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Title: Zur Männerfrage!
Author: Schachne, Clara Caroline, Schott, Clara
Language: German
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*** Start of this LibraryBlog Digital Book "Zur Männerfrage!" ***


  Zur Männerfrage!


  Von

  Clara Schott.


  Leipzig,
  A. Bleier Verlag Nachf.
  Joh. Eckell
  1898.


  Alle Rechte vorbehalten.



Einleitung.


Um den Verdacht, ich sei eine Männerfeindin, nicht aufkommen zu lassen,
halte ich es für geboten, gleich von vornherein zu bekennen, daß ich
nichts weniger als das bin, daß ich mich im Gegentheil stets behaglich in
Männergesellschaft befinde und freudig mit der Eleonore im Tasso sage:

  »ich schweige gern, wenn klügere Männer reden.«

Und da ich das Glück hatte, vielen vorzüglichen Männern mit klarem
Verstande und offnem Herzen zu begegnen, so hörte ich schweigend zu. Wenn
sie mich nun reden hören, so werden auch sie, wie ich hoffe,

  »verstehen wie ichs meine,«

so wie ich sie verstanden habe.

Ihr, meine Freunde, wißt, daß ich nicht ungerecht, noch weniger gehässig
bin, und Ihr werdet mir beistimmen, daß die guten Männer nur Ausnahmen
sind, denn Ihr kennt die Welt so gut wie ich. Ihr werdet mich auch nicht
für den Fuchs halten, dem die Trauben sauer sind -- Ihr wißt ja, daß es
nicht so ist.

Zu den Fremden, die meine Schrift lesen, sage ich: Wenn Ihr brav seid,
braucht Euch dieselbe nicht zu alteriren, denn Euch klagt sie nicht an.
Könnt Ihr Euch aber getroffen fühlen -- so schießt nur los, Eure Pfeile
werden mich nicht verwunden.

_Leipzig_, im November 1897.

  Clara Schott.



Männlich-sittlich.


  Männlich-sittlich heißt mit Würde
  Tragen seiner Fehler Bürde:
  Bummeln, rauchen, Unfug treiben,
  Renommiren, schuldig bleiben.

  Trinken, bis nicht Kopf, noch Magen
  Können länger es vertragen,
  Was nicht immer appetitlich,
  Das ist alles männlich-sittlich.

  Heimlich zu der Liebsten gehen,
  Doch auf Zucht bei Andern sehen
  Und im Hause unerbittlich --
  Das ist alles männlich-sittlich.

  Ferner noch gehört das Spielen
  Zu den männlich-ernsten Zielen, --
  Ei, was kann es Schön'res geben,
  Als so männlich-sittlich leben!

    #Thusnelda Vortmann.#



Es ist wirklich sehr freundlich, das Publikum von heute. Wie viel
Jahre läßt es sich nicht schon in allen Schreibarten, in Zeitungen,
Zeitschriften, Büchern, Broschüren u. s. w. die Frauenfrage gefallen?

Immer und immer, von vorn und rückwärts gelesen, das Gleiche: Studentin
-- Arbeiterin -- Dienerin -- lauter unverheirathete Frauen.

Und doch ist es nur _eine_ Frage, an der das Weib hauptsächlich krankt: es
ist nicht die Brotfrage, sondern die -- Männerfrage!

Wie kommt es, daß sie bisher unaufgeworfen geblieben? Aus Respect? -- Aus
allgemeiner Zufriedenheit mit dem Ewig-Männlichen?

Oder -- »und begehre nimmer und nimmer zu schauen, ....... u. s. w.«?
-- -- -- Ich glaube, der letztere Umstand hat viel dazu beigetragen.

#Der Schriftsteller# »studirt« das Weib, das er als ewiges Räthsel
hinstellt. Er giebt vor, ihre Psyche zu belauschen, und was dabei heraus
kommt, erzählen die vielen Cocotten-Romane, die in den letzten Jahren
durch die Jungdeutschen in die Mode gekommen sind.

#Die Schriftstellerin# kann nicht belauschen, nicht »studiren«, aber
sie vermag scharf zu beobachten und Erfahrungen zu sammeln. Und diese,
gewissenhaft von Vorurtheilen getrennt, wiedergegeben, sind werth als
Spiegelbild unserer heutigen »Ritter von der traurigen Gestalt« zu
gelten. Sie sieht den Mann nicht als Räthsel an, sondern als das brutale
Product seiner Erziehung, und als ein Wesen, das sich mit eingebildeter
Uebermacht hochstellt und alle Rechte für sich beansprucht. Mit welchem
gedankenlosen Selbstbewußtsein beansprucht, das wollen wir nachstehend
illustriren. Wir geben reine Thatsachen, lassen alles Dichterische bei
Seite und versuchen nicht mal zu retouchiren. -- -- --

Unsere Frauenrechtlerinnen sagen: wir sind im Nachtheil gegen die Männer,
und bringen das Arbeitsgebiet -- auf das hier Hauptgewicht gelegt wird --
in den Vordergrund. Das »Ich bin« und »Ich werde sein« -- gewiß, es
ist ein Feld, das sich als breites Terrain abgaloppiren läßt. #Allein,
wer schützt das verheirathete Weib vor ihrem natürlichen Beschützer?#

  »Oft sind ja die Männer
  Charmant und galant
  Und reichen uns Frauen
  Den Arm und die Hand.

  Sie sagen, wir sollen
  Uns stützen auf sie,
  Das sei dann die richt'ge
  Weltharmonie.

  Doch wenn wir sie rufen
  Uns Stützen zu sein,
  Sie lassen uns frierend
  Und hungernd allein.

  Selbst brauchen die _Retter_
  Ihr Geld, ihre Ruh,
  Die süßesten Freuden
  Des Lebens dazu.

  Verlaß dich auf Keinen,
  Nur schau, nimmer trau,
  Und brauch' keinen Schützer,
  Denn selbst ist die Frau!« --

Des Weibes Vortheil liegt nicht im Wettkampf mit dem Manne, noch weniger
liegt darin ihre Glückseligkeit. -- Diese kann nur gewonnen werden, durch
die _Selbständigkeit des Characters_.

Die Frau soll dem Manne nicht die Peitsche aus der Hand nehmen, aber sie
lasse ihn die Sporen fühlen. Ich meine nicht das Pantoffelheldenthum, das
den Mann zur Memme herabwürdigt; aber was den Frauen fehlt, -- das ist das
_würdevolle Selbstbewußtsein_ des Menschen.

Nur zu oft geht im Weibe der Mensch unter. Unsere Bräute, unsere Frauen --
was beanspruchen sie? Das ekelhafte »Beglücktsein«, dem Erwählten des
Herzens »dienen« zu können -- es breitet einen blumenhaften Teppich vor
dem »Herrlichen« aus, und vor ihm kniet das Weib mit erhobenen Händen:
»Herr, was befiehlst du?«

Was? -- o, schrecklich viel!

Die Naivetät -- wir wollen keinen härteren Ausdruck wählen -- der
Männer im Fordern und Herrschen ist von fabelhafter Keckheit. Der kleine
Bruder »befiehlt« der kleinen Schwester, ihm mal die Puppe zu geben, die
er ihr zerbricht. Weint sie, schlägt er einfach auf sie los, denn sie ist
ja »nur« ein Mädel. Die größte Beleidigung für den kleinen Knirps
ist, wenn er gelegentlich mal für ein Mädel gehalten wird. Wird er
größer, so äußert sich sein Ritterthum darin, daß er nun »schon«
Schulmädels »abdrischt«. Dann kommen die Flegeljahre, in die die meisten
Männer wieder zurückkommen, wenn sie verheirathet sind.

Jetzt haben wir die Studien- und Lehrjahre. Vor allem ist das
Studentenleben der Beleuchtung werth.

»Was studieren Sie denn?« fragte ich einmal einen jungen Herrn.

»Die Lumperei!« war die ehrliche Antwort.

Die Lumperei! Je toller sie es dabei treiben, je »fescher« werden
sie bezeichnet. Gradezu ekelhaft ist es, daß unsere Witzblätter mit
Studentenstreichen angefüllt sind und solche bei den jungen Leuten
fast provoziren. Was für Witz liegt denn darin, Schulden zu machen,
übermäßig zu trinken und Mädchen zu verführen? -- Ich setze den Fall,
ein junger Kaufmann, oder Handwerker, mache fortwährend Schulden, kneipe,
arbeite nicht und treibe allerlei Schabernack. Dann heißt es:
»ein Taugenichts«, ein »verbummelter Mensch«, »arbeitsscheu«,
»betrügerisch« u. s. w. Hier aber ist es -- weil es »sich ziemt«,
auch »erlaubt«. Man hängt dem »Burschenschafter« ein buntes Bändchen
um und läßt ihn laufen.

Bei Aufzügen und Commersen sehe man sich die »alten Herren« in Cerevis
und diversen Abzeichen an. Was würde man wohl sagen, wenn »alte Damen«
also markiert und frankiert herum laufen würden? -- --

Daneben gehen das schneidige Offizierchen, die Einjährigen, die Kaufleute,
Beamte aller Arten, die alle um das »ewige Räthsel« herumflattern, es zu
»erlösen« meinen, und so sich selber zu Liebe das Weib anbeten.

Und das Weib? -- Es sollte sich doch mal klar werden, was so die
landläufige »Liebe« bedeutet, was so ihre »Ideale« eigentlich sind,
an die sie ihre Gefühle und ihr junges Leben verschwenden! Wie viele
blühende Gestalten sind nicht schon am »Amüsement« des Mannes zu grunde
gegangen?! --

Haben sie dann genug hofiert, geschwärmt, Herzen gebrochen u. s. w.,
dann gelangen sie in das Stadium der Heirathskandidatur.

Hier giebt es eine Unmasse von Kategorien.

Es heirathen Gott Lob noch eine stattliche Reihe von Männern aus wahrer
Liebe und gehen mit ehrlichem Pflichtgefühl in die Ehe. Dann kommt die
Mehrzahl, die besteht aus:

Müden Seelen, die ein Ausruhebedürfnis haben,

Weltschmerzlern, die ihre Melancholie auf das Weib zu wälzen
beabsichtigen,

Verschuldeten,

Solchen, die weder Geschick, noch den Muth haben, den Kampf mit dem Leben
allein aufzunehmen, endlich

»Gemüthsmenschen«, die mit liebevollen Worten nach _außen_ verstohlen
das Weib zur Dienerin ihres lieben Ichs herabzwingen und so nach und nach
zwei bis drei Frauen florumwunden zu Grabe tragen.

Auch giebt es Männer, die sich Frauen für den »Hausbedarf« wählen und
diese als Gegenstand betrachten.

Und die Weiber? -- wie schnell sie sich nur ergeben! als Braut hat auch
jede den »herrlichsten von allen« für sich.

Thatsächlich leisten aber auch die Männer an Verstellungskunst so absolut
das allerhöchste, daß sich die meisten während des Brautstandes mit
Glanz behaupten.

Bevor ich nun daran gehe, einige Illustrationen zu geben, d. h. aus dem
Leben gegriffene Spiegelbilder männlicher Tugenden zu zeigen, darf ich in
meiner aufgezählten Kategorie der Heirathskandidaten eine Hauptserie nicht
vergessen, die in allen Gesellschaftskreisen zu finden ist: nämlich die --
Heirathsschwindler.

Bei den Ehegesetzen, wobei die Männer alle, die Weiber fast gar keine
Rechte haben, ja wo die Frau gewissermaßen als Leibeigene des
Mannes betrachtet werden könnte, -- hat der Heirathsschwindler die
weitestgehenden Chancen. Zunächst läßt er sich Haus und Hof einrichten.
Damit ist er schon »Herr« im Hause, denn selbst in Ehen, wo die
Gütergemeinschaft ausgeschlossen ist, hat der Mann -- was auch geschehe --
den Nutzen von allem, was da ist.

Und nun wollen wir einige Typen aus dem Leben herausnehmen. Es sind nicht
nur wahre Gestalten, es sind Thatsachen, die ungeschminkt zeigen, daß die
»#Männerfrage#« mehr der Beleuchtung bedarf, als die »#Frauenfrage#«
an sich. --

Es ist noch gar nicht so lange her, daß ein »Aristokrat« eine Million
geheirathet und mit sauersüßer Miene ein zartes Fräulein, das daran
hing, in den Kauf nahm.

Rund 6 Wochen dauerte die »Ehe«, dann erklärte »er« dem nichtssagenden
Puttchen, das sich so wohl als Frau Gräfin fühlen wollte: es könne nun
gehen, ihr Geld sei in den besten Händen.

Es bedurfte allerdings erst der Reitpeitsche, bevor sie »ging«. Von
ihrem Gelde erhielt sie natürlich keinen Pfennig heraus, denn die noblen
Passionen des Mannes verschlangen eben alles was da war -- er hat ja von
Rechtswegen den Nießbrauch und »brauchte« daraufhin so viel, daß am
Ende des Prozesses nichts mehr vorhanden war.

Ein anderer »Herr« in angesehener Stellung ließ seine junge sehr
verliebte Frau vor seiner Trauung selbst die Handschuhe für seine
»Freundin« bezahlen u. s. w. u. s. w. Und nach der Hochzeit fiel
es ihm gar nicht ein, seine Lebensweise zu ändern, obgleich er das
beschworen, ebenso wenig in seinen Liebeshändeln irgend welche Rücksicht
auf seine Gattin walten zu lassen. An einem Theaterabend, als die Gattin
gerade ihren Fuß auf das Trittbrett ihres Wagens setzte, der sie nach
Hause bringen sollte, erkühnte sich der Herr Gemahl sie zurückzuhalten.

»Den Wagen habe ich soeben Fräulein so und so (Name einer Schauspielerin)
versprochen, Du kannst laufen!«

Nun war sie -- was leider ja vereinzelt dasteht -- keine nach Lyrikern
gebildete Frau, sie zog nach Nietzsche ihre Hand zurück und zeigte »die
Tatze« die »böse Krallen hat«. So kam es, daß sie ihn »laufen«
ließ. Freilich, all die schweren Seelenkämpfe wurden ihr nicht erspart,
aber sie ist noch Herrin auf ihrem Grund und Boden, und er bettelt sich
irgendwo durch.

Nach den mehr gewaltthätigen Heirathsschwindlern, kommen die verkniffenen,
die treten sanfter auf und wenden andere Mittel an.

Wir illustrieren sie mit nachstehendem:

Herr R. ist Gutsbesitzer in Polen. Seine Frau, die viel vornehmer als er,
aus guter Familie, mit vorzüglichen Charaktereigenschaften, hat ihm das
Vermögen zugeführt. Dafür muß sie, um Geld zu sparen, die Stelle der
Mamsell vertreten. Da sie ihn lieb hat, ihr Interesse im Haushalt auch
gern wahrnimmt, steht sie um 3 Uhr Nachts auf, überwacht rechtzeitig das
Melken und bleibt auf, bis die Milchwagen in die Stadt gefahren sind. Tags
über geht es Trepp auf, Trepp ab, die Landwirthschaft will besorgt sein.

Der »Herr« fährt recht oft zu einem Spielchen in die nahe Garnisonstadt.
Die Frau kennt kein anderes Vergnügen, als alljährlich ein neues
Sprößlein zu wiegen. »Er« murrt schon: »alle Jahre ein Kind, was das
kostet!« An Geld, meint er. Die Lebenskraft der Frau -- daran denkt doch
ein Mann nicht! Er hat auch schon vergessen, wer das Baby beim Storch
bestellt!

Jetzt sind acht Jahre herum, die Frau ist acht Jahre im Dienste bei ihrem
»Herrn«. Hier ist es aber so, daß sie den -- Lohn gezahlt, nicht er!

Es ist ja selbstredend, daß ein Weib arbeitet, wozu heirathet man es?! --
Das Geld ist alle. Wieso? -- Das weiß der Mann, und das genügt!

Der »Herr« wird nervös, alles reizt ihn, am meisten die Frau, die nichts
mehr recht machen kann. Er will hier fort und zieht mit Frau und fünf
Kindern in die Stadt -- in ein Haus, wo seit Jahren seine Maitresse wohnt,
die er die Frechheit hat, seiner Frau als »Nachbarin« vorzustellen.

Und nun bekommt die »Nachbarin« das Regiment, und es geht mit dem letzten
Heller des Vermögens bergab, der Mann ohne Thätigkeit, die Frau vor Leid
krank. Schlußpointe, des Mannes Frage, die alles besagt:

»Weshalb hab' ich Dich eigentlich geheirathet, da Du doch nichts verdienen
kannst?«

No. 4 hat eine Schriftstellerin geheirathet, weil ihn ihr edler Beruf, ihr
Geist und schließlich ihre liebliche Gestalt »anzog«.

Wie bald merkte das arme Wesen, daß sie ihn thatsächlich »angezogen!«
Vom Kopf bis Fuß sogar. Von den Stiefeln bis zum Hut hat sie indirekt
alles bezahlt.

»Mein Lieb, jetzt soll die Feder ruhen,« hatte er ihr am Verlobungstage
gesagt. Der Gute, Zarte, wie wollte er alle Lasten von ihr nehmen! --

Vier Wochen nach der Hochzeit:

»Möchtest Du nicht wieder etwas schreiben, Herzchen? -- Es ist nämlich,
Du weißt, wenn eine Künstlerin vergessen wird, das thut nicht gut.«

Das sieht sie ein. Und noch mehr sieht sie ein! Der Schuft hat sie
gefangen, und nun heißt es arbeiten, um all die Schulden, die das
Hauswesen hervorgerufen, zu bezahlen.

Sie gleicht sich nicht mehr, sie ist blos noch eine Schreibmaschine im
Hause.

Es kommt ein Quartal, wo die Miethe nicht bezahlt werden kann. Die Verleger
sind nicht pünktlich, sie schreibt und schreibt um Geld -- keine Antwort.
Da erbietet sich der Edle, ihr Mann, die »natürliche Stütze«, für sie
einzutreten. Wie gut, wenn man verheirathet ist!! Vor einem Mann hat man
doch ganz anderen Respekt. -- Schon darauf bauend, reist er nach S. und
erhält sogleich 500 Mark ausgezahlt.

Natürlich sendet er ihr ein Telegramm, damit sie daheim von der Sorge
befreit ist, setzt sich auf die Bahn und fährt über Leipzig nach Hause.
In rosiger Stimmung natürlich, er hat ja Geld!

Hier trifft man ein paar Freunde, mit denen man ausgeht, und auch ein paar
hübsche Pflänzchen. Die eine ist reizend und findet so viel Gefallen an
dem auf Reisen geschickten Ehemann, daß sie es unverhohlen zeigt. Und wenn
ein Mann gefällt, bei der angeborenen Eitelkeit, dann kommt sehr schnell
die angeborene Untreue hinzu.

Der Edle vergißt seine Frau und kauft für deren sauer verdientes
Geld einen Schmuck für die Dirne. Allerdings amüsiert er sich dafür
prächtig, und das ist doch auch etwas werth! -- Soll ich noch aus höheren
Kreisen Copien bringen, oder soll ich herabsteigen in die einfachste
Klasse, wo die Sparkassenbücher eine rührselige Rolle spielen -- -- --
»und begehre nimmer und nimmer zu schauen« ....

Nun giebt es noch eine liebliche Sorte -- Verlobungsschwindler, die gegen
freie Kost und Logis frisch drauf loslieben. Und zwar so lange, als es
ihnen dienlich erscheint. Dann untergraben sie in irgend welcher Weise
den guten Ruf der Braut, damit die »Welt« ihren Rücktritt nicht etwa
verdamme -- so etwas könnte bei der nächsten Parthie schaden --, und
verschwinden.

In einer Berliner Zeitung hieß es einmal: ein hoffnungsvoller Jüngling
sei auf drei Stellen zu gleicher Zeit »verlobt« gewesen. Bei den
»Schwiegereltern« der ersten Braut wohnte er, bei der zweiten Braut,
einer Schneiderin, aß er, und der dritten, einer Putzmacherin, nahm er ihr
Geld ab, mit der Weisung, dafür wolle er ein Geschäft kaufen.

Von London aus, wohin sich auf Kosten der Putzmacherin der
Verlobungsschwindler gewandt, erhielten alle drei »Bräute«
gleichlautende Zettel:

  Für die Zeit, wo Du mich geliebt hast,
  Bedank i mich schön,
  Und i wünsch, daß Dir's
  Jetzt nun besser mag geh'n!

Wir sehen davon ab, aus der besseren Gesellschaftsklasse noch
»Illustrationen« zu bringen, es dürfte den Leser ermüden. Jedoch einen
Brief hier abzudrucken, den mir eine Dame zur Verfügung gestellt, möchte
ich nicht unterlassen. Es spricht so viel zarter Dank für genossene Liebe
daraus und er birgt so viel echtmännliche Gewissenhaftigkeit, daß er mein
Spiegelbildchen vervollständigen hilft.

    »Lieber Gustav!

  Das war eine rechte Freude, das ist ja famos, da habe ich auch wieder
  mal kolossales Schwein! Du sollst nämlich mein Retter in der Not
  sein. Diesmal nicht in Geldangelegenheit -- ich habe meine hiesigen
  Gläubiger sehr gut erzogen --, sondern Du sollst mir helfen -- nicht
  wie damals _eine_ zu bekommen, sondern _eine_ los zu werden. Es müßte
  mit dem Teufel zugehen, wenn solch patenter Kerl, wie Du bist, das
  nicht leicht zu Wege brächte!

  Die Martel wird mir unbequem, das Verhältniß war der dümmste Streich
  meines Lebens, die nimmt die Sache ernst und ich sage Dir -- ich wäre
  lieber wo der Pfeffer wächst, als hier. Die taxiert sich hoch und sagt
  sehr freimüthig »mit jedem Jahre lerne ich mich mehr lieben und mehr
  schätzen, weil ich mich besser kennen lerne.« Thatsächlich wird sie
  mit jedem Jahre üppiger. Aber Bester, ich habe grade genug und will
  überhaupt fort, es ist hier öde und aufregend zugleich.

  Da Du doch, wie Du schreibst, nach H. gehst, kannst Du mir zu Liebe
  schon den kleinen Abstecher machen. Ich stelle Dich ihr vor, und
  hübsch, wie Du bist, und wie ich ihren Geschmack kenne, machst Du ohne
  Zweifel kolossalen Eindruck. Das übrige überlasse ich Dir ...
  Ich spiele dann den Eifersüchtigen und sichere mir damit einen
  respectablen Abgang.

  Also ich rechne bestimmt auf Dich, so wie Du stets auf meine
  Dankbarkeit rechnen kannst. Telegraphiere wann ich Dich erwarten kann.

    Dein K.

  Dir gebe ich den guten Rat, Dich nie an brünette Weiber heranzumachen,
  die sind von einer verfluchten Anhänglichkeit.«

Man sieht, sie arbeiten mit allen Mitteln, die Herren Männer, und sie sind
ja so schlau, so schlau, daß man gar nicht begreift, wie man einstens
die Weiber mit der Annahme beehren konnte, sie seien »schlau wie die
Schlangen!« -- --

So lange der Mann keine Verpflichtung hat, sieht er im Weibe das
anbetungswürdige Geschöpf; gesellt sich zu seiner Anbetung und Liebe aber
die Pflicht, so ist es aus. Er ist immer berechnend, und wo die Rechnung
quittirt ist, wo nichts zu holen, so oder so, da hört nach und nach jeder
Reiz auf.

Und nun kommen wir zu dem Punkt der Treue, und das ist ein sehr wunder
Punkt!!

Der Mann kann sich selber, dem Freunde, im Handel und Wandel treu sein
-- dem Weibe ist er es höchst selten. Fast immer wird es von ihm
hintergangen. Ist es nicht mit einer Freundin, ist es mit einer
Unbekannten. Für sie ist wenig vorhanden, für die Geliebte immer
Ueberfluß. Bei der Frau knausert man, der Geliebten will man imponieren,
nichts ist zu theuer für sie. Natürlich gilt dies bei Männern besser
begüterter Stände, die überhaupt etwas zu geben haben. Die Mittelklasse
steigt tiefer. Vielen Hausherren haftet leider auch die Dienstmädel-Manie
an, und nicht vielen Frauen wird die tiefe Scham erspart, von den Mädchen
selbst zu vernehmen, der »Herr stelle ihnen nach«!

Bei den besser gearteten Männern regt sich dann das Gewissen und ihre
Zärtlichkeit für die Gattin verdoppelt sich nach einer solchen Missethat.
»Mein Mann muß mich wieder hübsch hintergangen haben,« sagte einmal
eine Dame, »er hat mir aus eigenem Antriebe einen Pelzmantel gekauft.«

Würde dieses »Hintergehen« nur allein das Gefühl der Frau verletzen,
so wäre es noch nicht gar so schlimm und zu überwinden, aber es sind ganz
andere Gefahren dabei! -- Der Mann zeigt selten die volle Theilnahme an
einem Erkranken der Frau, als es oft umgekehrt der Fall ist. Er klagt, so
bald sie leidend, zunächst, daß das Hauswesen ins Wanken kommt, nebenbei
erst thut es ihm gelegentlich leid, daß sie nicht gesund ist. Darüber
läßt er sich dann gern bemitleiden -- auch eine typische Eigenschaft des
Mannes --, denn am Ende -- es ist doch höchst lästig eine kranke Frau zu
haben!

Als einmal ein Freund dem anderen klagte, daß seine Frau ewig leidend
und schon in drei Bädern gewesen, was das koste! schrieb dieser zurück:
»Für die Reparaturkosten hättest du schon eine neue gehabt.«

Woher aber die vielen Frauenkrankheiten kommen, davon wissen Aerzte und
Aerztinnen zu erzählen! Eine derselben, die seit 12 Jahren in Deutschland
eine blühende Praxis ausübt, kann nachweisen, daß von 100 Patienten, 70
ihren Männern die Krankheit verdanken.

Und diese haben dann natürlich »ein Kreuz« mit den »Weibern«, die ewig
klagen und so viel kosten!

Und während ich die »Männerfrage« beleuchte, tönt eine andere an mein
Ohr: »Giebt es denn gar keine guten Männer??« -- O ja, viele, viele
prächtige Männer, ganze »Kerle« mit Herz und Verstand, mit Seele und
Gewissen, aber mit ihnen geht es wie mit den Weibern:

  #Von den besten spricht man nicht!#

Von dem Gros aber, das sich mit seinen vielen Arroganzen so hoch über das
Weib stellt, muß gesprochen werden. Die Fehler der Frau kennt jeder, sie
sind in allen Formen bloß gelegt worden; vom minderwerthigen Gehirn, bis
zum eitlen Tand, mit dem sie sich umgiebt, hat der Mann gesprochen, es
gehört ja alles zur #Frauenfrage#.

Nun aber werfen wir die #Männerfrage# auf, und wir werden ja sehen, wie
weit sie führen wird, sehen, ob die »Herrlichen« -- weß Standes sie
seien -- ewig nehmend, ewig fordernd, sich behaupten werden. Und wie naiv
die Herren der Schöpfung im Fordern sind -- das ist einfach fabelhaft.

Wenn man sie reden hört von ihrem Standpunkt aus -- ich weiß nicht, ob
man darüber lachen oder weinen soll.

Fahre da einmal von Frankfurt a. M. nach Leipzig. In Eisenach steigt ein
Herr ein, der sich veranlaßt fühlt, eine Unterhaltung anzuknüpfen.

»Nein, ich heirathe nie!« erzählt er mir im Laufe einer zweistündigen
Fahrt. »Nie, denn die Weiber von heute! -- Ich verlange von einer Frau
1. natürlich Vermögen, 2. Schönheit, 3. Bildung, 4. gute Familie.

Sie muß wirthschaftlich sein, darf keine theure Roben tragen, muß selbst
kochen und mir in meinem Beruf behülflich sein.«

»Hm,« machte ich, »wie ist denn die Gegenleistung?«

Er sah mich verständnislos an.

»Na wie denn, die Gegenleistung? -- Sie scherzen wohl?«

»Durchaus nicht, Sie müssen doch, wenn Sie so vieles verlangen, etwas
bieten können.«

»Ich? -- na, ich heirathe sie doch! Sie ist doch ihr lebtag versorgt.«

»Wenn die Dame Vermögen bringen und arbeiten soll u. s. w., so könnte
sie sich doch mit diesen hübschen Eigenschaften recht fidel selbst
»versorgen«.« (»Versorgen« im Sinne der heutigen Männer heißt
gewöhnlich mit Sorgen überschütten.)

»Na, wissen Sie, Gnädigste, bei solchen Auffassungen würden die meisten
Mädchen alte Jungf...« er sah ängstlich nach meiner Hand.

»Früher, mein Herr, hat man »alte Jungfer« im verächtlichen Sinne
gesagt. Heute -- nun erst beginnt man das Symbol des Eheringes zu
verstehen!

Die Hand ohne Ring ist das Freizeichen. Die »alte Jungfer« lebt nicht
mehr. Heut ist die #Unverheirathete# die #Freifrau#, die unabhängig von
einem Haustyrannen ihren Weg macht. -- Die Hand #mit dem Ringe# aber sagt:
Ergeben auf Gnade und Ungnade. Bitte, mein Herr, sagen Sie mir, wessen Loos
ist besser, das der »Freien« oder der »Gebundenen«?«

Der Mann verlangt von der Frau alles. Sie soll ihm Kinder geben, ihm
dienen, kochen, sparen, helfen, wo immer sein, im Geschäft, Bureau,
Werkstätte u. s. w. Er selbst aber ist eben entweder nur Fachmann, oder
mit einem Worte Verdiener. Sie aber soll universell sein. -- -- --

Von der großen Masse Ausnahme-Männer, die Würde genug besitzen, sich
ihr Haus selbst zu gründen und es pflichtgemäß auch selbst zu erhalten,
hört man oft bewunderungsvoll sagen: »er hat sich ein armes Mädchen
geheirathet!«

Erstens: Ist denn eine Menschenseele absolut nichts werth? Und besitzt
die Frau an sich nicht schon all die Eigenschaften, die der Mann absolut
gebraucht? Sie bezahlt mit ihrem #ganzen Sein# schon genug Entrée für den
Eintritt in das zweifelhafte Glücksinstitut der Ehe. Der Mann sollte mal
nachrechnen, was er zu bezahlen hätte, wenn er nicht verheirathet
wäre! Da kommt erst: Ein sogenanntes Verhältnis, das Geld kostet. Eine
Wirthschafterin, die hoch bezahlt wird, und die lange nicht so rechnet,
als eine Frau, die ihre eigenen Interessen vertritt. Eine Ausbesserin der
Wäsche und Garderobe und diverse Vereine, in denen er seine freie Zeit
verbringt, weil er kein eigenes Haus besitzt. Kurz -- man sieht, der Mann
ist #viel besser# in der Ehe »versorgt«, als die Frau, die die größeren
Lasten übernommen! --

Zu den weiteren naiven Eigenschaften der Herrn Männer gehört auch die,
ihre Untugenden auf Rechnung der Weiber zu setzen.

»Sie« hat ihn betrogen -- #deshalb# hat er sich dem Trunk ergeben,
#deshalb# hat er sich in den Strudel des Lebens gestürzt.

Weil #die Frau# die Wirthschaft vernachlässigt -- geht er in die Kneipe.
Weil #die Frau# nicht geschäftstüchtig ist, verdient er nichts u. s. w.
Ergo: gäbe es keine Weiber, es liefen lauter männliche Engel herum.

In Ausreden sind die Männer überhaupt fabelhaft gewandt und im Abwälzen
ihrer Fehler auf andere virtuosenhaft.

Die ekelhaftesten aller männlichen Specien aber sind diejenigen, die ewig
heulen.

Unter Thränen schwören sie Treue. Unter Thränen brechen sie dieselbe und
versprechen Besserung bis zum nächsten Mal.

Unter Thränen geben sie der Frau einen Versöhnungskuß und küssen
unter Thränen lächelnd das holde Lieb zweiter Garnitur. Und dann die
freimüthigen Geständnisse, die sich mit ahnungsloser Unverschämtheit
zusammen finden!

Man höre:

»Ich bin sehr jähzornig -- #deshalb# muß ich eine sanftmüthige Frau
bekommen.«

Nein, Herr der Schöpfung, #deshalb# mußt du hübsch Selbsterziehung üben
und Dir hübsch manierlich diese heillose Untugend abgewöhnen, nicht aber
über das Haupt einer Sanftmüthigen ergehen lassen. Oder: »Ich bin
ewig mürrisch und verdrießlich, #deshalb# muß ich eine heitere Frau
bekommen.«

Ich möchte sehen, wessen Heiterkeit ein ewiger Griesgram nicht
verscheucht! --

Nun geben sich eine ganze Masse kreuzbraver Männer, die ihr Lebtag nichts
Böses thun könnten, für Herzensbrecher u. s. w. aus und renommieren
mit Unthaten, die ihr ästhetisches Gefühl schon nicht zuließe, um
»männlich« zu erscheinen. Was für Lob für die Allgemeinheit hierin
liegt, kann sich ein Jeder wohl ausmalen! --

Die Neuzeit hat noch eine Art Männer herangebildet: Rhetoriker.

Am allerschlimmsten ergeht es denjenigen Frauen, die jene Sorte von
Maulhelden geheirathet haben. Ganz besonders wenn sie in politischen
Versammlungen von gleichen Rechten faseln, um sich dort Weihrauch zu
streuen. Sie haben erwiesener Maßen weder Herz für ihre Familie noch
Verstand genug, irgend Jemanden zu beglücken. Ihre erheuchelte allgemeine
Menschenliebe ist nichts weiter als die Sucht, sich bewundern zu lassen,
als die geistige Koketterie, sich reden zu hören, denn in Wirklichkeit
lieben die »Volksbeglücker« einzig und allein nur sich selbst und sind
im eigenen Hause der rasende Roland. Von dem Elend der Ehefrauen, die sich
durch die Zungen-Gymnastik der »Beglücker«, der »Kämpfer für Freiheit
und Recht«, haben bethören lassen, ist nicht zu erzählen.

Man versetze sich in die Lage einer Frau, die ihren Gatten salbungsvoll der
»Menge« predigen hört, wobei er in Ethik überfließt und in
Achtsamkeit und Ehrlichkeit einzig dasteht, und die genau weiß, daß
seine Handlungsweisen dem entgegen laufen, und daß er alle die Laster und
Untugenden, die er öffentlich beklagt und verwirft, im hohen Maße selbst
besitzt! Im Hause »rettet, rennet, flüchtet« alles, wenn er sich zeigt,
weil man ihn fürchtet, »draußen« ist er ein Mann der Humanität, ein
Engel ohne Flügel, der herabgekommen, um dem Unterdrückten zu seinem
Rechte zu verhelfen.

Ist das alles nicht werth, aufgezeichnet zu werden? Vielleicht halten
unsere Herren einmal Selbsteinkehr und sie werden nicht zu kurz dabei
kommen.

Eine Ungerechtigkeit, an der allerdings der Mann nicht schuld ist -- die
sich aus unserer gesellschaftlichen Lage ergiebt -- ist es auch, daß des
Weibes Stellung vom Manne bedingt wird.

So kommt es, daß eine zur Gräfin erhobene Magd mehr gilt, als eine
vollendete Dame, die einen in bescheidenen Verhältnissen lebenden Mann
geheirathet hat.

Die Frau fällt oder steigt durch die Heirath, dem Manne läßt man Rang
und Würde, er mag wählen, wie es auch sei.

Warum kann sich das Weib ihre Stellung nicht selbst bestimmen, wenn sie
die Fähigkeit dazu besitzt? -- Unsere Frauen aber sind -- besonders
in kleinbürgerlichen Kreisen -- sehr gern geneigt, in dem Manne
»aufzugehen«.

Es ist fast lächerlich, wie viel manche Damen auf Titulatur geben. Der
ärgste Schuft, der neben der Schufterei noch etwas gelernt hat (Schufte
sind fast immer intelligent zum Nachtheil ihrer Mitmenschen), hat, sobald
er einen »Rang« bekleidet, Chancen, denn Fräulein Soundso drückt
gelegentlich mal ein Auge zu, bei der fraglichen Moralität ihres
Zukünftigen, wenn sie von da ab Frau Ober-Soundso sich nennen kann.

Man beobachte mal die Kaffee- und sonstigen Gesellschaften, in denen die
Vorstellungen ja eine so wichtige Rolle spielen! Vor allem liebt es die
Wirthin, mit ihren Eingeladenen zu glänzen. Oftmals mit der größten
Nichtachtung vor der Person, die sich zufällig emporgeheirathet hat,
im Herzen, ruft sie -- wenn volltönend -- mit gehobener Stimme deren
Aushängeschild aus.

Putzig war es, als eine Dame ein Fräulein =Dr. ph.= einer
Appellationsgerichtsräthin vorstellte. Der Tonfall besorgte alles!
»Frau Ober--appellations--gerichts--räthin ....« Einige Töne tiefer:
»Fräulein =Dr.= S.«

Die hübschen Augen der Philosophin lachten mich an.

»Ja, was wollen Sie,« tröstete ich, »Sie haben nur sechs Buchstaben vor
Ihrem Namen, die Sie sich noch dazu mühselig erarbeiten mußten, und diese
Dame stolzirt mit 26 solcher herum, die ein anderer auf ihr vergoldetes
Schild getragen!« -- Und die Titelsucht ist nicht nur in den Kreisen des
Scheins, sie reicht bis zur Frau Ober-Straßenfegerin hinab.

So kommt es also, daß die socialen Verhältnisse die Frauen dahin bringen,
daß sie mit ihren Männern prahlen, obwohl sie vielfach wissen, daß sie
dem Charakter nach mehr sind, als diese.

Gradezu »gefährlich« -- im komischen Sinne, sind auch diejenigen
Männer, die von ihren Frauen »nicht verstanden« werden.

Ich kannte ein Ehepaar, wo der Mann freilich diverse Vocabeln mehr wußte,
als die Frau, der auch dickbändige wissenschaftliche Werke geschrieben und
Forschungsreisen gemacht hatte. Aber seiner Frau gesunder Menschenverstand
und ihr köstlicher Humor standen doch turmhoch über seiner griesgrämigen
Gelehrsamkeit, und doch war sein ewiges Seufzen: »Dieses Weib ist nicht
bedeutend genug, meine Bedeutung zu verstehen!« Als er sich aber einmal
in die Tinte hineingeritten hatte, war »dieses Weib« bedeutend genug, der
Geschichte eine andere Wendung zu geben, und in den Tagen der Noth war sie
»das treue Weib«, seine »Stütze«, sein »Halt«. Die ganze verkrochene
Feigheit des »bedeutenden Mannes« trat hier grell zu Tage.

Das sind so komische Figuren, Kleinigkeiten, die charakterisiren helfen,
etwa wie die Momentaufnahmen auf den Straßen, wo wir jetzt auch Gigerl,
als Zärtlichkeits-Aeußerungen, auf den Arm junger Mädchen gestützt,
sehen. Früher führte sehr galant der Ritter seine Dame, #die Frau
stützte sich auf den Mann#. Heute lassen sich die Männer von jungen
Mädchen führen. Symbolisch gar nicht übel! --

Und nun -- das ist ein Punkt, der mir auf der Seele brennt! Ist es wirklich
ein Fortschritt der Cultur, daß das Vaterrecht herrscht? -- Ich glaube der
Irokese, der im Urzustande nach seinem Herzen das Mutterrecht gelten ließ,
war weiter wie wir; dem Weibe gehörte das Kind, das sie trägt, gebärt.
Es ist ihr Fleisch, ihr Blut und ihr Geist. Am besten kann man diese
Wahrheit bei denjenigen beobachten, die außerehelich geboren haben.

Beim schlechtesten Weibe dringt selbst in der verzweifeltsten Situation das
Muttergefühl durch. Sie bringt ein Kind zur Welt in Schimpf und Schande,
in Noth und Elend. Und doch, in Lumpen gehüllt, trägt sie es am Herzen
mit sich herum. Der Vater? -- oft weiß er überhaupt nicht, daß er ein
solcher ist!!

#Und dies allein spricht von Natur aus der Mutter das Kind zu!#

Weiß er es aber, freut er sich darüber?? --

Das kraftloseste, verlassene Weib arbeitet bis zum letzten Athemzuge für
ihr Kind, oder erbettelt sich die Nahrung für dieses. Der Vater will
oftmals nichts von seinem Ueberfluß für dasselbe geben. Er ist ganz
Genuß, die Mutter ganz Entsagung.

Trotzdem hat der roheste Patron, der zufällig Vater ist, das alleinige
Recht über das Kind der Mutter. Wie viel Trunkenbolde und Spieler giebt es
nicht, denen das gesetzliche Recht zusteht über die Zukunft des Kindes zu
bestimmen! --

Kommen wir nun wieder auf unser eigentliches Thema zurück!

Für die Frauenfrage interessirte sich der Mann bisher:

1) wenn er heirathen will aus beliebigen Motiven;

2) wenn er sich am Weibe »zu berauschen« beabsichtigt;

3) wenn er es loswerden will.

Bei den Frauen aber gab es nur eine Männerfrage, die da lautet: »wo
bekomme ich einen?«

Diejenigen Frauen, die durch Schiller und Goethe die männlichen Helden
kennen gelernt haben, wissen, daß sie #nur# durch »Dienen« zur
#Herrschaft# gelangen (ja freilich!) und geben sich daraufhin zu allem her.

Die Backfische, die Chamisso's Syrup

  »Seit ich ihn gesehen,
  Glaub' ich blind zu sein« u. s. w.

hinhimmeln, die gehen mit einem suggerierten Idealismus in das Eheglück
hinein. Freilich, klug ist es nicht, daß unsere Mütter ihren Töchtern
all die veralteten Melodien in die Hand geben. Unsere Zeit ist eine andere.
Es leben andere Menschen, es sind andere Verhältnisse. Die Töchter
dürfen nicht mehr »blind sein«, seit sie ihn gesehen.

Nein, #weil# sie ihn gesehen, muß man ihnen die Augen öffnen!

Nach Chamisso ist ein anderer hehrer Geist herabgestiegen. Und seine
gewaltige Stimme sprach:

»Manchen Menschen darfst Du nicht die Hand geben, sondern die Tatze, und
ich will, daß Deine Tatze auch Krallen habe.«

Wäre dem so, der Mann und die Frau, beide wären sie glücklicher. Aber
es giebt so verschiedene Arten von Weibern, die, obzwar sie in der Welt
Bescheid wissen, doch singen:

  »Eines Mannes schönste Tugend
  Ist nicht Keuschheit, noch ists Jugend,
  Ist nicht Schönheit und Verstand,
  Ueberfluß an Geld und Land.

  Auch nicht Stellung ists, noch Titel,
  Nicht der Rock, noch bunter Kittel,
  Dann erst lob' ich mir den Mann,
  Wenn ich ihn noch kriegen kann.«

Aber die edle Frau, die aus kühler Ferne beobachtet, ohne Herz und ohne
Galle sprechen zu lassen, die gleichgültig lächelnd vom hohen Balcon
herabschaut auf das Treiben der Männlein und Weiblein, die singt ein
anderes Lied, das da lautet:

  »Seit Amor sich hat verwundet
  Mit seinem eigenen Pfeil,
  Reist er in olympische Bäder
  Zu suchen dort sein Heil.

  Er hat ein krankes Herze,
  Seit Psyche ihm entfloh,
  Nicht mag er mehr regieren,
  Wird nicht des Lebens froh.

  Nun aber treibt auf Erden
  Viel wüsten Spuk und Graus
  Ein täppischer Geselle,
  Giebt sich als Amor aus.

  Er ist gemeiner Herkunft
  Und widrig von Gestalt,
  Verliebt und ganz vertrunken,
  Mit kahlem Haupt und alt.

  Und fahl sind seine Wangen,
  Und frech der blöde Blick.
  Betäubend ist sein Treiben,
  Doch bringt er Keinem Glück.

  Die Väter täuscht er Alle,
  Sie freut der glatte Wicht,
  Die Mütter aber seufzen:
  »Das ist der Amor nicht!«

  Sie knieen nieder und beten:
  »O Göttin im Himmelsrund,
  Gieb Deinen Sohn uns wieder
  Und mach' ihn wieder gesund.«

Ja, das wäre was, wenn nochmals das alte Reckengeschlecht aufstände,
mit ehrlicher Liebe, mit ehrlicher Leidenschaft, mit der Würde, die
Ehrlichkeit im Handel und Wandel verleiht, durch die allein das Weib #vor#
dem Manne beschützt werden kann. #Von# dem Manne beschützt zu werden, hat
sie längst aufgegeben und auch nicht mehr nöthig: unser Jahrhundert ist
anders geworden, der schlafende Riese hat sich geregt. Aber -- wenn sie
nochmals käme, die goldene Zeit, die Männer erstehen ließe -- so wäre
gelöst, #die Frauenfrage#, in der

  #Männerfrage#.


Druck von G. Reusche, Leipzig.



[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. Darstellung abweichender
Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=, #fett#.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
Ausnahmen,

  Seite 5:
  "ihr" geändert in "ihre"
  (Er giebt vor, ihre Psyche zu belauschen)

  Seite 7:
  "erhobenenen" geändert in "erhobenen"
  (vor ihm kniet das Weib mit erhobenen Händen)

  Seite 7:
  "Witzlätter" geändert in "Witzblätter"
  (unsere Witzblätter mit Studentenstreichen angefüllt)

  Seite 10:
  "in in" geändert in "in"
  (die Milchwagen in die Stadt gefahren)

  Seite 15:
  "," entfernt hinter "vielen"
  (mit seinen vielen Arroganzen so hoch über das Weib)

  Seite 21:
  "Überfluß" geändert in "Ueberfluß"
  (von seinem Ueberfluß für dasselbe geben) ]





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