste ist, viel von dem seit Monaten
sorgfältig gesammelten Material erspart haben würde.

Die Frau eines amerikanischen Ansiedlers erzählte mir dies und rieth
mir, bei Bereitung meiner Seifenlauge sorgfältig alle Fichten-Asche
auszuschließen. Und hier muß ich bemerken, daß unter allen
Ansiedlern die Yankies, wie sie genannt werden, die fleißigsten und
erfindungsreichsten sind; sie sind nie wegen eines Auskunftsmittels
in Verlegenheit; wenn ihnen der eine Plan fehl schlägt, so ergreifen
sie mit einer Gedankenschnelligkeit, die mich mit Staunen erfüllt,
während sie bei ihnen ganz natürlich zu sein scheint, einen andern. Sie
scheinen eine Art angeborner Geistesgegenwart zu besitzen, und, anstatt
ihre Energie in Worten darzuthun, _handeln_ sie.

Die alten Ansiedler, welche lange unter ihnen gewesen, scheinen sich
dieselben Gewohnheiten anzueignen, so daß es schwer hält, sie von den
Yankies zu unterscheiden. Ich habe die Amerikaner ein geschwätziges
Volk nennen hören; allein, so weit meine Bekanntschaft mit ihnen
reicht, möchte ich sie vielmehr für laconisch halten, und wenn ich sie
nicht recht leiden kann, so ist vielmehr ihr kaltes kurzangebundnes
Benehmen daran schuld, welches eine Schranke zwischen uns zu ziehen
scheint.

Die Bemerkungen eines wandernden Uhrmachers, aus dem Staate Ohio
gebürtig, befremdete mich ein wenig. Nachdem er nämlich die
Vorzüglichkeit des Ohio-Klimas in Vergleich mit dem unsrigen (in
Canada) gerühmt, sagte er, in Beantwortung einiger von meinem Gatten
an ihn gerichteten Fragen; er wundre sich, daß alle Leute von feiner
Bildung Canada, besonders den Busch, wo sie manches liebe Jahr
hindurch alle höheren Annehmlichkeiten und verfeinerten Genüsse des
Lebens entbehren müßten; den reichen, halbcultivirten und fruchtbaren
Ohio-Staat, wo man noch dazu Land, sowohl wildes als gelichtetes, weit
billiger kaufen könne, vorzögen.

Hierauf antworteten wir, daß erstens brittische Unterthanen lieber
unter brittischer Botmäßigkeit ständen, und daß dieselben überdies den
Sitten seiner Landsleute abgeneigt wären. Er erkannte freimüthig den
ersten Einwurf als richtig, bemerkte aber hinsichtlich des andern
daß man die Amerikaner im Allgemeinen nicht nach den einzelnen, in
den brittischen Colonien vorkommenden Beispielen beurtheilen dürfe.
Da letztere in der Regel Leute von eben nicht sonderlichem Ruf wären,
viele derselben hätten sich Schulden oder andrer schlechter Streiche
wegen, nach Canada geflüchtet; »es wäre hart,« fügte er hinzu, »wenn
man die Engländer nach den nach Botany-Bay transportirten Verbrechern
beurtheilen wollte.«

Nun war nichts Ungefälliges oder Rohes in dem Benehmen dieses Fremden,
und die Vertheidigung seiner Nation war ruhig und vernünftig, mit einem
Wort von der Art, daß jeder Vorurtheilsfreie ihn deswegen nur achten
mußte.

So eben unterbricht mich ein Freund und sagt mir, daß er Gelegenheit
habe, eine portofreie Sendung nach London oder Liverpool zu machen,
und daß er in der Kiste, die er für England packe, ein Packet von mir
einschließen wolle.

Das Anerbieten ist mir sehr willkommen, nur bedaure ich, daß ich nichts
als einige Blumen-Samen, einige indianische Fabrikate und etliche
Schmetterlinge zu senden habe -- die letzten sind für _Jane_ bestimmt.
Ich hoffe, daß nicht alle das Schicksal der letzten theilen werden.
_Sarah_ hat mir geschrieben, daß sie von der grünen Nacht-Eule, die ich
das letzte Mal in der kleinen Schachtel mitgeschickt, nichts weiter
gefunden habe, als etwas Staub und einige rothe Füße. Es ist mir,
jedoch nicht ohne Schwierigkeit geglückt, ein andres und schöneres
Exemplar zu erlangen; aber, aus Furcht, daß ihm ein ähnliches Schicksal
widerfahren könnte, will ich wenigstens durch nachstehende Beschreibung
das Andenken seiner Schönheit zu erhalten suchen.

Er mißt von einer Flügelspitze zur andern gerade fünf Zoll; der Leib
ist so dick, wie mein kleiner Finger, schneeweiß und mit langem seidnen
Haar bedeckt; die Beine und Fühlhörner sind hellroth, letztere sind
auf den beiden Seiten gezahnt wie ein Kamm; beide Flügel, Ober- und
Unter-Flügel zeichnen sich durch schönes Blaßgrün aus, und haben an den
Rändern goldne Franzen; jeden Flügel schmückt ein kleiner Halbmond von
Blaßblau, Roth und Orangenfarben; das Blau nimmt die Mitte ein, wie
ein halbgeschloßnes Auge; die untern Flügel sind tief ausgeschnitten,
sie bilden dergestalt zwei lange Schwänze, wie bei dem sogenannten
Schwalbenschwanz (Schmetterling) von ungefähr einem vollen Zoll in
Länge, und sind tief gefranzt; mit einem Wort, dieser Schmetterling ist
das reizendste Insekt, welches ich je gesehn habe.

Wir besitzen eine große Mannigfaltigkeit an Pfauenaugen
(Schmetterlinge), die sich durch Farbenpracht und unzählige Augen auf
den Flügeln auszeichnen. Der gelbe Schwalbenschwanz, der schwarz und
blaue Admiral, und der roth, weiß und schwarze Admiral, nebst manchen
andern prächtigen Varietäten, die ich nicht beschreiben kann, sind
ebenfalls sehr gemein. Der größte Schmetterling, den ich bis jetzt
gesehn, zeichnet sich durch ein muntres Vermilion aus, welches durch
ein über seine großen Schwingen verbreitetes Netz von schwarzen Linien
noch mehr hervorgehoben wird.

Das Libellen-Geschlecht anlangend, so haben wir dergleichen von jeder
Größe, Gestalt und Farbe. Vorzüglich erfreute mich ein Pärchen prächtig
blauer, die ich häufig auf meinen Spaziergängen sah, wenn ich meine
Schwester besuchte. Sie waren so groß wie Schmetterlinge, mit schwarzen
Flor-Flügeln, auf jedem Flügelpaar prangte ein mit Scharlachroth
schattirter Halbmond vom glänzendsten Azurblau; der Leib dieser schönen
Thierchen war ebenfalls blau. Außerdem bin ich auf scharlachfarbne und
schwarze, gelb und schwarze, kupferfarbne, grüne und braune gestoßen;
letztere sind große Feinde der Musquitos und andrer kleiner Insekten
und schwärmen des Abends in Aufsuchung von Beute in großen Schaaren
überall umher.

Die Feuerfliegen dürfen nicht vergessen werden, denn unter allen andern
sind sie die merkwürdigsten, ihre Erscheinung kündet gemeiniglich Regen
an; man sieht sie oft, nach Eintritt der Dunkelheit, an milden feuchten
Abenden, zwischen den Cedern am Saume der Wälder, und besonders in der
Nähe von Lachen und Sümpfen umherschwärmen, und sie erleuchten die
Luft mit ihrem glänzenden tanzenden Lichte. Bisweilen sieht man sie in
Gruppen, gleich Sternschnuppen in der mittlern Luftregion schweben,
oder so tief herabsteigen, daß sie in die Zimmer gerathen und um
die Bett- und Fenster-Vorhänge herumgaukeln; das Licht, welches sie
verbreiten ist heller und glänzender als das des Johanniswürmchens,
aber es geht auf dieselbe Weise, wie bei diesem von dem untern Theile
des Leibes aus. Auch das Johanniswürmchen ist keine seltne Erscheinung,
man sieht es sogar noch im September, versteht sich in milden, warmen,
thauigen Nächten.

Wir haben Ueberfluß an großen und kleinen Käfern, einige sind sehr
prachtvoll grün und golden, rosenfarben, roth und schwarz; einige
völlig schwarz, furchtbar groß, mit weitspreizigen ästigen Hörnern.
Wespen sind nicht so lästig wie in England, allein ich glaube, dies ist
blos darum der Fall, weil wir diesen räuberischen Insekten nicht die
nämlichen Lockungen darbieten können, wie unsre heimathlichen Gärten.

Einer unsrer Holzfäller brachte mir eines Tages ein Hornissen-Nest,
wie er es nannte, es war jedenfalls ein schönes und zartes Werk für
ein so großes Insekt; und ich vermuthe vielmehr, daß es einem schönen
goldfarbigen Insekt, Wespen-Fliege (^wasp-fly^) genannt, angehört,
indeß weiß ich dies nicht gewiß. Das Nest glich in Größe und Gestalt
einem Truthahn-Ei und bestand aus sechs papiernen Bechern, die einer
in den andern geschoben, und immer einer kleiner als der zunächst
vorhergehende äußere waren, und der innerste erschien nicht viel größer
als ein Tauben-Ei. Ein prüfender Blick durch die Oeffnung des letzten
Bechers, ließ mich im Innern eine kleine Scheibe mit zwölf Zellen von
vorzüglicher Nettigkeit und von weit größrer Regelmäßigkeit, als die
Zellen der gemeinen Hausbiene zu sein pflegen, wahrnehmen; in Größe
glich eine Zelle nur dem dritten Theil von denen der Honig-Biene. Die
Substanz, woraus die Becher bestanden, war ein feines, silbergraues,
seidenartiges Gewebe, so fein als das feinste chinesische Seiden-Papier
und äußerst spröde; wenn man es schwach netzte, so wurde es klebrig
und haftete etwas an dem berührenden Finger; das Ganze war sorgfältig
an einen Stock befestigt, ich habe seitdem ein dergleichen Netz an
eine rohe Gitterstange befestigt gesehen. Ich konnte nicht umhin, die
instinktmäßige Sorgfalt zu bewundern, welche in der Bildung dieses
Meisterstücks von Insekten-Baukunst zur Schützung des Embryos gegen
schädliche Einflüsse, namentlich gegen die Gefräßigkeit von Vögeln, so
wie gegen Regen und Unwetter zu Tage lag; der Regen konnte wohl kaum
einen Eingang in das Innere finden.

Ich hatte -- wenigstens glaubte ich so -- meinen Schatz sorgfältig in
einem Tischkasten verwahrt, allein ein ruchloser kleiner Spitzbube
von Maus machte ihn ausfindig und zerriß ihn in Stücke, um des
Bischen Honigs willen, das in einer oder zwei Zellen enthalten war.
Ich war sehr ärgerlich darüber, denn ich hatte mir fest vorgenommen,
das hübsche Nest bei günstiger Gelegenheit einem lieben Freunde in
Gloucester Place zu senden, der ein großer Freund von dergleichen
Naturmerkwürdigkeiten ist, und mir einst ein Nest von ähnlicher Form
zeigte, welches in einem Bienenstock gefunden worden war; doch war
bei diesem das Material weit gröber, auch hatte es, erinnere ich mich
recht, nicht sechs, sondern nur zwei Zellen.

Ich bin stets sehr begierig darauf gewesen, das Nest eines Kolibris zu
sehen, war aber bisher nicht so glücklich, meinen Wunsch befriedigen zu
können. Diesen Sommer hatte ich einige Beete mit Kartäuser-Nelken und
andern Blumen, besonders einigen prächtigen Convolvolus-Arten (^morning
gloves^), wie sie die Amerikaner nennen, bepflanzt; diese lieblichen
Blumen lockten die Kolibris an, meinen Garten zu besuchen, und ich
hatte das Vergnügen, ein Pärchen dieser schönen Vögel zu sehen, allein
ihr Flug ist so eigenthümlich, daß man kaum einen vollkommnen Anblick
ihrer mannigfaltigen Farben erlangen kann; ihre Bewegung, wenn sie auf
dem Flittig schweben, gleicht dem Umkreisen eines Spinnrades, und das
Geräusch, das sie dabei erregen, dem Schnarren oder Sumsen eines im
Gange begriffnen Rades; ich will jetzt recht viel Blumen anpflanzen, um
die niedlichen Thiere zum Nisten in unsrer Nähe zu bestimmen.

Ich fürchte bisweilen, daß ich Ihnen mit meinem langen uninteressanten
Briefe beschwerlich falle; die einzige Quelle, woraus ich schöpfen
kann, ist das Hauswesen und die Naturgeschichte des Landes, und hiervon
theile ich Ihnen alles dasjenige mit, was durch seine Neuheit Ihre
Aufmerksamkeit fesseln dürfte. Wahrscheinlich mag ich bisweilen Ihre
Erwartung täuschen, indem ich Ihnen Dinge erzähle, welche den Zustand
eines Emigranten in ein ungünstiges Licht setzen; allein ich trage die
Sachen ganz so vor, wie ich sie gesehen oder gehört habe. Ich könnte
Ihnen manche günstig lautende Berichte von den Ansiedlern in diesem
Lande geben; ich könnte das Gemälde auch umkehren, und Sie würden
endlich zu dem Schlusse gelangen, daß es an Gründen für und wider
Auswanderung nicht fehle. Der erste und wichtigste Grund indeß ist und
bleibt _Nothwendigkeit_, und dieser wird stets die Wagschale zu Gunsten
der Auswanderung kehren; und dieselbe befehlshaberische und herrische
Dame _Nothwendigkeit_ sagt mir, daß es _nothwendig_ sei, meinen Brief
zu schließen.

Leben Sie wohl, ich unterzeichne mich in Liebe und Achtung Ihre

                                                ergebenste Freundin.



Siebzehnter Brief.

 Kaltes Fieber. -- Unwohlsein der Familie. -- Wahrscheinliche Ursache.
 -- Wurzel-Haus. -- Eintritt des Winters. -- Insekt, der Säger genannt.
 -- Einstweilige Kirche. --


                                                 November 28, 1834.

Mein mehrmonatliches Stillschweigen wird Sie gewiß befremdet haben,
allein wenn ich Ihnen erzähle, daß Krankheit daran Schuld war, so
werden Sie sich nicht mehr darüber wundern, daß ich nicht eher als
heute wieder geschrieben habe.

Mein guter Mann, meine Magd, mein armer Kleiner und ich selbst wurden
alle zu gleicher Zeit vom Fieber befallen und ans Bett gefesselt. Sie
wissen nur zu gut, wie mich das kalte Fieber stets zu Hause gequält
hat, und dürfen sich daher nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, daß
meine Leiden, in einem Lande, wo Sumpffieber und alle Arten von
Wechselfiebern zu Hause sind, nicht gering waren.

Wenige Emigranten kommen durch das erste Jahr, ohne von diesen Uebeln
heimgesucht zu werden; die Behandlungs-Weise besteht in wiederholten
Gaben Calomel (versüßtes Quecksilber) nebst Biber-Oel oder Salzen,
worauf China angewendet wird. Diejenigen, welche dabei von ärztlicher
Behandlung nichts wissen wollen, curiren sich mit Wachholder- oder
starken Aufgüssen von Hyson oder einem andern starken grünen Thee,
Pfeffer und Branntwein, nebst manchen andern Mittelchen, denen
Gewohnheit oder Quacksalberei das Wort redet.

Ich will nicht länger bei dieser traurigen Zeit stehen bleiben, als
nöthig ist, um Ihnen zu sagen, daß wir die Ursache unsers Erkrankens
in einer übeln Ausdünstung suchen, die wohl von einem Keller unter
der Küche ausgehen mochte. Als der Schnee schmolz, füllte sich dieser
Keller zur Hälfte mit Wasser, entweder in Folge der Nässe, welche
durch den schwammigen Boden eindrang, oder aus einem Quell, der unter
dem Hause entspringen mochte; wie dem auch sei, die Hitze des Koch-
und Brat-Ofens in der Küche bewirkte eine Gährung in der stockenden
Flüssigkeit, ehe sie entfernt werden konnte; die schädlichen Dünste,
welche sich aus dieser Masse fauligen Wassers entwickelten, waren uns
allen nachtheilig; die Hausmagd, welche dem schädlichen Einfluß am
meisten ausgesetzt war, erkrankte zuerst --, und kurz darauf folgten
wir alle nach, so daß bald keiner mehr dem andern Beistand leisten
konnte. Ich glaube, meine Krankheit steigerte sich noch dadurch, daß
ich die Leiden meines guten Gatten und meines theuren Kindes mit
ansehen mußte.

Das Fieber, Dank sei es dem Calomel und dem Quinin, verließ mich
nach Verlauf von vierzehn Tagen wieder; und eben so mein Kind und
seine Wärterin. Meinem Gatten aber hing es den ganzen Sommer hindurch
an, hemmte ihn in seiner Thätigkeit und stimmte ihn mißmuthig und
verdrießlich; letztres ist eine unausbleibliche Folge des Fiebers, es
macht eben so kleinmüthich und verzagt, und stimmt die Lebens-Geister
eben so sehr herab, wie ein Nervenfieber. Mein Knabe ist, seitdem er am
Wechselfieber gelitten, noch nie wieder recht gesund gewesen, und sieht
sehr blaß und grillig aus.

Wir würden uns, da weder eine Magd, noch eine Wartefrau, noch sonst ein
dergleichen Dienstbote zu erlangen war, in einer sehr schlimmen Lage
befunden haben, wofern uns nicht _Marie_ und _Susanne_ beigestanden
hätten. Ich wußte wirklich nicht, was unter so mißlichen Umständen,
ohne diese Hülfe, aus uns hätte werden sollen.

Dieser Sommer ist ausnehmend heiß und trocken gewesen; das Wasser in
den Seen und Flüssen war ausgetrocknet, mehre Wochen hindurch fiel
auch nicht ein Tropfen Regen. Die äußerste Dürre vernichtete die
Kartoffel-Ernte völlig. Unser indianisches Korn dagegen stand sehr
schön, desgleichen geriethen die Kürbisse gut. Wir hatten einige schöne
Gemüse im Garten, vorzüglich Erbsen und Melonen, die letztern waren
sehr groß und zart. Die Cultur der Melone ist sehr einfach; man häuft
zuerst vermittelst einer breiten Hacke die umgebende Erde zusammen; die
Mitte dieses Haufens wird dann leicht ausgehöhlt, so daß sie gleichsam
ein Becken bildet, und die Erde am Rande wird noch etwas gehoben; in
diese Höhlung steckt man mehre Melonen-Samen und überläßt sie dann
der Sonnenhitze, indeß ist es gut, wenn man den Pflanzen von Zeit zu
Zeit etwas Wasser giebt; der Boden muß wo möglich in schöner schwarzer
Damm-Erde bestehen; und wenn die kleinen Hügelchen eine Niedrigung
einnehmen, so daß immer etwas Wasser im Umkreise stehen bleibt, desto
besser gerathen die Melonen. Es ist die Meinung mehrer praktischer
Leute, welche durch mehrjährige Bekanntschaft mit dem Lande, Erfahrung
eingeerntet haben, daß man bei Anlegung und Anpflanzung eines Gartens
die Beete nicht empor heben soll, wie dies gewöhnlich der Fall ist;
sie geben als Grund dafür an, daß die Sonnen-Hitze die Feuchtigkeit,
wenn das Beet hoch ist, leichter vom Erdreich wegziehe, als im
entgegengesetzten Fall, und daß in Folge der Dürre des Bodens die
Pflanzen welken.

Da einige Wahrheit in dieser Bemerkung zu sein scheint, so bin ich
geneigt, das Verfahren anzunehmen.

Gemüse sind im Allgemeinen gut und gelangen schnell zur Reife, wenn
man bedenkt, wie spät im Jahre sie gepflanzt werden. Erbsen sind stets
gut, besonders die großen englischen Erbsen (^marrowfats^), welche
bisweilen auf den Feldern in gelichtetem Boden, welcher unter dem
Pfluge ist, gezogen werden. Wir haben eine große Mannigfaltigkeit an
Bohnen, alle der französischen Sorte (Schminkbohne) angehörig; von
einer sehr ergiebigen Laufbohne lege ich einige Samen für sie bei; das
Verfahren beim Legen derselben besteht kürzlich in Folgendem: man macht
einen kleinen Hügel von Damm-Erde indem man die Erde mittels einer
Hacke zusammen häuft; drückt ihn an der Spitze platt oder höhlt ihn
etwas aus, so daß die Vertiefung gerade die Mitte einnimmt, und legt
längs den Rändern vier oder fünf Samen hinein; sobald die Bohne aufgeht
und Ranken treibt, steckt man in die Mitte des kleinen Hügels eine
fünf bis sechs Fuß lange Stange; sämtliche Pflanzen vereinigen sich an
der Stange, winden sich um dieselbe empor, und tragen eine zahllose
Menge Schoten (Bohnen), welche wie die Scharlachbohnen geschnitten
und gekocht oder auch in ihrem trocknen und reifen Zustande benutzt,
nämlich geschmort und mit eingesalznem Fleische genossen werden;
letztres ist, glaube ich, das gewöhnliche Verfahren. Die zeitige
Buschbohne ist eine Zwerg-Art mit glänzendgelben Samen.

Unser Salat ist gut und leicht zu erbauen, man erhält ihn sehr zeitig,
wenn man die Saatlinge verpflanzt, welche, gleich nachdem der Schnee
gewichen ist, über der Erde erscheinen. Kraut, und alle Wurzel-Arten
werden den Winter über in Kellern oder Wurzel-Häusern aufbewahrt; aber
von der nachtheiligen Gewohnheit, grüne Gemüse in den seichten feuchten
Kellern unter der Küche aufzuheben, mögen manche Krankheiten herrühren,
wovon die Ansiedler, unter der Form von Sumpf-, Wechsel- und andern
nachlassenden Fiebern heimgesucht werden.

Manche, besonders von der niedern Klasse sind nicht hinreichend sorgsam
in Befreiung dieser Keller von den verwitternden Ueberbleibseln
vegetabilischen Stoffes, die man oft Jahrelang sich anhäufen läßt, und
hierdurch muß natürlicher Weise die Atmosphäre in den Häusern verdorben
werden. Ist das Haus klein und die Familie zahlreich, und mithin den
schädlichen Einflüssen während der Nacht ausgesetzt, so kann man sich
die traurigen Folgen leicht vorstellen.

»Man spreche nur nicht von Seen und Morästen, als der Ursache von
Fiebern und Rheumatismen; man richte sein Augenmerk hierbei besonders
auf die Keller,« war der Ausspruch eines erfahrnen Yankie-Doctors. Und
wirklich glaube ich, daß der Keller unsers Hauses schuld an unserm
Erkranken war, und daß seine Ausdünstungen das Uebel den ganzen
Frühling und Sommer hindurch unterhielten.

Ein Wurzel-Haus ist zur Bequemlichkeit einer Ansiedler-Familie durchaus
erforderlich; bei gehöriger Construction, mit doppelten Blockwänden,
und bei gehöriger Verwahrung des Daches gegen das Durchsickern des
Regens oder schmelzenden Schnees, kann man darin Gemüse, Fleisch und
Milch lange und unversehrt aufbewahren. Sie werden fragen, warum, wenn
der Nutzen wirklich so groß und die Bequemlichkeit so wesentlich ist,
nicht jeder Ansiedler ein dergleichen Nebengebäude errichtet?

Das, liebe Mutter, ist gerade die Bemerkung, welche jeder neue
Ankömmling macht; allein er überzeugt sich nur zu bald von den
Schwierigkeiten, welche einer Einrichtung der Art zu Anfange entgegen
stehen; er müßte denn, was aber leider nicht oft der Fall ist, bares
Geld in Ueberfluß besitzen, um die erforderliche Arbeiter-Zahl
miethen zu können. Arbeits-Löhne sind so kostspielig, und die Zeit
zur Arbeit ist so kurz, das die Aufführung manches nützlichen, zur
Bequemlichkeit dienenden Gebäudes für die Zukunft aufgespart werden
muß; ein Keller, den ein Mann, vorausgesetzt, daß er fleißig arbeitet,
in zwei Tagen graben kann, ist alles, worauf man vor der Hand zählen
darf, bis die Zeit kommt, wo man mehr Muße hat, oder die Nothwendigkeit
ein Wurzel-Haus erheischt. Wir selbst können uns als Beispiel dieses
eben nicht willkommnen Aufschubs anführen; allein nunmehr sind die
Blöcke dazu geschnitten, und wir werden in nächstem Frühjahr eine so
nützliche Anstalt besitzen. Ich würde aber doch jedem rathen, gleich
von vornherein oder doch so bald als möglich ein Wurzel-Haus zu bauen,
so wie auch einen Brunnen zu graben; das nur wenige Fuß unter der Erde
befindliche Quellwasser machen letztre Arbeit weder schwierig noch
sehr kostspielig. Die Bäche und kleinen Wasser-Behälter versiegen bei
sehr trocknem Wetter nicht selten, und das See- und Fluß-Wasser wird
im Frühjahr und Sommer warm und ekelhaft. Das Quell-Wasser ist in der
Regel kalt, -- selbst in der heißesten Jahreszeit, -- und in hohem
Grade erfrischend.

Der Winter scheint jetzt in seiner ganzen Strenge einzutreten. Schnee
ist seit Mitte Oktobers bereits zweimal gefallen, aber eben so oft
wieder verschwunden, allein jetzt ist der Boden steinhart gefroren;
der kühne Nordwestwind bläst eiskalt über die öde Flur, und Alles
und Jedes um uns her erscheint frostig und winterhaft. Die dunkle
Fichten-Linie, welche die entgegengesetzte Seite des Sees begrenzt,
ist bereits mit Reif und Schnee bedeckt, und der halbgefrorne See
zeigt eine dunkle Bleifarbe, deren Einförmigkeit blos die in langen
Spitzen hervorschießenden Eismassen, welche gleichsam Baien und
Halbinseln bilden, unterbrechen. Die Mitte des Stroms, wo die Gewalt
des Wassers am größten ist, ist noch nicht ganz mit Eis belegt, sondern
fließt in dunkeln Wogen dahin, wie ein Fluß zwischen seinen gefrornen
Ufern. An einigen Stellen, wo die Ufer abschüssig und mit Wurzeln
und Strauch-Werk überwachsen sind, nehmen der gefallne Schnee und das
Wasser die seltsamsten Formen an.

Ich bin an heitern Winter-Tagen stundenlang stehen geblieben und habe
meine Augen mit namenlosem Entzücken auf den mimischen Wasserfällen
weilen lassen, die längs dem Ufer zu festen Eismassen erstarrt sind,
und als ich von dem Mühlendamm aus diese niedlichen Spielereien Vater
Frosts betrachtete, malte ich mir im Geiste die erhabne Scenerei der
arktischen Welt.

Trotz seiner sehr langen Dauer und äußersten Strenge habe ich doch den
canadischen Winter gern; er ist entschieden die gesundeste Jahreszeit;
und es ist kein kleiner Genuß, von den Plagen der Insekten-Schwärme
befreit zu sein, die der Annehmlichkeit der schönen Sommer-Monate
keinen geringen Abbruch thun.

Wir haben so eben Ihr letztes Packet erhalten; -- tausend, tausend Dank
für den Inhalt! Wir alle freuen uns über Ihre nützlichen Geschenke,
vorzüglich über die warmen Shawls und Merinos. Mein kleiner _James_
(_Jacob_) nimmt sich in seinem neuen Röckchen ganz allerliebst aus,
es wird ihn recht gut gegen die Kälte schützen; er küßte die schönen
mit Pelz gefütterten Pantoffeln, die Sie für mich beigelegt haben,
und sagte »Pussy, Pussy;« bei dieser Gelegenheit will ich erwähnen,
daß wir eine hübsche Katze haben, welche _Nora Crena_ heißt, und die
Abschiedsgabe unsrer Freundin *** ist, die sie meinem Knaben zum
Andenken hinterließ. _James_ ist ganz vernarrt in das Thier; und ich
muß Ihnen sagen, daß ich sie fast als eine zweite _Wittington's_ Katze
betrachte; weder Maus noch Tschitmunk hat sich seit ihrer Gegenwart in
unsre vier Pfähle gewagt; selbst die Heimchen, welche uns mit ihrem
ewigen Gezirp von früh bis in die sinkende Nacht beschwerlich fielen,
haben ihre alte Behausung verlassen. Außer den Heimchen, die oft in
solcher Menge umher schwirren, daß sie eine wahre Plage abgeben,
und tuchene und wollene Kleider verderben, werden wir von großen
schwarzen Ameisen heimgesucht, die überall umher galloppiren, und
Zucker, Eingemachtes, Kuchen, kurz jede Leckerei, wozu sie nur immer
gelangen können, verzehren; diese Insekten sind dreimal so groß als die
schwarzen Ameisen in England, und haben einen entsetzlichen Appetit;
wenn sie keine bessere Beute finden können, so tödtet die eine die
andre, und dies mit dem Ingrimm und der Geschicklichkeit der Spinne.
Sie scheinen in ihrer Lebensweise weniger gesellig zu sein als andre
Ameisen; wiewohl ich mich, bei Berücksichtigung der beträchtlichen
Anzahl, die in unser Zimmer dringt, zu dem Schlusse geneigt fühle, daß
sie eben so, wie die übrigen Arten der Gattung, einen Verein bilden und
in Gemeinschaft mit einander leben.

Während des ersten Jahres seines Aufenthalts in einem neuen Blockhause
wird man durch ein beständiges knarrendes, den Ohren äußerst
unangenehmes Geräusch belästigt, bis man sich daran gewöhnt hat; dies
wird durch ein Insekt, gewöhnlich der _Säger_ genannt, verursacht.
Es sind die Larven einer Fliege, die ihre Eier in die Rinde der
Fichten-Bäume legt, das Thierchen in seinem unreifen Zustande ist von
weißlicher Farbe, der Körper besteht aus elf Ringen; der Kopf ist mit
einer kurzen harten Zange bewaffnet, die Haut des Sägers ist so rauh,
daß man beim Darüberwegfahren mit dem Finger eine Raspel zu berühren
scheint, und doch erscheint sie dem Auge völlig glatt und eben. Sie
würden sich wundern, wenn Sie den Haufen feiner Sägespäne unter dem
Loche sähen, woran er die ganze Nacht hindurch gearbeitet hat. Diese
Säger sind ein gutes Futter für die Baumhacker, und in Gemeinschaft mit
einander tragen sie zur schnellen Zerstörung der gigantischen Waldbäume
bei, die andernfalls die Erde Jahrhunderte hindurch belasten würden.
Wie unendlich groß ist die Weisheit, welche die physische Welt regelt
und beherrscht! Wie oft sehen wir große, gewaltige Ereignisse, die
durch scheinbar unbedeutende Umstände herbeigeführt werden! aber alle,
so klein sie auch erscheinen mögen, sind Diener, welche den Willen
ihres Herrn und Gebieters vollstrecken. Einem großen Mangel, nämlich
dem Mangel an öffentlichem Gottesdienst an Sonn- und Festtagen wird
nun bald abgeholfen werden. Man geht damit um, eine Subscription unter
den Ansiedlern dieses und eines Theils der benachbarten Gemeinde zur
Aufführung eines kleinen Gebäudes zu eröffnen, welches zugleich den
Zwecken einer Kirche und eines Schul-Hauses entsprechen und überdies
die Besoldung eines Predigers für seine Bemühungen decken soll. --
Er hat sein Gesellschaftszimmer zur einstweiligen Versammlung der
Andächtigen hergegeben, und ein sehr achtbarer junger schottischer
Geistlicher hat schon verschiedne Male darin Gottesdienst gehalten; ich
kann Ihnen versichern, daß unsre religiösen Versammlungen, trotz dem,
daß die Emigranten theils der katholischen, theils der bischöflichen u.
s. w. Kirche angehören, ziemlich zahlreich ausfallen.

Die Unterschiede zwischen den verschiednen Glaubensgenossen fallen
in diesem Lande nicht so in die Augen, als in der Heimath; besonders
weil man den Mangel an religiösen Zusammenkünften nur zu merklich
fühlt, und mehr den großen allgemeinen Zweck aufrichtiger und inniger
Gottesverehrung ins Auge faßt. Das Wort »_Gott_« ist ein Wohlklang
für das Ohr. Möge der Segen des Himmels denjenigen zu Theil werden,
welche in Geist und Wahrheit bestrebt sind, die öffentlichen Gebräuche
des Sabaths wieder herzustellen, die, wenn sie unsrer eignen Leitung
überlassen blieben, nur zu leicht in Vergessenheit gerathen dürften.

                                                 Leben Sie wohl!



Achtzehnter Brief.

 Geschäftreiches Frühjahr. -- Zunahme der Gesellschaft und
 Bequemlichkeit. -- Erinnerungen an die Heimath. -- Nordlicht.


Dies ist ein geschäftreiches Frühjahr für uns gewesen; zuerst hatten
wir Zucker zu sieden, und diesmal in größerer Menge als früher, als
wir unsern ersten Versuch machten. -- Alsdann hatten wir Werkleute,
indem unser Haus mancher Erweiterung bedurfte; wir haben eine große und
bequeme Küche bauen lassen, die alte dient jetzt als Schlafgemach; das
Wurzel-Haus und die Milcherei sind ziemlich vollendet. -- Wir haben
einen Brunnen mit trefflichem Wasser gleich vor der Thür, und eine
hübsche hölzerne Scheune ist diese Woche fertig geworden, sie enthält
zugleich einen Getraideboden und einen Stall, mit einer Abtheilung für
das Federvieh, welches mir viel Unterhaltung und Freude gewährt.

Außer einem hübschen Hühner-Völkchen, den Abkömmlingen von zwei Hennen
und einem Hahn oder Rooster, wie die Yankies diesen Vogel nennen, habe
ich einige Enten, wozu diesen Sommer auch Truthühner und Gänse kommen
werden. Ich verlor etliche meiner besten Vögel nicht durch den Stößer,
sondern durch ein sehr schädliches Thier, welches unserm Iltiß genau
verwandt ist und hier Scunck genannt wird; es ist weit räuberischer,
und richtet größere Verheerungen an als Fuchs und Habicht; denn es
kommt wie ein Dieb in der Nacht, dringt in den Hühnerhof ein und
hinterläßt furchtbare Spuren seiner Raubgier und seines Blutdurstes.

Unser Garten, der bisher weiter nichts als eine viereckige
Einfriedigung für Gemüse war, erhält eine andre, dem Auge gefälligere
Form; zwei halbkreisförmige Flügel laufen vom Eingange nach beiden
Seiten des Hauses; der Zaun ist eine Art rohes Korb- oder Hürden-Werk,
wie Sie dergleichen in England häufig sehen können, und welches die
Bauern geflochtnen Zaun nennen; jedenfalls nimmt sich eine dergleichen
Einfriedigung weit malerischer aus als die von gespaltnen Holzscheiten.

Entlang dieser kleinen Einfriedigung habe ich angefangen, eine Art
Blumen-Hecke nebst einigen der einheimischen Sträucher anzupflanzen,
wovon unsre Wälder und Seeufer strotzen.

Unter den bereits eingeführten sind zwei Geißblatt-Arten mit weißen und
rosenfarbnen Blüthen; die amerikanischen Botaniker nennen dieselben
^Quilostium^.

Dann habe ich die weiße ^Spiraea^, (ein strauchartiges Gewächs),
welches in Ueberfluß auf dem See-Ufer wächst, die canadische wilde
Rose, die rothe blühende Himbeere (^rubus spectabilis^), Leder-Holz
(^dircas^) auch amerikanisches Mezereon- oder Moos-Holz genannt,
dies ist ein sehr hübscher und zu gleicher Zeit nützlicher Strauch;
die Rinde wird von den Landleuten als ein Substitut für Stricke,
zum Zubinden von Säcken u. s. w. gebraucht; die Indianer nähen ihre
Weidenrinden-Körbe gelegentlich damit.

Milde Stachelbeeren, rothe und schwarze Johannisbeeren, Apfelbäume und
hier und da ein Weißdorn-Strauch, und einige andre dergleichen Gewächse
sind alles, was ich bisher habe einführen können.

Der Stoup (Verandah) ist errichtet, und ich habe erst kürzlich am Fuße
der hölzernen Säulen Hopfen gepflanzt. Ich habe auch zwei tragende
Ableger einer purpurfarbnen wilden Traube von der Insel in unsrer Nähe
aufgezogen und bin neugierig, ihre Früchte zu sehen.

Mein Gatte ist gegenwärtig frisch und wohlgemuth; unser geliebtes Kind
befindet sich ebenfalls wohl und läuft überall umher. Wir erfreuen uns
einer angenehmen und freundlichen Gesellschaft, die im Verlauf der
letzten zwei Jahre so zugenommen hat, daß wir uns über unsre Entfernung
von der volkreichern Stadt kaum beklagen können.

Meine theure Schwester und ihr Gatte fühlen sich in ihrer neuen
Wohnstätte sehr behaglich und haben ein schönes Stück Land gelichtet
und angebaut. Wir besuchen sie häufig und plaudern dann manches liebe
Stündchen von der Heimath, der süßen unvergeßlichen Heimath, und
schmeicheln uns dabei mit dem angenehmen Wahne, daß wir in einer nicht
allzufernen Zeit ihre fruchtbaren Felder und blumigen Thäler einmal
wieder sehen werden.

Mit welchem Entzücken würden wir unsre jungen Canadier ihren
Großmüttern und Tanten vorführen; mein kleiner Buschmann soll zeitig
die Namen dieser unbekannten aber theuren Freunde aussprechen und das
Land verehren und lieben lernen, wo seine Aeltern das Licht der Welt
erblickten, die herrlichen Hügel des Nordens und mein eignes geliebtes
England.

Verursachte mir die Entfernung von meinem Geburtslande, und noch dazu
von einem so schönen und gesegneten Lande gar kein Bedauern, gar kein
Weh, so würde dies nur ein fühlloses Herz verrathen; dennoch aber muß
ich gestehen, daß ich Canada trotz all seiner Rauhigkeit liebe und
mich in meinem niedrigen Block-Hause eben so froh und glücklich fühle,
als dies in einem reich geschmückten Palaste nur der Fall sein könnte;
Gewohnheit versöhnt uns mit manchen Dingen, die uns anfangs nicht
recht zusagen wollen. Es ist stets mein Bestreben gewesen, lieber das
Süße als das Bittre in den Becher des Lebens zu träufeln, und gewiß
ist dies das Beste und klügste, was man thun kann. In einem Lande,
wo alles -- Jung und Alt, Vornehm und Gering -- sich zur Thätigkeit
aufgefordert fühlt, würde es höchst ungereimt und thörigt sein, seine
Lebensgeister durch unnützes Trauern und Klagen zu dämpfen und im
Hause durch Niedergeschlagenheit und unaufhörliche Klagelieder über
die Trennung von so vielen theuren Gegenständen in der alten Heimath,
eine düstre Stimmung zu verbreiten. Da wir nun einmal hier sind, müssen
wir uns so gut als möglich in die Umstände schicken und mit heitrem
Muthe das Loos ertragen, welches wir uns selbst gewählt haben. Die
Fähigkeit, das Gute, welches wir besitzen, zu genießen, scheint mir ein
Haupterforderniß zur menschlichen Glückseligkeit zu sein.

Wiewohl wir von vorn herein manche Widerwärtigkeiten erfuhren, manche
unvorhergesehne Kosten zu bestreiten hatten, uns manchen unangenehmen
Aufschub gefallen lassen mußten und viele Entbehrungen, die uns sehr
drückend erschienen, zu erdulden hatten, so können wir doch, im Ganzen
genommen, von gutem Glück sagen; vorzüglich, was die Lage unsers
Grundstücks betrifft, welches seitdem in Werth bedeutend gestiegen
ist; die Hauptschwierigkeiten haben wir jetzt überwunden, wenigstens
hoffen wir so, und bald werden wir alle Annehmlichkeiten einer wohl
eingerichteten Meierei genießen.

Mein Gatte söhnt sich von Tage zu Tage mehr mit dem Lande aus,
und auch ich fühle mich täglich fester daran gebunden. Sogar die
Baumstummel, welche mir Anfangs so sehr zuwieder waren, scheinen etwas
von ihrer Häßlichkeit zu verlieren; das Auge gewöhnt sich sogar an
die unangenehmsten Gegenstände, bis sie fast gar nicht mehr beachtet
werden. Wie ganz verschieden von seiner gegenwärtigen Erscheinung
wird sich dieser Fleck nach Verlauf einiger Jahrhunderte ausnehmen!
meine Einbildungskraft malt es mir mit fruchtbaren Feldern und
Fluren, schattigen Hainen und geschmackvoll angepflanzten Bäumen vor;
alles wird anders sein; unsre gegenwärtigen rohen Wohnungen werden
andern bequemern und schönern Platz gemacht haben, und Anmuth und
Behaglichkeit wird die Landschaft umfangen, welche gegenwärtig eine
Waldwildniß ist.

Sie fragen mich, ob mir das Klima von Ober-Canada gefällt; aufrichtig
zu reden, so glaube ich nicht, daß es alle die Lobsprüche verdient,
welche ihm Reisende gezollt haben. Die Sommerhitze im letzten Jahre
war sehr drückend, die Dürre außerordentlich groß, und erwies
sich in mancher Hinsicht nachtheilig, vorzüglich schadete sie der
Kartoffel-Ernte. Die Fröste traten zeitig ein, und eben so fiel
zeitig Schnee; den gepriesnen indianischen Nachsommer betreffend, so
scheint er vor der Hand Abschied von dem Lande genommen zu haben, denn
seit unserm dreijährigen Aufenthalte daselbst haben wir nur wenig
davon gesehn. Letztverfloßnes Jahr war auch nicht ein Schein davon
wahrzunehmen, und in diesem Jahre wurde ein abscheulich düstrer trüber
Tag, der mich gewaltsam an einen Londoner Nebel erinnerte, und der
ganz eben so niederschlagend und geistlähmend wirkte, von den alten
Bewohnern für den Anfang des indianischen Sommers erklärt; die Sonne
schien düster und roth, und ein gelber graulicher Nebel verdunkelte die
Atmosphäre, so daß es fast nöthig wurde, am Mittage Licht anzuzünden.
Wenn dies der indianische Sommer ist, so könnte man eine Reihe auf
einander folgender londoner Nebeltage den »Londoner-Sommer« nennen,
dachte ich bei mir, als ich den lieben langen Tag in einer Art
bewilderndem düstern Lichtschimmer umhertappte; und, froh war ich, als
nach ein- oder zweitägigem heftigen Regen, Frost und Schnee eintraten.

So weit unsre Erfahrung reicht, ist dieses Klima in hohem Grade
veränderlich; nicht zwei Jahre sind sich einander nur einigermaßen
gleich gewesen; und wie man glaubt, wird diese Veränderlichkeit in
demselben Verhältniß zunehmen, als die Lichtung des Bodens von Jahr
zu Jahr vorwärts schreitet. In der Nähe der Flüsse und großen Seen ist
das Klima weit milder und gleichförmiger; mehr landeinwärts fällt der
Schnee selten so hoch, um das Schlittenfahren, nachdem es allgemein
geworden, mehre Wochen hindurch zu verstatten; dies ist indeß, wenn wir
den Zustand unsrer Buschstraßen berücksichtigen, mehr ein Umstand zu
unsern Gunsten, insofern das Reisen minder schwierig wird, obgleich die
Wege immer noch ziemlich holperig bleiben.

Ich habe das Nordlicht mehre Mal, gesehn; desgleichen eine glänzende
meteorische Erscheinung, glänzender und großartiger als alles,
was ich der Art je zuvor beobachtet. Großen Spaß machten mir die
Worte eines jungen Burschen, der einem Herrn die Erscheinung
einer Reihe Sternschnuppen, wie sie schnell über den Himmel
weggeschossen, erklärte, »Sir,« sagte der Bursche, »ich habe nie
zuvor etwas Aehnliches gesehn, und ich kann die Kette von Sternen
mit der Block-Kette (^logging-chain^) vergleichen,« gewiß ein
höchst natürlicher und einziger Vergleich, ganz in Einklang mit der
Beschäftigung des Burschen, der es häufig mit den Ochsen und ihrer
Block-Kette, (der Fortschaffung von gefällten Bäumen) zu thun hatte,
-- und am Ende nicht bäurischer, wenn ich so sagen darf, als die
gewöhnlichen Namen, welche mehre unsrer prächtigsten Sternbilder führen
-- z. B. Pflug, Sichel u. s. w.

Als ich letzte Weihnachten eines Abends von einem Besuche bei
einer Freundin nach Hause kehrte, überraschte mich eine glänzende
blaßgrünliche Lichtsäule im Westen; sie erhob sich zu einiger Höhe
über die dunkle Fichten-Linie, womit die jenseitigen Ufer des
Otanabee bekränzt waren, und erleuchtete den Himmel auf beiden Seiten
mit einem keuschen reinen Lichte, dem nicht unähnlich, welches der
Mond bei seinem Auf- und Untergang verbreitet; sie war nicht ganz
pyramidal, jedoch an der Basis um vieles breiter als an der Spitze;
sie erbleichte allmälig, bis nur noch ein weißes flimmerndes Licht
die Stelle bezeichnete, die sie am Himmel eingenommen, und auch dieser
schwache Lichtschimmer verschwand ungefähr nach einer halben Stunde.
Es war eine so schöne und liebliche Erscheinung, daß ich ordentlich
trauerte, als sie in die dünnen Lüfte zerrann; ja bisweilen bestimmte
mich meine Phantasie zu dem Glauben, als sähe ich das Gewand eines
glanzvollen Besuches aus einer andern und bessern Welt; -- aber weg
mit dergleichen Träumereien! -- war es vielleicht eine phosphorische
Ausdünstung von einem unsrer zahlreichen Moräste oder Binnen-Seen, oder
stand sie vielleicht mit dem Nordlicht in Verbindung, welches so häufig
an unserm Himmel gesehn wird?

Ich muß jetzt diesen Brief schließen; denn ich habe noch an einige
Freunde zu schreiben, denen ich blos bei günstiger Gelegenheit etwas
von meiner Hand zufertigen kann, denn das Porto ist sehr hoch, und man
muß für alles, was man nach New York sendet, oder von daher erhält,
theuer bezahlen.

Leben Sie wohl Meine Gütigste und Beste Freundin.



Erster Anhang.

 (Folgende Mittheilungen sind von der Verfasserin dieses Werkes während
 dessen Druck eingegangen.)


Ahorn-Zucker.

Dieses Frühjahr habe ich Ahorn-Zucker von weit feinerem Korn und
besserer Farbe bereitet, als er mir jemals zu Gesicht gekommen ist;
und mehre alte Ansiedler haben mir versichert, es sei der beste oder
ziemlich der beste, den man nur immer erhalten könne; diese Lobsprüche
bestimmen mich, das von mir bei seiner Bereitung verfolgte Verfahren
hier mitzutheilen: Sobald der Saft in dem Zucker-Kessel von ungefähr
sechszehn Eimern bis auf zwei eingekocht war, goß ich ihn zunächst
durch einen dünnen Flanell-Beutel, der ungefähr so beschaffen sein muß
wie ein Sack zum Durchseihen von Gelées, und befreite ihn dergestalt
von den ersten Unreinigkeiten, die ziemlich groß sind. Hierauf ließ
ich ihn durch dickeren Flanell in den eisernen Topf laufen, der
zu seiner Eindickung zu Zucker bestimmt war, schlug, als er noch
kalt oder höchstens nur lau war, das Weiße eines Eies zu Schaum
und verbreitete es behutsam über die Oberfläche der Flüssigkeit,
wobei ich den Topf, als er durch das Feuer heiß zu werden anfing,
sorgfältig in den Augen behielt, damit der Schaum nicht in den Zucker
kochen möchte. Einige Minuten bevor der eingedickte, auf die eben
geschilderte Weise behandelte Saft zum Kochen kommt, muß der Schaum,
der sich oben absetzt, mit einem hölzernen Schöpflöffel sorgfältig
abgenommen und entfernt werden. Meines Erachtens hängt die Weiße
und Reinheit des Zuckers zum großen Theil von der sorgfältigen
Entfernung jedes Schaumtheilchens ab. Die beste Vorschrift, welche
ich hierzu (dem Abschäumen des Zuckers[59]), ertheilen kann, ist,
den Saft fortwährend in schnellem Kochen zu erhalten, nur muß man
dabei sorgfältig sein Ueberlaufen verhindern, indem man etwas von der
Flüssigkeit in dem Rührlöffel behält, und wenn die Masse nach dem Rande
aufsteigt oder zu schnell aufwallt, von Zeit zu Zeit etwas hinein
tropfen läßt, um sie nieder zu halten; oder siedet man die Masse in
einem Koch-Ofen, so verhindert die Oeffnung einer oder aller Thüren
das Ueberlaufen. Die, welche ihren Zucker außer dem Hause bereiten,
befestigen einen hölzernen Krahn in einen Baumstummel, das Feuer
wird hierauf angezündet, und der Kessel an dem Krahne aufgehängt;
durch diese einfache Vorrichtung, -- jeder Knabe kann damit zu Stande
kommen, -- kann man, bei nur einiger Aufmerksamkeit auf das Kochen,
jedes Ueberlaufen vermeiden; allein das Auge darf nicht vom Kessel
weggewendet werden, eine Unachtsamkeit, ein eitler Blick kann einen
großen Verlust des kostbaren Saftes bewirken. Ich hatte blos einen
kleinen Koch-Ofen zur Bereitung meines Zuckers; die dazu gehörigen
Töpfe hielt man für zu klein, und ihre Form für ungeeignet, so daß ich
anfangs den Versuch aufgeben zu müssen fürchtete; allein ich beharrte
bei meinem Vorsatz, und meine Erfahrung hat mich gelehrt, daß mein Ofen
ein trefflicher Apparat zu dieser Art von Fabrikation ist, da sich die
Hitze nach Belieben reguliren läßt.

Eine der ängstlichsten Perioden beim Zuckersieden ist, nach meiner
Erfahrung, wenn der Saft zuerst anfängt, ein gelbliches, schaumiges
Ansehn anzunehmen, und eine so große Dampf-Menge von seiner Oberfläche
aufzuwerfen, daß man den Inhalt des Kessels nicht sieht; in welchem
Fall er, selbst bei der größten Aufmerksamkeit, unvermerkt überlaufen
kann. Sobald sich der Saft zu Syrup (Molasse) verdickt, nimmt er eine
schön gelbe Farbe an und scheint nichts als ein dicker Schaum zu
sein. Wenn er ziemlich tief eingekocht ist, fangen die Tropfen an,
klar und zähe vom Löffel zu fallen; und wenn man kleine glänzende
körnig aussehende Bläschen darin wahrnimmt, so tröpfele man einige
auf eine kalte Platte und fahre fort, ihn umzurühren oder zu reiben,
bis er ganz erkaltet ist; sobald er bereit ist, zu granuliren, findet
man ihn griesig, eine weißliche oder blaßstrohgelbe Farbe annehmend
und steif. Alsdann kann man den Zucker unbesorgt in eine zinnerne
Schüssel, in einen Eimer, ein Becken oder irgend ein andres passendes
Gefäß ausschütten. Ich versuchte zwei verschiedne Methoden, nachdem
ich den Zucker vom Feuer genommen, konnte aber in seinem Aussehn keine
Verschiedenheit wahrnehmen, ausgenommen daß bei der einen der Zucker
mehr zerbrochen erschien, bei der andern dagegen in großen Klumpen
blieb; übrigens aber war weder in Reinheit noch Funkeln ein Unterschied
bemerkbar. Was die erste Methode anlangt, so rührte ich den Zucker
fortwährend um, bis er anfing, zu erkalten, und eine weißlich dicke
Substanz zu bilden, und die Körner gut krystallisirten; bei dem andern
Verfahren, -- das ich für vorzüglicher halte, da es die wenigste Mühe
verursacht, -- wartete ich, bis die Molasse zu Zucker verhärtet war,
hierauf durchlöcherte ich die Cruste an mehren Stellen, und stürzte die
Masse in einen Durchschlag über einem Gefäße, bestimmt, die vom Zucker
abtropfende Molasse aufzunehmen. Im Verlauf des Tages oder zweier Tage,
rührte ich den Zucker häufig um, der so von aller Feuchtigkeit befreit
ward, und ein schönes funkelndes Korn annahm; er schmeckte genau wie
Zuckerkant; vom Geschmack des Ahorn-Saftes konnte man keine Spur daran
bemerken, kurz man konnte ihn zu allem gebrauchen.

Ich habe die Bemerkung gemacht, daß im Allgemeinen Ahorn-Zucker, wie
er gewöhnlich bereitet wird, hart und derb ist, wenig Korn zeigt,
und im Verhältniß zu seinem Umfange sehr ins Gewicht fällt. Gerade
das Gegentheil aber kann ich von meinem Fabrikat sagen, er ist im
Verhältniß zu seinem Volumen außerordentlich leicht, indem die schwere
Molasse, statt in ihn einzutrocknen, vollkommen davon getrennt ist.
Wäre das gegenwärtige Frühjahr nur günstig genug gewesen, was es nicht
war, so würden wir eine gute Quantität trefflichen Zuckers bereitet
haben.


Weinessig.

Kocht man fünf Gallonen Saft auf eine ein, setzt man, wenn er gerade
die Temperatur frisch gemolkner Milch ein wenig übersteigt, ein
Weinglas Hefen hinzu, und läßt man das Gefäß während des Sommers in der
Küche nahe am Heerde stehen, so erhält man einen guten, wohlfeilen,
angenehm schmeckenden starken und sehr brauchbaren Essig. Diesen Plan
habe ich zwei Jahre hindurch mit Glück verfolgt. Das Faß oder die Butte
muß gehörig ausgepicht und wasserdicht sein, ehe der Essig hinein
gethan werden kann; denn andernfalls würde es durch die Sonnenhitze
einschrumpfen und leck werden. Ist es gut gearbeitet, so überstreicht
man die Fugen und den innern Rand am obern Theil des Fasses mit Theer
oder auch mit gelber Seife, wodurch es gegen etwaige Oeffnungen
gesichert wird. Erfahrne Hausfrauen geben der gleichförmigern
Küchen-Temperatur, was den Standort des Essigs anlangt, den Vorzug
vor der freien Luft; denn die in diesem Lande häufig eintretenden
kalten Nächte sollen dem Vorgange nachtheilig sein, der, wenn er
kein dergleichen Hinderniß erfährt, schneller zur Vollendung kommt.
Diejenigen, welche in der Bereitung einheimischer Weine und Biere gut
bewandert sind, dürften mit geringem Aufwande, von Zeit und Arbeit
einen trefflichen Ahorn-Wein oder Ahorn-Bier bereiten.

Jeder Ansiedler zieht, als ein Ziergewächs, in seinem Garten (oder
sollte dies thun) Hopfen, welcher einen der Haupt-Bestandtheile des
Ahorn-Bieres bildet, nachdem man ihn dem Safte zugesetzt hat.


Hopfen-Hefen.

Dieser treffliche, und ich möchte sagen, unentbehrliche Artikel
in jedem Ansiedler-Hause, ist ein schätzbares Substitut für Ale-
oder Bier-Hefen, und wird auf folgende einfache Weise bereitet: --
Man nimmt zwei Hände voll Hopfen, kocht diese Quantität in einer
Gallone weichen Wassers, wenn man dergleichen bekommen kann, bis
der Hopfen zu Boden des Gefäßes sinkt; bereitet einen Teig, indem
man eine Dessert-Schüssel voll Mehl und kaltes Wasser so lange
zusammen rührt, bis sie eine weiche und ziemliche dicke Masse bilden;
filtrirt die Hopfen-Flüssigkeit, während sie noch siedend heiß ist,
in das Gefäß, welches den Teig enthält, und läßt einen Gehülfen die
Hopfen-Flüssigkeit abgießen, während man den Teig umrührt. Sobald sie
bis zu einer gelinden Wärme abgekühlt ist, so daß man den Finger ohne
unangenehme Empfindung hinein halten kann, füge man ein Glas von den
frühern Hefen, oder etwas weniges Sauerteig hinzu, um sie gähren zu
machen; ist auch dies geschehn, so läßt man sie ruhig stehen, bis sie
gehörig gegohren hat, füllt sie dann auf Flaschen und verkorkt sie
sorgfältig. Den Sommer über muß sie im Keller oder an einem kühlen
Ort stehen, und im Winter muß man dafür sorgen, daß sie nicht friert.
Einige fügen zwei oder drei mehlige, wohl gekochte und fein gestoßne
Kartoffeln hinzu, was während der kalten Monate des Jahres sich sehr
vortheilhaft erweist. Ein Zusatz von Kartoffeln zu Brodmehl ist
ebenfalls höchst zweckmäßig und meines Erachtens für neue Ankömmlinge,
die alle ihr Mehl kaufen müssen, jedenfalls ein großes Ersparniß.

Folgende Methode liefert mir ein schmackhafteres, leichteres Brod als
das auf dem gewöhnlichen Wege gemischte Mehl: -- Angenommen, ich wollte
ungefähr anderthalb Stein Mehl verbacken, so koche ich, (versteht sich,
nachdem sie völlig rein geschält sind,) etwa drei Dutzend ziemlich
große Kartoffeln, in ungefähr drei Quart oder einer Gallone Wasser,
bis die Flüssigkeit das Ansehn einer dünnen Grützsuppe zeigt, und
die Kartoffeln sich mit dem Wasser fast ganz verkörpert haben. Mit
dieser Kartoffel-Grütze wurde das Mehl vermischt, Wasser war nicht
erforderlich, außer wenn ich zufällig nicht genug von der Mischung
hatte, um mein Mehl hinlänglich anzufeuchten. Dieselbe Methode, zu
kneten, die Gährung durch Hefen zu bewirken u. s. w., wird bei anderm
Teige und Brode angewendet. Während des Backens nimmt es eine glänzend
hellbraune Farbe an und ist leichter als das auf gewöhnlichem Wege
bereitete Brod, daher eine Kenntniß des besprochnen Verfahrens den
Emigranten-Familien nützlich sein dürfte.


Salz-Sauerteig.

Dies ist ein Sauerteig wovon die Yankie-Ansiedler häufig Gebrauch
machen; allein obgleich das damit bereitete Brod entschieden weißer,
und von besserem Aussehn ist, als das auf andre Weise gesäuerte. So
macht es doch der eigenthümliche Geschmack, den es dadurch erhält,
manchen Leuten äußerst widrig. Ein andrer Nachtheil ist, daß es
während des Winters äußerst schwer hält, diesen Sauerteig zum Gehen
(Gähren) zu bringen, da er eine Temperatur erfordert, die man an einem
canadischen Wintertage nicht leicht erhalten kann, dazu kommt noch,
daß der fragliche Sauerteig, nachdem er einmal seine Höhe erreicht
hat, wofern man nicht sogleich davon Gebrauch macht, wieder fällt,
und dann nicht wieder steigt; eine sorgsame Hausfrau, welche diesen
Umstand kennt, giebt daher sorgfältig Acht, da sie andernfalls schweres
schliffiges Gebäck erhalten oder gar kein Brod sondern eine Art Gebäcke
wie Haferkuchen im Hause haben würde.

So viel als ich mich erinnern kann, wird der Salz-Sauer auf folgende
Weise gemacht: -- Zu einem kleinen Gebäcke, also etwa zwei oder drei
Broden oder einem großen Backkessel-Brode (ungefähr so groß wie ein
englisches Metzen-Brod) nimmt man eine Pinte mäßig warmen Wassers, (es
muß der hineingesteckten Hand angenehm sein) und rührt in den Krug oder
Topf, der es enthält, so viel Mehl, als zur Bildung eines guten Teiges
nöthig ist, der aber nicht zu dick sein darf; hierzu füge man einen
halben Theelöffel voll Salz und setze das Gefäß, in einer Schüssel
mäßig warmen Wassers, in eine kleine Entfernung vom Feuer oder an die
Sonne; das den Topf, worin der Sauer enthalten ist, umgebende Wasser
darf sich nie viel über seine ursprüngliche Wärme abkühlen, daher man
von Zeit zu Zeit etwas warmes Wasser zugießen muß, (nicht aber in den
Sauer, sondern in die Schüssel,) bis das Ganze in einen lebhaften
Zustand von Gährung geräth, was in Zeit von sechs bis acht Stunden
geschieht, worauf man den Brodteig damit vermischen und, so viel als
nöthig, warmes Wasser oder warme Milch zugießen muß. Hierauf knete man
die Masse, bis sie hinreichend steif ist und nicht mehr am Troge hängen
bleibt. Man wirke nun seine Brode auf, und decke sie in der Nähe des
Feuers warm zu, bis sie gehen, wenn dieses zweite Anschwellen statt
findet, müssen sie sogleich gebacken werden.

Diejenigen, welche Shanty-Brode, wie ich sie nenne, in eisernen, auf
glühende Kohlen gestellten Back-Töpfen oder Kesseln backen, setzen den
Teig zum Gehen über sehr wenige Kohlen, oder in die Nähe des heißen
Herdes, und drehen, während das Brod steigt, den Topf oder die Pfanne
von Zeit zu Zeit; sobald alles gleichförmig in die Höhe gegangen ist,
legt man heiße Asche unter und auf den Deckel, wobei man Sorge tragen
muß, daß die Hitze anfangs nicht zu heftig werde. Da diese Methode zu
backen die allgemeinste und erste ist, welche ein Ansiedler ausüben
sieht, so halte ich es für zweckmäßig, ihn im Voraus damit bekannt zu
machen. Anfangs fühlte ich mich geneigt, gegen die Back-Schüsseln oder
Back-Kessel zu eifern; allein da Koch-Oefen, eiserne Oefen, ja auch
nur Ziegel- oder Lehm-Oefen nicht wie Pilze auf unser Geheiß im Busche
aus der Erde aufschießen, so sind diese Substitute sehr schätzbar, und
dienen vielen nützlichen Zwecken.

Ich habe vorzüglich lockeres Brod genossen, welches auf dem
Emigranten-Herde in einem dergleichen Kessel gebacken war, ich habe
Kartoffeln, gebacknes Fleisch, treffliches Geschmortes und gute Suppen
gegessen, die alle zu verschiedner Zeit in diesem allgemein nützlichen
Geräthe zubereitet waren. Es ist eins von jenen Dingen, die sich für
die Umstände des Ansiedlers im Walde ganz vorzüglich eignen; denn es
ist unmöglich, daß dieser gleich von Vornherein alle Bequemlichkeiten
und Haushaltsartikel in und außer seiner Wohnstätte vereinigen kann,
welche gleichsam der Lohn mehrjähriger und vielfältiger Anstrengung und
Mühe sind.

Es giebt noch verschiedne Sorten Sauerteig, z. B. »_Milch-Sauer_,« der
mit Milch, warm von der Kuh weg, und ungefähr einem Drittel warmen
Wassers vermischt wird; und Kleien-Sauer, wozu man Kleien anstatt des
Mehles nimmt, und den manche den zuvor erwähnten Arten vorziehen.


Weiche Seife.

Von der Bereitung weicher Seife kann ich nur wenig oder keine genaue
Auskunft geben, da mir niemals eine _gewisse_ Regel mitgetheilt
worden, und meine eigne Erfahrung zu beschränkt ist. Indeß sind mir
von einem sachkundigen Mann einige Winke gegeben worden, worauf ich zu
fußen gedenke. Anstatt die Seife zu sieden, was mit einigen Umständen
verbunden ist, versicherte man mir, der beste Plan sei, die Lauge von
einem Faß Asche ablaufen zu lassen, in diese Lauge vier oder fünf Pfund
Fett zu thun, z. B. abgeschöpften Talg, Speckrinden oder Ueberbleibsel
von Unschlitt; kurz jede Art von dergleichen Abgängen. Das Faß mit
seinem Inhalt soll man hierauf an einen sichern Ort im Garten oder Hofe
stellen, wo es der Einwirkung von Sonne und Luft ausgesetzt ist. Im
Verlauf der Zeit verkörpern sich Lauge und Fett mit einander; herrscht
das Fett vor, so sieht man es an der Oberfläche herumschwimmen; will
sich die Mischung nicht gehörig verdicken, so muß man mehr Fett
hinzufügen. Dies ist der einfachste, verständlichste und beste Bericht,
den ich bisher über Seifen-Bereitung habe erhalten können, ein Prozeß,
der mir bisher als ein Geheimniß erschien, wiewohl eine von meinen
Mägden im letzten Frühjahr eine ansehnliche Quantität Seife, und zwar
mit dem günstigsten Erfolg, fabricirt hat; allein sie konnte den Grund
des Gelingens nicht angeben, indem sie sich des Prinzipes, wovon sie
sich bei ihrer Arbeit leiten ließ, nicht bewußt war.


Lichte.

Jedermann machte hier zu Lande seine Lichte selbst, (das heißt,
sobald er in Besitz der dazu erforderlichen Materialien ist). Die
große Schwierigkeit, und meines Bedünkens die einzige, bei dieser
Fabrikation ist die Herbeischaffung von Talg, den der Buschsiedler,
so lange er nicht seine eignen Rinder, Schafe und Schweine schlachten
kann, nicht leicht aufzutreiben vermag, wofern er ihn nicht kauft;
und ein Ansiedler kauft, wenn er es umgehen kann, nicht so leicht
etwas. Eine Kuh indeß, welche nichts einbringt, alt ist oder aller
Wahrscheinlichkeit nach der Strenge des Winters nicht Trotz bieten
kann, läßt man oft den Sommer über trocken gehen, und ihr Futter
selbst suchen, bis sie im Herbste zum Schlachten geschickt ist. Ein
dergleichen Thier wird oft mit großem Vortheil geschlachtet, vorzüglich
wenn der Ansiedler wenig Futter für sein Vieh hat. Das Fleisch (^beef^)
ist oft trefflich, und das Fett der innern Theile liefert treffliche
Lichte und gute Seife. Lichte, die man aus drei Theilen Rindstalg und
einem Theil Schweinfett bereitet, brennen besser als die, welche man
bei den Vorraths-Händlern kauft, und kosten nicht halb so viel. Der
Talg wird ganz einfach in einem Topfe oder einer Schüssel, die dazu
geeignet ist, zerlassen, und hat man Baumwollen-Dochte in die Formen
gezogen, (zinnerne oder blecherne Formen für sechs Lichte kosten das
Stück bei den Vorraths-Händlern drei Schillinge, und halten viele,
viele Jahre aus,) so steckt man einen Stock oder Spieß durch die
Docht-Schleifen, die über den obersten Theil der Form hinausragen und
dazu dienen, die Lichte aus den Formen zu ziehen.

Das zerlaßne Fett, nicht zu heiß, aber in flüssigem Zustande, wird dann
in die Formen gegossen, bis sie voll sind; so wie das Fett erkaltet,
schrumpft es zusammen, und läßt oben in der Form eine Höhlung zurück;
diese muß nach seinem völligen Erkalten ausgefüllt werden. Lassen sich
die Lichte nicht gut aus den Formen ziehen, so tauche man letztre auf
einen Augenblick in heißes Wasser, worauf erstere leicht herausgehen.
Manche ziehen es vor, Lichte für den Küchengebrauch durch Eintauchen
der Dochte in zerlaßnen Talg zu bereiten; allein was mich betrifft, so
halte ich die Mühe für fast eben so groß, und gebe daher, in Ansehung
des saubern Aeußeren, den Formen den Vorzug. Es kann wohl sein, daß
mir und meinem Mädchen das erste Verfahren weniger geläufig ist, als
das letzte.


Einlegen von Gurken u. s. w.

Der große Mangel an Frühlings-Gemüsen macht Eingelegtes zu einer
schätzbaren Zugabe für die Tafel, und zwar zu einer Zeit, wo Kartoffeln
nichts mehr taugen und ihren guten Geschmack verloren haben. Ist man
mit dem Ahorn-Essig glücklich gewesen, so kann man in der letzten
Hälfte des Sommers Gurken, Bohnen und Kraut zu Winter-Vorräthen
einlegen; sollte jedoch der Weinessig zu dieser Zeit noch nichts
taugen, so stehen zu dem fraglichen Behuf zwei Wege offen, einmal
nämlich kann man aus gekochtem Salz und Wasser eine gute Brühe zur
Aufnahme der Gurken u. s. w. bereiten, das Kraut, was ich nebenbei
bemerken will, läßt sich im Wurzel-Hause oder Keller ganz gut
aufbewahren, oder man versenkt es in Brunnen, die gehörig bedeckt
werden müssen; will man etwas davon einlegen, so muß man zunächst die
oberste Schicht, die nichts taugt, entfernen, und hat man den Essig
mit Gewürzen gekocht, so setzt man ihn zum Erkalten hin. Die Gurken
müssen vorher gehörig gewaschen, zwei oder dreimal in frischem Wasser
gespült und abgetrocknet werden, alsdann in einen irdnen Topf oder ein
Einmache-Glas gethan und mit dem Essig übergossen werden. Der Vortheil
hiervon liegt am Tage, man kann zu jeder beliebigen Zeit einlegen. Ein
andres Verfahren, welches ich sehr habe preisen hören, besteht darin,
daß man die Gurken in ein Gemisch von Branntwein[59] und Wasser legt,
welches mit der Zeit zu einem guten Essig wird, die Farbe und das
äußere frische Ansehn der Vegetabilien erhält und sie zu gleicher Zeit
zart und weich macht, besonders wenn man es siedend heiß darauf gießt,
welches das gewöhnliche Verfahren ist.

Fußnoten:

[58] ^Sugaring-off^, wie die Canadier diese Operation nennen.

[59] In dem »^Backwoodsman^« wird dieses Whisky-Recept als eine
abscheuliche Mischung erwähnt; vielleicht hat der witzige Verfasser,
von den darin eingelegten Vegetabilien in noch unvollendetem Zustande
gekostet. Er giebt eine klägliche Schilderung von amerikanischer
Kocherei, erklärt aber, daß dieser schlechte Zustand auf Mangel
an guten Vorschriften beruhe. Die von mir beigefügten Recepte zur
Hefen-Bereitung und Säuerung des Brodes dürften in England von großem
Nutzen sein, vorzüglich auf dem Lande, wo es oft an guten frischen
Hefen fehlt.



Zweiter Anhang.


 Da es der Wunsch der Herausgeber ist, vorliegendes Werk für
 Auswandrer so gemeinnützig als möglich zu machen, so fügen wir, unter
 nachstehenden Titeln, einige officielle Nachrichten und Fingerzeige
 hinzu: --


Statistische Angaben, die Auswanderung
nach Canada betreffend: --

^I.^ _Anzahl der Verkäufe und Bewilligungen von Kronländereien,
Geistlichkeits-Vorbehalt, (das ist Parcellen, die für die Geistlichkeit
vorbehalten werden,) Bedingungen u. s. w._

^II.^ _Anweisung für Emigranten; Anzahl der angelangten Emigranten,
nebst Auszügen aus Papieren von Agenten, welche von der Regierung zur
Beaufsichtigung der Emigranten-Angelegenheiten angestellt sind._

^III.^ _Auszug aus dem in der Sitzung von 1835 erlaßnen amerikanischen
Passagier-Gesetz._

^IV.^ _Uebertragung von Capitalien._

^V.^ _Canadisches Courant._

^VI.^ _Canadische Compagnie._

^VII.^ _Brittisch-Amerikanische Land-Compagnie._


_Kron-Ländereien_, die seit 1828 bis 1833 verkauft worden sind.

Unter-Canada.

 +-----+-----------+-------------+------------------+----------------------+
 |Jahr.|Betrag des |Durchschnitts|     Betrag des   |Betrag des Kaufgeldes,|
 |     |verkauften |  Preis für  |   eingegangenen  | welches den Käufern  |
 |     |Bodens nach|  den Acker. |     Kaufgeldes   | vom Militairstande   |
 |     | Aeckern.  |             |     im ersten    |   erlassen worden    |
 |     |           |             |        Jahre.    |    ist im ersten     |
 |     |           |             |                  |        Jahre.        |
 +-----+-----------+-------------+------------------+----------------------+
 |     |           |  S.  D.     |Pfd. Sterl. S.  D.|Pfd. Sterl.   S.    D.|
 | 1828|  20,011   |  4   11     |   1,255    14  10| --    --     --    --|
 | 1829|  31,366   |  5    2-3/4 |     466     2  11| --    --     --    --|
 | 1830|  28,077   |  5    8-3/4 |     273    10   5| --    --     --    --|
 | 1831|  51,357   |  6    1-3/4 |     816    19   8| --    --     --    --|
 | 1832|  24,074   |  6    9-1/4 |   1,013     1  11|    555       10    6 |
 | 1833|  42,570   |  4    2     |   1,975    10  11|  1,936        9    3 |
 |     +-----------+             |                  |                      |
 |Summa| 197,455   |             |                  |                      |
 +-----+-----------+-------------+------------------+----------------------+

 +-----+------------------+------------------+
 |Jahr.|    Betrag des    |Gesammt-Betrag    |
 |     |   eingegangenen  |des Kaufgeldes.   |
 |     |     Erbzinses,   |                  |
 |     |    zu fünf pCt.  |                  |
 |     |   vom Kaufgelde, |                  |
 |     |  im ersten Jahre.|                  |
 +-----+------------------+------------------+
 |     |Pfd. Sterl. S.  D.|Pfd. Sterl. S.  D.|
 | 1828|     39     12   6|   5,044     9   9|
 | 1829|    307     11   0|   7,469    17   7|
 | 1830|    322      3   6|   7,461    13   5|
 | 1831|    484     14   7|  12,442     8   6|
 | 1832|    119      2   7|   6,139     6  10|
 | 1833|  --   --   --  --|   7,549     1   5|
 |     +                  +------------------+
 |Summa|                  |  46,106    11   0|
 +-----+------------------+------------------+

Die Bedingungen, unter welchen die Ländereien verkauft wurden, waren,
daß bei Käufen mit terminlicher Abzahlung, letztere in drei Jahren
vollendet sein mußte; dagegen bei Käufen mit Entrichtung von Erbzins
zu 5 Procent, das Capital nach Belieben gezahlt werden konnte. ^N. B.^
Verkäufe mit Erbzins haben im Jahr 1832 aufgehört.


Verkauf von Kron-Ländereien seit 1828 bis 1833.

Ober-Canada.

 +-----+----------+---------------+-----------------+-------------------+
 |Jahr.|Anzahl der|Durchschnitts- |    Betrag des   |   Gesammtbetrag   |
 |     |verkauften|Preis für den  |Verkauf-Geldes im|des Verkauf-Geldes.|
 |     | Aecker.  |    Acker.     |   ersten Jahre. |                   |
 +-----+----------+---------------+-----------------+-------------------+
 |     |          |  S.    D.     |Pfd. Sterl.S.  D.|Pfd. Sterl.  S.  D.|
 |1829 |   3,883  |  15    1-3/4  |    760    6   10|   2,940     17  3 |
 |1830 |   6,135  |  13    8-1/2  |  1,350   16    6|   4,209      3  6 |
 |1831 |   4,357  |  11    3-1/2  |  1,626   15    6|   2,458      1  8 |
 |1832 |  10,323  |   9    1-1/2  |  2,503    3    5|  11,578     19  3 |
 |1833 |  26,376  |   8    9-1/4  |  5,660    8    3|                   |
 |     +----------+               |                 +-------------------+
 |Summa|  51,074  |               |                 |  25,898      3  11|
 +-----+----------+---------------+-----------------+-------------------+

Die Zinsen werden jetzt an den Zahlungsterminen entrichtet. Drei
Jahr ist die Frist, nach Ablauf welcher die ganze Kauf-Summe bezahlt
werden muß. Die Verkäufe von Stadt-Parcellen, Wasser-Parcellen
und Park-Parcellen, in Ober-Canada, sind auf dieser Tabelle nicht
mit begriffen, wegen der unverhältnißmäßigen Wirkung, welche die
vergleichungsweise großen, für diese kleinen Parcellen bezahlten Summen
auf den Durchschnitts-Preis per Acker haben würden, sie werden daher
besonders auf der nächsten Tabelle angegeben. --

Stadt- und Park-Parcellen, verkauft in Ober-Canada
von 1828 bis 1833.

 +-----+----------+--------------------+-----------------+-----------------+
 |Jahr.|Anzahl der|Durchschnitts-Preis |    Betrag des   |  Gesammtbetrag  |
 |     |verkauften|      für den       |  eingegangenen  | des Kaufgeldes. |
 |     |  Aecker. |       Acker.       |    Kaufgeldes   |                 |
 |     |          |                    | im ersten Jahre.|                 |
 +-----+----------+--------------------+-----------------+-----------------+
 |     |          |Pfd. Sterl. S. D.   |Pfd. Sterl. S. D.|Pfd. Sterl. S. D.|
 |1828 |     2    |    126     0  0    |      63    0  0 |   252      0  0 |
 |1829 |  -- --   |  --   --    --     |      63    0  0 |  --  --     --  |
 |1830 |    19    |     10    10  6-1/4|      55    0  0 |   200      0  0 |
 |1831 |     3    |      8     7  6-1/2|  [60]95   12  8 |    25      2  8 |
 |1832 |    30    |     15    18  6    |      81   18  9 |   327     15  0 |
 |1833 |   114    |     14    13  9    |     634    8  6 | 1,674      9  0 |
 |     +----------+                    |                 +-----------------+
 |Summa|   168    |                    |                 | 2,497      6  8 |
 +-----+----------+--------------------+-----------------+-----------------+

Im Jahr 1829 haben keine Verkäufe stattgefunden; doch gingen in
demselben Gelder für die im vorhergehenden Jahre verkauften Parcellen
ein.


Nachstehende Tabelle enthält die Summe der bewilligten Kron-Ländereien
und die Bedingungen, unter welchen die Bewilligungen statt gefunden, --
von 1823 bis 1832.

Unter-Canada.

 +-----+--------------+------------+----------+--------------+-----------+
 |Jahr.|Ansiedlern vom| Entlaßnen  |Offizieren|  Bewilligte  |Gesammtzahl|
 |     |Militairstande|Soldaten und|bewilligte|  Ackerzahl,  |    der    |
 |     |  bewilligte  | Pensionairs|Ackerzahl.| welche unter |bewilligten|
 |     |  Ackerzahl.  | bewilligte |          |  keine der   |   Acker.  |
 |     |              | Ackerzahl. |          |vorhergehenden|           |
 |     |              |            |          |   Rubriken   |           |
 |     |              |            |          |    gehört.   |           |
 +-----+--------------+------------+----------+--------------+-----------+
 |1824 |    51,810    |    -- --   |   4,100  |    34,859    |  90,769   |
 |1825 |    32,620    |    -- --   |   1,000  |    16,274    |  49,894   |
 |1826 |     3,525    |    5,500   |   -- --  |    48,224    |  57,249   |
 |1827 |     7,640    |    6,300   |     800  |    38,378    |  53,118   |
 |1828 |     7,300    |    -- --   |   4,504  |     9,036    |  20,840   |
 |1829 |     3,200    |    -- --   |   -- --  |     5,282    |   8,482   |
 |1830 |    18,425    |    -- --   |   2,000  |    10,670    |  94,059   |
 |1831 |     9,400    |    8,273   |   3,408  |     9,990    |  30,981   |
 |1832 |    10,116    |   19,000   |   4,000  |     4,000    |  37,116   |
 |1833 |     5,200    |   22,500   |   1,200  |     -- --    |  28,900   |
 +-----+--------------+------------+----------+--------------+-----------+
 |Summa|   212,236    |   61,573   |  21,012  |   176,623    | 471,444   |
 +-----+--------------+------------+----------+--------------+-----------+

_Bedingungen_, die der Ansiedler zu erfüllen hat: -- er muß binnen
neunzig Tagen zwanzig Fuß Straße auf seiner Parcelle lichten.

_Bedingungen_ für den Ansiedler vom Militairstande: -- er ist
verpflichtet, in einem Zeitraum von drei Jahren vier Acker seiner
Parcelle zu lichten und zu cultiviren und ein Wohnhaus darauf zu
erbauen.


Ober-Canada.

 +------+-------------+------------+----------+--------------+
 |Jahr. |An Emigranten| Entlaßnen  |Offizieren|  Bewilligte  |
 |      |      vom    |Soldaten und|bewilligte|Acker, welche |
 |      |   Militair- |Pensionairs |Ackerzahl.| in keine der |
 |      |    stande   | bewilligte |          |vorhergehenden|
 |      |  vertheilte | Ackerzahl. |          |   Rubriken   |
 |      |  Ackerzahl. |            |          |   gehören.   |
 +------+-------------+------------+----------+--------------+
 |1824  |    11,100   |    5,800   |   5,500  |    134,500   |
 |1825  |    20,300   |    5,700   |   8,100  |    149,060   |
 |1826  |    16,600   |    3,100   |   4,700  |     19,390   |
 |1827  |    10,900   |    4,200   |   7,200  |     33,600   |
 |1828  |    10,800   |      900   |   3,000  |      4,304   |
 |1829  |     5,300   |    7,500   |   8,400  |      3,230   |
 |1830  |     6,400   |   12,500   |  12,600  |      9,336   |
 |1831  |     5,500   |   58,400   |   7,200  |      8,000   |
 |1832  |    19,300   |   97,800   |   7,600  |      6,100   |
 |1833  |    35,200   |   46,000   |  --  --  |      9,100   |
 +------+-------------+------------+----------+--------------+
 |Summa.|   142,100   |  241,900   |  64,300  |    376,620   |
 +------+-------------+------------+----------+--------------+

 +------+--------------+---------------+
 |Jahr. |Loyalisten[61]|  Gesammtzahl  |
 |      | bewilligte   |der bewilligten|
 |      | Ackerzahl.   |     Acker.    |
 |      |              |               |
 |      |              |               |
 |      |              |               |
 +------+--------------+---------------+
 |1824  |   30,200     |     187,800   |
 |1825  |   45,000     |     228,160   |
 |1826  |   24,800     |      69,590   |
 |1827  |   20,200     |      76,100   |
 |1828  |   30,800     |      49,804   |
 |1829  |   22,600     |      47,030   |
 |1830  |   27,400     |      68,236   |
 |1831  |   34,200     |     113,300   |
 |1832  |   62,600     |     193,400   |
 |1833  |  135,600     |     225,900   |
 +------+--------------+---------------+
 |Summa.|  433,400     |   1,258,320   |
 +------+--------------+---------------+

_Bedingung_: wirkliche Ansiedlung.


^I.^ Verkäufe und Bewilligungen von Kron-Ländereien.

Folgende Tabellen, aus parlamentarischen Urkunden entlehnt, zeigen:

1) Die Menge der in Ober- und Unter-Canada seit 1828 bis 1833
(einschließlich) _verkauften_ Kronländer, nebst dem Durchschnitts-Preis
für den Acker.

2) Stadt und Park-Parzellen, die während der nämlichen Periode in
Ober-Canada verkauft worden sind.

3) Die Menge von Kronländereien, die seit 1824 bis 1833,
(einschließlich) ohne Kauf bewilligt worden sind, nebst den
Bedingungen, unter welchen diese Bewilligungen erfolgt sind.

4) Betrag der für die Geistlichkeit vorbehaltnen Ländereien, welche in
jedem Jahre nach Beginn der Verkäufe unter Act 7 und 8 ^Geo. IV. c.^
62. veräußert worden sind.

Die im Jahr 1824, der Zeit, von welcher an die Zahlungen ihren Anfang
nehmen, in Gültigkeit tretenden Bedingungen, wurden in der Versammlung
vom 20. October, 1818 und vom 21. Februar 1820 auf gesetzlichem Wege
festgestellt und auf alle Klassen von Privilegirten ausgedehnt.

Die Bedingungen waren folgende: -- Jeder Belehnte soll von je hundert
bewilligten Ackern, fünf Acker völlig lichten und einfriedigen; auf dem
gelichteten Boden ein Haus 16 Fuß tief und zwanzig Fuß breit bauen; und
die eine Hälfte der Straße (auf der Seite seines Besitzthums, und so
weit als dieses reicht) lichten, desgleichen einen Weg von seinem Hause
nach der Straße führen. Diese Straßen-Pflichten sollen als ein Theil
_der fünf Acker von hundert_ (s. oben) betrachtet werden. Das Ganze muß
binnen zwei Jahren, vom Tage der Belehnung an gerechnet, vollendet, und
nach dargethaner Erfüllung der verzeichneten Bedingungen ein Patent
ausgefertigt werden.

»Am 14. Mai 1830 wurde bei Schenkungen an verabschiedete Soldaten
hierzu noch eine Bedingung gefügt, welche den wirklichen persönlichen
Aufenthalt des Betheiligten auf der ihm bewilligten Stelle erforderlich
macht, bevor er sein Patent ausgefertigt erhalten kann.

»Am 14. November, 1830 wurden die damals hinsichtlich der Ansiedler
Pflichten bestehenden Verordnungen in voller Versammlung aufgehoben,
und dagegen der Befehl erlassen, daß jeder Belehnte die Straßen-Hälfte
vor seiner Parcelle lichten und auf einer Strecke von zehn Fuß, in
der Mitte der Straße, die Baumstummel so tief wegschneiden soll,
daß Wagenräder darüber wegpassiren können. Der Nachweiß sowohl
dieser Pflichterfüllung als eines zweijährigen Aufenthaltes auf dem
bewilligten Grundstück berechtigt zu einem Patent.

»Blos verabschiedeten Soldaten und Seeleuten, unter diesem Gesetz, ist
es zur unerläßlichen Pflicht gemacht, drei Jahr vor Ausfertigung des
Patentes ihr respectives Grundstück zu bewohnen und zu verbessern.

»Am 24. Mai 1832 erließ die Versammlung einen Befehl, welcher in
allen Fällen, außer in dem, welcher verabschiedete Soldaten und
Seeleute betrifft, die bestehenden Anordnungen außer Kraft erklärte;
und bestimmte, daß wofern nachgewiesen würde, daß sich ein Ansiedler
auf einer Parcelle thätig niedergelassen, ein Patent ohne weiteres
ausgefertigt werden solle.

Nachfolgender Auszug ist aus einem officiellen, von Mr. _Buchanan_ und
andern von der Regierung verpflichteten Emigrations-Agenten in Canada
in Umlauf gebrachten Bericht entlehnt: --

»Emigranten, welche in den beiden Canadas fruchtbaren Boden in
wildem Zustand käuflich von der Krone zu erlangen wünschen, dürfen
auf jede nur mögliche Erleichterung und jeden Vorschub von Seiten
der öffentlichen Autoritäten zählen. Beträchtliche Boden-Strecken
werden in Ober-Canada monatlich vermessen und zum Verkauf ausgeboten,
desgleichen häufig auch aller zehn oder vierzehn Tage, von den für die
Kron-Ländereien installirten Commissionairs, und zwar zu festgesetzten
Preisen, die, je nach Lage und andern Umständen, sich bald auf zehn,
bald auf funfzehn Schillinge per Acker belaufen, ausgenommen in den
Gemeinde-Bezirken Sunnidale und Nottawasaga, wo der für Kron-Ländereien
festgestellte Preis blos fünf Schillinge beträgt. In Unter-Canada
bietet der Commissair für Kron-Ländereien zu Quebec zu bestimmten
Perioden, in verschiednen Gemeinde-Bezirken, den Acker zu 2 Schil. 6 D.
bis 12 Schil. 6 D. (Halifax-Courant), unter der Bedingung terminlicher
Zahlungen, zum Verkauf aus. Auch von der Ober-Canada-Compagnie kann
man unter sehr annehmlichen Bedingungen wilden Boden kaufen; und
solche, welche sich nach dem Besitz einträglicher Pachte sehnen, können
dergleichen ohne große Schwierigkeiten von Privat-Grundeigenthümern
erlangen. Man gehe in keinem Fall ohne _persönliche Untersuchung_
einen Kauf oder Pacht ein und sehe dabei ins besondre auf nachstehende
Eigenschaften: --

1) _Eine gesunde Lage._

2) _Guten Boden._

3) _Reines Quell- oder fließendes Wasser._

4) _Eine gute moralische und religiöse Nachbarschaft, und die Nähe von
Schulen zur Erziehung der Kinder._

5) _Auf die möglichste Nähe von guten Fahrstraßen und Wasser-Transport,
so wie von Säge und Grützmühlen._

6) _Einen guten Titel._

Für die Geistlichkeit vorbehaltne, in jedem Jahr seit Eröffnung
der Verkäufe unter den Gesetzen 7 und 8 ^Geo. IV. c.^ 62 verkaufte
Ländereien, nach Ackern.


Unter-Canada.

 +-----+----------+--------------+---------------+------------------+
 |Jahr.|Anzahl der|Durchschnitts-|Betrag des im  |  Gesammtbetrag   |
 |     |verkauften|Preis für den |ersten Jahre   |  der Kaufsumme.  |
 |     |  Acker.  |    Acker.    |eingegangenen  |                  |
 |     |          |              | Kaufgeldes.   |                  |
 +-----+----------+--------------+---------------+------------------+
 |     |          | Shl.   D.    |Pfd. St. S.  D.|Pfd. St. S.  D.   |
 |1829 |   1,100  |  4     6     |    10   0   0 |   230   0   0    |
 |1830 |   9,956  |  4     9-2/3 |   543  17   0 | 1,610   3   0    |
 |1831 |  11,332  |  7     2-1/2 |   541   7   6 | 2,665   9   3[62]|
 |1832 |   6,878  |  5     8     |   533   2   2 | 1,278  11   8    |
 |1833 |  37,278  |  8     2-1/4 | 3,454  11   6 |12,791  17   5    |
 |     +----------+              |               +------------------+
 |Summa|  66,539  |              |               |18,576   1   4    |
 +-----+----------+--------------+---------------+------------------+

Drei Jahr sind die Frist, binnen welcher die ganze Kaufsumme bezahlt
werden muß.


Ober-Canada.

 +-----+----------+--------------+----------------+----------------+
 |Jahr.|Anzahl der|Durchschnitts-| Betrag des im  | Gesammtbetrag  |
 |     |verkauften|Preis für den | ersten Jahre   | des Kaufgeldes.|
 |     |  Acker.  |    Acker.    | eingegangenen  |                |
 |     |          |              |   Kaufgeldes.  |                |
 +-----+----------+--------------+----------------+----------------+
 |     |          | Shl.   D.    |Pfd. St.  S.  D.|Pfd. St.  S.  D.|
 |1829 |  18,014  |  14    8-1/4 |  2,464   14   0|  13,229   0   0|
 |1830 |  34,705  |  13    6     |  6,153    5   9|  23,452   4   0|
 |1831 |  25,563  |  12    1-3/4 |  8,010    2  11|  17,362  12   1|
 |1832 |  48,484  |  13    3-2/4 | 10,239    9   7|  32,287  19   8|
 |1833 |  62,282  |  14    4-1/2 | 14,080   16   8|  44,747   9   9|
 |     +----------+              |                +----------------+
 |Summa| 192,049  |              |                | 131,079  14  10|
 +-----+----------+--------------+----------------+----------------+

Das ganze Kaufgeld muß nach Ablauf von neun Jahren bezahlt sein. Außer
der Kaufsumme sind bei jedem Termin auch die Interessen bezahlt worden;
wie sich aus nachstehender Uebersicht ergiebt.

 Eingelaufne Interessen im Jahr 1829 Pfd. St.   1   7  3 Courant.
     --      --     --     --   1830 --   --   62  16  1   --
     --      --     --     --   1831 --   --  259  14  9   --
     --      --     --     --   1832 --   --  473  17  2   --
     --      --     --     --   1833 --   --  854   4  3   --


II. Nachrichten für Emigranten.

Im Jahr 1832 erließ der für Auswanderung von Sr. Majestät ernannte
öffentliche Ausschuß eine kleine Schrift[63], die in gedrängter Kürze
einige nützliche Belehrung enthält. Der Ausschuß besteht nicht mehr.
An seine Stelle ist von der Regierung _J. Denham Pinnock_, Esq. als
seiner Majestät Agent zur Beförderung der Auswanderung von England
nach den brittischen Colonien ernannt. An diesen Herrn hat man sich
in Auswanderungs-Angelegenheiten beim Colonial-Bureau brieflich,
unter der Adresse: An den Colonial-Staatssecretair, zu wenden. Ein
Hauptgegenstand seines Postens ist, den Behörden der Kirchsprengel und
Landeigenthümern, welche das Auswandern von Arbeitern, Häuslern und
dergl. aus ihren respectiven Distrikten zu befördern wünschen, die
genügende Auskunft zu ertheilen und die möglichsten Erleichterungen
zu verschaffen, und zwar besonders mit Rücksichtsnahme auf die
Emigrations-Clausel der Armen-Gesetz-Amendements-Acte. Nachverzeichnete
Agenten sind in den namhaft gemachten Häfen von der Regierung ebenfalls
mit Förderung der Auswandrer-Angelegenheiten beauftragt.

 Liverpool -- -- Lieut. _Low_, ^R. N.^
 Bristol   -- -- Lieut. _Henry_, ^R. N.^
 Leith  -- -- -- Lieut. _Forrest_, ^R. N.^
 Greenock  -- -- Lieut. _Hemmans_, ^R. N.^
 Dublin    -- -- Lieut. _Hodder_, ^R. N.^
 Cork   -- -- -- Lieut. _Friend_, ^R. N.^
 Limerick  -- -- Lieut. _Lynch_, ^R. N.^
 Belfast   -- -- Lieut. _Millar_, ^R. N.^
 Sligo  -- -- -- Lieut. _Shuttleworth_, ^R. N.^

Zu Quebec, ist Herr A. C. _Buchanan_, Esq., Hauptagent der Regierung in
Auswanderungs-Angelegenheiten, stets bereit, jedem Emigranten, der um
seinen Rath nachsucht, die genügende Auskunft zu ertheilen.

Nachstehendes ist ein Auszug aus der im Jahr 1832 veröffentlichten
kleinen Schrift: --

»Ueberfahrten nach Quebec oder Neu-Braunschweig können entweder mit
oder ohne Mundvorräthe ausbedungen werden, in letzterem Fall erhält
der Passagier nichts außer Wasser, Brennmaterial und Bettstelle,
aber kein Gebett. Kinder unter 14 Jahren zahlen nur die Hälfte, und
unter 7 Jahren nur das Drittel der vollen Summe; Kinder unter 12
Monaten werden unentgeldlich mitgenommen. Unter diesen Bedingungen
beträgt das Passagiergeld von London, oder von Plätzen an der Ostküste
Britanniens, mit Mundvorräthen, gewöhnlich 6 Pfund Sterl., und ohne
Mundvorräthe, 3 Pfd. Sterl. Von Liverpool, Greenock und den Haupthäfen
Irlands ist der Preis, in Folge seltner eintretender Verzögerungen
etwas niedriger; in diesem Jahre (1832) wird er wahrscheinlich 2 Pfd.
Sterl. bis 2 Pfd. Sterl. 10 Shl. (ohne Mundvorräthe), und mit diesen
4 Pfd. Sterl. bis 5 Pfd. Sterl. betragen. Möglicher Weise dürften im
März und April von Dublin aus Ueberfahrten zu 1 Pfd. Sterl. 15 Shl.
oder gar zu 1 Pfd. Sterl. 10 Shl. zu erlangen sein; aber mit dem
Vorrücken der Jahreszeit werden die Preise stets höher. In Schiffen,
die von Schottland oder Irland aussegeln ist es meist üblich gewesen,
daß die Passagiere selbst für ihre Mundvorräthe sorgten; allein in
London ist diese Verfahrungsweise nicht so allgemein; und einige
Schiffseigenthümer, wohlbekannt mit den gefährlichen Mißgriffen, welche
in dieser Angelegenheit aus Unkenntniß gethan werden können, stemmen
sich sehr gegen die Aufnahme von Fremden, welche ihre Mundvorräthe
nicht vom Schiffe beziehen wollen. Diejenigen, welche durchaus selbst
dafür sorgen wollen, sollten darauf bedacht sein, nicht zu wenig
mitzunehmen; funfzig Tage sind die kürzeste Periode, auf welche man
sich mit Mundvorräthen versehen muß, und von London aus dauert dieselbe
bisweilen fünfundsiebzig Tage. Die besten Monate, England zu verlassen,
sind jedenfalls März und April; spätere Auswandrer finden selten
Beschäftigung und haben in der Colonie vor Eintritt des Winters weniger
Zeit vor sich.«

Aus einem gedruckten, von Mr. _Buchanan_ zu Quebec abgefaßten Aufsatz
entlehnen wir folgende Bemerkungen, (der Aufsatz datirt sich vom Juli
1835).

»Nichts ist für den Emigranten bei seiner Ankunft in Quebec wichtiger,
als genaue Erkundigung über die Hauptpunkte seines fernern Thun's.
Manche haben Mangels an Behutsamkeit halber, und weil sie den Ansichten
und Meinungen selbstsüchtige Nebenabsichten im Schilde führender
Personen, die häufig unaufgefordert ihren Rath ertheilen, und die man
gewöhnlich an den von Fremden besuchten Kaien und Landungsplätzen
findet, Gehör schenkten, schwer büßen müssen. Um sich gegen dergleichen
Fehlschritte zu sichern, sollte jeder Emigrant, gleich nach seiner
Ankunft zu Quebec, sich an das Bureau des Haupt-Agenten für Auswandrer,
in Sault-au-Matelot-Street (Unterstadt) wenden, wo er jede für seine
ferneren Unternehmungen, es mag sich nun um Ansiedlung oder Anstellung
in Ober- oder Unter-Canada handeln, erforderliche Nachweisung _gratis_
erhält. Auf dem Wege von Quebec nach dem Ort seiner Bestimmung werden
dem Auswandrer manche Entwürfe und Pläne zur Erwägung vorgelegt, allein
er mag sich ja davon abwenden, wofern sich nicht die Reinheit der
Absicht und die Richtigkeit der Angaben nachweisen läßt: in jedem Fall
nehme man, wenn man Rath und Belehrung bedarf, seine Zuflucht zu den
Regierungs-Agenten, welche die genaueste Auskunft _gratis_ ertheilen.

»Emigranten thun wohl, nach ihrer Ankunft achtundvierzig Stunden
an Bord des Schiffs zu bleiben, auch können sie während dieser
Zeit keiner ihrer gewöhnlichen Bequemlichkeiten, als da sind
Schlafstellen, Koch-Apparate u. s. w. beraubt werden, und der
Schiffsmeister ist gebunden, die Auswandrer und ihr Gepäck _kostenfrei_
an den gewöhnlichen Landungsplätzen und zu entsprechenden Stunden
auszuschiffen. _Vorzüglich mögen sie sich hüten, Wasser aus dem
Lawrence Fluß zu trinken, denn sein Genuß erzeugt bei Fremden leicht
Leibschneiden und andre Unterleibsbeschwerden._

»Will man sein englisches Geld umwechseln, so gehe man zu einem
achtbaren Kaufmann oder Krämer, oder an die Banken: der Dollar Courant
(Halifax Courant), in den beiden Canadas, ist gleich fünf Shilingen
(engl. Geld); gegenwärtig gilt der Gold-Souverain zu Quebec und
Montreal ungefähr 1 Pfd. Sterl. 4 S. 1 D. Courant. In New-York ist der
Dollar gleich 8 Shl., daher sich manche täuschen, wenn sie von den
Arbeitslöhnen u. s. w. hören. -- 5 Shl. in Canada sind gleich 8 Shl. in
New-York; demgemäß sind 8 Shl. New-Yorker Courant gleich 5 Shl. Halifax
Courant.

»Emigranten, die sich in Unter-Canada anzusiedeln oder Anstellung zu
erhalten wünschen, können auf manche wünschenswerthe Lage zählen.
Wilder Boden kann durch Kauf von dem mit dem Verkauf der Kronländer
bevollmächtigten Commissair in verschiednen Gemeinde-Bezirken der
Provinz erlangt werden, und die Brittisch-amerikanische Land-Compagnie
trifft die ausgedehntesten Vorbereitungen, um in den östlichen
Gemeinde-Bezirken Ländereien an Emigranten zu verkaufen.

»Ländliche Arbeiter sind in allen Distrikten von Ober-Canada sehr
gesucht und können bei gehörigem Fleiß sehr hohe Löhne erhalten;
Handwerker fast jeder Art, und gute Dienstboten, sowohl männliche als
_weibliche_, finden ebenfalls sogleich Anstellung.

»Emigranten, welche entweder auf der Ottawa oder St. Lawrence Straße
nach Ober-Canada reisen, thun wohl, sich zu Montreal mit Mundvorräthen,
als da sind Brod, Thee und Butter zu versorgen, indem sie diese
Artikel, daselbst billiger und _besser_ kaufen können als unterwegs,
bis sie Kingston erreichen. Desgleichen mögen sie sich so sehr als
möglich vor dem Genuß _spirituöser Flüssigkeiten und dem Trinken
kalten Fluß-Wassers_ oder dem Lagern auf den Fluß-Ufern, der feuchten
Nachtluft ausgesetzt, hüten; es ist gut, wenn sie sogleich vom
Dampfbote zu Montreal ihren Weg nach dem _Eingang des Cannals_ oder
Lachine nehmen, von wo aus täglich die Dampf- und Durham-Böte nach
Prescott und Bytown abgehen. Die ganzen Unkosten für den Transport
eines erwachsenen Emigranten von Quebec nach Toronto, und dem Ursprung
des Sees Ontario auf Dampf- und Durham-Böten betragen nicht über 1
Pfd. Sterl. 1 Shl. -- Kingston, Belleville, die Bai von Quinte hinauf,
Cobourgh und Port Hope, im Newcastle Distrikt, Hamilton und Niagara
am Ursprunge des Sees Ontario, sind bequeme Rastplätze für Familien,
welche sich in Ober-Canada ankaufen wollen.

Unter den zur Förderung der Auswandrer zu Montreal gebildeten
Gesellschaften herrscht große Eifersucht; daher der Emigrant wohl thut,
etwas vorsichtig zu verfahren, ehe er hinsichtlich seines Transports
nach Prescott oder Kingston abschließt, vorzüglich muß er diejenigen
Personen vermeiden, die sich um die Dampfböte bei deren Ankunft
zu Montreal drängen und ihre Dienste zur weiteren Beförderung der
Passagiere u. s. w. anbieten. Eben so ist zu Prescott oder Kingston bei
Auswahl eines regelmäßigen Transports, den See Ontario hinauf, einige
Vorsicht nöthig. Vorzüglich rathe ich den Emigranten, welche sich in
Ober-Canada niederlassen wollen, sich in Montreal nicht aufzuhalten und
Geld für Logis wegzugeben, sondern gleich nach Ankunft des Dampfbootes
nach Bytown oder Prescott aufzubrechen.

Tagelöhner oder Handwerker, die hinsichtlich ihres Lebensunterhaltes
von sofortiger Anstellung abhängen, dürfen nicht säumen, gleich nach
ihrer Ankunft ihren Weg in das Innere zu nehmen. Der Haupt-Agent
pflegt diejenigen, welche über _vier Tage_ nach ihrem Eintreffen an
den Landungs-Plätzen umherzaudern, als jedes Anspruchs auf den Schutz
der königlichen Agenten zu seiner Beförderung oder Anstellung ledig zu
erachten, es müßte denn Krankheit oder eine andre genügende Ursache
dieses Zögern nöthig machen.


  Vergleichende Tabelle, die Anzahl von Auswandrern betreffend, welche
  seit 1829 bis 1834 (einschließlich) zu Quebec angelangt sind.

 +-----------------+--------+--------+--------+--------+--------+--------+
 |                 |  1829. |  1830. |  1831. |  1832. |  1833. |  1834. |
 |                 +--------+--------+--------+--------+--------+--------+
 | England und   } |        |        |        |        |        |        |
 | Wales         } |  3,565 |  6,799 | 10,343 | 17,481 |  5,198 |  6,799 |
 | Irland          |  9,614 | 18,300 | 34,133 | 28,204 | 12,013 | 19,206 |
 | Schottland      |  2,643 |  2,450 |  5,354 |  5,500 |  4,196 |  4,590 |
 | Hamburg und   } |        |        |        |        |        |        |
 | Gibraltar     } |    --  |  --    |    --  |     15 |    --  |    --  |
 | Neuschottland,} |        |        |        |        |        |        |
 | Neufundland,  } |        |        |        |        |        |        |
 | West-Indien   } |        |        |        |        |        |        |
 | u. s. w.      } |    123 |    451 |    424 |    546 |    345 |    339 |
 |                 | ------ | ------ | ------ | ------ | ------ | ------ |
 | Summa.          | 15,945 | 28,000 | 50,254 | 51,746 | 21,752 | 30,935 |
 +-----------------+--------+--------+--------+--------+--------+--------+

Die Gesammtzahl der zu Quebec seit 1829 bis 1834 angelangten Emigranten
beläuft sich auf 198,632 Köpfe. Man wird bemerken, das die Anzahl in
den Jahren 1831 und 1832 ihre Höhe erreicht hat, und dann (1833)
wieder sehr tief gefallen ist.

Vertheilung der 30,935, im Jahr 1834 zu Quebec angelangten Emigranten:
--


Unter-Canada.

 Stadt und Distrikt Quebec                                     1,500
 Distrikt Three Rivers (drei Flüsse)                             350
 Distrikt St. Francis und östliche Gemeinde-Bezirke              640
 Stadt und Distrikt Montreal                                   1,200
 Ottawa Distrikt                                                 400
                                                              ------
                                                               4,090

Ober-Canada.

 Ottawa, Bathurst, Midland und östliche Distrikte           }
 bis Kingston, einschließlich                               }  1,000

 Distrikt Newcastle, und Stadtbezirke in der Nachbarschaft  }
 der Bai von Quinte                                         }  2,650

 Toronto und der Home Distrikt, welcher die Niederlassungen }
 um den See Simco in sich schließt.                         }  8,000

 Hamilton, Guelph und Huronen-Gebiet nebst den              }
 angrenzenden Ländereien                                    }  2,600

 Niagara Grenze und Distrikt, welche die Linie              }
 des Welland Canals und nur den Anfang des                  }
 Sees Ontario bis Hamilton in sich begreift.                }  3,300

 Niederlassungen, welche an den Erie-See grenzen            }
 und den London Distrikt, die Adelaide-Ansiedlung           }
 und das Land bis zum See St. Clair in sich                 }
 begreifen                                                  }  4,600
                                                              ------
                                   Summa (für Ober-Canada)    22,210

 An der Cholera in Ober- und Unter-Canada
 gestorben                                                       800

 Nach dem Vereinigten Königreich zurückgekehrt                   350

 Nach den Vereinigten Staaten gegangen                         3,485
                                                              ------
                                                               4,635

 Von 30,935 Emigranten, welche im Jahr 1834
 zu Quebec anlangten, waren:

 Freiwillige Emigranten                29,041
 Von ihren Kirchsprengeln unterstützt   1,892
 Männer                                13,565
 Weiber                                 9,685
 Kinder unter vierzehn Jahren           7,681

Emigranten, welche es vorziehen, über New-York nach Canada zu gehen,
können sich bei dem brittischen Consul zu New-York (_James Buchanan_,
Esq.) Rath in ihren Angelegenheiten erholen. Vormals konnte dieser
für Emigranten, welche fest entschlossen waren, sich in Canada
niederzulassen, Erlaubniß auswirken, ihre Baggage und Effecten zollfrei
zu landen; aber in einem Briefe vom 16 März 1835 sagt er: --

»Zufolge einer Abänderung in dem wirklich lieberalen, bisher in diesem
Hafen üblichen Verfahren, wonach es den hierselbst landenden Emigranten
erlaubt war, ihr Gepäck, bestehend in Haus und Ackergeräth, ohne
Umpacken oder Abgabe durch New-York nach seiner Majestät Provinzen
zu transportiren, vorausgesetzt daß dieses Gepäck nichts außer den
namhaft gemachten Artikeln enthielt, betrachte ich es für meine
Pflicht, bekannt zu machen, daß gegenwärtig alle in diesem Hafen
anlangenden Artikel von Emigranten, auf ihrem Durchwege nach Canada,
der nämlichen Inspection unterworfen werden, als wenn dieselben in den
Vereinigten Staaten zurückbleiben, und die nämlichen Zölle, wie diese,
zu entrichten haben. Ich will bei dieser Gelegenheit noch bemerken, daß
alle Artikel, deren ein neuer Ansiedler bedarf, in Canada zu billigern
Preisen zu haben sind, als sie vom Vaterlande hierher transportirt
werden können, wozu noch kommt, daß sie der neuen Heimath angemessen
sind.«

Der Unterschied zwischen den beiden Routen, wovon die eine über Quebec,
die andre über New-York nach Ober-Canada führt, besteht hauptsächlich
darin, daß der Hafen von New-York das ganze Jahr hindurch offen
ist, während die Fahrt auf dem St. Lawrence nach Quebec und Montreal
langweilig, und der Fluß blos acht Monate im Jahre offen ist. Indeß ist
letztre die billigere Route. Wer es aber nur einigermaßen daran wenden
kann, zieht den Weg über New-York vor, weil er nicht nur der bequemste
sondern auch der fördersamste nach Ober-Canada ist.

Die Reise-Route führt nach einer gedruckten, von dem brittischen
Consul zu New-York herausgegebnen Bestimmung und Albanien von New-York
durch den Erie-Canal nach allen Theilen von Ober-Canada, westlich von
Kingston über Oswego und Buffalo: --

 Von New-York nach Albanien  160 } (engl.) Meilen
 Von Albanien nach Utica     110 } mittels Canalfahrt,
 Von Utica nach Syrakus       55 } auf
 Von Syrakus nach Rochester   99 } Dampfbooten
 Von Rochester nach Buffalo   93 } oder Postwagen.

Gesammt-Unkosten von Albanien nach Buffalo, auf dem Canal, mit
Ausschluß von Lebensmitteln, für einen erwachsnen Passagier (die Fahrt
dauert gewöhnlich sieben oder acht Tage) 3 Dollars, 63 Cents mittels
Packet-Böten; mit Einschluß von Lebensmitteln, bei einer Fahrt von
sechs Tagen 12-1/4 Dollars.

»Ditto mittels der Postkutsche, binnen 3-1/2 und vier Tagen -- 13 bis
15 Dollars.

»Ditto von Albanien nach Oswego auf Canälen, bei einer Fahrt von 5
Tagen -- 2-1/2 Dollars.

»Ditto mittels der Postkutsche, (zweitägige Fahrt) -- 6-1/2 bis 7
Dollars.

»Eine mäßige Menge Gepäck wird unentgeldlich mitgenommen.

Reise-Route von New-York nach Montreal, Quebec und allen Theilen von
Unter-Canada: --

»Von New-York nach Albanien, 160 (engl.) Meilen mittels Dampfboot, 1
bis 3 Dollars, mit Ausschluß Von Lebensmitteln.

»Von Albanien nach Whitehall, auf Canälen, 73 engl. Meilen, 1 Dollar;
auf dem Postwagen 3 Dollars.

»Von Whitehall nach St. John's, mittels Dampfboot, der Lebensunterhalt
eingerechnet, in der Cajüte 5 Dollars; Deck-Passage, ohne
Lebensunterhalt 2 Dollars.

»Von St. John's nach Laprairie, 16 engl. Meilen, mittels Postwagen, 5
bis 7 Schl. 6 D.

»Von Laprairie nach Montreal, auf dem Fähr-Dampfboote, (8 engl. Meilen)
6 D.

»Von Montreal nach Quebec mittels Dampfboot, 180 (engl.) Meilen, in der
Cajüte (mit Kost) 1 Pfd. St. 5 Schl. Deck-Passage, ohne Kost 7 Schl. 6
D.

»Diejenigen, welche nach den östlichen Gemeinde-Bezirken von
Unter-Canada, in der Nachbarschaft von Sherbrooke, Standstead u. s.
w. wandern wollen, müssen ihren Weg nach St. John's nehmen, von woaus
gute Straßen nach sämtlichen östlichen Ansiedlungen führen; nehmen
sie ihren Weg nach dem Fluß Ottawa, so müssen sie von Montreal und
Lachine ausgehen, indem von hier aus Postwagen, Dampfböte und andre
kleine Fahrzeuge (Kähne) nach Granville, Hull und Bytown, so wie auch
nach Chateauguay, Glengary, Cornwall, Prescott und sämmtlichen Theilen
unterhalb Kingston segeln.

»Die Emigranten können sich des Rathes und Beistandes folgender Herren
bedienen: -- zu Montreal _Carlisle Buchanan's_ Esq.; zu Prescott, _John
Patton's_ Esq.«


 Emigranten-Zahl, welche im Verlauf von
 sechs Jahren, nämlich seit 1829 bis 1834 von
 dem Vereinigten Königreich zu New-York
 angelangt ist.

 +----------+----------+---------+-------------+-------------+
 |  Jahr.   | England. | Irland. | Schottland. | Gesammtzahl |
 +----------+----------+---------+-------------+-------------+
 |  1829    |   8,110  |  2,443  |       948   |    11,501   |
 |  1830    |  16,350  |  3,497  |     1,584   |    21,433   |
 |  1831    |  13,808  |  6,721  |     2,078   |    22,607   |
 |  1832    |  18,947  |  6,050  |     3,286   |    28,283   |
 |  1833    |  -- --   |  -- --  |     -- --   |    16,000   |
 |  1834[64]|  -- --   |  -- --  |     -- --   |    26,540   |
 |          |          |         |             +-------------+
 |          |          |         | Gesammtzahl.|   126,464   |
 +----------+----------+---------+-------------+-------------+


III. Amerikanische Passagier-Acte.

Der 9. ^Geo. IV. c.^ 21, gemeiniglich die amerikanische Passagier-Acte
genannt, wurde während der Session 1835 widerrufen, und an ihrer Stelle
eine neue Verordnung (5 und 6 ^Will. IV., c.^ 53.) erlassen. Diese
neue Acte hat zum Zweck, so sehr als möglich und wirksamer als die
frühere, die Gesundheit und das Gedeihen der Auswandrer an Bord von
Passagier-Schiffen zu sichern. Zufolge einer Clausel müssen Copien
oder Auszüge auf dergleichen Schiffen zur Einsicht der Passagiere
unterhalten werden, damit diese hierdurch Gelegenheit haben, sich von
der Erfüllung des Gesetzes zu überzeugen; allein die Entdeckung irgend
einer Verletzung der gesetzlichen Verordnungen dürfte zu einer Zeit
gemacht werden, wo es in dem besondern, gerade vorliegenden Falle,
zu spät ist, insofern es sich um die Bequemlichkeit oder gar um die
Gesundheit der Passagiere handelt, Abhülfe zu leisten. Es steht daher
zu hoffen, daß die menschenfreundlichen Absichten der Gesetzgebung
durch keine Nachlässigkeit von Seiten derjenigen (vorzüglich der
Zoll-Beamten) vereitelt werden, welchen die Pflicht obliegt, dafür
zu sorgen, daß den Bestimmungen der Acte genügt werde, ehe das
Passagier-Schiff den Hafen verläßt.

Kein Passagier-Schiff darf mehr als drei Personen auf jede fünf Tonnen
einregistrirte Last am Bord enthalten. Desgleichen dürfen sich, was
auch immer der Tonnengehalt sein mag, nicht mehr Passagiere an Bord
befinden, als die gesetzliche Bestimmung des Raums gestattet, nach
welcher auf je zehn Fuß Flächengehalt des untern Decks, die nicht von
Gütern oder Vorräthen, außer dem Gepäck der Reisenden, eingenommen
sind, eine Person gerechnet wird.

Schiffe mit mehr als einem Deck müssen mindestens fünf und einen halben
Fuß Zwischendeckraum haben; und hat ein Schiff blos ein Deck, so muß
unter das Deck eine Plattform dergestalt gelegt werden, daß dazwischen
ein Raum von wenigstens fünf und einem halben Fuß Höhe übrig bleibt;
auch darf ein solches Schiff nicht mehr als zwei Reihen Schlafstellen
haben. Schiffe mit einer doppelten Reihe Schlafstellen müssen einen
Zwischenraum von mindestens sechs Zoll zwischen dem Deck oder der
Plattform und dem Boden der untern Reihe in ihrer ganzen Ausdehnung
haben.

Passagier-Schiffe müssen folgende Vorräthe und in folgendem Verhältniß
führen: --

Reines Wasser, für jeden Passagier gegen fünf Gallonen auf jede Woche
der Reise. Das Wasser muß in Tanks oder verkohlten (Frischwasser-)
Fässern aufbewahrt werden.

Sieben Pfund Brod, Schiffszwieback, Hafermehl oder andre Brodstoffe,
auf jede Woche für jeden Passagier; Kartoffeln können bis zu einem
Drittel des gesammten Mundvorrathes hinzugefügt, aber sieben Pfund
Kartoffeln müssen einem Pfund Brod oder Brodmehl gleich gerechnet
werden. Die Dauer der Reise nach Nord-Amerika wird auf zehn Wochen
geschätzt, demgemäß müssen für jeden Passagier funfzig Gallonen Wasser
und siebzig Pfund Brod oder Brodmehl mitgenommen werden.

Beläuft sich die Anzahl der Passagiere auf hundert Köpfe, so muß der
Schiffseigner für einen praktischen Arzt sorgen; wenn darunter, so
müssen Arzneimittel in hinreichender Menge und von den erforderlichen
Arten, als ein Theil der nothwendigen Vorräthe, mitgenommen werden.

Passagier-Schiffen ist nicht erlaubt, an spirituösen Getränken,
als Waare, über ein Zehntel von derjenigen Quantität auszuführen,
welche, ohne diese Beschränkung, die Zollbeamten, den Proviantlisten
eines solchen Schiffs gemäß, blos für den Gebrauch der Passagiere
(und je nach deren Anzahl,) mitzunehmen verstatten würden. Gewiß
eine wichtige Maßregel, welche buchstäblich befolgt werden sollte.
Die starke Versuchung, wovon die an einen engen Raum gefesselten
Passagiere in Folge der Langenweile, welche eine dergleichen Seereise
erzeugt, ergriffen werden, hat häufig den Vermögensumständen, der
Behaglichkeit und Gesundheit manches Emigranten bedeutenden Nachtheil
gebracht, besonders wenn der Schiffsmeister für einen tüchtigen
Branntwein-Vorrath gesorgt hatte.

Bei Aufzählung der Passagiere werden _zwei_ Kinder über sieben aber
unter vierzehn, oder _drei_ unter sieben Jahren für einen Passagier
gerechnet. Kinder unter _zwölf Monaten_ werden nicht mit gezählt.

Jeder Passagier ist berechtigt, achtundvierzig Stunden hindurch,
nachdem das Schiff an dem Orte seiner Bestimmung angelangt ist, an Bord
zu bleiben, und muß für diese Zeit mit den erforderlichen Mundvorräthen
versorgt werden. Emigranten mit beschränkten Mitteln können auf diese
Weise viele Unannehmlichkeiten und Kosten vermeiden, indem sie sich
über die Marschroute, welche sie zu nehmen gedenken, berathen, anstatt
zu landen und in den theuern Wirthshäusern und Restaurationen eines
See-Hafens Zeit und Geld zu verschwenden.

Schiffsmeister müssen Cautionen von 1,000 Pfd. St. zahlen, als Garantie
für die treue Erfüllung der ihnen durch die Acte auferlegten Pflichten.
Die wegen einer Uebertretung des Gesetzes zu zahlende Strafe beläuft
sich nicht unter _fünf_, und nicht über _zwanzig_ Pfd. Sterl.

Die von der Regierung in den verschiednen Häfen angestellten Agenten,
oder die Zoll-Beamten werden ohne Zweifel Passagieren, welche um
ihren Rath hinsichtlich einer Verletzung der Bestimmungen der Acte
nachsuchen, jeden Verschub leisten, und die zu ergreifenden Maßregeln
anzeigen.

Herrscht hinsichtlich der Tüchtigkeit eines zum Absegeln bereiten
Schiffes irgend ein Zweifel, so sind die Zoll-Einnehmer und
Zoll-Controlleurs ermächtigt, dasselbe besichtigen zu lassen.
Passagiere, welche über die Zeit hinaus, wo das Schiff der Verabredung
gemäß auslaufen sollte, aufgehalten werden, muß der Schiffsmeister auf
seine Unkosten unterhalten; sorgen sie selbst für ihre Mundvorräthe, so
ist er gehalten, jedem für einen Tag Aufschub, den nicht Unwetter oder
eine andre unvermeidliche Ursache erheischt, einen Schilling zu zahlen.


IV. Uebertragung von Capitalien.

Es ist, wie sich von selbst versteht, für Emigranten von großer
Wichtigkeit, was sie irgend an Capital über die erforderlichen Unkosten
der Reise u. s. w. besitzen, auf dem sichersten und vortheilhaftesten
Wege nach Canada zu senden, sowohl die Brittisch-Amerikanische
Land-Compagnie als die Canada-Compagnie sind hierin den Emigranten
behülflich, indem sie Pfänder und Credit-Briefe auf ihre Agenten in
Canada annehmen. Es ist unsicher und unklug eine größere Summe bares
Geld bei sich zu führen, als gerade zur Bestreitung der nothwendigen
Reisekosten hinreicht, indem man eine doppelte Gefahr läuft, nämlich
sein Geld zu verlieren, oder es zu vergeuden. Emigranten, die sich in
ihren Geldangelegenheiten nicht an eine der beiden zuvor erwähnten
Compagnien wenden wollen, würden daher wohl thun, sich von einem
achtbaren Hause in dem Vereinigten Königreiche einen Credit-Brief auf
die Bank zu Montreal ausstellen zu lassen.


V. Canadisches Courant.

In sämmtlichen Brittisch-Nord-Amerikanischen Colonien werden Rechnungen
und Preise, eben so wie in England, in Pfunden, Schillingen und Pence
ausgedrückt. Man unterscheidet übrigens zwischen Courant oder Halifax
Courant, und Sterling oder Brittisch Sterling.

Ein Pfund Halifax-Courant oder Courant, wie es schlecht weg genannt
wird, besteht aus vier spanischen Dollars. Der Dollar zerfällt in fünf
Theile -- im Spanischen Pistoreens genannt, wovon jeder ein Schilling
genannt wird. Jeder dieser Schillinge oder Pistoreens ist wiederum in
zwölf Theile, Pence genannt, getheilt, aber uneigentlich, da es keine
Münze giebt, die einer solchen Unterabtheilung entspräche. Um dem
Bedürfniß abzuhelfen, sind eine große Anzahl Kupfermünzen im Umlauf,
wozu der alte englische Halfpenny, der Halfpenny neuern Gepräges,
der Penny, der Farthing und der amerikanische Cent gehören; alle
und jede gelten als der vierundzwanzigste Theil des Pistoreen oder
Colonial-Schillings. Pence sind in der That nicht bekannt, wiewohl fast
jede Art von Kupfermünze als der vierundzwanzigste Theil des Pistoreen
genommen wird[65].

Zu einer Zeit, als der spanische Dollar, das Achtelstück, wie es
damals hieß, feiner und schwerer als die jetzt im Umlauf befindliche
Münze war, betrug sein Werth nach dem Münz-Silber-Preise 4 Schl. 6 D.
Sterling, und 90 Pfd. Sterl. waren gleich 100 Pfd. Courant.


IV. Die Canada Compagnie.

Die Canada-Compagnie wurde im Jahr 1826 durch einen königlichen
Freibrief und eine Parlaments-Acte confirmirt. Nachstehendes sind
Auszüge aus dem Prospect der Compagnie: --

»Die Canada-Compagnie hat in fast jedem Theil von Ober-Canada
Ländereien zum Verkauf bereit, unter Bedingungen, welche jedenfalls
höchst vortheilhaft für den Emigranten sind, da er beim Abschluß
des Kaufs blos ein Fünftel vom Kaufgelde an die Compagnie baar zu
entrichten braucht, und das Uebrige in fünf einjährigen, auf einander
folgenden Terminen, (also in einem Zeitraum von fünf Jahren) nebst
Interessen entrichten kann, so daß er bei gehöriger Betriebsamkeit den
Saldo von den Erzeugnissen des Bodens abzutragen vermag.

»Ländereien der Canada-Compagnie sind von dreierlei Art, nämlich: --

Hier und da ausgestreute Reserve-Ländereien.

Länder-Striche (^Blocks or tracts of land^) jeder von 1,000 bis 40,000
Aecker.

Der Huronen-Tract, welcher über 1,000,000 Aecker enthält.

»_Zerstreut liegende Reserve-Ländereien._ Die zerstreuten
Kron-Ländereien sind Parcellen von hundert bis zweihundert Acker eine
jede, durch fast jeden Gemeinde-Bezirk in der Provinz vertheilt,
und an der Boden-, Klima-Beschaffenheit u. s. w. jedes besondern
Gemeinde-Bezirks Theil habend. Dergleichen Ländereien sind vorzüglich
denjenigen zu empfehlen, welche Freunde und Verwandte in ihrer
Nachbarschaft angesiedelt zu sehen wünschen, und kann der Acker zu 8
Schl. 9 D. bis zu 25 Schl. gekauft werden.

»_Länder-Blöcke oder Trakte_ (^Blocks of Land^). Die Blöcke oder Trakte
liegen ganz in dem Theil der Provinz, der sich westwärts vom Ursprunge
des Sees Ontario hindehnt, und enthalten Fluren, die, was Boden, Klima,
Ergiebigkeit u. s. w. anlangt, jedem andern Theil des Festlandes von
Amerika gleichen, wo nicht überlegen sind. Diese verdienen mithin die
Aufmerksamkeit von Emigranten-Gemeinden, die als Landsleute, oder durch
Verwandtschaft, Freundschaft, Religion oder andre Banden mit einander
verknüpft, sich zusammen niederzulassen wünschen.

Der größte Block dieser Art im Besitz der Compagnie ist der
Stadt-Bezirk Guelph, der über 40,000 Acker enthält, wovon die größere
Hälfte bereits verkauft ist; und hier hat sich im Verlauf nur
weniger Jahre eine Stadt erhoben, welche Kirchen, Schulen, Magazine,
Wirthshäuser und Mühlen in sich begreift, und wo man Handwerker und
Gewerbtreibende jeder Art und eine sehr achtbare Gesellschaft finden
kann.

»_Das Huronen-Gebiet._ Dies ist ein Strich des besten Landes in
Amerika, durch welches die Canada-Compagnie zwei Straßen, so gut als es
nur ein neu urbar gemachtes Land zuläßt, über hundert englische Meilen
weit gehauen hat.

»Die Bevölkerung daselbst nimmt von Tag zu Tag zu.

»Die Stadt Goderich, an der Mündung des Flusses Maitland, am
Huronen-See, ist sehr blühend und enthält verschiedne treffliche
Vorraths-Häuser und Kaufläden, worin der Emigrant die ihm nothwendigen
Artikel zu billigen Preisen erhalten kann. Es ist daselbst eine gute
Schule errichtet worden, die stark besucht wird; desgleichen eine
englische Kirche, worin ein presbyterianischer Geistlicher Gottesdienst
hält; und da die Kirchen in Ober-Canada gegenwärtig besonders durch
freiwillige Beiträge ihrer respectiven Versammlungen unterhalten
werden, so kann man sich von dem achtbaren Charakter der Bewohner
dieser Ansiedlung und der Nachbarschaft eine Vorstellung machen.

»Die Stadt und der Stadt-Bezirk Goderich enthalten ungefähr tausend
Einwohner; und seit dem das von der Compagnie zur Bequemlichkeit ihrer
Ansiedler erbaute Dampfboot seinen Lauf zwischen Goderich und Sandwich
begonnen hat, ist eine bedeutende Zunahme in dem Verkehr und dem
Gedeihen der Niederlassung wahrzunehmen.

In diesem Distrikt sind vier gute Säge-Mühlen, drei Grütz-Mühlen,
und in der Nachbarschaft einer jeden findet man gut gefüllte
Vorraths-Häuser. Und da das ganze Gebiet vier Millionen Acker enthält,
wovon die größere Hälfte dem Verkehr offen ist, so kann ein Emigrant
oder eine Emigranten-Gesellschaft, wie groß sie auch sein mag, in
Auswahl einer je für ihre Zwecke, wie verschiedenartig diese auch
sein mögen, günstigen Lage auf keine Schwierigkeit stoßen. Der Preis
dieser Ländereien beläuft sich von 11 Schl. 3 D. bis auf 15 Schl.
Provinzial-Courant, oder auf 11 Schl. bis 13 Schl. 6. D. Sterl. ^per^
Acker.«

Emigranten, welche sich mit der Compagnie zu besprechen wünschen,
müssen sich an den Secretair, John Perry Esq., St. Helen'splace,
Bishopsgate-Street, London, oder an die Agenten der Compagnie der Häfen
wenden.


^VII.^ Brittisch-amerikanische Land-Compagnie.

Die brittisch-amerikanische Land-Compagnie berichtet in ihrem Prospect,
daß sie von der brittischen Regierung ziemlich eine Million Acker
in den Grafschaften Shefford, Stanstead und Sherbrooke, und zwar in
den sogenannten östlichen Gemeinde-Bezirken von Unter-Canada gekauft
habe. Diese Gemeinde-Bezirke begreifen einen Strich Landes in sich,
der auf der Südseite des St. Lawrence, zwischen 45° und 46-1/2°
nördlicher Breite und 71° und 73° westlicher Länge liegt. Dieser Tract,
welcher zwischen fünf und sechs Millionen Acker enthält, ist in acht
Grafschaften, und diese sind wiederum in ungefähr hundert Stadt- oder
Gemeinde-Bezirke getheilt. Besagte Gemeinde-Bezirke erfreuen sich
eines wichtigen Vortheils in ihrer geographischen Lage. Auf der einen
Seite haben sie einen leichten Zugang von Montreal, Quebec und Three
Rivers, den Schiffer-Hafen und großen Märkten der beiden Canadas; auf
der andern von New-York den Hudson River hinauf und durch den See
Champlain, so wie auch von Boston und andern Theilen der atlantischen
Küste. Zufolge ihrer gedrängten und zusammenhängenden Lage können sie
durchgängig sowohl auf leichten Verkehr und gegenseitige Unterstützung
als auch auf allgemeine Theilnahme an allen örtlichen Verbesserungen
zählen.

»Die Bedingungen, unter welchen die Compagnie ihre Ländereien
veräußert, sind, je nach Lage, Beschaffenheit und besondre Vortheile,
welche die verschiednen Parcellen besitzen mögen, verschieden; im
Allgemeinen indeß sind sie zu 4 Schl. bis 6 Schl. Courant ^per^
Acker käuflich, und in allen Fällen muß ein Theil der Kaufsumme als
Unterpfand angezahlt werden, und zwar bei den höher geschätzten
Parcellen der fünfte, und bei den niedriger geschätzten der vierte
Theil.

»Der Saldo muß alsdann nach und nach in sechs auf einander folgenden
einjährigen Terminen, nebst den in der Provinz gesetzmäßigen Zinsen,
und zwar vom Tage des Kaufabschlusses an gerechnet, abgetragen werden;
sollten indeß Käufer geneigt sein, die Zahlungen früher zu leisten, so
dürfen sie sich die Zeit dazu nur wählen.

»Der Preis für einen Bauplatz zu Port St. Francis im laufenden Jahre
(1835) ist 12 Pfd. Sterl. 10 Schl., mit Anzahlung von 5 Pfd. Sterl.
in baarem Gelde, und der Saldo ist nebst Interessen in Jahres-Frist
abzutragen.

»Anzahlungen für Grund und Boden, den der Emigrant bei seiner Ankunft
im Lande wählen kann, nimmt die Compagnie in London an.

»Nach der zwischen der königlichen Regierung und der Compagnie
geschloßnen Uebereinkunft sind 50,000 Pfd. Sterl. von dem Kaufgelde,
welches letztre bezahlt hat, von derselben auf öffentliche Werke und
Verbesserungen, als z. B. Landstraßen, Brücken, Canäle, Schulhäuser,
Märkte, Häuser, Kirchen und Prediger-Wohnungen zu verwenden. Dies
ist eine höchst wichtige Bestimmung, die sich für den Ansiedler
nothwendiger Weise in hohem Grade wohlthätig erweisen muß, insofern sie
ihm die Verbesserung und das Gedeihen des Distrikts zusichert. Die
Anlegung von Straßen und andern leichten Communicationen ist das größte
Bedürfniß eines neuen Landes; und die Verwendung von Capital auf Werke
dieser Art, welche die Kräfte und Mittel von Privatleuten übersteigen,
ist der beste Weg, auf welchem eine erfolgreiche Niederlassung
befördert und vollendet werden kann.

»Die Verwendung der oben namhaft gemachten ansehnlichen Summe sichert
zu gleicher Zeit dem redlichen und fleißigen Arbeiter, unmittelbar nach
seiner Ankunft, Anstellung und Erwerb.«

Das Verwaltungs-Bureau der Brittisch-amerikanischen Land-Compagnie ist
zu London, (Barge-Yard, Bucklersbury); dieselbe hat auch Agenten an den
verschiednen Hafen-Orten.

  [Illustration: Dekoration]

  [Illustration: Charte, worauf die Binnen-Schifffahrt der
  Distrikte Newcastle und Ober-Canada verzeichnet ist.]

Fußnoten:

[60] Diese Summe ist in dem Parlaments-Rechnungs-Abschluß angegeben,
aber wahrscheinlich soll anstatt 9, 1 stehen.

[61] V. E. (^U. E.^) Loyalisten bedeutet: vereinigte englische
Loyalisten, das ist solche, die beim Ausbruch des amerikanischen
Freiheits-Krieges aus den Vereinigten Staaten flohen. Die in obigen
Rubriken verzeichneten Schenkungen gehen meistentheils die Kinder
dieser Individuen an.

[62] Bei Verkäufen auf Erbzins zu 5 pCt., kann das Capital (Kaufsumme)
nach Belieben abgezahlt werden.

^N. B.^ Verkäufe auf Erbzins haben im Jahr 1832 aufgehört.

[63] ^Information published by His Majesty's Commissioners for
Emigration, respecting the Brittish Colonies in North America, Lond. C.
Knight, 1832.^

[64] Die Angaben für 1834 reichen blos bis zum 20. November selbigen
Jahres.

[65] Die Amerikaner haben auch ihren 1. ^s.^ (Schilling), welcher
dem achten Theil eines Dollars oder 12-1/2 Cent. gleich ist. Es ist
nichts Ungewöhnliches, den Emigranten sich rühmen zu hören, daß er in
New-York täglich 10 Schillinge verdienen könne. Er weiß nicht, daß ein
Dollar, welcher acht dergleichen Schillingen gleich ist, in England nur
4 Schilling, 2 D. gilt, und daß mithin der amerikanische Schilling,
im Vergleich mit dem englischen nur 6-1/4 D. gilt, und daß daher ein
Arbeitslohn von 10 Schillingen, täglich in der That nicht mehr als
zehn mal 6 und 1/4 D. oder 5 Schillinge 2 und 1/2 D. nach englischer
Werthbestimmung beträgt. Indeß ist ein Tagelohn von 5 Schillingen 2 und
1/2 D. immer noch beträchtlich zu nennen, nur aber kann es der Arbeiter
nicht häufig erlangen; und erhält er es, so ist es für übermäßige
schwere Arbeit unter einer brennenden Sonne in Seehafen-Städten während
der geschäftsreichen Schifffahrt-Zeit.



Erläuterung der Charte.


Da wir den englischen Stock beibehalten haben, so
fügen wir für den Leser folgende Nachweisungen hinzu: --

  ^L.^ (^lake^) bedeutet _See_.
  ^Part^, _Theil_.
  ^Bridge^, _Brücke_.
  ^Channel^, _Canal_.
  ^R.^ (^River^), _Fluß_.


Erklärung der auf der Charte vorkommenden Zahlen.

1) Beabsichtigte Eisenbahn, 6 (engl.) Meilen.

2) In Vorschlag gebrachte Eisenbahn, 13 (engl.) Meilen.

3) 36 (engl.) Meilen Dampf-Schifffahrt bis Heel-Falls.

4) Abriß der Mündungen des Flusses Otanabee und eines Theils des
Reis-Sees.

5) Abriß des kleinen Sees, eines Theils des Flusses Otanabee und der
Stadt Peterborough.



Anmerkung.


Seite 158. Die Moosbeere (^Cranberry^), wovon es, wie aus dem Text
hervorgeht, in Canada zwei Spiel-Arten giebt, gehört der Gattung
^Vaccinium^ an; diese Beere oder Frucht ist, nach erlangter Reife,
roth und von der Größe einer kleinen Kirsche oder Schlehe und sitzt an
einem dünnen gebognen Stiel. (^V. exycoccus^). Die Pflanze heißt auch
Moorbeere, weil sie auf Moorboden und an sumpfigen Stellen wächst.
Eine verschiedne Art davon ist ^Vaccinium macrocarpon^ (großfrüchtige
Moosbeere).


    _Leipzig_, gedruckt bei _W. Haack_.



Inhalts-Verzeichniß.


                                                                Seite.

 Erster Brief.

  Abfahrt von Greenock in der Brig _Laurel_. -- Beschaffenheit
  der Kajüte. -- Reise-Gefährte. -- Mangel an Beschäftigung
  und Unterhaltung. -- Des Capitains Goldfinke                       9

 Zweiter Brief.

  Ankunft an der Küste von Neufundland. -- Der Goldfinke
  singt kurz vor Entdeckung des Landes. -- Der Meerbusen
  St. Lawrence. -- Schwierige Fahrt auf dem
  Flusse. -- Ein französischer Fischer wird als Lootse angestellt.
  -- Die Insel Bic. -- Grün-Eiland. -- Anstellung
  eines regelmäßigen Lootsen. -- Scenerei von
  Grün-Eiland. -- Gros-Eiland. -- Quarantaine-Gesetze.
  -- Emigranten auf Gros-Eiland. -- Ankunft vor
  Quebek. -- Anblick der Stadt und ihrer Umgebungen                 13

 Dritter Brief.

  Abfahrt von Quebek. -- Wir werden von einem Dampfschiffe
  bugsirt. -- Fruchtbarkeit des Landes. -- Verschiedne
  Gegenstände, die sich uns beim Hinaufsteuern des
  Flusses darbieten. -- Ankunft vor Montreal. -- Die
  Stromschnellen (Rapids).                                          31

 Vierter Brief.

  Landung zu Montreal. -- Erscheinung der Stadt. -- Verheerungen
  der Cholera. -- Wohlthätigkeits-Anstalten zu
  Montreal. -- Katholische Cathedrale. -- Unter- und
  Ober-Stadt, Gesellschaft und Unterhaltung im Hotel. --
  Die Verfasserin wird von der Cholera befallen. -- Abreise
  von Montreal im Postwagen. -- Einschiffung zu
  Lachine am Bord eines Dampf-Schiffes. -- Abwechselndes
  Reisen in Dampfschiffen und Postwagen. -- Erscheinung
  des Landes. -- Manufacturen. -- Oefen, in
  einiger Entfernung von den Hütten. -- Zieh-Brunnen.
  -- Ankunft zu Cornwall. -- Bedienung im Gasthause.
  -- Abreise von Cornwall, und Ankunft zu Prescott.
  -- Ankunft zu Brookville. -- Dasiger Stapelplatz.
  -- Reise durch den See Ontario. -- Ankunft zu
  Cobourg.                                                          38

 Fünfter Brief.

  Reise von Cobourg nach Amherst. -- Schwierigkeiten denen
  man bei seiner ersten Ansiedlung in den Urwäldern zu
  begegnen hat. -- Erscheinung des Landes. -- Reis-See.
  -- Indianische Lebensweise und Gebräuche. --
  Fahrt den Otanabee hinauf. -- Log-Haus (^Log-house^)
  und seine Inhaber. -- Passagier Boot. -- Fußreise nach
  Peterborough                                                      62

 Sechster Brief.

  Peterborough. -- Sitten und Sprache der Amerikaner. --
  Schottischer Maschinenbauer. -- Schilderung Peterboroughs
  und seiner Umgebungen. -- Canadische Blumen.
  -- Shanties. -- Beschwerden und Strapazen,
  welche die ersten Ansiedler zu ertragen haben. -- Verfahren
  bei Anlegung einer Meierei.                                       91

 Siebenter Brief.

  Abreise von Peterborough. -- Canadische Wälder. -- Wagen
  und Gespann. -- Ankunft bei einem Log-Hause an
  den Ufern des Sees. -- Niederlassung und erste Beschäftigungen.  120

 Achter Brief.

  Unannehmlichkeiten, die mit einer noch neuen Ansiedelung
  verbunden sind. -- Schwierigkeit, Nahrungsmittel und
  andre nöthige Artikel zu erlangen. -- Schneesturm und
  Orkan. -- Indianischer Sommer und Eintritt des Winters.
  -- Verfahren bei Lichtung des Bodens.                            137

 Neunter Brief.

  Verlust eines Ochsen-Gespanns. -- Errichtung eines Log-Hauses.
  -- Glaser- und Zimmermanns-Arbeit. -- Beschreibung
  eines neuen Log-Hauses. -- Spaziergang auf
  dem Eise. -- Lage des Hauses. -- See und umgebende
  Scenerei.                                                        148

 Zehnter Brief.

  Abwechselung in Temperatur und Wetter. -- Electrische
  Erscheinung. -- Canadischer Winter. -- Mangel an poetischen
  Anklängen in diesem Lande. -- Zuckerbereitung. --
  Zeit zum Fischfang. -- Art des Fischfangs. -- Entenschießen.
  -- Indianer-Familien. -- Papousen und ihre
  Windeln- und Wickelbänder. -- Indianische Manufacturen.
   -- Frösche.                                                     164

 Elfter Brief.

  Welche Emigranten für Canada passen. -- Eigenschaften,
  die man besitzen muß, um eines günstigen Erfolgs gewiß
  zu sein. -- Capital-Anlage. -- Welche Artikel man wo
  möglich mit sich bringen muß. -- Eigenschaften und Beschäftigungen
  einer Ansiedler-Familie. -- Mangel an Geduld
  und Energie bei einigen Frauen. -- Besorgung
  der Milchwirthschaft. -- Käse. -- Indianisches Korn;
  seine Cultur. -- Kartoffeln. -- Arbeitslöhne.                    190

 Zwölfter Brief.

  Eine »Klafter-Biene.« -- Verbrennung der geklafterten
  Haufen. -- Wirthschafts-System. -- Preis des Weizens
  im Vergleich zu dem Arbeitslohn. -- Wahl des Bodens
  und verhältnißmäßige Vortheile. -- Lichtung des Bodens.
  -- Orcan in den Wäldern. -- Veränderliche Witterung.
  -- Insekten.                                                     208

 Dreizehnter Brief.

  Gesundheits-Gefühl inmitten der strengsten Winter-Monate.
  -- Unannehmlichkeit, welche die glänzende Weiße
  des Schnees verursacht. - Schlittenfahrt. -- Indianische
  Orthographie. -- Besuch in einem Indianer-Lager. --
  Ein indianischer Krüpel. -- Canadische Ornithologie              220

 Vierzehnter Brief.

  Nutzen botanischer Kenntnisse. -- Das Feuerkraut (^fireweed^),
  Sarsaparilla-Pflanzen. -- Prächtige Wasser-Lilie.
  -- Reis-Beete. -- Indianische Erdbeere. --
  Scharlachfarbner Akelei (^Colombine^.) -- Farnkräuter. --
  Gräser.                                                          262

 Fünfzehnter Brief.

  Nochmalige Betrachtung verschiedner Punkte. -- Fortschritte
  der Ansiedlungen. -- Canada, das Land der Hoffnung. --
  Besuch bei der Familie eines See-Offiziers. -- Eichhörnchen.
  -- Besuch bei einem ausgewanderten Geistlichen;
  seine Geschichte. -- Schwierigkeiten, womit er anfangs
  zu kämpfen hatte. -- Temperament, Charakter
  und Gewohnheiten der Emigranten sind von großem Einfluß
  auf das Gedeihen oder Nichtgedeihen ihrer Ansiedlung             286

 Sechszehnter Brief.

  Indianische Jäger. -- Segel auf einem Canoe. -- Mangel
  an Bibliotheken in den Urwäldern. -- Neues Dorf. --
  Fortschritte und Verbesserungen. -- Leuchtende Insekten
  (Johanniswürmchen.)                                              320

 Siebzehnter Brief.

  Kaltes Fieber. -- Unwohlsein der Familie. -- Wahrscheinliche
  Ursache. -- Wurzel-Haus. -- Eintritt des Winters.
  -- Insekt, der Säger genannt. -- Einstweilige
  Kirche.                                                          336

 Achtzehnter Brief.

  Geschäftreiches Frühjahr. -- Zunahme der Gesellschaft und
  Bequemlichkeit. -- Erinnerungen an die Heimath. --
  Nordlicht.                                                       344



Verzeichniß der Abbildungen.


                                                                Seite.

  Katarakt zu Montmorenci                                           27

  Reis-Boden                                                        67

  Amerikanischer Schlitten                                          77

  Amerikanische Silber-Tanne                                        81

  Canadische Fichte                                                 99

  Log-Haus                                                         107

  Hölzernes Dorf. (Log-Dorf und Ankunft eines Postwagens.)         109

  Ein durch die Urwälder gehauener Pfad                            123

  Neu gelichtetes Land                                             143

  Papousen                                                         179

  Grüne Frösche                                                    185

  Ochsen-Frosch                                                    187

  Die Prairie                                                      225

  Peter, der Jäger                                                 229

  Der rothe Sommer-Vogel                                           241

  Der blaue Vogel                                                  243

  Schnee-Ammer                                                     247

  Der Baltimore-Feuervogel                                         257

  Rothe Eichhörnchen                                               295

  Fliegendes Eichhörnchen                                          299

  Charte, worauf die Binnen-Schifffahrt der Distrikte Newcastle
  und Ober-Canada verzeichnet ist                                  399



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   'Elfter Brief'. Dies wurde korrigiert.

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   'Vierzehnter Brief'. Dies wurde korrigiert.

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